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[DDR (Afterglow) // Notizen... ]

Started by Textaris(txt*bot), March 01, 2017, 01:31:25 PM

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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Das Buch ,,Der Osten: eine westdeutsche Erfindung" von Dirk Oschmann, Literaturprofessor aus Leipzig, ist sofort nach seinem Erscheinen zum Bestseller geworden. Und eröffnet eine neue Debatte über ostdeutsche Identität. Gibt es sie überhaupt? Was macht sie aus? Verbergen Menschen, dass sie aus dem Osten kommen? Sind sie stolz drauf? Die Berliner Zeitung lässt Menschen mit Ost-Biografie zu Wort kommen. Heute: Detlev Möller ...

... Aus heutiger Sicht sehe ich den fundamentalen Unterschied zwischen dem Osten und dem Westen darin, dass Ersterer sowjetisch und Letzterer amerikanisch geprägt war. Letzterer, der sogenannte kollektive Westen hat seit den 1950er-Jahren einen Amerikanismus (,,Western Mind") entwickelt, der dadurch gekennzeichnet ist, dass er glaubt, das alleinige Gute, Gerechte, Beste auf unserer Erde darzustellen.

Ein großer Teil der restlichen Welt (auch wir Ostdeutsche) empfindet das als Überheblichkeit, Besserwisserei und auch Arroganz. Um es gleich zu sagen: Ich habe nichts gegen Amerikaner, Russen und andere Völker. Ich habe auf vielen Reisen durch die USA sowohl liebenswerte ,,einfache" Menschen als auch hochgebildete, tolerante und teilweise antiamerikanische (im Sinne der oben gegebenen Charakteristik) Wissenschaftler kennengelernt.

...


Aus: "DDR-Wissenschaftler: ,,Natürlich ist der Osten keine Erfindung des Westens"" Detlev Möller (05.04.2023)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/detlev-moeller-ddr-wissenschaftler-natuerlich-ist-der-osten-keine-erfindung-des-westens-li.334443

Textaris(txt*bot)

Quote[...] HALLE/MZ - Die DDR-Kampfgruppen? Auch ein ,,Versprechen von Kameradschaft und Abenteuer". Die NVA? Eine ,,Chance" für jene, ,,die sich nach Sinn und Zugehörigkeit sehnten". Die lästigen Schuleinübungen in die sozialistische Produktion? ,,Anspruchsvollere Fächer". Sogar der im Ostblockvergleich einzigartig hohe Alkoholkonsum in der DDR – 1988 pro Kopf durchschnittlich 142 Liter Bier und 16,1 Liter Hochprozentiges, doppelt so viel im Westen – erscheint urplötzlich im hellen Licht. Denn, schreibt die deutsch-englische Historikerin Katja Hoyer: ,,Die meisten Ostdeutschen tranken also nicht, um ihre Sorgen zu vergessen, sondern deshalb, weil es für sie zu wenig Anlass zur Sorge gab."

Man reibt sich die Augen: Die DDR ein kollektives Sanssouci? Also eine Gesellschaft ohne Sorgen? So unbefangen wurde selten über den DDR-Alltag geurteilt wie in dem von dem bislang grundbürgerlich liberalen Hamburger Verlag Hoffmann und Campe (Monika Maron, Wolf Biermann) als ,,bahnbrechend" beworbenen erzählenden Sachbuch ,,Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949-1990".

Das Buch ist eine Übersetzung aus dem Englischen, in dem es unter dem Titel ,,Beyond the Wall. East Germany 1949-1990" erschien – Jenseits der Mauer. Verfasst von der 1985 in Wilhelm-Pieck-Stadt Guben geborenen, heute in London lebenden NVA-Offizierstochter (ein Umstand, den sie selbst thematisiert), avancierte das Buch in England zum Bestseller. Ein Weg, den das Werk auch in Deutschland nimmt. Jetzt erscheint es in den Niederlanden.

Der erste Impuls des Buches scheint klar: Es geht – wie im Fall von Dirk Oschmanns West-Polemik – um Anerkennung. Für Hoyer aber geht es um mehr: nicht nur um das Heute, sondern von hier aus auch um das Gestern, sozusagen um die Erfindung einer ,,DDR, aber normal". Ihr Buch, schreibt sie, soll dazu beitragen, ,,die deutsche Obsession der Vergangenheitsbewältigung abzuschütteln, den Zwang, die eigene Geschichte ,überwinden' zu wollen".

Indem Hoyer in ihrem Buch konsequent Diktatur und Alltag trennt, erzeugt sie das Bild einer glücklichen DDR-Mehrheitsgesellschaft, in der die Menschen ,,liebten, arbeiteten, in den Urlaub fuhren". Das Problem ist nur: Die Gesellschaft in einer Diktatur ist nicht von der Diktatur zu trennen. Es gibt kein öffentliches ,,normal".

Eine DDR ohne Mauer, die Hoyer heute zu sehen wünscht, wäre nicht eine andere, sondern gar keine DDR gewesen. Nichts, aber auch gar nichts an der DDR-Gesellschaft ist ohne die Zwänge der Diktatur zu begreifen. Nicht einmal die von Hoyer als ,,prägende Band für die DDR-Rockmusik" gefeierten Puhdys. Prägend für den Ostrock waren übrigens nicht die wiedergängerhaften System-Ossis, sondern die Akteure der 1975 verbotenen Rockband Renft.

Dabei ist es nicht so, dass die Autorin die DDR vordergründig verharmlosen würde. Einmal bezeichnet Hoyer die DDR als einen der ,,effizientesten und rücksichtslosesten Polizeistaaten aller Zeiten". Hingegen hintenrum deutet sie einseitig, fehlerhaft und eindeutig interessegeleitet ihr Material, das sie vorzugsweise aus leicht zugänglichen Büchern anderer Autoren zieht – bis auf einige von ihr geführte Interviews unter anderen mit Egon Krenz, Frank Schöbel und Gregor Gysi. Systemgegner bleiben außen vor.

Einseitig: Weil er sie mutmaßlich als Normstörer stört, beschreibt Hoyer den 1976 ausgebürgerten Sänger Wolf Biermann herablassend als ,,labil", ,,naiv" und ,,seelisch etwas vorbelastet". Als einen Künstler, der in der DDR weder ,,ein breites Publikum erreichen oder gar namhafte Personen oder bestehende Oppositionsgruppen mobilisieren" konnte. Das ist schon ehrabschneidend. Biermanns Wirkung in die Opposition war und ist vital. Kein zweiter Sänger wirkte in so viele verschiedene Milieus hinein.

Fehlerhaft: Der von Hoyer als sowjetisches Großjunker-Opfer vorgeführte Herzog Joachim Ernst von Anhalt, der 1947 im NKWD-Sonderlager Buchenwald starb, war keinesfalls ein ,,entschiedener Gegner der Naziherrschaft", sondern, wie auch seine Ehefrau, Mitglied der NSDAP.

Interessegeleitet: Weil Hoyer der von der SED betriebene Menschenhandel mit politischen Gefangenen in ihrem DDR-Normal-Bild offenbar nicht gefallen kann, unterstellt sie, dass an diesem Geschäft auch die Gefangenen selbst ,,oftmals aktiv mitwirkten" – eine zynische Täter-Opfer-Umkehr.

Ist das noch Geschichtsschreibung oder schon Revisionismus? In Hoyers Bild der DDR-Gesellschaft bleibt die Massenpartei SED völlig äußerlich. Die von ihr als DDR-Gewinner oft – und naiv – gepriesene ,,Arbeiterklasse" wird an keiner Stelle definiert. Dass das DDR-Schulsystem sozial durchlässiger gewesen sei als das der BRD bleibt eine Behauptung. Statistisch wird da nichts belegt.

Warum hat so ein Buch Erfolg? Erstens, es antwortet auf erlebte Zurückweisungen. Zweitens, das DDR-Autoritäre zieht wieder Sympathien an. Drittens, es gibt wenig Anderes. Bis auf Stefan Wolles Buch ,,Die heile Welt der Diktatur" (1998) gibt es keine populäre Alltagsgeschichte der DDR. Das ist die Lücke, in die Hoyer springt. Nur müsste, wer historiografische ,,Normalität" erzeugen will, alles auf den Tisch legen, und nicht nur das, was einem selbst weltanschaulich in den Kram passt.

Statt dessen hält Katja Hoyer ihre Leser effektheischend Kapitel für Kapitel mit reportagehaft personalisierten Storys auf Trab, die im Zieleinlauf das Bild einer homogenen kollektiven Ost-Identität behaupten, die es weder vor noch nach 1989 gegeben hat. Erst dort, wo sich das Identitäts-Phantom auflöst, wäre von einer gültigen DDR-Gesellschaftsgeschichte zu reden – nicht jenseits oder diesseits, sondern mit der Mauer.

Katja Hoyer: Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949-1990. Aus dem Englischen von Henning Dedekind und Franka Reinhart. Hoffmann und Campe, Hamburg, 592 Seiten


Aus: "Endlich sorgenfrei" Christian Eger (23.05.2023)
Quelle: https://www.mz.de/mitteldeutschland/kultur/endlich-sorgenfrei-3615837

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Quote[...] Es ist erstaunlich, dass ein Buch, das eine neue Geschichte der DDR erzählen will, gerade in Großbritannien für viel Aufmerksamkeit sorgt. Katja Hoyer, Autorin von "Diesseits der Mauer", lebt in London und gilt dort als Deutschland- und nun auch als DDR-Erklärerin.

Tim Evers: Frau Hoyer, was war das Motiv das Buch "Diesseits der Mauer: Eine neue Geschichte der DDR" zu schreiben?

Katja Hoyer: Eine Ideengeschichte der DDR zu schreiben, geht mir schon eine ganze Weile durch den Kopf. Sehr oft beschäftigt man sich mit Einzelaspekten der DDR, mit so zentralen Momenten wie 1953 oder 1989 oder mit der Stasi oder mit der Mauer. Aber es wird relativ wenig darüber gesprochen, wie die DDR insgesamt in die deutsche Geschichte passt. Die Frage, wie sie dort einzuordnen ist, lag mir persönlich am Herzen, weil ich ja selber in dieser Umbruchszeit im Osten aufgewachsen und dann später Historikerin geworden bin.

Tim Evers: Sie schreiben in Ihrem Vorwort, dass die Geschichte der DDR vor allem vom Westen geschrieben wurde, woran machen Sie das fest?

Katja Hoyer: Daran, dass man die DDR gerne so als Gegenfolie zum Westen positioniert hat. Es wird oft darüber gesprochen, wie die Gesellschaft im Westen, sagen wir mal zum Beispiel in den 70er-Jahren war, und dann wird der Osten irgendwie drangehängt, oder die DDR wird als Gegenfolie benutzt - gegen die Freiheit, die es im Westen gab, gab es die Diktatur im Osten. In diesen Darstellungen fehlen mir die Erfahrungen, die die breite Masse der Bevölkerung gemacht hat, die sich irgendwo zwischen den beiden Polen des Mitläufertums und der Opposition befand und ihr Leben gelebt hat.

Tim Evers: Es gibt viele Bücher über die DDR, was ist das Neue an Ihrer Geschichte?

Katja Hoyer: Ich denke neu ist der Gesamtüberblick, dass ich zum Beispiel weit vorher, noch vor der Gründung der DDR anfange, um auch die Genese der DDR zu erzählen. Wo kamen beispielsweise die Leute her, die die DDR aufgebaut haben? Ich habe versucht, mich mit Menschen zu unterhalten, die aus allen Bereichen des Lebens kamen, nicht nur mit denen, die versucht haben, die DDR zu verlassen oder, die zum Opfer der Diktatur geworden sind.

Tim Evers: Sie haben einen ostdeutschen Hintergrund, sind 1985 in Guben geboren, haben aber keine bewusste Erinnerung an die DDR. Schreibt sich Geschichte besser mit Abstand?

Katja Hoyer: Ich hoffe, dass mir mein eigener Abstand hilft, weil ich den Kalten Krieg und die ganzen Feindbilder, die damit entstanden und auch bewusst aufgebaut worden sind, nicht erlebt habe. Meine Generation schaut eher mit einem akademischen und distanzierteren Blick auf die DDR, würde ich sagen. Aber auf der anderen Seite hilft mir der ostdeutsche Hintergrund auch, weil ich Sachen, die nachgewirkt haben, bis in die 90er und frühen 2000er hinein, mitbekommen habe.

Tim Evers: Wie war Ihr Weg zur Historikerin? Und aus was für einer Familie kommen Sie?

Katja Hoyer: Ich bin in der Wilhelm-Pieck-Stadt Guben geboren. Dort gab es eine NVA-Militärsiedlung. Kurz nach meiner Geburt, hat meine Mutter weiter in Dresden studiert. Da war ich dabei. Sie ist Lehrerin. Und dann ist meine Familie nach Strausberg gegangen, weil mein Vater als Offizier in der in der Nationalen Volksarmee dorthin versetzt worden ist.

Tim Evers: Es gibt einen Satz in Ihrem Buch, der mich beschäftigt hat, es gab Unterdrückung und Brutalität, aber auch Chancen und Zugehörigkeit, kann man das so einfach addieren?

Katja Hoyer: Ich habe ein Problem damit, dass man immer versucht, diese verschiedenen Perspektiven auf die DDR gegeneinander auszubalancieren. Also immer zu sagen, man kann keine schöne Zeit in der Schule gehabt haben, weil auf der anderen Seite Leute an der Mauer erschossen worden sind. Diese Geschichten gibt es beide. Das sind Kontraste, die wir aushalten müssen, die man nicht versuchen kann, auf einen Kompromiss oder auf eine Geschichte der DDR herunterzubrechen. Sondern es gibt eben Millionen von Geschichten und Lebensgeschichten innerhalb der DDR, die alle existiert haben.

Tim Evers: Stecken wir in Deutschland noch zu sehr in den Schützengräben fest, wenn wir immer von Diktatur und Zwang sprechen?

Katja Hoyer: Zum Teil ja. Ich denke, dass man die DDR oft mit der heutigen Gesellschaft vergleicht und die westdeutsche Gesellschaft und den Staat als Kontinuität versteht. Im Westen Deutschlands gibt es aber diesen Bruch 1990 nicht so sehr wie im Osten.

Tim Evers: Ist Diktatur ein tauglicher Begriff zum Beschreiben der DDR?

Katja Hoyer: Er ist zur Beschreibung des Systems absolut richtig, da führt kein Weg dran vorbei, und ich will da auch nicht daran vorbei. Aber den ganzen Staat, das ganze Land immer wieder darauf zu verkürzen, finde ich zu einfach. Nicht nur im privaten Bereich, sondern auch innerhalb der Betriebe, der Schulen und so weiter haben sich Mikrokosmen entwickelt, in denen die Leute ein Mitspracherecht und auch das Gefühl hatten, sie haben Kontrolle zum Beispiel darüber, wie das Arbeitsklima innerhalb des Betriebs oder der Fabrik war.

Tim Evers: Wir sitzen hier über den Dächern von London, staunen Sie da manchmal über das Interesse hier an Ihrem Buch?

Katja Hoyer: Zum einen Teil ja, aber zum anderen bin ich immer wieder erstaunt, wie viele Historiker über die DDR in Großbritannien forschen. Und die sagen, sie finden, dass das hier unpolitischer und zum Teil auch befreiter möglich ist, weil dieser Kontext nicht da ist, sondern weil man sich mit etwas beschäftigt, was relativ abstrakt und weit weg ist, wenn man in London sitzt. Wenn man in der englischen Sprache redet, dann ist das alles auch nicht so mit Meinungen und Deutungsmustern besetzt, wie das in Deutschland der Fall ist, wo man sich seit 30 Jahren darüber unterhält.

Tim Evers: Sind Sie jetzt durch mit der DDR?

Katja Hoyer: Ich glaube, wir sind noch lange nicht durch, mit der DDR und ich persönlich auch nicht. Da besteht noch sehr, sehr viel Redebedarf. Ich würde nie das Buch, das ich jetzt geschrieben habe, als definitiv das letzte, was zur DDR gesagt worden ist ansehen, sondern ich hoffe, es stößt öffentlich den Dialog an, über die DDR anders zu reden.

Tim Evers: Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Tim Evers für "titel, thesen, temperamente".

Sendung: titel, thesen, temperamente (rbb), Das Erste, 07.05.23, 23:05 Uhr


Aus: ""Es wird wenig darüber gesprochen, wie die DDR in die deutsche Geschichte passt"" (So 07.05.2023)
Quelle: https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2023/05/berlin-brandenburg-interview-autorin-ddr-london-grossbritannien-.html

Quote2. MöhreCottbusSonntag, 07.05.2023 | 09:05 Uhr

Danke für das Interview.Endlich einmal jemand ausspricht,was man immer sagt:Geschichte wird durch die Sieger geschrieben! ...


Quote4. klausbrauseBerlinSonntag, 07.05.2023 | 09:14 Uhr
Antwort auf [Möhre] vom 07.05.2023 um 09:05

Dat is so ne Sache mit der Geschichte und den Siegern. Als langjähriger Nutzer der Transitstrecke zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet, habe ich öfter erleben dürfen, wie sich "die Organe", im sicheren Gefühl auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen (oder zumindest auf der richtigen Seite der Kalaschnikow) mit Willkür und Schikane aufgeplustert haben.


QuoteTorstenBerlin Sonntag, 07.05.2023 | 09:37 Uhr

Super Idee. Seit 1990 erzählt ja eher der ,,Westen" aus seiner Sicht was DDR-Geschichte ist/war ohne es selbst gelebt oder erlebt zu haben. Grundtenor ist immer ,,alles war schlecht, alle wurden verfolgt, nichts taugte etwas....". Es gab einen normalen Alltag für den Großteil der Bürger die in den Darstellungen der Stasi-Opfer untergehen. Ausgewogenheit fehlt bisher.


Quote9.Stefan S.BerlinSonntag, 07.05.2023 | 10:13 Uhr

Systemkritiker kommen in Katja Hoyer's Buch nicht zu Wort schreibt die Süddeutsche Zeitung. Egon Krenz einer der Haupt-Kron- und Zeitzeugen. Es war doch alles nicht so schlimm. Eine "kommode" Diktatur eben. Sagt die Tochter eines Offiziers der Volksarmee, die zudem die DDR nicht bewusst erlebt hat. Unbedingt lesen - also den Artikel in der Süddeutschen, nicht das Buch.

"Das Politische Buch:Eine ganz kommode Diktatur" Rezension von Norbert F. Pötzl (4. Mai 2023)
https://www.sueddeutsche.de/politik/ddr-geschichte-sed-egon-krenz-brd-katja-hoyer-rezension-1.5834330


Quote12.PankowerBerlinSonntag, 07.05.2023 | 10:28 Uhr

Ich bin 1947 geboren und habe die DDR voll mitbekommen.Ich hatte eine glückliche Kindheit trotz der Nachkriegszeit und Entbehrungen. Eine gute Schulbildung auch bei Klassenstärke von 30 und eine gute Ausbildung.Die Jugendzeit war auch super.Man hatte nicht alles, na und?Meine Familie war nicht mit der Politik einverstanden,haben 2 gleisig gelebt.Wurde uns angekreidet auch Arbeitsmäßig.Das war unsere Strafe, damit konnten wir leben. Die Verbote mit der jetzigen Regierung sind viel schlimmer.


Quote
7.
TorstenBerlin Sonntag, 07.05.2023 | 09:37 Uhr

Super Idee. Seit 1990 erzählt ja eher der ,,Westen" aus seiner Sicht was DDR-Geschichte ist/war ohne es selbst gelebt oder erlebt zu haben. Grundtenor ist immer ,,alles war schlecht, alle wurden verfolgt, nichts taugte etwas....". Es gab einen normalen Alltag für den Großteil der Bürger die in den Darstellungen der Stasi-Opfer untergehen. Ausgewogenheit fehlt bisher


Quote
13.Stefan H.BerlinSonntag, 07.05.2023 | 10:33 Uhr
Antwort auf [Torsten] vom 07.05.2023 um 09:37

Es gab auch ein "normales" Leben in der Diktatur vor der DDR-Diktatur. Vor dem Krieg, den diese anzettelte. Das beweist nichts. Wenn man angepasst ist und zu der vom Regime bevorzugten sozialen Gruppe gehört, kann es in jeder Diktatur schön sein. Vor allem, wenn ein gemütliches Leben viel wichtiger erscheint als Freiheit und Menschenrechte und wenn man gut wegschauen kann. Die DDR ist zurecht auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Und nein, nicht wegen der westlichen "Sieger", sondern weil im von der Sowjetunion beherrschten Europa dank Gorbatschow endlich die Menschen ihre Stimme erheben konnten. Ich erlebte den Transit und ich lebte schon vor dem Umbruch in West-Berlin, keinen Kilometer von der Mauer mit ihren Selbstschussanlagen entfernt. Auch machte ich Tagesbesuche bei DDR-Bekannten und längere auf Rügen und kenne die Art, wie Antragstellung und Einreise abliefen. Beim nächtlichen Abschied am Tränenpalast flossen dieselben - bei den DDR-Freunden.


Quote39.HeidiBerlinSonntag, 07.05.2023 | 13:42 Uhr

Es gibt eine Fähigkeit, die sich bei vielen "Ossis" systembedingt mehr ausgeprägt hat als bei "Wessis". Das "zwischen den Zeilen lesen" kann auch heute noch helfen, Dinge differenzierter zu betrachten. Das meine ich völlig wertfrei.


Quote
44. tobergSonntag, 07.05.2023 | 14:16 Uhr

,, Ist Diktatur ein tauglicher Begriff zum Beschreiben der DDR?"
Alle Aussagen zu diesem Abschnitt treffen super meine Erinnerungen, meine Sozialisierung und mein Lebensgefühl in der DDR. Viele Menschen lebten im Alltag diese Trennung zwischen politischem Staat und Heimat mit allem, was Heimat so vom Lebensgefühl her ausmacht.
Scheint ja mal ein Buch zu sein, das das Heimatland für 16 Mio Menschen differenzierter beschreibt und nicht nur Mauer und Stasi.


