Author Topic: [Subkultur (Notizen) ... ]  (Read 1535 times)

0 Members and 1 Guest are viewing this topic.

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Subkultur (Notizen) ... ]
« on: October 04, 2016, 09:28:15 AM »
Subkultur ist eine soziologische Bezeichnung für die mehr oder weniger abweichende Kultur der Teilgruppe einer Gesellschaft. Der Grad der Abweichung reicht von bloßen Modifikationen bis zu ausdrücklichen Gegenpositionen. Ursprünglich wurde der Begriff Subkultur im Rahmen der Kriminalsoziologie verwendet. Inzwischen wird er allgemeiner für die Bezeichnung unterschiedlicher Lebensstile gebraucht. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Subkultur (10/2016)

---

Quote
[...] Vor den Fünfzigerjahren gab es in Großbritannien Teenager als eigenständige Konsumentengruppe nicht, sie wurden entweder als Kinder oder Erwachsene eingestuft. Sie hörten die gleiche Musik, sahen die gleichen Programme, kauften die gleiche Kleidung wie die Elterngeneration. Aber nach dem 2.Weltkrieg kam es im Zuge einer allgemeinen Prosperität zu einer Auflösung der Arbeiterklasse, wie sie vor dem Krieg existiert hatte. Seit den frühen Fünfzigerjahren bekamen Schulabgänger bessere Löhne bezahlt. Da die meisten noch zu Hause wohnten und einiges Geld übrig hatten wurden sie zu einem idealen Objekt des Marktgeschehens.

Und nachdem England die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft und die Ratenzahlung eingeführt hatte, konnte ein eigener Markt für Teenager entstehen. Die Teds (oder Teddie-Boys) entdeckten nicht nur mit dem Rockn’ Roll neuen Grund. Sie führten den Teenager als eine relevante Konsumentengruppe ein und kreierten dabei eine Mode, die in ihren Ursprüngen aus der Arbeiterklasse (edwardianische Jackets, Röhrenhosen und Schmiere in den Haaren) kam. Außerdem machten sie es erstmals männlichen Teenagern aus der Arbeiterklasse möglich, sich nur um des Vergnügens willen herauszuputzen.

Die zweite Erscheinung solcher Art von Jugendkultur waren seit den späten 50ern in England die Mods. Dies war ebenfalls eine Subkultur aus der Arbeiterklasse, jedoch mit bürgerlichen Einflüssen, welche dandyhaft übersteigert wurden. Die Mods (oder Modernists, weil sie Modern Jazz hörten) stellten bis in die Mittsechzigerjahre in England die maßgebliche Jugendkultur dar und sind hierzulande in ihrer eher unsubtilen Variante aus dem Film „Quadrophenia“ bekannt. Anders als die Teds hoben sie sich von dem gewöhnlichen ästhetischen Bewusstsein nicht auf provozierende Weise ab, sondern hoben sich stattdessen sorgfältig heraus.Wichtiger als aufzufallen waren kleine Details, die nur der Eingeweihte als solche erkennen konnte. Laut Pete Townshend, dem Songschreiber der Klischee- Mod-Band-Nr. 1, The Who, waren die ersten Modernists junge jüdische Stricher, welche ihr Geld zwischen ihren Diensten für maßgeschneiderte Kleidung ausgaben, weswegen vielleicht die Geschlechterrollen der Mods stets schon loser waren als in anderen Subkulturen bzw. im Grunde genommen tatsächlich das Gegenteil herkömmlicher Geschlechterrollen darstellen.

... Als gegenläufige Komplementärerscheinung gab es die Rocker, die in Mode, Musik und (Macho-)Gebaren die Traditionslinie der Teddy-Boys fortführten und in der Öffentlichkeit deutlicher als „Gegenkultur“ wahrnehmbar waren. Ab 1966 spaltete sich die Mod- Bewegung in die eher der Gewalt zugeneigten „Hardmods“, welche den proletarischen und männlichen Stil betonten, und die in Sachen Drogen besonders experimentierfreudigen „Psychedelics“ aus welchen die englische Variante der Hippies erwuchs. Die Skinheadbewegung (die nicht per se rassistisch ist) entstand 1969 als Mischung aus den Hardmods und dem dunkelhäutigen Mod-Ableger, den „Rude Boys“, die Kinder von Auswanderern hauptsächlich aus Jamaika waren. Besonders androgyn war hingegen das Auftreten der Jünger des Glam-Rock, welche die Musik von David Bowie und T. Rex hörten und durch aufsehenerregende Kostüme, üppiges Make-up und die besonders akzentuierten Überschreitung von traditionellem Verhalten auffielen.

