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Author Topic: [Zur Psychoanalyse (Notizen)... ]  (Read 2057 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Zur Psychoanalyse (Notizen)... ]
« on: December 12, 2016, 12:55:35 PM »

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[...] Die Psychoanalyse (von griechisch ψυχή psychḗ ‚Atem, Hauch, Seele‘ und ἀνάλυσις analysis ‚Zerlegung‘, im Sinne von „Untersuchung, Enträtselung der Seele“) ist eine psychologische Theorie und psychotherapeutische Behandlungsform, die um 1890 von dem Wiener Neurologen Sigmund Freud begründet wurde. Aus der Psychoanalyse haben sich später die verschiedenen Schulen der Tiefenpsychologie entwickelt.

... Die Grundzüge der Psychoanalyse als erste umfassende Theorie des Mentalen unter besonderer Berücksichtigung unbewusster Prozesse wurden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts von dem Wiener Neurologen Sigmund Freud – anfangs in intensiver Zusammenarbeit mit dem bekannten Wiener Arzt und Begründer der kathartischen Methode, Josef Breuer – entwickelt. Die Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche und auch dem Unbewussten ist freilich älter und kann bis zur Antiken Philosophie zurückverfolgt werden. Als unmittelbare Vorgänger Freuds gelten der Naturwissenschaftler Carl Gustav Carus (1789–1869), die Philosophen Johann Friedrich Herbart (1776–1804), Arthur Schopenhauer (1788–1860) und Friedrich Nietzsche (1844–1900), aber auch in den Werken bedeutender Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe und Arthur Schnitzler, besonders aber Fjodor Michailowitsch Dostojewski können literarische Analogien psychoanalytischer Theorien gefunden werden. Der Begriff „Unbewusstes“ taucht in einer noch unscharfen Form erstmals bei Eduard von Hartmann 1869 in Philosophie des Unbewußten auf. ...

...


Aus: "Psychoanalyse" (18. November 2016)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Psychoanalyse
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[Zur Psychoanalyse (Notizen)... ]
« Reply #1 on: December 12, 2016, 02:30:23 PM »

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Gehad Mazarweh (75) ist Palästinenser aus Israel. Er arbeitet als Psychoanalytiker, Dozent, Supervisor und Lehrananlytiker in Freiburg. Dort betreibt er seit vielen Jahren auch eine psychoanalytische Ambulanz für Migrantinnen und Migranten. ... Gehad Mazarweh ist einer der wenigen Psychoanalytiker aus dem arabischen Raum. Über die Macht der Familie und den politischen Auftrag seiner Wissenschaft

STANDARD: Weltweit gibt es nur eine Handvoll arabischer Psychoanalytiker. Sie sind einer davon. Warum wird die Psychoanalyse dort nicht gepflegt?

Mazarweh: Psychoanalyse ist eine europäische Wissenschaft, zu der die Menschen in den arabischen Ländern keine Beziehung haben. Das ist nicht wie Physik oder Medizin, die es auch in der arabischen Welt gab, Wissenschaften, von denen die Menschen eine Vorstellung haben. Es existiert auch keine psychoanalytische Ausbildung vor Ort. Daher gibt es kaum Psychoanalytiker aus der Region, die meisten leben im Ausland. Die wenigen, die in ihren Ländern praktizieren, kämpfen um ihre Existenz. Sie können in Ägypten, Syrien oder dem Libanon nicht davon leben. Die Leute in Afrika und im arabischen Raum gehen nicht zur Psychoanalyse.

STANDARD: Warum ist das so?

Mazarweh: Psychoanalyse beschäftigt sich mit den intimsten Bereichen des Lebens. Die meisten Muslime haben nicht gelernt, diese Intimität preiszugeben. Deswegen kommt eine Wissenschaft, bei der darüber gesprochen wird, in diesen Ländern kaum infrage. In der Psychoanalyse dreht sich viel um Sexualität. Je mehr die mit Scham besetzt ist, desto schwieriger wird das Gespräch darüber.

STANDARD: Viele psychische Leiden haben ihren Ursprung in der Familie. Wird die kritische Beschäftigung mit ihr als Verrat empfunden?

