Author Topic: [Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]  (Read 824 times)

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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« on: November 24, 2016, 04:16:20 PM »
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[...] Es war einmal im Jahr 1969, als Computer an vier Universitäten in den USA ein paar einfache Textnachrichten austauschten – und so das Internet entstanden ist. Ein dezentrales und gleichrangiges Netzwerk aus allen angeschlossenen Computern, das offen und frei sein sollte. Denn die Idee war, dass alle Nutzer das Internet mitgestalten können – anfangs unter der Voraussetzung, dass man über kostenintensive Technik und gute Programmierkenntnisse verfügte, um am neuen Medium teilhaben zu können.
Für die breite Bevölkerung wurde das Internet in den 1990er Jahren verfügbar, denn private Provider versorgten immer mehr Haushalte mit Internetanschlüssen. Damals begann die kommerzielle Phase des Internet, weil dessen wirtschaftliche Bedeutung zunahm: Unternehmen aus der Offline-Welt verkauften ihre Produkte und Dienstleistungen auch im Netz.
Schließlich entstanden reine Online-Firmen, die digitale Güter und Dienste anboten, ohne genügend Gewinn zu machen – eine Entwicklung, die an der Börse zum Platzen der sogenannten Dotcom-Blase führte. Das war im Jahr 2000. Danach konnte das digitale Zeitalter anbrechen, das
allgemein dadurch definiert ist, dass weltweit mehr Informationen digital als analog gespeichert sind. Und im neuen Jahrhundert schien das Internet auf eine alte Idee zurückzugreifen: Im Web 2.0 können alle mitmachen – dank günstiger Endgeräte und ohne Programmierkenntnisse zu haben. Die Nutzer konnten so zugleich Konsument und Produzent mit einem eigenen Publikum werden. Mittlerweile werden für dieses Konsumieren und Produzieren im Internet nur einige wenige Angebote genutzt – aus verschiedenen Gründen. So beherrschen zunehmend Digitalkonzerne das
Internet, ... [Google], auch das soziale Netzwerk Facebook und der Onlinehändler Amazon gehören zu den Digitalkonzernen, die das Internet dominieren. Zusammen sind diese vier so viel wert wie alle 30 Unternehmen im Deutschen Aktien Index (DAX).
Apple, Amazon, Google und Facebook sind privatwirtschaftliche Unternehmen mit dem Ziel, einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Das ist eventuell nicht jedem Internetnutzer bewusst, denn besonders Google und Facebook sind für private User schon immer kostenlos gewesen und werden deshalb nicht immer mit einem gewinnorientierten Unternehmen assoziiert. Prinzipiell besetzen die genannten Digitalkonzerne verschiedene Segmente im Internet, aber beschränkten sich Nutzer auf die Angebote von Apple, Amazon, Google und Facebook, würde ihnen online vermutlich nicht viel fehlen. Ohnehin sind die Marktanteile und Nutzungszeiten für die einzelnen Digitalkonzerne sehr hoch. Aus diesem Grund haben die Unternehmen nicht nur eine wirtschaftliche Macht, sondern auch gesellschaftlichen Einfluss, weil sie im Internet auch eine Gatekeeper Funktion besetzen und somit beeinflussen, welche Inhalte bei den Nutzern auf den Bildschirmen angezeigt werden. Bisher hatten vor allem Medienmacher wie Journalisten diese Funktion inne, indem sie nach journalistischen und ethischen Kriterien entschieden, welche Nachrichten in die Medien und somit zum Konsumenten gelangen. Heute sind es geheime Algorithmen, die diese Entscheidungen treffen – vermutlich nicht immer nach dem Grundsatz, allgemein und ausgewogen zu informieren. Markus Beckedahl, der Initiator von netzpolitik.org, spricht von privatisierten Öffentlichkeiten, weil Kommunikation und Konsum im Internet mittels einiger weniger Digitalkonzerne stattfinden, „wo nicht unbedingt die Grundrechte gelten, sondern die allgemeinen Geschäftsbedingungen“, so Beckedahl beim Social Community Day im Oktober 2014. Die einzelnen Digitalkonzerne sind moderne Oligarchen im Internet – aus mehreren Gründen: Die Produkte und Dienstleistungen sind bei den Nutzern beliebt und komfortabel handzuhaben, zugleich bieten aber geschlossene Geschäftsmodelle und beseitigte Konkurrenz kaum noch Alternativen. Die Konkurrenz kaufen Ständig verändert sich das Internet und auch die Marktmacht der Digitalkonzerne ist nicht dauerhaft garantiert. Denn es entstehen immer wieder innovative Online-Dienste, welche den etablierten Unternehmen langfristig die Marktherrschaft streitig machen könnten. Aber diese aktuell dominierenden Digitalkonzerne verfügen über die nötigen finanziellen Mittel, um sich der Konkurrenz zu entledigen. Das kann durch zwei Methoden geschehen: Entweder werden potenzielle Mitbewerber für viel Geld gekauft und ins eigene Portfolio der Digitalkonzerne übernommen oder durch sehr günstige Preise der eigenen Produkte und Dienste aus dem Markt gedrängt. Den bisher teuersten Kauf hat Facebook getätigt, das im Februar 2014 rund 19 Milliarden Dollar für die beliebte und vielgenutzte Messenger-App WhatsApp bezahlte. Zuvor ist schon die mobile Foto-App Instagram für nur eine Milliarde Dollar im Einkaufswagen von Facebook gelandet. Somit hat das Unternehmen innerhalb von zwei Jahren die sozialen Netzwerke übernommen, zu denen die Nutzer am häufigsten gewechselt sind. Obwohl Google als Suchmaschine nahezu konkurrenzlos ist, fällt auch dieser Digitalkonzern durch viele Einkäufe auf, einerseits von Internetfirmen und andererseits von Technologiefirmen, die zu künstlicher Intelligenz, Robotik und Automatisierung arbeiten. Diese Akquisitionen weisen in die Zukunft von Google, ein Digitalkonzern, der auch das Internet der Dinge dominieren und umfangreiche Daten der Nutzer sammeln möchte. In einem Online-Artikel für „businessinsider“ schreibt Dave Smith, dass Google seit 2001 insgesamt 163 Firmen gekauft hat (Stand: August 2014). Denn schon lange ist das Unternehmen mehr als eine Suchmaschine und vereint derzeit 40 verschiedene Dienste für Privatnutzer – darunter auch das soziale Netzwerk Google+ und die Videoplattform Youtube. Dass zunehmend die Konkurrenz für die etablierten
Digitalkonzerne fehlt, zeigen Daten, die von Wikipedia ermittelt wurden: Seit 2011 hat pro Jahr nur eine neue Suchmaschine den Internet-Markt betreten. Seit der Google-Gründung im Jahr 1998 bis einschließlich 2010 sind es im Durchschnitt noch vier neue Suchmaschinen pro Jahr gewesen. ... Die fehlende Konkurrenz festigt die Position der Digitalkonzerne als moderne Oligarchen im Internet – mit der bestehenden Gefahr, in Zukunft zu Monopolisten zu werden. Wenn Internetnutzer nur die Wahl zwischen den Angeboten einiger weniger Digitalkonzerne haben, dann wird die Vielfalt zunehmend eingeschränkt. Unter diesen Umständen ist das Internet nicht mehr frei und offen, sondern wird von den privatwirtschaftlichen Zielen
der Digitalkonzerne beeinflusst oder sogar bestimmt.  ...

