Pages: [1]   Go Down

Author Topic: [Sympathie für die illegitimen Kinder der Vernunft (Drastik und Kunst)... ]  (Read 2009 times)

0 Members and 1 Guest are viewing this topic.

Textaris(txt*bot)

  • LASER#17 Ambivalenzen
  • Hero Member
  • *
  • Offline Offline
  • Posts: 10932
  • Subfrequenz Board Quotation Robot

Quote
[...] Den Anstoß für die Geschichte wie für die Apologie des Drastischen liefert eine ehrlich neugierige Frage, die der Held und Briefschreiber Daniel zu Schulzeiten von seiner heimlichen großen Liebe Sonja gestellt bekam: 'Warum machst du das? Warum sieht du dir das an, warum hörst du diese gemeine Musik?' Nicht dass nur Sonja diese Fragen stellt, auch andere werden Daniel im Lauf seines Lebens immer wieder fragen, warum er sein Herz an so schmuddelige, unschöne bis ekelhafte Dinge wie Death Metal, Zombiefilme oder Hardcorepornos hängt. Aber Sonja ist die Person, die zählt. Entsprechend einer uralten Tradition der literarischen Liebeswerbung minnt Daniel mit einer mehr oder weniger verkappten Selbstanpreisung um die Gunst der Geliebten: schonungslos und ehrlich will er Zeugnis von sich ablegen, um die Verehrte von seinen Vorzügen zu überzeugen.

Allerdings erfolgt diese Selbstrechtfertigung nicht im Moment des akuten Verliebtseins, erst Jahre später löst sich der Emotionsstau, nach einem Klassentreffen, das ihm bezüglich der eigenen Kontaktunfähigkeit die Augen öffnet.  ... Wenn man den Gehalt dieser Apologie der Drastik unabhängig von der Rahmenhandlung betrachten möchte - Dath ermuntert geradezu ein solches Vorgehen, indem er eigene journalistische Arbeiten zum Thema in den Text integriert, aber von Daniel als die seinen zitieren lässt - fällt als erstes der fragmentarische oder gar skizzenhafte Charakter der Darstellung auf. Dath verstrickt sich ein wenig in seine eigenen Argumente: Drastik sei - in einer Formulierung, die fatal jenem "postmodernen Theoriekäse" ähnelt - der "ästhetische Rest der Aufklärung nach ihrer politischen Niederlage". Oder noch besser: "Drastik ist nachmythologisch, ohne antimythologisch zu sein, ist formalisierte Vernunft als Ästhetik innerhalb einer inhaltlich unvernünftigen Gesellschaft, ist der Positivismus von Schrecken, Geilheit, Macht und Ohnmacht".

Ungeachtet der Zweifel, ob solche Sätze die Geliebte zu rühren geeignet sind: Auch eine sachliche, an Argumenten orientierte Lektüre dürfte einige Verständnisschwierigkeiten mit sich bringen. Dath verbindet hier zwei seiner Lieblingstheorien, die sich aber kaum verbinden lassen. Die eine ist der Ästhetik zuzuordnen, sie betrifft die Formen des Drastischen und ihre Bedeutung, die andere - Daths radikale Kulturkritik - ist politischer oder besser ideologischer Natur.

Sein ästhetisches Argument verteidigt die konkreten Produkte drastischen Schaffens: "Gewalt ist immer überdeterminiert", sagt Dath. Eine mediale Gewalttat verweist auf keine äußere Ursache, keine Vorgeschichte, die notwendig zu dieser Gewalt führt. Eine Zombieattacke im Film bedeutet dementsprechend erst mal nicht mehr als einen blinden Angriff Untoter. Mord und Greueltaten auf dem Bildschirm stehen nur für sich selbst, genauso steht aber auch die Entscheidung des Zuschauers, sich dem auszusetzen, für sich selbst. Dath glaubt nicht an unbewusste oder pathologische Vorbedingungen, die den Genuss drastischer Kulturprodukte zu einer Kompensationshandlung machen würden.

