Author Topic: [Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]  (Read 2016 times)

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« on: January 28, 2016, 01:28:33 PM »
Familismus ist ein soziologischer Begriff, der die Familie als Leitform einer Sozialstruktur beschreibt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Familismus (12. Oktober 2015)

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Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift von Sigmund Freud. Die Arbeit ist, neben Massenpsychologie und Ich-Analyse von 1921, Freuds umfassendste kulturtheoretische Abhandlung; sie gehört zu den einflussreichsten kulturkritischen Schriften des 20. Jahrhunderts. Thema ist der Gegensatz zwischen der Kultur und den Triebregungen. ... Die Familie widersetzt sich dem Ziel der Kultur, der Bildung immer größerer sozialer Einheiten. Und die Kultur unterwirft das Sexualleben starken Einschränkungen, so dass die Sexualität des Kulturmenschen schwer geschädigt ist. ... (Aus: "Das Unbehagen in der Kultur", 3. Dezember 2015) https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbehagen_in_der_Kultur

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Quote
[...]  Über Zusammenhänge zwischen Familienhintergrund und dem, was später die „autoritäre Persönlichkeit“ heißen sollte, begann der Soziologen- und Analytikerkreis um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Erich Fromm schon in den dreißiger Jahren nachzudenken. Nach 1933 mußte er in die Emigration und setzte schließlich in Kalifornien seine Arbeit fort. Noch 1936 gab er in Paris ein reichhaltiges Sammelwerk über „Autorität und Familie“ heraus.

Die maßgebende Theorie über Autorität und Familienhintergrund entwarf darin Erich Fromm. Er knüpfte an Freud an. Der hatte es so gesehen: Der kleine, etwa drei- bis sechsjährige Junge verliebt sich in seine Mutter und wird darum auf den Vater eifersüchtig. Der Vater wird sein gehaßter Rivale. Diese „ödipalen“ Wünsche sind unerfüllbar. Er muß sie aufgeben, und dieser Verzicht fällt ihm leichter, wenn er sich mit dem Vater „identifiziert“, dessen Gebote und Verbote zu seinen eigenen macht, wie später die Vorschriften von Erziehern, Lehrern, Vorbildern. Sie alle bilden sein Gewissen, sein „Über-Ich“. Das Über-Ich ist die verinnerlichte väterliche Autorität. Daß der Mensch später Autoritäten anerkennt, sich ihnen fügt, an sie glaubt, kommt daher, daß er die Normen seines Über-Ichs wiederum personifiziert. Alles in allem ist es die Familie, die die Bereitschaft bestimmt, Autoritäten zu suchen und anzuerkennen.

Erich Fromm nun wendete diesen Ansatz ins Gesellschaftliche. Freud, sagte er, habe nur gesehen, daß die Autoritäten der Gesellschaft die Verlängerungen der Vaterfiguren seien; übersehen aber habe er, daß die Autorität der Väter ihrerseits nie absolut ist, sondern sich ihrerseits „an die in der Gesellschaft herrschende Autorität anschließe“. ...


Aus: "Das Unbehagen an der Autorität - Erziehung: „Respekt und Liebe schließen sich nicht aus“ (II)" Dieter E. Zimmei (14. August 1981), Quelle: http://www.zeit.de/1981/34/das-unbehagen-an-der-autoritaet

« Last Edit: September 20, 2016, 01:30:50 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #1 on: May 30, 2016, 07:57:31 AM »
Quote
[...] Aldi, Tönnies, Müller, Dr. Oetker: Viele deutsche Familienunternehmen neigen zur Selbstbeschädigung.  ...

"Der größte Vorteil eines Familienunternehmens ist zugleich der größte Nachteil: die Familie selbst", sagt von Schlippe ... Vielen Konflikten in Familienunternehmen lägen unausgesprochene Erwartungen zugrunde, erklärt von Schlippe: "Ich erinnere mich an eine Konferenz, bei welcher der Vater auf dem Podium sagte, dass eine familieninterne Nachfolge für sein Unternehmen nicht infrage komme. Sein Sohn, der im Publikum saß, schon im mittleren Alter und seit Jahren im Unternehmen tätig, brach daraufhin in Tränen aus. Er war immer davon ausgegangen, die Rolle seines Vaters einmal übernehmen zu können – doch die beiden hatten nie darüber gesprochen." ...

Quote
sandor -the hound- clegane #2

"Dafür sind wohl zu viele Emotionen mit im Spiel."

Na, ich denke eher: dafür sind zu viele Millionen (Milliarden?) im Spiel...
Blut mag dicker sein als Wasser, aber ab einem sechsstelligen Kontostand gelten nochmal andere Präferenzen!


Quote
Thomassimow #4

Erbstreitereien sind nachgelagerte Konkurrenzkämpfe um die Liebe der Eltern. Und davon haben diese Kinder zu deren Lebzeiten wahrscheinlich weniger abbekommen als andere Menschen. Geld war wichtiger als Zeit. So wurden Bedürfnisse einfach zugeschüttet. Die kommen dann verstärkt hoch.


Quote
denkbar123 #10

Wo Sonne ist, ist auch Schatten. Während Familien-Stiftungen wie die Haniels seit über 265 Jahren alle Wirren der deutschen Geschichte überstanden haben, und nicht erst seit heute zu den Global Playern gehören, gibts die Oetkers. Es gibt aber auch Manager, wie Middelhoff, die in Rekordzeit ein Unternehmen in den Ruin treiben. Es gibt eine Kategorie von "Investoren", wie Hedgefonds, die nichts mit Familie zu tun haben, und sich darauf spezialisiert haben, Unternehmen auszusaugen, und in kleine Stücke, die meist nicht überlebensfähig sind zu zerschlagen - mit entsprechenden Arbeitsplatzverlusten. Eine Statistik wäre mal interessant gewesen, wieviele Arbeitsplätze und Unternehmen sind in den letzten 30 Jahren den Bach runter gegangen, die am Kapitalmarkt plaziert waren und Manager gelenkt, und wieviele Familienunternehmen nahmen einen ähnlichen Weg?


Quote
HarryPlewa #15 

Selten so einen Unsinn gelesen wie hier.
Das gibt es doch in jeder Form Kapitalunternehmen auch. Und die gesegnete form der AGs ist doch auch nicht besser. Wir leben doch in Zeiten wo es immer wieder Managern gelingt Weltkonzerne an die Wand zu fahren Lemann durch Richard S. Fuld, Jr., Deutsche Bank durch Ackermann, VW durch Martin Winterkorn, und und und
Immer wieder werden Weltkonzerne die keine Familienunternehmen sind an die Wand gefahren. Immer sind es dort die High Potentials gewesen.
Die Ursachen welche bei den hier im Artikel benannten Fällen und bei diesen Konzernen zu sehen ist sind Gier und Größenwahn. Dazu kommt dann fehlende Kontrolle durch die zu liberale Gesetzgebung mit der Folge das gesunde Unternehmen von der Pleite bedroht sind oder Pleite gehen.


...


Aus: "Ausgeprägte Streitkultur" Marcus Rohwetter (19. Mai 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/2016/20/familienunternehmen-deutschland-aldi-mueller-selbstbeschaedigung


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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #2 on: September 20, 2016, 01:24:20 PM »
Quote
[...] Folge 58: Schwarzes Dreieck (Fernsehproduktion, Gedreht 1973, Erstsendung 16.3.1973)
Frau Böhle geht am Sonntagmorgen mit ihrer Freundin, Frau Alsberg zur Kirche. Deren Ehemann wundert sich nur über die anscheinend neu entdeckte Frömmigkeit. Als Frau Alsberg eine Stunde später wieder zu Hause ist, findet sie ihren Mann tot in der Badewanne.


joe p. 2015-05-12 10:43: Es ist Frau Alsbergs großer Traum, ihre entsprechend umgebaute Wohnung zum Hort für die Familien ihrer Söhne, insbesondere der Enkelkinder zu machen. Ein interessantes Nebeneinander von Menschenverachtung und Zuneigung: Oma liebt euch - sie hat extra für euch Opa heimtückisch umgebracht... umbringen lassen. Die beiden unsympathischen Söhne kommen als Täter nicht infrage, sie sind es ja gerade, die die Mordermittlungen erst in Gang bringen. Dennoch sind sie für die Geschichte notwendig. Frau Alsbergs Traum von der Freiheit wird von ihnen zunichte gemacht. Die Unterdrückung und die Einsamkeit gehen weiter. ... Frauen verzweifeln hier an der Gleichgültigkeit ihrer Ehemänner. Man lebt nebeneinander her. Aber ist das genug, um Hassgefühle und Mordpläne zu entwickeln? ...

