Author Topic: [Die Kunstwelt als eitle und selbstgenügsame Blase ... ]  (Read 1805 times)

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[Die Kunstwelt als eitle und selbstgenügsame Blase ... ]
« on: Oktober 19, 2017, 11:53:39 vorm. »
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[...] Als Kurator und Spezialist für moderne Kunst ist Christian (Claes Bang) theoretisch bestens beschlagen. Es fällt ihm nicht schwer, seinem Publikum das Konzept von «The Square» zu vermitteln: Es handelt sich um ein weiss eingegrenztes Quadrat von vier auf vier Meter auf einem beliebigen öffentlichen Platz.


Aus: "70. Filmfestival Cannes «The Square»: Weisses Quadrat mit goldenen Aussichten" Michael Sennhauser  (21. Mai 2017)
Quelle: https://www.srf.ch/kultur/film-serien/filmfestival-cannes/the-square-weisses-quadrat-mit-goldenen-aussichten

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[...] Ruben Östlunds in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneter Film handelt von einem schwedischen Museumskurator, der mit unerwarteten Prüfungen konfrontiert wird. Eine beißende, einfühlsame Satire, die wie die Rhapsodie einer Gesellschaft mit chronisch schlechtem Gewissen wirkt

Die Kunstwelt als eitle, selbstgenügsame Blase ist eine dankbare Zielscheibe für den Spott eines Satirikers. Östlund nimmt sie mit mal rabiatem, mal diskretem Eifer ins Visier.

Die moderne Kunst, die Christian einem Publikum vermitteln sollte, betrachtet er zunächst offen und neutral. Den Widerspruch zwischen hohem Entschlüsselungsbedarf und leichter Durchschaubarkeit macht er nicht auf. Ein Kunstwerk ist für ihn nicht per se sinnfrei oder bezeichnend. Vielmehr kann darüber klug oder dumm geredet werden.

Die materielle Konkretion der Werke führt Östlund noch auf eine andere Spur, die Kluft zwischen Theorie und physischer Realität. Christian, der das behagliche Leben eines Kulturfunktionärs führt, wird durch den Diebstahl zeitweilig in eine andere Welt geschleudert. Die Machtposition, die er im Kulturbetrieb bekleidet, gibt ihm keine moralische Handhabe für diese Situation. Hier zeigt sich Östlund als listiger, einfallsreicher Drehbuchautor. Er häuft die Zumutungen und Anfechtungen im Leben seiner Hauptfigur. Sein Film ist komponiert wie eine Rhapsodie, in der lauter Themen anklingen, die vorerst keinen Zusammenhang finden, dann aber Entsprechungen offenbaren.

In Christian stellt er den Repräsentanten einer aufgeklärten Gesellschaft auf den Prüfstand, deren Toleranz bleiern und deren Höflichkeit lähmend sein können. »Schwedenscheiß« nennt sein Assistent unverblümt diese Spielart politischer Korrektheit, deren Kehrseite die Uneigentlichkeit ist. Der bizarre Kuratorenjargon macht es Christian unmöglich zu benennen, was er will und wer er ist. Nicht nur im Beruf spielt er eine Rolle, die eingeübt werden will.

Im Kern handelt »The Square« vom Terror eines modernen Lebensstils, in dem Spontaneität erst zutage treten kann, wenn etliche Schichten ritualisierter Umgangsformen abgetragen sind. Östlunds Kratzen an der Firnis der Zivilisation kulminiert in einer Performance, die schwer zu ertragen ist und doch ausgehalten werden muss. Darin nimmt er die moderne Kunst übrigens ernst. Für den Kuratoren hält er noch eine weitere Katharsis parat, die ihm die sachte Chance eröffnet, für sich als Mensch einzustehen.


Aus: "Kritik zu The Square" Gerhard Midding (22.09.2017)
Quelle: https://www.epd-film.de/filmkritiken/square

« Last Edit: Oktober 19, 2017, 12:24:09 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Die Kunstwelt als eitle und selbstgenügsame Blase ... ]
« Reply #1 on: Oktober 19, 2017, 12:19:24 nachm. »
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[...] Ein adretter Mann aus Schwedens bürgerlicher Mitte düst in einem Moralparcours herum – und Ruben Östlund hätte ganz gern eins auf die Fresse.

Zu den unzähligen Fragen über den aktuellen Entwicklungszustand der (westlichen) Gesellschaft, die Ruben Östlunds The Square eher auf- als anreißt, gesellt sich die nach dem Status und dem Wert der Kunst von heute – nach dem State of the Art schlechthin.

