Author Topic: [Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]  (Read 2495 times)

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #15 on: July 30, 2018, 08:41:48 PM »
Quote
[...] Gabrielle Rütschi ist Psychologin und systemische Therapeutin in Zürich.

Daniel Bakir: Frau Rütschi, Sie sind Psychologin und Familientherapeutin. Warum haben Sie ein Buch zum Thema Erben geschrieben?

Gabrielle Rütschi: In meiner beruflichen Praxis erlebe ich sehr viel Bitterkeit in Familien. Und wenn ich nachfrage, stecken sehr oft Erbgeschichten dahinter. Ungerechtigkeiten, Kränkungen kommen zum Vorschein - und man merkt, wie brüchig Familienwerte sind. Der Streit ums Erbe zerreißt Familien.

Sie haben reale Streitfälle zusammengetragen, die sich wie Kurzkrimis lesen. Welche Geschichte hat Sie besonders erschüttert?

Gabrielle Rütschi: Zum Beispiel die Schweizer Familie, die sich über ein Haus in der Provence völlig zerstritten hat. Die habe ich sehr gut gekannt, anständige Leute aus einem bürgerlichen Elternhaus. Der Vater Chefarzt, eine heile Familie. Doch als der Patriarch gestorben ist, sind Fairness und Loyalität komplett verloren gegangen. Es gab in der Familie keine Streitkultur, weil Konflikte nie ausgetragen wurden, um eine heile Fassade aufrechtzuerhalten.

Was ist der häufigste Grund dafür, dass Erbstreitigkeiten eskalieren?

Gabrielle Rütschi: Der häufigste Grund ist, dass alte Geschichten wie Verletzungen, Kränkungen, Bevorzugungen wieder aufbrechen. Das geht oft zurück bis in die Kindheit, wo sich ein Geschwisterteil ungerecht behandelt fühlte. Diese Geschichten brechen auf, wenn der verstorbene Elternteil als kontrollierendes Element nicht mehr da ist.

Also geht es oft eher um eine emotionale Abrechnung als ums Geld?

Gabrielle Rütschi: Meistens um Beides: Über das Materielle wird emotional abgerechnet. Manchmal geht es auch nur um etwas Symbolisches, was gar nicht so viel Wert hat. Ein spezielles Bild zum Beispiel, das die andere Person auf keinen Fall bekommen soll.

Welche Rolle spielen missgünstige Angeheiratete, die den Konflikt von außen in die Familie tragen?

Gabrielle Rütschi: Durch Partnerschaften verschieben sich die Dynamik in der Familie und oft auch die Machtverhältnisse. Ich schildere zum Beispiel eine Geschichte von zwei Schwestern, in der der Freund der einen versucht, sehr viel Macht zu bekommen und den Erbstreit überhaupt erst auslöst. Das ist ein typisches Phänomen.

In einem anderen Fall tyrannisiert der machthungrige Bruder seine fünf Schwestern und reißt ein Großteil des Erbes an sich. Ist das eine typische Verteilung der Geschlechterrollen?

Gabrielle Rütschi: Das würde ich so nicht sagen. Es gibt zwar einen Gender-Aspekt, weil sich Frauen immer noch weniger um die Finanzen kümmern. Aber die Frauen können genauso gut die Bösewichte in Erbgeschichten sein wie die Männer - sei es die missgünstige Schwiegertochter oder die junge Geliebte, die sich das Alleinerbe des Alten unter den Nagel reißt.

Waren Sie selbst manchmal überrascht, welche menschlichen Abgründe sich bei dem Thema auftun?

Gabrielle Rütschi: Ich staune schon, wie unverfroren manche Erben Vermögen an sich reißen. Wie ältere Menschen, die hilfloser werden, jahrelang emotional beeinflusst werden. Da ist zum Beispiel ein Kind,  das sich um die kranke Mutter kümmert, oder ein Verwandter oder Betreuer, der die Abhängigkeit und Hilflosigkeit der Situation ausnützt, und dabei sehr manipulativ den eigenen Nutzen verfolgt. So werden Schenkungen und Verfügungen erschlichen und eine lebenslang gemachte Nachlassplanung kurz vor dem Tode verändert. Die Erben werden so ausgebootet. Und weil der alte Mensch Angst vor Isolierung und Liebesentzug hat, macht er mit.

Was kann ich als Erblasser tun, um zu verhindern, dass es zum Kampf ums Erbe kommt?