Quote
45. LorenzoPrenzlauer BergSonntag, 07.05.2023 | 14:43 Uhr
Antwort auf [Stefan H.] vom 07.05.2023 um 12:10

Wenn Ihnen Millionen Menschen oder meinetwegen Hunderttausende Menschen sagen, dass sie sich in der DDR wohlgefühlt haben, dann können Sie zwar gern allen erklären, dass dieses Gefühl nicht sein kann, weil es nicht sein darf, aber das ist doch genau dieses Belehren von anderen, wie man sein Leben zu sehen hat.
Natürlich war der Schießbefehl ein schweres Verbrechen, aber für viele war nun mal der Schießbefehl nicht interessant, weil sie in der DDR bleiben wollten.
Sicherlich oftmals auch wegen der Gefahr, bei Flucht erschossen oder eingesperrt zu werden.
Aber wenn Menschen in Teilen gute Erinnerungen an die DDR haben, ist es schon sehr anmaßend zu behaupten, dass die Leute sich alle irren.
Aber das läuft doch seit 1990.
Westdeutsche Eliten erklären, was gut für Ostdeutsche ist und wie sie sich zu benehmen haben im Goldenen Westen.
Bzw. dass Ossies Demokratie nicht verstanden haben.
Ostdeutsche wissen ganz genau, was Demokratie ist.
Sie brauchen keinen Nachhilfeunterricht.


Quote40. XxxxSonntag, 07.05.2023 | 13:44 Uhr

Na viele autoritäre Afd Wähler haben sich in der autoritäten DDR sicher sehr wohl gefühlt. Naja fehlte nur das national vor dem Sozialismus.

Dann wärs für die wohl richtig super gewesen.


Quote
48. LorenzoPrenzlauer BergSonntag, 07.05.2023 | 14:56 Uhr
Antwort auf [Viola] vom 07.05.2023 um 13:11

Im Grunde hat man doch an der DDR wunderbar verdient.
Billige Arbeitskräfte.
Neue Konsumenten.
Billig Grundstücke vom Westvermögen kaufen usw.
Neue Jobs für Westdeutsche Eliten.
Wenn aber Ostdeutsche an der Demokratie teilhaben wollen, wird ihnen erzählt, sie müssten erst Demokratie erlernen.


...

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Textaris(txt*bot)

Quote[...] Die Diplompsychologin Eva Flemming, Jahrgang 1987, wuchs in Potsdam auf. Seit 2017 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Rostock. Zurzeit leitet sie die Studie ,,Bindung und seelische Gesundheit ehemaliger Wochenkrippenkinder". Diese wird von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.

Annett Heide: Frau Flemming, das Thema Wochenkrippenkinder taucht plötzlich an verschiedenen Stellen in der Öffentlichkeit auf. Sie arbeiten an einer Studie zur seelischen Gesundheit ehemaliger Wochenkrippenkinder. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Eva Flemming: Mein Interesse am Krippensystem der DDR beruht auf der Bindungsperspektive. Ich habe mich gefragt, was es für die seelische Gesundheit eines Menschen bedeutet, wenn er im Alter von sechs Wochen ganztägig abgegeben wird. Und im Fall der Wochenkrippe sogar die ganze Woche Tag und Nacht in der Krippe bleiben muss, von Montag um 6 Uhr bis Freitagnachmittag oder sogar Samstag. Ohne Eltern.

Annett Heide: Sie hatten keinen persönlichen Bezug zum Thema?

Eva Flemming: Es gibt persönliche Bezüge, da meine Eltern aus der DDR kommen und viele meiner Angehörigen ihre ersten Lebensjahre in DDR-Krippen verbracht haben. Das Interesse entstand sicherlich auch aus dem Wunsch heraus, die eigene Familiengeschichte besser zu verstehen. Ich fand aber insbesondere zu den Wochenkrippen kaum Literatur dazu. Das hat mich sehr überrascht.

Annett Heide: Inzwischen haben Sie 150 ehemalige Wochenkrippenkinder mit Fragebögen befragt. Worunter leiden sie?

Eva Flemming: Wir haben uns angeguckt, wie häufig depressive oder Angstsymptome in den vergangenen zwei Wochen vorkamen – und die Anzahl der psychischen Probleme über die gesamte Lebenszeit hinweg. In beiden Bereichen gaben die Wochenkrippenkinder eine deutlich höhere Belastung an als die Vergleichsgruppe. Dafür haben wir Daten von Menschen genommen, die etwa gleich alt sind und in der DDR geboren wurden, jedoch in einer Tageskrippe oder in der Familie betreut worden sind. Der zweite Bereich, den wir uns anschauen, ist die Bindung in den aktuellen Partnerschaften. Da zeigen sich bei den Wochenkindern ebenfalls deutlich höhere Werte bei Bindungsangst und Bindungsvermeidung.

Annett Heide: Gibt es dazwischen einen Unterschied?

Eva Flemming: Bindungsangst beschreibt die starke Angst vor dem Verlassenwerden, und die Sorge, nicht gut genug zu sein für den anderen. Bindungsvermeidung beschreibt das Bedürfnis, den anderen gar nicht an sich heranzulassen, keine engeren Bindungen zuzulassen.

Annett Heide: Und die Wochenkrippenkinder leiden darunter.

Eva Flemming: Nicht immer. Manche Probanden beschäftigen sich schon lange damit, waren vielleicht auch schon in Therapie. Andere sagen, dass sie noch gar nicht lange wissen, dass sie in der Wochenkrippe waren, und ihnen das jetzt erst klar wird. Doch Bindungsschwierigkeiten beschreiben viele.

Annett Heide: Erinnern die sich überhaupt nicht an die Zeit in der Wochenkrippe?

Eva Flemming: Die wenigsten können konkrete Dinge benennen. In der Regel haben wir in den Krippenjahren zwischen null und drei Jahren keine bewussten Erinnerungen. Manche können Sinneseindrücke beschreiben, einen Geruch zum Beispiel. Oder sie wissen, wie sich die Bettdecke angefühlt hat. Sie sagen: Ich sehe einen Flur. Oder ein Gitterbett. Aber es geht uns in der Studie nicht in erster Linie darum, sondern um die Bestandsaufnahme des aktuellen psychischen Befindens und des Erlebens von Beziehungen.

Annett Heide: Wie prägen uns früheste Erfahrungen, die wir gar nicht erinnern?

Eva Flemming: Sie schreiben sich in unseren Körper ein, in die Art und Weise, wie wir uns in bestimmten Situationen mit anderen Menschen fühlen oder verhalten. Daran ist in dieser frühen Lebensphase das sogenannte prozedurale Gedächtnis beteiligt, wie beim Erlernen von Fahrradfahren oder Schwimmen, was wir ja auch nicht vergessen. Man geht davon aus, dass diese ganz frühen Erfahrungen auf diese Art auch festschreiben, wie man sich in Beziehungen fühlt.

Annett Heide: Welche Probleme werden noch genannt?

Eva Flemming: Viele sagen, dass sie sich immer fremd gefühlt haben in Gesellschaft, dass sie sich in Gruppen nicht richtig zugehörig fühlen. Sie fühlen sich verlassen und leiden unter Selbstzweifeln. Ein großer Teil berichtet von Depressionen und Angststörungen im Erwachsenenalter. Bei einigen treten diese Probleme auf, wenn die eigenen Kinder erwachsen werden und aus dem Haus gehen.
Studienteilnehmer beschreiben ein Gefühl, als ob die Beziehung nicht mehr existiert, sobald die geliebte Person nicht mehr körperlich anwesend ist. Häufig wird ein großes Harmoniebedürfnis beschrieben und Schwierigkeiten, Konflikte auszutragen. Dazu nennen viele ein fehlendes Urvertrauen. Auch das entsteht in den ersten Lebensjahren – durch die ständige, möglichst feinfühlige Zuwendung einer festen Bezugsperson.

Annett Heide: Betroffene haben mir von Zusammenbrüchen in ihrem Leben berichtet, die sie monatelang, teils jahrelang aus der Bahn geworfen haben.

Eva Flemming: Das ist aber nicht bei allen so. Es gibt Studienteilnehmer, die beruflich sehr erfolgreich sind. Sie sagen, dass sie ihr Gefühl des Mangels gut durch berufliche Leistungsfähigkeit kompensieren können. Andere wiederum mussten aufgrund seelischer Probleme früher aus dem Beruf ausscheiden, sind früh berentet.
Man weiß aus Studien mit Heimkindern, dass Menschen, die von der Familie getrennt aufgewachsen sind, schneller auf Stress reagieren – auch wenn sie objektiv nicht anstrengenderen Umständen ausgesetzt sind als andere. Wir versuchen, das auch in der Studie zu erfassen, indem wir das Cortisol-Level untersuchen.

Annett Heide: ...das Stresshormon, das inzwischen gut entschlüsselt ist...

Eva Flemming: Cortisol lagert sich unter anderem im Haar ab, und man kann daraus Schlüsse ziehen über das Stresslevel. Die Hypothese ist, dass sich körperliche Stressregulationsprozesse in den ersten zwei Lebensjahren ausbilden, Babys können das zunächst nicht selbst, sondern müssen wiederholt die Erfahrung machen, dass die Bezugsperson zuverlässig kommt, beruhigt und somit den Stress für das Baby reguliert. Wir wollen überprüfen, ob es bei den Wochenkrippenkindern Hinweise darauf gibt, dass sie ein dauerhaft erhöhtes Stresslevel haben. Diese Proben werden wir aber erst Ende des Jahres auswerten.

Annett Heide: Waren diese weitreichenden Auswirkungen von umfassender Fremdbetreuung in der DDR bekannt?

Eva Flemming: Die Bindungstheorie kannte man auch in der DDR seit den 60er Jahren, aber man hat sie nicht berücksichtigt. Das ideologisch motivierte Ziel war es – neben der verfügbaren Arbeitskraft von Frauen –, die Kinder möglichst früh in einer kollektiven Betreuung zur sozialistischen Persönlichkeit zu formen. Es wurde auch vom Kinderkollektiv gesprochen.

Annett Heide: Zu diesem Ergebnis kamen bereits Studien in der DDR.

Eva Flemming: Ich möchte betonen, dass es uns mit dieser Studie nicht darum geht, jemandem Vorwürfe zu machen, weder den Eltern noch den Erzieherinnen. Jedoch kann man klar feststellen, dass in der DDR aus politischen Gründen die wochenweise Krippenbetreuung aufrechterhalten wurde, auch nachdem die schädlichen Folgen für die Entwicklung der Kinder bekannt waren.


Aus: "Folgen des DDR-Kitasystems: ,,Viele leiden unter Depressionen und Angststörungen"" (04.06.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/das-krippensystem-der-ddr-viele-leiden-unter-depressionen-und-angststorungen-9905777.html

Quoteminimal
04.06.23 19:37
Normalerweise würden Untersuchungsergebnisse zu dem Thema "Bindung und seelische Gesundheit ehemaliger Wochenkrippenkinder" ja in einer Fachzeitschrift veröffentlicht.
Dass das Thema nun plötzlich an verschiedenen Stellen und Medien in der Öffentlichkeit auftaucht, hat damit zu tun, dass es im Rahmen des Verbundprojektes "Gesundheitliche Langzeitfolgen von SED-Unrecht" erfogt.
Das Projekt wird für drei Jahre vom Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer aus dem Haushalt des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie gefördert. So wie weitere Themen im Rahmen dieses Verbundprojektes, u.a. zum DDR-Leistungssport hat es also auch primär eine politische Ausrichtung. https://kpm.med.uni-rostock.de/forschung/studien

Im übrigen wurden durch die Medizinierin, Sozialhygienikerin und Krippenforscherin Eva Schmidt-Kolmer in der DDR umfangreiche Studien zu diesem Thema bereits von 1953 bis 1957 sowie 1971 bis 1973 an mehreren tausend betroffenen Kindern durchgeführt und auch in zahlreichen Büchern veröffentlicht. Näheres kann man u.a. hier nachlesen: "Wochenkrippen und Kinderwochenheime in der DDR" https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/262920/wochenkrippen-und-kinderwochenheime-in-der-ddr/


QuoteMartin_Kniffke
04.06.23 19:19

    Zurzeit leitet sie die Studie ,,Bindung und seelische Gesundheit ehemaliger Wochenkrippenkinder". Diese wird von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.

Hier verbirgt sich schon das Problem. Ginge es um die Erforschung bestimmter Kinderbetreuungs- und Aufbewahrungs-Organisation, wäre die Frage nicht, was in einer Kinderkrippe der DDR geschah. sondern was in Einrichtungen geschah, in denen Kinder vergleichbaren Strukturen, Konzepten und Erziehungsvorstellungen ausgesetzt waren.

Denn tatsächlich unterscheidet sich die DDR hier nicht wesentlich von Einrichtungen, die in den jeweils zeitgenössischen Einrichtungen der BRD betrieben wurden. Man könnte es sogar darüber hinaus mit der Kinderbetreuung, dem Heim- und Adoptionswesen, den Kinderkuren im EU-Nachbarländern vergleichen.

Daraus ergäbe sich im Bewusstsein - es rettet mich nicht, irgendwie nicht DDR gewesen zu sein. Oder beim Iren wars noch schlimmer. Oder in Spanien wurden Kinder von der Kirche verkauft, während ich da doch nur Urlaub gemacht habe...

Ich halte es für fragwürdig, mit solchen Untersuchungen auch nur den Anschein zu erwecken, sie seien ein polemisches, oder chauvinistisches Kampfmittel für die Aufarbeitung von DDR-Unrecht. Es ist kein DDR-Unrecht. Es ist das Unrecht einer ganzen Epoche und vieler Gesellschaften. Die sich in diesem Punkt eben nicht unterschieden. Wir haben schon einmal eine Chance verpasst. Niemand fragte nach dem Verfassungsschutz. Als wir die Stasi auseinandernahmen. Das hat nach NSU etc. vielen Menschen das Leben gekostet. Wir wissen heute, das DDR wie BRD-Pharma Medikamententests ungefragt unethisch praktizierten. Also bitte worum geht es? Ich bin völlig dafür, dass Betroffene staatlicher, kirchlicher oder auch privatwirtschaftlicher Kinderbetreuung und -aufbewahrung, über ihre Erfahrungen und Verletzungen und die Folgen für ihr Leben sprechen.
Damit sie Gerechtigkeit erfahren und wir lernen wie man es nicht macht. Nirgendwo.


Quotemaifeier1950
04.06.23 18:47
Mir erschließt es sich nicht - null -, was mit diesen Artikel und deren Aussagen bezweckt werden soll?
Wollen diese Personen, welche noch heute die Folgen " verspüren", eine Entschädigung erwirken?
Es gibt immer im Leben Licht- und Schattenseiten.
Die "Kriegsrückkehrer" hatten da ganz andere Probleme.


Quoteexistenz
04.06.23 19:14
@maifeier1950 am 04.06.23 18:47

Was stört Sie an Forschung? Wenn man ihrer Logik folgen würde, dann wäre auch Wissenschaft überflüssig - überhaupt jede Nachfrage oder Frage oder Wissensdurst. Und dann gäbe es keinen Strom, kein Internet, kein Tagesspiegel - Portal und Ihren Usernamen + Kommentar gäbe es auch nicht. Es gäbe auch keine Buchstaben, keine Satzbildung, keine Sprache...
Gibt es keine Gründe, warum man Kinder in Schulen nicht mehr schlägt? Warum Eltern Ihre Kinder nicht mehr schlagen? Warum Mütter Ihre Kinder nicht mehr nur kurze Zeit stillen?


Quotedinsdale
04.06.23 18:46

Allgemein gibt es zur Kinderbetreuung in den 50er und 60er Jahren immer mehr Dokus, die z.T. ziemlich gruselige Details enthalten. Und dazu gehören ja nicht nur Krippen, sondern auch Kinderheime usw. Im Westen gab es ja auch diese Elternkuren, wo die Kinder dann zwar "nur" einige Wochen dauerhaft fremdbetreut wurden. Aber auch da gibt es inzwischen immer mehr Berichte von den Traumata, die dort angerichtet wurden. Sicher ist heute vieles anders und besser. Trotzdem hat es Auswirkungen, wenn Kinder mehr von Fremdpersonal betreut werden als von den eigenen Eltern. Ein grundsätzlich intaktes Elternhaus vorausgesetzt.


QuoteRobert_Rostock
04.06.23 09:11

Im Artikel wird so getan, als sei das in der DDR der Normalfall gewesen, als seien fast alle Kinder in Wochenkrippen gewesen. Das stimmt aber doch nicht.
Wochenkrippen gab es, sie waren aber die Ausnahme. Die allermeisten Kinder kamen in Tageskrippen.


QuoteMB08
04.06.23 11:10
@Robert_Rostock am 04.06.23 09:11

Komisch, selber Artikel, anderer Eindruck. Zumal die Autorin mehrfach darauf hinweist, dass es ihr nicht um die Bewertung des Betreuungssytsems, sondern um die Erhebung von Spätfolgen der Betreuung durch Wochenkrippen, ging. Ich finde diese Untersuchungen sehr wichtig, unabhängig aus welchem Land oder System, da auch heute die vermeintliche Vereinbarkeit von ,,Beruf und Familie" noch immer auf den Rücken der Kinder ausgetragen wird. Immer wieder wabern Ideen der 24-Stunden-Kitas oder, wie hier in Berlin, die Mobile Kinderbetreuung, durch die Gesellschaft, damit Mama und Papa ungestört ihren beruflichen Verpflichtungen nachgehen können. Diese Angebote wecken Begehrlichkeiten von Arbeitgebern gegenüber ihren Arbeitnehmer_innen und die leidtragenden sind die Kinder in Dauerfremdbetreuung. Ich persönlich finde es grundlegend falsch, dass sich das Familienleben immer wieder dem Arbeitsleben unterordnen muss. In einer idealen Welt wäre es anders herum.


Quoteexistenz
04.06.23 17:55
@MB08 am 04.06.23 11:10
Der Artikel hat überhaupt keine Aussage über die Zahl der Betroffenen gemacht. Hier ein Hinweis:

1965 gab es 40.000 dieser Krippenplätze. 1980 noch die Hälfte. Grob überschlagen standen also rund 13.300 solcher Plätze für einem Jahrgang zur Verfügung. Geburten ca. 184.000 in der DDR 65'. Dann waren das rund 7%, die in eine dieser Krippe kamen. Wenn das System noch zehn Jahre so weiterlief, dann käme man auf 40.000+(13,300*10)=173.000 Kinder - für den betroffenen Zeitraum von 1965-1975.
Laut anderen Quellen waren es wohl 100.000 Krippenkinder für die gesamte Zeit in der DDR von 1951 an. Diese Zahl erscheint anhand der Erläuterung oben nicht plausibel. Diese Zahl wird wohl eher sogar bei ca. 200.000+ Kindern gelegen haben.


Quotegaspi
04.06.23 13:04
@Robert_Rostock am 04.06.23 09:11

Tja, mein Bruder und ich waren in so einer Wochengrippe. Ich z.B. habe als Kleinkind aufgehört zu essen. Mein Bruder und ich sind von dieser Zeit geprägt.


...

Textaris(txt*bot)

#73
"Rechtsextremismus in Ostdeutschland: 60 Prozent der Ostdeutschen halten Deutschland für "überfremdet""
Eine repräsentative Studie für Ostdeutschland zeigt: Viele wünschen sich "autoritäre Staatlichkeit". In einem Bundesland ist Ausländerfeindlichkeit besonders groß.
Von Jona Spreter, 28. Juni 2023
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2023-06/ostdeutschland-rechtsextremismus-efbi-studie

Quote
Kacma

Schade, dass die Studie nur auf die ostdeutschen Bundesländer beschränkt war. Der Vergleich mit Westdeutschland wäre erhellend gewesen. So liefert die Studie nur begrenzt Aussagen zu ostdeutschen Eigenheiten.


Quote
Jeremiah J.

60% der Ostdeutschen befremden mich.


...

Quote...

Superb *wildgewordene Userin
@batcatsupiwoman 1:32 nachm. · 26. Juni 2023
Sagt mir bitte nicht dass ihr tatsächlich überrascht seid?! Ich komme aus dem tiefsten Sachsen. Ich bin irgendwas zwischen 25 und 37 Jahre alt und ich kann euch erzählen wie der Großteil von uns erzogen wird. Erstmal bekommt man von klein auf den Satz zu hören damals (DDR) war es besser. Es wird hart auf den Westen geschimpft, über die Arroganz und Überheblichkeit. Warum u was "der Westen" genau gemacht hat, weiß ich nicht. Was ich weiß ist dass plötzlich viele arbeitslos waren,viele Immobilien wurden in den Westen verkauft.
Es wird einem eingetrichtert dass Ausländer böse sind, es gibt jedoch auch "gute Ausländer " was aber nicht heißt dass diese genauso toll sind wie Deutsche. Sämtliche beleidigende Betitelungen je nach Herkunftsland. Wenn du dich dann beim heranwachsen nicht selbst Hinterfragst warum oder ob das denn nicht alles Blödsinn ist u dass sich die Welt weitergedreht hat,bleibst du in dem Gedankengut. Es sind immerhin deine Eltern, Großeltern. Bekannte und Freunde die so reden,kann ja nicht falsch sein. Ich schätze viele sind in der DDR aufgewachsen, unter Propaganda. Mit Einschränkungen, Stasi kaum Freiheit. Es gab nur den einen bestimmten Weg, kaum Möglichkeiten sich selbst finden zu müssen,es gab Arbeit,man musste arbeiten. Die Freiheit wie wir sie haben in einer Demokratie ist noch nicht allzu lang für Die viele aus dem Osten. VIELLEICHT ist die Freiheit die ,die afd wähler wollen in Wahrheit einen vorgegebenen Weg um sich nicht selbst kümmern zu müssen um Grenzen zu haben da man sich sonst verlieren kann und man selbst verantwortlich ist. Freiheit muss man aushalten können.
Das ist absolut keine Rechtfertigung für die Rechten,Nazis usw. Will damit nur aufzeigen dass es mich nicht wundert. Propaganda läuft da wie gehabt. #Sonneberg
https://threadreaderapp.com/thread/1673293228408291331.html

https://twitter.com/batcatsupiwoman/status/1673293228408291331


...


iris @memories2019_12 26. Juni
Und wie kommt man dann an diese Leute ran? Wir haben keine Zeit zu warten, bis das Denken durchbrochen wird, zumal das ja schon etliche Generationen sind.

