Author Topic: [1968 (Afterglow) // Notizen... ]  (Read 4628 times)

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #30 on: April 12, 2018, 10:01:27 AM »
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[...] Es herrschen aufgewühlte Zeiten in Deutschland und Europa. Aber es ist doch kein Vergleich mit der Lage vor 50 Jahren, als die Bundesrepublik in Aufruhr war wie nie zuvor. Mit dem Anschlag auf den radikalen Studentenführer Rudi Dutschke und den folgenden Osterunruhen in Universitätsstädten erreichte im Frühjahr 1968 die Auseinandersetzung um den Weg Westdeutschlands aus der Nachkriegszeit einen Höhepunkt. Sie fügte sich ein in die Straßenkämpfe der revolutionären französischen Studenten und den Widerstand gegen den Vietnamkrieg in den USA. Nicht nur die Republik, die westliche Welt war in Aufruhr.

Dieser Kampf um die kulturell-politische Hegemonie wurde auf den Straßen ausgefochten, wie man es zuvor hierzulande noch nicht erlebt hatte. Viel mehr aber noch in den Hörsälen, in den Medien und überall, wo Menschen sich Gedanken machten über die Zukunft des Landes – in den Parteien, Gewerkschaften und Kirchen, an Arbeitsplätzen und in den Kneipen. Westdeutschland war in jenen Jahren eine politisierte Republik, wie auch der breite Protest gegen die Notstandsgesetze zeigte, die die Große Koalition im Mai 1968 durch den Bundestag brachte.

Zwei Dinge fallen auf, wenn man auf diese Zeit zurückschaut: Die Radikalität mancher Debatten und der hohe Grad an Intellektualität, mit der sie geführt wurden. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Jürgen Habermas lieferten mit ihrer Kritischen Theorie das geistige Rüstzeug, aus der Dutschke und andere die Legitimation für den revolutionären Kampf gegen das System ableiteten, oft auch entgegen der Intention ihrer Lehrer.

Dutschke warb für eine revolutionäre Doppelstrategie nach dem Vorbild lateinamerikanischer Stadtguerilleros. Während eine kämpfende Avantgarde offen die Revolution organisierte, sollte eine verdeckt arbeitende Abteilung in die herrschenden Institutionen eindringen, um sie von innen her zu destabilisieren.

Dieser später viel apostrophierte lange Marsch durch die Institutionen war nicht als Karrierepfad für geläuterte Radikale wie Joschka Fischer an die Hebel des bürgerlichen Staates gedacht, sondern als Taktik im „permanenten Kampf für eine antiautoritäre sozialistische Weltgesellschaft“. Doch diese Radikalität mündete nicht in Sprachlosigkeit mit der herrschenden Politik. Unter anderem der Sozialdemokrat Johannes Rau und der Liberale Ralf Dahrendorf stellten sich Debatten mit den Studentenführern.

So abstrus – und zum Teil mit verbrecherischen Irrwegen, wie der Terror der RAF – manche dieser Positionen auch waren, sie forderten die Mehrheitsgesellschaft zu einer geistigen Auseinandersetzung heraus, die dem demokratischen Klima im Lande gutgetan hat. Die heutige Klage, so vieles erscheine alternativlos, die meisten Politiker und Medien seien einer Meinung, der Mainstream ersticke jeden abweichenden Gedanken, wäre damals nicht verstanden worden.

Bis zum Beginn der 90er Jahre gehörten zum öffentlichen Meinungsspektrum ganz selbstverständlich auch widerständige Positionen, wie sie etwa die einstigen Grünen „Fundis“ Jutta Ditfurth oder Thomas Ebermann vertreten. Solche Haltungen sind inzwischen in eine so außenseiterische Position geraten, dass sie im politischen Diskurs nicht mehr auftauchen. Das hängt auch mit dem Ende der Systemkonkurrenz durch den Untergang der Sowjetunion zusammen, das Norbert Blüm einst so famos auf die Formel gebracht hat: „Marx ist tot, Jesus lebt.“ So ist auch die Linke eine staatstragende Regierungspartei geworden.

Das hat zu einer geistigen Verödung geführt und der Sehnsucht nach Widerworten. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet eine neue Rechte beansprucht, diese Leerstelle zu füllen, manchmal gar mit kopierten Formen der einstigen linken APO (Außerparlamentarische Opposition). Doch bewegen sie sich auf einem intellektuell so unterbelichteten Niveau, dass sich nicht einmal aus dem Widerspruch zu ihren oft gar frei erfundenen Thesen irgendein geistig erhellender Funke schlagen ließe.

Das ist auch deshalb kein Wunder, weil ihre einzige Vision rückwärts gerichtet ist, auf historisch längst überwundene völkische und undemokratische Verhältnisse. Dass sich dafür kein intellektuell anspruchsvolles Umfeld findet, ist nicht überraschend.

Sie ist freilich auf der Linken nicht so viel besser, wo vor allem Schweigen und Ratlosigkeit herrschen. „Ich kann das nicht verstehen, ich kann diese Lethargie bei den Intellektuellen, Künstlern, Schriftstellern überhaupt nicht nachvollziehen“, klagte gerade Bahman Nirumand, einer der klügeren Köpfe der 68er Bewegung. Was bleibt zu tun?

Wir sollten die Erinnerung an die aufrührerischen Tage vor 50 Jahren dazu nutzen, die Suche auch nach radikalen Alternativen wieder ernster zu nehmen. Die Herausforderungen unserer Zeit sind wahrlich nicht geringer, sondern komplexer geworden. Dass es damit auch nicht mehr so einfach ist, eindeutige Feindbilder zu bestimmen wie einst, macht die Sache nur umso spannender.


Aus: "1968er-Bewegung: Radikaler denken" Holger Schmale (12.04.2018)
Quelle: http://www.fr.de/politik/meinung/leitartikel/1968er-bewegung-radikaler-denken-a-1483687,0#artpager-1483687-1

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #31 on: April 29, 2018, 11:44:42 AM »
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[...] 1968 geht als Jahr der Gewalt in die Geschichte ein: Am 4. April wird der Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet, am 6. Juni Robert F. Kennedy. In Vietnam sterben so viele US-Soldaten wie in keinem Kriegsjahr zuvor; amerikanische Kriegsverbrechen wie das Massaker von My Lai, dem mehr als 500 Zivilisten zum Opfer fallen, entsetzen die Öffentlichkeit. An der im Frühjahr besetzten Columbia University in New York droht der Studentenführer Mark Rudd (der sich später den militanten Weathermen anschließt) mit einem gewaltsamen Umsturz. Und im August gehen Polizeitruppen in Chicago hemmungslos gegen eine Kundgebung während des Nominierungsparteitages der Demokraten vor. Zu ihrem neuen Präsidenten wählen die Amerikaner wenig später Richard Nixon, der Law and Order verspricht statt Peace and Love.

Bei den Olympischen Spielen 1968 erheben die beiden afroamerikanischen Athleten Tommie Smith und John Carlos während der Siegerehrung die geballte Faust zum Black-Power-Gruß. Das Foto geht um die Welt. In Mexiko ruft die Chiffre "68" allerdings auch ganz andere Szenen in Erinnerung.

Am 2. Oktober des Jahres protestieren etliche Tausend Studenten, Arbeiter und Angestellte für eine Liberalisierung des seit fast 40 Jahren von der Partido Revolucionario Institucional autokratisch regierten Landes. 5.000 Soldaten umstellen den Platz der Drei Kulturen im Stadtteil Tlatelolco von Mexiko-Stadt, wo sich die Demonstranten versammelt haben, und feuern in die Menge. Etwa 300 Menschen sterben, Hunderte werden verletzt, Tausende festgenommen. Zehn Tage vor Beginn der als Friedensfest inszenierten Olympiade besiegelt das Blutbad das jähe Ende der mexikanischen Studentenbewegung.

Wie in Mexiko richtet sich der Protest in Brasilien nicht nur gegen autoritäre Mentalitäten und "Strukturen", sondern gegen eine autoritäre Regierung. Seit 1964 ist das Land eine Militärdiktatur. Linke Studentengruppen agieren aus dem Untergrund heraus. Anfang 1968 entzündet sich an einer Hochschulreform offener Protest.

Zunächst verläuft er friedlich. Dann, am 28. März, erschießt die Militärpolizei in Rio de Janeiro den 18-jährigen Schüler Edson Luis de Lima Souto. Rasch weitet sich die Revolte nun aus; Teile der Arbeiterschaft schließen sich den Studenten an. Im Sommer demonstrieren in Rio 100.000 Menschen.

Das Regime reagiert mit Waffengewalt und Repressionen – auch gegen Künstler, die sich die Ideen der antiautoritären counter culture zu eigen machen. Allen voran geraten die sogenannten Tropicalistas ins Visier der Behörden, eine Gruppe von Künstlern und Musikern, die bei ihren Auftritten in dadaistischer Manier Einflüsse aus aller Welt vermengen und mit Parolen wie É proibido proibir ("Es ist verboten zu verbieten") provozieren. Viele Tropicalistas fliehen ins europäische Exil. Einer von ihnen, der Sänger Gilberto Gil, wird 2003, Jahre nach dem Ende der Diktatur 1985, Brasiliens Kulturminister.

Am 2. Juni 1967 stirbt der Student Benno Ohnesorg am Rande der Proteste gegen den Besuch des persischen Schahs in West-Berlin durch einen Schuss aus einer Polizeiwaffe – das Schlüsselereignis für die westdeutschen Acht- oder vielmehr "Siebenundsechziger".

Die Suche nach den Ursprüngen des Aufruhrs führt, wie in den USA, zurück in die fünfziger Jahre. Zurück zu den Ostermärschen gegen die Atomrüstung. Zur beginnenden Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen – von der Ausstellung Ungesühnte Nazijustiz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) von 1959 bis zum Frankfurter Auschwitz-Prozess. Zurück zu den Debatten über eine Neue Linke und zur Kritischen Theorie Adornos, Horkheimers und Marcuses. Zurück auch zu gegenkulturellen Bewegungen wie der Münchner Künstlergruppe SPUR, von der viele antiautoritäre Aktionen der legendären Kommune 1 inspiriert sind.

Mitte der sechziger Jahre wird der Westberliner SDS durch Rudi Dutschke zum Epizentrum der Rebellion. Und ging es zunächst um eine Reform der Hochschulen, steht alsbald die Weltrevolution auf der Agenda. Die wachsende Ablehnung des Vietnamkriegs, die Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt", Maos Kulturrevolution, Che Guevaras Versuch, die kubanische Revolution nach Bolivien zu tragen, und die Ereignisse in den USA wecken Hoffnungen auf einen Wandel.

Der scheint umso dringender, als viele deutsche 68er einen neuen "Faschismus" heraufziehen sehen. Die große Koalition und die Pläne für eine Notstandsgesetzgebung, die vielen Altnazis, die noch immer in hohen Positionen sitzen, und die Wahlerfolge der rechtsextremen NPD – das alles sind in ihren Augen grelle Alarmzeichen.

Das Jahr 1968 selbst bringt Radikalisierung und Zerfall: die Kaufhausbrandstiftung vom 2. April, an der die späteren RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin beteiligt sind, das Attentat auf Dutschke am 11. April, die Unruhen danach.

Viele gemäßigte 68er finden in den folgenden Jahren zur SPD Willy Brandts, einige wenige Radikale beschreiten den Weg in den Terror. Ansonsten verläuft sich die Revolte in K-Gruppen, während sie an ihrem eher lebensweltlich und kulturell orientierten Ende zu einer Liberalisierung und Lockerung der bundesrepublikanischen Gesellschaft beiträgt.

In kaum einem anderen Land zeigt sich so deutlich, wie wenig der Geist des damaligen Aufbruchs allein im Kalenderjahr 68 zu suchen ist: Das "Jahr, das alles veränderte", verläuft in den Niederlanden ruhig. Auch davor und danach bleiben gewaltsame Auseinandersetzungen aus. Vielleicht weil der Protest hier auf eine erstaunlich tolerante und gelassene Gesellschaft trifft.

Provos nennen sich die niederländischen "68er", eine locker organisierte, 1965 gegründete Gruppe, die nicht nur aus Studenten besteht und zu deren wegweisenden Erfahrungen die Ostermarschbewegung zählt. Mit ihren fantasievollen Aktionen wollen sie nicht der Revolution den Weg bereiten: Eher setzen sie auf ein Unterlaufen des modernen Kapitalismus und die Selbstbefreiung des Individuums.

 Manche ihrer Ideen sind heute, mit Abstrichen, Realität: etwa, im Zentrum von Amsterdam von jedermann benutzbare, weiß lackierte Fahrräder bereitzustellen. Gewagter war es da schon, die als kip ("Hähnchen") verspotteten Polizisten im Umgang mit dem Protest des "Provotariats" schulen zu wollen: Gesprächstherapie statt Barrikadenbau.

In den siebziger Jahren treten die Kabouter ("Heinzelmännchen") das Provo-Erbe an. Sie richten fehlende Spielplätze kurzerhand auf Brachflächen ein und nehmen ungenutzte Gebäude in Beschlag – was später in vielen europäischen Städten Nachahmer findet.

Im Mutterland der Revolution zündet der 68er-Funke spät, aber heftig. Für einige Wochen scheint gar eine fundamentale Wende nach links möglich.

Alles beginnt in Nanterre, an der Dependance der Sorbonne. Schon länger brodelt es auf dem Campus in dem Pariser Vorort. Als der Soziologiestudent Daniel Cohn-Bendit dann im Januar wegen einer Aufmüpfigkeit gegenüber dem Jugend- und Sportminister einen Verweis erhält, bricht sich der allgemeine Frust Bahn: der Verdruss über die Studienbedingungen an der anonymen Trabanten-Uni, über Wohnheime, die wie Internate geführt werden, bald auch über Vietnam und das kapitalistische System schlechthin.