... Diese kurze historische Ausführung, welche die Entwicklung jugendlicher Subkulturen in England bis zum Jahre 1970 skizziert, sollte genügen, um zu zeigen, wie paradox und vielschichtig jugendliche Subkulturen im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung sind.

... Seit ihrem Auftauchen sind die klassischen jugendlichen Subkulturen im Guten wie im Schlechten stets Vorboten sozialer und gesellschaftlicher Umbrüche gewesen. Und dies nicht nur, weil die Zeit der Jugend seit dem Rock’n Roll und den Krawallen in den 50er Jahren nicht mehr wie vormals als eine Art Einübung in das Erwachsenenleben verstanden wird, das elementar mit dem Erlernen eines Berufes, von Sitten und Gebräuchen und gesellschaftlichen Konventionen sowie dem Erwerb von Respekt und Anerkennung von Seiten der Eltern und der Institutionen zusammenhängt, sondern genau das Gegenteil davon – den Bruch mit der Erwachsenenwelt darstellt. Jugendliche Subkulturen können Gradmesser für bevorstehende oder statthabende Veränderungen der Gesellschaft sein, die sich (noch) im Kleinen präsentieren. Dabei ist das „Kleine“ durchaus wörtlich zu nehmen, denn gefochten wird im subkulturellen Mikrokosmos entgegen dem Klischee in der Öffentlichkeit, welche Jugendkulturen z. B. aufgrund außerordentlicher Haartracht wahrnimmt, wesentlich um Details, die den Außenstehenden verschlossen bleiben. Dinge des Alltagslebens werden neuartig interpretiert und kombiniert, in Musik, Mode und Gebaren neu umgesetzt, es geht um Veränderungen im juvenilen Habitus, und die Gefechtslinie dieser Auseinandersetzungen sind Alltag, Konsum und Freizeit, welche die Subkulturen als wesentliche Wirkungsfelder ihrer genuinen Form von Subversion entdeck haben: „Das Paradoxe an der Freizeitfunktion des Rockn’ Roll, die Wirkung seiner umfassenden Intensivierung des Gefühls, bestand darin, dass sich ein neuartiges Freiheitsgefühl entwickelte, das gleichzeitig Ausdruck von Entwurzelung und Entfremdung war. (...). Dieses Paradox der Freizeit als einem Freiheitsgefühl von solcher Stärke, dass damit auch ein Gefühl von Einsamkeit verbunden ist, hat seine Wurzeln in der Arbeitserfahrung der Arbeiterklasse – in der Entfremdung. Der Bereich der Freizeit ist zur einzigen Sphäre geworden, in der Selbsterfahrung möglich ist, in der man seine eigenen Fertigkeiten und Fähigkeiten ausprobieren und kreative Beziehungen zu seinen Mitmenschen entwickel kann.“ ...

... Die gesellschaftliche Pointe an der Subkultur ist, dass diese eine Rebellion gegen die Warenform innerhalb der Warenform darstellt (es ist z.B. eine der größten Illusionen von hippiesken Subkulturen, „unabhängigen“ Plattenfirmen und sogenannten „Independent-Bands“, dass der Warencharakter im Landkommunen- Selbststrick-Verfahren aufzuheben sei, genauso wenig wie es bei der Beurteilung eines Musikstücks von Bedeutung ist, über die gute oder schlechte Absicht des „unabhängigen“ Künstlers oder Plattenmoguls zu befinden, sondern schlicht und einfach darauf, welche Güte im Musikstück selber auszumachen ist). Seine Protagonisten benutzen also die Warenform bewusst oder unbewusst, um Bereiche relativer Selbstbestimmung freizukämpfen oder gegen dieselbe zu protestieren. Das Prinzip Mode von unten gewinnt demokratische Bedeutung für die Ausbildung von Individualität, steckt aber als Mode in Form von oben gelenkten Konsums zugleich zumindest ästhetisch den Rahmen ab, in welchem sich diese Individualität zu bewegen hat.

