Author Topic: [Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]  (Read 3663 times)

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #30 on: March 20, 2019, 03:26:17 PM »
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[...] Ines Geipel, auch Ines Schmidt (* 7. Juli 1960 in Dresden), ist eine ehemalige deutsche Leichtathletin und heute Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Sie betätigt sich als Schriftstellerin und Publizistin, besonders in der Aufarbeitung ihrer Erfahrungen als Opfer der DDR-Diktatur, vor allem des staatlich verordneten Dopings im DDR-Leistungssport. Als Themenfeld ergab sich in der DDR unterdrückte Literatur. Sie war maßgeblich daran beteiligt, die Schriftstellerin Inge Müller (1925–1966) bekannt zu machen. Zeitweise beschäftigte sie sich mit den Hintergründen von Massenmorden durch Einzeltäter.

... In ihrem 2019 veröffentlichten Buch Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass greift Geipel das für die DDR-Geschichte so signifikante Thema des Verschweigens aus der Sicht mehrerer Generationen auf. ... Ines Geipel „schreibt die Geschichte der DDR als ein Drama der jahrzehntelangen Schuldverdrängung“, in dem die zahlreichen Belege für antisemitische Übergriffe in den Schubläden der SED-Funktionäre verschwanden, während in der Spätphase des Regimes „die versprengte, linke Punk-Szene kriminalisiert und zerrieben, die grassierende Skinhead-Kultur aber ignoriert oder sogar geduldet wurde. Auffallend oft, so Geipel, waren Skins Kinder von Stasi-Mitarbeitern, die dann Straftaten der eigenen Söhne deckten.“ Geipel ermöglicht einen objektiven, fast mikroskopisch-genau anmutenden Blick auf die politischen und psychologischen Wirkkräfte, die die DDR-Gesellschaft formte. Die Sprachgewalt der Literaturprofessorin Geipel stellt den erhellenden Innenansichten zur DDR-Geschichte die Wucht der Anklage zur Seite, die einer Aufdeckungsschrift per se innewohnt.


Aus: "Ines Geipel" (19. März 2019)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ines_Geipel

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[....] Rabhansl: Bei mir ist Ines Geipel mit Ihrem neuen Buch, das heißt „Umkämpfte Zone: Mein Bruder, der Osten und der Hass“. Über den Hass, über den haben wir vorhin schon gesprochen, über die DDR-Nachkriegsjahre, auch über Ihren Vater, den Stasi-Agenten. Und da ist schon deutlich geworden, das ist kein blankes Sachbuch, was Sie da geschrieben haben, sondern das ist literarisch geformt, und im Zentrum, da steht immer wieder Ihr jüngerer Bruder, Frau Geipel. Robby, sechs Jahre jünger, der Ihnen im Dezember 2017 gesagt hat, dass er einen Hirntumor hat. Und Sie hatten genau einen Monat, keinen Tag mehr und keinen Tag weniger, um Abschied zu nehmen. Haben Sie diese Aufarbeitung dieser Familiengeschichte und Gesellschaftsgeschichte für Ihren Bruder geschrieben?

Geipel: Zunächst muss ich ganz ehrlich sagen, ist es ein Buch, um meinen Bruder, der für mich ein absoluter Kernmensch gewesen ist, für mich selber auch noch mal anwesend zu machen. Also in den Bildern, die eine Rolle spielen, die ich aufrufe, war er sehr da in diesem letzten Jahr, und ich weiß gar nicht, wie ich ohne die Möglichkeit, dieses Buch zu schreiben, über dieses Jahr gekommen wäre.

Dieser Schmerz, glaube ich, zieht sich durch dieses Buch, und ich habe in meinem Leben keinen sanfteren Menschen kennengelernt als ihn, und gleichzeitig ist das ja immer so frappierend mit der Sanftheit. Er hatte dieser Wucht, der er selbst auch ausgesetzt war, nur diese Sanftheit entgegenzusetzen. Das ist eine Strategie für ihn gewesen, er selber nannte es positives Verleugnen.

