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Author Topic: [Debattenkultur (Notizen)... ]  (Read 22963 times)

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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #70 on: November 17, 2021, 12:47:44 PM »

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[...] (48) November 14, 2021 | muetzenfalterin   

Ich habe ja keine Ahnung, sagst du. Und genau so ist es. Du hast ja keine Ahnung, sage ich, und meine damit, dass du diese verstörende Angewohnheit hast, die Dinge genau so zu benennen, wie du sie siehst. Als hätte nichts und niemand einen doppelten Boden.


Quelle: https://muetzenfalterin.wordpress.com/2021/11/14/47-4/
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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #71 on: June 01, 2022, 04:24:09 PM »

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[...] Zur Person - Polina Aronson aus Sankt Petersburg lebt seit 2008 in Berlin. Die Soziologin ist unter anderem Redakteurin bei Open Democracy. Auf Russisch erschien unter anderem das Buch Komplexe Gefühle: Sprachsuche der neuen Realität von Abuse bis Toxizität

Laura Graf: Warum ist die populäre Psychologie so wichtig in Russland?

Polina Aronson: Die Pop-Psychologie hat in Russland teilweise den Platz der Ideologie eingenommen. Sie ist zu einem Instrument für den Aufbau post-sowjetischer Subjektivität geworden und hat im gebildeten städtischen Milieu die Regeln für die Selbstentwicklung etabliert.

Was beobachten Sie bei diesen Debatten über das Verhältnis der Einzelnen zur Gesellschaft?

Polina Aronson: Es gibt bei den Leuten ein Gefühl, nicht über die Sprache zu verfügen, um mit den Machthabenden zu diskutieren. Die russischen Soziologen Nikolai Wachtin und Boris Firsow haben das als Syndrom des öffentlichen Schweigens bezeichnet, also das Ausbleiben von öffentlichem Diskurs in der Sowjetunion und auch im postsowjetischen Russland. Die Menschen haben leider nie gelernt, miteinander zu debattieren und die Macht zu adressieren. In den letzten zehn Jahren gab es immer weniger die Möglichkeit dazu. Dazu kommen die brutale neoliberale Wirtschaft und ein gnadenloser Arbeitsmarkt. Das Einzige, was den Staatsbürgern blieb, war das Selbst. So sind Selbstoptimierung und der Versuch, die eigenen Gefühle irgendwie zu sortieren, dieses ganz klassisch Neoliberale, in Russland sehr stark etabliert.

Welche Antworten liefert die Pop-Psychologie darauf?

Polina Aronson: Das hat sich in den letzten 20 Jahren dahin entwickelt, dass es inzwischen als quasi pathologisch gilt, etwas von der Welt zu erwarten. Es heißt: Sorge für dich, du musst so viele Ressourcen akkumulieren, bis du ein fast komplett wasserdichtes Leben hast. Wo nur du existierst und vielleicht noch deine Familie.

... Die meisten gebildeten Menschen in großen russischen Städten haben jetzt eine ganz andere Vorstellung von der eigenen Subjektivität. Sie sind, wie Eva Illouz es nennt, individuelle emotionale Unternehmer. Ich bin das Produkt, ich muss mich verkaufen. Wenn es mir schlecht geht, kann ich mich nicht investieren. Ich muss auf mich aufpassen, ich muss erfolgreich sein. Und hier ist wirklich Schluss mit dem Geplapper von der russischen Seele. Das ist wirklich sehr pragmatisch, sehr kapitalistisch. Die Kapazität zum Leiden ist minimal. Ich lasse nichts und niemanden an mich, was oder der mir irgendwelche Unannehmlichkeiten verursacht. Das traumatisiert mich sofort.

...