Im Frühjahr erfassen die Proteste die Pariser Sorbonne. Im Mai tobt der Barrikadenkampf. In der Nacht vom 10. auf den 11. des Monats erlebt die Hauptstadt eine der gewaltsamsten Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit. Erinnerungen an die Pariser Kommune von 1871 werden wach. Zumal die neulinken Studenten Verstärkung von altlinken Kommunisten und Sozialisten erhalten. Wenige Tage später sind Millionen Franzosen im Streik. Nicht unbedingt, weil sie mit dem "roten Dany" sympathisieren, sondern weil sie ihre eigenen Interessen auf der Protestwelle vorantreiben wollen. Vielerorts besetzen radikale Arbeiter die Fabriken.

Als der Innenminister dem Studentenführer Cohn-Bendit nach einem Trip ins revolutionäre Frankfurt die Wiedereinreise verweigert, kocht die Erregung über. Mancher hört gar schon, wie der Spiegel es Ende Mai formuliert, "die Sterbeglocken des Gaullismus" läuten.

Nach Wochen des Aufruhrs jedoch schwindet der öffentliche Rückhalt, den die Studenten anfänglich genossen. Und statt ihrer haben die Gewerkschaften das Heft des Handelns ergriffen: In Verhandlungen mit der Regierung fordern sie nicht nur höhere Löhne, sondern den Rücktritt von Präsident Charles de Gaulle. Als dieser auf dem Höhepunkt der Konfrontation kurzzeitig das Land verlässt, rechnet mancher mit einem Militärputsch.

Nach seiner Rückkehr stellt der Präsident klar, dass nicht er und auch nicht Ministerpräsident Georges Pompidou zurücktreten wird. Stattdessen löst er die Nationalversammlung auf.

Damit gelingt es ihm, die Stimmung zu drehen. Bei den Neuwahlen Ende Juni triumphieren die bürgerlichen Kräfte, während der Anteil der Linken auf nahezu die Hälfte schrumpft. Nirgends in Europa entwickelten die Proteste eine ähnliche Dynamik wie in Frankreich im Frühjahr 1968 – und nirgends waren sie so kurzlebig.

Der Wandel scheint im Vereinigten Königreich zunächst von oben zu kommen: 1964 gewinnt die Labour Party bei den Unterhauswahlen die Mehrheit. Doch die linken Hoffnungen, die sich auf die neue Regierung richten, werden rasch enttäuscht.

Zum Zentrum des studentischen Aufbegehrens wird 1966 die London School of Economics. Auslöser ist die Besetzung des Direktorenpostens mit dem ehemaligen Prinzipal des University College in Rhodesien, einem Apartheidstaat im heutigen Simbabwe, der bis 1965 Kronkolonie war. Im März 1967 besetzen Studenten ihr Institut, und zur Erregung über den neuen Direktor kommen rasch neue Themen: der Vietnamkrieg und die Befreiungsbewegungen in Lateinamerika. Eine breite Studentenbewegung wird nicht daraus.

Weitaus wichtiger für das britische Achtundsechzig sind die sprichwörtlich gewordenen kulturellen Ingredienzen der Revolte: Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll. Von London – und von Paris – gingen die entscheidenden Impulse für die Mode der sechziger Jahre aus. Und aus Großbritannien – nicht den USA – kamen die beiden einflussreichsten Bands der Dekade, die Beatles und die Rolling Stones. Geprägt haben sie, anders als viele der politischen 68er-Ideale, Bürger- und Arbeiterkinder gleichermaßen.

In Südeuropa gibt es 1968 mehr rechte Regime als Demokratien: In Spanien herrscht Franco, in Portugal – bis Mitte des Jahres – Salazar; Griechenland ist seit 1967 eine Militärdiktatur. Auch im demokratischen Italien geht das Gespenst des Faschismus um. Ende April 1966, kurz nach dem Nationalfeiertag zu Ehren der Partisanenaufstände in Norditalien 1945, kommt der Student Paolo Rossi bei einer Auseinandersetzung mit neofaschistischen Kommilitonen ums Leben. Sein Tod setzt eine landesweite Erhebung in Gang, die Italien über Jahre in Atem halten wird.

Zunächst sind es die Studenten, die rebellieren. Und zunächst richtet sich ihr Zorn gegen die Zustände an den Universitäten, gegen den Professorenmangel, Studiengebühren und die wachsende Arbeitslosigkeit unter Akademikern. Frustriert sind vor allem Absolventen aus unteren Schichten, die sich um ihre Aufstiegschancen betrogen sehen.

1968 eskaliert der Konflikt in Rom, als der Rektor die Protestierenden unter Androhung eines Polizeieinsatzes auffordert, den Campus zu verlassen. Tags darauf attackieren wütende Studenten eine Polizeieinheit mit Steinwürfen – der Anfang einer Radikalisierung, die sich bald auch jenseits der Universitäten ausbreitet.

Etwa in den Fabriken Norditaliens, wo seit den fünfziger Jahren mehr und mehr ungelernte Kräfte aus dem rückständigen Süden unter prekären Bedingungen arbeiten. Agitiert wird dieses Milieu von den Anhängern des Operaismus, einer marxistisch-anarchistischen Bewegung, die sich als Alternative zur erstarrten Kommunistischen Partei begreift. Mithilfe kleiner Gruppen "arbeitender Studenten" beschleunigen sie die Mobilisierung.

Streiks, Werksbesetzungen und Prügeleien in den Betrieben sind die Folge, begleitet von Demonstrationen in den Städten. Immer wieder geraten Protestierende und Polizei heftig aneinander. Neofaschisten heizen den Konflikt mit Mordanschlägen und Bombenattentaten an. Es herrscht ein Klima der Gewalt, in dem einige der radikalisierten Studenten in den terroristischen Untergrund abtauchen. 1970 gründen sich die Brigate Rosse, die Roten Brigaden, die in Italien bis weit in die achtziger Jahre hinein aktiv bleibt.

Besuchern der Tokioter Eliteuniversität Todai bietet sich 1968 ein bizarrer Anblick: Mit Helmen und Holzlatten bewehrte Studenten stehen sich wie mittelalterliche Krieger in Formation gegenüber, brüllen sich durch Megafone gegenseitig an, werfen einander "falschen Kommunismus" vor und gehen prügelnd aufeinander los. In keinem anderen Land trägt die Revolte so brutale Züge, und in keinem anderen Land eskaliert die Rivalität studentischer Gruppen in solch blutiger Weise.

Die japanische Studentenschaft ist früh organisiert – von 1948 an, in dem der Kommunistischen Partei nahestehenden Verband Zengakuren. Und früh regt sich dort die Kritik an der Stationierung amerikanischer Soldaten in Japan. Bereits 1959 organisieren Studenten Proteste – und bereits damals setzt eine Zersplitterung in konkurrierende Fraktionen ein. Mitte der Sechziger eint sie kurzzeitig die Opposition gegen den vor der eigenen Haustür tobenden Krieg in Vietnam. Von 1967 an liefert sich die politisierte Jugend regelrechte Schlachten mit der Polizei.

An den Universitäten artikuliert die Studentenschaft von Mitte der sechziger Jahre an ihr Unbehagen am autoritären Erziehungssystem. 1968 werden Hochschulen wie die renommierte Todai in Tokio komplett bestreikt und verwandeln sich in den Schauplatz eines erbitterten Kleinkriegs um die Vorherrschaft auf dem Campus. Bis Mitte der Siebziger fordern die Fraktionskämpfe 44 Tote und fast 5.000 Verletzte – weitaus mehr Opfer, als die japanische Rote Armee Fraktion auf dem Gewissen hat, die 1971 aus den Straßenkämpfen der sechziger Jahre hervorgeht.

Der Prager Frühling ist nicht der erste Versuch, demokratische Reformen im Ostblock durchzusetzen. Und er ist nicht der erste, den Moskau niederschlägt: Im August 1968 rollen sowjetische Panzer über die Grenzen der ČSSR, so wie es 1953 in der DDR geschehen ist und 1956 in Ungarn.

Der Frust über die Verhältnisse hat sich in der Tschechoslowakei über Jahre angestaut, schon 1953 ist es in Pilsen zu einem ersten Aufstand gekommen. Die Wirtschaft stagniert, es herrschen Zensur und ruinöser Stillstand. Kritik wird von vielen Seiten laut: sei es 1967 auf dem Kongress des Schriftstellerverbandes oder in der Kommunistischen Partei selbst, wo der Ökonom Ota Šik Wege aus der Misere sucht. Studentischer Ungehorsam flankiert den Wandel eher, als ihn anzutreiben. So am 31. Oktober 1967, als in Prag 1.500 Studenten mit Kerzen und der hintersinnigen Parole "Mehr Licht!" auf die Straße gehen, um gegen die Zustände in den schlecht beheizten und mangelhaft mit Strom versorgten Wohnheimen zu protestieren.

Der Mann, auf den sich bald alle Hoffnungen richten, heißt Alexander Dubček. Am 5. Januar 1968 wird er Erster Sekretär des Zentralkomitees. Binnen weniger Wochen bringt er das Land auf Reformkurs, lockert die Zensur, setzt eine Aufarbeitung stalinistischer Verbrechen in Gang und verspricht einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Die Aufbruchsstimmung führt zu immer weiter gehenden Forderungen der Zivilgesellschaft. Dubček, der aus Moskau argwöhnisch beobachtet wird, bringt dies rasch in Bedrängnis. Nach knapp acht Monaten erstickt die Sowjetunion den demokratischen Frühling mit militärischer Gewalt.

Ende Januar 1968 demonstriert eine kleine Gruppe von Studenten in Warschau gegen die Zensur des Kulturlebens, nachdem ein Drama des polnischen Dichterfürsten Adam Mickiewicz abgesetzt worden ist. Im März weitet sich die Kritik zum Massenprotest aus, der auch die Universitäten ergreift.

Das Regime unter Władysław Gomułka reagiert mit Schlagstöcken, Handschellen und Tränengas – und mit antisemitischer Propaganda. Hinter den Protesten, heißt es, steckten "aufwieglerische Zionisten". Tag für Tag decken regierungstreue Zeitungen angebliche Verschwörungen auf: der Beginn einer Hetzjagd, die viele Beobachter an Stalins antizionistische Kampagne der frühen fünfziger Jahre erinnert.

Die Sündenbock-Taktik verfängt – und ermöglicht es Gomułka nicht nur, einige der Protestführer zu isolieren, die aus jüdischen Elternhäusern stammen, sondern auch unliebsame jüdische Genossen aus dem Staatsapparat zu entfernen. Bis zum Sommer 1969 verlassen rund 11.000 jüdische Polen das Land, unter ihnen Hunderte Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler.

Wird die Prager Frühlingsstimmung auch die DDR erfassen? Die Befürchtungen in der SED-Führung sind groß, zumal die Tschechoslowakei zu den beliebtesten Reisezielen der DDR-Bürger zählt.

Schnell nimmt das staatliche Reisebüro das Nachbarland aus dem Programm. Verhindern aber lässt sich nicht, dass der Funke hier und da überspringt. Zu großen Protesten allerdings kommt es nicht. Courage beweisen all jene, die Transparente aufhängen und Flugblätter verteilen, auf denen sie ihre Solidarität mit Dubček bekunden. Den Akten der DDR-Generalstaatsanwaltschaft zufolge werden 1189 meist junge Ostdeutsche wegen ihrer Sympathie für die Reformen in der ČSSR strafrechtlich belangt.

Ansonsten hat sich der Protest 1968 in die Nischen der realsozialistischen Gesellschaft zurückgezogen. Anders drei Jahre zuvor. Damals erlebt der "Arbeiter-und-Bauern-Staat" ein kleines Achtundsechzig: während der Beat-Proteste im Herbst 1965, als die Staatsmacht die Versammlungen einiger Hundert "echter Beat-Fans" zusammenprügelt. Ende 1965 dann dekretiert Walter Ulbricht auf dem berüchtigten 11. Plenum des Zentralkomitees, dem sogenannten Kahlschlagplenum, eine Art sozialistische Leitkultur in Abgrenzung zum Westen. Es müsse, rief er, Schluss sein mit der "Monotonie des Yeah Yeah Yeah". Wenn man irgendwo in vollem Ausmaß begriff, wie revolutionär die kulturellen Errungenschaften der sechziger Jahre waren, dann hier, hinter dem Eisernen Vorhang.

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r.schewietzek #2

Vor 68 war es auch noch üblich in Deutschland, daß Mädchen knicksen mussten, wenn sie jemanden begrüßten und natürlich trugen sie Röcke - Hosen waren verpönt, allenfalls trug man im Winter Skihosen, wenn Schnee lag und man Winterstiefel anziehen musste, um keine nassen Füsse zu bekommen. An Hosen für Mädchen als allgemeine Bekleidung war nicht zu denken.

Vielleicht sollte man noch dazu sagen, daß es damals noch Kolonialismus gab - und es gab Bilder, wo man sehen konnte, wie portugiesische Kolonialisten die abgeschlagenen Köpfe von 'Terroristen' in Angola in die Luft hielten; das waren keine historischen Bilder, sondern aktuelle. Wenn man den Spiegel las, galt man schon als revolutionär und die Frauenbewegung existierte nur marginal. Abtreibung war natürlich verboten und Homosexualität war strafbar und wurde auch bestraft - mit Gefängnis. Ehemänner durften bestimmen, ob ihre Frauen arbeiten durften, bzw. es verbieten - und falls diese angeblich die Familie vernachlässigten, konnte das tatsächlich als Scheidungsgrund herhalten. Ein Ehemann konnte auch die Ersparnisse seiner Frau vom Konto abheben und ausgeben, ohne zu fragen. Natürlich hätte auch die Bank oder Sparkasse niemals die Frau davon verständigt. Der Vater einer Schulfreundin von mir hat ihr Sparbuch geplündert, er war Alkoholiker, das Geld war weg. Erdbeeren im Winter gab es nicht, Kiwis auch nicht, und diverses anderes importiertes Obst auch noch nicht. Die Welt hat sich wirklich verändert.


