Author Topic: [Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]  (Read 2735 times)

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #15 on: July 30, 2018, 08:41:48 PM »
Quote
[...] Gabrielle Rütschi ist Psychologin und systemische Therapeutin in Zürich.

Daniel Bakir: Frau Rütschi, Sie sind Psychologin und Familientherapeutin. Warum haben Sie ein Buch zum Thema Erben geschrieben?

Gabrielle Rütschi: In meiner beruflichen Praxis erlebe ich sehr viel Bitterkeit in Familien. Und wenn ich nachfrage, stecken sehr oft Erbgeschichten dahinter. Ungerechtigkeiten, Kränkungen kommen zum Vorschein - und man merkt, wie brüchig Familienwerte sind. Der Streit ums Erbe zerreißt Familien.

Sie haben reale Streitfälle zusammengetragen, die sich wie Kurzkrimis lesen. Welche Geschichte hat Sie besonders erschüttert?

Gabrielle Rütschi: Zum Beispiel die Schweizer Familie, die sich über ein Haus in der Provence völlig zerstritten hat. Die habe ich sehr gut gekannt, anständige Leute aus einem bürgerlichen Elternhaus. Der Vater Chefarzt, eine heile Familie. Doch als der Patriarch gestorben ist, sind Fairness und Loyalität komplett verloren gegangen. Es gab in der Familie keine Streitkultur, weil Konflikte nie ausgetragen wurden, um eine heile Fassade aufrechtzuerhalten.

Was ist der häufigste Grund dafür, dass Erbstreitigkeiten eskalieren?

Gabrielle Rütschi: Der häufigste Grund ist, dass alte Geschichten wie Verletzungen, Kränkungen, Bevorzugungen wieder aufbrechen. Das geht oft zurück bis in die Kindheit, wo sich ein Geschwisterteil ungerecht behandelt fühlte. Diese Geschichten brechen auf, wenn der verstorbene Elternteil als kontrollierendes Element nicht mehr da ist.

Also geht es oft eher um eine emotionale Abrechnung als ums Geld?

Gabrielle Rütschi: Meistens um Beides: Über das Materielle wird emotional abgerechnet. Manchmal geht es auch nur um etwas Symbolisches, was gar nicht so viel Wert hat. Ein spezielles Bild zum Beispiel, das die andere Person auf keinen Fall bekommen soll.

Welche Rolle spielen missgünstige Angeheiratete, die den Konflikt von außen in die Familie tragen?

Gabrielle Rütschi: Durch Partnerschaften verschieben sich die Dynamik in der Familie und oft auch die Machtverhältnisse. Ich schildere zum Beispiel eine Geschichte von zwei Schwestern, in der der Freund der einen versucht, sehr viel Macht zu bekommen und den Erbstreit überhaupt erst auslöst. Das ist ein typisches Phänomen.

In einem anderen Fall tyrannisiert der machthungrige Bruder seine fünf Schwestern und reißt ein Großteil des Erbes an sich. Ist das eine typische Verteilung der Geschlechterrollen?

Gabrielle Rütschi: Das würde ich so nicht sagen. Es gibt zwar einen Gender-Aspekt, weil sich Frauen immer noch weniger um die Finanzen kümmern. Aber die Frauen können genauso gut die Bösewichte in Erbgeschichten sein wie die Männer - sei es die missgünstige Schwiegertochter oder die junge Geliebte, die sich das Alleinerbe des Alten unter den Nagel reißt.

Waren Sie selbst manchmal überrascht, welche menschlichen Abgründe sich bei dem Thema auftun?

Gabrielle Rütschi: Ich staune schon, wie unverfroren manche Erben Vermögen an sich reißen. Wie ältere Menschen, die hilfloser werden, jahrelang emotional beeinflusst werden. Da ist zum Beispiel ein Kind,  das sich um die kranke Mutter kümmert, oder ein Verwandter oder Betreuer, der die Abhängigkeit und Hilflosigkeit der Situation ausnützt, und dabei sehr manipulativ den eigenen Nutzen verfolgt. So werden Schenkungen und Verfügungen erschlichen und eine lebenslang gemachte Nachlassplanung kurz vor dem Tode verändert. Die Erben werden so ausgebootet. Und weil der alte Mensch Angst vor Isolierung und Liebesentzug hat, macht er mit.

Was kann ich als Erblasser tun, um zu verhindern, dass es zum Kampf ums Erbe kommt?

Gabrielle Rütschi: Das Testament sollte klar und formal korrekt formuliert sein. Die Hälfte der Testamente sind nicht korrekt und bieten Raum für Interpretationen und Streitigkeiten. Dann sollte das Testament unbedingt offiziell beim Notar hinterlegt werden. Denn Testamente, die einfach nur in der Schublade liegen, verschwinden - oder jemand lässt sie verschwinden. Das kommt immer wieder vor. Und dann beginnt der Krieg ums Erbe.

....


Aus: "Gabrielle Rütschi"Der Streit ums Erbe zerreißt Familien"" Daniel Bakir (30. Juli 2018)
Quelle: https://www.stern.de/wirtschaft/geld/psychologin-im-interview---der-streit-ums-erbe-zerreisst-familien--8176762.html

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #16 on: July 31, 2018, 01:01:17 PM »
Quote
[...] Es ist eine Geschichte, wie die bunten Blätter sie lieben – und erst recht deren Leser. Ein Unternehmer und Patriarch, Mitglied der Hamburger High Society, überwirft sich mit seinem Sohn und Erben – und beschließt, für Ersatz zu sorgen. Per Adoption. Allein dieser Plot wäre schon aufsehenerregend. Dass aber der ungnädige Vater der Chef der deutschen Kaffeerösterdynastie Darboven ist und der ausersehene Ersatzerbe der Spross der direkten Konkurrenz Jacobs aus Bremen: Das katapultiert den Stoff in den Rang einer Affäre. Und wer die Hamburger Kaufleute kennt, ahnt bereits: Der Skandal ist nicht weit. Ausgerechnet zum Hamburger Galopp-Derby Anfang Juli, einem Muss-Rendezvous der Reichen und Schönen, wurde der Plan von Albert Darboven (82) publik. Und zwischen Hüten und Hummer hechelten die Hanseaten das Haarsträubende durch. Der Zeitpunkt war umso pikanter, als J. J. Darboven mit seiner Traditionsmarke Idee Kaffee Hauptsponsor des Pferdeevents war und der Patriarch höchstpersönlich auf der Galopprennbahn die Honneurs machte und entgegennahm. Auf Erkundigungen in der Familiensache reagierte er ungnädig: "Kein Thema."

Dabei war Albert Darboven natürlich klar, dass die Derby-Gesellschaft selbst den mit einer Idee-Kaffee-Decke geschmückten Sieger "Weltstar" nicht halb so spannend fand wie den Bruch zwischen ihm und seinem Sohn Arthur Ernesto (54). Von dessen Mutter Inés Alicia de Sola Oppenheimer, Tochter eines Kaffeebarons aus El Salvador, ließ Darboven sich nach zwölf Jahren Ehe 1973 scheiden. Er heiratete daraufhin im selben Jahr Edda, Prinzessin von Anhalt-Dessau. Gemeinsam mit ihr bestätigte er am Nach-Derby-Montag den Klatsch – per Pressemitteilung. "Meine Frau und ich", heißt es darin, "wünschen uns, Herrn Dr. Jacobs auch ganz offiziell in unsere Familie aufzunehmen." Und weiter: "Wir wünschen uns, dass er unser Lebenswerk in allen Bereichen fortsetzt." Die öffentliche Bestätigung der Darboven-Idee hat Sohn Arthur Ernesto zumindest indirekt erzwungen – gemeinsam mit seinen Cousins Arndt und Behrendt Darboven und deren Mutter Helga. Die vier veröffentlichten am Derby-Wochenende einen offenen Brief, in dem sie vor einem "Bruch mit den Werten des Unternehmens und der Familie" warnen – und weiter schreiben: "Es ist für uns überhaupt nicht nachvollziehbar, dass Albert Darboven, unser Vater beziehungsweise Onkel, die Führung des Familienunternehmens an Dr. Andreas Jacobs übertragen will."

Die Jacobs-Familie hat ihr Unternehmen in der Hamburger Konkurrenz-Hansestadt Bremen zunächst 1982 durch eine Fusion mit der Schweizer Interfood AG erweitert. Acht Jahre später wurde das Unternehmen als Jacobs Suchard an den US-Konzern Kraft Foods verkauft. Andreas Jacobs (54) leitete danach bis 2015 die Holding der Familie, die mit einem Milliardenvermögen zu den reichsten Deutschen gezählt wird. Inzwischen nennt er sich Investor und lebt in Hamburg. Aber nicht nur räumlich sind sich Darboven senior und sein Wunschsohn Jacobs sehr nahe. Sie teilen auch ihre Leidenschaft für schnelle Pferde. Darboven besitzt das Gestüt Idee und war selbst jahrzehntelang als Polospieler aktiv.

Sohn Arthur, seine Vettern und deren Mutter, denen zusammen 42,5 Prozent des Unternehmens gehören, halten die Hippophilie für keine ausreichende Qualifikation. Den Verkauf von Jacobs-Kaffee wenden sie gegen den Konkurrenten ums Erbe. "Uns Darbovens liegt der Kaffee im Blut", schreiben sie, "was wir bei Dr. Jacobs bezweifeln müssen." Zudem hätten die Firmen Darboven und Jacobs sich schon vor Gericht treffen müssen. So weit ist es zwischen Darboven senior und junior bislang nicht gekommen. Sie trennten sich, zunächst geschäftlich, 2008, nach Streitigkeiten über die Unternehmensstrategie. Konkreter Anlass war der "Coffee Erotic", den Arthur Ernesto ins Sortiment aufnehmen wollte. Vater Albert fand das indiskutabel.

Ein spannender Aspekt am Rande ist zweifelsohne, wie Albert zum vierten Chef der Dynastie Darboven wurde: Sein kinderloser Großonkel Arthur Darboven beschied 1948 den zwölfjährigen Albert Hopusch aus Darmstadt: "Du wirst einmal mein Nachfolger." Und – adoptierte ihn.

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immer STANDFEST

Der NEG Virus
Hier wütet der NEG Virus = Neid,Eifersucht,Gier!

Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und deren Familien sieht anders aus!
Passiert übrigens auch im Kleinen, ist der Nachteil von Familienunternehmen.


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alt-heli .

So hat jeder seine Sorgen.... ;-)


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Anonüm

Aber Ernesto, du hast gar kein Vermögen?
Nein, und ich heiße auch nicht Ernesto sondern Harald!


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Meister Sepp

Liest sich wie eine ganz schlechte Seifenoper


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DieNachtkerze

Philip Morris
Jacobs hat nicht an Kraft Foods verkauft. Das Unternehmen gab es damals noch gar nicht. Jacobs hat, um seine Geschwister auszahlen zu können, damals an Philip Morris verkauft, einen Zigaretten-Konzern. Später wurde die Nahrungsmittelsparte, auch aufgrund der Tabak-Prozessdrohungen in den USA, abgespalten und Kraft Foods gegründet. Dieses Unternehmen wurde später wiederum in Kraft Foods Group und Mondelez geteilt. Kraft Foods Group kurz danach von Heinz übernommen (jetzt Kraft-Heinz).


...


Aus: "Der Kaffeekrieg der Söhne" Cornelie Barthelme (31. Juli 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000084422535/Der-Kaffeekrieg-der-Soehne


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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #17 on: August 15, 2018, 10:41:21 AM »
Quote
[...] Konstantin Wecker: Ich möchte an dieser Stelle nochmals betonen, dass meine Eltern völlig untypisch für die Generation der Eltern eines Siebzigjährigen waren. Dies erwähne ich ganz bewusst immer wieder. Wenn ich in meinem Lied schreib: "Ich habe eine großes Herz für die Träumer und Versager", dann meine ich damit schon auch meinen Vater. Weil der ja in gesellschaftlichem und finanziellem Sinn ein Versager war. Was er sicherlich nicht gern gehört hätte. Aber was für ein wunderbarer, warmherziger und weiser Mann ist er geworden.
Wir müssen den Worten mehr auf den Grund gehen. Versager heißt, "ich versage mir etwas". (lacht) Hat doch was, oder? Ich versage mir, teure Markenkleidung zu tragen, ich versage mir, andere auszubeuten, und ich versage mir, Euren Quatsch mitzudenken. Ich bin ein Versager.

...



Aus: ""Nationalismus wird uns immer ins Elend führen"" Frank Jödicke (15. August 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Nationalismus-wird-uns-immer-ins-Elend-fuehren-4136969.html?seite=all

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #18 on: August 16, 2018, 03:05:04 PM »
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[...] Traumatisiert sind in dieser Familie alle, ob nun wegen des Naziterrors oder aufgrund von Lebensentwürfen, in denen eine kaum eingestandene Lieblosigkeit herrscht. ... Dieser Familienroman ist ein radikaler und radikal schöner Trennungsroman, der die Qual der Beziehungsauflösung und das Unglück der Zurückgelassenen mal elaboriert, mal drastisch und zuweilen auch humorvoll ausleuchtet, um dann mit erzählerischer Leidenschaft die Liebe der wahrhaft Seelenverwandten zu feiern. ...

... Auch jenseits dieser literarischen Spiegelebenen bietet „Bruder und Schwester Lenobel“ aberwitzige intellektuelle Höhenflüge: Exkurse über das Hören und das Sehen, über Langweile, den Hass, über das Gute und Böse, also die großen Themen der Psychoanalyse und der Philosophie. „Märchen sind samt und sonders Rachegebilde“ heißt es an einer Stelle.