Wo verlaufen die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst; wo, wie und mit welchen Konsequenzen finden zwischen den Sphären Transfers statt? Wird eine stinknormale Handtasche, so die Frage, mit der dieser Film beginnt, schon dadurch Kunst, dass man sie in einem Ausstellungsraum platziert? Welche Halbwertszeiten haben Kunstwerke? Welche Gesetze werden in ihnen formuliert, exekutiert, gebrochen, reformuliert, abgeschafft? Klar, große, heikle, irgendwie auch langweilige Fragen. Aber es hilft nichts – man muss sich wohl an ihnen totbeißen, will man wenigstens ansatzweise zum Selbstverhältnis dieses äußerst schwierigen, unerträglich arroganten und obergescheiten, zuweilen dann aber doch auch sehr starken Films durchstoßen.

Christian (Claes Bang) ist Chefkurator in einem Stockholmer Kunstmuseum, er trägt eine rote Brille, einen nach beiden Seiten fallenden Schal, gut sitzende Hemden. Er ist schreckhaft, verkopft, selbstverliebt und egoistisch. An die Kunst glaubt er dann, wenn sie ihn selbst nicht betrifft. Bevor er Reden schwingt, übt er vor dem Spiegel, spontan zu sein. Wenn er besoffen ist, wird er vor demselben Spiegel zum autoerotisch angeturnten Supermacho. Christian vor dem Spiegel – das sind die Szenen, die Östlund am meisten genießt; es sind die Szenen, in denen er seine Karten ganz offen auf den Tisch legt. Den Spiegel vorhalten – das ist es, was er will, was er sich anmaßt, wofür er das Kino in die Pflicht nimmt. Östlund ist ein selbstgekröntes Großmaul, ein Erziehertyp. Um selbst hinter dem Spiegel, als den er die Leinwand denkt, hervorzukommen, dafür ist er sich zu schade. Aus der Distanz ist es leicht, Grenzen zu sprengen. Sich selbst schmutzig zu machen, kommt nicht in Frage.

Christian ist keine Figur, sondern ein Typus, ein Modell. An ihm soll etwas exemplifiziert werden, an seinen Reaktionsweisen, an den Peinlichkeiten, an der Scham, an den Neurosen, an der Auf- und Angegeiltheit. Aber was? Nun, das ist unser Brei. Östlund baut die Versuchsanordnung, die Kaninchen können dann die anderen sein. Er will uns glauben machen, hier ginge es um Moral, um das, was sie in ihrer tiefsten Schicht bestimmt und zugleich ins Schleudern bringt; er will große entlarvende Manöver starten, er will uns verunsichern, er will Selbstekel provozieren. Ja, er will, dass wir uns im Müll suhlen – genau das macht Christian gegen Ende des Films, bevor ihm von seinem Regisseur wieder ein bisschen Rehabilitierung vergönnt wird. Fresst die Scheiße, die ihr produziert!

Das ausgestellte Problem des Films: Christian werden auf dem Museumsplatz Handy und Portemonnaie geklaut. Über GPS trackt er das Gebäude, in dem die Diebe wohnen – ein Plattenbau am Stadtrand, den man nur durch eine sehr lange Tunnelfahrt erreicht. Um das Entwendete wiederzubekommen, wirft er in jeden Briefkasten ein Drohschreiben mit der Aufforderung, die Sachen zurückzugeben. Das klappt auch. Dumm nur, dass durch die Aktion auch Unschuldige terrorisiert wurden. Gleichzeitig startet eine Werbefirma eine ultradiskriminierende Kampagne für die neue Ausstellung zum Thema Moral. Christian kriegt mit voller Breitseite an gleich zwei Fronten auf die Fresse. Das schicke, kunstbourgeoise Leben wird rissig, das weiße Hemd eingesaut. The Square ist kein Film, der direkte Adressierungen vornimmt.

Er hat nichts von einer Was-würdest-du-tun?-Rhetorik, auf die es andere moralische Versuchsanordnungen anlegen würden. Dieser Film ist völlig in sich selbst verschlossen; er will Spiegel sein, nicht zum Gespräch einladen. Die Art und Weise, wie bei ihm die Moral auf dem Spiel steht, hat einen Nimm-und-Friss-Charakter, genau jenen Charakter, über den er sich lustig macht (beziehungsweise – das scheint eher der Gestus – jederzeit lustig machen könnte), wenn er die amorphen Artefakte in den Ausstellungsräumen des X-Royal Museums abfilmt. In The Square ist die Moral eine leere Erfahrung, eine bloße Oberfläche, ein Exponat.