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lennon68 #2.2

Danke für die Ergänzungen, die zeigen wie verknöchert die Gesellschaft damals noch war. Nicht zu vergessen, die sexuelle Revolution. Keine sexuelle Aufklärung an Schulen, Abtreibungen waren verboten, die Pille kaum zugänglich. Unverheiratete durften nicht zusammen wohnen; kein Sex vor der Ehe. ...


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nana hara #3

Einige Kommentare wie "Euch sollte man vergasen", "An die Wand stellen" oder "Hitler hätte mit Euch aufgeräumt" waren damals die Sprache der Mehrheit über die asozialen Gammler und Demonstranten in Deutschland! Die Zeiten haben sich Gott sei`s gedankt geändert.

Ich erinnere mich noch gut: abends am Tisch beim Abendessen und ihm schwarz-weiß Fernsehen: brennende Dörfer, schreiende Menschen, eine entfesselte Militärmaschinerie (Vietnam) ...


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St.Expeditus #5

Die 68er waren nur eine kitschige Kopie der Chinesischen Kulturrevolution unter Mao.
Die wahren Revolutionäre waren Elvis Presley, Chack Berry, die Beatles und die Rolling Stones. Sie haben Millionen junger Leute erreicht und deren Leben verändert.
Die 68er waren elitär, doktrinär, autoritär. Sie haben - Gott sei Dank - die Welt nicht verändert.


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nana hara #5.1

Ich weiß nicht wo derKitsch der 68er ist, sicherlich haben die 68er nicht Millionen Menschen ermordet und Interlektuelle auf's Land verschickt.

Das die Musik ihren Einfluß hatte ist zweifellos richtig. Aber diese Musik war nur "Urwaldmusik", wie man damals sagte, zum Hüfte wackeln und zur Partnersuche. Ich glaube nicht, dass sich diese Musik mit dem Nazi-Terror der Vergangenheit auseinander gesetzt hat, sowie dies die 68er versucht haben. ...


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Heimdahl #8

Der rebellische Lifestyle war schon der Abgesang, der in der am besten bestochenen Generation aller Zeiten mündete. Sogar ihren Nimbus durften sie mit in die Führungsposten nehmen.

Fundamentalkritik fand einige Jahre früher statt, insbesondere an Wiederbewaffnung, unkritischer Westbindung und Konsumgesellschaft als Bestechungsmittel. „68“ war die Kanalisierung dieser Kritik ins Integrierbare.


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magnalogger #11

Ich fand es interessant, dass die Kinder der fanatischsten Nazis oftmals zu fanatischen Linken wurden.
Vater war Fähnleinführer, Sohn wurde glühender Maoist, Marxist oder whatever.


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deep_franz #11.1

Das ist nun gar nicht verwunderlich, sondern im Grunde klassischer Bestandteil jeder Jugendkultur. Es lässt sich übrigens auch in genau die andere Richtung beobachten, wenn aus den Kindern der "Revolutionäre" richtig konservative "Spießer" werden.
M.E ist dieser Mechanismus jugendlicher Auflehnung gegen die Elterngeneration sogar Teil der "Erfolgsgeschichte" der Menschheit.


...


Aus: "1968: USA, LSD & SDS" Christian Staas (18. April 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/17/1968-revolution-befreiungsbewegungen-weltweit-schlaglichter/komplettansicht


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« Reply #32 on: May 13, 2018, 10:34:23 AM »
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[...] Catherine Millet 70, leitet als Kunstkritikerin in Paris das Magazin art press. Ein Welterfolg war „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ Aktueller Titel: „Traumhafte Kindheit“.

... Der Mai 1968 hat die Sexualität aus der Versenkung geholt. Frauen wollten frei Lust empfinden. ... Jeder weiß, dass der Mai 68 am 22. März 1968 begann, als eine Gruppe Studierender den Sitzungssaal der Professoren ganz oben im Verwaltungsgebäude der Universität Nanterre besetzte. Freilich hatte es schon zuvor Proteste und Aktivitäten aller Art gegeben. So hatte die studentische Campusinitiative für den Abend des 21. März Myriam Revault d’Allonnes zu einer Vorlesung über Die sexuelle Revolution von Wilhelm Reich eingeladen – eine gute Gelegenheit, um das Manifest des Orgontheoretikers „Was ist sexuelles Chaos?“ als Flugblatt zu verteilen.

Ein Beispiel darin für sexuelles Chaos: „Durch erotische Filme die Jugendlichen sexuell zu erregen, um Geschäfte zu machen, aber ihnen die natürliche Liebe und Befriedigung, noch dazu mit Berufung auf die Kultur, zu versagen.“

... Pierre Viansson-Pontés Artikel „Wenn Frankreich sich langweilt“ [Quand la France s’ennuie], eine Woche vor dem 22. März 1968 in Le Monde erschienen, wird heute oft als Beispiel für Verblendung herangezogen. Er schreibt: „Was macht unsere Jugend? Sie will wissen, ob die Mädchen von Nanterre oder Antony freien Zugang zu den Zimmern der Jungs bekommen – ein beschränkter Begriff der Menschenrechte.“ Anders gesagt: Nichts zu erwarten von unserer nutzlosen Jugend, die sich mehr für Belanglosigkeiten interessiert als für Politik.

Diese Auffassung steht für eine Geisteshaltung, die das Thema Sexualität zwar nicht ignoriert, es aber trotzdem für vollkommen unernsthaft hält. Unwichtig, unbedeutend. Bei einer Schwimmbadeinweihung am 8. Januar 1968 auf dem Campus von Nanterre kritisierte Daniel Cohn-Bendit den Sport- und Jugendminister François Missoffe dafür, dass er sich nicht für die sexuellen Schwierigkeiten der Jugend interessiere. Der Minister empfahl dem jungen Mann daraufhin einen Sprung ins Becken, er riet zu kaltem Wasser als Gegenmittel, so wie andere früher Bromid zur Beruhigung verschrieben hätten. Ein Sprung ins Wasser, und schon denkt man nicht mehr daran.

Der Journalist wie auch der Minister hinkten weit hinter ihrer Zeit zurück. Ihre Äußerungen legen die große Kluft offen, eine Kluft zwischen Mächtigen in den Medien und der Politik und dem, was in der Gesellschaft damals bereits gelebt wurde. Der Pariser Mai hat die Gesellschaft nicht umgekrempelt, aber er hat die Notwendigkeit aufgezeigt, dass die Regierenden ihre Uhren richtig stellen. Trotz allem hätten Viansson-Ponté und Missoffe im Hinterkopf haben sollen, dass die Nationalversammlung im Dezember 1967 endlich die Empfängnisverhütung legalisiert hatte, was nicht ohne Kampf abgegangen war. Doch sogar General de Gaulle hatte sich den Argumenten von Lucien Neuwirth, dem Initia­tor des Gesetzes, gebeugt. Dieses Gesetz bestätigte gewissermaßen die tiefgreifende Veränderung, die in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen begonnen hatte, vor allem bei den Babyboomern, die nun in einem Alter waren, dass sie selbst Kinder bekamen, und deren Lebensstil sich an der amerikanischen Gegenkultur orientierte, vielleicht träumten sie ja vom Summer of Love in San Francisco.

Heute denke ich, dass es für meine Freundinnen, die bürgerlicher aufgewachsen sind als ich, sicher viel schwieriger war, von ihren eher konservativen Eltern die Erlaubnis zu kriegen, die Pille zu nehmen. Ich komme aus einem volkstümlichen Pariser Vorort, und sobald meine Mutter merkte, dass ich sexuelle Kontakte hatte, schickte sie mich zum Arzt. Das war 1966, als die Pille bereits unter dem Vorwand medizinischer Gründe verschrieben werden konnte. Merci, Maman! Sie ermöglichte mir ein Jahr Vorlauf vor dem Gesetz.

Vor dem Gesetz, nach dem Gesetz – die Vorschriften auf dem Campus von Nanterre waren folgende: Nach 22 Uhr durften die Jungs Besuch bekommen, während dies den Mädchen verboten war. Ich habe mir viele Gedanken über diese absurde Ungleichbehandlung gemacht. Florence Prud’homme, heute Frauenrechtlerin und Verlegerin, die 1968 auf dem Campus lebte, erinnert sich, dass Studenten und Studentinnen intensive Kontakte hatten und dass es in Nanterre eine Beratungsstelle für Familienplanung gab. Florence nimmt mir darüber hinaus meine naive Vergesslichkeit in Bezug auf die damalige Mentalität: Jungen Männern wurden Bedürfnisse zugestanden, die junge Frauen gar nicht kannten. Frühere Generationen fanden es ja auch normal, dass ein junger Mann seine ersten sexuellen Erfahrungen im Bordell machte, während ein junges Mädchen seine Jungfräulichkeit bewahren musste. Beim Mann also ist sexuelles Verlangen drängend, bei der Frau kann es warten. Eine Moral und ein Begriff von Körperlichkeit, die eher ins 19. Jahrhundert gehören!

Der Dekan nannte die Studenten, die den Abend des 21. März 1967 bei den Studentinnen verlängert hatten, „Eindringlinge“. Doch sie waren nirgendwo eingedrungen – die Mädchen hatten ihnen die Tür geöffnet. Sie haben damals deutlich gemacht, dass ihre Lust genauso drängend sein kann wie die der Männer. Meine These ist einfach: „Lust ohne Fesseln“ [jouir sans entraves] wäre nicht auf die Mauern geschrieben worden, hätten die Frauen nicht zuvor beschlossen, dass sie ebenso frei Lust empfinden wollen wie die Männer.


Aus: "Der Mai '68 in Frankreich - Merci, Maman!" Catherine Millet (12. 5. 2018, Übersetzung: Gaby Wurster)
Quelle: http://www.taz.de/Der-Mai-68-in-Frankreich/!5501327/

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« Reply #33 on: May 17, 2018, 10:25:21 AM »
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[...] Berlin - Diesmal ist er wirklich tot: Der linksradikale Politaktivist Dieter Kunzelmann, der 1998 per Todesanzeige seinen Selbstmord vorgetäuscht hatte, ist am Montag im Alter von 78 Jahren in seiner Kreuzberger Wohnung verstorben. Das bestätigte sein Anwalt Hans- Christian Ströbele dem Berliner KURIER.

Er war eine der führenden Personen der Studentenproteste in West-Berlin, Freund Rudi Dutschkes, Mitbegründer der Kommune 1, Terrorist und 1983 bis 1985 Abgeordneter des Grünen-Vorläufers Alternative Liste. Sein ehemaliger Anwalt, zeitweiliger Arbeitgeber und Weggefährte Hans-Christian Ströbele sagte dem KURIER: „Ich bin sehr traurig. Das ist eine Zeit, um nachzudenken und sich zu erinnern.“

Er hatte erst ein Ei auf den Dienstwagen des damaligen Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen (CDU) geworfen und beim Prozess ein Ei auf dem Kopf des Zeugen Diepgen zerdrückt – begleitet von den Worten: „Frohe Ostern, du Weihnachtsmann.“ Dafür sollte Kunzelmann sitzen, „starb“ aber lieber „Auferstanden“ war er ein gutes Jahr später, trat seine Haft an und kam im Mai 2000 frei. Dabei warf er drei Eier an das Gefängnis Tegel.

So ulkig das heute klingen mag: Der Provokateur Kunzelmann, zeitweilig Mitglied der „umherschweifenden Haschrebellen“, war kein harmloser Clown. 1969 lernte er – begleitet von seiner Freundin und späteren Terroristin des „2. Juni“, Ina Siepmann – bei den palästinensischen Fatah-Bewegung das Bombenbauen und das Schießen.

Kurz nach seiner Rückkehr wurde am Jahrestag der „Reichspogromnacht“, dem 9. November 1969, eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus gelegt, die aber nicht explodierte. Urheber waren laut einem Flugblatt die Terrorgruppe „Tupamaros West-Berlin“, deren Kopf Kunzelmann gewesen sein soll.

Er hatte die Bombe offenkundig nicht gelegt, ehemalige Mitstreiter beschuldigten ihn aber der Anstiftung und bezeichneten ihn als Antisemiten. Kunzelmann selbst bestritt später eine Beteiligung an dem Anschlag. Später saß er wegen Brandstiftungen und anderer Straftaten jahrelang hinter Gittern.


Aus: "Dieter Kunzelmann (✝78) Abschied von einem Bürgerschreck" Christian Gehrke, Gerhard Lehrke (16.05.18)
Quelle: https://www.berliner-kurier.de/berlin/leute/dieter-kunzelmann---78--abschied-von-einem-buergerschreck-30412794

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[...] Der Politologe Wolfgang Kraushaar deckte 2005 auf, dass Peter Urbach, ein V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes, die Bombe geliefert hatte. Die Berliner Behörden kannten durch ihn die Namen der beteiligten Täter, die der Schlussbericht einer eingesetzten Sonderkommission benannte. Die Staatsanwaltschaft erhob jedoch keine Anklage; der damals zuständige Staatsanwalt wollte sich 2005 nicht dazu äußern. Kraushaar erklärt dies mit dem „großen Ansehensverlust der Bundesrepublik“, falls der Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus mit staatlichen Mitteln verübt wurde.[11] Urbachs Rolle bei dem Anschlag wurde nicht vollständig geklärt.[9] ...