Und das war ein bisschen auch nach 1989 immer ein Streitstoff für uns, dass ich gesagt habe, klar, die Wege sind zu akzeptieren, aber ich glaube, es kann nicht funktionieren. Er wollte eben diese Familiengeschichte nicht anschauen, er wollte damit abschließen, und gleichzeitig weiß ich, dass er damit sehr gekämpft hat. Dieses Austarieren, inwieweit schaut man in die Familienkrypta und was bleibt in sich verschlossen? Was bleibt verborgen? Und wann muss Verborgenes tatsächlich nach oben, damit man überhaupt noch miteinander atmen kann? Das spielt eine ziemliche Rolle in dem Buch.


Aus: "Eine schmerzhafte Familiengeschichte" Ines Geipel im Gespräch mit Christian Rabhansl (02.03.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ines-geipel-ueber-ihr-buch-umkaempfte-zone-eine.1270.de.html

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Was ist los im Osten? Die Frage stellen sich viele seit Pegida und hiesigen AfD-Erfolgen. Ines Geipel , 1960 in der DDR geboren und in einer Familie des bedrohlichen Schweigens aufgewachsen, Leistungssportlerin und 1989 Flüchtling, war bis vor kurzen Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe. Jetzt beschäftigt sie sich in ihrem neuen Buch „Umkämpfte Zone“ mit der Vergessenspolitik, die bis in die Eltern-Kind-Beziehung hin­ein unheilvoll wirkte. ...

[...] Jena/Berlin. Ines Geipel hat mit „Umkämpfte Zone – mein Bruder, der Osten und der Hass" ein sehr persönliches Buch geschrieben: Die einstige Spitzensportlerin und heutige Professorin und Schriftstellerin befasst sich mit ihrer Familiengeschichte – und sie zieht aus dem, was ihre Vorfahren in der Nazizeit und ihre Eltern in DDR-Zeiten getan, gelassen und verschwiegen haben, Rückschlüsse auf einiges, woran die Gesellschaft vor allem im Osten krankt. Anstoß für diesen Blick zurück gab die intensive Zeit, die Ines ­Geipel mit ihrem sechs Jahre jüngeren Bruder Robby verbrachte, als dieser Ende 2017 im Sterben lag.

Frau Geipel , die Großväter Nazis, deren Taten innerfamiliär immer verschwiegen wurden. Der Vater ein Stasimann, der heimlich im Westen zum Einsatz kam. Großmutter und Mutter sorgten dafür, dass der Nachwuchs nie die Wahrheit erfuhr. Wann haben Sie gespürt, dass das Ganze eine Lüge war?

Ines Geipel: Dass etwas nicht stimmt, nicht stimmen konnte, spürte ich schon als Kind. Das Schweigen, der Nebel, das Weggedrückte, die Gewalt. Aber wie dahinterkommen? Man läuft durch eine Zeit mit dem Gefühl: Hier ist so viel geschehen, aber es wird dir keiner sagen, was. Das war ein frühes Grundgefühl: Dass jeder von etwas anderem schwieg. In belasteten Familien existiert sicher noch einmal ein anderes Sanktuarium, sind die Mauern noch einmal dicker. Dabei geht es mir nicht um Vorwürfe, sondern um den Versuch, genau das zu verstehen: Was es so schwer macht, dafür eine Sprache zu finden.

Ihr Buch „Umkämpfte Zone“ geht der Frage nach, warum die Menschen im Osten so sind, wie sie sind. Dabei kommen Sie zu dem Ergebnis, dass vor allem das seit Jahrzehnten anhaltende Schweigen – sowohl in und nach der Nazizeit, als auch in und nach der SED-Diktatur – die Menschen verbogen hat. Wenn Ihnen vorgehalten wird, Ihre Familie sei nicht typisch, was entgegnen Sie dann?