Was richtig ist und was falsch, ist Östlund völlig Wurst; handlungsbezogene Fragen zu Ethik und Gesellschaft werden in The Square nur zum Schein gestellt.
Wer denkt, in diesem Film ginge es um die große Frage nach der Verantwortung zwischen den Menschen, sitzt einem Täuschungsmanöver auf. Wenn es überhaupt um Verantwortung geht, dann um die Verantwortungslosigkeit der Kunst und um die Verantwortungslosigkeit gegenüber der Kunst. Zwischen Kunst und Mensch sind alle Verbindungen gekappt – genau das diagnostiziert Östlund, und er tut das deshalb, weil er sich das wünscht. Einmal – und es ist, zugegeben, eine tolle Szene – gibt ein Künstler eine Performance bei einem Galadinner: Wie ein Gorilla springt er durch den Saal, betatscht das Publikum, legt ihnen Servietten auf den Kopf. Dann brüllt und stampft er, er wird aggressiv, wird handgreiflich, reißt eine junge Frau vom Stuhl, zerrt sie über den Boden. Das geht zu weit: Der Gorilla wird verdroschen. Das ist es, was Östlund will. Auf seine Zuschauer gibt er einen feuchten Dreck. Er will uns – denn das ist die Kunst in seiner Fantasie – an den Haaren über den Boden schleifen, er will nicht mit uns reden, er will uns provozieren. Und der allerfeuchteste seiner Träume – und den will ich ihm nicht erfüllen – ist, dass wir nach vorne rennen und ihn verdreschen, dass wir die Leinwand bekämpfen und geschlossen auf sie einprügeln. Hach, das wäre doch mal Kunst.




Aus: "The Square" Filmkritik von Lukas Stern (20.05.2017)
Quelle: http://www.critic.de/film/the-square-11015/

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[Die Kunstwelt als eitle und selbstgenügsame Blase ... ]
« Reply #2 on: Oktober 25, 2017, 04:02:43 nachm. »
Quote
[...] Die fiktiven Kunstwerke, die das Royal-X-Museum ausstellt, sind haarscharf echten künstlerischen Positionen nachempfunden, die teilweise kombiniert werden.

So wirkt dieses hypermoderne Haus, das sich hinter der Fassade eines königlichen Schlosses verbirgt, nicht wie die Karikatur eines Museums, sondern wie ein Museum für zeitgenössische Kunst, das so in jeder beliebigen westlichen Metropole stehen könnte. In Östlunds Satire wird nicht die Gegenwartskunst persifliert, vielmehr kommentiert diese Gegenwartskunst (im Film verkörpert durch Neonschriftzüge, Staubhaufen, Stühle, einen männlichen Performer und das titelgebende Quadrat) die Erzählung eines heißlaufenden Betriebs, seines Posterboys und der diversen Hofschranzen.

... Eine der stärksten Szenen ist das Festbankett mit den Sponsoren im Museum, als Amuse-Gueule mimt ein Performancekünstler ein Urwaldtier, die Situation eskaliert. Wie eine Frau dann zunächst ironisch und schließlich ernsthaft um Hilfe fleht, verweist bildstark auf die Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit der Konflikte des Films.

... The Square ist aber ansonsten ein sehr schwedischer Film: Egal wie dreckig es kommt, an der Oberfläche bleibt alles jättesnyggt. Selbst als Christian bei strömendem Regen bis zu den Oberschenkeln im Hausmüll seiner Nachbarn steht, sieht das immer noch schick aus. Auch die Ärmsten kämpfen mit Wohlstandsproblemen: Playstationverbot, Zwiebeln auf dem Hühnchensandwich. Groß ist die Szene, in der Christian sich in einem Facetime-Video binnen 30 Sekunden aus dem Modus des zerknirschten Büßers zum Streiter für die sozial Benachteiligten aufschwingt.

Schwer vorstellbar, dass er nicht weiter Karriere macht. Bei Chris Dercon und Adam Szymczyk dürfte das ähnlich sein.