Superb *wildgewordene Userin @batcatsupiwoman 26. Juni
Ich glaube fast dass es nicht möglich ist. Nur wenn die Erfahrung wird lehren.

LieseLotte Müller
@Lieselotte2604 26. Juni
Unpopuläre Meinung, aber ich kann diese "Arroganz des Westens" nachempfinden.
Immer noch...und ich bin aus den "alten Bundesländern"...
Da braucht sich keiner rausreden...
Die Situation ist beschissen, aber mit dem Finger braucht da keiner deuten, alles fleißig mitverzapft ...

Tobias Lange @lange_tobias_hh 26. Juni
Es ist richtig, das wir nach 89 die kapitalistische Naivität des Ostens gnadenlos ausgenutzt haben und es nie um die Menschen ging. Sie waren egal und es war egal, dass sie mit Kapitalismus überfordert waren. Man wollte ihr Geld und wer nicht klarkam, egal!

Micha @Wasglbtsneues 26. Juni
Ich bin in der DDR aufgewachsen, Sachse und habe meine Kinder niemals rassistisch erzogen. Bitte nicht einfach verallgemeinern!

Superb *wildgewordene Userin @batcatsupiwoman 26. Juni
Wenn man bitte den Text lesen würde und sich nicht nur empören,Da steht nirgends ALLE uff

hexlein_le @HexleinL 27. Juni
Der Grundtenor klingt aber so.

Superb *wildgewordene Userin @batcatsupiwoman 27. Juni
Wenn man das so lesen will.

hexlein_le @HexleinL
Nein. Ich WILL es nicht so lesen, ich lese es so.

Chris @chgeese
Die Aussage ist ganz klar, dass das die persönliche Erfahrungswelt ist. Also subjektiv wahrgenommen ein grundsätzliches Problem. Also haben beide etwas recht: es ist eine Verallgemeinerung, aber deutlich als subjektiv und nicht statistisch bewiesen deklariert.

Superb *wildgewordene Userin @batcatsupiwoman 27. Juni
Ich möchte klarstellen dass es meine Erlebnisse sind,keine Analyse oder Studie,so bin ich aufgewachsen. Hinterfragst habe ich alles auch Zusammenhänge kenne ich jetzt. Und schon gar nicht pauschalisier ich! Bitte lest den ganzen Text!

@SoRi_Roe
Was mich dabei immer ein bisschen wundert: die Wiedervereinigung ist jetzt 33 Jahre her... Fast so lange wie vorher das DDR-Regime geherrscht hat... Braucht es wirklich genauso viel Zeit die alte Denkweise zu überwinden, wie es vorher gebraucht hat um sie in die Leute einzutrichtern? Sorry wenn ich mich vielleicht unglücklich ausdrücke .. waren die ~40 Jahre Kommunismus so prägend dass es fast genauso lange braucht sich davon zu erholen?

Linus Schroeder @SchroederLinus 26. Juni
Ich kann das nur unterschreiben. Erst mein Weggang aus Thüringen hat mir gezeigt, dass diese Denkweise überhaupt nicht so normal ist. Es war im Westen eine andere Welt.

Hoffnungslos @BigHoffnungslos 26. Juni
Kenne ich auch so aus meiner Zeit im Osten. Tiefster Rassismus, Antisemtismus und Misogynie als Grundeinstellung ohne jegliche Erkenntnis oder Verständnis das etwas untragbares gesagt wird.
Nach Selbsteinschätzung war kaum einer menschenfeindlich.

mandywe89 @mandywe89 26. Juni
Kann ich bestätigen, wir sind damals 1994nach Hessen gezogen, weil er dort besser verdient hat, seine Brüder waren entsetzt. Wenn ich heute fast 30 Jahre später mit meinen ostdeutschen Verwandten am Tisch sitze, fühle ich mich wie 1994. Nichts hat sich in den Köpfen bewegt.

Pandemiearzt @stegmeyer 26. Juni
Was ich mich aber zunehmend frage, weshalb in der alten BRD es die Nazis kaum je in die Parlamente geschafft haben. Bis weit in die 70er waren ähnliche Sprüche bzgl.  ,,Ausländer", Juden, Farbige völlig normal. ,,Unter Hitler gab es wenigstens noch Ordnung." Und die Autobahnen!

onezerotripleseven @10777_berlin 26. Juni
FAZ, 30.05., S. 7 Die Gegenwart. Frau Geipel beschreibts: "Noch immer halten die DDR-Kriegskinder das Binnenkollektiv Ost in ihrem Bann. Die jüngeren Generationen kreieren eine nach außen verlagerte Entlastungserzählung und versuchen, den Westen zum großen Buhmann zu machen."

UliLarike @ULarike 26. Juni
ja ich sehe das auch so, bin in Thüringen geboren, mit der Wende und Ausbildung nach Hessen, ich ertrage Klassentreffen nicht mehr, diese Ignoranz und Selbstgefälligkeit ist mega anstrengend, die Menschenverachtung wurde vorgelebt und nie aufgearbeitet.

Torsten Schreiter @TorstenSchreit1 26. Juni
Bin Dresdner und 40, bestätige diese Aussagen 100%.

Thomas Forget @Forget1962 26. Juni
Ich bin in Ost-Berlin aufgewachsen. Aber schon 1978 habe ich als Lehrling mitbekommen, was latenter Ausländerhass ist. Es ging schon damals gegen Vietnamesen und Kubaner, obwohl die ja nach ihrer Lehr- und Arbeitszeit meist nach 3-5 Jahren wieder in ihre Länder zurückgingen.

hann_sanne @HannSanne 26. Juni
Ich bin aus dem tiefsten Sachsen weggegangen, als Du geboren wurdest. Es ist sehr weit verbreitet, was Du schreibst.
Und viele haben Angst, sich dagegen zu äußern. Die Saat ist schon aufgegangen.

Tilhelm Well @TilhemWell 26. Juni
Die Ursachen für den Wahlerfolg sind vielschichtig und warum es gerade im Osten passiert und warum gerade eine Menge Ossis diesen Rattenfängern (wo die Spitzen mehrheitlich aus dem Westen stammen) nachrennen, die sie zuvor verteufelt haben, lässt sich nicht in 240 Zeichen packen.

ℕ𝕒𝕤𝕔𝕙𝕜𝕒𝕥𝕫𝕖 @niwolfi 26. Juni
Fast meine komplette Verwandtschaft aus der ehemaligen DDR (Thüringen und Brandenburg) ist leider auch, sehr fremdenfeindlich. Teils waren sie Stasi Mitarbeiter, teils nicht aber entnazifiziert sind irgendwie alle nicht... schlimm! ... ich habe zu keinem mehr Kontakt.

Die Bürokrateuse @Integrateuse 26. Juni
So sieht's aus. Mein Vater war immer rechts, heute wählt mein Bruder AfD. Dass das nicht normal ist, hab ich erst während des Studiums gemerkt, als ich das erste Mal mit Menschen aus den alten BL in Kontakt kam. Nichts an dieser Wahl überrascht mich.

Lukas Abegg @Dubio_ 26. Juni
Soziokulturell war die ,,Wiedervereinigung" eben viel mehr eine Annexion des Ostens durch den Westens. Aus dieser Perspektive gibt es einen klaren Sieger und klaren Verlierer, was die grossen Leitmedien aber nie so offen ansprechen.

Homo Sapiens @JunoWega 26. Juni
Auch aus Sachsen. Kann das Gesagte nicht teilen. Es gibt eine gewisse Trägheit. Aber die Leute sind nicht generell unerreichbar. Am wichtigsten ist es nicht einfach weg zuhören im Alltag, immer wieder auch im Kleinsten sachlich Kontra geben und zum Nachdenken anregen.

Stefan vom Lande @StefanH38016719 26. Juni
Meine Meinung ist, dass man dem Osten das rechtsextreme Gedankengut immer hat durchgehen lassen, immer beschwichtigt hat, das seien ja nur paar Querköppe. Seit 30 Jahren. ...

Tiniko @CNikolajew 27. Juni
Interessant, Ähnliches hörte man auch im Westen in der Nachkriegszeit, nur bezog sich die Relativierung da auf die Politik die 1933 ermöglichte. Die ,,bösen" 68er waren im Westen, trotz Springer, der Anfang vom Ende dieser Haltung.

Mascha & der Schrödi @Mascha66973759 27. Juni
Nun bestand die DDR aber nicht nur Sachsen, Entschuldigung! In den anderen neuen Bundesländern lief das offenbar etwas anders. Was also ist in Sachsen passiert? Ich kann das so nicht gelten lassen! Sorry!

Sündenziege @sundenziege 27. Juni
Ich bin in Sachsen aufgewachsen und stimme dir uneingeschränkt zu. Ich hab einen Wessi geheiratet (was lustig ist, weil wir beide nach der Wende geboren wurden) und bin ausgewandert.
Es erschreckt mich, wie lange ich diese Denkweisen selbst inne hatte.

Lotti ist Laut @Letustalk9 27. Juni
Eine Zeit lang wohnte ich in Leipzig und war beruflich viel in Sachsen und Thüringen unterwegs. Ich war ziemlich überrascht, wie sehr das Wessi/Ossi-Denken dort verankert ist, wie viel geschimpft und gefremdelt wird und wie winzig klein der Horizont ist.

COBE @Eyetwinkle79 27. Juni
Was mein Mann sagte: wir (Ost)Deutschen sind Untertanen. Haben nie gelernt, was Freiheit ist und bedeutet. Niemand kann damit umgehen, wenn keiner von Oben sagt, wo es lang geht. Und weil man abgehängt wurde, schimpft man auf die , die noch unter einem selbst sind.

Random Dude @xSoulHunterDKx 27. Juni
Das sind fast 1 zu 1 die Erlebnisse, die Freunde und Familien aus dem Osten dort erlebt haben. Einer meiner Freunde dort ist stramm rechts und seine ganze Familie auch. Nichts als Hass, Stammtischgelaber und inhaltlose, unrealistische Fantasien. Der ach so böse Westen und linke.

Nix wie weg! @KaznaSunstorm 27. Juni
Meine Frau kommt aus Brandenburg und jedes mal, wenn man mit der Familie dort Kontakt hatte, hörte ich das selbe. Am Ende lief es immer darauf hinaus, dass #dieAnderen Schuld sind am eigenen Leid. M.E. ging das mit der Freiheit anscheinend zu schnell. ...

Guru D. Safak @Politguru 27. Juni
Leider konnte ich vieles davon auch in NRW beobachten, auch bei ehemaligen Freunden.

StreuselkuchenmitSahne @Streuselkuche11 27. Juni
Ich lebe in Sachsen- Anhalt, war Teenager, als die Wende kam. Weder im Freundeskreis, noch Bekannte haben diese Denkweise. Ich ebenso wenig u so wurde mein fast erwachsenes Kind auch kein ewig gestriger Nachwuchs-Ossi.

BamBam1976 @BBam1976 27. Juni
Ja du triffst den Nagel auf den Kopf. In Brandenburg auch. Das erklärt die 25% AfD Wähler in total. Aber es erklärt nicht, warum 50% nicht wählen. ...

Frau in Blau @Frau_in_blau 27. Juni
Ich hab immer gehört: "In der DDR war nicht alles schlecht." Die Mär vom arroganten Wessi kenne ich auch (habe einen geheiratet und jetzt ist Ruhe), aber gegen Ausländer wurde nicht hergezogen. Im Gegenteil, Nazis wurden zutiefst verachtet.

тöт тип @sheepdog85 27. Juni
Digger, eine Umarmung. Von mir. Für dich. Ist in vielen postkommunistischen ländern so. Ich komme aus Russland, und habe das Glück dass mein Umfeld gut mit der Freiheit umgehen kann. Aber genau diese Hilflosigkeit sehe ich auch oft.

Manuel-Aldo 444 Liebenow @Maschinello 27. Juni
Moin zusammen, so wird also in D-Ost aufgewachsen. Das kennen wir "Wessis" zu 100%, nur in meinem Alter (>60) genau umgekehrt. Wir hörten von Eltern, GrEltern, Lehrern, Alten, Richtern..: "es war doch nicht alles (im "3.Reich) schlecht"... Bis 1968, dann wurde das etwas geklärt.

RandomChickBunchOfNumbers @ChickOfNumbers 27. Juni
Ich kann das so unterschreiben! Die gefühlte Demütigung durch die ,Besserwessis' sitzt tief, die wollen nur das schlimmste, wissen alles besser. Meine gesamte erweiterte Familie halt null Kontakt zu Marginalisierten, lebt komplett in einer weißen cis Blase ...

Grzegorz Brzęczyszczykiewicz @_eMaX_ 27. Juni
Es war ja nicht alles schlecht damals.

B H @HendrikKlarname 27. Juni
Also das mit der Wut auf Wessis ist halt nachvollziehbar.

angel on a rampage @cowgirlietina 27. Juni
Und genau dort ist eines der Probleme, nach 34 Jahren immer noch von Wessi und Ossi zu schreiben.

Trying my best @PosSumGame 27. Juni
Ich habe es satt! Warum denken dann Polen, Litauer, Letten, Esten, Tschechen, Slowaken, Rumänen, Kroaten nicht so? Warum gibt es hier nur diese eine Insel mitten in Europa, die sich nach russischem Imperialismus, Diktatur, Stasi, sogar Nazizeit zurücksehnt?

Edeldruide @edeldruide 23 Std.
Genau so sieht's aus. Als Thüringer kann ich zu all den Punkten ja sagen. Und es ärgert mich bis heute wie viele meiner Freunde und Bekannten mit 25-36 nicht über diese anerzogenen Dinge nachdenken.

Sazzy @Sazzylein
Genau das! Ich bin gleiche Altersgruppe wie du und genau so aufgewachsen.
Meine große Schwester war mit Nazis befreundet, meine Mutter war ähnlich gestrickt. Als ich als Teenie in den Westen gezogen bin, habe ich langsam verstanden wie "verkorkst" meine Familie eigentlich ist.

HeyNeira @HeyNeira
Bin krass deiner Meinung. Wohne auch in Sachsen, komme aus Sachsen Anhalt, bin Mitte 20 und kenne alle diese Sprüche.
Was aber nicht heißt, dass hier wirklich alle so sind und so denken. Aber leider sind es dennoch zu viele, die so denken. :(

electrolite @electrolite83
Ich kann das nicht bestätigen. Aufgewachsen in Sachsen-Anhalt, heute 40. Was ich mitbekommen habe, war ein tiefes Misstrauen jedweder Regierung gegenüber. "Die bescheißen uns sowieso alle." Sie gingen trotzdem wählen, fanden es wichtig, wählten wechselnd, aber niemals rechts.

Kl op Kyke @klonkyke
Ich bin nur wenig älter und nicht so aufgewachsen.. Meine Eltern waren immer Linken-Anhänger (bewerte ich jetzt nicht) und selbst da bemerkt man Tendenzen, wo man versteht, warum manche direkt von links nach rechts kippen. Eltern (noch) nicht aber quasi das halbe Dorf.

Didi @WinterD22
Wir sind aus dem Ruhrgebiet und unsere Familie ist bunt. Einmal waren wir in Dresden und Polen zum Urlaub. NIE Wieder. Die übelsten Blicke und eindeutig ablehnende Haltung gegenüber uns. Das ist so traurig und macht wütend.

Andi beth Nahrin @AndiMesoPott
Es gibt aber auch gute Ossis.

Daniela aka Alsbeth @alsbeth82
Komme aus Brandenburg, bin 41. In meiner Familie gabs das nicht. In vielen anderen Familien meiner Mitschüler aber schon. Ich war die einzige linke Zecke in der Klasse, 3 offene Faschos und der Rest hat den Kopf eingezogen und genickt. Selbst Lehrer waren teils so drauf.

verkehrswendebergstrasse @verkehrswendeb2
Ein Bekannter von mir zieht aus Dresden weg nach Norddeutschland, weil er es nicht mehr aushält bei dem ganzen Nazigedankengut im Alltag dort und seine Kinder dort nicht aufwachsen lassen möchte. Und er ist Ur-Sachse!

tomy @tomybee81
Das rechte Gedankengut war schon vor der Wende da, und den 90ern, den Baseballschlägerjahren, kultiviert. Zur Wahrheit gehört aber auch das Vakuum, über Nacht Millionen Arbeitslose, geschlossene Jugendclubs, keine ausgeprägte Vereinskultur, Leere in vielen Köpfen weil der Sinn Aufeinmal fehlte. Viele sind da glaub ich nicht rausgekommen. Die 90er waren wild für uns Jugendliche. Die Eltern gucken wie sie den Arsch an die Wand kriegen sollen und wir Kids mehr oder weniger vogelfrei. So empfinde ich das rückblickend zumindest War halt nur die Frage was man damit macht.  Ich bin eher in eine linke Richtung gegangen weil ich unbedingt Songs von nirvana lernen wollte in der 6. Klasse. Andere sind mit wütend mit baseballschlägern losgezogen und haben die gerade entstandenen dönerbuden angezündet Und das hat sich verfestigt bei vielen die geblieben sind ...


...


Textaris(txt*bot)

Quote[...] Geboren 1936 in einer kommunistischen Familie in Hamburg, deren jüdischer Vater im KZ ermordet wird, kommt Wolf Biermann mit seiner Mutter 1953 in die DDR. Mit seinen Liedern und Gedichten eckt er schnell an und erhält Auftrittsverbot. Seine kritische Poesie, oft gesungen in seiner Wohnung in der Berliner Chausseestraße, wird DDR-weit und auch im Westen bekannt. Sein Lyrikband ,,Die Drahtharfe" veröffentlicht er in West-Berlin.

Biermann, eng befreundet mit dem Dissidenten Robert Havemann, wird zu einem der bekanntesten DDR-Oppositionellen. Nach einem Konzert 1976 in Köln, das vom Fernsehen übertragen wird und in Ost wie West Furore macht, wird er gegen seinen Willen ausgebürgert, was eine Solidaritätswelle in der DDR auslöst. In der Bundesrepublik fängt Biermann ein neues Leben an.

Wolf Biermann hat zehn Kinder und Ziehkinder, darunter Nina Hagen, Tochter seiner Lebensgefährtin Eva-Maria Hagen. Inzwischen 86 Jahre alt, lebt er heute mit seiner Frau Pamela in Hamburg. Politisch mischt er sich ein, gilt als Begleiter von Angela Merkel und nennt Kanzler Olaf Scholz einen Freund. Am Mittwoch eröffnet im Deutschen Historischen Museum in Berlin die Ausstellung ,,Wolf Biermann – ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland".


...

Robert Ide: Als junger Kommunist siedelten Sie 1953 in den Osten über.

Wolf Biermann: Ich wollte helfen, dass die Deutschen nach der Nazizeit eine bessere Gesellschaft errichten. Was Besseres als die kapitalistische Bundesrepublik mit all ihren flott umetikettierten Nazis. Dass es solche auch in der DDR gab, konnte ich mir nicht vorstellen. Der Kommunismus war für mich das Rezept für die Errichtung einer gerechten Welt, in der kein Mensch den anderen ausbeutet und belügt und unterdrückt: also echte Freiheit.

Robert Ide: Aber kaum sind Sie angekommen, erheben sich die Arbeiterinnen und Arbeiter im angeblichen Arbeiter- und Bauernstaat. War das schon das Ende dieser Illusion?

Wolf Biermann: Es war mein Riesenglück, dass ich am 17. Juni im Städtchen Gadebusch gelandet war, einem Kaff in der Einöde von Mecklenburg, weit weg vom Schuss, weitab vom Aufstand gegen die Diktatur. Ich musste also nicht mitansehen, wie die Panzer der angeblichen Sowjetfreunde gegen das Volk eingesetzt wurden. Hätte ich gesehen, dass die aufständischen Arbeiter niedergeschlagen, erschossen oder eingekerkert werden, hätte mich kein Marxismus und kein Kinder-Murxismus mehr besänftigen können.
Der Sohn meiner Eltern hätte automatisch rebelliert – und die panischen SED-Genossen hätten mich in den Westen zurückgeschmissen wie Abfall. Oder eingelocht in den brutalsten Jugendwerkhof Torgau. Ob ich rigoroses Kommunistenkind das überlebt hätte, bezweifle ich sehr.

Robert Ide: Hatte die DDR eine Chance?

Wolf Biermann: Nach Ansicht der Kommunistin Emma Biermann in Hamburg war die DDR nicht das gelobte Land, aber sollte es werden. Sie und meine Oma Meume waren in der KPD, aber keine verblödeten Funktionäre. Die DDR war unsere Hoffnung. Inzwischen weiß ich: Es kann keinen richtigen Kommunismus geben. Wer alle Menschen total gleich machen will, landet in der totalitären Hölle ohne Freiheit. 

Robert Ide: Heute wird gern so getan, als sei die DDR nicht so schlimm gewesen. Bücher zeichnen die Diktatur weich und machen den Westen zum Schuldigen an der verkorksten Einheit. Welche Sehnsucht steckt da drin?

Wolf Biermann: Das ist keine Sehnsucht, das ist aggressives Selbstmitleid. In einer Diktatur verwenden die meisten Menschen ihre Energie und Klugheit darauf, einigermaßen durchzukommen: nicht zu feige, nicht zu frech. Und es gibt viele gute Gründe, sich feige zu verhalten. Aber wenn Menschen alles Unrecht dulden, wenn sie im Betrieb oder in der Familie immer den Schwanz einziehen oder den Kopf, dann macht sie das chronisch seelenkrank.
Diese Deformation wird unbewusst vererbt von Generation zu Generation. Oder wie es der große Pädagoge Pestalozzi mal formulierte: ,,Man erzieht und erzieht, und dann machen sie einem doch alles nach." Die Ostdeutschen sind nach zwei Diktaturen hintereinander doppelt geprägt. Kaputte Häuser und Straßen kann man in 30 Jahren wieder aufbauen, kaputte Menschen dauern etwas länger.

Robert Ide: Haben Sie diese Verstümmelung auch in sich?

Wolf Biermann: Ich hab mich immer einigermaßen tapfer gewehrt. Wir alle gehen nicht nur kaputt an den Schlägen, die wir einstecken, sondern auch an den Schlägen, die wir nicht austeilen. 

Robert Ide: Wie lässt sich die Teilung eines Landes überwinden?