Köhlmeier hat aber viel mehr als nur ein Rachegebilde abgeliefert. Sein Roman bietet anspruchsvolle Erkenntnisprosa. Im Stile negativer Dialektik nimmt diese Prosa gerade gewonnene Einsichten wieder zurück, demonstriert grenzenlose Freude am Fabulieren und erinnert an den Reichtum der Sprache mit längst vergessenen Wörtern wie „affrös“.

Und sie entgegnet allen Tugendwächtern schalkhaft lächelnd, dass die Liebe auch in nachkommenden Generationen nicht auf dem Schlachtfeld bürgerlicher oder religiöser Moral entschieden wird. Sondern die Suche nach Seelenverwandten zu den schönsten und grausamsten Erfahrungen im Leben zählt. Und auch in der Literatur.

Michael Köhlmeier: Bruder und Schwester Lenobel. Hanser Verlag, München 2018, 541 Seiten


Aus: "Die Liebe der Seelenverwandten" Carsten Otte (16.08.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/familienroman-von-michael-koehlmeier-die-liebe-der-seelenverwandten/22916612.html

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #19 on: August 16, 2018, 03:15:01 PM »
Quote
... Da ist Familienvater Alfred Lambert, ein furchterregender Pedant, vom körperlichen und geistigen Verfall gezeichnet; und Enid, deren ganze Leidenschaft der heimischen Rasenpflege gilt; Sprössling Chip lehrt feministische Theologie und dreht krumme Dinger in Litauen; Gary, sein Bruder, ist erfolgreicher Banker und depressiv; schließlich Denise, die ihrer Karriere als In-Köchin durch sexuelle Kapriolen ein vorläufiges Ende setzt. Das Leben ist auch im Kleinen korrekturbedürftig, aber nicht immer ist die Lösung so simpel wie bei Alfred, der seine Krankheit mit dem Medikament "Korrektal" zu lindern hofft.

Im Privaten lauert Monströses, verrät das Buch. Doch Franzen macht daraus kein apokalyptisches Kunstwerk. Mit viel Ironie, Komik und heiterer Zuneigung begegnet er seinen Figuren. Niemand wird denunziert. "Die Korrekturen" ist ein Familienepos, das in seiner Wucht und seiner Tragweite an die Sippenromane Thomas Manns erinnert. ...


Aus: "Platz 7: "Die Korrekturen" von Jonathan Franzen" RP (2. Oktober 2015)
Quelle: https://rp-online.de/kultur/buch/schroeders100/platz-7-die-korrekturen-von-jonathan-franzen_aid-19877165

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[...]   Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.06.2002
Zum Weihnachtsfest möchte Mutter Enid noch einmal die ganze Familie Lambert im amerikanischen mittleren Westen zusammenbringen, die drei Kinder mit Anhang, die längst davon sind, an die Ostküste. Das Fest findet statt und es misslingt, alles nicht sehr spektakulär. Die Stärken des Romans von Jonathan Franzen aber, so Thomas Steinfeld, liegen nicht im eher simplen Plotmotiv, sondern im Detail: in der "Anmut" , mit der der Autor die verkorksten Leben seiner Figuren schildert, im "absoluten Gehör", mit dem er die Gespräche in der Familie zu Papier bringt. ...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.06.2002
Die Kritik ist lang, aber das Buch ist es auch und nicht wenig davon schickt Martin Krumbholz sich an nachzuerzählen. Das Personal ist überschauber, Vater Alfred - mit Alzheimer -, Mutter Enid - die die Kinder noch einmal zu Hause versammelt -, Sohn Chip - der Versager mit literarischen Ambitionen -, Tochter Denise - die Ex-Küchenchefin - und Sohn Gary - der Erfolgreiche, mit Frau und Kind: ein Familienroman. Erzählt werden "fünf Lebensgeschichten", zusammengehalten vom "Mythos" Familie, von den "Verstrickungen", aus denen deren Mitglieder nicht entkommen, zusammengefügt ist das ganze, meint der Rezensent, mit Eleganz. Kaum etwas scheint ihm überflüssig, Jonathan Franzen schreibe mit "Witz", aber ohne alle Angeberei (manchmal auch "direkt" und "bissig"), sei einem "aufgeklärten Realismus" verpflichtet, erlaube sich jedoch den einen oder anderen lässig postmodernen Schlenker. Am Individuellen sichtbar werden, so Krumbholz, Wahrheiten über Abhängigkeiten, die man nicht los wird, über Korrekturen, die nicht gelingen können. Mit einem Wort: ein überaus gelungener Roman.

 Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.06.2002
Dirk Knipphals ist begeistert von Jonathan Franzens Roman "Die Korrekturen". Zunächst einmal sieht Knipphals darin einen Familienroman, wobei es sich freilich um das "denkbar familienfeindlichste Buch" überhaupt handelt, wie er hinzufügt, um gleich darauf zu ergänzen, dass es in diesem Subgenre zugleich das "liebevollste" Buch ist. Franzen folge dem "hippiesk anmutenden Grundsatz, dass noch das normalste Leben interessant ist, wenn man es nur gekonnt genug ausleuchtet". Das Normale zeige Franzen dabei allerdings als permanenten Ausnahmezustand und Gefühlsnotstand. Neben den mit "großer Unerschrockenheit und noch größerem Witz" geschilderten familiären Irrungen und Wirrungen, so Knipphals, rollt Franzen auch ein Panorama der neunziger Jahre vor den Augen des Lesers aus: ein "wahres Archiv" für Mode-, Ess-, Sex- und Erziehungsstile in dieser Zeit! Im Zentrum des Romans stehen für Knipphals jedoch "unangefochten" die menschlichen Beziehungen, die Franzen - so mürbe und widersprüchlich, so gefährdet und kompliziert sie auch erscheinen mögen - wie "große Kostbarkeiten behandelt, die es bis ins Letzte zu studieren gilt".

 Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.06.2002
Eine "Art Inbild der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft" sieht Angela Schader in diesem Roman. Ein Inbild nicht ohne den "ambitiösen Blick auf große Vorbilder" wie Philipp Roth und auch nicht ohne Längen (Episoden wie die "aufgewärmte Lewinsky-Affäre" etwa), Ausrutscher und "thematische Sackgassen". Was, wenn es nach Schader geht, der "variantenreichen" (treffsicher übersetzten, wie Schader anmerkt) Prosa, der "stellenweise zutiefst verstörenden menschlichen Tiefe" des Buches sowie der Meisterschaft in der Schilderung der Altersqualen keinen Abbruch tut. Allein die lange und detailreiche Schilderung der familiären Grabenkämpfe, meint die Rezensentin, könnte "ein eigentliches Handbuch der ehelichen Kriegsführung" abgeben.

...


Aus: "Jonathan Franzen: Die Korrekturen - Roman, Rowohlt Verlag, Reinbek 2002"
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/jonathan-franzen/die-korrekturen.html

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #20 on: September 10, 2018, 09:58:34 AM »
Quote
[...] Habe ich nicht genug getan? Hätte ich meinen depressiven Freund nicht alleine lassen dürfen? Hätte ich meine schizophrene Mutter gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen sollen? Hätte ich meinem alkoholkranken Sohn verbieten müssen, auf die Party zu gehen? Es sind solche Fragen, die Verwandte, Partner, Freunde quälen, wenn eine seelische Erkrankung ihre Liebsten innerlich zerreißt.

...


Aus: "Das Leid der anderen" Julia Völker und Dagny Lüdemann (17. September 2013)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-08/angehoerige-psychisch-kranker?page=3#comments

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« Reply #21 on: October 01, 2018, 03:57:23 PM »
Quote
[...]  Richard Ford: ...  Wie beeinflussen Eltern Ihren einzigen Sohn? Was ist angeboren, was wird anerzogen? Um diesen Fragen nachzugehen, habe ich dieses Buch geschrieben. In Kürze lässt sich lediglich sagen: Meine Eltern liebten mich, und ich liebte sie. Das haben wir einander oft gesagt. Sie haben sich auch gegenseitig geliebt, vor und nach meiner Ankunft. Solcher Liebe kann man nur nachspüren, wenn man seine Vorstellungskraft nutzt.


Aus: "Pulitzerpreisträger Richard Ford hält Militärputsch gegen Trump für möglich" (26.09.2018)
Quelle: http://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Uebersicht/Pulitzerpreistraeger-Richard-Ford-haelt-Militaerputsch-gegen-Trump-fuer-moeglich

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #22 on: December 26, 2018, 12:00:18 AM »
Quote
[...] Die Zurückweisung durch das eigene Kind ist schmerzhaft. Auch weil es das eigene Versagen vor Augen führt. "Es ist wie Liebeskummer, nur schlimmer", sagt Wallberg.

Laut Schätzungen von Soziologen gibt es rund 100.000 betroffene Eltern in Deutschland, deren erwachsene Kinder den Kontakt zu ihnen abgebrochen haben. Offizielle Zahlen existieren nicht.

Die Essener Psychotherapeutin Claudia Haarmann hat mehrere Bücher über solche Kontaktabbrüche verfasst. Sie glaubt, dass deutlich mehr Familien betroffen sind, es jedoch nicht sagen. Wenn Kinder ihre Eltern ablehnen, ist das peinlich für die Eltern, wie eine Stigmatisierung. Was sollen die anderen von ihnen denken? Es fällt ausnahmslos auf die Eltern zurück. Aber haben die Kinder vielleicht doch ihre Gründe?

Eltern in Selbsthilfegruppen, sagt Claudia Haarmann, behaupten fast ausnahmslos, dass nichts vorgefallen sei. Keiner war gewalttätig, keiner übergriffig. Keiner hat sein Kind sexuell missbraucht. Sonst wären sie doch nicht mit dem Rucksack voller Sorgen, mit ihrer vermeintlichen Unschuld in so einer Selbsthilfegruppe.

Die Frage, die am meisten wehtut, ist sehr einfach: Warum will mein Kind mich nicht mehr? Die Frage, die sich anschließt, lautet: Was habe ich falsch gemacht? Claudia Haarmann glaubt: Jeder Elternteil kann tief in seinem Innersten die Antwort finden. Oft hat sie mit Sprachlosigkeit zu tun. Mit Schweigen, das nicht durchbrochen wird.

...


Aus: "Familienstreit: "Es ist wie Liebeskummer, nur schlimmer"" Andrea Müller (25. Dezember 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2018-12/familienstreit-eltern-kinder-kontaktabbruch-liebe/komplettansicht

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Masafi #1

Es ist eine Schande die Eltern ohne berechtigte Gründe im Stich und allein zu lassen. Das hat niemand verdient.



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HeinriSch #1.22

... Bitte, schreiben sie nie wieder zu einem Thema, dessen emotionale Tiefe Sie nicht annähernd nachvollziehen können. ...



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Zeitleserin64 #1.10

nein, es ist keine Schande... höchstens für die Eltern!
Ihr Kommentar zeigt deutlich dass Sie eben nicht die Situation verstanden haben und keine Respekt vor dem Mensch "Kind" welches eben auch sein Leben in Frieden und mit Liebe leben möchte.
Der Begriff "verdient" gibt es da nicht! Es sind die Folgen auf das Verhalten der Eltern und hat gar nichts mit "verdient" zu tun.
Eltern verdienen nichts...sondern sie setzen auf eigenen Wunsch Kinder in die Welt und diese sind ihnen in keiner Weise zu Dank verpflichtet da es eben nicht ihre Entscheidung war auf diese Welt zu kommen.
Jeder Mensch ist sein Leben voll verantwortlich, egal ob Kinder oder Eltern... ganz für sich alleine. ...


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Slowenendeutscher #1.13

Es gibt Situationen, in denen es für beide Seiten besser ist, den Kontakt abzubrechen. In meinem Falle ging es von mir aus, weil ich diese Oberflächlichkeit und ständigen Vorhaltungen satt war. Meine Kinder habe ich daraus gehalten. Meine Eltern ( geschieden seit 20 Jahren) haben/hatten die Möglichkeit, meine Kinder zu sehen. Weder mein Vater (seit 4 Jahren tot, davor auch 10 Jahre keinen Kontakt) noch meine Mutter (seit 6 Jahren kein Kontakt) nehmen das Angebot [ ] an. Meine Mutter hatte sich noch nie um Ihre Enkelkinder gekümmert oder kümmern wollen. So wie Sie vorab urteilen, haben Sie wahrscheinblich keinen Einblick. Wenn bei Ihnen "heile Welt" herrscht, dann beglückwünsche ich Sie aus vollem Herzen. Im übrigen habe ich die Beerdingung meines Vaters bezahlt, obwohl kein Kontakt mehr herrschte.


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Muehlenbach #1.15

Meine Großmutter war eine bösartige Frau, die ihre Kinder und deren Partner regelrecht psychisch terrorisiert hat. Wie oft habe ich meine Mutter erlebt, wie sie vor lauter Wut in Tränen ausgebrochen ist, nachdem ihr vorgeworfen wurde, sie hätte meinen Vater nur wegen des Geldes geheiratet (dass mein Vater zum Zeitpunkt der Hochzeit Schulden hatte, wurde geflissentlich ignoriert). Als mein Onkel seine Freundin (die später seine Frau werden sollte) zum ersten Mal nach Hause gebracht hat, ist diese nach einer halben Stunde weinend aus dem Haus gerannt, weil meine Großmutter so gemein zu ihr war. Alle ihrer drei Kinder hatten irgendwann kein Kontakt mehr zu ihr, und als sie vor einigen Jahren verstarb, wurde keine einzige Träne vergossen.