Wer solche Szenen sieht, wird demnach sicher nicht selbst Passanten anfallen, genauso wenig wie jemand, der destruktive und aggressive Musik hört und Filme sieht, sich notwendig ein Schnellfeuergewehr kaufen wird, um Mitschüler und Lehrer niederzuschießen. Der Drastikkonsument sei als ganz normaler, ja durchaus bewusst und vernünftig handelnder Mensch zu betrachten, nicht als armer, kranker Irrer. Er ist kein willenloses Opfer eines niederträchtigen Produkts, er "züchtet" sich "seine Hornhaut", seine Abstumpfung "mit Bedacht". Drastik ist nicht "dionysisch", nicht als rauschhafte Entgleisung zu verstehen, sondern "apollinisch", als Produkt kristallklarer Vernunft, die dahin geht, wo's wehtut und den Schmerz aushält. Man kann den Dingen ins Auge sehen, allen Dingen, und daraus Überlegenheit ziehen. Was uns nicht umbringt, macht uns härter.

Und niemand sollte umgekehrt unverständliche Morde durch den Konsum von drastischen Kulturgütern zu erklären versuchen. Nur weil jemand keine 'normale' Musik hört, so Daths praktische Folgerung, ist die Ursache einer kriminellen Handlung nicht gleich im Konsum dieser Musik zu suchen.

Auch schlecht gemachte Filme oder Musik, die nach fiesem Krach klingt, können sehr bewusst und sehr gekonnt in Szene gesetzt sein. Die Drastiker in Ton und Bild möchte Dath nicht als haltlose Jugendverderber, sondern als hart arbeitende Handwerker verstanden wissen, die mit kühlem Kopf und einem "Präzisionsgebot" gehorchend immer neue, klare, schockierende Formen für Sex, Gewalt und Tod finden. Die Radikalität, mit der diese unweigerlich in jedes Menschenleben jederzeit einbrechen können, fängt kein konventioneller Ausdruck angemessen ein, es müssen ständig neue, schockierende Formen gefunden werden, um das Unverfügbare im Gedächtnis zu behalten.

Und hier - bei der abhärtenden und die permanente Gefährdung jedes menschlichen Lebens ins Bewusstsein rufenden Funktion der drastischen Darstellung - dockt Dath leider seine zweite These an, indem er der Provokation, die dem Drastischen innewohnt, eine aufklärerische Funktion zuschreibt. Im Bewusstsein der eigenen Gefährdung, so muss wohl Daths Theorie zusammengefasst werden, entwickelt das freie Subjekt einen kämpferischen Sinn für die eigenen Bedürfnisse, die es notfalls auch gegen Widerstände durchzusetzen gilt.

... Natürlich würde Dath nie soweit gehen, den realen Krieg zu fordern, auch wenn ein gewisser frohlockender Zug zur Aufstachelung durchaus auffällig ist. Denn letztendlich ist das martialische Gehabe doch wieder nur rein ästhetischer Natur: das Spiel mit Formen und Motiven aus Genreliteratur und -film soll in der Praxis nur wach machen, den Kopf frei halten, die Grenzen des Vorstellbaren strapazieren - und vor allem gefallen. Viele Worte werden hier gemacht, um zu rechtfertigen, dass man an der Simulation von Mord, Totschlag und Greueltaten Spaß haben könne. Und Spaß macht die Lektüre der Dath'schen Romane allemal, vor allem die letzten Veröffentlichungen zeigen die Fortschritte, die dieser Autor bezüglich eines eigenen Tons gemacht hat, während ältere Erzähltexte oft noch hölzern wirken. Sein schwieriges Unterfangen, die avanciertesten Theoriediskurse in die gesprochene Rede jener von ihm als Helden bevorzugten "anintellektualisierten Proleten" zu integrieren, sie zu beiläufig und authentisch gesprochener Sprache zu machen und damit in den Lebensalltag zu integrieren, hat spätestens mit "Für immer in Honig" Früchte getragen.

Eine solche Zusammenfassung der Theorie, egal ob in politischer oder ästhetischer Hinsicht, nun aber als Daths Position zu verstehen, hieße dem mit allen Tricks postmoderner Textmanipulation vertrauten Autor in die Falle zu gehen. Denn sobald theoretisch Position bezogen und vom Konkreten aufs Allgemeine geschlossen wird, spricht nicht Dietmar Dath, sondern eine seiner Figuren in seinen Büchern - und zwar kontextbezogen. Auch wenn dabei Texte Daths im Namen der Figuren zitiert werden, so beschränken sie sich doch auf begrenzte und vor allem kontrollierbare Themenbereiche. Die großangelegte Spekulation bleibt der Literatur vorbehalten - mögliches Scheitern durchaus einkalkuliert.

