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Author Topic: [Die Kunstwelt als eitle und selbstgenügsame Blase ... ]  (Read 317 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Die Kunstwelt als eitle und selbstgenügsame Blase ... ]
« on: October 19, 2017, 11:53:39 AM »

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[...] Als Kurator und Spezialist für moderne Kunst ist Christian (Claes Bang) theoretisch bestens beschlagen. Es fällt ihm nicht schwer, seinem Publikum das Konzept von «The Square» zu vermitteln: Es handelt sich um ein weiss eingegrenztes Quadrat von vier auf vier Meter auf einem beliebigen öffentlichen Platz.


Aus: "70. Filmfestival Cannes «The Square»: Weisses Quadrat mit goldenen Aussichten" Michael Sennhauser  (21. Mai 2017)
Quelle: https://www.srf.ch/kultur/film-serien/filmfestival-cannes/the-square-weisses-quadrat-mit-goldenen-aussichten

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[...] Ruben Östlunds in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneter Film handelt von einem schwedischen Museumskurator, der mit unerwarteten Prüfungen konfrontiert wird. Eine beißende, einfühlsame Satire, die wie die Rhapsodie einer Gesellschaft mit chronisch schlechtem Gewissen wirkt

Die Kunstwelt als eitle, selbstgenügsame Blase ist eine dankbare Zielscheibe für den Spott eines Satirikers. Östlund nimmt sie mit mal rabiatem, mal diskretem Eifer ins Visier.

Die moderne Kunst, die Christian einem Publikum vermitteln sollte, betrachtet er zunächst offen und neutral. Den Widerspruch zwischen hohem Entschlüsselungsbedarf und leichter Durchschaubarkeit macht er nicht auf. Ein Kunstwerk ist für ihn nicht per se sinnfrei oder bezeichnend. Vielmehr kann darüber klug oder dumm geredet werden.

Die materielle Konkretion der Werke führt Östlund noch auf eine andere Spur, die Kluft zwischen Theorie und physischer Realität. Christian, der das behagliche Leben eines Kulturfunktionärs führt, wird durch den Diebstahl zeitweilig in eine andere Welt geschleudert. Die Machtposition, die er im Kulturbetrieb bekleidet, gibt ihm keine moralische Handhabe für diese Situation. Hier zeigt sich Östlund als listiger, einfallsreicher Drehbuchautor. Er häuft die Zumutungen und Anfechtungen im Leben seiner Hauptfigur. Sein Film ist komponiert wie eine Rhapsodie, in der lauter Themen anklingen, die vorerst keinen Zusammenhang finden, dann aber Entsprechungen offenbaren.

In Christian stellt er den Repräsentanten einer aufgeklärten Gesellschaft auf den Prüfstand, deren Toleranz bleiern und deren Höflichkeit lähmend sein können. »Schwedenscheiß« nennt sein Assistent unverblümt diese Spielart politischer Korrektheit, deren Kehrseite die Uneigentlichkeit ist. Der bizarre Kuratorenjargon macht es Christian unmöglich zu benennen, was er will und wer er ist. Nicht nur im Beruf spielt er eine Rolle, die eingeübt werden will.

Im Kern handelt »The Square« vom Terror eines modernen Lebensstils, in dem Spontaneität erst zutage treten kann, wenn etliche Schichten ritualisierter Umgangsformen abgetragen sind. Östlunds Kratzen an der Firnis der Zivilisation kulminiert in einer Performance, die schwer zu ertragen ist und doch ausgehalten werden muss. Darin nimmt er die moderne Kunst übrigens ernst. Für den Kuratoren hält er noch eine weitere Katharsis parat, die ihm die sachte Chance eröffnet, für sich als Mensch einzustehen.


Aus: "Kritik zu The Square" Gerhard Midding (22.09.2017)
Quelle: https://www.epd-film.de/filmkritiken/square

« Last Edit: October 19, 2017, 12:24:09 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Die Kunstwelt als eitle und selbstgenügsame Blase ... ]
« Reply #1 on: October 19, 2017, 12:19:24 PM »

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[...] Ein adretter Mann aus Schwedens bürgerlicher Mitte düst in einem Moralparcours herum – und Ruben Östlund hätte ganz gern eins auf die Fresse.

Zu den unzähligen Fragen über den aktuellen Entwicklungszustand der (westlichen) Gesellschaft, die Ruben Östlunds The Square eher auf- als anreißt, gesellt sich die nach dem Status und dem Wert der Kunst von heute – nach dem State of the Art schlechthin.

