Author Topic: [1968 (Afterglow) // Notizen... ]  (Read 15633 times)

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #35 on: Mai 28, 2018, 12:08:13 nachm. »
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[...]  Am 30. Mai 1968 wurden die Notstandsgesetze der Bundesrepublik verabschiedet. Sie legalisierten das Abhören und Überwachen durch Nachrichtendienste, führten den Richtervorbehalt ein und etablierten die G10-Kontrollkommission.

Auch sie sind ein Erbe der "68er": Die Notstandsgesetze, die im Rahmen der Notstandsverfassung und der Änderung des Artikels 10 des Grundgesetzes am 30. Mai 1968 in dritter Lesung mit 384 Ja-Stimmen und 100 Nein-Stimmen verabschiedet wurden. Mit dem Gesetzespaket wurden 28 Artikel so geändert, aufgehoben oder neu eingefügt, dass eine amtierende Regierung im Falle eines Angriffes, eines Putschversuchs oder einer Naturkatastrophe den Notstand ausrufen und die parlamentarische Kontrolle bei solch einem "inneren Notstand" aussetzen konnte.

So wurde der Einsatz der Bundeswehr im Inneren nach einer Naturkatastrophe erlaubt. Auf Seiten der regierten Bürger wurden bei einem Notstand jedoch die Grundrechte drastisch eingeschränkt. Zudem wurde auf der juristischen Ebene der Begriff des "Staatswohls" geprägt: Wer das Wohl des Staates gefährdet, sollte auch ohne Ausrufung des Notstands überwacht oder in Schutzhaft genommen werden können. Die Notstandsgesetze gelten heute als das wichtigste Erbe der ersten großen Koalition von SPD und CDU/CSU.

Im Bereich der Kommunikation führten die Notstandsgesetze zu einer Umdefinierung des Post- und Fernmeldegeheimnisses. Bis zu dieser zentralen Gesetzesänderung waren Post- und Fernmeldeüberwachungen durch deutsche Behörden verboten. Das änderte sich mit den Notstandsgesetzen beziehungsweise dem zugehörigen G10-Gesetz, das am 1. November in Kraft trat und nur in Westdeutschland galt – in Westberlin war das Abhören und Verwanzen via Besatzungsrecht weiterhin nur den Alliierten erlaubt. Fortan durften der Bundesnachrichtendienst, der Militärische Abschirmdienst und der Verfassungsschutz das Post- und Fernmeldegeheimnis brechen, wenn sie den bloßen Verdacht hatten, jemand könnte etwas planen, das die Sicherheit der BRD und das Staatswohl gefährde. Gegen die Maßnahmen konnte nicht geklagt werden, denn in "ihrem Vollzug ist der Rechtsweg nicht zulässig".

Dieser massive Eingriff in die Grundrechte wurde so erklärt: "Dient die Beschränkung dem Schutz der freiheitlich demokratischen Grundordnung oder des Bestandes oder der Sicherung des Bundes oder eines Landes, so kann das Gesetz bestimmen, dass sie dem Betroffenen nicht mitgeteilt wird und das an die Stelle des Rechtsweges die Nachprüfung durch von der Volksvertretung bestellte Organe und Hilfsorgane tritt." Als "Ersatzrechtsweg" wurde eine mit drei Personen besetzte G10-Kontrollkommission eingerichtet. Außerdem erfand man den "Richtervorbehalt" für langfristige Überwachungen, die "in den Kernbereich der Privatsphäre des Bürgers" eingreifen. All die Bestimmungen, die heute bei Überwachungsmaßnahmen der heimlichen "Online-Durchsuchung" und der "Quellen-Telekommunikationsüberwachung" gelten, können direkt auf die Notstandsgesetze zurückgeführt werden.

Für den damaligen SPD-Vorsitzenden und Außenminister Willy Brandt waren die neuen Gesetze ein großer Erfolg: "Die Bundesrepublik ist erwachsen genug, um die Ordnung ihrer inneren Angelegenheiten ohne Einschränkung in die eigenen Hände zu nehmen." Brandt verschwieg in seiner Rede allerdings, dass die deutschen Behörden durch Verwaltungsvereinbarungen und alliierte "Vorbehaltsrechte" verpflichtet wurden, die geheimdienstlichen Interessen der Alliierten wahrzunehmen. Genauso hatten zuvor alliierte Geheimdienste bundesdeutsche Überwachungsaufträge "auf Mitteilung" des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des Verfassungsschutzes durchgeführt.

Verfassungsschutz und BND verpflichteten sich, westlichen Geheimdiensten bei "Anwendung einer Beschränkungsmaßnahme" den Zutritt zu den Gebäuden zu gestatten, in denen die Überwachungsmaßnahme der Postverkehrs beziehungsweise das Abhören des Telefons durchgeführt wurde. In seinem Buch Überwachtes Deutschland erklärt der überwachungskritische Historiker Josef Foschepoth das Pathos der Politiker, die von der Einheit Deutschlands schwärmten, die durch die Notstandsgesetze gesichert werde: "Je nationaler die Töne der verantwortlichen Politiker wurden, desto mehr musste verschleiert werden."

"Lasst das Grundgesetz in Ruh – SPD und CDU!", skandierten die Demonstranten: Der größte und lauteste Protest gegen die neuen Gesetze kam von der außerparlamentarischen Opposition (APO). Die 68er Studenten sahen in den neuen Befugnissen für die Nachrichtendienste alte Methoden des NS-Staates wiederkehren und machten dies auf ihren Transparenten und Plakaten deutlich. Das Lied von der formierten Gesellschaftsordnung wurde gesungen, ein "Hochschulmanifest gegen die Notstandsgesetze" wurde in vier Wochen von 45.000 Studenten unterzeichnet, ganz ohne Internet. Am 11. Mai 1968 wurde mit dem Marsch auf Bonn die bis dahin größte Demonstration in der Bundeshauptstadt veranstaltet.

Aber auch innerparlamentarisch gab es deutlichen Protest, der hauptsächlich von der oppositionellen FDP kam. Die Freien Demokraten sahen vor allem durch die G10-Kommission den Rechtsstaat ausgehebelt. Ordentliche Gerichte und Richter müssten über die Zulässigkeit von Maßnahmen entscheiden, nicht irgendeine Kommission ohne Macht, "ein Gremium von Parlamentariern die nicht nach Rechtsgrundsätzen, sondern nach politischen Grundsätzen zu entscheiden haben und die nicht in der Lage sind, dieses Hohe Haus anzurufen, sondern die schön geheim für sich behalten müssen, was sie an wichtigen Staatsgeheimnissen gewahr geworden sind," erklärte der FDP-Abgeordnete Hermann Busse bei der zweiten Lesung der Gesetze im Deutschen Bundestag zu den vage gefassten "Fernmeldeverkehrsbeziehungen".

"Der Mann, gegen den begründeter Verdacht besteht, dass er schwerste Verbrechen zu begehen gewillt ist, genießt Rechtsschutz. Der Bürger, gegen den vage am Horizont irgendetwas auftauchen könnte – wir wissen ja gar nicht mal was, weil es nicht fassbar ist – genießt keinen Rechtsschutz." Der heftige Widerstand der FDP hielt allerdings nur bis zum Herbst 1969 an.

Nach der Bundestagswahl vom 28. September bildete man mit der SPD ("Mehr Demokratie wagen") eine kleine Koalition und Hans-Dietrich Genscher, der schärfste Kritiker der Notstandsgesetze, wurde Bundesinnenminister. Die FDP-Klage gegen die Notstandsgesetze wurde abgekündigt, was blieb war eine Klage des Bundeslandes Hessen.

Am 15. Dezember 1970 wies das Bundesverfassungsgericht diese Klage ab. Nach Auffassung der Mehrheit der Richter müsse der Bürger eine "gewisse Last" in seinen Grundrechten hinnehmen, wenn es um den "Schutz überragender Rechtsgüter" wie etwa dem Staatsschutz und dem Staatswohl der Bundesrepublik gehe. Weder die Menschenwürde, noch die Rechtsstaatlichkeit, noch die Gewaltenteilung werde verletzt, wenn der Staat geschützt werde. Eine Klage gegen die Überwachung der Bürger durch den Staat sei schon deswegen nicht zu gewähren, weil davon auzugehen ist, dass die Maßnahme "in einer freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie korrekt und fair angewendet wird."

Drei Bundesrichter votierten dagegen und durften erstmals in der Geschichte des Bundesverfassungsgerichtes ihr Nein öffentlich begründen. Im "Abhörstreit" stellten die abtrünnigen Juristen Fabian von Schlabrendorff, Hans-Georg Rupp und Gregor Geller fest, dass es der menschlichen Würde widerspreche, wenn der Mensch durch das Eindringen in seine Privatsphäre mit dem Abhören "zum bloßen Objekt staatlichen Handelns" gemacht werde.

Die nächste juristische Instanz war der Europäische Gerichtshof, der die Beschwerde gegen die Notstandsgesetze 1978 aufgrund der europäischen Menschenrechtskonvention abwies und wiederum das Staatswohl bemühte: "Befugnisse zur geheimen Überwachung von Bürgern, wie sie für einen Polizeistaat typisch sind, können nach der Konvention nur insoweit hingenommen werden, als sie zur Erhaltung der demokratischen Einrichtungen unbedingt notwendig sind." Man müsse davon ausgehen, dass in einer demokratischen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland die Behörden alle Überwachungsvorschriften korrekt anwenden, erklärten die Richter.

Solchermaßen juristisch abgesichert wurden in der Bundesrepublik ab September 1971 insgesamt 25 Überwachungsstellen eingerichtet. Pro Stelle wurden bis zu 240 Tonbandgeräte installiert, die die Gespräche verdächtiger Verbindungen für den Verfassungsschutz und den Bundesnachrichtendienst aufzeichnen konnten – das Ausland lag gleich nebenan. Für die Briefpost wurden drei zentrale Aussonderungsstellen eingerichtet, die jeweils bis zu 7000 DDR-Postsendungen täglich öffneten und auf staatsfeindliche Propaganda hin kontrollierten.

Die Notstandsgesetze wurden unter dem heftigen Protest der "68er" installiert. Die größten Notstände wurden von Ausläufern dieser Bewegung ausgelöst. 1975 entführte eine "Bewegung 2. Juni" den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz und löste damit eine Überwachung von mehr als 2500 Telefon-Anschlüssen in der Bundesrepublik und Westberlin aus, die erfolglos war. Bei der nächsten Geiselnahme von Hanns Martin Schleyer kam darum ein Computersystem ins Spiel, das neben der Überwachung und Auswertung von Telefonaten zahlreiche weitere Hinweise speichern sollte. Die Fahndung nach der RAF führte zur größten Panne der Kriminalisten. Eine Panne anderer Art offenbarte sich beim Verfassungsschutz, der im Zuge der RAF-Fahndung den Physiker Klaus Traube rechtswidrig abhörte. Die G10-Kommission wurde einfach nicht informiert.

Zur 50-jährigen Geschichte des Abhörens und Überwachens gehört ein Vorfall aus der jüngeren Geschichte: vor fünf Jahren enthüllte Edward Snowden, in welchem Ausmaß westliche Geheimdienste wie der BND in Bad Aibling Telefonate und die Datenkommunikation abhörten und auswerteten. Weder das inzwischen eingerichtete Parlamentarische Kontrollgremium noch die G10-Kommission waren davon informiert – denn es gab nichts zu informieren, weil es niemand die Fragwürdigkeit der Abhörmaßnahmen erkannte. In der Rückschau erklärte Gerhard Schindler, damals der Chef des Bundesnachrichtendienstes: "Obwohl der BND als deutsche Behörde vieles penibel regelt, gab es ausgerechnet für die Frage, wann man Ausländer abhören darf, keine Anweisungen. Deshalb gab es auch kein Unrechtsbewusstsein." (Detlef Borchers) / (mho)

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     J.Reuther, 28.05.2018 09:01

Weil es keine Anweisungen gab, gab es kein Unrechtsbewusstsein? - Was für 'Menschen' sitzen denn da an den Abhörgeräten und den Schaltstellen der Macht? Jeder einigermaßen geistig gesunde Mensch hat ein Gewissen und fühlt sich schlecht, wenn er dem kategorischen Imperativ zuwider handelt:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Oder umgangssprachlich formuliert:
"Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu"

... Gesetze sollten das moralische Empfinden der Menschen abbilden, dachte ich mal.


...


Aus: "Missing Link: Grundrechtsabbau fürs "Staatswohl" – 50 Jahre Notstandsgesetze" Detlef Borchers  (27.05.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Grundrechtsabbau-fuers-Staatswohl-50-Jahre-Notstandsgesetze-4059232.html?seite=all


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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #36 on: Mai 30, 2018, 10:23:44 vorm. »
Quote
[...]  ... Helnwein: Die Welt befindet sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer noch in einem permanenten Kriegszustand. In diesen Kriegen starben 50 Millionen Menschen, ganze Nationen wurden in die Steinzeit zurückgebombt und versanken im Chaos. Keine dieser militärischen Interventionen hat jemals irgendein Problem gelöst oder irgendjemandem geholfen, außer dem Militär, der Rüstungsindustrie und deren Banken. Und da das Geschäft mit dem Tod gar so gut läuft, werden die Kampfhandlungen auf immer neue Länder ausgeweitet.

STANDARD: Sie meinen, es ginge hier nur ums Geschäft?

Helnwein: Dieser Verdacht kann sich einem schon aufdrängen, wenn man sieht, wie trotz gigantischer Staatsschulden, weltweiter Wirtschaftskrise und Sparmaßnahmen im Sozialbereich, Unterricht und Kultur die Militärbudgets ständig weiter erhöht werden. Noch nie sind so viele Waffen produziert und exportiert worden. Obwohl die Nato jährlich bereits 900 Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt, fordern die USA Europa ständig auf, noch mehr aufzurüsten.

STANDARD: Sie fühlen sich der 68er-Generation verbunden. Wie sehen Sie diese Revolte 50 Jahre danach?

Helnwein: Die Jugendrevolte der 1960er-Jahre war der letzte Versuch, sich gegen ein System aufzulehnen, das für zwei Weltkriege und den Holocaust verantwortlich war. Die linke Studentenschaft wollte damals den Marsch durch die Institutionen antreten. Bei diesem Marsch haben aber die Institutionen gewonnen. Fischer, Schily und Mahler sind links unten hineinmarschiert, und ganz rechts oben sind sie wieder herausgekommen. Man kann es ruhig sagen: Das amerikanische, raubkapitalistische System hat den endgültigen und totalen Sieg errungen.

STANDARD: Der globale Siegeszug des Kapitalismus hat doch auch Armut verringert.

Helnwein: Noch nie war die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie heute. Das reichste Prozent der Menschheit besitzt heute mehr als der gesamte Rest. Und die Schere geht immer weiter auf.

STANDARD: Die 68er politisierten sich einst an den Gräuelbildern des Vietnamkriegs, die damals erstmals via Fernseher in die Wohnzimmer geliefert wurden. Heute scheint durch die mediale Überfrachtung mit Gewaltbildern eher ein Fluchtreflex einzusetzen. Man will eben nicht mehr hinsehen. Ist das gefährlich?

Helnwein: Der ganze Planet ist fest im Griff eines Systems, das Pasolini schon in den 60er-Jahren als Konsumterror, als den neuen Faschismus bezeichnet hat. Die Überflutung der Menschen mit überflüssigen Konsumprodukten, schwachsinnigem Entertainment, Kitsch und Gewalt in Massenmedien, Filmen und Computerspielen haben die Menschen desensibilisiert und in einen Zustand von Apathie getrieben. ..."


Aus: "Gottfried Helnwein im Interview: "Das Geschäft mit dem Tod läuft gut" Interview: Stefan Weiss (30. Mai 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000080648311/Gottfried-Helnwein-im-Interview-Das-Geschaeft-mit-dem-Tod-laeuft

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #37 on: Juli 31, 2018, 02:13:40 nachm. »
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[...] Arthur F. Thurnau Professor, Karl W. Deutsch Collegiate Professor of Comparative Politics and German Studies, Professor of Political Science, Professor of Germanic Languages and Literatures, Professor of Sociology The University of Michigan, Ann Arbor --- gehalten am 5. Juni 2018 in Stuttgart auf Einladung des Deutschen Literaturarchiv Marbach in der Stiftung Geißstraße7

... Das Jahr 1968 war in den Vereinigten Staaten schon wegen der schieren Größe der Ereignisse zumindest genauso bedeutsam wie in Frankreich oder Deutschland, wenn nicht sogar noch bedeutsamer: Präsident Johnsons Ankündigung, nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren zu wollen, die Ermordung Martin Luther Kings, die Studentenunruhen an der Columbia-Universiäet, alles nur im April des Jahres (obwohl Praesident Johnsons Erklärung am 31. März stattfand); die Ermordung Robert „Bobby“ Kennedys, die Strassenschlachten zwischen der Polizei und linken Demonstranten beim Parteitag der Demokraten in Chicago im August. ...

... Es gibt keine Helden. Selbst die good guys der Geschichte begehen gravierende Irrtümer, in moralischer Hinsicht wie im täglichen Leben. Ich kenne da keine Ausnahmen. Ich habe nie irgendwelche Achtundsechziger in den Himmel gehoben und werde das niemals tun. Ihre Fehler waren häufig zu häßlich für mich, wofür sie oft nichts konnten – das Leben ist eben so, unschön, manchmal schmutzig.

... Die Nöte weißer Arbeiter, die Woody Guthrie, ein Verfechter fortschrittlicher Politik, in Songs wie „Pastures of Plenty“ oder „Hard Travelin“ fuer Oklahoma oder den „Dust Bowl“ (der arme, weiße, ausgebeutete Arbeiter aus der Prairie Oklahomas als Träger progressiver Politik) so eindringlich beschrieben hat, war das zentrale Anliegen linker Politik in den Vereinigten Staaten bis 1968. In der Nach-68-Ära wurde aus genau diesen Leuten Merle Haggards „Okie from Muskogee“ (und inzwischen ist der genau gleiche aus Oklahoma stammende weiße Arbeiter zum Träger und Repräsentant der Reaktion schlechthin und der Red Necks und des White Trash, also zum Kern der Trumpanhänger mutiert), der ungebildete, konservative, nationalistische, Country-Musik liebende, die linke Elite hassende weiße Mann des mittleren Westens, der unerschütterliche Parteigänger Trumps.

Machen wir uns nichts vor: Die wichtigste Kluft, die Amerika von 1968 bis zum heutigen Tag durchzieht, ist in erster Linie kultureller, nicht ökonomischer Natur. Die Spaltung des Landes, zu Recht als der große „Kultur-Krieg“ bezeichnet, hat sich seit 1968 stetig vertieft.

... „1968“ warf ernsthaft die Frage auf, ob der westliche Fortschritt tatsächlich wünschenswert ist. Ähnliches gilt für das Verhältnis von Männern und Frauen. Unsere Auffassung von Sexualität änderte sich. Neulich sah ich zufällig eine Folge von „Wheel of Fortune“, eine durch und durch konventionelle, ungemein biedere und immer am Mainstream orientierte Gameshow im amerikanischen Fernsehen. Bei den Kandidaten handelte es sich um schwule, lesbische und transsexuelle Paare. Unglaublich!

Das victorianisch inspirierte Bild der idealen amerikanischen Familie, wie es TV-Shows von der Sorte „Leave it to Beaver“ über Jahrzehnte popularisiert haben – der arbeitende Mann, die Hausfrau und Mutter, zwei Kinder, ein Vorstadt-Häuschen –, diese spiessbürgerliche Vorstellung ist vollständig verschwunden. Stattdessen gibt es Sendungen wie „Shameless“ und unzählige andere, in denen eine Vielzahl familiärer Beziehungen vorgeführt werden, die sich entsprechend der sexuellen Neigungen und Geschlechterrollen von Folge zu Folge ändern. Ich finde es ausgesprochen bemerkenswert, wie schnell die amerikanische Öffentlichkeit diesen massiven sozialen Wandel akzeptiert hat.

„1968“ veränderte ebenso die victorianische Auffassung von Alter. In der Vor-68er-Zeit waren Kinder und Jugendliche gekleidet wie Erwachsene. Wie weit diese Gepflogenheit zurückreicht, zeigen die wunderbaren Brueghel-Gemälde im Wiener Kunsthistorischen Museum. Da sehen wir Kinder die einfach kleinen Erwachsenen gleichsehen. Das genaue Gegenteil geschah nach 1968: Selbst ältere Professoren kleiden sich seither wie ihre Studenten. Sehen Sie sich Bilder von Horkheimer und Adorno an, den Koryphäen des Frankfurter Instituts. In ihren gepflegten dunklen Anzügen und mit sorgfältig gebundenen Krawatten sehen sie aus wie gediegene Erwachsene, eigentlich wie Rechtsanwälte oder Spitzenmanager, aber keineswegs wie gegenwärtige Professoren in den Geistes- und Sozialwissenschaften. (Und Jura und Betriebswirtschaft und Medizin mag das schon anders sein). Meine Generation von Professoren hingegen liefert der Welt in Sachen Kleidung das Bild ergrauter Teenager. „1968“ sorgte dafür, dass wir partout an der Jugendlichkeit und ihrer Kultur festhalten wollen. „Forever young“, wie Bob Dylan singt.

„1968“ warf die ziemlich genau hundert Jahre währenden Lehren über den Haufen, die bestimmten, was es heißt, politisch links zu sein. Sie kennen alle die verschiedenen Glaubenssätze, auf die sich die alte Linke gründete und die sie von der neuen Linken unterschieden. Ich will mich darüber nicht weiter auslassen, sondern zu dem mit „1968“ wichtigsten Wort meines Vortragstitels begeben: dem „Mitgefühl“.

Ende der 1960er-Jahre, vielleicht nicht ganz genau 1968, aber doch nah genug dran, entwickelte sich in der fortgeschrittenen Welt der liberalen Demokratien ein breites Narrativ ueber das Mitgefühl. Dieser Diskurs ist meines Erachtens absolut demokratisch, weil er einen Prozess in Gang setzt, der Demokratie letztlich ausmacht: die über das allgemeine und gleiche Wahlrecht weit hinausgehende gesellschaftliche Einbeziehung vormals Ausgegrenzter. Dieser Demokratisierungsprozess ist für mich eine umfassende Bewegung mit dem Ziel, bis dahin ausgegrenzten sozialen Gruppen Würde, Authentizitaet und Respekt einzuräumen, die sie unbedingt verdienen. Voraussetzung dafür ist es, alte Fehler einzuräumen und für Schandtaten wahre Busse zu begehen, die von einer Gemeinschaft gegenüber einer anderen begangen wurden. Den was ich in meinen Arbeiten den „Discourse of Compassion“ also den Diskurs der Reue nenne, hat mein Freund, der israelische Historiker und Columbia-Professor Elazar Barkan, in seinem brillanten Buch „The Guilt of Nations“ ausführlich behandelt.
Wir erinnern uns alle an Willy Brandts Kniefall am Ehrenmal für die ermordeten Juden des Warschauer Ghettos im Dezember 1970. Weitere, nicht ganz so bekannte Beispiele, zunächst aus Grossbritannien: Die Entschädigung von 5.228 Kenianern, die von den britischen Machthabern während der Mau-Mau-Aufstands in den 1950er-Jahren brutal gefoltert und misshandelt worden waren. Oder der auf das Britische Museum ausgeübte Druck, die aus aller Welt zusammengetragenen Artefakte zurückzugeben. Deutsche Museen tun dies auch. Oder die Debatten an der Universitaet Oxford über die Cecil Rhodes-Statue. Ich könnte noch zig Beispiele aus Grossbritannien, aber auch äquivalente aus Frankreich, den Niederlanden, Belgien u.a. liberal demokratischen Ländern aufzählen, wo es in den letzten 20 Jahren zu emphatischen Ausdrücken der kollektiven Reue für frühere Missetaten gegenüber anderen, in diesem Fall oft Bevölkerungen ehemaliger Kolonien, kam.

In den Vereinigten Staaten gab es 1993 die lang ueberfällige Entschuldigung von Präsident Bill Clinton für die Internierung japanisch-stämmiger Amerikaner in Lagern an der Westküste nach dem Überfall auf Pearl Harbor. Es folgte die von Präsident Barack Obama in Gesetzesform gegossene Entschuldigung von 2009 bei den amerikanischen Ureinwohnern. Der Ruf des Amerika-Entdeckers Christopher Columbus ist inzwischen ziemlich ramponiert, da seine Landung immer mehr als Beginn einer Tragödie denn als Aufbruch zu einem grossartigen neuen Staatswesen und einer neuen Gesellschaft gesehen wird. Namen für Sportmannschaften, die auf amerikanische Ureinwohner Bezug nehmen, sind nach und nach verschwunden – mit Ausnahme der in der National Football League aktiven „Washington Redskins“, eine ungemein erniedrigende Bezeichnung. Dass ein Team mit einem solchen Namen ausgerechnet in unserer Hauptstadt angesiedelt ist, ist beschämend und unentschuldbar. In den Südstaaten gibt es überall Initiativen, die sich dafür einsetzen, Denkmäler von politischen und militärischen Führern der Konföderation, die den ehemals versklavten Schwarzen und deren Nachkommen immenses Leid zugefügt haben, zu zerstören oder zumindest aus der Öffentlichkeit zu entfernen. Und da ist nicht zuletzt die landesweit geführte appropriations-Diskussion (die kulturelle Aneignungsdiskussion), eine absolut entscheidende Debatte um die kulturelle Entmündigung bis heute marginalisierter Gruppen und Möglichkeiten und angemessene Formen der Wiedergutmachung. (Kurz erklärt: Man darf sich Gegenstände und kulturelle Gewohnheiten und Habitus ehedem unterdrückter Gruppen ohne deren vollem und explizitem Zugeständnis nicht aneignen.  Es geht vor allem um den Respekt, den man unterdrückten Gruppen schuldet. Und deren Authentizität, die man hochhalten muss.

Solche Debatten werden auch in Australien und Neuseeland geführt... Frauen sind die zivilisierende Kraft dieser Welt, und wir Männer handeln häufig entgegengesetzt. Nehmen wir jenen Terroristen, der Ende April mitten in Toronto sein Auto als toöliche Waffe gegen Frauen einsetzte und zehn auch tötete. Leider war er erfolgreich in seinem Vorhaben als Verfechter der sogenannten INCEL Bewegung – involuntary celibacy – Frauen für sein vermeintlich unfreiwilliges Zölibat zu bestrafen. Und Männerwut auf Frauen und die vermeintliche Feminisierung der Öffentlichkeit ist jedem halbwegs mit dem Internet vertrauten Beobachter längst bekannt.

Auf hunderten oder tausenden Internetseiten treffen wir eine offenen Frauenfeindlichkeit an, die bäengstigend ist. Diese Frauenfeindlichkeit ist eine männliche Reaktion auf die wachsenden Strömungen der Emanzipation und des Mitgefühls seit 1968, bei der sich konventionelle Männer übergangen und eigentlich gefährdet fühlen.
„Die Zukunft ist weiblich.“ Dieser inzwischen weltbekannte Slogan stand ursprünglich auf einem T-Shirt, das für Labyris Books entworfen worden war, den ersten Frauenbuchladen in New York City, den 1972 die beiden Achtundsechzigerinnen Jane Lurie und Marizel Rios eröffneten.

Ob die Zukunft wirklich weiblich sein wird, weiss ich nicht. Aber vieles spricht dafür, dass die Politik des Mitgefühls irreversibel ist. Sicher wird es Rückschlaege geben, wie das bei allen positiven Veränderungen der Fall ist. Nachlassen oder womöglich ganz verschwinden wird sie allerdings nicht. Was diese Politik auszeichnet ist die Tatsache, dass ihre Verfechter und Nutzniesser niemals zuvor die Macht hatten, sich Gehör zu verschaffen, oder – im Fall der Tiere – eben über keine Stimme im konventionellen Sinn verfügen. Sie waren stets auf externe Wohltäter mit Mitgefühl und Möglichkeiten angewiesen, die sich ihrer annahmen, sie zu ihrer Angelegenheit machten, was ihnen nichts einbrachte ausser der zufriedenstellenden Gewissheit, Notleidenden geholfen zu haben. Weder auf monetäre Belohnung noch auf sozialen Aufstieg durfte man hoffen. Der Einsatz für hilsbedürftige Lebewesen, die keine Stimme und null Macht haben, wirft keinen Gewinn ab.

Wenn „1968“ zumindest ein kleines bisschen zu dieser selbstlosen Generosität und zu Ausbreitung und Vertiefung von Mitgefühl beigetragen hat, sollten wir es, denke ich, als Erfolg betrachten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld.



Aus: "1968 und der Diskurs des Mitgefühls: Der lange Marsch zur sozialen Inklusion"
Vortrag von Andrei S. Markovits (Veröffentlicht am 22. Juli 2018 von E&F)
Quelle: http://emafrie.de/1968-und-der-diskurs-des-mitgefuehls-der-lange-marsch-zur-sozialen-inklusion/

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« Reply #38 on: August 09, 2018, 01:40:47 nachm. »
Bernward Vesper (* 1. August 1938 in Frankfurt (Oder); † 15. Mai 1971 in Hamburg) ... 1969 begann Vesper den Romanessay Die Reise, den er aber nicht mehr vollenden konnte. In dem autobiographischen Fragment, das erst 1977 posthum veröffentlicht wurde, thematisiert und reflektiert Vesper das Verhältnis zu seinem Vater, seine eigene radikale politische Überzeugung, seinen Schreibprozess an der „Reise“ sowie seine Erfahrungen mit Drogen. Es gilt als einflussreiche Darstellung der 68er-Generation und bedeutendes Zeitdokument.
Im Jahr 1971 wurde Vesper in die Psychiatrie Haar bei München eingewiesen und anschließend in die Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf verlegt, wo er sich am 15. Mai 1971 mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nahm. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Bernward_Vesper (5. August 2018)

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[...] „Die Reise“, ca. 1968. Ein Buch als Ich-Suche und Selbst­auf­lö­sung - Das Romanfragment von Bernward Vesper ist vielleicht das definitive Buch zu „68“. Der Autor seziert und vermischt seine Geschichte als Sohn eines Nazidichters, die Theorie- und Revolutionsträume der Neuen Linken und die halluzinatorischen Welten von LSD-Trips – bis seine Ich-Suche im Selbstmord endet.

