Author Topic: [DDR (Afterglow) // Notizen... ]  (Read 2072 times)

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[DDR (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #15 on: September 20, 2018, 01:51:51 PM »
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[...] "Zur See" war ein Straßenfeger. Neun Folgen strahlte das 1. Programm des DDR Fernsehens ab Januar 1977 jeweils freitags zur besten Sendezeit aus. Da schalteten selbst diejenigen ein, die sonst lieber Westfernsehen sahen. Das Geheimnis des Erfolges? Wohl auch die Sehnsucht nach fernen Ländern, denn die Serie brachte eine Spur Exotik in die DDR-Wohnzimmer und erzählte vom Alltag einer Besatzung zwischen See- und Landgang in der sozialistischen Handelsflotte, Abenteuer inklusive.

Anfang August 1974 ging das Who is who der DDR-Schauspieler für eine Drehreise von Rostock nach Kuba und zurück an Bord des Frachtschiffs. Zwei Monate dauerte die Reise. An Bord waren neben den Filmleuten auch die eigentliche Besatzung, denn das Schiff hatte auch einen "normalen" Auftrag: Auf Kuba wurden 6.600 Tonnen Zucker geladen. 166 angehende Seeleute fuhren mit, die Fernseh-Crew bestand aus 23 Filmleuten, darunter neun Schauspieler. Günter Naumann, Jürgen Zartmann und Horst Drinda teilten sich eine Kabine. Drinda, der Star vom Deutschen Theater, spielte in der Serie den Kapitän und filmte selbst. ...

Der volkseigene Betrieb Deutsche Seereederei in Rostock erhoffte sich von der Zusammenarbeit mit dem DDR-Fernsehen Unterstützung bei der Rekrutierung von Nachwuchs. Man war auf der Suche nach angehenden Matrosen, denn Bewerber in ausreichender Zahl waren rar und mussten außerdem "politisch zuverlässig" für Reisen in die weite Welt sein. Da kam die DEFA mit ihren Plänen für die "Zur See"-Serie gerade recht.

Über 40 Jahre nach der Erstausstrahlung der DDR-Fernsehlegende widmet das Rostocker Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum der Geschichte der "J. G. Fichte" und den Dreharbeiten an Bord eine Sonderausstellung. Entstanden ist sie mit Hilfe vieler Zeitzeugen, die Erinnerungsstücke zur Verfügung gestellt haben. Die Schau "Mit MS Fichte zur See" ist noch bis zum 5. Oktober 2018 zu sehen.

Das Schiff befährt schon lange nicht mehr die Weltmeere. Ende der 70er-Jahre wurde die "MS J. G. Fichte" außer Dienst gestellt, verkauft und im Rostocker Überseehafen unter anderem Namen an eine Reederei aus Panama übergeben. 1981 trat sie ihre letzte Fahrt an - zur Verschrottung nach Pakistan.

Mit "Zur See" hat das Ausbildungsschiff der DSR Fernsehgeschichte geschrieben. Die Serie war das handfeste sozialistische Gegenstück zur amerikanischen seichten Seifenoper "Love boat" und inspirierte den Westberliner Fernsehproduzenten Wolfgang Rademann für einen weiteren Fernsehklassiker. 1981, vier Jahre nach der Erstausstrahlung der DDR-Seefahrer-Serie, ging "Das Traumschiff" im Westen auf Sendung.

...


Aus: ""Zur See": Als die DDR das Traumschiff erfand" (06.09.2018)
Quelle: https://www.ndr.de/kultur/geschichte/Zur-See-Als-die-DDR-Traumschiff-erfand,zursee118.html


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[DDR (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #16 on: September 27, 2018, 11:48:25 AM »
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[...] Die ehemalige Stasiunterlagen-Beauftragte Marianne Birthler warnte davor, dieses Opferbild zu zementieren – etwa mit Blick auf die alte Bundesrepublik nach 1989, sprich: den Westen, auf den seither vielerlei Übel projiziert würden. Das führe letztlich nicht weiter. Die letzte Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), wies hingegen auf reale Benachteiligungen hin, beispielsweise bei Führungspositionen.

Die Debatte, so viel ist sicher, ist zentral. Tatsächlich haben Ostdeutsche Grund zu klagen – zumindest wenn sie sich mit der alten Bundesrepublik vergleichen. Das ergibt sich unter anderem aus dem jüngsten Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit: Das Ost-Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner liegt nur bei 73,2 Prozent des Westwerts und stagniert, die ostdeutsche Wirtschaftskraft nähert sich nur noch langsam der westdeutschen an, bei den Löhnen liegt der Osten um fast 20 Prozent zurück, beim Vermögen ist die Kluft noch größer. Experten sind sich einig: Das alles wird noch sehr lange so sein, wenn in Ostdeutschland nicht ein Mangel behoben wird – der an großen Industrieunternehmen.

Hinterher hängen die Ostdeutschen ebenfalls bei den Eliten, und zwar sowohl gesamtdeutsch wie in Ostdeutschland selbst. Dies ist teils Spätfolge des Elitentransfers von West nach Ost im Zuge der Vereinigung. Damals kamen unter anderem Tausende Beamte aus der alten Bundesrepublik.

Mittlerweile fragt sich aber, ob sich die Unterrepräsentation fast 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht rausgewachsen haben müsste. Dass dies nicht der Fall ist, legt den Verdacht nahe, dass Westdeutsche andere Westdeutsche auf Führungspositionen nachziehen. Das wiederum wäre keine Besonderheit, sondern ist Forschern zufolge bei Elitenbildungen fast immer so: Gleich und gleich gesellt sich gern.

Deshalb gibt es auch seit längerem die Debatte über eine etwaige Ostquote, die Fachleute jedoch für nicht praktikabel halten. Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, kritisierte unlängst jedenfalls, die Dominanz der Westdeutschen auf den Führungsposten werde von Ostdeutschen vielfach als „kultureller Kolonialismus“ empfunden. Dies sei schädlich.

Kritiker der Opferthese verweisen auf die verbesserte Infrastruktur im Osten, die stark gesunkene Arbeitslosenquote oder die Situation in anderen osteuropäischen Ländern. Die müssten ja der Vergleichsmaßstab sein, nicht Westdeutschland. Die De-Industrialisierung des Ostens sei ihrerseits eine Konsequenz der DDR. Überhaupt spiele die Opferthese allein den Gegnern der Demokratie, allen voran der AfD, in die Hände. Nicht zufällig wird in deren Kreisen ja das Motto der 1989er-Zeit bemüht: „Wir sind das Volk“. Das legt den Schluss nahe, es bestünde zwischen dem SED-Politbüro und der Bundesregierung gar kein Unterschied – obwohl letztere aus freien Wahlen hervorgegangen ist und Ersteres nicht.

Wie man es auch dreht und wendet: Unverändert fühlen sich zahlreiche Ostdeutsche Umfragen zufolge als Bürger zweiter Klasse. Teilweise wird dieses Gefühl vererbt. Die Debatte über die Frage, ob die Ostdeutschen Opfer seien, wird deshalb weitergehen.


Aus: "Warum sich Ostdeutsche als Opfer fühlen" Markus Decker (27.09.2018)
Quelle: http://www.fr.de/politik/ostdeutschland-warum-sich-ostdeutsche-als-opfer-fuehlen-a-1590194

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danica

Naja, wenn Leuten ein neues Regierungssystem aufgedrückt wird, die eine neue Hymne bekommen, eine neue Fahne, wenn sie zu tausenden ihre Stellen verlieren, ihre Rentenansprüche verlieren, ihre Ausbildungen und Studienabschlüsse nichts mehr wert sind, weil sie zu "Sozialistisch " sind, dann ist das, als habe an einen Krieg verloren und ein Besetzer habe sich das eigene Land angeeignet.
Man muss sich das psychologisch mal vorstellen: teilweise stehen in den Personalausweisen Geburtsstädte, wie es einfach nicht mehr gibt, die zwangsumbenannt wurden, ohne dass jemand gefragt wurde.
Und eigentlich heisst unser Grundgesetz ja nur Grundgesetz und nicht Verfassung, weil man nach der Wiedervereinigung eine neue Verfassung schreiben wollte. Aber leider wurde die DDR annektiert. Es fand keine Wiedervereinigung statt, Millionen Bürger waren von einem Tag auf den anderen Menschen zweiter Klasse. Es gab keine Parizipation, die so nötig gewesen wäre um den Glauben in die Demokratie zu festigen.


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Rickdiver

Klar sind sie Opfer. Sie haben 40 Jahre lang beigebracht bekommen, dass der Staat an allem Schuld ist und für sie zu sorgen hat. Und in diesem Weltbild leben einige noch weiter. Anstatt Eigeninitiative zu entwickeln und zu begreifen dass jeder selbst für sich verantwortlich ist sind sie Opfer ihres früher eingeprägten Glaubenssatzes dass ein andere für sie sorgen muss. Und wenns nicht läuft ist irgendjemand anders schuld, nur niemals sie selbst. Daher machen soviele ihr Kreuzchen bei der aFd weil sie Fremde als Ursache ihres persönlcihen Unglücks ausgemacht haben.


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granne

Die De-Industrialisierung und Dominanz westdeutschen Führungspersonals ( im Rahmen des Anschlusses) kann man auch als Kolonialgeschichte interpretieren. ...


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[DDR (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #17 on: October 07, 2018, 06:49:55 PM »
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[...] Die Schriftstellerin Manja Präkels ist in der DDR aufgewachsen, die Wendezeit hat sie als Heranwachsende erlebt. Ein Gastbeitrag über den Normalitätsverlust, der nicht erst seit Chemnitz im Osten der Bundesrepublik zu beobachten ist.

Frage an Radio Eriwan: Ist es wahr, dass die DDR ein so kleines Land ist, dass man es mit einer einzigen unserer Atombomben vernichten könnte? Antwort: Im Prinzip ja, aber warum so einen Aufwand, wenn drei Zentimeter Neuschnee genügen?

In meiner Kindheit gab es jede Menge solcher Witze. Ich verstand sie nicht, lachte aber mit. Die Anfragen an den fiktiven Sender eröffneten den Menschen eine Möglichkeit, die irrsinnigen Widersprüche des Alltags im real existierenden Sozialismus zu meistern. Dass uns Kindern keiner die Witze erklärte, war normal. Irgendwann würden wir es schon kapieren. Doch dann versprach sich der Genosse Schabowski bei einer Pressekonferenz, und der Rest ist Geschichte: Die Mauer fiel. Die Normalität endete. Seither herrscht Ausnahmezustand. Zumindest für jene am Ende des Tunnels, wo das Licht nur als Gerücht existiert.

Spätsommer 1991. Wir sassen im Kinderzimmer eines Freundes und starrten fassungslos auf die Fernsehbilder. Die älteren Geschwister versammelten sich bereits vorm Rathaus. Sie hatten genug gesehen. In dem kleinen roten Apparat, den mein Freund zu seinem 15. Geburtstag geschenkt bekommen hatte, umzingelten Hunderte Menschen ein Haus. Sie planten offensichtlich, es zu stürmen. Oder es wenigstens anzuzünden. Sie schrien, hasserfüllt, hämisch. Und sahen dabei aus wie wir. Die klatschenden und johlenden Leute in den hinteren Reihen glichen unseren Eltern. Die bedrohten Menschen in den Häusern dagegen kamen vorwiegend aus Vietnam oder Moçambique, aus Staaten, mit denen die gerade erst untergegangene DDR Verträge ausgehandelt hatte, die dem Austausch von Know-how und Arbeitskräften dienen sollten. Sozialistische Bruderländer waren das, hatten wir in der Schule gelernt. Diese Frauen und Männer waren das Pendant zu den westdeutschen «Gastarbeitern». Nur hatten die DDR-«Vertragsarbeiter» meist kaserniert in abgeschotteten Heimen gelebt.

Nun eskortierten riesige Polizeiaufgebote die einstigen Brüder und Schwestern gen Westen, in Sicherheit. Weg von ihren ehemaligen ArbeitskollegInnen, die sich einem rasenden Mob angeschlossen hatten. Systemzusammenbruch in einem Ort, der eben noch als «sozialistische Musterstadt» gegolten hatte. Wir vor dem Fernseher weinten. Und wussten: Das war erst der Anfang. Wir mussten uns jetzt entscheiden: dabei sein oder sich verstecken. Die auf dem Rathausplatz feierten. So fing es an.

Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt aus dem thüringischen Jena – die späteren Kernmitglieder der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) – hatten die Bilder auch gesehen und sich schnell entschieden. Sie trafen und radikalisierten sich in einem Jenaer Jugendclub. Unter Angela Merkel, der ersten ostdeutschen Jugendministerin im Kabinett Kohl, versuchte man, der zunehmenden Verrohung und der die Mauerreste überspringenden Welle rechtsradikaler Gewalt mit dem Konzept der «Akzeptierenden Jugendarbeit» zu begegnen. Orte, an denen Neonazis besonders stark in Erscheinung traten, wurden mit finanziellen Mitteln und Stellen für SozialarbeiterInnen bedacht. So entstanden im Schutz staatlicher Einrichtungen Netzwerke, Musikgruppen – rechtsradikale Parallelgesellschaften. Die Jugendlichen trugen Springerstiefel und Glatzen und bildeten bald die Avantgarde der Schulhöfe.

Es gab auch Menschen, die sich ihnen und ihrer Angstlust entgegenstellten. Es weiterhin tun. Gesundheit und Leben riskierten und riskieren. Doch nicht selten wurden diese HeldInnen der Zivilgesellschaft aus den Kollegien, den Dorfgemeinschaften, Kleinstadtgesellschaften, ihren Sportvereinen ausgeschlossen. Als Unruhestifter. Nestbeschmutzerinnen. Nazis sind schlecht für das Image. Also gibt es sie besser nicht. Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Oder?

Nicht ein einziges Mal war mir in den vergangenen 28 Jahren am Tag der Deutschen Einheit zum Feiern zumute. Das Land, in dem ich meine zur Neige gehende Kindheit verbracht hatte, versank in einer langen, trunkenen Nacht. Ich mochte die Fahnenappelle nie. Die Aufmärsche, die piefige Enge und Autoritätshörigkeit. Die Begrenztheit der Welt, die an einer Mauer endete. Wer könnte das schon vermissen? In unserer kleinen Stadt, unweit Berlins gelegen, juchzten und grölten sie vor den Gaststuben rund um das Rathaus. In schwarz-rot-goldene Fahnen gewickelt, fielen sich die Menschen befreit um die Hälse. Keiner wollte nach Hause gehen. Unweit des Trubels fragte ich mich, im Bett liegend, wie nun alles werden würde. Am nächsten Tag. Wenn wir in einem fremden Land erwachen würden. Ganz ohne Umzug. Im Westen.

Eben waren wir noch Teil Osteuropas gewesen. Hatten die Werktätigen am 1. Mai, dem Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse, Losungen in den Frühlingshimmel gerufen: «Es lebe der feste und unzerstörbare Bruderbund zwischen der DDR und der Sowjetunion!» Schliesslich lebten immer noch Zehntausende Rotarmisten mit ihren Familien direkt bei uns im Wald, in einer riesigen Kasernenstadt mit kyrillischen Schriftzeichen, einer eigenen Schule, Läden und einem Kulturhaus. Ich war manchmal dort gewesen. Und nun?

In der Nacht zum ersten Tag der Deutschen Einheit zündeten Kinder das Asylbewerberheim an – draussen, gleich vor den Toren der Stadt. Ihre grossen Geschwister hatten sie, die noch nicht strafmündig waren, aufgehetzt. Zum Glück wurde niemand verletzt. Anders als im nordrhein-westfälischen Hünxe, wo drei Neonazis Brandsätze in das Kinderzimmer einer libanesischen Flüchtlingsfamilie geworfen hatten. Zwei Mädchen erlitten schwerste Verletzungen und überlebten, für ihr Leben gezeichnet. Der Spiegel titelte: «Das Boot ist voll». Helmut Kohl hatte bereits 1983 klargestellt: «Deutschland ist kein Einwanderungsland.» Das doppelt deutsche Land entpuppte sich nun als mörderisches Pflaster für jene, die nicht als zugehörig betrachtet wurden. Den «Gastarbeitern» im Westen, ihren Kindern und EnkelInnen, blies der völkische Einheitstaumel kalt entgegen. Mitunter tödlich. Die Bundesregierung spricht von 83 Toten seit der Wiedervereinigung. Recherchen der «Zeit» und des «Tagesspiegels» ergaben, dass seit 1990 in Deutschland mindestens 169 Menschen von Neonazis und anderen extrem Rechten getötet wurden. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

Der Systemzusammenbruch hatte in Ostdeutschland alle Autoritäten ausser Kraft gesetzt. Neue formierten sich schwerfällig, unvermittelt. Die soziale Katastrophe hingegen, die Millionen in kürzester Zeit in Massenarbeitslosigkeit stürzte, war körperlich spürbar, betraf alle Familien. Das war nichts, das sich so einfach wegschmeissen liess. Wie ein Parteiausweis, eine Gesinnung. Es setzte eine Abwanderungswelle sondergleichen ein. Binnen vier Jahren zogen 1,4 Millionen Menschen, vor allem junge Frauen und gut ausgebildete Fachkräfte, fort, gen Westen. Die Deindustrialisierung ganzer Landstriche liess Ruinen zurück, Denkmale einer vergangenen Epoche.

Mit den roten Fahnen war jede Idee von Zukunft verbannt worden. Und wehe, es traute sich einer, daran zu erinnern. Misstrauisch beäugten Nachbarinnen und Freunde einander. «Du rote Sau», riefen sie meiner Mutter hinterher. Nicht ohne Grund. Der Tonfall machte Angst. Und das sollte so sein. Meine FreundInnen und ich, Jungs und Mädchen mit selbstgeschnittenen oder gar keinen Frisuren, Unangepasste, die sich der neuerlichen Uniformierung auf den Schulhöfen verweigerten, wurden durch die Strassen gejagt. Von Mitschülern, Nachbarskindern, einstigen Freundinnen.

Die Welt war live dabei, als im Sommer 1992 das Rostocker Sonnenblumenhaus brannte. Tausende jubelten den Flammen zu. Nur durch Zufall kam niemand ums Leben. In der Folge passierte der sogenannte Asylkompromiss am 26. Mai 1993 den Deutschen Bundestag. Diese drastische Einschränkung des Asylrechts schien den BrandstifterInnen recht zu geben. Sie gingen als SiegerInnen aus der Schlacht hervor. Machten auch vor den Kasernen der heimatlos gewordenen SowjetsoldatInnen nicht mehr halt, schmissen Molotowcocktails gegen die Tore und hatten nichts zu befürchten. Die Polizei schaute zu. Die Rote Armee war besiegt. Die Nazis stiegen nicht aus Gräbern, vielmehr schienen sich ihre Geister der Körper und Köpfe ihrer Enkel und Urenkelinnen bemächtigt zu haben. Sie jagten die «Russen» in rasender Wut aus Gaststätten und Diskotheken, warfen Leute aus Fenstern.

Ende 1991 war auch die Sowjetunion untergegangen. Nun, nur drei Jahre später, zogen die letzten der einst 500 000 auf ehemaligen preussischen Militärgeländen stationierten SoldatInnen aus Berlin und Brandenburg ab. Einige meiner FreundInnen, Überflüssige, die direkt aus der Schule in die Arbeitslosigkeit entlassen worden waren, würden später im Rahmen von «Arbeitsbeschaffungsmassnahmen» die ehemaligen Truppenübungsplätze von Kampfmitteln beräumen. In den Diskotheken spielten sie «Go West» von den Pet Shop Boys rauf und runter. Neue Zeit. Neues Leben. Oder?

Als vor wenigen Wochen die Bilder aus dem sächsischen Chemnitz durch das Netz schossen, war ich wenig überrascht. Rund um die monumentale Büste von Karl Marx, nach dem die Stadt zu DDR-Zeiten benannt war, hatte sich erneut ein wütender Mob versammelt. Hitlergrüsse. Hass. Schnappschüsse zeigten Menschen, die wegrannten. So merkwürdig vertraut wirkten auch die abwehrenden Reaktionen des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) und des da noch amtierenden Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maassen (CDU), dies seien keine Menschenjagden gewesen, sondern der Versuch Linksradikaler, vom eigentlichen Opfer abzulenken. Eine Ansicht, die Innenminister Horst Seehofer (CSU) unterstützte und damit die Bundesregierung in eine schwere Krise stürzte. Weil, was nicht sein darf, nicht sein kann? Aus eigener Überzeugung? Oder weil man besser mit den Wölfen heult als gegen sie – so kurz vor der Wahl in Bayern?

Im Kleinen war ich diesem ritualisierten Herunterspielen und Leugnen bereits Mitte der Neunziger als junge Lokaljournalistin in Brandenburg begegnet. Die Imagepflege und die Angst, mögliche Investoren abzuschrecken, waren stets wichtiger als Aufklärung. Darüber und über meine Kindheit im verschwundenen Land, über Freundschaft und Wut habe ich ein Buch geschrieben. Seit nunmehr einem Jahr toure ich damit durch das zerrissene Land. Mein erstes Interview gab ich einer Journalistin aus der Schweiz, die mir, obschon es rund um die Ankunft zahlreicher Kriegsflüchtlinge aus Syrien und Somalia bereits wieder heftige Auseinandersetzungen und brennende Flüchtlingsheime im Land gegeben hatte, meine Geschichte nicht glaubte. «Ich halte das für stark übertrieben», sagte sie und liess mich ratlos zurück. Hatte ich das Buch nicht genau deshalb geschrieben? Weil mir in all den Jahren kaum einer zugehört, geschweige denn geglaubt hatte? Erst kürzlich erklärte mir ein westdeutscher Kollege: «Wir haben damals gar nichts davon mitbekommen.» Eine Mischung aus Ignoranz und Ahnungslosigkeit hatte sich da breitgemacht. Bequem und gefährlich.