In der Filterblase - Die dominierende Position von Google und Facebook im Internet ist für die freie Meinungsbildung und Meinungsäußerung kritisch, weil beide Digitalkonzerne auch zu den wichtigen Quellen für Informationen, Meinungen und aktuelle Nachrichten gehören,
die Suchergebnisse und Statusmeldungen aber gefiltert werden. Basierend auf den gesammelten Daten der einzelnen Nutzer und deren Online-Verhalten entscheiden Algorithmen, welche Treffer bei Google und welche Statusmeldungen bei Facebook bedeutsam genug sind, um angezeigt zu werden.
Einerseits geraten die Nutzer in eine Filterblase, in welcher nur noch Informationen und Meinungen sichtbar werden, die zum eigenen Online-Verhalten passen. Andererseits stellt sich die Frage, ob die Algorithmen so funktionieren, dass die besten Ergebnisse für die Nutzer angezeigt werden oder dass der zugehörige Digitalkonzern optimale wirtschaftliche Ergebnisse erzielt. Denn Google und Facebook finanzieren
sich vorwiegend über zugeschnittene Werbeanzeigen. Wenn Digitalkonzerne als Quellen fungieren, im Zweifel aber für den eigenen wirtschaftlichen Erfolg arbeiten, kann es zu einer Art von Zensur kommen. Denn die Kriterien, nach denen Google und Facebook entscheiden, sind nicht öffentlich bekannt. Somit besteht grundsätzlich die Möglichkeit, die Algorithmen zu manipulieren. Beispiele sind die Ice Bucket Challenge und Proteste in der US-Stadt Ferguson, die im Sommer 2014 fast gleichzeitig stattgefunden haben. Bei der Ice Bucket Challenge handelte es sich um eine Aktion, bei der Menschen entweder für die Erforschung einer Nervenkrankheit spenden oder sich einen Eimer mit eiskaltem Wasser über den Kopf schütten und das Video in sozialen Netzwerken veröffentlichen sollten. In Ferguson in den USA ist es zu teilweise gewaltsamen Protesten gegen Rassismus
gekommen, nachdem ein Polizist ohne Not einen afroamerikanischen Jugendlichen erschossen hatte. Ein Vergleich zwischen Facebook und Twitter hat gezeigt, dass diese Themen bei Facebook mehr oder weniger sichtbar waren, weil die Algorithmen nicht ausreichend auf aktuelle Ereignisse reagieren. So sind die unterhaltsamen Videos der Ice Bucket Challenge mehr im Fokus des Neuigkeiten-Stroms bei Facebook gewesen als Nachrichten aus Ferguson. Ein umgekehrter Eindruck hat sich bei Twitter ergeben, ein soziales Netzwerk, das neue Meldungen ungefiltert und in chronologischer Reihenfolge anzeigt. Somit wurden dort die Ferguson-Proteste stärker wahrgenommen als die Ice Bucket Challenge. Dass Facebook auch Stimmung und Verhalten manipulieren kann, haben in der Vergangenheit verschiedene Experimente gezeigt, bei denen die Nutzer des sozialen Netzwerks nicht wussten, dass sie als Testpersonen beteiligt sind. Ein Experiment in den USA hat ergeben, dass über das soziale Netzwerk die Wahrscheinlichkeit erhöht werden kann, wählen zu gehen. Die Testpersonen konnten am Tag der Präsidenten-Wahl einen „Ich habe gewählt“-Button anklicken. Haben Facebook-Nutzer diese Aussage gemeinsam mit Profil-Fotos der Freunde erhalten, ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass auch diese Menschen tatsächlich ihre Stimme abgeben.
Im Sommer 2014 wurde bekannt, dass Facebook bei etwa 310.000 Nutzern vor allem positive oder negative Statusmeldungen im Neuigkeiten-Strom angezeigt hat und sich diese Auswahl tatsächlich auf die Stimmung der Testpersonen ausgewirkt hat. ...


Aus: "IM BLICKPUNKT: Das Internet der Konzerne" Christina Quast (November 2014)
Quelle: http://imblickpunkt.grimme-institut.de/wp/wp-content/uploads/2016/03/IB-Internet-der-Konzerne.pdf
« Last Edit: November 24, 2016, 04:18:55 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« Reply #1 on: November 24, 2016, 04:18:30 PM »
Quote
[...] Dadurch, dass die Internetkonzerne infrastrukturelle Grundlagen des Netzes entwickeln und anbieten sowie als Gatekeeper fungieren, die die wesentlichen Zugänge zum Web zur Verfügung stellen, werden sie zu Akteuren, die das Onlineerlebnis individueller Nutzer und Kollektive strukturieren, Rahmenbedingungen für ihre Bewegung vorgeben und dadurch auch das auf ihren Angeboten basierende Verhalten und Handeln mitprägen. Als auch gesellschaftspolitisch ausgesprochen sendungsbewusste Unternehmen strukturieren und prägen sie weite Teile des privaten und öffentlichen Lebens im Web.

