Author Topic: [Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]  (Read 7692 times)

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« on: Januar 28, 2016, 01:28:33 nachm. »
"Eine Familie, die leiblich und geistig vereint ist, gehört zu den seltenen Ausnahmen." - Honoré de Balzac, "Une fille d'Eve", 1838

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Familismus ist ein soziologischer Begriff, der die Familie als Leitform einer Sozialstruktur beschreibt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Familismus (12. Oktober 2015)

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Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift von Sigmund Freud. Die Arbeit ist, neben Massenpsychologie und Ich-Analyse von 1921, Freuds umfassendste kulturtheoretische Abhandlung; sie gehört zu den einflussreichsten kulturkritischen Schriften des 20. Jahrhunderts. Thema ist der Gegensatz zwischen der Kultur und den Triebregungen. ... Die Familie widersetzt sich dem Ziel der Kultur, der Bildung immer größerer sozialer Einheiten. Und die Kultur unterwirft das Sexualleben starken Einschränkungen, so dass die Sexualität des Kulturmenschen schwer geschädigt ist. ... (Aus: "Das Unbehagen in der Kultur", 3. Dezember 2015) https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbehagen_in_der_Kultur

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Quote
[...]  Über Zusammenhänge zwischen Familienhintergrund und dem, was später die „autoritäre Persönlichkeit“ heißen sollte, begann der Soziologen- und Analytikerkreis um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Erich Fromm schon in den dreißiger Jahren nachzudenken. Nach 1933 mußte er in die Emigration und setzte schließlich in Kalifornien seine Arbeit fort. Noch 1936 gab er in Paris ein reichhaltiges Sammelwerk über „Autorität und Familie“ heraus.

Die maßgebende Theorie über Autorität und Familienhintergrund entwarf darin Erich Fromm. Er knüpfte an Freud an. Der hatte es so gesehen: Der kleine, etwa drei- bis sechsjährige Junge verliebt sich in seine Mutter und wird darum auf den Vater eifersüchtig. Der Vater wird sein gehaßter Rivale. Diese „ödipalen“ Wünsche sind unerfüllbar. Er muß sie aufgeben, und dieser Verzicht fällt ihm leichter, wenn er sich mit dem Vater „identifiziert“, dessen Gebote und Verbote zu seinen eigenen macht, wie später die Vorschriften von Erziehern, Lehrern, Vorbildern. Sie alle bilden sein Gewissen, sein „Über-Ich“. Das Über-Ich ist die verinnerlichte väterliche Autorität. Daß der Mensch später Autoritäten anerkennt, sich ihnen fügt, an sie glaubt, kommt daher, daß er die Normen seines Über-Ichs wiederum personifiziert. Alles in allem ist es die Familie, die die Bereitschaft bestimmt, Autoritäten zu suchen und anzuerkennen.

Erich Fromm nun wendete diesen Ansatz ins Gesellschaftliche. Freud, sagte er, habe nur gesehen, daß die Autoritäten der Gesellschaft die Verlängerungen der Vaterfiguren seien; übersehen aber habe er, daß die Autorität der Väter ihrerseits nie absolut ist, sondern sich ihrerseits „an die in der Gesellschaft herrschende Autorität anschließe“. ...


Aus: "Das Unbehagen an der Autorität - Erziehung: „Respekt und Liebe schließen sich nicht aus“ (II)" Dieter E. Zimmei (14. August 1981), Quelle: http://www.zeit.de/1981/34/das-unbehagen-an-der-autoritaet

« Last Edit: Februar 04, 2020, 02:29:57 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #1 on: Mai 30, 2016, 07:57:31 vorm. »
Quote
[...] Aldi, Tönnies, Müller, Dr. Oetker: Viele deutsche Familienunternehmen neigen zur Selbstbeschädigung.  ...

"Der größte Vorteil eines Familienunternehmens ist zugleich der größte Nachteil: die Familie selbst", sagt von Schlippe ... Vielen Konflikten in Familienunternehmen lägen unausgesprochene Erwartungen zugrunde, erklärt von Schlippe: "Ich erinnere mich an eine Konferenz, bei welcher der Vater auf dem Podium sagte, dass eine familieninterne Nachfolge für sein Unternehmen nicht infrage komme. Sein Sohn, der im Publikum saß, schon im mittleren Alter und seit Jahren im Unternehmen tätig, brach daraufhin in Tränen aus. Er war immer davon ausgegangen, die Rolle seines Vaters einmal übernehmen zu können – doch die beiden hatten nie darüber gesprochen." ...

Quote
sandor -the hound- clegane #2

"Dafür sind wohl zu viele Emotionen mit im Spiel."

Na, ich denke eher: dafür sind zu viele Millionen (Milliarden?) im Spiel...
Blut mag dicker sein als Wasser, aber ab einem sechsstelligen Kontostand gelten nochmal andere Präferenzen!


Quote
Thomassimow #4

Erbstreitereien sind nachgelagerte Konkurrenzkämpfe um die Liebe der Eltern. Und davon haben diese Kinder zu deren Lebzeiten wahrscheinlich weniger abbekommen als andere Menschen. Geld war wichtiger als Zeit. So wurden Bedürfnisse einfach zugeschüttet. Die kommen dann verstärkt hoch.


Quote
denkbar123 #10

Wo Sonne ist, ist auch Schatten. Während Familien-Stiftungen wie die Haniels seit über 265 Jahren alle Wirren der deutschen Geschichte überstanden haben, und nicht erst seit heute zu den Global Playern gehören, gibts die Oetkers. Es gibt aber auch Manager, wie Middelhoff, die in Rekordzeit ein Unternehmen in den Ruin treiben. Es gibt eine Kategorie von "Investoren", wie Hedgefonds, die nichts mit Familie zu tun haben, und sich darauf spezialisiert haben, Unternehmen auszusaugen, und in kleine Stücke, die meist nicht überlebensfähig sind zu zerschlagen - mit entsprechenden Arbeitsplatzverlusten. Eine Statistik wäre mal interessant gewesen, wieviele Arbeitsplätze und Unternehmen sind in den letzten 30 Jahren den Bach runter gegangen, die am Kapitalmarkt plaziert waren und Manager gelenkt, und wieviele Familienunternehmen nahmen einen ähnlichen Weg?


Quote
HarryPlewa #15 

Selten so einen Unsinn gelesen wie hier.
Das gibt es doch in jeder Form Kapitalunternehmen auch. Und die gesegnete form der AGs ist doch auch nicht besser. Wir leben doch in Zeiten wo es immer wieder Managern gelingt Weltkonzerne an die Wand zu fahren Lemann durch Richard S. Fuld, Jr., Deutsche Bank durch Ackermann, VW durch Martin Winterkorn, und und und
Immer wieder werden Weltkonzerne die keine Familienunternehmen sind an die Wand gefahren. Immer sind es dort die High Potentials gewesen.
Die Ursachen welche bei den hier im Artikel benannten Fällen und bei diesen Konzernen zu sehen ist sind Gier und Größenwahn. Dazu kommt dann fehlende Kontrolle durch die zu liberale Gesetzgebung mit der Folge das gesunde Unternehmen von der Pleite bedroht sind oder Pleite gehen.


...


Aus: "Ausgeprägte Streitkultur" Marcus Rohwetter (19. Mai 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/2016/20/familienunternehmen-deutschland-aldi-mueller-selbstbeschaedigung


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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #2 on: September 20, 2016, 01:24:20 nachm. »
Quote
[...] Folge 58: Schwarzes Dreieck (Fernsehproduktion, Gedreht 1973, Erstsendung 16.3.1973)
Frau Böhle geht am Sonntagmorgen mit ihrer Freundin, Frau Alsberg zur Kirche. Deren Ehemann wundert sich nur über die anscheinend neu entdeckte Frömmigkeit. Als Frau Alsberg eine Stunde später wieder zu Hause ist, findet sie ihren Mann tot in der Badewanne.


joe p. 2015-05-12 10:43: Es ist Frau Alsbergs großer Traum, ihre entsprechend umgebaute Wohnung zum Hort für die Familien ihrer Söhne, insbesondere der Enkelkinder zu machen. Ein interessantes Nebeneinander von Menschenverachtung und Zuneigung: Oma liebt euch - sie hat extra für euch Opa heimtückisch umgebracht... umbringen lassen. Die beiden unsympathischen Söhne kommen als Täter nicht infrage, sie sind es ja gerade, die die Mordermittlungen erst in Gang bringen. Dennoch sind sie für die Geschichte notwendig. Frau Alsbergs Traum von der Freiheit wird von ihnen zunichte gemacht. Die Unterdrückung und die Einsamkeit gehen weiter. ... Frauen verzweifeln hier an der Gleichgültigkeit ihrer Ehemänner. Man lebt nebeneinander her. Aber ist das genug, um Hassgefühle und Mordpläne zu entwickeln? ...

Andreas Decker 2015-05-12 09:54: ... Irgendwie ist die Folge bei mir haften geblieben. Die Figur der bis zur Selbstverleugnung duldsamen Frau, die dann durchdreht, hat Reinecker ja oft in den Mittelpunkt gestellt ...


"Ein Beitrag von G. Walt - Der Kommissar und seine MörderFolge 58: Schwarzes Dreieck" (2015(?))
http://www.zauberspiegel-online.de/index.php/krimi-thriller-mainmenu-12/gesehenes-mainmenu-160/25929-der-kommissar-und-seine-moerder-folge-58-schwarzes-dreieck

http://www.kommissar-keller.de/Folge_58/58.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kommissar/Episodenliste



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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #3 on: September 20, 2016, 01:27:43 nachm. »
Quote
[...] Familismus bezeichnet die weitgehende Identität von Familie und Gesellschaft. Danach bildet das System aller Familien das Gemeinwesen. Familismus ist auch die Überbewertung des familiären Bereichs als Quelle für soziale Kontakte. In familistischen Gesellschaften – dazu gehört die Bundesrepublik Deutschland ─ gilt die Familie als Dreh- und Angelpunkt aller sozialen Organisationen.
Selbst in das in frauenpolitischer Hinsicht fortschrittliche Grundgesetz für die BRD wurde 1949 der Familismus eingeschrieben, indem die Auffassung von der Familie als wichtigster Baustein einer Gesellschaft aufgenommen wurde und somit eine konservative Familienideologie, die Frauen und Männern eindeutige Rollen zuwies und die bis heute wirkt, verfestigt wurde. Erst die neue Frauenbewegung entwickelte Gegenkonzepte, die heute allerdings zu verblassen scheinen. Staatliche Familienpolitik fördert nach wie vor die traditionelle mit Vater, Mutter und Kind(ern) «normalbesetzte» Kleinfamilie in der Kinder erzogen und pflegebedürftige Menschen versorgt werden sollen. Die soziale Realität hat sich längst von diesem ideologischen Gemälde entfernt.
In der Einführung geht es zunächst um eine historische Rekonstruktion exemplarischer Theorien und Praxen, die zu jenem ideologisierten Familienverständnis führen, das auf das «Gemeinwohl» abzielt, faktisch aber alle Menschen ausschließt, die nicht zu einer Familie gehören und Frauen zu rechtlosen Wesen macht. Am Ende steht die Frage, ob es sinnvoll ist, ein kritikwürdiges System weiter auszuweiten, indem sich häufende Zusammenlebensformen durch vom Staat verordnete Gesetze «normalisiert» werden und damit wiederum andere daran gemessen und ausgegrenzt werden, wenn sie sich nicht in die familiale «Ordnung» fügen.


Aus: "Kritik des Familismus" (Notz, Gisela: Kritik des Familismus - Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes, 1. Auflage 2015)
Quelle: http://www.schmetterling-verlag.de/page-5_isbn-3-89657-681-X.htm

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[Zum Gesicht von Familie... ]
« Reply #4 on: September 20, 2016, 01:35:57 nachm. »
Quote
[...] Die Familie wurde zu jenem gesellschaftlichen Bereich erhoben, in dem der Einzelne sein privates Glück verwirklichen und zugleich Liebe und Solidarität vorfinden sollte. Rousseau hatte zuvor bereits die philosophischen Kategorien zur Bestimmung der Tugenden erarbeitet, die Gatte und Gattin besitzen sollen, damit der Familienverband nicht nur zum zweckdienlichen Ort werde, an dem die Gesellschaft sich fortpflanzt, sondern auch zum Ort, an dem das individuelle Gefühl eine echte Genugtuung erfährt. Die beiden Formen der Liebe, Eros und Agape, die die Philosophie traditionell getrennt und unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zugeordnet hatte, sollten sich nun innerhalb des Familienverbands verwirklichen. Das Scheitern dieser Zielvorgabe führte schließlich zur Rechtfertigung der Auflösung der Ehe, auf der sich die Familie gründete.

Die Erwartungen derer, die sich heute zur Gründung einer Familie entschließen, sind nicht sehr verschieden von den Vorstellungen, die in den philosophischen Erörterungen im XVIII. und XIX. Jahrhundert über die Ehe verbreitet wurden. Obwohl sich im Laufe von zwei Jahrhunderten vieles geändert hat, bildet die Familie für die meisten Menschen auch heute den Ort, an dem Eros und Agape zusammenfinden. Trotz der vielfältigen Spannungen, denen die Familie aufgrund der an sie gestellten Erwartungen unterzogen ist, vermögen anscheinend weder kritische Theorien noch gesellschaftliche Spannungen ihre grundlegende Funktion ernstlich in Frage zu stellen.