... Vater und Sohn Vesper waren radikal anderer Meinung, was Hitler und den Natio­nal­so­zia­lismus betraf. Aber sie stimmten überein in ihrem Hass auf die USA. Vespers Buch ist daher auch ein Doku­ment aus der heissen Entste­hungs­ge­schichte der soge­nannten Quer­front, der dunklen Verbin­dungs­linie von rechtem und linkem Natio­na­lismus, von linkem und rechtem Ameri­ka­hass, auch von linker und rechter Feind­schaft gegen­über libe­ralen Gesell­schaften. Man liest es streck­weise atemlos – weil es so gut geschrieben, aber auch, weil es so bedrü­ckend ist. Vesper kommt einem dabei (fast zu) nahe – „68“ aber rückt weit weg.

Bern­ward Vesper: Die Reise. Reinbek bei Hamburg: rororo, 1. Taschen­buch­aus­gabe 1983


Aus: "„Die Reise“, ca. 1968. Ein Buch als Ich-Suche und Selbst­auf­lö­sung" Philipp Sarasin (2018)
Quelle: https://geschichtedergegenwart.ch/die-reise-ca-1968-ein-buch-als-ich-suche-und-selbstaufloesung/


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« Reply #39 on: August 09, 2018, 02:40:20 nachm. »
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[...] Das vermutlich erste deutschsprachige Popgedicht hatte einen englischen Titel. "To Lofty with Love" entstand 1965 in London auf einem Notizzettel, nur 200 Meter von jenem Piccadilly Circus entfernt, an dem sein Verfasser Rolf Dieter Brinkmann fast genau zehn Jahre später mit 35 Jahren von einem Auto überfahren werden sollte. Gewidmet war der Siebzehnzeiler dem jetzigen Frankfurter Nachtklubbesitzer Ralf-Rainer Rygulla, der im Sommer 1966 einige Umzugskartons mit little mags - hektographierten Popschriften - aus den USA importierte. Die beiden hatten in Essen in einem "verhaßten Ausbeuterbetrieb" eine Buchhändlerlehre begonnen, würden in Kölner Wohnungen oder in fahrenden Zügen auf "Formulier- und Schreib-Partys" mit unterschiedlichsten Techniken und Textvorlagen experimentieren und 1969 im März Verlag die legendäre, damals in der BRD weitverbreitete Pop-Anthologie "ACID. Neue amerikanische Szene" herausgeben. Diese Anthologie, Brinkmann hatte 1969 schon zahlreiche eigene Titel veröffentlicht, war seine vorerst aggressivste Attacke auf den damals vorherrschenden Literaturgeschmack.

Im deutschen Sprachraum leben sich zu sehr auf Popideen einlassende Autoren statistisch gefährlich. Meistens werden sie überfahren. Fauser: Lkw; BAADER Holst: Straßenbahn; Brinkmann: Pkw. (Vesper und Schwab kamen auf andere Weise frühzeitig um.) Zwanzig Jahre nach Brinkmanns plötzlichem Tod und dem Erscheinen seines letzten Gedichtbandes "Westwärts 1 & 2" ...

... Was Brinkmann an der Literatur seiner Zeit am meisten vermißt, ist Gegenwart. Die meisten Texte sieht er als reinen "Erinnerungsfilm" angelegt, der sich "zynisch lächelnd" über die trivialen Ereignisse in nächster Nähe erhebt. Das Bewußtsein: "mit Bildern von gestern verstopft". Sein Gegenbild: die nackten Astronauten im Raum. Aber die ersehnte Projektion einer "schwerelos auszuführenden Sexualität" kann er in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht entdecken. Das gängige Schreiben zielt ihm viel zu sehr auf eine abstrakte, lustlos hervorgebrachte Kulturleistung ab: Unter dem Beifall der Literaturpolizei entstehen "entsetzlich verstellte" Produkte.

... Brinkmann schafft sich eigene Gattungsbegriffe: "ReiseZeitMagazin Tagebuch" oder "Verrecktes Traumbuch Totenbuch". Gedicht, Roman, Essay - "diese Einteilungen sagen längst nichts mehr, und das ist auch gut so . . ." Die von außen herangetragenen Stilfragen langweilen ihn - "alles Rituale". Seit der Moderne sind für ihn alle Stile verfügbar geworden, "und so kann auf einen Stil verzichtet werden. Mit der Auflösung der objektiven Funktion der Literatur hat sich weiterhin die Vorstellung von einem einheitlichen Werk, das zu leisten wäre, aufgelöst." Brinkmann wehrt sich gegen den Zwang, zu jedem Produkt gleich eine Theorie mitliefern zu müssen, und in seinem Protest formuliert er sie doch.

Was für Brinkmann allein zählt, "ist die Intensität der Hinwendung auf die Gegenstände, die jemand mag und die ihn faszinieren . . ." Seit Anfang der Siebziger wird für ihn daraus die verbissene Fixierung auf die Gegenstände, die er haßt - und die ihn faszinieren. In den ab 1971 entstehenden Text- und Bildbänden ("Drei neue Bücher habe ich eigentlich fertig") "Erkundungen für das Gefühl für einen Aufstand", "Rom, Blicke" und "Schnitte" treten Weltekel, Haß und Enttäuschung immer mehr in den Vordergrund, in ihnen sind die "Möglichkeiten der Verneinung bis zum Rand ausgeschöpft" (Genia Schulz). Erfreulich ausführlich im LiteraturMagazin die Beschäftigung mit diesen Nachlaßbänden, die bis heute oft als unzugänglich-sperrige Abfallprodukte der zuletzt erschienenen Gedichte abgetan werden.

...


Aus: "". . . richtig zum Ekeln!"" Andreas Neumeister (22. März 1996 Quelle: DIE ZEIT, 13/1996)
Quelle: https://www.zeit.de/1996/13/_richtig_zum_Ekeln_/komplettansicht

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" ... Es ist ein neuer Paragone, ein Widerstreit zwischen Bild oder – wie zu zeigen sein  wird  –  Foto und Wort, der Rolf Dieter Brinkmanns Poetologie der 1960er Jahre bestimmt. Auf der einen Seite stehen das Wort und die negativ konnotierten Attribute, mit denen es von Brinkmann assoziiert wird: Abstraktion, Reflexion, Begrifflichkeit, Vergangenheit. Dem  gegenüber sind dem Bild die positiv besetzten Begriffe der Sinnlichkeit, des konkreten Alltagsmaterials und der Gegenwart zu eigen. Vor dem Hintergrund dieser Polarisierung setzt sich Brinkmann von Anfang an als vehementer Verfechter einer neuen Bildlichkeit in Szene ... Bei der »hübschen Sache«, die zum Gegenstand der Darstellung wird, handelt es sich des weiteren nicht um eines der traditionellen Themen »hoher Literatur«, die durch intellektuelle Anstrengungen seitens des Autors in einen Begriff gefaßt werden, sondern um Material des Alltags, ja um den buchstäblichen Abfall, der dem Dichter zufällig in die Hände fällt: »Es gibt kein anderes Material als das, was allen zugänglich ist und womit jeder alltäglich umgeht, was man aufnimmt, wenn man aus dem Fenster guckt, auf der Straße steht, an einem Schaufenster vorbeigeht, Knöpfe, Knöpfe, was man gebraucht, woran man denkt und sich erinnert, alles ganz gewöhnlich, Filmbilder, Reklamebilder, Sätze aus irgendeiner Lektüre oder aus zurückliegenden Gesprächen, Meinungen, Gefasel, Gefasel, Ketchup, eine Schlagermelodie, die bestimmte Eindrücke neu in einem entstehen läßt.«
Indem der Alltag ins Zentrum des Interesses des Dichters rückt, kommt es zum doppelten Bruch mit der Vergangenheit: Einerseits ist Brinkmanns Interesse thematisch nicht mehr auf die Vergangenheit gerichtet, sondern auf die eigene unmittelbare Gegenwart und ihr »jetzt und jetzt und jetzt«. »Das Kurz-Zeit-Gedächtnis wird bevorzugt.«
... Der Fotografie ist für Brinkmann innerhalb dieses Paragones eine Potenzierung des Bild-Begriffs zu eigen. Ihre Bedeutung zeigt sich zunächst in einer Anspielung in »Der Film in Worten« auf den 1927 entstandenen »Photographie«-Aufsatz  Siegfried  Kracauers, der auch in der langen Liste der Widmungsträger der »ACID«-Anthologie auftaucht. Was später in Kracauers »Theorie des Films« – die Brinkmanns Auffassung vom fotografischen Medium sehr nahe kommt und die er 1966 las – als Vorzug der Fotografie hervorgehoben wird, wird hier noch gegen sie gewendet. In der Fotografie werden demnach stets nur materielle Äußerlichkeiten und diese nach dem Prinzip einer Oberfläche unterschiedslos abgebildet. Lediglich die »gegenwärtige menschliche Hülle« zeigt sich auf den Fotos, die Abgebildeten verwandeln sich in »Kostümpuppen«. Im Unterschied dazu operieren die Bilder des Gedächtnisses. Die  Speicherung erfolgt hier selektiv und damit fragmentarisch: Bewahrt wird nur, was Wahrheitsgehalt besitzt und bedeutungsvoll ist. Derartigen Gedächtnisbildern, die Kracauer auch  die »eigentliche Geschichte« des jeweils Dargestellten nennt, wird die Dimension der Tiefe zugeordnet – eine Dimension, die der Fotografie als Abbildung des rein Äußerlichen fehlt: »Unter der Photographie eines Menschen ist seine Geschichte wie unter einer Schneedecke vergraben.« ...
... Weil also das Objekt vor der Kamera bei Brinkmann ebenso in den Blickpunkt rückt wie das Subjekt dahinter, führen die Erkundungen des alltäglichen Materials gleichzeitig auch nach innen und werden als »Abenteuer des Geistes« zur »Eroberung des inneren Raums«. 1968, als Stanley Kubrick, einer der vielen Widmungsträger  der »ACID«-Anthologie, im Kino Astronauten bis zum Jupiter »and  beyond« schickte, die Menschen es in Wirklichkeit aber nur zum Mond schafften, durchdringen sich für Brinkmann Außen- mit Innenräumen. Denn es gilt, die Science-Fiction-Projektionen »auf uns hier, jetzt konkret« anzuwenden und zu einem »Vorstoß in die innere Dimension von uns selbst« zu machen, »die ebenso ein riesiger Raum ist wie der Weltraum, in den Raketen, Astronauten, Telestars, Mars-Sonden, Mondlandefahrzeuge hinauskatapultiert werden...«.
Logischerweise ist es dann auch die Figur des »Piloten« – so der Titel von Brinkmanns 1968 erschienenem  Gedichtband –, die zum Sinnbild für denjenigen wird, der sich auf diese  Mission ins Innere macht, zum  »Breakthrough in the Grey Room«, wie Brinkmann den US-Schriftsteller William S. Burroughs im »Film in Worten« zitiert.
Das Ende des letzten Gedichtes des »Piloten«-Bandes mit dem programmatischen Titel »Alle Gedichte sind Pilotengedichte« führt zudem ein zweites Symbol für den von Brinkmann angestrebten Zustand der gesteigerten Wahrnehmung ein ... das Motiv der Tür, die sich öffnet, gleichermaßen für einen Moment der intensiven Erfahrung als auch für eben jene Durchdringung der Räume. Ist doch die eingeforderte »neue  Sensibilität« des Subjekts für Brinkmann eine »nach innen und nach außen schwingende Tür«. Ja, der Moment des »snap-shots« selbst wird verglichen mit dem Moment, »wenn zwischen Tür und Angel, wie man so sagt, das, was man in dem Augenblick zufällig vor sich hat, zu einem sehr präzisen, festen, zugleich aber auch sehr durchsichtigen Bild wird, hinter dem nichts steht als scheinbar isolierte Schnittpunkte.« Für Brinkmann, der nicht zufällig immer wieder den Vers »Break on through to the other side« der »DOORS« zitiert, kennzeichnet somit neben den beiden anderen in den Aufsätzen propagierten bewußtseinserweiternden Mitteln, Pop- bzw. Rock-Musik und »Gras« – so der Titel von Brinkmanns letztem zu Lebzeiten 1970 publizierten Gedichtband – bzw. Drogen, die Fotografie eben diesen Augenblick des »Durchbruchs« als Ausbruch aus literarischen Traditionen. ..." 

Aus: "Rolf Dieter Brinkmann - Die Foto-Texte der 1960er Jahre", Thomas von Steinaecker: Literarische Foto-Texte. Zur Funktion der Fotografien in den Texten Rolf Dieter Brinkmanns, Alexander Kluges und W.G. Sebalds. Bielefeld: transcript Verlag, 2007, http://kult-online.uni-giessen.de/archiv/2008/ausgabe-16/rezensionen/dialoge-zwischen-text-und-fotografie
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" ... NACKTHEIT- Ästhetische Inszenierungen im Kulturvergleich" Herausgegeben von Kerstin Gernig (2002) -  " ...  Brinkmanns  Ästhetik der Entblößung situierte sich zweifellos schon von Anfang an in der Nähe des Pornographischen, aber diese Nähe wurde konkreter und expliziter, sobald sie sich auf das Bildmaterial zu beziehen begann, das im Zuge der medialen Freisetzung  der Nacktheit zunehmend aus dem Bereich klandestiner privater Lüste in die Öffentlichkeit zu wandern begann. An den Veränderungen von Brinkmanns Versuchen, zu einem bildhaften, an den Ausdrucksmöglichkeiten der Medien Film und Photographie orientierten Schreiben zu gelangen, läßt sich auch der Beschleunigungsprozeß ablesen, der die mediale Entsublimierung der öffentlichen Sphäre Ende der 60er Jahre kennzeichnete. ... Die 1968 veröffentlichte Gedichtsammlung "Godzilla" kann das Spannungsfeld besonders anschaulich machen, in das seine Poetik des "einfachen", sinnlich-sinnlosen Bildes geriet, sobald sie sich mit der Vermarktung der Sinnlichkeit  im  öffentlichen Raum  auseinanderzusetzen hatte. Ausgangspunkt sind in diesem Band bunte Illustriertenphotos von leicht bekleideten, nur in Ausschnitten dargebotenen, meist verführerisch lächelnden Frauen, die buchstäblich von der "dearty speach" pornographischer Phantasien überschrieben werden. Eine Überschreibung, die als doppelter BeschmutzungsVorgang angelegt ist: Als materielle Beschmutzung, weil  die bildlichen Unterlagen teilweise von schwarzen Lettern überdeckt werden und dadurch ihre Farbigkeit einbüßen; vor allem aber als symbolische Beschmutzung, weil die über die Schrift transportierten sexuellen Imaginationen durch ihre extreme Gewaltsamkeit schockierend wirken und in diesem Schock die verführerische Attraktion brechen, die von den erotischen Posen der reizenden Illustriertenschönheiten ursprünglich einmal ausgehen sollte.
Ein voyeuristischer Genuß der schönen Frauenkörper will sich nicht mehr einstellen, nachdem der pornographische Text entziffert wurde, der mit drastischer Eindeutigkeit auf der triebhaften Gewaltsamkeit sexuellen Begehrens insistiert und damit den Körper des Blickes ins Spiel bringt, der zum Funktionieren des voyeuristischen Dispositivs unsichtbar zu bleiben
hat. Die Worte des aus japanischen Science-Fiction-Filmen bekannten Monsters Godzilla konfrontieren das warenästhetische Versprechen nach sinnlicher Befriedigung, das von den überschriebenen Bildern ausgeht, brutaistmöglich mit der Todesverfallenheit des Körpers. Sie weisen auf das destruktive Triebpotential hin, das sich im hedonistischen Konsumrausch  fröhlichbesinnungslos auslebt. ..."
 

Aus: "NACKTHEIT- Ästhetische Inszenierungen im Kulturvergleich" Herausgegeben von Kerstin Gernig (2002),
Quelle: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/81908/Ehrlicher_Brinkmann.pdf
https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/81908/Ehrlicher_Brinkmann.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_Dieter_Brinkmann#Literatur

« Last Edit: August 09, 2018, 02:48:36 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #40 on: September 27, 2018, 01:17:45 nachm. »
Quote
[...] Auch und gerade Künstler verinnerlichten die Maxime der Achtundsechziger, dass alles Private politisch sei; nichts Privateres aber gibt es als den eigenen Körper. Im Wien des Jahres 1968 gingen die Aktionisten Otto Muehl, Rudolf Schwarzkogler, Hermann Nitsch, vor allem aber Günter Brus noch einen Schritt weiter: Da der empfundene Druck des Staates sichtbar gemacht werden sollte, wurde der eigene Körper zur Leinwand, zum Medium des künstlerischen Ausdrucks, und dies wörtlich: Der Künstlerkorpus gehörte von nun an zum Künstler-Corpus, der Leib wurde über und über bemalt, wovon als Schwundstufe bis heute auf Alternativfestivals das Body-Painting verblieben ist.

Haut, Fleisch und Haare als neu hinzugekommene Künstlermaterialien malträtierte Brus mit Nägeln, Reißzwecken und Rasierklingen. Latent immer vorhandene Bilder vom Künstler als christusgleichem Schmerzensmann wurden insbesondere in den Sechzigern säkularisiert; Brus fügte sich Seitenwunden zu und plante gar, sich wie ein Gekreuzigter Silbernägel durch die Füße zu treiben (was Jahrzehnte später andere Künstler in die Tat umsetzen sollten). Als Blitzableiter für gefühlte gesellschaftliche Repressionen wendete Brus alle Gewalt und Energie gegen sich; mit diesen Selbstverletzungen wollte er gegen Normen ankämpfen, dies nicht tun zu dürfen. Er suchte anderen die Verfügungsgewalt über sich entziehen und in einer schwierigen hermeneutischen Schlaufe autoaggressiv Autonomie und Selbstermächtigung zurückgewinnen.

Auch sexuelle Tabus zeigte Brus rücksichtslos auf, indem er etwa öffentlich masturbierte und bei Aktionen einen Teil seines Körpers einsetzte, den bereits die Renaissancekünstler wiederholt als besonderen „Pinsel“ bezeichnet und mehr oder weniger subtil in ihre Malerei eingebracht hatten. Seine Aktion „Zerreißprobe“ von 1970 verstört selbst heutige Betrachter noch nachhaltig. Mit aggressiv aus dem Sprachsteinbruch geschlagenen Tätigkeitswörtern beschrieb er bewußtseinsströmend im Jahr 1968 die von ihm verspürte Paranoia: „Der Staat will mich essen, rasten, schlecken, vögeln, einfrieren, auftauen, erfinden“ – was zeigt, dass Brus seine Körper-Aktionen tatsächlich immer auch als politische verstand.

Ein wochenlanger österreichweiter Polit-Skandal war erreicht, als Brus 1968 an der Universität Wien während der Aktion „Kunst und Revolution“ beim Absingen der österreichischen Bundeshymne defäkierte. Der Künstler, der stets symbolbewusst Zeichen setzte, wurde wegen „Herabwürdigung der Staatssymbole“ zu sechs Monaten Arrest verurteilt. Um dem zu entgehen, floh er nach Berlin. Hatte schon jede seiner Body-Art-Aktionen präzise choreographierte zeichnerische Partituren, widmete er sich in den folgenden Jahren überwiegend Zeichnungen, die allerdings „Kratzspuren“ und „Störungszonen“ blieben, wie zwei Kataloge heißen.

Über Ausmaße und Mittel seiner Provokation lässt sich trefflich streiten, unzweifelhaft jedoch ist, dass Günter Brus unausweichlich nötige Diskussionen über die Freiheit der Kunst und gesellschaftliche Normen in Österreich und dann auch in Deutschland mit seinem Körper als Brandbeschleuniger angefeuert hat. An diesem Donnerstag wird der Künstler, der wie kaum ein anderer seinen Körper auf die Zerreißprobe stellte, fast schon erstaunliche achtzig Jahre alt.


Aus: "Existenz als Zerreißprobe" Stefan Trinks (27.09.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/der-koerperkuenstler-guenter-brus-wird-80-15808330.html

Günter Brus (* 27. September 1938 in Ardning in der Steiermark)
https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Brus


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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #41 on: Oktober 30, 2018, 05:01:03 nachm. »
Quote
[...] Im Jahr 1968 war ich acht. Es war das Jahr, in dem wir im Dorf als Erste einen Fernseher bekamen. Heimlich hatte der Vater ihn gekauft, da die Mutter niemals zugestimmt hätte. Für sie war es verschwendetes Geld, da wir weder eine Warmwasserleitung, geschweige ein Bad oder Klo im Haus hatten. ... Mein Vater liebte das Fernsehen vor allem wegen der bebilderten Nachrichten und versäumte kaum eine Zeit im Bild um 19.30 Uhr. Meist kommentierte er lautstark, was er sah. Für die Studentenunruhen in Deutschland hatte er wenig Verständnis. Auch die Mutter lästerte über das Volk der Studenten, die nur Unruhe in die sonst so friedliche Welt brächten. Und da sah ich ihn und war elektrisiert: Rudi Dutschke. Mein Herz schlug schneller, ich war gebannt, konnte nicht mehr wegsehen, aber ich wusste nicht warum. Ich hatte auch keine Ahnung, was er sagte, aber ich spürte, so wie er es sagte, dass es bedeutungsvoll war. Mir gefiel sein scharf geschnittenes Gesicht, mit dem durchdringenden Blick, seine Frisur mit der ins Gesicht fallenden dunklen Strähne, mir gefiel der große, weite Pullover. Mir gefiel der energische Schritt, mit dem er Demonstrationen anführte, und ich verstand nicht, wieso meine Eltern nicht genauso begeistert von ihm waren wie ich. Ich wurde zu einer eifrigen Zeit im Bild-Seherin, immer in der Hoffnung, dass Rudi Dutschke bei einer Rede oder bei einer Demonstration gezeigt wurde. Dass ich erotisiert von seiner Ausstrahlung war, begriff ich erst später. Damals wusste ich nicht, was mich an ihm anzog, aber ich wusste intuitiv, dass die Eltern nicht recht hatten, wenn sie ihn und die Studentenbewegung heruntermachten. ...

Am Weihnachtsabend 1979 starb Dutschke an den Spätfolgen des Attentats. Am Tag seines Begräbnisses am 3. Jänner 1980 beging Axel Springers Sohn, der Fotograf Sven Simon, Selbstmord.

Anlässlich der Beschäftigung mit meinem Jahr 1968 habe ich mir auf Youtube ein beinahe einstündiges Interview von Günter Gaus mit Rudi Dutschke von 1967 angesehen. Was er sagte, war so aktuell, als hätte er es heute gesagt: "1918 wurde der Achtstundentag erkämpft. 1967 arbeiten unsere Arbeiterinnen und Arbeiter (er hat wirklich gegendert!) und Angestellten lumpige vier bis fünf Stunden weniger pro Woche. Und das bei einer umgekehrten Entfaltung der Produktivkräfte, der technischen Errungenschaften, die eine wirklich sehr große Arbeitszeitreduzierung bringen könnte. Aber im Interesse der Aufrechterhaltung der bestehenden Herrschaftsordnung wird die Arbeitszeitverkürzung, die historisch möglich geworden ist, hintangehalten, um Bewusstlosigkeit – das hat mit der Länge der Arbeitszeit zu tun – aufrechtzuerhalten!" Rudi, ich vermisse dich!

(Gabriele Kögl, 30.10.2018)



Aus: "Mein 68 – Eros zwischen Löwinger und Dutschke Gabriele Kögl" (30. Oktober 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000090267370/Mein-68-Eros-zwischen-Loewinger-und-Dutschke

Gabriele Kögl (* 16. April 1960 in Graz) eine österreichische Schriftstellerin
https://de.wikipedia.org/wiki/Gabriele_K%C3%B6gl

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #42 on: November 03, 2018, 02:58:12 nachm. »
Quote
[...] Das dramatische Jahr 1968 endete schon am 4. November – mit einer bis dahin in West-Berlin unvorstellbaren Straßenschlacht in Charlottenburg. „Wer will, dass die studentische Bewegung zerfallen wird, der soll weiter solche Aktion machen“, sagte der Theologe Helmut Gollwitzer anderntags auf einer SDS-Veranstaltung im Audimax der Freien Universität.

Was war geschehen? Dem damals 32-jährigen Horst Mahler, prominentester „Linksanwalt“ der Studentenbewegung, drohte der Entzug seiner Anwaltszulassung, da er auf Grund einer Klage des Springer-Konzerns zu einer Zahlung von mehr als einer halben Million D-Mark verurteilt worden war. Der Springer-Verlag hatte sich Mahler stellvertretend für tausende Demonstranten herausgepickt, nachdem bei einer spontanen Demo am Gründonnerstag 1968 etliche Auslieferungsfahrzeuge des Verlags in Flammen aufgegangen waren. Die Studenten waren von der TU zum Springer-Hochhaus marschiert, weil sie den Konzern für das Attentat auf Rudi Dutschke wenige Stunden zuvor verantwortlich machten.

 Das Anzünden der Fahrzeuge konnte Mahler natürlich nicht nachgewiesen werden. Tatsächlich war es der Berliner Verfassungsschutz, der die Molotowcocktails zum Springer-Hochhaus geliefert hatte. Der für den Verfassungsschutz verantwortliche Politiker, der damalige Innensenator Kurt Neubauer, sah der Eskalation vom Dach des Springerhauses aus zu.

Das Ehrengerichtsverfahren gegen Horst Mahler am 4. November 1968 sollte um 8.30 Uhr beginnen. Gegen 8 Uhr versammelten sich rund 1000 Studenten auf dem Mierendorffplatz. Es wurden Bauhelme verteilt. Viele Studenten hatten Taschen bei sich, in denen man zumindest Farbeier vermuten darf, da später viele Farbspuren auf den Einsatzfahrzeugen der Polizei zu sehen waren. 400 Beamte standen bereit.

Nachdem ein mit Steinen beladener LKW samt Anhänger von drei Polizeibeamten in Richtung der Demonstranten umgeleitet, von diesen angehalten und entladen wurde, eskalierte die Situation vollends. Polizisten sahen sich einem nie da gewesenen Steinhagel ausgesetzt, wobei die Tschakos, Kopfbedeckungen aus Plastik und Leder, keinerlei Schutz boten. Die Polizei zählte am Mittag, als alles vorbei war, 130 Verletzte in den eigenen Reihen. Zehn von ihnen wurden in Krankenhäuser eingeliefert. Bei den Demonstranten gab es wesentlich weniger Verletzte.

 Auf Seiten der Polizei war man über den Verlauf des Einsatzes geteilter Meinung. Bemängelt wurden die schlechte Ausrüstung und unsichere Funkstrecken. Nach der Eskalation ging ein polizeiinterner, aber anonymer Anruf bei dem hohen Polizeibeamten der Schutzpolizei Hackbarth ein: „Den Behrens müßte man aufhängen, denn er hat die verletzten Kollegen auf dem Gewissen!“ Ewald Behrens, mit Karl-Heinz Kurras befreundet, war Ausbilder der Berliner Polizei und hatte am 2. Juni 1967 wesentlich zur Schaffung der Situation beigetragen, in der dann Kurras Benno Ohnesorg erschossen hatte.

Der Fahrer des mit Steinen beladenen LKW, Egon H., beschwerte sich zwei Wochen später bei der Polizei, dass drei Polizeibeamte ihn nicht durch den Tegeler Weg hatten fahren lassen, sondern ihn „direkt in die randalierende Menschenmenge hineinmanövriert“ hätten.

Dazu heißt es in einer internen Auswertung der Berliner Polizei: „Ermittlungen haben ergeben, das ein unbekannt gebliebener Lkw mit Anhänger kurz vor dem ersten Ansturm der Demonstranten voll beladen mit Steinen in der Osnabrücker Str./Kamminer Str. hielt und die Steine auf die Fahrbahn entlud. Es hatte den Anschein, dass dieser Vorgang abgesprochen war, um die Demonstranten mit Wurfgeschossen zu versorgen. Spätere Ermittlungen ergaben, daß es ein Zufall war.“ Die zitierte Aussage des Fahrers und eine Anzeige seines Chefs, der Schadenersatz wegen der Farbeier, die seinen LKW getroffen hatten, verlangte, belegen, dass der LKW keinesfalls „unbekannt geblieben“ ist.

 Bis heute wollen die Gerüchte nicht verstummen, dass es sich nicht um einen Zufall, sondern um eine weitere Provokation des Verfassungsschutzes gehandelt habe, die ähnlich den Brandsätzen am Springer-Hochhaus die Demonstranten zu noch aggressiverem Verhalten anstacheln sollte. Beweisen lässt sich das nicht, und es entschuldigt auch nicht die besondere Aggressivität der Demonstranten an diesem Tag.

Spricht man mit Veteranen der 68er Bewegung, bekommt man fast durchweg Aussagen, dass diese Straßenschlacht ein Umschlagpunkt war, ein Pyrrhussieg, eine Niederlage, das Ende von „1968“. Bestätigt wird dies auch aus anderer Sicht: „Ein polizeilicher Misserfolg ist nicht deshalb eingetreten, weil zahlreiche Beamte verletzt worden sind, sondern der Erfolg der polizeilichen Maßnahmen ist gerade darin zu sehen, dass das polizeiliche Ziel voll erreicht worden ist, obwohl 130 Pol-Beamte hierbei verletzt worden sind“, heißt es in einer polizeiinternen Auswertung.