[9] Gerd Koenen: Rainer, wenn du wüsstest! Der Anschlag auf die Jüdische Gemeinde am 9. November 1969 ist nun aufgeklärt – fast. Was war die Rolle des Staates? In: Berliner Zeitung, 6. Juli 2005
[11] Steffen Mayer, Susanne Opalka: Bombenterror gegen jüdische Gemeinde – nach 30 Jahren packt der Täter aus. Kontraste, 10. November 2005 (Nachdruck)


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Tupamaros_West-Berlin (23. April 2018)

https://de.wikipedia.org/wiki/Zentralrat_der_umherschweifenden_Haschrebellen

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[...] Kommune 1: Politaktivist Dieter Kunzelmann ist tot - Er war Mitbegründer der Kommune 1 und galt als wichtiger Aktivist der Studentenbewegung in den 1968er Jahren. Mit 78 Jahren ist Dieter Kunzelmann gestorben.  ...

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Konfusius #10

Zu Glanz und Elend (ja auch Elend) der 68er-Bewegung empfehle ich Götz Aly: 'Unser Kampf: 1968 - ein irritierter Blick zurück'. - Er, - wir alle, - waren oder sind (so wir noch leben) - Kinder unserer Zeit, Suchende und Irrende, belastet mit schweren Hypotheken der Vergangenheit. Aber war überhaupt lebendig, wer nicht suchte und irrte ?



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Dierahape45 #9

Namensvetter und Weggefährte, ich selbst habe bald schon in Frankfurt einen anderen Weg beschritten, aber ich halte dich in guter Erinnerung.
Fantasievoll, verrückt, mutig und menschlich warst du immer.



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matotope #8

Ein wahrer Situanionist.



Aus: "Politaktivist Dieter Kunzelmann ist tot" (16. Mai 201)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-05/kommune-1-dieter-kunzelmann-gruender-tot

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« Reply #34 on: May 22, 2018, 02:13:29 PM »
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[...] Der klerusnahe Psychiater Raphael Bonelli warf jetzt im ORF den 68ern vor, sie seien "in der Pubertät steckengeblieben, denn sie müssen ständig gegen etwas sein, obwohl sie schon Jahrzehnte das Establishment erobert haben". Aber wenige Jahre nach '68 kamen die praktischen Maßnahmen der großen gesellschaftspolitischen Reformen der ersten sozialdemokratischen Alleinregierung unter Bruno Kreisky: Familienrechtsreform, Strafrechtsreform, Bildungsreform durch neue Hochschulgesetze, Schülerfreifahrten und Gratisschulbücher. "Das ist genau die Lücke, in die Kreisky hineinstieg", sagt Rathkolb. Der SPÖ-Kanzler war ein Gegner der 68er, fing aber gleichzeitig das gesellschaftliche Bedürfnis nach Veränderung auf – und brachte es 1970 genau dorthin, wo der Bedarf war: bei Jungwählern, Erstwählern, bei den Frauen, in kleinen Gemeinden. "Das sind jene Gruppen, die von den autoritären Strukturen am stärksten unterdrückt waren." "Eine entscheidende Veränderung war der Umgang mit Kindern", urteilt Fischer-Kowalski. "Das ist wirklich geblieben und hat einen Riesenunterschied gemacht. Das antiautoritäre Moment hat die Sozialisationsbedingungen von Kindern nachhaltig verändert. Der schiere Autoritarismus und die Gewalt gegen Kinder haben sich stark verringert." "Die Familien- und Sexualstrafrechtsreformen von Kreisky hätte es ohne die 68er nicht gegeben", sagt Gerfried Sperl, früherer STANDARD-Chefredakteur und damals Chef der Hochschülerschaft Graz. Sperls "Aktion" war übrigens der Beleg dafür, dass Österreich 1968 nicht nur links, sondern auch bürgerlich-katholisch- liberal war. Die Forderung der Grazer Studenten: Die "kostümierten" Burschenschaften müssen von den Feierlichkeiten an den Unis verschwinden . "Am stärksten geblieben von 1968 ist die Hochschulgesetzgebung", sagt Sperl. Mitbestimmung, Drittelparität, Schluss mit der Herrschaft der Ordinarien.

Und die "Durchflutung aller Lebensbereiche mit Demokratie" (Kreisky). Der Gedanke, dass man Autoritäten infrage stellen kann, sogar erfolgreich, dass Hierarchien nicht gottgewollt sind, dass es eine Liberalität des Denkens gibt – "dieser Gedanke hat Österreich massiv verändert", ist Peter Kowalski überzeugt. Eine Rolle dabei spielte für Peter Huemer die "Demokratisierung" durch den neuen ORF, einfach durch intensive Berichterstattung. Ist eine neue Revolution am Horizont? Derzeit nicht, sagen alle. Eine Umfrage, die Rathkolb gemeinsam mit dem Sora-Institut gemacht hat, zeigt sogar einen Schub in Richtung autoritäre Einstellungen. "Momentan kämpfen auch gut Ausgebildete in prekären Verhältnissen um ihre Zukunft. Aber wenn ihnen das Wasser bis unter die Nase reicht, dann werden sie sich schon rühren." (Hans Rauscher, 21.5.2018)

...

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anders and 69

a bisserl a akademische Nabelschau ist das schon - der erste kulturelle Umbruch kam doch um 1955 mit der städtischen Arbeiterjugend, die sich an James Dean und Elvis Presley orientierte, und ihr Leben nicht mehr alleine auf Arbeit und Familie hin orientieren wollte, wie das in den vermieften 50ern zuvor üblich war;
aber dafür interessieren sich die angeblich linken, intellektuellisierenden Zirkel ja überhaupt nicht. Sind ja nur Arbeiter, die mit der Elite überhaupt nichts am Hut hatten, wie garstig!


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EdwinTheMan

Kommt alles wieder. Jetzt kommt erst mal der Spießermief zurück, halt laktosefrei und ohne Gott, dafür um so mehr mit Geld. Irgendwann wird's dann wieder zu dick werden, so ein Spießerleben hat auf die Dauer einfach zu viele Widersprüche. Dann werden wieder Leute kommen, die das ganze wieder aufbrechen.


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Grüner Hein

Lernunfähigkeit - Sämtliche 68er-Konzepte sind gescheitert: Freie Liebe, Multikulti, antiautoritäre Erziehung, Abschaffung von Heimat und Familie usw.
Trotzdem scheinen die Proponenten dieser "Revolution" bis heute nichts dazuzulernen. Selbstreflexion ist den 68ern anscheinend unbekannt, was umso mehr verwundert, als diese Leute doch intelligent waren. Somit bleibt als Erklärung für ihre Irrationalität nur ein für heutige junge Leute unvorstellbares Ausmaß an Komplexen, was sicher mit der Erziehung durch die Kriegsgeneration zusammenhängt.


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anders and 69

"neues Biedermeier" ist doch schon seit 45 Jahren ein Schlagwort für die jeweils aktuelle Situation - lustig, wie viele Leute meinen, das sei originell so unheimlich passend, gerade für die jetzige Situation - dabei wird "das Neue Biedermeier" zuverlässig mindestens alls fünf Jahre ausgerufen:

"Ein neues Biedermeier?" (29.01.1973)
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42713745.html


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Juusto Hampurilainen

Die 68er haben die Kriegsgeneration noch als voll im Leben stehende, vitale Patriarchen mit Allmachtsanspruch erlebt und versucht, dieser autoritären und rückwärtsgewandten Welt etwas entgegenzusetzen. Im Gegensatz dazu kennen die Millenials diese extreme gesellschaftliche Enge nicht. Ihr Bezug zur Kriegsgeneration ist entweder inexistent oder jener zu altersmilden Großeltern, bei denen man nicht so genau hinhört, wenn sie eigenartige Ansichten absondern.
Diese junge Generation wählt nun wieder den Rückschritt und kapiert nicht, was sie sich damit einbrockt.



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Le Comte

Für mich ist das Folgende charakteristisch für das, was sich geändert hat:

Anzeige nach StVO vor 68:
Sie haben sich am y.x hierorts um 10:45 im Zimmer xxx einzufinden.

Nach 68:
Sie werden gebeten etc. Sollten Sie dazu nicht in der Lage sein, bitten wir Sie um telefonische Kontaktaufnahme.


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my nucular dingaling

Erst vor kurzem wieder eine Doku über die Muehl Kommune gesehen. Ein Drecksack und perversr Kinderschänder der sich für eine art Gott hielt. Ich weiß schon, jetzt kommen wieder die Leute die meinen man muss die Kunst und die Person trennen, aber das ist in meinen Augen Unsinn.


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Anton Szanya

Revolutionsjahr 1968? - Das studentische Revolutionsjahr war 1848!
Damals forderten die Studenten mit Erfolg Lehr- und Lernfreiheit und die Abschaffung des streng reglementierten Studienganges, der auch schon damals "prüfungsinaktive" Studenten sanktionierte. Der damalige Studiengang hatte, wie Anton Massari es ausdrückte, in erster Linie "philantropistische" Ziele, das heißt die Verwendbarkeit der Studenten als juristisch geschulte Beamte und als taugliche Ärzte. Der heutige Bologna-Prozess mit seinem Zwang zum Erwerb der erforderlichen Anzahl an ECTS-Punkten ist im Grunde nichts anderes.
Ein Studium im eigentlichen Sinne zur Befriedigung wissenschaftlichen Erkenntnisdranges und Bereicherung der Persönlichkeit war damals so unmöglich wie es das heute ist.
Wir leben wieder in einem Vormärz.


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dasmussichloswerden

Was lief den zeitgleich in katholischen und staatlichen kinderheimen ab, in priesterseminaren? Was in gutbürgerlichen, angesehenen familien? Wieso fanden sich Altnazis als lehrer und richter unbehelligt in der gesellschaftsmitte? Ich kann die 68er heute bestens verstehen und ohne deren radikalität und provokation hätte sich gar nichts geändert. Es war nicht die zeit und nicht die Verpflichtung für alles lösungen anzubieten, aber der protest war und bleibt vorbildlich.


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Günther Bauer sen.

Was wirklich etwas bedeutete war nicht die "Uniferkelei", die wurde von den Jugendlichen eher mit Humor genommen. Das Wichtige war der Generationenwechsel der Jugend vom Folgsamen, Strebsamen und auf Konvention bedachten Heranwachsenden zum Nein-Sager, Kritiker und Nonkonformisten. Gab es in den 50ern und Anfang der 60er nur das Bestreben, den Eltern nachzueifern und auch "Erwachsen" sein zu wollen, begann man ab 66, lieber ewig jungedlich bleiben zu wollen (auch wenn das Berufsleben dann zuschlug).
Und ein wirklich tragendes Element der Veränderung war, war die Musik. Nach Jahren des Tingeltangel-Schlagers kamen erstmals Rock und Pop nach Österreich. Das bewirkte ein unglaubliches Freiheitsgefühl und grenzte gleichzeitig gegen die Elterngeneration ab.


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  Shyama Charan

In Paris, Berlin & London kämpfte man auf den Straßen
In Wien saß man im Trockenen und onanierte gemütlich ...


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NoTrueScotsman

Wer sich ein paar Interviews von damals reinzieht (gibt's unter anderem auf YouTube) der merkt relativ schnell, dass diese Kids vor allem das waren, was man heute als Hipster bezeichnen würde - und auch ähnlich auftraten. '68 ist massiv romantisch verklärt - meistens von den damaligen Anhängern. Nüchtern betrachtet handelt es sich beim "Geist" dieser Zeit um irgendeine nicht greifbare Form der Rebellion, die meistens nicht einmal von den Teilnehmern ernst genommen wurde.


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yoghurtinator

Um die Auswirkungen von 68 in Österreich auf das heute zu konstatieren, muss man sich nur den späteren Zustand der damaligen 68er vor Augen führen. Viele von ihnen sind übergangslos von "wer zweimal mit derselben pennt..." in eine biedere Karriere, etwa in der Bank oder als Beamter eingebogen. Das sind dieselben Leut, die heut bei ihren eigenen Kindern jammern "Oiso i versteh des ned, wieso die Jungen heut so konformistisch san. Wie mir jung warn, hamma doch so revolluzt."



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quisquam

Ein echter schauriger
Treppenwitz der Geschichte, daß ausgerechnet ein ehemaliger NS-Arzt und Mordgeselle über den Geisteszustand der Aktionskünstler zu befinden hatte. Von solchen Figuren wie Gross (SPÖ-Mitglied) hat uns die Zeit befreit und leider keine 68er- oder sonstige Revolution. Überhaupt sehe ich die Bilanz dieser Protestbewegung im Ergebnis nicht ganz so positiv. Ein subalterner Parvenü und Beschwörer des "gesunden Volksempfindens" schreibt immer noch in der "Krone" und wird für seine Dreckschleudereien noch von der Republik ausgezeichnet. Rechte Burschenschafter sitzen 50 Jahre nach 1968 in hohen Positionen und lassen in ihren Zirkeln unter sich den Ungeist der Vergangenheit hochleben. Viel gelernt haben manche also keineswegs, im Gegenteil...


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Alfred J. Noll

Die Sozialdemokratie konnte sich 1970 ff. als politischer Vermittler darstellen. Sie hatte eine gesellschaftliche Kraft links von ihr. Strafrechtsreform, Familienreform, Bildungsreform, neue Arbeitsverfassung etc. waren nur möglich, weil neben der Sozialdemokratie eine (radikal-)engagiert-utopische "politische Macht" bestand, die dem Institutionengefüge Reformen aufzwang, indem sie den Eindruck erweckte, dass bald alles außer Kontrolle geraten könnte. Als die Gruppen, Grüppchen und Einzeldarsteller dann eingefangen (bürokratisch pazifiert) waren, beschied sich die Sozialdemokratie wieder damit, die bestehenden Verhältnisse bloß noch zu verwalten - das Ergebnis sehen wir heute.


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Pfeil

Die 68er-Generation hat uns die aktuelle Misere eingebrockt: Rückgang der Geburtenrate, Werteverfall und Islamisierung. Ein hässliches Erbe.


