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Author Topic: [Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]  (Read 9518 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #35 on: October 16, 2019, 11:54:00 AM »

Quote
[...] Die mütterliche Liebe und Geborgenheit blieben ihm sein Leben lang verwährt. Allein vor der Presse zeigt sich seine Mutter stolz und bewundernd. Ihre Zuneigung hegte sie hingegen für den jüngeren Bruder Simenons, Christian. War sie immerhin der Meinung, dass es ausgesprochen bedauerlich ist, dass ausgerechnet sein Bruder Christian sterben musste. Christian Simenon, Kolonialbeamter im Kongo und Kollaborateur während des  zweiten Weltkrieges, starb als Fremdenlegionär in Saigon im Oktober 1947. In dem autobiografischen Werk „Brief an meine Mutter“, das er vier Jahre nach ihrem Tod, also 1974, veröffentlichte, schreibt er: „Bei einem meiner seltenen Besuche in Liège sahst du mich einmal lange und eindringlich an und sagtest  etwas,  was  ich  nie  vergessen konnte: "Wie  traurig  Georges,  daß  gerade  Christian  sterben  mußte." “ Sein Hunger nach menschlichem Kontakt veranlasste ihn dazu, mit unzähligen Frauen zu schlafen ... In „Ein Mensch wie jeder andere“, der Originaltitel lautet „Un homme comme un autre“,  erschien  1975  bei  dem  Verlag  Presses  de  la  Cité  und  1978  bei Diogenes, äußert sich Simenon zu seinem Bedürfnis nach Frauen wie folgt:„(...) meiner übergroßen Neugier und auch meinem Verlangen nach einer Form des Kontaktes, das nur sexuelle Beziehungen befriedigen konnten (...) Frauen sind für mich immer außergewöhnliche Menschen gewesen, die ich vergebens zu verstehen suchte. Es war eine lebenslange, unaufhörliche  Suche.  Und wie hätte ich Dutzende, vielleicht Hunderte von Frauenfiguren in meinen Romanen schaffen können, wenn ich nicht diese Abenteuer erlebt  hätte, die zwei Stunden oder zehn Minuten dauerten?“ ...


Aus: "„Le Train“ – „Der Zug“ von Georges Simenon - Transformationsanalyse: Buch, Hörspiel, Film" Julia Fleischmann (Wien, 2008)
Quelle: http://othes.univie.ac.at/2167/1/2008-10-28_0204594.pdf
« Last Edit: October 16, 2019, 11:56:53 AM by Textaris(txt*bot) »
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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #36 on: December 10, 2019, 12:10:48 PM »

Kommentare zu: https://www.derstandard.at/story/2000111949198/geschwister-sie-lieben-und-sie-hassen-sich

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gelöster Loser

Unvergessen ein Gespräch mit meiner sechsjährigen Tochter, die währenddessen zweifelnd zur neunjährigen Schwester rüberschielte welche den "ich erklär dir nachher wie es wirklich ist"-Blick aufsetzte.

Ab da war mir klar, dass Eltern als Welterklärer bei den jüngeren Kindern absolut keine Chance haben.


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Frau Papaya

Untereinander können wir leidenschaftlich verschiedener Meinung sein, das war von klein auf so. Bei einer ungeraden Zahl gab es natürlich auch (oft stündlich) wechselnde Allianzen.
Aber wehe, von außen wagt es jemand, etwas gegen eines der Geschwister zu sagen!!


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Kamiikatze

Meine Schwester und ich sind 9 Jahre auseinander und sie war von Anfang an ziemlich eifersüchtig. Da sie noch in den 80ern aufwuchs und ich in den 90ern, hatte ich natürlich von Anfang an mehr vom Wohlstand. So musste sie zB jeden Tag 800m zur Bushaltestelle gehen, während ich oft gefahren und geholt wurde (wer sagt da als Kind schon nein), da wurde so sehr gefetzt, dass meine Eltern oft die Scheiben von den Türen wechseln mussten, erst als sie auszog stellte sich ein normal-gutes Verhältnis ein. Lebt man in einem großen Haus, wo jeder seinen eigenen Bereich (Badezimmer, WC, Wohnzimmer) gibt es viel weniger Reibereien.


Quote
der lange Treck

Das ist Quatsch, mit dem Haus, ich bin 9 und 16 älter als meine Brüder und wir lebten alle in einem riesigen Haus, sogar zusammen mit den Großeltern und einem Bäckereibetrieb.
Es hat nichts geholfen, wir hassen uns alle wie die Pest. Keiner hat heute noch Kontakt zu dem anderem.


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Tagesfresse

Ich bin gegen die inflationäre Verwendung des Wortes "hassen".
Es reicht ignorieren, verachten, egal sein.



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Kamiikatze

Das was Sie beschreiben ist schon eine andere Liga, da scheint es viel größere Probleme gegeben zu haben, bei uns waren es definitiv so Sachen wie "Du bist zu laut", "Du blockierst wieder das Bad"...


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singulärunsympathisch

Ich glaube ich kann mich mit keiner Person so intensiv und trefflich über Kleinigkeiten streiten wie mit meiner Schwester, das kleine Gfrast.
Aber wenns dann drauf ankommt ist man selbstverständlich füreinander da. Zudem weiß niemand wie schwer es mit unseren Eltern manchmal war, das verbindet enorm.


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WoaschWiaIMoan?

Als Jüngster von 5 Kindern aufgewachsen, wobei meine älteste Schwester genau 10 Jahre älter ist, als ich. Wie es bei uns zuhause drunter und drüber ging kann man sich vorstellen, zumal wir alle 5 nicht auf den Mund gefallen sind und über die Stärken und Schwächen der anderen ebenfalls sehr genau Bescheid wissen! Trotz alldem, hatte jede/r von uns von Geburt an 4 enge Freunde, auf die er/sie sich immer (BEDINGUNGSLOS) verlassen kann. Ich sehe das als Riesenprivileg, auch wenns nicht immer einfach war/ist - vor allem für unsere Eltern, denen wir dieses einzigartige Verhältnis zu verdanken haben. Heute gehen wir sogar noch alle 5 gemeinsam feiern. Ich liebe sie alle!


Quote
causa_bibendi

Geschwister... ich vertraue ihnen nicht einmal weit genug um ihnen im gleichen Raum den Rücken zuzudrehen, aber würde jederzeit jedem der Nervensägen eine Niere spenden.


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moscoweverywhere

Mein Bruder 14 und ich 12
Da haben wir beschlossen, jetzt sind wir erwachsen, deshalb wird nicht mehr gerauft.
Haben wir die letzten 45 Jahre eingehalten.

Es gibt aber immer noch Themen, die wir nicht diskutieren, da es sonst in einen Streit endet.
Mittlerweile sind wir aber so Altersklug, dass wir es akzeptieren, dass wir eben zu bestimmten Themen grundverschiedene Meinungen haben und lassen diese dem anderen auch.

Aber er ist mein Bruder und ich seiner. Damit weiß jeder, dass er sich auf den anderen Verlassen kann, wenn es notwendig ist.
Und damit haben wir, wenn ich so das Forum lese, mehr erreicht als viele andere.


Quote
SonDeTeuf

7 Geschwister....
und ich würde behaupten, dass wir einer der komplexesten und undurchsichtigsten Familienstrukturen haben.

Völlige Distanz bei gleichzeitiger Vertrautheit und das bei der absolut selben Person innerhalb des Familienbunds sind vollkommen "normal".
Für außenstehende bzw. hinzukommende Partner dauert es meist ziemlich lange sich zurechtzufinden.

Ein bisschen so, als würde man in einen geheimen Club aufgenommen werden, welcher nicht einmal als Club erkennbar ist.



Quote
anton muffl

... Leider war das Leben mit meinem Bruder sehr kurz, als er vor wenigen Jahren starb. Dieses Verhältnis werde ich bis an mein Lebensende vermissen - trotz aller Konflikte die ich mit ihm hatte.


...
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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #37 on: January 14, 2020, 02:30:09 PM »

Quote
r (@wasserdanke) twitterte um 7:51 vorm. on Mo., Jan. 13, 2020:
knapp 10 jahre nachdem sich meine eltern getrennt haben ist meine mutter in love again und der typ ist kein kompletts arschloch und sie verhält sich als wäre sie wieder 16 und schickt mir die ganze zeit lustige pärchenfotos und ich kann gar ned ausdrücken wie schön ich des find
(https://twitter.com/wasserdanke/status/1216613837970923520?s=03)

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #38 on: March 26, 2020, 11:56:25 AM »


Quote
[...] Ich bin seit dreizehn Tagen Gefangener im Homeoffice. Und ich verwahrlose zunehmend. Die Bude sieht aus wie Schlumpf. Alte Socken weisen den Weg ins Badezimmer. Geschirr möchte in den Spüler geräumt werden und wird es doch nie. Ich selber laufe den ganzen Tag in Unterhose herum und trinke zu viel. Auf und ab. Notebook an, Notebook aus. Playstation. Netflix. Restaurant raussuchen. In Jogginghose und Flip Flops zum Späti auf ein Vormittagsbier. Meine Bude geht mir auf den Sack. Hart. Ich überlege, die Wände mit dem Schlagbohrer zu bearbeiten. Einfach so. Um mich zu spüren.