Wolf Biermann: Ich lieferte mal Konzerte in Südkorea. Die Leute dort waren - was Wunder - interessiert an diesem Barden aus einem geteilten Land. Ich sang in Seoul ein Lied, das hatte ich schon kurz nach dem Bau der Mauer geschrieben:
,,Es senkt das deutsche Dunkel /
sich über mein Gemüt /
Es dunkelt übermächtig /
In meinem Lied. //
Das kommt, weil ich mein Deutschland /
So tief zerissen seh. /
Ich lieg in der bessren Hälfte /
Und habe doppelt Weh."

Robert Ide: Was, glauben Sie, haben die Koreaner darin gesehen?

Wolf Biermann: Ja, gleich erzähle ich das. Aber zunächst dies: Damals haben sich in Deutschland alle über dieses Liedchen geärgert – so was schafft man wohl nur, wenn man es nicht darauf anlegt. Die Bonzen der Partei ärgerte: Warum-wieso hat der Biermann doppelt Weh, wenn er doch das Glück hat, bei uns im Arbeiter- und Bauernparadies zu leben? Im Westen schimpften Leute: Wieso in der besseren Hälfte? Von links meckerten die Linksalternaiven; es ärgerten sie zwei Worte: mein Deutschland. Sie empörte meine innige Haltung zu diesem verfluchten Deutschland.

Robert Ide: Und die Menschen in Korea?

Wolf Biermann: Die waren entzückt. Was ich ja nicht wusste: Die freien Südkoreaner leider viel tiefer unter der Trennung vom totalitären Norden als die Westdeutschen je gelitten haben unter der Mauer. Zugleich aber haben die Südkoreaner vor nichts solch eine Todesangst wie vor dem Zusammenbruch des Regimes im Norden.

Robert Ide: Warum?

Wolf Biermann: Weil sie bis drei zählen können. Eine Wiedervereinigung wollen die Südkoreaner sich nicht aufladen. Die Nordkoreaner sind in Zehnerpotenz beschädigter von der Diktatur, als es jemals die Menschen in der DDR waren. In Nordkorea vegetieren Kinder schon unterernährt im Mutterleib. Viele werden mit schweren seelischen und körperlichen Schäden geboren.
Und das Elend geht so weiter, denn sie lernen dann nie den aufrechten Gang. Also unternimmt Südkorea alles, um den Kollaps der Diktatur im Norden zu verhindern. Gegen die chronischen Hungersnöte kaufen sie riesige Mengen Mais in China und lassen es nach Nordkorea schaffen. Sie stabilisieren den Todfeind mit kostenlosen Düngemitteln. Alles panisch kalkulierte Geschenke, um selbst billiger davonzukommen.

Robert Ide: Nach dem Mauerbau hatten Sie erste Auftrittsverbote. Ihre Hinterhofbühne wurde nicht erlaubt. Warum sind Sie nicht in den Westen gegangen?

Wolf Biermann: Wenn man die richtigen Feinde hat, ist das genauso viel wert wie treue Freunde. Beides darf man sich nicht wegnehmen lassen.

...


Robert Ide: Sie wurden berühmt mit verbotenen Sachen: dem in West-Berlin erschienenen Gedichtband ,,Die Drahtharfe", den in den Westen geschmuggelten Tonbändern der LP-Aufnahmen in der Chausseestraße. Fehlte Ihnen nach der Ausbürgerung in den Westen der Staat, gegen den Sie aufbegehren?

Wolf Biermann: Mir fehlten, kein Wunder, meine Freunde. Und, das war neu für mich: Die Feinde fehlten mir auch. Ich war nun plötzlich der Anfänger, der Neue. Ich wusste nicht, was hinten, was vorne ist. Das Klügste wäre gewesen, zwei, drei Jahre den Mund zu halten. Das Dumme: Ich konnte mir solche Klugheit nicht leisten. Meine komische Tragik war: Weil ich ja so spektakulär ausgebürgert wurde, war ich dazu verurteilt, auch im Westen berühmt zu bleiben. Schon damit die Bonzen im Osten all denen, die sich mit mir solidarisiert hatten und dafür bestraft wurden, nicht sagen konnten: Siehst Du, was aus Deinem kleinen Biermann geworden ist? Der ist weg vom Fenster, den gibt's gar nicht mehr! Deshalb musste ich mich im Westen aus dem Fenster lehnen, also aus der Glotze.   

Robert Ide: Was haben Sie dafür getan?

Wolf Biermann: Neue Lieder! Ich wollte nicht davon leben, im Westen nur meine Ost-Wunden zu lecken. Das Ergebnis dieses Kraftaktes ist auf zwei LPs nachzuhören. Man hört darin, wie ein Drachentöter versucht, sich ohne Drachen durchzuschlagen. Es war meine schwierigste Zeit.

Robert Ide: Zum Mauerfall umfasste Ihre Stasi-Akte 50.000 Seiten, Dutzende Spitzel waren auf Sie angesetzt. Frauen sollten Sie für die Stasi verführen. Hat die kleine DDR den kleinen Biermann einfach zu groß gemacht?

Wolf Biermann: Quatsch! Umgekehrt: Ich machte die großen Parteibonzen klein. Ich wusste, dass die Stasi mich ,,zersetzen" will. In meinen Stasi-Akten, abgelegt unter ZOV ,,Lyriker", fanden sich 220 IMs, die was über mich berichtet haben. Und ja, es gab unter anderem eine junge Frau, die den Auftrag hatte, mich ins Bett zu ziehen. Sie hatte sich zu diesem Zweck mit meiner Frau Eva-Maria Hagen und mir angefreundet. Die Stasi war clever. Ihr Bruder war ein Offizier der Staatssicherheit, der Vater auch. So wurde sie von denen zum Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS gepresst.

Robert Ide: Hatten Sie später noch einmal Kontakt zu ihr?

Wolf Biermann: Ja, denn sie war der einzige IM, der sich geoutet hat. In ihrem Brief stand: ,,Lieber Wolf! Ich lese jetzt in der Zeitung, dass Du Deine Akten liest. Du wirst mich auch finden. Ich bin IM ,Lerche' ". Das wurde ihr Code-Name, weil sie eine junge Schauspielerin war und eine Hauptrolle im Stück ,,Die Lerche" spielte. Klug an der Stasi war auch, dass sich Spitzel selbst den Tarnnamen aussuchen mussten – damit sie die Illusion haben, noch einen Rest Selbstbestimmung zu behaupten.

...

Robert Ide: Haben Sie sie später einmal getroffen?

Wolf Biermann: Ja. Ich war tief berührt, dass sie den Mut hatte, sich selbst zu dekonspirieren. Sie war eine Täterin, aber eben zugleich ein Opfer. So passierte es doch oft.

Robert Ide: Sie haben schon 2007 in einer Laudatio für Angela Merkel gewarnt: ,,Ich halte Russlands Stabilisator Putin aus deutscher Sicht für höchst instabil, denn Gasmann Schröders lupenreiner Demokrat kopiert seinen blutigen Vorgänger Stalin." Warum wollte das in Deutschland keiner hören?

Wolf Biermann: Weil zu viele davon lebten, es nicht wahrhaben zu wollen. Für mich war und blieb Putin immer ein krimineller KGB-Offizier. Als er 2001 von dem Saufkoloss Jelzin an die Macht gehievt wurde, dachte ich: Putin ist ein Sankt-Petersburger Taschendieb und bleibt von Beruf Mörder. Ich hatte aber ein schlechtes Gewissen dabei und dachte: Vielleicht bin auch ich selber der Kleinmütige, der nicht wahrhaben will, dass sich auch ein Apparatschik wandeln kann.
Putin wurde 2001 bejubelt im Bundestag, ich fragte mich: Bin ich gefesselt von meinen Urteilen und Vorurteilen? Schade! Ich hätte gerne und tausendmal lieber Unrecht behalten.

Robert Ide: In Ostdeutschland gibt es eine seltsame Nostalgie für Russland. Verstehen Sie, dass Menschen heute die Freiheit nicht so schätzen, die sie sich selbst erkämpft haben?

Wolf Biermann: Es sind meist nur sehr wenige, die ihre Freiheit wirklich erkämpft haben. Am Ende einer Diktatur wimmelt es ja immer von Widerstandskämpfern. Plötzlich sind aus dem Tausendfüßler Abertausende Freiheitshelden geworden. Für diesen Selbstbetrug gibt es einen sarkastischen Slogan, er heißt: ,,Ach! Wenige waren wir, und nur viele sind übriggeblieben!" Ich hab grad ein Lied geschrieben mit einer Zeile, die kompakt formuliert, worüber wir jetzt hin und her reden:
,,Was Du erinnerst, /
warst Du nicht."

...


Aus: "Wolf Biermann im Interview: ,,Man geht auch an Schlägen kaputt, die man nicht austeilt"" Robert Ide (01.07.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/wolf-biermann-mit-86-noch-zornig-man-geht-auch-an-schlagen-kaputt-die-man-nicht-austeilt-10067359.html

QuoteMartin_Kniffke
01.07.23 12:42

Geehrter Herr Biermann,
zweifellos ist und wäre jede redliche Kommunistin, jeder redliche Sozialist in der DDR -gelinde gesagt- in Opposition geraten.

Was Sie mir aber sehr lange schon -auch wieder gelinde gesagt - zu wenig unterscheiden: Jene, und auch jene Denkweise und Strukturen, die sich -auch Ihre Hoffnung - auf eine bessere Welt zur Beute machten. Nicht selten und nur allzuoft zur Rechtfertigung von Verbrechen - haben nichts mit der Hoffnung der Menschen auf einen besseres Leben zu tun, die im Kommunismus, im Sozialismus eine Idee, einen Plan für solidarisches Leben erhofften.

Stattdessen sind Sie nun lange schon im bourgeoisen Chauvinismus gegenüber diesen Menschen gelandet. Wie mir scheint. Paradoxerweise ist dies eine Disposition, die die Nomenklatura der Diktaturen über das Proletariat mit den Eliten des bürgerlichen Staats der kapitalistischen Länder eint.

Oder auch die Frage, die einen - auch wenn sie polemisch formuliert ist - als redlicher Mensch umtreiben sollte. Polemik ist Ihnen ja geläufig.

Mich in meinem nun 63. Jahr: Was machen wir mit einem europäischen Grenzregime, mit einem Kapitalismus, der sich demokratisch nennt, gegen den die Mauer der DDR eine kunsthandwerkliche Bastelei war?
Dazu findet man Analyse noch Haltung weder in retardierender Bürgerlichkeit, noch in ihrer Presse, die sie als Modernität und Aufklärung verbreitet.


...

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Auf WG-Partys musste ich Sätze hören wie: ,,Alle Sachsen sind Nazis. Alle Sachsen sind prinzipiell dumm, genauso wie ihr Dialekt." In solchen Momenten fragte ich mich, ob die Person mich und unser Gespräch nun tatsächlich dumm fand. Ausgesprochen habe ich es aber nie.

Obwohl ich mich bemühe, ihn zu verbergen, habe ich Komplexe aufgrund meines Dialektes entwickelt. Und auch ich hatte dieses Bild von Sachsen und Ostdeutschland. Das Verrückte dabei ist: Ich bin Ostdeutsche. Nicht nur irgendeine Ostdeutsche, ich komme aus Sachsen – dem schwarzen Schaf der 16-köpfigen Familie.

Ich komme aus einer Generation, die die Mauer nie erlebt hat, aber sie noch in ihren Köpfen trägt. Ich bin Anfang 20 und komme aus einem kleinen Dorf am Rand der Sächsischen Schweiz. Meine Eltern kommen beide aus Westdeutschland: Meine Mutter stammt aus Euskirchen, mein Vater aus Oldenburg. Und ich erhoffe mir, ernst genommen zu werden.

Die Herkunft meiner Eltern ist wichtig, um zu erklären, warum ich mich nie als Ostdeutsche begriffen habe oder von anderen aus meiner Heimat als solche gesehen wurde. Das ist nicht negativ gemeint und auch nichts, worunter ich gelitten habe. Wie auch? In meinem Kopf war das Bild des trotteligen Sachsen eingebrannt. Ich habe schnell gelernt: Wenn ich eines nicht sein will, dann ostdeutsch.

Dass Sachsen ein Problem mit Nazis und rechtem Gedankengut hat, ist kein Geheimnis, und auch ich habe das – mit meiner komplett gegensätzlichen Meinung – zu spüren bekommen. In Sachsen war ich keine Ostdeutsche. Wenn, dann war ich ein Wessi.

Ich war die ohne Dialekt, die die Großeltern ihrer Freund:innen kaum bis gar nicht verstand. Ich war die, die immer Rechenschaft für die Fehler der Wiedervereinigung ablegen musste – natürlich nur bei einigen. Aber eigentlich hat meine Herkunft nie eine Rolle gespielt. Bis ich nach Berlin zog. Die einzige Stadt in Deutschland, die west- und ostdeutsch zugleich ist. Genau wie ich.

Zur Ostdeutschen wurde ich an dem Tag, an dem ich in den Westen zog. Ich war auf einmal die mit dem Dialekt. Ich war die, die alle anguckten, wenn es um Sachsen ging – meist im negativen Kontext. Werde ich nach meiner Herkunft gefragt, sage ich: ,,Ich komme aus Sachsen, aber ..." Gefolgt von ,,meine Eltern sind aus dem Westen", ,,ich bin kein Nazi", ,,ich bin nicht so wie andere Sachsen" ... oder eher wie das Bild, das die Medien und der Rest von Deutschland um Sachsen und Ostdeutschland konstruiert haben. Das teils fern von der Wirklichkeit ist.

Was nicht fern von der Wirklichkeit ist, sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, die mir vorher nie aufgefallen sind. Je länger ich in Berlin lebe, desto mehr bemerke ich, dass meine ,,ostdeutsche Normalität" eben nicht normal ist, sondern ihr strukturelle Probleme zugrunde liegen: Der Großteil meiner Klassenkamerad:innen haben nicht studiert. Der Großteil meiner Klassenkamerad:innen wohnen noch in ihrem Heimatdorf oder in der Umgebung. Der Großteil meiner Klassenkamerad:innen waren nie längere Zeit im Ausland – vor allem nicht außerhalb der EU (mich eingeschlossen).

Der Großteil meiner Klassenkamerad:innen haben mehr als eine Stunde zur Schule gebraucht, weil es in der unmittelbaren Umgebung keine Schulen gab und die Situation des öffentlichen Personennahverkehrs desaströs ist. Nur um einige Bespiele zu nennen, die ich in meiner Jugend in Sachsen erlebt habe. Es sei angemerkt, dass diese strukturellen Probleme viel tiefer reichen als Bildung und noch mehr Auswirkungen haben als oben beschrieben.

Und ich möchte nicht sagen, dass irgendetwas davon verwerflich ist. Im Gegenteil: Nicht jede:r muss studieren, nicht jede:r muss sein Heimatdorf verlassen, nicht jede:r muss ins Ausland gehen. Aber jede:r sollte die Chance dazu haben, die in Ostdeutschland aber strukturell nicht gegeben ist.

Gute Bildung und finanzielle Ressourcen gehen in Ostdeutschland Hand in Hand: Meine Schwester und ich waren am Anfang auf einer Oberschule in unserer Nähe. Meine Schwester hat Dyskalkulie – die viel zu spät entdeckt wurde. Stattdessen wurde ihr gesagt, sie würde, wenn überhaupt, nur einen Hauptschulabschluss schaffen. Meine Eltern nahmen uns von der Schule und wir besuchten fortan eine Privatschule.

Fünf Jahre später hielt meine Schwester ihr Abiturzeugnis in der Hand. Sie war nicht dumm – genauso wie viele andere Kinder, die von den Lehrer:innen als solche abgestempelt wurden. Meine Eltern hatten die finanziellen Ressourcen und nahmen sich die Zeit, uns jeden Tag zur Privatschule zu fahren und abzuholen. Hätten sie das nicht getan, weiß ich nicht, ob ich heute hier sitzen würde. Ich hatte diese Privilegien. Viele andere nicht.

Aber da hört es nicht auf: Auch ein Studium muss man sich leisten können. Vor allem in einer anderen Stadt. Das können nur Kinder, deren Eltern genug finanzielle Ressourcen haben oder Unterstützung bieten, wenn es um Förderungen geht. Auch hier gibt es Ausnahmen – aber es sind Ausnahmen und nicht die Regel.

Der größte Teil der Ostdeutschen ist dabei laut bpb in den unteren sozialen Lagen vertreten und viele von ihnen sind keine Akademiker:innen. Außerdem interessant: Von 100 Akademiker:innenkindern studieren 71. Bei Nichtakademiker:innenkindern sind es nur 24.

Was meine ich mit finanzielle Ressourcen? Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2021 belegen, dass Ostdeutsche im Jahr circa 12.000 Euro weniger verdienen als Westdeutsche. Vor diesem Hintergrund lässt sich also auch auf eine Chancenungleichheit für ostdeutsche Kinder im Vergleich zu westdeutschen schließen.

Auch ein Stipendium ist keine Lösung: Laut Erhebungen der Hans-Böckler-Stiftung werden überwiegend Kinder gefördert, deren soziale Herkunft hoch oder gehoben ist. Obwohl der Pay Gap zwischen Ost und West zur Ungleichheit beiträgt, ist das nicht die Hauptursache: In der DDR war es aufgrund der Staatsideologie nicht möglich, persönliches Vermögen anzuhäufen, geschweige denn etwas zu vererben. Auch nach der Wiedervereinigung stellte das für Bürger:innen eine Herausforderung dar. Auch, weil sie nicht in Elitepositionen kamen – diese belegten überwiegend Westdeutsche.

Diese historische Ungleichheit ist noch heute ein bestimmender Faktor, wenn es um finanzielle Ressourcen geht, betont auch Dirk Oschmann in seinem Buch ,,Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung".

Was auch gesagt sei: Die Lebenshaltungskosten sind in Ostdeutschland geringer, falls man aber in Westdeutschland studieren will, fällt das nicht ins Gewicht. Eher trägt es dazu bei, dass Ostdeutsche genötigt sind, im Osten zu bleiben und keine Vermischung stattfindet.

Nach der Wende kamen Ostdeutsche nicht in Führungspositionen und auch heute bleibt es ihnen verwehrt – unter anderem wegen den oben genannten Faktoren. Das Fatale dabei: Nur in Führungspositionen kann man etwas bewegen und das System verbessern. Eine Datenerhebung des MDR in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig kommt zu dem Ergebnis: 2022 waren nur etwa dreieinhalb Prozent der Elitepositionen mit Ostdeutschen besetzt. Dabei stellen Ostdeutsche etwa 17 Prozent der Gesamtgesellschaft.

Das negative Bild, das die Medien vom Osten konstruieren, festigt sich zwangsläufig auch in den Köpfen der Menschen – ich habe es oft deutlich zu spüren bekommen.

Lange habe ich nichts gesagt, bis wir in der Uni ein Essay lasen. In dem Essay beschrieb die Autorin ihre Reise nach Sachsen. Die Gefühle, die sie schildert, wollte ich ihr keinesfalls absprechen: Es ging um Unbehagen, Angst und Wut. Doch ihr Text malt ein Bild vom Osten, das so klischeebehaftet und eindimensional ist, dass ich es kaum fassen konnte. In diesem Moment wollte ich nicht mehr leise sein und die Bilder und Klischees von Ostdeutschland akzeptieren.

Die Probleme des Ostens sind struktureller Natur und vielseitig. Um sie zu lösen, müssen wir aktiv an einem Wandel arbeiten. Es muss weniger über, sondern mehr mit Ostdeutschland gesprochen werden.

Wir als Gesellschaft müssen aktiv zum Strukturwandel beitragen. Denn ein Deutschland, in dem die Herkunft nicht negativ behaftet ist, ist ein Land, in dem sich jede:r gehört und gesehen fühlt. Nur dann können wir Probleme nachhaltig lösen. Ich weiß, dass wir das müssen. Und ich weiß, dass wir das können.

Leona Spindler ist 22 Jahre alt. Sie wurde in Ostdeutschland geboren und ist dort auch aufgewachsen. Nach ihrem Abitur zog sie nach Berlin und studiert Journalismus und Unternehmenskommunikation an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft.

Die Autorin legt Wert auf die Verwendung von Sonderzeichen zur Sichtbarmachung aller Geschlechter.


...


Aus: "Ich war nie eine Ostdeutsche – bis ich in den Westen kam" Leona Spindler (04.07.2023)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/open-source/ich-war-nie-eine-ostdeutsche-bis-ich-in-den-westen-kam-li.363874


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#76
Quote[...] [Die aus Wismar stammende Autorin Anne Rabe erzählt von einer Kindheit und Jugend in Ostdeutschland nach der Wende - und analysiert die Gewalt, die vom Staat und innerhalb der Familien ausgeübt wird.] Anne Rabe, 1986 geboren in Wismar, gelang mit dem Buch ,,Die Möglichkeit von Glück" die Überraschung des Buchsommers. Ihr Roman über gewaltvolles Aufwachsen in der späten DDR wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Rabe, die zwei Kinder hat und in Berlin lebt, ist auch Dramatikerin und Drehbuchautorin, etwa für die Sitcom ,,Warten auf'n Bus" mit Ronald Zehrfeld. Zum Gespräch im Literaturhaus kommt sie mit dem Rad. Ihr Buch beschreibt gewaltvolle Erziehung in der DDR. Die in Wismar geborene Dramatikerin über unterschwellige Wut, Zweifel in der Sprache und ihre Nominierung für den Deutschen Buchpreis.

Robert Ide: Frau Rabe, was ist das Schönste an Deutschland?

Anne Rabe: Ach, vieles. Der demokratische Rechtsstaat. Unser Gesundheitssystem funktioniert noch ganz gut. Und Deutschland liegt in einer Klimazone, in der man die Hitze gut aushalten kann. Ich mag die Vielfalt in unserem Land: an Landstrichen, an Menschen, an Lebensentwürfen.

Robert Ide: In Ihrem Buch schreiben Sie über deutsche Geheimnisse. Versteckt unser Land irgendwas?