Ines Geipel: Mir ist natürlich klar, dass es auch viele gute, fürsorgliche Familien gegeben hat. Grundsätzlich aber mussten alle Familien im Osten mit Druck, Zumutungen, Ängsten, hochkarätigen Konflikten, Unbesprechbarem klarkommen. Das ist wie eine Lebenshaut, die sich über alles und jeden gezogen hat und die auch etwas Unentrinnbares hatte. Man ist nur sehr verschieden damit umgegangen. Und darum geht es mir: Das Dilemma des Ostens über eine lange Zeitschiene und den generellen Druck anzuschauen. Sicherlich ist in meiner Familie das Ganze zugespitzt, aber ein Extrem legt doch auch immer das Prinzip frei. Etwas wird kenntlicher dadurch.

Warum lässt sich aus dieser persönlichen Betrachtung ein genereller Schluss ziehen?

Ines Geipel: Ich erzähle von den Belastungen in einer Familie, die weit zurückreichen. Es ging mir dabei um historische Kontinuitäten und um lang wirkende Familienloyalitäten. Ich schreibe ja ausdrücklich, dass es schwer ist, damit klar zu kommen. Oft genug ist es unmöglich. Ich wollte noch einmal deutlich machen, dass der Osten damit zu kämpfen hatte und noch immer hat, eben, weil sich vieles unaufgelöst ineinandergeschoben hat. Ich schreibe von historischen Umschreibungen im Osten nach 1945 und von denen nach 1989. Das geht dann eben weg vom Einzelnen und bekommt etwas Symptomatisches, auch wenn die Ausprägungen natürlich sehr unterschiedlich sein ­konnten.

Jana Hensel und Wolfgang Engler greifen in ihrem Buch „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ ein ähnliches Thema, aber mit anderer Zielrichtung auf. Hensel etwa spricht vom „ossiphobischen Blick“, wenn dem Osten sein Rechtsruck und seine latente Fremdenfeindlichkeit vorgehalten werden. Dieser Vorwurf der Ossiphobie könnte auch Sie treffen, oder?

Ines Geipel: Es gibt die unterschiedlichsten Ansätze. Aber die Phänomene sind ja nicht wegzublinzeln und belegt: 1. Jeder Zweite im Osten ist fremdenfeindlich. 2. Die Gewalt ist dreimal so hoch wie im Westen. 3. Jeder zweite Ostdeutsche will muslimische Zuwanderung untersagen. Es bringt doch nichts, das als Ossiphobie zu bezeichnen. Es sind Tatsachen. Sie tun weh und gehen auch nicht durch Entlastungsstrategien weg. Erst hatten wir die glückliche Einheitserzählung, grad finden wir es ganz angenehm, wenn all unsere Probleme mit der Einheit begonnen haben sollen. Wir haben aber, und das hat mit unserer speziellen Ostgeschichte zu tun, noch immer ein paar heiße Eisen im Eisschrank zu liegen, was nach mehr als einem halben Jahrhundert Diktaturgeschichte zwar nicht verwunderlich ist. Aber da werden wir wohl ranmüssen.

Ihr jüngerer Bruder, der Anfang 2018 so früh so schnell gestorben ist, hatte einen anderen Blick auf Familie und Geschichte als Sie. Steht er mit seiner Haltung auch für die Menschen, die vor allem ihre Ruhe haben wollen und die Vergangenheit verklären?