[...] Ich habe mal in die Statistiken von diesem Bloggolem hier geschaut, die der Anbieter WordPress so auffährt. Ich habe 65 Follower, von denen die überwiegende Anzahl derer, die ich zuordnen kann, Frauen sind. Oft mit eigenem Blog, deren doch sehr seriöse Inhalte ich so gar nicht mit dem Mist in Einklang bringen kann, den ich hier ins Internet würge. Ehrlich, das überrascht. Und irritiert. Gefällt denen der Auswurf hier wirklich oder sind es versammelte Fehlklicks? Oder ist es faszinierter Ekel? Wie bei einem Autounfall. Wenn man nicht wegschauen kann, wenn da ein abgerissener Arm rumliegt. Doch, schon irritierend.

[...] Netflix-Empfehlung des Monats ist Systemsprenger. Ich klinge jetzt zwar wie eine dahergelaufene Esoterikschnepfe, aber ich habe den Film gespürt. Es ist so derb, wie das Verhalten von Eltern in den jungen Jahren der Kinder so einer Entwicklung einen Drive geben kann, der später nur schwer einzufangen ist. Ich habe mit 12, 13, 14 Jahren bis zur 15 und 16 Sperrholztüren verschiedener Schulen kaputt getreten, Mülleimer angezündet, jede greifbare Fläche zersprayt, Briefkästen gesprengt und alle möglichen Dinge zerschlagen. Weil ich der Meinung war, ich müsse mich wehren. Ich habe heute immer noch Gewaltimpulse, ausgelöst durch bestimmte Reize, nur habe ich sie in meiner Kontrolle. Die Gewaltimpulse, die immer wieder durch irgendwas ausgelöst auflodern, werden nie weg gehen, das weiß ich, aber ich kontrolliere sie. Schaffe regelmäßige Ventile. Routinen, mit denen ich sie innerlich abmoderiere. Muss immer aufmerksam sein, um wegen eines dahergelaufenen Auslösers nicht zu explodieren. Das geht auch nie wieder weg. Das weiß ich. So bin ich jetzt.

Die Schuld an dem Zustand haben natürlich die Psychos, die meine Eltern waren und es endlich nicht mehr sind. Ich war Kind. Ich hatte keine Schuld.

[...] Ich ziehe auch wieder einmal den Hut vor dem Erziehergewerbe, das versuchen muss zu reparieren, was Eltern so alles verkacken. Systemsprenger. Nochmal. Großer Film. Für mich. Das Thema möge Ihnen am Arsch vorbei gehen, mir leider nicht.


[...] Ich habe es letztes Jahr nach vielen Jahren des Herumtragens und Gärens geschafft, den Text über meine scheiß Mutter [https://pestarzt.blog/2019/02/23/reden-wir-doch-mal-uber-meine-scheis-mutter/] fertig zu schreiben. Das tat gut, das war quasi der Abschluss des ganzen unheiteren Reigens meines seelenzerfickten Aufwachsens und jetzt ist diese Frau einfach nur ein Mensch wie alle anderen geworden, den ich einfach nur nicht leiden kann. Sie ist nicht mehr der mich bestimmende Faktor. Hat keinen Einfluss mehr. Kann nicht mehr verletzen. Nichts mehr werfen. Nicht mehr höhnen. Und sie ist für mich ganz persönlich jetzt endlich schon zu Lebzeiten beerdigt. Nach wie vor ein gutes Gefühl.


Aus: "Gedankensudelei 03/20" pestarzt (26/03/2020)
Quelle: https://pestarzt.blog/2020/03/26/gedankensudelei-03-20/


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Quote
[...] Meine Mutter war boshaft. Das kommt oft vor. Es passiert vielen Kindern und mir eben auch. Das ist gar nicht mal selten. Heile Welt ist oft anderswo. Früher dachte ich, dass nur mir das so ging. Das ist Unsinn. Viele. Es gibt viele wie mich.

„Glotz nicht so arrogant.“ Sie. Aus dem Nichts. Da war ich sieben Jahre alt.

„Iss nicht wie ein Pascha!“. Sie. Unerwartet. Da war ich neun.

„Das Machogehabe treib ich dir aus!“. Sie. Von Null auf Hundert. Da war ich zwölf.

Ich habe gelernt, dass mit einem Comic auf der Couch zu liegen und still zu lesen böse ist. Immer wenn ich das tat, gab es Geschrei. Jedes Mal. Und Hausarrest. Wenn ich den Comic nicht schnell genug weggeräumt habe, hat sie mit Gegenständen geworfen.

Ich habe früh gelernt, dass es eine Methode gibt, frauenfeindlich zu essen und zu schauen oder einfach nur frauenfeindlich in der Gegend rumzustehen. Oder eben auf der Couch einen Comic zu lesen. Was ich tat, galt prinzipiell als gegen sie gerichtet. Alles. Ich habe irgendwann versucht, so wenig wie möglich zu tun. Flach zu atmen. Blick zu senken. Unsichtbar zu machen. Bloß nicht mit irgendwas zu provozieren. Sonst fliegt wieder was. Ich habe gerne Höhlen gebaut. Weniger aus Abenteuerlust oder Spieltrieb. Sondern um mich zu verstecken. Ich fühlte mich in den Dingern sicher, wenn auch nur so lange bis sie die Wolldecke wegzog und schrie.

Für einen jungen Mann in der Pubertät sind gezielte Demütigungen schlimmer als alle Ohrfeigen der Welt. Und ich habe sie bekommen. Laufend. Oft vor Publikum. Meine Gwen Stefani-Poster hat sie vor den Augen eines stark irritierten Schulfreundes von meiner Wand gerissen, meine erste Freundin hat sie vor mir gewarnt und sich vor späteren Freundinnen über mich lustig gemacht. Gerne mein Gewicht. Mein aus der Hose hängendes Shirt. Der Pickel auf der Stirn. Meine abgekauten Fingernägel. Meine Unsicherheit. Mein fehlendes Selbstvertrauen. Mich. Über mich. Ihr Junge, die Witzfigur. Der Watschenmann. Eine ständige Peinlichkeit.

Prügel gab es auch, wenn auch sehr viel seltener als die alltäglichen Demütigungen und toxischen Fiesheiten. Einmal gab es den Teppichklopfer. Einmal den Zollstock. Und auch einmal die flache Hand. Drei Mal körperlichen Schmerz. Das geht noch. Ich habe genau mitgezählt und weiß heute noch wie oft sie es tat. Wie oft sie körperlich wurde. Zuschlug. Ihr die Hand ausrutschte. Nur drei Mal. Doch. Das geht noch. Zu der Zeit war so eine Strafe für mich auf irgendeine kranke Art okay. Denn ich war ja immer schuld. Ich hatte es ja verdient. Das glaubte ich irgendwann ernsthaft. Das verinnerlichen Sie, wenn Sie es von ganz klein auf permanent hören. Quasi jeden Tag. Dann glauben Sie daran, Sie leben das, es wird zu Ihrem Selbstverständnis, Ihrem Ich, Sie fühlen sich wertlos, Sie gehen geduckt, aus Angst vor der nächsten höhnischen Tirade, dem Spott, den Vorwürfen, Sie beginnen sich irgendwann zu hassen, weil Sie Ihre Mutter zu Taten und Aussagen zwingen, die sie unmöglich wollen kann. Denn die Mutter hat doch immer Recht. Das Urvertrauen von mir als Kind sagt mir doch, dass die Mutter immer Recht hat. Und wenn die Mutter sagt, dass ich schuld bin, dann ist das auch so. Ich habe das als Kind nie in Frage gestellt. Und später lange Zeit auch nicht.

Einen Vater gab es auch. Der war nur kaum da und ist es heute gar nicht mehr. Doch ich erinnere mich, dass ich Schonzeit hatte, wenn er da war. Dann bekam er die volle Packung. Ich glaube, er hat sich nie gewehrt. Er hat bezahlt, eingesteckt und sich auf den Montag gefreut, an dem er nicht mehr hier sein musste. Doch eigentlich weiß ich gar nicht wie es ihm ging, ich lag unter der Decke, habe die Tage gezählt und darauf gewartet, dass diese fürchterliche Jugend zu Ende geht und ich fort gehen kann. Heute weiß ich, dass alles was sie da mit mir tat, ein Substitut war. Ersatzhandlung. Eine Projektion. Ich hatte die Funktion des Statthalters meines Vaters, den sie sehr gehasst haben muss, aber der zu selten greifbar war. Und daher gab ich den Watschenmann für sie. Sie sah ihn in mir und in ihrer Wut auf ihn zog sie mit aller Rigorosität gegen mich zu Felde, gegen die ich als Kind keine Abwehr fand.