Um auf Ihren Punkt zurückzukommen: Manche Eltern haben es verdient. Kinder haben nicht die Pflicht, sich alles gefallen zu lassen, nur weil die Sticheleien, die Beleidigungen und Geringschätzungen von den eigenen Eltern kommen. Ich persönlich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern, aber wenn die Beziehung zu meiner Mutter genau so wäre, wie die meines Vaters mit seiner gewesen ist, hätte ich auch allen Kontakt abgebrochen.


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alljazz #1.19

Ich hätte es damals schlicht nicht überlebt, die permanenten Schuldzuweisungen, Charakter-eigenschaften, Verfehlungen, die mir meine Mutter vorhielt. Ohne den Halt meines Mannes und meiner Stiefschwester, ihren Versicherungen, dass ich NICHT diese berechnende, manipulierende Person bin, als die meine Mutter mich hinstellte. Kontaktabbruch war die einzige Möglichkeit, der emotionalen Abhängigkeit und meiner systematischen Zerstörung zu entkommen: ich hätte mich umgebracht, als komplett überforderter, ungefestigter junger Mensch (25 J.).
Warum das alles so war? Unerheblich. Auch keine Böswilligkeit. Einfach nur menschliches Unvermögen.
Manche Menschen muss man ziehen lassen, das habe ich daraus gelernt. Aufarbeitung ist mir mühsam gelungen, dank lieber Menschen (s.o.) und Therapie. Wie sehe ich es heute mit 53 J.? Keine Vorwürfe. Ich wünsche ihr, sie findet vor allem mit sich selber ihren Frieden.


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agt69 #1.20

„Es ist eine Schande die Eltern ohne berechtigte Gründe im Stich und allein zu lassen. Das hat niemand verdient.“

Wie Sie schon schreiben: ohne berechtigte Gründe. Wer sich zu einem solchen Schritt entschließt, hat in den allermeisten Fällen sehr wohl berechtigte Gründe.
Leider gibt es viel zu viele Kinder, die die Energie zu einem so radikalen Schritt nicht aufbringen können. Die Folge sind schwerste psychische Erkrankungen, bis hin zum Suizid. Leider gibt es sehr viele Eltern, die ihre Kinder im wahrsten Sinne des Wortes krank machen. Das passiert nicht nur durch so offensichtliche Dinge wie Gewalt oder Missbrauch. Meist sind der Terror, der Druck und die unterschwellige Manipulation wesentlich subtiler, weshalb es den Kindern dann auch sehr viel schwerer fällt, den dringend notwendigen Kontaktabbruch konsequent durchzuziehen.


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TendavPoWI #1.21

Ich habe (und hatte) nie den Anspruch perfekter Eltern. Aber dass mein Vater lieber einen leichten Vorteil in einem Unterhaltsstreit haben wollte statt mich zu sehen (und das über Jahre), werde ich ihm eher nicht verzeihen.


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EvaK42 #1.27

... Wie sich manche Eltern ihren Kindern gegenüber aufführen, ist das ebenso eine Schande, die die Kinder auch nicht verdient haben, um mit Ihren Worten zu sprechen.


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sonneundmond #1.32

“Es ist eine Schande die Eltern ohne berechtigte Gründe im Stich und allein zu lassen. Das hat niemand verdient.”

Damit haben sie vermutlich recht... Aber davon ist hier gar nicht die Rede. In dem Artikel ist davon die Rede, dass es wohl berechtigte Gründe gibt, diese aber nicht verstanden werden oder geleugnet oder man sie schlicht nicht kennt.


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Anutschka #1.39

Ich stimme insofern zu, als dass meiner Meinung nach "Ghosten" keine Option sein sollte. Manchmal gibt es unüberwindbare Konflikte, aber dann sollte man doch zumindest seine Gründe offen legen. Ich hoffe, dass meine Kinder dann mehr zu sagen hätten als: "das war's dann Mama". Und natürlich weiß ich, dass es Eltern gibt, die selbst dann nicht zuhören.


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anderfoerde #10

"Die hohe Kunst jeder Beziehung sei es, die Autonomie des anderen zu respektieren, seine Persönlichkeit anzunehmen und zu erkennen. Ohne ihn dabei zu erdrücken."

Das betrifft allerdings beide Seiten. Auch das erwachsene Kind muss die Persönlichkeiten der Eltern annehmen und ihre Autonomie respektieren.

Als betroffene Mutter: Erst nach vielen Jahren war es mir trotz der Übertretung sämtlicher roter Linien durch mein Kind und völliger Missachtung meiner Person möglich, wirklich wütend zu sein und mich gegen die ständige Distanzlosigkeit und Missachtung zu wehren. Daraufhin folgte der Abbruch des Kontaktes. Nach dem letzten Satz meines Kindes am Telefon, den ich hier nicht wiederholen möchte, kam ich zu dem Fazit: Das war's dann, Kind. Ich lasse mich nicht mehr treten.

Wenn noch einmal Kontakt entstehen sollte, muss dieser vom Kind ausgegehen. Sie kann es nicht. Konfliktscheu. Alle anderen sind schuld. Das Kind lügt sich durch sein Leben.


Quote
Bella Donna #10.1

Was meinen Sie denn, woher die Konfliktscheue Ihrer Tochter stammt? Die wird ja nicht vom Himmel gefallen sein.


Quote
Dichter als Goethe #10.2

doch, kann durch aus vom himmel gefallen sein.
mein bruder vernachlässigt unsere mutter auch (ich muss ihn zur sau machen, dass er ihr zum geburtstag gratuliert, etc.).
sie hat so viel für ihn gemacht (z.b. 700km für ihn und seine schule umgezogen), teilweise ihr eigenes leben für ihn aufgegeben.
diese undankbarkeit und gefühlskälte... komischerweise bin ich nicht so und wir haben die gleichen eltern!

es gibt bei den besten eltern und umgebungen immer wieder diese a****l*** kinder - dass umgekehrt eben so gestörte eltern(teile) gibt, ist unbestritten.


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Miguel de la Croix #12

Meine Mutter hat uns relativ früh verlassen, meine Schwester und ich wuchsen beim Vater auf. Er hat nie ein schlechtes Wort über sie verloren. Es gab Zeiten, wo wir uns annäherten und Zeiten, wo wir uns wieder entfernten. Wir sind fast wie Fremde, selbst an Weihnachten haben wir uns nichts zu sagen. Nachträglich betrachtet, war der Streit, der uns trennte nur eine Episode unter vielen, nicht gravierender als andere, nicht einmal intensiver. Vermutlich ein gegenseitiges Gefühl von Enttäuschung. Mein Vater ist vor ein paar Jahren gestorben und hinterließ ein viel größeres Loch. Meine Kinder haben eine gute Beziehung zu meiner Mutter. Sie sind eine Art Brücke geworden, um zumindest zu erfahren, wie es einem gegenseitig geht.


Quote
Fragestellerin #15

Es ist für die Kinder auch nicht einfach. Meine Freundin, vom Stiefvater mit Unterstützung der Mutter missbraucht, hat den Kontakt abgebrochen. Selbstschutz und sie hat Liebeskummer, weil sie von ihrer Mutter nie geliebt wurde.
Gerade jetzt an Weihnachten leidet sie sehr unter der Lieblosigkeit der eigenen Mutter. Wir passen an Weihnachten sehr auf meine Freundin auf. Sie ist inzwischen Ű 60 und kämpft immer noch mit ihrer Kindheit.


Quote
Wolfgang Leiberg alias Zornig #16

Vorweg: Ich bin selbst ein betroffener Vater. Und als solcher kann ich nur sagen: es gibt in der Tat Gründe auf BEIDEN Seiten, die dazu führen können, dass der Kontakt zwischen den Generationen abreißt.

Der Weg zurück ist ein langer und mühsamer. Nach einer Phase heftiger gegenseitiger Schuldzuweisungen, die die Gräben noch tiefer gerissen hat, bin ich auf dem Weg zurück zu einem entspannten Kontakt mit meiner Nachkommenschaft. Dazu sind schmerzhafte Lernprozesse nötig, die Selbstreflektion und ggf. auch Selbstveränderungen notwendig machen.

Es ist nicht damit getan, vom Anderen Dinge zu erwarten oder zu fordern. Der Fokus muss vor allem auf sich selbst gerichtet werden. Das Ergebnis kann zuweilen hart und gnadenlos sein, wenn wir an uns Dinge entdecken, die uns nicht so gefallen.

Wer sich versöhnen möchte, braucht Geduld und Gelassenheit. Und einen Gegenüber, der bereit ist, mitzuziehen. Ich habe das große Glück. Und empfinde dafür große Dankbarkeit.


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sonneundmond #16.1

Vielen Dank für ihren Beitrag. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das schwer ist. Als betroffene Tochter kann ich nur sagen Hut ab, dass sie sich dem stellen. Vielleicht unschöne Dinge an sich zu entdecken oder sich Dinge anhören zu mussen, die man vielleicht als ungerecht empfindet ist sicher nicht einfach. Ich würde mir wünschen das wäre mit meinen Eltern moglich. Alles gute Ihnen.


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Tisiphone71 #28

Ich bin ein Kind, das den Kontakt abgebrochen hat. Nach vielen Schmerzen, Enttäuschungen und immer neuen Anläufen, die nur damit endeten, dass ich gegen eine Wand lief. Über 40 Jahre lang habe ich versucht, ein normales Verhältnis zu meinem Vater herzustellen. Es ist nicht gelungen. Mal war er lieb, zugänglich, interessiert; dann wieder tage- oder wochenlang nicht erreichbar, abweisend, ließ mich links liegen. Nichts, was ich tat, um seine Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erringen, war gut genug. Er ignorierte mich in diesen Phasen einfach. Mittlerweile glaube ich, dass er psychisch krank ist, was aber bei uns zu Hause niemals ausgesprochen werden durfte. Nein, die Schuld, dass es mit mir und meinem Vater nicht lief, lag bei mir - das gab mir meine Mutter immer wieder zu verstehen. Sie komme doch auch mit ihm klar, hieß es, und ich sei als Kleinkind schon so abweisend zu ihm gewesen. In den letzten Jahren kam ich immer seltener nach Hause, es tat zu weh, immer wie Luft behandelt zu werden. Beim letzten Besuch ließ ich meinen Frust bei meiner Mutter ab und sie meinte nur: "Aber er hat dich doch begrüßt!" So nach dem Motto: Was willst du eigentlich, stell dich nicht so an. Es gab dann einen letzten kurzen, heftigen Wortwechsel mit ihm, bei dem er voller Wut sagte, er begrüße es, wenn ich nicht mehr zu Besuch käme. Damit war Schluss. Auch mit meiner Mutter, die immer noch so tun wollte, als sei nichts gewesen. Ob für immer oder nur zeitweilig - ich weiß es noch nicht.


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patrizialeier #28.1

Ich kann Sie so gut verstehen.


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rayjo #32

Ununterbrochen werden hier bei zeit.de nur noch Artikel gebracht, die die Familie als Untergangsmodell propagieren. Persönlich kann ich das alles überhaupt nicht nachvollziehen. Bei uns gab es eigentlich nie ernsthaften Streit. Alles war gut, schön und normal. Ich habe meine Eltern begleitet und teilw. gepflegt bis zu ihrem Tod und hege keinerlei Groll. Ganz im Gegenteil, die wunderbaren Kindheitserinnerungen möchte ich nicht missen.


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Tisiphone71 #32.1

Das ist schön für Sie. Ich beneide Sie darum. Aber nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass das IHRE Erfahrung ist und andere Menschen andere Erfahrungen mit Familie gemacht haben. Und es auch lieber anders gehabt hätten! ...


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vncrm #38

Nachdem mein Vater gestorben war, hatte meine Mutter mich geradezu erdrückt. Ich bin damit nie zurecht gekommen. Auf der einen Seite hatte ihre extreme Vereinnahmung sehr viel zerstört. Auf der anderen Seite habe ich mich dennoch nicht von ihr getrennt, was ein großer Fehler war. Man liebt seine Eltern halt dennoch. Es gab viel Streit wegen ihrer Vereinnahmung. Verstanden hatte sie es nie. Mit der Zeit entwickelte sich ein status quo, wo ich das alles einfach nur noch still ertrug. Als sie dann irgendwann gestorben war, war das für mich eine Befreiung.

Eltern verstehen oft nicht, was sie ihren Kindern antun. Auch als längst erwachsenes Kind ist es nicht leicht, mit solchen Eltern umzugehen. Manchmal ist der Kontaktabbruch der einzig gangbare Weg.


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fuchsgeist #50

Ich habe mehrere solcher Fälle im Bekanntenkreis und unter Kollegen. Nein, keine Schläge, sexueller Missbrauch, Suff, Depression oder ähnlich entsetzliche Vorkommnisse. Scheinbar gut funktionierende Familien, wohl geratener Nachwuchs, gut in der Schule und erfolgreich im Beruf, keine lauter Streit, schlimmer, sie haben sich nichts zu sagen. Manche sind einfach zu verschieden, andere lieblos, ein oder mehrere Kinder bevorzugen, andere kommen gar nicht vor. Die Kinder versuchen viele Jahre oder ihr Leben lang die Eltern mit irgendetwas zu beeindrucken, meine frühere Nachbarin sagte mal, sie habe irgendwann eingesehen, dass es auch nicht helfen würde wenn sie den Nobelpreis bekäme, ihre Eltern wüssten gar nicht, dass es sie gibt, für sie existiere nur die Schwester. Da hilft nur die Scheidung von den Eltern.