Andreas Decker 2015-05-12 09:54: ... Irgendwie ist die Folge bei mir haften geblieben. Die Figur der bis zur Selbstverleugnung duldsamen Frau, die dann durchdreht, hat Reinecker ja oft in den Mittelpunkt gestellt ...


"Ein Beitrag von G. Walt - Der Kommissar und seine MörderFolge 58: Schwarzes Dreieck" (2015(?))
http://www.zauberspiegel-online.de/index.php/krimi-thriller-mainmenu-12/gesehenes-mainmenu-160/25929-der-kommissar-und-seine-moerder-folge-58-schwarzes-dreieck

http://www.kommissar-keller.de/Folge_58/58.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kommissar/Episodenliste



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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #3 on: September 20, 2016, 01:27:43 PM »
Quote
[...] Familismus bezeichnet die weitgehende Identität von Familie und Gesellschaft. Danach bildet das System aller Familien das Gemeinwesen. Familismus ist auch die Überbewertung des familiären Bereichs als Quelle für soziale Kontakte. In familistischen Gesellschaften – dazu gehört die Bundesrepublik Deutschland ─ gilt die Familie als Dreh- und Angelpunkt aller sozialen Organisationen.
Selbst in das in frauenpolitischer Hinsicht fortschrittliche Grundgesetz für die BRD wurde 1949 der Familismus eingeschrieben, indem die Auffassung von der Familie als wichtigster Baustein einer Gesellschaft aufgenommen wurde und somit eine konservative Familienideologie, die Frauen und Männern eindeutige Rollen zuwies und die bis heute wirkt, verfestigt wurde. Erst die neue Frauenbewegung entwickelte Gegenkonzepte, die heute allerdings zu verblassen scheinen. Staatliche Familienpolitik fördert nach wie vor die traditionelle mit Vater, Mutter und Kind(ern) «normalbesetzte» Kleinfamilie in der Kinder erzogen und pflegebedürftige Menschen versorgt werden sollen. Die soziale Realität hat sich längst von diesem ideologischen Gemälde entfernt.
In der Einführung geht es zunächst um eine historische Rekonstruktion exemplarischer Theorien und Praxen, die zu jenem ideologisierten Familienverständnis führen, das auf das «Gemeinwohl» abzielt, faktisch aber alle Menschen ausschließt, die nicht zu einer Familie gehören und Frauen zu rechtlosen Wesen macht. Am Ende steht die Frage, ob es sinnvoll ist, ein kritikwürdiges System weiter auszuweiten, indem sich häufende Zusammenlebensformen durch vom Staat verordnete Gesetze «normalisiert» werden und damit wiederum andere daran gemessen und ausgegrenzt werden, wenn sie sich nicht in die familiale «Ordnung» fügen.


Aus: "Kritik des Familismus" (Notz, Gisela: Kritik des Familismus - Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes, 1. Auflage 2015)
Quelle: http://www.schmetterling-verlag.de/page-5_isbn-3-89657-681-X.htm

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[Zum Gesicht von Familie... ]
« Reply #4 on: September 20, 2016, 01:35:57 PM »
Quote
[...] Die Familie wurde zu jenem gesellschaftlichen Bereich erhoben, in dem der Einzelne sein privates Glück verwirklichen und zugleich Liebe und Solidarität vorfinden sollte. Rousseau hatte zuvor bereits die philosophischen Kategorien zur Bestimmung der Tugenden erarbeitet, die Gatte und Gattin besitzen sollen, damit der Familienverband nicht nur zum zweckdienlichen Ort werde, an dem die Gesellschaft sich fortpflanzt, sondern auch zum Ort, an dem das individuelle Gefühl eine echte Genugtuung erfährt. Die beiden Formen der Liebe, Eros und Agape, die die Philosophie traditionell getrennt und unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zugeordnet hatte, sollten sich nun innerhalb des Familienverbands verwirklichen. Das Scheitern dieser Zielvorgabe führte schließlich zur Rechtfertigung der Auflösung der Ehe, auf der sich die Familie gründete.

Die Erwartungen derer, die sich heute zur Gründung einer Familie entschließen, sind nicht sehr verschieden von den Vorstellungen, die in den philosophischen Erörterungen im XVIII. und XIX. Jahrhundert über die Ehe verbreitet wurden. Obwohl sich im Laufe von zwei Jahrhunderten vieles geändert hat, bildet die Familie für die meisten Menschen auch heute den Ort, an dem Eros und Agape zusammenfinden. Trotz der vielfältigen Spannungen, denen die Familie aufgrund der an sie gestellten Erwartungen unterzogen ist, vermögen anscheinend weder kritische Theorien noch gesellschaftliche Spannungen ihre grundlegende Funktion ernstlich in Frage zu stellen.

Auch in Italien werden Ehescheidungen immer häufiger und tragen damit zur Auflösung von Bindungen bei, die der persönlichen Selbstverwirklichung im Wege stehen. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass die klassische Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau, auf der sich die Familientheorie ursprünglich gründete, heute nicht mehr funktioniert. Darin wurden dem Mann die Bereiche Arbeit und Gesellschaft zugeordnet, während der Frau der Haushalt und die Kindererziehung vorbehalten waren. Innerhalb der häuslichen Sphäre galt es für die Frau zudem, die Bedürfnisse des Mannes nach Gefühlen zu befriedigen (dessen erotische Befriedigung innerhalb und außerhalb der Familie stattfand).

Heute hingegen werden die verschiedenen Aufgaben zwischen beiden Geschlechtern – wenigstens im Idealfall - gleichmäßig verteilt. Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist in Italien jedoch lange noch nicht erreicht. ...

 Die italienische Familie verstanden als Solidargemeinschaft ist zunehmend unter Druck geraten. In Europa stellt normalerweise der Wohlfahrtstaat bei wirtschaftlicher Not Rettungsanker zur Verfügung. In Italien verhält sich das vielfach anders. Bei einer Umfrage antworteten 67% der Befragten, dass ihnen in wirtschaftlicher Not persönliche Verwandte aushelfen würden. Das ist der höchste Prozentsatz in der ganzen Europäischen Union.

Die Folgen des italienischen Familismus sind schwerwiegend. Der Familismus birgt vielerlei Fallen, schadet insbesondere den Frauen und Jugendlichen, die im Gegenzug für die elterliche Unterstützung oft ihre Selbständigkeit einbüßen. Die häusliche Solidarität folgt nicht immer einer Logik der verteilenden Gerechtigkeit und kann schwere Ungerechtigkeiten verursachen. In Krisenzeiten verwandelt sich der Familismus zudem häufig in Amoralismus (Opportunismus, Partikularismus, Klientel). Die italienische Familie verstanden als Solidargemeinschaft ist zunehmend unter Druck geraten. In Europa stellt normalerweise der Wohlfahrtstaat bei wirtschaftlicher Not Rettungsanker zur Verfügung. In Italien verhält sich das vielfach anders. Bei einer Umfrage antworteten 67% der Befragten, dass ihnen in wirtschaftlicher Not persönliche Verwandte aushelfen würden. Das ist der höchste Prozentsatz in der ganzen Europäischen Union.

Die Folgen des italienischen Familismus sind schwerwiegend. Der Familismus birgt vielerlei Fallen, schadet insbesondere den Frauen und Jugendlichen, die im Gegenzug für die elterliche Unterstützung oft ihre Selbständigkeit einbüßen. Die häusliche Solidarität folgt nicht immer einer Logik der verteilenden Gerechtigkeit und kann schwere Ungerechtigkeiten verursachen. In Krisenzeiten verwandelt sich der Familismus zudem häufig in Amoralismus (Opportunismus, Partikularismus, Klientel). ...