Gabrielle Rütschi: Das Testament sollte klar und formal korrekt formuliert sein. Die Hälfte der Testamente sind nicht korrekt und bieten Raum für Interpretationen und Streitigkeiten. Dann sollte das Testament unbedingt offiziell beim Notar hinterlegt werden. Denn Testamente, die einfach nur in der Schublade liegen, verschwinden - oder jemand lässt sie verschwinden. Das kommt immer wieder vor. Und dann beginnt der Krieg ums Erbe.

....


Aus: "Gabrielle Rütschi"Der Streit ums Erbe zerreißt Familien"" Daniel Bakir (30. Juli 2018)
Quelle: https://www.stern.de/wirtschaft/geld/psychologin-im-interview---der-streit-ums-erbe-zerreisst-familien--8176762.html

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #16 on: July 31, 2018, 01:01:17 PM »
Quote
[...] Es ist eine Geschichte, wie die bunten Blätter sie lieben – und erst recht deren Leser. Ein Unternehmer und Patriarch, Mitglied der Hamburger High Society, überwirft sich mit seinem Sohn und Erben – und beschließt, für Ersatz zu sorgen. Per Adoption. Allein dieser Plot wäre schon aufsehenerregend. Dass aber der ungnädige Vater der Chef der deutschen Kaffeerösterdynastie Darboven ist und der ausersehene Ersatzerbe der Spross der direkten Konkurrenz Jacobs aus Bremen: Das katapultiert den Stoff in den Rang einer Affäre. Und wer die Hamburger Kaufleute kennt, ahnt bereits: Der Skandal ist nicht weit. Ausgerechnet zum Hamburger Galopp-Derby Anfang Juli, einem Muss-Rendezvous der Reichen und Schönen, wurde der Plan von Albert Darboven (82) publik. Und zwischen Hüten und Hummer hechelten die Hanseaten das Haarsträubende durch. Der Zeitpunkt war umso pikanter, als J. J. Darboven mit seiner Traditionsmarke Idee Kaffee Hauptsponsor des Pferdeevents war und der Patriarch höchstpersönlich auf der Galopprennbahn die Honneurs machte und entgegennahm. Auf Erkundigungen in der Familiensache reagierte er ungnädig: "Kein Thema."

Dabei war Albert Darboven natürlich klar, dass die Derby-Gesellschaft selbst den mit einer Idee-Kaffee-Decke geschmückten Sieger "Weltstar" nicht halb so spannend fand wie den Bruch zwischen ihm und seinem Sohn Arthur Ernesto (54). Von dessen Mutter Inés Alicia de Sola Oppenheimer, Tochter eines Kaffeebarons aus El Salvador, ließ Darboven sich nach zwölf Jahren Ehe 1973 scheiden. Er heiratete daraufhin im selben Jahr Edda, Prinzessin von Anhalt-Dessau. Gemeinsam mit ihr bestätigte er am Nach-Derby-Montag den Klatsch – per Pressemitteilung. "Meine Frau und ich", heißt es darin, "wünschen uns, Herrn Dr. Jacobs auch ganz offiziell in unsere Familie aufzunehmen." Und weiter: "Wir wünschen uns, dass er unser Lebenswerk in allen Bereichen fortsetzt." Die öffentliche Bestätigung der Darboven-Idee hat Sohn Arthur Ernesto zumindest indirekt erzwungen – gemeinsam mit seinen Cousins Arndt und Behrendt Darboven und deren Mutter Helga. Die vier veröffentlichten am Derby-Wochenende einen offenen Brief, in dem sie vor einem "Bruch mit den Werten des Unternehmens und der Familie" warnen – und weiter schreiben: "Es ist für uns überhaupt nicht nachvollziehbar, dass Albert Darboven, unser Vater beziehungsweise Onkel, die Führung des Familienunternehmens an Dr. Andreas Jacobs übertragen will."

Die Jacobs-Familie hat ihr Unternehmen in der Hamburger Konkurrenz-Hansestadt Bremen zunächst 1982 durch eine Fusion mit der Schweizer Interfood AG erweitert. Acht Jahre später wurde das Unternehmen als Jacobs Suchard an den US-Konzern Kraft Foods verkauft. Andreas Jacobs (54) leitete danach bis 2015 die Holding der Familie, die mit einem Milliardenvermögen zu den reichsten Deutschen gezählt wird. Inzwischen nennt er sich Investor und lebt in Hamburg. Aber nicht nur räumlich sind sich Darboven senior und sein Wunschsohn Jacobs sehr nahe. Sie teilen auch ihre Leidenschaft für schnelle Pferde. Darboven besitzt das Gestüt Idee und war selbst jahrzehntelang als Polospieler aktiv.