Ich habe irgendwann damit begonnen, mich während der Tiraden selbst zu verletzen. Ich habe mich selbst geschlagen. Mich selbst bestraft. Quasi als Vorwegnahme. Damit sie es nicht mehr tun musste. Damit sie aufhören konnte. Doch auch das war kein Mittel. Sie hat nur gelacht. Und gehöhnt. Sie trat auf den, der sich selbst erniedrigte, noch einmal drauf.

Ich wohnte in einem Zuhause mit fliegenden Gegenständen. Es flogen Teller. Es flogen Tassen. Flaschen. Bücher. Stiefel. Ich lernte, mich schnell zu ducken, wenn die Dinge wieder flogen. Denn wenn ich mich duckte, erwischte mich vielleicht nichts. Das galt auch dann, wenn keine Gegenstände flogen. Ich habe mich lange geduckt. Ducken gab mir ein wenig Sicherheit. Aus der Deckung habe ich mich erst sehr spät getraut. Da war ich schon über zehn Jahre erwachsen.

Ich habe jetzt endlich keine Mutter mehr. Ich habe sie aus meinem Leben entfernt. Rausgeschnitten wie ein Geschwür. Rausgebrannt wie eine wuchernde Warze aus Hass. Ich habe sie in einem Kraftakt (meinem einzigen ihr gegenüber) in Grund und Boden und zuletzt aus meiner Wohnung gebrüllt, so lange bis sie endlich ruhig war. Bis sie endlich einmal ihren Mund gehalten hat. Ihren verdammten ätzenden höhnischen Mund, aus dem immer nur wortreiche Säure kam. Es war das erste Mal, dass ich das getan habe. Dass ich überhaupt irgendetwas gegen ihr Trommelfeuer getan habe. Ich habe mich zum ersten Mal gewehrt. So fühlt sich der berühmte aus allen möglichen Filmen und Dokumentationen bekannte Akt der Befreiung an, bei dem ich tatsächlich selbst der Protagonist war. Adrenalin. Hämmernder Herzschlag. Zittern. Tränen. Die noch Minuten später geballte Faust. Diese dann folgende unfassbare innere Zufriedenheit, diese Ruhe, diese Befreiung, die ich so nicht kannte. Die Alte ist weg und darf nie wieder kommen. Weil ich das so will. Und ich habe sie auch nie wieder gesehen. Sie schrieb nur noch einmal einen höhnischen Brief voller Vorwürfe, auf den ich nicht antwortete, und seitdem habe ich meine Ruhe, wenn auch erst viel später meinen Frieden gefunden. Kraftakt ist ein zu schwaches Wort für diese Amputation. Kein anderes Problem in meinem Leben war härter zu bewältigen. Vorher nicht, nachher nicht. Diese Mutter aus meinem Leben zu operieren, hat mich psychisch ganz an den Rand von allem gebracht. Doch das Ergebnis ist gut. Narben ja, die sind da und bleiben auch, aber sie schmerzen nicht mehr.

Seit diesem Tag muss ich den Umstand der aus meinem Leben entfernten Mutter immer wieder erklären, wenn das Thema darauf kommt. Und es sind immer wieder dieselben Entgegnungen. Wie kannst du das machen? Es ist immerhin deine Mutter! Mutter. Mutter. Aber es ist doch deine Mutter. Deine Mutter. Es ist doch deine Mutter. Du wirst immer ihr Sohn bleiben. Mutter verstoßen. Darfst du nicht. Kannst du nicht. Das tut man nicht. Unausgesprochene Vorwürfe stehen im Raum. Es ist doch die Mutter. Aus der Mutter kommen wir doch alle immerhin raus. Das ist doch was Besonderes. Nein. Also nein. Was ich da gemacht habe, geht nicht. Sagen viele.

Und dann diese Rechtfertigungen für alles. Sie hatte es sicher auch nicht leicht. Bestimmt hat sie auch viel einstecken müssen. Als Kind. Vom Vater. Immer vom Vater. Dafür kann sie doch auch nix. Ich müsse Verständnis aufbringen. Dafür dass sie die Dinge so tat. Dass das gar nicht ihre Schuld war. Warum verstehe ich das nicht? Warum habe ich sie nicht akzeptiert. Verarbeitet. Ausgehalten. Nein. Was ich gemacht habe, macht man nicht. Mit der Mutter brechen. Das geht nicht.

Doch doch, das geht. Sehr gut sogar. Ich habe sie entfernt und das war gut. Sie darf nie wiederkommen. Und wenn sie wiederkommt, werfe ich mit Gegenständen bis sie den Rückzug durch das Treppenhaus antritt. Etage für Etage. Und zur Haustüre raus. Hier ist nichts mehr zu holen. Hier gibt es niemanden mehr zum demütigen. Ich vergebe nicht, ich vergesse nicht, sie hat mir die Kindheit versaut, die Jugend vergällt, den Start als jungen Mann mit tiefsitzenden Selbstzweifeln garniert, das kann ich nicht vergeben und ich will das auch nicht. Und ich fühle mich gut damit. Ich habe keine Mutter aus meinem Leben rausgebrannt, sondern eine Hyäne, die meine über viele Jahre gründlich und fast irreparabel zerfetzte Seele in die Volljährigkeit entlassen hat und die ich viel zu spät erst reparieren konnte. Sie ist weg und das tut immer noch so gut.

Ich warte auf die Nachricht, dass sie gestorben ist. Noch lebt sie. Sie wird bald 70. Es kann nicht mehr lange dauern. Wenn es so weit ist, werde ich eine Flasche dunklen schweren Rotwein aufmachen. Und austrinken. Und lange ins Leere schauen. Nachdenken. Eine zweite Flasche öffnen. Und erst dann wird es vorbei sein.



Aus: "Meine scheiß Mutter lebt immer noch" pestarzt (23/02/2019)
Quelle: https://pestarzt.blog/2019/02/23/reden-wir-doch-mal-uber-meine-scheis-mutter/

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« Reply #39 on: April 16, 2020, 01:08:19 PM »

"The Kids Are Alright" Andreas Wolf (3. April 2020)
Die Mützenfalterin fragt: „Was weiß man, wenn man Kinder bekommt (müssen ja nicht gleich vier sein)? Gibt es wirklich aufrichtige Antworten darauf, warum man sich Kinder wünscht? Legt man Rechenschaft ab über seinen Kinderwunsch? Und wenn ja, wem gegenüber? Vor sich selbst? Vor den Kindern? Der Gesellschaft? Und warum?“
...
https://waldundhoehle.wordpress.com/2020/04/13/the-kids-are-alright/

Quote
[...] In meinem letzten Eintrag hatte ich mir Fragen gestellt zu Kinderwunsch und Elternschaft, wie das alles persönlich erfahren wird, und was es eventuell über uns als Gesellschaft aussagt. Ein Vater hat geantwortet, sonst war es eher still, um nicht zu sagen stumm. Darum beantworte ich jetzt die Fragen aus meiner eigenen kleinen Perspektive. Und hoffe weiter, dass vielleicht doch noch die eine oder der andere seine Geschichte erzählen mag.

Ich habe tatsächlich sehr wenig über das Leben mit Kindern gewusst, bevor ich selbst Mutter wurde. Da war keine ältere Schwester und die Cousinen hatten ihre Kinder bekommen, als ich in ganz anderen Welten unterwegs war. Freundinnen, die Kinder hatten gab es auch nicht, oder aber sie verschwanden aus dem Freundeskreis, sobald das Kind da war.

Zum Kinderwunsch gibt es zwei Erinnerungen. Eine davon kommt mir selbst unglaubwürdig romantisch vor, aber ich erinnere es genau so. Ich war vielleicht 19 oder 20, als ich irgendwo im Gedränge der Einkaufsstraße eine Frau sah, die einen unglaublichen Gesichtsausdruck hatte, vollkommen in sich ruhend, glücklich, zuversichtlich, aber all diese Adjektive treffen es nicht wirklich, vielleicht müsste ich so ein Wort wie „erleuchtet“ bemühen. Jedenfalls machte sie auch ohne das passende Adjektiv einen sehr großen Eindruck auf mich. Und diese Frau war schwanger. Irgendwie muss ich den dicken Bauch und das erleuchtete Gesicht zusammengebracht haben und von da an hatte ich diese Überzeugung, dass es nichts Schöneres, Erfüllenderes und Erstrebenswerteres gibt, als schwanger zu sein. Auch wenn das noch Zeit hatte.