Bei einer Lesung im sächsischen Wurzen kam es zu einer Unterbrechung. Ein junger Mann erklärte: «Achtung, Leute, sie versammeln sich am Bahnhof. Geht nicht da lang.» Die Warnung hatte ihn über eine entsprechende Whatsapp-Gruppe erreicht. Später berichtete ein lokaler Abgeordneter von Steinwürfen auf sein Haus, Bauschaum im Auspuff, von lockergedrehten Radschrauben. Anschläge auf ihn, seine Familie, seine Arbeit. «Das ist hier normal.» Mein Hotel lag am Bahnhof. Im Flur stapelten sich die Ausgaben der «Jungen Freiheit», dem Sprachrohr der Neuen Rechten, treue Begleiterin des Aufstiegs der AfD.

Im thüringischen Ranis las ich vor Schulklassen. Die Mädchen und Jungen waren fünfzehn, so wie ich, als die Mauer fiel. Sie hörten halbwegs geduldig zu und stellten keine Fragen. Eine Lehrerin versuchte, die peinliche Stille zu unterbrechen: «‹Judensau›, das ist bei uns auf dem Schulhof ein normales Schimpfwort geworden.» Gesenkte Blicke. Nach der Veranstaltung hörten ein paar Jungs draussen extra laute Hassmusik. Einer zeigte den Hitlergruss. Die Erwachsenen reagierten nicht. Normal. Die Geschichtslehrerin sagte: «Früher haben mich Schüler als Lügnerin beschimpft. Heute denken sie es nur und schreiben eine Eins im Test.»

Christian Hirte war dreizehn, als die Mauer fiel. Er ist seit kurzem Ostbeauftragter der Bundesregierung. «Ich bin der festen Überzeugung, dass die übergrosse Mehrheit der Ostdeutschen mit rechtsradikalen Spinnern, die den Hitlergruss zeigen oder ein jüdisches Geschäft angreifen, genauso wenig zu tun haben will wie mit linksradikalen Spinnern, die marodierend durch Hamburg ziehen», meint er. Die AfD wurde in seinem Wahlkreis mit 22,3 Prozent zweitstärkste Kraft. Deren prominentester Vertreter vor Ort ist Björn Höcke, ein ehemaliger Geschichtslehrer, der die offen völkisch-rassistische Fraktion der Partei repräsentiert. Im kommenden Jahr will Höcke als Ministerpräsident Thüringens kandidieren. Er stammt – ebenso wie Bodo Ramelow, der aktuelle Amtsinhaber der Partei Die Linke – aus Westdeutschland. Ostdeutsche sind unter den EntscheidungsträgerInnen aller gesellschaftlichen Bereiche stark unterrepräsentiert.

Das ist kein Geheimnis. Man kann es alljährlich im «Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit» an konkreten Zahlen überprüfen. Christian Hirte kommentierte die aktuelle Ausgabe mit den Worten: «Ich will Lobbyist der Ostdeutschen sein.» 1993 war er mit siebzehn Jahren in die Junge Union eingetreten. Dann: Jurastudium in Jena. Genau in der Zeit, als dort der rechtsextreme Thüringer Heimatschutz gegründet wurde – mit zahlreichen Verbindungen zum Verfassungsschutz. Seit 2008 sitzt Hirte im Bundestag, die partielle Blindheit scheint ihn dorthin begleitet zu haben. Doch auch seine zurückgebliebenen ParteifreundInnen sind nicht frei davon. Erst im vergangenen Jahr beschloss der Erfurter Landtag, der Opfer des NSU-Terrors mit einem Mahnmal zu gedenken und einen Hilfsfonds für die Hinterbliebenen einzurichten. Die CDU stimmte gemeinsam mit der AfD dagegen. Ist ja schliesslich erledigt, das Thema. Oder?

«Sechs Festnahmen in Chemnitz» und «Neonazis planten Terroranschlag am Tag der Deutschen Einheit», titelte am letzten Montag ein grosses Boulevardblatt – 27 Jahre nach dem Pogrom von Hoyerswerda und 20 Jahre nachdem sich die untergetauchte NSU-Zelle um Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in Chemnitz niedergelassen hatte. Die rassistischen Ausschreitungen, die die Stadt wenige Wochen zuvor in die Schlagzeilen gebracht hatten und die es laut Landesregierung, Bundesamt für Verfassungsschutz und Bundesinnenminister so gar nicht gegeben haben soll, seien so etwas wie der Probelauf für grössere, schlimmere Angriffe gewesen. Die Nachricht verdrängte eine andere. Wenige Tage zuvor waren, anlässlich des Staatsbesuchs des türkischen Präsidenten, BeamtInnen eines sächsischen Sondereinsatzkommandos nach Berlin entsandt worden. Ihre Einheit war schon einmal in die Schlagzeilen geraten – wegen ihres Logos, das deutlich an NS-Symbole erinnerte. Diesmal hatten sich zwei aus der Truppe in einer Dienstliste als «Uwe Böhnhardt» eingetragen. Einzelfälle?

Seit dem Fall der Berliner Mauer sind fast drei Jahrzehnte vergangen. Die ostdeutsche Wirtschaft hat sich stabilisiert, die Arbeitslosenzahlen sind rückläufig. Aber die Kontinuität rechter Gewalt ist geblieben und mit ihr ein nahezu reflexhaftes Verleugnen der Opfer. Der müden HeldInnen auch, die das Land mit ihrem Engagement dort zusammenhalten, wo sich staatliche Institutionen nach 1990 nie etabliert oder längst wieder zurückgezogen haben. Die gewaltbereite rechtsextreme Szene wächst weiter. In den Abgeordneten der Alternative für Deutschland findet sie parlamentarische Unterstützung für ihre Themen und Haltungen. Die anderen Parteien ziehen nach. Selbst links der Mitte wird heute viel über Identitätsverlust diskutiert, werden nationalistische Perspektiven wieder salonfähig. Dabei geht es heute wie vor 28 Jahren vor allem um Normalitätsverlust – die Auflösung dessen nämlich, was wir gestern noch als grundlegende gesellschaftliche Prinzipien, als Regeln eines zivilisierten Miteinanders kannten. Dazu gehört es auch, die Sorgen von achtzehn Millionen Menschen mit Migrationshintergrund ernst zu nehmen. An jedem Tag.

Die Schriftstellerin und Musikerin Manja Präkels, Jahrgang 1974, lebt und arbeitet in Berlin. Letztes Jahr erschien ihr Debütroman «Als ich mit Hitler Schnapskirschen ass» im Verbrecher-Verlag. Für das Buch wurde sie mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet.


Aus: "Ostdeutschland: Seither herrscht Ausnahmezustand" Manja Präkels, Berlin (Nr. 40/2018 vom 04.10.2018)
Quelle: https://www.woz.ch/1840/ostdeutschland/seither-herrscht-ausnahmezustand

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« Reply #18 on: October 07, 2018, 07:23:30 PM »
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[...] Unser Autor ist vor Neonazis weggelaufen und er war mit Rechten befreundet. In den Neunzigern in Ostdeutschland ging das zusammen. Und heute?

Die eigene Hässlichkeit kann ein Rausch sein. Wenn man sie umarmt und das Grauen in den Gesichtern derer sieht, die einen beobachten und verachten, aber sich nicht an einen herantrauen, dann strömt Macht durch die Adern wie elektrischer Strom.

Als ich bei über hundert Kilometern pro Stunde einem BMW hinter uns auf die Motorhaube pisse, spüre ich diese Macht. Als ich da im Dachfenster stehe, die Hose bis zu den Oberschenkeln heruntergelassen, sehe ich das große weiße Gesicht des Fahrers: Die Augen geweitet, vor Schreck, Entsetzen, Empörung, bläht es sich auf wie ein Ballon, ich würde gern mit einer Nadel hineinstechen.

Ich bin neunzehn, ich bin zehn Meter groß und acht Meter breit, ich bin unverwundbar.

Als am 27. August 2018 Männer meiner Generation, so um die vierzig, in Chemnitz einen „Trauermarsch“ veranstalten und einige ihre nackten Hintern in die Kameras halten, wie man es bei YouTube sehen kann, denke ich an meine Autobahnfahrt. Als schwere Männer Hitlergrüße zeigen und Menschen angreifen, deren Hautfarbe ihnen nicht passt, als die Polizisten nicht einschreiten, bin ich paralysiert, als würde etwas Dunkles hochkommen, von dem ich dachte, ich hätte es hinter mir gelassen. Aber ich erinnere mich auch an diesen Machtrausch, den Kick, wenn du jemandem klarmachst: Regeln? Und was, wenn ich auf deine Regeln scheiße, mein Freund? Was dann?

Ich sehe Chemnitz und frage mich: Was habt ihr mit mir zu tun? Was ich mit euch?

Zum Tag der Deutschen Einheit wird es wieder die geben, die erzählen, warum die Wiedervereinigung eine Erfolgsgeschichte ist. Schon das Wort „Wiedervereinigung“ ist eine Lüge, werden die anderen sagen, die vor allem sehen, was verloren ging: Betriebe, Selbstachtung, ganze Leben. Gerade sind die besonders gut zu hören, die sagen: Erkennt endlich die Leistungen derjenigen an, die sich eine neue Welt aufbauen mussten. Die auch oft sagen: Lasst mich in Ruhe mit den Opfergeschichten, wir sind stolz auf das, was wir geschafft haben, selbst wenn wir gescheitert sind.

Gerade, fast dreißig Jahre nach der Wende, erzählt die Generation meiner Eltern und Großeltern ihre Geschichten. Nicht das erste Mal, aber es scheint die richtige Zeit zu sein. Die sächsische Staatsministerin für Integration, Petra Köpping, hat einige dieser Geschichten aufgeschrieben in ihrem Buch „Integriert doch erst mal uns!“ und sie füllt in Ostdeutschland zur Zeit jedes Haus.

Es geht viel um verlorene Arbeitsplätze und ja, das klingt hübsch technisch, wie ein leicht lösbares Problem. Aber in diesem preußischen Vollbeschäftigungsstaat namens DDR, in dem Arbeit gleich Lebenssinn war und die wenigen, die keine Jobs hatten, „Assis“ gerufen wurden, bedeutete das eben auch: Kollegen, Brüder, Ehemänner, die sich erhängten, Geschwister und Cousins, die sich langsam zu Tode soffen, Familien, in denen es erst heiß aufwallte wie in einem Vulkan, weil einer jetzt mehr hatte als die anderen und dann erstarrte alles zu einer toten Landschaft kalter Schlacke. Frauen, die so sehr anpackten, um sich, ihre Männer und ihre Kinder durchzubringen, bis nichts mehr von ihnen übrig blieb als der Wille „es zu schaffen“.

Ist da noch Platz für die Erzählungen der neunziger Jahre aus der Sicht derjenigen, die beim Fall der Mauer zu alt waren, um nichts von der Vergangenheit mitbekommen zu haben, aber zu jung um mitzureden, wie die Zukunft aussehen sollte? Über das Jahrzehnt, in dem auch die Menschen aufgewachsen sind, die heute Hitlergrüße zeigen und brüllen?

„Mit den neunziger Jahren verbinde ich persönliche Erlebnisse, die derzeit wieder hochkommen“, sagt Manja Präkels, „und wenn ich im Land unterwegs bin, sehe ich jetzt oft genau die Leute bei der AfD wieder, die sich als Sieger der Kämpfe der neunziger Jahre begreifen.“

Präkels hat das Buch „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ geschrieben, über die letzten Tage der DDR und das barbarische Jahrzehnt, das Ostdeutschland danach erlebte. Präkels ist 1974 geboren und in Zehdenick aufgewachsen, einer Stadt nördlich von Berlin. Ihr Buch ist neben „Oder Florida“ von Christian Bangel der zweite Roman mit autobiografischen Zügen, der im vergangenen Jahr erschienen ist und vom Ostdeutschland der neunziger Jahre handelt.

Ich habe sie angerufen, um sie zu fragen, ob auch sie sich an damals erinnert fühlt, wenn sie die Bilder aus Chemnitz und Köthen sieht. Sie sagt, wenn sie auf Lesereisen unterwegs sei oder bei Tagungen, dann treffe sie auf Rechtsextreme, die angetrieben sind von dem, was sie damals erreicht haben in Rostock-Lichtenhagen und bei den vielen kleineren Feuern, die kaum jemand sah. „Sie begreifen sich als Sieger dieser Kämpfe“, sagt Präkels, „weil nichtweiße Menschen damals aus Ostdeutschland abtransportiert worden sind. Das hat die Gewalt jener Jahre in ihren Augen nachträglich legitimiert.“

Wann fängt man also eine Geschichte über damals an? Für mich begann es nicht 1989. Für mich begann es in der DDR.

In der zweiten Klasse malt Ricardo mit dem Bleistift ein Hakenkreuz auf die Schulbank. An sich nichts Besonderes, auch ich habe das schon gemacht, einmal an einem Junitag 1987, während ich in mein Diktatheft krakele: „Heute kommt unsere Mutter spät nach Hause. Wir wollen helfen.“ Hakenkreuze malen ist das Verbotenste, was ich mir vorstellen kann. Jedes Mal brüllt ein kleines Tier in meinem Brustkasten seine Freude darüber hinaus, nicht erwischt worden zu sein. Die Kunst ist, aus dem Hakenkreuz gleich wieder ein kleines Fenster zu machen, bevor einen jemand sieht.

Aber Ricardo ist zu langsam gewesen oder vielleicht hat er vergessen, die Striche weiter zu ziehen, ich sehe es, zwei Freunde sehen es, wir nehmen ihn uns vor, als die Lehrerin nicht im Klassenzimmer ist. Es ihr zu sagen, geht nicht. Eine Petze zu sein, war schlimmer als alles andere. Wir müssen das unter uns regeln.

„Du weißt, dass das falsch war?“, frage ich.

Er heult. Er ist schwerer als ich und größer, aber er versucht nichts, zwei andere Jungs aus der Klasse stehen neben ihm. „Nimm die Brille ab“, sage ich. Ricardo heult noch ein bisschen mehr, er fleht mit großen Augen und ja, na klar, wohnen wir im gleichen Block und ja, wir wollen uns am Nachmittag wieder beim Sandkasten vor dem Haus treffen, aber erst einmal muss das hier erledigt werden.

Der im sozialistischen Jugoslawien geborene Schriftsteller Tijan Sila hat dieses Verhalten von Jungen in seinem Buch „Tierchen Unlimited“ so beschrieben: „Die Erziehung von Grundschülern sollte das Ethos der Partei spiegeln, und das erschloss sich mir damals nur in Gegensätzen: oben ein kaltes, appolinisches Gesicht, das Keuschheit, Nüchternheit und Leidensfähigkeit forderte, und darunter ein triebhafter, dämonischer Torso, der Härte, Kampf, Rivalität oder Opfer gut fand.“ Vielleicht blieb dieser Torso übrig, als der Kopf mitsamt der DDR verging.

Ums Kämpfen ging es in der DDR oft, die größten Kämpfer waren die, die nicht mehr lebten: die kommunistischen Antifaschisten, die in den Lagern gestorben waren, damit wir es besser hatten. Von Wandbildern und aus unseren Schulbüchern blickten uns muskulöse weiße Männer an. Von den Juden erzählten unsere Lehrerinnen nur, dass die Nationalsozialisten sie umgebracht hatten. Gekämpft hatten sie jedenfalls nicht.

Auf dem Nachhauseweg von der Schule erzählen wir Jungs uns Judenwitze. Zu viert oder zu fünft laufen wir über Kopfsteinpflaster und schwarzen Sand nach Hause, am Friedhof und an der Kneipe vorbei hin zu den vier Neubaublöcken am Rande des Dorfes.

Einer fragt: „Was ist der Hauptgewinn in der KZ-Lotterie?“

Ich sage: „Kenn ich doch schon. Eine Platzkarte in der Gaskammer.“

Später habe ich unsere Witze in dem Buch „Das hat’s bei uns nicht gegeben!“ wiedergefunden. Veröffentlicht hat es vor einigen Jahren die Amadeu Antonio Stiftung, benannt nach einem angolanischen Vertragsarbeiter, den junge Männer 1990 in Eberswalde so lange schlugen, bis er ins Koma fiel und später starb.

Woher wir unser Witze hatten, weiß ich nicht mehr. Es hätte sie gar nicht geben dürfen. In der Verfassung der DDR stand, der Faschismus sei besiegt. Und weil er nun einmal besiegt war, durfte er nicht existieren. Die Staatssicherheit, das lässt sich in dem Buch der Stiftung ebenso nachlesen wie in den Berichten des Geheimdienstes selbst, nannte Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen und Neonazis, die andere Menschen zusammenschlugen, „Rowdytum“ und tat so, als gäbe es keinen politischen Hintergrund. Punks und alle, die anders aussahen als sich die sozialistische Elite ihre Bürger vorstellte, verfolgten Geheimdienst und Polizei dagegen hart als Auswüchse einer Dekadenz, die nur aus dem Westen kommen konnte.

Daran knüpft die AfD heute an. Die Partei setzt wie keine andere darauf, eine ostdeutsche Identität zu feiern und zu fördern. In Wahlkämpfen und Reden umwerben ihre Politiker die Menschen damit, wie fein deutsch und wenig verfremdet es in Ostdeutschland so zugehe. Und die Erzählung vom unpolitischen Rowdytum scheint bei vielen Polizisten ebenfalls heute noch zu funktionieren.

War das in der Bundesrepublik denn besser? Klassische Frage, die immer kommt, wenn man etwas über die DDR schreibt. Vielleicht ließe sich sagen, es gab in Westdeutschland wenigstens die Chance auf ein öffentliches Gespräch. In der DDR lief so eine Serie wie „Holocaust“ nicht im Fernsehen, die Leute konnten danach nicht darüber reden, sich aufregen oder weinen – zu Hause, in der Kneipe, im Bus. Und bei allem Verständnis für den Willen, sich von Westdeutschen nicht mehr das eigene Leben ausdeuten zu lassen: Ist es wichtiger, das Andenken an die DDR zu retten oder sich Gedanken darüber zu machen, warum die eigenen Kinder von Nazis gejagt werden oder selbst andere jagen?

Nach dem Überfall von Neonazis auf ein Punk-Konzert in der Ostberliner Zionskirche 1987 wollte das Zentralkomitee der SED dann doch einmal die neonazistischen Umtriebe untersuchen. Die Forscher registrierten 1988 bis zu 500 Taten aus dem rechtsextremen Milieu pro Monat. Die Ergebnisse verschreckten die Machthaber so sehr, dass sie sie gleich wieder wegschlossen. Der Oberstleutnant der Kriminalpolizei, der das Team geleitet hatte, wurde ab da von der Stasi beobachtet.

Wir lesen „Pawel“ in der vierten Klasse. Wir haben das grüne Schulbuch vor uns auf dem Tisch liegen, wir lesen abwechselnd ein paar Sätze vor. Ein Leutnant der Wehrmacht sitzt am Rande eines brennenden sowjetischen Dorfes und sieht einen spielenden Jungen. Er denkt: „Worin besteht der Unterschied zwischen diesem und einem deutschen Kind?“ Er rettet den Jungen vor dem heranrasenden Auto eines Feldwebels, sie fliehen zusammen zu sowjetischen Soldaten und der Leutnant kehrt an der Seite der Roten Armee nach Deutschland zurück. Fünfeinhalb Seiten dauert die Transformation des Nazi-Offiziers zum Kommunisten und sie beschreibt in ihrer kindgerechten Kürze recht gut den antifaschistischen Mythos der DDR. Der Staat musste ein paar Verführer bestrafen, den großen Teil seiner Bürger konnte er dann, ohne groß über die Vergangenheit zu reden, zum Aufbau des neuen Staates einsetzen.

Zugleich wussten wir wenig vom Fremden. Selbst unsere angeblichen Brüder kannten wir nicht. „Wir zeigen unsere freundschaftliche Verbundenheit mit dem Sowjetvolk“, schreibe ich am 8. Mai in meinen Heimatkundehefter. Aber wir sehen sie kaum, obwohl viele Kasernen gar nicht so weit weg sind. Manchmal marschiert ein Trupp mit Kalaschnikows auf dem Rücken an unserem Kindergarten vorbei und wir drücken uns an den Zaun und sehen ihnen nach. „Scheißrussen“, sagt ein Junge neben mir, und als ich ihn frage warum, sagt er: „Wenn der blöde Hitler unsere Wehrmacht nicht kaputt gemacht hätte, wären die jetzt nicht hier.“ Das hatte ihm jedenfalls sein Vater erzählt.

Wir wussten nicht, wer die Juden waren. Wir wussten nicht, wer die Russen waren. Wer die Nazis waren, wussten wir. Der Nazi war einer, der aus dem Westen kam. Der Kapitalismus galt als Vorstufe des Faschismus, und tatsächlich saßen ja noch alte Nazi-Eliten auf genügend Machtpositionen, um die als Beweis zu präsentieren. Als die Staatssicherheit 1960 im Bezirk Rostock eine „Aufstellung über Hakenkreuzschmierereien“ mit über fünfzig Delikten erstellte, sagte der Leiter der Bezirksverwaltung, diese seien „Teil der Provokation aus Westdeutschland“. In „Käuzchenkuhle“, einem der bekanntesten Jugendbücher der DDR, löst ein Junge zusammen mit seinen Freunden einen Kriminalfall, bei dem „der Fremde“, ein ehemaliger SS-Mann aus Westdeutschland, zurückkehrt, um alte Nazi-Raubkunst zu bergen. Noch 2006 erklärte mir der SPD-Innenminister eines ostdeutschen Bundeslandes vor einem Interview, das Naziproblem käme aus dem Westen und, nein, in der DDR habe es das nicht gegeben.