Und weiter: „Noch in anderer Hinsicht ist ein bemerkenswerter Erfolg zu verzeichnen. Die Polizei befindet sich nach diesem Geschehen im Urteil der Öffentlichkeit in einer äußerst günstigen Position. Von keiner Seite wurde bisher auch nur der leiseste Vorwurf gegen das Vorgehen der Polizei erhoben. Im Gegenteil! Wie nie zuvor zeigen weite Kreise der Bevölkerung großes Verständnis für die schweren Aufgaben der Polizei. (…) Demgegenüber haben sich die Akteure der APO (Außerparlamentarische Opposition, d. Red) und deren Anhänger mit ihrem Verhalten am 4.11.1968 vor dem Landgericht in den Augen einer breiten Öffentlichkeit einhellig ins Unrecht gesetzt. (…) Andererseits dürfte dem Solidarisierungsprozess innerhalb der Berliner Studentenschaft zumindest für die nahe Zukunft ein wirksamer Schlag versetzt worden sein. Selbst jene intellektuellen Besserwisser, die keine Gelegenheit versäumen, sich mit spitzer Feder kritisch über das Vorgehen der Polizei auszulassen, sind über das Verhalten der APO-Anhänger schockiert und verharren in betretenem Schweigen.“ Diese Sätze, aufgefunden im Staub des Aktenkellers der Berliner Polizei – klingen sie nicht so, als habe man genau das gewollt?

 Horst Mahler durfte seine Anwaltslizenz behalten – noch. Als führendes Mitglied der RAF wurde er schon im Oktober 1970 verhaftet und zu 14 Jahren Haft verurteilt. 1987 erstritt der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder vor dem Bundesgerichtshof die erneute Zulassung und Mahler eröffnete eine Kanzlei in der Paulsborner Straße in Wilmersdorf.

In den neunziger Jahren begann Mahlers Hinwendung zur rechten Szene, er wurde NPD-Mitglied und vertrat die Partei im Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht. Nach einer Reihe von Verurteilungen wegen Volksverhetzung, Zeigen des Hitlergrußes und Leugnung des Holocausts entzog ihm die Berliner Anwaltskammer 2009 erneut die Anwaltslizenz.


Aus: "1968 im Tagesspiegel: Die Schlacht von Charlottenburg" Uwe Soukup (03.11.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/1968-im-tagesspiegel-die-schlacht-von-charlottenburg/23352192.html

Quote
MaryP 11:54 Uhr

    Der für den Verfassungsschutz verantwortliche Politiker, der damalige Innensenator Kurt Neubauer, sah der Eskalation vom Dach des Springerhauses aus zu.

FEUER! und "haltet den Dieb"
War der Verfassungs"schutz" JEMALS etwas anders als ein Brandstifter?


"NS-Vergangenheit und Verfassungsschutz - Über die Seilschaften der Altnazis" Joachim Käppner, Köln  (28. September 2011, 14:34 Uhr)
Es hat mehr als sechs Jahrzehnte gedauert - nach BKA und BND lässt jetzt auch das Bundesamt für Verfassungsschutz die braune Vergangenheit seiner Mitarbeiter systematisch erforschen. Das Projekt liegt in den Händen renommierter Historiker, und ihre Ergebnisse werden, soviel ist klar, erschüttern: Die alten Verbindungen der Nazis reichten bis in die Spitze der Behörde.
https://www.sueddeutsche.de/politik/ns-vergangenheit-und-verfassungsschutz-ueber-die-seilschaften-der-altnazis-1.1150775


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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #43 on: Januar 23, 2019, 01:41:15 nachm. »
Quote
[...] Bini Adamczak: Den Bewegungen von ’68 ist es nirgends gelungen, siegreiche Revolutionen durchzuführen, aber trotzdem waren sie teilweise sehr erfolgreich, weil sie gravierende Veränderungen durchgesetzt haben. Auch auf ökonomischer Ebene: ’68 und folgende sind durch mächtige und siegreiche Streikbewegungen gekennzeichnet. Deren Erfolge werden aber in den kommenden Jahrzehnten wieder zurückgenommen. Etwas anders ist es auf der Ebene, die sozial oder kulturell genannt wird, bei der Transformation von Geschlechterverhältnissen, der sexuellen Befreiung oder der Zerbröckelung der alten, autoritären Institutionen etwa. Darin ist ’68 bis heute sehr erfolgreich. Allerdings wurden viele Errungenschaften später in einer feindlichen Übernahme durch den Neoliberalismus gewendet. ’68 haben die Menschen etwa gegen die Fremdbestimmung der Arbeit gekämpft. Aber sie haben nur Teilforderungen durchsetzen können. Heute dürfen viele selbst entscheiden, wann sie arbeiten, aber die Deadline setzt weiterhin das Kapital. So verkehrt sich Selbstverwaltung in Selbstausbeutung. In vielen Lebensbereichen ist Ähnliches passiert.

...


Aus: "Interview mit Bini Adamczak ('Der Mut, dem Gegner in die Augen zu schauen ')" (15. Januar 2019)
Quelle: https://kritisch-lesen.de/interview/der-mut-dem-gegner-in-die-augen-zu-schauen


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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #44 on: Februar 02, 2019, 12:40:30 nachm. »
Quote
[...] Die Deutsche Leonora war 15 Jahre alt, als sie nach Syrien reiste, um sich der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen. Wenige Tage nach ihrer Ankunft heiratete sie den Dschihadisten Martin Lemke. Mit ihm und seiner zweiten Ehefrau wurde sie nun nahe der letzten IS-Bastion an der irakischen Grenze festgenommen. "Ich war ein wenig naiv. Ich war gerade erst zwei Monate zum Islam konvertiert", sagt sie heute über ihre Entscheidung, sich der Extremistengruppe anzuschließen.

In einen schwarzen Nikab gehüllt, einen zwei Wochen alten Säugling auf dem Arm, berichtet die blasse junge Frau von ihrem Leben unter der IS-Miliz. "Ich blieb im Haus, um zu kochen und zu putzen", erzählt die 19-jährige Mutter zweier Kinder in gebrochenem Englisch. ...

"Am Anfang, als sie die großen Städte kontrollierten und viel Geld hatten, war alles gut", berichtet Leonora inmitten einer staubigen Ebene nahe dem Dorf Baghus, in dem die Dschihadisten noch immer erbitterten Widerstand leisten. ...


Aus: "Deutsche Dschihadistin sieht sich von IS-Propaganda getäuscht" Rouba El Husseini (02.02.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/syrien-deutsche-dschihadistin-sieht-sich-von-is-propaganda-getaeuscht/23941070.html

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margin_call 11:34 Uhr


    "Am Anfang, als sie die großen Städte kontrollierten und viel Geld hatten, war alles gut", Außer für die örtliche Bevölkerung welche ausgebraubt, gefoltert, öffentlich geschändet und ermodert wurde.
    Leonora und Sabina versichern, dass ihr Ehemann Lemke für die IS-Miliz nur als Techniker tätig gewesen sei und Computer und Handys repariert habe

Also war er nur für die Logistik der marodierenden Terrorbande zuständig ?
Das erinnert mich irgendwie an die Nürnberger Prozesse. Ich habe "nur " die Dokumente abgestempelt, ich habe " nur " die Panzer gebaut ...


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Kaypakkaya 09:55 Uhr
Was diese junge Dame erzählt, könnte auch 1945 so von einer NS-Anhängerin berichtet worden sein...

"Am Anfang, als sie die großen Städte kontrollierten und viel Geld hatten, war alles gut"
"Sie haben die Frauen ganz alleine gelassen, ohne Essen. Wir waren ihnen egal"

Worte des Bedauerns über die Gräueltaten des IS dagegen finden sich offenbar nicht und auch keine Antwort auf die Frage, warum der IS für Sie Attraktivität besaß, obwohl er doch in der Öffentlichkeit mit brutalsten Videos bekannt wurde.


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CloudySkies 10:27 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Kaypakkaya 09:55 Uhr

    ... und auch keine Antwort auf die Frage, warum der IS für Sie Attraktivität besaß, obwohl er doch in der Öffentlichkeit mit brutalsten Videos bekannt wurde.

Fragen Sie mal, warum Mao für die "Achtundsechziger" solche enorme Attraktivität besaß. Gewalttätigkeit macht attraktiv, jedenfalls für sehr viele Leute, insbesondere auch für Frauen. Der Gewalttätige hat eine Aura der Stärke, die ihnen imponiert. In Deutschland hatte man gedacht, nach den 1933ff Erfahrungen wüsste man es besser. Aber jede Generation braucht ihre neuen Erfahrungen, Berichte bringen da nicht viel. Es steckt in den Genen.


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Kaypakkaya 10:38 Uhr
Antwort auf den Beitrag von CloudySkies 10:27 Uhr

Dazu sollte man sich damit befassen, wie Mao um 1968 herum bekannt wurde - es werden dabei deutliche Unterschiede zur brutalen Propaganda des IS deutlich werden.

Ihr Vergleich der 1968er mit den Nazis ist wenig überzeugend.


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CloudySkies 11:36 Uhr

Antwort auf den Beitrag von Kaypakkaya 10:38 Uhr

    Dazu sollte man sich damit befassen, wie Mao um 1968 herum bekannt wurde

Wollen Sie damit sagen, Maos deutsche Anhänger 1968ff hätten von nichts gewusst?


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Kaypakkaya 11:46 Uhr
Antwort auf den Beitrag von CloudySkies 11:36 Uhr

Definitiv war die mediale Darstellung deutlich anders.
Lesen Sie doch einfach mal etwa beim 'Spiegel' nach.


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CloudySkies 12:09 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Kaypakkaya 11:46 Uhr

    Definitiv war die mediale Darstellung deutlich anders.

Nun ja, es gab kein Internet, und Mao hat keine Kopfabschneider-Videos veröffentlicht. Das heißt aber nicht, dass seine Gewalttätigkeit nicht bekannt und berüchtigt war oder von den Medien nicht thematisiert wurde. Es war auch bekannt, dass Mao ein glühender Stalin-Verehrer war. Und es war auch völlig bekannt, dass in China ein völlig irrer, sehr ekelerregender Personenkult um diesen Herrn stattfand. Dass man so einen Personenkult nur mit den Mitteln des Massenterrors durchziehen kann, war mir schon als Zwölfjähriger klar. Die "Achtundsechziger" fanden den Personenkult aber toll - ganz wie ihre Väter, gegen die sie auf die Straße gingen.


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Kaypakkaya 12:16 Uhr
Antwort auf den Beitrag von CloudySkies 12:09 Uhr

Es gibt da allerdings doch ganz gravierende Unterschiede zwischen den 1968ern und den Nazis - wir diskutieren allerdings mittlerweile deutlich weit ab vom Thema des Artikels.


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[1968 (Afterglow) // Theorieversessenheit... ]
« Reply #45 on: Februar 18, 2019, 02:30:45 nachm. »
Quote
[...] Dirk Frank Der Historiker Philipp Felsch hat in seinem Buch „Der Sommer der Theorie“ versucht darzulegen, dass Theoriebände von Suhrkamp und Merve damals auch als Teil des individuellen Stils und der Abgrenzung verwendet wurden. Können Theorien also auch aus der Mode kommen?

Prof. Axel Honneth: Man muss die damalige Theorieversessenheit aus dem kulturellen und politischen Kontext heraus verstehen: Es gab nach zwei Jahrzehnten des restaurativen Schlummers und der intellektuellen Abwehr innerhalb einer jungen Generation einen unglaublichen Bildungshunger. Man schnappte förmlich nach allem, was sich in der Kultur, auf dem Büchermarkt oder in der Kunstwelt tat. Ich erinnere das noch sehr gut aus meiner eigenen Schulzeit, ich schaute jeden Film an, der den Ruch des Neuen und Experimentellen besaß, las die entsprechenden Filmmagazine, verschlang französische und amerikanische Literatur, ging in jede neue Ausstellung des Folkwang-Museums – über fünf Stunden saß ich damals im Essener Jugendclub, um mir einen enorm langweiligen, nahezu handlungslosen Film von Andy Warhol anzuschauen. Das alles vollzog sich in kleinen, politisch engagierten Gruppen, deren Bildungshunger kaum Grenzen kannte, alles glaubte man um der politischen Veränderung willen zur Kenntnis nehmen und diskursiv verarbeiten zu müssen; überall schossen ja damals auch die vielen Lektürezirkel aus dem Boden, in denen man Marx, Freud und Lukács las, auch in meiner Heimat, dem Ruhrgebiet. Das war eine einzigartige, kollektiv geteilte Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte – und die den Verlagen unglaublich große Auflagenzahlen bescherte, wie sie heute mit dieser Art von theoretischer Literatur kaum mehr vorstellbar sind. Zu sagen, dass das damals zum „Lifestyle“ gehörte oder eine „Mode“ darstellte, ist mir fast schon ein wenig zu polemisch, denn die Texte wurden ja wirklich noch gelesen und kollektiv durchgearbeitet, nicht nur aus Gründen des kulturellen Prahlens in die Bücherregale gestellt. Heute spielen bekanntlich Bücher eine wesentlich geringere, das Internet dagegen eine immer größere Rolle. Die Aneignung von Literatur und Theorie vollzieht sich zudem kaum mehr in kleinen, intellektuell besessenen Zirkeln und Lesegruppen, im Zuge einer großen Individualisierung unter den Studierenden ist diese Diskussionspraxis leider weitgehend verschwunden und damit wohl auch der Theoriehunger. Natürlich, es gibt vielleicht aber auch nicht mehr die großen Theoretiker, die man unbedingt zu lesen müssen glaubte, bedeutende Denker wie Georg Lukács, Jean-Paul Sartre, Theodor W. Adorno, Michel Foucault oder Jacques Derrida, alle damals ja noch lebend, findet man heute nur noch selten. ... ohne dieses enorme Anregungspotenzial, aber auch ohne diese Reformprozesse wüsste ich gar nicht, was sonst aus mir geworden wäre.

...  Zudem sollte vielleicht auch darauf verwiesen werden, dass der gegenwärtige Rechtspopulismus eine durchaus erwartbare Gegenbewegung gegen die zahlreichen Reformen der letzten 50 Jahre darstellt, ein reaktionärer Aufstand gegen die Errungenschaften der Transnationalisierung, der sexuellen Liberalisierung, des Multikulturalismus usw. – was diese Bewegungen also vielleicht antreibt, ist das, was Erich Fromm die „Furcht vor der Freiheit“ genannt hat. Insofern hätten wir mit diesem Gegenprotest auch durchaus rechnen können, er kommt gewissermaßen nicht aus dem Nichts. Hinzu kommt auch die als solche ja gar nicht schlechte Entwicklung, dass die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger an die Demokratie gewachsen sind, man will heute stärker als früher als mitsprechendes und mitbestimmendes Subjekt anerkannt werden. Sie sehen, ich suche händeringend nach empirischen Indikatoren, die uns überzeugt sein lassen können, dass es um unsere gesellschaftlichen Verhältnisse in Hinblick auf intersubjektive Verbindlichkeiten und unsere Anerkennungskultur doch nicht so schlecht bestellt ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Es gibt weiterhin ein starkes Verlangen nach sozialer Anerkennung, wenngleich auch die Tendenzen der gesellschaftlichen Polarisierung unverkennbar sind.

...


Aus: "Axel Honneth im Interview" (Ausgabe 1.19 des UniReport)
Quelle: https://klausbaum.wordpress.com/2019/02/15/axel-honneth-im-interview/

https://aktuelles.uni-frankfurt.de/studium/neuer-unireport-1-19-sozialphilosoph-axel-honneth-nimmt-die-komplizierte-gegenwart-in-den-blick/


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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #46 on: M?RZ 06, 2019, 09:22:21 vorm. »
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CBT #3

Dieser Luke Perry gehörte zu der Serie, die ich immer heimlich schaute, da meine Eltern überzeugte American-Way-of-Life-Hasser waren (...sind !?...heute backen diese 68er Eltern ja kleinere Ideologie-Brötchen). Für mich war das schauen dieser sauberen und neurotischen Welt eine Rebellion gegenüber einer umweltfreundlichen, europäischen (das meint geschichtslastigen) und bewusst-sein-orientierten Lebenseinstellung. Das genau dieser melancholisch wirkende Perry und kein anderer der Clique viel zu früh gestorben ist, wirkt für mich irgendwie ironisch. Sein verzweifelnd anmutender Gesichtsausdruck ist auf jeden Fall ein Symbol der Neunziger!


https://www.zeit.de/kultur/film/2019-03/luke-perry-schauspieler-beverly-hills-90210-tod-nachruf?cid=24025153#cid-24025153


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« Reply #47 on: April 12, 2019, 11:58:34 vorm. »
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[...] In einer von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen und im September 2018 veröffentlichten Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ – wegen der Orte der Universitäten des Forschungskonsortiums (Mannheim – Heidelberg – Gießen) auch „MHG-Studie genannt“ – wurden 38.156 Personalakten aus den 27 deutschen Bistümern für die Zeit zwischen 1946 und 2014 ausgewertet. Demnach gab es bei 1.670 Klerikern (4,4, Prozent) Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Darunter waren 1.429 Diözesanpriester (5,1 Prozent aller Diözesanpriester), 159 Ordenspriester (2,1 Prozent) und 24 hauptamtliche Diakone (1,0 Prozent). Bei 54 Prozent der Beschuldigten lagen Hinweise auf ein einziges Opfer vor, bei 42,3 Prozent Hinweise auf mehrere Betroffene zwischen 2 und 44, der Durchschnitt lag bei 2,5. 3.677 Kinder und Jugendliche sind als Opfer dieser Taten dokumentiert; 62,8 Prozent von ihnen waren männlich, 34,9 Prozent weiblich, bei 2,3 Prozent fehlten Angaben zum Geschlecht. Das deutliche Überwiegen männlicher Betroffener unterscheidet sich nach Angaben der Forscher vom sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in nicht-kirchlichen Zusammenhängen. Die in der Studie ermittelte Zahl von 3.677 Betroffenen spiegelt, so die Forscher, nur das sogenannte „Hellfeld“ wider; aus der Dunkelfeldforschung des sexuellen Missbrauchs sei bekannt, dass die Zahl der tatsächlich betroffenen Personen deutlich höher liege. ...


https://de.wikipedia.org/wiki/Sexueller_Missbrauch_in_der_r%C3%B6misch-katholischen_Kirche (11. April 2019)

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[...] Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat die sexuelle Revolution der Zeit um 1968 und die Säkularisierung der westlichen Gesellschaft für den sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche mitverantwortlich gemacht. Benedikt führt diese Taten in einem jetzt veröffentlichten Aufsatz vor allem auf außerkirchliche Entwicklungen zurück.

Als Gründe benennt er etwa die Liberalisierung der Sexualität und die schwindende Bedeutung des Glaubens in der heutigen Gesellschaft: "Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen? Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes." Eine Welt ohne Gott sei eine Welt ohne Moral: "Es gibt dann keine Maßstäbe des Guten oder des Bösen." Von Machtstrukturen in der Kirche ist in dem Papier nicht die Rede.

"Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde", schrieb Benedikt in dem Aufsatz, den unter anderen das katholische Nachrichtennetzwerk CNA veröffentlichte.

Unabhängig davon hätte sich zeitgleich "ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte". Erst jetzt erkenne man mit "Erschütterung, dass an unseren Kindern und Jugendlichen Dinge geschehen, die sie zu zerstören drohen".

Nach Rücksprache mit seinem Nachfolger Franziskus habe er den Text für das bayerische "Klerusblatt" verfasst, schrieb der ehemalige Papst, der kommende Woche 92 Jahre alt wird. In dem Text heißt es: Zwischen 1960 bis 1980 seien "die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen" und eine "Normlosigkeit entstanden, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat".

Katholische Theologen übten scharfe Kritik an diesen Thesen. Es sei "verblüffend", teilte Julie Hanlon Rubio, Professorin an der kalifornischen Privatuniversität Santa Clara, auf Twitter mit, "eine freizügige Kultur und progressive Theologie für ein internes und strukturelles Problem verantwortlich zu machen". Sie bezeichnete Benedikts Analyse als "zutiefst fehlerhaft" und "zutiefst beunruhigend".

Brian Flanagan, Dozent an der Marymount University im US-amerikanischen Virginia, twitterte: "Das ist ein beschämendes Schreiben." Die Annahme, der Missbrauch von Kindern durch Geistliche sei ein Ergebnis der Sechzigerjahre und eines angeblichen Zusammenbruchs der Moraltheologie, sei eine "peinliche, falsche Erklärung für den systematischen Missbrauch von Kindern und dessen Verschleierung".

Benedikt war von 2005 bis zu seinem überraschenden Rücktritt 2013 Oberhaupt der katholischen Kirche - damals hatte er versprochen, künftig "für die Welt verborgen" zu bleiben. In seiner Amtszeit kam ans Licht, dass weltweit massenweise Kinder von Geistlichen missbraucht wurden.

Angesichts dieser schweren Krise hatte Papst Franziskus erst vor einigen Wochen zu einem Anti-Missbrauchs-Gipfel in den Vatikan eingeladen. Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass der Grund für Missbrauch auch die Machtstrukturen der Kirche sind (mehr über das Thema erfahren Sie hier).

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung hatte zuletzt hervorgehoben, die Wurzeln des Problems seien Jahrhunderte alt und auch in den Machtstrukturen begründet. Missbrauch werde so begünstigt - unter anderem durch den Zölibat, eine "schwierige Sexualmoral", ausgeprägte Hierarchien, die moralische Machtposition der Kirchen und die Rolle von Frauen in der Kirche.

"Es gibt keine Institution, die eine konservativere Sexualmoral vertritt und gleichzeitig über Jahrzehnte den sexuellen Missbrauch in ihren Reihen geduldet, vertuscht und geleugnet hat", sagte Rörig im Februar. "Es ist unumgänglich, dass die Kirche sich alle Bausteine ihrer Struktur ernsthaft kritisch vor Augen führt"

Zuletzt hatte sich Benedikt im vergangenen Jahr über direkte Vergleiche zwischen ihm und seinem Amtsnachfolger empört. Es sei ein "törichtes Vorurteil, wonach Papst Franziskus bloß ein praktisch veranlagter Mann ohne besondere theologische und philosophische Bildung sei, während ich selbst nur ein Theoretiker der Theologie gewesen wäre, der wenig vom konkreten Leben eines heutigen Christenmenschen verstanden hätte", schrieb Benedikt XVI. in einem Brief an den Präfekten des vatikanischen Kommunikationssekretariats.

mxw/dpa


Aus: " Streitbare Thesen Benedikt XVI. gibt Achtundsechzigern Mitschuld am Missbrauchsskandal" (11.04.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/benedikt-xvi-gibt-achtundsechzigern-mitschuld-am-missbrauch-a-1262422.html

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Andreas Kyriacou
@andreaskyriacou
Genau, die 68er sind schuld! Wer erinnert sich nicht an die zahlreichen Love-ins in katholischen Kirchen und an das Banner „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“, das 1967 quer über den Petersplatz gezogen war?

1:10 vorm. · 12. Apr. 2019 · Twitter


https://twitter.com/andreaskyriacou/status/1116478575069343744

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schlussmachen.jetzt
@schlussmachen
·
Antwort an @hpdticker
Man muss zugeben: Die Linken haben in den siebziger Jahren #Pädophilie mit anderen bitter nötigen Emanzipationsbewegungen in einen Topf geworfen. Das haben sie sehr bereut. Kein Grund, sich die kath. Sexualmoral zurück zu ersehnen.


https://twitter.com/schlussmachen/status/1116627532017569793

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #48 on: Juli 16, 2019, 01:28:40 nachm. »
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[...] Easy Rider ist ein US-amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 1969, der als Kultfilm und Road Movie das Lebensgefühl der Biker der späten 1960er Jahre beschreibt. Am 8. Mai 1969 war Easy Rider der offizielle Beitrag der Vereinigten Staaten zum Filmfestival von Cannes. Die Erstaufführung fand am 14. Juli 1969 in den Vereinigten Staaten statt, und am 19. Dezember 1969 kam der Film in die Kinos der Bundesrepublik Deutschland. ... Easy Rider hatte eine zwiespältige Wirkung. Viele Zuschauer konnten sich damit identifizieren, noch mehr waren und sind jedoch irritiert oder reagierten gar aggressiv. Einerseits hielt der Film der amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vor, der ihr nicht gefallen konnte: Die USA sind kein Land der unendlichen Möglichkeiten, Toleranz und der freien Gesellschaft. Auch abseits der Großstädte ist das Land nicht mehr das unberührte Paradies, für das es die Hippies damals hielten. Je weiter man in den USA nach Süden kommt, desto mehr bekommt man den Hass jener zu spüren, die zwar ständig von Freiheit reden, aber aggressiv auf alle reagieren, die sie sich nehmen. Nach Meinung vieler Zuschauer ist Easy Rider trotz der unversöhnlich erscheinenden Gesellschaftskritik letztendlich ein Road-Movie, das den Glauben an Freiheit und Abenteuer aufrechterhält.

Gleichzeitig beschwor Easy Rider noch einmal den Pioniergeist der Menschen und die Freiheit des Einzelnen herauf von Leuten, die sich unabhängig von der Gesellschaft ihr Leben suchen wollen, mit selbständiger Landwirtschaft oder Drogen, Rockmusik und individuell gestalteten Motorrädern. Dies wird jedoch als zielloser Fluchtversuch entlarvt.

Dieser Pioniergeist über Generationen hinweg lässt sich besonders in einer Szene wiederfinden: Während im Hintergrund der gastgebende Farmer sein Pferd beschlägt, repariert Billy den Reifenschaden an seinem Motorrad. Ein Aufeinandertreffen zweier Zeitalter in einer Szene, das Ziel beider ist jedoch identisch.

Insgesamt gilt Easy Rider als authentisches Abbild eines Amerikas abseits der damals vorherrschenden Lebensentwürfe. Eine Darstellung der abflauenden, schon in Gewalt und Drogenexzesse umgeschlagenen Hippiebewegung samt deren verlorenen Hoffnungen und Lebenszielen. ...
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Easy_Rider (11. Juli 2019)

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[...] Wer "Easy Rider" hört, denkt zunächst mal an Motorräder und vor allem an Harley-Davidson, aber darum ging es Hopper gar nicht, wie er mal in einem Interview erzählte: "'Easy Rider' war für mich nie ein Motorradfilm. Es ging vor allem darum, was politisch gerade los war in dem Land."

... Die Umstände der Dreharbeiten bieten viel Stoff zur Legendenbildung - nicht nur, weil am Set viel Stoff aller Art konsumiert wurde. Waren es jetzt 100 oder 150 Joints, die Hopper, Fonda und Nicholson bei der berühmten Lagerfeuerszene rauchten? Zu dem Drogenkonsum kamen die Ego-Probleme: Hopper soll schon bei Probeaufnahmen beim Mardi Gras viele Crewmitglieder so verärgert haben, dass diese hinschmissen und durch Laien vor Ort ersetzt werden mussten. Im Streit mit seinem Filmpartner Peter Fonda ging es dagegen wohl vor allem um Geld - und der Streit sollte nie wieder geschlichtet werden. Fonda sagte, er sei zur Beerdigung von Hopper gekommen, habe aber nicht die Kapelle betreten dürfen.

Auch ums Drehbuch ranken sich zahllose Geschichten: Gab es überhaupt eins oder improvisierten die Schauspieler? Und wenn es eins gab, wer hat es geschrieben? Darüber wurden sich Hopper, Fonda und der als Autor genannte Terry Southern nie einig. Als der Film dann endlich abgedreht war, fiel Hopper und Fonda auf, dass sie glatt vergessen hatten, die abschließende Lagerfeuerszene zu drehen. So mussten sie zwei Wochen später nochmal ran - ohne die Motorräder, die mittlerweile gestohlen worden waren.

In gewisser Hinsicht ist all dieses Chaos auch egal, wenn am Ende so ein wahrhaftiger Film dabei herauskommt. Denn ob gewollt oder nicht, Hopper setzte verblüffende Akzente als Regisseur. Etwa ließ er die sogenannten Blendenflecke, die Lichtspiegelungen, die sonst immer aus Filmen herausgeschnitten werden, einfach drin. Und schuf mit seinen vielen Jump-Cuts einen natürlichen, fast dokumentarischen Stil, der bald Standard werden sollte. Ursprünglich wollte er auch viele "Flash Forward"-Szenen einbauen, am Ende blieb aber nur eine drin: die auf dem Friedhof, als Wyatts Ende zu sehen ist.

Auch die Auswahl der Musik setzte neue Maßstäbe. Zunächst sollten Crosby, Stills & Nash für den Soundtrack sorgen, ein entsprechender Vertrag war schon geschlossen. Doch ihr Engagement scheiterte am Veto von Hopper nach einer gemeinsamen Fahrt in einer Limousine mit Chauffeur. "Ihr Typen seid verdammt gute Musiker, ehrlich", soll Hopper zu Stephen Stills gesagt haben, "aber ich glaube nicht, dass jemand, der sich in Limousinen herumkutschieren lässt, meinen Film verstehen kann. Deshalb bin ich dagegen, dass ihr die Filmmusik macht."

Hopper griff stattdessen hauptsächlich auf Songs zurück, die er während der Schneidearbeiten im Radio hörte - ein Best-of des Sixties-Rock. Bei "Born to Be Wild" von Steppenwolf darf man schon mal die Augen verdrehen, aber andere Stücke wie "Wasn't Born to Follow" von The Byrds, "It's Alright, Ma" oder "Ballad of Easy Rider" von Roger McGuinn fangen den damaligen Zeitgeist perfekt ein. Ohne diese Musik hätte "Easy Rider" einiges von seiner Wirkung eingebüßt. Die Methode, Songs aus der Zeit für einen Film zu nehmen, statt einen eigens dafür komponierten Soundtrack, sollte sich bald in vielen Filmen durchsetzen - etwa in "American Graffiti" oder "Apocalypse Now".