Die zweite Erinnerung: ich bin mittlerweile Ende 20, Anfang 30. Immer häufiger fragen mich Kinder, ob ich denn selbst auch Kinder hätte, und jedes Mal schäme ich mich, wenn ich nein sagen muss. Warum ich mich schäme? Das frage ich mich bis heute selbst.

Und was die Rechenschaft angeht, natürlich haben wir früher, in den 80er gesagt, geht gar nicht Kinder in diese kaputte Welt zu setzen. Unverantwortlich. Und dann nicht mehr darüber gesprochen, wenn die Kinder da waren. Oder auf einer ganz anderen Ebene darüber geredet. Dabei war die Welt kein bisschen besser geworden, nur wir vermutlich bequemer, oder einfach älter. Das auf jeden Fall. Es gibt ja diese Theorie, dass wir Kinder als Verlängerung unserer selbst in die Zukunft, die wir selbst nicht mehr erleben werden, betrachten. Dieser Gedanke ist mir eigentlich fremd.

Andreas schreibt von der Korrektur der eigenen Kindheit. Da ist etwas dran. Ich kann mich jedenfalls noch gut erinnern, wie häufig ich während meiner Kindheit und noch viel häufiger in der Pubertät gedacht habe; das werde ich niemals tun, ich werde meine Kinder ganz anders behandeln. Und das habe ich auch getan, und natürlich auch wieder nicht.

Die Antwort einer Bekannten ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, weil ich erstens sicher bin, dass sie jedes Wort genauso gemeint hat, und weil ich zweitens kein Wort davon glaube, was sie gesagt hat. Ich glaube, dass ich meinen Kindern eine wirklich gute Mutter bin, hat sie gesagt, dass sie es kaum besser haben können, dass ich das kann, Kinder glücklich aufwachsen lassen. Und mir wird noch heute schwindelig vor so viel Selbstbewusstsein. Denn das habe ich nie geglaubt, dass ich diesen wunderbaren Wesen, die erst innerhalb und wenig später außerhalb von mir heranwachsen durften, jemals auch nur annähernd gerecht werden konnte und kann. Ich weiß nie, wie es geht. Das mit der Fürsorge, das mit dem Loslassen, das mit der richtigen Balance dazwischen. Es gibt keine schwierigere Aufgabe als Mutter zu sein. Und keine schönere.


Aus: "Was man weiß oder im Titel finden bin ich miserabel" Muetzenfalterin (April 15, 2020)
Quelle: https://muetzenfalterin.wordpress.com/2020/04/15/was-man-weis-oder-im-titel-finden-bin-ich-miserabel/

Quote
Verwandlerin
April 15, 2020 um 12:37 pm

Also ich wollte Mutter sein, weil es dazugehört und auch dachte auch, ich habe einen tollen Kindsvater und es macht mir Freude. Kam alles anders. Hatte postnatale Depression und Ehe war ab dem Moment kaputt. Mein Exmann fand, ich sei [eine] schlechte Mutter. Meine Kinder sagen heute, sie finden mich cool. War alles schwierig. Jetzt, wo die Kinder in der Pubertät sind, läuft es lustigerweise besser.


Quote
Stephanie Jaeckel
April 15, 2020 um 3:17 pm

Zum Kinderwunsch habe ich eine Erinnerung: Ich bin sieben oder acht. Meine Eltern sind arbeiten. Es ist ein sonniger Nachmittag, ich sitze im Wohnzimmer und schwöre mir zwei Dinge: Niemals heiraten, niemals Kinder. Die Entscheidung war früh und richtig. Ich komme aus einer kaputten Ehe. Ich wusste, dass ich weder zur guten Ehefrau noch zur guten Mutter tauge. Ich liebe Männer und Kinder. Aber eigene will ich nicht. Es gibt so viele Möglichkeiten für mich, für Kinder da zu sein, Männer zu schätzen und von Herzen zu mögen. Insofern wundert es mich oft, dass Frauen und auch Männer sagen, sie hätten nicht gewusst, was mit den Kindern auf sie zu kommt. Als hätten sie ihre eigene Vergangenheit vergessen. Eine Vergangenheit, die natürlich auch viel schöner als meine gewesen sein kann. Aber was Familie ist, ich meine, das weiß man doch – oder irre ich mich da?

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« Reply #40 on: October 14, 2020, 02:28:59 PM »

Quote
[...] Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.09.2013 ...  "Elterliche Selbstmythologisierungen", so Schreiber, "sind nur schwer zu durchbrechen." ...


Zu: "Susan Sontag - Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke, Tagebücher 1964-1980"
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/susan-sontag/ich-schreibe-um-herauszufinden-was-ich-denke.html
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« Reply #41 on: October 15, 2020, 09:21:58 AM »

Quote
[...] Jetzt wird der Zoff über die Medien ausgetragen. „Christian hat vom ersten Tag an versucht die Katrin rauszukriegen“, sagt ein Kenner der Familie Haub. „Nun erhöht er den Druck.“ Christian Haub ist der jüngere Bruder von Karl-Erivan Haub, der am 7. April 2018 nicht von einer Skitour in den Alpen zurückkam. Katrin ist die Ehefrau von Karl-Erivan und Schwägerin von Christian, der nach dem Verschwinden Karl-Erivans die Führung der Tengelmann-Gruppe übernahm. Und Katrin loswerden möchte. Am Mittwoch offerierte Christians Anwalt im „Handelsblatt“ Katrin ein Angebot.

Angeblich, so der Anwalt Mark Binz, stünden Katrin für ihre Anteile an Tengelmann rund 950 Millionen Euro zu. „Mit Rücksicht auf die familiären Beziehungen ist mein Mandant bereit, diesen Betrag auf 1,1 Milliarden Euro aufzustocken.“

Der 1932 in Wiesbaden geborene Erivan Haub und seine Gattin Helga haben drei Söhne: Karl-Erivan, Georg und Christian. 1969 hatte Erivan von einem Onkel Tengelmann übernommen und vor allem durch Zukäufe zum größten Handelskonzern Deutschlands ausgebaut. Im Jahr 2000 übernahm Charly, wie der älteste Sohn Karl-Erivan genannt wird, die Führung. Georg, gelernter Architekt, bekam damals die Verantwortung für die Immobilien übertragen, und der jüngste Sohn Christian ging in die USA, um sich dort um die Beteiligungen der Gruppe zu kümmern – für den Investmentbanker der richtige Job.

Karl-Erivan wiederum räumte den Mühlheimer Gemischtwarenladen auf und verkaufte Beteiligungen – von der Süßwarenfabrik Wissol über den Discounter Plus bis zu Kaiser’s. 2003 betrug der Tengelmann-Umsatz 27 Milliarden Euro, heute sind es noch gut acht Milliarden mit etwa 90 000 Mitarbeitern. Zur Gruppe gehören die Baumarktkette Obi, die Discounter Kik und Tedi, die Immobiliengesellschaft Trei Real Estate sowie Beteiligungen an Dutzenden Unternehmen in Europa und in den USA.

Tengelmann-Chef Christian Haub hat nach Angaben seines Anwalts die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mit der Ermittlung des Firmenwerts beauftragt: Vier Milliarden Euro, die sich auf die drei Brüder respektive deren Erben verteilen. Bis März 2018 hielten die Brüder jeweils 31,3 Prozent der Anteile und der Vater Erivan noch 6,1 Prozent. Nach dessen Tod gingen die 6,1 Prozent hälftig auf Karl-Erivan und Christian über, der Anteil des psychisch labilen Georgs blieb unverändert. Die 34,3 Prozent von Karl-Erivan liegen nach dessen mutmaßlichen Skiunglück in den Schweizer Bergen seiner Ehefrau Katrin und den Kindern Viktoria und Erivan.

Der Anwalt von Christian Haub erklärt nun dem „Handelsblatt“ zufolge, dass nach der Tengelmann-Satzung beim Ausscheiden eines Gesellschafters diesem nur 70 Prozent des Verkehrswertes seiner Anteile zustünde. Das wären dann rund 960 Millionen Euro für Katrin. Damit sie geht, legt Christian noch 150 Millionen Euro drauf – sozusagen sein Beitrag respektive der des Unternehmens zur Erbschaftssteuer von schätzungsweise 450 Millionen Euro.

Die werden indes erst fällig, wenn der Erbfall eintritt – und dafür muss Karl-Erivan für tot erklärt werden. Das möchte aber Katrin nicht. Die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert den Anwalt von Christian Haub: „Frau Katrin Haub hat während einer der vielen Gespräche im Jahr 2019, in denen mein Mandant versucht hatte, eine Lösung für die Finanzierung der zu erwartenden Erbschaftsteuer zu finden, erklärt, dass sie seinen Bruder nie für tot erklären lassen würde.“ Deshalb hätten Christian und Georg nun einen Antrag beim Amtsgericht Köln auf Todeserklärung gestellt. Das wieder um findet die mutmaßliche Witwe Katrin Haub „befremdlich und anmaßend“ von ihrem Schwager Christian. Mit seinem jüngeren Bruder Georg ist sich der angeblich handelseinig – Georg verlässt die Gruppe und nimmt sozusagen die Immobilien mit.