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HMTiburon #55

Das geht auch anders herum. Ein Freund von mir hat den Kontakt zu einem Kind abgebrochen nachdem dieses erwachsene Kind ihn auf Unterhalt verklagt hat. Der will diese Tochter nie wieder sehen.


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Kapaster d.J. #55.1

Hätte er mal lieber Unterhalt gezahlt. Freiwillig, ohne Klage.


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HMTiburon #55.2

Der hat bezahlt, freiwillig. Es sollte aber mehr sein, fast das doppelte. Na ja, der Richter hat wohl nur gelacht. Schließlich gibt's für sowas vom Einkommen unabhängige Sätze. Und das Ende vom Lied? Zwei Anwälte haben Geld verdient und ein Verhältnis zum Vater wurde für immer zerstört. Toll !!


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sonneundmond #55.3

Freiwillig? Bis zu einem gewissen Alter und Ausbildung ist man dazu verpflichtet. Die Frage ist auch, warum ein wahrscheinlich wohlhabender Vater sein Kiind nicht unterstützten möchte. Der Bafogsatz ist ja nicht gerade uppig. Dass der Richter gelacht hat klingt fur mich nicht glaubwürdig. Er hat die Klage vielleicht abgewiesen, aber gelacht? Die Beziehung war wohl schon vorher zerstört. Wissen sie: es mag schon sein, dass er eine faule, gierige, nichtsnutzige etc Tochter hatte, es kann aber auch sein, dass er einfach ein (emotionaler)Geizhals ist, bei dem es ausser Geld nichts zu holen gibt. Und dann hat sie halt vielleicht versucht sich wenigstens Geld zu holen. Geschichten sind meist nicht so einfach, wie sie aussehen. Ich hätte sehr gerne mit meinen Freundinnen getauscht, die aus sehr sparmen aber liebevollen Verhaltnissen kamen, denen wurden Kuchen gebacken, Essen mitgegeben und da kam die Familie zum Umzug und Renovierung. Ich musste meinem Vater auch drohen, damit ich dann wenigstens den mir zustehenden Satz bekomme und das wo er wirklich nicht wusste wohin mit seinem Geld. Beim Umzug hätte er mir nie geholfen, er ist doch nicht mein Lakai.(O Ton)


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EvaK42 #67

> Kontaktabbrecher sind für mich Menschen, die um Hilfe rufen, die eine Botschaft haben.

Die Botschaft ist oft gar nicht so kompliziert: Laß mich einfach in Ruhe mein Leben leben ohne dein ständiges Genörgel, deine Gängelungsversuche und die unterschwelligen oder offenen Vorwürfe. Niemand wollte mit Menschen zusammenleben, die so agieren, warum sollte man sich das bei den eigenen Eltern antun?

Die Entscheidung, den Kontakt zu meiner Familie radikal abzubrechen, habe ich bestimmt nicht als Hilferuf getroffen, denn die war nach sehr viel gutem Willen und Langmut sehr überlegt und hinterfragt. Aber ich lebe eben aus deren Sicht das falsche Leben, obwohl es mir sehr gut geht und ich keinesfalls klagen kann. Ich habe eine seit über 30 Jahren stabile Partnerschaft, wir beide sind beruflich und finanziell etabliert, aber es ist eben aus ihrer Sicht nicht in ihrem Sinne, also falsch, also versagt, und das haben sie immer wieder thematisiert.

Jede Diskussion um Hintergründe und das Ansprechen ihrer eigenen Problematiken war zwecklos und wurde abgewürgt. Über sowas spricht man nicht. das war die Maxime. Genau die typische Haltung der traumatisierten und kaputten Kriegsgeneration, die ihre Schmerzen hinter fast schon einer Art "omerta" verbirgt. Und darum habe ich um meines eigenen Friedens willen den Kontakt endgültig abgebrochen, weil ich eben weder Donna Quixote bin noch meiner Familie Therapeutin.


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Fawlty #69

"Du sollst Vater und Mutter ehren", sagt man früher. Davon ist nicht anscheinend nicht viel übrig in einer Gesellschaft voller narzistischer Selbstbespiegler. ...


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Ist das noch Kunst #69.1

Wer mit einem Finger auf andere zeigt, zeigt mit drei Finger auf sich selbst zurück. ...


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E.T.3000 #70

Wenn zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Geschwistern die Verbundenheit und die Liebe nicht gelebt werden kann, ist das erstmal nicht negativ zu bewerten sondern zu akzeptieren.
Verbundenheit und Liebe lassen sich nicht einfordern, ab- oder anschalten. ...


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c0mm0n sense #75

Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht. Das sagt im Grunde schon alles. ...


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Maurine #81

Wenn ich manch einen Kommentar der erwachsenen, ihre Eltern anklagenden Kinder hier lese, wird mir ganz anders. So viel Arroganz, so viel Selbstgerechtigkeit. Aber wenn's dann irgendwann ums Erben geht, sind sie plötzlich wieder da. Eklig.


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Googlefix #81.1

Eklig ist höchstens ihre Ignoranz. Aber Jedem seine Meinung....


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dr.tsantsa #87

100.000 betroffene Eltern ist sehr sehr niedrig angesetzt. Aus persönlicher Statistik möchte ich behaupten, dass eher noch eine „Null“ hinzugefügt werden darf. Ich habe pro Jahr im Schnitt 40 Familien bzw. deren Angehörige vor mir sitzen, bei denen es absolut keinen Kontakt zu den Eltern gibt (oder zumindest zu einem Elternteil). Wenn ich das auf den Rest der Republik hochrechne erscheint mir persönlich eine Million Betroffene recht realistisch.
Schade das es so ist, im Gespräch mit den Menschen ergeben sich aber oftmals Einblicke die einem eine Antwort auf das „warum“ geben. Manchmal ist kein Kontakt eben besser als „schlechter“ Kontakt.


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mirto_40 #93

Man wird als Original geboren und stirbt als Kopie. Viele Eltern sehen ihr Kind gar nicht. Sie kennen sie nicht. Sie sehen nur das Potenzial (wer das Kind sein könnte) und das ist ein grosses Problem, denn die Eltern verleugnen damit die Existenz des Ichs des Kindes. So kann es sein, dass das Kind sein eigenes Ich hasst, weil es von den Eltern (der Welt) abgelehnt wurde und dieser Selbsthass kann dazu führen, dass man ihn nach Aussen zu den Eltern kanalisiert. Es ist dann so eine Art Hass-Liebe, die man vielleicht nicht mehr ertragen kann und darum den Kontakt abbricht. ...


...

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #23 on: December 26, 2018, 01:16:26 PM »
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[...] Vor knapp zwei Wochen hat der Chef einer grossen Schweizer Versicherung Suizid begangen. Was geht Ihnen als Psychiater und Coach von Führungskräften durch den Kopf, wenn Sie eine solche Nachricht lesen?

Christian Peter Dogs: Ich denke in solchen Fällen: Da hat wieder einer zu lange weggeschaut. Je höher jemand aufsteigt, desto dicker wird sein Fell – und desto weniger weiss er von seinen Gefühlen. Und das, was er wissen könnte, verdrängt er meist aus guten Gründen. Denn der Preis, den die Topmanager für ihre Karriere zahlen, ist enorm. Die meisten verlieren ihre emotionale Identität, existieren als Privatperson gar nicht mehr. Und wer lange Zeit seine Gefühle verleugnet, der tendiert in belastenden Situationen zu Kurzschlussreaktionen. Wer alles dem Erfolg unterordnet, kann mit Niederlagen schlecht umgehen. Viele Manager sind emotionale Krüppel und nehmen gar nicht wahr, welche chronischen Konflikte im Berufs- und vor allem im Privatleben sie mitschleppen. Das ist nicht nur gefährlich für sie selber, sondern auch für die Unternehmen, die sie leiten.

... Dieser Tage wurde bekannt, dass sich Nissan-Manager Carlos Ghosn ­offenbar Luxusimmobilien und private Reisen geleistet hat auf Konzernkosten. Wie kann es so weit kommen?

Die Gier frisst den Verstand. Von 100 Topmanagern hat höchstens einer das Gefühl, er verdiene unanständig viel, alle anderen wollen mehr. Belohnt wird Skrupellosigkeit, ratsam ist, den Anstand gleich an der Garderobe abzugeben. Die innere Mitte und damit auch die Fähigkeit zur Zufriedenheit haben solche Menschen längst verloren. Ich sass in unzähligen tollen leeren Häusern, trank die besten Rotweine mit den einsamsten Menschen der Welt, die alles hatten ausser Emotionen und Freunden. Denken geht schnell, Fühlen und Freundschaften brauchen Zeit.

Reden Sie hier nur als Experte oder auch als Betroffener?

Ich spreche all diese Dinge nur so schonungslos an, weil ich jeden erdenklichen Fehler selber auch gemacht habe. Ich wollte allen beweisen, dass es meinem Vater nicht gelungen ist, mich fertigzumachen. Gegen aussen war er eine Lichtfigur, der eine psychosomatische Klinik leitete. In der Familie war er ein alkoholabhängiger und morphiumsüchtiger Despot, der mich schon vor der Geburt töten wollte und später verhöhnte und verprügelte. Mich hat das fast kaputt gemacht, aber ich biss mich durch, arbeitete täglich 15 Stunden in der Klinik und gab an den Wochenenden Seminare. 2005 bin ich von diesem Anerkennungstrip runtergekommen und musste mir eingestehen, dass meine Ehe kaputt war und ich meine Tochter nicht hatte aufwachsen sehen. Ich als ausgewiesener Fachmann hätte es besser wissen müssen, aber Einsichten bewirken noch keine Veränderung.

...

Erstellt: 24.11.2018, 08:32 Uhr



Aus: "«Je höher jemand aufsteigt, desto weniger weiss er von seinen Gefühlen»" Mathias Morgenthaler, Redaktor Wirtschaft (24.11.2018)
Quelle: https://www.derbund.ch/schweiz/Je-hoeher-er-aufsteigt-desto-weniger-weiss-er-von-seinen-Gefuehlen/story/18848893

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #24 on: January 12, 2019, 04:42:12 PM »
Quote
[...] Früher hat er sich manchmal eine Karte fürs Reutlinger Fußballstadion geleistet, heute sind 11 Euro für einen Sitzplatz nicht mehr drin. Allein das Rauchen verschlingt fast sein Tagesbudget. Hätte er 2.000 Euro im Monat, wie er sie als Fahrer verdient hat, das wär’s, sagt er. So viel bräuchte er, um in Würde zu altern. Nach einundvierzig Jahren Beitragszahlungen erreicht er nicht einmal die deutsche Durchschnittsrente von 1.076 Euro.

Ein Stockwerk tiefer, in der AWO-Kantine, bestellt Spannenberger Menü 1: gegrilltes Putensteak mit Bandnudeln, dazu eine Cola. An der Kasse weist er sich mit einem gelben Papier und vergilbtem Foto aus. Mit dem Sozialpass, den die Diakonie ausstellt, erhält er Rabatt auf das Essen: 3 statt 6 Euro. Im Speisesaal nickt er einem Gast zu, nimmt aber allein an einem freien Tisch Platz. Während er kaut, schaut er auf sein Tablett oder starrt die Wand an. Man kennt einander, sieht sich jeden Tag und redet kaum. „Eigentlich ist jeder für sich allein“, sagt Spannenberger. Jeder, das sind Hartz-IV-Empfänger und Obdachlose. Er selbst war beides.

Weil er betrunken im Auto erwischt wird, verliert er 2002 zum dritten Mal den Führerschein – und seinen Job. Jahrzehnte ist er Lastwagen gefahren, meist Möbel, lange Zeit auch Getränkekisten. Spannenberger rutscht nach Hartz IV ab. Dann vor fünf Jahren: Er nickt beim Fernsehen auf dem Sofa ein, die Zigarette fällt ihm aus der Hand und auf eine Zeitung am Boden.

Vom Qualm wacht er auf, rettet sich auf die Terrasse, Polizei und Feuerwehr sind schon da, ein Nachbar hat sie gerufen. Als er seine Wohnung Tage später wieder betreten darf, ist alles verkohlt. Möbel, Dokumente, Fotoalben. Nur ein Zinnteller ist unversehrt: eine Fußballtrophäe, in die sein Name eingraviert ist, Meister mit dem FC Urach in der C-Klasse 1972/73. Nach dem Brand übernachtet er sechs Wochen in einer Notunterkunft, bevor ihm die AWO eine neue Wohnung vermittelt, mit ihm Möbel kauft. Der Zinnteller, vom Ruß befreit, thront seitdem auf seinem Wohnzimmerschrank.

Zum ersten Mal stand er mit sechs Jahren auf dem Fußballplatz, wo er die glücklichsten Momente seiner Kindheit verbrachte. Im „Kleinen Bol“ wächst er auf, dem Problemviertel Reutlingens. Seiner Familie fehlt schon immer das Geld. Der Vater Fensterputzer, die Mutter wegen Depressionen und Herzleiden zu krank zum Arbeiten. In der kleinen Wohnung teilt er sich ein Zimmer mit seiner neun Jahre älteren Halbschwester. Ein Badezimmer gibt es nicht, nur eine Toilette, zum Waschen muss die Spüle in der Küche reichen. Vor der Tür leere Bierflaschen und trostlose Gestalten: Nachbarn, die nicht arbeiten, die ihre Sorgen im Alkohol ertränken.