Aus: "Familie" Vanna Gessa Kurotschka (Konrad-Adenauer-Stiftung, 2016)
Quelle: http://www.kas.de/wf/de/71.7578/

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Quote
... in der Berlusconi-Ära kamen auch die hässlichen und dunklen Seiten dieser Charaktereigenschaften zutage: In Fernsehshows und Serien sind Figuren zu sehen, die sich mit Egoismus, Rafinesse und Rücksichtslosigkeit durchsetzen. Es zählt der äußere Erfolg, bestenfalls noch die Familie und der Clan, nicht aber die ganze Gesellschaft mit ihren Benachteiligten und Randfiguren. ... Soziologen bezeichnen die am Vorteil kleiner Gruppen orientierte Haltung als "amoralischen Familismus". Kreativität und Vitalität wird nur eingesetzt für die eigenen, familiären und privaten Zwecke, wie es Regierungschef „Berlusconi" persönlich vorlebte. Der Historiker Gian Enrico Rusconi bezeichnet dies als "die schwarze Seite der italienischen Seele". In jüngster Zeit machen sich jedoch kulturelle Strömungen bemerkbar, die mit den Exzessen der jüngsten Vergangenheit brechen. ... Ob im Film, im Theater, in der Literatur - die Versuche mehren sich, den Wert des Individuums hochzuhalten angesichts eines Marktes, auf dem buchstäblich alles zu kaufen ist: Frauen, Richter, Zeugen. Nach den Jahren des Stillstandes in "Berlusconistan" konfrontieren sich junge Schriftsteller und Regisseure mit der Realität. ...


Aus: "Das "Italien der Werte"" (29.04.2012)
Quelle: http://www.hr-online.de/website/specials/wissen/index.jsp?rubrik=68541&key=standard_document_44552713

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Quote
[...] Gilmour verortet die Ursachen für die mangelnde Nationswerdung aber nicht nur in der „prekaräen geographischen Lage“ Italiens, sondern auch im weitverbreiteten campanilismo und im „amoralischen Familismus“ (Edward Banfield), denn die Familie sei, wie schon wie Luigi Barzini es ausdrückte, die „entscheidende Institution“ des Landes. Damit ist natürlich nicht „die“ Familie gemeint, die Gilmour übrigens weitgehend aus seinem Narrativ ausspart, sondern die tatsächliche Familie und Sippe, die weitgehend für die Versorgung des Einzelnen sorgt, weswegen die Loyalität auch nicht dem italienischen Staat gilt, sondern eben der Familie, denn sie ist es, die da ist, wenn man Hunger hat, krank ist oder sonst etwas braucht. Der Staat wurde in Italien oft nur als jemand wahrgenommen, der Steuern auf etwas erhebt und die jungen Männer zum Heeresdienst einzieht, gegeben habe er seinen Bürgern im Austausch dafür aber kaum etwas. Ein anschauliches Beispiel veranschaulicht die Ausmaße des eben Gesagten: Im Jahr 2008 (!) waren an der Universität in Palermo 230 Dozenten und Professoren miteinander verwandt.

...

David Gilmour: Auf der Suche nach Italien
Eine Geschichte der Menschen, Städte und Regionen von der Antike bis zur Gegenwart
Aus dem Englischen von Sonja Schuhmacher und Rita Seuß (Original: The Pursuit of Italy. A History of a Land, its Regions and their Peoples)
2. Aufl. 2013, 464 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 16 Seiten farbiger Tafelteil, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94770-0



Aus: "David Gilmour - Auf der Suche nach Italien Eine Geschichte der Menschen, Städte und Regionen von der Antike bis zur Gegenwart"  Jürgen Weber (19.07.2013)
Quelle: http://www.versalia.de/Rezension.Gilmour_David.1505.html
« Last Edit: September 20, 2016, 01:50:19 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #5 on: September 26, 2016, 02:40:38 PM »
Quote
[...] Lange Zeit waren uneheliche Kinder in Deutschland geächtet: Sie wurden als Bastard oder Hurenkind beschimpft. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Unehelichkeit mit Armut, Kriminalität und unkontrollierter Sexualität in Verbindung gebracht. Uneheliche Kinder erschienen als Gefährdung der bürgerlichen Familie, als Bedrohung der Gesellschaft.

... Die Untersuchung beginnt im Jahr 1900, in dem das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft trat und so das Nichtehelichenrecht reichsweit vereinheitlicht wurde. In dieser Zeit, so Buske, sei in den Debatten um Unehelichkeit ein Unbehagen an der Moderne spürbar geworden. Dem drohenden gesellschaftlichen und kulturellen Verfall sei das Konzept der Sittlichkeit entgegengestellt worden. Die bürgerliche Familie sei als Leitbild durch Politik und Gesetzgebung stabilisiert worden. Buske beschreibt Reformpläne während der Weimarer Republik und die unmenschliche Unterteilung der Nazis in „erbbiologisch wertvolle“ und „unerwünschte“ uneheliche Kinder. Nach 1945 seien die Differenzen zwischen den Kategorien ehelich und unehelich erneuert und gefestigt worden. Die katholische Kirche etwa schloss unehelich geborene Männer von Ämtern aus.

Einen Umbruch gab es erst mit dem gesellschaftlichen Wandel in den 60er Jahren. Am Ende eines zähen Reformprozesses stand ein neues Gesetz, das die Rechte der Mütter und unehelichen Kinder im Blick auf Erziehung und Erbansprüche stärkte und ihnen eine bessere gesellschaftliche Integration ermöglichte. Kurz nach Verabschiedung des Gesetzes 1969 wurde Willy Brandt, dessen uneheliche Herkunft politische Gegner zu seiner Diffamierung genutzt hatten, Bundeskanzler.

Sybille Buske: Fräulein Mutter und ihr Bastard. Eine Geschichte der Unehelichkeit in Deutschland 1900-1970. Wallstein-Verlag, 400 Seiten


Aus: "„Fräulein Mutter und ihr Bastard“ Geschichte der Unehelichkeit in Deutschland von 1900 bis 1970"  Jörn Barke (10.08.2010)
Quelle: http://www.goettinger-tageblatt.de/Goettingen/Uebersicht/Geschichte-der-Unehelichkeit-in-Deutschland-von-1900-bis-1970


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« Reply #6 on: October 17, 2016, 10:34:51 AM »
Quote
[...] Zehntausende Menschen haben in Paris für die Wiederabschaffung der Homo-Ehe demonstriert. Sie riefen die Kandidaten für die französische Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr dazu auf, sich für "traditionelle Familienwerte" einzusetzen. An dem Protestmarsch durch die gutbürgerlichen Viertel der französischen Hauptstadt nahmen nach Angaben der Polizei 24.000 Menschen teil, die Organisatoren sprachen hingegen von 200.000 Teilnehmern.

Die Demonstranten, darunter viele Familien mit Kindern und Senioren, marschierten hinter einem Spruchband, auf dem "2017 werde ich für die Familie stimmen" stand. Der Marsch wurde kurzfristig von Aktivistinnen der feministischen Gruppe Femen unterbrochen. Als diese von Kundgebungsteilnehmern umringt wurden, griff die Polizei jedoch ein und führte die Frauen ab.

Organisiert wurden die Proteste von der konservativ-katholischen Bewegung La Manif pour tous ("Demo für alle"), die bereits vor der Legalisierung der Homo-Ehe im Jahr 2013 Zehntausende Gegner auf die Straßen gebracht hatte. Ihre letzte Massenkundgebung liegt etwa zwei Jahre zurück, die Vorsitzende Ludovine de la Rochère glaubt nun jedoch an eine Wiederbelebung der Proteste. Sie wirft Präsident François Hollande vor, die traditionelle Familie aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben.

Allerdings befürwortet lediglich einer der konservativen Präsidentschaftsanwärter, Jean-Frédéric Poisson von der kleinen Christdemokratischen Partei, die Abschaffung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.

Der rechtsextreme Front National (FN) vertritt in Bezug auf die Rechte von Homosexuellen widersprüchliche Positionen. Während etwa die Abgeordnete Marion Maréchal-Le Pen, die als Hardlinerin gilt, sich an die Spitze des Protests gegen die Homo-Ehe stellte, ist der Europa-Abgeordnete Florian Philippot nach einem Zwangsouting inzwischen offen schwul. Zudem scheint der Front National immer mehr homosexuelle Wähler anzuziehen: Laut einer Studie war der FN bei den französischen Regionalwahlen 2015 unter verheirateten homosexuellen Paaren die beliebteste Partei.