Mazarweh: Wir Araber sind Stämme, Stämme bestehen aus Sippen, Sippen aus Familien. Die Mitglieder dürfen nichts über ihren Stamm verraten oder erzählen, was diesen beschädigen oder diskriminieren könnte. Was immer die Familie gefährdet, bekämpfen wir und schließen wir aus. Zwischen den Mitgliedern arabischer Familien gilt: Ich gebe dir alles, will aber alles dafür haben. Die Familie verlangt eine Ordnung, nach der sich alle richten. Sie will, dass man nichts tut, was ihr schadet, sie nicht belügt und verrät. Vor allem will sie bedingungslosen Respekt vor Vater und Mutter. Vieles davon schränkt die Menschen ein. Aber sie bekommen soviel zurück, dass sie das in Kauf nehmen.

STANDARD: Gibt es auch einen "offiziellen" Widerstand in arabischen Ländern gegen die Aufklärung durch die Psychoanalyse?

Mazarweh: In rigiden gesellschaftlichen Systemen, wie sie in allen arabischen Ländern bestehen, ertragen die Führer keine Aufklärung, die sie als falsche Patriarchen infrage stellt. Gesellschaften, für die Tradition maßgebend ist, weil sie Sicherheit gibt, betrachten Aufklärung als Gefahr. Wenn sie als "Orientale" europäisch aufgeklärt werden, empfinden sie das als fremd. Das Problem heutiger Aufklärung sehe ich darin, dass sie von Leuten betrieben wird, die glauben, etwas Besseres zu sein. Unsere orientalische Erfahrung mit Kolonialismus, Erniedrigung, Entwertung und Verachtung lässt uns Aufklärung so verstehen, dass wir uns entweder unterordnen müssen – oder rebellieren.

STANDARD: Sie sagten einmal, dass viele Araber emotional Beduinen geblieben sind. Was bedeutet das für ihre Integration in Europa?

Mazarweh: Es ist entscheidend, zu akzeptieren, dass sie Beduinen sind. Die meisten Araber lebten geografisch in Stämmen in der Wüste. Jeder Stamm hat dafür gesorgt, dass seine Grenze gewahrt blieb, weil sonst ein Schaf das Wasser vom Brunnen des anderen getrunken hat. Da gab es Mord und Totschlag. Es musste eine gut funktionierende interne Struktur hergestellt und verteidigt werden. Die männlichen Mitglieder bezogen ihre Identität und ihren Selbstwert aus dem Stamm und sorgten dafür, dass sein Ruf gut blieb. Das hält das patriarchale System am Leben. Diese Identifikation, dieses Wir-Gefühl im Stamm gibt Macht und Kraft gegenüber anderen. Solche Strukturen wurden über hunderte Jahre aufrechterhalten, wir haben sie verinnerlicht. Sie haben für unsere Psyche eine große Bedeutung.

STANDARD: Sie beschreiben als Psychoanalytiker auch den Zusammenhang zwischen Selbsthass und dem Hass auf andere Menschen.

Mazarweh: Ein Mensch, der in einem gewaltvollen Milieu großgeworden ist, hat nichts anderes gelernt, als Konflikte gewaltsam zu lösen. Wer einmal Opfer von Gewalt war, wird gewalttätig. Umgekehrt haben Liebenswürdigkeit und Interesse gegenüber den Mitmenschen mit Liebe und Interesse an uns selber zu tun. Wer positive Gefühle sich selbst gegenüber hat, empfindet sie auch anderen gegenüber. Verachtung ist Selbstverachtung, Hass ist Selbsthass.

STANDARD: Welche Funktion haben Feindbilder in diesem Gefüge?

Mazarweh: Menschen, die an einem Unwertgefühl leiden und ihre Ängste nicht wahrhaben wollen, brauchen Feindbilder. Denn auf sie kann man alles projizieren, was schlimm und gesellschaftlich verwerflich ist. Wir brauchen jemanden, auf den wir unsere negativen Seiten projizieren können, ohne dass sie uns gefährlich werden. Wir denken, dass uns alles, was wir nach außen zeigen, von anderen weggenommen werden kann. Das macht uns Angst. Doch was projizieren wir damit eigentlich auf unsere Mitmenschen? Dass wir im Grunde selbst wollen, was sie haben. Dazu kommt, dass das Wir-Gefühl, das Menschen suchen, in der Wettbewerbsgesellschaft nicht entstehen kann, weil jeder gegen jeden konkurriert, jeder jedem Feind ist. Also braucht man ein gemeinsames Außen. Die Zugehörigkeit zu einem Stamm, zu einer Klasse, ist sehr wichtig für unsere Identität und Identifikation, für das Wir-Gefühl. Wird es durch Fremde, durch "Eindringlinge", bedroht, dann rebellieren wir. Wir wollen diese Gefahren nicht nur fernhalten, sondern ausrotten. So entsteht Angst und Hass gegen Menschen, die wir noch nie gesehen haben.