Als er zwölf ist, stirbt seine Mutter an einer Lungenentzündung. Er wächst bei seinem Vater auf, der zu viel trinkt und sich mehr um neue Liebschaften als um den Jungen kümmert. Meistens flüchtet Heinz auf den Fußballplatz. Eine Gegenwelt, in der Mannschaftsgeist zählt, Tore, Aufstieg, gemeinsame Feiern nach einem Sieg. Er kriegt nicht genug davon. „Fußball war mein Leben“, erzählt Spannenberger, der vierzig Jahre als Stürmer auf dem Platz stand.

Mit dem Sport schlich sich der Alkohol in sein Leben. Nach jedem Training, jedem Spiel, trank er mit den Kameraden, manchmal zehn, manchmal fünfzehn Bier. Erst Höchstleistung auf dem Platz, danach Saufen im Vereinsheim, mehrmals die Woche, jahrelang. Wer seinem Körper das antut, muss geübt sein. Beim Trinken war Heinz Spannenberger Profi.

Nach der Hauptschule lässt er sich zum Automechaniker ausbilden. Nicht, weil er besonderen Gefallen an Autos findet, er tut es einfach den meisten Jungs in seiner Klasse gleich. Mit sechzehn Jahren fährt er auf einem Moped, einer schwarzen Hercules, durch die Stadt, er verliebt sich. Im Rausch tätowiert er sich den Namen seiner ersten Freundin auf den linken Unterarm: Janne. Die Buchstaben sind mit den Jahren verblasst, Janne ist längst Geschichte.

Mit zweiundzwanzig Jahren lernt er Renate kennen. Sie arbeitet im Büro der Firma, für die er Lastwagen fährt. Sie ziehen zusammen, heiraten. Zwei Jahre später kommt Silke zur Welt. „Die glücklichste Zeit meines Lebens“, sagt er heute. Doch die Familie leidet von Anfang an unter seiner Sucht. Er ist ständig unterwegs, treibt sich mit den Kameraden herum, kommt spät nach Hause. Sie mache das nicht länger mit, warnt Renate. Er ignoriert ihre Drohungen. „Ich habe mich für unwiderstehlich gehalten.“ Nach vier Jahren Ehe zieht sie mit der Tochter aus, reicht die Scheidung ein. Heinz Spannenberger, mit neunundzwanzig geschiedener Vater, zieht zurück in den „Kleinen Bol“.

Der Alkohol habe ihn nicht aggressiv gemacht, sagt er.

Im Suff sei er ihr gegenüber handgreiflich geworden, sagt seine Exfrau.

Er sei mit Tausenden D-Mark Schulden aus der Ehe gegangen, sagt er.

Sie habe alle Schulden auf sich genommen, weil er nicht zahlen konnte, sagt sie.

Die Geschichte, die mehrere Ver­sio­nen kennt, hat einen gemeinsamen Nenner. „Ich weiß heute, ich war allein daran schuld, dass meine Ehe in die Brüche gegangen ist“, sagt er.

Nach der Scheidung, die Tochter ist knapp zwei Jahre alt, findet seine Ex­frau einen neuen Mann und Silke einen neuen Vater. Ein glückliches Familienleben, bis Spannenberger an der Tür klopft. „Er hielt sich nicht an Termine, aber wenn, dann kam er oft betrunken“, erinnert sich die Exfrau. Sie sagt auch: „Seine Tochter hat er über alles geliebt.“

Die wenigen Kindheitserinnerungen, die Silke mit ihrem leiblichen Vater verbindet, sind keine guten. „Ich habe mich immer in meinem Zimmer versteckt. Ich hatte einen Vater, ich brauchte nicht noch einen.“ Spannenberger ist für sie der Mann, der immer mal wieder in ihr Leben schneit und gleich wieder verschwindet. Nach Jahren ohne Kontakt lädt sie ihn zur Konfirmation ein, später zur Hochzeit. Er kommt, doch wieder bricht der Kontakt ab. 2017 dann das letzte Treffen. Zu ihrem einundvierzigsten Geburtstag besucht er sie und seine vier Enkel. „Er hat keine Frage gestellt, kaum geredet“, erzählt sie. Wenn sie von ihrem leiblichen Vater spricht, nennt sie ihn nur noch EZ, kurz für Erzeuger.

Sie habe ihm lange eine Chance gegeben, aber nun mit dem Thema abgeschlossen, sagt die Tochter.

Am meisten wünsche er sich mehr Kontakt zu ihr, sagt der Vater.

„Der Alkohol hat alles zerstört.“ Die Ehe, die Beziehung zu seiner Tochter, die Gesundheit. Und er hat die Erinnerung an manche Geschichte getrübt.

Kramt Spannenberger in der Vergangenheit, findet er selten Details. Mag sein, dass er sie nicht finden will. Eines Tages vor fünfzehn Jahren sei er in seine Kneipe gegangen und habe sich nicht zu den Kameraden am Tresen gesetzt, sondern an einen Tisch, allein. Er orderte eine Cola, die Kellnerin nahm es als Scherz, von der Bar schallte höhnisches Lachen.

Nach fünfunddreißig Jahren an der Flasche sei er morgens aufgewacht mit dem Gedanken: So kann es nicht weitergehen. Kalter Entzug. Er überlegt, was damals der Auslöser war. Doch eine Antwort fällt ihm nicht ein. Sein Körper entwöhnte sich schnell, der Kopf brauchte zwei Jahre. Vielleicht war es das Größte, das er jemals erreicht hat. Er fragt sich oft, ob er darauf stolz sein darf, wo er in seinem Leben doch nichts mit Stolz verbindet.

Spannenberger zieht seinen Arm aus einem Mülleimer, leert einen Rest Bier auf den Gehweg und legt die Flasche vorsichtig zu den anderen in seine Tüte. Langsam schlurft er weiter, je länger der Weg, desto häufiger die Pausen. Er stoppt an einer Bank am Wegesrand, seinem täglichen Rastplatz, und steckt sich eine Zigarette an, während er Passanten beobachtet. Ein Pärchen schlendert mit Einkaufstüten vorüber, im Café nebenan nippen Gäste an Latte macchiatos. Am Brunnen schleicht ein silberner Sportmercedes vorbei. Spannenberger sitzt wie ein Fremdkörper in dieser Welt. Was ihre Bewohner als Abfall hinterlassen, nimmt er mit in seine.

Drei Jahre ist es her, dass er zum ersten Mal in den Mülleimer fasste. Bei der ersten Flasche stachen ihn noch die Blicke der Passanten in den Rücken. Jede weitere kostete weniger Überwindung, der Griff wurde Routine. Heute erkennt er, wer gleich gläsernes Geld in den Abfall werfen wird, und hält sich bereit. Je nach Art der Flasche variiert das Pfand zwischen 8 und 15 Cent. 2 bis 5 Euro sammelt er pro Tag. An guten Tagen auch mal 9. Am Abend tauscht er an der Supermarktkasse sein Pfandgeld gegen Zigaretten.

Spannenberger nähert sich einer Fanta-Dose, die vor einem Friseursalon am Boden steht. Er hebt sie an und stellt sie sofort wieder ab. Noch fast voll, die gehöre sicher jemandem, stehlen will er nicht. Beim Flaschensammeln zieht er Grenzen: Niemals würde er wühlen und betteln schon gar nicht. Ein bisschen Würde will er sich erhalten.

Vielleicht hat er deshalb seine Tage klar strukturiert. Aufstehen um 6.30 Uhr, um 7 Uhr kommt der Pflegedienst vorbei und stellt ihm seine Medikamente bereit: Metohexal, Nephrotrans, Torasemid. Pillen, die den Blutdruck senken, Gefäße erweitern, Harn treiben. Die meisten schluckt er, um einen dritten Herzinfarkt zu vermeiden. Der erste traf ihn vor zwanzig Jahren, der letzte vor acht. Weil die Beine schmerzen, hinkt er leicht beim Gehen, seine Hände zittern. Wenn Spannenberger hustet, bebt sein Körper. Zweiundfünfzig Jahre Rauchen hinterlassen Spuren. Zwei große Schachteln HB inhaliert er pro Tag, vierundvierzig Zigaretten. Als er noch Lastwagen fuhr, waren es doppelt so viele.

Jeden Morgen spaziert Spannenberger zwanzig Minuten ins Stadtzentrum und verbringt den Tag zwischen AWO und Bahnhofskneipe, unterwegs sammelt er Flaschen. Hauptsache raus. Obwohl er schon lange allein lebt, erträgt er nur schwer die Stille in seiner Wohnung. Sobald er nach Hause kommt, schaltet er den Fernseher ein. Wenn er sich schlafen legt, lässt er die Stimmen weiterreden.

Manchmal ruft er seine Halbschwester in Düsseldorf an. Die Gespräche dauern keine drei Minuten.

„Wie geht’s dir?“

„Mir geht’s gut.“

„Also dann.“

Einmal im Jahr kommt sie zu Besuch nach Reutlingen. Jahrelang herrschte Funkstille, der Alkohol habe das Verhältnis belastet, erzählt sie. „Heinz ist ein seelenguter Mensch, aber er ist labil. Er hatte zu Hause kein Vorbild.“

Zu gern würde Spannenberger noch einmal heiraten. Er hält Ausschau nach der Richtigen, doch es scheitert schon beim Ansprechen, er ist zu schüchtern. Es gab zwar einige Frauen in seinem Leben, doch nichts Beständiges, die längste Beziehung hielt fünf Jahre.

Seitdem die letzte Liebschaft in die Brüche ging, heißt seine Familie Al­fred, Roland und Klaus. Mit ihnen sitzt er stundenlang zusammen beim Binokel, einem schwäbischen Kartenspiel, das man entweder schnell begreift oder nie versteht. Mehrmals die Woche trifft sich die Männerrunde im „Sozialen Wohnzimmer“, einer Mischung aus Café und Rumpelkammer unweit des Stadtzentrums.

An der giftgrünen Wand lehnt ein Porträt, das Hemingway zeigt, von der Decke hängen goldene Girlanden, hinter einer Glastür verstauben Gläser im Wohnzimmerschrank. Spannenberger stellt die Tüte mit seinen Flaschen am Eingang ab. Alfred Stähle, ein kleiner Mann mit Schnauzbart und Lachfalten, springt von seinem Stuhl auf, schüttelt ihm die Hand. „Eine Cola, wie immer?“

Früher haben die beiden nach dem Fußballtraining gemeinsam gezecht. Heute sind sie gemeinsam trocken. Wenn man den Entzug hinter sich hat, lässt sich leichter über die Exzesse von damals reden. Die Worte, die sich Spannenberger spart, gibt Stähle großzügig aus. „Am Ende ging es nicht mehr um Fußball, sondern nur noch ums Saufen“, sagt er.

Stähle ist Betreiber des „Sozialen Wohnzimmers“ und ehrenamtlicher Suchtberater. Dass Heinz ohne Therapie gegen den Alkohol gesiegt hat: „Respekt“, sagt er. „Dafür braucht man einen starken Willen.“ Spannenberger lächelt mit gesenktem Blick.

Später, auf dem Weg zurück in die Bahnhofskneipe, die ihn anzieht wie ein Magnet, sagt er: „Wenn’s die Leute so sagen, wird’s auch stimmen.“ Vielleicht ist da doch so etwas wie Stolz in seinen Worten zu hören.

Am Tresen holt er ein Schachbrett und setzt sich zu einem Freund, An­dreas heißt er. Sobald die zweiunddreißig Figuren stehen, bekommt Spannenberger den Tunnelblick, sein Kopf spielt die nächsten vier möglichen Züge durch. Mit seinen beiden Pferden springt er nach vorn, spielt dann die Läufer frei, um den eigenen König zu sichern. Andreas seufzt, wiegt den Kopf hin und her. Während Spannenberger in Ruhe an seiner Zigarette zieht, beobachtet er jede Bewegung seines Gegners.

Das Spiel, das ohne Worte auskommt, ist Spannenbergers neuer Sport nach dem Fußball. Maximale Konzentration statt maximaler Rausch. Für seinen Schachclub tritt er regelmäßig bei Turnieren an. Zwei Tage dauerte seine längste Partie. Die Spielzüge hat ihm sein Vater beigebracht. Was er im Leben nicht geschafft hat, beherrscht Spannenberger bei diesem Spiel: den nächsten Schritt überlegen, Risiken abwägen, die Lage kontrollieren.

Er zieht seine Dame diagonal über das Feld. Ein gewagtes Manöver. Er weiß, er wird sie jetzt verlieren. Aber er weiß auch, er kann immer noch gewinnen.


Aus: "Porträt eines Flaschensammlers: Ein Mann weniger Worte" Christina Fleischmann (12. 1. 2019)
Quelle: http://taz.de/!5559753/

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #25 on: February 18, 2019, 12:07:04 PM »
Quote
[...] Irgendetwas stimmt nicht mit ihrer Mutter. Das wusste Meike* schon früh, bloß was es ist, war ihr lange Zeit nicht klar. Ihre Mutter redete über sie nur als "das Kind", als sei sie die Tochter einer anderen Frau, sie nannte sie nicht bei ihrem Vornamen. Im Familienurlaub ignorierte sie sie wochenlang. Besuch störte sie, weshalb Meike keine Klassenkameraden mit nach Hause nahm. Ihre Freunde waren ihre Stofftiere und unsichtbare Freunde, die nur in ihrer Fantasie existierten. Doch sie vermisste echte Freunde kaum, ihre Eltern hatten auch keine.