Wo verlaufen die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst; wo, wie und mit welchen Konsequenzen finden zwischen den Sphären Transfers statt? Wird eine stinknormale Handtasche, so die Frage, mit der dieser Film beginnt, schon dadurch Kunst, dass man sie in einem Ausstellungsraum platziert? Welche Halbwertszeiten haben Kunstwerke? Welche Gesetze werden in ihnen formuliert, exekutiert, gebrochen, reformuliert, abgeschafft? Klar, große, heikle, irgendwie auch langweilige Fragen. Aber es hilft nichts – man muss sich wohl an ihnen totbeißen, will man wenigstens ansatzweise zum Selbstverhältnis dieses äußerst schwierigen, unerträglich arroganten und obergescheiten, zuweilen dann aber doch auch sehr starken Films durchstoßen.

Christian (Claes Bang) ist Chefkurator in einem Stockholmer Kunstmuseum, er trägt eine rote Brille, einen nach beiden Seiten fallenden Schal, gut sitzende Hemden. Er ist schreckhaft, verkopft, selbstverliebt und egoistisch. An die Kunst glaubt er dann, wenn sie ihn selbst nicht betrifft. Bevor er Reden schwingt, übt er vor dem Spiegel, spontan zu sein. Wenn er besoffen ist, wird er vor demselben Spiegel zum autoerotisch angeturnten Supermacho. Christian vor dem Spiegel – das sind die Szenen, die Östlund am meisten genießt; es sind die Szenen, in denen er seine Karten ganz offen auf den Tisch legt. Den Spiegel vorhalten – das ist es, was er will, was er sich anmaßt, wofür er das Kino in die Pflicht nimmt. Östlund ist ein selbstgekröntes Großmaul, ein Erziehertyp. Um selbst hinter dem Spiegel, als den er die Leinwand denkt, hervorzukommen, dafür ist er sich zu schade. Aus der Distanz ist es leicht, Grenzen zu sprengen. Sich selbst schmutzig zu machen, kommt nicht in Frage.

Christian ist keine Figur, sondern ein Typus, ein Modell. An ihm soll etwas exemplifiziert werden, an seinen Reaktionsweisen, an den Peinlichkeiten, an der Scham, an den Neurosen, an der Auf- und Angegeiltheit. Aber was? Nun, das ist unser Brei. Östlund baut die Versuchsanordnung, die Kaninchen können dann die anderen sein. Er will uns glauben machen, hier ginge es um Moral, um das, was sie in ihrer tiefsten Schicht bestimmt und zugleich ins Schleudern bringt; er will große entlarvende Manöver starten, er will uns verunsichern, er will Selbstekel provozieren. Ja, er will, dass wir uns im Müll suhlen – genau das macht Christian gegen Ende des Films, bevor ihm von seinem Regisseur wieder ein bisschen Rehabilitierung vergönnt wird. Fresst die Scheiße, die ihr produziert!

Das ausgestellte Problem des Films: Christian werden auf dem Museumsplatz Handy und Portemonnaie geklaut. Über GPS trackt er das Gebäude, in dem die Diebe wohnen – ein Plattenbau am Stadtrand, den man nur durch eine sehr lange Tunnelfahrt erreicht. Um das Entwendete wiederzubekommen, wirft er in jeden Briefkasten ein Drohschreiben mit der Aufforderung, die Sachen zurückzugeben. Das klappt auch. Dumm nur, dass durch die Aktion auch Unschuldige terrorisiert wurden. Gleichzeitig startet eine Werbefirma eine ultradiskriminierende Kampagne für die neue Ausstellung zum Thema Moral. Christian kriegt mit voller Breitseite an gleich zwei Fronten auf die Fresse. Das schicke, kunstbourgeoise Leben wird rissig, das weiße Hemd eingesaut. The Square ist kein Film, der direkte Adressierungen vornimmt.

Er hat nichts von einer Was-würdest-du-tun?-Rhetorik, auf die es andere moralische Versuchsanordnungen anlegen würden. Dieser Film ist völlig in sich selbst verschlossen; er will Spiegel sein, nicht zum Gespräch einladen. Die Art und Weise, wie bei ihm die Moral auf dem Spiel steht, hat einen Nimm-und-Friss-Charakter, genau jenen Charakter, über den er sich lustig macht (beziehungsweise – das scheint eher der Gestus – jederzeit lustig machen könnte), wenn er die amorphen Artefakte in den Ausstellungsräumen des X-Royal Museums abfilmt. In The Square ist die Moral eine leere Erfahrung, eine bloße Oberfläche, ein Exponat.

