Author Topic: [Romantik und Melancholie... ]  (Read 2175 times)

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[Romantik und Melancholie... ]
« on: Juni 04, 2017, 01:28:56 nachm. »
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[...] Für mich ist Melancholie etwas Bejahendes, sie hat für mich mit Wärme zu tun, mit Liebe.


Aus: "Matti Geschonneck im Interview: „Melancholie hat mit Liebe zu tun“" Christina Bylow (02.06.2017)
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/kultur/film/matti-geschonneck-im-interview--melancholie-hat-mit-liebe-zu-tun--27025760-seite2
« Last Edit: Juni 04, 2017, 01:32:33 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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Re: [Romantik und Melancholie... ]
« Reply #1 on: Oktober 11, 2017, 01:15:47 nachm. »
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[...] Die Romantik, die erste moderne Avantgardebewegung, gilt zu Unrecht als prinzipiell rückwärtsgewandt. In den Ländern, in denen sie zuerst entsteht, Deutschland und England, kann sie viel genauer beschrieben werden, wenn man sie unter dem Blickwinkel ihrer kritischen Sympathie mit der französischen Revolution betrachtet, auf derem Höhepunkt sie entsteht. Die revolutionären Sympathien der frühen Romantiker sind nicht individuelle Zufälle, sondern reichen ins Innerste der Neuen Schule. Sie nimmt die epochale Erschütterung nicht nur von aussen auf, um sie zu verarbeiten, sondern betrachtet sich selbst, ihre Philosophie, Kunst und Wissenschaft als integralen Bestandteil eines revolutionären Programms, das beitragen soll, die Revolution vor ihrem Versagen zu retten, indem sie über ihre Beschränkung hinaustreibt. In diesen Kreisen wird das Problem der Erneuerung, man könnte fast sagen: der Gründung einer Gesellschaft radikaler betrachtet als jemals vorher, und lange nachher. ...


Aus: "Über Romantik und Revolution: Jörg Finkenberger – Do 28.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar" (31.07.2017)
Quelle: http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/ein-riss-ist-in-der-welt/

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Quote
[...] »Linke Melancholie« ist eine Diagnose, die gerade in Krisenzeiten emanzipatorischer Praxen schnell zur Hand ist. In Berufung auf das von Walter Benjamin in den 1930er Jahren geprägte Schlagwort erklingen Klagen über einen Mangel an »Aktivismus«, den Rückzug aus gesellschaftlichen Gefechten »der Straße« in Selbstbespiegelungsdiskurse, »passives Lesekreisen« und (pop-)kulturelle Jammertäler. Was sich der Umwälzung verschrieben habe, sei durch eine Rückwärtsgewandtheit bestimmt, die sich in nostalgischem Schwelgen in überholten Traditionen und melodramatischem Suhlen in Niederlagen emanzipatorischer Bewegungen äußere. Von einer »wirklichen Bewegung« keine Spur – nur unwirksamer Stillstand und eine einzige Misere aus Pessimismus, Nihilismus und Utopieverlust. Als Hauptübel wird ein ästhetischer Eskapismus identifiziert, der zu »politischer Handlungsunfähigkeit« führe. ...


Aus: " »… versunken im Schlamm des Trauerbachs«: »Linke Melancholie« und revolutionäre ästhetische Praxis"
Antje Géra – Do 12.10.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar (31.07.31)
Quelle: http://spektakel.blogsport.de/2017/07/31/versunken-im-schlamm-des-trauerbachs/


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[Romantik und Melancholie... ]
« Reply #2 on: Mai 09, 2018, 01:45:37 nachm. »
Quote
[...] Nicht im melancholischen Verdämmern, sondern in trotziger Selbstbehauptung und Streben nach Glück begegnen seine Figuren der Unerbittlichkeit des Lebens, selbst dann, wenn ihnen das Scheitern eingeschrieben ist.“


Aus: "Hans Falladas Doppelleben" Wilhelm von Sternburg (27.09.2017)
Quelle: http://www.fr.de/kultur/literatur/biografie-hans-falladas-doppelleben-a-1358246,2

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[Romantik und Melancholie... ]
« Reply #3 on: August 15, 2018, 10:42:48 vorm. »
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[...] Frank Jödicke: ... Als ob die Melancholie dadurch entstünde, dass etwas innerlich, geistig genau ausgearbeitet wird. Sei es jetzt durch die Erinnerung oder die Kunst.