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Toxo Logic

Islamisierung?
Das wahr wohl umgekehrt. Schauen Sie sich einmal Bilder aus den 70ern von Kairo, Kabul oder Ankara an. Da waren Miniröcke angesagt und nix mit Kopftüchern.
Es sind die Wertkonservativen, die auf der ganzen Welt die Islamisierung verbreiten.


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Phaidros_III

Die 68er für die Islamisierung verantwortlich zu machen ist schon ein starkes Stück. Ziehen's bitte Ihre Lederhose an und gehen's zum Volksfest ( bei der John Otti Band werden sie sich unter ihresgleichen sofort besser fühlen).


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LaTuja

Was war 68? In den USA die Proteste gegen den Vietnamkrieg und damit der Beginn einer Friedensbewegung.
In Europa der größte gesellschaftliche Wandel nach dem Krieg.
Kulturelle Freiheiten, Die Pille , neue Musik wie Beatles, Stones, Minirock als Skandal, Die Bewegung der Grünen in Hainburg, Das Infrage stellen aller Autoritäten und dem neu Definieren von Frauenrechten und Kinderrechten.
die 68 beschränkten sich nicht auf eine Aktion in der Uni und ich würde es nicht als Höhepunkt bezeichnen.
Es war ein neues Lebensgefühl, mit Irrungen und Fehlern, aber im großen und ganzen die Basis des liberalen Lebens, das wir heute genießen.
Lassen wir uns das nicht wegnehmen durch eine rückwärts gewandte Politik.


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abaris

Was viele immer wieder vergessen: '68 war nicht dieser große Knall und plötzlich war alles anders. Das hat Mitte der 60er begonnen und sich bis weit in die 70er entfaltet.
Ja, ich war ein Kind damals. Woran ich mich erinnere, ist primär die Musik, die Paperbox am Graben (some old farts might remember) und dass mir niemals der Mund verboten wurde. Auch dass meine Eltern die Zeit willig und begeistert angenommen haben, obwohl Kriegsgeneration und in den 20ern geboren. Es war, aus kindlicher Perspektive, lustig und bunt damals. Die Großeltern, obwohl kleine Gewerbetreibende, waren überzeugte Sozis.
Ich muss aber auch sagen, dass ich aus heutiger Sicht, äußerst privilegiert aufgewachsen bin. Geld war kein Thema. Andere haben die Zeit wohl nicht in so guter Erinnerung.


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maximalist

... Ich halte nichts vom "hoch stilisieren" der 68er, aber es ging fast immer um die Gesellschaft und Allgemeinheit und nicht um Abschottung und Abgrenzung.


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le pere duchesne

Natürlich war 68 was - aber in Österreich leider nicht so richtig: Die großen Studentenrevolten in Frankreich und der BRD waren die Spitze eines Eisberges, der den ganzen konservativen Mief der Nachkriegszeit durchbrochen hat. Autoritäten und Hierachien wurden hinterfragt und der Lächerlichkeit preisgegeben, die Gesellschaft wurde liberaler - gut so.
Die Entwicklung hier fand allerdings so statt, dass diese Einflüsse vor allem von Deutschland her einsickerten und nicht vor Ort erkämpft wurden. Wie immer hinkte Österreich hinterher - ein Land, das sich für Revolten nicht eignet.
Warum? Geringe Bevölkerungsdichte, wenig urbane Zentren und eine jahrhundertelange Verdummung durch den Katholizismus.

...


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DerSchenkelklopfer

"Wir sind uns manchmal recht revolutionär vorgekommen, aber so wirklich waren wir das nicht"
Das ist eigentlich die Zusammenfassung der gesamten österreichischen Linken.


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mag. wilhelm polterer reloaded

Ist es nicht ein bißchen traurig, dass linke Bewegungen in der Gegenwart ständig nur von der Vergangenheit reden? Da ist einerseits der Säulenheilige Kreisky, der bei jeder Gelegenheit erwähnt wird und andererseits die "68-er", deren Revolution im Dauerdurchlauf alle paar Jahre gefeiert, er- und verklärt wird. Nur was ist mit der Gegenwart - gibt es seit den 70er-Jahren keine gedanklichen Impulse und Ideen mehr?


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Mafi

Es ist der ewige Kampf ums Narrativ, um die Erzählung der Geschichte. Für die Rechten ist 68 der Sündenbock für alles, für die 68er ihr beweis das sie was bewegt hätten. ...


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pol.korr. Weltbild-Schoner

Grau: Der Schwenk ins Intolerante kam, als die Ideale von 1968 mehrheitsfähig geworden waren, also in den 1990er Jahren. Überhaupt würde ich darauf pochen, dass nicht 1968 unsere Gesellschaft verändert hat. Nur Intellektuelle glauben, dass Intellektuelle die Welt verändern.


Quote
Erich aus Hietzing

Uni-Ferkler und ihre Anhänger kassieren jetzt oft hohe Beamtenpensionen
1968 gegen den Staat protestieren,
2018 sich von den Steuerzahlern mit einem Vielfachen der ASVG-Pension aushalten lassen, die bei weitem nicht durch erhöhte Pensionsbeiträge abgedeckt ist.


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saurewurst

österreich hat zehntausende nazis mit spitzenpensionen durchgefüttert und wird sicher mit einer handvoll 68er rentner nicht in konkurs gehen


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bretterregens

"Aus den 68ern ist eine Generation Egoisten entstanden."

Die 68er haben verschiedenste Lebensentwürfe und unterschiedliche Richtungen mit unterschiedlichen Zielen hervorgebracht, von ausgerägtem Individualismus bis kollektiven Forderungen. Das auf banale Phrasen runter zu brechen wie Sie es tun zeugt nicht von faktischer Differenziertheit, sondern von populärphilosophischen Versuchen, die zur Zeit um sich greifen.


Quote
slim shady

... 1968 hat nicht nur eine gesellschaftliche sondern auch eine kulturelle Revolution in Gang gesetzt. Musik, Mode, Theater, Film.
Und natürlich die sexuelle Revolution. Insgesamt die Machtgewinnung der Jugend, das Aufbrechen der jahrhundertlang durch Kirche und Monarchien gefestigten und allgemein anerkannter Autoritätsordnung.

Sozusagen die Pubertät der westlichen Gesellschaft.


Quote
Penjamin Hakeler

Ich bin in den Siebzigern geboren und in den Achtzigern und Neunzigern groß geworden. Ich habe sie miterlebt, die Revolution, den Bruch mit der Gesellschaft und dem Elternhaus. Es war eine wahnsinnig energiegeladene Zeit. Und heute ist es nicht anders. Unsere Kinder werden uns zeigen wo es lang geht.


Quote
Dante75

Die 68er haben vorallem das Gesellschaftssystem, dass von den Nationalsozialisten geprägt wurde aufgebrochen. Der Nationalsozialismus stärkte die konservativen Rollen, verfestigte Rollenverständnisse und lies, wie heute im neokonservativen Kapitalismus, die Reichen reicher werden. Die 68er waren ein Versuch, diese gesellschaftliche Grundordnung, die "nur" durch den Führungswechsel 1945 ja nicht beseitigt wurde, aufzubrechen. Und es gelang den 68ern auch und dafür sind wir ihnen zu tiefstem Dank verpflichtet, denn sonst würden wir immer noch in einer Gesellschaft leben, in der gesellschaftliche Positionen zum größten Teil vom Schicksal vorgegeben sind.


Quote
ka-tse

Ich habe diese Zeit der 68er durchlebt und auch mitgemacht. Und Sie haben meiner Meinung nach grade die eigentlichen Ursachen der Bewegung aufgezeigt. Damals saßen die alten Nazis in gleichen oder ähnlichen Stellungen wie unter Hitler. So waren meine Lehrer damals fast alle 'ehemalige' Nazis. Die Nichtnazis waren entweder tot oder geflohen. Aus diesem Grund war meine Schulzeit ein Horror, inklusive der elterlichen verstaubten und rigiden Erziehung. Für mich war das damals der Grund in der 68er-Bewegung eine Chance zu sehen und daher mitzumachen - soweit ich das als jugendlicher Naiver eben verstand.


Quote
Kanton

Es war halt für Auflehnung gegen „unterm Hitler hätt’s des ned gebn“.
Etwas verkürzt gesagt.



Aus: "1968 – war da was?- SPURENSUCHE" Hans Rauscher (21. Mai 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000080015931/1968-War-da-was




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« Reply #35 on: May 28, 2018, 12:08:13 PM »
Quote
[...]  Am 30. Mai 1968 wurden die Notstandsgesetze der Bundesrepublik verabschiedet. Sie legalisierten das Abhören und Überwachen durch Nachrichtendienste, führten den Richtervorbehalt ein und etablierten die G10-Kontrollkommission.

Auch sie sind ein Erbe der "68er": Die Notstandsgesetze, die im Rahmen der Notstandsverfassung und der Änderung des Artikels 10 des Grundgesetzes am 30. Mai 1968 in dritter Lesung mit 384 Ja-Stimmen und 100 Nein-Stimmen verabschiedet wurden. Mit dem Gesetzespaket wurden 28 Artikel so geändert, aufgehoben oder neu eingefügt, dass eine amtierende Regierung im Falle eines Angriffes, eines Putschversuchs oder einer Naturkatastrophe den Notstand ausrufen und die parlamentarische Kontrolle bei solch einem "inneren Notstand" aussetzen konnte.

So wurde der Einsatz der Bundeswehr im Inneren nach einer Naturkatastrophe erlaubt. Auf Seiten der regierten Bürger wurden bei einem Notstand jedoch die Grundrechte drastisch eingeschränkt. Zudem wurde auf der juristischen Ebene der Begriff des "Staatswohls" geprägt: Wer das Wohl des Staates gefährdet, sollte auch ohne Ausrufung des Notstands überwacht oder in Schutzhaft genommen werden können. Die Notstandsgesetze gelten heute als das wichtigste Erbe der ersten großen Koalition von SPD und CDU/CSU.

Im Bereich der Kommunikation führten die Notstandsgesetze zu einer Umdefinierung des Post- und Fernmeldegeheimnisses. Bis zu dieser zentralen Gesetzesänderung waren Post- und Fernmeldeüberwachungen durch deutsche Behörden verboten. Das änderte sich mit den Notstandsgesetzen beziehungsweise dem zugehörigen G10-Gesetz, das am 1. November in Kraft trat und nur in Westdeutschland galt – in Westberlin war das Abhören und Verwanzen via Besatzungsrecht weiterhin nur den Alliierten erlaubt. Fortan durften der Bundesnachrichtendienst, der Militärische Abschirmdienst und der Verfassungsschutz das Post- und Fernmeldegeheimnis brechen, wenn sie den bloßen Verdacht hatten, jemand könnte etwas planen, das die Sicherheit der BRD und das Staatswohl gefährde. Gegen die Maßnahmen konnte nicht geklagt werden, denn in "ihrem Vollzug ist der Rechtsweg nicht zulässig".

Dieser massive Eingriff in die Grundrechte wurde so erklärt: "Dient die Beschränkung dem Schutz der freiheitlich demokratischen Grundordnung oder des Bestandes oder der Sicherung des Bundes oder eines Landes, so kann das Gesetz bestimmen, dass sie dem Betroffenen nicht mitgeteilt wird und das an die Stelle des Rechtsweges die Nachprüfung durch von der Volksvertretung bestellte Organe und Hilfsorgane tritt." Als "Ersatzrechtsweg" wurde eine mit drei Personen besetzte G10-Kontrollkommission eingerichtet. Außerdem erfand man den "Richtervorbehalt" für langfristige Überwachungen, die "in den Kernbereich der Privatsphäre des Bürgers" eingreifen. All die Bestimmungen, die heute bei Überwachungsmaßnahmen der heimlichen "Online-Durchsuchung" und der "Quellen-Telekommunikationsüberwachung" gelten, können direkt auf die Notstandsgesetze zurückgeführt werden.

Für den damaligen SPD-Vorsitzenden und Außenminister Willy Brandt waren die neuen Gesetze ein großer Erfolg: "Die Bundesrepublik ist erwachsen genug, um die Ordnung ihrer inneren Angelegenheiten ohne Einschränkung in die eigenen Hände zu nehmen." Brandt verschwieg in seiner Rede allerdings, dass die deutschen Behörden durch Verwaltungsvereinbarungen und alliierte "Vorbehaltsrechte" verpflichtet wurden, die geheimdienstlichen Interessen der Alliierten wahrzunehmen. Genauso hatten zuvor alliierte Geheimdienste bundesdeutsche Überwachungsaufträge "auf Mitteilung" des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des Verfassungsschutzes durchgeführt.

Verfassungsschutz und BND verpflichteten sich, westlichen Geheimdiensten bei "Anwendung einer Beschränkungsmaßnahme" den Zutritt zu den Gebäuden zu gestatten, in denen die Überwachungsmaßnahme der Postverkehrs beziehungsweise das Abhören des Telefons durchgeführt wurde. In seinem Buch Überwachtes Deutschland erklärt der überwachungskritische Historiker Josef Foschepoth das Pathos der Politiker, die von der Einheit Deutschlands schwärmten, die durch die Notstandsgesetze gesichert werde: "Je nationaler die Töne der verantwortlichen Politiker wurden, desto mehr musste verschleiert werden."

"Lasst das Grundgesetz in Ruh – SPD und CDU!", skandierten die Demonstranten: Der größte und lauteste Protest gegen die neuen Gesetze kam von der außerparlamentarischen Opposition (APO). Die 68er Studenten sahen in den neuen Befugnissen für die Nachrichtendienste alte Methoden des NS-Staates wiederkehren und machten dies auf ihren Transparenten und Plakaten deutlich. Das Lied von der formierten Gesellschaftsordnung wurde gesungen, ein "Hochschulmanifest gegen die Notstandsgesetze" wurde in vier Wochen von 45.000 Studenten unterzeichnet, ganz ohne Internet. Am 11. Mai 1968 wurde mit dem Marsch auf Bonn die bis dahin größte Demonstration in der Bundeshauptstadt veranstaltet.