Ines Geipel: Verklärung, Entlastung oder auch Verdrängung sind ja nicht per se schlecht. Sie werden nur dann schwierig, wenn sie anfangen, einen zu blockieren. Mein Buch verzahnt Familiengeschichte und Zeitgeschichte. Da kann es nicht darum gehen: Der eine hat es richtig gemacht, der andere nicht. Ich liebe meinen Bruder. Das werde ich immer tun. Ich wollte anschauen, was mit dem Einzelnen ist, was er versucht oder eben nicht hinkriegt. Mein Bruder hatte zwei SS-Altväter und einen Vater als Terroragent. Also auf welches Männermodell konnte er zurückgreifen? Was war seine Orientierung? Nein, mein Bruder wollte keine Ruhe. Er hat in einem fort gesucht. Er war einer der sanftesten Männer und Menschen überhaupt. Aber was kann das Sanfte sein mitten im Terror? Wie findet man seinen eigenen inneren Ort? Das hat mich interessiert.

Was genau hatte Sie und Ihren Bruder entzweit, so dass sie sich jahrelang aus dem Weg gegangen waren vor seiner Erkrankung?

Ines Geipel: Es ging natürlich um die Familienlüge. Um das, was die SS-Altväter getan haben, was der Vater getan hat und was die Altmütter und die Mutter eisern beschwiegen haben. Das sind Kernfragen. Sie sind nicht nur sehr persönlich, sondern auch enorm angstbesetzt. Wenn es um Familie geht, geht es ja immer ums Eingemachte. Und im Osten halt um das psychische Erbe zweier Diktaturen und um Generationsweitergaben. Mein Bruder hat die Familiengeschichte verdrängt, aus Scham. Er wollte im Inneren nie mehr an den Ort zurück, wo er all die Gewalt erfahren hat. Er hat versucht, diesen Ort zu überlaufen. Sein Lebensprinzip lautete: positives Verleugnen. Das war unser Disput nach 1989. Und irgendwann war Sprechen nicht mehr möglich. Als er starb, waren wir uns sehr nah und auch versöhnt. Diese Nähe war unser Geschenk an den anderen im Abschied. Robby war, und das hat viel mit Kindheit zu tun, mein nächster Innenmensch.

Stellen Sie solche Entzweiung in vielen Familien gerade im Osten fest?

Ines Geipel: Jedenfalls ist heftig was los in den Familien. Man kann das auch als eine große Suche lesen, die noch immer mit der Wucht der Umbrüche nach 1989 zu tun hat. Soziologen sagen, dass die Familie im Osten nach dem Zeitenbruch zum Stabilisator, zur Orientierungs-Instanz und zum intimen Magneten gegen die große Verunsicherung werden musste. Umso wichtiger, was an den Familientischen, was an der Wurzel geschieht.

Sie erzählen in Ihrem Buch auch von Michael, einem einstigen Studienkollegen in Jena , widerständig zu Ostzeiten, engagiert zur Zeit der friedlichen Revolution, dann im Kulturbereich engagiert, eigentlich eher links ... Inzwischen ist er in Berlin , bei der AfD engagiert und hat offenbar keine Scheu vor Pegida und Neonazis bei der Chemnitz-Demo im Sommer 2018, weil er sich jetzt diesen Gruppen zugehörig fühlt ... Was ist mit Menschen wie Michael passiert?

Ines Geipel: Es gibt in unserer Kriegsenkel-Generation so viele, die ewig auf der Suche sind, nach der Zeit, nach guten Beziehungen, nach ihren Familien, nach sich selbst. Nun sind sie fünfzig, über fünfzig. Der Zeitraum für die große Klarheit oder den großen Zauber wird enger. Und nun bietet etwa die AfD etwas an, ihr ‚gäriges Wir‘. Das bedeutet Halt, Schutz, Kuhwärme. Das hat viel mit dem autoritären Charakter zu tun. Den sind wir nicht los. Und auf einmal ist so eine Partei plötzlich keine dramatische politische Verschiebung mehr, sondern ein Mainstream-Ding. Dabei geht es knallhart um Umschreibungen, Diskursräume, letztlich um politische Macht.