Konstantin Wecker: Das ist natürlich völlig richtig, die Melancholie gehört immer dazu. Eugen Drewermann hat gesagt, die Schwermut sei die Schwester Deines Glücks.
Das erscheint mir deswegen interessant, weil ich das an mir erst seit kurzem akzeptiere. Ich habe vor 14 Jahren ein Lied über die Schwermut geschrieben. Meine Texte passieren mir ja und ich denke sie mir nicht aus. Und nach diesem Lied wusste ich plötzlich, dass ich immer schon ein schwermütiger Mensch war und mir gerne von außen einreden ließ, ich hätte die Power und sei immer gut drauf. Ohne Schwermut kann man nicht mitfühlend sein. Erst die Schwermut gibt uns die Möglichkeit, tief in uns hineinzugehen, und wir beginnen dort etwas zu verarbeiten.
Die Schwermut ist eine Bedingung der Kunst. Das Glück ist ohne Schwermut gar nicht als solches zu erfassen. Das Erinnern an die schönen Augenblicke wird mir heute im Alter erst viel klarer. Die wirklich schönen Augenblicke sind nicht die, wo man mal kurz gut drauf ist, sondern sind jene der Ich-Losigkeit, wo man einfach nur da ist und aufgehoben ist in allem.
An diese mystischen Erfahrungen kann man sich natürlich nachher nicht erinnern, weil man ja in diesen Erfahrungen mitten drinnen war und ohne Ratio. Ich kann mich nur erinnern, dass da mal was war. Es kann nicht nachempfunden werden und mit dem Verstand zurückgeholt werden. Um es erneut zu empfinden muss es wieder erlebt werden. Das ist gerade das Schöne an diesen Momenten. Sie können auch nicht erarbeitet werden, auch vierzig Jahre Meditation bieten keine Gewähr, dass man in diesen Zustand kommt.



Aus: ""Nationalismus wird uns immer ins Elend führen"" Frank Jödicke (15. August 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Nationalismus-wird-uns-immer-ins-Elend-fuehren-4136969.html?seite=all

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[Romantik und Melancholie... ]
« Reply #4 on: August 19, 2018, 11:00:44 vorm. »
Saudade ist eine spezifisch portugiesische und galicische bzw. lusophone Form des Weltschmerzes. Das Konzept der Saudade lässt sich mit „Traurigkeit“, „Wehmut“, „Sehnsucht“, „Fernweh“ oder „sanfte Melancholie“ nur annähernd übersetzen. Das Wort steht für das nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, und drückt oft das Unglück und das unterdrückte Wissen aus, die Sehnsucht nach dem Verlorenen niemals stillen zu können, da es wohl nicht wiederkehren wird. Ähnliche Sinninhalte vermitteln womöglich das amerikanische blue und das türkische hüzün. ... Als historisch belegbarer Ursprung des Begriffs wird auch der Verlust der Portugiesen nach der verlorenen Schlacht von Alcácer-Quibir gegen die Mauren genannt, den der unerfahrene König Sebastian I. 1578 erlitt. Diese verheerende Niederlage leitete den Untergang des portugiesischen Weltreichs ein, und das Phänomen des anschließend entstandenen messianischen Sebastianismus bekräftigt diese Theorie einer „nationalen Wehmut“. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Saudade

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Thievery Corporation - Saudade (full album)
Label: Eighteenth Street Lounge Music Country: US Released: 04.2014 Genre: Electronic, Latin Style: Bossanova
https://www.youtube.com/watch?v=W0CBzKfvA80

Joffrey Peroumal, vor 3 Jahren
Guys I am french, here is the english translation of the first song :

We smoked too much, a little bit more than usual
I feel dizzy, taking off in the moon and we spent the night
taking off in the space, taking off from the moon

And when everything stopped, music took me away
and I know that everything's gonna be..
everything is fine with the sound, I exceeded my own fears
but I know you're gonna be...
taking off in the space, taking off from the moon
Taking off in the space, we're staring at somewhere

