Author Topic: [Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]  (Read 624 times)

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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« on: November 24, 2016, 04:16:20 PM »
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[...] Es war einmal im Jahr 1969, als Computer an vier Universitäten in den USA ein paar einfache Textnachrichten austauschten – und so das Internet entstanden ist. Ein dezentrales und gleichrangiges Netzwerk aus allen angeschlossenen Computern, das offen und frei sein sollte. Denn die Idee war, dass alle Nutzer das Internet mitgestalten können – anfangs unter der Voraussetzung, dass man über kostenintensive Technik und gute Programmierkenntnisse verfügte, um am neuen Medium teilhaben zu können.
Für die breite Bevölkerung wurde das Internet in den 1990er Jahren verfügbar, denn private Provider versorgten immer mehr Haushalte mit Internetanschlüssen. Damals begann die kommerzielle Phase des Internet, weil dessen wirtschaftliche Bedeutung zunahm: Unternehmen aus der Offline-Welt verkauften ihre Produkte und Dienstleistungen auch im Netz.
Schließlich entstanden reine Online-Firmen, die digitale Güter und Dienste anboten, ohne genügend Gewinn zu machen – eine Entwicklung, die an der Börse zum Platzen der sogenannten Dotcom-Blase führte. Das war im Jahr 2000. Danach konnte das digitale Zeitalter anbrechen, das
allgemein dadurch definiert ist, dass weltweit mehr Informationen digital als analog gespeichert sind. Und im neuen Jahrhundert schien das Internet auf eine alte Idee zurückzugreifen: Im Web 2.0 können alle mitmachen – dank günstiger Endgeräte und ohne Programmierkenntnisse zu haben. Die Nutzer konnten so zugleich Konsument und Produzent mit einem eigenen Publikum werden. Mittlerweile werden für dieses Konsumieren und Produzieren im Internet nur einige wenige Angebote genutzt – aus verschiedenen Gründen. So beherrschen zunehmend Digitalkonzerne das
Internet, ... [Google], auch das soziale Netzwerk Facebook und der Onlinehändler Amazon gehören zu den Digitalkonzernen, die das Internet dominieren. Zusammen sind diese vier so viel wert wie alle 30 Unternehmen im Deutschen Aktien Index (DAX).
Apple, Amazon, Google und Facebook sind privatwirtschaftliche Unternehmen mit dem Ziel, einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Das ist eventuell nicht jedem Internetnutzer bewusst, denn besonders Google und Facebook sind für private User schon immer kostenlos gewesen und werden deshalb nicht immer mit einem gewinnorientierten Unternehmen assoziiert. Prinzipiell besetzen die genannten Digitalkonzerne verschiedene Segmente im Internet, aber beschränkten sich Nutzer auf die Angebote von Apple, Amazon, Google und Facebook, würde ihnen online vermutlich nicht viel fehlen. Ohnehin sind die Marktanteile und Nutzungszeiten für die einzelnen Digitalkonzerne sehr hoch. Aus diesem Grund haben die Unternehmen nicht nur eine wirtschaftliche Macht, sondern auch gesellschaftlichen Einfluss, weil sie im Internet auch eine Gatekeeper Funktion besetzen und somit beeinflussen, welche Inhalte bei den Nutzern auf den Bildschirmen angezeigt werden. Bisher hatten vor allem Medienmacher wie Journalisten diese Funktion inne, indem sie nach journalistischen und ethischen Kriterien entschieden, welche Nachrichten in die Medien und somit zum Konsumenten gelangen. Heute sind es geheime Algorithmen, die