Als Christian nach dem Verschwinden Karl-Erivans aus den USA nach Mühlheim zurückgekehrt war und die Führung übernahm, hatte er den von Karl-Erivan geringschätzig behandelten Georg in den Tengelmann-Beirat geholt und sich mit ihm gegen Karin verbündet. „Der Familienzweig, der den Häuptling gestellt hat, ist jetzt isoliert“, hieß es damals in Mühlheim mit Blick auf die Familienangehörigen von Karl-Erivan.

Wenn Christian nun Georg mit den Immobilien abfindet und Katrin das Milliardenangebot annimmt, hätte er sein Ziel erreicht. „Christian hat von Anfang an versucht, alle rauszudrängen“, sagt ein Kenner der Familie. „Aber Katrin wollte nie raus.“ Das sei auch keine Frage des Geldes, selbst wenn der Wert der Gruppe auf bis zu sechs Milliarden Euro veranschlagt werde, wofür es Gründe gebe. Karl-Erivan und Katrin hatten die berufliche Zukunft ihrer beiden Kinder im Unternehmen gesehen.

Christian und seine Ehefrau Liliane lebten viele Jahre mit vier Kindern in den USA, wo Christian einst auch mit der Betreuung der vom Vater gekauften Supermarktkette A&P betraut worden war. Als die insolvent wurde, nahm das der große Bruder Karl-Erivan als Beleg für eher bescheiden ausgeprägte unternehmerische Fähigkeiten Christians. Aus dieser Zeit stammen offenbar Verletzungen, die bis heute nachwirken. Christian und Liliane hätten manche Demütigungen über sich ergehen lassen müssen, erfuhr der Tagesspiegel in Tengelmann-Kreisen.

Mit dem Verschwinden Karl-Erivans bei Zermatt war dann Christian über Nacht der mächtige Mann in Mühlheim. „Jetzt ist Liliane auf dem Rachefeldzug“, hieß es damals über die Gattin des neuen Tengelmann-Herrschers. Dass mit 1,1 Milliarden Euro dieser Feldzug endet, ist eher unwahrscheinlich.


Aus: "Familienzoff im Hause Tengelmann: 1,1 Milliarden Euro zum Abschied" Alfons Frese (14.10.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/familienzoff-im-hause-tengelmann-1-1-milliarden-euro-zum-abschied/26275206.html
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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #42 on: November 01, 2020, 11:20:09 AM »

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[...] Sie rauben, erpressen und morden – im Namen ihrer Urururgroßväter: Ein Clanmitglied berichtet von den Ehrvorstellungen Berliner Großfamilien. Das Problem der Clankriminalität ist gar nicht so schwerwiegend? Doch, ist es, sagt Khalil O.  – der Berliner, heute 37, gehört selbst zu einer der verbrecherischsten arabischen Großfamilien in Deutschland. Jahrelang brach er in Häuser ein und handelte mit Kokain, wie zahlreiche seiner Cousins es bis heute tun.

Hier erklärt er, wo das brutale Verhalten seiner Familie seinen Anfang nahm: weit weg von Berlin, in zwei kleinen Dörfern in der Türkei. Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Auf der Straße gilt unser Gesetz“, erschienen bei Heyne, in dem er zusammen mit der Journalistin Christine Kensche von seiner kriminellen Karriere in Berlin berichtet.

Er selbst stieg vor 15 Jahren aus. Als Erwachsener holte er die Schule nach, machte Abitur und studierte. Heute arbeitet Khalil O. als Sozialarbeiter und betreut kriminelle junge Männer.


Manchmal sprechen mich fremde Leute auf der Straße an und sagen: „Du bist doch der Sohn von dem und dem.“ Und während ich noch überlege, wo ich die Typen schon mal gesehen habe, sagen die: „Wir sind verwandt.“ Berlin ist zwar eine Großstadt, aber wir leben immer noch wie auf dem Dorf. Jeder kennt jeden, und alle sind vernetzt.

Das liegt daran, dass fast alle großen Clans aus derselben Gegend stammen. Mardin ist eine Provinz am hinterletzten Ende der Türkei, und da, an der Grenze zu Syrien, liegt eine arabische Enklave von ein paar Dutzend Dörfern. Die meisten Familien, die immer wieder in der Zeitung stehen, kommen aus zwei Dörfern, die Luftlinie knapp drei Kilometer auseinanderliegen: Üçkavak und Yenilmez.

Das erste Dorf heißt übersetzt so viel wie „Drei Pappeln“, das zweite „Unbesiegbar“. Die Jungs, die im Frühjahr 2017 die Riesengoldmünze aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen haben, zum Beispiel sind von der Familie R. Die R.s kommen aus Drei Pappeln und waren damals wie heute unsere Nachbarn.

Ich selbst kenne die Dörfer nur von alten Fotos, die mein Vater in einem Koffer aufbewahrt, und aus den Geschichten meiner Oma. Drei Pappeln und Unbesiegbar waren zwei Flecken aus quadratischen Häusern, die die Leute mit den schweren gelben Steinen bauten, die sie aus den Feldern zogen. So weit man gucken konnte, sah man nur Felder, Olivenbäume und eine staubige Straße. Ziegen, Schafe, Kühe und Kinder liefen frei herum.

Die Frauen schleppten Wasser, das sie aus dem Speicher schöpften. Eigentlich war es nur ein Loch in der Erde, das sie mit Lehm verputzt hatten. Der Dreck sank auf den Grund, und von oben schöpften sie halbwegs sauberes Wasser ab. Die Männer arbeiteten auf den Feldern und stellten sich an die Straße, um Durchreisenden Obst und Gemüse zu verkaufen.

Geld hatte eigentlich keiner, aber wenn mal was zusammenkam, wurde es in das Minarett gesteckt. Der Turm der Moschee war so groß wie der Stolz des Dorfes. Drei Pappeln zählte die meisten Familien und baute das größere Minarett.

Das konnte Unbesiegbar sich natürlich nicht bieten lassen und zog nach. Das Verhältnis zwischen Unbesiegbar und Drei Pappeln war ungefähr so wie zwischen Köln und Düsseldorf, oder Madrid und Barcelona. Nur dass Kriege bei uns anders ausgetragen wurden als mit Karneval oder Fußball.

Vor hundert Jahren gab es genau wie heute viel Streit zwischen den Familien und auch in den Familien selbst. In Drei Pappeln ging das so weit, dass sie irgendwann eine zweite Moschee bauen mussten, weil ein Zweig einer Familie so heftig mit einem anderen Zweig aneinandergeraten war, dass sie nicht mehr zusammen beten wollten. Selbst jetzt in Berlin ist das noch eine entscheidende Frage bei uns, in welche Moschee deine Familie damals ging: Real Madrid oder FC Barcelona? Freund oder Feind?

 In Drei Pappeln erzählten sich die Leute, dass die von Unbesiegbar nachts ihre Ziegen stahlen. Umgekehrt war es wahrscheinlich genauso. Drei Pappeln hatte den Vorteil, dass sie mehr Männer, also auch mehr Fäuste hatten. Aber Unbesiegbar gab niemals auf, und wer eine Schlägerei gewann, behielt recht.

Streit gab es immer dann, wenn jemand sein Wort gebrochen hatte. Zum Beispiel: Einer verkaufte ein Stück Land an seinen Nachbarn. Der Deal wurde mit Handschlag beschlossen und die neue Grenze mit Steinen markiert. Aber in der Nacht setzte der Verkäufer die Steine heimlich zu seinem Vorteil um. Oder: Ein Bauer sagte einem Händler zu, ihm die gesamte Ernte zu verkaufen, und kassierte einen Vorschuss.

Doch dann bekam der Händler raus, dass der Bauer die Ernte schon einem anderen versprochen und doppelt abkassiert hatte. Oder: Einer von Unbesiegbar klaute eine Ziege von Drei Pappeln und behauptete, die sei ihm zugelaufen – „Ich schwöre auf meinen Bart!“ So etwas konnte böse enden.

Konflikte machten die Familien unter sich aus. Staatliche Institutionen kannten sie ja nicht. Schon zur Zeit des Osmanischen Reichs hatte man sich einen Dreck um die paar Dörfer geschert. Und als im Jahr 1923 die türkische Republik gegründet wurde, haben sie zwar eine Polizeistation in die Provinz gebaut, aber die war immer noch ziemlich weit weg, und wahrscheinlich hätten die türkischen Beamten keinen Finger gekrümmt, wäre ein Araber da aufgekreuzt. Auf die Idee kamen meine Leute auch gar nicht.