Der Michael von früher hätte wahrscheinlich dem Michael von heute die Meinung gegeigt, oder? Oder war dieses Unverortete, dieses Fundamentlose, dieses früher schon immer Dagegengewesene womöglich ein Anlass, sich jetzt, wo die Linken zum Teil sogar regieren, eben auf der anderen Seite außen anzusiedeln?

Ines Geipel: Es sind ja auch unsere Erfahrungen, die sich beschleunigen. Vieles kommt mir dabei wie eine Neubeatmung vor. Was wir nicht geklärt, nicht aufgelöst haben, die alten Gefühle, das alte Gift, siedelt sich nun leicht auf der anderen Seite an. Als gäbe es ein Diktat des vergangenen Jahrhunderts.

Die DDR ist jetzt bald 30 Jahre nicht mehr existent. Welche Rolle spielen denn konkret welche Art von Vereinigungsfehlern, wenn davon die Rede ist, dass sich Menschen im Osten als Bürger zweiter Klasse empfinden?

Ines Geipel: Ich habe in diesem Buch ausdrücklich nicht auf Treuhand, Geld, Rente geschaut, sondern auf das immaterielle Erbe der beiden Diktaturen, die den Osten geprägt haben. Es ging mir um seine Bewusstseinshaut, die mit der des Westens schlicht nicht kompatibel war. Hier kollidierten zwei politische Mythenströme, letztlich zwei Selbstverständnisse, die in meinen Augen nicht wirklich besprochen sind und regelmäßig zu harschen Missverständnissen führen. Das scheint mir aber als Verständigung, wohin Ost und West gemeinsam wollen, überfällig.

Im Trauerjahr haben Sie dieses Buch geschrieben. Was würde Ihr Bruder wohl dazu gen, wenn er es lesen könnte?

Ines Geipel: Ich wollte meinem Bruder mit diesem Buch einen Ort geben. Er sollte da sein, da sein können. In Bildern, mit Worten. Mehr kann ich nicht dazu sagen.

...

Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Klett-Cotta-Verlag, 276 Seiten


Aus: "Ines Geipel beschäftigt sich in Buch „Umkämpfte Zone“ mit der Vergessenspolitik" Gerlinde Sommer (18. März 2019)
Quelle: https://www.otz.de/startseite/detail/-/specific/Ines-Geipel-beschaeftigt-sich-in-Buch-Umkaempfte-Zone-mit-der-Vergessenspolitik-1755795807
« Last Edit: March 24, 2019, 06:47:37 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #31 on: April 11, 2019, 03:51:00 PM »
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[...] Ingmar Bergman, geboren am 17. Juli 1918 in Upsala als Sohn des Pastors Erik Bergman und seiner Ehefrau Karin, wächst in einer strengen, bürgerlichen und natürlich vom protestantischen Glauben geprägten Familie heran. Moralisch predigend der Vater, herrisch und impulsiv die Mutter, erinnert sich Ingmar Bergman in seiner Autobiografie „Laterna Magica“.

„Mutters Ohrfeigentechnik war nicht zu überbieten. Der Schlag wurde blitzschnell und mit der linken Hand ausgeführt, an der zwei schwere Eheringe der Strafe schmerzhaften Nachdruck verliehen.“

Aber da beginnt schon rasch das andere, das Rätselhafte im Leben des Ingmar Bergman, das ihn auch nach dem Tod der Mutter verfolgt. Mochte es sein, dass die Verhältnisse im Pastorenhaus gar nicht so ordentlich waren, wie es nach außen den Anschein hatte? War Ingmar vielleicht gar nicht der Sohn von Karin Bergman, sondern der einer Haushälterin, mit der der Vater ein außereheliches Verhältnis pflegte?