Aber auch innerparlamentarisch gab es deutlichen Protest, der hauptsächlich von der oppositionellen FDP kam. Die Freien Demokraten sahen vor allem durch die G10-Kommission den Rechtsstaat ausgehebelt. Ordentliche Gerichte und Richter müssten über die Zulässigkeit von Maßnahmen entscheiden, nicht irgendeine Kommission ohne Macht, "ein Gremium von Parlamentariern die nicht nach Rechtsgrundsätzen, sondern nach politischen Grundsätzen zu entscheiden haben und die nicht in der Lage sind, dieses Hohe Haus anzurufen, sondern die schön geheim für sich behalten müssen, was sie an wichtigen Staatsgeheimnissen gewahr geworden sind," erklärte der FDP-Abgeordnete Hermann Busse bei der zweiten Lesung der Gesetze im Deutschen Bundestag zu den vage gefassten "Fernmeldeverkehrsbeziehungen".

"Der Mann, gegen den begründeter Verdacht besteht, dass er schwerste Verbrechen zu begehen gewillt ist, genießt Rechtsschutz. Der Bürger, gegen den vage am Horizont irgendetwas auftauchen könnte – wir wissen ja gar nicht mal was, weil es nicht fassbar ist – genießt keinen Rechtsschutz." Der heftige Widerstand der FDP hielt allerdings nur bis zum Herbst 1969 an.

Nach der Bundestagswahl vom 28. September bildete man mit der SPD ("Mehr Demokratie wagen") eine kleine Koalition und Hans-Dietrich Genscher, der schärfste Kritiker der Notstandsgesetze, wurde Bundesinnenminister. Die FDP-Klage gegen die Notstandsgesetze wurde abgekündigt, was blieb war eine Klage des Bundeslandes Hessen.

Am 15. Dezember 1970 wies das Bundesverfassungsgericht diese Klage ab. Nach Auffassung der Mehrheit der Richter müsse der Bürger eine "gewisse Last" in seinen Grundrechten hinnehmen, wenn es um den "Schutz überragender Rechtsgüter" wie etwa dem Staatsschutz und dem Staatswohl der Bundesrepublik gehe. Weder die Menschenwürde, noch die Rechtsstaatlichkeit, noch die Gewaltenteilung werde verletzt, wenn der Staat geschützt werde. Eine Klage gegen die Überwachung der Bürger durch den Staat sei schon deswegen nicht zu gewähren, weil davon auzugehen ist, dass die Maßnahme "in einer freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie korrekt und fair angewendet wird."

Drei Bundesrichter votierten dagegen und durften erstmals in der Geschichte des Bundesverfassungsgerichtes ihr Nein öffentlich begründen. Im "Abhörstreit" stellten die abtrünnigen Juristen Fabian von Schlabrendorff, Hans-Georg Rupp und Gregor Geller fest, dass es der menschlichen Würde widerspreche, wenn der Mensch durch das Eindringen in seine Privatsphäre mit dem Abhören "zum bloßen Objekt staatlichen Handelns" gemacht werde.

Die nächste juristische Instanz war der Europäische Gerichtshof, der die Beschwerde gegen die Notstandsgesetze 1978 aufgrund der europäischen Menschenrechtskonvention abwies und wiederum das Staatswohl bemühte: "Befugnisse zur geheimen Überwachung von Bürgern, wie sie für einen Polizeistaat typisch sind, können nach der Konvention nur insoweit hingenommen werden, als sie zur Erhaltung der demokratischen Einrichtungen unbedingt notwendig sind." Man müsse davon ausgehen, dass in einer demokratischen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland die Behörden alle Überwachungsvorschriften korrekt anwenden, erklärten die Richter.

Solchermaßen juristisch abgesichert wurden in der Bundesrepublik ab September 1971 insgesamt 25 Überwachungsstellen eingerichtet. Pro Stelle wurden bis zu 240 Tonbandgeräte installiert, die die Gespräche verdächtiger Verbindungen für den Verfassungsschutz und den Bundesnachrichtendienst aufzeichnen konnten – das Ausland lag gleich nebenan. Für die Briefpost wurden drei zentrale Aussonderungsstellen eingerichtet, die jeweils bis zu 7000 DDR-Postsendungen täglich öffneten und auf staatsfeindliche Propaganda hin kontrollierten.

Die Notstandsgesetze wurden unter dem heftigen Protest der "68er" installiert. Die größten Notstände wurden von Ausläufern dieser Bewegung ausgelöst. 1975 entführte eine "Bewegung 2. Juni" den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz und löste damit eine Überwachung von mehr als 2500 Telefon-Anschlüssen in der Bundesrepublik und Westberlin aus, die erfolglos war. Bei der nächsten Geiselnahme von Hanns Martin Schleyer kam darum ein Computersystem ins Spiel, das neben der Überwachung und Auswertung von Telefonaten zahlreiche weitere Hinweise speichern sollte. Die Fahndung nach der RAF führte zur größten Panne der Kriminalisten. Eine Panne anderer Art offenbarte sich beim Verfassungsschutz, der im Zuge der RAF-Fahndung den Physiker Klaus Traube rechtswidrig abhörte. Die G10-Kommission wurde einfach nicht informiert.

Zur 50-jährigen Geschichte des Abhörens und Überwachens gehört ein Vorfall aus der jüngeren Geschichte: vor fünf Jahren enthüllte Edward Snowden, in welchem Ausmaß westliche Geheimdienste wie der BND in Bad Aibling Telefonate und die Datenkommunikation abhörten und auswerteten. Weder das inzwischen eingerichtete Parlamentarische Kontrollgremium noch die G10-Kommission waren davon informiert – denn es gab nichts zu informieren, weil es niemand die Fragwürdigkeit der Abhörmaßnahmen erkannte. In der Rückschau erklärte Gerhard Schindler, damals der Chef des Bundesnachrichtendienstes: "Obwohl der BND als deutsche Behörde vieles penibel regelt, gab es ausgerechnet für die Frage, wann man Ausländer abhören darf, keine Anweisungen. Deshalb gab es auch kein Unrechtsbewusstsein." (Detlef Borchers) / (mho)

Quote
     J.Reuther, 28.05.2018 09:01

Weil es keine Anweisungen gab, gab es kein Unrechtsbewusstsein? - Was für 'Menschen' sitzen denn da an den Abhörgeräten und den Schaltstellen der Macht? Jeder einigermaßen geistig gesunde Mensch hat ein Gewissen und fühlt sich schlecht, wenn er dem kategorischen Imperativ zuwider handelt:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Oder umgangssprachlich formuliert:
"Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu"

... Gesetze sollten das moralische Empfinden der Menschen abbilden, dachte ich mal.


...


Aus: "Missing Link: Grundrechtsabbau fürs "Staatswohl" – 50 Jahre Notstandsgesetze" Detlef Borchers  (27.05.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Grundrechtsabbau-fuers-Staatswohl-50-Jahre-Notstandsgesetze-4059232.html?seite=all


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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #36 on: May 30, 2018, 10:23:44 AM »
Quote
[...]  ... Helnwein: Die Welt befindet sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer noch in einem permanenten Kriegszustand. In diesen Kriegen starben 50 Millionen Menschen, ganze Nationen wurden in die Steinzeit zurückgebombt und versanken im Chaos. Keine dieser militärischen Interventionen hat jemals irgendein Problem gelöst oder irgendjemandem geholfen, außer dem Militär, der Rüstungsindustrie und deren Banken. Und da das Geschäft mit dem Tod gar so gut läuft, werden die Kampfhandlungen auf immer neue Länder ausgeweitet.

STANDARD: Sie meinen, es ginge hier nur ums Geschäft?

Helnwein: Dieser Verdacht kann sich einem schon aufdrängen, wenn man sieht, wie trotz gigantischer Staatsschulden, weltweiter Wirtschaftskrise und Sparmaßnahmen im Sozialbereich, Unterricht und Kultur die Militärbudgets ständig weiter erhöht werden. Noch nie sind so viele Waffen produziert und exportiert worden. Obwohl die Nato jährlich bereits 900 Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt, fordern die USA Europa ständig auf, noch mehr aufzurüsten.

STANDARD: Sie fühlen sich der 68er-Generation verbunden. Wie sehen Sie diese Revolte 50 Jahre danach?

Helnwein: Die Jugendrevolte der 1960er-Jahre war der letzte Versuch, sich gegen ein System aufzulehnen, das für zwei Weltkriege und den Holocaust verantwortlich war. Die linke Studentenschaft wollte damals den Marsch durch die Institutionen antreten. Bei diesem Marsch haben aber die Institutionen gewonnen. Fischer, Schily und Mahler sind links unten hineinmarschiert, und ganz rechts oben sind sie wieder herausgekommen. Man kann es ruhig sagen: Das amerikanische, raubkapitalistische System hat den endgültigen und totalen Sieg errungen.

STANDARD: Der globale Siegeszug des Kapitalismus hat doch auch Armut verringert.

Helnwein: Noch nie war die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie heute. Das reichste Prozent der Menschheit besitzt heute mehr als der gesamte Rest. Und die Schere geht immer weiter auf.

STANDARD: Die 68er politisierten sich einst an den Gräuelbildern des Vietnamkriegs, die damals erstmals via Fernseher in die Wohnzimmer geliefert wurden. Heute scheint durch die mediale Überfrachtung mit Gewaltbildern eher ein Fluchtreflex einzusetzen. Man will eben nicht mehr hinsehen. Ist das gefährlich?

Helnwein: Der ganze Planet ist fest im Griff eines Systems, das Pasolini schon in den 60er-Jahren als Konsumterror, als den neuen Faschismus bezeichnet hat. Die Überflutung der Menschen mit überflüssigen Konsumprodukten, schwachsinnigem Entertainment, Kitsch und Gewalt in Massenmedien, Filmen und Computerspielen haben die Menschen desensibilisiert und in einen Zustand von Apathie getrieben. ..."


Aus: "Gottfried Helnwein im Interview: "Das Geschäft mit dem Tod läuft gut" Interview: Stefan Weiss (30. Mai 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000080648311/Gottfried-Helnwein-im-Interview-Das-Geschaeft-mit-dem-Tod-laeuft

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #37 on: July 31, 2018, 02:13:40 PM »
Quote
[...] Arthur F. Thurnau Professor, Karl W. Deutsch Collegiate Professor of Comparative Politics and German Studies, Professor of Political Science, Professor of Germanic Languages and Literatures, Professor of Sociology The University of Michigan, Ann Arbor --- gehalten am 5. Juni 2018 in Stuttgart auf Einladung des Deutschen Literaturarchiv Marbach in der Stiftung Geißstraße7

... Das Jahr 1968 war in den Vereinigten Staaten schon wegen der schieren Größe der Ereignisse zumindest genauso bedeutsam wie in Frankreich oder Deutschland, wenn nicht sogar noch bedeutsamer: Präsident Johnsons Ankündigung, nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren zu wollen, die Ermordung Martin Luther Kings, die Studentenunruhen an der Columbia-Universiäet, alles nur im April des Jahres (obwohl Praesident Johnsons Erklärung am 31. März stattfand); die Ermordung Robert „Bobby“ Kennedys, die Strassenschlachten zwischen der Polizei und linken Demonstranten beim Parteitag der Demokraten in Chicago im August. ...

... Es gibt keine Helden. Selbst die good guys der Geschichte begehen gravierende Irrtümer, in moralischer Hinsicht wie im täglichen Leben. Ich kenne da keine Ausnahmen. Ich habe nie irgendwelche Achtundsechziger in den Himmel gehoben und werde das niemals tun. Ihre Fehler waren häufig zu häßlich für mich, wofür sie oft nichts konnten – das Leben ist eben so, unschön, manchmal schmutzig.

... Die Nöte weißer Arbeiter, die Woody Guthrie, ein Verfechter fortschrittlicher Politik, in Songs wie „Pastures of Plenty“ oder „Hard Travelin“ fuer Oklahoma oder den „Dust Bowl“ (der arme, weiße, ausgebeutete Arbeiter aus der Prairie Oklahomas als Träger progressiver Politik) so eindringlich beschrieben hat, war das zentrale Anliegen linker Politik in den Vereinigten Staaten bis 1968. In der Nach-68-Ära wurde aus genau diesen Leuten Merle Haggards „Okie from Muskogee“ (und inzwischen ist der genau gleiche aus Oklahoma stammende weiße Arbeiter zum Träger und Repräsentant der Reaktion schlechthin und der Red Necks und des White Trash, also zum Kern der Trumpanhänger mutiert), der ungebildete, konservative, nationalistische, Country-Musik liebende, die linke Elite hassende weiße Mann des mittleren Westens, der unerschütterliche Parteigänger Trumps.

Machen wir uns nichts vor: Die wichtigste Kluft, die Amerika von 1968 bis zum heutigen Tag durchzieht, ist in erster Linie kultureller, nicht ökonomischer Natur. Die Spaltung des Landes, zu Recht als der große „Kultur-Krieg“ bezeichnet, hat sich seit 1968 stetig vertieft.

... „1968“ warf ernsthaft die Frage auf, ob der westliche Fortschritt tatsächlich wünschenswert ist. Ähnliches gilt für das Verhältnis von Männern und Frauen. Unsere Auffassung von Sexualität änderte sich. Neulich sah ich zufällig eine Folge von „Wheel of Fortune“, eine durch und durch konventionelle, ungemein biedere und immer am Mainstream orientierte Gameshow im amerikanischen Fernsehen. Bei den Kandidaten handelte es sich um schwule, lesbische und transsexuelle Paare. Unglaublich!