Als Meike acht oder neun war, beschloss sie, später keine Kinder zu haben. Weil man die so oft anschreien muss. Sie hasste es, dauernd angebrüllt zu werden. Als sie elf war, gab es keine Umarmung mehr und keinen Kuss. Als sie 14 war, machte sie zusammen mit ihrer Schwester eine Liste mit Dingen, die sich ändern müssten, Dinge wie: nicht so viel schreien, mehr Rücksicht aufeinander nehmen, nicht beim Essen rauchen. Sie hatten gehört, dass es Familien gibt, in denen man Probleme bespricht. Doch ihre Familie zählt nicht dazu. Die Mutter schwieg die Liste tot.

Kurz vor dem Abitur überlegte Meike, welchen Berufsweg sie einschlagen sollte. Alles, wofür sie sich interessierte, machte die Mutter schlecht. Fotografin? Es gibt schon einen Fotografen im Ort. Psychologie studieren? Überflüssig. Etwas Technisches lernen? Du bist zu ungeschickt. Solche Sätze hörte Meike sowieso am häufigsten von ihrer Mutter: Dafür bist du nicht gut genug. Dafür bist du zu blöd. Du bist unsportlich. Das sieht nicht gut aus an dir. Deine Nase wirkt groß, wenn du lachst. Du kaust falsch Kaugummi. Du hackst den Knoblauch zu langsam.

Heute weiß Meike, was sie ist. Sie ist das Opfer einer narzisstischen Mutter. Es war ein langer Weg, bis sie das benennen konnte.

"Plötzlich steht man da, erwachsen, ist völlig blockiert und weiß nicht, wie man leben soll", sagt Meike. Sie sitzt in einem Berliner Café, eine blasse, blonde, schmale Frau, 32 Jahre alt. Die Jeans und die Bluse, die sie trägt, hat sie vor vielen Jahren mit ihrer Mutter gekauft. Die Kleidung ist nicht das einzige, was sie aus dem Leben mit ihr behalten hat. Auch in ihren Gedanken ist die Mutter allgegenwärtig. Das merkt man daran, wie Meike spricht. Ihre Worte sind so leise, dass das Geklapper an den Nebentischen sie fast verschlucken. Ihr Tonfall ist kleinlaut, ihr Blick weicht aus, sie macht verlegene Pausen. Kontakt mit anderen Menschen bedeutet für sie Stress.

In der Nähe des Cafés, in dem Meike gerade hinter einer Tasse Kaffee fast zu verschwinden droht, liegt der Ort, an dem sie sich alle zwei Wochen mit ihrer Selbsthilfegruppe trifft. Seit etwa zwei Jahren trauen sich Opfer von Narzissten, wie sie sich selbst nennen, an die Öffentlichkeit, jedenfalls halbwegs. Im Schutz der Anonymität des Internets, in geschlossenen Facebook-Gruppen oder Blogs tauchten damals die ersten Berichte von Kindern narzisstischer Eltern auf, plötzlich wurden es immer mehr, und bald sprachen Betroffene offen von ihren Erfahrungen. Meistens sind es Berichte über Mütter, obwohl es theoretisch gesehen genauso viele narzisstische Väter geben müsste.

Das Wort Narziss stammt aus der griechischen Mythologie. Narziss war dort der Sohn eines Flussgottes und einer Nymphe, in den sich alle verliebten, weil er so schön war. Doch er wies ihre Liebe zurück. Als er auf einer Wasseroberfläche sein Spiegelbild erblickte, verliebte er sich in sich selbst, ohne sich zu erkennen. Seine Liebe blieb natürlich unerfüllt, und er verzehrte sich nach seinem Spiegelbild zu Tode. Heute steht Narzissmus meist für übersteigerte Selbstliebe, doch die klinische Definition geht weit darüber hinaus.

Auch Meikes Suche nach Hilfe begann im Internet. Während des Studiums war ihr bewusst geworden, dass etwas nicht stimmte im Verhältnis zu ihrer Mutter, die sie trotz allem liebt und verehrt. "Die anderen sind am Wochenende gerne nach Hause gefahren, doch ich habe gemerkt, dass ich das nicht will", sagt Meike. Allein die Anrufe, die die Mutter jeden Sonntagabend erwartete, hätten ihr bevorgestanden. Sie lächelt gequält. Eines Tages googelte sie die Wörter "gefühlskalte Mutter" und "egozentrische Mutter". Sie stieß auf den Begriff Narzisst. An eine psychische Krankheit oder Störung ihrer Mutter hatte sie schon früher gedacht, am ehesten an einen Burn-out, denn die Mutter war immer gestresst.

Nun fand sie Seiten über narzisstische Eltern, auf denen genau das beschrieben wurde, was ihre eigene Kindheit kennzeichnet, sogar ganze Checklisten. Jeder einzelne Punkt traf zu. Die Mutter kontrolliert alles. Check. Sie kritisiert ständig und schimpft mit dir. Check. Sie vernachlässigt ihre Familie. Nach außen gibt sie sich aber als perfekte Mutter und betont, wie sehr sie sich aufopfert. Check. Sie erwartet, dass du bei der kleinsten Nachfrage springst. Check. Sie vergleicht sich mit dir und ist ihrer Meinung nach besser als du. Check. Sie gibt an. Check. Sie lügt und manipuliert. Check. Sie bekommt Wutanfälle, wenn sie ihren Willen nicht kriegt. Check. Sie entschuldigt sich nie. Check. Kritik kann sie nicht ertragen. Check. Sie sagt dir, wie du dich zu fühlen hast. Check. Sie hört nicht zu. Check. Sie ist unfähig, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen als ihrer eigenen. Check. Sie widerspricht sich selbst und gibt es nicht zu. Check. Sie setzt alles daran, dass du dich dumm, ungeschickt und hilflos fühlst. Check.

Es war ein Befreiungsschlag – zu verstehen, dass es ein Muster gibt, das emotionale Misshandlung heißt. Doch eine Erlösung war es noch nicht. Zu grundlegend waren ihre Probleme. Schon allein den Alltag zu strukturieren oder ihre Aufgaben zu erledigen, bekam sie nicht hin. Es war, als würde sie in lauter Einzelteile zerspringen, wenn ihre Mutter nicht da war, um sie zusammenzuhalten.
Unfreiwillig übernahm ihr erster Freund die Rolle der Mutter. Wenn Meike ihn fragte, sagte er ihr, was sie anziehen und was sie frühstücken sollte. Er plante ihre Woche für sie durch. Sie wusste nicht mal, wie Aufräumen geht – ohne eine Mutter, die ihr genau sagt, was wohin geräumt wird. Selbst ihr Studium organisierte er, "dabei studierte er gar nicht".

Ohne ihren Freund fühlte Meike sich unwohl. Musste sie doch einmal allein unterwegs sein, versuchte sie, sich klein zu machen, unsichtbar. Wenn sie in der Straßenbahn fuhr, hatte sie Angst davor, angesprochen zu werden. "Ich hatte Anfänge von Soziophobie", sagt sie und macht eine betretene Pause, wie so oft, wenn sie redet. Es fällt ihr schwer, von sich zu erzählen. "Ich habe immer versucht, die Person darzustellen, die meine Mutter lieben könnte", sagt sie. "Heute kann ich nicht unterscheiden, was ich bin und wie ich erscheine. Es ist wie ein Leben ohne Boden. Man kriegt nicht den Antrieb, weil man sich nicht abstoßen kann." Es sind erschütternde Sätze – und gleichzeitig messerscharfe. Sie passen nicht zu der verschüchterten Frau und ihrer leisen Stimme. Man fragt sich, was aus ihr geworden wäre, wäre sie nicht im Schatten dieser Mutter aufgewachsen.

Jemand, der sich mit Narzissmus auskennt, ist der Hamburger Psychiater und Psychotherapeut Claas-Hinrich Lammers, Ärztlicher Direktor an der Asklepios Klinik Ochsenzoll. Er gilt als einer der deutschen Experten auf dem Gebiet und wenn man ihn fragt, was genau dieser durch Donald Trump so populär gewordene Begriff bedeutet, antwortet er erst einmal: "Es ist schwer, darüber zu sprechen, ohne in ein abwertendes Urteil abzugleiten: Ist halt narzisstisch. Worüber die Leute sich aufregen, ist – um im Krankheitsbild zu bleiben – das, was man histrionisch nennt: ein bisschen übertrieben sein, gemocht werden wollen. Das ist nicht der Kern von Narzissmus." Es gebe einen durchaus gesunden Narzissmus, zu dem positive Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen und Karriereorientierung gehörten: "Narzisstische Menschen sind wagemutiger und innovativer."

Wenn man aber vom krankhaften Narzissmus spreche, beziehe sich das auf Menschen, die absolut im Mittelpunkt stehen müssten. "Die haben diese irrsinnige Anspruchshaltung: Man muss immer besser und erfolgreicher sein, als man eigentlich ist. Das, was man glaubt zu sein und was man glaubt, wie andere einen sehen müssten, entspricht aber oft nicht der Realität. So jemand läuft herum und sagt: Ich bin unangreifbar, ich kann alles besser, und jeder, der ihm in die Quere kommt, wird abgewertet." Zweitens, sagt Lammers, gebe es eine deutliche Empathiearmut bei diesen Menschen, das sei noch charakteristischer. Sie könnten sich in andere Menschen weder einfühlen noch hineindenken, beziehungsweise wollten das, wie neuere Studien zeigten, auch gar nicht. "Es ist ihnen egal, wie andere Menschen sich fühlen. Das macht Interaktion mit ihnen unglaublich schwer."

Was bedeutet das für die Kinder narzisstischer Eltern?

"Für Kinder ist das ganz heikel", sagt Lammers. "Durch die Mutter lernt ein Kind sich selbst kennen. Wenn es zur Mutter kommt und ihr sagt: 'Alles ist doof, alle in der Klasse ärgern mich', und die Mutter sagt: 'Das muss ja schlimm für dich sein. Erzähl mir, was ist da los?' – dann fühlt sich das Kind verstanden und unterstützt und kann sich positiv entwickeln. Wenn die Mutter sagt: 'Da kann ich auch nichts machen', dann kann diese unempathische Aussage dazu führen, dass das Kind sich unverstanden und ungeliebt fühlt." Das könne sich in einem geringen Selbstwertgefühl niederschlagen und in einer Neigung, anderen Menschen nicht mehr von den eigenen Problemen zu erzählen. Für ein Kind werde es dann schwierig, einen vertrauensvollen und offenen Kontakt zu anderen aufzubauen. "Aber so lange jemand nicht darunter leidet, hat ein Psychiater in dem Fall diagnostisch nichts zu tun."

Doch es gibt ja Leidtragende. Die Kinder. Nur erkennt man die Schäden nicht. Kinder, die geschlagen werden, haben blaue Flecken. Was Narzissten an einer Seele anrichten können, sieht man nicht.

"Ein Mensch, der anderen Leid zufügt, muss deswegen nicht krank sein", sagt Lammers. "Selbst wenn man als Kind vom Vater geschlagen wird, ist der Vater oft nicht krank, sondern ein übler Typ." Welche Auswirkungen narzisstische Eltern auf Kindern haben, sei nicht genau bekannt. Seines Wissens nach gebe es keine wissenschaftlichen Untersuchungen dazu, dafür müsste erst einmal der Narzissmus der Eltern erfasst werden. Doch es gebe verschiedene Erklärungsmodelle für die Ursache von Narzissmus – von Eltern, die als Kinder selbst vernachlässigt wurden bis hin zu Eltern, die als Kind ständig über den grünen Klee gelobt wurden. Auch scheint die Genetik eine Rolle zu spielen, erklärt der Psychotherapeut: "Die narzisstische Persönlichkeitsstörung hat das höchste genetische Loading von allen Persönlichkeitsstörungen, das heißt, ungefähr 70 Prozent der Ausprägung von Narzissmus lassen sich durch genetische Faktoren erklären. Die Ursachen sind unbekannt. Man weiß das aber aus großen Zwillingsstudien."

Was würde er einem Kind mit narzisstischem Elternteil raten?

"Da gibt es kein Patentrezept. Die Frage ist, wie sich die Kinder als Erwachsene verhalten: Wie will ich mit meinen Eltern umgehen? Will ich mich distanzieren? Will ich eine Beziehung haben?" Das müsse man für sich selbst herausfinden. "Ganz wichtig ist: Man wird narzisstisch Gestörte oftmals nicht ändern. Das muss man akzeptieren. Man sollte besser lernen, das Bedürfnis, von der Mutter geliebt zu werden, zu reduzieren." Es sei wie ein Abschiednehmen, wie ein Trauern, das seine Zeit dauert, erklärt er: "Man muss sich sagen: Ich werde von meiner Mutter nie die Liebe und Zuneigung und das Verständnis bekommen, das ich gerne gehabt hätte. Es ist ein sinnloser Kampf." Ein Kampf gegen Gefühle, die man nicht einfach so abstellen kann.

Das Abschiednehmen von der Mutter ist auch ein zentrales Problem in der Selbsthilfegruppe "Töchter narzisstischer Mütter". Es ist die erste und bislang vermutlich einzige ihrer Art bundesweit. Mal kommen nur wenige Frauen, sagt Meike, mal sind sie 20. Die Zahl klingt klein, aber die Gruppe hat selbst zusammengefunden, über das Internet. Es gibt keine offiziellen Hilfsangebote. Die jüngste Teilnehmerin ist Anfang 20, die älteste Ende 60. Eine Zahnärztin ist dabei, eine Filmemacherin, eine Lehrerin, eine Professorin für Biochemie, eine Sprechtherapeutin. Lauter Frauen, die erfolgreich zu sein scheinen und doch mit ihrem Leben nicht zurechtkommen.