I know I don't want to be childish
but when I open the eyes, the world has parallel projections
and I know...faith is the only eye
taking off in the space, taking off from the moon ( several times )

it is not, it is not a dream...
It is not, it is not a dream...
« Last Edit: M?RZ 18, 2020, 05:03:05 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Romantik und Melancholie... ]
« Reply #5 on: M?RZ 18, 2020, 05:09:52 nachm. »
Quote
[...] Sind wir wirklich so bei uns und in uns, sind wir Herr oder Herrin über unseren Körper, weil wir diesen willentlich bewegen können, damit Werkzeuge nutzen, Sport treiben, Auto fahren? Sind wir Herr unseres Geistes, wenn wir mit ihm Gedanken fassen? Sind wir Herr unserer Sprache, mit der wir uns strukturiert artikulieren, und auch unserer Affekte, die wir mit einem gewissen Training situationsbezogen einsetzen oder abschatten können? Zweifel sind angebracht. Die betrachteten Bereiche mögen auf den ersten Blick willkürlich gewählt sein. Jedoch gewinnen sie aus dem Blickwinkel phänomenologisch beschriebener Paradoxien von »eigen« und »fremd« einen neuen inneren Zusammenhalt.

... Der Schriftsteller Ferdinand von Schirach lässt seinen Helden im Epilog von TABU sagen: »Manchmal bleiben wir stehen, die Zeit bekommt einen Riss und in diesem Moment begreifen wir es: Wir können nur unser Spiegelbild sehen.« Und Sigmund Freuds Psychoanalyse kränkt das Bewusstsein mit der Annahme, »(…) daß das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus.« Mit dem herrenlosen Haus meint Freud das Ich-Bewusstsein, eben genau jene Sphäre, derer wir uns doch eigentlich so sicher sein müssten. Für Freud ist klar, dass das Ich gerade nicht eine Sphäre oder ein Zustand der bruchlosen Selbstidentität darstellen muss. Schon 1870 behauptete der Schriftsteller Arthur Rimbaud: »Ich ist ein anderer.« 1936 greift der französische Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan, der durch eine Neuinterpretation der Schriften Freuds internationale Bekanntheit erlangte, die Rimbaud’sche Formel im Rahmen seiner phänomenologischen Psychologie erneut auf.

Allen Ansätzen gemeinsam ist, dass sie den Sinn schärfen für den schwankenden Grund, auf dem unser Ich-Bewusstsein steht. Dieser Grund kann jederzeit aufreißen und uns vor tiefe Abgründe stellen. Der Blick in diese Abgründe offenbart eine dunkle, unbekannte Seite unseres Ich, die wir nur ungern wahrnehmen, die aber ebenfalls zu unserem Selbst gehört. Es müssen dabei nicht einmal pathologische Formen der Bewusstseinsspaltung sein, die solche Abgründe aufreißen und am Ende das ganze Erleben determinieren. Auch der Alltag »normaler« Menschen ist reich an solchen Fremdheitserfahrungen des eigenen Ich. Versetzt uns etwa der Verlust eines geliebten Menschen in einen Zustand der Trauer, so gleicht die Selbsterfahrung der Trauer ebenfalls einer Selbstentfremdung bzw. eines Selbstentzugs des Ichs. Das Verlustempfinden kann so überwältigend erscheinen, dass der Boden jeglicher Selbstgewissheit ins Schwanken gerät. Als Trauernde erkennen wir uns buchstäblich nicht wieder – wollen uns in diesem Zustand auch nicht wiedererkennen. Aber gerade das sind wir eben auch, ob wir es wollen oder nicht!

... Die in der Melancholie erfahrene »Ent-Täuschung« richtet sich nicht mehr auf andere, sondern auf sich selbst – auf den als endgültig erfahrenen Mangel eigener Möglichkeiten, etwas Gewünschtes zu erreichen. Damit ist die Melancholie ein Zustand, in dem sich wie unter der Lupe Eigenes und Fremdes auf nicht entwirrbare Weise zeigen und verbinden. Wir sind von diesem Zustand des Entzugs so unmittelbar eingenommen, dass dieser das Grundgefühl unseres Daseins durchzieht und nach Erlösung ruft.