... Für eine psychologische Lesart ist auch die auffällige strukturelle Ähnlichkeit zwischen Davids Weltbild und seiner Situation als zurückgewiesener Liebender bedeutsam - der emotional orientierungslose, nahezu handlungsunfähige D. ereifert sich für eine Theorie des Konkreten, Direkten, Zweifelsfreien, ein Gegengift für alles Diffuse, ein schmerzhaftes Abschneiden aller Uneindeutigkeiten. Der Zauderer wird zum Apologeten des Kampfes für Deutlichkeit - Blut darf reichlich fließen, aber nur auf dem Bildschirm.

...


Aus: "Von Schlitzern und Spritzern - Der seltsame Kosmos des Dietmar Dath" Ralf Schneider (Archiv, Nr. 12, Dezember 2005)
Quelle: http://literaturkritik.de/id/8841

---

Quote
[...] Dietmar Dath, Die salzweißen Augen - Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783518417072, Gebunden, 216 Seiten


Klappentext: Damals in den "klebrigen siebziger Jahren", wollte Sonja wissen, was David an Heavy Metal, an Zombie- und Pornofilmen und Horrorcomics denn fasziniere. Jetzt, in den Briefen, holt er aus, zitiert Gräßliches und definiert theoretisch. Doch angetrieben wird seine Erklärung von der eigenen Geschichte: einem kaputten Elternhaus, der Sonjafixierung, Drogenerfahrung, einem Zusammenbruch.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.04.2006
Liebesbriefe ohne Liebe habe der Autor zu einem Roman zusammengefügt, schreibt ein ernüchterter Rezensent, wobei die mögliche Perspektive der angeschriebenen Sonja von vornherein ausgespart bleibt. In nahezu "klinischer Manier", so Wolfgang Lange, proklamiere der Briefeschreiber vor der unerreichbaren Geliebten seine Weltanschauung einer Ästhetik der drastischen Lebensäußerungen. In einer Art "Manifest wilden Denkens" fasse der Briefautor die "mentale Grundausstattung" der Pop- und Subkultur zusammen, nach der, so der Rezensent, alles Obszöne und Exzessive zur letzten Möglichkeit nicht nur der Lustgewinnung, sondern auch der Aufklärung erhoben wird. Für den Rezensenten zieht eine solche einseitige "Perspektive des zornigen jungen Mannes" neben der philosophischen auch eine literarische Schwäche mit sich. Zwar werde der dargebotene Theorieverschnitt durchaus "scharfsinnig" und "kenntnisreich" vorgetragen, doch habe das rücksichtslose und "brutale" Denken auch die Sprache infiziert. "Furchtbar deutsch" und kompromisslos, resümiert Rezensent Wolfgang Lange, und wahrscheinlich genau die richtige Lektüre für diejenigen, die auch die Diskurs-Romane eines Thomas Meinecke lieben.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.11.2005
Christoph Bartmann gestattet sich, mit Bewunderung auf den Kollegen Dath zu blicken, dieses "journalistische Aggregat des zeitgenössischen Wissens". Den Wissenschaftshistoriker, Heavy-Metal-Fan, Denker in den Seitenstraßen von Pop- und anderer Kultur und dort, wo andere Unkultur vermuten. Den Autor dicker Romane. Alles gehört zusammen, und wer sich beim Lesen von Daths Artikeln fragen mag, wie der Mann zu seinen Themen kommt, der lese dieses Buch, in dem laut Bartmann das Kunststück gelingt, die "körperlosen Ansichten des Feuilletons in glaubhaftes Figurendenken und -reden zu verwandeln". In "Lebensäußerung". Der Protagonist, rechtfertigt in seinen Briefen an eine stumm bleibende Angebetete aus der Schulzeit seine Liebe zur "Drastik" - Horror, Porno, Krach, Hauptsache Hardcore - als "Sympathie für die illegitimen Kinder der Vernunft". Bartmann ist überzeugt, und er ist sogar berührt. Sein Fazit: "Glücklicher hat der Übersprung vom Journalismus zur Literatur in letzter Zeit selten funktioniert."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.10.2005
Zum Staunen bringt dieser essayistisch angelegte Roman den Rezensenten Andreas Merkel in jedem Fall - auch wenn er nach der Lektüre ebenso beeindruckt wie befremdet über den Autor konstatiert: "Dietmar Dath hat und ist als Autor ein Problem." Recht vollmundig schiebt er allerdings gleich zur Relativierung hinterher: "Aber es könnte das beste Problem sein, mit dem sich in diesem Bücherherbst auseinander zu setzen lohnt" - auch wenn es die eine oder andere "steile These" zu verdauen gilt. David, der Protagonist und Verfasser dieser insgesamt 14 Briefe über drastisch anmutende kulturelle Ausdrucksformen - von Splatterfilmen und Pornos und Death Metal - ist in den Augen Merkels eine Art Alter Ego des Verfassers. Dementsprechend mühsam ist es, sich in seine Sicht der Dinge einzuarbeiten. Worin seine Denkspur führt, wird laut Rezensent erst allmählich deutlich, auf "quälende, zunehmend aber auch spannende Weise" Gleichzeitig wird die Kluft zwischen den "hochästhetischen Reflexionen" des Erzählers und der "seltsam stuckrad-barresken Liebesgeschichte" immer größer. Hoch anzurechnen ist Dath nach Meinung des Rezensenten aber, dass er seinen Protagonisten sehenden Auges ins Unglück rennen lässt anstatt die sich auftuenden Abgründe zuzukleistern.

 Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005
Nadja Geer empfiehlt Dietmar Daths "zunächst etwas vatihaft abgeschmackt" wirkenden Briefroman all jenen als "prächtiges Kanonenfutter", die sich mitten hinein stürzen wollen in die Kämpfe um Moderne und Poststrukturalismus, politische Korrektheit und Neoliberalismus und noch einiges andere, die innerhalb der Linken in Deutschland gerade wieder ausgetragen werden. Natürlich enthielten die vierzehn Abhandlungen über "Drastik und Deutlichkeit", die Dath einen Heavy-Metal-hörenden jugendlichen Intellektuellen an ein "braves" Mädchen schreiben lässt, auch wieder viel "Anekdotisches und Sektiererisches" vornehmlich zum Popbetrieb, aber der Autor lasse sich nicht ablenken von seinem eigentlichen Ziel, den Konflikt zwischen Geist und Gefühl im Allgemeinen und das Verhältnis seines "zuweilen manischen" Protagonisten zu seinen Mitmenschen im Besonderen zu klären. Als Bonbon bekommt der Leser nebenbei mehr über den Forschungsstand zur populären Kultur mit als aus einer "Cultural Studies-Anthologie", versichert Geer. "Manchmal sogar mehr als einem lieb ist."


Aus: "Die salzweißen Augen" (2005)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/dietmar-dath/die-salzweissen-augen.html

--

Quote
[...] Von Robert Zimmerman am 27. Dezember 2011
Format: Gebundene Ausgabe
Dietmar Dath ist ein Workaholic. ... "Die salzweißen Augen" sind meines Erachtens sein bestes Buch. Unterhaltsam schlägt Dath Brücken zwischen Deathmetal und Adorno, zwischen "American Psycho" und philosophischem Diskurs. Gleichzeitig arbeitet er sich akribisch an den Begriffen "Drastik" und "Deutlichkeit" und an der seiner ersten großen, doch unerfüllten Liebe ab - der er mit diesem Buch ein Denkmal setzt. Freilich lässt er seine breite Bildung immer wieder durchschimmern, böse gesagt: er gibt ein wenig ein. Doch wenn es jemand darf, dann Dietmar Dath. Wenn doch nur alle Theoretiker mit einem so luftigen Stil glänzen würden. ....

-

Von buechermaxe am 29. Oktober 2006
Format: Gebundene Ausgabe
Drastik und Deutlichkeit. Egal ob in Film, Kunst oder Berichterstattung. Gleichgültig, ob in Sex, Sport oder Weltnachricht. Das kriegerische Vokabular, der monströse Vulgarismus in Form von Schlacht, Sieg und Niederlage regiert unsere Sprache, unsere Emotionen und unser Denken. Daths Buch aber öffnet im Blick auf die 70er Jahre, seine eigene Jugend und Jugendliebe im Puppenhaus Bundesrepublik in einer opulent-drastischen Sprache und Sichtweise das sprachliche Exerzierfeld, in der anhand verschiedenster filmischer Phänomene „die kulturindustrielle Form, die das Selbstwunsch- und –angstbild von modernen Menschen annimmt, wenn die sozialen Versprechen der Moderne nicht eingelöst werden“ benennt. Dath sucht in seiner Drastik und Deutlichkeit jene Sonja, in Briefen, die seine eigene Jugend war und findet dadurch Zugang zu zeitkulturellen medialen Phänomenen, gesellschaftlich-zivilisatorischen Sichtweisen, Abwärtstrends, Anspruchsverflachungen …