Auch in Italien werden Ehescheidungen immer häufiger und tragen damit zur Auflösung von Bindungen bei, die der persönlichen Selbstverwirklichung im Wege stehen. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass die klassische Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau, auf der sich die Familientheorie ursprünglich gründete, heute nicht mehr funktioniert. Darin wurden dem Mann die Bereiche Arbeit und Gesellschaft zugeordnet, während der Frau der Haushalt und die Kindererziehung vorbehalten waren. Innerhalb der häuslichen Sphäre galt es für die Frau zudem, die Bedürfnisse des Mannes nach Gefühlen zu befriedigen (dessen erotische Befriedigung innerhalb und außerhalb der Familie stattfand).

Heute hingegen werden die verschiedenen Aufgaben zwischen beiden Geschlechtern – wenigstens im Idealfall - gleichmäßig verteilt. Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist in Italien jedoch lange noch nicht erreicht. ...

 Die italienische Familie verstanden als Solidargemeinschaft ist zunehmend unter Druck geraten. In Europa stellt normalerweise der Wohlfahrtstaat bei wirtschaftlicher Not Rettungsanker zur Verfügung. In Italien verhält sich das vielfach anders. Bei einer Umfrage antworteten 67% der Befragten, dass ihnen in wirtschaftlicher Not persönliche Verwandte aushelfen würden. Das ist der höchste Prozentsatz in der ganzen Europäischen Union.

Die Folgen des italienischen Familismus sind schwerwiegend. Der Familismus birgt vielerlei Fallen, schadet insbesondere den Frauen und Jugendlichen, die im Gegenzug für die elterliche Unterstützung oft ihre Selbständigkeit einbüßen. Die häusliche Solidarität folgt nicht immer einer Logik der verteilenden Gerechtigkeit und kann schwere Ungerechtigkeiten verursachen. In Krisenzeiten verwandelt sich der Familismus zudem häufig in Amoralismus (Opportunismus, Partikularismus, Klientel). Die italienische Familie verstanden als Solidargemeinschaft ist zunehmend unter Druck geraten. In Europa stellt normalerweise der Wohlfahrtstaat bei wirtschaftlicher Not Rettungsanker zur Verfügung. In Italien verhält sich das vielfach anders. Bei einer Umfrage antworteten 67% der Befragten, dass ihnen in wirtschaftlicher Not persönliche Verwandte aushelfen würden. Das ist der höchste Prozentsatz in der ganzen Europäischen Union.

Die Folgen des italienischen Familismus sind schwerwiegend. Der Familismus birgt vielerlei Fallen, schadet insbesondere den Frauen und Jugendlichen, die im Gegenzug für die elterliche Unterstützung oft ihre Selbständigkeit einbüßen. Die häusliche Solidarität folgt nicht immer einer Logik der verteilenden Gerechtigkeit und kann schwere Ungerechtigkeiten verursachen. In Krisenzeiten verwandelt sich der Familismus zudem häufig in Amoralismus (Opportunismus, Partikularismus, Klientel). ...


Aus: "Familie" Vanna Gessa Kurotschka (Konrad-Adenauer-Stiftung, 2016)
Quelle: http://www.kas.de/wf/de/71.7578/

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Quote
... in der Berlusconi-Ära kamen auch die hässlichen und dunklen Seiten dieser Charaktereigenschaften zutage: In Fernsehshows und Serien sind Figuren zu sehen, die sich mit Egoismus, Rafinesse und Rücksichtslosigkeit durchsetzen. Es zählt der äußere Erfolg, bestenfalls noch die Familie und der Clan, nicht aber die ganze Gesellschaft mit ihren Benachteiligten und Randfiguren. ... Soziologen bezeichnen die am Vorteil kleiner Gruppen orientierte Haltung als "amoralischen Familismus". Kreativität und Vitalität wird nur eingesetzt für die eigenen, familiären und privaten Zwecke, wie es Regierungschef „Berlusconi" persönlich vorlebte. Der Historiker Gian Enrico Rusconi bezeichnet dies als "die schwarze Seite der italienischen Seele". In jüngster Zeit machen sich jedoch kulturelle Strömungen bemerkbar, die mit den Exzessen der jüngsten Vergangenheit brechen. ... Ob im Film, im Theater, in der Literatur - die Versuche mehren sich, den Wert des Individuums hochzuhalten angesichts eines Marktes, auf dem buchstäblich alles zu kaufen ist: Frauen, Richter, Zeugen. Nach den Jahren des Stillstandes in "Berlusconistan" konfrontieren sich junge Schriftsteller und Regisseure mit der Realität. ...


Aus: "Das "Italien der Werte"" (29.04.2012)
Quelle: http://www.hr-online.de/website/specials/wissen/index.jsp?rubrik=68541&key=standard_document_44552713

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Quote
[...] Gilmour verortet die Ursachen für die mangelnde Nationswerdung aber nicht nur in der „prekaräen geographischen Lage“ Italiens, sondern auch im weitverbreiteten campanilismo und im „amoralischen Familismus“ (Edward Banfield), denn die Familie sei, wie schon wie Luigi Barzini es ausdrückte, die „entscheidende Institution“ des Landes. Damit ist natürlich nicht „die“ Familie gemeint, die Gilmour übrigens weitgehend aus seinem Narrativ ausspart, sondern die tatsächliche Familie und Sippe, die weitgehend für die Versorgung des Einzelnen sorgt, weswegen die Loyalität auch nicht dem italienischen Staat gilt, sondern eben der Familie, denn sie ist es, die da ist, wenn man Hunger hat, krank ist oder sonst etwas braucht. Der Staat wurde in Italien oft nur als jemand wahrgenommen, der Steuern auf etwas erhebt und die jungen Männer zum Heeresdienst einzieht, gegeben habe er seinen Bürgern im Austausch dafür aber kaum etwas. Ein anschauliches Beispiel veranschaulicht die Ausmaße des eben Gesagten: Im Jahr 2008 (!) waren an der Universität in Palermo 230 Dozenten und Professoren miteinander verwandt.

...

David Gilmour: Auf der Suche nach Italien
Eine Geschichte der Menschen, Städte und Regionen von der Antike bis zur Gegenwart
Aus dem Englischen von Sonja Schuhmacher und Rita Seuß (Original: The Pursuit of Italy. A History of a Land, its Regions and their Peoples)
2. Aufl. 2013, 464 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 16 Seiten farbiger Tafelteil, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94770-0



Aus: "David Gilmour - Auf der Suche nach Italien Eine Geschichte der Menschen, Städte und Regionen von der Antike bis zur Gegenwart"  Jürgen Weber (19.07.2013)
Quelle: http://www.versalia.de/Rezension.Gilmour_David.1505.html
« Last Edit: September 20, 2016, 01:50:19 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #5 on: September 26, 2016, 02:40:38 nachm. »
Quote
[...] Lange Zeit waren uneheliche Kinder in Deutschland geächtet: Sie wurden als Bastard oder Hurenkind beschimpft. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Unehelichkeit mit Armut, Kriminalität und unkontrollierter Sexualität in Verbindung gebracht. Uneheliche Kinder erschienen als Gefährdung der bürgerlichen Familie, als Bedrohung der Gesellschaft.

... Die Untersuchung beginnt im Jahr 1900, in dem das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft trat und so das Nichtehelichenrecht reichsweit vereinheitlicht wurde. In dieser Zeit, so Buske, sei in den Debatten um Unehelichkeit ein Unbehagen an der Moderne spürbar geworden. Dem drohenden gesellschaftlichen und kulturellen Verfall sei das Konzept der Sittlichkeit entgegengestellt worden. Die bürgerliche Familie sei als Leitbild durch Politik und Gesetzgebung stabilisiert worden. Buske beschreibt Reformpläne während der Weimarer Republik und die unmenschliche Unterteilung der Nazis in „erbbiologisch wertvolle“ und „unerwünschte“ uneheliche Kinder. Nach 1945 seien die Differenzen zwischen den Kategorien ehelich und unehelich erneuert und gefestigt worden. Die katholische Kirche etwa schloss unehelich geborene Männer von Ämtern aus.

Einen Umbruch gab es erst mit dem gesellschaftlichen Wandel in den 60er Jahren. Am Ende eines zähen Reformprozesses stand ein neues Gesetz, das die Rechte der Mütter und unehelichen Kinder im Blick auf Erziehung und Erbansprüche stärkte und ihnen eine bessere gesellschaftliche Integration ermöglichte. Kurz nach Verabschiedung des Gesetzes 1969 wurde Willy Brandt, dessen uneheliche Herkunft politische Gegner zu seiner Diffamierung genutzt hatten, Bundeskanzler.

Sybille Buske: Fräulein Mutter und ihr Bastard. Eine Geschichte der Unehelichkeit in Deutschland 1900-1970. Wallstein-Verlag, 400 Seiten


Aus: "„Fräulein Mutter und ihr Bastard“ Geschichte der Unehelichkeit in Deutschland von 1900 bis 1970"  Jörn Barke (10.08.2010)
Quelle: http://www.goettinger-tageblatt.de/Goettingen/Uebersicht/Geschichte-der-Unehelichkeit-in-Deutschland-von-1900-bis-1970


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« Reply #6 on: Oktober 17, 2016, 10:34:51 vorm. »
Quote
[...] Zehntausende Menschen haben in Paris für die Wiederabschaffung der Homo-Ehe demonstriert. Sie riefen die Kandidaten für die französische Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr dazu auf, sich für "traditionelle Familienwerte" einzusetzen. An dem Protestmarsch durch die gutbürgerlichen Viertel der französischen Hauptstadt nahmen nach Angaben der Polizei 24.000 Menschen teil, die Organisatoren sprachen hingegen von 200.000 Teilnehmern.

Die Demonstranten, darunter viele Familien mit Kindern und Senioren, marschierten hinter einem Spruchband, auf dem "2017 werde ich für die Familie stimmen" stand. Der Marsch wurde kurzfristig von Aktivistinnen der feministischen Gruppe Femen unterbrochen. Als diese von Kundgebungsteilnehmern umringt wurden, griff die Polizei jedoch ein und führte die Frauen ab.

Organisiert wurden die Proteste von der konservativ-katholischen Bewegung La Manif pour tous ("Demo für alle"), die bereits vor der Legalisierung der Homo-Ehe im Jahr 2013 Zehntausende Gegner auf die Straßen gebracht hatte. Ihre letzte Massenkundgebung liegt etwa zwei Jahre zurück, die Vorsitzende Ludovine de la Rochère glaubt nun jedoch an eine Wiederbelebung der Proteste. Sie wirft Präsident François Hollande vor, die traditionelle Familie aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben.

Allerdings befürwortet lediglich einer der konservativen Präsidentschaftsanwärter, Jean-Frédéric Poisson von der kleinen Christdemokratischen Partei, die Abschaffung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.

Der rechtsextreme Front National (FN) vertritt in Bezug auf die Rechte von Homosexuellen widersprüchliche Positionen. Während etwa die Abgeordnete Marion Maréchal-Le Pen, die als Hardlinerin gilt, sich an die Spitze des Protests gegen die Homo-Ehe stellte, ist der Europa-Abgeordnete Florian Philippot nach einem Zwangsouting inzwischen offen schwul. Zudem scheint der Front National immer mehr homosexuelle Wähler anzuziehen: Laut einer Studie war der FN bei den französischen Regionalwahlen 2015 unter verheirateten homosexuellen Paaren die beliebteste Partei.


Aus: "Frankreich: Zehntausende protestieren in Paris gegen Homo-Ehe" (16. Oktober 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-10/frankreich-protest-homo-ehe-paris

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« Reply #7 on: September 21, 2017, 11:39:59 vorm. »
Quote
[...] Biografischer Hintergrund ... Walls beschreibt in The Glass Castle: A Memoir ihre schwere Kindheit und wie ihre Eltern mit vier Kindern durch die USA vagabundierten. In den ersten fünf Jahren ihrer Ehe hatten ihre Eltern 27 Adressen, da ihr Vater keinen Job durchziehen konnte und kein Geld für die Miete hatte. Zudem fühlte sich der alkoholkranke und wahrscheinlich bipolare Rex vom FBI verfolgt. Rose Mary, ihre Mutter, war wahrscheinlich auch bipolar und hielt sich für eine Künstlerin.

Die Kinder mussten oft hungern, mussten in zerschlissener Kleidung herumlaufen und wurden daher in den verschiedenen Schulen, die sie besuchten, von ihren Mitschülern gehänselt. Als die Familie in den Heimatort des Vaters Welch in den Appalachen zurückkehrte, lebten sie bei Verwandten in einem Haus mit drei Zimmern ohne Wasser, Strom und Heizung, wo es feucht und schmutzig war und von Ungeziefer, Schlangen und Ratten wimmelte. Da Jeannette dies nicht mehr aushielt, schlug sie sich im Alter von 17 Jahren bis nach New York durch, wo sie in der Bronx bei ihrer älteren Schwester Lori wohnte. Dort machte sie ihren Schulabschluss, lieh sich von allen möglichen Leuten Geld und arbeitete in einer Anwaltskanzlei, um sich das Studium auf dem New Yorker Barnard College zu finanzieren. Im Alter von 27 Jahren begann Walls eine Arbeit als Klatsch-Kolumnistin beim New York Magazine, heiratete einen Unternehmer und lebte acht Jahre lang an der Park Avenue. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf ihres 2006 veröffentlichten Buches baute Jeannette Walls ihrer Mutter dennoch ein Haus gleich neben ihrem eigenen. ...