Aus: "„Schluss mit dem Geplapper von der russischen Seele“" Laura Graf (28.05.2022)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-soziologin-polina-aronson-widerlegt-klischees-von-aufopferung-und-heroismus
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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #72 on: June 13, 2022, 01:47:49 PM »

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[...] Streitkultur A will über die Ukraine sprechen, B kommt mit Irak: Eine Auseinandersetzung mit dem Vorwurf des „Whataboutism“

Alle politischen Debatten sind peinlich, und ich sage auch gleich, warum. Leute, die die Welt unterschiedlich sehen, begegnen einander mit Argumenten. Argumentieren bedeutet, mittels einer Begründung zu einer Einschätzung zu kommen. Die Einschätzungen aber stehen, wenn von Politik die Rede ist, längst fest; es geht nur noch darum, sie sinnvoll erscheinen zu lassen. Dazu muss man paradoxerweise so tun, als drängten die Argumente von selbst zu den jeweils vertretenen Einschätzungen. Als seien also die Begründungen Gründe. Als machten die Urteile das Weltbild und nicht umgekehrt. Im Politischen ist der Standpunkt alles und die Erkenntnis so gut wie gar nichts – und trotzdem müssen die Standpunkte fortwährend als Erkenntnisse ausgegeben werden. Andernfalls würde es ja völlig reichen, wenn sich politische Gegner einfach ihre Losungen vortrügen und dann grußlos den Raum verließen.

Nun liegt es aber in der Natur der Sache, dass sich alles erkennen lässt, auch das Politische. Weswegen politisches Denken und Denken über Politik nicht vom selben Ufer sind. Gut dran zu sein scheint da, wer wie der Koloss von Rhodos auf beiden Seiten des Flusses stehen kann, einen gefestigten Standpunkt hat und ihn trotzdem immer wieder auf Konsistenz hin abklopft. Man muss in der Lage sein, sich selbst beim Denken zuzusehen. Die Fähigkeit, sich von den eigenen politischen Zwecken nicht vollends regieren zu lassen, dient diesen Zwecken letztlich.

Folglich ist das Beharren auf dem kategorischen Imperativ kein Spleen der reinen Vernunft. Es stärkt die Argumentation, die verloren hat, sobald sie doppelter Standards überführt wird. Man sollte Kritik nie mit Waffen führen, die der Gegner gegen einen selbst kehren kann. Wer da nicht am Anfang vorsorgt, muss es hinten raus regeln. Und das geht dann nur selten noch gut aus.

Es gibt Feuerlöscher-Argumente, solche, heißt das, die nie offensiv verwendet werden. Die immer erst zum Einsatz kommen, wenn jemand Mist gebaut hat. Zu dieser Sorte gehört der Vorwurf des Whataboutism. Das Wort erfreut sich zur Stunde einiger Popularität; es gibt ja auch viel zu löschen, wenn zum Beispiel Kostümlinke, die den Überfall der USA auf den Irak nach wie vor für richtig halten, am gegenwärtigen Krieg Russlands gegen die Ukraine ihren lange verschütteten Antiimperialismus wiederentdecken.

Aber das Muster ist nicht neu. A kritisiert den Umstand X. Da wendet B ein: Aber was ist mit Y? Konsequenterweise müsste A jetzt seine Kritik auf Y ausdehnen, aber das will A nicht, weil Y in seinem politischen Lager liegt und die politische Schlagkraft seiner Kritik damit verlorenginge. An diesem Punkt kommt der Vorwurf des Whataboutismus ins Spiel. Er soll sagen, dass Person B den Umstand Y nur deshalb ins Spiel brachte, um von der Kritik an X abzulenken, um die es A in diesem Moment ging. Der Verdacht mag zutreffen oder nicht. In jedem Fall ist der Vorwurf des Whataboutismus projektiv. Er wird ausschließlich von Leuten in Anschlag gebracht, die längst selbst mit zweierlei Maß messen und dabei nicht gestört werden wollen.

Auf den Verweis, dass ihre Empörung nur fallweise ist, antworten sie mit dem Zauberwort, das demjenigen, der ihnen gerade nachweist, dass sie den Balken im Auge haben, genau diesen Vorwurf zurückgibt. Wer auf den Ausschlag nach nur einer Seite hinweist, tue das nicht, um die Mitte zu halten, sondern weil er seinerseits den Ausschlag nach nur einer Seite wolle, der anderen nämlich. Projektiv daran ist, dass man seinen Kritikern eben die Korruptheit vorwirft, der man sich selbst immer schon hingibt.