Aus: "Frankreich: Zehntausende protestieren in Paris gegen Homo-Ehe" (16. Oktober 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-10/frankreich-protest-homo-ehe-paris

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« Reply #7 on: September 21, 2017, 11:39:59 AM »
Quote
[...] Biografischer Hintergrund ... Walls beschreibt in The Glass Castle: A Memoir ihre schwere Kindheit und wie ihre Eltern mit vier Kindern durch die USA vagabundierten. In den ersten fünf Jahren ihrer Ehe hatten ihre Eltern 27 Adressen, da ihr Vater keinen Job durchziehen konnte und kein Geld für die Miete hatte. Zudem fühlte sich der alkoholkranke und wahrscheinlich bipolare Rex vom FBI verfolgt. Rose Mary, ihre Mutter, war wahrscheinlich auch bipolar und hielt sich für eine Künstlerin.

Die Kinder mussten oft hungern, mussten in zerschlissener Kleidung herumlaufen und wurden daher in den verschiedenen Schulen, die sie besuchten, von ihren Mitschülern gehänselt. Als die Familie in den Heimatort des Vaters Welch in den Appalachen zurückkehrte, lebten sie bei Verwandten in einem Haus mit drei Zimmern ohne Wasser, Strom und Heizung, wo es feucht und schmutzig war und von Ungeziefer, Schlangen und Ratten wimmelte. Da Jeannette dies nicht mehr aushielt, schlug sie sich im Alter von 17 Jahren bis nach New York durch, wo sie in der Bronx bei ihrer älteren Schwester Lori wohnte. Dort machte sie ihren Schulabschluss, lieh sich von allen möglichen Leuten Geld und arbeitete in einer Anwaltskanzlei, um sich das Studium auf dem New Yorker Barnard College zu finanzieren. Im Alter von 27 Jahren begann Walls eine Arbeit als Klatsch-Kolumnistin beim New York Magazine, heiratete einen Unternehmer und lebte acht Jahre lang an der Park Avenue. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf ihres 2006 veröffentlichten Buches baute Jeannette Walls ihrer Mutter dennoch ein Haus gleich neben ihrem eigenen. ...


Aus: "Schloss aus Glas (Film)" (20. September 2017)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_aus_Glas_(Film)

-

Quote
[...] In „Schloss aus Glas“ wechseln sich Szenen der anarchisch-verwilderten Kindheit mit Jeannettes Zeit als Kolumnistin ab, der Film schwankt ständig zwischen Trinkerdrama und Coming-of-Age-Konflikten, die bis weit in die Erwachsenenjahre hineinreichen. ... In „Schloss aus Glas“ interessieren Cretton die sozialen Aspekte der Geschichte, am Beispiel einer Familie erzählt er im Grunde von einem amerikanischen Generationenkonflikt. Im Teenageralter bittet Jeannette ihre Mutter einmal, endlich den sturzbetrunkenen Vater zu verlassen. Doch die kann es nicht. Er sei der Einzige gewesen, der ihr Talent als Malerin gegenüber der Mutter verteidigt habe. Der Ursprung für seine Trinkerei rührt ebenfalls aus den familiären Abgründen. Rose Mary und Rex gehören zu einer Generation, die einst selbst rebellierte: gegen Perspektivlosigkeit im Niemandsland des Mittleren Westens, den eingeschränkten Horizont ihrer White-Trash-Eltern. Aber der naive Hippietraum scheitert. Sie bekommen Kinder, deren Rebellion darin besteht, die Rolle vernünftiger Erwachsener einzunehmen, sich auf konservative Werte zu besinnen. ... Im argumentativen Einerseits-Andererseits entwickeln sich Längen, gegen Ende des Films kippt die Stimmung dann ins Sentimentale. Der Rekapitulation einer Familienodyssee mit alkoholkrankem Vater wird der Film thematisch gerecht, aber erinnerungswürdige Bilder schafft Regisseur Destin Daniel Cretton nicht. Der Film ist gewissermaßen die Antithese zum titelgebenden Schloss aus Glas, das Rex seiner Familie immer wieder zu bauen verspricht. ...


Aus: "„Schloss aus Glas“ im Kino Aus der Traum" Katrin Doerksen (21.09.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/schloss-aus-glas-im-kino-aus-der-traum/20353556.html


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« Reply #8 on: September 21, 2017, 12:07:35 PM »
Quote
[...] Was Redford [ ] bei seinem Regiedebüt machte, war das Unscheinbarste und Leiseste, was man im Mainstreamkino seit langem gesehen hatte. ... Die Art und Weise, mit der die Familie den Verlust kompensiert, verrät einiges über die große Macht des Gesellschaftlichen. Vor allem Mary Tyler Moore als komplett fremdgesteuerte Netzwerkerin veranschaulicht das überdeutlich. Fast scheint es, als ob ihr das Wohl von Gatten und Sohn weniger am Herzen liegt als das Wahren des schönen Scheins. Mit gespenstischem Betonlächeln und routinierten Ablenkungsmanövern hält sie sehr lange den Laden zusammen. Doch ein Schiff, das untergeht, hällt man nicht auf. Und diese Familie geht unter, das sieht man in fast jeder Einstellung. ...


Aus: "Eine ganz normale Familie - Ein Film von Robert Redford" (USA, 1980)
Eine Rezension von Gordon Gernand (09. September 2008)
Quelle: http://www.mannbeisstfilm.de/kritik/Robert-Redford/Eine-ganz-normale-Familie/1172.html

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« Reply #9 on: September 21, 2017, 12:17:51 PM »
Quote
[...] 1973: Familie Hood ist der Prototyp der amerikanischen Mittelklasse-Familie. Doch hinter der Fassade sind Betrug und Scheinheiligkeit an der Tagesordnung. Eines Nachts, während ein Eissturm über die Stadt hinwegfegt, kommt es zur Eskalation. ... Ang Lee breitet die Familiengeschichte zu einem präzisen Stimmungsbild der siebziger Jahre aus. ...


Quelle: http://www.arthaus.de/der_eissturm-arthaus_collection

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Quote
[...] Der Eissturm, USA 1997 ... Man liest Sartre und Camus, debattiert gepflegt über existenzialistische Philosophie, das Sein und das Nichts, beschwafelt sich im Jargon der modischen Systemtheorie, lässt die Ehepaar-Therapie über sich ergehen und lebt insgesamt in der diffusen und unsinnigen Erwartung einer nicht näher bestimmten kommenden Revolution.
Die einzige reale kleine Revolution, die man sich traut, ist dann aber schließlich nur der letzte Schrei der Gesellschaftsspiele: Schlüsselpartys, also Partnertausch per Zufallsprinzip, mit Autoschlüsseln als Los-Ersatz. Wer sich auf solche Rituale einlässt, muss tatsächlich schon sehr angeödet sein vom Leben. Oder hilflos in seiner Bewältigung. Vielleicht trifft es das eher, denn hier schafft es niemand mehr, wirklich mit dem anderen zu sprechen: Eltern nicht mit ihren Kindern, Ehepartner nicht mehr miteinander. Das Geknutsche der Kids im leeren Pool ist da noch die ehrlichste Kommunikationsform, und die Erwachsenen wissen das nur zu gut. Kein Wunder also, dass unter diesen Umständen das traditionelle Familienfest Thanksgiving zu einer realsatirischen Farce wird, die trotzdem keine Sekun-de lang zum Lachen ist.

Seit einigen Jahren können wir jenseits des Atlantiks eine Tendenz beobachten, die Familie als christ-liche Keimzelle der Gesellschaft und als Fundament des amerikanischen Traums zunehmend in den Mittelpunkt einer als moralisch bezeichneten Politik zu stellen. Man mag davon halten, was man will: Die Familien in diesem Film sind es jedenfalls nicht, die Amerika groß gemacht haben. Diese Familien zerstören sich offenen Auges selbst und den amerikanischen Traum gleich dazu. Und was das Schlimmste ist: Sie tun das nicht - was wenigstens noch tragisch wäre - aus irgendwelchen Zwängen oder Notwendigkeiten heraus. Unausweichlich ist nichts, was die Protagonisten dieses Films sich einfallen lassen. Die Wahrheit ist einfacher, aber auch peinlicher und leider Gottes nicht nur für das Amerika der Siebziger gültig: Sie tun es, weil es ihnen viel zu gut geht. Aus purem Desinteresse. Und das ist erst richtig bitter. ...