Die Familie, die Identität, die Lüge, die Maskerade, die Liebe und noch mehr der Mangel daran, der unauflösbare Widerspruch zwischen Lust und Moral, Heuchelei und Entlarvung – das alles spielt in Ingmar Bergmans Filmen eine große Rolle spielen. Und vieles, wenn nicht beinahe alles, ist maskierte Autobiografie, ist zugleich Fabel und Bekenntnis, ist zugleich moderne Seelenerforschung und cineastisches Revivre. Ein Mensch schafft ein Meisterwerk auf der Suche nach sich selbst. Oder aber: Ein Mensch schafft ein Meisterwerk auf der Flucht vor sich selbst.

Zu Beginn seiner Karriere sieht sich Ingmar Bergman in der Tradition der skandinavischen Literatur – Henrik Ibsen und August Strindberg sind seine Meister, Seelenforscher, Psychologen der Theaterbühne. Das Kino hat für ihn gleich mehrere Anknüpfungspunkte. Da ist der nordische Stil, mit seinen schweren, expressiven Bildern wie bei dem dänischen Filmemacher Carl Theodor Dreyer oder Bergmans Landsmann Victor Sjöström. Da ist der poetische Realismus des französischen und der Neorealismus des italienischen Kinos. Aber Ingmar Bergman hat immer auch die Direktheit, die Expressivität, die Stilisierung des Stummfilms geliebt. In seinen Filmen wird viel gesprochen, gewiss, dennoch sind die Bilder in ihnen so wuchtig und ausdrucksstark wie in den frühen Stummfilmen. Und immer wieder gibt es Szenen, die nicht von Dialogen, sondern allein von Musik getragen werden.

In seinen frühen Filmen zeigt Ingmar Bergman die Ausgestoßenen und Außenseiter, die Unverstandenen und Rebellen in einer sehr konkreten Umwelt, zum Beispiel in einer Hafenstadt wie in dem gleichnamigen Film, in dem es um damals sehr aktuelle und sehr tabuisierte Themen geht wie etwa Selbstmord, rigide Heimerziehung und illegale Abtreibung.

Aber auch hier schon gibt es die später so klassischen Bergman-Elemente: Die hartherzige und emotional gestörte Mutter, die Kommunikationsunfähigkeit, die fundamentale Einsamkeit der Personen, das Leben als Albtraum.

... „Das Schweigen“ war zu seiner Zeit ein ungeheurer Skandal. Man konnte sich zweifellos fragen, wie viel Lust an der Provokation in Filmen wie „Das Schweigen“ steckte oder in „Die Jungfrauenquelle“ mit einer für das Jahr 1959 schockierenden Vergewaltigungsszene. Aber es ist immer auch die Konsequenz von Bergmans Filmen, nicht gnädig wegzusehen, den Blick der Kamera und des Publikums so starr auf dem Geschehen zu lassen, bis man das Gefühl hat, das Bild, die Maske, der Körper könne sich vor den eigenen Augen auflösen. Mit diesem insistenten Blick freilich gerät das Kino auch immer wieder an den Rand der Selbstauflösung und der Selbstzerstörung. Demaskierung ist ein Motiv, das immer wieder kehrt: etwa bei den Balletttänzern in „Einen Sommer lang“.

„Die Szenen haben sich selbst dahin gesetzt in meine Filme. Ich habe nicht gedacht, das ist etwas zum Schockieren. Als ich diesen Film „Das Schweigen“ gemacht habe, habe ich zu dem Produzenten gesagt: Dies ist eine Publikumskatastrophe, niemand will diesen Film sehen. Und dann habe ich dem Produzenten versprochen, eine Komödie zu machen. Er hat gesagt: Lieber Ingmar, ich glaube, nach diesem Film ist mit deiner Karriere Schluss. Ich wusste ja nicht, damals, dass in diesem „Schweigen“ so ein Dynamit wäre. Ich habe es nicht geahnt. Aber heute kann man diesen Film ja Konfirmanden zeigen, nicht wahr.“


Aus: "Im Labyrinth der Seelen" Markus Metz und Georg Seeßlen (14.07.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/eine-lange-nacht-ueber-ingmar-bergman-im-labyrinth-der.704.de.html?dram:article_id=421547