Der Fall der Mauer brach mir das Herz. Ich hatte Angst vor dem Westen, vor den Faschisten, einfach davor, dass alles, was ich kannte, kaputt gehen könnte.

Die Erwachsenen rührten keinen Finger. Sie saßen vor dem Fernseher und sahen sich Demonstrationen an. Sie unterrichteten uns weiter in der Schule, als sei alles völlig normal. Dass wir wirtschaftlich keine Chance hatten, war mir ja klar, jeder Junge, der wusste, wo die Matchboxautos herkamen, begriff das. Aber mein Vater war Oberstleutnant der verdammten Nationalen Volksarmee, er hatte mal dreißig Panzer kommandiert, wo waren die denn jetzt?

Ich wollte eine chinesische Lösung, ich wollte Tiananmen-Platz in Berlin und Leipzig. Als mein Vater, der Feigling, nicht loszog, um die Irren da draußen zu stoppen, überlegte ich, wie ich ihm seine Makarow-Dienstpistole klauen könnte. Mein Plan war, in Westberlin ein paar Leute zu erschießen und einen Krieg zu provozieren. Denn den, da war ich mir sicher, den würden wir gewinnen.

Wir fuhren mit dem Begrüßungsgeld nach Berlin-Spandau. Bei Karstadt kaufte ich mir ein Telespiel, einen kleinen blauen Computer, mit dem ich Eishockey zocken konnte.

Mit jedem neuen Level wurde der Puck schneller und schwieriger zu erreichen. Es fing mit Piep – piep – piep an und steigerte sich pieppiep pieppiep pieppiep bis zu pipipipipipip. Wie hypnotisiert starrte ich auf die kleine blinkende Scheibe, bis die Welt um mich herum nur noch gedämpft zu hören war, wie hinter Watte. Die Erwachsenen hatten mich verraten, ich hatte mich für ein Computerspiel verkauft. Ich war wütend, aber ich hatte keine Ahnung auf wen.

„Du warst im HJ-Modus“, hat zwei Jahrzehnte später ein Freund zu mir gesagt, „wie die Hitlerjungen beim Volkssturm“. Da wohnte ich schon lange in Berlin. Er hatte in den Jugoslawien-Kriegen genügend Jungen gesehen, die für Wut, Angst und Ohnmacht ähnlich der meinen gestorben waren.

In der zweiten Klasse sangen wir: „Soldaten sind vorbeimarschiert, die ganze Kompanie. Und wenn wir groß sind, wollen wir Soldat sein so wie sie.“ In unserem Musikbuch standen Lieder über den Frieden auf der Welt und „Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm.“ Aber eben auch: „Mein Bruder ist Soldat im großen Panzerwagen, und stolz darf ich es sagen: Mein Bruder schützt den Staat.“

Vor wem der große Bruder uns schützte, war klar: Vor dem Westen. Aber niemand schützte mich jetzt. Kämpfen wollte ich, aber gegen wen? Wohin fliegt eine Rakete mit einem Freund-Feind-Zielsystem, wenn die eigenen Eltern zum Gegner übergelaufen sind?

War ich der einzige, dem es so ging? Ich weiß es nicht, ich habe mich mit Freunden nie darüber unterhalten.

Der Zerfall beginnt im Fernsehen. Ich sehe weinende Menschen, starre Menschen, graue Menschen, meistens vor irgendwelchen Schornsteinen oder Werktoren und immer macht irgendetwas zu. Dann zerfallen die Männer auf dem Dorf. Wenn ich von der Schule komme, sitzen sie an den Garagen. Sie haben früher Kräne gefahren, große russische Traktoren und Mähdrescher. Jetzt erzählen sie sich Witze über ihre Frauen, die mit irgendwelchen Putzjobs oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen versuchen, die Familien über Wasser zu halten. Sie sagen: „Die Alte nervt“. Dann trinken sie noch einen Schnaps. Oft reden sie gar nicht.

In den Zeitungen, im Radio, im Fernsehen lesen, sehen und hören wir die passenden Botschaften dazu. Ostdeutsche sind zu doof, sich in der neuen Welt zurecht zu finden. Ostdeutsche sind faul. Ostdeutsche sind betrunken. Erst schäme ich mich noch, dann schaue ich der geworfenen Scheiße belustigt beim Fliegen zu und noch später bin ich stolz darauf, dass „wir“ härter sind als die so leicht zu schockierenden Wessis, die ihr ganzes Leben als Kausalzusammenhang erzählen können, in dem es für alles einen guten Grund und keine dunklen Flecken gibt. Es kann auf eine dämonische Art befreiend sein, wenn von dir und den Leuten um dich herum nur noch das Schlechteste erwartet wird. Als Zwölf- oder Dreizehnjähriger sehe ich das noch nicht, ich sehe nur die Männer in ihren Garagen und ich sehe meine Zukunft.

Mein Vater trinkt dort nicht. Die Bundeswehr hat ihn übernommen. Im Frühjahr 1992 werden sie bei der Kontrolle eines sowjetischen Stützpunkts beschossen. Mein Vater verlässt die Armee und verkauft später Versicherungen. So wie viele andere Männer aus der Polizei, dem Ministerium für Staatssicherheit und der Nationalen Volksarmee. Ein Abstieg war es, aber er war nicht so hart.

Im Fernsehen sieht man Häuser brennen, in denen vietnamesische Vertragsarbeiter leben. Man sieht Männer, die mit Gehwegplatten auf Menschen werfen. Ich sehe, wie die Polizisten verloren vor der Meute stehen. Ich sehe, wie sie zurückweichen.

„Offenbar ist vielen im Westen nicht klar, dass in Ostdeutschland zwei Generationenkohorten existieren, deren kollektive politische Erfahrung sich daraus speist, ein politisches System gestürzt und anschließend den neuen Staat in Hoyerswerda und Rostock gezwungen zu haben, vor ihrem rassistisch motivierten Willen zurückzuweichen.“ Das schreibt der Rechtsextremismus-Experte David Begrich nach den Märschen von Chemnitz in einem Text, den viele auf Facebook teilen. Begrich war damals in Rostock-Lichtenhagen, er war einer derjenigen, auf den die grölenden Männer Gehwegplatten warfen.

Bis Ende der neunziger Jahre weicht dieser neue Staat zurück – in den Kleinstädten und Dörfern. Viele Menschen, die so alt sind wie ich, rechnen nicht mehr mit ihm. Wir sehen alle dasselbe: Es kommen keine Polizisten, wenn dreißig Kahlrasierte vor einem Jugendklub auftauchen und Leute vermöbeln oder sie kommen nur zu zweit und bleiben dann in ihren Autos sitzen. Was sollen sie machen? Selbst verdroschen werden? Das passiert manchmal auch.

Die große Macht der Volkspolizisten ist ebenso gebrochen wie die unserer Lehrerinnen. In der DDR konnten diese Autoritäten noch im Alleingang ganze Biografien versauen – du darfst studieren und du nicht – und jetzt lachen wir sie aus, wenn sie vor uns stehen. Wir lachen, bis sie heulen. Sie haben Angst vor der neuen freien deutschen Jugend.

Heute bin ich öfter in osteuropäischen Staaten unterwegs, die früher ebenfalls sozialistisch waren. Wenn ich dort mit Leuten meines Alters über die Brüche der Neunziger rede, die Barbarei, die Entgrenzungen, die sie oft härter und krasser beschreiben, weil es dort härter und krasser war als in Deutschland, dann finde ich bei ihnen ein Verhältnis zur Polizei, was mich an meines damals erinnert: irgendetwas zwischen Furcht und Verachtung.

Und natürlich sind das heute nicht die Neunziger, der neue Staat hat sich konsolidiert. Aber wenn wie in Chemnitz dann doch zu wenige Polizisten dort stehen, wenn Beamte in Köthen eine rechtsextreme Rednerin bei ihren Vergasungs- und Mordfantasien nur filmen, statt sofort in die Demo zu gehen, dann bestärkt das Nazis wie ihre Gegner in dem, was sie gelernt haben: Der Staat weicht zurück.

Nach dem Mauerfall lernte ich noch etwas, in den folgenden Jahren, als die Liste der Toten immer länger wurde: Du kannst sterben, ganz leicht. Wenn in einer Horde von Nazis nur ein Psycho dabei ist, nur einer, dem deine Fresse nicht gefällt und der dann nicht aufhören kann, dann bist du tot. Manche Bekannte bildeten sich ein, sicher zu sein, weil sie weiß waren. Sie glaubten, sich verstecken zu können. Aber wer anders ist und wer nicht, das legst nicht du selbst fest, sondern der Nazi. Es starben Mahmud Azhar und Farid Guendoul ebenso wie Wolfgang Auch und Horst Hennersdorf.

Als ich dem Hass zum ersten Mal persönlich begegne, bin ich elf oder zwölf Jahre alt. Meine Mutter arbeitet noch immer als Agrochemikerin, sie berechnet, wie viel Dünger das gelbe Streuflugzeug auf die Felder um unser Dorf herunterfallen lässt. Der Pilot dieses Flugzeuges sitzt eines Tages bei uns im Wohnzimmer auf einem brauen Stoffsessel, er wartet auf meine Mutter und ich frage ihn, weil ich ihn mag, weil ich ihn cool finde, ich meine, er ist schließlich Pilot, jedenfalls frage ich ihn, wie es denn jetzt für ihn weitergeht. Und er erzählt von den „Wallstreetjuden“, die das alles zu verantworten hätten, er wird lauter, erregter, brennende Röte erst am Hals, dann im Gesicht. Ich weiß das noch so genau, weil ich mit dem Wort „Wallstreet“ nichts anfangen kann und Juden, denke ich, gibt es doch bei uns gar keine. Der Mann überrollt mich mit einer Wut, von der ich weder die Quelle kenne noch das Ziel.

Neue Regeln. Ich hätte sie gerne gelernt, wenn ich denn welche begriffen hätte. Ist es besser, den Bus zu nehmen, aus dem man nicht mehr rauskommt, wenn Glatzen einsteigen? Oder besser laufen oder Fahrrad, aber dann bist du zu langsam, wenn sie dich mit dem Auto jagen? Auch andere versuchten, die neue Welt zu ordnen: Die Kreisstadt ist rechts, die Dörfer sind links. Aber diese Ordnung zerbröselte sofort wieder, wenn fünfzehn, zwanzig, dreißig Nazis ein Dorffest aufmischten.

Viele Glatzen kamen aus großen Familien, die lebten in ihren Häusern inmitten von Hitlerbüsten und Reichskriegsflaggen. Die Clan-Söhne mit den Namen, die man fürchten musste, waren vier bis acht Jahre älter als ich. Mit ihren tiefergelegten Golfs oder zu Fuß patrouillierten sie durch die Stadt. Wen sie verschonten und wen sie sich vornahmen, folgte einem Kodex, den vor allem sie selbst verstanden. Wenn sie jemanden aus DDR-Zeiten kannten, aus der Schule, konnte das gut sein. Oder eben besonders schlecht, wenn sie ihn schon damals nicht mochten. Bunte Haare waren scheiße, lange auch. Aber wer aus der Kreisstadt kam, die übrigens Mitte der Neunziger zur Kleinstadt degradiert wurde, der war auch mit langen Haaren an einem Abend okay, und man mischte lieber eine andere Nazi-Gang auf, weil die vom Dorf nebenan war und „sich hier breit gemacht hatte“.

In den neunziger Jahren habe ich diese Zusammenhänge nur vage begriffen. Vieles habe ich erst bei Gesprächen für diesen Text erfahren. Ich kannte keinen der wichtigen Nazis, ich kam vom Dorf, ich war weit entfernt vom Zentrum der Macht. Ich konnte nicht zwischen denen unterscheiden, gegen die ich mich vielleicht hätte wehren können, ohne dass gleich fünf Mann auf die Suche gingen, und denen, die Lebensgefahr bedeuteten.

Mir passierten einfach Dinge.

Ich sitze im Bus, drei Glatzen steigen ein, ohne zu bezahlen. Sie laufen nach hinten durch, ich tue so, als würde ich lesen. Sie laufen an mir vorbei, plötzlich ist es nass in meinem Gesicht. Einer hat mir ins Gesicht gespuckt. Bevor ich das kapiere, drückt mir der kleinste der Typen seinen Daumen in die linke Wange und reibt kräftig, bis mir die Zähne wehtun. „Du musst dich doch saubermachen“, sagt er mit hoher Stimme. „Muss Mutti dir erst bis in den Bus nachlaufen, hm?“ Wahrscheinlich sehe ich aus wie ein Reh im Scheinwerferlicht eines Autos, die drei bepissen sich fast vor Lachen. Die Hand des Kleinen riecht nach altem Tabak.

Als ich die drei Kilometer von der Schule mal nach Hause laufe, hält ein Auto mit quietschenden Reifen neben mir. Ich renne sofort los, rein ins Feld. Hinter mir höre ich es lachen. Ich laufe über zartes Frühlingsgrün, schwere Brocken Matsch kleben an meinen Schuhen und fallen wieder ab. Sie fahren auf der Straße nebenher, rauchen und schauen mir zu. Ein Kilometer vor dem Dorf geben sie Gas und verschwinden.

Der Junge, der in der DDR auf die „Scheißrussen“ geschimpft hat, erklärt mir die Bordbewaffnung seiner Karre. Er zeigt mir seinen Baseballschläger und wo er die Schreckschusspistole unter dem Beifahrersitz versteckt hat. „Ich fahr nicht mehr unbewaffnet raus“, sagt er, „ich bin doch nicht blöd.“

Wie durch die Milchglasscheibe eines Bahnhofsklos sehe ich die Zeit von 1991 bis 1998. Es fällt mir schwer, mich zu erinnern. Es geht nicht nur mir so. „Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich mir die ganzen Neunziger nur eingebildet habe“, sagt Manja Präkels, als wir uns darüber unterhalten. Sie sagt: „Selbst Freunde, die dabei waren, konnten oder wollten sich nicht mehr erinnern.“

Als Kind war ich noch klein und dick, aber in der Pubertät schieße ich in die Höhe. Genetisch bin ich Nazi, fast 1,90 Meter groß, blond, graublaue Augen. Ich trainiere mit Hanteln. Aber mir fehlt das Schläger-Gen, die Lust am Blut der anderen, ich sehe den Hunger in den Augen der Clan-Söhne und ihrer Handlanger und ich weiß, ich bin Beute. Also versuche ich zu verschwinden, ich trage grau, ich bin ein Mäuschen. Gott, wenn ich doch nur kleiner wäre.

Hatte ich nicht erst gestern noch alles über Ernst Thälmann und seine Genossen gelesen? Wie sie gestorben waren im Kampf gegen den Faschismus? Ich will nicht sterben, ich will nur in Ruhe gelassen werden. Ich schäme mich. Wir schämen uns alle. „Die neunziger Jahre sind in Ostdeutschland ein großes Tabu“, sagt Manja Präkels. „Diese Zeit ist mit großer Scham behaftet.“ Jeder hat seinen eigenen Grund dafür. Der eine wird gefeuert und findet nie wieder Arbeit, der nächste steht hinter der Gardine und freut sich heimlich, weil das Asylbewerberheim brennt und ich, ich bin eben ein Feigling.

Es wäre durchaus anders gegangen. Es gab die aufrechten Antifaschisten, die Punks, ich wusste von ihnen, ich sah sie allerdings nie auf der Straße. Frauen, die mit mir zur Schule gingen und mit denen ich für diesen Text gesprochen habe, sagten mir, sie hätten keine Angst gehabt. Eine erzählte mir, die Glatzen aus ihrem Dorf hätten meist versucht, sie zu beeindrucken. Sie sagt auch, sie wüsste nicht, ob die schlimmsten Schläger wirklich Nazis waren. Es war und ist nicht ganz einfach, die Trennlinie zwischen denen zu ziehen, die schlagen wollten und sich dafür eine Rechtfertigung in „Mein Kampf“ suchten und denen, die schlugen, weil sie es politisch geboten fanden. Gewalt war normal und in dieser Normalität schwammen die Nazis wie Fische im Meer.

Meinen Eltern erzählte ich nichts. Das wäre petzen. Die Jungs haben die Dinge früher unter sich ausgemacht und das sollen sie jetzt auch. Außerdem war mir ja nichts passiert. Kein Zahn ausgeschlagen, alle Augen noch drin, tot war ich auch nicht. Andere haben ihren Vätern und Müttern etwas erzählt, Manja Präkels schreibt darüber in ihrem Buch und sie schreibt auch, was viele Eltern geantwortet haben: Provozier doch nicht!

Die Erwachsenen konnten sich nicht vorstellen, dass die lieben kleinen Ricardos, Michaels und Kais von früher zu Kampfmaschinen mutiert sein sollten. Ich hätte es ihnen auch nicht erklären können. Also beschworen sie eine Parallelwelt herauf. Es gibt kein Problem mit Rechtsextremismus, sagten die Bürgermeister, wenn wieder mal einer verpocht wurde oder starb. Ich fragte mich, wer verrückt ist, die oder ich?

„Über die Eltern brach die Katastrophe herein, die mussten überleben“, sagt Manja Präkels dazu, „und dabei gingen ihnen die Kinder oft verloren.“ Und wenn ständig nur geleugnet werde, wenn sich gegenseitig permanent bestätigt werde, es sei normal, wenn bei den Spielen der A-Jugend das Horst-Wessel-Lied gesungen werde, dann entstehe eine neue Normalität.

Und heute? Ein sächsischer Ministerpräsident, der erst einmal betonen möchte, in Chemnitz sei alles nicht so schlimm gewesen. Ein Verfassungsschutzchef, der in der Bild sagt, ein Video von einem Angriff sei veröffentlicht worden, um von einem Mord abzulenken. Welche Realität ist die richtige? Die meisten Menschen glauben einem Ministerpräsidenten mehr als einem Mann, der nicht weiß ist und erzählt, wie er verfolgt wurde.

Ab der siebten Klasse, im Herbst 1991, gehe ich aufs Gymnasium. Meine Freunde vom Dorf treffe ich nur noch selten, ich war jetzt etwas Besseres, zumindest sehen sie das so oder ich denke, dass sie es denken. Ich ziehe mich zurück. Ich habe früher schon gern gelesen, jetzt lese ich eben noch mehr. Kurz vor der Wende sind wir in einen anderen Block gezogen, ich habe ein eigenes Zimmer und muss nicht mehr mit meinem Vater und meiner Mutter in einem Bett schlafen. Das macht es einfacher, mich zu verstecken. Als ich sechzehn Jahre alt bin, kaufen meine Eltern einen Computer und ich spiele Eishockeymanager. Diese Welten sind vom Draußen unberührt und kontrollierbar. Ab und an gehe ich raus, tauche auf wie ein U-Boot nach langer Fahrt. Die Nachrichten von der Oberfläche sind über Jahre die gleichen: Entweder es gibt Stress oder einer erzählt, wie es Stress gab.

„Der hat seine Freundin gezwungen, als Nutte zu arbeiten und die dann mit dem Kabel erwürgt.“

„Neulich haben sie den einen an der Havel fast kaltgemacht.“

„Die sind mit der Axt in den Jugendklub rein. Die hinter der Tür hat es gleich erwischt. Die Bullen waren wieder bloß zu zweit da.“

Freunde habe ich wenige. Ich bin ein Trottel vom Dorf. Meine Mutter hat mir zwar nach langer Bettelei eine Levis gekauft, aber an meinem dicken Hintern sieht die Jeans so aus, als versuchte jemand, meinen Arsch zu zwei dünnen Würsten zu kneten. Tragen muss ich sie trotzdem, die Hose war teuer. Im Schulbus lachen sie über mich. Ich bin oft alleine, also ein Ziel und deshalb gehe ich noch weniger raus.

Nach drei Jahren am Gymnasium finde ich andere Freunde.

Dabei sind: Ein kleiner Dünner, der oft lächelt und der mich mit dem Auto nach Hause fährt, wenn es spät wird. Er sagt: Schon mein Vater war ein Rechter. Dafür hatte er Ärger mit den Scheißkommunisten.

Ein anderer aus der Clique schaut oft finster, aber kitzelt einen ab, wenn es in der Schule scheiße gelaufen ist. Er findet die NPD gut und hat Kontakte zu einem Fascho-Clan in einem größeren Dorf in der Nähe.

Außerdem: Der Sohn eines Polizisten, der immer laut ist, immer Faxen macht, großzügig mit allen teilt und der Kanaken scheiße findet.

Dann einer, der immer ganz ruhig ist, obwohl ihm seine Mutter Stress macht, er dürfe nicht absacken, nicht versagen, nicht untergehen in dieser neuen Welt. Er hört zu Hause CDs von Bands wie Zyklon B und Zillertaler Türkenjäger. Auf der Heckscheibe seines Autos prangt in Fraktur der Schriftzug „Euthanasie“. Die Band heißt eigentlich „Oithanasie“, aber er findet es damals ein lustiges Wortspiel, den Namen so zu schreiben.

Wir durchstreifen das Land im Konvoi. Zum nächsten McDonald’s an der Autobahn, an die Ostsee, nach Tschechien, nach Dänemark. Je mehr wir sind, desto mehr weitet sich unsere Landkarte.

Zwei Autos sind gut, vier Autos sind besser. Im Schwarm schrecken wir andere ab. Ich entdecke, wie geil es sein kann, jemandem Schiss zu machen statt selbst der Schisser zu sein. Ich pinkle einem Wessi auf die Motorhaube.