Aus: "Quadratur der Krise" Christine Käppeler (Ausgabe 42/2017)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/christine-kaeppeler/quadratur-der-krise


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« Reply #3 on: Oktober 25, 2017, 04:46:00 nachm. »
Quote
[...] Es verwundert deshalb nicht, dass der Name Ropac derzeit häufig auftaucht, wenn über die Auswirkungen des britischen Austritts aus der EU auf den Kunstmarkt gesprochen wird. Der Entscheid für eine Galerie in Mayfair, wo sich Kunsthändler, Auktionshäuser und Kunstinstitutionen häufen, war bereits lange vor dem EU-Referendum gefallen - weiterhin ohne Bedauern. «Der Standort London wird durch den Brexit nicht geschädigt, weil die Kunstwelt per se diese geopolitischen Grenzen schon hinter sich gelassen hat», sagt Ropac in den Büroräumen seiner Galerie.

...


Aus: "Der Londoner Kunstmarkt stemmt sich gegen den Brexit-Katzenjammer" Gerald Hosp, London (24.10.2017)
Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/kopie-von-der-londoner-kunstmarkt-stemmt-sich-gegen-den-brexit-katzenjammer-ld.1323649

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« Reply #4 on: April 23, 2020, 12:52:05 nachm. »
Quote
[...] Isabelle Graws neues Buch „In einer anderen Welt. Notizen aus den Jahren 2014–2017“ erscheint im Mai

... Die Tischordnungen bei den Dinnern nach Galerieeröffnungen sind auf besondere Weise hierarchisch motiviert und organisiert. Mit schöner Regelmäßigkeit wird hier ein Katzentisch für die Galeriemitarbeiter*innen eingerichtet, an den auch die als unbedeutender geltenden Ku­ra­to­r*in­nen oder Kri­ti­ke­r*in­nen gesetzt werden. Den zentralen Platz am wichtigsten Tisch nimmt selbstredend die/der ausstellende Künstler*in ein, flankiert von ihrer/seiner Ga­le­ris­t*in und den potentesten Samm­le­r*in­nen. Wie bei Hofe geht es von Tisch zu Tisch dann stufenweise abwärts – bis zum Fußvolk.

Gestern, während eines solchen Dinners, kam mir zum ersten
 Mal der Gedanke, dass es bei diesen Tischordnungen
 nicht nur darum geht, die Rangordnungen der Kunstwelt abzubilden und zu reproduzieren, sondern auch darum, überraschende Querverbindungen zu verhindern. Wenn zum Beispiel die schwerreiche Sammlerin exklusiv von
 der Galeristin betreut und abgeschirmt wird, dann kann erstere keinen Kontakt zu anderen Gästen aufnehmen,
 die sie eventuell auch beraten oder ihr etwas verkaufen könnten.

Qua Tischordnung wird also im Grunde genommen ein protektionistisches System konserviert. Kritike­r*in­nen spielen nur eine marginale Rolle in dieser Ordnung, wobei in den letzten Jahren mit dem Eintritt der Gesetze der Celebrity-Kultur in die Kunstwelt zunehmend dafür gesorgt wurde, dass neben den Ver­tre­te­r*innen der Fachpresse auch die Lifestyle-Presse erscheint. Leute aus der Fashion-Szene sind inzwischen ebenfalls gern gesehene Gäste.

Mithilfe dieser Dinner wird eine soziale Ordnung etabliert, die nicht umgestoßen, sondern nur – etwa in Form eines Platzwechsels – punktuell leicht verschoben werden kann. Entsprechend fangen die Gäste schon beim Dessert damit an, sich endlich frei zu bewegen und andere Plätze einzunehmen. Zuvor waren sie stundenlang auf ihrem Stuhl festgenagelt, zum Gespräch mit den Leuten verdammt, die ihnen als Tisch­nach­ba­r*in­nen zugewiesen wurden. Jahrelang bin ich grundsätzlich neben ältere, konservative Herren gesetzt worden, wohl in der Hoffnung, dass ich sie mit provozierenden Bemerkungen ein wenig unterhalten würde.

Mein der Kunstwelt nur am Rande zugehöriger Lebenspartner hingegen findet sich im Rahmen dieser problematischen Hierarchie oft weit abgeschlagen neben dem Grafiker der Galerie oder einer Künstlerwitwe sitzend wieder, wobei letztere neulich aus Protest gegen ihre sichtbar marginale Platzierung demonstrativ früh nach Hause ging. Es ist im Übrigen auch anstrengend und unerquicklich, sich die impliziten Hierarchien der Tischordnung auf diese Weise zu vergegenwärtigen.