Für Meike ist die Gruppe eine Erlösung. Denn das Schlimmste war, dass sie mit niemandem reden konnte. Es ist schwierig, Nichtbetroffenen zu beschreiben, was eine narzisstische Mutter bedeutet. Es heißt dann oft: "So schlimm kann es doch nicht sein. Meine Eltern sind auch merkwürdig. Da stehst du doch drüber." Aber wie soll man darüberstehen, dass man von der eigenen Mutter nicht geliebt wird?

An einem Montagabend sitzen einige "Töchter narzisstischer Mütter" in einer hellen Hinterhofwohnung im Kreis zusammen. Es gibt Wasser, Tee, Kekse, ein Thema hat der Abend nicht. Kein Abend hat ein Thema. Meistens erzählt jemand, dann fallen die anderen ein. Heute bricht Irene, Anfang 50, Biochemikerin, gleich zu Beginn in Tränen aus. Sie überlegt, ihre Mutter zu verklagen. Sie hält sie für schuldig am Tod ihres kürzlich verstorbenen pflegebedürftigen Vaters. "Sie hat ihn schlicht vernachlässigt." Sonja, Mitte 60, sagt gereizt: "Davon hast du nun schon die ganzen letzten Male erzählt. Du musst mal einen Schritt weiterkommen." Ihre eigene Mutter ist allerdings bereits seit 25 Jahren tot, und sehr viel weiter als damals ist sie selbst nicht. "Meine Mutter ist auch schuld daran, dass ich nie Kinder bekommen habe", fügt Irene hinzu, "ich habe mir das nicht zugetraut. Und nun bin ich ganz allein."

"Soweit werde ich es nicht kommen lassen", ruft Ellen. "Meine Mutter hat es mir vorenthalten, mich zu lieben, aber ich lasse es nicht zu, dass sie es mir vermiest, Kinder zu lieben!" Ellen, 32, hat gerade ihr Studium abgeschlossen und ist jetzt Zahnärztin. Ihre Mutter ist Yogalehrerin. "Yoga und Achtsamkeit, davon hat sie den ganzen Tag geredet", erzählt sie. "Zu Hause stand ihr Schreibtisch mitten vor dem Fernseher, und immer, wenn jemand fernsehen wollte, hat sie sich beschwert, dass sie nicht arbeiten kann." Ellen hatte Essstörungen und verletzte sich selbst. Vor sechs Jahren hat sie den Kontakt abgebrochen, und doch ist bisher kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihre Mutter gedacht hat.

Alle anwesenden Frauen haben Beziehungsprobleme. Einige leiden unter Depressionen, fast keine hat Kinder, die meisten haben Berufsausbildungen oder Studiengänge abgebrochen. Alle wissen, wie es ist, ohne Anlass niedergemacht zu werden. "Jede Geschichte hier könnte meine sein", sagt Karen, eine Lehrerin. "Das hilft mir sehr. Es gibt sonst keine Lobby für Kinder wie uns."

Später am Abend erzählt Meike von ihrem neuen Job. Vor vier Jahren hat sie ihr Studium als Kulturwissenschaftlerin abgeschlossen, seit einigen Monaten hat sie eine Stelle im Kundenservice eines Start-ups. Sie ist dafür überqualifiziert, aber es ist eine Stelle. Immer und immer wieder hatte sie es verschoben, sich zu bewerben. "Vorstellungsgespräche setzen mich unter Druck. Der ganze Prozess besteht aus Bewertungssituationen, in denen ich abgelehnt werden könnte", sagt sie. "Ich weiß, dass ich einiges kann, doch ich sabotiere meine eigene Entwicklung."

"Was hat deine Mutter zu der Stelle gesagt?", fragt Sonja. "Gar nichts. Ich habe ihr dann erzählt, dass ich mir selbst zur Belohnung eine Kamera geschenkt habe. Sie hat nur geantwortet: 'Weißt du nichts Besseres?'" Meike macht wieder eine Pause. "Trotzdem wäre ich am liebsten ihre Freundin. Auch wenn Eltern eigentlich keine Freunde sind." "Ihre Freundin?", fragt Irene. "Ich weiß genau, wovon du sprichst!", ruft Ellen, "doch davon kannst du dich verabschieden". "Ich hätte gern einen ganz tollen Kontakt zu ihr", fährt Meike fort. "Dass sie mal fragt, wie es mir geht und es auch wirklich so meint. Mir Unterstützung anbietet, im Job, im Alltag, mal einen Haushaltstipp hat." Jetzt lachen alle. Meike fängt selbst an zu lachen. Eigentlich ist es ein trauriger Moment, doch manchmal hilft es, gemeinsam zu lachen.

Man kann sich die Frage stellen, ob man Mitgefühl mit einer narzisstisch gestörten Person haben muss, weil sie ja eben krank ist. "Wenn du vom Auto angefahren wirst und verletzt wirst, kümmerst du dich um dich selbst, egal, welche Verletzung der Fahrer hat", antwortet Karen. "Mitgefühl kann man uns nicht abverlangen" – darin sind sich die Frauen einig.

Gerade pausiert die Gruppe. Kurz vor Weihnachten gab es Streit über den Treffpunkt, über die Dominanz einzelner und das ausufernde Redebedürfnis anderer. Es ist keine leichte Sache, eine nicht angeleitete Selbsthilfegruppe am Laufen zu halten, es gab nicht den Fortschritt in der Aufarbeitung, den sich alle erhofft haben.

Meike ist wieder auf sich allein gestellt. Sie hat immer noch die Tagträume, die sie schon als Mädchen hatte, wenn sie unter Stress steht oder eine Entscheidung treffen muss. Es scheint ihr etwas zuzustoßen, doch dann wird sie gerettet – von Freunden, von Menschen, für die es sich lohnt, weiterzumachen. Es geht darin dunkler zu als in der Realität, sagt sie. Aber in ihren Träumen gewinnt sie immer.


*Die Namen von Meike und den anderen Frauen im Text wurden zu ihrem Schutz geändert.



Aus: "Narzissmus: "Meine Mutter hat es mir vorenthalten, mich zu lieben"" (17. Februar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2019-02/narzissmus-eltern-erziehung-kinder-liebe-psychische-gesundheit/komplettansicht

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Hansifritz #2

Es ist sehr schwer, ja fast unmöglich seiner Kindheit zu entkommen. ...


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DBN #6


... Erwachsene Kinder die mit einem narzisstischer Elternteil aufgewachsen sind leben oft dauerhaft auf zu dünnem Eis. Viele von ihnen leben ihr Leben ohne jemals eine innere dauerhafte Stabilität aufbauen zu können. Einige sind hochfunktionierend, lassen nichts nach Außen von der Verletztheit. Töchter - und natürlich Söhne auch - von narzisstischen Vätern haben einen langen Weg vor sich, bis sie sich aus der Opferrolle befreien können, in die Töchter von narzisstischen Elternteilen oftmals gleiten. Oder aus dem Aggressionstanz, den oftmals Söhne von narzisstischen Elternteilen ein Leben lang weitertanzen und weitergeben, an die nächste Generation. Selbstbestrafung, Selbstsabotage, ständige Selbstzweifel, auch Perfektionismus und Suchtverhalten als Versuche das Leid, den Schmerz zu betäuben - das ist für viele Erwachsene mit diesem Familienhilfe zergrübeln dann die Dauermelodie ihres Lebens.

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belahu #9


Als Sohn eines narzisstischen Vaters kann ich es nur begruessen, dass in der Oeffentlichkeit jetzt mehr ueber das Thema 'narzisstischer Missbrauch' gesprochen wird. Es war nicht einfach, eine geeignete Therapie zu finden, als ich nach einem langen (erfolglosen) Weg nach Anerkennung und womoeglich Liebe, feststellen musste, dass mein Vater dazu gar nicht in der Lage sein wuerde. Die ganze Familienzusammenstellung war schraeg, das 'System' wird von den restlichen Familienmitgliedern meist auch als 'stabil' erfahren, trotz aller Funktionsstoerungen, und derjenige oder diejenige, die den Mund aufmacht, wird als schwarzes Schaf meist abgestossen. Mit ein wenig Glueck stoesst man bei den Geschwistern auf Verstaendnis, aber das ist auch nicht immer der Fall, weil auch sie eine Rolle spielen und evtl. nicht dazu bereit sind, Pandora's Dose zu oeffnen. Man braucht wirklich professionelle Hilfe, um sich davon zu loesen und zu emanzipieren. Und auch das ist ein langer Weg, der Jahre braucht, bis es wirklich besser wird.


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NordicBerry #9.1

Was Sie beschrieben haben, kenne ich aus meiner Familie sehr gut. Es ist ein Bisschen, als wäre man der Whistleblower, der dafür bestraft wird, weil er die Wahrheit aufdeckt. ...


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Nonomnia_67 #10

Seit ca. 15 Jahren wird im organisationspsychologischen Kontext viel zur sog. Dunklen Triade geforscht: Narzissmus, Machiavellismus (kaltherziges Karrierestreben und Instrumentalisierung anderer) sowie Psychopathie (Gewaltneigung, völlige Empathielosigkeit). Die Befunde sind recht klar: Narzissten und Machiavellisten haben oft rasche Karrieren, die Auswirkungen auf Mitarbeiter und Teams im Falle von Führungskräften sind oft desaströs, sie schädigen - evidenzbasiert - die Gesundheit von MA massiv (O'Boyle et al., 2012; Braun, 2014; Externbrink & Keil, 2017; Harms et al., 2017; Montano et al., 2017; Bildat & Martin, 2019). Dumm nur, das Dark Triad-Typen oft auch charmant und extravertiert sind und die westliche Leistungsgesellschaft das dann honoriert (s. Uber, Google, Strauss-Kahn, Weinstein... to be continued). Verantwortungsvolle Personalauswahl kann das Schlimmste verhindern.


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Oh ein Eichhörnchen #11

In Varianten kommt es mir sehr bekannt vor. Mit fatalen Folgen. Aber eher Vater als Mutter. Das allerwichtigste, wie auch erwähnt: sich von der Illusion verabschieden eine Änderung erreichen zu können. Abschied vom Bild des perfekten Vaters/der Mutter nehmen und das innere Kind heilen.


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uboot #16

Einige Anzeichen kommen mir sehr vertraut vor- die Folgen ebenfalls.
Was ich dagegen unternommen habe?
900 Km Distanz und Besuche nie länger als 5 Tage und höchstens 2X im Jahr. So kann man es aushalten.


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tsitsinotis08 #16.1

Aushalten schon —aber reicht das? ...


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DingoEurope #19


Ich kann sagen, dass mein Vater diese narzistische Ausprägung hat. Haben dann ebenfalls vor 8 Jahren den Kontakt abgebrochen und seit dem geht es mir deutlich besser.


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tsitsinotis08 #22

M.E. sind Narzisstinnen, die die Rolle der selbstlosen Mutter perfekt beherrschen, das Schlimmste, was einem Kind passieren kann.

Die Kinder sind ängstlich, nervös und haben v.a. ständig Angst, die Mutter könnte mit ihnen nicht zufrieden sein und ihre Erwartungen nicht erfüllen.
Ihre Selbstlosigkeit hindert die Kinder zusätzlich, an ihr Kritik zu üben.


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KoljaDerGrüne #24

Auf die Mutter meiner ersten großen Liebe und Exfreundin trifft alles aus der Checkliste zu und sie selbst hat ganz ähnliche Probleme. Gruselig, ich war immer total ratlos und heillos überfordert mit der ganzen Situation und es hat mich selbst jetzt nach 2 Jahren noch nicht ganz losgelassen.


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lancie #25


Meine Mutter ist ebenfalls eine eiskalte Narzisstin, die es nie ertragen konnte, wenn ich mal im Mittelpunkt stand oder wenn es mir mal gut ging (z. B. an meinem Geburtstag oder zu meiner Hochzeit). Das Ergebnis ist, dass ich den Kontakt zu ihr seit einem Jahr abgebrochen habe. Seitdem geht es mir besser, ich bin schon seit zig Jahren in Therapie, aber ich höre immer noch die Stimme des inneren Kritikers (ihre Stimme) die mir immer sagt, ich sei nicht gut genug und könne nichts richtig machen. Obwohl ich promoviert habe, fällt es mir weiterhin schwer, mich beruflich zu orientieren und mit meinem Leben zufrieden zu sein. Es ist wie ein ständiger Kampf gegen die Dunkelheit, die aber allmählich zurückweicht. Ich frage mich manchmal, was aus mir mit einer guten Mutter geworden wäre, aber mittlerweile versuche ich mir selbst eine gute Mutter zu sein.


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Roaring #31

Wahrscheinlich sind die meisten Eltern-Kind-Beziehungen nicht optimal. Und wahrscheinlich ist das in dieser Gesellschaft auch zwangsläufig - normal.


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heucheleientlarver #31.1

Es gibt einen Unterschied zwischen "nicht optimal" und "verletzend-demütigend".


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Systemator #31.2

Ich halte nichts von diesem Relativieren. Es gibt tatsächlich extreme Ausschläge. Einen narzisstischen Elternteil zu haben, ist in der Tat ein ganz harter Brocken mit gravierenden Folgen. Das fällt nicht mher bloß unter "suboptimal".


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EinTollerName #36.1

Die „schwarze Pädagogik“, die Kinder zu Kruppstahl machen sollte, war (und ist) im Nachkriegsdeutschland tatsächlich sehr präsent (und schädlich).
Sie ist aber nicht zu vergleichen mit den Beziehungen zu einem Elternteil mit Narzissmus und verursacht diesen sicher auch nicht.
Sie könnte jedoch die Akzeptanz für seelischen Missbrauch in der Gesellschaft gefördert haben. Wobei Familien, die unter Narzisten leiden, nach außen ja in der Regel eh als heile und perfekt erscheinen.