STANDARD: Sie arbeiten mit Folteropfern und traumatisierten Patienten. Was bringt es denen, sie an den Ursprung des Traumas zu führen?

Mazarweh: Das Leben beginnt mit dem Geburtstrauma. Es beeinflusst uns, bis wir sterben – auch wenn wir es nicht merken. Auf diese Erfahrung baut die psychoanalytische Arbeit auf, sie hat deshalb bei Traumatisierung einiges zu sagen. Wir versuchen in der Analyse, den Spuren des Traumas nachzugehen. Oft landen wir in der frühen Kindheit oder Jugend, wo die traumatischen Ereignisse stattfanden. Der Patient hat panische Angst davor, dass sich dieses Ereignis wiederholt, er die Kontrolle über seine Gefühle verliert und verrückt wird.
Wenn wir zurückgehen an den Ursprung, muss der Patient sicher sein, dass ich ihn nicht alleine lasse. Er erkennt dann, dass er nicht mehr auf die gleiche Weise traumatisiert werden kann, weil er nicht mehr die kleine schwache Person von damals ist. Das setzt aber voraus, dass der Analytiker keine Angst hat. Für die Behandlung von Traumapatienten braucht man Hingabe, man muss eine Art "tropische Atmosphäre" erzeugen, in der sich Analytiker und Analysand sehr nahe kommen können.

STANDARD: Vor dieser Nähe warnen manche Analytiker. Wie viel Neutralität braucht die Psychoanalyse?

Mazarweh: Ich bin überzeugt, dass Psychoanalyse und Neutralität nicht vereinbar sind. Ich hatte einmal eine Patientin, die Opfer grausamster sexueller Folter war. Nach einiger Zeit vertraute sie mir an, dass ihr Mann entführt wurde, sie wusste nicht, von wem und wohin. Und während sie ihr Kind in den Kindergarten brachte, explodierte eine Bombe. Als sie zu sich kam, hatte sie nur mehr die Hand des Kindes in ihrer Hand. Wenn hier ein Analytiker der Patientin nicht zumindest das Gefühl vermittelt, dass er sie umarmen möchte, kann ich ihm nur empfehlen, sich einen anderen Beruf zu suchen.

STANDARD: Hat die Psychoanalyse also einen politischen Auftrag?

Mazarweh: Wir haben die Psychoanalyse verraten – und ich stehe zu jedem Buchstaben. Wir leben in einer krankmachenden Gesellschaft, die Menschen unterdrückt, verfolgt, zerstört. Diese Gesellschaft macht ihre Mitglieder kaputt, und die machen ihre Kinder kaputt. Es geht nicht darum, Patienten zu trösten wie eine verwitwete Frau. Es geht darum, dass wir mit den Leuten mitgehen auf die Straße, um Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Frauenentwertung zu verurteilen und dagegen zu kämpfen. Psychoanalyse hat einen politischen Auftrag. Sie ist ein Stück Revolution, das nur Revolutionäre machen können. Nicht Leute, die sich an Elend und Routine gewöhnt haben. Der Methodenstreit ist ein Streit um des Kaisers Bart. Damit versteckt man sich vor den wichtigen Fragen, vor dem, was wir wagen sollten: Die Gesellschaft, die aus Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Diktatur besteht, zu konfrontieren. Die gesellschaftlichen Verhältnisse müssen die Grundlage unserer Arbeit sein, nicht nur der Triebwunsch und all das.

STANDARD: Krankenkassen weigern sich aber zunehmend, die oft Jahre dauernden Analysen zu fördern.

Mazarweh: Der Grund, warum die Kassen nicht zahlen, ist doch der: Weil sie Angst vor unserer Arbeit haben, entwerten sie uns. Die deutsche Kasse bezahlt 300 Stunden. Manche Psychotherapeuten halten jede Analyse, die mehr als 25 Stunden dauert, für Blödsinn. Ich brauche mindestens 25 Stunden, um zu verstehen, was für eine Person da vor mir sitzt und warum sie jetzt da sitzt. Wenn Psychoanalyse nicht mehr gefördert wird, wäre das ihr Ende. Wer kann das privat bezahlen? Das ist Klassenmedizin in der reinsten Form.