„Rechts“ und „links“, das ist eine Sache der Klamotten, der Frisur und der „inneren Einstellung“, wie wir das damals nennen. Die Mode der harten Nazis verbreitet sich in Molekülen auch an den Gymnasien, die grünen Bomberjacken mit dem orangefarbenen Innenfutter tragen viele. Ich habe lange Haare, ich habe „nichts gegen Ausländer“, ich finde es scheiße, sie zu jagen und zu verprügeln. Das sage ich manchmal auch und dann streiten wir uns. Ich muss vor Nazis wegrennen. Also bin ich links.

In der Nahrungskette der Jungsgruppen stehen wir nicht weit oben. Wenn die Tighten aus der Muckibude anrücken, die tätowierten Riesenbrocken mit Kampfsport oder Knast im Lebenslauf und keiner der anderen hat irgendeine Beziehung zu jemandem, der jemanden kennt, dann machen wir uns klein oder lösen uns in Luft auf.

Stress gibt es immer noch, natürlich. Wir wollen zum Herrentag, wie das bei uns konsequent heißt, raus an einen See fahren. Zwei möchten da unbedingt mit dem Fahrrad hin. Scheißidee, sagen wir anderen, da kommt ihr alleine niemals an. Sie ziehen es durch. Wir sammeln sie später blutend von der Landstraße und lachen sie aus.

Der Soundtrack dieser Zeit kam von den Böhsen Onkelz. Ich hasste diese Band, bei ihren weinerlichen Liedern für gefallene Jungs dachte ich an die saufenden Männer in den Garagen. Ein Lied der Onkelz ist allerdings bis heute in meinem Kopf: „Wir waren mehr als Freunde/Wir war’n wie Brüder/Viele Jahre sangen wir/Die gleichen Lieder.“ Es heißt „Nur die Besten sterben jung“ und ich mochte es, vielleicht, weil ich die blöden Jungpioniere vermisste, die Zeit, als wir lieber Papier und Flaschen gesammelt haben, als uns gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen und weil ich dachte: Ja, sterben kannst du ja wirklich.

Sicher bin ich noch immer nicht. Eines Abends fahre ich zufälligerweise nicht zu dem Parkplatz am Netto-Markt, wo wir uns immer treffen. Es sind nur wenige da und sie sind leichte Beute für eine größere Gruppe Schläger, die aus einem Nachbarort anrückt. Einen erwischt es besonders schlimm. Er fährt noch mit dem Moped nach Hause, bekommt dann aber seinen Kopf nicht mehr aus dem Helm, Tritte und Schläge haben ihn zu sehr anschwellen lassen. Er landet auf der Intensivstation.

Manche Erinnerungen reißt man sich ein wie Splitter und sie schmerzen noch Jahre danach. Der türkische Freund, den ich erfunden habe, ist so ein Splitter. Wir sind nach Ungarn gefahren, das letzte Mal zusammen. Wir liegen am Balaton, spielen Fußball. Wir reißen die Türen unserer Klos auf und fotografieren uns gegenseitig beim Kacken, wir rasieren einander die Brusthaare. Und dann, wir sitzen in einem Café, ich lese Zeitung, vielleicht habe ich da etwas über einen Überfall gelesen, ich weiß es nicht mehr. Ein Freund sagt irgendetwas über „blöde Kanaken“ und dass sie es verdient hätten und ich bin sofort auf hundertachtzig. Ich schreie, ich hätte einen türkischen Freund und der läge in Berlin im Krankenhaus, „wegen Leuten wie dir“. Es ist ein kurzer Moment, wenige Sekunden nur und sofort fühle ich mich mies.

Weil ich gelogen habe, ich habe keine türkischen Freunde und auch keine mit türkischen Namen, woher auch? Es gab an unserer Schule den Sohn eines Ingenieurs aus Angola oder Mosambik, der war nicht weiß. Selbst die Dönerfrauen, die ich kannte, waren in der Kreisstadt oder in einem der Dörfer geboren. Ich schäme mich auch, weil ich weiß: Es gibt Menschen, die sind wirklich verbrannt oder wurden zu Tode getreten. Und ich erfinde einen. Gleichzeitig habe ich Angst, dass jetzt unsere Freundschaft vorbei ist.

Das gehört auch zur Wahrheit jener Jahre, viele kannten die Rechten, die Rechtsradikalen, die Neonazis nicht nur von Weitem. Wir waren mit ihnen befreundet, wir mochten manche von ihnen, wir profitierten von ihrem Schutz. Im Buch von Manja Präkels hat der Obernazi der Protagonistin vielleicht das Leben gerettet. „Dass die Nazis oft unsere früheren Freunde aus der Schule waren, unsere Brüder, unsere Cousinen, das machte die Auseinandersetzung damals so schwierig“, sagt Manja Präkels. „Und das macht sie auch heute schwierig.“

Sie sagt auch, sie habe damals manchmal das Gefühl gehabt, jemand halte eine schützende Hand über sie. „Vielleicht aus der Zärtlichkeit der kindlichen Erinnerungen aneinander. Aber derlei Zärtlichkeit gibt es für Fremde, für Menschen anderer Hautfarbe nicht.“

Heute haben dieses Dilemma nicht mehr nur Ostdeutsche, die AfD ist auch im Westen erfolgreich. Wenn man sich mit seinem Bruder oder einem Freund streiten muss, dann lässt sich der Nazi nicht mehr nach Sachsen auslagern, dann ist man mitten in einer deutschen Identitätskrise. Präkels sagt, das sei doch die große Frage: „Sitzen wir lieber mit einem uns vertrauten Rechtsextremen am Tisch und tun so, als wäre alles normal oder stellen wir ihn und damit auch uns selbst infrage, indem wir uns für die einsetzen, die für uns Fremde sind?“

„Hm, scheiße, ist der schwer verletzt?“, sagt der Freund. Ich murmle irgendwas von nicht ganz so schlimm, ich lüge weiter, wer damit einmal angefangen hat, kann nicht einfach aufhören. „Tut mir leid, habe ich nicht so gemeint“, sagt er.

Für meinen Zivildienst gehe ich nach Berlin. Ab 1999 studiere ich in Leipzig. Ich habe Glück und treffe gute Leute aus dem Westen und dem Osten. Wenn ich mich in den richtigen Bezirken aufhalte, treffe ich keine Männer mit Glatzen. Nur ab und an höre ich Echos aus der Vergangenheit. Anfang der Nullerjahre findet ein Freund ein Loch in der Heckscheibe seines Autos, das Kind der Familie über ihm hat eine Vase aus dem Fenster geworfen. Der Vater des Kindes, eine Glatze mit Glatzenkumpels, hat keinen Bock, für den Schaden aufzukommen und das macht er meinem Freund klar. Ich überlege, ob ich meine Leute in Brandenburg anrufen soll, aber der Nazi ist aus Leipzig und muss nicht 200 Kilometer weit fahren, um mit mehr Leuten zurückzuschlagen.

In der Kleinstadt, in der ich zur Schule ging, leben heute auch Frauen mit Kopftüchern, die ihren Söhnen auf Russisch hinterherbrüllen, sie sollen gefälligst auf sie warten. In den Kneipen und Cafés bedienen Menschen, deren Eltern aus Vietnam und der Türkei kamen. Der Freund, der damals „Euthanasie“ auf seiner Heckscheibe stehen hatte, und den ich für diesem Text wiedergetroffen habe, sagt, er sei mit „Kurden, Türken, Russen, Vietnamesen“ befreundet. Er findet aber, man solle doch die Leute verstehen, die lieber nicht mit so vielen Ausländern zusammenleben wollen. Als ich ihn frage, ob er auch so leben will, sagt er: „Ach, ich weiß es doch auch nicht.“

Ich habe nicht gekämpft und schon gar nicht gewonnen. Ich bin einfach gegangen.


Aus: "Jugendliche in Ostdeutschland: Wir waren wie Brüder" Daniel Schulz, Reportage und Recherche (01.10.2018)
Quelle: https://www.taz.de/!5536453/

Quote
Primitivismuskeule
Mittwoch, 09:03

Danke für diesen Text. Er erinnert mich stark an mein Heranwachsen in einem rechtslastigen Dorf in Westdeutschland - nur deutlich extremer.


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« Reply #19 on: January 23, 2019, 12:27:42 PM »
Quote
[...] Die Menschen in Ostdeutschland stehen der Demokratie deutlich skeptischer gegenüber als Westdeutsche. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hervor. Demnach gaben lediglich 42 Prozent der Befragten in Ostdeutschland an, dass die in Deutschland gelebte Demokratie die beste Staatsform sei. In Westdeutschland meinten dies 77 Prozent.

Auch das Vertrauen, dass der Staat seinen Aufgaben gerecht wird, ist in Ostdeutschland signifikant niedriger als in Westdeutschland. So vertrauen zwei Drittel der Westdeutschen, aber nur jeder zweite Ostdeutsche darauf, dass Grundrechte wie die Meinungsfreiheit wirksam geschützt sind. 56 Prozent der Westdeutschen, aber nur 39 Prozent der Ostdeutschen sind überzeugt, dass die Gerichte unabhängig urteilen.

Das Wirtschaftssystem wird in Ost und West ebenfalls sehr unterschiedlich beurteilt. In Westdeutschland meinten 48 Prozent der Befragten, es gebe kein besseres System als die Marktwirtschaft. In Ostdeutschland waren lediglich 30 Prozent dieser Auffassung.

In anderen Punkten hingegen gibt es laut der Umfrage, für die zwischen Anfang und Mitte Januar 1.249 Menschen befragt wurden, größere Übereinstimmungen. So war für die Mehrheit der Westdeutschen wie der Ostdeutschen das vergangene Jahr ein gutes Jahr. Nur jeder Fünfte zieht für 2018 eine negative Bilanz. In das neue Jahr sind Ost- und Westdeutsche demnach gleichermaßen optimistisch gestartet, lediglich 14 Prozent in Ost wie West mit Befürchtungen.

Auch mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage sind die Menschen sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland zufrieden: In beiden Landesteilen ziehen 53 Prozent von ihnen derzeit eine positive Bilanz. Als Wohlstandsverliererinnen sehen sich über die letzten Jahre hinweg 18 Prozent der West- wie der Ostdeutschen. 34 Prozent der Westdeutschen und 36 Prozent der Ostdeutschen bilanzieren hingegen eine Verbesserung ihrer ökonomischen Lage in diesem Zeitraum. Auch die Zufriedenheit der Rentner unterscheidet sich kaum: Im Westen sind 56 Prozent der Rentner mit der Höhe ihrer Rente zufrieden, im Osten 50 Prozent.

Knapp 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist indes die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung davon überzeugt, dass zwischen Ost und West eine Trennlinie verläuft. Der Herkunft wird dabei in Ostdeutschland eine ungleich größere Bedeutung zugeschrieben als im Westen: Laut der Umfrage ist dies nur für 26 Prozent der Westdeutschen, aber für 52 Prozent der Ostdeutschen eine der wichtigsten Trennlinien. Auch die politischen Einstellungen gelten demnach in Ostdeutschland weitaus mehr als Spaltungsthema als in Westdeutschland: 46 Prozent der Westdeutschen, aber 63 Prozent der Ostdeutschen sind überzeugt, dass hier besonders gravierende Trennlinien verlaufen.

Die Unterschiede machen viele Beobachter vor allem anhand des Wählerverhaltens und der Einstellung zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung fest. Die Allensbach-Umfrage zeigt dazu erstmals konkrete Zahlen. Demnach halten es 74 Prozent der Westdeutschen und 66 Prozent der Ostdeutschen für vordringlich, die Fluchtursachen in den Herkunftsländern der Migranten zu bekämpfen. In der Frage, inwieweit man die Zuwanderung nach Deutschland begrenzen sollte, dreht sich dieses Verhältnis um: 65 Prozent der Westdeutschen halten dies für dringlich, in Ostdeutschland sind es 75 Prozent der Befragten.


Aus: "Allensbach-Umfrage: Ostdeutsche vertrauen der Demokratie weniger als Westdeutsche" (23. Januar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-01/allensbach-umfrage-ostdeutsche-vertrauen-demokratie-marktwirtschaft

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21prozent #1.35

Aus dem Artikel: Demnach gaben lediglich 42 Prozent der Befragten in Ostdeutschland an, dass die in Deutschland gelebte Demokratie die beste Staatsform sei.

Ihr Zitat: [...]Nur was wollen denn die Demokratieverächter und EU-Feinde? Honeckers Paradies 2.0, das 4.Reich? Kann da mal jemand helfen?


Interessant! Genau diese Frage habe ich mir beim Lesen auch gestellt. Schön wäre es, wenn Allensbach auch die Frage zur Alternative zur Demokratie gestellt hätte. Das würde uns sicherlich weiterbringen, denn dann hätten wir zumindest eine Idee davon, wo denn die Reise hin gehen soll.


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Katrins Septembermärchen #1.66

"Da frage ich mich, wofür die Ostdeutschen 1989 auf die Straße gegangen sind."

Jedenfalls nicht dafür, dass jetzt schon wieder alles vollkommen anders wird. Eine große Bruchstelle pro Biographie reicht eigentlich. Westdeutsche können da nur bedingt mitreden.


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Der Traum ist aus #1.61

Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass viele Menschen in Ostdeutschland ein besonderes Gespür für soziale Schieflagen oder gar Demokratiedefizite haben. Was ich jedoch nicht verstehe, warum entscheidet sich ca. jede/r 4. WählerInnen für eine Partei, die die Werte der Demokratie radikal zerstören und unsere (reformbedürftige) Demokratie durch eine autoritäre Staatsform ersetzen will? Wenn man seinen Demokratiehunger stillen will, wäre es sinnvoll, für mehr BürgerInnenrechte einzutreten, statt für „Grenzen dicht“, „Ausländer raus“, „Lügenpresse“, „Gesinnungsjustiz“, Geschichtsrevisionismus usw. Denn seien wir ehrlich, die AfD bietet für diese Themen keine sinnvollen Lösungen an, weil sie außerhalb unserer demokratischen (!) Rechtsordnung liegen würden, die in reale Politik gegossen nur sein können: Nationale Alleingänge, Beschneidung der Bürgerrechte hier lebender Menschen mit Migrationshintergrund, Einschränkung der Pressefreiheit und Beschneidung der Unabhängigkeit der Justiz. Die Liste der Gängelung vieler hier lebender Menschen ist damit noch lange nicht vollständig. Ich sage nur Lehrerpranger, „dann wird aufgeräumt“ usw.
Halten Sie diesen Weg für geeignet, (subjektiv empfundene) Demokratiedefizite auszugleichen? Ich nicht.


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Buonista verde #38

Die Ostdeutschen welche die DDR bewusst erlebt haben, sind eben sensibler für korrupte, verlogene Eliten, tendenziöse Medien, Systemkunst und Kultur, Verbrämung etc. ... und sie sahen zurecht die NSA-Überwachung kritischer als viele Westdeutsche. Was ereifern wir uns über die Stasi-Vergangenheit, wenn NSA und Konsortien da viel weiter sind.

Und wenn ich heute im Cicero vom korrupten Elmar Brok lese, weiß man: System-Skepsis ist liberal, ist demokratisch, ist Bürgerpflicht!


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terra nullius #1.44


"DAS SYSTEM" - das ist seit den 20er jahren die Bezeichnung der Rechtsradikalen für eine demokratische Verfassung.


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Bratan187 #3

"Demnach gaben lediglich 42 Prozent der Befragten in Ostdeutschland an, dass die in Deutschland gelebte Demokratie die beste Staatsform sei."

Äußerst besorgniserregend.


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peter_79 #1.71


"Die Wahrheit ist oft schmerzlich."

Das ist richtig, Sie sind aber nicht in der Lage, zu erkennen: Ihr Wessis habt erstmal nichts gepumpt. Sondern erstmal einen riesigen Markt und ausgebildete, willige, für weniger Geld als ihr arbeitende "Verbraucher" geschenkt bekommen. Und wie es im Kapitalismus so üblich ist, erstmal Konkurenz ausgeschaltet und die "neue Kolonie" mit euren Waren zugeschüttet und damit eure Wirtschaft ordentlich angekurbelt und die Gewinne eurer Konzerne ordentlich in die Höhe getrieben.
Die paar Milliarden für die Rentner und Straßen im Osten sind dagegen Peanuts. Und habt immer noch das Kolonialmacht-Gehabe, daher werden Sie im Osten so geschätzt.


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FKOF #4.27

„Wenn man noch 40 Jahre nach dem Krieg in einem Staat verbringen musste, der seine Bürger hinter Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl gehalten hat, ist ein feineres Gespür nicht verwunderlich.“

Das feine Gespür, die AfD zu wählen, die den Schießbefehl wieder einübten will? Es scheint eher, man habe aus der Vergangenheit nichts gelernt und wählt nun wieder eine radikale Partei, die die Freiheit der Menschen einschränken will.


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Ura5 #4.42

"Meine Verbesserungsvorschlag? Rollback."

Wie weit?

In die 50er als Frauen nur mit Erlaubnis des Ehemanns arbeiten durften?
In die 40er als der deutsche Mann heldenhaft im östlichen Lebensraum und die Juden im Gas standen?
In die 10er als der deutsche Mann heldenhaft für den Kaiser verblutete oder im Berliner Hinterhof Kohlestaub einatmete?

Aber klar, früher war alles besser. Es gab in dort auch nie Nudging, Indoktrination oder Fake News in der Presse. Die Zukunft liegt in der Vergangenheit!

/Ironie off


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jajaimmerdasgleichemiteuch #4.55

Die Meinungsfreiheit IST gefährdet. Stellen Sie sich doch nicht absichtlich dumm. Das sind sind Sie doch offensichtlich nicht.

Der Korridor das Sagbaren wird von der Regierung unter Zuarbeit der Grünen/Linken und der Medien Stück für Stück eingeengt. Auch Gewerkschaften sorgen dafür, dass man nicht mehr offen reden kann, ohne persönliche, weitgreifende Konsequenzen zu fürchten.

Unter diesen Umständen von Meinungsfreiheit zu sprechen, ist einfach dreist.


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ichgebsauf #4.61

Pegida?


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JeanLuc7 #4.64

"Der Korridor das Sagbaren wird von der Regierung unter Zuarbeit der Grünen/Linken und der Medien Stück für Stück eingeengt"

Unsinn. Dieser "Korridor" wird hingegen von AfD, Pegida und Konsorten imemr wieter nach rechts geöffnet. In der BRD hätte man sich 1989 nicht getraut, von einem "Vogelschiss" zu reden.

Und falls Sie mit "einengen" eine weniger männerbezogene Sprache meinen - nun ja, Herrenwitze waren auch früher schon ein Privileg der Stammtische. Dass man heute Frauen nicht mehr ungestraft sexuell belästigen kann, ist ein Fortschritt, kein Einengen.


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GOE101 #4.65 Antwort auf #4.60 von jajaimmerdasgleichemiteuch


"Sind Sie nicht fähig, größer zu denken? Muss ich erst Beispiele nennen, wie Amadeu Antonio-Stiftung oder IG Metall?"

Lassen Sie uns doch bitte an der Größe Ihres Denkens teilhaben und bringen Sie ein paar konkrete Beispiele. Ansonsten könnte der Eindruck entstehen Dresden sei immer noch das Tal der Ahnungslosen......


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btc76 #4.67


"Der Korridor das Sagbaren wird von der Regierung unter Zuarbeit der Grünen/Linken und der Medien Stück für Stück eingeengt. "

Mmh seltsam, was kann man denn in Dresden nicht offen sagen ? Ich kenne Dresdner Polizisten welche offen darüber sprechen die AfD zu wählen. Offen über Ihre Wahrnehmung bezüglich der Kriminalitätsentwicklung in der Stadt parlieren und keinerlei Konsequenzen befürchten. Also werden Sie doch einmal konkret. Dann können wir reden und dann schauen wir uns einmal den "Rechten" Gesinnungskorridor an. Oder am Besten wir treffen uns Samstag Abend am Postplatz oder gehen am Montag zu Lutz und tragen Reefugies Welcome TShirts,.


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jajaimmerdasgleichemiteuch #4.68

Ja, die Frauen müssen heute keine Brüderle-Sprüche mehr über sich ergehen lassen, werden dafür aber eben vermehrt umgebracht.
Als Mann überlasse ich die Bewertung dieser Änderung natürlich großzügig den Frauen.

Antwort auf #4.64 von JeanLuc7


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sonneundmond #4.69

“die Meinungsfreiheit IST gefahrdet” Natürlich kann man nicht alles sagen. Wenn sie Leute beleidigen, dann mussen sie mit den Konsequenzen rechnen. Wenn sie jemanden verleumden auch. Das ist doch selbstverständlich. Wenn sie zu Gewalt aufrufen mossen sie auch mit Konsequenzen rechnen. Wir haben ein Grundgesetz an das mussen sich alle halten auch Sie. Wo ist das Problem? Allerdings möchte die AFD Lehrern ja auch gerne einen Maulkorb erteilen, wenn die etwas sagen, was DENEN nicht passt. Wie stehen sie dazu?

Antwort auf #4.55 von jajaimmerdasgleichemiteuch


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jajaimmerdasgleichemiteuch #4.71

https://www.cicero.de/innenpolitik/kita-broschuere-rechtspopulismus-amadeu-antonio-stiftung-franziska-giffey

http://www.metropolico.org/2017/03/24/ver-di-checkliste-zum-ausspionieren-und-denunzieren/

Pardon, es war nicht IG Metall, sondern ver.di.
Antwort auf #4.65 von GOE101

[Beim "Lehrerpranger" geht es um Verstöße gegen das Neutralitätsgebot. Da man vermutet, die Schulleitungen gehen nicht konsequent genug gegen Lehrer vor, die dieses verletzen, halte ich eine Initiative die auf Mitarbeit der Schüler setzt für nicht verkehrt.
"Maulkörbe erteilen" ist allein Ihre Interpretation und natürlich nicht die Intention der AfD.]