-

Von Graf Pocciam 13. Januar 2006
Format: Gebundene Ausgabe
Um es vorweg zu sagen: Ich habe das Buch nur bis zur Hälfte gelesen. Dieser fiktive Briefschreiber, der in 14 Briefen an eine gewisse Sonja sehr gestelzt über Drastik doziert, ist allenfalls psychologisch interessant. Welches Motiv könnte jemand haben, eine Frau mit einem solchen Vortrag über die Unterhaltungs- und Subkultur der letzten 30 Jahre zu bombardieren?
Und was könnte Sonja neues aus den Briefen erfahren? Z. B., dass das verworrene Drehbuch zu Matrix mit seinen willkürlichen mythologischen Bezügen noch nicht mal den Ansprüchen der „Cyberpunks“ genügen kann. Nun, sollte sich Sonja je diesen Film angesehen haben – nicht der visuellen Effekte wegen, sondern um etwas über das Leben zu erfahren –, dann wäre auch sie ... allenfalls psychologisch interessant.
Dietmar Dath stopft den Darm seines Drastikessays mit soziologischen Begriffen so voll, dass sich eine prall gefüllte Bildungswurst ergibt – wenn auch die Deutlichkeit dabei auf der Strecke bleibt. Wem die Augen bei solchen Sätzen wie den unten zitierten nicht salzweiß werden, mag das überteuerte Büchlein immerhin lesen.
„Drastik, wie ich sie verstehe (...) ist nicht chthonisch, kommt nicht aus der „Bluturenge“ (Marx) irgendeiner vorsintflutlichen Unzivilisiertheit hervorgeschossen, steht nicht unter Wahndampf. Ihre Indienstnahme für gegenmoderne, anti-aufklärerische, irrationale Propaganda, vom rechten Flügel der surrealistischen Bewegung bis zum Poststrukturalismus und dem Rechtsaußen-Fraktionen der popkulturellen Gothic-, Black-Metal und Dark-Wave-Strömungen, ist genau das: eine Instrumentalisierung, die über Interessen und Absichten läuft, also nicht dem „Wesen der Sache“ entspricht, dem sie vielmehr sowenig gerecht wird wie die ideologische „Verwissenschaftlichung“ des altabendländisch-christlichen Judenhasses zum modernen „Rassenantisemitismus“ irgendeinem „Wesen der Wissenschaft.“

-

VonKlaus Grunenberg VINE-PRODUKTTESTERam 26. August 2005
Format: Gebundene Ausgabe
... Denn alles, aber auch alles scheint machbar und vermarktbar zu sein, also auch die Drastik in Politik, in Kunst und in Makabrem.
Im Moment unserer Geschichte scheint es aber so zu sein, daß der Einzelne nicht sehr Einfluß nehmen kann auf notwendige Veränderungen (trotz Demokratie), somit fährt er schnelle Autos, fliegt in Urlaub oder schreibt sich seinen Frust von der Seele.
So wohl auch hier und das ist gut so.
Männer, die ihre Pubertät anscheinend sehr lange mit sich herumtragen, sind wohl garnicht so selten. Sie beginnen dann oftmals, sich mit wissenschaftlichen Dingen zu befassen, das Ding also, das sie umtreibt zu untersuchen und zu veröffentlichen.
Nocheinmal: das ist gut so. Und somit können wir alle teilnehmen an den Gefühlen, den Umtriebigkeiten aber auch den Eingriffen von oben, dieses alles selbst einwenig zu steuern.
Die neuerdings wieder leicht emporkommende Religiosität und der Versuch, auch z.B. Eucharistie im katholischen Sinn neu zu beleben mit all den bekannten Einzelheiten überkommener und nicht zu verstehender dogmatischer Energie, das ist auch - oder besser gesagt - birgt Drastik in sich und nicht zu wenig. Dies als kleine Abschweifung, aber nicht unbedingt uninteressanter.
Wir alle, mehr oder weniger, sind doch interessiert, warum und vor allem wie es funktioniert mit der Liebe und den Säften und mit der Energie in uns und zwischen uns Menschen. Dabei ist die Natur unser Anschauungsideal, doch nicht nur, denn die Phnatasie spielt uns so manchen Streich. Daß wir dabei beim Rückschauen auch schon mal zur Salzsäule erstarren können, wer ahnte das nicht.
Also, sind wir einwenig zufrieden mit dem, was uns Dietmar Dath bietet und wünschen wir uns eine reichhaltige Diskussion darüber, wobei man aber Naturwissenschaftler und vor allem Ärzte mit einbeziehen müßte. Also, die Aufklärung birgt ja doch wohl noch etwas an köstlicher Energie, wenn man so will und dies hier ist ein bestes Beispiel dafür. Natürlich könnte man sich auch zurücklehnen, durch die Weinberge streifen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen, besser aber nicht.