(Lisa Mayr, 11.12.2016)

 

Aus: "Arabischer Psychoanalytiker: "Wir-Gefühl gibt Macht"" Interview: Lisa Mayr (11. Dezember 2016)
Quelle: http://derstandard.at/2000048953420/Arabischer-Psychoanalytiker-Wir-Gefuehl-gibt-Macht-und-Kraft

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Quote
    saurewurst, 11. Dezember 2016

für mich ist psychoanalyse aufklärung und religion zugleich.
gutes interview - danke


Quote
    Reaktion1, 11. Dezember 2016

"Dazu kommt, dass das Wir-Gefühl, das Menschen suchen, in der Wettbewerbsgesellschaft nicht entstehen kann,...."

bedauerlich, aber wahr! Aldous Huxley schrieb in seinem Roman "Brave New World", dass der moderne Mensch gut genährt, gut gekleidet und sexuell befriedigt ist, jedoch ohne Selbst.


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« Last Edit: December 12, 2016, 02:40:15 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Zur Psychoanalyse (Notizen)... ]
« Reply #2 on: August 26, 2020, 08:09:21 PM »

Quote
[...] Eine Person, deren Aufmerksamkeit auf Ihr Selbst gerichtet ist, versucht zu erforschen und zu klären, was ihre Erlebnisse für sie bedeuten, was sie dabei fühlt. Sie kommt sich dadurch selbst näher (Tausch/Tausch).

Diese Auseinandersetzung kann in Gesprächen erfolgen. Ein Gespräch ist dabei so etwas wie eine Selbstöffnung. Die Person äußert persönliche Erfahrungen (Fühlen, Vorstellungen), die für sie kennzeichnend sind. Gleichzeitig sind sie von großer Bedeutung für sie selbst und auch verbindlich für sich selbst, für ihr Erleben. Sie rückt Ihre eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen ins Zentrum ihres Erlebens und setzt sich mit sich selbst auseinander. Reinhard Tausch und Anne-Marie Tausch nennen das einen wesentlichen „heilsamen“ Vorgang. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Selbst (27. Juli 2020)
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« Reply #3 on: August 27, 2020, 04:44:33 PM »

Quote
[...] die freudsche Analyse zielt im Kern auf das Nichtgewusste und ist sich dabei ihres eigenen Nichtwissens hochbewusst. Im psychoanalytischen Kontext zeigt hierbei der Begriff des Nichtwissens neue konzeptuelle Facetten. Anders als in der phänomenologischen Philosophie (so bei Sartre oder Heidegger) und der phänomenologischen Psychotherapie (etwa bei Rogers, Perls oder Boss), welche Nichtwissen nur als ein Nichtwahrnehmen/Nichterscheinen verstehen und das Nichtgewusste als nicht im Gewahrsein Seiendes, als nicht Nichtwahrgenommenes/Nichterschienenes auslegen, expliziert die Psychoanalyse Nichtwissen bewusstseinsphilosophisch als Unbewusstheit oder Unbewusstes und meint damit nicht nur etwas dem wahrnehmenden Gewahrsein Entgehendes, sondern auch zwar Wahrgenommenes/Erschienenes und dem Bewusstsein zu einem früheren Zeitpunkt Zugängliches, aber dann in Latenz, also Verborgenheit, Verdrängtes.

    Das Problem des Nichtwissens in Form der Unbewusstheit oder des Unbewussten bildet den Kern der Psychoanalyse, sowohl als einer psychologischen Theorie wie als eines psychotherapeutischen Verfahrens, da zum einen Freud die Psychoanalyse explizit als Psychologie des Bewusstseins und des Unbewussten versteht und diesem zudem gegenüber dem Bewusstsein einen umfassenderen und grundlegenderen Status einräumt, und zum anderen die Psychoanalyse als therapeutisches Verfahren ihr Ziel eben in der heilend-ermächtigenden Bewusstwerdung des Unbewussten erblickt, um so durch dieses Wissen das Ich wieder zum Herrn im eigenen Hause werden zu lassen.