... Der Emanzpationsgehalt und das Widerstandspotential von Populärkultur und Mode stellen somit keine Konstanten dar. Man muss z. B. nur sein Augenmerk auf den „Männlichkeitswahn als integralen Bestandteil der Rockkultur“ (Gerald Hündgen) richten, um zu begreifen, dass Popkultur niemals von vornherein progressiv war. Da es beim Pop um die Besetzung von allgemeinen Werten und Zeichen durch Mehrheiten geht, die selbst aber als Minderheiten behandelt werden (oder umgekehrt), kann Pop sowohl emanzipatorisch als auch reaktionär sein, je nachdem, was von wem auf welche Weise gehandhabt wird. Scheinbar identische Pop-Phänomene können mit der Zeit ihre Bedeutung verkehren und einstmals emanzipatorische Phänomene der Popkultur können als Merkmale gesellschaftlicher Reaktion wiederkehren. Man denke an die Wiederkehr der Teddy-Boys in den späten Siebzigern, der Punks in den Achtzigern und der Mods in den Neunzigern in Form von über Dreißigjährigen, die als die lebenden Toten eines überlebten Jugendlichkeitskults, die nicht mehr das lebendige Prinzip feiern, sondern nur noch die abgelebte Hülle nachahmen konnten. Gleichfalls muss „jedoch wiederum nicht alles, nur weil es eine Renaissance erlebt, notwendigerweise zur Farce verkümmerter Geschichte“ (Martin Lickleder) werden.

...


Aus: "Zur Genese jugendlicher Subkulturen" Reinhard Jellen (04/2006)
Quelle: http://www.trend.infopartisan.net/trd0406/t320406.html


« Last Edit: October 25, 2017, 04:04:23 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Subkultur (Notizen) ... ]
« Reply #1 on: October 04, 2016, 09:40:24 AM »
Quote
[...] Crass war eine von 1977 bis 1984 aktive Anarcho-Punk-Band aus England. Crass verstand sein Engagement vor allem als direkt politisch - Musik und die Subkultur waren demnach nur Mittel zum Zweck. Außerdem äußerten sie Kritik an ihrer Meinung nach kommerziellen Bands wie den Sex Pistols, The Clash und Patti Smith.

... Crass verweigerten sich trotz diverser Angebote konsequent der Musikindustrie. Wurden die ersten Platten noch bei kleinen Labels veröffentlicht, hatte die Band nach den ersten Erfolgen genug Geld, um die LPs und Singles selbst zu produzieren. ... Das Verhältnis zu den Massenmedien war schwierig. Der Anarchismus, den die Band propagierte, zog viel Kritik auf sich. Nachdem Crass als Kulturphänomen zu groß geworden war, um es ignorieren zu können, fanden sich fast nur negative Berichte in den britischen Medien. Ebenso hatte die Band verschiedentlich Probleme sowohl mit der regulären Polizei als auch mit Scotland Yard. Im Rundfunk nahmen sie zwar an einer Peel Session teil, landeten aber wenig später auf einer schwarzen Liste des Senders und erschienen nicht mehr.

...


Aus: "Crass" (1977 bis 1984)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Crass (8. Oktober 2016)

---

Quote
[...] Diese „Untersysteme“  führen innerhalb des Systems der Gesamtkultur ein relevantes Eigenleben und verleihen dem Einzelnen ein hohes Maß an Identifikationsmöglichkeiten. Innerhalb der Subkulturen werden spezielle Lebensprobleme und Daseinsbedingungen besser berücksichtigt und durch die verstärkte Solidarität der Eigengruppe aufgefangen. Diese Solidarität verstärkt allerdings auch die Gefahr von Konflikten zu anderen Gruppen bzw. Subkulturen. ... Jede Subkultur hat eigene Interessen bzw. Normen, mit denen sie sich von anderen Subkulturen oder der Gesamtkultur abgrenzen: Verhaltensunterschiede, Musik, Solidarität, Antikonventionalismus, Abweichenden Stil, Kleidung, Haare, Sprache, Sexuelle Freiheit, Kreativität, Aktion, Drogenkonsum, usw. Diese Normen können nicht jeder Subkultur zugesprochen werden, manchmal vertritt eine Gruppierung das genaue Gegenteil.  ...