Denn einmal mehr sieht man sich mit der Feststellung konfrontiert, dass man innerhalb dieses sozialen Universums aus der Sicht der Gast­ge­be­r*in­nen einen bestimmten Platz einnimmt. Man wähnte sich zwar längst woanders, wird aber mit Wucht auf seinen eigentlichen Platz innerhalb dieser Rangordnung verwiesen. Dort sitzend erscheint das Aufbrechen dieser Festschreibung wie ein Ding der Unmöglichkeit.

Auf dem wasserfesten Armband, das zum vergünstigten Eintritt ins Space berechtigte, stand es kleingedruckt: Noch mehr Rabatt bekäme man, wenn man sich das Motto der Party als Tattoo in die Haut ritzen lasse. Mittels Tätowierung steigt man so zum lebenslangen Mitglied der Space-Community auf, wofür man im Gegenzug einen kleinen Preisnachlass erhält.

Das ist Biopolitik im fortgeschrittenen Stadium: Der Körper wird zum Gegenstand eines Club-Marketings, das sich unmittelbar in ihn einzuschreiben versucht, indem es auf die freiwillige Mitarbeit des Körperträgers zielt. Es geht letztlich darum, die Party-People noch intensiver und tiefgreifender an
 den Club zu binden.

Den Leuten, die sich dieses Tattoo tatsächlich stechen lassen, wird das Gefühl gegeben, einer bestimmten Club-Community anzugehören – ein Privileg, das im vergünstigten Eintritt seine Bestätigung findet. Wer sich auf diesen Deal einlässt, muss aber auch dazu bereit sein, den eigenen Körper als einen Einsatz zu sehen, der lebenslang einer anderen Macht (in diesem Fall dem Club) überantwortet wird.

Dass neben öffentlichen Museen zunehmend Sammlermuseen entstehen, ist kein neues Phänomen. Doch anders als die europäischen privaten Samm­le­r*in­nen, die mit ihren Ausstellungen oft einen quasi-wissenschaftlichen Anspruch erheben, haben die großen amerikanischen Privat­samm­le­r*in­nen in diese Richtung kaum Ambitionen.

Schon die neben den Kunstwerken hängende Beschilderung in den privaten Museen in Miami vermittelt ausschließlich die subjektive Sicht der Samm­le­r*in­nen. Die Labels in der Rubell Family Collection erzählen beispielsweise von persönlichen Begegnungen mit den Künst­le­r*innen, von Dates, Drinks und Dinner-Verabredungen, sind also prall gefüllt mit Anekdoten, die an die Stelle einer wissenschaftlichen Erläuterung treten.

Oft sind diese Texte in Ich- oder Wir-Form verfasst, was keinen Zweifel an ihrem persönlichen Zuschnitt lässt. Geradezu ausschweifend erzählen die Samm­le­r*innen aus ihrem Sammlerleben, berichten von plötzlichen Eingebungen und Vorlieben. Das Label, das zuvor der sachlichen Erläuterung des Kunstwerks diente, ist zu einer Art Sammler-Tagebuch geworden. Damit werden die Samm­le­r*innen zu ebenbürtigen Ak­teu­r*in­nen erklärt, denen genauso viel Bedeutung zukommt wie den Ur­he­be­r*innen der ausgestellten Werke.

Qua Beschilderung reklamieren sie für sich die Rolle eines Meta-Autors. Den Samm­le­r*in­nen gehört nicht nur das Gebäude und die darin präsentierte Kunst, sie sind neben den Künst­le­r*innen auch für die Produktion von Bedeutung verantwortlich. Die Persönlichkeit der Samm­le­r*in­nen, ihre Vorlieben werden auf diese Weise für entscheidender erklärt als das in den Kunstwerken potentiell Auf-dem-Spiel-Stehende. Das Sammlerego hat hier solche Ausmaße angenommen, dass es das von ihm Gesammelte zu überstrahlen beginnt.

Auf der Münzstraße lädt eine Thermosflasche vor einem Lifestyle-Geschäft das Laufpublikum dazu ein, sich zu bedienen. Vor der Flasche ist eine Karte mit den Worten „try me I am tea“ aufgestellt worden, was die Flasche buchstäblich zum Sprechen bringt: Sie fordert 
uns (natürlich auf Englisch) dazu auf, von ihr zu probieren, weil sie Tee sei. Der Tee selbst fordert uns gleichsam dazu auf, ihn zu trinken. Als Ware lebt dieser Tee so, wie Karl Marx es in seinen Überlegungen zum Fetischcharakter der Ware beschrieben hat: Er wirkt selbsttätig und spricht.