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« Reply #32 on: May 11, 2019, 10:40:21 AM »
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[...] Zu den besten Traditionen des britischen Kinos gehört es, die gesellschaftlichen Verwerfungen im eigenen Land in präzis beobachteten, sozial-realistischen Filmen zu verarbeiten. Nicht erst seit Ken Loach ist daraus so etwas wie ein eigenes Genre geworden. In den 1990er Jahren gab es eine regelrechte Welle solcher Filme aus Großbritannien. Titel wie Billy Elliott oder Ganz oder gar nicht, in denen es um die Folgen der Thatcher-Ära ging, machten international Furore und waren dazu noch kommerziell erfolgreich. Gemeinsam war diesem „New British Cinema“, wie die Filme subsumiert wurden, die Parteinahme und Empathie der jeweiligen Regisseure für die Abgehängten und Verlierer der neoliberalen Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft. Regisseur Richard Billingham knüpft mit seinem Regiedebüt Ray & Liz an diese Tradition an, wenn das Ergebnis auch zwiespältiger ausfällt.

Wir schreiben die frühen 1980er im „Black Country“ in den Midlands, jener mittelenglischen Region, die mit ihren Kohlegruben und Stahlkraftwerken einst das Kernland der Industrialisierung darstellte. Es herrscht Rezession, die eiserne Lady regiert durch. Ray (Justin Salinger) und seine Frau Liz (Ella Smith) leben am Rande, nicht nur des Existenzminimums, sondern auch der Gesellschaft. Nach heutiger Terminologie würden sie als Unterschicht (dis-)qualifiziert.

Tatsächlich ist der Grad ihrer Verwahrlosung enorm. Von Erwerbsarbeit ist an keiner Stelle des Films die Rede; Ray und Liz leben in einer verkommenen Sozialwohnung von der Stütze. Ihre Tage verbringen sie mit Rauchen, Trinken und Nichtstun. Irgendetwas Sinnstiftendes ist in ihrem Leben nicht zu entdecken. Die beiden Söhne, der eine noch ein Kind, der andere ein Teenager, werden weitgehend ignoriert und sich selbst überlassen. Sie bewegen sich durch die Wohnung wie durch Feindesland, stets darauf bedacht, ihren Erzeugern möglichst aus dem Weg zu gehen.

In drei zusammenhanglos nebeneinander stehenden Episoden – jeweils mit einigem zeitlichen Abstand – erzählt der Film vom wenig erbaulichen Alltag der Familie. Wobei „Erzählen“ das falsche Wort ist, denn dies würde so etwas wie eine Handlung, eine Geschichte voraussetzen. Es passiert aber nichts im Leben der Billinghams. Ein Tag gleicht dem anderen, und die innerfamiliären Interaktionen bestehen hauptsächlich darin, dass man sich beschimpft und gegenseitig die letzten Pennys aus der Tasche klaut.

Nun könnte man erwarten, dass nach den Hintergründen, Bedingungen und Ursachen dieser deprimierenden Armut gefragt wird. Tut der Film aber nicht, er will nur zeigen. Zu einer Haltung oder gar Wertung kann sich der Autor und Regisseur nicht durchringen. Und das nimmt dem Film viel von seiner Relevanz. Das materielle, geistige und emotionale Elend, in dem die Billinghams leben, scheint wie ein unabwendbares Schicksal, wie aus der Luft über die Familie gekommen zu sein. Weder erfahren wir etwas über den konkreten gesellschaftlichen Kontext, noch darüber, ob Ray jemals etwas anderes gemacht hat, als zu trinken. Aus dem Wort „Abfindung“, das zwischendurch mal fällt, lässt sich immerhin schließen, dass er irgendwann gearbeitet haben muss. Genauso unbelichtet bleibt das soziale Umfeld – Nachbarn, Freunde, überhaupt eine Außenwelt kommen nicht vor. Die reine Binnensicht auf das Familienleben wird so letztlich zur privaten Nabelschau.