Mit all dem reicht die Macht der Netzkonzerne mittlerweile deutlich über marktbeherrschende Positionen im kommerziellen Internet hinaus und weit in die Gesellschaft hinein – und ist gleichwohl nicht grenzenlos oder absolut. In derart turbulenten Umgebungen, wie sie für das (kommerzielle) Web typisch sind, können die Internetkonzerne nicht einfach ihre vorhandene Macht ausspielen, sondern müssen deren Grundlagen ständig neu justieren und an sich schnell verändernde Bedingungen anpassen. Sind sie dann, wenn es darauf ankommt, nicht adaptionsfähig, kann ihre Macht ebenso schnell erodieren wie wenn sie über Ressourcen verfügen, die keinen mehr interessieren.


Aus: "Die Macht im Netz" Ulrich Dolata (Ausgabe vom 24.11.2016, Seite 12)
Quelle: https://www.jungewelt.de/2016/11-24/053.php

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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« Reply #2 on: July 13, 2017, 10:22:46 AM »
Lovink studierte zunächst Politikwissenschaft an der Universität von Amsterdam, bevor er an der Universität Melbourne mit einer Arbeit über die „Dynamik der kritischen Internet-Kultur“ (Dynamics of critical internet culture) promoviert wurde. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Geert_Lovink

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[...] In den sozialen Medien manifestiert sich eine Verschiebung von den HTML-basierten Verlinkungspraktiken des offenen Webs zum Liken und Empfehlen innerhalb der geschlossenen Systeme. Die indirekte und oberflächliche ‚Like Economy‘ verhindert, dass ihre Nutzer verstehen, worum es im offenen Web eigentlich geht. Mit Info-Handlungen wie Befreunden, Liken, Empfehlen und Updaten führen die sozialen Medien neue Schichten unsichtbaren Codes zwischen einem selbst und den anderen ein. Das Ergebnis ist die programmierte Reduktion komplexer sozialer Beziehungen und eine Verflachung sozialer Welten (hier sehr gut von Zadie Smith beschrieben: http://www.nybooks.com/articles/2010/11/25/generation-why/), in der es nur noch ‚Freunde‘ gibt.

Google+ wurde als Antwort auf die Möglichkeiten dieser New-Age-Weltsicht ins Leben gerufen, für ein Programmieren ohne Antagonismen. Das ist der Widerspruch des demokratisierten Internets: während viele von der vereinfachten Technologie profitieren, leiden wir alle unter den Kosten genau dieser Einfachheit. Facebook ist gerade wegen seiner technischen und sozialen Einschränkungen beliebt.

... Während wir weiterhin offene Daten fordern, Open Source Browser nutzen und über Netzneutralität und Copyright streiten, sperren Walled Gardens wie Facebook die Welt der technologischen Entwicklung aus und entwickeln eine ‚Personalisierung‘, bei der Nachrichten außerhalb des eigenen Horizonts gar nicht mehr in die eigene Informationsökologie eindringen können. Ein anderer wichtiger Wendepunkt, der uns vom Web 2.0 zu den sozialen Medien brachte, war die Ankunft der Smartphones und Apps. Das Web 2.0 basierte immer noch ganz auf PCs. Die Rhetorik der sozialen Medien betont dagegen Mobilität: die Lieblings-Social-Media-Apps sind auf dem Handy installiert und werden immer mitgeführt, egal wo man gerade ist. Das Ergebnis ist Informationsüberflutung, Abhängigkeit und eine weitere Schließung des Internets, das nur mobile Echtzeit-Applikationen begünstigt und uns zunehmend in beschleunigte historische Energiefelder hineinzieht, wie die Finanzkrise, den arabischen Frühling und die Occupy-Bewegung.

Im Juli 2011 ging das auf die Alternativen zu den sozialen Medien ausgerichtete Forschungsnetzwerk Unlike Us an den Start, gegründet vom Institute of Network Cultures in Zusammenarbeit mit Korinna Patelis (damals Cyprus University of Technology, Limassol). Die Einführungsveranstaltung fand am 28. November 2011 auf Zypern statt. Es folgten eine zweieinhalbtägige Konferenz mit Workshops vom 2. bis 11. März 2012 in Amsterdam und eine weitere, noch ein Jahr später und ebenfalls in Amsterdam. 9 Im Februar 2013 kam der Unlike Us Reader raus, bald gefolgt von einer Sonderausgabe des Online-Journals First Monday. Die klassische Kampagne der Unlike-Us-Ära ist Europa vs. Facebook und wurde initiiert vom damaligen Wiener Jurastudenten Max Schrems.

Die Snowden-Enthüllungen im Juni 2013 hatten zu dieser Zeit einen starken Einfluss auf die Bemühungen, Alternativen zu den sozialen Medien zu fördern. Die Agenda der Geeks und Aktivisten erweiterte sich währenddessen drastisch, von individuellen Apps und Software-Initiativen bis zur Zukunft des Internets insgesamt. Dabei mussten die Alternativen nicht nur dezentralisiert und nicht-kommerziell, sondern von nun an auch mit kryptographischem Datenschutz auf allen Ebenen ausgestattet sein. Auf praktischer Ebene war das eigentlich mehr, als ein verstreuter Haufen von Hacktivisten, der von einem europäischen Zentrum für angewandte Forschung zusammengebracht wurde, bewältigen konnte. So traf sich die Unlike-Us-Gemeinde nach einiger Zeit nur noch in sporadischen, wenn auch interessanten Debatten auf der Mailingliste – ein deutliches Zeichen dafür, dass wir nie auch nur im Ansatz der Aussicht auf ein Verschwinden der sozialen Medien nahegekommen sind.