Mit einem Wort: Der Vorwurf des Whataboutismus ist selbst ein Whataboutismus. In ihm schwingt, da der eigene Ruf bereits ruiniert ist, das freche „Wir sind doch alle bloß Schweine“ mit. Wo alles immer nur einseitig sein kann, gibt es keine besseren oder schlechteren Antworten mehr, nur noch die richtige Gesinnung und die Sturheit beim Durchsetzen derselben. Der Whataboutismus-Vorwurf attackiert somit mehr als bloß den politischen Gegner. Er zieht auch zu Feld gegen jedes Denken in Zusammenhängen.

Felix Bartels ist Literaturwissenschaftler und politischer Publizist in Berlin



Aus: "Ausweichen verboten? Über den Allzweckvorwurf des „Whataboutism“" Felix Bartels (12.06.2022)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ukraine-krieg-irak-invasion-ueber-den-allzweckvorwurf-der-doppelten-standards
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[Debattenkultur (Notizen)... ]
« Reply #73 on: November 24, 2022, 04:04:16 PM »

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[....] Ein Journalist aus Israel diffamierte den baden-württembergischen Antisemitismusbeauftragten Michael Blume auf Twitter. Der verklagt die Plattform. ...

Der Angriff auf sein Privatleben und die Unterstellung von Ehebruch und Pädophilie war für Blume aber eine neue Qualität. Er forderte Twitter auf, 46 Tweets aus dieser Kampagne zu löschen. Twitter löschte jedoch nur drei der Postings, ohne Begründung für die Auswahl.

...


Aus: "Antisemitismusbeauftragter gegen Twitter: Kampagne vor Gericht" Christian Rath (23. 11. 2022)
Quelle: https://taz.de/Antisemitismusbeauftragter-gegen-Twitter/!5897727/

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[...] Mit einem Eilverfahren vor dem Landgericht Frankfurt will Baden-Württembergs Antisemitismusbeauftragter Michael Blume Twitter juristisch dazu zwingen, mutmaßliche Falschaussagen über ihn zu löschen. Er wirft dem Kurznachrichtendienst vor, für die Verbreitung von Verleumdungen mitverantwortlich zu sein. Das Unternehmen soll nach Angaben seines Anwalts Chan-jo Jun und der unterstützenden Organisation Hateaid knapp 50 gemeldete Tweets nicht ordnungsgemäß auf deren Rechtswidrigkeit überprüft, sondern lediglich interne Richtlinien angewandt haben.

Neben den mutmaßlichen Verleumdungen sollen den Angaben zufolge alle "kerngleichen Inhalte umgehend entfernt werden und auch künftig nicht wiederhergestellt werden dürfen". Die Urteilsverkündung in dem auf einen Verhandlungstag angesetzten Zivilstreit ist nach Angaben einer Gerichtssprecherin für Ende Dezember geplant. "Mir geht es nicht darum, dass Twitter den Betrieb einstellt", sagte Blume zum Prozessauftakt am Donnerstag.

Vielmehr gehe es um die ganz grundsätzliche Frage, wie viel Hetze auf Twitter verbreitet werden dürfe und inwieweit Opfer von Verleumdungskampagnen allein gelassen würden. Auf der Plattform sei etwa behauptet worden, er gehe fremd und er betrüge seine Frau mit Minderjährigen, sagte Blume. "Twitter soll mit meiner Klage dafür sorgen, dass die Accounts gelöscht bleiben." Der Kurznachrichtendienst war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Erst im April hatte die Bundestagsabgeordnete Renate Künast vor dem Landgericht Frankfurt einen Streit mit dem Facebook-Konzern Meta um die Löschung von ehrverletzenden Falschzitaten gewonnen. Die Grünen-Politikerin hatte darauf geklagt, dass eine bestimmte Wort-Bild-Kombination - ein Meme - mit einem ihr untergeschobenen Falschzitat auf dem sozialen Netzwerk gesperrt wird. Betroffen von der Entscheidung waren auch Varianten dieses Memes mit kerngleichem Inhalt.


Aus: "Baden-Württembergs Antisemitismusbeauftragter verklagt Twitter" (dpa, Do, 24. November 2022)
Quelle: https://www.badische-zeitung.de/baden-wuerttembergs-antisemitismusbeauftragter-verklagt-twitter

"Das (vorerst) letzte Tässle Kaffee – Als Elon Musk Twitter übernahm" Michael Blume (06. Nov 2022)
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-vorerst-letzte-taessle-kaffee-als-elon-musk-twitter-uebernahm/

https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/author/blume/

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