Aus: "Schloss aus Glas (Film)" (20. September 2017)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_aus_Glas_(Film)

-

Quote
[...] In „Schloss aus Glas“ wechseln sich Szenen der anarchisch-verwilderten Kindheit mit Jeannettes Zeit als Kolumnistin ab, der Film schwankt ständig zwischen Trinkerdrama und Coming-of-Age-Konflikten, die bis weit in die Erwachsenenjahre hineinreichen. ... In „Schloss aus Glas“ interessieren Cretton die sozialen Aspekte der Geschichte, am Beispiel einer Familie erzählt er im Grunde von einem amerikanischen Generationenkonflikt. Im Teenageralter bittet Jeannette ihre Mutter einmal, endlich den sturzbetrunkenen Vater zu verlassen. Doch die kann es nicht. Er sei der Einzige gewesen, der ihr Talent als Malerin gegenüber der Mutter verteidigt habe. Der Ursprung für seine Trinkerei rührt ebenfalls aus den familiären Abgründen. Rose Mary und Rex gehören zu einer Generation, die einst selbst rebellierte: gegen Perspektivlosigkeit im Niemandsland des Mittleren Westens, den eingeschränkten Horizont ihrer White-Trash-Eltern. Aber der naive Hippietraum scheitert. Sie bekommen Kinder, deren Rebellion darin besteht, die Rolle vernünftiger Erwachsener einzunehmen, sich auf konservative Werte zu besinnen. ... Im argumentativen Einerseits-Andererseits entwickeln sich Längen, gegen Ende des Films kippt die Stimmung dann ins Sentimentale. Der Rekapitulation einer Familienodyssee mit alkoholkrankem Vater wird der Film thematisch gerecht, aber erinnerungswürdige Bilder schafft Regisseur Destin Daniel Cretton nicht. Der Film ist gewissermaßen die Antithese zum titelgebenden Schloss aus Glas, das Rex seiner Familie immer wieder zu bauen verspricht. ...


Aus: "„Schloss aus Glas“ im Kino Aus der Traum" Katrin Doerksen (21.09.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/schloss-aus-glas-im-kino-aus-der-traum/20353556.html


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« Reply #8 on: September 21, 2017, 12:07:35 nachm. »
Quote
[...] Was Redford [ ] bei seinem Regiedebüt machte, war das Unscheinbarste und Leiseste, was man im Mainstreamkino seit langem gesehen hatte. ... Die Art und Weise, mit der die Familie den Verlust kompensiert, verrät einiges über die große Macht des Gesellschaftlichen. Vor allem Mary Tyler Moore als komplett fremdgesteuerte Netzwerkerin veranschaulicht das überdeutlich. Fast scheint es, als ob ihr das Wohl von Gatten und Sohn weniger am Herzen liegt als das Wahren des schönen Scheins. Mit gespenstischem Betonlächeln und routinierten Ablenkungsmanövern hält sie sehr lange den Laden zusammen. Doch ein Schiff, das untergeht, hällt man nicht auf. Und diese Familie geht unter, das sieht man in fast jeder Einstellung. ...


Aus: "Eine ganz normale Familie - Ein Film von Robert Redford" (USA, 1980)
Eine Rezension von Gordon Gernand (09. September 2008)
Quelle: http://www.mannbeisstfilm.de/kritik/Robert-Redford/Eine-ganz-normale-Familie/1172.html

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« Reply #9 on: September 21, 2017, 12:17:51 nachm. »
Quote
[...] 1973: Familie Hood ist der Prototyp der amerikanischen Mittelklasse-Familie. Doch hinter der Fassade sind Betrug und Scheinheiligkeit an der Tagesordnung. Eines Nachts, während ein Eissturm über die Stadt hinwegfegt, kommt es zur Eskalation. ... Ang Lee breitet die Familiengeschichte zu einem präzisen Stimmungsbild der siebziger Jahre aus. ...


Quelle: http://www.arthaus.de/der_eissturm-arthaus_collection

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Quote
[...] Der Eissturm, USA 1997 ... Man liest Sartre und Camus, debattiert gepflegt über existenzialistische Philosophie, das Sein und das Nichts, beschwafelt sich im Jargon der modischen Systemtheorie, lässt die Ehepaar-Therapie über sich ergehen und lebt insgesamt in der diffusen und unsinnigen Erwartung einer nicht näher bestimmten kommenden Revolution.
Die einzige reale kleine Revolution, die man sich traut, ist dann aber schließlich nur der letzte Schrei der Gesellschaftsspiele: Schlüsselpartys, also Partnertausch per Zufallsprinzip, mit Autoschlüsseln als Los-Ersatz. Wer sich auf solche Rituale einlässt, muss tatsächlich schon sehr angeödet sein vom Leben. Oder hilflos in seiner Bewältigung. Vielleicht trifft es das eher, denn hier schafft es niemand mehr, wirklich mit dem anderen zu sprechen: Eltern nicht mit ihren Kindern, Ehepartner nicht mehr miteinander. Das Geknutsche der Kids im leeren Pool ist da noch die ehrlichste Kommunikationsform, und die Erwachsenen wissen das nur zu gut. Kein Wunder also, dass unter diesen Umständen das traditionelle Familienfest Thanksgiving zu einer realsatirischen Farce wird, die trotzdem keine Sekun-de lang zum Lachen ist.

Seit einigen Jahren können wir jenseits des Atlantiks eine Tendenz beobachten, die Familie als christ-liche Keimzelle der Gesellschaft und als Fundament des amerikanischen Traums zunehmend in den Mittelpunkt einer als moralisch bezeichneten Politik zu stellen. Man mag davon halten, was man will: Die Familien in diesem Film sind es jedenfalls nicht, die Amerika groß gemacht haben. Diese Familien zerstören sich offenen Auges selbst und den amerikanischen Traum gleich dazu. Und was das Schlimmste ist: Sie tun das nicht - was wenigstens noch tragisch wäre - aus irgendwelchen Zwängen oder Notwendigkeiten heraus. Unausweichlich ist nichts, was die Protagonisten dieses Films sich einfallen lassen. Die Wahrheit ist einfacher, aber auch peinlicher und leider Gottes nicht nur für das Amerika der Siebziger gültig: Sie tun es, weil es ihnen viel zu gut geht. Aus purem Desinteresse. Und das ist erst richtig bitter. ...


Aus: "Der Eissturm" Frank-Michael Helmke (20. August 2007)
Quelle: http://www.filmszene.de/filme/der-eissturm


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« Reply #10 on: Oktober 12, 2017, 12:56:46 nachm. »
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[...] „Du bist so weit weg“, stellt auch Eve einmal fest, als der Vater nach ihrem Suizidversuch hilflos neben dem Krankenhausbett sitzt. In Happy End stehen diese Riesendistanzen wie sperrige Körper im Raum, man kommt an ihnen einfach nicht vorbei. Die wenigen Versuche der Annäherung sind folglich ungeschickt, monströs – und total vergeblich: etwa wenn die Unternehmerin Anne (Isabelle Huppert) ihren zum Unternehmenserben nicht geborenen Sohn (Franz Rogowski) herunterputzt und ihn anschließend mit einer Umarmung überfällt. Auch das bringt nichts.

...


Aus: "Erwartbare Verstörung" Esther Buss | Ausgabe 41/2017
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/erwartbare-verstoerung

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[...] Um einen Clan aus Frankreich kreist „Happy End“ des Regisseurs Michael Haneke. ... Das Vergnügen beim Schauen von „Dallas“, „Denver-Clan“ oder „Falcon Crest“ bestand ja darin, dass man sich an den verkommenen und neurotischen Familienverhältnissen erfreute, an der Lust, mit der Gemeinheiten verteilt wurden. Vor allem staunte man über die Perfidie, mit der Familienunternehmen oder eben das Unternehmen Familie nach außen verteidigt wurden.

Hanekes Clan heißt Laurent und wohnt in einem großzügigen Anwesen in Calais. Die verschiedenen Handlungsstränge laufen an der prunkvoll gedeckten Tafel im Esszimmer zusammen. Mit wenigen Details skizziert Haneke das bourgeoise Dasein der Familie. In aller Selbstverständlichkeit wird nach der Bediensteten gerufen, der Rotwein in bitte nicht zu großen Schlucken zu sich genommen. Derweil redet man im gepflegten Konversationston mal mehr und mal weniger aneinander vorbei.

Der Film übernimmt den gediegenen Lebensstil dieser Klasse, führt sie mit ihren eigenen Mitteln vor. Mit fließenden Bewegungen gleitet die Kamera durch Zimmerfluchten, die kein Ende nehmen. Die Mise en Scène fokussiert die kühle Eleganz, in der sich die Laurents eingerichtet haben. Sorgfältig sind die Farben aufeinander abgestimmt, jeder Gegenstand hat seinen Platz – eine Familie stellt sich in ihrem eigenen Dekor aus.

Das großartige Schauspieler­ensemble wiederum verleiht den Stereotypen, derer sich Haneke bedient, ein überraschendes Eigenleben. Am Kopf des Tisches thront der stets gut gekleidete Patriarch Georges, ungebrochen scheint seine Souveränität trotz des gebrechlichen Körpers. Jean-Louis Trintignant lässt uns dennoch spüren, dass seine Figur sich letztlich auf allen Ebenen ihrer Existenz entmachtet fühlt. Deshalb möchte er seinem Leben ein Ende setzen.

Seine Suizidversuche entwickeln eine besondere Form des verlangsamten Slapsticks. Nie sind sie zu sehen, man sieht nur das Ergebnis. Nach dem Unterfangen, mit einem Firmenwagen gegen einen Baum zu fahren, ist Georges mit Gipsbein an den Rollstuhl gefesselt. Später wird er Mitmenschen um Hilfe für den Abgang bitten: Seinen perplexen Friseur, eine Gruppe Migranten in der Innenstadt, die eigene Enkelin.

Indessen wird das Bauunternehmen längst von seiner Tochter geführt. Man muss sich anschauen, wie Isabelle Huppert mit der ihr eigenen kurz angebundenen Art diese Geschäftsfrau spielt, vorführt und auch ein bisschen karikiert, ohne selbst zur Karikatur zu werden. Der kapitalistische Überlebensreflex ist Anne Laurent in Fleisch und Blut übergegangen, gerade ist sie dabei, für die Firma ein gigantisches Darlehen aufzunehmen.

Der anfängliche Unfall auf der Baustelle kommt also denkbar ungelegen. Mit verschuldet hat ihn ihr nichtsnutziger Sohn Pierre (Franz Rogowski), dessen Rolle des schwarzen Schafs auch auf seinen Körper übergegangen ist. Angeschlagen und mutlos wirken seine Bewegungen. Man lacht über die Rücksichtslosigkeit, mit der Anne ihre Überlegenheit gegenüber dem zwei Köpfe größeren Pierre ausspielt, ist aber auch seltsam betroffen.

Weiterhin sitzen bei den Laurents am Abendbrottisch: ­Annes Bruder Thomas, Chefarzt des örtlichen Krankenhauses, seine schrecklich naiv wirkende Frau Anaïs und die pubertierende Eve aus Thomas’ erster Ehe. Manchmal – und dann hat man das Gefühl, dass sie sich dorthin verirrt hat – schaut sich die Kamera auch in der kleinen Anliegerwohnung des aus Tunesien stammenden Hausmeisters um, und damit auch in der Kolonialgeschichte Frankreichs.

Wofür also steht dieser Clan aus Calais, der sein Vermögen wohl beim Bau des großen Tunnels erwirtschaftet hat? Für ein mit sich selbst beschäftigtes Europa? Für eine Gesellschaft, die keine Utopie, keine Vision, kein Ziel hat, jenseits des Selbsterhaltungstriebs? Für unser aller Ignoranz? „Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind“, lautet das Motto von „Happy End“.

Man erinnere sich: Rainer Werner Fassbinder warf seinem französischen Kollegen Claude Chabrol einmal vor, dass dieser seine Figuren gleich einem Insektenforscher unter ein Mikroskop legen würde. Doch wenn moralische und ethische Lebens­konstruktionen von einer in sich verbunkerten Schicht und Daseinsform verdrängt werden, macht es durchaus Sinn, sich kreatürliche und instinktive Verhaltensweisen näher anzuschauen.

Eben deshalb spielt der Schauplatz eine weitere Hauptrolle in Hanekes Film. „Happy End“ zeigt ein völlig anderes Bild der Stadt Calais als das von den Nachrichten erzeugte: eine gepflegte, friedliche Ortschaft, durch die ab und an ein Grüppchen Migranten spaziert. Wo ist die von den Medien suggerierte Bedrohung durch den wuchernden „Dschungel“?

Einmal fährt Anne Laurent entlang des endlosen Zauns, hinter dem sich, irgendwo hinter weiteren Zäunen, das Flüchtlingslager befindet. Dabei telefoniert sie mit einem Anwalt, der auch ihr Geliebter ist. Gerade in ihrer Beiläufigkeit hat die Szene etwas Beklemmendes.

Doch wer kann schon Empathie zeigen, wenn er in seiner eigenen Umgebung keine kennt? Lug und Trug bestimmt den Alltag der Laurents. Mit erpresserischem Kalkül wehrt Anne die Schadenersatzansprüche der Familie des bei dem Baustellenunfall getöteten Arbeiters ab. Vom Dasein als Familienvater unbefriedigt, beginnt Thomas mit seiner Geliebten, einer Musikerin, einen Chat über sadomasochistische Begierden. Um eine Feier seiner Mutter zu verderben, schleppt Pierre ein Grüppchen Migranten an, trägt die Rache an der dominanten Mutter auf deren Rücken aus.

In einer Szene ist der Marionettenmeister Michael ­Haneke ganz bei sich. Zumindest der Großvater und die Enkelin scheinen noch ein Bewusstsein für ihre Handlungen zu besitzen. Offen gestehen die beiden einander, was sie sich in ihrem Leben haben zuschulden kommen lassen. In diesem Abgrund hat die schonungslose Ehrlichkeit zwischen zwei Generationen etwas Tröstliches.

...