... Die Anziehungskraft kommerzieller Projekte wie Instagram (heute ein Tochterunternehmen von Facebook) und Snapchat hat die allgemeine Stellung der großen Player nicht geschwächt. Die meisten amerikanischen Social Media Start-ups hatten nichts gegen Risikokapital und ließen sich leicht in das altbekannte Geschäftsmodell von schnellem Wachstum, Überwachung und Auswertung ihrer Nutzerdaten zwingen. Dies war auch der Fall bei Ello, das mit seinem Anti-Werbungsprinzip einen vorübergehenden Hype als potentielle Facebook-Alternative auslöste: „Wir glauben, ein soziales Netzwerk kann ein Werkzeug der Ermächtigung sein. Kein Werkzeug zum Täuschen, Nötigen und Manipulieren, sondern ein Ort, um sich zu verbinden, etwas zu kreieren und das Leben zu feiern. Du bist kein Produkt.“ Immerhin hatte es ein gekonntes Design, ein Aspekt, dem die meisten Alternativen kaum Beachtung schenkten.

... Wir müssen uns durch das Digitale hindurcharbeiten; es gibt in diesem Fall nicht die sichere Position des Außenstehenden. Aber dies kann nur getan werden, wenn wir unsere Arbeit als politisches Projekt sehen und im Dialog mit der Politik. Oder wie Carlo es auf der Unlike Us-Liste formulierte: „Wir warten nicht mehr darauf, dass irgendwas von den Technikern kommt, denn das wäre wie Warten auf Godot.“

Anm.d.Red.: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Im Bann der Plattformen. Das Buch wird am 5. Juli 2017 um 19 Uhr in Zusammenarbeit mit der Berliner Gazette vorgestellt.

...


Aus: "Eine Welt jenseits von Facebook: Auf der Suche nach Alternativen zum digitalen Kapitalismus" Geert Lovink (03.07.2017)
Quelle: http://berlinergazette.de/welt-jenseits-von-facebook/

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« Reply #3 on: March 05, 2019, 01:30:56 PM »
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[...] STANDARD: Sie wähnen uns alle "auf dem Weg in die digitale Hölle". Warum das denn?

Türcke: Die große Internet-Utopie besagt ja: Es wird wunderbar sein, wenn wir endlich alle ständig miteinander verbunden sind. Die anderen sind dann immer da, man schaltet sie gewissermaßen ein, indem man sie direkt anspricht. So entsteht natürlich nicht globale Mitmenschlichkeit, sondern eine Art globales Callcenter, 24 Stunden am Tag – und das ist eine digitale Hölle.

STANDARD: Die Grundthese Ihres Buchs ist, dass die Digitalisierung eine neue Form der Vergesellschaftung bringt – eine neue Stammesgesellschaft. Wie sieht die aus?

Türcke: Der Begriff geht auf den Medientheoretiker Marshall McLuhan zurück. Er glaubte, dass nach der langen Epoche der Schrift, die die Menschheit wie ein Spaltpilz befallen und die Individuen vereinzelt habe, die ganze Welt durch elektronische Medien wieder verbunden und zu einer neuen Nähe direkten Sprechens und Hörens zusammenrücken würde, wie einst in der archaischen Stammeswelt. In dieser Vision sind auch immer alle da und zusammen. Die Menschheit wird zu einem globalen digitalen Stamm. Ja, sage ich, ein solcher Stamm ist im Entstehen. Nur bringt er nicht allgemeine zwischenmenschliche Nähe, sondern setzt unter den Druck ständiger Empfangs- und Sendebereitschaft. Wer da nicht mitmachen will, ist ausgeschlossen. Deswegen reden alle von Inklusion. Aus Angst vor dem Ausschluss beginnen sie das Eingeschlossensein für den erstrebenswertesten Zustand zu halten. Sie preisen es als Menschenrecht. Dahinter steht die Digitallogik. Außerhalb der Digitalität gibt es kaum mehr menschliche Lebensmöglichkeiten. Die gibt es nur noch in den Clans des digitalen Stamms.

STANDARD: Der Facebook-Clan, der Instagram- oder Twitter-Clan?

Türcke: Ganz genau – oder der Google-Clan. Diese Clans funktionieren wie archaische Schwärme oder Horden. Es gibt einen Schwarmsog. Wo die anderen hinschwärmen oder hingetrieben werden, da muss ich auch hin, sonst bin ich draußen.

STANDARD: Google und Facebook würden die Nutzerinnen und Nutzer nicht "knechten", schreiben Sie: "Sie saugen sie an. Doch damit machen sie sie abhängiger als jede politisch-militärische Gewalt." Wie überformen deren Funktionslogiken das Bewusstsein ihrer Stammesmitglieder alias Follower?

Türcke: Das Wort ansaugen sagt es schon: Es werden Suchtverhältnisse hergestellt. Stellen wir uns vor, Google oder Facebook sperrten einmal für 24 Stunden den Zugang. Was wäre die Folge? Angst, Panikattacken und Desorientierung größten Ausmaßes. Es haben sich suchtbasierte Gefolgschaften um diese Plattformen gebildet. Kritiker sagen, wir müssen die absolutistische Herrschaft von Google bekämpfen. Da fühlt sich Google nicht angesprochen. Die locken ihre Klientel ja mit universaler kostenloser Dienstbarkeit. Leute abhängig machen mit einem kostenlosen Dienst und dabei Milliarden verdienen: So ein geniales Geschäftsmodell hat es in der Geschichte noch nicht gegeben. Da wird durch Dienstbarkeit geherrscht. Hegels Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft ist auf neue Weise wieder aktuell. Die Herrschaft durch Dienstbarkeit, die eine suchtbasierte Abhängigkeit herstellt, ist gar nicht zu übertreffen. Da hat man die Leute innerlich am Gängelband, nicht durch äußere Unterdrückung.

STANDARD: Sie beschreiben die Suchmaschine Google ja in politischen Kategorien: "Praktiziert wird unablässige Basisdemokratie ohne res publica (öffentliche gemeinsame Angelegenheit) – ein Dauerplebiszit." Mit welchen Folgen für die reale Politik, die echte Demokratie?