Beides Werke des "New Hollywood", dieser Zeit zwischen Ende der Sechziger- und Ende der Siebzigerjahre, als sich junge und unerschrockene Autoren und Filmemacher anschickten, das angestaubte Hollywood zu revolutionieren und mit Energie und Kreativität das Kino zu erobern. Arthur Penns "Bonnie und Clyde" hatte 1967 den Weg dafür geebnet, aber "Easy Rider" war der Film, der plötzlich noch viel mehr möglich machte. Ein Film, der von Rebellen und Outlaws handelte, die sich gegen das Establishment auflehnen, mit geringen Mitteln unabhängig finanziert, aber mit viel Gefühl für die Zeit und die jungen Leute und einer Menge Authentizität und Gesellschaftskritik. All das, was dem alten Hollywood abging.

Deshalb schlug "Easy Rider" so ein. Zunächst auf dem Filmfestival in Cannes, wo Hopper den Preis für das beste Werk eines Regieneulings bekam, und später im Sommer und Herbst 1969 in den Kinos der USA. Schließlich weltweit, als die Erfolgsfahrt der "Easy Rider" an den Kinokassen nicht mehr aufhören wollte. Knapp 400.000 Dollar hatte der Film gekostet und spielte über 16 Millionen Dollar ein. "Vorher haben mich die Leute immer nur als den Sohn des großen Henry Fonda gesehen", sagte Peter Fonda, "mit 'Easy Rider' konnte ich endlich aus seinem Schatten heraustreten."

... So trügerisch die vermeintliche Freiheit am Ende ist, die Billy, Wyatt und George im Film genießen, so prophetisch nimmt "Easy Rider" damit auch Abschied von den Träumen und Hoffnungen der Sechzigerjahre. "You know Billy, we blew it", sagt Wyatt in der letzten Lagerfeuerszene, und viel ist darüber gerätselt worden, ob das nun nur auf die Protagonisten im Film oder auf die Gesellschaft an sich bezogen war. Ein paar Wochen später ermordete die Manson-Bande die schwangere Sharon Tate in den Hollywood Hills, Ende des Jahres erstachen die als Sicherheitsdienst engagierten Hells Angels beim Rolling-Stones-Konzert in Altamont den Schwarzen Meredith Hunter. Der Traum der Blumenkinder schien Ende der Sechzigerjahre zu platzen.

Seit dem Kinostart von "Easy Rider" sind 50 Jahre vergangen, der Film wurde zum Jubiläum in einigen Kinos wieder aufgeführt - und ist abgesehen von der Musik verblüffend aktuell und besser gealtert als andere Werke seiner Zeit. Was ist Freiheit? Wo fängt sie an? Wo hört sie auf? Vielleicht sind es einfach die Fragen, die der Film stellt, die zeitlos sind.


Aus: "50 Jahre "Easy Rider": Höllenfahrt in eine neue Zeit" Dirk Brichzi (11.07.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/einestages/50-jahre-easy-rider-hoellenfahrt-in-ein-neues-zeitalter-a-1276719.html#js-article-comments-box-pager

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r blaas, 11.07.2019

1. es sollte nicht vergessen werden, dass der Film nachträglich nochmals gegenüber auch der in Deutschland gezeigten ursprünglichen Version "entschärft" wurde


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Jens-Uwe Schmidt, 11.07.2019

2. Grandioser Film - ich hab ihn im Kino vorgeführt aber die meisten Leute sind kopfschüttelnd raus weil sie ihn nicht verstanden haben. Meist Jugendliche, die etwas völlig anderes erwartet hatten. Danke für die Erinnerung, ich werde ihn Mal wieder schauen!


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hardee neubert, 11.07.2019

3. Ein Wahnsinnsfilm!

Er wirkt bei mir bis heute nach. Er beinhaltete alles, was wir in der damaligen Zeit dachten, träumten und versuchten umzusetzen. Es war der Anfang einer stillen Revolution und im Kern der Beginn des freien Denkens.


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Claus-Stephan Merl, 11.07.2019

4. Was war an dem Film so gut? Ein paar Drogendealer, die damit andere Menschen ins Unglück stürzen, fahren durch die Gegend und werden von Rednecks umgelegt. Und das soll etwas mit "Freiheit" zu tun haben? Nein, es ist die Dekadenz des amerikanischen Traums. Sinnlose Existenzen, die kurze Momente des falschen Glücks erleben.


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Bernd Leibovitz, 12.07.2019

11. Ehrlich...

[Zitat]... war an dem Film so gut? Ein paar Drogendealer, die damit andere Menschen ins Unglück stürzen, fahren durch die Gegend und werden von Rednecks umgelegt. Und das
soll etwas mit "Freiheit" zu tun haben? Nein, es ist die Dekadenz des amerikanischen Traums. Sinnlose Existenzen, die kurze Momente des falschen Glücks erleben.


Wenn das alles ist, was Sie damals gesehen (und vor allem gehört) haben, dann sorry.


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Enno Hoffmann, 11.07.2019

6. Die Faust in der Tasche

Als Easy Rider in Deutschland in die Kinos kam, erinnere ich mich an eine Rezension im NDR. Es war die Zeit von Wolfgang Bombusch und Henning Venske. In diesem Zusammenhang fiel der Satz: Du gehst mit der Faust in der Tasche aus dem Kino.


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Papazaca, 12.07.2019

10. Atmosphärisches Zeitdokument

Wenn man an den Film denkt, fallen einem eine verrückte Harley, die Freiheit, anders zu sein, gute Musik und ein böses Ende ein. Mehr Atmosphäre als Fakten, mehr Illusion als ein tatsächlicher Zeitabschnitt. Diese Zeit war eben viel Hoffnung auf eine andere Welt, bis zum Klischee der Blumenkinder. Fast nicht wahr und schnell von der Realität eingeholt. Und danach folgte Ernüchterung und später ein konservatives Roll Back. Aber auch die Abschaffung des Kuppeleiparagraphen und der Marsch durch die Instiutionen. Der Erfolg der Grünen läßt grüßen. Letztlich ist die Rezeption von "Easy Rider" eine Frage von Macht, Zeitgeschmack und Geschichtsschreibung. Ein Habeck hat beim Sehen des Films sicher andere Gefühle als Helmut Kohl beim essen eines Saumagens. Und auch unsere nationale Ikone, die vielleicht in ihren Hosenanzügen schläft, kann man sich auch mit viel Vorstellungsvermögen nicht auf einer Easy Rider-Harley vorstellen. So werden wir mit der unterschiedlichen Deutungshoheit über die Bedeutung dieses Films leben: Er vermittelt wahrscheinlich mehr, WAS IST und nicht, WAS WAR.


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C. Moritz, 12.07.2019

12. No winds of change

Es ist schon deprimierend zu sehen, dass die Hälfte (nicht nur) der US-Gesellschaft seit 50 Jahren geistig auf dem Niveau stehengeblieben ist, welches der Film so bitterböse beschreibt. Wer auf irgendeine Art "anders" ist, wird angefeindet oder auch mal totgeschlagen oder erschossen. In einer deutschen Dokumentation war mal zu sehen, wie zwei Leute fast verprügelt werden, weil sie sich an einen Werktag faul auf eine Wiese legen wollten. Laut Hopper ging es ihm ja hauptsächlich darum, diese dumpfe Ignoranz und diesen Hass gegen alles Neue und Fremde zu thematisieren.


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Raimondo Civetta, 12.07.2019

14. Freiheit

... Beim Streben nach Freiheit, machen Verblüffenderweise auch gescheite Leute oft zwei Fehler: Sie glauben, dass die Freiheiten anderer immer die eigene einschränken und dass Freiheit ausschliesslich über Geld zu erreichen sei.


...


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« Reply #49 on: Juli 18, 2019, 12:23:32 nachm. »
Quote
Über Treue - Geschrieben von Thomas Trueten in LifeStyle um 08:30

„[…] wenn man als junger Mensch so aussah wie ein Hippie und sich einigermaßen selbst treu geblieben ist, sieht man als alter Sack aus wie ein Penner und nicht wie Joschka Fischer.

Harry Rowohlt


Quelle: https://www.trueten.de/permalink/UEber-Treue.html (15.07.2019)

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« Reply #50 on: August 15, 2019, 01:44:23 nachm. »
Quote
[...] Die 70er Jahre beginnen am 16. Juli 1969 um 9:32 mit dem Start der Apollo 11 Richtung Mond. Eine halbe Milliarde Menschen wohnen vor ihren Fernsehern dem Ereignis bei. Vier Wochen später feiert eine unübersehbare Menge im Schlamm von Woodstock den Anbruch einer neuen Zeit.

Das Neue ist in diesem Jahrzehnt eine Verheißung, die alle Menschen, den Mensch als Spezies betrifft. In der Gegenwart ist das Neue eine Bedrohung. Und das große warme Menschheitsgefühl von Woodstock ist dem Gefühl unvereinbarer Gegensätze gewichen. Die im Schlamm tanzenden Massen sahen sich als Avantgarde. Wir sehen uns als verzweifelte Feuerwehrleute, die in letzter Minute versuchen, die Katastrophe, die wir selbst verschuldet haben, zu verhindern. Und doch sind, das erzählt Jens Balzers brillante Analyse des entfesselten Jahrzehnts, die 70er Jahre die Epoche, mit der unsere Gegenwart beginnt. Die große Erzählung vom Fortschritt der Menschheit findet hier ihr Ende.

Aber zugleich steckt im Geist dieser Zeit ein enormes utopische Potenzial, das Balzer als Antidot gegen unsere resignierte Gegenwart aus der Flasche holt. Den berühmtesten Soundtrack zur Mondlandung liefert der 22-jährige Londoner David Bowie. Am Ende von Space Oddity bricht die Funkverbindung zur Erde ab und der Astronaut Major Tom geht in den Weiten des Weltalls verloren. Ein melancholischer Song, der von der Einsamkeit, Ratlosigkeit und Trauer eines wenig heldenhaften Weltraumeroberers erzählt. Und vom blauen Planeten, der aus der Ferne so klein und verletzlich aussieht: "Planet Earth is blue and there’s nothing I can do."

Der Utopie, den Hoffnungen von damals wohnt bereits die Ernüchterung, das Scheitern inne. Und Utopie und Apokalypse liegen näher beieinander, als die berauschten Hippies von Woodstock es zu träumen wagten. ...


Aus: "Jens Balzer über das "Das entfesselte Jahrzehnt"" Sandra Prechtel (13.08.2019)
Quelle: https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.die-siebziger-jahre-jens-balzer-ueber-das-das-entfesselte-jahrzehnt.3f9158a2-dd30-42ee-82a9-86a5be6745b2.html

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[...] Mit „Making Woodstock“ hat der Autor Robert Pilpel zusammen mit den beiden Hauptinitiatoren des Festivals, Joel Rosenman und John Roberts, ein sehr gut lesbares, dokumentarisches Sammelwerk vorgelegt, das aus der Perspektive der Beteiligten versucht, ein Bild vom Festival zu vermitteln: Anfang des Jahres 1969 sind zwei junge, angehende Geschäftsleute, John Roberts und Joel Rosenman, auf der Suche nach Ideen, mit denen sie in die Geschäftswelt einsteigen können. Durch verschiedene Zufälle geraten sie an das Duo Mike Lang und Artie Kornfeld. Die vorliegende Dokumentation „Making Woodstock“ beginnt mit der Begegnung von diesen vier Protagonisten und schildert das Festival, die Vorbereitungen und den Blick auf die anderen Beteiligten jeweils in persönlichen Texten und Statements. So entsteht, vergleicht man es mit den anderen Publikationen über Woodstock, ein authentisches Bild, gestützt durch die dokumentarischen Berichte der Zeitzeugen. Dies ist auch besonders interessant, weil von dieser Seite genaue Zahlen genannt werden, etwa was die Gagen der Musiker betrifft und die Kosten des Festivals. Allerdings gibt es erhebliche Abweichungen zu den Angaben bei dem zweiten vorliegenden Buch von Frank Schäfer.

Schäfers „Woodstock 69“ ist zuerst einmal ein brillanter Essay. Im Gegensatz zu der Dokumentation wird hier vor allem die reflexive Ebene bemüht. Schäfers Erfahrungen als Musikjournalist haben erfreulich positive Auswirkungen auf den Text. Die kurzweilige Lektüre macht den Leser mit einer genauen Chronologie des Festivals vertraut. Alle Bands und Musiker, die Umstände ihres Auftritts und ihre Setlists werden genauestens analysiert und geben auf der interpretatorischen und anaylitischen Ebene neue Erkenntnisse und Einsichten, die einige althergebrachte Analysen durchaus revidieren, etwa „The Who“ und ihren Gitaristen Pete Townshend betreffend: „‚Ich glaube nicht, dass Townshend eine der Hauptfiguren hier war‘, meint Abbie Hoffman später. ‚Die hatten nichts anderes im Kopf als ihre Songs zu spielen.‘ Er hat völlig recht, nur darum geht es ihnen. The Who wehren sich, wenn es Not tut mit Gewalt, gegen eine Instrumentalisierung ihrer Musik. Sie soll sich emanzipieren, für sich allein stehen können – und das ist ein ästhetisches Konzept, für das es in Woodstock noch ein bisschen zu früh ist.“

Schäfer arbeitet auch kritische Stimmen zum Festival auf und rekapituliert die Analysen von Joan Didion: „Didion kennt die Flower-Power-Bewegung von innen und deutet sie als Symptom eines schleichenden Verfalls einer Gesellschaft, zugleich des Verlusts einer ehemals integrativen, also Generationen verbindenden Wertetradition. ‚Wir bekamen […] den verzweifelten Versuch einer Handvoll bemitleidenswert schlecht ausgerüsteter Kinder zu sehen, inmitten sozialer Leere eine Gemeinschaft zu schaffen.‘“ Als Fazit gibt Schäfer ein für die Freunde und Bewunderer von Woodstock sicherlich deprimierendes Zitat. Von Neil Young – der mit „Croshy, Stills, Nash & Young“ in Woodstock gespielt hatte – zitiert er aus dem 1975 erschienen Album „Tonight’s The Night“ eine Strophe aus „Roll Another Number“: „I’m not going’ back to Woodstock for a while,/ Though I long to hear that lonesome hippie smile./ I’m a million miles away from that helicopter day./ No, I don’t believe I’ll be goin’ back that way.“

Die literarische Verarbeitung des Themas „Woodstock“ bietet der Roman „Taking Woodstock“ von Elliot Tiber. Hier kann man die Analysen und Wünsche, die Träume und Mythen von Woodstock in einer unterhaltsamen Geschichte nachlesen. Der Protagonist Elliot ist homosexuell und Sohn eines jüdischen Ehepaares, das in der Nähe des späteren Festivalgeländes in White Lake ein Motel betreibt. Elliot trifft den oben schon erwähnten Mike Lang, kann ihm den Kontakt zu Max Yasgur vermitteln, der letztendlich das Festivalgelände zur Verfügung stellen wird. Das Motel der Familie Tiber wird zum Hauptquartier der Festivalplaner, was das größte Familienproblem, den Geldmangel, löst. In der aus diesem Kontext entstehenden Atmosphäre von Emanzipation, freier Liebe, Drogenkonsum und Selbstbefreiung kann Tiber endlich öffentlich seine Homosexualität zeigen und selbst akzeptieren. „Woodstock“ ist in dem Roman ein Katalysator für die Entwicklung des Protagonisten – und in der Übertragung ein ebensolcher für die Entwicklung einer ganzen Generation – und es wird damit zu einer Metapher für eine freiheitliche und selbst bestimmte Lebensgestaltung.


Aus: "Woodstock revisited: Drei Bücher zum 40. Jubiläum des Woodstock Festivals"
Thomas Neumann (Archiv / Frühere Ausgaben / Nr. 3, März 2010 / Musik-, Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaften)
Quelle: https://literaturkritik.de/id/14035

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[...] Zweifellos ist Woodstock 1969 ein wichtiges Datum auf dem Weg zur gesellschaftlichen Individualisierung. Letztlich war es auch ein Festival der Geschmacksbildung und des Konsums. Und entgegen dem vielfach formulierten Unbehagen, kontur- und bedeutungslos in einer Menge aufzugehen, ging es hier um das Erlebnis eines Massengefühls, das nicht von vornherein diskreditiert war.

... Aber keine künstlerische Naivität ohne gesellschaftliche Brechung. Niemand verkörperte das stärker als Jimi Hendrix. Mit seiner Version der US-amerikanischen Nationalhymne brachte er den Vietnamkrieg auch als Tonspur auf das riesige Gelände.

... Die Gesellschaft der Vereinigten Staaten war wenige Wochen nach der Ermordung von Robert Kennedy weit stärker aufgewühlt als die heutige.

...



Aus: "Woodstock 1969: Eine Generation, die sich in ihrem Widerstand selbst entdeckt" Harry Nutt (14.08.19)
Quelle: https://www.fr.de/meinung/woodstock-eine-generation-sich-ihrem-widerstand-selbst-entdeckt-12911641.html

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[...] Hinter den Zäunen, die aber von den Massen eingerissen wurden, so dass Woodstock zu einem kostenlosen Konzert erklärt werden musste, schien eine Gegenwelt eingehegt. Der Vietnamkrieg, die Aggression der Spießer und Rassisten, die Ermordung von Martin Luther King und Robert Kennedy sorgten für ein politisch wie kulturell hochgradig aufgeladenes Klima. Es gab genug Gründe, um „Fuck“ zu sagen. „Fuck“ öffentlich auszusprechen, war in den USA der 60 Jahre jedoch ein Grund, um verhaftet zu werden. Country Joe McDonald ließ sich von der Bühne herab „F-U-C-K“ von den Massen brüllend buchstabieren und bestätigen, als Ausdruck einer Rebellion, als Protest gegen die repressive Arroganz der Macht. „Fuck“ schien das Losungswort, um das Establishment zu erschrecken. Aber sagten nicht auch die schlimmsten Spießer und aggressivsten Anti-Hippianer „Fuck“? Auf jeden Fall war für die Woodstock-Massen der Krieg in Vietnam fuck.

Für viele, die dabei waren, wurde der Matsch zur Institution, für nicht wenige nach Woodstock der Marsch durch die Institutionen. Schlichtere Gemüter sahen sich schon an der Spitze einer Revolution – die dann ausblieb. Seelenverkäufer setzten sich an die Spitze der Kommerzialisierung – ja, einer Durchökonomisierung des Musikbusiness. Und die blieb nicht aus. Einige Schriftgelehrte des Woodstock-Mythos haben all die Lesarten und Legenden retrospektiv als eine von Drogen stark manipulierte Selbstermächtigung interpretiert. Als so etwas wie die Verabredung eines Kollektivs mit dem Weltgeist, in dem eine Gegenwelt zu sich selbst kam unter verstörenden hygienischen Bedingungen.

... Waleighs oscarprämierter, fast vier Stunden langer Woodstock-Film hat die Legende rund um die Welt versendet, das Gerücht von einer Gegenwelt, für drei Tage errichtet auf einem grünen Hügel, mit der Ouvertüre von Canned Heat: „Going up the Country“. Dieses Bild ist Waleigh immer wieder vorgeworfen worden, eine Imagebildung der Verklärung. Dabei ist es nicht geblieben, wie gern übersehen wurde. Denn tatsächlich endet seine Dokumentation, die eine Montage ist und sich nicht an die Chronologie hält, mit Bildern der Verwüstung, und die stammen dann vom Finale auf dem Festivalgelände – und dem Nachspiel, am Montagmorgen. Über eine Schlammwüste trug ein einsamer Mensch einen Regenbogenschirm. Jimi Hendrix, in seine Soli vertieft, zerschredderte die amerikanische Nationalhymne.

...


Aus: "Woodstock: Frauenverachtung, Kommerz und schlechte Drogen" Christian Thomas (15.08.2019)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/woodstock-kein-wonderland-12914989.html

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[...] Spielten denn Gruppen wie die Black Panther Party, die sich gegen die Unterdrückung der Afroamerikaner engagierte, eine Rolle in Woodstock?

Sie waren einfach da, wie die Frauenbewegung auch. Man erkannte sie. Was wir in Europa in den Berichten davon übrig gelassen haben, war vor allem die sexuelle Befreiung. Das Aufregende war aber für mich: Sie waren alle da, und niemand war der Führer. Bei uns in Deutschland wurde unter den K-Gruppen der Kampf um die Wahrheit geführt, was in den 70er-Jahren auch die Anfänge der Bremer Uni bestimmt hat. Woodstock war zwar ein Riesen „melting pot“, aber niemand hat die Deutungshoheit übernommen. ...

...

Vor wenigen Wochen war der 50. Todestag von Theodor W. Adorno, der in „Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug“ schon in den 40er-Jahren gesagt hat, dass alle Kultur Ware ist. Adorno sind Sie auch einmal begegnet, oder?

Ich kam im zweiten oder dritten Semester in die Studienstiftung des Deutschen Volkes. Die hatten immer spannende Tagungen. Als Adorno sein Buch „Negative Dialektik“ geschrieben hat, gab es ein Seminar mit ihm. Das war natürlich toll. Adorno hätte mit Woodstock wohl nichts am Hut gehabt. Aber diese 60er-Jahre waren, wenn schon kein Aufbruch, dann doch eine Zusammenfassung einer Stimmung. Und für mich war es eine wichtige Einsicht, dass man nicht nur durch Analyse und Adorno oder Bloch Veränderungen erreichen kann, sondern dass der Aufbruchswille in jedem Menschen steckt. Und dass die Verzweiflung über das, was Menschen zugemutet wird, auch überall ist.

Was ist für Sie persönlich wichtiger gewesen? Adorno oder Woodstock?

Für meine Arbeit sicherlich Adorno. Woodstock ist eher das, wohin man sein Wissen bringt. Das ist kaum vergleichbar. Ich bin froh, dass ich als Intellektuelle diese andere Seite entdeckt habe. Adorno und andere haben wichtige Hintergrunderklärungen für die Studentenbewegung geliefert. Seine Studien zur autoritären Persönlichkeit waren eine wichtige Grundlage.

...


Aus: "Intweview: 50 Jahre später: Annelie Keil erinnert sich an Woodstock: „Ich war von der Stimmung stoned“" (14.08.2019)
Quelle: https://www.kreiszeitung.de/kultur/ich-stimmung-stoned-12914851.html


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« Reply #51 on: Mai 05, 2020, 09:41:13 vorm. »
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[...] Patrick Wildermann: Nur werden Kinder plötzlich nicht nur als Krachmacher, sondern als Gefahr gesehen. In den vergangenen Wochen konnte man etliche Fälle erleben, in denen wegen spielender Kinder die Polizei gerufen wurde. Ist das die Rückkehr der Hausmeister-Republik?

Volker Ludwig: Diese Haltung von vielen Erwachsenen, sofort denunziatorisch einzuschreiten, die erinnert mich tatsächlich an die alten Zeiten. Das ist offenbar nicht auszurotten. Da kommt diese urdeutsche Blockwart-Mentalität wieder hoch. ...

Patrick Wildermann: Diese Blockwart-Mentalität hatte man doch eigentlich für überwunden gehalten.

Volker Ludwig: Wir haben ja vieles für überwunden gehalten nach der 68er-Zeit. Was die Kinderrechte betrifft, hat sich auch wahnsinnig viel getan, Deutschland ist sehr viel fortschrittlicher und liberaler geworden. Ich kann mich noch erinnern, wie normal es war, dass Kinder in den Geschäften erst nach allen Erwachsenen bedient wurden. Zum Essen sind wir nur zum Italiener gegangen, weil in allen anderen Restaurants Kinder allenfalls naserümpfend geduldet wurden.

Patrick Wildermann: Aus der 68er-Bewegung sind auch die Kinderläden entstanden, die gerade als mutmaßliche Virenschleudern in der Diskussion stehen. Inklusive Schlagzeilen wie „Jede Kita ist ein potenzielles Ischgl“…

Volker Ludwig: Ich begreife nicht, dass man sich nicht als Erstes um die Frage gekümmert hat, was macht man, wenn die Kitas zu sind? Es gibt ja eine Notbetreuung, aber die müsste man mehr ausweiten. Was ist mit den vielen alleinerziehenden Müttern, die sie am dringendsten brauchen, die aber nicht alle in den sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten? Was ist mit den Kindern und Jugendlichen, die auf das Schulessen angewiesen sind? Das alles wurde überhaupt nicht geklärt.

Patrick Wildermann: Glauben Sie, so etwas wirkt gesellschaftlich nach?

Volker Ludwig: Ich kann nur hoffen, dass man daraus einmal lernen wird, wenn die Krise vorbei ist. Dass man die Gefahr erkennt, wie schnell Errungenschaften auch wieder kippen können. Manche Leute glauben ja, wir werden eine neue Gesellschaft erleben, in der wir alle mehr aufeinander achten. Natürlich gibt es viele Beispiele von Solidarität unter Nachbarn, auch bei uns im Haus. Aber daraus die Hoffnung auf eine gerechtere Welt abzuleiten? Ein paar Hilfsbereite und Vernünftige hat es immer gegeben.

Patrick Wildermann: Wie geht es Ihnen mit der Einschränkung der Grundrechte?

Volker Ludwig: Man kann vieles akzeptieren, aber dieser totale Konsens, der zu Beginn geherrscht hat, von den Grünen bis zur AfD, hat mich doch skeptisch gemacht. Sofort sind die Umfragewerte für die Hardliner hochgeschossen, am beliebtesten ist immer noch Herr Söder – das ist schon sehr merkwürdig. Dass die Politiker sich jetzt andauernd bei den Bürgerinnen und Bürgern für ihr braves Mitmachen bedanken, ist jedenfalls überflüssig. Wir sind ein Land, das furchtbar gerne gehorcht.

Patrick Wildermann: Daran hat 68 nichts geändert…

Volker Ludwig: Einen echten Schock habe ich bekommen, als zum ersten Mal diese Hassfressen der Pegida-Leute aufgetaucht sind, die mit Schaum vorm Mund brüllten, dass die Merkel aufgehängt werden müsse. Das waren genau so hassverzerrte Gesichter wie damals, als es hieß: Dutschke an den Galgen. Was vom Staat seinerzeit noch gefördert wurde. Keine Ahnung, warum das nach 50 Jahren plötzlich wieder hochgekocht ist.

...



Aus: "Früherer Theater-Chef zur Coronakrise: „Wir sind ein Land, das furchtbar gerne gehorcht“" (04.05.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/frueherer-theater-chef-zur-coronakrise-wir-sind-ein-land-das-furchtbar-gerne-gehorcht/25797584.html

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Friedenauer_Kaepsele 04.05.2020, 13:06 Uhr

So sehr ich Volker Ludwig eigentlich schätze, so sehr geht mir die Neigung mancher Linken zur penetranten und prinzipiellen Kritikasterei gegen den "Staat" und die Leute auf die Nerven. Ich hätte nicht lesen mögen, wie er sich ausgelassen hätte, wenn es hier in der Stadt Zustände wie in Bergamo, Madrid oder New York gegeben hätte, wenn die Leute nicht mehr gewusst hätten, wohin mit den Leichen.

Es ist keine "Lust am Gehorsam" der Leute, sondern Einsicht in die Notwendigkeit. Deshalb ist Berlin ja bis jetzt recht glimpflich davongekommen.


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Maximum5438 04.05.2020, 14:00 Uhr

Antwort auf den Beitrag von Friedenauer_Kaepsele 04.05.2020, 13:06 Uhr
Fein, dass Sie Herrn Marx zitieren. Dennoch erlaube ich mir, meinen eigenen Verstand zu benutzen und die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu hinterfragen. Die mantramäßige Beschwörung der Verhältnisse in Bergamo, Madrid und New York ist ebenfalls wenig hilfreich, da diesen durchaus bedauerlichen Verhältnissen Situationen vorangegangen sind, die in D in dieser Form eben nicht bestanden. Ich erwähne nur das aus Kostengründen heruntergerockte Gesundheitswesen inI, E und USA (sowieso), dazu problematische soziale Verhältnisse, möglicherweise auch intensive Luftverschmutzung (gerade in der Lombardei) etc. Also alles nicht so einfach. Und 95% der Bevölkerung in Geiselhaft für 5% Erkrankte/Gefährdete zu halten? Das ist schlicht und ergreifend eine  Überreaktion. Zum Schluß: ich habe den 70. Geburtstag schon hinter mir.....


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derverwalter 04.05.2020, 14:26 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Maximum5438 04.05.2020, 14:00 Uhr

    Und 95% der Bevölkerung in Geiselhaft für 5% Erkrankte/Gefährdete zu halten?

Abgesehen davon, dass der Begriff Geiselhaft in diesem Kontext purer sinnloser Populismus ist, ist Ihr Blickfeld ziemlich eingeschränkt.
Es ging/geht nicht nur um 5% Erkrankte/Gefährdete, sondern auch darum, die öffentliche Daseinsvorsorge aufrecht zu erhalten. Wenn die Infektionskurve nicht flach gehalten worden wäre, dann wären auch viel mehr Ärztinnen/Ärzte, Krankenschwestern, Erzieher*innen, Lehrer*innen, Polizist*innen, Feuerwehrleute, Müllwerker, Verkäufer*innen, usw. usf. erkrankt. Natürlich wären sie überwiegend nicht gestorben, aber mindestens zwei bis vier Wochen außer Gefecht gewesen, und etwa ein Zehntel von Ihnen hätte das Gesundheitswesen (Krankenhäuser) in Anspruch nehmen müssen. Dann hätte ich Ihre (Über-) Reaktion mal sehen wollen, wenn Supermärkte schließen und die Feuerwehr  prorisieren muss, wem sie hilft und wem nicht ...
Die Krankenhäuser mit Covid-19-Patienten arbeiten zum Teil schon auf dem Zahnfleisch, weil sich ärztliches und Pflegepersonal ansteckt und ausfällt.