Aus: "Das Unternehmen Familie" Anke Leweke (11. 10. 2017)
Quelle: https://www.taz.de/Komoedie-von-Michael-Haneke/!5452357/
« Last Edit: Oktober 23, 2017, 11:51:48 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #11 on: M?RZ 28, 2018, 09:12:20 vorm. »
Quote
[....] "Warum wir unseren Eltern nichts schulden", heißt ein neues Buch. ...  Das Missverständnis beginnt damit, dass das Eltern-Kind-Verhältnis kein Schuldner-Gläubiger Verhältnis ist. Im schlimmsten Fall ist das Verhältnis zerrüttet, im besten Fall ist es von Respekt und Verantwortung getragen. ... Die Sekretärin, die täglich in ihrer Mittagspause mit der Straßenbahn nachhause fährt, um der kranken, alten Mutter das Essen zu machen und das Bett zu richten, tut das meist aus Verantwortung, manchmal aus Liebe, oft aus Respekt. Schuld ist etwas für die Couch. ... Auf dem Klappentext heißt es übertrieben: „Dieses Buch zeigt, wie Philosophie helfen kann, das Verhältnis zu Vater und Mutter zu klären.“ Nun, dieses Buch verschwierigt in akademischer Manier die Banalität, dass Eltern und Kinder nicht immer harmonieren, dass Eltern Erwartungen haben, die nicht erfüllt werden und dass Kindern diese Erwartungen auf den Wecker gehen. Und? Den erwachsenen Kindern, die nicht geschafft haben, ihre filialen Schwierigkeiten zu sublimieren, hilft dieses auf Pflicht und Schuld reduzierte Büchlein wenig. „Haben Eltern mit ihrer Sorge um ihre Kinder bloß ihre Pflicht getan, dann ist nicht einsichtig, weshalb Kinder  ihnen aufgrund solcher Pflichterfüllung  Dank schulden sollten.“ Oder: „Es ist natürlich schön, dass es viele Menschen gibt, die sich ihren Eltern dankbar verbunden fühlen…“ Welcher Lektor lässt solche Banalitäten von der Festplatte durchgehen? Bleisch liefert hier ja nicht ein Proseminar- Papier ab, sondern schreibt für den Hanser Verlag.  Dieses Buch ist weder erhellend noch unterhaltend. Es ist schlecht geschrieben und platt gedacht. - Barbara Bleisch: „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“, 206 Seiten, Hanser Verlag, 2018

Quote
McSchreck 26.03.2018, 15:09 Uhr

... Von erwachsenen Menschen kann man eigentlich erwarten, dass man kommuniziert und Probleme anspricht. Einfach auf Reisen zu gehen oder nicht zu kommen, weil man keine Krawatte tragen will ist doch eine sehr kindliche Lösung, dem Gespräch auszuweichen, was einem wichtig ist und wie man das Verhältnis gern hätte.


Man kann natürlich sagen, man schulde den Eltern nichts. Je nach Elternhaus mag das auch verständlich sein. Aufgrund der in den meisten Familien aber zu irgendeinem früheren Zeitpunkt doch engen Bindung schuldet man ihnen aber zumindest ein paar Worte. 

Ich würde mich nicht auf Menschen einlassen wollen, denen ihre Ursprungsfamilie so wenig wert ist, wie es die Beispiele andeuten. Denn ich würde befürchten, dass ich eines Tages genauso für "für mein weiteres Leben nicht mehr nötig" abgelegt werde.


Quote
commentator 26.03.2018, 14:07 Uhr

Wer die Zuneigung der Eltern und die Zuneigung gegenüber den
Eltern nicht als Glück empfindet ... muss das auch nicht.

Und er kann sogar über Schuld parlieren.
Was soll's.


...



Aus: "Familie: Undankbare Kinder" Christine Brinck (26.03.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/familie-undankbare-kinder/21114606.html


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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #12 on: April 24, 2018, 10:52:59 vorm. »
Quote
[...] Barbara Bleisch (44) ist promovierte Philosophin und moderiert seit 2010 die Sendung "Sternstunde Philosophie" beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF, seit 2013 ist sie Kolumnistin des "Philosophie-Magazins"....

Mit Hannah Arendt kann man sagen: Wir sind immer "angefangene Anfänge". Dass wir uns also nie ganz neu erfinden, sondern anknüpfen an eine Familiengeschichte, hat enorme Auswirkungen darauf, wie wir uns selber, aber auch unsere Verwandten sehen. Zumal man Familienbeziehungen – anders als Freundschaften – weder wählen noch künden kann. Wir können zwar den Kontakt abbrechen, aber unsere Eltern hören deshalb nicht auf, unsere Eltern zu sein. Die Idee eines Ex-Vaters oder einer Ex-Mutter ist absurd. Und: Familienbeziehungen sind unersetzbar. Wir können nicht als Erwachsene neue Eltern finden, und Eltern werden sich auch keine neuen Kinder suchen. Das macht die Beziehung speziell wertvoll – es macht uns aber auch sehr verletzlich. ... Verletzlichkeit ist die natürliche Kehrseite von Liebe, Freundschaft und Zuneigung. Wer vertraut, liebt, sich öffnet, kann auch einfacher ausgebeutet, enttäuscht, verraten werden. ... Das, was uns in unserer Identität prägt, ist sicher beides: genetische Abstammung und soziale Beziehung. In früheren Zeiten konnte man die genetische Abstammung oft gar nicht nachweisen, etwa mit Vaterschaftstests, wie das heute zum Teil gemacht wird. Aber es gab auch damals Kuckuckskinder, außerdem Stiefkinder und Ammen. Kinder hatten früher sogar oft mehr familiäre Bezugspersonen als heute, und aus diesen Beziehungen entstehen viele Gründe, sich umeinander zu kümmern. Blutsverwandtschaft ist aber nicht irrelevant, auch sie prägt uns. Aus den Genen allein erwächst den Kindern allerdings keine Pflicht. Ein Kind hat beispielsweise gegenüber einem Samenspender keine Pflichten. ... Kinder dürfen und müssen sich von ihren Eltern emanzipieren. Wenn Eltern nicht einsehen, dass Kinder nicht ihre "Gemächsel" sind, wie Immanuel Kant dies sagte, sondern Wesen, die sie in die Selbstständigkeit zu erziehen haben, dann wird es schwierig, dass diese Beziehung langfristig gelingt. Allerdings gibt es in jeder Beziehung das, was ich das Prinzip der Trägheit nenne. Ein Kontaktabbruch ist radikal und hinterlässt Wunden – auf beiden Seiten. Von heute auf morgen zu gehen, ohne Vorwarnung, ist nicht das, was wir als respektvoll bezeichnen. Max Frisch sagte einmal, wir sollten einander die Wahrheit wie einen offenen Mantel hinhalten, nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen. In Familien gibt es oft zu viele nasse Tücher und zu wenige offene Mäntel.

...


Quote
hurchzua

Es leben alle besser, Eltern und Kinder, wenn sie wechselseitig jedenfalls so leben, als würden sie einander etwas schulden.



Quote
triage

Liebe stellt keine Bedingungen.


Quote
Hier geht es aber nicht um freie Christen

Das was meine Eltern für mich gemacht haben, kann ich ihnen eh nicht zurück geben, ich sehe es so dass ich das an meine Kinder weitergebe. Ich verstehe aber dass das in Ländern wo Eltern nicht sozial abgesichert sind nicht so ist. Wenn Leute die nicht mehr arbeiten können, kein Einkommen mehr haben, weil es kein Pensionssystem gibt, dann verstehe ich es, dass die Kinder sich für ihre Eltern verantwortlich fühlen. Ich würde es auch nicht zulassen dass meine Eltern verhungern, aber nicht weil ich der Meinung bin dass ich ihnen etwas schulde, sondern weil ich sie liebe.


Quote
mike gassner

ums ganz mild ausdzudrücken mein eltern waren arsch.............
hab das ganz leben gebraucht um mich auf angemessene art zu distanzieren ohne mich gleichzeitig sebst zu verraten


Quote
Dr. Gutenberg

Als Therapeut teile ich diese Einstellung [der Autorin] - die Esoterik-Community wird wieder aufschreien.



...


Aus: "Philosophin Bleisch: "Kinder haben um ihre Existenz nicht gebeten"" (24. April 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000078436190/Philosophin-Bleisch-Kinder-haben-um-ihre-Existenz-nicht-gebeten

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #13 on: Juni 22, 2018, 01:30:01 nachm. »
Quote
[...] Walter Kohl erfuhr aus dem Radio vom Tod seines Vaters. Jahrelang hatte er keinen Kontakt zu dem Mann, der international als „großer Staatsmann“ und „großer Europäer“ gewürdigt wird. Für Walter Kohl war der Vater Helmut nicht der Held der Wiedervereinigung, nicht der Wegbereiter der Europäischen Union, sondern eine Enttäuschung – einer, der nicht da war, der sich nicht kümmerte, der den Kontakt abbrach. Im Sommer 2011 habe er das letzte Mal mit seinem Vater telefoniert, danach habe er ihn nicht mehr besuchen dürfen, erzählt Walter Kohl. Erst jetzt betritt er sein Elternhaus wieder. Erst jetzt, wo es den Vater nicht mehr gibt.

Als der 53-Jährige am Freitagabend in Ludwigshafen-Oggersheim ankommt, muss er erst länger mit der Polizei diskutieren, bis er zu dem Haus durchkommt. Walter Kohl beklagt sich, es sei schlimm, wenn ein Kind nicht zu seinem toten Vater dürfe. Die Tür zum Hause Kohl öffnet schließlich der frühere „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, ein langjähriger Vertrauter von Helmut Kohl.

Als Walter Kohl später wieder aus dem Haus kommt, wirkt er aufgewühlt, auf leise Art. Den vielen Mikrofonen vor der Tür weicht er nicht aus, sondern lässt die Öffentlichkeit teilhaben an beklemmenden Details aus dem Innersten der Familie Kohl, einmal mehr.

„Sie sehen einen Menschen, der eben sehr traurig ist“, sagt Walter Kohl da. „Mein Vater hat ja allen Kontakt abgebrochen zu vielen Menschen in seinem Umfeld.“ Das gelte für ihn und seinen jüngeren Bruder Peter. Aber auch seine Enkel habe Helmut Kohl nicht sehen wollen. Die Kinder hätten sehr darunter gelitten, „dass ihr Großvater für sie nicht erreichbar war“.

Wie sehr er selbst als Kind gelitten hat, darüber hat Walter Kohl schon viel Auskunft geben, unter anderem in einem Buch mit dem Titel „Leben oder gelebt werden“. Darin seziert er schonungslos das Leben im Hause Kohl, erzählt von Kälte und Distanz. Er beschreibt den Vater als einen, der alles für die Politik gab und für den die Familie nicht mehr war als Teil des politischen Bühnenbildes. Und: Walter Kohl schildert, wie er vom Tod seiner Mutter Hannelore erfuhr. Ein Anruf, die Worte: „Walter, deine Mutter ist tot.“ Die Stimme am Telefon gehörte nicht seinem Vater, sondern dessen Büroleiterin.

2001 war das. Hannelore Kohl nahm sich damals das Leben. Sie starb an einer Überdosis Schlaftabletten, daheim in Oggersheim, während Helmut Kohl in Berlin war. Jahrelang war sie krank, litt unter einer Lichtallergie, musste im Dunkeln leben. 41 Jahre lang war sie mit Helmut Kohl verheiratet. Und auch von ihr gibt es eine Biografie, die einiges Düstere aus dem ihrem frühen Leben und dem späteren als Kanzlergattin offenbart – und manche Spannung mit ihrem Mann.

Sieben Jahre nach dem Tod von Hannelore heiratete Helmut Kohl wieder: Maike Richter. Eine Volkswirtin, die später als Redenschreiberin im Kanzleramt arbeitete und Kohl dort in den neunziger Jahren kennenlernte. Die beiden gaben sich 2008 das Ja-Wort – in der Kapelle eines Reha-Zentrums. Helmut Kohl war vorher schwer gestürzt und hatte ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Seitdem saß er im Rollstuhl und konnte nur noch schwer sprechen.

Der neuen Frau an seiner Seite wurde von vielen Seiten vorgeworfen, sie habe immer schon an den 34 Jahre älteren Kohl herankommen wollen, habe ihn systematisch abgeschottet, alle Fäden selbst in die Hand genommen und dafür gesorgt, dass er alte Bünde kappt – zu seinen Söhnen, zu alten Vertrauten wie seinem Fahrer „Ecki“ Seeber.

Von der zweiten Hochzeit erfuhren die Söhne Walter und Peter damals nur durch ein Telegramm, die Details aus der „Bild“-Zeitung. Walter Kohl arbeitet heute als „Redner, Autor, Begleiter und Coach“, wie er es selbst nennt. Er schrieb nach seinem ersten Buch noch zwei weitere. Und Peter Kohl verfasste als Co-Autor eine Biografie über seine Mutter Hannelore.