Anne Rabe: In uns Deutschen schlummert ein gut getarnter Chauvinismus. Wir geben uns als Erinnerungs-Weltmeister, haben aber ein geringes Interesse an anderen Ländern. Gerade gegenüber Osteuropa haben wir lange alles besser gewusst. Wir wurden gewarnt, dass mit dem Bau von Nordstream Russlands Diktator Putin seinen Einfluss erweitern will. Wir haben Ängste der Polen vor einem Überfall kleingeredet. Oder schauen Sie sich den Anfang der AfD als angeblich eurokritische Partei an: Da wurde schon davon geredet, dass Südeuropäer eine andere Arbeitsmoral hätten als Nordeuropäer. Dieses ,,Wir sind wieder wer und zeigen es Euch" ist weit verbreitet.

Robert Ide: Merken die Menschen, dass es nicht immer weiter aufwärts geht?

Anne Rabe: Viele lehnen jede Veränderung ab. Es ist auch eine westliche Sicht, dass man dachte, man sei angelangt am Ende der Geschichte. Nun zeigen uns Krieg und Naturkatastrophen, dass dem nicht so ist. Wir haben ja das Glück, dass wir die wirtschaftliche Kraft und die klimatischen Bedingungen haben, um den Wandel noch selbst zu gestalten. Die Angst davor finde ich erstaunlich.

Robert Ide: Warum sind die Ostdeutschen besonders unzufrieden?

Anne Rabe: Man hatte Unsicherheit zur Genüge, der Umbruch war lange sehr hart. Aber man hat ihn geschafft und könnte sagen: Her mit der nächsten Transformation! Doch das Beharren ist größer.

Robert Ide: Woran liegt das?

Anne Rabe: Zum Beispiel an Hartz IV. Die Einführung war im Osten ein heftigerer Schlag. Kaum hatte man sich konsolidiert und das neue System halbwegs verstanden, kam der nächste Einschnitt. Es war ein Schock, dass man bei Arbeitslosigkeit schnell an das gerade mal bisschen Ersparte ran sollte. Das hat eine Retraumatisierung ausgelöst. Hinzu kommt, dass im Osten weniger gesprochen wird. Diese unterschwellige Wut sucht sich immer wieder eine Bahn.

Robert Ide: Merken Sie Unterschiede zwischen Ost und West bei Ihren Lesungen?

Anne Rabe: Im Osten habe ich das Gefühl, dass es vielen schwerfällt, über Gefühle zu reden oder Sachen anzusprechen, bei denen sie sich unsicher sind. Manche haben Angst davor, eine andere Meinung zu haben als die Gemeinschaft. Vor einer Gruppe über eigene Erfahrungen zu sprechen, ist keine Selbstverständlichkeit. Es gibt die Sorge, dass man verurteilt oder vom Nachbarn komisch angeguckt wird. Ein Kennzeichen der früheren Diktatur war ja, dass es nur richtig oder falsch gibt. Das richtige Leben, das falsche Leben – dazwischen nichts und im Zweifelsfall harte Konsequenzen.

Robert Ide: Macht es Sie stolz, dass Sie als Ostdeutsche nominiert sind für den Deutschen Buchpreis?

Anne Rabe: Mir ist eher wichtig, dass es viele nominierte Frauen gibt. Dennoch freue ich mich, dass es großes Interesse an ostdeutscher Geschichte gibt. Auch Westdeutsche wollen ergründen, warum es in Ostdeutschland mehr Rechtsextremismus gibt. Viele nehmen langsam wahr, dass da wirklich etwas anders ist.

Robert Ide: Was war das Schönste der DDR?

Anne Rabe: Da fällt mir nichts ein. Eher eine Projektion: Natürlich ist die Idee eines anderen Systems, das nicht kapitalgetrieben ist, etwas Gutes. Aber heute weiß man, wie wenig diese Idee mit der Realität zu tun hat. Gerade westdeutsche Linke sollten das endlich anerkennen.

Robert Ide: In Ihrem Buch ,,Die Möglichkeit von Glück" wird die DDR als Geschichte der verdeckten und versteckten Gewalt erzählt. Ist die ostdeutsche Gesellschaft verroht?

Anne Rabe: Die DDR kam aus der Gesellschaft des Nationalsozialismus. Bis heute gibt es im Osten eine vererbte Brutalität. Das hat sicher auch etwas damit zu tun, dass viele Menschen weggegangen sind. Diejenigen, die geblieben sind, sind oft männlich, älter, ängstlicher. Da steckt ein anderes Gewaltpotenzial drin. Bilder wie in Chemnitz 2018, wo Menschengruppen Leute jagen, die anders aussehen – das passiert eher im Osten.

Robert Ide: Haben die Menschen selbst mehr Gewalt erlebt?

Anne Rabe: Rechte Gewalt im Osten ist so erschreckend wie seltsam vertraut. Nach der Wende hat die rechte Zivilgesellschaft erfolgreich Migrantinnen und Migranten vertrieben. Und ich glaube schon, dass es eine Härte gibt in der Erziehung, im Umgang miteinander, ein traditionelleres Männlichkeitsbild.

Robert Ide:  Was meinen Sie damit?

Anne Rabe: Traditioneller heißt: Die Hand sitzt lockerer. Ich bin total überrascht, wie viele Leute mir schreiben, dass sie sich in dem Buch wiederfinden, gerade wenn ich über gewaltsame Erziehung schreibe.

Robert Ide: Dass ein Kind in einer viel zu heißen Badewanne baden musste – ist das wirklich vielen passiert?

Anne Rabe: Ich glaube, dass die in den 80ern geborenen Kinder, zu den ich gehöre, in einer speziellen Situation aufgewachsen sind. Sie wurden in die Agonie der DDR geboren. Nicht wenige Eltern haben sehr früh Kinder bekommen, damit sie leichter an eine Wohnung kommen. Und die Eltern dieser Kinder hatten mit dem Mauerfall ein Problem: Sie konnten nicht mal eben ins Ausland gehen. Sie mussten die Kinder durch die Transformation bringen. Dadurch ist eine Distanz zu den Kindern entstanden, durch Stress, durch wirtschaftlichen Druck.

Robert Ide: Sie beklagen, dass in der Kriminalstatistik der DDR die Gewalt an Kindern und auch Kindesmissbrauch gar nicht aufgeführt waren.

Anne Rabe: Auch sexualisierte Gewalt nicht. Ich finde das ganz entscheidend. Als nach der Revolution die ersten Frauenhäuser eröffneten, waren sie gleich voll. Die betroffenen Frauen wurden ja nicht erst verprügelt, als die Mauer fiel. Da fehlt leider die Einsicht. Stattdessen wird einem entgegengehalten: Früher gab es das eben nicht. Weil es das offiziell nicht gegeben hat.

Robert Ide: Haben Sie selbst Gewalt erlebt?

Anne Rabe: Darüber möchte ich nicht sprechen. Aber ich habe für das Buch mit früheren Schulfreundinnen und anderen Menschen meiner Generation gesprochen – darüber, dass wir viele Dinge erduldet haben, die wir bei unseren Kindern nie akzeptieren würden. Erst jetzt nach 30 Jahren geht das Erzählen darüber los.

Robert Ide: Wie passt Ihre Analyse zur Erzählung vieler Menschen, die vom Zusammenhalt in der DDR schwärmen?

Anne Rabe: Wenn es eine solidarische Gemeinschaft gegeben hätte, hätte sie sich in den 90er Jahren zeigen können. Tatsächlich aber war dies ein harte und brutale Zeit, die viele Menschen traumatisiert hat. In meinem Erleben war die zivilisatorische Decke sehr dünn. In einer Diktatur gibt es vor allem eine Zwangsgemeinschaft. Die Solidarität war aufoktroyiert, gleichzeitig gab es großes Misstrauen: Der Nachbar kann einen verraten, die Klassenkameradin kann irgendwas erzählen. Ist das wirklich eine Gemeinschaft, wenn deine Grundschullehrerin dich fragt, ob deine Eltern zu Hause West- oder Ost-Fernsehen gucken? Ging es den Leuten nicht eher gemeinschaftlich darum, die Klappe zu halten und selbst gut durchzukommen?

Robert Ide: In Ihrem Buch [,,Die Möglichkeit von Glück"] wechselt die Erzählstimme öfter, es gibt Gedankenfetzen. Manchmal wirkt der Text wie ein zersplitterter Spiegel. Ist das überhaupt ein Roman?

Anne Rabe: Die Romanform ist mittlerweile relativ frei. In Deutschland gibt es immer noch die Unterscheidung zwischen Fiktion und Sachbuch. International ist das anders. Eine freie Form macht zum Beispiel Zweifel sichtbar.

Robert Ide: Weil jede und jeder Widersprüche in sich verbirgt?

Anne Rabe: Den Buchanfang habe ich wahnsinnig oft neu geschrieben, weil ich der Unsicherheit eine Form geben wollte, die trotzdem spannend ist. Gerade unsere ostdeutsche Geschichte ist sehr widersprüchlich. Man kann eben nicht sagen: So war es. So ist es. Jetzt wissen wir es für immer.

Robert Ide: Welche Zweifel haben Sie an der Einheit?

Anne Rabe: Alle haben unterschätzt, dass eine Zivilgesellschaft aufgebaut werden muss. Demokratie lernt man nur an der Basis. In Sportvereinen etwa, wo man sich einigen muss, welches Gerät jetzt angeschafft wird. Der Irrglaube war: Die Leute gehen sicher in die neuen Parteien und engagieren sich, dann wird es schon. Doch den Rahmen dafür haben vor allem rechte Akteure geschaffen: Die NPD hat zum Beispiel gezielt Jugendhäuser aufgebaut.

Robert Ide: Viele Leute sind dann lieber weggezogen.

Anne Rabe: Ich ja auch. Das würde ich niemandem vorwerfen. Wir haben es nicht mehr ausgehalten. Der Braindrain wurde unterschätzt. Da hat man sich lange eingeredet: Die kommen irgendwann alle zurück. Jetzt fehlen überall Fachkräfte. Aber die Leute rufen: Wir wollen keine Ausländer.

Robert Ide: Kann ein Land wie Deutschland mit der Schuld zweier Weltkriege und einer langen Diktaturerfahrung im Osten überhaupt glücklich werden?

Anne Rabe: Wir können uns zumindest glücklich schätzen. Nachdem wir den Kontinent in Schutt und Asche gelegt haben, wurde uns wieder aufgeholfen. Das war den Osteuropäern, die besonders gelitten haben, nicht vergönnt. Daraus erwächst für uns eine Verpflichtung. Aber ein neues, fahneschwenkendes Nationalbewusstsein brauchen wir nicht.

Robert Ide: Woher kommt die Russland-Nostalgie gerade in Ostdeutschland?

Anne Rabe: Es gibt durchaus eine Faszination für das Autoritäre an Putin. Und es hat viel mit blinden Flecken in der Geschichte zu tun, etwa der Niederschlagung des Aufstandes am 17. Juni durch sowjetische Panzer. Der stalinistische Terror hat Spuren in fast allen Familien hinterlassen, aber darüber wird gar nicht geredet. In der DDR war die Freundschaft zur Sowjetunion vorgegeben. Dabei hatten nur wenige in der Schule Lust, Russisch zu lernen. Es muss uns bewusst werden, dass wir ein langes Schweigen über den Zweiten Weltkrieg und den stalinistischen Terror in uns tragen.

Robert Ide: In der Zeitschrift ,,Merkur" haben Sie einmal geschrieben, dass der Osten eine eigene politische Temperatur hat. Welche?

Anne Rabe: Sie ist kalt, sehr kalt. Mit wenig wärmender Empathie. Dass am Ende jeder dritte Ostdeutsche kein Problem mit der Partei des Rechtsextremisten Björn Höcke hat, lässt mich frösteln.

Robert Ide: Populismus ist aber ein gesamteuropäisches und amerikanisches Phänomen. Der Brexit beruhte auch auf Mechanismen der Angst.

Anne Rabe: Natürlich ist die ganze Welt verunsichert. In Deutschland scheint aus dieser Angst ein Trotz zu erwachsen: Wir essen Fleisch, wir fahren Auto, wir bleiben unter uns. Koste es, was es wolle.

Robert Ide: Wolf Biermann hat im Tagesspiegel-Interview von ,,ostdeutschen Seelenschäden" gesprochen. Hat er übertrieben?

Anne Rabe: Na ja, ich glaube nicht, dass man Menschen reparieren kann wie Häuser. Aber der Osten braucht eine Auseinandersetzung mit sich und seiner Geschichte, auch zwischen den Generationen. Unbelastete Leute müssen ihre Eltern und Großeltern fragen: Was habt Ihr gemacht damals? Wie gehen wir heute damit um? Es wäre auch wichtig, wenn sich Leute gegenseitig sagen: Es war nicht in Ordnung, wie du mich da behandelt hast. Erst dann kann man entscheiden: Wo wollen wir jetzt hin?

Robert Ide: Sie werfen der sogenannten ,,Dritten Generation Ost" vor, diese Fragen nicht gestellt zu haben. Stattdessen vermarktete sie ihre Herkunft, um Karriere zu machen. Haben Sie Ihre Eltern und Großeltern persönlich hinterfragt?

Anne Rabe: Mein Buch ist auch eine Befragung. Aufarbeitung ist nie ein abgeschlossener Prozess, jede Generation muss sich neu verhalten zur Vergangenheit. Die Geschichte im Buch über den Großvater im Krieg orientiert sich sehr an der Geschichte meines eigenen Großvaters.

Robert Ide: Die neue Ost-Debatte reibt sich an zwei Bestsellern. Die Historikerin Katja Hoyer trennt in ihrem DDR-Buch den Alltag von der Diktatur, für Dirk Oschmann ist der Westen schuld am deprimierten Osten. Welche Sehnsucht steckt in den Verkaufserfolgen?

Anne Rabe: Es ist eine Verweigerung, sich kritisch mit sich selbst zu beschäftigen und eine Sehnsucht danach, etwas endlich abzuschließen. Natürlich haben alle Menschen Erinnerungen an schöne Ausflüge in ihrer Kindheit. Natürlich wurde geheiratet und geliebt. Aber die Unterdrückung gab es eben auch. Bei Lesungen sagen mir Leute manchmal: Jaja, ich erinnere mich daran, dass meine beste Freundin nicht Abitur machen konnte, weil sie in der Kirche war. In solch einer Erinnerung steckt eine Frage von Schuld: Was habe ich dagegen gemacht? Es ist ähnlich wie beim Mobbing in der Schule. Das hat jeder mal erlebt und man war dann vielleicht froh, dass man nicht selbst Opfer war oder hat auch ein bisschen mitgemacht. Da ist viel Scham dabei. Wenn dann so ein Buch von Katja Hoyer erzählt, dass das Leben schon ganz okay gewesen sei und die Opfer ausblendet, schafft das eine Entlastung.

Robert Ide: Wie ist denn Ihr Buch angekommen in Ihrer alten Heimat Wismar?

Anne Rabe: Das weiß ich nicht. Ich fahre fast gar nicht nach Mecklenburg-Vorpommern, weil ich mich da unwohl fühle. Zuletzt war ich auf Usedom. Da wehen mir zu viele Deutschland-Flaggen. Es wird abfällig über die Polen gesprochen, die nebenan wohnen. Am Strand gibt es immer jemanden mit Nazi-Tattoo. Es hat sicher auch mit meinen eigenen Erinnerungen zu tun. Ich meide das.



Aus: "Autorin Anne Rabe im Gespräch: ,,Im Osten gibt es eine vererbte Brutalität"" Robert Ide (16.09.2023)
Quelle: https://archive.ph/9QDzB#selection-2041.11-2041.38

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"Post-DDR-Roman von Anne Rabe: Mit tiefer Verletzlichkeit" Simone Schmollack (24.9.2023)
Anne Rabe analysiert Familienstrukturen und übt Systemkritik. Ihr Debütroman ,,Die Möglichkeit von Glück" ist ein heftiges Buch.
Die Autorin eilt auf 384 Seiten von einem Gewaltexzess zum nächsten. Nicht wenige der beschriebenen Erfahrungen hat sie selbst als Heranwachsende machen müssen. Und so ist ,,Die Möglichkeit von Glück", auch wenn ,,Roman" auf dem Cover steht", vor allem eine Analyse familiärer Strukturen, wie es sie zuweilen in der DDR gab, sowie Systemkritik. ...
https://taz.de/Post-DDR-Roman-von-Anne-Rabe/!5959234/

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Quote[...] Es gibt gute Gründe dafür, dass das Sprechen über Gewalt schwerfällt. Die Gewalt lässt uns verstummen, weil sie hilflos macht. Die Gewalt ist ein brachialer Verlust von Distanz, den wir nicht kommen sehen, sonst hätten wir uns ja rüsten und wehren können.

... ,,Ich kenne dieses Schweigen", sagte eine Frau nach einer Lesung im südlichsten Westen der Republik. Wir standen vor der Buchhandlung und ich gab ihr eine Zigarette. Sie erklärte mir, dass sie eigentlich nicht raucht. Ich zündete nach meiner ersten Zigarette gleich die nächste an.

Das Schweigen, das sie meint, ist das Schweigen über die Vergangenheit. Die Familiengeschichte in meinem Buch beginnt im Kaiserreich. 1923 wird dann der Großvater der Erzählerin geboren. In mühsamer Archivarbeit rekonstruiert sie seine Geschichte vom Aufwachsen im Lumpenproletariat der Weimarer Republik, dem Dienst in der Wehrmacht, den er nur durch eine schwere Verwundung überlebte, denn diese rettete ihn aus dem Kessel von Stalingrad.

Ein Leben, das in der DDR schließlich seine Erfüllung in einer beachtlichen akademischen Karriere fand. Der Großvater hat Schuld auf sich geladen. Eine Schuld, der man in autoritären Systemen schwer ausweichen kann. Doch darüber wurde in der Familie der Erzählerin nicht gesprochen. Das Schweigen, das in der DDR staatlich verordnet war, setzt sich nach der Wiedervereinigung fort.

Die Frau, mit der ich meine Zigaretten teilte, sprach auch von dieser Schuld und davon, dass ihre Erziehung von Gewalt geprägt war. Es waren die Nachkriegsjahre, in denen auch in Westdeutschland geschwiegen wurde.

Nicht selten passiert es, dass in den Gesprächen nach Lesungen die Erinnerung an das Schweigen in den Familien als Gemeinsamkeit zwischen Ost- und Westdeutschland erkannt wird. Und auch wenn es bei den Lesungen in Westdeutschland immer mal wieder dazu kommt, dass lange gepflegte Vorurteile über ,,den Osten" in aller Breite vorgetragen werden, gelingt es mir immer besser, diese Entlastungsversuche zu durchbrechen und auf die Schweigetradition zu sprechen zu kommen. Auch in Westdeutschland wissen viele Menschen erstaunlich wenig über die Beteiligung ihrer Vorfahren am Krieg und Terror der Nationalsozialisten.

Eine Mehrheit glaubt auch hier, dass ihre Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern zwischen 1933 und 1945 entweder Opfer oder Gegner des Naziregimes waren. Vielleicht noch Mitläufer, aber dann ganz sicher solche, die niemandem geschadet haben.

,,Ich weiß nicht einmal, wo mein Vater in Gefangenschaft war", sagte die Frau und ergänzte, dass sie schon oft darüber nachgedacht hätte, die Sache mal zu recherchieren. Ich versuchte ihr Mut zu machen. Es wäre gar nicht so schwer. Man bräuchte nur Geduld.

... ,,Es war ein merkwürdiger Abend", schrieb ein User im April auf Twitter über meine erste Lesung in Ostdeutschland, die in Jena stattfand. Ich fragte nach, was ihn so verwundert habe, und er erklärte, dass eben kein Gespräch mit dem Publikum zustande gekommen sei. Ich erinnerte mich gut an Jena und es stimmte, ein Gespräch gab es nicht. Keine Fragen aus dem Publikum, kaum Anmerkungen.

Gerade anfangs musste ich bei meinen Lesungen im Osten lernen, diese Stille auszuhalten. Zu warten und immer wieder zum Gespräch aufzufordern. Oft hatte ich das Gefühl, dass die Menschen zwar sprechen wollten, aber besonders in kleinen Orten oft Angst haben, nicht die richtigen Worte zu finden oder sich vor ihren Nachbarinnen und Nachbarn zu offenbaren. Ich war im Gegensatz zu ihnen ja auch in der einfacheren Position. Ich würde am Abend wieder nach Berlin fahren. Sie würden einander schon morgen wieder begegnen.

Der Mut derjenigen, die dann jedoch begannen zu sprechen, hat mich tief beeindruckt. Ich werde nicht vergessen, wie Frauen von den letzten Kriegstagen in den Städten entlang der Havel erzählten. Wie sie vorsichtig nach Worten suchten. Mit Halbsätzen begannen und dann doch von ihrem eigenen und dem Leid ihrer Mütter erzählten, an deren Körpern nicht selten die Rache der sowjetischen Soldaten vollzogen wurde.

Sie sprachen auch über die grausamen Konsequenzen, die der Befehl ,,Sieg oder Untergang" in den letzten Kriegstagen vor allem für ihre Brüder hatte. Ich weiß noch, wie mir plötzlich auffiel, dass die Älteren bei einer der Lesungen vor allem Frauen waren, und als ich mit meinem Auto die Stadt verließ, sah ich plötzlich ganz deutlich die Spuren des Krieges. Entlang der Hauptstraße nur Neubaublöcke und zwischen diesen Plattenbauten einzelne Backsteinhäuser, wie die letzten echten Zähne in einem reparierten Gebiss.

Nicht vergessen werde ich den Mann, der immer wieder sagte, wie normal doch die ganze Gewalt sei, die in dem Buch geschildert wird. Er sagte das nicht, um die Gewalt abzutun, auch das begriff ich erst später, sondern um den anderen im Raum mitzuteilen, dass es ihm auch so ergangen war und dass er es auch nicht vergessen kann.

...


Aus: "Schweigen über Gewalt in der DDR:Durchwachte Nächte" Aus einem Artikel von Anne Rabe (29.12.2023)
Quelle: https://taz.de/Schweigen-ueber-Gewalt-in-der-DDR/!5979607/


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Quote[...] Die Bundesregierung bewertet in ihrem neuen Jahresbericht zur Deutschen Einheit das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland positiv – anders als die Deutschen selbst.

Eine Woche vor dem 33. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober hat eine am Dienstag veröffentlichte Forsa-Umfrage für den ,,Stern" ergeben, dass Ost- und Westdeutschland nach Ansicht der Bundesbürger nicht etwa zusammengewachsen seien, sondern, im Gegenteil, weiter auseinander rücken.