Türcke: Es greift eine enorme Depolitisierung um sich. Die Politikverdrossenheit steigt extrem in einer Zeit, in der Politiker ständig mit einer enormen Staatsverschuldung konfrontiert sind. Ihr Gestaltungsraum schrumpft. Und dann kommen große Plattformen mit einem ungeheuren finanziellen Rückhalt und einer riesigen Attraktivität für ihre Nutzer und bieten den Staaten an: Wir übernehmen für euch ganze Ressorts, zum Beispiel die Bildungs- und Verkehrslogistik. Und wir machen das viel billiger als ihr. Das ist noch in den Anfängen, bahnt sich aber so drastisch an, dass man kein Prophet sein muss, um zu sehen, dass das die nähere Zukunft ist. In Deutschland wird gerade die Schulcloud eingerichtet. Die soll sämtliche Bildungsangebote enthalten, alle Auswertungsmechanismen, Feedbacks in Echtzeit, die die Schüler sofort überprüfen und ihnen gleich individuell zugeschnittene neue Aufgaben übermitteln. Die Schüler hängen als Reiz-Reaktions-Bündel am Tropf einer feinjustierten Bildungsmaschine. Das Lehrpersonal wird zum marginalen Begleiter. Eine private Firma übernimmt das Bildungsmanagement und nutzt alle dabei anfallenden Schüler- und Lehrerdaten. Grauenerregend und, wenn einmal etabliert, kaum mehr rückgängig zu machen.

STANDARD: Sie schreiben über die "Auflösung der Öffentlichkeit" durch die Durchdigitalisierung aller Lebensbereiche. Welche Auswirkungen hat das?

Türcke: Öffentlichkeit ist etwas Paradoxes: eine besondere Sphäre zur Artikulation von Allgemeinem. Sie artikuliert das, was alle angeht. Das kann sie gar nicht anders tun als repräsentativ. Öffentlichkeit hat stets etwas mit Fürsprache für andere zu tun, die sich nicht jederzeit artikulieren können. Fürsprecher und Repräsentanten, die für andere sprechen und sie repräsentieren sollen, sind tendenziell freilich immer auch Vormünder, die andere nicht zu Wort kommen lassen. In der Frühzeit des Internets glaubte man, das Vormundsproblem mit einem Schlag loswerden zu können. Jeder geht unmittelbar ins Netz. Da brauchen wir den ganzen Mist der Repräsentation nicht mehr.

STANDARD: Dieser "Mist" scheint aber doch nicht ganz verzichtbar.

Türcke: Ja, denn jener Cyberspace, jener nicht regierbare Raum, in dem sich jeder ohne jeden Repräsentanten vollkommen frei bewegen können soll, war nicht das Reich der Freiheit, wie die Internetpioniere in den 90er-Jahren glaubten, sondern ein neuer hochtechnologischer Dschungel. Schon nach kürzester Zeit musste man irgendeine Struktur in diesen Dschungel bringen. Die Suchmaschine Google und die Likemaschine Facebook haben das getan und dabei nichts Geringeres geschaffen als eine neue Weltordnung. In deren Koordinaten verläuft die globale Kommunikation. Nach deren Pfeife tanzt die Vergesellschaftung: die Bildung unterkomplexer, clanartiger Horden und Schwärme im Kraftfeld von Plattformen. Google und Facebook sind gewaltige neue Vormünder – ungleich beherrschender als die alten der repräsentativen demokratischen Öffentlichkeit. Und plötzlich stellt sich nicht mehr die Frage, wie stellen wir durch das Internet endlich Demokratie her, sondern wie schützen wir die Demokratie vor dem Internet?

STANDARD: Wie schützen wir die Demokratie denn vor dem Internet?

Türcke: Genauso wie man kleine Kinder vor alledem schützt: durch geringstmöglichen und wohldosierten Gebrauch. Man sollte die zahllosen Dinge, für die man keinen Computer braucht, auch weiterhin ohne diese Geräte machen. Es muss nicht gleich jedes Arbeitsblatt für die Schule digitalisiert werden.

STANDARD: In Summe ist Ihre Analyse schon etwas sehr kulturpessimistisch. Wo sehen Sie denn auch Positives an den Möglichkeiten der Digitalisierung?

Türcke: Ich habe diverse Lichtblicke aufgezählt: Wikipedia etwa oder all die Menschenrechtsaktivisten in diktatorischen Ländern, die mit ihren Blogs im Internetdschungel eine Nische finden, an die autoritäre Staaten schlecht rankommen. Die sind zwar unbedingt zu unterstützen, aber es sind lediglich Lichtblicke im Dschungel. Diese Verhältnismäßigkeit ist nicht zu vergessen. Leider können wir uns nicht einfach entscheiden, ob wir ein kommerzielles und brutales Internet wollen oder ein Internet der Vernunft, Transparenz und Demokratie. Wir haben keine Wahl zwischen zwei Internets. Der Dschungel bleibt.

STANDARD: Immerhin, Ihr Ausblick ist nachgerade revolutionär.

Türcke: Tatsächlich sehe ich im 3D-Druck ein Potenzial zur Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise. Was passiert, wenn diese Technik sich so entwickelt, dass alle neben einem PC auch einen PP (Personal Producer) hätten und sich die entscheidenden Gebrauchsgüter selbst herstellen könnten? Dann verfügten alle über Privateigentum an Produktionsmitteln. Die Produktionsmittel wären vergesellschaftet – nicht durch die Enteignung von Kapitalisten, sondern durch Zueignung an alle. Die Enteignung privater Firmen hat immer bloß zur Verstaatlichung geführt. Weiter ist der Sozialismus nie gekommen. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel würde hingegen den Weg zu einer neuen hochtechnologischen Selbstversorgungswirtschaft beschreiten. Die brächte zwar nicht sogleich das gute Leben, stünde aber nicht mehr unter kapitalistischem Expansionszwang. Und das wäre schon enorm viel. Ob es dazu kommt, wissen wir nicht. Aber die Perspektive ist da.