Das victorianisch inspirierte Bild der idealen amerikanischen Familie, wie es TV-Shows von der Sorte „Leave it to Beaver“ über Jahrzehnte popularisiert haben – der arbeitende Mann, die Hausfrau und Mutter, zwei Kinder, ein Vorstadt-Häuschen –, diese spiessbürgerliche Vorstellung ist vollständig verschwunden. Stattdessen gibt es Sendungen wie „Shameless“ und unzählige andere, in denen eine Vielzahl familiärer Beziehungen vorgeführt werden, die sich entsprechend der sexuellen Neigungen und Geschlechterrollen von Folge zu Folge ändern. Ich finde es ausgesprochen bemerkenswert, wie schnell die amerikanische Öffentlichkeit diesen massiven sozialen Wandel akzeptiert hat.

„1968“ veränderte ebenso die victorianische Auffassung von Alter. In der Vor-68er-Zeit waren Kinder und Jugendliche gekleidet wie Erwachsene. Wie weit diese Gepflogenheit zurückreicht, zeigen die wunderbaren Brueghel-Gemälde im Wiener Kunsthistorischen Museum. Da sehen wir Kinder die einfach kleinen Erwachsenen gleichsehen. Das genaue Gegenteil geschah nach 1968: Selbst ältere Professoren kleiden sich seither wie ihre Studenten. Sehen Sie sich Bilder von Horkheimer und Adorno an, den Koryphäen des Frankfurter Instituts. In ihren gepflegten dunklen Anzügen und mit sorgfältig gebundenen Krawatten sehen sie aus wie gediegene Erwachsene, eigentlich wie Rechtsanwälte oder Spitzenmanager, aber keineswegs wie gegenwärtige Professoren in den Geistes- und Sozialwissenschaften. (Und Jura und Betriebswirtschaft und Medizin mag das schon anders sein). Meine Generation von Professoren hingegen liefert der Welt in Sachen Kleidung das Bild ergrauter Teenager. „1968“ sorgte dafür, dass wir partout an der Jugendlichkeit und ihrer Kultur festhalten wollen. „Forever young“, wie Bob Dylan singt.

„1968“ warf die ziemlich genau hundert Jahre währenden Lehren über den Haufen, die bestimmten, was es heißt, politisch links zu sein. Sie kennen alle die verschiedenen Glaubenssätze, auf die sich die alte Linke gründete und die sie von der neuen Linken unterschieden. Ich will mich darüber nicht weiter auslassen, sondern zu dem mit „1968“ wichtigsten Wort meines Vortragstitels begeben: dem „Mitgefühl“.

Ende der 1960er-Jahre, vielleicht nicht ganz genau 1968, aber doch nah genug dran, entwickelte sich in der fortgeschrittenen Welt der liberalen Demokratien ein breites Narrativ ueber das Mitgefühl. Dieser Diskurs ist meines Erachtens absolut demokratisch, weil er einen Prozess in Gang setzt, der Demokratie letztlich ausmacht: die über das allgemeine und gleiche Wahlrecht weit hinausgehende gesellschaftliche Einbeziehung vormals Ausgegrenzter. Dieser Demokratisierungsprozess ist für mich eine umfassende Bewegung mit dem Ziel, bis dahin ausgegrenzten sozialen Gruppen Würde, Authentizitaet und Respekt einzuräumen, die sie unbedingt verdienen. Voraussetzung dafür ist es, alte Fehler einzuräumen und für Schandtaten wahre Busse zu begehen, die von einer Gemeinschaft gegenüber einer anderen begangen wurden. Den was ich in meinen Arbeiten den „Discourse of Compassion“ also den Diskurs der Reue nenne, hat mein Freund, der israelische Historiker und Columbia-Professor Elazar Barkan, in seinem brillanten Buch „The Guilt of Nations“ ausführlich behandelt.
Wir erinnern uns alle an Willy Brandts Kniefall am Ehrenmal für die ermordeten Juden des Warschauer Ghettos im Dezember 1970. Weitere, nicht ganz so bekannte Beispiele, zunächst aus Grossbritannien: Die Entschädigung von 5.228 Kenianern, die von den britischen Machthabern während der Mau-Mau-Aufstands in den 1950er-Jahren brutal gefoltert und misshandelt worden waren. Oder der auf das Britische Museum ausgeübte Druck, die aus aller Welt zusammengetragenen Artefakte zurückzugeben. Deutsche Museen tun dies auch. Oder die Debatten an der Universitaet Oxford über die Cecil Rhodes-Statue. Ich könnte noch zig Beispiele aus Grossbritannien, aber auch äquivalente aus Frankreich, den Niederlanden, Belgien u.a. liberal demokratischen Ländern aufzählen, wo es in den letzten 20 Jahren zu emphatischen Ausdrücken der kollektiven Reue für frühere Missetaten gegenüber anderen, in diesem Fall oft Bevölkerungen ehemaliger Kolonien, kam.

In den Vereinigten Staaten gab es 1993 die lang ueberfällige Entschuldigung von Präsident Bill Clinton für die Internierung japanisch-stämmiger Amerikaner in Lagern an der Westküste nach dem Überfall auf Pearl Harbor. Es folgte die von Präsident Barack Obama in Gesetzesform gegossene Entschuldigung von 2009 bei den amerikanischen Ureinwohnern. Der Ruf des Amerika-Entdeckers Christopher Columbus ist inzwischen ziemlich ramponiert, da seine Landung immer mehr als Beginn einer Tragödie denn als Aufbruch zu einem grossartigen neuen Staatswesen und einer neuen Gesellschaft gesehen wird. Namen für Sportmannschaften, die auf amerikanische Ureinwohner Bezug nehmen, sind nach und nach verschwunden – mit Ausnahme der in der National Football League aktiven „Washington Redskins“, eine ungemein erniedrigende Bezeichnung. Dass ein Team mit einem solchen Namen ausgerechnet in unserer Hauptstadt angesiedelt ist, ist beschämend und unentschuldbar. In den Südstaaten gibt es überall Initiativen, die sich dafür einsetzen, Denkmäler von politischen und militärischen Führern der Konföderation, die den ehemals versklavten Schwarzen und deren Nachkommen immenses Leid zugefügt haben, zu zerstören oder zumindest aus der Öffentlichkeit zu entfernen. Und da ist nicht zuletzt die landesweit geführte appropriations-Diskussion (die kulturelle Aneignungsdiskussion), eine absolut entscheidende Debatte um die kulturelle Entmündigung bis heute marginalisierter Gruppen und Möglichkeiten und angemessene Formen der Wiedergutmachung. (Kurz erklärt: Man darf sich Gegenstände und kulturelle Gewohnheiten und Habitus ehedem unterdrückter Gruppen ohne deren vollem und explizitem Zugeständnis nicht aneignen.  Es geht vor allem um den Respekt, den man unterdrückten Gruppen schuldet. Und deren Authentizität, die man hochhalten muss.

Solche Debatten werden auch in Australien und Neuseeland geführt... Frauen sind die zivilisierende Kraft dieser Welt, und wir Männer handeln häufig entgegengesetzt. Nehmen wir jenen Terroristen, der Ende April mitten in Toronto sein Auto als toöliche Waffe gegen Frauen einsetzte und zehn auch tötete. Leider war er erfolgreich in seinem Vorhaben als Verfechter der sogenannten INCEL Bewegung – involuntary celibacy – Frauen für sein vermeintlich unfreiwilliges Zölibat zu bestrafen. Und Männerwut auf Frauen und die vermeintliche Feminisierung der Öffentlichkeit ist jedem halbwegs mit dem Internet vertrauten Beobachter längst bekannt.

Auf hunderten oder tausenden Internetseiten treffen wir eine offenen Frauenfeindlichkeit an, die bäengstigend ist. Diese Frauenfeindlichkeit ist eine männliche Reaktion auf die wachsenden Strömungen der Emanzipation und des Mitgefühls seit 1968, bei der sich konventionelle Männer übergangen und eigentlich gefährdet fühlen.
„Die Zukunft ist weiblich.“ Dieser inzwischen weltbekannte Slogan stand ursprünglich auf einem T-Shirt, das für Labyris Books entworfen worden war, den ersten Frauenbuchladen in New York City, den 1972 die beiden Achtundsechzigerinnen Jane Lurie und Marizel Rios eröffneten.

Ob die Zukunft wirklich weiblich sein wird, weiss ich nicht. Aber vieles spricht dafür, dass die Politik des Mitgefühls irreversibel ist. Sicher wird es Rückschlaege geben, wie das bei allen positiven Veränderungen der Fall ist. Nachlassen oder womöglich ganz verschwinden wird sie allerdings nicht. Was diese Politik auszeichnet ist die Tatsache, dass ihre Verfechter und Nutzniesser niemals zuvor die Macht hatten, sich Gehör zu verschaffen, oder – im Fall der Tiere – eben über keine Stimme im konventionellen Sinn verfügen. Sie waren stets auf externe Wohltäter mit Mitgefühl und Möglichkeiten angewiesen, die sich ihrer annahmen, sie zu ihrer Angelegenheit machten, was ihnen nichts einbrachte ausser der zufriedenstellenden Gewissheit, Notleidenden geholfen zu haben. Weder auf monetäre Belohnung noch auf sozialen Aufstieg durfte man hoffen. Der Einsatz für hilsbedürftige Lebewesen, die keine Stimme und null Macht haben, wirft keinen Gewinn ab.

Wenn „1968“ zumindest ein kleines bisschen zu dieser selbstlosen Generosität und zu Ausbreitung und Vertiefung von Mitgefühl beigetragen hat, sollten wir es, denke ich, als Erfolg betrachten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld.



Aus: "1968 und der Diskurs des Mitgefühls: Der lange Marsch zur sozialen Inklusion"
Vortrag von Andrei S. Markovits (Veröffentlicht am 22. Juli 2018 von E&F)
Quelle: http://emafrie.de/1968-und-der-diskurs-des-mitgefuehls-der-lange-marsch-zur-sozialen-inklusion/

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #38 on: August 09, 2018, 01:40:47 PM »
Bernward Vesper (* 1. August 1938 in Frankfurt (Oder); † 15. Mai 1971 in Hamburg) ... 1969 begann Vesper den Romanessay Die Reise, den er aber nicht mehr vollenden konnte. In dem autobiographischen Fragment, das erst 1977 posthum veröffentlicht wurde, thematisiert und reflektiert Vesper das Verhältnis zu seinem Vater, seine eigene radikale politische Überzeugung, seinen Schreibprozess an der „Reise“ sowie seine Erfahrungen mit Drogen. Es gilt als einflussreiche Darstellung der 68er-Generation und bedeutendes Zeitdokument.
Im Jahr 1971 wurde Vesper in die Psychiatrie Haar bei München eingewiesen und anschließend in die Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf verlegt, wo er sich am 15. Mai 1971 mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nahm. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Bernward_Vesper (5. August 2018)

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Quote
[...] „Die Reise“, ca. 1968. Ein Buch als Ich-Suche und Selbst­auf­lö­sung - Das Romanfragment von Bernward Vesper ist vielleicht das definitive Buch zu „68“. Der Autor seziert und vermischt seine Geschichte als Sohn eines Nazidichters, die Theorie- und Revolutionsträume der Neuen Linken und die halluzinatorischen Welten von LSD-Trips – bis seine Ich-Suche im Selbstmord endet.

... Vater und Sohn Vesper waren radikal anderer Meinung, was Hitler und den Natio­nal­so­zia­lismus betraf. Aber sie stimmten überein in ihrem Hass auf die USA. Vespers Buch ist daher auch ein Doku­ment aus der heissen Entste­hungs­ge­schichte der soge­nannten Quer­front, der dunklen Verbin­dungs­linie von rechtem und linkem Natio­na­lismus, von linkem und rechtem Ameri­ka­hass, auch von linker und rechter Feind­schaft gegen­über libe­ralen Gesell­schaften. Man liest es streck­weise atemlos – weil es so gut geschrieben, aber auch, weil es so bedrü­ckend ist. Vesper kommt einem dabei (fast zu) nahe – „68“ aber rückt weit weg.

Bern­ward Vesper: Die Reise. Reinbek bei Hamburg: rororo, 1. Taschen­buch­aus­gabe 1983


Aus: "„Die Reise“, ca. 1968. Ein Buch als Ich-Suche und Selbst­auf­lö­sung" Philipp Sarasin (2018)
Quelle: https://geschichtedergegenwart.ch/die-reise-ca-1968-ein-buch-als-ich-suche-und-selbstaufloesung/


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« Reply #39 on: August 09, 2018, 02:40:20 PM »
Quote
[...] Das vermutlich erste deutschsprachige Popgedicht hatte einen englischen Titel. "To Lofty with Love" entstand 1965 in London auf einem Notizzettel, nur 200 Meter von jenem Piccadilly Circus entfernt, an dem sein Verfasser Rolf Dieter Brinkmann fast genau zehn Jahre später mit 35 Jahren von einem Auto überfahren werden sollte. Gewidmet war der Siebzehnzeiler dem jetzigen Frankfurter Nachtklubbesitzer Ralf-Rainer Rygulla, der im Sommer 1966 einige Umzugskartons mit little mags - hektographierten Popschriften - aus den USA importierte. Die beiden hatten in Essen in einem "verhaßten Ausbeuterbetrieb" eine Buchhändlerlehre begonnen, würden in Kölner Wohnungen oder in fahrenden Zügen auf "Formulier- und Schreib-Partys" mit unterschiedlichsten Techniken und Textvorlagen experimentieren und 1969 im März Verlag die legendäre, damals in der BRD weitverbreitete Pop-Anthologie "ACID. Neue amerikanische Szene" herausgeben. Diese Anthologie, Brinkmann hatte 1969 schon zahlreiche eigene Titel veröffentlicht, war seine vorerst aggressivste Attacke auf den damals vorherrschenden Literaturgeschmack.