Aus: "Definition Subkultur" (HAWK- Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim Holzminden Göttingen, 20??)
Quelle: http://elearn.hawk-hhg.de/projekte/medienidentitaet/pages/diskurs/jugendkulturen-und-medien/definition-sub--jugendkultur/subkultur.php

---

Quote
[...] Fichte wird nicht abstürzen, im Gegenteil: Der Abend im Star-Club, der sich nun zum 50. Mal jährt, wird ein "großer Moment der Popkultur". So schreiben es die Kuratoren vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin, die eine Jubiläumsfeier für den Hamburger Autor ausrichten. Am Sonntag wollen sie im Golem, dem Club am Fischmarkt, an Fichte erinnern: Zuerst in einer Diskussion mit Zeitzeugen, dann mit einer Lesung, die den Star-Club-Abend nachstellt. Als "Reenactment" bezeichnen die Veranstalter das – also genau so, wie sonst die Nachstellungen historischer Schlachten und anderer epochaler Ereignisse genannt werden.  ... Was in der Palette abging, würde man heute "Underground" oder "Subkultur" nennen – damals galt das Kellerlokal als Spelunke für "Gammler". ...

Aus: "Spuck’s aus, Dichter!" Christoph Twickel (2. Oktober 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/2016/41/hubert-fichte-schriftsteller-hamburg-erfolg

https://de.wikipedia.org/wiki/Hubert_Fichte

« Last Edit: October 25, 2017, 04:04:07 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Subkultur (Notizen) ... ]
« Reply #2 on: October 04, 2016, 10:25:51 AM »
Quote
[...] Die Geschichte zeigt, dass nach einer gewissen Zeit jede Subkultur vom Mainstream vereinnahmt wird. Die Hippiegeneration ist heute die Generation der 60- bis 70- Jährigen, Punker sieht man in großen Städten überall auf der Straße und Graffitis der Hiphop- Szene gehören heute zu jedem Stadtbild dazu. Alle Moden und Stile sind heute im Mainstream etabliert, für jeden Stil gibt es Bekleidungsgeschäfte und Internetshops, kein Kleidungsstil, keine Mode schockiert noch wirklich.

Auch die politischen Einstellungen sind inzwischen durch eine große Vielzahl an kleinen Parteien im System angekommen und in der Regierung vertreten. Es gibt scheinbar nichts mehr, was es nicht schon gab, keine Kombinationen von Stilen und Geschmäckern, die nicht schon einmal vorgekommen sind und bereits im Mainstream etabliert waren. Es gibt keine Möglichkeit mehr etwas Neues zu schaffen, zu provozieren, sich aufzulehnen. Alle alten Subkulturen sind schon lange vom Main vereinnahmt worden.

... Man könnte also auch sagen, dass sich heute die Menschen untereinander so unterscheiden, so individualisiert und individuell sind, dass jede einzelne Person quasi eine eigene Subkultur darstellt. Jede Person hat einen eigenen individuellen Stil, eine individuelle Lebensvorstellung, einen individuellen Geschmack, lebt seine eigene Sexualität und hat individuelle Lebenserfahrungen. Jede Person hat sich im Sinne einer Bastelbiografie das Beste aus den einzelnen Subkulturen und der Massenkultur zusammengebastelt, denn diese sind ja nicht verschwunden, sondern immer noch im Mainstream vorhanden. Jeder Teilbereich dieser Subkulturen, sei es Musik oder Mode, ist ja zudem heute leicht und überall erhältlich.

... Die heutige Gesellschaft ist individualisierter als je zuvor und ohne sich dessen bewusst zu sein gibt es heute mehr Subkulturen als jemals sonst in der Geschichte.

Führt man diese Gedanken weiter, so muss man sich fragen, ob man dann heute überhaupt noch von einer Massenkultur sprechen kann. Sind dann nicht alle Gesellschaftsmitglieder viel zu individuell, um als Masse zusammengefasst werden zu können?
Oder ist es nicht sogar so, dass sich die Massenkultur im ursprünglichen Sinne aufgelöst hat und die neue, eben durch die Masse definierte, Massenkultur heute aus vielen kleinen Subkulturen zusammengesetzt ist? Man kann eigentlich nur noch von Produkten der Massenmedien sprechen, die jeweils von einer bestimmten Masse rezipiert werden, aber eben nicht mehr von einer Massenkultur.

Die eigentliche Frage könnte also lauten „Was ist eigentlich mit der Massenkultur passiert?“ und auf die Frage „Gibt es heute überhaupt noch Subkulturen?“ kann man also antworten: „Ja, so viele wie nie zuvor!


Aus: "Wo sind eigentlich die Subkulturen geblieben?" Jo (Veröffentlicht am 29. Juli 2015)
Quelle: http://panoktikum.de/wo-sind-eigentlich-die-subkulturen-geblieben/