diese Entscheidungen treffen – vermutlich nicht immer nach dem Grundsatz, allgemein und ausgewogen zu informieren. Markus Beckedahl, der Initiator von netzpolitik.org, spricht von privatisierten Öffentlichkeiten, weil Kommunikation und Konsum im Internet mittels einiger weniger Digitalkonzerne stattfinden, „wo nicht unbedingt die Grundrechte gelten, sondern die allgemeinen Geschäftsbedingungen“, so Beckedahl beim Social Community Day im Oktober 2014. Die einzelnen Digitalkonzerne sind moderne Oligarchen im Internet – aus mehreren Gründen: Die Produkte und Dienstleistungen sind bei den Nutzern beliebt und komfortabel handzuhaben, zugleich bieten aber geschlossene Geschäftsmodelle und beseitigte Konkurrenz kaum noch Alternativen. Die Konkurrenz kaufen Ständig verändert sich das Internet und auch die Marktmacht der Digitalkonzerne ist nicht dauerhaft garantiert. Denn es entstehen immer wieder innovative Online-Dienste, welche den etablierten Unternehmen langfristig die Marktherrschaft streitig machen könnten. Aber diese aktuell dominierenden Digitalkonzerne verfügen über die nötigen finanziellen Mittel, um sich der Konkurrenz zu entledigen. Das kann durch zwei Methoden geschehen: Entweder werden potenzielle Mitbewerber für viel Geld gekauft und ins eigene Portfolio der Digitalkonzerne übernommen oder durch sehr günstige Preise der eigenen Produkte und Dienste aus dem Markt gedrängt. Den bisher teuersten Kauf hat Facebook getätigt, das im Februar 2014 rund 19 Milliarden Dollar für die beliebte und vielgenutzte Messenger-App WhatsApp bezahlte. Zuvor ist schon die mobile Foto-App Instagram für nur eine Milliarde Dollar im Einkaufswagen von Facebook gelandet. Somit hat das Unternehmen innerhalb von zwei Jahren die sozialen Netzwerke übernommen, zu denen die Nutzer am häufigsten gewechselt sind. Obwohl Google als Suchmaschine nahezu konkurrenzlos ist, fällt auch dieser Digitalkonzern durch viele Einkäufe auf, einerseits von Internetfirmen und andererseits von Technologiefirmen, die zu künstlicher Intelligenz, Robotik und Automatisierung arbeiten. Diese Akquisitionen weisen in die Zukunft von Google, ein Digitalkonzern, der auch das Internet der Dinge dominieren und umfangreiche Daten der Nutzer sammeln möchte. In einem Online-Artikel für „businessinsider“ schreibt Dave Smith, dass Google seit 2001 insgesamt 163 Firmen gekauft hat (Stand: August 2014). Denn schon lange ist das Unternehmen mehr als eine Suchmaschine und vereint derzeit 40 verschiedene Dienste für Privatnutzer – darunter auch das soziale Netzwerk Google+ und die Videoplattform Youtube. Dass zunehmend die Konkurrenz für die etablierten
Digitalkonzerne fehlt, zeigen Daten, die von Wikipedia ermittelt wurden: Seit 2011 hat pro Jahr nur eine neue Suchmaschine den Internet-Markt betreten. Seit der Google-Gründung im Jahr 1998 bis einschließlich 2010 sind es im Durchschnitt noch vier neue Suchmaschinen pro Jahr gewesen. ... Die fehlende Konkurrenz festigt die Position der Digitalkonzerne als moderne Oligarchen im Internet – mit der bestehenden Gefahr, in Zukunft zu Monopolisten zu werden. Wenn Internetnutzer nur die Wahl zwischen den Angeboten einiger weniger Digitalkonzerne haben, dann wird die Vielfalt zunehmend eingeschränkt. Unter diesen Umständen ist das Internet nicht mehr frei und offen, sondern wird von den privatwirtschaftlichen Zielen
der Digitalkonzerne beeinflusst oder sogar bestimmt.  ...