Etwas ratlos fragt sich der Zuschauer, was die Absicht gewesen sein mag, diesen Film zu machen, denn die Akteure bleiben statisch und machen keinerlei Entwicklung durch. Eine mögliche Auflösung ergibt sich beim Blick auf die Biografie des Regisseurs: Richard Billingham ist ein bekannter Fotograf – dies ist sein erstes Werk als Filmregisseur – und die Namensgleichheit mit den Filmfiguren kein Zufall. Der ältere Sohn Richard ist sein filmisches Alter ego; mit Ray & Liz arbeitet Billingham die eigene Familiengeschichte filmisch auf, um nicht zu sagen: er unterzieht sich einem Exorzismus.

Vor 20 Jahren publizierte Billingham bereits den erfolgreichen Bildband Ray’s a Laugh, in dem er in distanzlosen Bildern das Leben des alkoholkranken Vaters und seiner Familie festhielt. Ray & Liz ist nun praktisch der Film zum Buch und es ist verblüffend, mit welcher szenischen Detailtreue die Fotografien in Kinobilder übertragen wurden. Nicht zuletzt sorgen die großartigen Schauspieler für absolute Glaubwürdigkeit der Charaktere; es zeugt von großer Kunst, wie präzise Ella Smith hier Liz verkörpert und deren leeren, ausdruckslosen, gleichzeitig aber gierigen und lebenshungrigen Blick nachahmt.

Dass Billingham Fotograf ist, ist jeder Einstellung anzumerken. Zusammen mit seinem kongenialen Kameramann Dan Landin gelingt es ihm, eine angesichts des Sujets fast schon schmerzhafte dokumentarische Authentizität zu erzeugen. Dazu trägt bei – Filmkenner aufgepasst –, dass auf analogem 16mm-Filmmaterial und im Normalformat gedreht wurde. Die sanften Kamerafahrten und bisweilen extremen Nahaufnahmen erzeugen in ihrer fotografischen Qualität einen Sog, der den Betrachter förmlich in die Bilder hineinzieht.

Zu gern würde man erfahren, wie Billingham es letztlich geschafft hat, seinem Milieu und den damit verbundenen Prägungen zu entkommen. Ein Ausweg aus der hoffnungslosen Familiensituation deutet sich immerhin an, als am Ende des Films – jetzt passiert doch noch etwas – das Jugendamt vor der Tür steht und den jüngeren Bruder in seine Obhut nimmt. Na endlich! möchte man da als Zuschauer fast rufen, denn die Szenen, in denen die Kinder bar jeder Zuwendung vollkommen allein gelassen sind und es keinerlei Kommunikation zwischen ihnen und den Eltern gibt, gehören zu den quälendsten Momenten des Films. Nun vergießt sogar die Mutter einige Tränchen – hauptsächlich aber wohl deshalb, weil mit der Inobhutnahme des Sohnes auch die Sozialhilfe gekürzt wird.


Aus: "Dämonen der Armut" Frank Schirrmeister (Ausgabe 19/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/daemonen-der-armut

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« Reply #33 on: May 16, 2019, 09:27:22 AM »
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[...] Die Mitgliederzahl liegt zwischen einer niedrigen dreistellige Zahlund mehr als 1.000 Menschen. "Viele Clan-Mitglieder haben keinen oder einen niedrigen Schulabschluss, aber große Erwartungen an ihren Lebensstandard", sagte Kriminaldirektor Thomas Jungbluth. "Die Familie ist alles und die Ehre der Familie geht über alles."


Aus: "Nordrhein-Westfalen zählt 104 kriminelle Clans" (15. Mai 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-05/organisierte-kriminalitaet-clans-nrw-grossfamilien-parallelgesellschaften-straftaten