Sohn Arthur, seine Vettern und deren Mutter, denen zusammen 42,5 Prozent des Unternehmens gehören, halten die Hippophilie für keine ausreichende Qualifikation. Den Verkauf von Jacobs-Kaffee wenden sie gegen den Konkurrenten ums Erbe. "Uns Darbovens liegt der Kaffee im Blut", schreiben sie, "was wir bei Dr. Jacobs bezweifeln müssen." Zudem hätten die Firmen Darboven und Jacobs sich schon vor Gericht treffen müssen. So weit ist es zwischen Darboven senior und junior bislang nicht gekommen. Sie trennten sich, zunächst geschäftlich, 2008, nach Streitigkeiten über die Unternehmensstrategie. Konkreter Anlass war der "Coffee Erotic", den Arthur Ernesto ins Sortiment aufnehmen wollte. Vater Albert fand das indiskutabel.

Ein spannender Aspekt am Rande ist zweifelsohne, wie Albert zum vierten Chef der Dynastie Darboven wurde: Sein kinderloser Großonkel Arthur Darboven beschied 1948 den zwölfjährigen Albert Hopusch aus Darmstadt: "Du wirst einmal mein Nachfolger." Und – adoptierte ihn.

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immer STANDFEST

Der NEG Virus
Hier wütet der NEG Virus = Neid,Eifersucht,Gier!

Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und deren Familien sieht anders aus!
Passiert übrigens auch im Kleinen, ist der Nachteil von Familienunternehmen.


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alt-heli .

So hat jeder seine Sorgen.... ;-)


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Anonüm

Aber Ernesto, du hast gar kein Vermögen?
Nein, und ich heiße auch nicht Ernesto sondern Harald!


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Meister Sepp

Liest sich wie eine ganz schlechte Seifenoper


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DieNachtkerze

Philip Morris
Jacobs hat nicht an Kraft Foods verkauft. Das Unternehmen gab es damals noch gar nicht. Jacobs hat, um seine Geschwister auszahlen zu können, damals an Philip Morris verkauft, einen Zigaretten-Konzern. Später wurde die Nahrungsmittelsparte, auch aufgrund der Tabak-Prozessdrohungen in den USA, abgespalten und Kraft Foods gegründet. Dieses Unternehmen wurde später wiederum in Kraft Foods Group und Mondelez geteilt. Kraft Foods Group kurz danach von Heinz übernommen (jetzt Kraft-Heinz).


...


Aus: "Der Kaffeekrieg der Söhne" Cornelie Barthelme (31. Juli 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000084422535/Der-Kaffeekrieg-der-Soehne


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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #17 on: August 15, 2018, 10:41:21 AM »
Quote
[...] Konstantin Wecker: Ich möchte an dieser Stelle nochmals betonen, dass meine Eltern völlig untypisch für die Generation der Eltern eines Siebzigjährigen waren. Dies erwähne ich ganz bewusst immer wieder. Wenn ich in meinem Lied schreib: "Ich habe eine großes Herz für die Träumer und Versager", dann meine ich damit schon auch meinen Vater. Weil der ja in gesellschaftlichem und finanziellem Sinn ein Versager war. Was er sicherlich nicht gern gehört hätte. Aber was für ein wunderbarer, warmherziger und weiser Mann ist er geworden.
Wir müssen den Worten mehr auf den Grund gehen. Versager heißt, "ich versage mir etwas". (lacht) Hat doch was, oder? Ich versage mir, teure Markenkleidung zu tragen, ich versage mir, andere auszubeuten, und ich versage mir, Euren Quatsch mitzudenken. Ich bin ein Versager.

...



Aus: ""Nationalismus wird uns immer ins Elend führen"" Frank Jödicke (15. August 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Nationalismus-wird-uns-immer-ins-Elend-fuehren-4136969.html?seite=all

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« Reply #18 on: August 16, 2018, 03:05:04 PM »
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[...] Traumatisiert sind in dieser Familie alle, ob nun wegen des Naziterrors oder aufgrund von Lebensentwürfen, in denen eine kaum eingestandene Lieblosigkeit herrscht. ... Dieser Familienroman ist ein radikaler und radikal schöner Trennungsroman, der die Qual der Beziehungsauflösung und das Unglück der Zurückgelassenen mal elaboriert, mal drastisch und zuweilen auch humorvoll ausleuchtet, um dann mit erzählerischer Leidenschaft die Liebe der wahrhaft Seelenverwandten zu feiern. ...