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« Reply #52 on: August 27, 2020, 12:38:46 nachm. »
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[...] Los Angeles - Nach ein paar Gitarrenakkorden setzt sie ein – die unverwechselbare Stimme, rau, mal flüsternd, mal ein wenig kreischend. „Ball and Chain“ ist das letzte Lied, das Janis Joplin gemeinsam mit der Band Big Brother and the Holding Company auf dem Monterrey Festival im Juni 1967 in Kalifornien spielt. Die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer hatten wohl vorher noch nie von der damals 24-Jährigen gehört, die mit goldenen Schlaghosen, wildem Haar, Ketten um den Hals und sehr viel Energie und Leidenschaft die Bühne einnimmt.

In einem Video des Auftritts verlässt die Kamera für einen Moment Janis Joplin und schwenkt ins Publikum. Zu sehen ist eine Frau, die mit offenem Mund begeistert ihrem Gesang lauscht. Wir können nicht hören, was sie sagt, aber ihr Mund formt offenbar das Wort „wow“. Es ist die Sängerin Cass Elliot von der Band Mama and the Papas.

„No one to that point had seen a white girl sing the blues like she sangs it“, sagt Mitveranstalter und Musikproduzent Lou Adler vierzig Jahre später, niemand hatte bis dahin eine Weiße den Blues singen hören, wie Janis Joplin es tat. Es gibt viel Applaus, aber die Menge in Monterrey dreht nicht durch. Trotzdem gilt das dreitägige Festival, das ebenfalls Jimi Hendrix und The Who bekannt machte, als Joplins Durchbruch. Wenig später unterschreibt Janis Joplin mit der Band ihren ersten Plattenvertrag. Zwei Alben später ist sie ein gefeierter Superstar.

Ihre Songs „Me and Bobby Mc Gee“, „Piece of my Heart“ oder „Mercedes-Benz“ wurden zu unvergessenen Klassikern, die unzählige Male gehört, gespielt, nachgesungen wurden. Ihr zweites Soloalbum „Pearl“, das nach ihrem Tod veröffentlicht wurde, stand in den USA neun Wochen lang auf Platz 1 der Charts. Und verkaufte sich mehr als vier Millionen Mal.

Man kennt sie, die Eckpunkte von Janis Joplins kurzer Biografie. Geboren 1943 und aufgewachsen in einer Kleinstadt in Texas. Gestorben 1970 in einem Hotelzimmer an einer Überdosis Heroin. Auftritt beim Woodstock-Festival, rauchen und Whiskey trinken gehörte zu ihrem Image. Sie war drogensüchtig und alkoholabhängig, um genau zu sein. Sie ist trotzdem Stilikone, verkörpert Hippiekultur, den Spirit und Sound der Sixties und gehört zum Klub 27.

Janis Joplin war aber auch der erste weibliche Rockstar. In einer von Männern dominierten Musikszene Mitte der 1960er Jahre gab sie in ihren Bands den Ton an. Dass die Rockmusik ausgerechnet dieser Zeit sexistisch war, mag verwundern, repräsentierte sie doch sexuelle Freiheit und rebellierte gegen traditionelle Werte. Aber in den meisten Texten waren Frauen immer noch das Sex-Objekt und weibliche Performerinnen gab es kaum.

Die meisten Sängerinnen der 1950er und 60er waren eher Stereotypen und vor allem süß. Und selbst Girl-Rock-Groups verkörperten Sexiness in neuem Gewand. Ihre Texte waren oft wenig tiefgreifend. Janis Joplin brachte eine neue Weiblichkeit auf die Bühne und in die Köpfe der Menschen – vor allem in die der Frauen. Joplin wollte weder hübsch klingen noch aussehen, sie war für die meisten nicht süß oder sexy – und strengte sich auch nicht an, es zu werden.

Stattdessen wurde Joplin zu einer feministischen Heldin, weil sie Geschlechtergrenzen überschritt. Joplin nahm nicht nur die Bühne für sich ein, sie prägte auch einen neuen Style und revolutionierte Standards, die weibliche Schönheitsideale betrafen, schrieb der US-amerikanische Geschichtsprofessor Jerry Rodnitzky 1999 in einem Aufsatz. Die Sängerin trug weder einen BH, noch machte sie sich viel Arbeit mit ihren Haaren. Joplins wilder, individueller Look habe zahllose Frauen und Mädchen von Make-Up und Hüfthaltern befreit. Und Frauen Selbstbewusstsein gegeben, die nie als schön im klassischen Sinne angesehen worden seien.

Auch die Tatsache, dass Janis Joplin Frauenrechts-Organisationen ignorierte und keine offensichtlichen feministischen Slogans in ihren Songs auftauchten, machten sie nicht weniger zu einem feministischen Vorbild, so Rodnitzky. Einmal wird sie gefragt, ob sie von der Frauenbewegung angefeindet wurde. Ein Teil von ihnen schien es zu stören, dass Janis Joplin so offensiv mit Sex umgehe. „Nein“, entgegnete Joplin, „wie könnten sie, ich stehe für alles, was sie angeblich wollen“. Ihren Standpunkt machte Joplin klar, ohne sich direkt auf Forderungen oder Rechte der Frauen zu beziehen: Man sei doch das, womit man sich zufrieden gebe. „Und wenn man sich nicht damit begnügt, jemandem das Geschirr zu waschen und kämpft, kann man das sein, was man will.“

Doch es gab auch eine Zeit, in der Janis Joplin noch lernen musste, sich zu behaupten, in der sie schön sein wollte. Sie sah allerdings nie so aus, wie die Frauen in den Magazinen. „Sie war ein wenig pummelig und hatte Pickel als Teenager“, berichtet ihre jüngere Schwester in dem Dokumentarfilm „Little Girl Blue“. Doch nicht nur das machte sie zur Außenseiterin. Joplin habe es zur Gegenkultur gezogen, sie kleidete sich wie ein Beatnik. Janis Joplin sah anders aus und rebellierte, dafür wurde sie gemobbt, berichtet ihre Schwester.

Wenige wissen, dass sich hinter Joplins wildem Lebensstil und dem scheinbaren Selbstbewusstsein auf der Bühne eine offenbar verletzte Seele verbarg. Die Anfeindungen begannen in der High-School, wurden auch auf der Uni nicht besser. „Janis benahm sich nicht, wie Frauen damals sein sollten, sie fluchte und war nicht sittsam“, erinnert sich ein Schulfreund. Sie habe Grenzen verschoben. Auch wenn sie nach außen immer robust wirkte, habe es viel gegeben, was ihr zusetzte, sagt auch ein Bandkollege aus der College-Zeit.

Die Bühne ließ Janis Joplin fühlen, dass sie etwas zu bieten hatte. Als Teenager begann Janis Joplin Folk zu singen, im Chor, später in einer Band. Sie liebte Blues-Sänger wie Odette, Bessie Smith und Otis Reading. „Ich habe zufällig gemerkt, dass ich diese Stimme habe“, erklärte Joplin in einem Interview. Aber auch später, als Star wurde sie angefeindet für das, was sie verkörperte. Treu geblieben ist sie sich trotzdem immer. Joplins Songs, die als autobiografisch gelten, sind voll von emotionaler Ehrlichkeit, in ihnen offenbarte sie Leidenschaft und ihre Sehnsüchte.

Zahllose Musikerinnen nach ihr fühlten sich von Joplin inspiriert, bis in die Gegenwart. Sie habe keine Angst vor ihrem Schmerz und ihrer Wahrheit gehabt, sagt etwa die Popmusikerin Pink. „Ich habe gemerkt, ich muss nicht anders sein, als ich bin.“ Sie habe einen Platz für Frauen in der Rockmusik geschaffen, so drückt es Melissa Etheridge aus. Die Sängerin hielt die Rede, als Janis Joplin 1995 in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen wurde.

Etheridge erinnerte sich, dass sie als junge Frau so singen, so fühlen und auf der Bühne explodieren wollte, wie Janis Joplin. Sie habe ihr gezeigt, dass Frauen nicht Sekretärinnen und Hausfrauen sein müssen. „Wir können Rockstars sein.“ (Von Judith Köneke) 1960er Jahre: Gretchen Dutschke hat an der Seite ihres Mannes Rudi für eine freie, solidarische Gesellschaft gekämpft. Hinter der "antiautoritären Rebellion" steht sie bis heute.


Aus: "Rockstar Janis Joplin: Eine Ikone der 60er Jahre - Du bist, womit du dich zufriedengibst" Judith Köneke (27.08.2020)
Quelle: https://www.fr.de/zukunft/storys/75-lektionen-mut/du-bist-womit-du-dich-zufriedengibst-wie-janis-joplin-zum-ersten-weiblichen-rockstar-wurde-90031302.html

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« Reply #53 on: August 27, 2020, 03:25:49 nachm. »
Quote
[...] In großangelegten Werbekampagnen von Handel und Industrie sind sexistische Motive immer weniger zu finden. Dagegen werben Handwerksfirmen und kleinere Dienstleistungsunternehmen immer aggressiver mit geschlechtsdiskriminierenden Bildern und Slogans. „Werf‘ deine Alte raus“, heißt es bei einem Sanitärunternehmen, das eine halbnackte Blondine in der neuen Badewanne zeigt. Ein anderes Beispiel: Eine Frau mit gespreizten Beinen auf dem Auto einer Rohrreinigungsfirma mit dem Werbespruch: „Wir kommen überall durch“.

Rund 5000 solcher Beispiele hat die Frauenrechtsorganisation Pinkstinks im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend über zwei Jahre hinweg gesammelt und bewertet. Das „Monitoring sexistischer Werbung“ hat die Hamburger Organisation im September 2019 vorgelegt. Doch fast ein Jahr danach habe Pinkstinks keinerlei Reaktion erhalten von Seiten des Ministeriums.

„Das sind 400.000 Euro, die uns gegeben wurden für zwei Jahre, um die Studie zu machen", erklärt Stevie Schmiedel, Geschäftsführerin von Pinkstinks. "Und jetzt interessiert sie niemanden. Wir haben überhaupt keine Rückmeldung von den PolitikerInnen bekommen, die letztendlich die Studie beauftragt haben. Das ist eigentlich nicht fair, den SteuerzahlerInnen gegenüber“, beklagt sie.

Auch die Wirtschaftsjuristin Susanne Engelsing, Professorin an der Hochschule Konstanz, bedauert, „gegen frauenfeindliche Werbung wird zu wenig getan". Sie fordert schärfere Gesetze, weil die Selbstkontrolle der Werbewirtschaft durch den Deutschen Werberat leider nicht funktioniere. „Der Deutsche Werberat ist selbst Partei und hat die alleinige Deutungshoheit über das, was menschenverachtende Werbung ist", so Engelsing. "Man darf es aber nicht in den Händen der Werbewirtschaft lassen, sondern es müssen Gerichte eingeschaltet werden können.“

...


Aus: "Sexistische Werbung: Nackte Haut für den Profit" (Frontal 21 vom 11. August 2020)
Quelle: https://www.zdf.de/politik/frontal-21/sexistische-werbung-100.html

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Quote
[...] Die Moral hat es dieser Tage nicht leicht. Sie ist zum Ismus verkommen und damit zum Schimpfwort. Ganz neu ist die Debatte nicht, doch im Zuge der Migrationshysterie wurde aus dem augenzwinkernden „Moralin“ der spaßbefreite „Moralismus“. Die rechte Publizistik hyperventiliert sogar von einer „Moralismus-Diktatur“ – und rückt so Moral sprachlich in die Nähe von NS-Regime oder DDR. Aber Moral, war das nicht eigentlich mal was Gutes?

„Moral ist im Prinzip erst mal etwas Gutes. Also Moral brauchen wir ja auch, um den Gang der Gesellschaft irgendwie zu ordnen. Aber sobald Moral sich selbstständig macht, dann wird es eben schnell zum Moralisieren.“

Die finnisch-deutsche Schriftstellerin Beile Ratut sprach sich deshalb im Deutschlandfunk für einen kritischen Blick auf moralische Belehrungen aus. Der Philosoph Alexander Grau diagnostizierte ebenfalls im Deutschlandfunk einen „Moralismus mit totalitären Zügen“. Der verlangt dann auch nach einem neuen Superlativ, beziehungsweise Hyperlativ: dem Hypermoralismus.

„Der Hypermoralismus ist ja nicht politisch neutral, sondern wir kennen ihn vor allem eigentlich aus dem linken oder linksliberalen Lager. Er ist der Versuch, die Gesellschaft anhand linker Ordnungsvorstellungen und eines weitestgehend links konnotierten Menschenbildes auszurichten und hat seine Wurzeln in der 68er-Bewegung und in der kulturellen Hegemonie, die in einigen Teilen der Gesellschaft zumindest dieser Linksliberalismus inzwischen erlangt hat.“

Die viel gescholtenen „alten weißen Männer“ scheinen besonders stark unter der vermeintlichen linken Moraldiktatur zu leiden: Broder, Hahne, Tichy und so weiter haben dem Moralismus den Kampf angesagt (Der Vorwurf des „links-grünen Moralismus“).  ...


Aus: "Moralismus-Debatte: Hype um die Hypermoral" Christian Röther (10.08.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/moralismus-debatte-hype-um-die-hypermoral.886.de.html?dram:article_id=422221

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« Reply #54 on: September 03, 2020, 10:13:39 vorm. »
Quote
[...]  Udo Wachtveitl und sein Schauspielerkollege Miroslav Nemec hatten als das Münchner Duo Batic und Leitmayr die meisten Einsätze in der Geschichte des „Tatorts“.

Im Gespräch mit der „Zeit“ zieht Wachtveitl nun eine durchaus kritische Bilanz der Krimireihe. Ihm sei der „Tatort“ moralisch zu erwartbar geworden, so der 61-Jährige. Der Unterprivilegierte sei in der Krimiserie mit öder Regelmäßigkeit der bessere Mensch, wird der Darsteller von Kommissar Franz Leitmayr in der Wochenzeitung zitiert.

„Neulich hat mich ein Freund gefragt: Wie viele moralisch gute Charaktere gibt es eigentlich im ‚Tatort‘, die reich waren? Gute Frage“, sagte er demnach.

Wachtveitl vermutet, dass das eine Generationenfrage sei: „Ich glaube, da ist ein bisschen 1968er-Kitsch dabei. Diese Leute sind jetzt alle in den Redaktionen in den entsprechenden Positionen. Bei denen darf der hart arbeitende Ausländer unter den drei Verdächtigen sicher nicht der Täter sein.“

Auch Regisseur und Drehbuchautor Dominik Graf würde sich wünschen, dass der „Tatort“ weniger erwartbar wäre und seine Zuschauer auch mal überfordern würde.

...


Aus: "Schauspieler Wachtveitl kritisiert zu viel „68er-Kitsch“ im „Tatort“" (12.08.2020)
Quelle: https://www.welt.de/kultur/article213375856/Udo-Wachtveitl-sieht-zu-viel-68er-Kitsch-im-Tatort.html

Quote
Orthograf

 Es sind ja nicht nur die Alt-68er in den Redaktionen. Nachgerückt ist eine junge Journalisten-Generation, deren Angehörige scheinbar ganz offen Aktivismus als elementaren Bestandteil ihres Berufs sehen. Der Leser, Zuschauer, Hörer muss offenbar von der "richtigen" Meinung überzeugt werden. ...


Quote
Dirk A.

 Deutschland produziert nun auch in Sachen Film und Fernsehen nur noch hypermoralisierten Müll. ...


Quote
Gunter P.

 Nicht nur manchmal zu viel 68er Kitsch.
Insgesamt (!) sind die Filme zu "pädagogisch" und damit langweilig.
Genau das braucht ein guter Kriminalfilm nicht:
Langeweile und Belehrungen.

Dabei gibt es genügend wirklich hervorragende und inspirierende Vorbilder: Französische Kriminalfilme der 60er oder frühen 70er Jahre.
Amerikanische Kriminalfilme der "goldenen Ära" bis etwa 1980.
Nur Mut!


Quote
Karl W.

 Beim letzten Tatort, den ich vollständig geschaut habe, hieß der Kommissar noch Schimanski. ...


...


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« Reply #55 on: September 03, 2020, 10:20:58 vorm. »
Quote
[...] Berlin - In den Jahren 1971 und 1972 gehörte ich der Roten Hilfe Westberlin an. Mit erheblicher Sympathie kümmerten wir uns damals um die Gefangenen der 1970 gegründeten Terrororganisationen „Rote Armee Fraktion“ (RAF) und „Bewegung 2. Juni“: Wir bezeichneten die Häftlinge als politische Gefangene, sprachen von „Isolationsfolter“, schrieben Briefe, sammelten Geld und besuchten – parteiisch-solidarisch erregt – die Prozesse. Auch kamen illegale Aktionen vor, etwa das Waschen von Geldscheinen, die offensichtlich aus Banküberfällen stammten. Von solchen Dingen wollen die allermeisten heute noch lebenden, zumeist arrivierten einstigen Genossinnen und Genossen nichts gewusst haben. Schreibt man allerdings darüber, wie ich das vor zwölf Jahren in dem Buch „Unser Kampf“ getan habe, gilt man sofort als Verräter. Diese Art von Selbstgerechtigkeit im Hinblick auf totalitäre und heute gewiss peinliche Selbstermächtigung erbten nicht wenige Alt-68er von ihren Alt-33er Vätern. Auch sie hatten nichts gesehen oder gewusst – und schwiegen.

... Die von Horst Mahler so hartnäckig vorgelebte Fusion von linkem und rechtem Radikalismus hätte aufmerksamen Beobachtern früh auffallen können. Aber es wird noch verrückter. 1967 hatte sich Mahler zusammen mit Heinz Galinski, Max Horkheimer, Fritz Bauer und wenigen anderen dafür eingesetzt, die damals als Schullandheim genutzte Wannsee-Villa in einen Ort zur Erforschung der nationalsozialistischen Verbrechen umzuwandeln. 1964 war die NDR-Journalistin Ulrike Meinhof die „erste Person in der Bundesrepublik“, die, am Ende unter Tränen, von Marcel Reich-Ranicki „aufrichtig und ernsthaft wünschte“, über dessen „Erlebnisse im Warschauer Ghetto informiert zu werden“. Als sie sich dann 1976 im Gefängnis erhängte, wählte sie ausgerechnet die Nacht vom 8. zum 9. Mai. „Wäre es denkbar“, fragte Reich-Ranicki später, dass es zwischen der deutschen Vergangenheit und dem Weg zum Terror „einen Zusammenhang gibt“?

Kurz nach der RAF gründete sich in Westberlin die zweite terroristische Vereinigung: die Gruppe „Bewegung 2. Juni“. Mitglieder dieser politkriminellen Vereinigung ermordeten im November 1974 den Präsidenten des Kammergerichts Günter von Drenkmann; dreieinhalb Monate später entführten sie den CDU-Spitzenkandidaten für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus Peter Lorenz. Sie nahmen ihn als Geisel, um fünf inhaftierte Terroristen freizupressen. Die Regierung gab nach. Einen der auf diese Weise in den Jemen ausgeflogenen Terroristen kannte ich aus München sehr gut, es war der hochbegabte, 1967/68 noch dem Liberalen Studentenbund angehörende Jurist Rolf Pohle. Er starb 2004.

Die 1980 wegen der Lorenz-Entführung gefällten Strafurteile bewegten sich zwischen 10 und 15 Jahren Gefängnis. Im Fall des Mordes an Günter von Drenkmann konnte die Strafkammer niemandem die Tat nachweisen. Heute noch leben in Berlin und sonst wo mindestens 25 mehr oder weniger direkt beteiligte Altterroristen und -terroristinnen, die genau wissen, wer welches Verbrechen begangen hat. Sie schweigen wie ihre Naziväter und -mütter. Aller Wahrscheinlichkeit nach nehmen sie ihre mörderischen Geheimnisse selbstgerecht und deutsch-rechthaberisch mit ins Grab.

Hansgeorg Bräutigam ruft die Details ins Gedächtnis zurück, die jeder Heroisierung der politisch verblendeten Mördergruppen entgegenstehen. Bei der Entführung drohten sie Peter Lorenz mehrfach: „Denk an Drenkmann!“ Im Prozess beschimpfte der Angeklagte Till Meyer die Richter als „faschistische Todesschweine“. 1986 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen, arbeitete dann als Redakteur bei der „taz“. Dort bespitzelte er im

Auftrag der Stasi seine Kollegen und zudem die linke Westberliner Szene. Am 1. Mai 2007 rechtfertigte der 1980 zu 15 Jahren Haft verurteilte Ralf Reinders die politischen Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und erntete dafür den Beifall seiner linksradikalen Kreuzberger Zuhörer. Der wegen derselben Taten verurteilte Roland Fritsch fand das offenbar auch. Im Prozess hatten beide ihre Richter als „Schafskopf“, „Du Sau“ oder „Paragraphenschlafmützen“ beleidigt und allerhand seltsames Theater aufgeführt.

Ich aber verbeuge mich vor Hansgeorg Bräutigam, dem Autor des hier besprochenen und vielfach zitierten Buches, und vor den seinerzeit zuständigen Strafrichtern, Staatsanwälten und Polizisten. Sie wurden damals vielfach und massiv persönlich bedroht. Dennoch wahrten sie im Großen und Ganzen die rechtsstaatlichen Prinzipien und drängten den mörderischen Terrorismus der RAF und der Bewegung 2. Juni entschlossen zurück.

Das Buch

Hansgeorg Bräutigam:
Terroristen vor dem Kammergericht. Drei Berliner Strafprozesse nach 1968,
Berlin Story Verlag 2020,
144 Seiten



Aus: "Der Rechtsstaat und seine Grenzen: Späte Einblicke in die Berliner RAF-Prozesse" Götz Aly (2.9.2020)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/aufrecht-gegen-linken-terror-li.101278

Götz Haydar Aly (* 3. Mai 1947 in Heidelberg) ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Historiker und Journalist. Seine Themenschwerpunkte sind nationalsozialistische Rassenhygiene, Holocaust und Wirtschaftspolitik der nationalsozialistischen Diktatur sowie Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6tz_Aly

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« Reply #56 on: September 03, 2020, 10:24:38 vorm. »
Quote
[...] Es ist eines der bekanntesten Fotos der 68er-Bewegung, obwohl es schon 1967 aufgenommen wurde: Die Mitglieder der Westberliner Kommune I strecken der bürgerlichen Gesellschaft die nackten Hintern entgegen. Mit dabei: Rainer Langhans, schon damals mit der lockigen Mähne, die er bis heute trägt.

Rückblickend betrachtet war die Kommune I eine Art Therapie, erinnert sich Rainer Langhans im Gespräch an seinem 80. Geburtstag. In einer „Marathon-Klausur“ probten die Kommunarden und Kommunardinnen nicht nur neue Formen den Zusammenlebens jenseits der bürgerlichen Kleinfamilie, sondern befassten sich auch mit einem zentralen Anliegen der Studentenbewegung: Den Faschismus der Generation ihrer Eltern zu bewältigen – und die eigene Prägung dadurch.

Dabei gab es das Problem, „dass man natürlich seine Mörder-Eltern nicht wirklich angreifen kann“, räumt Langhans ein. Darum erfolgte die Kritik am System, theoretisch.

Als Revolutionär sieht sich Rainer Langhans noch heute, allerdings in eigener Sache. Er treibe seine „Selbst-Revolution“ voran. Denn schon in den 70er-Jahren trennten sich seine Wege von denen vieler Mitstreiter, als die sich für den bewaffneten Kampf entschieden, den Terror.

Langhans, der sich vor seiner Kommunarden-Zeit als Bundeswehrsoldat mit dem Töten auseinandergesetzt hatte, machte da nicht mit – und wurde ausgegrenzt: „Für Leute, die Krieg führen wollen, ist derjenige, der nicht mitmachen will, ein Verräter“. Dadurch habe er viele geliebte Menschen verloren.

Getreu der Einsicht, dass das Private das Politische sei, zog sich Rainer Langhans ins Innere zurück, wurde Veganer, pflegt einen asketischen Lebensstil. Und das in einer schon vier Jahrzehnte währenden Lebensgemeinschaft mit zunächst vier, nun drei Frauen. Einen Harem nennt er dieses Modell manchmal, im Grunde genommen sei es aber „ein Frauenprojekt, eigentlich eine Frauenkommune mit einem Mann“. Einem Mann, den keine der Frauen für sich besitzen könne.

Das führe oft zu Eifersucht, sei für die Frauen aber eine Chance, sich selbst zu finden. Denn, so Langhans, „es ist möglich, zu lieben, statt mit Besitzdenken einen anderen erreichen zu wollen“.

Schon als Kind hat Rainer Langhans sich fremd in der Welt gefühlt, verstand die Menschen nicht und die nicht ihn, wie er sich erinnert. Er eckte an, wurde zum Bürgerschreck, mal bekämpft, mal belächelt: „Ich bin wirklich ein amtlich anerkannter Verrückter oder Spinner“, das sei halt so und damit komme er klar. Geholfen habe ihm dabei die späte Einsicht, dass er das Asperger-Syndrom trägt, also jene Form des Autismus, mit der auch die Klimaaktivistin Greta Thunberg lebt.

So habe er auch mit den Kontakteinschränkungen wegen Corona keine Probleme: „Ich finde dieses Social Distancing sehr gut, das haben wir damals in der Kommune schon angefangen. Weil man nur dann, wenn man die Körper ein bisschen auseinanderhält, wirklich zu sich und zu den anderen tiefer kommen kann.“

(pag)


Aus: "Alt-68er-Ikone Rainer Langhans„Ich bin ein amtlich anerkannter Spinner“" Ulrike Timm (19.06.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/alt-68er-ikone-rainer-langhans-ich-bin-ein-amtlich.970.de.html?dram:article_id=478948


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« Reply #57 on: September 03, 2020, 10:47:00 vorm. »
Quote
[...] "Unter den Talaren der Muff von 1.000 Jahren" - dieser Spruch, den Studenten der Universität Hamburg 1967 auf einem Banner im Audimax das erste Mal zeigten, ist unvergessen. Der Campus im Grindelviertel war damals einer der zentralen Orte der deutschen Studentenbewegung. Dass diese Bewegung bis heute nachwirkt, haben nun aktuelle Studierende gezeigt: Sie haben einen Dokumentarfilm über die 68er-Bewegung an der Uni Hamburg gedreht und nun in einem Hörsaal vorgestellt.

Einen kurzen Moment könnte man denken, dass die 60er-Jahre wieder auferstanden sind: Aus den Lautsprechern dröhnt Musik von Jimi Hendrix. An der Wand eine Nachbildung des berühmten Banners von den Talaren und dem Muff. Der Anna-Siemsen-Hörsaal der Universität Hamburg ist brechend voll. Viele finden keinen Platz und müssen auf den Gängen sitzen oder an der Wand stehen. Das Interesse an diesem Studienprojekt ist riesig.

"Das Oberthema war die Universität in gesellschaftlicher Verantwortung", erzählt Inti Buckenmeyer, eine von 30 Studierenden an der Fakultät Erziehungswissenschaften, die an diesem Film mitgearbeitet haben. Die Studierenden näherten sich der Frage, wie bei den 68ern eine Politisierung stattgefunden hat. "Wir haben angefangen zu recherchieren und haben Personen gefunden, die in der damaligen Zeit aktiv waren. Dann kam das eine zum anderen", sagt Buckenmeyer.

[...] 95 Minuten ist die Dokumentation lang geworden. Sie erzählt vor allem vom sozialistischen deutschen Studentenbund SDS und seiner Rolle, von den Hamburger Protesten gegen den Besuch des persischen Schahs, dem Sturz der Statue des Kolonialisten Wissmann und natürlich dem Tod des Berliner Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967. Aktivist Thomas Thielemann erinnert sich, wie dieser damals die Studierenden politisierte: "Nach dem 2. Juni explodierte die Mitgliederzahl, wir waren dann über 100 Leute und man verlor auch so ein bisschen den Überblick."

Der Film zeugt vom Interesse der jüngeren Generation an der älteren. Studentin Johanna Hintze ist vieles klar geworden durch die Arbeit an diesem Projekt: "Ich habe angefangen, mich mehr mit der Uni auseinanderzusetzen, nicht alles hinzunehmen und mich einzubringen - etwas zu ändern, wo ich was ändern kann."


Aus: "68er-Bewegung in Hamburg: Studenten erinnern mit Doku" Danny Marques Marcalo (15.01.2020)
Quelle: https://www.ndr.de/kultur/film/68er-Bewegung-in-Hamburg-Studenten-erinnern-mit-Doku,studenten308.html

Quote
Mensch Meier schrieb am 16.01.2020 00:08 Uhr:

Die "68er Generation" ist diejenige die für die heutigen Verhältnisse mitverantwortlich ist.
Der "Muff ist geblieben und stinckt mehr den je"!


Quote
75er schrieb am 16.01.2020 07:59 Uhr:

Die 68er haben dafür gesorgt, dass die Toilettentür ausgehängt wurde. Darauf brauchen die absolut nicht stolz sein.


Quote
Historiker schrieb am 16.01.2020 08:12 Uhr:

Ständig diese rückwärtsgewandten kommunistischen Heldengeschichten


Quote
Liberty schrieb am 16.01.2020 10:28 Uhr:

Ich denke, die 68er Bewegung war enorm wichtig!