Der Philosoph Bernhard Waldenfels hat für die uneinholbare Ambiguität von Eigenem und Fremdem folgende Formel geprägt: »Das Fremde zeigt sich, indem es sich uns entzieht. Es sucht uns heim und versetzt uns in Unruhe, noch bevor wir es einlassen oder uns seiner zu erwehren trachten.« (Bernhard Waldenfels – Topografie des Fremden) Die von Waldenfels beschriebene Ambiguität hat zum Beispiel auch Folgen für den Verlauf der öffentlichen Debatten zum Umgang mit Geflüchteten in Deutschland, Europa und der Welt. Der zeitgleiche Aufstieg rechtspopulistischer Strömungen in den USA, Europa und Russland kann auch als Ausdruck einer von vielen als bedrohlich empfundenen Mehrdeutigkeit gesehen werden.

Das Fremde erscheint damit allein schon dadurch bedrohlich, weil es durch sein bloßes Erscheinen die Deutungslücken und -risse im Gefüge des Eigenen sichtbar macht und uns damit in unserer Selbstwahrnehmung verunsichert – ja diese »frag-würdig« macht. Identitätsverlust scheint zu drohen. Der Rechtspopulismus nimmt sich dieser in modernen Gesellschaften prinzipiell bestehenden Ängste und Deutungslücken an und versucht, diese zum eigenen Nutzen mit einfachen Rezepten und Sinnangeboten zu füllen.

Er schafft also vermeintliche Gewissheiten, wo in einer offenen Gesellschaft eigentlich keine Gewissheit mehr bestehen kann. Und er schafft Sündenböcke für vermeintliche oder tatsächliche Missstände, auf die die Enttäuschten und Verunsicherten ihre Wut richten können. Mit dieser Projektion wird das Fremde jedoch noch weiter entfremdet – zu einem gleichsam absolut Fremden, mit dem eine Verständigung am Ende gar nicht mehr möglich erscheint. Auf diesem Boden der Verunsicherung gedeiht dann – leider auch in offenen Gesellschaften – die Saat der Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt.


Aus: "» Das Fremde zeigt sich, indem es sich uns entzieht «" Olaf Kaltenborn (23. Dezember 2016)
Quelle: https://aktuelles.uni-frankfurt.de/gesellschaft/das-fremde-zeigt-sich-indem-es-sich-uns-entzieht/


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[Romantik und Melancholie... ]
« Reply #6 on: September 17, 2020, 11:59:10 vorm. »
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[...] Heimspiel und Reeperbahn - Auf dem Draiser Hof zwischen Eltville und Erbach im Rheingau findet seit 2009 das Heimspiel-Festivalstatt, das Gisbert zu Knyphausen auf dem Weingut seiner Familie, „Baron Knyphausen“, organisiert. Dort sind bisher Künstler wie Element of Crime, Sophie Hunger, The Notwist und AnnenMayKantereit aufgetreten. Auf Wunsch des Vaters wird nur Wein, kein Bier ausgeschenkt. ...

Verscheuern wir unsern Tag, gehn zum Flohmarkt, spielen Cowboys, ganz egal, wohin das führt. Keiner kann dieses „Immer nur suchen, niemals bleiben“, das Unstete, so besingen wie er, bloß nicht entscheiden, immer so ’ne Sehnsucht.

Gisbert zu Knyphausen live, für manche ist das Glück, er macht was mit den Leuten, beim kleinen Festival in Königs Wusterhausen, im Kesselhaus in Berlin, im Wohnzimmer. Vordergründig ist es die Instrumentierung, seine raue Stimme. Danach kommen die Worte, seine zarte Poesie. Der 41-Jährige gehört zu einer jüngeren Generation von Singer-Songwritern, die deutschsprachigen Chanson-Rock machen, andere sind Max Prosa, Felix Meyer oder Olli Schulz. Das Magazin Rolling Stone lud Gisbert zu Knyphausen und Reinhard Mey zum „Gipfeltreffen“ ein, er ist einer der begabtesten Songschreiber in dieser Szene – in der Liedermacher-Ecke sieht sich Gisbert zu Knyphausen jedoch eher nicht. Er ist nicht so explizit politisch. Seit seinen Auftritten bei TV NOIR eilt ihm der Ruf des Neo-Schmerzensmanns voraus, nachdenklicher Typ mit Gitarre, der den Orientierungslosen in einer rasanteren Welt eine Stimme gibt. Der Blick nach innen kann radikal sein.

Gisbert zu Knyphausen steht am Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof, er trägt ein blaues Hemd und Bart. Er hat seinen Proberaum als Ort für ein Treffen vorgeschlagen, er führt durch den ausrangierten Hangar, leere Backsteingebäude, verschlossene Fenster, 2015 ist hier ein Flüchtlingsheim gewesen, sagt Gisbert zu Knyphausen.