Christoph Türcke, geb. 1948, studierte Evangelische Theologie und wurde 1972 in Zürich zum Pfarrer ordiniert, danach Studium der Philosophie an der Universität Frankfurt, 1977 Promotion, von 1995 bis 2014 war er Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. -




Aus: ""Google und Facebook sind gewaltige Vormünder"" Lisa Nimmervoll (4.3.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000098892112/Philosoph-Christoph-Tuercke-Google-und-Facebook-sind-gewaltige-Vormuender

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Wienamasta

Autsch das tut weh.

Erinnert mich irgendwie an den Ausspruch einer alten chinesischen Adeligen in einem der Büchervon Pearl S. Buck: "Wozu brauchen wir einen Apparat, der die Worte unter dem Meer reisen lässt. (Telefon). Was hätten wir den Barbaren in jenen fernen Ländern zu sagen?!"


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Cisleithaner

Da steckt doch der Pfarrer im Philosophen! Böse Technik = Hölle. Erlöse uns der Herr aus den Fängen des satanischen Internets und denen des teuflischen Kapitalismus auch. O sancta simplicitas!


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angelo6

Da redet ein Blinder von der Farbe
Jede neue Technologie bietet neue Chancen und bringt neue Risken. Da muss man ansetzen und nicht an unrealistischen Vorstellungen von 3-D-Druckern !

/quote]

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hukunamatata

es ist schon traurig das Wissen der Welt liegt in unseren Händen und doch verblödet die Gesellschaft zusehens.
Als User sollte man nie vergessen das Google, Facebook und Co Unternehmen sind die Profit machen wollen und deshalb versuchen sie alles um den User so lange wie möglich auf ihren Seiten zu halten.
Sieht so aus als bräuchte das Internet eine neue Aufklärung, Kant 2.0 sozusagen.
‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘


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Re: [Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« Reply #4 on: April 10, 2019, 11:15:26 AM »
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[...]  Der Text wurde dem neuesten Heft der Fabrikzeitung über "Die neue Öffentlichkeit" entnommen. Die Fabrikzeitung ist ein Magazin für kulturelle, gesellschaftliche und politische Themen; sie wird durch das Kulturzentrum Rote Fabrik herausgegeben und erscheint seit 1984 zehn Mal jährlich. Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland berichten über die Hintergründe, die Nebenschauplätze, die Zusammenhänge des Zeitgeschehens und schaffen damit einen Raum für kritischen Diskurs. https://www.fabrikzeitung.ch/category/neue-oeffentlichkeit/#/
 ... Adrian Lobe hat in Tübingen, Paris und Heidelberg Politik- und Rechtswissenschaften studiert und arbeitet als freier Journalist. 2016 wurde er für seine Artikel über Datenschutz und Überwachung mit dem Preis des Forschungsnetzwerks Surveillance Studies ausgezeichnet. Für seinen Artikel "Wir haben sehr wohl etwas zu verbergen!" erhielt er 2017 den ersten Journalistenpreis der Stiftung Datenschutz. ...


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In der Mitte der 1990er Jahren war im Grundrauschen der Modems, die in Wohnzimmern und Büroräumen installiert waren, ein Revolutionsknistern zu vernehmen. Der Siegeszug des World Wide Web würde die Demokratisierung beschleunigen, er würde autoritäre Herrscher hinwegfegen, tradierte Institutionen überflüssig machen, Machenschaften ans grelle Licht der Öffentlichkeit zerren, die Welt zu einer "Placeless Society" (William Knoke) machen, für die Orte keine Rolle spielen. Futuristen und Akzelerationisten berauschten sich an der Geschwindigkeit der Bytes und Bits ebenso wie Kapitalisten. Die gegenkulturellen Netzaktivisten erträumten eine Cyberagora, einen elektronischen Marktplatz von Ideen, wo alle gleichberechtigt am Diskurs partizipieren können.

Der Internetpionier John Perry Barlow postulierte in seiner "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" im Jahr 1996: "Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen."

Dass diese Utopie herrschaftsfreien Diskurses im Netz eine Utopie bleiben würde, war selbst dem größten Optimisten klar. Auch der gerne idealisierte Speakers Corner, wo seit 140 Jahren die freie Rede kultiviert wird, war immer bloß ein Corner, eine Ecke der Debattierfreude, ein Schaukasten für besonders bunte Ideen, wo sich die demokratische Gesellschaft ihrer Werte vergewisserte, wohl wissend, dass die freie Rede in elitären Kreisen wie Eton oder Oxford auch von informellen und formellen Sprachregelungen eingeschränkt wird. Die brachiale Art und Weise, mit der diese Utopie einer elektronischen Agora (vorläufig) gescheitert ist, hat dann aber doch überrascht. Fake-News fluten das Netz, Hasskommentare verrohen den Diskurs, Trollfabriken manipulieren Wahlkämpfe, Hacker greifen Daten ab, Meinungsroboter torpedieren den politischen Diskurs, autoritäre Regime zensieren das Netz.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden die grüne Revolution im Iran (2009) sowie der Arabische Frühling (2011) als "Twitter-Revolution" bezeichnet. Die euphorischen Berichte von Journalisten, die in dem privaten Kurznachrichtendienst den Katalysator eines Demokratisierungsprozesses sehen wollten, wirken heute seltsam antiquiert. Die autoritären Herrscher fürchten das Internet schon lange nicht mehr, im Gegenteil, sie nutzen es als Instrument zur Überwachung und Unterdrückung. Der britische Physiker Tim Berners-Lee, der 1989 am CERN das World Wide Web erfand, stellte konsterniert fest, dass seine Schöpfung "kaputt" sei. Er will das Internet mit einem Open-Source-Projekt reparieren.

Die Diagnose, dass das Internet kaputt sei, greift etwas zu kurz, weil es "das" Internet nicht gibt und der ramponierte Zustand des World Wide Web im Zusammenhang mit den defekten Teilöffentlichkeiten steht: In den USA hat seit einigen Jahren, nicht zuletzt durch die Entwicklung des Internets, ein massives Zeitungssterben eingesetzt. Laut einer Studie der University of North Carolina mussten in den USA seit 2004 1800 Lokalzeitungen schließen. Wo Öffentlichkeit verschwindet, verschwinden auch der öffentliche Raum und seine Regeln.