In der Filterblase - Die dominierende Position von Google und Facebook im Internet ist für die freie Meinungsbildung und Meinungsäußerung kritisch, weil beide Digitalkonzerne auch zu den wichtigen Quellen für Informationen, Meinungen und aktuelle Nachrichten gehören,
die Suchergebnisse und Statusmeldungen aber gefiltert werden. Basierend auf den gesammelten Daten der einzelnen Nutzer und deren Online-Verhalten entscheiden Algorithmen, welche Treffer bei Google und welche Statusmeldungen bei Facebook bedeutsam genug sind, um angezeigt zu werden.
Einerseits geraten die Nutzer in eine Filterblase, in welcher nur noch Informationen und Meinungen sichtbar werden, die zum eigenen Online-Verhalten passen. Andererseits stellt sich die Frage, ob die Algorithmen so funktionieren, dass die besten Ergebnisse für die Nutzer angezeigt werden oder dass der zugehörige Digitalkonzern optimale wirtschaftliche Ergebnisse erzielt. Denn Google und Facebook finanzieren
sich vorwiegend über zugeschnittene Werbeanzeigen. Wenn Digitalkonzerne als Quellen fungieren, im Zweifel aber für den eigenen wirtschaftlichen Erfolg arbeiten, kann es zu einer Art von Zensur kommen. Denn die Kriterien, nach denen Google und Facebook entscheiden, sind nicht öffentlich bekannt. Somit besteht grundsätzlich die Möglichkeit, die Algorithmen zu manipulieren. Beispiele sind die Ice Bucket Challenge und Proteste in der US-Stadt Ferguson, die im Sommer 2014 fast gleichzeitig stattgefunden haben. Bei der Ice Bucket Challenge handelte es sich um eine Aktion, bei der Menschen entweder für die Erforschung einer Nervenkrankheit spenden oder sich einen Eimer mit eiskaltem Wasser über den Kopf schütten und das Video in sozialen Netzwerken veröffentlichen sollten. In Ferguson in den USA ist es zu teilweise gewaltsamen Protesten gegen Rassismus
gekommen, nachdem ein Polizist ohne Not einen afroamerikanischen Jugendlichen erschossen hatte. Ein Vergleich zwischen Facebook und Twitter hat gezeigt, dass diese Themen bei Facebook mehr oder weniger sichtbar waren, weil die Algorithmen nicht ausreichend auf aktuelle Ereignisse reagieren. So sind die unterhaltsamen Videos der Ice Bucket Challenge mehr im Fokus des Neuigkeiten-Stroms bei Facebook gewesen als Nachrichten aus Ferguson. Ein umgekehrter Eindruck hat sich bei Twitter ergeben, ein soziales Netzwerk, das neue Meldungen ungefiltert und in chronologischer Reihenfolge anzeigt. Somit wurden dort die Ferguson-Proteste stärker wahrgenommen als die Ice Bucket Challenge. Dass Facebook auch Stimmung und Verhalten manipulieren kann, haben in der Vergangenheit verschiedene Experimente gezeigt, bei denen die Nutzer des sozialen Netzwerks nicht wussten, dass sie als Testpersonen beteiligt sind. Ein Experiment in den USA hat ergeben, dass über das soziale Netzwerk die Wahrscheinlichkeit erhöht werden kann, wählen zu gehen. Die Testpersonen konnten am Tag der Präsidenten-Wahl einen „Ich habe gewählt“-Button anklicken. Haben Facebook-Nutzer diese Aussage gemeinsam mit Profil-Fotos der Freunde erhalten, ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass auch diese Menschen tatsächlich ihre Stimme abgeben.
Im Sommer 2014 wurde bekannt, dass Facebook bei etwa 310.000 Nutzern vor allem positive oder negative Statusmeldungen im Neuigkeiten-Strom angezeigt hat und sich diese Auswahl tatsächlich auf die Stimmung der Testpersonen ausgewirkt hat. ...