Neuerdings singt er Schubert. Wieder diese Schwermut. „Ja, alle diese Lieder sind so beladen mit Weltschmerz, das Dichterische, das Romantische, alle so gefühlsschwanger, voller Drama und Leid. Ich habe mich eingehört in dieses Universum und immer mehr in diese Schwere verliebt, die ich in meinen Songs ja auch viel hab. Man kann sich da so reinfallen lassen.“ Er bleibe eben bei den Dramen hängen, „weil man das Gefühl hat, dass man seinem eigenen Drama so einen Platz geben kann. Das macht man ja im Alltag nicht so viel. Und durch die Musik kann man das stellvertretend ausleben.“

Gisbert zu Knyphausen stoppt vor einer zerkratzten Eisentür, könnte auch eine Garage sein. Innen klebt ein Bild von Vermeer. Der Raum wirkt mehr wie ein Neuköllner Wohnzimmer, mit Cordsessel, Vintage-Schirmlampe, gedämpftem Licht. Ein Schlagzeug ist postiert, Verstärker, mehrere Gitarrenkoffer, ein Holzregal mit Kisten, E-Gitarre, Klavier. An vergilbten Wänden hängen verträumte Bilder in Mini-Goldrahmen. Die meisten Proberäume, die man mieten kann, sind steriler. „So einen habe ich auch noch, da trifft sich die Band, oder wer gerade zu ihr gehört“, sagt Gisbert zu Knyphausen leise. Der Flügel seiner Freundin, der in der Wohnung steht, sei sicher schuld, dass er mit dem Klavierspielen wieder angefangen hat. Auf dem Pult stehen die Noten zur Litanei auf das Fest Allerseelen, vertont von Franz Schubert. Er will diese Lieder nicht so knödelig singen wie die klassischen Opernsänger, er stellt sie neben seine eigenen. Beides verbindet eine tiefe Melancholie, eine Schönheit, die aus dem Schmerz kommt. Und Lust auf Leben.

Jugendliche sind melancholisch, und man kennt einen Weltschmerz auch von Adligen, ennui [Substantiv, maskulin [der]bildungssprachlich 1. Langeweile 2. Verdruss, Überdruss] kann zu Schwermut führen. Ist Melancholie Luxus? „Ja, absolut, in unserer Gesellschaft ist sie das. Wenn ich in einer anderen Welt, in einem anderen Land aufgewachsen wäre, hätte ich gar nicht so viel Zeit, mich der Musik zu widmen, der Schwermut zu frönen, hätte gucken müssen, dass ich meinen Lebensunterhalt verdiene.“ Er ist privilegiert groß geworden – „mit diesem Gefühl, dass ich eigentlich überallhin kann, zumindest standen mir viele Türen offen“.

Gisbert zu Knyphausen ist als Spross einer alten Adelsfamilie im Rheingau aufgewachsen. Seine Familie besitzt ein Weingut in Eltville-Erbach. Sein Onkel, Bruder des Vaters, war der Älteste, erbte ein Schloss in der Nähe von Dortmund, in dem die Großeltern gelebt hatten. Als Kinder tobten sie im Wassergraben des Schlosses herum. Obwohl sie nicht strikt adlig sind, bekamen sie immer Einladungen zu Festen, wo nur Adlige hinkönnen. „So ’ne Welt existiert ja noch – von der ich mich dann ferngehalten habe.“

Einerseits war es eine offene, fröhliche Kindheit. „Und dann gab es auch in unserer Familie Sachen, die mich belastet haben“, sagt er, welche Dinge das waren, das ist ihm zu privat. Da war eine Unfähigkeit, Konflikte auszutragen, in der Familie sei vieles unterm Scheffel gehalten worden. „Manchmal kam so ’ne Schwermut. Ich hab mich viel damit beschäftigt, vieles ist mir auch ein bisschen unklar, wo mein Hang nach Löchern so herkommt zum Beispiel.“

Es gab familiäre Erwartungen, die er nicht erfüllt habe. „Meine Mutter fand das interessant, dass ich so einen eigenen Kopf hatte. Und so einen komischen Weg einschlage. Mein Vater hat das anfangs eher nicht verstanden.“ In seiner Tradition ging man in schlagende Verbindungen, die Bonner Preußen, mit 1.000 Ritualen. „Es herrschte gesellschaftlicher Druck, dass man was Vernünftiges macht. Und vielleicht ist es bei Adligen noch wichtiger, wie man nach außen wirkt, wie man seine Rolle erfüllt.“ Gisbert zu Knyphausen dreht sich eine Zigarette, raucht vor der Tür.