Das junge Menschen gegen bestehende Strukturen und gesellschaftliche Normen aufbegehren ist wichtig. Die 68er waren Ursprung für die Umweltbewegung, die Gleichberechtigung, für Transparenz und Offenheit in der Gesellschaft. Der Abbau von Hirarchien war wichtig und das Ausbrechen aus Verhaltensmustern.

Hätte sonst ein Bill Gates in einer Garage seine Kreativität an Computern ausleben können? Nein, er hätte vermutlich Wehrdienst geleistet und Befehl und Gehorsam gelernt.

Natürlich gab es auch Dinge, die man heute kritisch sehen kann.
Ob freie Liebe erstrebenswert ist?
Ob Drogen besser sind als die Sufgelage früherer Generationen?
Der Umgang mit Kindern und Sexualität?

Fest steht, dass die Generation der 68er unserer Gesellschaft keine Trümmerwüste und tausende traumatisierte Menschen hinterlassen hat, wie zwei Generationen zuvor.

Die erste Generation nach dem Krieg war zur Verarbeitung noch ncht in der Lage, das mussten die 68er machen.


Quote
Luise schrieb am 19.01.2020 02:07 Uhr:

die 68er sind der Muff von heute.


usw.


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« Reply #58 on: September 03, 2020, 11:03:11 vorm. »
Quote
[...] Achille Mbembe gilt als wichtigster Denker des Postkolonialismus, ja gar als einflussreichster Intellektueller des gesamten afrikanischen Kontinents. Er wurde mit renommierten Preisen wie dem Geschwister-Scholl-Preis überschüttet und erhielt weltweit namhafte Gastprofessuren. Doch seit die Intendantin Stefanie Carp im März verkündet hat, dass Mbembe die Eröffnungsrede ihrer Ruhrtriennale halten soll, ist um ihn eine heftige Debatte entbrannt. Im Mittelpunkt steht die brisante Frage, wie viel Antisemitismus im Werk des 62-jährigen Historikers steckt.

Begonnen hat der Streit durch Interviewaussagen von Felix Klein, der seit 2018 als "Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus" wirkt. Klein warf Mbembe vor, er habe "in seinen Schriften das Existenzrecht Israels infrage gestellt und überdies auch das Apartheidsystem Südafrikas mit dem Holocaust verglichen".

... In seinem Buch Politik der Feindschaft schreibt Mbembe [ ]: "Das Apartheidregime in Südafrika und – in einer ganz anderen Größenordnung und in einem anderen Kontext – die Vernichtung der europäischen Juden sind zwei emblematische Manifestationen dieses Trennungswahns." ...


Aus: "Eine echte Causa" Martin Eimermacher (22. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/2020/18/achille-mbembe-antsemitismus-vorwurf-israel

Quote
KHBI #9

"In der ZEIT äußert sich Mbembe jetzt selbst ausführlich zu den Vorwürfen."

Diese Äußerungen hätte ich gern gelesen. Wie schon vorher vermutet, leider mit dem Zeichen Z+ versehen. Schade.


...

-

Quote
[...] Kritik an der Politik Israels, Israelfeindschaft, Antisemitismus: In der Debatte um den Historiker Achille Mbembe ist zu beobachten, wie Haltungen und Begriffe auch in linken Milieus verschwimmen. Ein Blick ins Jahr 1969 schafft etwas Klarheit.

Dan Diner ist 23 Jahre alt, als er am 9. Juni 1969 im Hörsaal VI der Goethe-Uni Frankfurt am Main sitzt. Diner, seit langem ein renommierter Historiker, war damals noch Jurastudent und Vorsitzender des Bundesverbandes Jüdischer Studenten in Deutschland – kurz BJSD. Der Mann neben ihm ist mehr als doppelt so alt. Es ist Asher Ben-Natan, seit einigen Jahren der erste Botschafter Israels in der Bundesrepublik. Dan Diner hat ihn zur Diskussion in die Uni eingeladen.

Auf einem Foto, das damals aufgenommen wurde, sieht man den Studenten und späteren Verleger Karl Dietrich -„KD“- Wolff, der mit Megafon die Menge gegen den Botschafter anstachelt. Viele Studierende – auch führende Vertreter des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS – sehen die Politik Israels sehr kritisch und sympathisieren mit der Sache der Palästinenser.

Im Publikum sitzt Abdallah Frangi, der Vorsitzende der General-Union Palästinensischer Studenten (GUPS): „Wir hatten viele Palästinenser, die hier studiert haben. Und wir hatten gute Organisationen, die GUPS, also General Union Palästinensischer Studenten, und GUPA waren die stärksten Organisationen in der arabischen Welt. Wir waren sehr gut organisiert.“

GUPA – das ist die Abkürzung für „Generalunion Palästinensischer Arbeiter“. Sie ist damals vor allem in Deutschland aktiv, erklärt Frangi, „und nicht in den anderen europäischen Staaten, weil wir eine große Zahl von Palästinensern hatten, die in Offenbach und Frankfurt gearbeitet haben.“

„Der Nahe Osten im Frankfurter Westend“. So ist der Aufsatz überschrieben, den die Historikerin Zarin Aschrafi unlängst in der Zeitschrift „Zeithistorische Forschungen“ veröffentlicht hat. Darin schildert sie die politischen Auseinandersetzungen um Israel und Palästina, die während der Studentenbewegung in Frankfurt am Main heftig geführt wurden.

Auch mit der Rolle Abdallah Frangis als einem der Köpfe der in Deutschland aktiven Palästinenser-Gruppe setzt sich Zarin Aschrafi auseinander. Die Gruppe wurde vom damaligen PLO-Vorsitzenden Jassir Arafat gefördert.

„Natürlich gab es auch in anderen Städten in der Bundesrepublik sehr aktive palästinensische Studierendengruppen“, erklärt sie. „Doch in Frankfurt lebte die von Arafat durchaus anerkennend und wertschätzend gemeinte ‚Deutsche Bande‘ – das heißt, eine Gruppe von palästinensischen Aktivisten, die für ihr politisches Engagement geschätzt wurde – nicht zuletzt aufgrund ihrer Vertrautheit mit der deutschen Politiklandschaft, die sie durch ihre langjährigen Aufenthalte in der Bundesrepublik hatte.“

Insbesondere seit dem für Israel siegreichen sogenannten „Sechstagekrieg“ vom Juni 1967 hatte sich die Stimmung gegenüber dem jüdischen Staat in der deutschen Studentenbewegung geändert. Der SDS stellte Israel mit einer Resolution das erste Mal regelrecht an den Pranger, so der Historiker der Studentenbewegung, Wolfgang Kraushaar.

Der Vorwurf: „Dass Israel nichts anderes sei als der vorgeschobene Posten des US-Imperialismus im Nahen Osten“, erläutert Wolfgang Kraushaar. „Und damit sind im Grunde genommen alle historischen Bedenken relativiert, wenn nicht gar ignoriert worden. Und die Bühne wurde frei gemacht für eine sehr enge Kooperation mit den Palästinensern. Und das hat sich besonders stark niedergeschlagen in den Gründungsakten der ersten linksterroristischen Gruppierungen. Sei es der Tupamaros, dann der Roten Armee Fraktion, aber auch denen, die dann gefolgt sind.“

Im Juni 1969 versucht der israelische Botschafter Asher Ben-Natan noch, mit den Studierenden zu diskutieren. Doch die Stimmung bei den radikal Linken ist aufgeladen. „Shalom gleich Napalm“ wird bei Protestkundgebungen gerufen.

Eine große Dummheit nennt das der ehemalige SDS-Aktivist Daniel Cohn-Bendit heute: „Genau wie es damals zustande kam: ‚USA-SA-SS‘. Da waren wir auch nicht die Schlausten. Oder diejenigen, die das geschrien haben. Ich glaube, das habe ich kaum über die Lippen gekriegt, weil es natürlich eine Verharmlosung der SS ist, bei allen Schrecken des Vietnamkrieges, ja. Es gibt so – ich wollte sagen, Ausrutscher – das ist ja viel mehr als ein Ausrutscher, solche Fehlentwicklungen öfters.“

Asher Ben-Natan wird am 9.Juni 1969 in der Uni-Veranstaltung vom Publikum übertönt, das lautstark Parolen skandiert. Irgendwann wird ihm das Mikrofonkabel durchtrennt.

Auch seine Biografie als NS-Verfolgter und späterem Nazi-Jäger schützt Asher Ben-Natan nicht vor dieser Demütigung. Er war am 15. Februar 1921 in Wien als Artur Piernikarz geboren worden. 1938 floh er als 17-Jähriger vor Hitler nach Palästina, lebte in einem Kibbuz. Nach Kriegsende kehrt er als Korrespondent israelischer Medien nach Wien zurück und organisiert für die zionistische Untergrund-Organisation Hagana die Auswanderung vieler Juden nach Palästina.

Gleichzeitig sammelt der Mann, der jetzt offiziell Ben-Natan heißt, unter dem Decknamen „Artur Pier“ in Österreich und Deutschland Material über NS-Kriegsverbrecher und übergibt es dem Nürnberger Tribunal. Der engagierte Nazi-Gegner entdeckt im österreichischen Linz das einzige Foto Adolf Eichmanns, das später dessen Enttarnung in Südamerika möglich macht.

All das interessiert die Studentenbewegung in Frankfurt am Main im Sommer 1969 nicht.

„Ich glaube, das ist ja das Schreckliche an dieser ganzen Aktion“, sagt Daniel Cohn-Bendit. „Man hat sich nicht dafür interessiert. Das ist ja dieses Plakative. Man war ja im Bewusstsein, das hat Gerd Koenen ganz schön auch in seinem Buch über den Antisemitismus und die Linken entwickelt, man war ja überzeugt: Wir sind die Aufrechten, die radikalen Antifaschisten und damit muss man sich gar keine Fragen stellen. Sondern wir sind das Gute, das Richtige. Wir wollen die proletarische Revolution, und die anderen sind unsere Gegner. Haben sie überhaupt nicht nachgedacht? Woher kommt zum Beispiel der Botschafter? Wobei es ist ja egal ist, ob er jetzt aus dem polnischen Ghetto kommt oder, sagen wir, aus Nordafrika gekommen wäre. Aber das hat die Leute nicht interessiert. Ja, das ist das Schlimme. Das heißt, man forderte ein historisches Bewusstsein ein und bewies mit solchen Aktionen und anderen, dass man überhaupt keines hat.“

Für den palästinensischen Studenten Abdallah Frangi, war Asher Ben-Natan vor allem ein harter Mann aus dem israelischen Militär gewesen, der in der Palästina-Frage ganz weit auf der anderen Seite steht. Frangi ist am 9. Juni 1969 in den Hörsaal gekommen, um das deutlich zu machen.

Die Studierenden fordern irgendwann, dass Abdallah Frangi als Vertreter des palästinensischen Volkes nach vorne kommen und das Wort anstatt des israelischen Botschafters ergreifen soll. Die Menge packt Frangi, hebt ihn über die Köpfe und schiebt ihn mit vielen Händen in der Höhe schwebend nach vorne Richtung Podium, auf dem immer noch der israelische Botschafter und Dan Diner sitzen.

„Man hat mich getragen“, erinnert sich Frangi, „und ich stand neben Asher Ben-Nathan. Ich habe dann gesagt, Sie sind nicht berechtigt, über Palästina zu reden, Sie sind Vertreter eines Staats, der Palästina geraubt hat.“

„Abdallah Frangi – man konnte mit ihm diskutieren“, sagt Daniel Cohn-Bendit. „Er war kein fanatischer, aber er war ein entschiedener Vertreter der Palästinenser. Sein Werdegang: Die Palästinenser haben ja anfangs den Staat Israel abgelehnt. Dann gab es einen langen Entwicklungsprozess von der Fatah, auch von Arafat, hin zu Anerkennung des Staates Israel. Und dann die zwei Zwei-Staaten-Lösung anpeilen.“

Abdallah Frangi wurde spätestens im Laufe der 1990er-Jahre zu einem Verfechter der Zwei-Staaten-Lösung. Doch zwischen Hamas auf der einen Seite sowie Netanjahu und Trump auf der anderen sieht er zurzeit wenig Spielraum für die Realisierung dieses Konzeptes.

Für den Politologen und 68er-Forscher Wolfgang Kraushaar war der Eklat mit dem israelischen Botschafter Ben-Nathan 1969 der Auftakt einer ganzen Reihe „antizionistischer und antisemitischer Vorfälle“ in der radikalen Linken.

„Das heißt, damit war eine völlige Verschiebung der Horizonte verknüpft. Man ging davon aus, dass auch der Vietnamkrieg nicht mehr der entscheidende Konflikt sein würde, sondern in der Zukunft der 70er-Jahre dann der Nahostkonflikt.“

So rekonstruiert Kraushaar in einem seiner Bücher einen versuchten Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in West-Berlin am 9. November 1969 – ein gescheiterter Attentatsversuch aus der linksradikalen West-Berliner Szene. Delegationen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes reisten ab Ende der 60er-Jahre in den Nahen Osten und suchten die Nähe zu militanten Palästinensern, so Kraushaar:

„Und vor allen Dingen unter den Vorzeichen dessen, dass man die Palästinenser als eine Befreiungsbewegung meinte wahrnehmen zu können und es als legitim erschien, sie in der Rolle von Guerilla-Organisationen auch zu fassen und sie insofern gleichzusetzen mit anderen Guerilla-Organisationen oder bewaffneten Gruppierungen der Dritten Welt.“

1976 beteiligten sich westdeutsche Terroristen an einer Flugzeugentführung der PLO nach Entebbe, bei der die Flugzeuginsassen in Juden und Nichtjuden aufgeteilt wurden.

Schon 1968 gab es jedoch aber auch Stimmen in der deutschen Linken, die davor warnten, postkolonialistische Befreiungsbewegungen etwa in Südamerika oder Afrika mit der PLO gleichzusetzen und dabei die Erfahrung des Holocaust auszublenden.

Zarin Aschrafi erinnert etwa an die „Gemeinsame Erklärung von 20 Vertretern der deutschen Linken zum Nah-Ost-Konflikt“. Darin warnte eine Gruppe um den Berliner Philosophen Michael Landmann vor einer „unheilvollen Übertragung eines gängigen Denkschemas“ auf die Situation im Nahen Osten. Das erinnere zumindest punktuell an aktuelle Debatten, so Zarin Aschrafi vom Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow.

Etwa wenn das heutige Israel mit Südafrika während der Apartheid verglichen werde, unter anderem durch den Philosophen Achille Mbembe. 1968 warf die Gruppe um Michael Landmann der israelfeindlichen Fraktion der „Neuen Linken“ in Deutschland vor, bei ihrer Verurteilung Israels den Holocaust und seine Folgen – die verstärkten Fluchtbewegungen nach Palästina – nicht zu berücksichtigen, so die Historikerin Zarin Aschrafi.

„Sie hatten natürlich recht“, sagt sie. „Denn wenn die Deutung von Nationalitätenkonflikten durch Überstülpung von Konzepten wie Imperialismus oder Kolonialismus – in aktuellen Debatten ist auch die Rede von Apartheid – geschieht, dann entledigt man sich historischer Differenzierungen.“

Wie heute für den Philosophen Achille Mbembe war auch für die Studentenbewegung gerade in ihrer Auflösungsphase Ende der 60er-Jahre ein Text besonders wichtig: das 1966 im Suhrkamp-Verlag erstmals in deutscher Sprache erschienene Buch „Die Verdammten dieser Erde“ von Frantz Fanon, einem ehemaligen Kämpfer der algerischen Befreiungsbewegung FLN.  Mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre.

Daran erinnert Wolfgang Kraushaar: „Das bedeutete, dass man sich einließ auf einen Text, der hoch philosophisch einerseits war und andererseits aber auch unglaublich blutrünstig. Man konnte sehen, wie Sartre den Antikolonialismus wirklich geradezu feierte, und das wurde in der entscheidenden Phase zu Beginn der Studentenbewegung – der Westberliner zunächst und dann der bundesdeutschen – aufgenommen und wurde selber dann verbreitet. Man hat sich sehr stark mit dieser Rolle identifiziert, dass es darauf ankommen würde, den Kolonialismus zu schlagen und zu besiegen und das wurde übertragen dann auf Israel.“

Zumindest in Teilen der radikalen neuen Linken war die Israelfeindschaft Teil des Antikolonialismus, so Kraushaar. Mit Bezug zu Frantz Fanons Schrift argumentiere Achille Mbembe heute punktuell wieder ähnlich, so Daniel Cohn-Bendit.

„Mbembe – zum Beispiel, wenn er sagt: Israel ist schlimmer als Südafrika oder ist genauso wie Südafrika. Das ist falsch“, sagt Cohn-Bendit. „Es ist falsch, weil die Araber in Israel wählen können. Wenn er gesagt hätte, es gibt eine Unterdrückung arabisch-israelischer Bürgerinnen. Es gibt eine Unterdrückung und Araber dürfen zwar wählen, aber die sozialen Möglichkeiten: die arabischen Städte sind im Vergleich zu den jüdischen-israelischen Städten natürlich sehr unterentwickelt. Das stimmt alles. Und wenn er sagt, dass die Besatzung im Westjordanland eine sehr kolonialistische Besatzung ist, das stimmt. Weil, die Macht hat nicht mal das Recht dort, sondern die Armee. Und so weiter. Das kann man alles sagen. Aber der Vergleich mit Südafrika bringt einen nicht weiter.“

Den Nahostkonflikt mit politischen Begriffen wie etwa „Kolonialismus“ oder eben Apartheid begreifen zu wollen – das klappt auch aus Sicht der Historikerin Zarin Aschrafi nicht: „Denn bei allen strukturellen Gemeinsamkeiten, die die Vertreter solcher Konzepte meinen entdecken zu können, übergehen sie im Falle der israelischen Staatsgründung häufig die Tatsache, dass sie in erster Linie eine Konsequenz aus dem Holocaust war und dass von dieser Erfahrung auch das Leben, Überleben und Wirken der Nachfolgegenerationen nicht unbeeinflusst blieb.“

Auch für Abdallah Frangi, den heutigen Berater des Palästinenser-Präsidenten Abbas „für europäische Angelegenheiten“, ist klar: „Wir haben immer bei jedem Vortrag der Palästinenser verurteilt, was Hitler und die Nazis gemacht haben – mit den Juden vor allem.“

So klar haben das nach 1968/69 nicht alle in der westdeutschen neuen Linken gesagt. Und auch in der aktuellem Debatte um die Mbembe-Positionen zeigt sich: Die Bedeutung des Holocaust als historisch singuläres Ereignis mit den bis heute tragischen Auswirkungen auf die Geschichte Israels und Palästinas wird auch in der heutigen Linken nach wie vor vielfach nicht begriffen.


Aus: "Antikolonialismus und Antizionismus: Umstrittene Denkmuster in der 68er-Linken" Ludger Fittkau (10.06.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/antikolonialismus-und-antizionismus-umstrittene-denkmuster.976.de.html?dram:article_id=478380
« Last Edit: September 03, 2020, 11:07:00 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #59 on: September 03, 2020, 11:09:28 vorm. »
Quote
[...] Der Tod ist ein Leitmotiv in seinen Büchern, mit ihm beschäftigt sich Uwe Timm schon seit seiner Kindheit, seit sein Bruder im Zweiten Weltkrieg starb. Nun wird der Autor 80 Jahre alt  ... Als junger Mann machte Timm eine Kürschnerlehre und übernahm das Pelzgeschäft seines Vaters. Später studierte er Philosophie und Germanistik in München und war aktiver Teil der 68er-Bewegung. Er beteiligte sich an der Besetzung der Universität und schrieb Agitprop-Gedichte. „Heißer Sommer“, sein Debütroman von 1974, spiegelt diese Zeit wider. Timm tauchte ein in Utopien, kämpfte für eine bessere Welt und glaubte eine Zeit lang, sie durch den Marxismus erlangen zu können:

„Was gab es nicht alles: revolutionäre Apotheker und revolutionäre Maschinenbauer. Das hört sich heute ganz komisch an, war aber ganz toll, dass die Leute überlegten: Nach welchen Bedürfnissen arbeitet man, verkauft man Psychopharmaka. Aber das hatte plötzlich die Unmittelbarkeit verloren. Und das ging bis in die Sprache rein. Die theoretische Sprache war völlig leer geworden.“

Die Sprache des Autors Uwe Timm wirkt, genau wie er selbst, unprätentiös und einfühlsam. Timm ist, das merkt man seinen Büchern an, ein genauer Beobachter und guter Zuhörer. Jemand, der nicht nur auf das Leben neugierig ist, sondern, wie er betont, sogar auf sein eigenes Sterben. Der Roman „Rot“, ein Meisterwerk, das alle großen Themen dieses Autors vereint – die Schattenseite der deutschen Geschichte, die 68er-Bewegung, den Verlust wie die Notwendigkeit von Utopien, die Liebe und den Tod – hat ausgerechnet einen Beerdigungsredner als Hauptfigur ....


Aus: "Der Alt-68er wird 80" Tobias Wenzel (29.03.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/schriftsteller-uwe-timm-der-alt-68er-wird-80.1013.de.html?dram:article_id=473583

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« Reply #60 on: November 02, 2020, 09:33:22 vorm. »
Quote
[...] Am 11. April 1968 wird in West-Berlin ein Attentat auf Rudi Dutschke verübt. Er gilt als Wortführer und Symbolfigur der gesellschaftskritischen, linksgerichteten Studentenbewegung. Als Hassfigur rechter Medien und der Neonazis, steht er wie kein zweiter für die Radikalisierung einer antiautoritären Bewegung. Dutschke überlebt die Schüsse schwerstverletzt, das Attentat löst die größten politischen Unruhen in der noch jungen Bundesrepublik aus. ...


Aus: "Geschichte im Ersten: Dutschke – Schüsse von Rechts" (2020)
Quelle: https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/geschichte-im-ersten/sendung/dutschke-schuesse-von-rechts-100.html

-

Quote
[...] Josef Bachmann, der Rudi Dutschke am 11. April 1968 in Berlin mit drei Schüssen schwer verletzte, hatte sich die Tatwaffe in der militanten rechten Szene in Peine besorgt. Der Gelegenheitsarbeiter hasste Kommunisten, schoss auf DDR-Wachtürme an der innerdeutschen Grenze, besuchte NPD-Versammlungen und las die rechtsextreme „National-Zeitung“, die damals titelte: „Stoppt Dutschke jetzt!"“

Auch die rechtsextreme Gruppe in Peine habe ihn vor dem Attentat aufgehetzt, sagt der Journalist Peter Wensierski in dem ARD-Dokudrama „Dutschke - Schüsse von Rechts“. Sie habe sich in den 1970er Jahren zu "eine der gefährlichsten Neonazigruppen" in der Bundesrepublik entwickelt. Bachmann galt allerdings lange Zeit als Einzeltäter.

Die Existenz einer rechten Terrorgruppe habe man nicht für möglich halten wollen, erklärt Wensierski, der Bachmanns Verbindungen in die rechte Szene nach der Auswertung von Stasi-Akten bereits 2009 im „Spiegel“ enthüllt hatte.

Insofern liefern die Filmautoren, der langjährige „Spiegel“-Redakteur Cordt Schnibben und Peter Dörfler, nicht wirklich „einen neuen Blick auf den Mordanschlag“, wie der Pressetext es glauben machen will („Dutschke – Schüsse von Rechts“, ARD, Montag, 23 Uhr 35 [Sendetermin: Di., 03.11.20 | 00:05 Uhr, Das Erste]). Dennoch macht es Sinn, gerade jetzt, in einer Zeit zunehmender Gewalt von Rechts, daran zu erinnern, dass es eine lange Tradition gibt, die Strukturen hinter den vermeintlichen Einzeltätern zu ignorieren.

 Schnibben und Dörfler rekonstruieren die Vorgeschichte des Attentats, an dessen Folgen Rudi Dutschke Heiligabend 1979 starb, mit Spielszenen. Das mag einleuchten, wenn es um Bachmann selbst geht, um seine Kontakte in Peine und das Gerichtsverfahren. Rafael Gareisen spielt den rechten Fanatiker, der im Verhör seinen Gewaltfantasien freien Lauf ließ. Das Attentat selbst wird nachgestellt – und schockiert als Spielszene umso mehr.

Gleichzeitig schildert der Film Dutschkes Werdegang. Als gläubiger Christ verweigerte er in der DDR den Militärdienst, zog Tage vor dem Mauerbau nach West-Berlin und avancierte zum Kopf der Studentenbewegung.

Zu den Interviewten zählen mit Rainer Langhans, Bahman Nirumand, Peter Schneider, Knut Nevermann und dem mittlerweile in die rechtsnationale Szene abgedrifteten Bernd Rabehl einige der damals führenden Köpfe der 68er Bewegung. Dutschkes Witwe Gretchen Dutschke-Klotz, die Publizistin Barbara Sichtermann und Stefan Aust ordnen Dutschkes Bedeutung für die Bewegung ein.

Nicht immer nachvollziehbar ist es, wenn Dutschkes Werdegang in Spielszenen geschildert wird. Darsteller Aaron Hilmer bemüht sich, im typischen Dutschke-Pulli den typischen Dutschke-Duktus zu treffen. Aber die ja zahlreich vorhandenen Originalaufnahmen sind halt nicht nur authentisch, sondern auch eindrucksvoller.

Und dass Moderator Günter Gaus nahezu verschwindet, weil das legendäre Dutschke-Interview von 1967 aus der Reihe „Zu Protokoll“ in einer Mischung aus Spiel und Originalausschnitten wiedergegeben wird, ist ein kaum entschuldbarer Handgriff.


Aus: "ARD-Dokudrama zum Dutschke-Attentat: Rechter Terror im Jahr 1968" (01.11.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/ard-dokudrama-zum-dutschke-attentat-rechter-terror-im-jahr-1968/26580170.html#

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« Reply #61 on: November 18, 2020, 02:12:52 nachm. »
Leo Gabriel, Sohn des Philosophen Leo Gabriel, stammt aus einem konservativen Elternhaus und studierte nach dem Besuch des Humanistischen Gymnasiums Rechts- und Staatswissenschaften in Wien und Sozialanthropologie in Paris bei Claude Lévi-Strauss[3], wo er den Mai 68 miterlebte. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Gabriel_(Journalist)

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[...] Den Mai 1968 in Paris erleben viele Menschen – einer von ihnen ist Leo Gabriel – ein paar Augenblicke lang als einen Moment, in dem die Revolution zum Greifen nahe scheint. Die Jugend rebelliert in den Straßen von Paris. Die Gewerkschaften rufen den Generalstreik aus und Aktivist*innen liefern sich Straßenschlachten mit der französischen Polizei. Staatspräsident de Gaulle verschwindet vorübergehend von der Bildfläche. Manche sehen in den Ereignissen ein Wiederaufleben der Pariser Kommune von 1871, als die Bewohner*innen die Staatsmacht aus der Stadt vertrieben und soziale Maßnahmen für eine Verbesserung der Lebensbedingungen ergriffen hatten.

Leo Gabriel nennt diese Tage einen Aufstand der Subjektivität. Ein Aufbegehren gegen jede Form von Herrschaft – gegen Kapitalismus und Konsumgesellschaft ebenso wie gegen das autoritäre Gesellschaftsmodell in der Sowjetunion und gegen die hierarchischen Kirchen. Und auch auf persönlicher Ebene handelt es sich um eine Befreiung des Individuums, die für viele mit sexueller Freiheit einher geht. Besonders die Frauen*bewegung nimmt in dieser Zeit einen Aufschwung. Der Blick erweitert sich von Europa auf andere Regionen wie Afrika, wo antikoloniale Befreiungsbewegungen sich für die Unabhängigkeit von kolonialer Unterdrückung stark machen und Lateinamerika, wo revolutionäre Bewegungen seit der erfolgreichen Kubanischen Revolution für soziale Befreiung kämpfen. 1968 ereignet sich als ein globales Phänomen, das an vielen Orten zum Ausdruck kommt. In politischer Hinsicht dennoch eine Niederlage, so Leo Gabriel, denn die Macht können die Aktivist*innen der 68er nirgends übernehmen. Veränderungen zeigen sich vor allem auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene.

Für Leo Gabriel persönlich bedeuten die Ereignisse in Paris einen tiefen Einschnitt in sein Leben. Als Sohn eines Universitätsprofessors für Philosophie und Chefideologen der konservativen ÖVP führt Leo Gabriels Weg nach Paris, mit dem Plan, eine diplomatische Laufbahn einzuschlagen. Zudem absolviert er ein Studium der Sozialanthropologie, u.a. bei Claude Levy-Strauss. Einst als Mitglied des katholischen Cartellverbandes und jetzt Vertreter der Auslandsstudent*innen erlebt Leo Gabriel die Ereignisse 1968 hautnah mit. Er liest die Werke von Autor*innen wie Herbert Marcuse, die besondere theoretische Impulse für die 68er Bewegung geben. Dies alles wird schließlich sein eigenes Leben tiefgreifend verändern und seinem bisherigen Weg eine Wendung geben.

Leo Gabriel kommt mit den Befreiungsbewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika in Berührung, die für die Überwindung der kolonialen Strukturen kämpfen. Auf einer persönlichen Ebene verändert auch die sexuelle Befreiung sein Leben. Freie Liebe und Sozialismus sind prägend für ihn, der lange Zeit in Kommunen lebt. Den Umbruch im Lebensstil erlebt er nicht nur abstrakt, sondern im Alltag, etwa bei den regelmäßigen Sitzungen in den Kommunen, wo selbstkritisch im Kollektiv über die eigenen Fehler reflektiert wird.