 Es ist so: Wenn du um Hilfe bittest, giltst du als schwach. Und wenn du schwach bist, kommen die anderen und fressen dich. So ungefähr endete jede Geschichte, die meine Oma uns erzählte.

Mit anderen Worten: Wer sich einmal verarschen lässt, wird immer wieder verarscht. Deswegen können wir nicht auf die Schnauze kriegen und einfach nach Hause gehen.

Wenn einmal Krieg ausgebrochen ist, wird meine Familie niemals Ruhe geben. Niemals. Die sind so gepolt, noch von damals. Ich habe Onkel, die laufen hier mit einer scharfen Knarre rum, weil vor hundert Jahren jemand aus unserer Familie jemanden aus einer anderen Familie umgebracht hat. Noch heute kann es jederzeit passieren, dass dafür einer von denen einen von uns umlegt. Egal wen, Hauptsache einen aus der gleichen Familie. Das nennt man Blutrache.

Es gab zwar keine Gesetze und keine Richter auf den Dörfern, aber es gab Traditionen und Familienoberhäupter. Unter den Leuten waren keine Gelehrten, darum legte die Community das Recht selbst aus, nach Gewohnheiten, die sich mit der Zeit so eingespielt hatten.

Gab es Stress, wurden die Familienältesten gerufen. Die versuchten zu vermitteln, bevor eine Sache zu einer Fehde eskalierte. Wenn zwei Familien Streit hatten, riefen sie den Ältesten einer dritten Familie dazu, und der verhandelte einen Kompromiss. Das nennt man Sulha, Versöhnung.

Bei einem Mord musste die Familie des Täters Blutgeld an die Familie des Opfers zahlen. Über die Summe entschied der Vermittler. Damit war die Sache allerdings nicht unbedingt geregelt. Manchmal war der Drang nach Rache stärker.

 Der Mann einer Tante von meiner Frau wurde vor 20 Jahren umgebracht, in Drei Pappeln. Worum es da eigentlich ging, weiß keiner mehr so genau, ich glaube, er war die Vergeltung für einen anderen Mord. Jedenfalls versteckten sich die Täter danach fünf Jahre lang in ihrem Haus. Warum? Das Haus eines anderen Mannes ist tabu. Du kannst nicht einfach zu ihm gehen und ihn umbringen. Du darfst ihn auch nicht in deinem eigenen Haus umbringen. Zu Hause darfst du deinen Todfeind nicht anfassen.

Wenn zum Beispiel eine Beerdigung in einer Familie stattfindet, dann kommt die verfeindete Familie zur Trauerfeier, auch wenn die beiden bis aufs Blut zerstritten sind. Man zollt sich Respekt, das gehört sich so. Du musst deinen Feind empfangen und ihm Tee servieren. Sobald er rausgeht, darfst du ihn abschießen, aber vorher nicht.

 Deswegen haben die Täter sich also zu Hause versteckt, fünf Jahre lang, bis ein Blutgeld ausgehandelt wurde. Die Söhne des Opfers, die Cousins meiner Frau, akzeptierten die Zahlung auch. Aber nur scheinbar. Sie haben so getan, als sei jetzt alles okay, damit die anderen sich sicher fühlen und wieder aus dem Haus gehen. Das war ihre Chance.

Jahrelang haben sie nur auf diesen Moment gewartet, in dem sie die Mörder ihres Vaters rächen konnten. Ich habe ja schon gesagt, meine Familie gibt niemals auf.

Das ist das Schlimme eigentlich. Im wilden Osten hat diese Härte vielleicht einmal Sinn gemacht, weil sie abschreckend auf Feinde wirkte. Aber jetzt ist sie die Wurzel aller Probleme.

 Meine Leute haben Angst, als Idioten dazustehen. Wer einmal einknickt, wird nicht mehr für voll genommen und macht sich angreifbar. Deshalb denken sie, sie müssen Blut mit Blut begleichen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das ist das Prinzip und das gilt auf dem Dorf genauso wie in Berlin.

Die Geschichte hat sich zwar Tausende Kilometer entfernt abgespielt, aber selbst hier in Deutschland haben die Verwandten der Täterfamilie Geld gesammelt und nach Drei Pappeln geschickt, damit sie dort das Blutgeld zahlen konnten.

Oder nehmen wir Nidal, den Typen, der vor dem Tempelhofer Feld in Berlin ermordet wurde. Der ist zwar Palästinenser, aber die haben ähnliche Sitten. In dem Krieg zwischen Nidals Leuten und einer anderen Familie ging es eigentlich um Drogengeschäfte, wem welcher U-Bahnhof in Neukölln gehört und wer da dealen darf und wer nicht.

Doch eskaliert ist es dann – das erzählt man sich so in der Community –, weil Nidal einen krassen Fehler gemacht hat: Er war auf einer Hochzeit eingeladen und hat einen älteren Mann geschlagen, vor dessen Frau und Kindern. Das hätte Nidal nicht machen sollen.

 Es war eine heftige Ehrverletzung, der andere hat das Gesicht verloren. Nidal hat danach versucht, die Sache zu bereinigen. Er hat einen Vermittler losgeschickt, und der hat gesagt: „Nidal will das klären, es tut ihm leid“ und dies und das. Aber der Vertreter der anderen Seite hat nur gesagt: „Nidal muss sterben.“

Und dann haben sie ihn erschossen, im Park, beim Grillen mit seiner Familie. Dass Nidal vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder getötet wurde, ist kein Zufall, genau das war die Rache. Man fasst keinen Mann vor seiner Frau und seinen Kindern an. Das ist ein Gesetz, und wer das bricht, muss dafür bezahlen.

Vor ein paar Tagen hat mir ein Cousin ein Video aus Drei Pappeln geschickt. Da gab es einen Mord, eine Blutrache an entfernten Verwandten von mir, die sind eine bedeutende Familie in der Gegend und hier in Deutschland auch. Ich nenne sie mal Familie A. Davor soll Familie A., also der Vater von dem Opfer, vier Männer der Familie B. umgelegt haben, weil die B.s einen der A.s im Streit getötet hatten. Klingt kompliziert?

Ist es auch, das geht da jetzt schon seit Jahrzehnten so hin und her. Auf dem Video ist der Vater des jetzigen Opfers zu sehen, der selbst schon gemordet hat. Vater A. darf nur unter Polizeischutz aus dem Knast, um auf die Beerdigung seines Sohnes zu gehen. Polizisten mit Maschinengewehren und kugelsicheren Westen schirmen ihn ab.

Er steigt in einen Bus, der ihn zurück ins Gefängnis transportieren soll, da dreht er sich zu seinen Leuten um und brüllt: „Ihr unternehmt jetzt nichts, das ist eine Angelegenheit für echte Männer – ich werde mich darum kümmern!“ Man kann sich also ausrechnen, wie es da unten weitergehen wird. Es ist ein ewiger Teufelskreis.

 Das Verrückte ist: Von uns hier in Deutschland ist niemand mehr da geboren, selbst mein Vater kennt die Dörfer nur vom Hörensagen. Und trotzdem haben die Traditionen noch immer einen krassen Einfluss auf uns.

Bei jedem Familientreffen werden die alten Geschichten aufgewärmt, die Jüngeren posten Fotos und Videos auf Instagram, die sich auf unsere Herkunft beziehen. So ein Bild zum Beispiel: Zwei goldene Sturmgewehre kreuzen sich in der Mitte, drum herum stehen die Namen von allen wichtigen Clans – mein Nachname ist auch dabei. Die Magazine und Gewehrläufe bilden ein Dreieck, in dem „LKC“ steht, das ist die Abkürzung für libanesisch-kurdische Clans. So bezeichnen uns Polizisten und Kriminalforscher.

Die haben sich sogar die Mühe gemacht, in unsere alten Dörfer zu reisen, um mehr über unsere Herkunft herauszufinden. Ein anderer Name für uns ist Mhallami-Kurden, und auch das ist ein Grund, warum wir irgendwo alle miteinander verwandt und bekannt sind: Wir stammen nicht nur aus derselben Gegend, wir gehören auch zur selben Ethnie. Wobei die Bezeichnung Kurden falsch ist. Wir selbst nennen uns nur Mhallami, weil wir eigentlich Araber sind, die nur lange Zeit unter Kurden gelebt haben. Bis es uns da zu brenzlig wurde.

Die Mhallami haben einen eigenen arabischen Dialekt, der von niemandem sonst gesprochen wird. Man erzählt sich viele Geschichten darüber, wo unser Volk herkommt und wie unser Dörfer entstanden sind. Einige behaupten, wir wären ursprünglich christliche Aramäer gewesen, die irgendwann zum Islam konvertierten, weil sie von den Muslimen unterdrückt wurden.