Aus: "IM BLICKPUNKT: Das Internet der Konzerne" Christina Quast (November 2014)
Quelle: http://imblickpunkt.grimme-institut.de/wp/wp-content/uploads/2016/03/IB-Internet-der-Konzerne.pdf
« Last Edit: November 24, 2016, 04:18:55 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« Reply #1 on: November 24, 2016, 04:18:30 PM »
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[...] Dadurch, dass die Internetkonzerne infrastrukturelle Grundlagen des Netzes entwickeln und anbieten sowie als Gatekeeper fungieren, die die wesentlichen Zugänge zum Web zur Verfügung stellen, werden sie zu Akteuren, die das Onlineerlebnis individueller Nutzer und Kollektive strukturieren, Rahmenbedingungen für ihre Bewegung vorgeben und dadurch auch das auf ihren Angeboten basierende Verhalten und Handeln mitprägen. Als auch gesellschaftspolitisch ausgesprochen sendungsbewusste Unternehmen strukturieren und prägen sie weite Teile des privaten und öffentlichen Lebens im Web.

Mit all dem reicht die Macht der Netzkonzerne mittlerweile deutlich über marktbeherrschende Positionen im kommerziellen Internet hinaus und weit in die Gesellschaft hinein – und ist gleichwohl nicht grenzenlos oder absolut. In derart turbulenten Umgebungen, wie sie für das (kommerzielle) Web typisch sind, können die Internetkonzerne nicht einfach ihre vorhandene Macht ausspielen, sondern müssen deren Grundlagen ständig neu justieren und an sich schnell verändernde Bedingungen anpassen. Sind sie dann, wenn es darauf ankommt, nicht adaptionsfähig, kann ihre Macht ebenso schnell erodieren wie wenn sie über Ressourcen verfügen, die keinen mehr interessieren.


Aus: "Die Macht im Netz" Ulrich Dolata (Ausgabe vom 24.11.2016, Seite 12)
Quelle: https://www.jungewelt.de/2016/11-24/053.php

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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« Reply #2 on: July 13, 2017, 10:22:46 AM »
Lovink studierte zunächst Politikwissenschaft an der Universität von Amsterdam, bevor er an der Universität Melbourne mit einer Arbeit über die „Dynamik der kritischen Internet-Kultur“ (Dynamics of critical internet culture) promoviert wurde. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Geert_Lovink

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[...] In den sozialen Medien manifestiert sich eine Verschiebung von den HTML-basierten Verlinkungspraktiken des offenen Webs zum Liken und Empfehlen innerhalb der geschlossenen Systeme. Die indirekte und oberflächliche ‚Like Economy‘ verhindert, dass ihre Nutzer verstehen, worum es im offenen Web eigentlich geht. Mit Info-Handlungen wie Befreunden, Liken, Empfehlen und Updaten führen die sozialen Medien neue Schichten unsichtbaren Codes zwischen einem selbst und den anderen ein. Das Ergebnis ist die programmierte Reduktion komplexer sozialer Beziehungen und eine Verflachung sozialer Welten (hier sehr gut von Zadie Smith beschrieben: http://www.nybooks.com/articles/2010/11/25/generation-why/), in der es nur noch ‚Freunde‘ gibt.

Google+ wurde als Antwort auf die Möglichkeiten dieser New-Age-Weltsicht ins Leben gerufen, für ein Programmieren ohne Antagonismen. Das ist der Widerspruch des demokratisierten Internets: während viele von der vereinfachten Technologie profitieren, leiden wir alle unter den Kosten genau dieser Einfachheit. Facebook ist gerade wegen seiner technischen und sozialen Einschränkungen beliebt.

... Während wir weiterhin offene Daten fordern, Open Source Browser nutzen und über Netzneutralität und Copyright streiten, sperren Walled Gardens wie Facebook die Welt der technologischen Entwicklung aus und entwickeln eine ‚Personalisierung‘, bei der Nachrichten außerhalb des eigenen Horizonts gar nicht mehr in die eigene Informationsökologie eindringen können. Ein anderer wichtiger Wendepunkt, der uns vom Web 2.0 zu den sozialen Medien brachte, war die Ankunft der Smartphones und Apps. Das Web 2.0 basierte immer noch ganz auf PCs. Die Rhetorik der sozialen Medien betont dagegen Mobilität: die Lieblings-Social-Media-Apps sind auf dem Handy installiert und werden immer mitgeführt, egal wo man gerade ist. Das Ergebnis ist Informationsüberflutung, Abhängigkeit und eine weitere Schließung des Internets, das nur mobile Echtzeit-Applikationen begünstigt und uns zunehmend in beschleunigte historische Energiefelder hineinzieht, wie die Finanzkrise, den arabischen Frühling und die Occupy-Bewegung.