Quelle: https://www.amazon.de/product-reviews/351841707X/ref=cm_cr_dp_see_all_btm?
« Last Edit: November 23, 2017, 04:52:05 PM by Textaris(txt*bot) »
Logged

Textaris(txt*bot)

  • LASER#17 Ambivalenzen
  • Hero Member
  • *
  • Offline Offline
  • Posts: 10932
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Sympathie für die illegitimen Kinder der Vernunft (Drastik und Kunst)... ]
« Reply #1 on: November 23, 2017, 04:20:16 PM »

Quote
[...] Natürlich erzählt Die salzweißen Augen auch ganz einfach eine in ihrer Peinlichkeit drastische Jugend und Deine Geschichte mit Sonja. Doch weil die Passagen zu Musik, Ästhetik, Form, Politik und - natürlich! - Drastik stärker in Erinnerung bleiben, würde ich behaupten, dass es eigentlich mehr um diese Überlegungen als um Sonja geht.

Du schreibst, es gehe Dir um Drastik; um "unpopuläre Massenkultur", jene "absichtlich besonders schlecht ausgeleuchteten, peinlichen und fiesen Winkel ..., wo schlechter Geschmack, schäbige Produktionsbedingungen, extreme Oberflächlichkeit ... Drogenmissbrauch, Prostitution und Psychopathologie einander die Hände zu einem Reigen reichen". Eine Verteidigungsschrift für Heavy-Metal-Bands und Pornos willst du nicht verfasst haben, aber irgendwie durchzieht eine derartige Argumentation Dein Buch dann doch. Immer wieder berichtest Du, wie Du Dich erst in der Schule, dann in der Musikzeitschrift Spex, der Du zeitweise als Chefredakteur vorstandest, und heute schließlich als Wissenschaftsredakteur der FAZ für Deinen Geschmack rechtfertigen musstest. Man hat das, bemerkst Du an einer Stelle durchaus beleidigt, nie ernst genommen. Bis dahin kann ich folgen: Es ist nicht blöder, Iron Maiden zu hören als neue elektronische Musik, über Splatter kann man so intelligent oder dumm sprechen wie über Godard.

Von da jedoch schlägst Du eine weite Brücke. Du sprichst zunächst von einer Analogie zwischen Drastik und Aufklärung. In Horror- und Pornofilmen sehe man, dass Dinge Folgen haben - nach einem Unfall steckt eine Glasscheibe im Auge, Sex führt zu Samenerguss. Insofern sei Drastik, so Deine Argumentation, eine Ästhetik der Vernunft: kausale Verknüpfungen würden gezeigt: "Dass Drastik auf diesem verqueren Weg an das Versprechen der Aufklärung erinnert, man könne den Dingen ins Augen sehen, wie sie sind, ist ihre erhebende Seite und die Quelle des ästhetischen Genusses ihrer besseren Produkte". Auch dieser These kann ich folgen. Doch dann begibst Du Dich auf einen wahren Parforceritt. Du behauptest, dass es vor allem die Antimodernen seien, die die Drastik - aus ziemlich dummen Gründen - ablehnten. Mit diesem Vorwurf scheint ein breiter Kreis gemeint zu sein: von alten Spex-Kollegen und FAZ-Vorgesetzten bis hin zu Adorno/Horkheimer, Michel Foucault, Deleuze/ Guattari und Judith Butler. Du bezeichnest sie als antiaufklärerische Antiintellektuelle.

Dagegen mimst Du den Streiter für die Moderne. Du behauptest, dass jeder, der "hinter die große Industrie zurück möchte, grausam und dumm" sei, weil erst die Massenproduktion ein Wohlsein der Menschen ermögliche. Du wirfst den Kritikern des Staatlichkeitsapologeten Thomas Hobbes Esoterik vor, lässt über Foucault und Deleuze den Satz fallen, sie seien obskurantistisch, und klagst schließlich - schon wieder etwas beleidigt -, ein Verteidiger der Aufklärung mache sich heute "entschieden unbeliebt".