Manche sagen auch, dass wir auf einen großen arabischen Beduinenstamm zurückgehen, der bei den Feldzügen mitmachte. Die beliebtere Geschichte ist, dass wir die Nachkommen von arabischen Kriegern sind, die mit den islamischen Eroberungsfeldzügen im achten Jahrhundert in die Gegend kamen, um die christliche Bevölkerung in Schach zu halten.

Mahall ist der Ort und Mi'a ist hundert. Unser Name bedeutet also so viel wie „Der Ort der Hundert“.

 Für meine Familie steht jedenfalls fest, dass wir echte Araber sind. Einer meiner Onkel hat mal eine DNA-Analyse machen lassen, bei der man sich ein Wattestäbchen in den Mund steckt und es in ein Labor schickt. Dabei kam heraus, dass wir ursprünglich von der Arabischen Halbinsel stammen. Das war eine wichtige Erkenntnis für uns, weil wir immer wie Dreck behandelt wurden, auch von Arabern.

Mein Vater hat einen Stammbaum gezeichnet, mit allen Informationen, die er aus der Verwandtschaft kriegen konnte. Ein großer Baum mit dicken Ästen und vielen Zweigen, in denen Namen stehen – aber nur von den Männern. Bei uns zählt die Blutlinie des Vaters.

Die eigene Familie, also das gleiche Blut, geht über alles. Wenn wir Stress mit einer anderen Mhallami-Familie haben und es eine Schlägerei gibt, werden deshalb auch immer nur die Onkel und ihre Söhne zur Verstärkung gerufen, nicht die Söhne meiner Tanten.

Das könnte uns sonst jemand als Schwäche auslegen, so nach dem Motto: „Die sind nicht stabil genug, um sich selbst zu verteidigen.“ In dem Stammbaum ist jeder dritte Name gleich, weil es bei uns so üblich ist, dass der Erstgeborene den Namen des Großvaters erbt.

Meine Vorväter sind schon immer viel gewandert. Vom Jemen nach Saudi-Arabien, in den Irak und nach Syrien, von dort in die Türkei, dann in den Libanon und von Beirut schließlich nach Berlin. Meine Großeltern haben hier inzwischen 300 Nachfahren, und soweit ich weiß, planen alle zu bleiben.

Früher gab es viele Gründe, zu gehen. Entweder versiegte die Wasserquelle im Ort, oder die Familie wurde zu groß und das Land reichte nicht mehr für alle Söhne. Oder es gab Streit mit einem anderen Stamm, und damit die Fehde nicht auf die Kinder überging, zog man lieber weiter. Im Osmanischen Reich war ja alles eins, es gab keine Grenzen, keine Kontrollen, keine Abschiebungen.

Ein Mann konnte wandern, wie er wollte. Mein Urururopa war Maurer und deshalb nicht so mit der Erde verbunden wie ein Bauer. Wenn eine Arbeit erledigt war, zog er ins nächste Dorf. Mein Ururopa dagegen bestellte ein Feld und baute ein kleines Steinhaus, in dem meine Familie über mehrere Generationen lebte. Doch dann kam Mustafa Kemal Atatürk, gründete die Türkei und verbot alles, was nicht türkisch war.

So war das damals mit Minderheiten: Erst vertrieben oder töteten die Türken die Armenier. Dann gingen sie gegen die Kurden vor und dann gegen unsere arabische Kultur. Den Familien wurden neue Namen verpasst, sie sollten nur noch Türkisch reden. „Atatürk hat uns unsere Namen genommen, Atatürk hat uns unsere Sprache genommen“, sagen die Älteren.

Und als die Kurden dann einen Aufstand machten, waren wir auf einmal mittendrin, dabei hatten wir gar nichts mit den Kurden zu tun und mit den Türken auch nicht. Aber unsere Dörfer lagen in den kurdischen Gebieten, und so gerieten wir in die Unruhen.

Die Mhallami wurden gegen die Kurden bewaffnet: Die Türken gaben dem Bürgermeister ein Gewehr und wollten die Jungen in den Militärdienst einziehen. Daraufhin griffen die Kurden unsere Dörfer an. In den 1940er Jahren entschied mein Opa, endgültig in den Libanon zu gehen. Er und sein Vater hatten schon als Saisonarbeiter auf dem Gemüsemarkt von Beirut gearbeitet, als die Lage in den Dörfern immer schlechter wurde, und darum wussten sie, wie gut die Leute da lebten.

Der Libanon war die Schweiz des Nahen Ostens. In der Schweiz gehörten wir zwar zu den Ärmsten der Armen, aber das war immer noch besser, als auf den Steinfeldern zu ackern oder als Kollateralschaden der Kurdenaufstände zu enden. Also machten sie sich zu Fuß auf in die große Stadt.


Aus: "Wo die Gewalt ihren Ursprung hat: Fast alle Taten Berliner Clans gehen auf die Fehde zweier Dörfer zurück" Khalil O. (31.10.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/wo-die-gewalt-ihren-ursprung-hat-fast-alle-taten-berliner-clans-gehen-auf-die-fehde-zweier-doerfer-zurueck/26573888.html
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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #43 on: December 02, 2020, 11:07:01 AM »

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[...] Dilek Güngör, geboren 1972 in Schwäbisch Gmünd, studierte Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim, Journalistik in Mainz und Race and Ethnic Studies in Warwick. Ihre gesammelten Kolumnen erschienen in den Bänden, "Unter uns" und "Ganz schön deutsch". ...

... Wann haben wir aufgehört, miteinander zu sprechen? Als ich zwölf wurde oder dreizehn? Oder erst später, als wir schon übers Ausgehen stritten? Bin ich eines Morgens in die Küche gekommen und habe mich gewundert, warum du nichts sagtest? Habe ich dir beim Brotabschneiden etwas erzählt und du hast nur "ja" gesagt oder "hmh" oder nichts? Wäre es so gewesen, wüsste ich das. Ich würde mich an den genauen Tag erinnern, an den genauen Moment, daran, was es an diesem Morgen zum Frühstück gab. Wohin du sahst und wohin ich sah, ob ich meinen Satz wiederholte oder nur dachte, ich hätte etwas falsch gemacht.

Ich habe nichts falsch gemacht, auch du hast nichts falsch gemacht. Trotzdem war es vorbei. Kein Huckepack mehr, kein Ringen, kein Kitzeln, kein Kuscheln, keine Wasserschlachten, keine hartgekochten Eier im Bett. Jedem Gast, der über Nacht blieb, haben wir in aller Früh immer ein Ei unter die Decke geschmuggelt, und sie fanden es beim Wecken. "Du hast heute Nacht ein Ei gelegt!" Was haben wir gelacht und gekreischt und den Scherz jedes Wochenende wiederholt.

Dass es mit uns vorbei war, begriff ich erst, als es schon vorbei war. Vieles begreife ich erst hinterher oder gar nicht, auch dann nicht, wenn man es mir erklärt. Auch dass ich gewachsen war, begriff ich erst, als es schon jeder andere sehen konnte. Längst trug ich weite Sweatshirts und enge Unterhemden, die den Busen wegdrückten, alles sollte so bleiben, wie es war. Es blieb nichts, wie es war und jeder hatte etwas dazu zu sagen. Nachbarn, Bekannte, ehemalige Lehrerinnen, denen wir auf dem Wochenmarkt in die Arme liefen. Was bist du groß geworden. Dürfen wir dich noch duzen? Alle lachten, wo es nichts zu lachen gab, auch ich. Dann hob ich die Tüte mit den Einkäufen vor meine Brust.

Wann ist uns die Sprache abhandengekommen? Als mir die türkischen Wörter ausgingen und immer mehr deutsche hinzukamen? Worte wie Schullandheim, Referat, Gottesdienst, Praktikum und Monatskarte. Verknallt sein und mit jemandem gehen, die Tage kriegen. Ist es da passiert?

Vater und Tochter sollen sich nah sein, sich beieinander geborgen fühlen und zu Hause. Sie sollen sich berühren, mit Händen wie mit Worten und nicht am Ungesagten ersticken. Selbst wenn die Tochter zu groß wird, als dass man sie noch über die Schulter werfen kann. Selbst wenn die Tochter in die elfte Klasse kommt, obwohl der Vater schon nach der fünften von der Schule genommen wurde. Wenn die Tochter genau das studiert, was ihr und dem Vater am dringendsten fehlt: Sprachen.

Ich habe Englisch gelernt, dann Französisch und Spanisch. 5.000 spanische Vokabeln aus dem roten Grund- und Aufbauwortschatz. Ich trug die Wörter auf Karteikärtchen in der Hosentasche mit mir herum. El descanso: Pause, Erholung, el destino: Schicksal, Zukunft, Reiseziel, estar dispuesto, bereit sein. Auch in England führte ich ein kleines Heft mit mir, paw schrieb ich auf, die Katzenpfote und actually, was so vieles heißen kann und so schwer auszusprechen ist. Ich wollte nicht klingen wie eine Deutsche, die Englisch gelernt hat, ich wollte so klingen wie die Frau im Fernsehen, actually.