... Auch jenseits dieser literarischen Spiegelebenen bietet „Bruder und Schwester Lenobel“ aberwitzige intellektuelle Höhenflüge: Exkurse über das Hören und das Sehen, über Langweile, den Hass, über das Gute und Böse, also die großen Themen der Psychoanalyse und der Philosophie. „Märchen sind samt und sonders Rachegebilde“ heißt es an einer Stelle.

Köhlmeier hat aber viel mehr als nur ein Rachegebilde abgeliefert. Sein Roman bietet anspruchsvolle Erkenntnisprosa. Im Stile negativer Dialektik nimmt diese Prosa gerade gewonnene Einsichten wieder zurück, demonstriert grenzenlose Freude am Fabulieren und erinnert an den Reichtum der Sprache mit längst vergessenen Wörtern wie „affrös“.

Und sie entgegnet allen Tugendwächtern schalkhaft lächelnd, dass die Liebe auch in nachkommenden Generationen nicht auf dem Schlachtfeld bürgerlicher oder religiöser Moral entschieden wird. Sondern die Suche nach Seelenverwandten zu den schönsten und grausamsten Erfahrungen im Leben zählt. Und auch in der Literatur.

Michael Köhlmeier: Bruder und Schwester Lenobel. Hanser Verlag, München 2018, 541 Seiten


Aus: "Die Liebe der Seelenverwandten" Carsten Otte (16.08.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/familienroman-von-michael-koehlmeier-die-liebe-der-seelenverwandten/22916612.html

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #19 on: August 16, 2018, 03:15:01 PM »
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... Da ist Familienvater Alfred Lambert, ein furchterregender Pedant, vom körperlichen und geistigen Verfall gezeichnet; und Enid, deren ganze Leidenschaft der heimischen Rasenpflege gilt; Sprössling Chip lehrt feministische Theologie und dreht krumme Dinger in Litauen; Gary, sein Bruder, ist erfolgreicher Banker und depressiv; schließlich Denise, die ihrer Karriere als In-Köchin durch sexuelle Kapriolen ein vorläufiges Ende setzt. Das Leben ist auch im Kleinen korrekturbedürftig, aber nicht immer ist die Lösung so simpel wie bei Alfred, der seine Krankheit mit dem Medikament "Korrektal" zu lindern hofft.

Im Privaten lauert Monströses, verrät das Buch. Doch Franzen macht daraus kein apokalyptisches Kunstwerk. Mit viel Ironie, Komik und heiterer Zuneigung begegnet er seinen Figuren. Niemand wird denunziert. "Die Korrekturen" ist ein Familienepos, das in seiner Wucht und seiner Tragweite an die Sippenromane Thomas Manns erinnert. ...


Aus: "Platz 7: "Die Korrekturen" von Jonathan Franzen" RP (2. Oktober 2015)
Quelle: https://rp-online.de/kultur/buch/schroeders100/platz-7-die-korrekturen-von-jonathan-franzen_aid-19877165

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[...]   Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.06.2002
Zum Weihnachtsfest möchte Mutter Enid noch einmal die ganze Familie Lambert im amerikanischen mittleren Westen zusammenbringen, die drei Kinder mit Anhang, die längst davon sind, an die Ostküste. Das Fest findet statt und es misslingt, alles nicht sehr spektakulär. Die Stärken des Romans von Jonathan Franzen aber, so Thomas Steinfeld, liegen nicht im eher simplen Plotmotiv, sondern im Detail: in der "Anmut" , mit der der Autor die verkorksten Leben seiner Figuren schildert, im "absoluten Gehör", mit dem er die Gespräche in der Familie zu Papier bringt. ...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.06.2002
Die Kritik ist lang, aber das Buch ist es auch und nicht wenig davon schickt Martin Krumbholz sich an nachzuerzählen. Das Personal ist überschauber, Vater Alfred - mit Alzheimer -, Mutter Enid - die die Kinder noch einmal zu Hause versammelt -, Sohn Chip - der Versager mit literarischen Ambitionen -, Tochter Denise - die Ex-Küchenchefin - und Sohn Gary - der Erfolgreiche, mit Frau und Kind: ein Familienroman. Erzählt werden "fünf Lebensgeschichten", zusammengehalten vom "Mythos" Familie, von den "Verstrickungen", aus denen deren Mitglieder nicht entkommen, zusammengefügt ist das ganze, meint der Rezensent, mit Eleganz. Kaum etwas scheint ihm überflüssig, Jonathan Franzen schreibe mit "Witz", aber ohne alle Angeberei (manchmal auch "direkt" und "bissig"), sei einem "aufgeklärten Realismus" verpflichtet, erlaube sich jedoch den einen oder anderen lässig postmodernen Schlenker. Am Individuellen sichtbar werden, so Krumbholz, Wahrheiten über Abhängigkeiten, die man nicht los wird, über Korrekturen, die nicht gelingen können. Mit einem Wort: ein überaus gelungener Roman.

 Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.06.2002
Dirk Knipphals ist begeistert von Jonathan Franzens Roman "Die Korrekturen". Zunächst einmal sieht Knipphals darin einen Familienroman, wobei es sich freilich um das "denkbar familienfeindlichste Buch" überhaupt handelt, wie er hinzufügt, um gleich darauf zu ergänzen, dass es in diesem Subgenre zugleich das "liebevollste" Buch ist. Franzen folge dem "hippiesk anmutenden Grundsatz, dass noch das normalste Leben interessant ist, wenn man es nur gekonnt genug ausleuchtet". Das Normale zeige Franzen dabei allerdings als permanenten Ausnahmezustand und Gefühlsnotstand. Neben den mit "großer Unerschrockenheit und noch größerem Witz" geschilderten familiären Irrungen und Wirrungen, so Knipphals, rollt Franzen auch ein Panorama der neunziger Jahre vor den Augen des Lesers aus: ein "wahres Archiv" für Mode-, Ess-, Sex- und Erziehungsstile in dieser Zeit! Im Zentrum des Romans stehen für Knipphals jedoch "unangefochten" die menschlichen Beziehungen, die Franzen - so mürbe und widersprüchlich, so gefährdet und kompliziert sie auch erscheinen mögen - wie "große Kostbarkeiten behandelt, die es bis ins Letzte zu studieren gilt".

 Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.06.2002
Eine "Art Inbild der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft" sieht Angela Schader in diesem Roman. Ein Inbild nicht ohne den "ambitiösen Blick auf große Vorbilder" wie Philipp Roth und auch nicht ohne Längen (Episoden wie die "aufgewärmte Lewinsky-Affäre" etwa), Ausrutscher und "thematische Sackgassen". Was, wenn es nach Schader geht, der "variantenreichen" (treffsicher übersetzten, wie Schader anmerkt) Prosa, der "stellenweise zutiefst verstörenden menschlichen Tiefe" des Buches sowie der Meisterschaft in der Schilderung der Altersqualen keinen Abbruch tut. Allein die lange und detailreiche Schilderung der familiären Grabenkämpfe, meint die Rezensentin, könnte "ein eigentliches Handbuch der ehelichen Kriegsführung" abgeben.

...


Aus: "Jonathan Franzen: Die Korrekturen - Roman, Rowohlt Verlag, Reinbek 2002"
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/jonathan-franzen/die-korrekturen.html

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #20 on: September 10, 2018, 09:58:34 AM »
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[...] Habe ich nicht genug getan? Hätte ich meinen depressiven Freund nicht alleine lassen dürfen? Hätte ich meine schizophrene Mutter gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen sollen? Hätte ich meinem alkoholkranken Sohn verbieten müssen, auf die Party zu gehen? Es sind solche Fragen, die Verwandte, Partner, Freunde quälen, wenn eine seelische Erkrankung ihre Liebsten innerlich zerreißt.

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Aus: "Das Leid der anderen" Julia Völker und Dagny Lüdemann (17. September 2013)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-08/angehoerige-psychisch-kranker?page=3#comments

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #21 on: October 01, 2018, 03:57:23 PM »
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[...]  Richard Ford: ...  Wie beeinflussen Eltern Ihren einzigen Sohn? Was ist angeboren, was wird anerzogen? Um diesen Fragen nachzugehen, habe ich dieses Buch geschrieben. In Kürze lässt sich lediglich sagen: Meine Eltern liebten mich, und ich liebte sie. Das haben wir einander oft gesagt. Sie haben sich auch gegenseitig geliebt, vor und nach meiner Ankunft. Solcher Liebe kann man nur nachspüren, wenn man seine Vorstellungskraft nutzt.


Aus: "Pulitzerpreisträger Richard Ford hält Militärputsch gegen Trump für möglich" (26.09.2018)
Quelle: http://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Uebersicht/Pulitzerpreistraeger-Richard-Ford-haelt-Militaerputsch-gegen-Trump-fuer-moeglich