Aus: "Der Eissturm" Frank-Michael Helmke (20. August 2007)
Quelle: http://www.filmszene.de/filme/der-eissturm


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« Reply #10 on: October 12, 2017, 12:56:46 PM »
Quote
[...] „Du bist so weit weg“, stellt auch Eve einmal fest, als der Vater nach ihrem Suizidversuch hilflos neben dem Krankenhausbett sitzt. In Happy End stehen diese Riesendistanzen wie sperrige Körper im Raum, man kommt an ihnen einfach nicht vorbei. Die wenigen Versuche der Annäherung sind folglich ungeschickt, monströs – und total vergeblich: etwa wenn die Unternehmerin Anne (Isabelle Huppert) ihren zum Unternehmenserben nicht geborenen Sohn (Franz Rogowski) herunterputzt und ihn anschließend mit einer Umarmung überfällt. Auch das bringt nichts.

...


Aus: "Erwartbare Verstörung" Esther Buss | Ausgabe 41/2017
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/erwartbare-verstoerung

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[...] Um einen Clan aus Frankreich kreist „Happy End“ des Regisseurs Michael Haneke. ... Das Vergnügen beim Schauen von „Dallas“, „Denver-Clan“ oder „Falcon Crest“ bestand ja darin, dass man sich an den verkommenen und neurotischen Familienverhältnissen erfreute, an der Lust, mit der Gemeinheiten verteilt wurden. Vor allem staunte man über die Perfidie, mit der Familienunternehmen oder eben das Unternehmen Familie nach außen verteidigt wurden.

Hanekes Clan heißt Laurent und wohnt in einem großzügigen Anwesen in Calais. Die verschiedenen Handlungsstränge laufen an der prunkvoll gedeckten Tafel im Esszimmer zusammen. Mit wenigen Details skizziert Haneke das bourgeoise Dasein der Familie. In aller Selbstverständlichkeit wird nach der Bediensteten gerufen, der Rotwein in bitte nicht zu großen Schlucken zu sich genommen. Derweil redet man im gepflegten Konversationston mal mehr und mal weniger aneinander vorbei.

Der Film übernimmt den gediegenen Lebensstil dieser Klasse, führt sie mit ihren eigenen Mitteln vor. Mit fließenden Bewegungen gleitet die Kamera durch Zimmerfluchten, die kein Ende nehmen. Die Mise en Scène fokussiert die kühle Eleganz, in der sich die Laurents eingerichtet haben. Sorgfältig sind die Farben aufeinander abgestimmt, jeder Gegenstand hat seinen Platz – eine Familie stellt sich in ihrem eigenen Dekor aus.

Das großartige Schauspieler­ensemble wiederum verleiht den Stereotypen, derer sich Haneke bedient, ein überraschendes Eigenleben. Am Kopf des Tisches thront der stets gut gekleidete Patriarch Georges, ungebrochen scheint seine Souveränität trotz des gebrechlichen Körpers. Jean-Louis Trintignant lässt uns dennoch spüren, dass seine Figur sich letztlich auf allen Ebenen ihrer Existenz entmachtet fühlt. Deshalb möchte er seinem Leben ein Ende setzen.

Seine Suizidversuche entwickeln eine besondere Form des verlangsamten Slapsticks. Nie sind sie zu sehen, man sieht nur das Ergebnis. Nach dem Unterfangen, mit einem Firmenwagen gegen einen Baum zu fahren, ist Georges mit Gipsbein an den Rollstuhl gefesselt. Später wird er Mitmenschen um Hilfe für den Abgang bitten: Seinen perplexen Friseur, eine Gruppe Migranten in der Innenstadt, die eigene Enkelin.

Indessen wird das Bauunternehmen längst von seiner Tochter geführt. Man muss sich anschauen, wie Isabelle Huppert mit der ihr eigenen kurz angebundenen Art diese Geschäftsfrau spielt, vorführt und auch ein bisschen karikiert, ohne selbst zur Karikatur zu werden. Der kapitalistische Überlebensreflex ist Anne Laurent in Fleisch und Blut übergegangen, gerade ist sie dabei, für die Firma ein gigantisches Darlehen aufzunehmen.

Der anfängliche Unfall auf der Baustelle kommt also denkbar ungelegen. Mit verschuldet hat ihn ihr nichtsnutziger Sohn Pierre (Franz Rogowski), dessen Rolle des schwarzen Schafs auch auf seinen Körper übergegangen ist. Angeschlagen und mutlos wirken seine Bewegungen. Man lacht über die Rücksichtslosigkeit, mit der Anne ihre Überlegenheit gegenüber dem zwei Köpfe größeren Pierre ausspielt, ist aber auch seltsam betroffen.

Weiterhin sitzen bei den Laurents am Abendbrottisch: ­Annes Bruder Thomas, Chefarzt des örtlichen Krankenhauses, seine schrecklich naiv wirkende Frau Anaïs und die pubertierende Eve aus Thomas’ erster Ehe. Manchmal – und dann hat man das Gefühl, dass sie sich dorthin verirrt hat – schaut sich die Kamera auch in der kleinen Anliegerwohnung des aus Tunesien stammenden Hausmeisters um, und damit auch in der Kolonialgeschichte Frankreichs.

Wofür also steht dieser Clan aus Calais, der sein Vermögen wohl beim Bau des großen Tunnels erwirtschaftet hat? Für ein mit sich selbst beschäftigtes Europa? Für eine Gesellschaft, die keine Utopie, keine Vision, kein Ziel hat, jenseits des Selbsterhaltungstriebs? Für unser aller Ignoranz? „Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind“, lautet das Motto von „Happy End“.

Man erinnere sich: Rainer Werner Fassbinder warf seinem französischen Kollegen Claude Chabrol einmal vor, dass dieser seine Figuren gleich einem Insektenforscher unter ein Mikroskop legen würde. Doch wenn moralische und ethische Lebens­konstruktionen von einer in sich verbunkerten Schicht und Daseinsform verdrängt werden, macht es durchaus Sinn, sich kreatürliche und instinktive Verhaltensweisen näher anzuschauen.

Eben deshalb spielt der Schauplatz eine weitere Hauptrolle in Hanekes Film. „Happy End“ zeigt ein völlig anderes Bild der Stadt Calais als das von den Nachrichten erzeugte: eine gepflegte, friedliche Ortschaft, durch die ab und an ein Grüppchen Migranten spaziert. Wo ist die von den Medien suggerierte Bedrohung durch den wuchernden „Dschungel“?

Einmal fährt Anne Laurent entlang des endlosen Zauns, hinter dem sich, irgendwo hinter weiteren Zäunen, das Flüchtlingslager befindet. Dabei telefoniert sie mit einem Anwalt, der auch ihr Geliebter ist. Gerade in ihrer Beiläufigkeit hat die Szene etwas Beklemmendes.

Doch wer kann schon Empathie zeigen, wenn er in seiner eigenen Umgebung keine kennt? Lug und Trug bestimmt den Alltag der Laurents. Mit erpresserischem Kalkül wehrt Anne die Schadenersatzansprüche der Familie des bei dem Baustellenunfall getöteten Arbeiters ab. Vom Dasein als Familienvater unbefriedigt, beginnt Thomas mit seiner Geliebten, einer Musikerin, einen Chat über sadomasochistische Begierden. Um eine Feier seiner Mutter zu verderben, schleppt Pierre ein Grüppchen Migranten an, trägt die Rache an der dominanten Mutter auf deren Rücken aus.

In einer Szene ist der Marionettenmeister Michael ­Haneke ganz bei sich. Zumindest der Großvater und die Enkelin scheinen noch ein Bewusstsein für ihre Handlungen zu besitzen. Offen gestehen die beiden einander, was sie sich in ihrem Leben haben zuschulden kommen lassen. In diesem Abgrund hat die schonungslose Ehrlichkeit zwischen zwei Generationen etwas Tröstliches.

...