Nach dem Abflauen der Proteste hat Leo Gabriel das Gefühl, dass er nach all dem nicht mehr einfach in das erzkonservative Österreich zurückkehren kann. Er verbringt eine Zeit lang in einem kleinen Fischerdorf in Südspanien. Dort reift sein Entschluss, nach Lateinamerika zu reisen. Inspiriert von Persönlichkeiten wie Che Guevara und den Aufständen der Arbeiter*innen und Student*innen in ganz Lateinamerika möchte Leo Gabriel dorthin, um die wirkliche Revolution zu suchen, wie er es nennt. In Mexiko, wo er sich zunächst länger aufhält, hat er sie nicht gefunden, dafür ein paar Jahre später in Nicaragua.

Leo Gabriel beschließt, sich vom gewohnten intellektuellen Umfeld abzukoppeln und liest für einige Zeit kein Buch mehr, weil er so leben möchte wie die Kleinbauern und -bäuerinnen. Zu Beginn der 1970er Jahre schließt er sich dann einer Straßentheatergruppe an und gründet später eine eigene Gruppe. Der Gedanke hinter dem Straßentheater ist die Ermutigung der Arbeiter*innen und Kleinbauern und -bäuerinnen, deren Selbstbewusstsein gestärkt werden soll. Dafür werden soziale Kämpfe der Arbeiter*innen und Bauern dokumentiert und dramaturgisch auf der Bühne dargestellt. Besonders an den Orten, wo gerade Streiks und soziale Konflikte stattfinden, soll den Aktivist*innen an der Basis bewusst gemacht werden, dass hartnäckiger Widerstand und solidarischer Zusammenhalt zum Erreichen der gemeinsamen Ziele führt. Auf den Spuren von Che Guevara, nur in umgekehrter Richtung, reist Leo Gabriel als Filmemacher zusammen mit Musiker*innen und Schauspieler*innen quer durch den Kontinent, von Mexiko bis nach Argentinien, bis die Gruppe Anfang 1976 wieder nach Mexiko zurückkehrt. Alles, was er gefühlsmäßig über Lateinamerika weiss, hat er sich in diesen fünf Jahren angeeignet, so Leo Gabriel. So lebt er mit den Kleinbauern und -bäuerinnen in Guatemala zusammen und lernt Aktivist*innen aus den sozialen Bewegungen kennen. Später lernt er auch Personen wie den Revolutionsführer und heutigen Präsidenten von Nicaragua Daniel Ortega kennen und andere, die bei den lateinamerikanischen Linksregierungen seit Beginn der Jahrtausendwende eine Rolle spielen wie z.B. Evo Morales, den ehemaligen Gewerkschaftsaktivisten der Kokabauern und heutigen Präsidenten von Bolivien.

Während andere Aktivist*innen von 1968 den langen Marsch durch die Institutionen antreten und sich manche mit den Verhältnissen arrangieren, bleibt Leo Gabriel bis heute ein 68er. Einen Grund dafür sieht er darin, dass er lange Jahre in Lateinamerika verbracht hat. Er ist nicht vor der Frage gestanden, innerhalb der staatlichen Institutionen für Veränderungen einzutreten, wofür sich viele 68er in Österreich besonders in den Kreisky-Jahren entschieden haben. Um 1978 herum wird Leo Gabriel als Journalist tätig. Die Mitarbeiter*innen der von ihm frisch gegründeten alternativen Presseagentur APIA (Agencia Periodistica de Información Alternativa) treten als Kollektiv auf und berichten aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Während die Ereignisse in Nicaragua zunächst kaum von den großen Medienunternehmen zur Kenntnis genommen werden, setzen später viele auf die Arbeit der kleinen APIA, die von Anfang an über den Umbruch in diesem zentralamerikanischen Land berichtet.

Die Regierungen reagieren an vielen Orten mit brutaler Gewalt und schlagen die Proteste 1968 nieder wie in Kalifornien, wo der Gouverneur und spätere US-Präsident Ronald Reagan die Nationalgarde auf Demonstrant*innen hetzt. In Mexiko werden während der Olympischen Spiele im Oktober 1968 von der Armee Tausende Menschen auf dem Platz der drei Kulturen massakriert. In vielen Ländern von Lateinamerika führt die harte Repression durch die Staatsmacht – nahezu überall sind Diktaturen an der Macht – zur Militarisierung der sozialen Konflikte nach 1968 und zur Bildung von Guerillabewegungen. In den meisten Ländern werden diese niedergeschlagen, nur in Guatemala und El Salvador können diese Bewegungen zeitweise größere Gebiete befreien und in Nicaragua gelingt 1979 der Sturz der Diktatur von Somoza durch eine bewaffnete Revolution. Die Saat dafür war 1968 gelegt worden, so Leo Gabriel, denn je nach politischer Ausgangslage führte sie in manchen Ländern zu einer zivilgesellschaftlichen und kulturellen Dynamik, in anderen Ländern zu revolutionären bewaffneten Bewegungen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gilt es vorübergehend als unzeitgemäß, sich für soziale Veränderung und Gerechtigkeit einzusetzen. Doch inzwischen ist es wieder möglich, in der Gesellschaft fundamentale Kritik am Kapitalismus zu äußern und Fragen nach Alternativen aufzuwerfen, wie etwa im Rahmen des Weltsozialforums, dem Leo Gabriel als Mitglied des Internationalen Rates bis heute angehört. Vielfältige soziale Bewegungen treten, auch in Europa, wieder in Erscheinung, die für die Rechte der Arbeiter*innen und Subalternen kämpfen. Dies zeigt, dass das Bewusstsein und die Ideen von 1968 noch heute aktuell bleiben.


Aus: "Aufstand der Subjektivität" UZ (26. April 2018)
Quelle: https://www.unsere-zeitung.at/2018/04/26/aufstand-der-subjektivitaet/

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #62 on: November 18, 2020, 02:26:50 nachm. »
Quote
[...] Im Jahr 1973 veröffentlichte Peter Schneider, einer der Hauptagitatoren der 68er-Bewegung in Berlin, seine Erzählung „Lenz“. Der Autor war bisher vor allem durch radikale politische Reden aufgefallen, jetzt aber schrieb er von der Sehnsucht nach Sinnlichkeit, von Gefühlen, von den Leerstellen der kurz zurückliegenden Politisierung.

Das war ein Signal: Die 1970er-Jahre standen im Zeichen einer „Neuen Subjektivität“. Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung hießen nun die Parolen. Gedichte von Jürgen Theobaldy oder Nicolas Born kündeten in einem neuen Ton von einem neuen Weltgefühl.

Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ wurde zu einem Schlüsseltext für den sich entwickelnden Feminismus, Karin Strucks „Klassenliebe“ setzte Peter Schneiders Suchbewegungen die weibliche Perspektive entgegen.

Und es existierte eine rege und unüberschaubare Kleinverlags- und Zeitschriftenszene. Die alternative Buchmesse in Frankfurt wurde von vielen eine Zeitlang für wichtiger als die offizielle Branchenveranstaltung gehalten. Dieser Kurswechsel von der Politik zur Literatur hielt ein Jahrzehnt lang an.

Nähert man sich der Neuen Subjektivtät heute, hat das etwas faszinierend Archäologisches.


Aus: "Deutsche Literatur nach 1968 und die „Neue Subjektivität“: Die Gefühle an die Macht!" Helmut Böttiger (17.06.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/deutsche-literatur-nach-1968-und-die-neue-subjektivitaet.974.de.html?dram:article_id=420587


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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #63 on: November 25, 2020, 02:15:03 nachm. »
Quote
[...]
Veranstaltungsinformationen
Wann: Fr. 13.11.2020, 19 Uhr
Wo: Livestream via YouTube
https://youtu.be/jj6xSfgcjVs


Mit seinem Versuch, den „explosiven“ Kern der Psychoanalyse herauszuschälen, avancierte Herbert Marcuse zum Vordenker und Stichwortgeber der sexuellen Protestbewegung von 1968. Seine „Philosophie der Psychoanalyse“ entwarf ein mitreißendes Modell einer erotischen Utopie und bot den Protestierenden zugleich das Begriffswerkzeug, um auf die zunehmende Einbindung der Sexualität in die Konsumkultur der Nachkriegszeit zu reagieren.

Im Vortrag soll Marcuses eigentümliche Aneignung psychoanalytischer Begriffe vor dem kulturellen Hintergrund seiner Zeit nachgezeichnet werden, um dann den Fragen nachzugehen, warum seine sexualutopische Psychoanalyse heute veraltet wirkt, und ob sie wirklich veraltet ist.

Aaron Lahl ist Psychologe, arbeitet an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin und promoviert zum Thema Psychoanalyse und Masturbation. Verschiedene Veröffentlichungen im Themenbereich Psychoanalyse-Sexualität.

Jan Feddersen, Jahrgang 1957, taz-Redakteur und Kurator des taz lab und des taz Talk, moderiert den taz Talk.

Ein taz Talk in Kooperation mit der Initiative Queer Nations.


Aus: "Sexualutopische Psychoanalyse: Herbert Marcuse 1968 und heute" (2020)
Quelle: https://taz.de/Sexualutopische-Psychoanalyse/!171909/

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #64 on: Dezember 02, 2020, 12:51:52 nachm. »
Fritz Bauer (* 16. Juli 1903 in Stuttgart; † 1. Juli 1968 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Jurist. Mit seinem Namen und Wirken als Generalstaatsanwalt in Hessen von 1956 bis 1968 verbinden sich die Entführung Adolf Eichmanns nach Israel, die positive Neubewertung der Widerstandskämpfer des 20. Juli von 1944 und die Frankfurter Auschwitzprozesse. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Bauer

Quote
[...]  Literatur - Ein Sammelband beschreibt das Verhältnis von Fritz Bauer zu den 68ern

Fritz Bauer war ein aufrechter Sozialdemokrat, einer, den man mit der Lupe sucht. Als Generalstaatsanwalt und Initiator der Frankfurter Auschwitz-Prozesse (1963 – 65) wurde er bekannt. Der Band Fritz Bauer und „Achtundsechzig“ zeigt nun noch andere Seiten seines Engagements, wenngleich es insgesamt wohl eher dem Muff von tausend Jahren geschuldet war, den viele unter Talaren verbargen. Zwölf Aufsätze von Fachleuten, hauptsächlich aus den Geschichts- und Rechtswissenschaften, ergänzen einander optimal. Bei diversen Schwerpunkten greifen sie Grundzüge im Denken und Handeln stets neu auf: einen Willen, das Strafrecht menschlich zu gestalten, eine Aversion gegen neuen Rechtsradikalismus, gegen Obrigkeitsfimmel sowie rigide Sexualnormen, die aus seiner Sicht eine fehlende NS-Aufarbeitung kompensierten.

Ehemalige NS-Richter verhängten weiter Urteile. Dass sie geläutert waren, zweifelte der Sohn jüdischer Eltern und bekennende Atheist öffentlich an. Damit brachte er viele gegen sich auf, auch in der eigenen Partei. Als 1959 Studenten mit Nähe zum SDS die Ausstellung Ungesühnte Nazijustiz kuratierten, funkte die SPD dazwischen: Den SDS hielt sie für von der DDR unterwandert, erinnert Kristina Meyer, es waren typische „antikommunistische Abwehrreflexe“ und „innerparteiliche Disziplinierungsmaßnahmen“. Bauer habe sich aber nicht gefügt, sondern „die Initiativen der Studenten wohlwollend, wenn auch vorwiegend aus einer professionellen Distanz“ unterstützt. Belastendes über NS-Funktionäre durch „Rechtshilfeersuchen an die Staatsanwaltschaft der DDR“ in die Finger zu bekommen: der SPD ein Graus, für Bauer Alltagsroutine. „(G)egen 99 in Hessen tätige Juristen, die an Todesurteilen (…) beteiligt gewesen waren“, strengte er Verfahren an. Auf unmittelbare Effekte hoffte er nur wenig. Gesellschaftliche Reflexion darüber, was Autoritarismus anrichtet, sei eher Ziel gewesen – und die Justiz davon zu befreien.

In puncto Strafrecht schwebte Bauer ein auf Resozialisierung setzendes vor. Auch hier lag er mit seiner Zunft über Kreuz. Kriminelle, so Kirstin Drenkhahn, wurden oft unter miserablen Umständen zu Zuchthausstrafen verdonnert. Abschrecken lautete das Motto. Philanthropen wie Bauer hätten es schwer gehabt, dagegen anzugehen. In einer Zeit, in der sich kaum jemand um Erhebungen geschert habe, verortet Drenkhahn Bauer als Freund der Empirie. Während er sich auf internationale und interdisziplinäre Forschung stützte, hätten Kollegen einschlägige Texte mangels Englischkenntnissen gar nicht gekannt.

Viele Texte im Band verweisen auf Öffentlichkeitsarbeit, die Bauer, der 1968 mit 64 Jahren starb, unermüdlich betrieb: als Experte bei Podiumsdiskussionen, als Autor von Büchern und einer Flut an Artikeln. Damit „eröffnete er den 68ern einen Gestaltungs- und Möglichkeitsraum juristischer Intervention“, so Alexandra Kemmerer in einem Kapitel über Bauer als „Netzwerker“. Deutlich wird durch die Lektüre aber auch: Teil der Diskurse und Debatten war er nur begrenzt. Sich im Privaten austobende (sexuelle) Gewalt und Machtasymmetrien zwischen den Geschlechtern habe er noch nicht berücksichtigt, der zweiten Frauenbewegung zum Beispiel daher nur eine Grundlage bereitet.

Detailreich, aber verständlich und so auch für interessierte Laien zugänglich zeichnen die Autor*innen ein spannungsreiches Bild vom Verhältnis Bauers zu den sich formierenden Protestbewegungen, wobei – so beschreibt es Malena Todt – die Angst vor einem allmächtigen Staat Bauers Denken jedoch bestimmte.

Fritz Bauer und „Achtundsechzig“. Positionen zu den Umbrüchen in Justiz, Politik und Gesellschaft - Katharina Rauschenberger, Sybille Steinbacher (Hrsg.), Wallstein Verlag 2020, 278 S.


Aus: "Im Möglichkeitsraum" Stefan Walfort (Ausgabe 45/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/im-moeglichkeitsraum

Quote
denkzone8 | Community

na ja,
als priores charakteristikum ist er mit: "ein aufrechter sozialdemokrat"
wohl eher un-angemessen beschrieben.
er ist wohl eher ein solitär gewesen.


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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #65 on: Januar 03, 2021, 01:16:28 nachm. »
Quote
[...] Das Epochenereignis der Wende und die Wiedergeburt Berlins hat er mit großer Empathie analysiert, ebenso den Aufbruch von 68. Nun ist Klaus Hartung 80-jährig in Berlin gestorben. Ein Nachruf.

... Klaus Hartung gehörte zur 68er Generation, die ihn tief geprägt hat. Der gebürtige Sachse, Jahrgang 1940, ausgestattet mit den ostdeutschen Nachkriegserfahrungen, wuchs in Hagen auf, studierte zunächst in Bonn und kam 1963 nach Berlin, wo er an der Freien Universität unter anderem Politik, Germanistik und Religionswissenschaften studierte. Das säkulare Aufbegehren der Studentenbewegung brachte er auf den Begriff einer „langdauernden Jugend im linken Ghetto“ - so der Titel seines 1978 erschienenen, seinerzeit viel diskutierten „Kursbuchs“-Artikels.

Klaus Hartung hat diese Zugehörigkeit in allen Konsequenzen gelebt und erlebt, als Teil der Westberliner linken Szene und ihrer zwiespältigen Entwicklungen. Er gehörte damals durchaus zur radikalen Fraktion, doch er versagte sich der Gewalt, die Teile von ihr nach dem Tod von Benno Ohnesorge 1967 begrüßten und auch anwendeten.

Mit alledem gibt Hartung ein Beispiel dafür, wie man sich zu diesem Kapitel der westdeutschen Nachkriegsgeschichte, zu seinem Scheitern und Weiterleben, auch stellen konnte. Er ging mit ihren Deformationen und Fehlentwicklungen hart ins Gericht, aber er zerriss nicht das Band, das ihn mit diesem Kapitel verknüpfte.

An ihm, der sich eine Zeitlang auch in Italien in der Antipsychiatrie-Bewegung engagierte, konnte man erkennen, dass es aus dem antiautoritären Aufbegehren einen Weg zum entschiedenen, liberalen Demokraten gab. Und zwar ohne Konversion, sondern durch die Arbeit der Reflexion und Erkenntnis.

 In einem seiner letzten Essays, den er auf seiner Webseite eingestellt hat - und den man als eine Art intellektuelles Vermächtnis auffassen kann - hat Hartung subtil und kritisch diese Position ausgebreitet. Seine Kritik an den 68ern ist radikal und von der Hellsichtigkeit eines Autors, der ihre Irrtümer an sich selbst erfahren hat. Gerade deshalb hat es etwas Anrührendes, wie beredt er dort das Erlebnis der Zugehörigkeit zu dieser Generation verteidigt. Nicht nur mit ihrem Anteil an der Entkrampfung der Bundesrepublik, der ihr heute weitgehend zugestanden wird, sondern mit dem „exzentrischen Glück“ einer Generationserfahrung. Diese Erfahrung habe für ihn und die protestierende Generation „das seit der Kindheit entbehrte Einverständnis mit sich selbst gestiftet“.

Man muss seine Sicht nicht teilen, aber Hartungs Schreiben und Denken haben einen eindrucksvollen Beleg für die Fruchtbarkeit gegeben, die aus den Wegen und Umwegen solcher Biographien entstehen konnten.Im August 2020 hatte Klaus Hartung einen schweren Unfall erlitten. Zum Jahreswechsel erreichte die Öffentlichkeit die Nachricht, dass er am 27. Dezember im Alter von 80 Jahren an dessen Folgen gestorben ist.


Aus: "Zum Tod des Publizisten Klaus Hartung: Der hellsichtige Demokrat" (02.01.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/zum-tod-des-publizisten-klaus-hartung-der-hellsichtige-demokrat/26764112.html

-

Quote
[...] Klaus Hartung war in den Sechzigern im SDS und später Redakteur bei der „taz“ und der „Zeit“. Eine ausführliche Version seines Essays erscheint im Mai in „Die Revolte. Themen und Motive der Studentenbewegung“, „Ästhetik und Kommunikation“, Heft 140/41

[Klaus Hartung (11.04.2008) ...]

Um 1968 liegt ein Vorhof von Imperativen. Etwas Unerledigtes dauert fort. Keine andere Episode der Bundesrepublik hat die Kraft, einen derart frisch gereizten Furor auszulösen. Ich kenne keinen Weggefährten von damals, der in der Siegestoga des 68er-Revolutionärs herumstolziert. Typisch sind eher Selbstironie, sarkastische Tonlage und – ja, doch! – gute Laune. Die narzisstische Mitgift von 68, die Selbstachtung, kann man dankbar eingestehen. Aber das Unerledigte interessiert hier. Was hält 68 aktuell, was löst immer noch Verurteilungszwänge aus?

In den vergangenen Jahrzehnten gab es nur einen, sehr ambitionierten Versuch, sich mit der 68er- Erbschaft kritisch auseinanderzusetzen: den Kongress „Prima Klima“ 1986 in Frankfurt. Meine Erinnerung an die Vordiskussionen ist stärker als die an den Kongress selbst. Da war es wieder, das Gefühl der Teach-ins, der SDS-Debatten: die Intensität, die langen Redebeiträge.

Auf dem Kongress selbst, war der Appell zur Selbstkritik, ja doch, ein ceterum censeo. Von Anfang an gab es zwei gegenläufige Motive. Helmut Schauer beschwor das Gespenst einer zweiten Restauration: Der lange Marsch sei „nicht durch die Institutionen gegangen, er droht heute vollends in ihnen, in der brüchigen, destruktiven Normalität des Alltags zum Erliegen zu kommen“. Die Gegenposition: Die Rede vom Scheitern der 68er und vom alles erstickenden Zeitgeist der BRD sei falsch. Dem Selbstkritikappell stellte sich allein Christian Semler. Ziemlich tonlos räumte er „unverzeihliche Fehler“ ein und betonte, man habe die Demokratiebewegung in Osteuropa unterschätzt. Er war der Einzige, der Osteuropa überhaupt erwähnte.

Es war ein typischer 68er-Kongress: Die unerledigte Vergangenheit lastete wie ein Bann über ihm. Dass nur drei Jahre später das vertraute Gebäude unserer Welt zusammenbrechen und mit dem Mauerfall eine neue Zeitrechnung beginnen würde, schien kein Redner zu ahnen. Der Saal leerte sich, und übrig blieb die Frage, wer den Müll beseitigt.

Alle, die heutzutage meinen, die 68er seien an allem schuld, und sich jetzt anstrengen, den Mythos endgültig auszuradieren, sind nur Epigonen der 68er. Die Selbstliquidation begann schon 1969. Die K-Gruppen stellten sich ausdrücklich gegen alles, was vorher war. Die „kleinbürgerlichen“ Studenten mit ihren „links- oder rechtsopportunistischen“ Verirrungen mussten „überwunden“ werden. Die Spaltung verschlang auch das Private, ich verlor mit einem Schlag Freunde. Die gerade noch langhaarigen Genossen kehrten im Namen des Proletariats zum Façonschnitt zurück und widmeten sich ihrer zwölfstündigen Parteiarbeit.

Welch traurige Grotesken die Linientreue hervorbringen konnte, zeigte die große Vietnamdemonstration im Januar 1973 in Bonn, zur Zeit der Tet-Offensive des Vietkong. Rudi Dutschke sollte erstmals nach dem Attentat auf ihn wieder reden. Die Demonstranten jubelten, als sie seine Stimme, die Stimme von 68, wieder hörten. Aber die K-Gruppen-Organisatoren hatten ihm das Ehrenwort abgezwungen, nicht wieder die Studentenbewegung auszurufen. Anstelle der „Sieg im Volkskrieg“-Arien warnte er vor der Möglichkeit einer Niederlage. Hinter ihm stand ein Partei-Aufpasser, der laut den Ablauf seiner Redezeit skandierte.

Ab 1969 trieb die Bewegung in die krude Alternative: Organisation oder Gewalt. Ich folgte der Aktionslinie, agierte lang, zu lang im Vorfeld des „illegalen Kampfes“. Der Wirklichkeitsverlust der Haschrebellen- oder Tupamaro-Milieus konnte dabei mit den Kaderorganisationen durchaus mithalten. Hier beginnen die schwarzen Löcher meiner Biografie. Als sich die RAF gründete, gab es auch wieder richtige und falsche Genossen. Die Richtigen lieferten Geld, Wohnungen, Pässe; die Mehrheit machte aus gesunder Skepsis nicht mit. Aber viele hatten den Boden unter den Füßen verloren. „Die Bewegung“ verarmte politisch, aus der Gesellschaft wurde das „Schweinesystem“: Die politische Sprache infantilisierte oder erstarrte im Parteikauderwelsch. Radikalere Dementis der antiautoritären Lust an der Kritik sind kaum denkbar.

Problematisch ist dabei, dass der radikal-obsessive Bruch unbegriffene Kontinuitäten erleichterte. Tradiert wurden gleichwohl Solidaritätszwang, Feindbilder, Opferkult, Ausblendung der Mehrheitsgesellschaft und die Neigung, den Minderheitenstatus zu verewigen. Unerschütterlich auch die Links/Rechts-Trennung, verbunden mit der Überzeugung, links seien die besseren Menschen.

Ironie der Geschichte: Während in den Metropolen Berlin, Frankfurt und Hamburg die Linienkämpfe tobten, eroberte 68 die Provinz. Der Impuls der antiautoritären Bewegung zersetzte den Obrigkeitsstaat; die lebensreformerische Tendenz und ihre Institutionen, die WGs, Kinderläden und Stadtteilgruppen pflanzten sich ungebrochen fort. Als die alte Bundesrepublik zu Ende ging, erkannte die westdeutsche Linke, dass es immer ihre Republik gewesen war, die nun vergoldet in der Abendsonne aufleuchtete.

Die Datierungsfrage ist keine Pedanterie: „68“ war 67. Bis dahin hatte links von der SPD das politische Nichts gelegen, der SDS besetzte diese Stelle. 1967 war noch alles zusammen: Die große Welle des Aufbegehrens, die Auseinandersetzung auf der Straße, Teilhabe an den weltweiten Protestbewegungen, neue Lebensformen. Auch die Gewaltfrage war präsent. Aber es ging noch um „Gegengewalt“, und das wurde auch so verstanden. Der 2. Juni und der Tod von Benno Ohnesorg waren der große Schock. Nie wieder hat es soviel Kritik, Aufklärung und gemeinsame intellektuelle Anstrengung gegeben wie nach diesem Schock. Aus der antiautoritären Bewegung war unversehens eine politische Kraft geworden.

68 selbst war ein Jahr des Übergangs. Der internationale Vietnamkongress gab das Gefühl eines globalen Zusammenhangs.Das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April provozierte den Angriff auf die Springerzentrale. Die Osterunruhen wurden als emanzipatorische Gewalterfahrung gefeiert. Die SDS-Parole „Vom Protest zum Widerstand“ mobilisierte die Provinz. Der Zulauf der „revolutionären“ Lehrlinge und jungen Arbeiter wurde bejubelt, nun zählten allein die „Etappen“ des Kampfes. Im November wurden bei der „Schlacht am Tegeler Weg“ mehr Polizisten als Demonstranten verletzt. Die „Etappen“-Philosophie verlangte, das „Militanz-Niveau“ festzuhalten. Hellmut Gollwitzer riskierte viel, als er die Trennung von „Gewalt gegen Sachen“ und „Gewalt gegen Menschen“ vorschlug. Die Angst war größer, dass die Chance, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, durch ein Innehalten vertan werde. Das große Gefühl war verflogen, die privaten Tragödien begannen.

Wir waren weder als narzisstische Egomanen determiniert, den Totalitarismus unserer Väter zu wiederholen, noch können wir uns vom bitteren Nachher distanzieren. Es waren die Erfahrungen von 67 selbst, das exzentrische Glück, die unverhoffte Möglichkeit einer besseren Welt, die uns überwältigt hat. Selbst die Gewalt hatte etwas zu tun mit dem gewalttätigen Festhalten an dem einzigartigen Gefühl, dass sich der Horizont öffnet. Dass es oft die besten Motive sind, die am schrecklichsten pervertieren können, dass vor allem aus dem Guten das Böse entspringt, ist noch heute schwer akzeptierbar. Selbstkritik muss beides zusammen sehen, die große Erfahrung und ihre bestürzenden Verwandlungen.

Das große Gefühl: Nein, kein Hedonismus. Die Männer erstrahlten in juveniler Virilität, aber die Frauen entdeckten schnell, dass sie in Wahrheit grüne Jungs waren. Die legendäre Kommune 1 war nicht hedonistisch, sondern leistungsorientiert. Genial, wie sie begriff, dass sie Projektionsfläche für die unruhige Jugend war, und damit politisch spielte.

Das große Gefühl war etwas anderes. Richtig ermessen kann es nur, wer den Gefühlsabsturz danach erlebt hat. Bis zum 2. Juni 67 waren unser Lebensgefühl und unsere zeitgeschichtliche Analyse ziemlich identisch: Als radikale Opposition hatten wir keine Chance. Die „Spiegel“-Affäre, die geplanten Notstandsgesetze, die Große Koalition, der erste Tote: Wir standen mit dem Rücken zur Wand. Und dann begann die Welt, sich um uns zu drehen. Plötzlich waren wir es, die die Politik zu Reaktionen zwang. Die Wende von der Ohnmacht zur Allmacht: Wir konnten tatsächlich unsere eigene Geschichte schreiben. Das Gefühl verstärkte sich, als die enthusiastische Erfahrung sexueller Befreiung hinzukam. Kein Wunder, dass unsere Augen blitzten.

Eine Doppelhelix der sich gegenseitig steigernden Revolutionserwartung bannte uns. Die Revolte in der ganzen westlichen Welt. Die Kulturrevolution. Dutschke proklamierte, Che sei aufgebrochen in den Urwald. Und wohin brechen wir auf? Wir waren frei vom Sog der Nazi-Vergangenheit, wir gehörten der Welt. Der „Viva Maria“-Film lehrte, dass die Inszenierung der Revolution die Revolution macht. Der revolutionäre „Prozess“ ging auch in die Tiefen der Kindheit. Es galt, die „autoritäre Persönlichkeit“ zu zerstören. Es war ein Trip. Die Realität zerschlug diesen großen Zusammenhang. Wir revidierten ihn nicht wirklich, sondern trugen eine Verlusterfahrung weiter. Vielleicht gab es eine Scham über den Abflug in den Trip.

Apologien sind langweilig. Die Erfolge von 68 liegen irgendwo zwischen dem Satz „Die 68er sind an allem schuld“ und der These, dass 68 nur eine Randerscheinung eines gesellschaftlichen Umbruchs war. Dass unsere Kinder freilich mit einem Gefühl politischer Impotenz studieren, wenn sie an 68 denken, kann nicht froh stimmen.

Ohne Freude am Paradox ist eine ernsthafte Beschäftigung mit 68 allerdings kaum denkbar. Die List der Geschichte war mindestens so mächtig wie die Revolte: 68 scheiterte an dem, was es wollte, und war erfolgreich mit dem, was es nicht wollte. Wir bekämpften die repräsentative Demokratie und ernteten eine gestärkte repräsentative Demokratie. Wir bekämpften den Staatsapparat und bekamen eine liberale Staatsgewalt. Die obrigkeitshörige Beamtenschaft und der Untertanengeist verschwanden. Die Revolte strapazierte – und vitalisierte die formale Demokratie. Mithin ist die Rede von 68 als zweiter Gründung der Republik nicht ganz falsch, es ereignete sich so etwas wie eine nachholende Jugendzeit der Republik. Und Deutschland erlangte nebenbei eine europäische Normalität.