Im deutschen Sprachraum leben sich zu sehr auf Popideen einlassende Autoren statistisch gefährlich. Meistens werden sie überfahren. Fauser: Lkw; BAADER Holst: Straßenbahn; Brinkmann: Pkw. (Vesper und Schwab kamen auf andere Weise frühzeitig um.) Zwanzig Jahre nach Brinkmanns plötzlichem Tod und dem Erscheinen seines letzten Gedichtbandes "Westwärts 1 & 2" ...

... Was Brinkmann an der Literatur seiner Zeit am meisten vermißt, ist Gegenwart. Die meisten Texte sieht er als reinen "Erinnerungsfilm" angelegt, der sich "zynisch lächelnd" über die trivialen Ereignisse in nächster Nähe erhebt. Das Bewußtsein: "mit Bildern von gestern verstopft". Sein Gegenbild: die nackten Astronauten im Raum. Aber die ersehnte Projektion einer "schwerelos auszuführenden Sexualität" kann er in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht entdecken. Das gängige Schreiben zielt ihm viel zu sehr auf eine abstrakte, lustlos hervorgebrachte Kulturleistung ab: Unter dem Beifall der Literaturpolizei entstehen "entsetzlich verstellte" Produkte.

... Brinkmann schafft sich eigene Gattungsbegriffe: "ReiseZeitMagazin Tagebuch" oder "Verrecktes Traumbuch Totenbuch". Gedicht, Roman, Essay - "diese Einteilungen sagen längst nichts mehr, und das ist auch gut so . . ." Die von außen herangetragenen Stilfragen langweilen ihn - "alles Rituale". Seit der Moderne sind für ihn alle Stile verfügbar geworden, "und so kann auf einen Stil verzichtet werden. Mit der Auflösung der objektiven Funktion der Literatur hat sich weiterhin die Vorstellung von einem einheitlichen Werk, das zu leisten wäre, aufgelöst." Brinkmann wehrt sich gegen den Zwang, zu jedem Produkt gleich eine Theorie mitliefern zu müssen, und in seinem Protest formuliert er sie doch.

Was für Brinkmann allein zählt, "ist die Intensität der Hinwendung auf die Gegenstände, die jemand mag und die ihn faszinieren . . ." Seit Anfang der Siebziger wird für ihn daraus die verbissene Fixierung auf die Gegenstände, die er haßt - und die ihn faszinieren. In den ab 1971 entstehenden Text- und Bildbänden ("Drei neue Bücher habe ich eigentlich fertig") "Erkundungen für das Gefühl für einen Aufstand", "Rom, Blicke" und "Schnitte" treten Weltekel, Haß und Enttäuschung immer mehr in den Vordergrund, in ihnen sind die "Möglichkeiten der Verneinung bis zum Rand ausgeschöpft" (Genia Schulz). Erfreulich ausführlich im LiteraturMagazin die Beschäftigung mit diesen Nachlaßbänden, die bis heute oft als unzugänglich-sperrige Abfallprodukte der zuletzt erschienenen Gedichte abgetan werden.

...


Aus: "". . . richtig zum Ekeln!"" Andreas Neumeister (22. März 1996 Quelle: DIE ZEIT, 13/1996)
Quelle: https://www.zeit.de/1996/13/_richtig_zum_Ekeln_/komplettansicht

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Quote
" ... Es ist ein neuer Paragone, ein Widerstreit zwischen Bild oder – wie zu zeigen sein  wird  –  Foto und Wort, der Rolf Dieter Brinkmanns Poetologie der 1960er Jahre bestimmt. Auf der einen Seite stehen das Wort und die negativ konnotierten Attribute, mit denen es von Brinkmann assoziiert wird: Abstraktion, Reflexion, Begrifflichkeit, Vergangenheit. Dem  gegenüber sind dem Bild die positiv besetzten Begriffe der Sinnlichkeit, des konkreten Alltagsmaterials und der Gegenwart zu eigen. Vor dem Hintergrund dieser Polarisierung setzt sich Brinkmann von Anfang an als vehementer Verfechter einer neuen Bildlichkeit in Szene ... Bei der »hübschen Sache«, die zum Gegenstand der Darstellung wird, handelt es sich des weiteren nicht um eines der traditionellen Themen »hoher Literatur«, die durch intellektuelle Anstrengungen seitens des Autors in einen Begriff gefaßt werden, sondern um Material des Alltags, ja um den buchstäblichen Abfall, der dem Dichter zufällig in die Hände fällt: »Es gibt kein anderes Material als das, was allen zugänglich ist und womit jeder alltäglich umgeht, was man aufnimmt, wenn man aus dem Fenster guckt, auf der Straße steht, an einem Schaufenster vorbeigeht, Knöpfe, Knöpfe, was man gebraucht, woran man denkt und sich erinnert, alles ganz gewöhnlich, Filmbilder, Reklamebilder, Sätze aus irgendeiner Lektüre oder aus zurückliegenden Gesprächen, Meinungen, Gefasel, Gefasel, Ketchup, eine Schlagermelodie, die bestimmte Eindrücke neu in einem entstehen läßt.«
Indem der Alltag ins Zentrum des Interesses des Dichters rückt, kommt es zum doppelten Bruch mit der Vergangenheit: Einerseits ist Brinkmanns Interesse thematisch nicht mehr auf die Vergangenheit gerichtet, sondern auf die eigene unmittelbare Gegenwart und ihr »jetzt und jetzt und jetzt«. »Das Kurz-Zeit-Gedächtnis wird bevorzugt.«
... Der Fotografie ist für Brinkmann innerhalb dieses Paragones eine Potenzierung des Bild-Begriffs zu eigen. Ihre Bedeutung zeigt sich zunächst in einer Anspielung in »Der Film in Worten« auf den 1927 entstandenen »Photographie«-Aufsatz  Siegfried  Kracauers, der auch in der langen Liste der Widmungsträger der »ACID«-Anthologie auftaucht. Was später in Kracauers »Theorie des Films« – die Brinkmanns Auffassung vom fotografischen Medium sehr nahe kommt und die er 1966 las – als Vorzug der Fotografie hervorgehoben wird, wird hier noch gegen sie gewendet. In der Fotografie werden demnach stets nur materielle Äußerlichkeiten und diese nach dem Prinzip einer Oberfläche unterschiedslos abgebildet. Lediglich die »gegenwärtige menschliche Hülle« zeigt sich auf den Fotos, die Abgebildeten verwandeln sich in »Kostümpuppen«. Im Unterschied dazu operieren die Bilder des Gedächtnisses. Die  Speicherung erfolgt hier selektiv und damit fragmentarisch: Bewahrt wird nur, was Wahrheitsgehalt besitzt und bedeutungsvoll ist. Derartigen Gedächtnisbildern, die Kracauer auch  die »eigentliche Geschichte« des jeweils Dargestellten nennt, wird die Dimension der Tiefe zugeordnet – eine Dimension, die der Fotografie als Abbildung des rein Äußerlichen fehlt: »Unter der Photographie eines Menschen ist seine Geschichte wie unter einer Schneedecke vergraben.« ...
... Weil also das Objekt vor der Kamera bei Brinkmann ebenso in den Blickpunkt rückt wie das Subjekt dahinter, führen die Erkundungen des alltäglichen Materials gleichzeitig auch nach innen und werden als »Abenteuer des Geistes« zur »Eroberung des inneren Raums«. 1968, als Stanley Kubrick, einer der vielen Widmungsträger  der »ACID«-Anthologie, im Kino Astronauten bis zum Jupiter »and  beyond« schickte, die Menschen es in Wirklichkeit aber nur zum Mond schafften, durchdringen sich für Brinkmann Außen- mit Innenräumen. Denn es gilt, die Science-Fiction-Projektionen »auf uns hier, jetzt konkret« anzuwenden und zu einem »Vorstoß in die innere Dimension von uns selbst« zu machen, »die ebenso ein riesiger Raum ist wie der Weltraum, in den Raketen, Astronauten, Telestars, Mars-Sonden, Mondlandefahrzeuge hinauskatapultiert werden...«.
Logischerweise ist es dann auch die Figur des »Piloten« – so der Titel von Brinkmanns 1968 erschienenem  Gedichtband –, die zum Sinnbild für denjenigen wird, der sich auf diese  Mission ins Innere macht, zum  »Breakthrough in the Grey Room«, wie Brinkmann den US-Schriftsteller William S. Burroughs im »Film in Worten« zitiert.
Das Ende des letzten Gedichtes des »Piloten«-Bandes mit dem programmatischen Titel »Alle Gedichte sind Pilotengedichte« führt zudem ein zweites Symbol für den von Brinkmann angestrebten Zustand der gesteigerten Wahrnehmung ein ... das Motiv der Tür, die sich öffnet, gleichermaßen für einen Moment der intensiven Erfahrung als auch für eben jene Durchdringung der Räume. Ist doch die eingeforderte »neue  Sensibilität« des Subjekts für Brinkmann eine »nach innen und nach außen schwingende Tür«. Ja, der Moment des »snap-shots« selbst wird verglichen mit dem Moment, »wenn zwischen Tür und Angel, wie man so sagt, das, was man in dem Augenblick zufällig vor sich hat, zu einem sehr präzisen, festen, zugleich aber auch sehr durchsichtigen Bild wird, hinter dem nichts steht als scheinbar isolierte Schnittpunkte.« Für Brinkmann, der nicht zufällig immer wieder den Vers »Break on through to the other side« der »DOORS« zitiert, kennzeichnet somit neben den beiden anderen in den Aufsätzen propagierten bewußtseinserweiternden Mitteln, Pop- bzw. Rock-Musik und »Gras« – so der Titel von Brinkmanns letztem zu Lebzeiten 1970 publizierten Gedichtband – bzw. Drogen, die Fotografie eben diesen Augenblick des »Durchbruchs« als Ausbruch aus literarischen Traditionen. ..." 

Aus: "Rolf Dieter Brinkmann - Die Foto-Texte der 1960er Jahre", Thomas von Steinaecker: Literarische Foto-Texte. Zur Funktion der Fotografien in den Texten Rolf Dieter Brinkmanns, Alexander Kluges und W.G. Sebalds. Bielefeld: transcript Verlag, 2007, http://kult-online.uni-giessen.de/archiv/2008/ausgabe-16/rezensionen/dialoge-zwischen-text-und-fotografie
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" ... NACKTHEIT- Ästhetische Inszenierungen im Kulturvergleich" Herausgegeben von Kerstin Gernig (2002) -  " ...  Brinkmanns  Ästhetik der Entblößung situierte sich zweifellos schon von Anfang an in der Nähe des Pornographischen, aber diese Nähe wurde konkreter und expliziter, sobald sie sich auf das Bildmaterial zu beziehen begann, das im Zuge der medialen Freisetzung  der Nacktheit zunehmend aus dem Bereich klandestiner privater Lüste in die Öffentlichkeit zu wandern begann. An den Veränderungen von Brinkmanns Versuchen, zu einem bildhaften, an den Ausdrucksmöglichkeiten der Medien Film und Photographie orientierten Schreiben zu gelangen, läßt sich auch der Beschleunigungsprozeß ablesen, der die mediale Entsublimierung der öffentlichen Sphäre Ende der 60er Jahre kennzeichnete. ... Die 1968 veröffentlichte Gedichtsammlung "Godzilla" kann das Spannungsfeld besonders anschaulich machen, in das seine Poetik des "einfachen", sinnlich-sinnlosen Bildes geriet, sobald sie sich mit der Vermarktung der Sinnlichkeit  im  öffentlichen Raum  auseinanderzusetzen hatte. Ausgangspunkt sind in diesem Band bunte Illustriertenphotos von leicht bekleideten, nur in Ausschnitten dargebotenen, meist verführerisch lächelnden Frauen, die buchstäblich von der "dearty speach" pornographischer Phantasien überschrieben werden. Eine Überschreibung, die als doppelter BeschmutzungsVorgang angelegt ist: Als materielle Beschmutzung, weil  die bildlichen Unterlagen teilweise von schwarzen Lettern überdeckt werden und dadurch ihre Farbigkeit einbüßen; vor allem aber als symbolische Beschmutzung, weil die über die Schrift transportierten sexuellen Imaginationen durch ihre extreme Gewaltsamkeit schockierend wirken und in diesem Schock die verführerische Attraktion brechen, die von den erotischen Posen der reizenden Illustriertenschönheiten ursprünglich einmal ausgehen sollte.
Ein voyeuristischer Genuß der schönen Frauenkörper will sich nicht mehr einstellen, nachdem der pornographische Text entziffert wurde, der mit drastischer Eindeutigkeit auf der triebhaften Gewaltsamkeit sexuellen Begehrens insistiert und damit den Körper des Blickes ins Spiel bringt, der zum Funktionieren des voyeuristischen Dispositivs unsichtbar zu bleiben
hat. Die Worte des aus japanischen Science-Fiction-Filmen bekannten Monsters Godzilla konfrontieren das warenästhetische Versprechen nach sinnlicher Befriedigung, das von den überschriebenen Bildern ausgeht, brutaistmöglich mit der Todesverfallenheit des Körpers. Sie weisen auf das destruktive Triebpotential hin, das sich im hedonistischen Konsumrausch  fröhlichbesinnungslos auslebt. ..."
 

Aus: "NACKTHEIT- Ästhetische Inszenierungen im Kulturvergleich" Herausgegeben von Kerstin Gernig (2002),
Quelle: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/81908/Ehrlicher_Brinkmann.pdf
https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/81908/Ehrlicher_Brinkmann.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_Dieter_Brinkmann#Literatur

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