Aus: "Das Unternehmen Familie" Anke Leweke (11. 10. 2017)
Quelle: https://www.taz.de/Komoedie-von-Michael-Haneke/!5452357/
« Last Edit: October 23, 2017, 11:51:48 AM by Textaris(txt*bot) »

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #11 on: March 28, 2018, 09:12:20 AM »
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[....] "Warum wir unseren Eltern nichts schulden", heißt ein neues Buch. ...  Das Missverständnis beginnt damit, dass das Eltern-Kind-Verhältnis kein Schuldner-Gläubiger Verhältnis ist. Im schlimmsten Fall ist das Verhältnis zerrüttet, im besten Fall ist es von Respekt und Verantwortung getragen. ... Die Sekretärin, die täglich in ihrer Mittagspause mit der Straßenbahn nachhause fährt, um der kranken, alten Mutter das Essen zu machen und das Bett zu richten, tut das meist aus Verantwortung, manchmal aus Liebe, oft aus Respekt. Schuld ist etwas für die Couch. ... Auf dem Klappentext heißt es übertrieben: „Dieses Buch zeigt, wie Philosophie helfen kann, das Verhältnis zu Vater und Mutter zu klären.“ Nun, dieses Buch verschwierigt in akademischer Manier die Banalität, dass Eltern und Kinder nicht immer harmonieren, dass Eltern Erwartungen haben, die nicht erfüllt werden und dass Kindern diese Erwartungen auf den Wecker gehen. Und? Den erwachsenen Kindern, die nicht geschafft haben, ihre filialen Schwierigkeiten zu sublimieren, hilft dieses auf Pflicht und Schuld reduzierte Büchlein wenig. „Haben Eltern mit ihrer Sorge um ihre Kinder bloß ihre Pflicht getan, dann ist nicht einsichtig, weshalb Kinder  ihnen aufgrund solcher Pflichterfüllung  Dank schulden sollten.“ Oder: „Es ist natürlich schön, dass es viele Menschen gibt, die sich ihren Eltern dankbar verbunden fühlen…“ Welcher Lektor lässt solche Banalitäten von der Festplatte durchgehen? Bleisch liefert hier ja nicht ein Proseminar- Papier ab, sondern schreibt für den Hanser Verlag.  Dieses Buch ist weder erhellend noch unterhaltend. Es ist schlecht geschrieben und platt gedacht. - Barbara Bleisch: „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“, 206 Seiten, Hanser Verlag, 2018

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McSchreck 26.03.2018, 15:09 Uhr

... Von erwachsenen Menschen kann man eigentlich erwarten, dass man kommuniziert und Probleme anspricht. Einfach auf Reisen zu gehen oder nicht zu kommen, weil man keine Krawatte tragen will ist doch eine sehr kindliche Lösung, dem Gespräch auszuweichen, was einem wichtig ist und wie man das Verhältnis gern hätte.


Man kann natürlich sagen, man schulde den Eltern nichts. Je nach Elternhaus mag das auch verständlich sein. Aufgrund der in den meisten Familien aber zu irgendeinem früheren Zeitpunkt doch engen Bindung schuldet man ihnen aber zumindest ein paar Worte. 

Ich würde mich nicht auf Menschen einlassen wollen, denen ihre Ursprungsfamilie so wenig wert ist, wie es die Beispiele andeuten. Denn ich würde befürchten, dass ich eines Tages genauso für "für mein weiteres Leben nicht mehr nötig" abgelegt werde.


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commentator 26.03.2018, 14:07 Uhr

Wer die Zuneigung der Eltern und die Zuneigung gegenüber den
Eltern nicht als Glück empfindet ... muss das auch nicht.

Und er kann sogar über Schuld parlieren.
Was soll's.


...



Aus: "Familie: Undankbare Kinder" Christine Brinck (26.03.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/familie-undankbare-kinder/21114606.html


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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #12 on: April 24, 2018, 10:52:59 AM »
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[...] Barbara Bleisch (44) ist promovierte Philosophin und moderiert seit 2010 die Sendung "Sternstunde Philosophie" beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF, seit 2013 ist sie Kolumnistin des "Philosophie-Magazins"....

Mit Hannah Arendt kann man sagen: Wir sind immer "angefangene Anfänge". Dass wir uns also nie ganz neu erfinden, sondern anknüpfen an eine Familiengeschichte, hat enorme Auswirkungen darauf, wie wir uns selber, aber auch unsere Verwandten sehen. Zumal man Familienbeziehungen – anders als Freundschaften – weder wählen noch künden kann. Wir können zwar den Kontakt abbrechen, aber unsere Eltern hören deshalb nicht auf, unsere Eltern zu sein. Die Idee eines Ex-Vaters oder einer Ex-Mutter ist absurd. Und: Familienbeziehungen sind unersetzbar. Wir können nicht als Erwachsene neue Eltern finden, und Eltern werden sich auch keine neuen Kinder suchen. Das macht die Beziehung speziell wertvoll – es macht uns aber auch sehr verletzlich. ... Verletzlichkeit ist die natürliche Kehrseite von Liebe, Freundschaft und Zuneigung. Wer vertraut, liebt, sich öffnet, kann auch einfacher ausgebeutet, enttäuscht, verraten werden. ... Das, was uns in unserer Identität prägt, ist sicher beides: genetische Abstammung und soziale Beziehung. In früheren Zeiten konnte man die genetische Abstammung oft gar nicht nachweisen, etwa mit Vaterschaftstests, wie das heute zum Teil gemacht wird. Aber es gab auch damals Kuckuckskinder, außerdem Stiefkinder und Ammen. Kinder hatten früher sogar oft mehr familiäre Bezugspersonen als heute, und aus diesen Beziehungen entstehen viele Gründe, sich umeinander zu kümmern. Blutsverwandtschaft ist aber nicht irrelevant, auch sie prägt uns. Aus den Genen allein erwächst den Kindern allerdings keine Pflicht. Ein Kind hat beispielsweise gegenüber einem Samenspender keine Pflichten. ... Kinder dürfen und müssen sich von ihren Eltern emanzipieren. Wenn Eltern nicht einsehen, dass Kinder nicht ihre "Gemächsel" sind, wie Immanuel Kant dies sagte, sondern Wesen, die sie in die Selbstständigkeit zu erziehen haben, dann wird es schwierig, dass diese Beziehung langfristig gelingt. Allerdings gibt es in jeder Beziehung das, was ich das Prinzip der Trägheit nenne. Ein Kontaktabbruch ist radikal und hinterlässt Wunden – auf beiden Seiten. Von heute auf morgen zu gehen, ohne Vorwarnung, ist nicht das, was wir als respektvoll bezeichnen. Max Frisch sagte einmal, wir sollten einander die Wahrheit wie einen offenen Mantel hinhalten, nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen. In Familien gibt es oft zu viele nasse Tücher und zu wenige offene Mäntel.

...


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hurchzua

Es leben alle besser, Eltern und Kinder, wenn sie wechselseitig jedenfalls so leben, als würden sie einander etwas schulden.



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triage

Liebe stellt keine Bedingungen.


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Hier geht es aber nicht um freie Christen

Das was meine Eltern für mich gemacht haben, kann ich ihnen eh nicht zurück geben, ich sehe es so dass ich das an meine Kinder weitergebe. Ich verstehe aber dass das in Ländern wo Eltern nicht sozial abgesichert sind nicht so ist. Wenn Leute die nicht mehr arbeiten können, kein Einkommen mehr haben, weil es kein Pensionssystem gibt, dann verstehe ich es, dass die Kinder sich für ihre Eltern verantwortlich fühlen. Ich würde es auch nicht zulassen dass meine Eltern verhungern, aber nicht weil ich der Meinung bin dass ich ihnen etwas schulde, sondern weil ich sie liebe.


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mike gassner

ums ganz mild ausdzudrücken mein eltern waren arsch.............
hab das ganz leben gebraucht um mich auf angemessene art zu distanzieren ohne mich gleichzeitig sebst zu verraten


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Dr. Gutenberg

Als Therapeut teile ich diese Einstellung [der Autorin] - die Esoterik-Community wird wieder aufschreien.