Natürlich sind da auch lineare Erfolgsgeschichten wie die Frauenbewegung oder die Veränderung der Kindererziehung, die mit den Kinderläden begann. Die größten Wirkungen von 68 finden sich bei Verhaltensnormen, Lebensformen, Bildung und Sozialpolitik. Hier entstand ein mixtum compositum aus alternativer Kultur und Sozialstaat. Der Staat sollte Kreativität freisetzen, jugendliche Delinquenten nur therapieren und Einzelfallgerechtigkeit herstellen; Ausländer retteten uns vor dem Deutschsein; Eltern versagten nicht, sondern brauchten finanzielle Zuwendungen, Schulschwänzen war keine Frage der Disziplin, sondern der Therapie. Ein unübersehbarer Teppich von Initiativen, Beratungen, Kommissionen, Forschungen breitete sich aus. Gegen den damit verbundenen Freiheitsverlust und die zunehmende Macht der Sozialbürokratie gab es kaum Proteste. So kann man streiten, ob die Linke größere Probleme mit dem unerledigten 68 oder mit ihren Erfolgen danach hat.

Generationenverantwortung – kann es so etwas geben? Vielleicht hätten Spott und Hohn über die Grand-Guignol-Performance des bewaffneten Kampfes Schlimmeres verhindert. Ich deutete damals in der Untergrundzeitschrift „883“ verklausuliert an, die Baader-Befreiung sei nicht gerade der optimale Einstieg in den illegalen Kampf. Klartext hätte bedeutet, der Artikel wird nicht gedruckt. Hatte ich Angst, als Verräter verjagt zu werden, und zog die Selbstzensur vor? Ist das eine Frage der Schuld oder der Selbsterkenntnis?

Die bleierne Zeit habe ich verpasst. Als ich im Irrenhaus in Italien arbeitete, standen die Patienten Schlange für Psychopharmaka. Gleichzeitig zeigte das Fernsehen Schleyers Staatsbegräbnis mit Trauermarsch. Ich rief in Berlin an, ob ich kommen solle. Solidarität! Nein, hieß es, bleib’, wir kommen! Als die „taz“ den offenen Brief der Braunmühl-Brüder an den Mörder ihres Vaters abdruckte, trat die Bonner Redaktion in Streik. 1985! Der langanhaltende Solidaritätszwang.

Was fingen wir andererseits mit den Chancen an, die sich durch die Amnestie der sozialliberalen Koalition eröffneten? Ich kann mich an keine einzige Debatte erinnern, bei der – wenigstens theoretisch! – die ausgestreckte Hand prüfend berührt wurde. Als dann die Regierung Brandt in die Defensive geriet und „Berufsverbote“ erteilt wurden, gingen die wieder verloren, die vorher durch die Amnestie gewonnen werden konnten. Ein historischer Moment, von beiden Seiten verspielt. So blieb das kritische Potenzial draußen, auch die SPD verlor eine ganze Generation. Es begann der lange Weg zur Gründung der Grünen, es begann die Erfolgsgeschichte der 68er bei der Umgestaltung der Gesellschaft.

Verblasst damit langsam die Generationsverantwortung? Ich glaube, es hatte Folgen, dass 68 zwar ständig negiert oder „überwunden“, aber nie politisch beendet wurde. So entfalteten wir unser Gutmenschenparadies. Privat lästerten wir über die verbrauchte Luft und die sprachlichen Verrenkungen. Aber in diesem alternativen Milieu lebten wir auch ganz gern, in der die Generationen sich duzten. Es versprach uns andauernde Jugend und die Vermeidung der Realitätsprüfungen des Erwachsenseins.

Es ist also nicht verwunderlich, dass nach 68 keine neue Generation politischer Intellektueller angetreten ist. Noch immer bewachen die greisen Überlebenden der Gruppe 47 die Schützengräben der Political Correctness. Im Unterschied zu Frankreich, wo nach dem Pariser Mai André Glucksmann und andere einen Generationswechsel unter den Mandarinen durchsetzten, bestimmten in Deutschland nie die 68er die großen Debatten der Nation. Denn wo waren die intellektuellen Dissidenten unter den Maoisten, die die Verbrechen der Kulturrevolution und des Stalinismus auf die Tagesordnung setzten? Waren nicht die boat people unsere Sache – zu schweigen von Pol Pot und den killing fields? Die Kap Anamur entlastet da nicht. Warum suchten wir nicht den öffentlichen Streit? Etwa wieder die alte Angst vor dem falschen Beifall?

Nun hat sich der Zeitgeist gewendet. Es ist unser Schleier, der zerreißt, unsere Werte schlagen ins Gegenteil um. Die Kids sagen jetzt „Du Opfer!“, wenn sie Blödmann meinen. Das ist das Ende unserer Opferkultur. Wir spüren, dass die soziale Kälte nicht von den Neoliberalen, sondern aus dem Herzen des Sozialen kommt. Unsere multikulturelle Toleranz lief zumeist auf Nichtwissen und Indifferenz hinaus. Und als die Mauer fiel, erkannten wir in den Bürgerrechtlern von 1989 zwar unseresgleichen wieder. Aber wir verübelten, dass sie unsere Welt zerstörten. Das gemeinsame Interesse wäre es gewesen, das große Thema der Wiedervereinigung zu debattieren: das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit.

Gewiss, die Geschichte ist geschehen. Dazu, dass es sich in Deutschland gut lebt, dass ein stabiles, pragmatisches, konsensorientiertes und außerordentlich demokratisches Land entstanden ist, haben wir viel beigetragen. Und für Revisionen unserer Geschichte ist es nicht zu spät. Diese Mühe erlaubt es dann auch, die schöne Seite dieser Zeit unverstellt zu erkennen.

Wie nervtötend ist es, dass die erinnerungsgeilen Medien immer wieder das schreckliche Paar Andreas Baader/ Uschi Obermaier aufrufen? Natürlich, Sex & Crime, das geht. Wir, die wir unsere Sache nicht erledigt haben, dürfen uns ärgern. Aber protestieren? An der Entsublimierung von Sexualität und Gewalt waren wir nicht ganz unschuldig.



Aus: "1968: Das große Gefühl" Klaus Hartung (11.04.2008)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/1968-das-grosse-gefuehl/1208548.html

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« Reply #66 on: Januar 05, 2021, 07:19:05 nachm. »
Quote
Kate Mahoney@KateFMahoney

Lovely to come back to work with the news that 'Politics of Authenticity', the book I co-edited with Häberlen & Mark Keck-Szajbel, is now available in paperback from @berghahnbooks @BerghahnHistory


"The Politics of Authenticity"
Countercultures and Radical Movements across the Iron Curtain, 1968-1989
Edited by Joachim C. Häberlen, Mark Keck-Szajbel, and Kate Mahoney
Afterword by Sara Blaylock 308 pages
Following the convulsions of 1968, one element uniting many of the disparate social movements that arose across Europe was the pursuit of an elusive “authenticity” that could help activists to understand fundamental truths about themselves—their feelings, aspirations, sexualities, and disappointments. This volume offers a fascinating exploration of the politics of authenticity as they manifested themselves among such groups as Italian leftists, East German lesbian activists, and punks on both sides of the Iron Curtain. Together they show not only how authenticity came to define varied social contexts, but also how it helped to usher in the neoliberalism of a subsequent era. ...
https://www.berghahnbooks.com/title/HaeberlenPolitics

https://www.berghahnbooks.com/downloads/tocs/HaeberlenPolitics_toc.pdf

3:27 nachm. · 4. Jan. 2021


https://twitter.com/KateFMahoney/status/1346100829732933634

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« Reply #67 on: Januar 13, 2021, 12:39:06 nachm. »
Quote
[...] Die Essayistin und Publizistin Hannelore Schlaffer lebt in Stuttgart. Zuletzt von ihr erschienen: «Alle meine Kleider. Arbeit am Auftritt.» Verlag zu Klampen, 2015.

Unvergesslich bis zum heutigen Tag wird für alle, die im April 1969 zwischen 20 und 35 Jahre alt waren, die Szene im Hörsaal der Universität Frankfurt bleiben, wo Adorno eine Vorlesung über die «Einführung in das dialektische Denken» hielt. Nach einigen störenden Zwischenrufen aus dem vorwiegend männlichen Auditorium und einigen nervösen Ermahnungen des Professors stürmten drei Studentinnen in Lederjacke ans Pult, rissen ihre Jacketts auf – und hatten darunter nichts zu zeigen als den nackten Busen. Adornos (angeblicher) Aufschrei «Das mir!» machte ihn damals bekannter als all seine philosophischen Reden. Hier waren Frauen tatsächlich als die nackte Wahrheit vor den Philosophen hingetreten, vollbusig, wie Aletheia oder Veritas es nun einmal sind, jene seit je von den Männern genutzten weiblichen Allegorisierungen der Weisheit.

Der Aufstand gegen das «Kapital», den die Studenten, ihre eigentlichen Lehrer, mehr beschworen als erstrebten, bedeutete für die Frauen der Generation von 1968 die Entdeckung ihres Körpers und ihrer Sinne. Man könnte sie als Pendant zu den Arbeitern, deren Bewusstsein revolutioniert werden sollte, die «Proletarierinnen des Liebeslebens» nennen. Man wollte sie, wie das Proletariat aus der Unterdrückung durch das Kapital, aus der Prüderie befreien. Die «Waffen der Frau» waren auf einmal Waffen im Kampf um die Gleichberechtigung.

Viel erfolgreicher als die von den Männern avisierte ökonomische Revolution war diese erotische. Und sie ist es geblieben. Wer heute liebt, heiratet, Kinder zeugt, sich scheiden lässt, tut dies – unbewusst – im Bewusstsein jener sexuellen Freiheit, die damals im Zusammenspiel von Männern und Frauen verlangt und erlangt wurde. Die Emanzipation der Frau, eine Gemeinschaftsarbeit beider Geschlechter, hatte zwar im 19. Jahrhundert begonnen. Neu aber war nun, dass sie nicht von einzelnen Heldinnen, Frauen der Sozialdemokratie oder der Bohème, vorgelebt wurde, sondern dass eine relativ grosse Zahl junger Bürgerstöchter damit experimentierte. Die Forderungen der Studentinnen – acht Prozent der Frauen besuchten die Universität – wurden schnell auch von Mädchen und sogar von Ehefrauen übernommen, die nicht studierten. Im wahren Wortsinn entstand erst jetzt eine Frauenbewegung, in der auch die mitmachten, die nicht intellektuell und nicht besonders mutig waren.

Die Erfolge der Studentenbewegung, derentwegen man nun meint, sich ihrer erinnern zu müssen, waren nicht spektakulär. Intellektuelle und politische Parteien hatten Forderungen ähnlicher Art – die Abschaffung von ökonomischer Ausbeutung, die Gleichberechtigung beider Geschlechter – schon im 19. Jahrhundert erhoben. Neu an der Studentenbewegung von 1968 war, dass sich Bürgersöhne zusammentaten, um radikale Forderungen für das private Leben durchzusetzen. Die jungen Männer erschreckten ihre Eltern, das «Establishment», mit der Behauptung, sie seien die erste Generation, die nach den Verboten des Nationalsozialismus wieder frei denken dürfe und die dies auch von Tag zu Tag erproben müsse.

Wenn man also bedenkt, dass die Neuerungen vor allem auf die Durchsetzung aufgeklärter Ideen für das Alltagsleben zielten und nicht auf den politischen Umsturz, so verwundert es nicht, dass Frauen in die Bewegung einbezogen wurden: Die Studentenbewegung musste eine Studentinnenbewegung sein.

Vor allem galt es, das Verhältnis der Geschlechter neu zu überdenken. Die jungen Frauen, die Adorno brüskierten, waren in einer Umgebung aufgewachsen – es ist das Deutschland der Adenauer-Ära –, in der noch immer die traditionellen Vorstellungen einer bürgerlichen Moral galten. Immer noch gab es Männer, die Wert darauf legten, eine jungfräuliche Frau zu heiraten: Jungfräulichkeit – ein heute in der westlichen Welt ausgestorbenes Wort! Da Mädchen und Knaben nur in der Grundschule gemeinsam erzogen wurden, machte im Nachkriegsdeutschland eine Gymnasiastin mit einem fremden Mann ihres Alters erst in der Tanzstunde Bekanntschaft. Die Koedukation wurde in einigen Bundesländern 1950 eingeführt, in Baden-Württemberg erst 1966, in Österreich 1975.

Keusch zu bleiben, war so schwer also nicht. Die Zeit der Abwesenheit einer jungen Frau aus dem Haus wurde dennoch streng überwacht, selbstverständlich dies in einer Epoche, in der ein uneheliches Kind das Ansehen der ganzen Familie ruinierte. Die Praktiken der sexuellen Kontrolle erfuhren junge Frauen nicht nur an sich selbst. Auch ein Klinikdirektor oder ein Landrat konnte, wenn er sich scheiden liess, sein Amt verlieren.

Auch die berufstätige Frau unterlag schweren Einschränkungen. Das Lehrerinnenzölibat etwa wurde erst 1951 teilweise, 1956 endgültig aufgehoben: Gymnasiastinnen bekamen nur unverheiratete Lehrerinnen zu Gesicht. Konnte also eine Heranwachsende, die sich an der Universität für das Lehramt ausbilden liess, hoffen, dass sie dieses mit der Liebe zu einem Mann verbinden könne? Das Studium unter einer Schar von Männern begann paradoxerweise in der Furcht, einen Mann nicht heiraten zu dürfen. Die Freiheit, einen Beruf auszuüben, heute der Inbegriff von Gleichberechtigung, setzte also vor allem die sexuelle Aufklärung, und zwar die der gesamten Gesellschaft, voraus. Dies ist ein Faktum in der Geschichte der Emanzipation, das leicht übersehen wird.

Die Atmosphäre der fünfziger und frühen sechziger Jahre muss im Blick bleiben, um zu verstehen, was die Studentenbewegung für junge Frauen bedeutete. Allein schon das vertrauliche «Du», mit dem sie nun im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) mit den Männern verkehrten, erschien in einer Welt, in der sich Studenten «siezten», wie eine Brüskierung der guten Sitte. Das Marx-Studium, die Teach-ins machten es zudem geradezu zur Pflicht, ganze Nächte mit Männern zusammenzusitzen. Die Studentenbewegung hat für die Frau die Nacht entdeckt als die Zeit, in der sie nun auch in der Öffentlichkeit auftreten durfte.

 Der Stil der Zusammenkünfte war anders als der in der Familie oder der mit Freundinnen. Man lümmelte herum, lag gar auf dem Boden und manchmal aufeinander. Dass bald ein Teil der Studentinnen, obgleich nicht verehelicht, in Wohngemeinschaften mit Männern zusammenwohnte, war eine Provokation selbst des Bürgerlichen Gesetzbuchs, da Eltern, Vermieter und Hoteliers noch bis etwa 1970 den Kuppelei-Paragrafen zu fürchten hatten, der ihnen, falls sie unverheirateten Paaren Unterkunft gewährten, vorhielt, «der Unzucht Vorschub zu leisten».

In dieser Atmosphäre der Prüderie war die Marx-Lektüre eine Möglichkeit, die bourgeoise Sprache der Erotik, Pikanterie und schlechten Witz im Umgang mit fremden Männern zu vermeiden. Über das Studium der Theorie führte der Weg in einen entspannten Umgang der Geschlechter, aus dem freilich Liebe entstehen konnte. Aber auch sie bezog ihre Legitimation aus dem Studium, aus der Lektüre von Sigmund Freud und Wilhelm Reich. Die Psychoanalyse lieferte ein Vokabular, mit dem es möglich war, sachlich über Sexualität zu reden. Man lernte Wörter kennen, die die Mutter nie in den Mund genommen hätte: Liebe war nun Geschlechtsverkehr, Keuschheit Verdrängung des sexuellen Begehrens.

Die Theorie lieferte nicht nur das Vokabular, um aufklärend und zugleich betroffen über das Verhältnis der Geschlechter zu sprechen, sie enthielt auch das Gebot zu handeln. Sexualität wurde, da Garant für die gesunde Seele, Pflicht. Die Erfüllung war nicht nur amüsant. Männer, für welche die Frau seit je ein Statussymbol gewesen war, mussten sich nun beweisen, dass ihre gesunde Seele unstillbar sei. Witzig, wie linke Studenten stets, riss in der Neujahrsnacht einer das Fenster auf und rief seine sexuelle Gesundheitslehre den Bürgern als Neujahrsgruss zu: «Ich wünsch mir reibungslose Weibergeschichten!»

 Aber auch die Frauen durften nicht prüde sein; jedes «Nein» stand unter dem Verdacht einer nicht bezwungenen Verklemmtheit. Wie alles an der Emanzipation der Frauen, so war auch die zur freien Liebe nichts weniger als Vergnügen, sie war ein verquältes Experiment. Was brave Bürger, die gebannt das Treiben der Studenten verfolgten, als Orgie perhorreszierten, war oft nichts anderes als die mit schwerem Herzen vollzogene Bestätigung eines neuen Sittenkodexes.

Mit der Revolution der Liebesideologie, der erfolgreichsten der Studentenbewegung, wurden uralte Begriffe wie Unschuld, Reinheit, Jungfräulichkeit aus dem Wörterbuch der Frau gestrichen. Es lag nahe, nun auch an den Schulen die neue Sprache der Geschlechter zu lehren. Eine Folge der Studentenbewegung war die Forderung nach Sexualunterricht an Schulen. Da die Rede über Sexualität vor Kindern bis dahin nie erlaubt gewesen war, konnte sich die Elternschaft einen solchen Unterricht, in dem eine verbeamtete Autorität mit den Unschuldigen gemeinsam ein Sprachverbot brach, nur als praktische Übung vorstellen. Die aufgestörte Phantasie des Bürgers verstieg sich in die Vorstellung, dass bei diesem Unterricht die Jalousien des Klassenzimmers heruntergelassen werden müssten, um das peinliche Wissen möglichst geheim den Schützlingen beizubringen. Anders als unanständig konnte man sich sexuelle Aufklärung nicht vorstellen.

Die Schüler, misstrauisch gegenüber ihren unaufgeklärten Eltern, standen meist auf der Seite der Provokation. Ohnehin konnten sie sich der neuen Erotik leicht anschliessen, denn was bisher eine Schande für die Familie gewesen wäre, das uneheliche Kind, war mit der Antibabypille gebannt. 1961 war das erste Antikonzeptivum in Deutschland verkauft worden. Auch wenn es schon vorher Verhütungspraktiken gab, diese war unkompliziert und relativ sicher. Wenn schon Sexualität Programm war, Sorgen machte sie nicht mehr.

Zunächst verbanden die Frauen, noch ganz in der Tradition des Zölibats, den Gedanken an den Beruf mit Kinderlosigkeit. Kein Kind zu haben, war ein Stolz. Man hatte, wie die Männer, nun Kinder des Geistes, Reden, Aktionen, Schriften. Auch die Männer mieden die Verantwortung, und so musste der Staat die Rolle des Vaters übernehmen und den Nachwuchs mit Geld und Erziehungsinstitutionen unterhalten. In den siebziger Jahren aber hätten die meisten Studentinnen für ein Kind selbst sorgen müssen, was das Ende ihrer Karriere bedeutet hätte. Vorbilder waren deshalb kinderlose Frauen wie Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer. Letztere legte mit ihrer Zeitschrift «Emma» die erste Zeitschrift vor, die Frauen den Modeblättern abwarb und ihre beruflichen Probleme thematisierte.

In den siebziger Jahren allerdings setzte die Spaltung der Frauenbewegung ein. Es gab eine frühe Phase der Emanzipation und eine spätere des Feminismus, die bis heute dauert. In der ersten Phase wollten die Frauen nichts sein als frei und beweglich wie die Männer. Dann aber schien die Reflexion dringlich zu sein auf das, was denn das «spezifisch Weibliche» sei – und man fand es in der Aufgabe, zu gebären. Die beiden Gruppen opponierten gegeneinander und trugen ihren Standpunkt auch in der Öffentlichkeit zur Schau. Die Feministinnen erfanden das Säugen des Kindes in der Öffentlichkeit. Auch sie entblössten nun den Busen – nicht mehr um Adorno zu verwirren, sondern um «natürlich» zu sein. Die «Emanzen» hingegen zeigten mit Beinen in Hosen, wie flink, wie schnell sie hinter den Männern her waren, die Feministinnen schützten die nährende Brust mit einer Latzhose.

Heute sind die Grenzen zwischen den beiden Mustern der weiblichen Existenz verschwommen. Eine Studentin in Hotpants sieht einer Karriere entgegen und einer glücklichen Ehe, in der der Mann den Kinderwagen schiebt. Mehr Erfolg kann eine Bewegung, die neben der Befreiung des Proletariats herlief, an welche die Studenten glaubten, gar nicht haben.


Aus: "Die nackte Wahrheit für Adorno – Die Frauen-Bewegung war die wirkliche Revolution der 68iger" Hannelore Schlaffer (21.04.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/frauen-1968-hannelore-schlaffer-ld.1376824

https://de.wikipedia.org/wiki/Hannelore_Schlaffer

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/die-elegante-germanistin-hannelore-schlaffer-wird-80-16319619.html

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« Reply #68 on: Januar 19, 2021, 10:08:01 vorm. »
Sturm auf das Kapitol in Washington 2021
Der Sturm auf das Kapitol in Washington, D.C. am Nachmittag des 6. Januar 2021 war ein gewaltsamer Angriff von Anhängern des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump auf den Kongress, das Parlament der Vereinigten Staaten. Ihr Ziel war es, die formale Bestätigung des Ergebnisses der Präsidentschaftswahl von 2020 zu verhindern, die Trumps Gegenkandidat Joe Biden gewonnen hatte. Die Randalierer drangen in das Parlamentsgebäude ein und unterbrachen für mehrere Stunden die gemeinsame Sitzung des Senats und des Repräsentantenhauses. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_auf_das_Kapitol_in_Washington_2021


Quote
[...] Jöran Klatt ist Politik- und Kommunikationswissenschaftler. Er war Redaktionsmitglied bei INDES – Zeitschrift für Politik und Gesellschaft und Mitarbeiter am Institut für Demokratieforschung. Klatt arbeitet im Deutschen Bundestag für einen Abgeordneten

Als ein kleiner Teil der Anhänger Donald Trumps das Kapitol stürmte, sorgte in den sozialen Medien und Kommentaren besonders ein Detail für viel Verwunderung: Warum erschienen so viele der an dem Sturm Beteiligten bunt kostümiert? Wie konnte es sein, dass ein so „ernstes“ Ereignis von infantiler und ins Lächerliche anmutender Symbolik begleitet wird?

Um diese Frage zu beantworten, sollte sie zunächst einmal relativiert und kritisch gefragt werden, ob die Anzahl der Kostümierten in der Tat über dem gewöhnlichen Anteil an Menschen liegt, die bei derartigen Ereignissen kostümiert erscheinen. Denn schließlich sind ereignisgerechte Kleidung (zumindest was für solche gehalten wird) oder Kostümierungen auf Demonstrationen und Protestmärschen keine gänzlich neue Erscheinung.

Die meisten Organisatoren von Protestmärschen und Demonstrationen – aber eben auch viele Teilnehmer – sind sich der Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie sehr bewusst und stellen sich darauf ein. Eine extravagante Kleidung ist dabei eine der wenigen erfolgsversprechenden Strategien, um in der Bilderflut überhaupt in Erscheinung treten zu können. Fernab des Ereignisses, das uns über Bildschirme geliefert wurde, sollte aber immer auch von selektiver Wahrnehmung ausgegangen werden. Es ist eine Paradoxie des Medienzeitalters, dass – trotz der Allgegenwärtigkeit von Kameras und Aufnahmen – meist nur einige wenige aussagekräftige Bilder bei einem Großereignis auch ins kollektive Gedächtnis durchdringen. Gelungen ist dies beim Washingtoner Aufstand in jedem Fall Jake Angeli, der mit seinem bemalten Gesicht, dem nacktem Oberkörper und der Fellmütze zweifellos enorme mediale Reichweite erzeugte.

Angelis Auftritt zeigt, wie sich die Art und Weise kulturellen Konsums verändert hat. Angeli bediente sich diverser Symbolen und Metaphern, die er zu einem Ganzen verwob, das von der Adressatenseite relativ schnell interpretiert, gedeutet und damit gelesen werden konnte. Angelis Körper wurde somit zur Leinwand einer politischen Bildsprache, die sehr typisch ist für das Internetzeitalter. In diesem wird das Lese-Schreib-Verhältnis zwischen Kulturschaffenden und Publikum neu interpretiert. Kulturelle Produkte werden von den Rezipienten selbst zur eigenen Kommunikation aufgenommen und frei verwendet: wir sprechen von sogenannten Memes.

Ein Meme ist ein kurzes kulturelles Produkt, das sich aufgreifen, teilen und weitergeben lässt. Die meisten Menschen, die regelmäßig das Internet nutzen, kennen vor allem die sogenannten Social Memes, also meist Bilder, die beispielsweise ein besonders eingängiges Film- oder Serienzitat aufgreifen und damit für eine neue Botschaft verwendet werden. Memes haben den Vorteil, dass sie Kommunikation dort aufgreifen, wo sie am besten funktioniert: beim Vorwissen der Empfänger. Schließlich ist gerade in der politischen Kommunikation die wirksamste Botschaft, meist diejenige, die Menschen bei ihrem Vorwissen und am besten noch ihren Gefühlen abholt. Bilder werden daher bewusst eingesetzt, aufgegriffen, weitergeführt, verzerrt und verändert, um eine bestimmte Botschaft zu transportieren.

[...] Auch die Neue Rechte ist sich der Bedeutung visuell erzählerischer Medien bewusst und setzt diese immer bewusster und zielsicherer ein. Das Medium wird zur Message: Die Politologin Angela Nagle beschreibt in ihrem Buch Kill All Normies wie die Neue Rechte sich über die vergangenen Jahrzehnte verstärkt Techniken einer einst als links (oder in den USA „liberal“) geltenden Protestkultur angeeignet hat. Sie beschreibt eine Haltung, die sie „Transgression“ nennt, was man im Deutschen am ehesten mit „Überschreitung“ übersetzen kann. Darunter beschreibt sie ein tabubrechendes, störendes Verhalten im Sinne der Sache. Einst hätten linke fortschrittliche Proteste versucht, die hegemoniale Kultur zu stören. Diese Protestkultur war und ist vor allem eine mediale. Insbesondere die Friedens- und Umweltbewegung, die Hippiekultur und die Neuen Sozialen Bewegungen prägten eine bunte Protestkultur aus störenden Inszenierungen, wie den Happenings. Auch Kunst, Kultur und Kleidung umfassten die politische Ebene. Wenn die Inszenierung von Jake Angeli daher heute als störend oder dem Ereignis gar nicht angemessen erscheint, so ist dies auch eine historische Parallele in die Zeit, als die Kleidung der Jugendkultur der 1968er auf die Elterngeneration besonders schockierend wirkte. Die politischen Zielsetzungen mögen gänzlich andere sein, aber die dahinterliegende Protestkultur ist ein direkter Nachfahre eben der 68er.

Auch wenn diese Protestkultur infantil und der Sache nicht angemessen zu sein scheint: genau diese Wirkung ist beabsichtig. Die Störung selbst ist eine Form von Wirksamkeit, die Erregung öffentlichen Ärgernisses ein kleiner Triumph. Im Kontext der Neurechten wird dieser wirksame Protest meist „Trollen“ genannt. Im Fall des Washingtoner Protests hat zumindest die Trump-Bewegung nicht zum ersten und vermutlich auch nicht zum letzten Mal auf dieses Stilmittel politischer Inszenierung zurückgegriffen. Gerade weil mit Joe Biden ein Präsident folgt, der für derartige Späße nicht zu haben sein und damit für solche dann doch umso empfänglicher wird. Der Washingtoner Aufstand hat auf diese Weise noch einmal deutlich vor Augen geführt, wie die Neue Rechte immer stärker die Rolle des Provokateurs im politischen System einnimmt und für sich kultiviert. Und diese Entwicklung ist nicht allein eine US-amerikanische.


Aus: "Leinwand politischer Bildsprache" (17.01.2021)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/joeranlennart/batman-vor-dem-kapitol

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goedzak | Community

Ich frage mich, woher diese blauäugige Vorstellung kommt, dass Alternativ-, Protest- oder Subkulturen, die mit eigens dafür produzierten kulturell-symbolischen Formen die "hegemoniale" Kulturen stören, immer (irgendwie) "links" sein müssen. Seit es die Jugendkulturen der industriellen und "postindustriellen" Moderne gibt - seit dem späten 19. Jh., jedenfalls in ersten Ansätzen - gab es auch immer retrospektive, de facto reaktionäre, patriarchalische, sexistische, rassistische, autoritär organisierte usw. Subkulturen bzw. Elemente davon in bestimmten Alternativkulturen. Da muss man gar nicht ins Mussolini-Italien oder in bestimmte Strömungen vor 1933 in Dtschl. schauen. Waren die Biker, die Meredith Hunter erstachen beim Altamont-Popfestival "links"? Natürlich nicht, aber waren sie und sind ihre Nachkommen deshalb etwa Vertreter einer "hegemonialen Kultur"?

Wer keine andere Erklärung dafür hat, dass faschistoide Typen wie Hippie-Schamanen oder 1980er-Spontis mit Palitüchern oder mit Hipsterbärten rumlaufen, als das die Rechte sich "linkes" Kulturgut angeeignet hätte, hat schon den Unterschied zwischen Zeichen und Zeichenträger nicht verstanden. Ganz zu schweigen davon, dass eine gruppenkulturelle Ästhetik immer beides ist: das Ergebnis eines praktischen Gestaltungsvorgangs mit Material ("Bricolage") UND eines Codierungsvorgang. Wer das nicht versteht, müsste einen Hippie mit Militärjacke für einen Militaristen und könnte ihn niemals für einen Pazifisten halten.