Demnach meinen nur 37 Prozent der Befragten, dass die Menschen in Ost und West inzwischen weitgehend zu einem Volk zusammengewachsen seien. 60 Prozent der Deutschen sind hingegen der Meinung, dass das Trennende überwiege.

Eine besonders negative Sicht auf die Einheit herrscht der Umfrage zufolge im Osten des Landes sowie unter den älteren Bundesbürgern vor.

In Ostdeutschland sehen demnach 34 Jahre nach dem Mauerfall 75 Prozent der Befragten vor allem das Trennende. Nur 21 Prozent in den neuen Ländern finden, dass beide Seiten zusammengewachsen sind. Bundesweit überwiegen für 69 Prozent der Deutschen, die 60 Jahre und älter sind, die Unterschiede.

Die Befragung hatte in den vergangenen 20 Jahren regelmäßig stattgefunden. Ähnlich negativ wie heute waren die Einschätzungen zuletzt im Jahr 2008 gewesen. Vor vier Jahren fiel die Bilanz noch positiv aus: 2019 sah eine Mehrheit von 51 Prozent ein Zusammenwachsen und nur eine Minderheit von 45 Prozent das Trennende überwiegen.

SPD-Wähler sind demnach am skeptischsten: 71 Prozent von ihnen sehen mehr Unterschiede als Gemeinsames. Als einzige Parteianhänger sehen FDP-Wähler die Einheit mehrheitlich positiv: 48 Prozent von ihnen empfinden ein Zusammenwachsen Deutschlands, etwas weniger (46 Prozent) sehen mehr Unterschiede.

Wie ,,The Pioneer" am Montag vorab berichtete, heißt es im Jahresbericht der Bundesregierung: ,,Bei genauem Hinsehen erweisen sich Ost- und Westdeutschland – trotz zahlreicher fortbestehender Unterschiede – nach 33 Jahren gemeinsamer Geschichte als Regionen eines vereinten Landes." Der Jahresbericht soll am Mittwoch vorgestellt werden. (AFP)


Aus: "33 Jahre Deutsche Einheit: Bürger sehen weiterhin große Unterschiede zwischen Ost und West" (26.09.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/33-jahre-deutsche-einheit-burger-sehen-weiterhin-grosse-unterschiede-zwischen-ost-und-west-10529353.html

Textaris(txt*bot)

Quote[...] ,,Drei Frauen träumten vom Sozialismus" ist der Obertitel des neuen Buches von Carolin Würfel, Historikerin und Autorin, geboren 1986 in Leipzig, wenige Jahre vor dem offiziellen Ende des Sozialismus auf deutschem Boden. Und dann folgen drei Namen: Maxie Wander. Brigitte Reimann. Christa Wolf.  Die Berühmteste, die mit dem längsten Leben zuletzt. Alle drei waren flirrende und interessante Namen, doch für die Heutigen ist vor allem Christa Wolf auch ohne Wikipedia präsent. Am 4. November 1989, fünf Tage vor dem Fall der Mauer, hielt sie noch eine große Rede auf dem Alexanderplatz in Berlin, und auch da ging es um einen Traum: Die DDR-Bürger sollten gewaltfrei demonstrieren, und sie sollten zusammenhalten:

    ,,Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg."

Christa Wolf

Auch dieser Traum hat sich nicht erfüllt. Und Christa Wolf fiel vom Podium geradewegs in die Ambulanz, mit einer massiven Herzrhythmusstörung. Es sprachen nicht nur Verstand und Gefühl, der Körper hatte seinen eigenen Text.

Diese Szene spielt nach der Erzählzeit von Carolin Würfel. Ihr Portrait dreier Schriftstellerinnen der DDR konzentriert sich auf die gemeinsame Lebenszeit von Maxie Wander, Brigitte Reimann und Christa Wolf, bis zum Ende der Siebziger Jahre. Eine nicht symmetrische Gruppe:

Schade, dass Reimann und Wander so wenig Gelegenheiten hatten oder Gelegenheiten wahrnahmen, sich auszutauschen. Das Herz der Gruppe war eben immer Wolf, um die die anderen beiden Satelliten kreisten, ohne den Weg und die Nähe zueinander zu finden. (...) Dabei hätte es objektiv jede Menge Gemeinsamkeiten gegeben, ihre Liebe zur Musik und ihre Attraktivität, vor allem aber den unstillbaren Hunger, die ständige Sehnsucht nach der Welt oder die Lust am Ausbruch.

Alle drei waren um das Jahr 30 herum geboren, und Brigitte Reimann und Maxie Wander starben früh. Für alle drei war der Körper ein großes Thema – als ein Instrument der Selbsterfindung und der freien Sexualität vor allem bei Wander und Reimann. Als Bürde und als ein Nest für Ängste und Qual bei jeder von ihnen. Reimann und Wander starben, von der Freundin Christa Wolf liebevoll und umsichtig begleitet, in ihren Vierzigern an Krebs, im selben Krankenhaus in Ostberlin. Und sie, die damals schon Erfolgreichste, sollte sie um Jahrzehnte überleben; Jahrzehnte auch der Angst um den eigenen Körper.

Eine Mentalitätsgeschichte eigener Art hat Carolin Würfel geschrieben. Ihre Idee ist so einfach wie brillant, und sie ist ganz persönlicher Natur. Denn diese drei Autorinnen waren in ihrer Familie Ikonen. Maxie Wander, eigentlich Elfriede Brunner, in Wien in einer kommunistischen Familie aufgewachsen und freiwillig DDR-Bürgerin: eine, die blieb, obwohl sie nicht bleiben musste. Eine, die mit ihren Reportagen aus dem westlichen Ausland einen Hauch Flamboyanz in die grauen Städte brachte. Vor allem aber eine, deren Buch ,,Guten Morgen, du Schöne" Genossinnen so portraitierte, dass das Glücks- und Wirklichkeitsversprechen zum Vorschein kam. In Wanders Gesprächen mit Frauen unterschiedlicher Herkunft und Bildung, die von Stolz und Enttäuschung, von Sex und Romantik, von ihrem Alltag und ihren Hoffnungen sprachen, erkannten die Leserinnen sich wieder; und das Publikum in der Bundesrepublik griffen diesen parallelen Lebensstoff mit Neugier und Enthusiasmus auf: Maxie Wander wurde berühmt, und ,,Guten Morgen, du Schöne" das Gütesiegel einer, wie man heute sagen würde, sozialistischen Zivilgesellschaft.

Auch Brigitte Reimann, heute vor allem mit ihren Tagebüchern im Gedächtnis, warf sich am Anfang ihres erwachsenen Lebens mit voller Kraft ins sozialistische Experiment und ging in die neu gebaute Vorzeigestadt Hoyerswerda.

Die Vereinbarung, die mit Schreibenden wie Reimann getroffen wurde: vier Tage Schreibmaschine, ein Tag Kombinat. Einmal pro Woche fuhr Brigitte Reimann also in die ,,Schwarze Pumpe" und arbeitete dort im Sinn des ,,Bitterfelder Weges" – ,,Greif zur Feder, Kumpel" – als Hilfsschlosserin. Auch das war ein Neuanfang. Reimann hatte bisher noch nie wirklich körperlich gearbeitet, der Körper an sich war seit der Kinderlähmung ja Arbeit genug.

Drei Schriftstellerinnen, die für den Sozialismus nicht nur schwärmten, sondern ihm ihre Zeit gaben, Körpereinsatz, große Gefühle und scharfe Gedanken. Die mit der inneren wie äußeren Zensur zu kämpfen hatten. Drei Wege in die buchstäbliche Enttäuschung. Dass Carolin Würfel ein so lebendiges Buch aus diesem trüben Stoff gelungen ist, verdankt sich ihrer sehr persönlichen Herangehensweise. Die manchmal geradezu zärtlich übergriffig ist, anschmiegsam spekulativ.

...


Drei Frauen träumten vom Sozialismus. Maxie Wander, Brigitte Reimann, Christa Wolf
Autor: Carolin Würfel
Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-27384-9
272 Seiten


Aus: "Carolin Würfel – Drei Frauen träumten vom Sozialismus. Maxie Wander, Brigitte Reimann, Christa Wolf" Elke Schmitter  (25.11.2022)
Quelle: https://www.swr.de/swr2/literatur/carolin-wuerfel-drei-frauen-traeumten-vom-sozialismus-maxie-wander-brigitte-reimann-christa-wolf-100.html

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#79
Quote[...] Wären Sie bereit, ohne Warmwasser und Heizung auszuharren, um einen Plattenbau aus dem Jahr 1984 zu retten? Im neuen Doku-Podcast ,,Häuserkampf – eine Platte will bleiben" kommen Menschen zu Wort, die diese Fragen klar bejahen.

Es ist eine unscheinbare, blassgelbe DDR-Platte, für die unterschiedliche Ak­teu­r:in­nen diese Aktion auf sich nehmen: Die Habersaathstraße in Berlin-Mitte.

"Mauer gegen Mieter" Marie Frank (18.10.2023)
Der Eigentümer der Habersaathstraße 40–48 lässt die Kellertür zumauern und versperrt damit Fluchtwege. Die Politik lässt den Investor gewähren.
https://taz.de/Immobilienspekulation-in-Berlin/!5963835/

Der Straßenname steht für den Plattenbau mit der Hausnummer 40–48 – und den Kampf um bezahlbaren Wohnraum, der hier seit Jahren ausgefochten wird. Dieser wird mit einer bemerkenswert breiten Front geführt.

"Wohnungslose in der Habersaathstraße: Kalte Räumung droht" Marie Frank (5.12.2022)
Die Menschen in der Berliner Habersaathstraße könnten schon bald wieder auf der Straße landen. Verhandlungen mit dem Eigentümer gibt es nicht.
https://taz.de/Wohnungslose-in-der-Habersaathstrasse/!5896487/

Eine Initiative aus Obdachlosen und Ak­ti­vis­t:in­nen besetzte die Platte bereits zweimal, Mie­te­r:in­nen blieben, und auch der Bezirk Berlin Mitte setzte sich für den Erhalt ein.

Warum Menschen für dieses Haus solche Strapazen in Kauf nehmen, erfahren Hö­re­r:in­nen in ,,Häuserkampf". Produziert wurde der Pod­cast von Audiokombinat, einem Kollektiv aus sieben Journalist:innen. Zwei von ihnen, Johanna Tirnthal und Jürg Meister, haben mit der taz über ihr Projekt gesprochen. In der Habersaathstraße gibt es 105 Wohnungen, für die die Kaltmiete 6 Euro pro Qua­drat­me­ter beträgt. Doch das Haus steht fast leer, der Eigentümer Arcardia Estates GmbH möchte abreißen und neu bauen. Sieben Mie­te­r:in­nen stellen sich dagegen, woraus sich ein wahrer Krimi der Wohnungspolitik entspinnt.

"Spekulativer Leerstand in Berlin: Mieter dürfen bleiben" Yannick Wohlfelder,  Marie Frank (11.10.2023)
Die Arcadia Estates erlebt vor dem Amtsgericht Berlin im Räumungsprozess gegen Alt­mie­te­r*in­nen der Habersaathstraße 40-48 erneut eine Niederlage.
https://taz.de/Spekulativer-Leerstand-in-Berlin/!5962529/

Längst geht es beim Kampf um die Habersaathstraße nicht mehr nur um die 105 Wohnungen. Denn am Streit darum, ob die DDR-Platte schützenswerter Wohnraum ist, entscheiden sich Maßstäbe, die berlinweit gelten. Sind die Standards aus den 80ern nicht mehr ausreichend, dürfte massig abgerissen werden. ,,Das betrifft Platten, aber auch den beliebten Altbau", erklärt Jürg Meister. Im Podcast heißt es, eine solche Entscheidung könne fast die halbe Stadt betreffen.

Trotz der lokalen Brisanz ist ,,Häuserkampf" kein Podcast ausschließlich für Berliner:innen. ,,Diese Dynamiken gibt es in fast allen deutschen Großstädten", erklärt Meister. Seine Kollegin Johanna Tirnthal ergänzt: ,,Wir beleuchten auch die Baukrise. Das ist ein deutschlandweites Thema. Genauso wie die Folgen von Abriss und Neubau für das Klima." Der Podcast thematisiert auch das Recht auf Eigentum und Vergesellschaftung und zeigt den rechtlichen wie wirtschaftlichen Rahmen auf, in dem Spekulation mit Immobilien erfolgt. Kurzum: Es geht um die Hintergründe der Wohnungsnot.

Wie aktuell das ist, zeigten erst neulich Hochrechnungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Die Zahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland ist 2022 deutlich gestiegen, auf 607.000 gegenüber 383.000 im Jahr 2021. Warum bezahlbarer Wohnraum so selten ist, wird in ,,Häuserkampf" in präzisen Einordnungen gut greifbar. Ex­per­t:in­nen zeigen unterschiedliche Perspektiven – zum Beispiel aus Architektur oder Recht – auf die Wohnungskrise auf. Und auch die Eigentümer der Habersaathstraße kommen zu Wort.

"Bündnis für bezahlbaren Wohnraum: 187 Maßnahmen gegen Wohnungsnot" Jasmin Kalarickal (12.10.2022)
Bündnis für bezahlbaren Wohnraum stellt Vorschläge gegen die Wohnungsnot vor. Linke kritisiert: Mietenkrise wird nicht grundlegend angepackt.
https://taz.de/Buendnis-fuer-bezahlbaren-Wohnraum/!5884025/

Gleichzeitig wird deutlich, welche Gesetze Mie­te­r:in­nen beim Kampf um bezahlbaren Wohnraum schützen. Für Meister und Tirnthal ist die Habersaathstraße deshalb auch Hoffnungssymbol. An diesem Beispiel schlüsselt der Podcast die Komplexität der Wohnungskrise ein Stück weit auf. In den ersten drei Folgen, die die taz vorab bekommen hat, gelingt und unterhält das gut – auch weil unterschiedliche Stimmen und musikalische Einspieler zu einem kurzweiligen Hörerlebnis beitragen.

Wer ins komplexe Thema der Wohnungspolitik tiefer einsteigen möchte, kann noch auf andere Podcasts zurückgreifen. ,,Schöner Wohnen – Zur Wohnungsfrage" zum Beispiel erklärt unterschiedliche Facetten der Wohnungspolitik aus einer linken Perspektive und bemüht sich stellenweise, über Berlin hinauszublicken. Auch ,,Teurer Wohnen" ist ein preisgekröntes Podcast-Format, das im Reportagestil die Funktionsweisen des Immobilienmarkts beleuchtet, mit Fokus auf Wertsteigerung und die Rolle von Steueroasen. Auch hier steht – abgesehen von Exkursen nach Ulm und Zypern – die Hauptstadt im Zentrum des Storytellings.

"Experte über Wohnungspolitik: ,,Wohnungen sind kein Spargel"" das Interview führte Jasmin Kalarickal (3.7.2022)
Hilft Bauen gegen den Wohnungsmangel? Matthias Bernt forscht zu Gentrifizierung und Wohnungspolitik und hat bessere Vorschläge.
https://taz.de/Experte-ueber-Wohnungspolitik/!5863156/

Zur Habersaathstraße werden in Berlin übrigens gerade Räumungsprozesse geführt. ,,Wir verfolgen das mit", erzählt Johanna Tirnthal. Wenn Mitte Dezember die letzten beiden Folgen erscheinen, soll ein Teil der Urteile bereits feststehen. Die Ma­che­r:in­nen wollen ihre Pod­cast-­Hörer:innen dann auf den neusten Stand bringen.


Aus: "Podcast ,,Häuserkampf": Kampf um die Platte" Elisa Pfleger (27.11.2023)
Quelle: https://taz.de/Podcast-Haeuserkampf/!5972130/

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Häuserkampf: Podcast über Wohnungspolitik in der Großstadt
--> https://haeuserkampf.de/ // https://www.audiokombinat.net/

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// Analysen / Texte aus der DDR //

" ... Die epische Grundlage der Untersuchung sollen in erster Linie DDR-Rock-Phänomene bilden, insofern mitten durch die Problematik realer Kultur- und Kunstentwicklung auf diesem Sektor hierzulande gehen. Eine offizielle - wie inoffizielle Rockbewegung durfte in den letzten Jahren verstärkt Gestalt annehmen. Das WIE hingegen bleibt mit verschiedenen Positionen besetzt ..."
Aus: "Kulturelle Symbole im Gestus des 'Rock'" Susanne Lehmann (79 Seiten, 1987)
https://www.musikundmedien.hu-berlin.de/de/musikwissenschaft/pop/forschungszentrum-populaere-musik/lehmann-suanne-1987-kulturelle-symbole-im-gestus-des-rock.pdf

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" ... Beim heutigen Stand der Wissenschaft kann man das Wesen der Rockmusik nicht mehr aus dem musikalischen und textlichen Material heraus allein erklären. Sie erhält ihren Sinn erst durch die sozialen und kulturellen Kontexte, in die sie ihre Nutzer stellen. "Tatsächlich ist jede ihrer Stilformen und Spielweisen an konkrete soziale Erfahrungen und kulturelle Kontexte gebunden" betont 1 Wicke, der bei der Beachtung der kulturellen Dimension dieser Musik soweit geht, daß er sie als "ein Massenmedium'" bezeichnet, .. durch das hindurch kulturelle Werte und Bedeutung zirkulieren, soziale Erfahrungen weitergegeben werden, die über die klingende Materialität weit hinausgehen. ... Schon Dreizehnjährige trennen scheinbar haarscharf zwischen sogenannten Poppern, Grufties, New Romantics, Metallern, Bluessandalen, Hardcore- oder Plastic-Punks. ... "
Aus: ""Alternativrock" in der DDR?" (25 Seiten, 1989)
Forschungszentrum populäre Musik - Humboldt-Universität Berlin, Sektion Ästhetik/Kunstwissenschaften
Bereich Musikwissenschaft, DDR - Uwe Baumgartner; Susanne Binas, Peter Zocher
https://www.musikundmedien.hu-berlin.de/de/musikwissenschaft/pop/forschungszentrum-populaere-musik/baumgartner-uwe-binas-susanne-zocher-peter-1989-alternativrock-in-der-ddr.pdf

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" ... Populäre Musik hat ihre adäquate Existenzform in den elektronischen Massenmedien. Darum betont Pücke auch, daß eine Musik, die im Medienzusammenhang produziert und verbreitet wird, stets von ästhetischen, technischen, ökonomischen, organisatorischen und politisch-administrativen Merkmalen geprägt ist, ihre musikalische Qualität nur aus dieser Symbiose her verständlich wird. ..."
Aus: Katrin Penzel (54 Seiten, 1985): "Populäre Musik in der musikwissenschaftlichen Literatur der DDR"
Humboldt-Universität Berlin, Sektion Ästhetik/Kunstwissenschaften
https://www.musikundmedien.hu-berlin.de/de/musikwissenschaft/pop/forschungszentrum-populaere-musik/penzel-katrin-1985-populaere-musik-in-der-musikwissenschaftlichen-literatur-der-ddr.pdf

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Peter Wicke (1984): "Populäre Musik und Sozialistische Kultur" Peter Wicke (1984)
https://www.musikundmedien.hu-berlin.de/de/musikwissenschaft/pop/forschungszentrum-populaere-musik/wicke-peter-1984-populaere-musik-und-sozialistische-kultur-kulturpolitische-und-theoretische-dimensionen-eines-sozialistischen-konzepts-musikalischer-massenkultur.pdf

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Peter Wicke (65 Seiten, 1990): "Musikindustrie in den USA - Eine Analyse"
https://www.musikundmedien.hu-berlin.de/de/musikwissenschaft/pop/forschungszentrum-populaere-musik/wicke-peter-1990-musikindustrie-in-den-usa-eine-analyse.pdf


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#81
Quote[...] In der Welt unterhält sich Andrea Seibel mit dem Historiker Andreas Petersen über dessen neues Buch "Der Osten und das Unbewusste. Wie Freud im Kollektiv verschwand", das den Umgang mit der Tiefenpsychologie in den Gesellschaften Ost- und Westeuropas vor und nach den großen Diktaturen vergleicht. In Russland wurde "ab Ende der 1920er-Jahre durch Stalin alles Tiefenpsychologische ausgelöscht" und das hat Folgen bis heute, meint er. Ganz so weit scheint er mit seinem Buch nicht zu gehen: "Es sollte in Sachen Psyche erst einmal der historische Rahmen abgesteckt werden. Was ist in Ost und West überhaupt passiert, bis hinein in die Familien? Stichwort: gesellschaftlicher Sozialcharakter. Was bedeutet es, wenn langfristig Wissen über das Unbewusste aus der Gesellschaft draußen gehalten wird. Wir können noch lange über Renten und Erbe streiten, aber das immaterielle Erbe weiter ausblenden. Was also ist der missing link in dieser Frage zwischen Ost und West? Dabei geht es nicht um besser oder schlechter, schwarz oder weiß, sondern ums Klären der Differenzen."


Aus: "Buch in der Debatte" (2024)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/9punkt/2024-03-19.html#a95864

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Quote[...] [Andreas Petersen ist Dozent für Zeitgeschichte an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Leiter der Geschichtsagentur zeit&zeugen in Zürich und Berlin. Soeben ist sein Buch "Der Osten und das Unbewusste – Wie Freud im Kollektiv verschwand" (Klett-Cotta) erschienen.] In der DDR war die Tiefenpsychologie verpönt. Das blockierte die Aufarbeitung der NS-Geschichte, sagt der Historiker Andreas Petersen.

[...]

Dr. Peter Neumann: [...] In Ihrem jüngst erschienenen Buch Der Osten und das Unbewusste geht es um die fehlende Vergangenheitsbewältigung nicht nur in der Sowjetunion und Osteuropa, sondern auch in Ostdeutschland. Und Sie machen dafür vor allem auch den Umgang mit der Tiefenpsychologie verantwortlich. Warum?