Natürlich sollte der Begriff der Entwicklung gegen romantische Sentimentalitäten verteidigt werden - ganz in dem Sinne, dass links ein Synonym für prozessual und rechts für Fixierung ist, wie der neue Documenta-Kurator Roger Buergel unlängst in einem Interview (Felix Guattari zitierend) gesagt hat. Aber wie Du von da auf den Gedanken kommst, Foucault und andere seien reaktionär, wenn sie die Repressivität von Aufklärung und Liberalismus entschlüsseln, ist mir wirklich schleierhaft.

In den Passagen, in denen Du Dich darauf beziehst, steckt so viel Verve, ja fast schon Verachtung, dass ich mich frage, ob hier nicht ein eigenartiger Kurzschluss stattgefunden hat. Für mich liest sich die Verteidigungsschrift von Moderne und Aufklärung wie ein Rückfall in jene unsägliche Zeit, als Linke auf esoterischste Weise an den objektiven historischen Ablauf der Dinge glaubten: erst Feudalismus, dann bürgerliche Gesellschaft, industrieller Sprung und schließlich geordneter Einmarsch in die sozialistische Weltgesellschaft. Viel Vergnügen!

Wenn Du schreibst, Du wärst nicht gern Frau in Afghanistan und lebtest nicht gern im Mittelalter, affirmierst Du mit dieser allgemein durchgesetzten, aber trotzdem blödsinnigen Gleichsetzung den ganzen geschichtsdeterministischen europäischen Herrschaftsmüll: Hier ist die Mitte, der Rand muss modernisiert werden. Als wäre Afghanistan in 40 Jahren international geführten Kriegs nicht überaus erfolgreich modernisiert worden. Als wäre Frauenunterdrückung das Mittelalter und nicht - ebenso wie MTV und Internet-Cafés - das entfaltete 21. Jahrhundert.

Die Taliban sind eben nicht nur, wie Du behauptest, Ausdruck gescheiterter Aufklärung, sondern auch Produkt ganz real materialisierter Vernunft. Ohne Informations-, Geheimdienst-, Verkehrs- oder Waffentechnologien, die es ohne Aufklärung nicht geben könnte, sähe es in der Welt und in Afghanistan anders aus - ob besser oder schlechter, weiß ich nicht zu sagen. Genau das macht die Widersprüchlichkeit des Zivilisatorischen ja aus. Industrie bringt nicht nur preiswerte Jeans für uns hervor, sondern auch Sklavenarbeit in Peking und Djakarta. Und noch allgemeiner: Weder Wissenschaft noch Technik können neutral sein, ständig werden Herrschaftsverhältnisse in sie neu eingeschrieben. Das Fließband etwa wurde nicht erfunden, weil es effizienter ist, sondern um die Handlungsabläufe der Arbeiter besser kontrollieren und unterwerfen zu können. Die Suche nach der Vernunft hatte nie nur die Emanzipation aus der Unmündigkeit zum Ziel, sondern produzierte in konkreten Verhältnissen auch immer Herrschaft mit. Genau der Irrsinn dieses inneren Risses ist es, der die Kritik von Aufklärung und Vernunft, ob nun vorsichtig wie bei Adorno oder radikaler wie bei Foucault und Deleuze, so lesenswert macht.

Wahrscheinlich kennst Du diese Argumente besser als ich. Man kann ihnen, je nach Folie, die man heranzieht - freischwebende Berliner Nischenexistenz oder das Leben in der Favela von São Paulo - sicherlich unterschiedliche Bedeutung beimessen. In Zeiten jedoch, in denen viele junge Linke in Deutschland vom globalen Süden (von Urlaubsdörfern einmal abgesehen) nichts mehr wissen wollen, die zivilisatorische Wirkung von US-Kriegen preisen und keine Ahnung davon haben, dass es jenseits esoterischer Ökobewegung auch eine linke Determinismus- und Technikkritik gab, finde ich es ärgerlich, wenn etwas in so überflüssiger Weise vereinfacht und zurecht gelegt wird.

Abgesehen davon, lieber Dietmar Dath: große Schreibe, gutes Buch!

Dietmar Dath: Die salzweißen Augen. Vierzehn Briefe zur Drastik und Deutlichkeit. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, 224 S.