 Auf der anderen Seite gibt es im Netz weiterhin intakte Formate wie Blogs oder Foren, die auch ohne Algorithmentechnik funktionieren. Die Wikipedia hat sich, trotz manch erbitterter Scharmützel seiner Editoren ("Edit Wars"), als erstaunlich robust gegen Fake-News und politische Manipulationsversuche erwiesen. Die Enzyklopädisten Diderot und d'Alembert hätten über das stiftungsfinanzierte Online-Lexikon und dessen kollaborativem Geist sicherlich gestaunt.

Nachdem die Blogosphäre einen leisen Tod starb, ist Wikipedia das letzte Relikt des Web 2.0 inmitten eines kommerzialisierten und durch Überwachungsstrukturen durchsetzten Internets, wo Tech-Konzerne wie Google oder Facebook durch die Ausforschung der Privatsphäre und personalisierte Werbung Milliarden verdienen. Doch auch dieses letzte genossenschaftlich bewirtschaftete Reservat droht in die korporativen Strukturen überführt zu werden. Tech-Konzerne wie Google, Facebook und Amazon nutzen Wikipedia-Beiträge zur Optimierung ihrer KI - und spenden dafür ein paar kümmerliche Millionen.

Die Google-Schwester Jigsaw etwa hat auf Grundlage von 115.000 Beiträgen auf Wikipedia-Diskussionsseiten ein Moderationstool (Perspective) entwickelt, das mithilfe maschinellen Lernens Hass-Postings und Trollereien erkennen soll. Der Algorithmus bewertet auf einer Skala von 0 bis 100 die Toxizität eines Beitrags. Die Frage ist nicht nur, ob Toxizität vielmehr eine Diskurskategorie aus autoritären Regimen ist, sondern auch, ob das Konzept der Commons nicht überstrapaziert wird, wenn sich profitorientierte Konzerne wie an einem Steinbruch an dem Wissensschatz bedienen. Was ist der Wert geistiger Arbeit, wenn Texte zu Trainingsdaten für geistlose künstliche Intelligenzen verkommen? Endgültig konterkariert, ja pervertiert würde der Commons-Gedanke, wenn mithilfe von Wikipedia-Diskussionen andernorts Diskussionsbeiträge gelöscht würden, die Editoren damit zu Handlangern der Zensur würden. Die großen Plattformen haben das partizipative Web gekapert. Es ist also genau das eingetreten, was die Vordenker des World Wide Web immer verhindern wollten: eine Zentralisierung, Monopolisierung und Vermachtung der Kommunikationsströme.

Die Netzöffentlichkeit wird heute von privaten Konzernen und ihren Algorithmen gelenkt. Egal, welchen Link man aufruft - man gelangt fast immer über Google, Facebook oder Twitter auf die Seite. Damit wächst den Konzernen eine beispiellose Gatekeeperfunktion zu. Als Google 2013 für ein paar Minuten offline war, brach der globale Internet-Traffic um 40 Prozent ein. Das zeigt, wie abhängig das Netz von zentralen Knotenpunkten ist. Wann immer die Konzerne an ihren Algorithmen drehen, hat dies Auswirkungen, nicht nur auf die Statik der Internet-Architektur, sondern auch auf politische Systeme. Der in der Provinz verankerte Protest der Gelbwestenbewegung in Frankreich ist mutmaßlich auf die Modifikation von Facebooks Newsfeed-Algorithmus im Januar 2018 zurückzuführen, der lokale Posts priorisiert. Dass in amerikanischen Rechenzentren die politische Agenda in Europa mitgesteuert wird, ist eine Entwicklung, die in der Diskussion über die politische Einflussnahme durch russische Trollfabriken gerne übersehen wird, jedoch die zunehmend schwächer werdende Selbstregulierungskapazität bürgerlicher Öffentlichkeiten indiziert.

Mit der Erosion der Schleusenwärterfunktion durch Algorithmen quillt immer mehr Müll an die Benutzerfläche. Plattformbetreiber wie Facebook oder YouTube beschäftigten auf den Philippinen einen digitalen Putztrupp, sogenannte Content-Moderatoren, die für ein paar Dollar am Tag den Unrat aus dem Netz beseitigen müssen: Sodomie, Kinderpornographie, Enthauptungsvideos und andere Grausamkeiten. Weil die "Cleaner" häufig traumatisiert sind, wollen Tech-Konzerne - gewissermaßen aus einem Gehlenschen Entlastungsgedanken heraus - Maschinen die Drecksarbeit übernehmen lassen. Schon heute prüfen automatisierte Systeme hochgeladene Videos. Doch der Mensch ist noch immer die billigere Sortiermaschine.

In den Richtlinien von YouTube heißt es: "Es dürfen keine gewalttätigen oder blutrünstigen Inhalte hochgeladen bzw. veröffentlicht werden, die vorrangig in schockierender oder effekthascherischer Art und Weise gestaltet sind bzw. grundlose Gewalt darstellen." Was jedoch den Tatbestand der "grundlosen Gewalt" erfüllt (auch Actionfilme?), ist nicht Auslegungssache, also Gegenstand einer diskursiven Praxis, sondern das Resultat mathematischer Rechenoperationen. Wenn der Objekterkennungsalgorithmus in einer Videosequenz drei Waffen identifiziert, könnte das System die Inhalte als nichtzeigenswürdig melden. Außerhalb der Determinismen gibt es gar keine Wahrheit mehr. Die algorithmischen Wertungen ("Dieses Video wurde entfernt") kommen mit einem Absolutheitsanspruch daher, als bedürfte es gar keiner Diskussion mehr, als wäre der Sachverhalt von höchstrichterlicher Instanz entschieden. Die Maschine hat gesprochen, Ende der Debatte.