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PausD #4.74

Ohje, ohje. Wie wir in Bayern sagen:

Da sind Hopfen und Malz verloren.

Antwort auf #4.72 von jajaimmerdasgleichemiteuch


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Geistschreiber #8


"aber nur 39 Prozent der Ostdeutschen sind überzeugt, dass die Gerichte unabhängig urteilen."

Auf welcher Basis entsteht so eine Überzeugung? Gefühlte Wahrheit?


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Compatito #8.2


Wenn ich meine GEZ Gebühren nicht zahlen will, weil ich nicht einsehe, dass ein großer Teil der Einnahmen für überhöhte Pensionen der ehemaligen Mitarbeiter verwendet wird und der andere Teil für ein Programm, welches mich nicht anspricht, dann kann es mir mit großer Wahrscheinlichkeit passieren, dass ich dafür ins Gefängnis gehe! Wenn aber ein Intensivtäter mehr als hundert Straftaten verübt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dieser noch am selben Tag wieder freigelassen wird und wieder seiner "Arbeit" nachgehen kann.

Antwort auf #8 von Geistschreiber


Quote
Geistschreiber #8.7


"Wenn ich meine GEZ Gebühren nicht zahlen will, "

Und ich will nicht fürs Falschparken zahlen. Ich will im Laden nicht für Waren zahlen und sie einfach mitnehmen. Ich will auch keine Steuern zahlen...Sie verstehen?

Ihre Ausführungen haben 0 damit zu tun, ob die deutschen Gerichte unabhänig urteilen oder nicht. Wenn Sie nicht wissen, warum und unter welchen Voraussetzungen bestimmte Entscheidungen getroffen werden, machen Sie sich schlau oder seien Sie nicht so schnell mit Ihren Beurteilungen.

Krasse Einzelfälle gibt es immer, aber der Gesamtheit der deutschen Gerichtsbarkeit die unabhängige Urteilsfindung abzusprechen ist mMn bezeichnend für bestehende Unkenntnis der Materie.


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Frank-Werner #8.10

Wenn ich meine GEZ Gebühren nicht zahlen will, (...)

Dann treten Sie in eine Partei ein und bringen Ihr Anliegen vor.
Wenn Sie es erreichen, für Ihr Vorhaben (Abschaffung des ÖR-Rundfunks) bei Wahlen eine entsprechende Mehrheit zu erreichen, so wird dies geschehen.
Bis zu diesem Zeitpunkt jedoch bestehen die demokratisch legitimierten Gesetze / Regelungen zur Finanzierung des ÖR fort.

[Falls Sie auf schärfere Gerichtsurteile aus sein sollten: Gerichtsurteile werden auf der Grundlage von Gesetzen gefällt, welche wiederrum demokratisch legitimiert beschlossen werden. ...]


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Bernardo Soares #9


Alles sehr subjektiver Blödsinn. Wenn man die Leute im Osten fragen würde, welches politische System sie denn für besser halten oder warum so viele glauben, dass die Gerichte nicht unabhängig urteilen, würde wahrscheinlich nur noch heiße Luft kommen. Als Ossi kann ich mal wieder nur sagen: die Leute projizieren ihre Probleme halt in irrationale Ansichten. Irgendwer muss eben Schuld an den Verhältnissen haben und da die Sozialisten nicht mehr an der Macht sind, muss wer anderes dafür herhalten. Dass wird auch in Zukunft so bleiben, weil die Bevölkerung im Osten weiter schrumpfen wird und die neuen Bundesländer weiterhin keine große Wirtschaftskraft anziehen werden.

Die Ansichten spiegeln sich dann natürlich auch mit der Ignoranz gegenüber fanatischen Rechten wie Kalbitz und Höcke, die als Spitzenkandidaten mit ihrer Partei jeweils stärkste Kraft werden könnten. Regieren werden sie natürlich nicht, aber es zeigt trotzdem, dass die Spaltung in Deutschland nicht nur in der Migrationsfrage besteht, sondern seit der Wiedervereinigung und bis heute sehr tiefe Gräben zwischen Ost und West bestehen.


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Super-Migrant #11

Ost- und Westdeutsche sind grundverschieden. Als nicht-weißer Migrant - also jemand der allein durch seine Optik auffällt - habe ich schon die ein oder andere "meinungsfreie" Äußerung mitbekommen. Ich wurde vor ein paar Jahren am Dresdner Hauptbahnhof wüst rassistisch beschimpft und als ich den Kerl zur Rede stellen wollte, hat mich ein Bundespolizist mit den Worten "Lass Stecken Freundchen" hinauskomplimentiert.

Es ist auch kein Wunder, dass viele Ostdeutsche ihre Umgebung satthaben und in den Westen gegangen sind. Gewisse weltoffene Gesinnungen sind dort leider nach wie vor nicht gewünscht. Das bestätigen mir Ostdeutsche und einige meiner Kumpels, die sich dorthin zum Studieren verirrt haben. Zwei (1x Türke, 1x Tunesier) werden eigentlich regelmäßig auf der Straße rassistisch beschimpft. Kein schöner Anblick, wenn die Mutter zu Besuch ist man beim Vorbeialaufen an einer fragwürdigen Gestalt mit Affengeräuschen begrüßt wird.

Die Brüder auf der anderen Seite wurden jahrelang vom Westen gepampert, Zeit das diese mal etwas zurückgeben!


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Nemo Nolan #13

Muss es eigentlich immer diese Ost/West-Einteilung sein? Vielleicht wären andere Unterscheidungsmerkmale (z. B. Mieter/Eigenheimbesitzer; selbständig/angestellt; Gewerkschaftsmitglied/Nichtmitglied etc.) ganz interessant.


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WieselDiesel #22

... Die Ostdeutschen wollten Sozialismus und Westgeld. Das Westgeld haben sie bekommen und den Sozialismus für Banken gibt es ja auch schon.


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Dr.Gott #25

Statt Ossi-Bashing sollte man eventuell erst mal den Sinnzusammenhang betrachten. Die ostdeutschen Bundesländer sind niemals wirklich integriert und auf den Standard westdeutscher Länder angeglichen worden. Viele verloren nach der Wende den Arbeitsplatz und die Karriere, nicht nur Arbeiter, sondern auch alles vom Bauern bis zum Akademiker. Stellen Sie sich vor, die BRD kollabiert morgen. Der Staat ist weg, die daram verbundenen Strukturen auch. Und niemand holt Sie ab. Das ist den meisten Ostdeutschen mittlerweile mehr als klar geworden, der Frust oder gar Hass gegen die BRD kommt nicht von ungefähr. Man hat viele Menschen einfach vergessen. Wenn ich das als Wessi sage, kommt von anderen Wessis immer sofort das Apologetentum und das "Jaja.." Wenn ich mir dabei vorstelle, ich wäre Teil des Schicksals vieler Ostdeutscher - mir würde die Hutschnur hochgehen.

Dazu kommt, dass Menschen ohne Demokratieverständnis dann über Nacht aus einem Einparteiensystem in eine Demokratie geworfen werden, an die nur Westdeutsche gewöhnt waren. Das ist gewissermaßen ein Kulturschock. Der zudem mit hohen Erwartungen gepaart kam. Und weil diese nicht erfüllt wurden, wählt man heute halt rechtsextreme Parteien. Weil die Identität litt, das Soziale und allem voran das Vertrauen. Und wir verallgemeinern nur allzu gerne, indem "die" Sachsen dann halt Nazis sind, oder "die" Chemnitzer allesamt Menschenjäger.

Von beiden Seiten muss Einsicht und Annäherung geschehen. Nicht nur von den Ossis.


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prinzessin.leia #28


Kohl hat ihenen "blühende Landschaften" versprochen - erhalten haben sie eine Brache mit massenhafter Arbeitslosigkeit. Das soll sich jetzt im Bergbau wiederholen. Wie soll man da einen positiven Eindruck vom Wirtschaftssystem erhalten?

Und selbstverständlich ist "Herkunft" ein wichtiges Thema, nachdem man nach der Wende sich für seine Ossi-Herkunft und -Mentalität rechtfertigen mußte. #1 ist ein ganz typisches Beispiel dafür ("Da frage ich mich, wofür die Ostdeutschen 1989 auf die Straße gegangen sind. War es die Freiheit? Wenn ja. Für welche Art der Freiheit? Oder waren es doch eher materielle Dinge wie Bananen und Schokolade?") und zeigt, dass das Bashing bis heute andauert.


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cdurban #31

Es war 1990, da saß ich als irrelevanter Lokalreporter einem Vortrag von Frau Elisabeth Noelle-Neumann vor Burschenschaftern bei. Grauenhaft. Bereits damals hat Noelle-Neumann ausschließlich Wert darauf gelegt, in ihren Umfragen die eigenen Vorurteile gegen Ostdeutsche und -land zu belegen: Ossis sind demokratieunfähig, passiv, obrigkeitsgläubig, usw., das ganze Programm. Die Krönung bildete dann Neumanns Konklusion: Die Ossis müssen umerzogen werden. Kein Witz, leider. Als ob die DDR-Bürger nicht gerade eine Diltatur gestürzt hätten gerade auch um die elende Bevormundung zu beenden! Das Publikum aber fand's super - waren ja auch alles Wessis.

Es wird Zeit, die besondere Geschichte Ostdeutschlands als Ressource zu begreifen und nicht als Makel, der irgendwie überwunden werden muss. Fangen wir zum Beispiel bei der kritischen Distanz zu allen / allem an, was Macht im Lande hat. Ossis lassen sich nach wie vor viel weniger leicht von Politikergedöns einlullen, als Wessis. Das ist natürlich ein Problem für die "etablierten" Parteien, aber eben nur deshalb, weil sie glauben, dieses Problem könne durch eine Umerziehung der Ossis gelöst werden, und nicht etwa durch eine bessere Politik. Noelle-Neumann - Gott hab' sie seelig - lässt freundlich grüßen.


Quote
BCO #31.2

"Ossis lassen sich nach wie vor viel weniger leicht von Politikergedöns einlullen, als Wessis."

Kohl (im Grab) und die AfD-Spitze bekommen bei solch einer Aussage sicherlich einen heftigen Lachanfall.


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Tessa im Boot #32


2014 waren 82 % der Ostdeutschen für die Demokratie (West 90 %)
http://www.bpb.de/nachschlagen/datenreport-2018/politische-und-gesellschaftliche-partizipation/278503/akzeptanz-der-demokratie-als-staatsform


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Hugo Henner #36

Die Allensbach-Umfrage sollte nur um einen Punkt erweitert werden: das Verhalten von Deutschland gegenüber Russland.
Diesbezüglich liegen sicherlich Welten zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen mit entsprechenden Auswirkungen auf viele andere Problemzonen im Verhältnis von Bürger zu Staat.


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vincentvision #52

Die Nachwehen der ostdeutschen Diktatur zeigen sich eben immer noch.

Es natürlich ist zu kurz gegriffen, die statistisch höhere Quote an Demokratie- UND Fremdenfeindlichkeit einfach nur "den Ostdeutschen" zuzuschieben - damit macht man denselben pauschalen Fehler wie die, die oft gegen „die Muslime“ sind...

Aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass die Auswirkungen des DDR-Systems immer noch einen zu langen Schatten werfen.

Denn üblicherweise werden Menschen in Diktaturen auf schnelle, autoritäre Lösungen konditioniert.

Eine Debattenkultur, die Vermittlung, dass demokratische Entscheidungen immer kompromissbehaftete, oft unbefriedigende Prozesse sind und eine Förderung der Vielfalt und des Individuums finden nicht statt.

Zudem entstand durch die deutsche Wende ein hohes Maß an gebrochenen Biografien und bis heute ein verunsichertes Misstrauen gegenüber politischen Prozessen und Institutionen und Aussagen.

Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass diese Einflüsse über mehrere Generationen weitergegeben werden können.

Zusammengenommen kann dies schon Auswirkungen haben, die die Reaktionen in manchen ostdeutschen Provinzen erklären helfen und dazu führen, dass dort alles Fremde, die Politik und die Medien mit dermaßen roher Dynamik abgelehnt werden.

Und dass demokratiefeindliche Parteien wie die AfD ein leichteres Spiel haben.


Quote
Buonista verde #52.1

Das lässt ja dann für die Integration von Millionen Migranten aus autoritären Staaten, Diktaturen oder fundamental-religiösen millieus Afrikas und Arabiens nichts Gutes erahnen in Zukunft.

Komisch dass sie die soziologischen Mechanismen anscheinend so gut kennen, sie die aber für diese Gruppen in ihren Open-Border Kommentaren geflissentlich auszublenden vermögen.


Quote
vincentvision #52.3

@ Buonista verde

„Das lässt ja dann für die Integration von Millionen Migranten aus autoritären Staaten, Diktaturen oder fundamental-religiösen millieus Afrikas und Arabiens nichts Gutes erahnen in Zukunft.“

Weil es eben keine „Millionen“ waren und hoffentlich nicht sein werden.

Das will keiner. Aber dass ihr Rechten immer mit den üblichen Katastrophenszenarien, mit fremdenängstlichen Übertreibungen und Schüren von Ängsten vorm schwarzen Mann glaubt, punkten zu können, macht die Diskussion nicht leichter.

Und erschwert zudem pragmatische Lösungen.


Quote
Buonista verde #52.4


Jetzt leugnen sie schon die Zahlen, sehr schade.


Quote
vincentvision #52.5

@ Wolkenschaf: „Was würde nach Ihrer Meinung passieren, kämen weitere Millionen Menschen aus Diktaturen nach Deutschland?“

Die Frage stellt sich nicht, weil sie rein hypothetischer Natur ist.
Tun Sie also bitte nicht so, als ob Deutschland morgen von Horden radikalisierter Antidemokraten überrannt würde.

Aber abgesehen davon sehe ich schon einen Unterschied darin, ob theoretisch junge, verzweifelte Menschen auf der Suche nach Lebensperspektiven immigrieren - oder ob man sich mit einem älteren, frustrierten und demokratieskeptischen Rest im Land herumstreiten muss.


Quote
Inoagent #57

Das Problem bei vielen meiner "Landsleute" ist, dass sie glauben, Demokratie würde bedeuten, dass eine Mehrheit des "Volkes" losgelöst von allen Beschränkungen ihren Willen durch eine übermächtige Regierung durchgesetzt bekommt. Darum finden viele Ostdeutsche auch das System Putins so attraktiv. Der einzelne muss sich gar nicht um Politik kümmern, weil eine rechtschaffene übergeordnete Macht sowieso bestimmt und tut, was für das "Volk" richtig ist. Rechte von Minderheiten oder Religionen sind eher nervig. So entsteht dann angesichts des Parteiengerangels im Bundestag bei vielen der Eindruck, es fehle ein souveräner Staatsmann, der mal auf den Tisch haut. Und da setzt die AfD an und verspricht eine nationalistische und klar an autochthon deutsche Bürger addressierte Politik, bei der das Kollektiv " Volk" über allem steht.


Quote
Neapolitanische Nächte #56

In Westdeutschland meinten 48 Prozent der Befragten, es gebe kein besseres System als die Marktwirtschaft.

Diese 48 % an Westdeutschen sind die demokratiefeindlichste Gruppe überhaupt. Denn sie gehen offenbar irrtümlicherweise davon aus, dass diese kapitalistische Gesellschaftordnung, in der wir leben, vernünftig und gerecht wäre, weshalb sie jeden Fortschrittsglauben aufgegeben und sich in jener wohligen Gewohnheit eingerichtet haben, auf denen verbrämte Pfarrerstöchter wie Merkel und May ihr Regime der Alternativlosigkeit aufbauen. Diese Leute, bei denen schon Nietzsches letzter Mensch über die Schulter gafft, während sie sich der Banalität des konsumgesellschaftlichen Alltags hingeben und nur noch gehorchen wollen, sollten mal genauer hinschauen auf diese schreckliche Harmonie zwischen Freiheit und Unterdrückung (Niedriglohnbereich, Hartz IV), Produktivität und Destruktivität (Klimawandel), Wachstum und Regression (rechte Bewegungen, Abschottung), die das von ihnen präferierte System kennzeichnet. Weil Vernunft ja auch dazu dient, Dinge infrage zu stellen und zu sagen: nein, das, was ist, kann nicht wahr sein.


Quote
Buonista verde #56.2

Klasse Kommentar, danke dafür! - Ja, in der Tat sind unter diesen 48% viele Antidemokraten zu verorten, die mangels Bildung oder Einsicht den Widerspruch zwischen dereguliertem Kapitalismus und Demokratie nicht erkennen. ...


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raengtengteng #62

Mir kommen hierzu spontan zwei Gedanken/Thesen:
- Vielleicht ist die BRD schlichtweg nicht so erfolgreich Menschen fair und gut in das System zu integrieren. Zu sehr werden "andere/neue" benachteiligt. Dann sind auch Effekte wahrscheinlicher, die z.B. die "ursprüngliche Herkunft" als besonders wichtig empfunden wird.(Das lässt sich auch wissenschaftlich ganz gut zeigen) Das kennen wir ja auch bei klassischen Migraten (z.B. türkischstämmmigen).
- Zum Thema willkommenheißen der Neuen: Wie Seradar Somunco es so schön provokativ sagte: "Scheiß Ossis kommen nach Deutschland und nehmen uns Türken die Arbeitsplätze weg" (IRONIE UND STARIRE!!!) Immer wieder sind es Abgrenzungen und imaginierte (Eigen-und Fremdgruppen) die uns allen das Leben schwer machen. Ach wie schön wäre ein WIR statt wir gegen DIE.



...

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« Reply #20 on: February 02, 2019, 02:55:34 PM »
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[...] "Ich bin Jahrgang 1975, habe die DDR, die Wendezeit, zwei Systeme, zwei Schulsysteme, zwei Kulturen miterlebt. Unsere Generation hat so viel zu erzählen, und keiner fragt uns. Zumindest nicht im Westen, in dem ich seit 1992 lebe. Als die Mauer fiel, war ich in der achten Klasse. Alles brach zusammen, Chaos, alles war aufregend. Die Ernüchterung folgte aber schnell. Die Nachwendezeit war schwierig. Wir Jugendlichen fühlten uns komplett alleingelassen. Wir hatten irgendwie nur uns. Unsere Eltern waren mit sich beschäftigt (Wo finde ich Arbeit? Wie bekomme ich den Kühlschrank voll?). Unsere Lehrer waren in ihrer individuellen Vergangenheitsaufarbeitung gefangen. Toll. Da sitzt du als Jugendlicher in Westmecklenburg fest, wo nichts los ist. Hohe Arbeitslosigkeit, existenzielle finanzielle Probleme, Alkoholmissbrauch, Zukunftsangst. Das war für uns der mentale Super-GAU.

Juli 1992, letzter Schultag und mit wehenden Fahnen in den Westen. Ich habe dann den Osten verlassen. Von einem kleinen Dorf in die Metropole. Die totale Reizüberflutung, neues System, andere Kultur, anderes Leben. Dann Handelsschule, Berufsausbildung. Unsere Eltern haben das nie verkraftet. Sie hatten so viele Sorgen und Ängste in dieser Zeit. Und dann hauen auch noch die Kinder in Scharen ab. Da ging ein Riss durch viele Familien. Viel Neid und Hässlichkeiten. Auch darüber spricht bis heute niemand. Als ich dann 1995 meine Berufsausbildung angefangen habe, begriff ich sehr schnell: Oute dich nicht als Ossi! Einige unserer Vorgänger hatten wohl für einen gewissen Ruf gesorgt. Aber ich bin meinen Weg gegangen. Ich lebe heute immer noch im Westen. Meine Entscheidung war für mich richtig. Aber ich habe mich vom Osten entlebt. Und mir geht es gut dabei. Ich glaube, viele Biografien ähneln meiner. Die Neunziger waren die geilste Zeit meines Lebens. Ich möchte nichts missen, ich habe so viel gelernt. Ich würde alles wieder so machen."

Andreas Grunberg, 43, stammt aus Mecklenburg. Er lebt in Hamburg und arbeitet im Marketing

"Erwachsene Ostdeutsche ab 40 haben eine zweigeteilte Biografie. Das macht sie einzigartig. Beide meiner Elternteile sind Akademiker. Hätte es die Wende nicht gegeben, ich hätte schlechte Voraussetzungen gehabt, im Arbeiter-und-Bauern-Staat in den Genuss höchster Bildung zu kommen. Die identitätsstiftenden Assoziationen mit der eigenen ostdeutschen Vergangenheit gliedern sich bei mir in drei Hauptkategorien: Stolz, Dankbarkeit und Unverständnis. Stolz auf meine Herkunft: Halle-Neustadt. Stolz zu sein auf die eigene Herkunft, das liest man von anderen Autoren, die sich mit ihrer ostdeutschen Herkunft auseinandersetzen, erstaunlich selten. Ich habe meine ostdeutsche Herkunft nie verheimlicht, nie versteckt – im Gegenteil, ich gehe damit sehr offensiv um. Meine Heimat ist und bleibt Mitteldeutschland – auch wenn ich schon seit 13 Jahren in Frankfurt am Main wohne und davor eine Zeit lang in Wien studiert sowie in Singapur, München und Düsseldorf gelebt und gearbeitet habe.
Die ostdeutsche Herkunft zu erwähnen, das sorgte in einigen wenigen Situationen für Ablehnung. In den allermeisten Fällen, und interessanterweise im Ausland ausschließlich, entwickeln sich daraus aber sehr interessante Gespräche. Regelrechte Verbrüderungen erlebe ich regelmäßig, wenn ich in den Ländern des Ostblocks unterwegs bin. Die Geschichte und auch die Mentalität eines Polen, Slowaken oder Ungarn ist der eines Ostdeutschen eben doch sehr ähnlich. Wer die Menschen dieser Länder verstehen will, sollte mit dem Osten des eigenen Landes beginnen (oder umgekehrt). Neben dem Stolz auf meine ostdeutsche Herkunft empfinde ich Dankbarkeit – für die sich mir eröffnenden Möglichkeiten, die sich mit Sicherheit ohne eine politische Wende in der DDR nicht ergeben hätten. Und zwischen Stolz und Dankbarkeit mischt sich in meiner Gefühlswelt aber zunehmend auch Unverständnis über die Ignoranz, mit der einer 40-jährigen Geschichte eines Teils der Republik begegnet wird."