Eine erste Ausdifferenzierung fand der für die Psychoanalyse so zentrale Topos des Unbewussten schon in der Philosophie der Romantik, ein knappes Jahrhundert vor Freud. In der Philosophie, Lyrik und Poetik der Brüder Schlegel, Novalis‘ und Schellings wurde das Andere des Bewusstseins und der Vernunft, als Unbewusstes, Wider-, Anders-, Un- oder Übervernünftiges bzw. als Traum, Phantasie oder Märchen begrifflich und literarisch entfaltet. Auch die sich anschließende romantische Literatur, etwa die E.T.A. Hoffmanns, sowie die Schriften der Lebensphilosophie – man denke an Nietzsches Diktum vom Leib als der großen Vernunft – zeugen von einer Sensibilität gegenüber Phänomenen des Unbewussten in der Philosophie, der Literatur und der Kunst. Allerdings unterschieden sich die Auffassungen des Unbewussten in diesen Traditionen doch in wichtigen Hinsichten von denen der Psychoanalyse, denn diese Strömungen dachten das Unbewusste oft als ein (tierisches oder archaisches, vor-/unvernünftiges) Unterbewusstsein, ein (transzendentales) Hinterbewusstsein, ein (luziferisches) Widerbewusstsein einschließlich dessen Widervernunft, ein (träumerisches, phantastisches, schöpferisches) Andersbewusstsein oder ein (göttliches, übervernünftiges) Überbewusstsein, wohingegen das Unbewusste bei Freud eher die Konnotation des gänzlich Anderen, Fremden, Unbekannt-Entzogenen mit sich führt. Auch die dem Unbewussten in der Romantik of zugeschriebene Bildlichkeit und quellhafte Ursprünglichkeit, wie auch die Möglichkeit, mit ihm in Dialog zu treten, erscheinen der Phänomenologie des freudschen, psychoanalytischen Unbewussten eher fern. C.G. Jung hingegen führt in seiner analytischen Auffassung des Unbewussten all diese romantischen Fäden zusammen, was die Vermutung zulässt, dass der Bruch Freuds und Jungs auch Resultat ihrer unterschiedlichen Auffassungen des Unbewussten war (Freud 1975ff.; Jung 1995).

[...] Schon für die Romantik und die Lebensphilosophie ist das Unbewusste Ausdruck des Lebens und des Leibes als (a-rationaler oder irrationaler) Ur- und Untergründe, Tiefen- und Hintergründe des Bewusstseins und der Vernunft. Unbändige Vitalität und Lebendigkeit, unbewusster Wille und Trieb, dionysisch-transgressive Affektivität kennzeichnen bereits hier das Unbewusste und machen seinen aktiven Charakter deutlich.

    Bei Freud wird diese Facette des Unbewussten noch auffälliger. Das Unbewusste ist für Freud eng mit dem Leiblichen verbunden, denn es existiert an der Schwelle zwischen Leib und Bewusstsein, und die leiblichen Triebe der Sexualität und der Aggression sind in Form der das Unbewusste bestimmenden Triebrepräsentanzen (etwa als unbewusster triebhaft-wunschhaft-dynamischer Phantasien) in diesem vertreten. Das Unbewusste Freuds ist ein leiblich-lebendig-triebhaftes Unbewusstes, voller Wunsch, Wille und lustvollem Begehren, aktiv, bewegt und unbewusst bewegend. Als ein solches wirkt das Unbewusste in das bewusste Leben des Menschen hinein und steuert dieses unbemerkt.

...  die Philosophie kennt zwar das Nichtwissen in Form des (ggfls. noch) Nichtwissenkönnens, die Psychoanalyse aber ergänzt dieses um die therapeutisch so zentrale Form des zwar nicht notwendig, aber doch meist malignen Nichtwissenwollens (z.B. der freudsche Widerstand), d.h. der aktiven, durch spaltende unbewusste Affekte, wie Neid, Haß oder Wut, gespeisten, wunsch- und begehrensinduzierten Abwehr der Erkenntnis oder sogar der unbewusst angestrebten Zerstörung von Erkenntnis und Wissensverknüpfungen. Lediglich in der Ethik, etwa bei Kants Überlegungen zur selbstverschuldeten Unmündigkeit des Menschen oder unserem alltäglichen ethischen Ausblenden des Leidens in der Welt, thematisiert die Philosophie verwandte Formen des Nichtwissenwollens.

Das Nichtwissen in Form des Unbewussten zeigt sich so mithin in der Psychoanalyse in vielfältigen Gestalten, welche die der Philosophie bekannten Formen des Nichtwissens, um unterschiedlichste Aspekte zu bereichern wissen.


Aus: "Das Nichtwissen und das Unbewusste – psychoanalytisch-philosophische Betrachtungen" Hilmar Schmiedl-Neuburg (30.07.2020)
Quelle: https://www.praefaktisch.de/nichtwissen/das-nichtwissen-und-das-unbewusste-psychoanalytisch-philosophische-betrachtungen/
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