Andreas Petersen: Der erste Band mit Schriften von Sigmund Freud, dem Gründungsvater der Psychoanalyse, erschien 1982 in der DDR. Man muss sich klarmachen, was das heißt: kein Theodor W. Adorno, kein Max Horkheimer, kein Erich Fromm, keine Frankfurter Schule, keine Studien zum autoritären Charakter, keine echte Gesellschaftskritik. Ich bin in Nordrhein-Westfalen, in Köln sozialisiert worden. Dort war alles völlig durchtränkt von tiefenpsychologischen Therapieangeboten und von Faschismusaufarbeitung: Wer waren unsere Väter eigentlich? Was haben die in der Wehrmacht gemacht? Warum waren sie zu solchen unvorstellbaren Verbrechen fähig gewesen? Was ist Gehorsam? Da gab es Filme, Buchhandlungen, die WGs. Ein ganz zentraler Text für uns war Bruder Eichmann von Heinar Kipphardt. Also die Frage: Was verbindet uns mit Adolf Eichmann, dem Mann, der die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Millionen Juden organisierte. Die Tiefenpsychologie war ungemein wichtig für den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg. 20 Millionen Zuschauer verfolgten 1969 im Fernsehen die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, der mit seiner Frau Margarete zwei Jahre zuvor eines der einflussreichsten Bücher der deutschen Nachkriegsgeschichte geschrieben hatte: Die Unfähigkeit zu trauern. Im Osten hingegen, so formulierte es der DDR-Regisseur Achim Freyer erst kürzlich, war die Seele das Kitschwort aus dem Westen.

[...]

Dr. Peter Neumann: Sie meinen, dass das aus den USA nach Westdeutschland zurückgekehrte psychoanalytische Denken die Gesellschaft wieder zu sich selbst zurückbrachte?

Andreas Petersen: Ohne Freud und die Tiefenpsychologie wäre diese Öffnung nicht zu denken gewesen. Und dann gab es mit den Achtundsechzigern eine Generation, die wirklich wissen wollte, was mit ihren Eltern im Faschismus war. Diese junge Generation hatte Lektüreangebote, man konnte sich belesen und informieren. Ich erinnere nur an das Buch des Psychoanalytikers Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit, 1941 im amerikanischen Exil veröffentlicht. Fromm untersuchte, wie der Individualismus der Moderne auf unbewusste Weise zur Flucht ins Autoritäre, Destruktive und Konformistische geführt hatte.

Dr. Peter Neumann: Sie schreiben in Ihrem Buch aber auch, dass die therapeutische Nabelschau im Westen bald zu einer Art Mode wurde. Bewegungen wie das hinduistische Hare Krishna, der Zen-Buddhismus, Taoismus, Tai-Chi-Chuan und Tantra wurden populär. Plötzlich ging es nicht mehr um Faschismus und Aufarbeitung, sondern nur noch um persönliches Glück und Selbstoptimierung. Hat die Durchpsychologisierung der Gesellschaft auch zu einer Vereinzelung ihrer Individuen geführt?

Andreas Petersen: Heute ist vielfach das Argument zu hören: Für mich stimmt's, nach meinem Empfinden verhalten sich die Dinge so und so. Und das war's. Ich halte das in der Tat für eine völlige Fehlentwicklung. Wenn alle das eigene Befinden zum Maßstab erheben, ist das für eine Gesellschaft fatal, weil sie damit auseinanderfällt. Dann fragt sich: Was verbindet Gesellschaften überhaupt? Verbundenheit entsteht über gemeinsame Werte. Lange Zeit hat die Religion noch die Funktion übernommen, eine verlässliche Basis für viele zu schaffen. Aber dieser Wertekonsens ist heute aufgebrochen, was einerseits natürlich gut ist, weil es mit einer Pluralisierung der Lebensstile einhergeht. Gleichzeitig haben wir eben das Problem, dass wir im Zuge der Individualisierung nicht mehr genau wissen, was eine Gesellschaft noch zusammenhält. Und da hat diese Durchpsychologisierung eben zwei Seiten: Auf der einen Seite hat sie eine große Öffnung bewirkt, für die man dankbar sein kann. Auf der anderen Seite hat sie zu einer starken Singularisierung geführt, in der man vor allem auf sich selber fokussiert ist und nicht mehr auf die Gesellschaft als Ganzes.

Dr. Peter Neumann: Die Psychoanalyse fehlte im Osten nahezu vollständig. Freud galt als westlich, bourgeois, dekadent. So etwas wie das Unbewusste, Triebhafte durfte es im Sozialismus nicht geben. Man unterrichtete vielmehr den russischen Verhaltensforscher Iwan Pawlow, dessen Lehre von der klassischen Konditionierung besser ins Bild des neuen Sowjetmenschen passte. Wusste die DDR, wer sie war?

Andreas Petersen: Nicht nur die DDR, sondern alle osteuropäischen Gesellschaften wussten nicht, wer sie waren. Wenn bestimmte Sachen gesellschaftlich nicht verhandelt werden können, wenn sie nicht in der Zeitung, nicht im Feuilleton, nicht in der öffentlichen Diskussion vorkommen, höchstens im privaten Kreis, in Kirchen oder Kliniknischen auftauchen, dann gibt es darüber auch keine Verständigung in der Gesellschaft. Es bleibt eine Lücke in der Kommunikation. Man darf sich die Kerngruppe der Achtundsechziger gar nicht so groß vorstellen. Das sind 2.000 Leute, und dann gibt es noch einen Sympathisantenkreis mit ein paar Tausend Unterstützern. Mehr sind es nicht. Aber im hinterletzten bayerischen Dorf erzählen die Leute zwanzig Jahre später, dass sie Achtundsechziger gewesen sind. Die haben das medial mitbekommen, haben sich identifiziert, haben an dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung teilgenommen. Im Osten brauchte es schon sehr viel Energie, um solche Gespräche praktisch von Mensch zu Mensch, von Görlitz nach Leipzig zu transportieren.

Dr. Peter Neumann: Für die DDR war klar, woher das Unheil kam. Man lagerte das Problem einfach aus und zeigte mit dem Finger über die Mauer: Die Faschisten sitzen drüben im kapitalistischen Westen. Man selbst war das "bessere Deutschland". So blieb auch in den Familien die Aufarbeitung meist aus.

Andreas Petersen: Die Achtundsechziger haben letztlich ihre Vergangenheit nicht am Familientisch verhandelt. Sie haben nicht ihre Eltern befragt, das war zu heiß. Sie haben es gesellschaftlich verhandelt, das ist das Besondere. Es wäre zum Beispiel sehr einfach gewesen, über die Wehrmachtauskunftstelle an Informationen zu kommen: Man konnte einen Antrag stellen und wusste zwei Monate später alles über den eigenen Onkel oder Vater: Wo haben die gedient, welche Einheit, sind sie verwundet gewesen? Anders gesagt: Wenn man wissen wollte, was die Männer damals im Krieg gemacht haben, dann gab es dafür öffentliche Stellen. Diese Stellen gab es in der DDR nicht, aber vor allem gab es keine gesamtgesellschaftliche Fragestellung. Dass die Aufarbeitung auch im Westen nicht lückenlos verlief, sehen wir heute im Umgang mit dem Ukraine-Krieg, den "Bloodlands", jenem Gebiet zwischen Zentralpolen und Westrussland, wo die Wehrmacht damals ihre Verbrechen verübt hat, neue Verbrechen geschehen, aber die notwendige Unterstützung ausbleibt.

Dr. Peter Neumann: Wie meinen Sie das?

Andreas Petersen: Es gibt Sätze, die inzwischen zu Plattitüden geworden sind: Man sagt "Nie wieder", und man fragt sich, was heißt das, jetzt, hier, konkret in dieser Situation. Wenn man dieses "Nie wieder" ernst nehmen würde, müsste man jetzt Waffen an die Ukraine liefern. Es gab die Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion, und einer der Hauptschauplätze war die Ukraine. Und wenn wir einen ehrlichen Umgang suchen, dann müssen wir auch eine Diskussion über die deutsche Schuld in der Ukraine führen.

Dr. Peter Neumann: Warum hat sich der Gefühlsstau nach 1989 im Osten nicht einfach entladen?

Andreas Petersen: Schon die Beschäftigung mit der NS-Diktatur im Westen war ja unheimlich schwierig. Und im Osten kam bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte nun noch die zweite Diktatur hinzu. Das wäre dann wirklich sehr viel gewesen. Das Ausbleiben einer nachholenden Bewegung nach 1989 hat aber auch mit der Entwicklung der Tiefenpsychologie selbst zu tun. Es sind nicht mehr die Siebziger-, Achtzigerjahre mit ihrem utopischen Aufbruchsgedanken. Es ist jetzt die integrierte Verhaltenstherapie, die Menschen im Burn-out auffängt. Die Fragen "Wer bin ich?", "Wer sind meine Eltern?", "Woher komme ich?", "Was bedeutet das für mein Leben?" rücken in den Hintergrund. Auch in den Therapien geht es jetzt vor allem um Effizienz und Selbstoptimierung. Es gibt heute nur noch zwei psychoanalytische Lehrstühle in Deutschland, alles andere ist Verhaltenstherapie.

Dr. Peter Neumann: Einerseits ist die deutsche Schuld heute so präsent wie lange nicht mehr. Nicht nur in der Ukraine, auch im Nahen Osten, wenn es um die deutsche Staatsräson und die Frage geht, wie viel deutsche Kritik an Israel zulässig ist. Andererseits gibt es gerade aus dem Globalen Süden Stimmen, die von dieser deutschen Schuld nichts wissen möchten. Die sie sogar verantwortlich machen für gegenwärtiges Unrecht in Gaza. Propalästinensische Aktivisten skandieren "Free Palestine from German Guilt" ("Befreit Palästina von deutscher Schuld"). Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus?

Andreas Petersen: Zur Aufarbeitungsdiskussion gehört das Wissen darum, was war. Es geht am Ende um die Fakten. Das gilt auch für den Vernichtungskrieg der Deutschen. Wo waren diese Wehrmachtssoldaten eigentlich? Ich habe neulich eine Veranstaltung mit dem Osteuropahistoriker Karl Schlögel gemacht, der sagte: Gehen Sie in Berlin in die Gedächtniskirche am Breitscheidplatz, im Keller gibt es im Rahmen einer Ausstellung eine Landkarte für deutsche Soldaten in Stalingrad, darauf alles Städte, die heute wieder Kampfgebiet sind: Sumy, Kramatorsk, Charkiw, Orte, an denen auch Schlögels Vater war. Diese Art von harter Erkenntnis meine ich, wenn ich von Aufarbeitung spreche. Meine Hoffnung ist, dass wir eine gemeinsame Basis finden. Die Interpretationen können dann immer noch unterschiedlich sein, aber wir sollten mindestens davon ausgehen können, dass wir über dieselben Fakten sprechen.


Aus: ""Nimmt man 'Nie wieder!' ernst, müsste man der Ukraine Waffen liefern"" (1. April 2024)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2024-03/andreas-petersen-osten-freud-psychologie-ukraine

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#82
Quote[...] ,,Es ist doch ganz klar: Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben." Diese Sätze stehen in den Erinnerungen von Wolfgang Leonhard. Walter Ulbricht soll sie am 1. Mai 1945 in Berlin gesagt haben, kurz nachdem ein sowjetisches Flugzeug ihn und seine Gefährten aus Moskau nach Deutschland zurückgebracht hatte. Manch einer mag noch gehofft haben, nach der zwölfjährigen Schreckenszeit könnten sich in Deutschland neue Wege in den Sozialismus eröffnen, die sich von der sowjetischen Diktatur unterschieden. Die ,,Moskauer" aber schufen Tatsachen. Sie setzten ihren autoritären, stalinistischen Stil gegen alle Widerstände durch. Und am Ende kam es so, wie Ulbricht es vorausgesagt hatte. Andreas Petersen spricht vom ,,Stalintrauma" als dem Gründungsakt der DDR. Ulbricht und seine Genossen, die in den dreißiger Jahren in die Sowjetunion emigrierten, seien durch Terror, Furcht und Schrecken sozialisiert worden, und diese Erfahrungen seien für die Einrichtung der Macht in der DDR entscheidend gewesen.

Natürlich weiß auch Petersen, dass die KPD eine autoritäre und hierarchisch strukturierte Partei war, noch bevor ihre leitenden Funktionäre nach 1933 in die Sowjetunion flüchteten. Ihre eigentliche Feuertaufe aber hätten Ulbricht, Pieck und andere erst im Heimatland der Revolution erhalten. Abgeschnitten und isoliert, waren die deutschen Kommunisten ihren Gastgebern ausgeliefert. Kaum einer sprach Russisch oder verstand, worauf es die Hetzjagd auf vermeintliche Saboteure und Spione abgesehen hatte. Nacht für Nacht wurden im Hotel ,,Lux", in dem die deutschen Funktionäre wohnten, Menschen aus ihren Zimmern geholt und in die Lubjanka gebracht. Sie wurden erschossen oder in Zwangsarbeitslager verschleppt, ohne dass die Angehörigen je erfuhren, was man ihnen zur Last legte.

Aber welche Wahl hatten Emigranten schon, die nirgendwo hingehen konnten? In wenigen Wochen lernten sie, worauf es im Überlebenskampf ankam. Schon bald kam ihnen die Lüge automatisch von den Lippen, Verstellung und Misstrauen wurden ihnen zur zweiten Natur. Wer die Schule der Paranoia absolviert hatte, war bereit, alles für möglich zu halten. Danach, so Petersen, habe kein Kommunist es mehr gewagt, Widerworte zu geben. Selbst die absurdesten Verschwörungstheorien habe man nun für glaubhaft halten müssen. Nach dem ersten Moskauer Schauprozess gegen prominente Bolschewiki lieferte die Kaderabteilung der KPD dem NKWD Informationen über Verräter und Spione in den eigenen Reihen. In der deutschen Parteipresse erschienen hysterische Aufrufe: Der ,,menschliche Abschaum" müsse ausgerottet und ,,alle noch vorhandenen Überreste des Gesindels unschädlich" gemacht werden. Der Gulag und die Lubjanka waren Orte irdischer Verdammnis, eine moderne Variante der Disziplinierung durch Furcht. Seht her, wohin ihr kommen werdet, wenn ihr nicht gehorcht! Alle deutschen Kommunisten, die das Jahr 1937 überlebt hatten, verinnerlichten diese eine Lehre: Liebe den Gehorsam und die Lüge, denn sie retten dir das Leben. Die Partei und ihre Generallinie wurden zum Über-Ich, zur einzigen Erklärungsressource, aus dem sich noch Sinn schöpfen ließ. Hugo Eberlein, der gefoltert worden und ohne Verhandlung zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war, schrieb in einem Brief an Wilhelm Pieck, dass die ,,Partei Lenins" diese ,,schreckliche Ungerechtigkeit" nicht zulassen werde. Er konnte und wollte sich Stalin nicht als Urheber all dieser Verbrechen vorstellen. Eberlein wurde 1941 erschossen, Pieck verlor kein Wort mehr über ihn.

Die seelischen Wirkungen waren verheerend. Es gab irgendwann kein Gemeinschaftsleben mehr, Gespräche verstummten. ,,Die deutsche Emigration hier ist völlig atomisiert", schrieb der Kommunist Franz Schwarzmüller an Stalin. ,,Jeder lebt für sich in seinen vier Wänden, aus Furcht vor Verhaftungen in seinem Bekanntenkreis oder sonstwo ebenfalls hineingezogen oder zumindest diskreditiert zu werden." Die Emigrantengemeinde richtete sich in einer Atmosphäre des Misstrauens und der Sprachlosigkeit ein. Aber in ihr entstand auch der stalinistische Funktionär, der Meinungen aufgab und Freunde opferte, wenn es von ihm verlangt wurde. Man pries die Mörder der eigenen Kinder und besang den Diktator, der für die Mordexzesse verantwortlich war. Walter Ulbricht war ein Mann von geringem Verstand. Aber er war ein höriger Vasall Stalins. In Moskau lernte er, wie man Konkurrenten ausschaltete und welche Mittel im Überlebenskampf von Nutzen waren. Petersen schreibt: ,,Diese Lektion nahm Ulbricht vollständig in sich auf. Seine Härte, sein Dogmatismus und seine Gefühlskälte verfestigten sich in den Moskauer Jahren zu jenem Funktionärstypus, den Stalin zur Terrorherrschaft brauchte."

Als der Krieg zu Ende ging, gab es für Stalin überhaupt keinen Zweifel, dass die ,,Moskauer" den neuen Staat auf deutschem Boden errichten sollten. Kommunisten, die im Untergrund, im westlichen Ausland oder in den Lagern der Nationalsozialisten gewesen waren, konnte Stalin nicht gebrauchen. Ulbricht und seine Genossen hingegen waren bereit, jeden Befehl auszuführen. Was die Moskauer selbst erlitten hatten, gaben sie nun an die Deutschen weiter, die sich ihrer Herrschaft beugen mussten. Zehntausende verschwanden in den Lagern der sowjetischen Besatzungsmacht, wurden erschossen oder in die Sowjetunion deportiert. Auch in der DDR wurde die Sprache des Terrors gesprochen. Man solle ,,Schädlinge" ausrotten und ,,Schumacher-Agenten" entlarven, so lauteten die Parolen, die in der Partei neuen Typs aufgesagt werden mussten. Auch in der DDR wurden Schauprozesse nach sowjetischem Muster vorbereitet, Spanien-Kämpfer, Juden und Westemigranten als Spione und Agenten des amerikanischen Imperialismus diskreditiert. Im Stahlbad des Terrors verwandelte sich die SED in eine stalinistische Kaderpartei. Petersen spricht vom ,,Purgatorium", das den stalinistischen Funktionär hervorbrachte.

Für all jene, die das Jahr 1937 in der Sowjetunion erlebt hatten, sei die Wiederkehr der Gewalt aber auch ein Akt der Retraumatisierung gewesen. Niemand konnte und wollte über die erlittene Gewalt sprechen, was geschehen war, musste verschwiegen oder umgeschrieben werden. Die Partei war der einzige Lebensraum, der den Davongekommenen geblieben war. Nie verließ sie die Angst, aber im Angesicht der Wahrheit, die man über diese Erfahrungen hätte aussprechen können, wäre das System zusammengebrochen. Hätte man sich nach all den Entbehrungen eingestehen sollen, einer falschen Sache gedient zu haben? Wer hätte über die Ohnmacht und die Demütigungen, die einem zugefügt worden waren, überhaupt sprechen können? Das Weltvertrauen war zerstört und mit ihm die Möglichkeit, anderen zu vertrauen. Am Ende siegte das Gefühl der Dankbarkeit über das Bedürfnis, das Unausgesprochene zur Sprache zu bringen. Man war noch einmal davongekommen, und man hatte diese Gnade nur dem Großmut der Partei zu verdanken. Immerhin konnte man anderen antun, was einem selbst angetan worden war. Und nach allem, was die ,,Moskauer" erlebt und erlitten hatten, konnten sie die Gewalt als reinigendes Gewitter rechtfertigen, als Purgatorium, das Sünder in Erlöste verwandelte. Andreas Petersen hat ein wichtiges, notwendiges Buch geschrieben. Es ist dem Leben auf der Spur, das sich hinter den Erzählungen vom Leben verbirgt. Über die DDR und ihre Gründungsväter wird man nach der Lektüre dieses klugen Buches wahrscheinlich anders sprechen müssen als bisher.

Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte.
S. Fischer Verlag, Frankfurt/ Main 2019. 384 S.



Aus: "Die ,,Moskauer": Wenn Lügen überlebenswichtig wird" Jörg Baberowski (18.06.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/rueckblick-auf-die-ddr-gruender-und-sowjetisches-exil-16230288.html

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Quote[...] Seelisch deformiert: Andreas Petersen analysiert die Spitzenfunktionäre der frühen DDR.

Als die DDR unterging, war Werner Eberlein Mitglied des SED-Politbüros. Ein Mann mit langer Parteikarriere, einer, der die DDR seit der Gründung mitgeprägt hatte. Während der Herrschaft von SED-Chef Walter Ulbricht war er Chefdolmetscher im Umgang mit den russischen ,,Freunden", dann fast zwei Jahrzehnte lang Leiter der Kaderabteilung im SED-Zentralkomitee — ein hundertprozentiger SED-Funktionär, dem jeder Zweifel fremd war. Was er als Jugendlicher erlebt hatte, darüber freilich sprach der 2002 gestorbene Eberlein nie. Wer seine Lebensgeschichte kennt, kann es nur als Hohn werten, dass Werner Eberlein auf dem Berliner Friedhof Friedrichsfelde begraben ist, in der von der DDR-Führung geschaffenen ,,Gräberanlage für die Opfer und Verfolgten des Naziregimes". Dort wird auch seines Vaters Hugo Eberlein gedacht.

Werner Eberlein war 15 Jahre alt, als 1938 in Moskau mitten in der Nacht sein Vater abgeholt wurde. Seit 1936 hatten Hugo Eberlein, der die Kommunistische Partei Deutschlands mitbegründet hatte, zusammen mit seiner Partnerin Charlotte Schreckenreuther und dem Sohn in einem Zimmer im Hotel Lux gelebt – so wie viele deutsche Antifaschisten, die nach Hitlers Machtergreifung in die verherrlichte Sowjetunion geflohen waren. Doch die Wirklichkeit im Arbeiterparadies war grauenvoll, nachdem der paranoide Stalin das Land mit unbeschreiblichem Terror überzogen hatte, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen. Hugo Eberlein, der zusammen mit dem späteren DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck und Hermann Remmele seit 1921 dem KPD-Zentralkomitee angehörte, wurde als angeblicher ,,Volksfeind" erschossen. Wenige Tage zuvor war schon Remmele wegen ,,Teilnahme an einer konterrevolutionären terroristischen Organisation" verhaftet und später erschossen worden. Eberlein, der zuvor gegenüber Pieck eine Intervention zugunsten Remmeles anmahnte, musste sich von Pieck anhören, dass ,,wir froh sein können, dass wir solche Schweinehunde wie diesen Hermann auf diese Weise endlich loswerden".

Auch Hugo Eberleins Familie wurde in Sippenhaft genommen. Sein Bruder wurde ebenfalls erschossen, die Partnerin kam in Haft, wurde später aus der Sowjetunion ausgewiesen und der Gestapo überstellt. Der 15-jährige Sohn Werner verbrachte acht Jahre in einem sibirischen Lager. Erst nach dem Krieg wurde er von Stalin zusammen mit Ulbricht als Kader nach Deutschland geschickt, um die DDR aufzubauen. Als er die frühere Partnerin seines Vaters 1949 zufällig traf, schwiegen beide. ,,Als ich sie wiedersah", berichtete Werner Eberlein nach dem Mauerfall, ,,verspürte ich kein Verlangen nach längeren Gesprächen."