Wie stupide diese Filtertechniken operieren, demonstrierte der australische Musik-Dozent Sebastian Tomaczak: Er lud auf YouTube ein Video hoch, das zehn Stunden lang nichts anderes als ein monotones Rauschen und ein graues Muster wie beim Sendeschluss zeigte. Man kann dies als performativen Kunstakt interpretieren, der die Monotonie der Plattform auf eine Metaebene hebt. YouTubes automatisiertes Content-ID-System identifizierte in dem Material jedoch fünf Urheberrechtsverstöße. Dass in diesen kybernetischen Kontrollschleifen auch Satire hängenbleibt und aussortiert wird und darin eine kulturelle Verachtung zum Ausdruck kommt, ist evident. Doch angesichts der 400 Stunden Videomaterial, die pro Minute (!) auf YouTube hochgeladen werden, bleibt der Plattform gar nichts anderes übrig, als den großen Kehricht zu schwingen und seine Kriterien restriktiv auszulegen.

Die Entfesselung der Informationen, die die von den fortschrittsoptimistischen Netzaktivisten immer herbeigesehnt wurde, führt paradoxerweise zu einer neuen Formen- und Sittenstrenge, einer Restauration von Autoritäten, die mit opaken, von der allgemeinen Öffentlichkeit nicht überprüfbaren Formeln die Meinungsströme lenken und mit der algorithmischen Zertifizierung die Grenzen des Sagbaren festzurren. Dieser technische Rigorismus paart sich dabei mit einer Sozialmoral, die erst auf den zweiten Blick deutlich wird: Facebook, das wiederholt Darstellungen von Nacktheit - etwa das "Napalm-Mädchen" oder die Neptun-Statue - aus Rücksicht auf religiöse Minderheiten gelöscht hat, weist in seinen "Gemeinschaftsstandards" explizit darauf hin, dass anstößige und taktlose Inhalte unerwünscht seien. Die Privatisierung und Technisierung meinungsbildender Prozesse und die damit einhergehende Delegation von Wertentscheidungen an Programmierer und Algorithmen führt letztlich zu einer Entmündigung bzw. Bevormundung liberaler Gesellschaften.

Der ehemalige Google-Chef und aktuelle CEO der Mutterholding Alphabet, Eric Schmidt, sagte einmal: "Wir sind sehr gut darin zu erkennen, was am meisten und wenigsten relevant ist. Es sollte für Computer möglich sein, bösartige, irreführende und inkorrekte Informationen zu detektieren und sie nicht sehen lassen. Wir reden hier nicht einer Zensur das Wort, wir argumentieren, es von der Seite herunterzunehmen, es woanders hinzutun und schwerer auffindbar zu machen." Die Gefahr ist, dass über die Installation von Filtertechniken eine klinisch reine Diskursarena erzeugt wird, wo das wie auch immer definierte Böse, Irreführende und Verstörende schon gar nicht mehr auftaucht, sondern nur noch Gefälliges.

Forderungen nach mehr Transparenz tritt Google mit der Schutzbehauptung entgegen, dass die Offenlegung seines Suchalgorithmus eine Einladung an Spammer wäre und in einem informationellen Kollaps resultieren würde. Suchmaschinenoptimierer könnten Werbung an erster Stelle platzieren, Krypto-Anarchisten Google-Dummys kreieren. Der Nutzer würde nichts mehr finden. Die digitale Gesellschaft hat also mit dem verstörenden Umstand zu leben, dass die Ordnung von Informationen nur durch ihren eigenen Black-Box-Charakter aufrechterhalten werden kann. Anders gewendet: Die Informierung der Öffentlichkeit funktioniert nur dann, wenn das Sicherheitsdispositiv im Verborgenen bleibt. Man könnte dies dialektisch als antiaufklärerische Aufklärung begreifen, als eine Art "embedded public", das nur noch durch die Sehschlitze automatisierter Systeme blickt.

Wie die Entwicklung weitergehen wird, ob sich abseits der Plattformen kritische Gegenöffentlichkeiten konstituieren, auf denen sich subversiver Protest organisieren lässt, wird abzuwarten sein. Mit Blick auf China ist jedoch anzunehmen, dass sich das zunehmend autoritär regulierte Web immer mehr von den anfänglichen Netzutopien entfernt.


Aus: "Die Plattformen haben das partizipative Web gekapert" Adrian Lobe (08. April 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Die-Plattformen-haben-das-partizipative-Web-gekapert-4365432.html


Quote
     Steinmerkel, 08.04.2019 16:49

Guter Witz

" Die Wikipedia hat sich, trotz manch erbitterter Scharmützel seiner Editoren ("Edit Wars"), als erstaunlich robust gegen Fake-News und politische Manipulationsversuche erwiesen. "

Lächerlich. Unterirdisch. Uninformiert. Verblendet.


Quote
     DasWoelfchen, 08.04.2019 21:54

Lediglich die Verschiebung der Deutungshoheit

Früher waren die Journalisten die Torwächter - was nicht bei "heute", "Tagesschau", "FAZ" oder "Bild" sichtbar war, existierte einfach nicht.

Hier wurde gefiltert und redigiert was das Zeug hielt und später - nach Einzug des Privatfernsehens - auch durch geschickte Auswahl der Teilnehmer in Talkshows das politische Terrain geebnet, um dem Publikum "alternativlose Wahrheiten" verkaufen zu können. ... Heute entscheiden Konzernstrategen und maschinelle Filter bei den großen Internetfirmen, was die Nutzer von den tatsächlich generierten Inhalten auch wirklich zu sehen bekommen. Nicht umsonst klagen die großen Verlagshäuser und Fernsehanstalten über den eklatanten Verlust ihrer Meinungsführerschaft und setzen Himmel und Hölle in Bewegung, diese "gute alte Zeit" wiederauferstehen zu lassen.

... Die Methoden und Verfahren - ja sogar die zugrunde liegende Agenden - mögen sich ändern, aber gefiltert, gesteuert und aussortiert wird heute genauso wie vor 40 Jahren. Das einzige was sich geändert haben mag ist die Tatsache, dass sich eine immer größer werdende Anzahl von Menschen dieser Manipulation bewusst wird.


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