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Aus: "Philosophin Bleisch: "Kinder haben um ihre Existenz nicht gebeten"" (24. April 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000078436190/Philosophin-Bleisch-Kinder-haben-um-ihre-Existenz-nicht-gebeten

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #13 on: June 22, 2018, 01:30:01 PM »
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[...] Walter Kohl erfuhr aus dem Radio vom Tod seines Vaters. Jahrelang hatte er keinen Kontakt zu dem Mann, der international als „großer Staatsmann“ und „großer Europäer“ gewürdigt wird. Für Walter Kohl war der Vater Helmut nicht der Held der Wiedervereinigung, nicht der Wegbereiter der Europäischen Union, sondern eine Enttäuschung – einer, der nicht da war, der sich nicht kümmerte, der den Kontakt abbrach. Im Sommer 2011 habe er das letzte Mal mit seinem Vater telefoniert, danach habe er ihn nicht mehr besuchen dürfen, erzählt Walter Kohl. Erst jetzt betritt er sein Elternhaus wieder. Erst jetzt, wo es den Vater nicht mehr gibt.

Als der 53-Jährige am Freitagabend in Ludwigshafen-Oggersheim ankommt, muss er erst länger mit der Polizei diskutieren, bis er zu dem Haus durchkommt. Walter Kohl beklagt sich, es sei schlimm, wenn ein Kind nicht zu seinem toten Vater dürfe. Die Tür zum Hause Kohl öffnet schließlich der frühere „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, ein langjähriger Vertrauter von Helmut Kohl.

Als Walter Kohl später wieder aus dem Haus kommt, wirkt er aufgewühlt, auf leise Art. Den vielen Mikrofonen vor der Tür weicht er nicht aus, sondern lässt die Öffentlichkeit teilhaben an beklemmenden Details aus dem Innersten der Familie Kohl, einmal mehr.

„Sie sehen einen Menschen, der eben sehr traurig ist“, sagt Walter Kohl da. „Mein Vater hat ja allen Kontakt abgebrochen zu vielen Menschen in seinem Umfeld.“ Das gelte für ihn und seinen jüngeren Bruder Peter. Aber auch seine Enkel habe Helmut Kohl nicht sehen wollen. Die Kinder hätten sehr darunter gelitten, „dass ihr Großvater für sie nicht erreichbar war“.

Wie sehr er selbst als Kind gelitten hat, darüber hat Walter Kohl schon viel Auskunft geben, unter anderem in einem Buch mit dem Titel „Leben oder gelebt werden“. Darin seziert er schonungslos das Leben im Hause Kohl, erzählt von Kälte und Distanz. Er beschreibt den Vater als einen, der alles für die Politik gab und für den die Familie nicht mehr war als Teil des politischen Bühnenbildes. Und: Walter Kohl schildert, wie er vom Tod seiner Mutter Hannelore erfuhr. Ein Anruf, die Worte: „Walter, deine Mutter ist tot.“ Die Stimme am Telefon gehörte nicht seinem Vater, sondern dessen Büroleiterin.

2001 war das. Hannelore Kohl nahm sich damals das Leben. Sie starb an einer Überdosis Schlaftabletten, daheim in Oggersheim, während Helmut Kohl in Berlin war. Jahrelang war sie krank, litt unter einer Lichtallergie, musste im Dunkeln leben. 41 Jahre lang war sie mit Helmut Kohl verheiratet. Und auch von ihr gibt es eine Biografie, die einiges Düstere aus dem ihrem frühen Leben und dem späteren als Kanzlergattin offenbart – und manche Spannung mit ihrem Mann.

Sieben Jahre nach dem Tod von Hannelore heiratete Helmut Kohl wieder: Maike Richter. Eine Volkswirtin, die später als Redenschreiberin im Kanzleramt arbeitete und Kohl dort in den neunziger Jahren kennenlernte. Die beiden gaben sich 2008 das Ja-Wort – in der Kapelle eines Reha-Zentrums. Helmut Kohl war vorher schwer gestürzt und hatte ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Seitdem saß er im Rollstuhl und konnte nur noch schwer sprechen.

Der neuen Frau an seiner Seite wurde von vielen Seiten vorgeworfen, sie habe immer schon an den 34 Jahre älteren Kohl herankommen wollen, habe ihn systematisch abgeschottet, alle Fäden selbst in die Hand genommen und dafür gesorgt, dass er alte Bünde kappt – zu seinen Söhnen, zu alten Vertrauten wie seinem Fahrer „Ecki“ Seeber.

Von der zweiten Hochzeit erfuhren die Söhne Walter und Peter damals nur durch ein Telegramm, die Details aus der „Bild“-Zeitung. Walter Kohl arbeitet heute als „Redner, Autor, Begleiter und Coach“, wie er es selbst nennt. Er schrieb nach seinem ersten Buch noch zwei weitere. Und Peter Kohl verfasste als Co-Autor eine Biografie über seine Mutter Hannelore.

Draußen vor dem Haus in Oggersheim, am Todestag seines Vaters, sagt Walter Kohl noch, er wolle zu früheren Zeiten in diesem Moment nicht viel sagen. Er könne nur seiner Trauer Ausdruck verleihen, dass sein Vater jetzt gestorben sei „und dass das alles in dieser Weise passiert ist“. Und dann diese tieftraurigen Sätze, ernüchtert, resigniert: „Ich finde es schade, wenn man nicht in der Lage ist, die Dinge in diesem Leben zu regeln. Ich habe das versucht, über verschiedene Kanäle, ohne großes Glück“, sagt Walter Kohl. „Und jetzt ist es so, wie es ist.“



Aus: "Helmut Kohl : Das düstere Innenleben der Kanzlerfamilie"  marf./dpa  (17.06.2017)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/helmut-kohl-das-duestere-innenleben-der-kanzlerfamilie-15065389.html


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« Reply #14 on: July 05, 2018, 10:50:38 AM »
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MEINE MUTTER - Wütend. Mit diesem einen Wort würde ich sie beschreiben. Ich sehe sie vor mir, wie sie Fernsehen guckt, in Jogginghosen, ohne Make-up – denn das verbot ihr mein Vater –, und wie sie die Politiker auf dem Bildschirm anschreit. Wie sie sich über die Araber aufregt, die uns alles wegnehmen würden. Oder wie sie im Wohnzimmer unseres erbärmlichen Hauses stand und über die Frauen im Dorf herzog: „Alles Huren!“

Ich bin in einem kleinen Kaff in Nordfrankreich aufgewachsen. Bereits in früher Kindheit war ich anders als die Jungen im Dorf. Ich schwang meine Hüften mehr als sie, weinte öfter. Meine Mutter schrie, ich sei zu feminin. „Eddy, du bist eine Schande für mich! Warum tust du mir das an? Warum spielst du keinen Fußball wie die anderen Jungs? Warum hast du nur Mädchen als Freunde?“

Ich war ein anhängliches Kind. Im Alter von drei oder vier Jahren habe ich vor der Toilette gewartet, bis meine Mutter wieder herauskam. Ich habe mich an sie geschmiegt, sie hat nur gesagt: „Lass mich in Ruhe!“

Ihre Wut kam daher, weil sie wusste, wie arm wir waren. Im kleinen Lebensmittelladen im Dorf ließ sie oft anschreiben. Die Besitzerin warf ihr vor, dass sie arm sei, faul, nichts tauge. Dabei hatte meine Mutter drei Jahre lang eine Arbeit. Sie ging zu alten Menschen nach Hause, pflegte und wusch sie. Mein Vater verbot ihr auch das, weil sie mehr als er in der Fabrik verdiente. „Der Mann muss die Familie ernähren“, sagte er.

 Mit den Jahren erschöpfte sich ihre Wut. Sie war ausgezehrt davon, eine Mutter zu sein. Ihr erstes Kind bekam sie mit 16 Jahren, meinen Halbbruder. Elf Jahre später wurde ich geboren, sieben Jahre darauf meine Zwillingsgeschwister. Von einem Mädchen wuchs sie übergangslos in die Rolle einer Mutter hinein, sie hatte keine Jugend, keine Zeit für sich.

Obwohl sie alles Bürgerliche verabscheute, ermutigte sie mich, weiter zur Schule zu gehen. Sie war stolz auf mich, weil ich besser als meine Geschwister in der Schule war. Als ich mit 14 Jahren in das Internat des Gymnasiums umzog, lief sie durch das ganze Dorf, schwenkte in der Bäckerei, der Bar, dem Lebensmittelladen meinen Zulassungsbescheid und rief: „Der Junge hat es geschafft!“

Ich fuhr einmal pro Monat aus Amiens, wo die Schule lag, nach Hause. Jedes Mal wurde die Distanz zwischen uns größer. Sie rügte mich, wenn ich Fremdworte benutzte: „Warum redest du wie ein Bürgerlicher?“ Trug ich einen Wollpullover, warf sie mir vor, ich würde mich wie ein Pfaffe kleiden.