Unter Stalin, so schreibt Andreas Petersen in seinem Buch ,,Die Moskauer", kamen mehr Mitglieder des KPD-Politbüros um Leben als im NS-Staat. Zwei Drittel aller deutschen Spitzenfunktionäre starben durch Hinrichtung oder im Lager. Es war im Furor des NKWD rein zufällig, wer verhaftet und in den Kellern des Geheimdienstes gefoltert wurde. Jeden konnte es treffen, mochten seine Verdienste für die kommunistische Bewegung noch so groß sein.

Selbst viele derer, die der Verschwörung oder der Spionage für Nazideutschland angeklagt wurden, fühlten sich als gute Stalinisten und glaubten bis zur Hinrichtung, sie seien nur aus Versehen verhaftet worden. Das Stalin-System bestand gerade darin, dass jeder zum Opfer werden konnte. Viele Genossen legten sich im Hotel Lux jeden Abend angezogen ins Bett, weil sie nicht wussten, ob sie in der Nacht abgeholt würden. Diese beständige Angst hatte auch Wilhelm Pieck verspürt, der sich in Moskau eilfertig von jedem distanzierte, der in seiner engsten Umgebung verhaftet wurde. Seelisch deformiert waren sie alle, auch jene Kader, die den Terror überlebten. Zahlreiche Funktionäre der ersten DDR-Führungsspitze, mochten sie auch ergebene Stalin-Anhänger sein, waren selber jahrelang im Gulag gewesen oder nur knapp der Erschießung entgangen.

Wer die Jahre des Terrors überlebt hatte, war für sein Leben traumatisiert und zugleich schuldbeladen, weil viele die eigene Existenz nur durch die grundlose Denunziation von Freunden, Familienangehörigen und langjährigen Genossen hatten retten können. Das Ergebnis des Großen Terrors, das beleuchtet Petersen in dem akribisch recherchierten Buch mit vielen Beispielen, war eine von Stalin atomisierte, total ergebene und widerspruchslose Funktionärskaste.

Genau diese Funktionäre, denen die Angst ein steter Begleiter geworden war, sollten nun nach Stalins Willen das bessere Deutschland aufbauen. Apparatschiks, die jederzeit für die Parteilinie die nächsten Freunde zu verraten bereit waren. Kein Wunder, dass jener Neuanfang, der zunächst noch von den in westliche Länder geflüchteten Intellektuellen wie Thomas Mann unterstützt wurde, bald in einem neuen Zwangsregiment endete, wo jeder Widerspruch dazu führen konnte, in dem von den sowjetischen ,,Freunden" bis 1950 fortgeführten Konzentrationslager Sachsenhausen zu landen. Die erlebte Gewalt, der Schrecken, die Selbstverleugnungen, Rechtfertigungen, Denunziationen und erzwungenen Selbstkritiken prägten sich für das restliche Leben ein. Unter den Genossen wurde nicht offen gesprochen. Die innere Vereinsamung, der Verlust jeden Vertrauens war das Ergebnis der Terrorerfahrung. Die Angst, ,,Fehler" zu machen und nicht der Parteilinie zu entsprechen, durchdrang alle Bereiche.

Für einen Funktionär wie Walter Ulbricht war der Große Terror zugleich die unter Lebensgefahr erlernte Erfahrung, wie man seine Konkurrenten ausschaltet, die eigene Stellung sichert und überlebt, so Andreas Petersen, der ein viel beachtetes Buch über das Leben des aufmüpfigen deutschen Kommunisten Erwin Jöres zwischen KZ und Gulag veröffentlicht hat (,,Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren").

Diese DDR, so die These des Autors, hatte unter solchen Startbedingungen und der verbreiteten Paranoia und Denunziation nie die Chance, ein freies Menschenbild zu entwickeln. Petersen zeichnet ein erschreckendes Psychogramm der führenden DDR-Funktionäre. Die Lüge, der Verrat und das Stalin-Trauma prägten den neuen Staat. Die ,,Moskauer" kannten keinen Widerspruch. Der Mantel des Schweigens begleitete die Existenz der DDR von ihrer Gründung bis zum Mauerfall. Jeder Funktionär wusste von der Schuld und der Verstrickung der anderen Genossen.

Jene ,,Moskauer", die überlebt hatten und nun die DDR nach Stalins Direktiven formten, taten zugleich alles, damit lästige Zeugen sie nicht an ihre eigene Verstrickung erinnern konnten. Keinerlei Hilfestellung gab es für die Bitten von Familien, den Tausenden deutschen Kommunisten, die unter entsetzlichen Bedingungen im sibirischen Gulag schuften mussten, die Rückkehr nach Deutschland – in die DDR – zu ermöglichen. So kamen die kommunistischen Lagerhäftlinge erst frei, nachdem zuvor der verhasste westdeutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer 1956 die letzten Wehrmachtssoldaten heimgeholt hatte. Wer in die DDR ging, wurde zum Schweigen verpflichtet. Wer sich – wie die Tochter des KPD-Mitgründers Hermann Remmele – nicht daran hielt, wurde weiterhin überwacht und drangsaliert.

Zumal die Angst auch in der DDR immer aktuell blieb, weil die sowjetische Geheimpolizei auch in Ost-Deutschland ein dichtes Netz aufbaute. Nach den inszenierten Tribunalen gegen angebliche US-Spione in diversen Staaten des sowjetischen Imperiums wurden auch in der DDR Schauprozesse vorbereitet. Zielobjekt waren vor allem SED-Funktionäre aus jüdischen Familien. Wohl nur der Tod Stalins 1953 verhinderte, dass es auch in der DDR zu einer paranoiden Säuberungswelle kam.

Selbstverleugnung und Verdrängung aber setzten sich bis zum Ende der DDR fort. Der 1886 geborene Altkommunist Gustav Sobottka, in der DDR Minister für Kohle, war selbst Opfer von Stalins Säuberung. Zudem starb sein in Deutschland zurückgebliebener Sohn an den Folgen der KZ-Haft. Der mit nach Moskau gekommene zweite Sohn starb in Stalins Kerkern. Trotzdem schrieb Sobottka in seinem Lebenslauf, ,,beide Söhne wurden in Nazikeller geworfen und starben an den dort erlittenen körperlichen und gesundheitlichen Schädigungen".

Zu: Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2019. 368 S.


Aus: "Die "Moskauer" in Nachkriegsdeutschland: Niemals einen Fehler machen" Gerd Nowakowski (05.04.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/niemals-einen-fehler-machen-5010088.html

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Quote[...] Die inneren Unruhen in Polen und Ungarn sowie die kritischen Äußerungen von Parteiintellektuellen führten zu einem neuerlichen Kurswechsel innerhalb des MfS – der Fokus lag vermehrt auf der Repression gegenüber inneren oppositionellen Kräften. Dies spiegelte sich in der ,,Doktrin der politisch-ideologischen Diversion"[17] (PID) wider, die alle Formen innerer Opposition auf den Einfluss des ,,imperialistischen Feindes" zurückführte und zugleich die wachsende Präsenz der Staatssicherheit in allen Alltagsbereichen begründete. Begünstigt wurde dies durch den Mauerbau, der ein Abwandern von Oppositionellen verhinderte. Lagen die Hauptaufgaben des MfS vor dem Mauerbau in der Bekämpfung westlicher Geheimdienste sowie der Fluchtbewegung, so sollte das MfS künftig vermehrt präventiv potentielle Unruheherde erkennen. Als erste Bewährungsprobe für den neuausgerichteten Apparat erwies sich der Prager Frühling.

Im Mai 1971 wurde Walter Ulbricht durch Erich Honecker gestürzt. Im Zuge dessen wurde der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke zunächst zum Kandidaten, fünf Jahre später auch zum stimmberechtigten Mitglied des Politbüros gewählt. Entscheidende Fragen der MfS-Tätigkeit berieten beide jedoch in wöchentlichen Vier-Augen-Gesprächen. Seit den frühen 1970er Jahren war die DDR verstärkt um eine internationale Anerkennung und deutsch-deutsche Annäherung bemüht. Dies führte auch zu Änderungen in den Methoden der Staatssicherheit. Da die DDR sowohl im Grundlagenvertrag mit der Bundesrepublik Deutschland als auch mit dem Beitritt zur UN-Charta und der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte die Absicht zur Achtung der Menschenrechte bekundet hatte, versuchte das MfS vermehrt oppositionelles Verhalten ohne Anwendung des Strafrechtes zu sanktionieren und stattdessen auf ,,weiche" und ,,leise" Formen der Repression – wie beispielsweise Zersetzungsmaßnahmen – zurückzugreifen. Hierfür war eine systematische und flächendeckende Überwachung unter Einsatz von bis zu 200.000 inoffiziellen Mitarbeitern erforderlich. Durch Strafverfolgung, Auslands- und Technologiespionage, als Stimmungsbarometer, Zensurbehörde, zur Umgehung von Handelsembargos oder zur Devisenbeschaffung durch Haftarbeit und Häftlingsfreikauf erlangte das MfS eine Schlüsselfunktion im Herrschaftssystem der DDR.

... Ehemalige Stasi-Kader betreiben noch Jahrzehnte nach der Auflösung des Geheimdienstes Geschichtsrevisionismus, verklären und schönen die SED-Diktatur und versuchen, die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und frühere Opfer zu diffamieren.

Im April 2006 erklärte Marianne Birthler, damalige Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, dass ehemalige hauptamtliche, mittlerweile in Verbänden organisierte Mitarbeiter des MfS versuchten, ,,das Ansehen der DDR im Allgemeinen, und der Stasi im Besonderen zu schönen, die Tatsachen umzulügen". Sie zögen auch daraus, dass es bei 30.000 Ermittlungsverfahren gegen MfS-Mitarbeiter nur zu etwa 20 Verurteilungen kam, den zynischen Schluss, ,,so schlimm könne es nicht gewesen sein". Es habe nur deswegen kaum Verurteilungen gegeben, weil in einem Rechtsstaat nur Taten bestraft werden dürften, die zum Zeitpunkt ihrer Verübung bereits gegen Gesetze verstießen (Rückwirkungsverbot, Nulla poena sine lege). Wenn also damals zum Tatzeitpunkt kein Verstoß gegen DDR-Gesetze vorgelegen habe, könne heute deswegen nicht verurteilt werden. Nur bei nicht als Straftaten behandelten Schwerverbrechen und Tötungsdelikten, wie beispielsweise bei der Ausführung des Schießbefehls, käme die Radbruchsche Formel zum Zuge, wonach Unrechtsgesetze von Diktaturen keine Geltung haben könnten. So sei es leider Fakt, dass es bei Unrechtshandlungen des MfS gegenüber Gefangenen oder Observierten, die zu Opfern der Zersetzungsmethoden des MfS wurden, nicht zu Verurteilungen kommen könne. ,,Daraus nun aber zu schließen, dass dies kein Unrecht sei, das ist der Gipfel des Zynismus."

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Quelle: ,,Ministerium für Staatssicherheit". In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 5. April 2024, 07:03 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ministerium_f%C3%BCr_Staatssicherheit&oldid=243778286 (Abgerufen: 14. April 2024, 09:24 UTC)

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Quote[...] Die Radbruchsche Formel ist eine erstmals 1946 formulierte These des deutschen Rechtsphilosophen Gustav Radbruch (1878–1949) ...

Befindet sich ein Richter in einer Konfliktsituation, in der er zwischen den Möglichkeiten schwankt, eine ihm ungerecht erscheinende Norm des positiven Rechts entweder anzuwenden oder sie zugunsten der materiellen Gerechtigkeit zu verwerfen (Ausnahmesituation), dann schlägt Radbruch vor, den Konflikt folgendermaßen aufzulösen:

    ,,Der Konflikt zwischen der Gerechtigkeit und der Rechtssicherheit dürfte dahin zu lösen sein, daß das positive, durch Satzung und Macht gesicherte Recht auch dann den Vorrang hat, wenn es inhaltlich ungerecht und unzweckmäßig ist, es sei denn, daß der Widerspruch des positiven Gesetzes zur Gerechtigkeit ein so unerträgliches Maß erreicht, daß das Gesetz als ,unrichtiges Recht' der Gerechtigkeit zu weichen hat. Es ist unmöglich, eine schärfere Linie zu ziehen zwischen den Fällen des gesetzlichen Unrechts und den trotz unrichtigen Inhalts dennoch geltenden Gesetzen; eine andere Grenzziehung aber kann mit aller Schärfe vorgenommen werden: wo Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei der Setzung positiven Rechts bewußt verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht etwa nur ,unrichtiges' Recht, vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur. Denn man kann Recht, auch positives Recht, gar nicht anders definieren als eine Ordnung und Satzung, die ihrem Sinne nach bestimmt ist, der Gerechtigkeit zu dienen."

– Gustav Radbruch: Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht. SJZ 1946, 105 (107).


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Radbruchsche_Formel (22. Januar 2024)

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Quote[...] Uwe Krähnke ist Soziologe an der Medical School Berlin, wo er Professor für Qualitative Forschungsmethoden ist. 2012 bis 2015 erforschte er die Soziologie der hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter.
[Buch: Uwe Krähnke, Anja Zschirpe, Matthias Finster, Philipp Reimann (2017): ,,Im Dienst der Staatssicherheit: Eine soziologische Studie über die hauptamtlichen Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes", erschienen im Campus-Verlag.]

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Martin Ballaschk: Herr Krähnke, für Ihre Studie haben Sie 100 ehemalige hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter interviewt. Ist Ihnen dabei Unrechtsbewusstsein begegnet?

Uwe Krähnke: Das gab es in nur sehr wenigen Fällen, vor allem bei den Jüngeren. Erklären lässt sich das damit, dass sie ihr bisheriges Leben, ihre Identität und Biografie hätten komplett infrage stellen müssen. Zudem war das System der Stasi auf fragmentierte Aufgabenbereiche, Befehlsgehorsam, eine organisierte Verantwortungslosigkeit und Empathielosigkeit gegenüber den Opfern ausgerichtet. Dies alles erschwert eine selbstkritische individuelle Schuldzuweisung im Nachhinein.
Als Soziologe frage ich aber nicht nach Rechts- oder Unrechtsbewusstsein, sondern, wie eine Person ihre Stellung und ihr Handeln in die eigene Biografie und Identität einsortiert. Wir sprechen vom Habitus, der sich mit der Kindheit beginnend formiert und den wir als Erwachsener nicht einfach abstreifen können wie einen alten Rock.

Martin Ballaschk: Sie sagen, die Stasi hat diesen Habitus genutzt.

Uwe Krähnke: Es ist ein besonderes Spezifikum der Stasi im Gegensatz zu anderen Geheimdiensten, dass sie aus ideologisch hoch motivierten hauptamtlichen Mitarbeitern bestand, die nicht nur staatsloyal, sondern der SED total ergeben waren. Darauf wurde bereits bei der Rekrutierung geachtet.
Die Stasi-Mitarbeiter, die heute zu Recht stigmatisiert werden als ,,Täter", glaubten damals selbst, auf der Seite des Guten, des Fortschritts und der besseren Gesellschaft zu stehen – was von außen wie eine völlig verzerrte Wahrnehmung wirkt. Diese Menschen haben uns in den Interviews ihre eigene Version der Geschichte erzählt, die sie selbst erlebt haben. 

Martin Ballaschk: Die Täter hatten ein reines Gewissen?

Uwe Krähnke: Dieses Phänomen findet man ebenso bei den soziologischen und psychologischen Untersuchungen zu den Tätern des Nazi-Regimes, da gibt es Parallelen. Das hat mit inneren Glaubenssätzen und der eben skizzierten Persistenz des eigenen Identitätskonzeptes zu tun. [Link:  Meike Fessmann (20.01.2021): "Hannah Arendt als aktuelle Stichwortgeberin: Mit sich selbst ins Gericht gehen" ... "Die Besonderheit ihres [Hannah Arendts] Machtbegriffs, der Macht und Gewalt kontrastiert und Macht als etwas definiert, das immer eine Gruppe benötigt, kommt ebenso zur Sprache wie ihre spezielle Auffassung von Freiheit, die sie gleichfalls nur dann für ,,realisierbar" hält, ,,wenn andere zugegen sind". ... [Hannah Arendts] Denken [hat sich] ,,als die kritische politische Theorie des posttotalitären Augenblicks" erwiesen []." ... | Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/mit-sich-selbst-ins-gericht-gehen-4223632.html] Die Stasi hat Bedingungen geschaffen, dass sich die Leute in ihrem falschen Glauben gut einrichten konnten. Die ideologische Linientreue ist aufgefangen worden durch die Parteiorganisation und den Geheimdienstcharakter. MfS-Mitarbeiter waren auch in ihrem Alltag ständig ,,im Dienst". Ihre Lebensbereiche waren so gestaltet, dass sie so gut wie immer zusammen und möglichst abgeschottet vom Rest der Bevölkerung waren, auch im Wohnumfeld. Das diente dem Schutz nach außen, aber auch der Kontrolle.

Martin Ballaschk: Waren die Mitarbeiter also selbst nur Opfer der Stasi?

Uwe Krähnke: Nein, die Leute sind dort nicht passiv hineingekommen und wurden dann instrumentalisiert. Das Besondere der Stasi ist – das hat mit diesem Klassenkampfhabitus zu tun –, dass die Mitarbeiter freiwillig das gemacht haben, was von ihnen ,,gesollt" wurde. Es war ein raffiniertes System der fremdgeführten Selbstdisziplinierung, bei dem die individuellen Dispositionen der Mitarbeiter absolut zu den Organisationsstrukturen des MfS gepasst haben.

Martin Ballaschk: Wäre eine Stasi heute noch genauso möglich?

Uwe Krähnke: Ich glaube, in einer demokratisch angelegten Gesellschaft ist das Risiko geringer, dass es wieder zu solch totalitärem Denken kommt. Die Anfälligkeit für Totalitarismus bei der Stasi lässt sich festmachen an dem beschriebenen Nicht-Zulassen von privaten Lebensräumen. Und das musste auch so sein: Hätte man den Privatraum von Menschen akzeptiert, hätte man Observationen, Verfolgung und Inhaftierung überhaupt nicht zulassen können.

Martin Ballaschk: Die Stasi-Mitarbeiter haben das aber auf sich bezogen so hingenommen.

Uwe Krähnke: Sie hatten keine eigenen Ansprüche, wie das eigene Leben sein sollte und ob es da eine Nische gibt jenseits dieser staatlichen Verordnung und der Idee der sozialistischen Persönlichkeit. Dieses Lebensideal, in dem Privatheit und Selbstbestimmung eliminiert waren, war für sie normal und prägte ihren Erfahrungsraum. Diese Normalitätsvorstellung haben sie verallgemeinert und zu einem Normativitätsideal für die gesamte DDR erhoben.

Martin Ballaschk: Unter der Gesetzgebung der DDR war das legal?

Uwe Krähnke: Wie jeder Geheimdienst hat sich auch die Stasi einer vollständigen rechtsstaatlichen Überprüfung entzogen. So ganz hat das nicht geklappt, weshalb die Stasi sehr bemüht war, von Observierten und dann Festgenommenen Geständnisse zu erpressen. So wollte man eine scheinbar legitime Handhabe erlangen, um die Personen zu verurteilen. Ich glaube, es wäre verfehlt zu sagen, dass die Stasi absolut jenseits dieser DDR-Rechtsordnung agierte. Das erklärt auch, weshalb im MfS so viele Juristen beschäftigt waren.

Martin Ballaschk: Lässt sich die individuelle Schuld der Stasi-Täter trennen von dem System, in denen sie nur funktioniert haben?

Uwe Krähnke: Das ist eine nicht unkomplizierte Frage. Schuld ist eigentlich ein rechtlicher Begriff: Da geht es um Straftaten, die Gerichte entsprechend der Gesetzeslage sanktionieren. Die Schuldzuweisungen in der Öffentlichkeit sind dagegen moralische Bewertungen, und die Frage nach der individuellen Schuld wird da ein bisschen diffus.
Die Funktion solcher moralischen Schuldzuweisungen ist, dass wir selbst versuchen uns zu positionieren zu dem, was wir als illegitim oder inhuman ansehen. Ich sehe das eher als einen Verweis auf uns selbst, denn wir wollen uns eigentlich einreden können, dass die als schuldig diskreditierten Täter von damals eigentlich ganz anders waren als wir selbst.

Martin Ballaschk: Weil wir uns sicher sein wollen, dass wir uns damals richtig verhalten hätten?

Uwe Krähnke: Ja, es ist im Nachhinein leicht zu sagen, man wäre im staatssozialistischen Regime integer gewesen, hätte Widerstand geleistet. Als Soziologe halte ich das für eine Selbsttäuschung, die natürlich psychologisch gesehen eine wichtige Funktion hat. Vielleicht wären wir gar nicht die ,,guten" Menschen gewesen. Vielleicht ist es sogar so, dass ich in meinem Alltag heute dieselben Handlungsweisen praktiziere wie jene, die ich beim ,,Täter" moralisch verurteile.

Martin Ballaschk: War die Tötung von Czesław Kukuczka nicht rechtlich und moralisch ein Verbrechen?

Uwe Krähnke: Einzelheiten sind dazu öffentlich nicht genau bekannt, aber mit dem von Kukuczka angedrohten Sprengstoffanschlag hat die Stasi sicher ihre Rechtfertigung für den Mord gefunden. Es wäre schade, wenn man diesen außergewöhnlichen Einzelfall nun zum Anlass nimmt, um nur darauf hinzuweisen, was die Stasi alles Unmenschliches getan hat, statt genauer zu fragen: Was waren das für Menschen, die im Auftrag des MfS gehandelt haben? Was ist da passiert und wie gehen wir heute damit um?

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Aus: "Kaum Unrechtsbewusstsein bei Tätern von damals: Berliner Soziologe interviewte ehemalige Stasi-Mitarbeiter" Martin Ballaschk (13.04.2024)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/kaum-unrechtsbewusstsein-bei-tatern-von-damals-berliner-soziologe-interviewte-ehemalige-stasi-mitarbeiter-11484938.html