Draußen vor dem Haus in Oggersheim, am Todestag seines Vaters, sagt Walter Kohl noch, er wolle zu früheren Zeiten in diesem Moment nicht viel sagen. Er könne nur seiner Trauer Ausdruck verleihen, dass sein Vater jetzt gestorben sei „und dass das alles in dieser Weise passiert ist“. Und dann diese tieftraurigen Sätze, ernüchtert, resigniert: „Ich finde es schade, wenn man nicht in der Lage ist, die Dinge in diesem Leben zu regeln. Ich habe das versucht, über verschiedene Kanäle, ohne großes Glück“, sagt Walter Kohl. „Und jetzt ist es so, wie es ist.“



Aus: "Helmut Kohl : Das düstere Innenleben der Kanzlerfamilie"  marf./dpa  (17.06.2017)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/helmut-kohl-das-duestere-innenleben-der-kanzlerfamilie-15065389.html


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« Reply #14 on: Juli 05, 2018, 10:50:38 vorm. »
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MEINE MUTTER - Wütend. Mit diesem einen Wort würde ich sie beschreiben. Ich sehe sie vor mir, wie sie Fernsehen guckt, in Jogginghosen, ohne Make-up – denn das verbot ihr mein Vater –, und wie sie die Politiker auf dem Bildschirm anschreit. Wie sie sich über die Araber aufregt, die uns alles wegnehmen würden. Oder wie sie im Wohnzimmer unseres erbärmlichen Hauses stand und über die Frauen im Dorf herzog: „Alles Huren!“

Ich bin in einem kleinen Kaff in Nordfrankreich aufgewachsen. Bereits in früher Kindheit war ich anders als die Jungen im Dorf. Ich schwang meine Hüften mehr als sie, weinte öfter. Meine Mutter schrie, ich sei zu feminin. „Eddy, du bist eine Schande für mich! Warum tust du mir das an? Warum spielst du keinen Fußball wie die anderen Jungs? Warum hast du nur Mädchen als Freunde?“

Ich war ein anhängliches Kind. Im Alter von drei oder vier Jahren habe ich vor der Toilette gewartet, bis meine Mutter wieder herauskam. Ich habe mich an sie geschmiegt, sie hat nur gesagt: „Lass mich in Ruhe!“

Ihre Wut kam daher, weil sie wusste, wie arm wir waren. Im kleinen Lebensmittelladen im Dorf ließ sie oft anschreiben. Die Besitzerin warf ihr vor, dass sie arm sei, faul, nichts tauge. Dabei hatte meine Mutter drei Jahre lang eine Arbeit. Sie ging zu alten Menschen nach Hause, pflegte und wusch sie. Mein Vater verbot ihr auch das, weil sie mehr als er in der Fabrik verdiente. „Der Mann muss die Familie ernähren“, sagte er.

 Mit den Jahren erschöpfte sich ihre Wut. Sie war ausgezehrt davon, eine Mutter zu sein. Ihr erstes Kind bekam sie mit 16 Jahren, meinen Halbbruder. Elf Jahre später wurde ich geboren, sieben Jahre darauf meine Zwillingsgeschwister. Von einem Mädchen wuchs sie übergangslos in die Rolle einer Mutter hinein, sie hatte keine Jugend, keine Zeit für sich.

Obwohl sie alles Bürgerliche verabscheute, ermutigte sie mich, weiter zur Schule zu gehen. Sie war stolz auf mich, weil ich besser als meine Geschwister in der Schule war. Als ich mit 14 Jahren in das Internat des Gymnasiums umzog, lief sie durch das ganze Dorf, schwenkte in der Bäckerei, der Bar, dem Lebensmittelladen meinen Zulassungsbescheid und rief: „Der Junge hat es geschafft!“

Ich fuhr einmal pro Monat aus Amiens, wo die Schule lag, nach Hause. Jedes Mal wurde die Distanz zwischen uns größer. Sie rügte mich, wenn ich Fremdworte benutzte: „Warum redest du wie ein Bürgerlicher?“ Trug ich einen Wollpullover, warf sie mir vor, ich würde mich wie ein Pfaffe kleiden.

Mit 19 Jahren erzählte ich ihr, dass ich schwul sei. Sie weinte eine Woche lang. „Was habe ich falsch gemacht?“ Später sagte sie: „Ich akzeptiere dich.“ Ein Satz, den ich gehasst habe. Ich wollte, dass sie es weiß, nicht, dass sie es akzeptiert.

 Etwa zur selben Zeit habe ich meinen Namen geändert, um mit meinem Geburtsnamen Eddy Belleguele abzuschließen. Wenn ich Eddy hörte, klang „die Schwuchtel“ nach. Der Name stand für eine Erinnerung, die ich versuchte, loszuwerden. „Das Ende von Eddy“ heißt deshalb mein Buch.

Ich denke nicht an meine Mutter, ich liebe sie nicht, ich spreche nicht mit ihr. Das letzte Mal habe ich sie vor zweieinhalb Jahren gesehen. Sie hat mit meinem Vater Schluss gemacht. Vor ein paar Wochen ist sie in einen anderen Ort gezogen. Das habe ich von meiner kleinen Schwester erfahren.

MEIN VATER - Er war während meiner Kindheit eigentlich nie da. Entweder arbeitete er in der Fabrik, hockte in der Bar mit seinen Freunden, oder wenn er zu Hause saß, schien er geistig abwesend. Seine Gegenwart lastete wie ein unsichtbarer Druck auf dem Haus. Meine Mutter sagte einmal, wie froh sie sei, wenn Vater nicht im Haus war.

Seine Schweigsamkeit hatte etwas Gewalttätiges, seine Taten auch. Wir hatten eine Katze, als ich klein war. Wenn sie Nachwuchs bekam, was bis zu zwei Mal pro Jahr passierte, nahm er die Kätzchen, steckte sie in einen Sack und warf ihn solange auf das Pflaster, bis das Gewimmer erstarb. Ich hasste ihn dafür. Jedes Mal weinte ich, als Einziger in der Familie.

Er genoss es, Schweine zu töten. Mehrere Familien legten einmal im Jahr Geld zusammen, kauften ein Tier, mästeten es und teilten das Fleisch unter sich auf. Mein Vater war es, der das Schwein tötete. Er nahm das nicht als Gewalt wahr, es gehörte für ihn dazu, ein Mann zu sein.

Genauso wie Fleisch zu essen. Wegen ihm habe ich meine erste Tomate erst mit 18 Jahren probiert. Er fand Gemüse weibisch, meine Mutter durfte es nicht kaufen, höchstens Kartoffeln und Pommes frites. Nur wenn wir im Sommer grillten, gestattete er ihr, einen Salat zuzubereiten. Er sagte dann zu ihr: „Du frisst Kuhfutter.“

 Ich erinnere mich an ihn, wie er im Fernsehsessel saß, neben ihm sein Glas Pastis, im Mund eine Zigarette. Er rauchte 50 Zigaretten am Tag. Um sie zu bezahlen, stahl er seiner Schwester Geld. Den ganzen Tag lief der Fernseher, selbst wenn er schlief, ließ er das Gerät manchmal an. Er mochte Reality-Shows und sah sich Dokumentationen über das Fischen an, weil er gern angelte. Als ich zwölf war, saß er einmal mit seinen Freunden vor dem Fernseher, ich kam ins Wohnzimmer, er nannte mich vor allen eine Schwuchtel – und alle lachten. Ich weiß, was ihn zu dem Mann gemacht hat, der er ist. Sein Vater schlug seine Mutter regelmäßig vor seinen Augen. Er ist ein Produkt seiner Umgebung Aber das heißt nicht, dass ich ihm vergebe.

Kam ich vom Gymnasium nach Hause, war er selten da. Meine Mutter sagte: „Dein Vater erzählt ganz stolz jedem, dass du auf die Universität gehen wirst.“ Für ihn war das wie eine amerikanische Fernsehserie, in der ich mitspielte – ein Campus mit Grünflächen, auf dem ich studieren würde, eine fremde Welt.

Erst als mein Buch vor einem Jahr in Frankreich erschien, redeten wir wieder miteinander. Er schickte mir eine SMS: „Bin stolz auf dich.“ Dann rief er mich an, es war komisch, seine Stimme zu hören. Er sagte mir, dass er mich lieb habe. Und er nannte mich zum ersten Mal in seinem Leben Edouard, nicht Eddy. Später kaufte er sogar 20 Exemplare des Buches und verschenkte sie an seine Freunde.

 Im Januar hat er mich angerufen, als die Redaktion von „Charlie Hebdo“ angegriffen wurde. Ich wohne im Pariser Marais, dem alten jüdischen Viertel, wo viele Schwule leben. Mein Vater sagte: „Junge, sei vorsichtig!“ Ich war froh über den Anruf. Auch wenn wir sofort wieder stritten. Denn für ihn war klar: „Die Araber sind an allem schuld!“

Liebe ich meinen Vater? Nein. Diese Frage stelle ich mir nicht mehr, dieses Kapitel ist abgeschlossen. Ich habe mich weiterentwickelt, Freunde sind mir nun wichtiger als meine Familie.

MEINE GESCHWISTER - Eines kann ich mit Gewissheit sagen: Meinen elf Jahre älteren Halbbruder hasse ich von ganzem Herzen. Er wollte mich einmal zusammenschlagen, als ich noch ein kleiner Junge und er völlig betrunken war. Ich sei eine Schande für die Familie, nur meine Mutter und dann mein Vater hielten ihn davon ab. Als ich meiner Mutter von meiner Homosexualität berichtete, erzählte sie das sofort meinem Stiefbruder. Ich musste abreisen, weil er drohte, mich windelweich zu prügeln. Das war keine leere Drohung. Er ist mit einer Frau zusammen, die bereits Kinder hat, und die er regelmäßig schlägt.

Wie glücklich ich mich fühlte, als er alt genug war, um auszuziehen. Er hat oft mein Spielzeug geklaut, meine Playstation zum Beispiel, und verkaufte es, um vom Geld Zigaretten, Drogen oder Alkohol zu kaufen. Ich fühlte mich ohnmächtig, konnte nichts dagegen tun. Meine Eltern hat es überhaupt nicht geschert.

Die Zwillinge sind sieben Jahre jünger als ich. Als ich auf das Gymnasium ging, habe ich mich um sie gekümmert. Ich wollte nicht, dass sie so enden wie meine Eltern, und ihnen die Möglichkeit eines anderen Lebens bieten. Wenn sie mich in Amiens besuchten, schleppte ich sie in Museen oder ins Kino. Im Musée de Picardie, einem wunderbaren Regionalmuseum, habe ich ihnen die mittelalterlichen Kirchenmalereien gezeigt. Ich habe sie in Programmkinos geschleppt, wenn Godard-Filme liefen.

 Das war lächerlich, ich gebe es zu. Sie waren gerade einmal sieben Jahre alt. Aber ich hatte Angst, dass sie diese Dinge sonst nie sehen würden in ihrem Leben. Meine Geschwister haben mich dafür gehasst. Diese Erlebnisse brachten uns eher auseinander, als dass sie uns zusammenschweißten. „Du bist so bourgeois“, hat mein kleiner Bruder mir gesagt.

Sie wohnen nun zusammen mit meiner Mutter und erwarten wenig vom Leben. Meine Schwester will Sekretärin werden, mein Bruder Wachmann. Sie werden nicht auf die Universität gehen, sie werden nicht ihre Heimat verlassen. Es ist ein wenig so, als würden sie in dieselbe Falle laufen wie meine Eltern.

Édouard Louis’ „Das Ende von Eddy“ ist im S. Fischer Verlag erschienen.



Aus: "Erinnerungen an ein Familiendrama" Ein Protokoll von Ulf Lippitz  (08.05.2015)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/queerspiegel/bestsellerautor-edouard-louis-erinnerungen-an-ein-familiendrama/11739332-all.html


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« Reply #15 on: Juli 30, 2018, 08:41:48 nachm. »
Quote
[...] Gabrielle Rütschi ist Psychologin und systemische Therapeutin in Zürich.

Daniel Bakir: Frau Rütschi, Sie sind Psychologin und Familientherapeutin. Warum haben Sie ein Buch zum Thema Erben geschrieben?

Gabrielle Rütschi: In meiner beruflichen Praxis erlebe ich sehr viel Bitterkeit in Familien. Und wenn ich nachfrage, stecken sehr oft Erbgeschichten dahinter. Ungerechtigkeiten, Kränkungen kommen zum Vorschein - und man merkt, wie brüchig Familienwerte sind. Der Streit ums Erbe zerreißt Familien.

Sie haben reale Streitfälle zusammengetragen, die sich wie Kurzkrimis lesen. Welche Geschichte hat Sie besonders erschüttert?

Gabrielle Rütschi: Zum Beispiel die Schweizer Familie, die sich über ein Haus in der Provence völlig zerstritten hat. Die habe ich sehr gut gekannt, anständige Leute aus einem bürgerlichen Elternhaus. Der Vater Chefarzt, eine heile Familie. Doch als der Patriarch gestorben ist, sind Fairness und Loyalität komplett verloren gegangen. Es gab in der Familie keine Streitkultur, weil Konflikte nie ausgetragen wurden, um eine heile Fassade aufrechtzuerhalten.

Was ist der häufigste Grund dafür, dass Erbstreitigkeiten eskalieren?

Gabrielle Rütschi: Der häufigste Grund ist, dass alte Geschichten wie Verletzungen, Kränkungen, Bevorzugungen wieder aufbrechen. Das geht oft zurück bis in die Kindheit, wo sich ein Geschwisterteil ungerecht behandelt fühlte. Diese Geschichten brechen auf, wenn der verstorbene Elternteil als kontrollierendes Element nicht mehr da ist.

Also geht es oft eher um eine emotionale Abrechnung als ums Geld?

Gabrielle Rütschi: Meistens um Beides: Über das Materielle wird emotional abgerechnet. Manchmal geht es auch nur um etwas Symbolisches, was gar nicht so viel Wert hat. Ein spezielles Bild zum Beispiel, das die andere Person auf keinen Fall bekommen soll.

Welche Rolle spielen missgünstige Angeheiratete, die den Konflikt von außen in die Familie tragen?

Gabrielle Rütschi: Durch Partnerschaften verschieben sich die Dynamik in der Familie und oft auch die Machtverhältnisse. Ich schildere zum Beispiel eine Geschichte von zwei Schwestern, in der der Freund der einen versucht, sehr viel Macht zu bekommen und den Erbstreit überhaupt erst auslöst. Das ist ein typisches Phänomen.

In einem anderen Fall tyrannisiert der machthungrige Bruder seine fünf Schwestern und reißt ein Großteil des Erbes an sich. Ist das eine typische Verteilung der Geschlechterrollen?