Mit 19 Jahren erzählte ich ihr, dass ich schwul sei. Sie weinte eine Woche lang. „Was habe ich falsch gemacht?“ Später sagte sie: „Ich akzeptiere dich.“ Ein Satz, den ich gehasst habe. Ich wollte, dass sie es weiß, nicht, dass sie es akzeptiert.

 Etwa zur selben Zeit habe ich meinen Namen geändert, um mit meinem Geburtsnamen Eddy Belleguele abzuschließen. Wenn ich Eddy hörte, klang „die Schwuchtel“ nach. Der Name stand für eine Erinnerung, die ich versuchte, loszuwerden. „Das Ende von Eddy“ heißt deshalb mein Buch.

Ich denke nicht an meine Mutter, ich liebe sie nicht, ich spreche nicht mit ihr. Das letzte Mal habe ich sie vor zweieinhalb Jahren gesehen. Sie hat mit meinem Vater Schluss gemacht. Vor ein paar Wochen ist sie in einen anderen Ort gezogen. Das habe ich von meiner kleinen Schwester erfahren.

MEIN VATER - Er war während meiner Kindheit eigentlich nie da. Entweder arbeitete er in der Fabrik, hockte in der Bar mit seinen Freunden, oder wenn er zu Hause saß, schien er geistig abwesend. Seine Gegenwart lastete wie ein unsichtbarer Druck auf dem Haus. Meine Mutter sagte einmal, wie froh sie sei, wenn Vater nicht im Haus war.

Seine Schweigsamkeit hatte etwas Gewalttätiges, seine Taten auch. Wir hatten eine Katze, als ich klein war. Wenn sie Nachwuchs bekam, was bis zu zwei Mal pro Jahr passierte, nahm er die Kätzchen, steckte sie in einen Sack und warf ihn solange auf das Pflaster, bis das Gewimmer erstarb. Ich hasste ihn dafür. Jedes Mal weinte ich, als Einziger in der Familie.

Er genoss es, Schweine zu töten. Mehrere Familien legten einmal im Jahr Geld zusammen, kauften ein Tier, mästeten es und teilten das Fleisch unter sich auf. Mein Vater war es, der das Schwein tötete. Er nahm das nicht als Gewalt wahr, es gehörte für ihn dazu, ein Mann zu sein.

Genauso wie Fleisch zu essen. Wegen ihm habe ich meine erste Tomate erst mit 18 Jahren probiert. Er fand Gemüse weibisch, meine Mutter durfte es nicht kaufen, höchstens Kartoffeln und Pommes frites. Nur wenn wir im Sommer grillten, gestattete er ihr, einen Salat zuzubereiten. Er sagte dann zu ihr: „Du frisst Kuhfutter.“

 Ich erinnere mich an ihn, wie er im Fernsehsessel saß, neben ihm sein Glas Pastis, im Mund eine Zigarette. Er rauchte 50 Zigaretten am Tag. Um sie zu bezahlen, stahl er seiner Schwester Geld. Den ganzen Tag lief der Fernseher, selbst wenn er schlief, ließ er das Gerät manchmal an. Er mochte Reality-Shows und sah sich Dokumentationen über das Fischen an, weil er gern angelte. Als ich zwölf war, saß er einmal mit seinen Freunden vor dem Fernseher, ich kam ins Wohnzimmer, er nannte mich vor allen eine Schwuchtel – und alle lachten. Ich weiß, was ihn zu dem Mann gemacht hat, der er ist. Sein Vater schlug seine Mutter regelmäßig vor seinen Augen. Er ist ein Produkt seiner Umgebung Aber das heißt nicht, dass ich ihm vergebe.

Kam ich vom Gymnasium nach Hause, war er selten da. Meine Mutter sagte: „Dein Vater erzählt ganz stolz jedem, dass du auf die Universität gehen wirst.“ Für ihn war das wie eine amerikanische Fernsehserie, in der ich mitspielte – ein Campus mit Grünflächen, auf dem ich studieren würde, eine fremde Welt.

Erst als mein Buch vor einem Jahr in Frankreich erschien, redeten wir wieder miteinander. Er schickte mir eine SMS: „Bin stolz auf dich.“ Dann rief er mich an, es war komisch, seine Stimme zu hören. Er sagte mir, dass er mich lieb habe. Und er nannte mich zum ersten Mal in seinem Leben Edouard, nicht Eddy. Später kaufte er sogar 20 Exemplare des Buches und verschenkte sie an seine Freunde.

 Im Januar hat er mich angerufen, als die Redaktion von „Charlie Hebdo“ angegriffen wurde. Ich wohne im Pariser Marais, dem alten jüdischen Viertel, wo viele Schwule leben. Mein Vater sagte: „Junge, sei vorsichtig!“ Ich war froh über den Anruf. Auch wenn wir sofort wieder stritten. Denn für ihn war klar: „Die Araber sind an allem schuld!“

Liebe ich meinen Vater? Nein. Diese Frage stelle ich mir nicht mehr, dieses Kapitel ist abgeschlossen. Ich habe mich weiterentwickelt, Freunde sind mir nun wichtiger als meine Familie.

MEINE GESCHWISTER - Eines kann ich mit Gewissheit sagen: Meinen elf Jahre älteren Halbbruder hasse ich von ganzem Herzen. Er wollte mich einmal zusammenschlagen, als ich noch ein kleiner Junge und er völlig betrunken war. Ich sei eine Schande für die Familie, nur meine Mutter und dann mein Vater hielten ihn davon ab. Als ich meiner Mutter von meiner Homosexualität berichtete, erzählte sie das sofort meinem Stiefbruder. Ich musste abreisen, weil er drohte, mich windelweich zu prügeln. Das war keine leere Drohung. Er ist mit einer Frau zusammen, die bereits Kinder hat, und die er regelmäßig schlägt.

Wie glücklich ich mich fühlte, als er alt genug war, um auszuziehen. Er hat oft mein Spielzeug geklaut, meine Playstation zum Beispiel, und verkaufte es, um vom Geld Zigaretten, Drogen oder Alkohol zu kaufen. Ich fühlte mich ohnmächtig, konnte nichts dagegen tun. Meine Eltern hat es überhaupt nicht geschert.

Die Zwillinge sind sieben Jahre jünger als ich. Als ich auf das Gymnasium ging, habe ich mich um sie gekümmert. Ich wollte nicht, dass sie so enden wie meine Eltern, und ihnen die Möglichkeit eines anderen Lebens bieten. Wenn sie mich in Amiens besuchten, schleppte ich sie in Museen oder ins Kino. Im Musée de Picardie, einem wunderbaren Regionalmuseum, habe ich ihnen die mittelalterlichen Kirchenmalereien gezeigt. Ich habe sie in Programmkinos geschleppt, wenn Godard-Filme liefen.

 Das war lächerlich, ich gebe es zu. Sie waren gerade einmal sieben Jahre alt. Aber ich hatte Angst, dass sie diese Dinge sonst nie sehen würden in ihrem Leben. Meine Geschwister haben mich dafür gehasst. Diese Erlebnisse brachten uns eher auseinander, als dass sie uns zusammenschweißten. „Du bist so bourgeois“, hat mein kleiner Bruder mir gesagt.

Sie wohnen nun zusammen mit meiner Mutter und erwarten wenig vom Leben. Meine Schwester will Sekretärin werden, mein Bruder Wachmann. Sie werden nicht auf die Universität gehen, sie werden nicht ihre Heimat verlassen. Es ist ein wenig so, als würden sie in dieselbe Falle laufen wie meine Eltern.

Édouard Louis’ „Das Ende von Eddy“ ist im S. Fischer Verlag erschienen.



Aus: "Erinnerungen an ein Familiendrama" Ein Protokoll von Ulf Lippitz  (08.05.2015)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/queerspiegel/bestsellerautor-edouard-louis-erinnerungen-an-ein-familiendrama/11739332-all.html