Im Juli 2011 ging das auf die Alternativen zu den sozialen Medien ausgerichtete Forschungsnetzwerk Unlike Us an den Start, gegründet vom Institute of Network Cultures in Zusammenarbeit mit Korinna Patelis (damals Cyprus University of Technology, Limassol). Die Einführungsveranstaltung fand am 28. November 2011 auf Zypern statt. Es folgten eine zweieinhalbtägige Konferenz mit Workshops vom 2. bis 11. März 2012 in Amsterdam und eine weitere, noch ein Jahr später und ebenfalls in Amsterdam. 9 Im Februar 2013 kam der Unlike Us Reader raus, bald gefolgt von einer Sonderausgabe des Online-Journals First Monday. Die klassische Kampagne der Unlike-Us-Ära ist Europa vs. Facebook und wurde initiiert vom damaligen Wiener Jurastudenten Max Schrems.

Die Snowden-Enthüllungen im Juni 2013 hatten zu dieser Zeit einen starken Einfluss auf die Bemühungen, Alternativen zu den sozialen Medien zu fördern. Die Agenda der Geeks und Aktivisten erweiterte sich währenddessen drastisch, von individuellen Apps und Software-Initiativen bis zur Zukunft des Internets insgesamt. Dabei mussten die Alternativen nicht nur dezentralisiert und nicht-kommerziell, sondern von nun an auch mit kryptographischem Datenschutz auf allen Ebenen ausgestattet sein. Auf praktischer Ebene war das eigentlich mehr, als ein verstreuter Haufen von Hacktivisten, der von einem europäischen Zentrum für angewandte Forschung zusammengebracht wurde, bewältigen konnte. So traf sich die Unlike-Us-Gemeinde nach einiger Zeit nur noch in sporadischen, wenn auch interessanten Debatten auf der Mailingliste – ein deutliches Zeichen dafür, dass wir nie auch nur im Ansatz der Aussicht auf ein Verschwinden der sozialen Medien nahegekommen sind.

... Die Anziehungskraft kommerzieller Projekte wie Instagram (heute ein Tochterunternehmen von Facebook) und Snapchat hat die allgemeine Stellung der großen Player nicht geschwächt. Die meisten amerikanischen Social Media Start-ups hatten nichts gegen Risikokapital und ließen sich leicht in das altbekannte Geschäftsmodell von schnellem Wachstum, Überwachung und Auswertung ihrer Nutzerdaten zwingen. Dies war auch der Fall bei Ello, das mit seinem Anti-Werbungsprinzip einen vorübergehenden Hype als potentielle Facebook-Alternative auslöste: „Wir glauben, ein soziales Netzwerk kann ein Werkzeug der Ermächtigung sein. Kein Werkzeug zum Täuschen, Nötigen und Manipulieren, sondern ein Ort, um sich zu verbinden, etwas zu kreieren und das Leben zu feiern. Du bist kein Produkt.“ Immerhin hatte es ein gekonntes Design, ein Aspekt, dem die meisten Alternativen kaum Beachtung schenkten.

... Wir müssen uns durch das Digitale hindurcharbeiten; es gibt in diesem Fall nicht die sichere Position des Außenstehenden. Aber dies kann nur getan werden, wenn wir unsere Arbeit als politisches Projekt sehen und im Dialog mit der Politik. Oder wie Carlo es auf der Unlike Us-Liste formulierte: „Wir warten nicht mehr darauf, dass irgendwas von den Technikern kommt, denn das wäre wie Warten auf Godot.“

Anm.d.Red.: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Im Bann der Plattformen. Das Buch wird am 5. Juli 2017 um 19 Uhr in Zusammenarbeit mit der Berliner Gazette vorgestellt.

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Aus: "Eine Welt jenseits von Facebook: Auf der Suche nach Alternativen zum digitalen Kapitalismus" Geert Lovink (03.07.2017)
Quelle: http://berlinergazette.de/welt-jenseits-von-facebook/