Textarchiv feuilleton (literatur, theorie, kritik), Raul Zelik: "Lieber Dietmar Dath - Briefrezension eines Briefromans"
(Freitag 23.12.2005), Brief an den Autor (23.12.2005)
Quelle: https://www.raulzelik.net/kritik-literatur-alltag-theorie/106-lieber-dietmar-dath-briefrezension
Quelle #2: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/lieber-dietmar-dath
Logged

Textaris(txt*bot)

  • LASER#17 Ambivalenzen
  • Hero Member
  • *
  • Offline Offline
  • Posts: 10932
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Sympathie für die illegitimen Kinder der Vernunft (Drastik und Kunst)... ]
« Reply #2 on: November 23, 2017, 04:29:55 PM »

Quote
[...] In Die salzweißen Augen beschränkt sich Dath [...] auf den Konflikt zwischen Hirn und Herz. Zwar baut David, sein fiktiver Verfasser von 14 Briefen über "Drastik und Deutlichkeit", auch hier wieder viel Anekdotisches und Sektiererisches ein, schimpft über die Engstirnigkeit im Popbetrieb und lamentiert über das Unverständnis, das ihm aufgrund seiner Vorliebe für kulturindustrielle Drastik entgegenschlägt, verliert dabei aber nie sein Ziel aus den Augen: der eigenen Wahrheit näher zu kommen.  ... Sichtbar wird die Einsamkeit eines himmelstürmenden Geistes, die Tragik eines Heavy-Metal-Fans, der sich mit Goethes Faust identifiziert. ...  Science-Fiction, Heavy Metal, Amokläufer, Pornografie – das sind die drastischen Objekte der analytischen Begierde des Briefschreibers. Dessen "Sachkompetenz in drastischen Ästhetica" wird von den Journalistenkollegen geschätzt, und in der Tat ist es unübertrefflich, wie antikonventionell sich David dem kulturellen Trash annähert. Dass er jedoch Sonja mit seinen massenkulturellen Vorlieben intellektuell belästigt, seinen "analytischen Apparat zum Drastikverständnis" vor ihr "auspackt", zeigt, wie nahe echte Leidenschaft und Übergriffe nebeneinander liegen. ...



Aus: "Erzählungen: Großer Geist und Drang: Dietmar Daths unerwiderte Liebe zur Massenkultur" Nadja Geer (13. Oktober 2005)
Quelle: http://www.zeit.de/2005/42/L-Darth

Logged

Textaris(txt*bot)

  • LASER#17 Ambivalenzen
  • Hero Member
  • *
  • Offline Offline
  • Posts: 10932
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Sympathie für die illegitimen Kinder der Vernunft (Drastik und Kunst)... ]
« Reply #3 on: November 23, 2017, 04:56:57 PM »

Quote
[...]  Den Schlüssel zu den Filmen, Bands und Büchern seines Lebens findet er in der 'Drastik’, jener Überdeutlichkeit, die im genauen, oft zeitlich gedehnten Blick auf Unangenehmes eine ganz eigene Intensität erzeugt, wie sie der Postmoderne eigentlich abhanden gekommen war – zu sehr hat das Uneigentliche, das Ironische, die Gefühlswelt relativiert. Erst in der Drastik finden wir auf die Erde und zum Körper zurück. D. – offenbar nicht / und gerade doch mit dem Autor D. identisch – findet diese Drastik in den surrealen Splatterfilmen von Lucio Fulci (ÜBER DEM JENSEITS), in den fast kindlich grausamen Gonzo-Pornos von Rocco Siffredi, dem satanistischen Metal von Cradle of Filth und den Romanen von Bret Easton Ellis. Es geht ihm nicht um die gepflegte Gewalt des Mainstreams, wie sie Quentin Tarantino und Stephen King etabliert haben – ihre ironischen Gesten und narrativen Ausflüchte gleichen eher einer Entschuldigung. Dath geht es um das vermeintlich 'Selbstzweckhafte’, das sich der rationalen Zuschreibung entzieht, das den destruktiven Akt selbst feiert: Drastik als selbstverweisende Transgression. Dabei steckt sein Buch voller Verweise und amüsanter Entdeckungen. So bietet er den grandiosesten Verriss, den die überschätzte MATRIX-Trilogie je erleben musste. Und einige großartige Argumente gegen die Zensur.

"Was ist Drastik? Der ästhetische Rest der Aufklärung nach ihrer politischen Niederlage." Am Ende jedoch steht jener letzte Hort des selbstverweisenden Authentischen: die Liebe, unzeitgemäß und gar nicht postmodern 'warm’.


Aus: "Die salzweißen Augen: Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit" Marcus Stiglegger (20??)
Quelle: http://www.ikonenmagazin.de/rezension/Dath.htm

Logged
Pages: [1]   Go Up