Gabrielle Rütschi: Das würde ich so nicht sagen. Es gibt zwar einen Gender-Aspekt, weil sich Frauen immer noch weniger um die Finanzen kümmern. Aber die Frauen können genauso gut die Bösewichte in Erbgeschichten sein wie die Männer - sei es die missgünstige Schwiegertochter oder die junge Geliebte, die sich das Alleinerbe des Alten unter den Nagel reißt.

Waren Sie selbst manchmal überrascht, welche menschlichen Abgründe sich bei dem Thema auftun?

Gabrielle Rütschi: Ich staune schon, wie unverfroren manche Erben Vermögen an sich reißen. Wie ältere Menschen, die hilfloser werden, jahrelang emotional beeinflusst werden. Da ist zum Beispiel ein Kind,  das sich um die kranke Mutter kümmert, oder ein Verwandter oder Betreuer, der die Abhängigkeit und Hilflosigkeit der Situation ausnützt, und dabei sehr manipulativ den eigenen Nutzen verfolgt. So werden Schenkungen und Verfügungen erschlichen und eine lebenslang gemachte Nachlassplanung kurz vor dem Tode verändert. Die Erben werden so ausgebootet. Und weil der alte Mensch Angst vor Isolierung und Liebesentzug hat, macht er mit.

Was kann ich als Erblasser tun, um zu verhindern, dass es zum Kampf ums Erbe kommt?

Gabrielle Rütschi: Das Testament sollte klar und formal korrekt formuliert sein. Die Hälfte der Testamente sind nicht korrekt und bieten Raum für Interpretationen und Streitigkeiten. Dann sollte das Testament unbedingt offiziell beim Notar hinterlegt werden. Denn Testamente, die einfach nur in der Schublade liegen, verschwinden - oder jemand lässt sie verschwinden. Das kommt immer wieder vor. Und dann beginnt der Krieg ums Erbe.

....


Aus: "Gabrielle Rütschi"Der Streit ums Erbe zerreißt Familien"" Daniel Bakir (30. Juli 2018)
Quelle: https://www.stern.de/wirtschaft/geld/psychologin-im-interview---der-streit-ums-erbe-zerreisst-familien--8176762.html

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« Reply #16 on: Juli 31, 2018, 01:01:17 nachm. »
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[...] Es ist eine Geschichte, wie die bunten Blätter sie lieben – und erst recht deren Leser. Ein Unternehmer und Patriarch, Mitglied der Hamburger High Society, überwirft sich mit seinem Sohn und Erben – und beschließt, für Ersatz zu sorgen. Per Adoption. Allein dieser Plot wäre schon aufsehenerregend. Dass aber der ungnädige Vater der Chef der deutschen Kaffeerösterdynastie Darboven ist und der ausersehene Ersatzerbe der Spross der direkten Konkurrenz Jacobs aus Bremen: Das katapultiert den Stoff in den Rang einer Affäre. Und wer die Hamburger Kaufleute kennt, ahnt bereits: Der Skandal ist nicht weit. Ausgerechnet zum Hamburger Galopp-Derby Anfang Juli, einem Muss-Rendezvous der Reichen und Schönen, wurde der Plan von Albert Darboven (82) publik. Und zwischen Hüten und Hummer hechelten die Hanseaten das Haarsträubende durch. Der Zeitpunkt war umso pikanter, als J. J. Darboven mit seiner Traditionsmarke Idee Kaffee Hauptsponsor des Pferdeevents war und der Patriarch höchstpersönlich auf der Galopprennbahn die Honneurs machte und entgegennahm. Auf Erkundigungen in der Familiensache reagierte er ungnädig: "Kein Thema."

Dabei war Albert Darboven natürlich klar, dass die Derby-Gesellschaft selbst den mit einer Idee-Kaffee-Decke geschmückten Sieger "Weltstar" nicht halb so spannend fand wie den Bruch zwischen ihm und seinem Sohn Arthur Ernesto (54). Von dessen Mutter Inés Alicia de Sola Oppenheimer, Tochter eines Kaffeebarons aus El Salvador, ließ Darboven sich nach zwölf Jahren Ehe 1973 scheiden. Er heiratete daraufhin im selben Jahr Edda, Prinzessin von Anhalt-Dessau. Gemeinsam mit ihr bestätigte er am Nach-Derby-Montag den Klatsch – per Pressemitteilung. "Meine Frau und ich", heißt es darin, "wünschen uns, Herrn Dr. Jacobs auch ganz offiziell in unsere Familie aufzunehmen." Und weiter: "Wir wünschen uns, dass er unser Lebenswerk in allen Bereichen fortsetzt." Die öffentliche Bestätigung der Darboven-Idee hat Sohn Arthur Ernesto zumindest indirekt erzwungen – gemeinsam mit seinen Cousins Arndt und Behrendt Darboven und deren Mutter Helga. Die vier veröffentlichten am Derby-Wochenende einen offenen Brief, in dem sie vor einem "Bruch mit den Werten des Unternehmens und der Familie" warnen – und weiter schreiben: "Es ist für uns überhaupt nicht nachvollziehbar, dass Albert Darboven, unser Vater beziehungsweise Onkel, die Führung des Familienunternehmens an Dr. Andreas Jacobs übertragen will."

Die Jacobs-Familie hat ihr Unternehmen in der Hamburger Konkurrenz-Hansestadt Bremen zunächst 1982 durch eine Fusion mit der Schweizer Interfood AG erweitert. Acht Jahre später wurde das Unternehmen als Jacobs Suchard an den US-Konzern Kraft Foods verkauft. Andreas Jacobs (54) leitete danach bis 2015 die Holding der Familie, die mit einem Milliardenvermögen zu den reichsten Deutschen gezählt wird. Inzwischen nennt er sich Investor und lebt in Hamburg. Aber nicht nur räumlich sind sich Darboven senior und sein Wunschsohn Jacobs sehr nahe. Sie teilen auch ihre Leidenschaft für schnelle Pferde. Darboven besitzt das Gestüt Idee und war selbst jahrzehntelang als Polospieler aktiv.

Sohn Arthur, seine Vettern und deren Mutter, denen zusammen 42,5 Prozent des Unternehmens gehören, halten die Hippophilie für keine ausreichende Qualifikation. Den Verkauf von Jacobs-Kaffee wenden sie gegen den Konkurrenten ums Erbe. "Uns Darbovens liegt der Kaffee im Blut", schreiben sie, "was wir bei Dr. Jacobs bezweifeln müssen." Zudem hätten die Firmen Darboven und Jacobs sich schon vor Gericht treffen müssen. So weit ist es zwischen Darboven senior und junior bislang nicht gekommen. Sie trennten sich, zunächst geschäftlich, 2008, nach Streitigkeiten über die Unternehmensstrategie. Konkreter Anlass war der "Coffee Erotic", den Arthur Ernesto ins Sortiment aufnehmen wollte. Vater Albert fand das indiskutabel.

Ein spannender Aspekt am Rande ist zweifelsohne, wie Albert zum vierten Chef der Dynastie Darboven wurde: Sein kinderloser Großonkel Arthur Darboven beschied 1948 den zwölfjährigen Albert Hopusch aus Darmstadt: "Du wirst einmal mein Nachfolger." Und – adoptierte ihn.

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immer STANDFEST

Der NEG Virus
Hier wütet der NEG Virus = Neid,Eifersucht,Gier!

Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und deren Familien sieht anders aus!
Passiert übrigens auch im Kleinen, ist der Nachteil von Familienunternehmen.


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alt-heli .

So hat jeder seine Sorgen.... ;-)


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Anonüm

Aber Ernesto, du hast gar kein Vermögen?
Nein, und ich heiße auch nicht Ernesto sondern Harald!


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Meister Sepp

Liest sich wie eine ganz schlechte Seifenoper


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DieNachtkerze

Philip Morris
Jacobs hat nicht an Kraft Foods verkauft. Das Unternehmen gab es damals noch gar nicht. Jacobs hat, um seine Geschwister auszahlen zu können, damals an Philip Morris verkauft, einen Zigaretten-Konzern. Später wurde die Nahrungsmittelsparte, auch aufgrund der Tabak-Prozessdrohungen in den USA, abgespalten und Kraft Foods gegründet. Dieses Unternehmen wurde später wiederum in Kraft Foods Group und Mondelez geteilt. Kraft Foods Group kurz danach von Heinz übernommen (jetzt Kraft-Heinz).


...


Aus: "Der Kaffeekrieg der Söhne" Cornelie Barthelme (31. Juli 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000084422535/Der-Kaffeekrieg-der-Soehne


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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #17 on: August 15, 2018, 10:41:21 vorm. »
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[...] Konstantin Wecker: Ich möchte an dieser Stelle nochmals betonen, dass meine Eltern völlig untypisch für die Generation der Eltern eines Siebzigjährigen waren. Dies erwähne ich ganz bewusst immer wieder. Wenn ich in meinem Lied schreib: "Ich habe eine großes Herz für die Träumer und Versager", dann meine ich damit schon auch meinen Vater. Weil der ja in gesellschaftlichem und finanziellem Sinn ein Versager war. Was er sicherlich nicht gern gehört hätte. Aber was für ein wunderbarer, warmherziger und weiser Mann ist er geworden.
Wir müssen den Worten mehr auf den Grund gehen. Versager heißt, "ich versage mir etwas". (lacht) Hat doch was, oder? Ich versage mir, teure Markenkleidung zu tragen, ich versage mir, andere auszubeuten, und ich versage mir, Euren Quatsch mitzudenken. Ich bin ein Versager.

...



Aus: ""Nationalismus wird uns immer ins Elend führen"" Frank Jödicke (15. August 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Nationalismus-wird-uns-immer-ins-Elend-fuehren-4136969.html?seite=all

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #18 on: August 16, 2018, 03:05:04 nachm. »
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[...] Traumatisiert sind in dieser Familie alle, ob nun wegen des Naziterrors oder aufgrund von Lebensentwürfen, in denen eine kaum eingestandene Lieblosigkeit herrscht. ... Dieser Familienroman ist ein radikaler und radikal schöner Trennungsroman, der die Qual der Beziehungsauflösung und das Unglück der Zurückgelassenen mal elaboriert, mal drastisch und zuweilen auch humorvoll ausleuchtet, um dann mit erzählerischer Leidenschaft die Liebe der wahrhaft Seelenverwandten zu feiern. ...

... Auch jenseits dieser literarischen Spiegelebenen bietet „Bruder und Schwester Lenobel“ aberwitzige intellektuelle Höhenflüge: Exkurse über das Hören und das Sehen, über Langweile, den Hass, über das Gute und Böse, also die großen Themen der Psychoanalyse und der Philosophie. „Märchen sind samt und sonders Rachegebilde“ heißt es an einer Stelle.

Köhlmeier hat aber viel mehr als nur ein Rachegebilde abgeliefert. Sein Roman bietet anspruchsvolle Erkenntnisprosa. Im Stile negativer Dialektik nimmt diese Prosa gerade gewonnene Einsichten wieder zurück, demonstriert grenzenlose Freude am Fabulieren und erinnert an den Reichtum der Sprache mit längst vergessenen Wörtern wie „affrös“.

Und sie entgegnet allen Tugendwächtern schalkhaft lächelnd, dass die Liebe auch in nachkommenden Generationen nicht auf dem Schlachtfeld bürgerlicher oder religiöser Moral entschieden wird. Sondern die Suche nach Seelenverwandten zu den schönsten und grausamsten Erfahrungen im Leben zählt. Und auch in der Literatur.

Michael Köhlmeier: Bruder und Schwester Lenobel. Hanser Verlag, München 2018, 541 Seiten


Aus: "Die Liebe der Seelenverwandten" Carsten Otte (16.08.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/familienroman-von-michael-koehlmeier-die-liebe-der-seelenverwandten/22916612.html

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #19 on: August 16, 2018, 03:15:01 nachm. »
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... Da ist Familienvater Alfred Lambert, ein furchterregender Pedant, vom körperlichen und geistigen Verfall gezeichnet; und Enid, deren ganze Leidenschaft der heimischen Rasenpflege gilt; Sprössling Chip lehrt feministische Theologie und dreht krumme Dinger in Litauen; Gary, sein Bruder, ist erfolgreicher Banker und depressiv; schließlich Denise, die ihrer Karriere als In-Köchin durch sexuelle Kapriolen ein vorläufiges Ende setzt. Das Leben ist auch im Kleinen korrekturbedürftig, aber nicht immer ist die Lösung so simpel wie bei Alfred, der seine Krankheit mit dem Medikament "Korrektal" zu lindern hofft.

Im Privaten lauert Monströses, verrät das Buch. Doch Franzen macht daraus kein apokalyptisches Kunstwerk. Mit viel Ironie, Komik und heiterer Zuneigung begegnet er seinen Figuren. Niemand wird denunziert. "Die Korrekturen" ist ein Familienepos, das in seiner Wucht und seiner Tragweite an die Sippenromane Thomas Manns erinnert. ...