Tobias Volk lebt in Frankfurt/Main und arbeitet bei der Bundesbank. Er stammt aus Halle/Saale

Quote
"Vor etwas mehr als 16 Jahren bin ich von Greifswald nach Berlin gezogen. Mein damals 42-jähriges Leben hatte ich in dieser Stadt verbracht. Und alles Mögliche aus beiden Systemen kennengelernt. Ich fahre ungerne 'nach Hause', nach Greifswald. Es ist mir eigentlich etwas unverständlich, aber ich habe eine regelrechte Aversion, in die alte Heimat zurückzukommen. Wenn mich jemand fragt, behaupte ich immer, die Stadt ist mir zu klein geworden. Aber ich habe auch das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Die Stadt ist sehr hübsch geworden, bunt, niedlich und grün. Aber ich gehöre dort nicht mehr hin."

Andrea Schulteisz, 60, lebt als Buchhalterin in Berlin

"Ja, der goldene Westen lockte schon. Aber nicht jeder konnte gehen. Als meine Vorgesetzte bei einer Besuchsreise gleich im Westen blieb, wurde ich Chefin einer kleinen Sparkassen-Geschäftsstelle. Da hatte ich voll zu tun. An Auswandern war nicht zu denken. Mein Haus, meine Eltern hätte ich nie verlassen. Also habe ich meinen Weg hier im Osten bestritten. Die Währungsumstellung war für uns in der Sparkasse die größte Herausforderung. 14 Stunden am Tag haben wir Frauen gearbeitet. Wir wollten schon Campingbetten aufstellen. Nach der Währungsumstellung ging es weiter: Weiterbildungen, Weiterbildungen, Weiterbildungen. Wichtig war es, die Kunden zu behalten. Auf einmal waren jetzt ja noch andere Banken da. So begann für mich ein Weg mit einem Studium nach dem anderen. Jetzt bin ich Sparkassenbetriebswirtin. Arbeite jedoch nicht mehr in meinem Beruf. Ja, wir Dagebliebenen mussten einen hohen Preis bezahlen. Die Wege der Ost-Frauen sind so unterschiedlich."

Sibylle Hörtz, 57, lebt als Autorin in Stralsund



Aus: "Wir da drüben" (2. Februar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/06/ost-west-wanderung-persoenliche-geschichten

Quote
Unterlinner #4

„Und zwischen Stolz und Dankbarkeit mischt sich in meiner Gefühlswelt aber zunehmend auch Unverständnis über die Ignoranz, mit der einer 40-jährigen Geschichte eines Teils der Republik begegnet wird.“

Geht mir genauso.

Wieviele der Ostdeutschen interessieren sich dafür, wie die BRD zu dem Staat wurde, der er 1990 war?

Spiegelaffäre, Fritz Bauer, 68‘er, Wyhl [AKW-Widerstandes am Kaiserstuhl], heißer Herbst, NATO-Doppelbeschluß, Brockdorff usw.


Quote
unabhängiger beobachter #5

Der Westen lockte und lockt mit Jobs und besserer Bezahlung. 30% Unterschied nach nunmehr 30 Jahren 'Wiedervereinigung' ist immer noch schwer erträglich!


...

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« Reply #21 on: February 12, 2019, 04:51:59 PM »
Quote
[...] Der Osten steckt schon längst im Wahlkampf. Auch wenn es nur drei Bundesländer sind, die in diesem Jahr neue Regierungen wählen. Und in allen dreien droht die AfD mit hohen Wahlergebnissen zu punkten. Logisch, dass der Wahlkampf auch die Bundesebene erreicht und dass die SPD nach Jahren der Stille wieder Vorschläge für die Niedriglöhner und Armutsrentner im Osten macht. Auf die ausgerechnet der Ostbeauftragte der Bundesregierung mit dem Vorwurf der Jammerei reagierte. Dafür bekam er jetzt einen Offenen Brief von Martin Dulig.

„Die SPD hat den falschen Ansatz“, erklärte der Christdemokrat und Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie Christian Hirte, der aus Thüringen stammt und deshalb auch die Funktion des Ostbeauftragten der Bundesregierung bekleidet, in der „Thüringer Allgemeinen“. „Es hilft nicht, nur herumzujammern, dass die Ostdeutschen zu kurz gekommen sind und deshalb mehr Geld verteilt werden muss.“

Und er legte noch einen drauf, der dann aber ganz schlecht ankam: „Die Larmoyanz, welche die SPD vor sich herträgt, bestätigt nur das falsche Image des Jammerossis und schadet uns als attraktiver Standort im Wettbewerb der Regionen.“

Schon am 7. Februar hatte er im Interview mit der LVZ ganz ähnliche Töne von sich gegeben. Die hatte provozierend gefragt: „Ein letztes Feld des Unbehagens ist das mentale. Plötzlich stehen ‚Besserwessis‘ und ‚Jammerossis‘ wieder gegeneinander. Wie erklären Sie sich das?“

„In der Tat, die Debatte war völlig weg, bis sie jetzt auf einmal wieder hochkam – besonders ausgelöst durch die AfD“, meinte Hirte. „Dass dabei auch unser Koalitionspartner in den Jammer-Duktus einfällt, kann ich politisch nicht nachvollziehen. Wir haben mehr Anlass, mit Stolz auf das Erreichte und mit Optimismus in die Zukunft zu blicken, als auf die Dinge zu schauen, die eben nicht hervorragend funktioniert haben.“

So habe es zwar „politische und wirtschaftliche Unfälle auf dem Weg nach 1990, gerade wenn man sich die Treuhand anschaut“ gegeben, räumte Hirte ein. Gesamt habe man jedoch eine tolle Entwicklung gehabt und jeder „der rumjammert, der soll sich mal in Osteuropa umsehen“. Um noch nachzuschieben, wie es denn gekommen wäre, wenn es keinen Mauerfall oder die Einheit gegeben hätte. Ein Totschlagargument, mit welchem nun seit Jahren jede differenzierte Diskussion über die ökonomische Sonderstellung in Ostdeutschland vor allem seitens der CDU abgebügelt wurde. Eines, welches zudem niemand anführt, wenn es um die Zeit eben nach 1990 geht.

Auf die Aussagen in der „Thüringer Allgemeinen“ reagierte am Sonntag, 10. Februar, Martin Dulig, der sächsische SPD-Vorsitzende, schon mit einer geharnischten Kritik. „Die Aussagen von Christian Hirte offenbaren fehlendes Wissen und eine fehlende Haltung gegenüber den Lebensleistungen und die Lebenssituation der Menschen in Ostdeutschland. Dass Hirte das alte Klischee des ‚Jammer-Ossis‘ bedient, ist seiner Funktion als Ostbeauftragter der Bundesregierung unwürdig. Er zielt auf die SPD, trifft aber die Würde aller Menschen, die hier leben. Das werde ich nicht zulassen“, sagte Dulig, der seinerseits in der SPD der Sprecher für den Osten ist.

„Herr Hirte nennt es ‚herumjammern‘, wenn man eine Grundrente für jene fordert, die gerade im Osten ihr Leben lang gearbeitet haben und dennoch genauso in der Grundsicherung landen würden wie die, die nicht gearbeitet haben. Diese Einschätzung halte ich für falsch. Die Grundrente ist eine Anerkennung von Lebensleistung. Das hat etwas mit Respekt zu tun. Deshalb lehnen wir eine entwürdigende und bürokratische Bedürftigkeitsprüfung auch ab.“

Da hat Dulig sichtlich mehr Kontakt zu den arbeitsamen Ostdeutschen, die gerade im Niedriglohnland Sachsen wissen, was am Ende übrig bleibt, wenn man jahrelang in prekären Jobs beschäftigt ist. Christian Hirtes Worte klingen nach all den Motivationskursen, die man auch im Osten seit 1991 erleben konnte.

Kurse, die ihren Teilnehmern auch ein Leben in Wohlstand verhießen – wenn sie sich nur eben anstrengen und ranklotzen. Aber genau zwischen diesen Verheißungen (die auch in der Eigenwerbung der Landesregierungen noch immer dominieren) und der finanziell sehr knappen Realität vieler Ostdeutscher klafft eine große Lücke.

„Herr Hirte meint tatsächlich, es schade dem Standort Ostdeutschland, wenn man über Ungerechtigkeiten in der Nachwendezeit und ihre Folgen bis heute spricht. Ich kann verstehen, dass ein CDU-Politiker nicht gerne über die rücksichtslose Privatisierungspolitik der Treuhand und gebrochene Versprechen unter Helmut Kohl sprechen möchte. Aber ich glaube, wir müssen das tun, um die Herzen der Menschen für die Zukunft zu öffnen“, sagte Dulig.

Mehr noch wahrscheinlich. Die Geschichte der Deindustrialisierung durch DDR- und Nachwendezeit ist maßgeblicher Bestandteil der neueren ostdeutschen Geschichte. Die Folgen bekam Hirte anlässlich seines Besuches bei der IHK Leipzig von IHK-Präsident Christian Kirpal am 20. Juni 2018 noch einmal deutlich vor Augen geführt. Nur 10 Prozent aller Leipziger Unternehmen beschäftigen mehr als 10 Leute, so Kirpal, den Sprung auf das wirkliche Mittelstandsparkett schaffe man nur mit Förderungen von 2 bis 10 Millionen Euro. Höchste Zeit also eigentlich für ein echtes Mittelstands-Förderprogramm, dessen Nutznießer ortsansässige Firmen sein müssten.

Da hilft auch Hirtes Blick nach Bayern nichts, die angebliche Begründung für den Reichtum des südlichen Bundeslandes geht zudem gründlich an den Fakten vorbei. Es läge am „souveränen Auftritt“.

Was Dulig nun zur Replik nötigte: „Es ist außerdem bemerkenswert, wie wenig Ahnung Hirte von der Geschichte Bayerns hat: Bayerns wirtschaftlicher Aufstieg liegt nicht an einem ‚souveränen Auftritt‘, sondern daran, dass Firmen wie Siemens, die Allianz oder Agfa ihren Sitz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von Berlin nach München verlegten. Genau diese Firmenzentralen fehlen im Osten bis heute. Deswegen plädieren wir als Ost-SPD auch dafür, dass der Osten insgesamt eine größere Rolle spielt. Zu häufig herrscht in der Bundespolitik ein Westblick. Spezifische ostdeutsche Bedingungen und Bedürfnisse werden oft zu wenig mitgedacht.“

Ganz zu schweigen von den vielen gut ausgebildeten Mitarbeitern, die auch bayrische Firmen nach 1990 aus dem Osten ernten konnten, mindestens 700.000 waren es beim großen Braindrain nach der Wende.

Dulig empfahl Christian Hirte zudem, die kürzlich veröffentlichten Papiere der Ost-SPD zu lesen: „Natürlich sind neben der sozialen Frage die Themen von Innovation-, Forschung und Infrastruktur für Ostdeutschland zentral. Deswegen wundere ich mich, dass Hirte seiner CDU-Kollegin Karliczek nicht lauter widersprochen hat, als diese behauptete, man brauche 5G ‚nicht an jeder Milchkanne‘. Ich denke, Christian Hirte ist sich hier eigentlich mit der Ost-SPD einig: Wir brauchen im Gegenteil eine Versorgung bis in die kleinen Dörfer – also auch an jeder Milchkanne.“

Und dann hat er sich hingesetzt, und auch noch einen ganz persönlichen Brief an Christian Hirte geschrieben. Obs dabei hilft, dem „Ostbeauftragten“ der CDU den Osten jenseits der Titulierung als „Standort“ zu erklären?

Hier ist er: Offener Brief Martin Dulig an Ostbeauftragten Christian Hirte (Berlin/Dresden, 10.02.2019)
https://www.l-iz.de/wp-content/uploads/2019/02/190210-Offener-Brief-Martin-Dulig-an-Ostbeauftragten-Christian-Hirte.pdf


Aus: "Den Vorwurf Jammerossi will Martin Dulig dem Ostbeauftragten so nicht durchgehen lassen" Ralf Julke & Michael Freitag (11. Februar 2019)
Quelle: https://www.l-iz.de/politik/sachsen/2019/02/Den-Vorwurf-Jammerossi-will-Martin-Dulig-dem-Ostbeauftragten-so-nicht-durchgehen-lassen-258652


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[DDR (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #22 on: February 28, 2019, 12:32:27 PM »
Quote
[...] Nicht alles war in der DDR so einfach, wie sich scheiden zu lassen. Eine durchschnittliche Trennung erfolgte in der sozialistischen Republik innerhalb eines Monats, unkompliziert und kostengünstig. Vom Ehekonflikt und von den emotionalen Belastungen abgesehen, blieb das für Ostfrauen wirtschaftlich folgenloser als für Westfrauen. Sie sollten dem sozialistischen Ideal nach emanzipiert und unabhängig sein. Im Verlauf der knapp 40 Jahre DDR-Geschichte wurden sie das auch, mal staatlich verordnet, mal aus eigenem Antrieb – mit oder ohne Gatten.

Im Zuge meiner Forschungen habe ich unter anderem Juristinnen und Juristen aus Ost und West interviewt. Sie erinnern sich an die Verblüffung vieler ehemaliger DDR-Bürger, dass sie trotz der Trennung füreinander sorgen und miteinander verbunden sein sollten. Hatten sie sich nicht scheiden lassen, um genau das zu beenden? DDR-Familienrichterinnen wie Evelyn Tretschow* waren irritiert, dass Dinge wie nachehelicher Unterhalt – für die Frau! – plötzlich eine Rolle spielten. „Es gab ja kaum Hausfrauen. Die Eigenverantwortung war jedem klar.“ Rückblickend sagt sie, sie habe „wenig Einfühlvermögen für viele Westfrauen“ gehabt, „die hier rüberkamen“ und „flotte Locke Unterhalt geltend gemacht haben“. Für die Ostfrau sei klar gewesen, „die muss arbeiten gehen“. Der Westfrau habe sie entgegnet: „Du kannst dich hier nicht ausruhen.“

Das DDR-Scheidungsrecht folgte dem Emanzipationsgedanken im SED-Regime. Die Trennung beendete jegliche familienrechtliche Bindung, außer bezüglich der Kinder. Die geschiedenen Gatten sollten ihr Leben unabhängig voneinander führen und sich entsprechend eigenverantwortlich versorgen. Das klassische Versorgermodell – also die Regelungen des sogenannten Ehegattenunterhalts – gab es nicht. Dieses Konstrukt war Ostdeutschen fremd. Sozialistische Gerichte gewährten es nur in Ausnahmefällen.

Seit den 1970er Jahren erhielten vor allem Mütter mit Kleinkindern finanzielle Unterstützung vom Ex-Ehemann, wenn sie beispielsweise keinen Krippenplatz hatten und den Unterhalt nicht selbst bestreiten konnten. Insgesamt war Ehegattenunterhalt bis zum Ende der DDR zur Marginalie geworden und wurde nur noch in etwa drei Prozent der Scheidungsfälle zugesprochen.

Der Anwältin Marie Bergmann* und der Richterin Hanna Nordmann*, die beide in der Bonner Republik sozialisiert wurden, aber in beiden Teilen Deutschlands tätig waren, ist noch sehr präsent, wie selten ostdeutsche Frauen nach der Einheit nachehelichen Unterhalt beantragten. Sie seien erst gar nicht mit dieser Erwartung gekommen, während westdeutsche Mandantinnen massiv auf Alimente gedrängt hätten. Marie Bergmann sagt, der Versorgungsgedanke aus der Ehe heraus sei im Westen noch heute ausgeprägter als im Osten, wo „man für sich selber verantwortlich war“. Die 2008 in Kraft getretene Unterhaltsrechtsreform habe jedoch dazu geführt, dass „die gesamtdeutsche Wirklichkeit den Westen eingeholt“ habe.

Hanna Nordmann pflichtet ihr bei. Aus ihrer Sicht sei es für ostdeutsche Frauen normal, „immer ihr eigenes Geld“ zu haben. Sie wollten mit der Scheidung nicht nur unter die emotionalen, sondern auch unter die wirtschaftlichen Beziehungen einen Schlussstrich ziehen. Für viele ostdeutsche Frauen war es trotz der neuen Bedingungen nach 1990 keine Option, „nur“ Hausfrau zu sein, sich vom Ehemann versorgen zu lassen und nach der Scheidung finanziell an den Ex-Mann gebunden zu bleiben. Fast 30 Jahre nach der deutschen Einheit hat sich die Gesellschaft in Ost und West weiter verändert. Ein Blick in die Familiengerichts-Statistiken der Jahre 2012 und 2017 zeigt aber, dass die Frage des Ehegattenunterhalts im östlichen Bundesgebiet im Vergleich zum westlichen bis heute deutlich seltener, nämlich weiterhin nur halb so oft, relevant ist.

Die Gleichberechtigung war ein sozialistisches Ideal. Frauen sollten nicht nur Familienarbeit als Hausfrau und Mutter, sondern auch Erwerbsarbeit leisten – offiziell im Interesse ihrer Selbstverwirklichung. Jenseits dieser ideologischen Vorstellung veranlassten das SED-Regime auch praktische Nöte dazu, Frauen für die Arbeit zu gewinnen. Es versuchte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf also auch aufgrund des Arbeitskräftemangels in der DDR zu fördern. Insbesondere seit den 1970er Jahren setzte die Parteiführung auf zusätzliche Vergünstigungen für Mütter wie geringere wöchentliche Arbeitszeiten, den monatlichen Haushaltstag, finanzielle Unterstützung während des Studiums oder der Ausbildung oder das sogenannte Babyjahr. Zudem wurde das Kinderbetreuungsnetz ausgebaut, sodass 90 Prozent der Kinder 1989 einen Kindergarten besuchten. Die Frauenerwerbsquote lag bei etwa 80 Prozent. Die Doppelverdiener-Ehe wurde zum dominierenden Modell.

Das Postulat der Gleichberechtigung galt auch für die Ehe. Schon das Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau von 1950 trat dem tradierten Geschlechterbild des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) entgegen. Frauen durften demnach nicht daran gehindert werden, einen Beruf auszuüben, und sollten gleichberechtigt mit ihrem Ehemann über die eheliche Wohnung oder das Vermögen entscheiden. Nach dem Familiengesetzbuch von 1965 sollten explizit beide Ehepartner bei der Kindererziehung und Haushaltsführung mitwirken.

Trotz dieser „Emanzipation von oben“ trugen Frauen im Alltag die Doppelbelastung durch Vollzeiterwerb und Familie. Sie verrichteten weiterhin etwa 80 Prozent der Hausarbeit, der nur sekundäre Bedeutung zugemessen wurde. Viele Frauen arrangierten sich aber mit dieser Rolle und empfanden sich insgesamt als gleichberechtigt. Zusammen mit dem in der Familien- und Arbeitswelt stetig propagierten Slogan der Gleichberechtigung entstand eine Art „innerer Emanzipation“, die bis heute spürbar ist.

In der alten Bundesrepublik blieben Frauen häufig zu Hause oder arbeiteten in Teilzeit. Es dominierte das sogenannte Allein- oder Zuverdiener-Modell. Sie sollten ihren Lebensstandard auch nach einer Scheidung aufrechterhalten können. Entsprechend stellte nachehelicher Unterhalt bei westdeutschen Scheidungen einen gängigen Regelungsgegenstand dar. Im Zuge der deutschen Einheit 1990 trafen die gesellschaftlichen Prägungen der ostdeutschen Bevölkerung auf das bundesdeutsche Versorgerleitbild und seine familienrechtlichen Regelungen.

Den Versuch, Unterhalt geltend zu machen, unterließen ostdeutsche Eheleute oft, egal ob beide arbeiteten oder nicht. Es gab sogar eine ausgeprägte Neigung, darauf zu verzichten – selbst bei Not oder Berufs- und Erwerbsunfähigkeit. Wies eine Juristin oder ein Jurist auf die Tragweite eines solchen Verzichts hin, erklärten die scheidenden Eheleute bisweilen, sie beabsichtigten schließlich nicht, ihren Beruf aufzugeben.

Richterin Hanna Nordmann meint, die „Wende“ habe in den vergangenen Jahren auch im Westen einen Bewusstseinswandel befördert. Das Verständnis dafür, dass Frauen arbeiten und die Kinder in eine Krippe gehen könnten, sei gewachsen. Die Realität ist auch, dass das Familieneinkommen selten ausreicht, in der Regel müssen beide arbeiten, weil ein Gehalt nicht mehr genügt. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums werteten 2015 über 56 Prozent der West- und 77 Prozent der Ostdeutschen das System der Kinderbetreuung und die Frauenerwerbstätigkeit in der DDR als „positive Impulse für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und als Gleichstellungsgewinn für die gesamtdeutsche Gesellschaft.