... 2012 starb überraschend sein Kollege und Freund Nils Koppruch. Da verlor er die Lust am Musikmachen, nahm sich eine Auszeit, ging auf Reisen, er war mit dem Goethe-Institut in Russland und Teheran. „Ich war gerührt, wie sie Fremde dort mit offenen Armen willkommen heißen.“ Er machte mit iranischen Musikern einen Trip in die Wüste, sie entwickelten Songs auf Farsi und Deutsch. „Da hat einer noch ’n traurigeren Song als der andere gesungen, das war irgendwie geil, weil es mich so ein bisschen versöhnt hat mit meiner Traurigkeit. Das war in dem Jahr, nachdem Nils gestorben war, und es war für mich ein ziemlich wichtiger Punkt. Es hat mich wieder ein bisschen zurück zur Musikliebe gebracht.“ Er hat ein Album aufgenommen, Das Licht dieser Welt (2017). Das Lied ist an ein Kind gerichtet.

Wie verändert sich die Perspektive mit Kindern? „Natürlich versuche ich, meine dunklen Seiten von der Kleinen fernzuhalten, um ihr nicht zu vermitteln, wie schwierig alles ist. Das entdecken die ja früh genug, dass es im Leben viel Schmerz gibt.“ Er ist nur Teilzeit-Papa und hat beides, er nimmt am Familienleben teil, hat aber auch Zeit für sich, seine eigenen Sachen. „Ist eigentlich perfekt.“ Seine Freundin ist auch Musikerin, sie haben sich bei einem Konzert von Sophie Hunger kennengelernt. Er konnte sich also auf einmal festlegen?

„Es war eine Entscheidung dafür, die ich auf einmal fällen konnte. Wahrscheinlich auch, weil es die richtige Person ist, da fällt das leichter.“ Sie hätten beide gemerkt, dass sie Konflikte miteinander lösen können, bereit dafür sind, das zuzulassen. „Das hatte ich von zu Hause nicht mitbekommen. Mein Vater ist, was emotionale Dinge angeht, ein sehr schweigsamer Mensch. Und das hat sich auch auf uns übertragen. Er war verschlossen, wie viele in dieser Generation. Die haben überhaupt nicht gelernt, über Gefühle zu reden. Als ich und meine Brüder Jugendliche waren, da wusste er gar nicht so genau, wie er sich uns gegenüber verhalten soll. Jetzt, im Alter, haben wir ein engeres Verhältnis.“

Einige Wochen später, Streifzug durch die Alte Nationalgalerie. Gisbert zu Knyphausen sucht solche Orte. Er sieht müde aus, schlafe gerade schlecht. Die vielen Bilder über den Tod sind ihm zu düster. Vor einem Gemälde bleibt er stehen, Rückkehr zur Heimat. Jemand wird im Totenwagen transportiert. Ihn fasziniert das Realistische daran, die Echtheit der Schattierungen, Falten im Gewand, in Gesichtern. „Die Pastellfarben, die machen das andere, das Dunkle, erträglicher.“ Er sucht Widersprüche, er kann sie aushalten. Die Stillleben mit Äpfeln, alte Schinken, hingen bei ihm zu Hause, seine Mutter hat manche gegen moderne französische Malerei getauscht. Monets Sommer, tanzende Blätter, ja, so stelle er sich einen Sommertag vor, sagt er.

„Manchmal glaube ich, dass ich zu langsam bin für all die Dinge, die um mich herum geschehen“, heißt es im Lied Sommertag bei Gisbert zu Knyphausen. Er hat sein Tempo gefunden.


Aus: "„Ich bleibe immer bei den Dramen hängen“" Maxi Leinkauf (Ausgabe 37/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/maxi-leinkauf/ich-bleibe-eben-bei-den-dramen-haengen

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Vielen Dank für das einfühlsame Porträt. Er hat es verdient, so gewürdigt zu werden.


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