Mithilfe der Karte werden animistische Projektionen bei den Pas­san­t*in­nen ebenso aktiviert, wie sie das Objekt in etwas Quasi-Lebendiges verwandelt, das uns vertrauensvoll zuruft: „Probier mich ruhig, ich bin nur Tee.“ Einige Leute stehen mit Pappbechern herum und sind der Aufforderung der Thermoskanne offenkundig nachgekommen. Erstaunlich, dass das demokratische, auch in der Kunstwelt verbreitete Ideal der „Partizipation“ inzwischen derart weite Kreise zieht.

Der angebotene Tee trotzt aber auch gut der augenblicklichen Kälte, da man sich am heißen Getränk, wenn man den Becher eng umfasst, die Hände wärmen kann. Vielleicht ist das Ganze aber auch einfach nur symptomatisch für den Strukturwandel dieser Gegend, in der zahlreiche Einzelhandelsgeschäfte und zuletzt sogar der kleine Kiosk schließen und Boutiquen weichen mussten. Passend zu diesen Entwicklungen verwandelt sich jetzt auch mein alltäglicher Gang zur Reinigung in ein kuratiertes Erlebnis, das einem Galeriebesuch gleicht.

Meine Freundin J. hat recht: Oft sind linke Männer (oder Männer, die sich „links“ wähnen) das viel größere Problem. Mit einigen von ihnen ist häufig schwerer umzugehen als mit den Macho-Typen, die ihre sexistische Herablassung Frauen gegenüber demonstrativ vor sich hertragen. Es gibt natürlich auch linke Männer,
 die die Lektionen des Feminismus verinnerlicht und feine Antennen für ihre restsexistischen Reflexe ausgebildet haben.

In der Zusammenarbeit mit Frauen gelingt es diesen, jegliches Dominanzgebaren zu vermeiden. Sie sind
 so selten wie angenehm. Doch leider existieren daneben zahlreiche linke und offiziell mit dem Feminismus sympathisierende Männer, die die Arbeit ihrer weiblichen Kollegen auf subtile und kaum greifbare Weise geringschätzen. Oft übergehen sie deren Arbeit einfach, schweigen sie tot und/oder beziehen sich erst gar nicht auf sie.


Auch im persönlichen Gespräch mit der Kollegin vermeiden sie jede Frage nach dem Stand ihrer Arbeit tunlichst, als gäbe es diese gar nicht. Neben diesen Techniken des Zum-Verschwinden-Bringens findet sich bei zahlreichen linken Männern eine Vielfalt an subtilen Herabsetzungsmethoden, die häufig im Gewande des Lobes daher- kommen. Ein Beispiel: Ausgerechnet heute, an meinem Geburtstag, habe ich eine E-Mail eines linken Kollegen erhalten, die eigentlich nett gemeint war und doch von feiner Diskriminierung zeugte.

Er berichtete mir darin von einem Freund und Kollegen, der voller Anerkennung für einen Vortrag von mir gewesen sei. In diesem Vortrag
 habe sich gezeigt, dass ich viel gearbeitet hätte und jetzt eine „richtige“ Marxistin wäre. Der Paternalismus, der mir und meiner Arbeit in diesem zwiespältigen Lob entgegenschlug, war erstaunlich.

Wie einem Schulmädchen stellten mir Männer ein Fleißkärtchen aus und teilten mir durch die Blume mit, dass sie meine Arbeit nun, da ich so viel und brav geforscht hätte, endlich ernst nähmen. Mir wurde nun Zugehörigkeit attestiert, allerdings zu den von ihnen festgelegten Bedingungen, letztlich bin ich aus ihrer Sicht eine gelehrige Schülerin geblieben, der man ermutigende Worte mit auf den Weg gibt. Und so etwas passiert mir mit 55!


Aus: "In einer kuratierten Welt" Essay von Isabelle Graw (22. 4. 2020)
Quelle: https://taz.de/Neues-Kunstbuch/!5676822/

Quote
Ein Freund der Erde

linke männer: sind (schlechtenfalls) genau wie alle menschen, die sich im besitz der wahrheit wähnen: im selbstgewissen irrtum. damit werden sie für andere zur bedrohung - oder auch nur zumutung, je nach dem eigenen platz in der hack- oder sitzordnung.


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