Aus: "Platz 7: "Die Korrekturen" von Jonathan Franzen" RP (2. Oktober 2015)
Quelle: https://rp-online.de/kultur/buch/schroeders100/platz-7-die-korrekturen-von-jonathan-franzen_aid-19877165

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[...]   Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.06.2002
Zum Weihnachtsfest möchte Mutter Enid noch einmal die ganze Familie Lambert im amerikanischen mittleren Westen zusammenbringen, die drei Kinder mit Anhang, die längst davon sind, an die Ostküste. Das Fest findet statt und es misslingt, alles nicht sehr spektakulär. Die Stärken des Romans von Jonathan Franzen aber, so Thomas Steinfeld, liegen nicht im eher simplen Plotmotiv, sondern im Detail: in der "Anmut" , mit der der Autor die verkorksten Leben seiner Figuren schildert, im "absoluten Gehör", mit dem er die Gespräche in der Familie zu Papier bringt. ...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.06.2002
Die Kritik ist lang, aber das Buch ist es auch und nicht wenig davon schickt Martin Krumbholz sich an nachzuerzählen. Das Personal ist überschauber, Vater Alfred - mit Alzheimer -, Mutter Enid - die die Kinder noch einmal zu Hause versammelt -, Sohn Chip - der Versager mit literarischen Ambitionen -, Tochter Denise - die Ex-Küchenchefin - und Sohn Gary - der Erfolgreiche, mit Frau und Kind: ein Familienroman. Erzählt werden "fünf Lebensgeschichten", zusammengehalten vom "Mythos" Familie, von den "Verstrickungen", aus denen deren Mitglieder nicht entkommen, zusammengefügt ist das ganze, meint der Rezensent, mit Eleganz. Kaum etwas scheint ihm überflüssig, Jonathan Franzen schreibe mit "Witz", aber ohne alle Angeberei (manchmal auch "direkt" und "bissig"), sei einem "aufgeklärten Realismus" verpflichtet, erlaube sich jedoch den einen oder anderen lässig postmodernen Schlenker. Am Individuellen sichtbar werden, so Krumbholz, Wahrheiten über Abhängigkeiten, die man nicht los wird, über Korrekturen, die nicht gelingen können. Mit einem Wort: ein überaus gelungener Roman.

 Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.06.2002
Dirk Knipphals ist begeistert von Jonathan Franzens Roman "Die Korrekturen". Zunächst einmal sieht Knipphals darin einen Familienroman, wobei es sich freilich um das "denkbar familienfeindlichste Buch" überhaupt handelt, wie er hinzufügt, um gleich darauf zu ergänzen, dass es in diesem Subgenre zugleich das "liebevollste" Buch ist. Franzen folge dem "hippiesk anmutenden Grundsatz, dass noch das normalste Leben interessant ist, wenn man es nur gekonnt genug ausleuchtet". Das Normale zeige Franzen dabei allerdings als permanenten Ausnahmezustand und Gefühlsnotstand. Neben den mit "großer Unerschrockenheit und noch größerem Witz" geschilderten familiären Irrungen und Wirrungen, so Knipphals, rollt Franzen auch ein Panorama der neunziger Jahre vor den Augen des Lesers aus: ein "wahres Archiv" für Mode-, Ess-, Sex- und Erziehungsstile in dieser Zeit! Im Zentrum des Romans stehen für Knipphals jedoch "unangefochten" die menschlichen Beziehungen, die Franzen - so mürbe und widersprüchlich, so gefährdet und kompliziert sie auch erscheinen mögen - wie "große Kostbarkeiten behandelt, die es bis ins Letzte zu studieren gilt".

 Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.06.2002
Eine "Art Inbild der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft" sieht Angela Schader in diesem Roman. Ein Inbild nicht ohne den "ambitiösen Blick auf große Vorbilder" wie Philipp Roth und auch nicht ohne Längen (Episoden wie die "aufgewärmte Lewinsky-Affäre" etwa), Ausrutscher und "thematische Sackgassen". Was, wenn es nach Schader geht, der "variantenreichen" (treffsicher übersetzten, wie Schader anmerkt) Prosa, der "stellenweise zutiefst verstörenden menschlichen Tiefe" des Buches sowie der Meisterschaft in der Schilderung der Altersqualen keinen Abbruch tut. Allein die lange und detailreiche Schilderung der familiären Grabenkämpfe, meint die Rezensentin, könnte "ein eigentliches Handbuch der ehelichen Kriegsführung" abgeben.

...


Aus: "Jonathan Franzen: Die Korrekturen - Roman, Rowohlt Verlag, Reinbek 2002"
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/jonathan-franzen/die-korrekturen.html

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #20 on: September 10, 2018, 09:58:34 vorm. »
Quote
[...] Habe ich nicht genug getan? Hätte ich meinen depressiven Freund nicht alleine lassen dürfen? Hätte ich meine schizophrene Mutter gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen sollen? Hätte ich meinem alkoholkranken Sohn verbieten müssen, auf die Party zu gehen? Es sind solche Fragen, die Verwandte, Partner, Freunde quälen, wenn eine seelische Erkrankung ihre Liebsten innerlich zerreißt.

...


Aus: "Das Leid der anderen" Julia Völker und Dagny Lüdemann (17. September 2013)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-08/angehoerige-psychisch-kranker?page=3#comments

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« Reply #21 on: Oktober 01, 2018, 03:57:23 nachm. »
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[...]  Richard Ford: ...  Wie beeinflussen Eltern Ihren einzigen Sohn? Was ist angeboren, was wird anerzogen? Um diesen Fragen nachzugehen, habe ich dieses Buch geschrieben. In Kürze lässt sich lediglich sagen: Meine Eltern liebten mich, und ich liebte sie. Das haben wir einander oft gesagt. Sie haben sich auch gegenseitig geliebt, vor und nach meiner Ankunft. Solcher Liebe kann man nur nachspüren, wenn man seine Vorstellungskraft nutzt.


Aus: "Pulitzerpreisträger Richard Ford hält Militärputsch gegen Trump für möglich" (26.09.2018)
Quelle: http://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Uebersicht/Pulitzerpreistraeger-Richard-Ford-haelt-Militaerputsch-gegen-Trump-fuer-moeglich

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« Reply #22 on: Dezember 26, 2018, 12:00:18 vorm. »
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[...] Die Zurückweisung durch das eigene Kind ist schmerzhaft. Auch weil es das eigene Versagen vor Augen führt. "Es ist wie Liebeskummer, nur schlimmer", sagt Wallberg.

Laut Schätzungen von Soziologen gibt es rund 100.000 betroffene Eltern in Deutschland, deren erwachsene Kinder den Kontakt zu ihnen abgebrochen haben. Offizielle Zahlen existieren nicht.

Die Essener Psychotherapeutin Claudia Haarmann hat mehrere Bücher über solche Kontaktabbrüche verfasst. Sie glaubt, dass deutlich mehr Familien betroffen sind, es jedoch nicht sagen. Wenn Kinder ihre Eltern ablehnen, ist das peinlich für die Eltern, wie eine Stigmatisierung. Was sollen die anderen von ihnen denken? Es fällt ausnahmslos auf die Eltern zurück. Aber haben die Kinder vielleicht doch ihre Gründe?

Eltern in Selbsthilfegruppen, sagt Claudia Haarmann, behaupten fast ausnahmslos, dass nichts vorgefallen sei. Keiner war gewalttätig, keiner übergriffig. Keiner hat sein Kind sexuell missbraucht. Sonst wären sie doch nicht mit dem Rucksack voller Sorgen, mit ihrer vermeintlichen Unschuld in so einer Selbsthilfegruppe.

Die Frage, die am meisten wehtut, ist sehr einfach: Warum will mein Kind mich nicht mehr? Die Frage, die sich anschließt, lautet: Was habe ich falsch gemacht? Claudia Haarmann glaubt: Jeder Elternteil kann tief in seinem Innersten die Antwort finden. Oft hat sie mit Sprachlosigkeit zu tun. Mit Schweigen, das nicht durchbrochen wird.

...


Aus: "Familienstreit: "Es ist wie Liebeskummer, nur schlimmer"" Andrea Müller (25. Dezember 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2018-12/familienstreit-eltern-kinder-kontaktabbruch-liebe/komplettansicht

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Masafi #1

Es ist eine Schande die Eltern ohne berechtigte Gründe im Stich und allein zu lassen. Das hat niemand verdient.



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HeinriSch #1.22

... Bitte, schreiben sie nie wieder zu einem Thema, dessen emotionale Tiefe Sie nicht annähernd nachvollziehen können. ...



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Zeitleserin64 #1.10

nein, es ist keine Schande... höchstens für die Eltern!
Ihr Kommentar zeigt deutlich dass Sie eben nicht die Situation verstanden haben und keine Respekt vor dem Mensch "Kind" welches eben auch sein Leben in Frieden und mit Liebe leben möchte.
Der Begriff "verdient" gibt es da nicht! Es sind die Folgen auf das Verhalten der Eltern und hat gar nichts mit "verdient" zu tun.
Eltern verdienen nichts...sondern sie setzen auf eigenen Wunsch Kinder in die Welt und diese sind ihnen in keiner Weise zu Dank verpflichtet da es eben nicht ihre Entscheidung war auf diese Welt zu kommen.
Jeder Mensch ist sein Leben voll verantwortlich, egal ob Kinder oder Eltern... ganz für sich alleine. ...


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Slowenendeutscher #1.13

Es gibt Situationen, in denen es für beide Seiten besser ist, den Kontakt abzubrechen. In meinem Falle ging es von mir aus, weil ich diese Oberflächlichkeit und ständigen Vorhaltungen satt war. Meine Kinder habe ich daraus gehalten. Meine Eltern ( geschieden seit 20 Jahren) haben/hatten die Möglichkeit, meine Kinder zu sehen. Weder mein Vater (seit 4 Jahren tot, davor auch 10 Jahre keinen Kontakt) noch meine Mutter (seit 6 Jahren kein Kontakt) nehmen das Angebot [ ] an. Meine Mutter hatte sich noch nie um Ihre Enkelkinder gekümmert oder kümmern wollen. So wie Sie vorab urteilen, haben Sie wahrscheinblich keinen Einblick. Wenn bei Ihnen "heile Welt" herrscht, dann beglückwünsche ich Sie aus vollem Herzen. Im übrigen habe ich die Beerdingung meines Vaters bezahlt, obwohl kein Kontakt mehr herrschte.


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Muehlenbach #1.15

Meine Großmutter war eine bösartige Frau, die ihre Kinder und deren Partner regelrecht psychisch terrorisiert hat. Wie oft habe ich meine Mutter erlebt, wie sie vor lauter Wut in Tränen ausgebrochen ist, nachdem ihr vorgeworfen wurde, sie hätte meinen Vater nur wegen des Geldes geheiratet (dass mein Vater zum Zeitpunkt der Hochzeit Schulden hatte, wurde geflissentlich ignoriert). Als mein Onkel seine Freundin (die später seine Frau werden sollte) zum ersten Mal nach Hause gebracht hat, ist diese nach einer halben Stunde weinend aus dem Haus gerannt, weil meine Großmutter so gemein zu ihr war. Alle ihrer drei Kinder hatten irgendwann kein Kontakt mehr zu ihr, und als sie vor einigen Jahren verstarb, wurde keine einzige Träne vergossen.

Um auf Ihren Punkt zurückzukommen: Manche Eltern haben es verdient. Kinder haben nicht die Pflicht, sich alles gefallen zu lassen, nur weil die Sticheleien, die Beleidigungen und Geringschätzungen von den eigenen Eltern kommen. Ich persönlich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern, aber wenn die Beziehung zu meiner Mutter genau so wäre, wie die meines Vaters mit seiner gewesen ist, hätte ich auch allen Kontakt abgebrochen.


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alljazz #1.19

Ich hätte es damals schlicht nicht überlebt, die permanenten Schuldzuweisungen, Charakter-eigenschaften, Verfehlungen, die mir meine Mutter vorhielt. Ohne den Halt meines Mannes und meiner Stiefschwester, ihren Versicherungen, dass ich NICHT diese berechnende, manipulierende Person bin, als die meine Mutter mich hinstellte. Kontaktabbruch war die einzige Möglichkeit, der emotionalen Abhängigkeit und meiner systematischen Zerstörung zu entkommen: ich hätte mich umgebracht, als komplett überforderter, ungefestigter junger Mensch (25 J.).
Warum das alles so war? Unerheblich. Auch keine Böswilligkeit. Einfach nur menschliches Unvermögen.
Manche Menschen muss man ziehen lassen, das habe ich daraus gelernt. Aufarbeitung ist mir mühsam gelungen, dank lieber Menschen (s.o.) und Therapie. Wie sehe ich es heute mit 53 J.? Keine Vorwürfe. Ich wünsche ihr, sie findet vor allem mit sich selber ihren Frieden.


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agt69 #1.20

„Es ist eine Schande die Eltern ohne berechtigte Gründe im Stich und allein zu lassen. Das hat niemand verdient.“

Wie Sie schon schreiben: ohne berechtigte Gründe. Wer sich zu einem solchen Schritt entschließt, hat in den allermeisten Fällen sehr wohl berechtigte Gründe.
Leider gibt es viel zu viele Kinder, die die Energie zu einem so radikalen Schritt nicht aufbringen können. Die Folge sind schwerste psychische Erkrankungen, bis hin zum Suizid. Leider gibt es sehr viele Eltern, die ihre Kinder im wahrsten Sinne des Wortes krank machen. Das passiert nicht nur durch so offensichtliche Dinge wie Gewalt oder Missbrauch. Meist sind der Terror, der Druck und die unterschwellige Manipulation wesentlich subtiler, weshalb es den Kindern dann auch sehr viel schwerer fällt, den dringend notwendigen Kontaktabbruch konsequent durchzuziehen.


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TendavPoWI #1.21

Ich habe (und hatte) nie den Anspruch perfekter Eltern. Aber dass mein Vater lieber einen leichten Vorteil in einem Unterhaltsstreit haben wollte statt mich zu sehen (und das über Jahre), werde ich ihm eher nicht verzeihen.


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EvaK42 #1.27

... Wie sich manche Eltern ihren Kindern gegenüber aufführen, ist das ebenso eine Schande, die die Kinder auch nicht verdient haben, um mit Ihren Worten zu sprechen.


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sonneundmond #1.32

“Es ist eine Schande die Eltern ohne berechtigte Gründe im Stich und allein zu lassen. Das hat niemand verdient.”