Der Transfer zwischen West und Ost war keine Einbahnstraße. Beim Vereinigungsprozess wurden nicht lediglich westdeutsche Normen und Werte auf den Osten übertragen. Die innere Emanzipation der ostdeutschen Frauen überdauerte den Systemwechsel und seine umfangreichen Brüche. Bis heute wirkt sie in die vereinigte Gesellschaft hinein.

* Die Namen der Interviewten wurden geändert

Anja Schröter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Ihre Dissertation wurde unter dem Titel Ostdeutsche Ehen vor Gericht. Scheidungspraxis im Umbruch 1980 – 2000 veröffentlicht


Aus: "Wer braucht schon Kerle?" Anja Schröter (Ausgabe 04/2019 )
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wer-braucht-schon-kerle

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Grenzpunkt 0 | Community

Sehr guter Text, aber wer braucht solch eine Überschrift und welchem Denken entspringt diese?


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Magda | Community
@ Grenzpunkt 0

Da darf ich mal zustimmen. Vor allem haben die Frauen im Osten so nicht gedacht. Es gab einen sehr viel respektvolleren Umgang zwischen den Geschlechtern. Es gab durchaus Konflikte, aber die hatten mit Geld oder Versorgung weniger zu tun.

Das beste Lied aus jener Zeit stammt von der tragischen Gestalt Kurt Demmler mit seinen hervorragenden Liedern und Texten.

Lied für Maria: https://www.lyrix.at/t/kurt-demmler-dieses-lied-sing-ich-den-frauen-maria-e0b
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Kurt Demmler Dieses Lied sing ich den Frauen (Maria) Songtext

Künstler: Kurt Demmler
Titel:     Dieses Lied sing ich den Frauen (Maria)
Typ:     Liedertext

Dieses Lied sing' ich den Frauen
Die allein sind in den Nächten
Ihr Alleinsein nicht verdau'n
Und so gern bei ihm sein möchten
Dieses Lied sing ich Maria
Die schon auf der Penne alles ausprobierte
Und dann abging, denn sie kriegte etwas Kleines
Und der Vater von Maria
Und der des begonnen Kindes
Wollten nichts mehr von ihr wissen
Geh' Maria und verwind' es
Und Maria schluckte heftig
Und es lag ihr schwer im Magen
Und ihr Kindchen lag daneben
Und sie wollt 's nicht nur ertragen
Sie besorgte sich ein Zimmer
Schlug mit ihrer kleinen frommen Faust
Das Mutterschutzgesetz auf den Tisch
Bis sie 's bekommen
Und sie malte es auch selber
Wusste bald schon
Mit den Türen und Handwerkern umzugehen
Wenn sie knarren, muss man schmieren
Nach gesetzmäßigen Ablauf
Und wie man ihr sagte: "schmerzarm"
Schenkte sie 'nem Sohn das Leben
Der machte ihr das Herz warm
Klagte auf mehr Alimente
Denn das Söhnchen war ihr treuer
Zahlpflichtig ein Tanzmusiker
Der beschiss nämlich die Steuer
Später ging sie selbst verdienen
Lange stand es auf der Kippe
Arbeit gab es, wo sie suchte
Aber dort gab 's keine Krippe
Als sie eine Krippe hatte
War die Arbeit ihr nicht lieb
Doch was nicht war, wollt' man ihr machen
'S war ein Zulieferbetrieb
Abends ging sie noch zur Schule
Und das Abitur viel schwer
Ihre Augen kriegten Ringe
Und ihr Ringfinger blieb leer
Manchmal saß zwar ein dem Kinde
Fremder Mann am Tische früh
Doch 's war immer nur ein Onkel
Und ein Vati war es nie
Dann bekam sie noch ein Studium
Das man gerade reformierte
So dass sie es ein Jahr kürzer
Als vorher und nachher passierte
Und sie wurde Redakteurin
Einer guten Wochenzeitung
Kam, weil sie den Mund aufmachte
Gleich in die Gewerkschaftsleitung
Wurde Mitglied DFD, DSF
Na, und so weiter
Setzte sich nicht immer durch
Wurde doch Abteilungsleiter
Wurde mit dem Kollektiv
Sozialistische Brigade
Manchmal lag sie auch schief
Doch auch dafür stand sie g'rade
Elternbeirat war sie auch
Doch ihr Sohn war gut gelungen
Kürzlich hat sie nun dem Handel
'Nen Trabanten abgerungen
Und der fuhr die zwei in 'n Urlaub
Dort erholten sie sich sehr
An den Vater dachten beide
Angeblich schon längst nicht mehr
Heute Nacht sah ich Maria
Eine Frau von Mitte dreißig
Steh'n in einer Telefonzelle
Tränen sah ich und nun weiß ich,
Dass emanzipierte Frauen
Die uns ach so stark erscheinen
Noch Jahrzehnte lang und länger
Nachts um ihre Schwächen weinen


Eines ist allerdings auch wahr: Ich kannte viele Frauen, die ein Kind hatten, aber nie den Kindesvater heiraten wollten.


Quote
christina.m | Community

Das war schon eine interessante Zeit. Wenn man solche Dinge liest, stößt das schon zum Nachdenken an. Kann gut sein, dass früher wirklich einige Dinge besser waren. Nicht unbedingt alles, aber einiges bestimmt.


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moinmoin | Community

"Nicht alles war in der DDR so einfach, wie sich scheiden zu lassen."

Es war in der DDR einfach sich scheiden zu lassen - wie vieles andere auch, z.B. eine Arbeit zu finden, einen Krippen- oder Kindergartenplatz zu bekommen, Ausbildung, Beruf und Familie dank stattlicher Unterstützung unter einen Hut zu bekommen, mit der ganzen Familie Urlaub zu machen, als alleinerziehende Mutter wirtschaftlich unabhängig zu sein und nicht in unwürdige, armselige Verhältnisse "abzustürzen" wie in der BRD und um Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe ... betteln zu müpssen usw.

" Sie sollten dem sozialistischen Ideal nach emanzipiert und unabhängig sein."

Es wird Sie jetzt total überraschen Frau Dr. Schröter, aber ich kenne zig DDR-Frauen, einschließlich meiner Wenigkeit, die nicht SOLLTEN, sondern WOLLTEN und KONNTEN und DURFTEN - mit mehreren Kindern und mit und ohne (nicht erwerbstätigen, sondern studierenden) Kindesvater - und großzügige staatliche Unterstützung bekamen.

Und in der BRD habe ich das erste Mal Frauen kennen gelernt, die sagten: "Ich lass mir ein Kind machen, dann hab' ich ausgesorgt."


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moinmoin | Community


"Die Gleichberechtigung war ein sozialistisches Ideal."

Gleichberechtigung von Frauen war und ist seit Jahrhunderten ein Wunsch von Frauen. Sozialistische, insbesonders aber kommunistische Bewgungen haben maßgeblich und unter großen Opfern dazu beigetragen, dass in sozialistischen Ländern dieser Wunsch (mehr oder weniger, da abhängig von unterschiedlichen Faktoren) realisiert werden konnte.

"Frauen sollten nicht nur Familienarbeit als Hausfrau und Mutter, sondern auch Erwerbsarbeit leisten – offiziell im Interesse ihrer Selbstverwirklichung."

Ist es für Sie als Frau so schwer sich vorzustellen, dass Frauen Familienarbeit und Erwerbsarbeit leisten WOLLEN? Es bedeutet nicht nur ökonomische/finanzielle Unabhängigkeit, sondern auch ein gesundes Selbstwertgefühl, Stolz, Gemeinschaft, Erfolgserlebnisse, ein großes Stück Freiheit und und und!


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Regenwärmer | Community
@ moinmoin

Scheiden lassen war aber schon unangenehm, schließlich saß immer ein Schöffe, der aus der näheren Umgebung stammte, dabei.

Was den Unterhalt betrifft, das war irgendwie seelisch schon ein Bedürfnis. Hab weit über das 18. Lebensjahr der Kinder hinaus monatlich 550 DDR-Mark bezahlt. Das war einfach mein Wille. Obwohl es keine so genannte "Schuld" gab, wegen der wir uns scheiden ließen. Ich war "fremd" gegangen, was mit 22 nicht schwer war, weil man ja dauend mit selbstbewußten Frauen zu tun hatte. Sie war auch "fremd" gegangen, weil sie es einfach ausprobieren wollte. Es war wohl eine Art Befreiung undnatürlich Bestätigung..

Damals heiratete man ja früh. Mit 20. Das war normal. Es gab Ehekredit 5000 Mark. Wir bekamen sofort Wohnung. Und schliefen in der neuen Wohnung 4 Wochen nur auf Matratzen, die auf dem Boden lagen. Daß man uns beim Vögeln zusehen konnte war uns egal. Sexuell waren wir - im Gegensatz zu den Eltern -völlig unverklemmt.

Die Frauen zu DDR-Zeiten waren nicht "OHNE". Mann war auch öfter mal *Objekt der Begierde*. Es war auch schwer zu widerstehen, wenn sich eine Frau hinstellte und zu der eigenen Frau sagte: "Den will ich und den krieg ich auch!"

Später mit Ende 20 Anfang 30 - ich war damals junger NVA-Offizier in Schwerin - kam ich mal ins Lederwarenwerk. Hohohoho! Da wurde gepfiffen und gejohlt, als wir jungen Männer da hinein gingen.

Die Frauen waren einfach selbstbewußt und unabhängig. Wenn wir Männer über längere Zeit nicht zu Hause waren, dann arbeiten die Frauen im Haus eng miteinander zusammen. Kinder abholen, Schichtdienst, ins Bett bringen der Kinder, Schularbeiten, lernen und Nachhilfe für Kinder, da halfen sich alle gegenseitig. Der Zusammenhalt war sehr stark. Die Frauen halfen sich natürlich auch seelisch untereinander. Bei Liebeskummer, Streß bei der Arbeit...und und und. Wenn etwas nicht in Ordnung war, dnn bekam man schon mal von 2 oder 3 anderen Frauen die Leviten gelesen.

Wir hatten uns einen süßen kleinen Club geschaffen. Dort wurde gefeiert oder Hausversammlung gemacht. Meist mehr gefeiert :)

Nach der Wende waren einige Frauen doch sehr erstaunt, daß vertraute Dinge dann weg waren. Meine Tochter nervt mich heute noch, daß alle älteren Frauen "aus DDR-Zeiten" ganz etwas anderes erzählen, wenn ich von den sozialpolitischen Maßnahmen erzähle. Speziell Babyjahr und Thema Kinder. Irgendann hab ich sie gefragt:"Du, könnte e sein, daß sie nicht daran erinnert werden wollen, was sie verloren haben?"

Ab 1991 mußte ich dann ja Geld im Kapitalismus verdienen. Man hatte am Beginn jede Menge Ängste. Plötzlich war die Miete von 89 Mark auf 680 DM hochgeschnellt. Die 550 - jetzt DM -Alimente wollte ich auch nicht beenden. D.h. die fixen Kosten waren plötzlich enorm. Also ran an den Speck und Kohle machen. Was auch prima geklappt hat. Bestimmte Firmen haben uns noch während der Zeit als NVA-Offizier praktisch die Türen eingelaufen. Die wußten einfach, daß wir selbstständig und erfolgreich arbeiten konnten.Was auch geholfen hat, man kannte die leninschen Prinzipien des Wettbewerbs. (Hahahaaa!) Und wenn ich eines gelernt hab nach der Wende, die Wessis können sich daran - also an "ihrer Produktion" - total aufgeilen.

Zum Thema: Es ist enorm, was nach der Wende zerstört wurde. Man kann von einem Wende-Trauma reden. Besonders für Frauen. ( Franz Ruppert und Gerold Hüther sind da meine Buchfavoriten)

Nachsatz: Nach der Wende war ich mit meinen spritzigen jungen Leutnants ja auch logischerweise in Hamburg, in St. Pauli...warja ein Muss für Männer. Warum eigentlich?

Damals wurde mann da angesprochen, von süßen jungen Damen. Meine Jungs wollten mich absolut überreden, da mitzugehen. Ha! Das geht nicht bei mir. Mann braucht doch ein Gefühl, oder? Bin halt Ossi.

Bei meiner Arbeit hab ich dann mehrere Frauen aus dem Westen kennen gelernt. Deren Männer hier her gekommen waren, teilweise ehrlich zu helfen, teilweise einfach Karriere zu machen oder nur abzuzocken. Diese Frauen hatten echt Probleme hier im Osten normale zwischenmenschliche Kontakte zubekommen. Darum wurde ich ausgefragt von ihnen. Sie hatten einfach keinen Schimmer von der DDR und dem Drum und Dran. Sie hatten ein Schema das bestand aus:"Ihr Armen, ihr hattet ja nichts!" und "Stasi".


...

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« Reply #23 on: March 07, 2019, 09:38:09 AM »
Quote
[...] Sexuellen Missbrauch von Kindern gab es nicht in der DDR – nicht offiziell. Die Vorstellung, im selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaat könnten sich einige Arbeiter und Bauern an Schutzbefohlenen vergehen, war mit dem Anspruch des SED-Regimes nicht vereinbar, das moralisch überlegene Gesellschaftssystem zu sein. So heißt es in dem 1970 in der DDR publizierten Buch Gewalt- und Sexualdelikte: "In der DDR wurden im Ergebnis der gesellschaftlichen Umwälzungen die kapitalistische Ausbeutung als soziale Hauptursache der Kriminalität und damit auch die Gewalt- und Sexualdelikte beseitigt." 

Dabei konnten die Machthaber sehr wohl wissen, dass das Ausmaß des sexuellen Kindesmissbrauchs im Osten ähnlich hoch war wie im Westen, ergab eine Studie im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs im vergangenen Jahr. Doch um dies zu vertuschen, wurden Opfer nicht gehört, Kriminalstatistiken geheim gehalten und unzureichend geführt, Täter in den wenigsten Fällen verurteilt und, wenn überhaupt, nur milde bestraft. Die Folge war ein erzwungenes Schweigen. Es überlebte die DDR und geriet erst nach 2010 mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs unter dem Dach der Kirche in den Fokus der Forschung. 

Was die Studie von 2018 jedoch nur unzureichend erfasste, waren die individuellen Schicksale der Überlebenden. Das holt eine Fallstudie nun nach. Einer der Betroffenen ist Siegfried M. Er wurde von einem Erzieher im Kinderheim vergewaltigt. "Irgendwann", beschreibt M. in der Studie, "hat er von mir gelassen, hat sich angezogen und hat gesagt: 'Du brauchst keinem was zu erzählen, dir glaubt keiner was.' Und ist gegangen." Am Abend lagen zwei Tafeln Schokolade auf M.s Kopfkissen, ein Geschenk des Heimleiters. "Da wollte ich nur noch eines: Ich wollte weg. Weg aus diesem Heim, dass mit mir so was nicht wieder passiert. Ich hatte eine Heidenangst."

105 Anhörungen führten die Forscher um Beate Mitzscherlich von der Westsächsischen Hochschule Zwickau und Cornela Wustmann von der Technischen Universität Dresden durch, 34 Betroffene schilderten schriftlich ihre Erfahrungen.

Sexuellen Missbrauch, so ein Ergebnis der Fallstudie, gab es in allen Schichten und Berufsgruppen der DDR. Meist geschah er wie auch im Westen im Schutzraum der Familie. In der DDR habe die Familie jedoch den "ideologischen Auftrag des gesellschaftlichen Erziehungsgedankens" zu erfüllen gehabt, wie es in der Fallstudie heißt. Schließlich sollte in der Familie die "sozialistische Persönlichkeit" entwickelt werden, weshalb die Familie auch unter besonderer Beobachtung des allgegenwärtigen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) stand. Opfer sexuellen Missbrauchs hätten unter einer "hochgradigen Verschwiegenheitsverpflichtung" gestanden, heißt es in der Fallstudie. Sie konnten mit niemandem darüber reden, was es im sozialistischen Einparteienstaat nicht geben durfte.

Doch nicht nur im Schutzraum der Familie gab es sexuellen Missbrauch. Er kam, wie die Fallstudie ebenfalls erforscht, auch in den staatlichen Institutionen der Heimerziehung vor. Dort wurde Siegfried M. zum Opfer gemacht. Wie er hat auch Corinna Thalheim das Repressionssystem der DDR-Heimerziehung er- und überlebt. Sozial auffällige Kinder und Jugendliche sollten in den Jugendwerkhöfen der DDR zu "guten Sozialisten" umerzogen werden. Dazu war den Erziehern jedes Mittel recht. "Wir waren der Willkür unserer Erzieher schutzlos ausgeliefert", erinnert sich Thalheim bei der Vorstellung der Fallstudie. Physische und psychische Gewalt waren an der Tagesordnung. Zum sexuellen Missbrauch kam es, weil niemand den Erziehern Grenzen setzte.

Im Jahr 1984 wurde Thalheim wegen "Schulbummelei" den Eltern entzogen und in den Jugendwerkhof Lutherstadt Wittenberg eingewiesen. Dort begann, was die Forscher der Unabhängigen Kommission die "Eskalation der Heimkarriere" nennen. Wie viele der Zwangseingewiesenen versuchte sie, zu fliehen, andere begingen Selbstmord. Nach einem Fluchtversuch kam Corinna Thalheim im Jahr 1985 in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Der Jugendwerkhof war berüchtigt in der DDR. Beate Mitzscherlich von der Westsächsischen Hochschule Zwickau nennt Torgau das "Herz der Finsternis" im Heimsystem der DDR. Bis Ende der Achtzigerjahre wurden Kinder hier systematisch gebrochen. "Es war die organisierte Gewalt", sagt Corinna Thalheim heute. 

Heime wie Torgau sind allerdings kein Alleinstellungsmerkmal der DDR. Es gab sie auch im Westen. Auch dort kam es in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Heimerziehung und Kinderpsychiatrie zu sexuellem Missbrauch und systematischer Gewalt. Doch während im Westen im Zuge der 68er-Bewegung das Konzept der "schwarzen Pädagogik" ab den Siebzigerjahren zunehmend hinterfragt und Kinder durch unabhängige Kontrollinstanzen besser vor Willkür geschützt wurden, geschah dies in den Jugendwerkhöfen der DDR nicht. In Torgau wurden Kinder bis zum Mauerfall gequält. In anderen Heimen und Jugendwerkhöfen setzte erst die Wiedervereinigung den Repressalien ein Ende.

Danach spielte das Leid der Überlebenden viele Jahre keine Rolle. Viele Betroffene konnten und wollten ihre Geschichten nicht öffentlich machen. Hinzu kam ein spezifisches Institutionenmisstrauen: Weil die Umerziehung durch Missbrauch in der DDR staatlich gewünscht und organisiert war, haben viele Überlebende bis heute Hemmungen, sich an staatliche Organe zu wenden. "Man hat uns zu vertrauenslosen Menschen erzogen", resümiert Corinna Thalheim. Um anderen Überlebenden eine Stimme zu geben, engagiert sie sich seit einigen Jahren als Vorstandsvorsitzende der Betroffeneninitiative Missbrauch in DDR-Heimen. 

Einen Anspruch auf Entschädigung haben die meisten Überlebenden bis heute nicht. So gilt das Opferentschädigungsgesetz etwa nur für Missbrauchsfälle, die nach 1990 stattgefunden haben. Zwar können Betroffene aus einem Entschädigungsfonds des Familienministeriums Leistungen beziehen. Nur gilt der bislang lediglich für Überlebende des sexuellen Missbrauchs in Familien. Heimkinder wie Corinna Thalheim werden nicht berücksichtigt. Ein entsprechender Heimkinderfonds ist seit dem Jahr 2014 geschlossen.

Auch das von einigen Bundesländern initiierte Ergänzende Hilfesystem (EHS) für Betroffene sexuellen Missbrauchs in staatlichen Institutionen der DDR steht vielen Betroffenen nicht zur Verfügung. Zum einen sind die Antragsfristen abgelaufen. Zum anderen hat sich das Bundesland Sachsen-Anhalt gar nicht erst an der Finanzierung des EHS beteiligt. Corinna Thalheim ist empört und resigniert zugleich: "Wir sind auf uns allein gestellt."

Erschwerend komme das Wissen hinzu, dass die meisten Täter aufgrund der abgelaufenen Verjährungsfristen nicht mehr belangt werden können. Viele Täter leben heute als vermeintlich unbescholtene Bürger in Deutschland. Corinna Thalheim könnte einem von ihnen jeden Tag begegnen. Mit dieser Möglichkeit muss sie leben. Irgendwie. 


Aus: "DDR: "Wir waren der Willkür unserer Erzieher schutzlos ausgeliefert"" Raoul Löbbert (6. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-03/ddr-missbrauch-heime-familie-studie-sexuelle-gewalt/komplettansicht

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E.Moritz #7

... und dabei hatte man immer gedacht, in der DDR gehe es humaner zu als in der Katholischen Kirche. Wieder mal bestätigt, wie misslungen der Mensch erschaffen wurde.


Quote
mailo1 #12


Anderes System andere Art der Verschwiegenheit Grundproblem dort wie hier war und ist gleich. Aufarbeitung tut Not, ist aber schwer. Wie schnell ist ein Leben Zerstört weil jemand falsch beschuldigt wird, wie schnell ist ein Leben zerstört, weil keiner dem Betroffenen glaubt. Verschwiegenheit auch in der biederen Familie aus vielerlei Gründen. Das Thema ist ernst, traurig Aufarbeitung schwierig. Nur war es im Osten nicht schlimmer, diese Perversion zieht sich durch alle Gesellschaften und Schichten.