Was richtig ist und was falsch, ist Östlund völlig Wurst; handlungsbezogene Fragen zu Ethik und Gesellschaft werden in The Square nur zum Schein gestellt.
Wer denkt, in diesem Film ginge es um die große Frage nach der Verantwortung zwischen den Menschen, sitzt einem Täuschungsmanöver auf. Wenn es überhaupt um Verantwortung geht, dann um die Verantwortungslosigkeit der Kunst und um die Verantwortungslosigkeit gegenüber der Kunst. Zwischen Kunst und Mensch sind alle Verbindungen gekappt – genau das diagnostiziert Östlund, und er tut das deshalb, weil er sich das wünscht. Einmal – und es ist, zugegeben, eine tolle Szene – gibt ein Künstler eine Performance bei einem Galadinner: Wie ein Gorilla springt er durch den Saal, betatscht das Publikum, legt ihnen Servietten auf den Kopf. Dann brüllt und stampft er, er wird aggressiv, wird handgreiflich, reißt eine junge Frau vom Stuhl, zerrt sie über den Boden. Das geht zu weit: Der Gorilla wird verdroschen. Das ist es, was Östlund will. Auf seine Zuschauer gibt er einen feuchten Dreck. Er will uns – denn das ist die Kunst in seiner Fantasie – an den Haaren über den Boden schleifen, er will nicht mit uns reden, er will uns provozieren. Und der allerfeuchteste seiner Träume – und den will ich ihm nicht erfüllen – ist, dass wir nach vorne rennen und ihn verdreschen, dass wir die Leinwand bekämpfen und geschlossen auf sie einprügeln. Hach, das wäre doch mal Kunst.




Aus: "The Square" Filmkritik von Lukas Stern (20.05.2017)
Quelle: http://www.critic.de/film/the-square-11015/
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[Die Kunstwelt als eitle und selbstgenügsame Blase ... ]
« Reply #2 on: October 25, 2017, 04:02:43 PM »

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[...] Die fiktiven Kunstwerke, die das Royal-X-Museum ausstellt, sind haarscharf echten künstlerischen Positionen nachempfunden, die teilweise kombiniert werden.

So wirkt dieses hypermoderne Haus, das sich hinter der Fassade eines königlichen Schlosses verbirgt, nicht wie die Karikatur eines Museums, sondern wie ein Museum für zeitgenössische Kunst, das so in jeder beliebigen westlichen Metropole stehen könnte. In Östlunds Satire wird nicht die Gegenwartskunst persifliert, vielmehr kommentiert diese Gegenwartskunst (im Film verkörpert durch Neonschriftzüge, Staubhaufen, Stühle, einen männlichen Performer und das titelgebende Quadrat) die Erzählung eines heißlaufenden Betriebs, seines Posterboys und der diversen Hofschranzen.

... Eine der stärksten Szenen ist das Festbankett mit den Sponsoren im Museum, als Amuse-Gueule mimt ein Performancekünstler ein Urwaldtier, die Situation eskaliert. Wie eine Frau dann zunächst ironisch und schließlich ernsthaft um Hilfe fleht, verweist bildstark auf die Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit der Konflikte des Films.

... The Square ist aber ansonsten ein sehr schwedischer Film: Egal wie dreckig es kommt, an der Oberfläche bleibt alles jättesnyggt. Selbst als Christian bei strömendem Regen bis zu den Oberschenkeln im Hausmüll seiner Nachbarn steht, sieht das immer noch schick aus. Auch die Ärmsten kämpfen mit Wohlstandsproblemen: Playstationverbot, Zwiebeln auf dem Hühnchensandwich. Groß ist die Szene, in der Christian sich in einem Facetime-Video binnen 30 Sekunden aus dem Modus des zerknirschten Büßers zum Streiter für die sozial Benachteiligten aufschwingt.

Schwer vorstellbar, dass er nicht weiter Karriere macht. Bei Chris Dercon und Adam Szymczyk dürfte das ähnlich sein.


Aus: "Quadratur der Krise" Christine Käppeler (Ausgabe 42/2017)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/christine-kaeppeler/quadratur-der-krise

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« Reply #3 on: October 25, 2017, 04:46:00 PM »

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[...] Es verwundert deshalb nicht, dass der Name Ropac derzeit häufig auftaucht, wenn über die Auswirkungen des britischen Austritts aus der EU auf den Kunstmarkt gesprochen wird. Der Entscheid für eine Galerie in Mayfair, wo sich Kunsthändler, Auktionshäuser und Kunstinstitutionen häufen, war bereits lange vor dem EU-Referendum gefallen - weiterhin ohne Bedauern. «Der Standort London wird durch den Brexit nicht geschädigt, weil die Kunstwelt per se diese geopolitischen Grenzen schon hinter sich gelassen hat», sagt Ropac in den Büroräumen seiner Galerie.

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Aus: "Der Londoner Kunstmarkt stemmt sich gegen den Brexit-Katzenjammer" Gerald Hosp, London (24.10.2017)
Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/kopie-von-der-londoner-kunstmarkt-stemmt-sich-gegen-den-brexit-katzenjammer-ld.1323649
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