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hühnersuppe #36.2


"Dabei fällt mir ein weiterer Artikel ein, wo es darum geht, dass die Mütter aus der Kriegsgeneration gelernt haben ihre Kinder nicht zu verwöhnen und sie sozusagen nicht zu verweichlichen. Diese Erziehungsmaßnahme soll insbesondere in Deutschland sehr weit verbreitet gewesen sein."

Dieser Erziehungsstil begünstigt oder kaschiert durchaus eine narzisstische Haltung bei den Eltern: Unter dem Deckmantel der Abhärtung lässt sich wunderbar verbergen, dass man nicht in der Lage ist, zugunsten der Kinder mal seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse hintanzustellen.
Ich habe das mal an einem Vater beobachtet, der seinen kleinen Sohn, auch vor Besuch, gerne als "Egoisten" beschimpfte: Ich hatte in den Situationen eher den Eindruck, dass er mit sich selbst redete...


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Fragestellerin #39

Ich, Ü60, hatte eine ähnliche Mutter. Ich war für sie nicht mehr, als eine billige Dienstmagd und später dann musste ich auch noch ertragen, dass mein Stiefvater sexuell übergriffig wurde. Mit dem Wissen meiner Mutter. Der Schmerz bleibt lebenslänglich, er wird nur schwächer.
Was noch einmal kurz belastend war, als meine Mutter in ein Pflegeheim kam. Ich hatte natürlich den Kontakt schon lange vorher abgebrochen. Mein Brüder übrigens auch. Dennoch meinten Pflegekräfte udn Betreuer, dass sie über uns Kinder richten dürften. Frei nach dem Motto: "aber da ist doch Ihre Mutter, da muss man doch ..." Nein, muss ich eben nicht.


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DanielaBu #39.2

Die heilige Familie.....


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sonneundmond #40

Mit etwas Abstand ist vieles von dem Verhalten einfach nur peinlich und lächerlich. Narzisten verhalten sich wie kleine Kinder. Die emotionale Kontrolle ist sehr schwach. Sie wollen alles sofort, sind wegen geringsten Kleinigkeiten unglaublich beleidigt, die Wut ist dann nahezu unbändig und zerstörisch, sie nehmen sich immer das größere Stück Kuchen, machen Erfolge von anderen Zunichte, weil sie neidisch sind, selbst auf Erfolge ihrer Kinder.. Meine Mutter hat immer “ätsch!” zu mir gesagt. “ätsch, ich hab das größere Stück!” Wie peinlich ist das denn, einem kleinen Kind gegenüber und erst heute, sie ist schon 70?

Das Problem ist, wenn man ein einfühlsamer sensibler Mensch ist, dass man dieses Verhalten, dieses um sich selbst drehen dieser Personen und ihre komischen Machspielchen, die jedem vernünftigen Menschen nicht einmaleinfallen würden, weil sie so unnötig und gleichzeitig so zerstörerisch sind, so lange nicht durchschaut. Es sind die Kleinigkeiten, die so perfide sind, weil man nicht nachvollziehen kann warum jemand so etwas macht. Aber auch die unglaubliche Ignoranz dieser Leute anderen gegenüber, die mich immer wieder fassungslos macht.


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Coruscant #40.1

... Narzisstisch gestörte Mütter glauben, ihre Kinder zu lieben und sind überzeugt, dass diese ihre Liebe brauchen. Aber jeder Mensch braucht auch Selbstliebe; echte Liebe zu anderen wurzelt immer in Selbstliebe. Genau diese haben Gestörte aber nicht; sie spüren sich selbst nicht und beuten deswegen die Gefühle anderer aus. Ein Teufelskreis.


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atlantik #47

Der narzistische Denkfehler lautet:
Du wirst geliebt, wenn...

...wenn du diese oder jene Leistung erbringst, dieses oder jenes Verhalten zeigst, diesen oder jenen Besitz vorweisen kannst, ein bestimmtes Ausehen hast, Aufmerksamkeit bekommst/viele Follower hast, diese Merkmale auch für deine/n Partner/in oder deine Kinder/deine Freunde gelten...usw.

Narzissmus ist das Ergebnis einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft, einer Gesellschaft, die Liebe zwar verspricht, aber niemals hält.
Und ein Mensch, der diesem zweifelhaften Konzept folgt, ist zutiefst zu bedauern.
Denn es wird nie genug sein.
Nie.

Ein narzisstischer Mensch ist im Grunde ein zutiefst verzweifelter Mensch.


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Lescaramouche #47.2

Sie haben den traurigen, narzistischen Denkfehler treffend auf den Punkt gebracht. Ich glaube jedoch, dass das verbreitete narzistische Phänomen in unserer Gesellschaft zwar nach ähnlichen Regeln tickt, wie Narzismuss in seiner krankhaften Ausprägung, jedoch noch einmal von diesem unterschieden werden muss.
Der Artikel spricht von genetischen Ursachen, ich vermute, es liegen auch schwere Verletzungen in der Kindheit vor. Es ist wohl eine gestörte Form der Fähigkeit zu lieben und sich selbst zu lieben, die da, auf welchem Weg auch immer, weitergegeben wird.


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redshrink #51

Die Schweizer Psychoanalytikern Alice Miller hat das Thema der neurotischen Eltern, welche ihre Kinder benutzen, um sich selber besser zu fühlen, schon vor 40 Jahren beschreiben, in Büchern wie „Das Drama um das begabte Kind“ und „Du sollst nicht merken“. Ich habe sie mit Mitte 20 gelesen, vor gut 30 Jahren also, und sie waren wie ein erster Befreiungsschlag. Die rasenden unvorhersehbaren Wutausbrüche meiner Mutter, ihre körperliche Gewalt, ihre abwertenden und verletzenden Bemerkungen, ihre völlige Selbstbezogenheit und ihre Ablehnung jeder Verantwortung für all das fügten sich zu einem Bild zusammen, das hieß „emotional instabile Persönlichkeit“, und war in ihrem Falle eine Mischiung aus extremer Histrionik mit Boderline-Strukturen. Zum ersten Mal konnte ich meine ständige Beschämung, mein mangelndes Selbstvertrauen und die ständige Vorsicht – nie spontan sein, immer auf der Hut – in ein anderes Licht rücken.

Es hat dann dennoch weitere Jahrzehnte gedauert, bis ich zu einer grundsätzlichen Selbstakzeptanz gelangen konnte. Mein Kindheit hing und hängt über mir wie ein dunkle Wolke. Ich bin natürlich Psychiater geworden, wohl auch ein sehr fürsorglicher. Geholfen haben mir meine Psychoanalyse und mein Mann. Unsere liebevolle Beziehung bedeutet wohl für uns beide eine Art Heilungserfahrung.

Familienbesuche sind sporadisch. Ich bin eh der letze meiner Familie. Mit meiner Mutter über diese Dinge zu reden, ist nicht möglich. Darum bleibe ich auf Distanz.


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Закон Шмальгаузена #58

... Haben wir nicht diese Gesellschaft selbst ideologisch so geformt, dass in jeden Gebrauch des Wortes Liebe sofort der kalte Stahl des Radikalmaterialismus schneidet? Messen wir Kindeswohl nicht längst einfach an "Satt & Sauber" und Abwesenheiten, nämlich denen von körperlicher Züchtigung und körperlichem Missbrauch?

Und jetzt fehlt sie dann doch brutal, die Mutterliebe, die positive Anerkennung und Akzeptanz?


...

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #26 on: February 18, 2019, 12:29:26 PM »
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[...] Junge Frauen aus Saudi-Arabien beantragen sei einigen Jahren vermehrt Asyl in Deutschland und der EU. Sie wollen der Bevormundung durch ihre Familien entgehen. Denn auch als Erwachsene können Frauen in dem konservativen Königreich nicht selbst einen Pass beantragen oder nach eigenem Willen heiraten, sie brauchen dafür das Einverständnis eines Mannes der Familie.

Verglichen mit den insgesamt 130.000 Asylanträgen allein im vergangenen Jahr in Deutschland ist die Zahl von etwas mehr als 160 saudischen Anträgen in den letzten drei Jahren verschwindend gering. EU-weit waren es in den vergangenen vier Jahren auch nur knapp 700 Saudis, die um Asyl gebeten haben. Aber in den Jahren zuvor hatte es kaum einen Antrag aus dem arabischen Königreich gegeben. Zuletzt haben immer mehr junge Saudis versucht zu fliehen.

"Ich habe es nicht mehr ausgehalten", erzählt Dania, die aus Angst ihren echten Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. "Ich bin 28 Jahre alt und durfte mich nicht einmal mit meinen Freundinnen treffen, ohne meine Eltern um Erlaubnis zu bitten." Irgendwann hätten die Eltern ihr auch verbieten wollen, Bücher zu lesen. Sie habe sich verändert, behaupteten sie. Gerade wenn es um den Islam ging. "Ich kann dieses Bild, dass der Mann über die Frau bestimmt, einfach nicht akzeptieren", sagt Dania.

Das Verbot, weiter zur Arbeit zu gehen, die ständigen Kontrollanrufe, die Durchsuchungen ihres Zimmers: All das sorgt dafür, dass Dania ein Ticket nach Minsk bucht, weil sie dafür kein Visum braucht. Mit Transit in Frankfurt. Zwei Mal verschiebt sie den Flug, weil der Zeitpunkt ungünstig ist. Hin- und Rückflug, dazu ein Hotel in Weißrussland, um am Flughafen keinen Verdacht zu wecken.

Ein paar Monate vor Dania ist Marwa aus ihrem Familienhaus in der saudischen Hauptstadt Riad verschwunden. Auch sie fliegt nach Frankfurt und sagt bei der Passkontrolle nur ein Wort zu den Bundespolizisten: "Asyl". Auch sie will nicht erkannt werden, twittert im Internet anonym über Frauenrechte, bezeichnet das relativ luxuriöse Leben in Saudi-Arabien für Frauen als "Goldenen Käfig".

"Man wird ständig beleidigt, dass man die Familie und das Land entehrt habe", sagt sie am Telefon. "Es gab aber auch Fälle, dass die saudischen Behörden einige von uns ausfindig gemacht und versucht haben, sie davon zu überzeugen, zurückzugehen." Zur Bevormundung der Frauen in Saudi-Arabien hat Marwa eine klare Meinung: "Das ist Sklaverei."

Eine App und eine Computersoftware des saudischen Innenministeriums haben zuletzt für Aufsehen gesorgt: "Absher", was im saudischen Dialekt so etwas heißt wie: "In Ordnung!" Das Programm regelt digital alle möglichen Behördengänge von der Zahlung eines Strafzettels bis zur Beantragung eines Passes. Über die App verwalten Männer und Väter auch die Daten ihrer Schutzbefohlenen und können für Frauen festlegen, an welchem Flughafen sie Saudi-Arabien verlassen dürfen. Die App gibt es in dieser Form seit 2015 – seitdem gibt es immer mehr Asylanträge.

Marwa hat das Handy ihres Vaters vor etwa einem Jahr gestohlen, sich mit dessen Daten eingeloggt und sich dann selbst die Erlaubnis gegeben, Saudi-Arabien zu verlassen, erzählt sie. Früher musste der Vater, Ehemann oder Bruder persönlich zur Behörde gehen. "Die App hat uns geholfen und eigentlich eine Möglichkeit eröffnet, abzuhauen", sagt Marwa.

Politiker und Menschenrechtsgruppen in den USA hatten Apple und Google zuletzt aufgefordert, die App nicht mehr anzubieten. Das Europäische Parlament kritisierte das elektronische System erst in einer Sitzung am Donnerstag und forderte Saudi-Arabien auf, Vormundschaften für Frauen endlich zu beenden. Trotz der bislang durchgeführten Reformen wie der Stärkung von Frauenrechten und dem Ende des Fahrverbots für Frauen bleibe das politische und soziale System für Frauen weiter diskriminierend, heißt es in der Resolution des EU-Parlaments.

Für Dania, die in einer Asylunterkunft in Ostdeutschland auf ihren Bescheid wartet, bedeutete die Flucht, alles zurückzulassen – auch ihren Freund, einen Christen. "Ich weiß, wir werden hier nicht zusammenkommen können, aber er versteht, dass ich weg musste", erzählt die junge Frau. "Er war nur etwas enttäuscht: 'Du hättest wenigstens tschüss sagen können', schrieb er mir."

Ein Zurück gibt es für sie nicht. Sie liebe es, morgens aufzustehen und sich spontan zu entscheiden, ob sie sich mit Freunden treffe, in den Supermarkt einkaufen oder im Park spazieren gehe. Diese Freiheit will sie nicht wieder aufgeben. Sie kenne Geschichten, in denen weggelaufene Mädchen nach der Rückkehr von ihrer Familie eingesperrt oder sogar getötet wurden. "Über das Internet habe ich letztens meinen Status in Absher kontrolliert", sagt Dania. Alle zuvor bestehenden Berechtigungen für Reisen und Behördengänge seien ihr inzwischen entzogen worden. "Ich kann nicht mehr zurück."


Aus: "Saudische Frauen fliehen vor ihrer Familie – mit Hilfe einer Tracking-App" Simon Kremer, dpa  (17.02.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Saudische-Frauen-fliehen-vor-ihrer-Familie-mit-Hilfe-einer-Tracking-App-4311191.html