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« Reply #24 on: March 20, 2019, 03:25:53 PM »
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[...] Ines Geipel, auch Ines Schmidt (* 7. Juli 1960 in Dresden), ist eine ehemalige deutsche Leichtathletin und heute Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Sie betätigt sich als Schriftstellerin und Publizistin, besonders in der Aufarbeitung ihrer Erfahrungen als Opfer der DDR-Diktatur, vor allem des staatlich verordneten Dopings im DDR-Leistungssport. Als Themenfeld ergab sich in der DDR unterdrückte Literatur. Sie war maßgeblich daran beteiligt, die Schriftstellerin Inge Müller (1925–1966) bekannt zu machen. Zeitweise beschäftigte sie sich mit den Hintergründen von Massenmorden durch Einzeltäter.

... In ihrem 2019 veröffentlichten Buch Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass greift Geipel das für die DDR-Geschichte so signifikante Thema des Verschweigens aus der Sicht mehrerer Generationen auf. ... Ines Geipel „schreibt die Geschichte der DDR als ein Drama der jahrzehntelangen Schuldverdrängung“, in dem die zahlreichen Belege für antisemitische Übergriffe in den Schubläden der SED-Funktionäre verschwanden, während in der Spätphase des Regimes „die versprengte, linke Punk-Szene kriminalisiert und zerrieben, die grassierende Skinhead-Kultur aber ignoriert oder sogar geduldet wurde. Auffallend oft, so Geipel, waren Skins Kinder von Stasi-Mitarbeitern, die dann Straftaten der eigenen Söhne deckten.“ Geipel ermöglicht einen objektiven, fast mikroskopisch-genau anmutenden Blick auf die politischen und psychologischen Wirkkräfte, die die DDR-Gesellschaft formte. Die Sprachgewalt der Literaturprofessorin Geipel stellt den erhellenden Innenansichten zur DDR-Geschichte die Wucht der Anklage zur Seite, die einer Aufdeckungsschrift per se innewohnt.


Aus: "Ines Geipel" (19. März 2019)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ines_Geipel

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Was ist los im Osten? Die Frage stellen sich viele seit Pegida und hiesigen AfD-Erfolgen. Ines Geipel , 1960 in der DDR geboren und in einer Familie des bedrohlichen Schweigens aufgewachsen, Leistungssportlerin und 1989 Flüchtling, war bis vor kurzen Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe. Jetzt beschäftigt sie sich in ihrem neuen Buch „Umkämpfte Zone“ mit der Vergessenspolitik, die bis in die Eltern-Kind-Beziehung hin­ein unheilvoll wirkte. ...

[...] Jena/Berlin. Ines Geipel hat mit „Umkämpfte Zone – mein Bruder, der Osten und der Hass" ein sehr persönliches Buch geschrieben: Die einstige Spitzensportlerin und heutige Professorin und Schriftstellerin befasst sich mit ihrer Familiengeschichte – und sie zieht aus dem, was ihre Vorfahren in der Nazizeit und ihre Eltern in DDR-Zeiten getan, gelassen und verschwiegen haben, Rückschlüsse auf einiges, woran die Gesellschaft vor allem im Osten krankt. Anstoß für diesen Blick zurück gab die intensive Zeit, die Ines ­Geipel mit ihrem sechs Jahre jüngeren Bruder Robby verbrachte, als dieser Ende 2017 im Sterben lag.

Frau Geipel , die Großväter Nazis, deren Taten innerfamiliär immer verschwiegen wurden. Der Vater ein Stasimann, der heimlich im Westen zum Einsatz kam. Großmutter und Mutter sorgten dafür, dass der Nachwuchs nie die Wahrheit erfuhr. Wann haben Sie gespürt, dass das Ganze eine Lüge war?

Ines Geipel: Dass etwas nicht stimmt, nicht stimmen konnte, spürte ich schon als Kind. Das Schweigen, der Nebel, das Weggedrückte, die Gewalt. Aber wie dahinterkommen? Man läuft durch eine Zeit mit dem Gefühl: Hier ist so viel geschehen, aber es wird dir keiner sagen, was. Das war ein frühes Grundgefühl: Dass jeder von etwas anderem schwieg. In belasteten Familien existiert sicher noch einmal ein anderes Sanktuarium, sind die Mauern noch einmal dicker. Dabei geht es mir nicht um Vorwürfe, sondern um den Versuch, genau das zu verstehen: Was es so schwer macht, dafür eine Sprache zu finden.

Ihr Buch „Umkämpfte Zone“ geht der Frage nach, warum die Menschen im Osten so sind, wie sie sind. Dabei kommen Sie zu dem Ergebnis, dass vor allem das seit Jahrzehnten anhaltende Schweigen – sowohl in und nach der Nazizeit, als auch in und nach der SED-Diktatur – die Menschen verbogen hat. Wenn Ihnen vorgehalten wird, Ihre Familie sei nicht typisch, was entgegnen Sie dann?

Ines Geipel: Mir ist natürlich klar, dass es auch viele gute, fürsorgliche Familien gegeben hat. Grundsätzlich aber mussten alle Familien im Osten mit Druck, Zumutungen, Ängsten, hochkarätigen Konflikten, Unbesprechbarem klarkommen. Das ist wie eine Lebenshaut, die sich über alles und jeden gezogen hat und die auch etwas Unentrinnbares hatte. Man ist nur sehr verschieden damit umgegangen. Und darum geht es mir: Das Dilemma des Ostens über eine lange Zeitschiene und den generellen Druck anzuschauen. Sicherlich ist in meiner Familie das Ganze zugespitzt, aber ein Extrem legt doch auch immer das Prinzip frei. Etwas wird kenntlicher dadurch.

Warum lässt sich aus dieser persönlichen Betrachtung ein genereller Schluss ziehen?

Ines Geipel: Ich erzähle von den Belastungen in einer Familie, die weit zurückreichen. Es ging mir dabei um historische Kontinuitäten und um lang wirkende Familienloyalitäten. Ich schreibe ja ausdrücklich, dass es schwer ist, damit klar zu kommen. Oft genug ist es unmöglich. Ich wollte noch einmal deutlich machen, dass der Osten damit zu kämpfen hatte und noch immer hat, eben, weil sich vieles unaufgelöst ineinandergeschoben hat. Ich schreibe von historischen Umschreibungen im Osten nach 1945 und von denen nach 1989. Das geht dann eben weg vom Einzelnen und bekommt etwas Symptomatisches, auch wenn die Ausprägungen natürlich sehr unterschiedlich sein ­konnten.

Jana Hensel und Wolfgang Engler greifen in ihrem Buch „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ ein ähnliches Thema, aber mit anderer Zielrichtung auf. Hensel etwa spricht vom „ossiphobischen Blick“, wenn dem Osten sein Rechtsruck und seine latente Fremdenfeindlichkeit vorgehalten werden. Dieser Vorwurf der Ossiphobie könnte auch Sie treffen, oder?

Ines Geipel: Es gibt die unterschiedlichsten Ansätze. Aber die Phänomene sind ja nicht wegzublinzeln und belegt: 1. Jeder Zweite im Osten ist fremdenfeindlich. 2. Die Gewalt ist dreimal so hoch wie im Westen. 3. Jeder zweite Ostdeutsche will muslimische Zuwanderung untersagen. Es bringt doch nichts, das als Ossiphobie zu bezeichnen. Es sind Tatsachen. Sie tun weh und gehen auch nicht durch Entlastungsstrategien weg. Erst hatten wir die glückliche Einheitserzählung, grad finden wir es ganz angenehm, wenn all unsere Probleme mit der Einheit begonnen haben sollen. Wir haben aber, und das hat mit unserer speziellen Ostgeschichte zu tun, noch immer ein paar heiße Eisen im Eisschrank zu liegen, was nach mehr als einem halben Jahrhundert Diktaturgeschichte zwar nicht verwunderlich ist. Aber da werden wir wohl ranmüssen.

Ihr jüngerer Bruder, der Anfang 2018 so früh so schnell gestorben ist, hatte einen anderen Blick auf Familie und Geschichte als Sie. Steht er mit seiner Haltung auch für die Menschen, die vor allem ihre Ruhe haben wollen und die Vergangenheit verklären?

Ines Geipel: Verklärung, Entlastung oder auch Verdrängung sind ja nicht per se schlecht. Sie werden nur dann schwierig, wenn sie anfangen, einen zu blockieren. Mein Buch verzahnt Familiengeschichte und Zeitgeschichte. Da kann es nicht darum gehen: Der eine hat es richtig gemacht, der andere nicht. Ich liebe meinen Bruder. Das werde ich immer tun. Ich wollte anschauen, was mit dem Einzelnen ist, was er versucht oder eben nicht hinkriegt. Mein Bruder hatte zwei SS-Altväter und einen Vater als Terroragent. Also auf welches Männermodell konnte er zurückgreifen? Was war seine Orientierung? Nein, mein Bruder wollte keine Ruhe. Er hat in einem fort gesucht. Er war einer der sanftesten Männer und Menschen überhaupt. Aber was kann das Sanfte sein mitten im Terror? Wie findet man seinen eigenen inneren Ort? Das hat mich interessiert.

Was genau hatte Sie und Ihren Bruder entzweit, so dass sie sich jahrelang aus dem Weg gegangen waren vor seiner Erkrankung?

Ines Geipel: Es ging natürlich um die Familienlüge. Um das, was die SS-Altväter getan haben, was der Vater getan hat und was die Altmütter und die Mutter eisern beschwiegen haben. Das sind Kernfragen. Sie sind nicht nur sehr persönlich, sondern auch enorm angstbesetzt. Wenn es um Familie geht, geht es ja immer ums Eingemachte. Und im Osten halt um das psychische Erbe zweier Diktaturen und um Generationsweitergaben. Mein Bruder hat die Familiengeschichte verdrängt, aus Scham. Er wollte im Inneren nie mehr an den Ort zurück, wo er all die Gewalt erfahren hat. Er hat versucht, diesen Ort zu überlaufen. Sein Lebensprinzip lautete: positives Verleugnen. Das war unser Disput nach 1989. Und irgendwann war Sprechen nicht mehr möglich. Als er starb, waren wir uns sehr nah und auch versöhnt. Diese Nähe war unser Geschenk an den anderen im Abschied. Robby war, und das hat viel mit Kindheit zu tun, mein nächster Innenmensch.

Stellen Sie solche Entzweiung in vielen Familien gerade im Osten fest?

Ines Geipel: Jedenfalls ist heftig was los in den Familien. Man kann das auch als eine große Suche lesen, die noch immer mit der Wucht der Umbrüche nach 1989 zu tun hat. Soziologen sagen, dass die Familie im Osten nach dem Zeitenbruch zum Stabilisator, zur Orientierungs-Instanz und zum intimen Magneten gegen die große Verunsicherung werden musste. Umso wichtiger, was an den Familientischen, was an der Wurzel geschieht.

Sie erzählen in Ihrem Buch auch von Michael, einem einstigen Studienkollegen in Jena , widerständig zu Ostzeiten, engagiert zur Zeit der friedlichen Revolution, dann im Kulturbereich engagiert, eigentlich eher links ... Inzwischen ist er in Berlin , bei der AfD engagiert und hat offenbar keine Scheu vor Pegida und Neonazis bei der Chemnitz-Demo im Sommer 2018, weil er sich jetzt diesen Gruppen zugehörig fühlt ... Was ist mit Menschen wie Michael passiert?

Ines Geipel: Es gibt in unserer Kriegsenkel-Generation so viele, die ewig auf der Suche sind, nach der Zeit, nach guten Beziehungen, nach ihren Familien, nach sich selbst. Nun sind sie fünfzig, über fünfzig. Der Zeitraum für die große Klarheit oder den großen Zauber wird enger. Und nun bietet etwa die AfD etwas an, ihr ‚gäriges Wir‘. Das bedeutet Halt, Schutz, Kuhwärme. Das hat viel mit dem autoritären Charakter zu tun. Den sind wir nicht los. Und auf einmal ist so eine Partei plötzlich keine dramatische politische Verschiebung mehr, sondern ein Mainstream-Ding. Dabei geht es knallhart um Umschreibungen, Diskursräume, letztlich um politische Macht.

Der Michael von früher hätte wahrscheinlich dem Michael von heute die Meinung gegeigt, oder? Oder war dieses Unverortete, dieses Fundamentlose, dieses früher schon immer Dagegengewesene womöglich ein Anlass, sich jetzt, wo die Linken zum Teil sogar regieren, eben auf der anderen Seite außen anzusiedeln?

Ines Geipel: Es sind ja auch unsere Erfahrungen, die sich beschleunigen. Vieles kommt mir dabei wie eine Neubeatmung vor. Was wir nicht geklärt, nicht aufgelöst haben, die alten Gefühle, das alte Gift, siedelt sich nun leicht auf der anderen Seite an. Als gäbe es ein Diktat des vergangenen Jahrhunderts.

Die DDR ist jetzt bald 30 Jahre nicht mehr existent. Welche Rolle spielen denn konkret welche Art von Vereinigungsfehlern, wenn davon die Rede ist, dass sich Menschen im Osten als Bürger zweiter Klasse empfinden?

Ines Geipel: Ich habe in diesem Buch ausdrücklich nicht auf Treuhand, Geld, Rente geschaut, sondern auf das immaterielle Erbe der beiden Diktaturen, die den Osten geprägt haben. Es ging mir um seine Bewusstseinshaut, die mit der des Westens schlicht nicht kompatibel war. Hier kollidierten zwei politische Mythenströme, letztlich zwei Selbstverständnisse, die in meinen Augen nicht wirklich besprochen sind und regelmäßig zu harschen Missverständnissen führen. Das scheint mir aber als Verständigung, wohin Ost und West gemeinsam wollen, überfällig.

Im Trauerjahr haben Sie dieses Buch geschrieben. Was würde Ihr Bruder wohl dazu gen, wenn er es lesen könnte?

Ines Geipel: Ich wollte meinem Bruder mit diesem Buch einen Ort geben. Er sollte da sein, da sein können. In Bildern, mit Worten. Mehr kann ich nicht dazu sagen.

...

Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Klett-Cotta-Verlag, 276 Seiten


Aus: "Ines Geipel beschäftigt sich in Buch „Umkämpfte Zone“ mit der Vergessenspolitik" Gerlinde Sommer (18. März 2019)
Quelle: https://www.otz.de/startseite/detail/-/specific/Ines-Geipel-beschaeftigt-sich-in-Buch-Umkaempfte-Zone-mit-der-Vergessenspolitik-1755795807

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[DDR (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #25 on: March 24, 2019, 06:54:50 PM »
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[...] Ines Geipel hat ein Archiv der unterdrückten DDR-Literatur mitgegründet. Es sammelt Texte, die nicht erscheinen durften und in Kladden überdauert haben. Bei ihrer Recherche stolperte die Schriftstellerin immer wieder über erschütternde Schicksale.

Ute Welty: Wie viel Freiheit braucht die Kunst? Literatur in der DDR war vielfältiger und ambivalenter, als es die publizierten Texte aus dieser Zeit vermitteln.

Etliches weiß man über staatstragende und über staatskritische Schriften, und dann weiß man wenig über das, was im Geheimen entstand. Schriftstellerin und Professorin Ines Geipel tritt an, um das Verborgene ans Licht zu holen. Sie nimmt heute teil an der Diskussionsrunde nach der szenischen Lesung im Museum für Kommunikation in Berlin. Was ist denn das für eine Literatur gewesen, die in der DDR keine Rolle spielen durfte?

Geipel: Sie sagen es ja schon, wir kennen die Staatsnamen – ich nenne einfach mal Namen: Hermann Kant. Wir kennen die Kritisch-Loyalen, Christa Wolf oder Brigitte Reimann, die ja auch heute noch sehr gelesen werden. Wen wir nicht kennen, sind die kritisch-illoyalen, also die subversiv-systemkritischen Autorinnen und Autoren.

Und Joachim Walther und ich, wir haben uns auf den Weg gemacht, haben Texte gesucht und haben ein Archiv unterdrückter Literatur zusammengestellt, über 100 Autorinnen und Autoren mittlerweile, an die 70.000 originale Manuskriptseiten, ein sehr, sehr intensives, reiches, auch disparates Material.

Welty: Sie haben die staatskritisch-loyalen Autorinnen und Autoren angesprochen im Gegensatz zu den staatskritisch-illoyalen, was bedeutet das für die Literatur, wie unterscheidet die sich?

Geipel: Dass man die einen kennt und die anderen tatsächlich nicht. Also es ist auch eine Geschichte der bislang verleugneten DDR. Wir sehen unsere Sammlung auch ein Stück weit als ein Versuch eines Gegengedächtnisses im Sinne des geschützten Bestandes der DDR-Literatur an. Was uns auch immer wieder ganz neu erschreckt, sind diese sehr, sehr harten Schicksale, also sehr viel Zuchthaus, früh verstummt, erkrankt, Suizid.

Die Staatssicherheit, das System hat sich schon sehr viel Mühe gegeben. Literatur – das wissen wir ja – wird in einer Diktatur immer extrem behandelt, und insofern ist diese Geschichte natürlich auch eine große Geschichte des denunzierten Wortes, der gestohlenen Sprache, aber eben auch des reduzierten und verstümmelten Denkens, und da haben wir viel zu entdecken.

Welty: Wie sind Sie dann auf die Idee gekommen, ein Archiv dafür zu gründen? Ich stelle es mir extrem schwierig vor, etwas archivieren zu wollen, was offiziell gar nicht existiert.

Geipel: Die DDR war lang und sie war gründlich, es gibt viel Material, aber das ist völlig richtig, was Sie sagen. Literaturgeschichte gründet sich ja oder auch eine Kanonfrage gründet sich ja natürlich auf Veröffentlichtes, und das haben wir versucht. Wir haben akribisch gesucht in den Nebennachlässen, zum Beispiel Franz Fühmann hat sich sehr für junge Autoren stark gemacht.

Wir haben, als wir begonnen haben mit dem Archiv, sehr viele Interviews gegeben, haben versucht, das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen, aber das ist die Ironie der Geschichte: Der stärkste Materialgeber war für uns die Stasi-Unterlagenbehörde, eben gerade weil Autor*innen verhaftet wurden und die Texte eben auch immer Material für die Prozesse waren.

Welty: Welche Schicksale haben Sie für die Arbeit fürs Archiv kennengelernt, was hat Sie da besonders beeindruckt?

Geipel: Ein Beispiel nur: Edeltraud Eckert, 1930 in Schlesien geboren, Flucht mit den Eltern nach Brandenburg, in die Stadt Brandenburg, früher Widerstand, Gefängnis, Frauenzuchthaus Hoheneck, schwerer Haftunfall in dieser Zeit, kurz vor dem Unfall bekommt sie einmalig die Möglichkeit, ein Schreibheft, wo wir im Grunde auch jetzt diese Texte veröffentlichen konnten, mit 25 Jahren stirbt sie an Wundstarrkrampf im Haftkrankenhaus Meusdorf. Das sind diese Schicksale, denen wir begegnet sind und auf die wir nur mit Glück gestoßen sind, weil die Schwester sich bei uns gemeldet hat.

Welty: Und wie gehen Sie dann damit um, mit dieser Erfahrung? Das kann man ja dann nicht im Archivregal abstellen.

Geipel: Nein, eben, genau, darum geht es. Wir wollen nicht ein Archiv machen, um noch mal Leben zu archivieren, sondern es gibt eine Edition, die „Verschwiegene Bibliothek“ bei der Büchergilde Gutenberg. Dort haben wir zehn Autorinnen und Autoren veröffentlichen können. Wir machen viele Veranstaltungen wie heute in Berlin, um eben auch die Texte, die Autoren mit ihren Schicksalen öffentlich zu machen. Wir finden, dass es richtig und Zeit ist, dieser in den Riss gefallenen Literatur und diesen Leben zu begegnen.

Welty: Im November ist der Mauerfall dann 30 Jahre her, das ist in einem Menschenleben eine lange Zeit, aber offensichtlich gelten für Geschichte und für Literatur andere Maßstäbe, oder?

Geipel: Ja, das wissen wir, und hier musste man ja auch ein bisschen um die Ecke denken, eben etwas, was so versteckt wurde, notwendigerweise, damit so ein System halten kann, versteckt wurde, in die Öffentlichkeit zu bringen. Und nun ist es da, nun kann es kennengelernt werden, und wir sind sehr gespannt auf die Resonanz.

Welty: Wen wünschen Sie sich als Leser, als Leserin?

Geipel: Alle, die Literatur lieben, es ist ein Literaturarchiv, und vor allen Dingen kann man in diesem Archiv ja den Gefühlen, nicht den Klischees, sondern den tatsächlichen Gefühlen in einer Zeit begegnen, und ich glaube, sich einfach hinsetzen – diese Texte sind möglich, sie sind da, sie sind öffentlich, und ein bisschen stöbern, das ist doch schon viel.


Aus: "„Eine Geschichte der bislang verleugneten DDR“"
Ines Geipel im Gespräch mit Ute Welty (05.03.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ines-geipel-ueber-unveroeffentlichte-ddr-literatur-eine.1008.de.html?dram:article_id=442703


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« Reply #26 on: April 16, 2019, 10:44:10 AM »
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[...] Film [Der Funktionär Andreas Goldstein Deutschland 2018, 72 Minuten] - Andreas Goldstein spürt seinem lange verstorbenen Vater nach, dem einstigen DDR-Kulturminister Klaus Gysi

... Goldstein spricht an einer Stelle davon, dass er in der DDR-Schule keine Angst gehabt hätte, zu sagen, was er dachte. Erst später habe er begriffen, dass das ein Privileg war, das er nur als Sohn eines hohen Funktionärs genoss. ...


Aus: "Beschränkt funktional" Michael Suckow (Ausgabe 15/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/msuckow/beschraenkt-funktional