Irgendwann lernte ich auch Türkisch noch einmal, anders diesmal, aus Büchern und aus Zeitungen, mit Lexika und Grammatik. Und sieh an, das Türkische wurde zu einer Sprache wie jede andere auch. Der Makel fiel ab, sie war nicht mehr das, was wir in der Schule verschämt versteckten, eine Muttersprache, die nichts zählte, weil alle, die Türkisch sprachen, nicht ordentlich Deutsch gelernt hatten und sich nicht richtig anpassten.

Mama blieb über die Jahre einfach Mama. Sie redet noch immer so, als würde sie einen Pullover aufribbeln. Den Wollfaden in der Hand, ein leichtes Ziehen, schon geht eine Reihe nach der anderen auf, ein Satz zieht den nächsten nach sich. Wir reden über dieses und jenes, über Belangloses, und wir erinnern uns danach an nichts. Unsere Gespräche sind leicht und dünn, sie wehen uns davon. Nicht so wie dir und mir. Uns beiden ist das Sprechen eine Last. Am Telefon genauso wie von Angesicht zu Angesicht. Wir schleppen uns von einem Satz zum nächsten, ziehen uns die Worte mühsam aus dem Mund, auf eine kurze Frage folgt eine noch kürzere Antwort. Dann eine quälende Weile nichts. Wir wechseln Worte, gerade so viele, dass der Schein gewahrt bleibt, die Peinlichkeit verdeckt wird. Weil wir, Vater und Tochter, nicht wissen, wie miteinander sprechen. Wir gehen einander aus dem Weg, doch nur so weit, dass wir uns noch im Weg stehen. Besser dem anderen eine Last als nichts sein.

Aber kann das Schweigen unsere Sprache sein? Ich kenne dein Schniefen, dein Räuspern, deine Schuhe auf dem Boden. Selbst am Telefon erkenne ich, noch bevor du ein Wort gesagt hast, dass du es bist, der den Hörer abhebt. Da ist ein Zögern, eine Pause zwischen Rangehen und Sprechen. Ohne Worte.

Manchmal stelle ich mir vor, du wärst nicht mein Vater. Mit Fremden zu sprechen fällt mir nicht ganz so schwer. Ich spreche ständig mit Menschen, die ich zum ersten Mal treffe, frage sie Dinge, die ich dich nie zu fragen wagte. Ich muss es mir nur vornehmen, dann kann ich alles, was ich je für dich empfand, abstellen wie ein Radio, das man leiser und leiser dreht, und schließlich, über einen kleinen knackenden Widerstand hinweg, ausmacht. Mein Inneres wird dumpf und taub und still. Ich sehe dich vor meinem inneren Auge beim Zwiebelschälen oder Rasieren, betrachte dich und denke: Wir haben nichts miteinander zu tun.

Mama spricht oft für dich, sie füllt mit ihrer Stimme den Raum, aus dem du dich zurückziehst. Kommt dir das gelegen? Mir schon. Mit ihr spreche ich wie von selbst, gedankenlos. Ich frage sie, wenn ich dich fragen will, sie spricht für dich und über dich, als wärst du erst sieben, schüchtern, scheu und unbeholfen. In der Schüchternheit, da treffen wir uns, du und ich, sie ist unser gemeinsamer Ort. In der Unbeholfenheit sind wir uns nah, hier kennen wir uns aus und vielleicht fühlen wir uns hier wohl, ein wenig abseits, am Rand, in der Stille.

Wir kommen uns durchs Machen nah, durchs Tun. In der Küche stehen und kochen. "Brauchst du das Sieb noch?" oder "Soll ich die Petersilie waschen?" Wir brauchen unsere Hände zum Reden, sie wollen beschäftigt werden, etwas zu tun haben, anfassen, etwas festhalten, und sei es ein Topf Reis. Wir essen grüne Bohnen in Tomaten, kauen und sitzen beieinander, sehen zum Fenster hinaus, reichen uns Servietten oder die Schüssel mit Joghurt. Hüllen uns in unser Schweigen wie in eine warme Decke.

Sei’s drum. Wir müssen gar nicht reden, um uns einander nah zu fühlen. Die Stimme im Ohr, die flüstert, Schweigen sei Versagen, wird leiser.


Aus: "Entfremdung in der Familie: Wie uns die Sprache abhanden kam" Dilek Güngör (1. Dezember 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-11/entfremdung-familie-vater-tochter-sprache-tuerkei-schweigen-dilek-guengoer/komplettansicht

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digit.a. #2

Wunderschöner Text. Und tut weh. Muss nicht einmal Migrationsberührung haben, universelle Fragen sind berührt ...


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hansi55 #6

Was für ein schöner Text! Sehr berührend und obwohl er Schmerz, oder vielleicht eher Wehmut ausdrückt, kann die Autorin doch auf ein warmes Verhältnis mit dem Vater zurückblicken. Sie haben zusammen gelacht. Ich beneide sie ein wenig. Auch um ihre Sprachmächtigkeit.


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Sonnenblume89 #7

Kommt mir bekannt vor, leider....bei uns/meinen Eltern läuft der Fernseher non-stop. Meine Mutter fragte mich immer wieder, wann ich sie besuchen komme. Weil sie mich so sehr vermissen. Schaffe ich es doch zu ihnen, stelle ich fest, dass ich mit meinem Hund mehr rede und kommuniziere als mit meinen Eltern. Starren alle gemeinsam den Fernseher an und Frage mich derweil, warum ich dort bin. Ist inzwischen fast zwei Jahre her seit dem letzten Besuch.

Sehr schöner Artikel.


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   Pimienta #12

Es gibt auch das Gegenteil. Sobald ich mit meinem erwachsenen Sohn zusammen bin, müssen wir höllisch aufpassen, dass nicht nach einer halben Stunde die Fetzen fliegen.
Über Politik. Religion. Corona. Gesellschaft. Kindererziehung. Beziehungen. Alles mögliche.
Unsere Kommunikation ist mühsam und anstrengend.
Allerdings zeigte sich das bereits, als er noch ein ziemlich kleiner Junge war.
Glücklicherweise sehen wir uns nicht so oft. Er hat eine nette, passende Frau gefunden, ein süßes Kind bekommen und einen ausfüllenden Job, der viel verlangt.
Was will man als Elternteil mehr?



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Dunkles Ahnen #12.1

Ich wüsste noch manches. Aber es ist schon gut, sich vor Maximalerwartungen zu hüten.


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Nathalie2009 #13

... vielleicht ist es eine unglückliche Liebesbeziehung... tut weh, immer wieder.


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vorderwäldler #24

Ich denke,dass nicht unbedingt die Worte fehlen,wenn das Schweigen beginnt.
Was fehlt,ist oft die Zeit und der Raum,in dem auch sehr private Dinge erzählt werden können.
Aber in allererster Linie habe ich vermisst,es zu lernen,richtig gute Gespräche zu führen.
Die gibt es sehr selten.
In meiner Familie war es sehr schwer,überhaupt Gehör zu finden.
Der Vater traumatisiert durch
Krieg und Flucht,er war elf Jahre 1945,die Mutter hat ihre fehlende Geselligkeit mit Dauerreden ausgefüllt-
beides Beispiele für Sprachlosigkeit.
Die entstand in erster Linie dadurch,dass ihnen niemand zugehört hat,dass sie als Individuen nie wahrgenommen wurden und so nicht in der Lage waren,ihre innere Gefühlswelt überhaupt zu artikulieren.Dann noch 5 Kinder...
Verändert sich im Leben dann grundlegendes,z.b Pubertät oder höhere Schulabschlüsse der Kinder,reisst das fragile Band sehr schnell und zurück bleibt Sprachlosigkeit.
Ich habe früh begriffen,das gute Gesprächsführung unbedingt schon im Kindergarten und Schule gelernt werden sollte-
sonst bleibt es ein Leben lang ein Kampf um Macht und gegen Ohnmacht,ohne das es den Kommunizierenden überhaupt bewusst ist.
Zwischen meinen Geschwistern und mir ist es bis heute ein Machtspiel,wer wann was zu sagen hat,da wir immer an der Oberfläche bleiben und wenig in die Tiefe gehen.
Raum und Zeit haben gefehlt,die hätte eine Familientherapie vllt.bieten können. Ich befürchte,ich wäre dort die einzig Anwesende.
Die Geschwister haben ja keine 'Probleme',nur ich.


Quote
Roland Muck #29

Ein Text, wunderbar zu lesen und ein gerüttelt Maß an Erkenntnisgewinn, auch für das eigene Schweigen, kommt dazu.


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