Damit haben sie vermutlich recht... Aber davon ist hier gar nicht die Rede. In dem Artikel ist davon die Rede, dass es wohl berechtigte Gründe gibt, diese aber nicht verstanden werden oder geleugnet oder man sie schlicht nicht kennt.


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Anutschka #1.39

Ich stimme insofern zu, als dass meiner Meinung nach "Ghosten" keine Option sein sollte. Manchmal gibt es unüberwindbare Konflikte, aber dann sollte man doch zumindest seine Gründe offen legen. Ich hoffe, dass meine Kinder dann mehr zu sagen hätten als: "das war's dann Mama". Und natürlich weiß ich, dass es Eltern gibt, die selbst dann nicht zuhören.


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anderfoerde #10

"Die hohe Kunst jeder Beziehung sei es, die Autonomie des anderen zu respektieren, seine Persönlichkeit anzunehmen und zu erkennen. Ohne ihn dabei zu erdrücken."

Das betrifft allerdings beide Seiten. Auch das erwachsene Kind muss die Persönlichkeiten der Eltern annehmen und ihre Autonomie respektieren.

Als betroffene Mutter: Erst nach vielen Jahren war es mir trotz der Übertretung sämtlicher roter Linien durch mein Kind und völliger Missachtung meiner Person möglich, wirklich wütend zu sein und mich gegen die ständige Distanzlosigkeit und Missachtung zu wehren. Daraufhin folgte der Abbruch des Kontaktes. Nach dem letzten Satz meines Kindes am Telefon, den ich hier nicht wiederholen möchte, kam ich zu dem Fazit: Das war's dann, Kind. Ich lasse mich nicht mehr treten.

Wenn noch einmal Kontakt entstehen sollte, muss dieser vom Kind ausgegehen. Sie kann es nicht. Konfliktscheu. Alle anderen sind schuld. Das Kind lügt sich durch sein Leben.


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Bella Donna #10.1

Was meinen Sie denn, woher die Konfliktscheue Ihrer Tochter stammt? Die wird ja nicht vom Himmel gefallen sein.


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Dichter als Goethe #10.2

doch, kann durch aus vom himmel gefallen sein.
mein bruder vernachlässigt unsere mutter auch (ich muss ihn zur sau machen, dass er ihr zum geburtstag gratuliert, etc.).
sie hat so viel für ihn gemacht (z.b. 700km für ihn und seine schule umgezogen), teilweise ihr eigenes leben für ihn aufgegeben.
diese undankbarkeit und gefühlskälte... komischerweise bin ich nicht so und wir haben die gleichen eltern!

es gibt bei den besten eltern und umgebungen immer wieder diese a****l*** kinder - dass umgekehrt eben so gestörte eltern(teile) gibt, ist unbestritten.


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Miguel de la Croix #12

Meine Mutter hat uns relativ früh verlassen, meine Schwester und ich wuchsen beim Vater auf. Er hat nie ein schlechtes Wort über sie verloren. Es gab Zeiten, wo wir uns annäherten und Zeiten, wo wir uns wieder entfernten. Wir sind fast wie Fremde, selbst an Weihnachten haben wir uns nichts zu sagen. Nachträglich betrachtet, war der Streit, der uns trennte nur eine Episode unter vielen, nicht gravierender als andere, nicht einmal intensiver. Vermutlich ein gegenseitiges Gefühl von Enttäuschung. Mein Vater ist vor ein paar Jahren gestorben und hinterließ ein viel größeres Loch. Meine Kinder haben eine gute Beziehung zu meiner Mutter. Sie sind eine Art Brücke geworden, um zumindest zu erfahren, wie es einem gegenseitig geht.


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Fragestellerin #15

Es ist für die Kinder auch nicht einfach. Meine Freundin, vom Stiefvater mit Unterstützung der Mutter missbraucht, hat den Kontakt abgebrochen. Selbstschutz und sie hat Liebeskummer, weil sie von ihrer Mutter nie geliebt wurde.
Gerade jetzt an Weihnachten leidet sie sehr unter der Lieblosigkeit der eigenen Mutter. Wir passen an Weihnachten sehr auf meine Freundin auf. Sie ist inzwischen Ű 60 und kämpft immer noch mit ihrer Kindheit.


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Wolfgang Leiberg alias Zornig #16

Vorweg: Ich bin selbst ein betroffener Vater. Und als solcher kann ich nur sagen: es gibt in der Tat Gründe auf BEIDEN Seiten, die dazu führen können, dass der Kontakt zwischen den Generationen abreißt.

Der Weg zurück ist ein langer und mühsamer. Nach einer Phase heftiger gegenseitiger Schuldzuweisungen, die die Gräben noch tiefer gerissen hat, bin ich auf dem Weg zurück zu einem entspannten Kontakt mit meiner Nachkommenschaft. Dazu sind schmerzhafte Lernprozesse nötig, die Selbstreflektion und ggf. auch Selbstveränderungen notwendig machen.

Es ist nicht damit getan, vom Anderen Dinge zu erwarten oder zu fordern. Der Fokus muss vor allem auf sich selbst gerichtet werden. Das Ergebnis kann zuweilen hart und gnadenlos sein, wenn wir an uns Dinge entdecken, die uns nicht so gefallen.

Wer sich versöhnen möchte, braucht Geduld und Gelassenheit. Und einen Gegenüber, der bereit ist, mitzuziehen. Ich habe das große Glück. Und empfinde dafür große Dankbarkeit.


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sonneundmond #16.1

Vielen Dank für ihren Beitrag. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das schwer ist. Als betroffene Tochter kann ich nur sagen Hut ab, dass sie sich dem stellen. Vielleicht unschöne Dinge an sich zu entdecken oder sich Dinge anhören zu mussen, die man vielleicht als ungerecht empfindet ist sicher nicht einfach. Ich würde mir wünschen das wäre mit meinen Eltern moglich. Alles gute Ihnen.


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Tisiphone71 #28

Ich bin ein Kind, das den Kontakt abgebrochen hat. Nach vielen Schmerzen, Enttäuschungen und immer neuen Anläufen, die nur damit endeten, dass ich gegen eine Wand lief. Über 40 Jahre lang habe ich versucht, ein normales Verhältnis zu meinem Vater herzustellen. Es ist nicht gelungen. Mal war er lieb, zugänglich, interessiert; dann wieder tage- oder wochenlang nicht erreichbar, abweisend, ließ mich links liegen. Nichts, was ich tat, um seine Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erringen, war gut genug. Er ignorierte mich in diesen Phasen einfach. Mittlerweile glaube ich, dass er psychisch krank ist, was aber bei uns zu Hause niemals ausgesprochen werden durfte. Nein, die Schuld, dass es mit mir und meinem Vater nicht lief, lag bei mir - das gab mir meine Mutter immer wieder zu verstehen. Sie komme doch auch mit ihm klar, hieß es, und ich sei als Kleinkind schon so abweisend zu ihm gewesen. In den letzten Jahren kam ich immer seltener nach Hause, es tat zu weh, immer wie Luft behandelt zu werden. Beim letzten Besuch ließ ich meinen Frust bei meiner Mutter ab und sie meinte nur: "Aber er hat dich doch begrüßt!" So nach dem Motto: Was willst du eigentlich, stell dich nicht so an. Es gab dann einen letzten kurzen, heftigen Wortwechsel mit ihm, bei dem er voller Wut sagte, er begrüße es, wenn ich nicht mehr zu Besuch käme. Damit war Schluss. Auch mit meiner Mutter, die immer noch so tun wollte, als sei nichts gewesen. Ob für immer oder nur zeitweilig - ich weiß es noch nicht.


Quote
patrizialeier #28.1

Ich kann Sie so gut verstehen.


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rayjo #32

Ununterbrochen werden hier bei zeit.de nur noch Artikel gebracht, die die Familie als Untergangsmodell propagieren. Persönlich kann ich das alles überhaupt nicht nachvollziehen. Bei uns gab es eigentlich nie ernsthaften Streit. Alles war gut, schön und normal. Ich habe meine Eltern begleitet und teilw. gepflegt bis zu ihrem Tod und hege keinerlei Groll. Ganz im Gegenteil, die wunderbaren Kindheitserinnerungen möchte ich nicht missen.


Quote
Tisiphone71 #32.1

Das ist schön für Sie. Ich beneide Sie darum. Aber nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass das IHRE Erfahrung ist und andere Menschen andere Erfahrungen mit Familie gemacht haben. Und es auch lieber anders gehabt hätten! ...


Quote
vncrm #38

Nachdem mein Vater gestorben war, hatte meine Mutter mich geradezu erdrückt. Ich bin damit nie zurecht gekommen. Auf der einen Seite hatte ihre extreme Vereinnahmung sehr viel zerstört. Auf der anderen Seite habe ich mich dennoch nicht von ihr getrennt, was ein großer Fehler war. Man liebt seine Eltern halt dennoch. Es gab viel Streit wegen ihrer Vereinnahmung. Verstanden hatte sie es nie. Mit der Zeit entwickelte sich ein status quo, wo ich das alles einfach nur noch still ertrug. Als sie dann irgendwann gestorben war, war das für mich eine Befreiung.

Eltern verstehen oft nicht, was sie ihren Kindern antun. Auch als längst erwachsenes Kind ist es nicht leicht, mit solchen Eltern umzugehen. Manchmal ist der Kontaktabbruch der einzig gangbare Weg.


Quote
fuchsgeist #50

Ich habe mehrere solcher Fälle im Bekanntenkreis und unter Kollegen. Nein, keine Schläge, sexueller Missbrauch, Suff, Depression oder ähnlich entsetzliche Vorkommnisse. Scheinbar gut funktionierende Familien, wohl geratener Nachwuchs, gut in der Schule und erfolgreich im Beruf, keine lauter Streit, schlimmer, sie haben sich nichts zu sagen. Manche sind einfach zu verschieden, andere lieblos, ein oder mehrere Kinder bevorzugen, andere kommen gar nicht vor. Die Kinder versuchen viele Jahre oder ihr Leben lang die Eltern mit irgendetwas zu beeindrucken, meine frühere Nachbarin sagte mal, sie habe irgendwann eingesehen, dass es auch nicht helfen würde wenn sie den Nobelpreis bekäme, ihre Eltern wüssten gar nicht, dass es sie gibt, für sie existiere nur die Schwester. Da hilft nur die Scheidung von den Eltern.


Quote
HMTiburon #55

Das geht auch anders herum. Ein Freund von mir hat den Kontakt zu einem Kind abgebrochen nachdem dieses erwachsene Kind ihn auf Unterhalt verklagt hat. Der will diese Tochter nie wieder sehen.


Quote
Kapaster d.J. #55.1

Hätte er mal lieber Unterhalt gezahlt. Freiwillig, ohne Klage.


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HMTiburon #55.2

Der hat bezahlt, freiwillig. Es sollte aber mehr sein, fast das doppelte. Na ja, der Richter hat wohl nur gelacht. Schließlich gibt's für sowas vom Einkommen unabhängige Sätze. Und das Ende vom Lied? Zwei Anwälte haben Geld verdient und ein Verhältnis zum Vater wurde für immer zerstört. Toll !!


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sonneundmond #55.3

Freiwillig? Bis zu einem gewissen Alter und Ausbildung ist man dazu verpflichtet. Die Frage ist auch, warum ein wahrscheinlich wohlhabender Vater sein Kiind nicht unterstützten möchte. Der Bafogsatz ist ja nicht gerade uppig. Dass der Richter gelacht hat klingt fur mich nicht glaubwürdig. Er hat die Klage vielleicht abgewiesen, aber gelacht? Die Beziehung war wohl schon vorher zerstört. Wissen sie: es mag schon sein, dass er eine faule, gierige, nichtsnutzige etc Tochter hatte, es kann aber auch sein, dass er einfach ein (emotionaler)Geizhals ist, bei dem es ausser Geld nichts zu holen gibt. Und dann hat sie halt vielleicht versucht sich wenigstens Geld zu holen. Geschichten sind meist nicht so einfach, wie sie aussehen. Ich hätte sehr gerne mit meinen Freundinnen getauscht, die aus sehr sparmen aber liebevollen Verhaltnissen kamen, denen wurden Kuchen gebacken, Essen mitgegeben und da kam die Familie zum Umzug und Renovierung. Ich musste meinem Vater auch drohen, damit ich dann wenigstens den mir zustehenden Satz bekomme und das wo er wirklich nicht wusste wohin mit seinem Geld. Beim Umzug hätte er mir nie geholfen, er ist doch nicht mein Lakai.(O Ton)


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EvaK42 #67

> Kontaktabbrecher sind für mich Menschen, die um Hilfe rufen, die eine Botschaft haben.

Die Botschaft ist oft gar nicht so kompliziert: Laß mich einfach in Ruhe mein Leben leben ohne dein ständiges Genörgel, deine Gängelungsversuche und die unterschwelligen oder offenen Vorwürfe. Niemand wollte mit Menschen zusammenleben, die so agieren, warum sollte man sich das bei den eigenen Eltern antun?

Die Entscheidung, den Kontakt zu meiner Familie radikal abzubrechen, habe ich bestimmt nicht als Hilferuf getroffen, denn die war nach sehr viel gutem Willen und Langmut sehr überlegt und hinterfragt. Aber ich lebe eben aus deren Sicht das falsche Leben, obwohl es mir sehr gut geht und ich keinesfalls klagen kann. Ich habe eine seit über 30 Jahren stabile Partnerschaft, wir beide sind beruflich und finanziell etabliert, aber es ist eben aus ihrer Sicht nicht in ihrem Sinne, also falsch, also versagt, und das haben sie immer wieder thematisiert.

Jede Diskussion um Hintergründe und das Ansprechen ihrer eigenen Problematiken war zwecklos und wurde abgewürgt. Über sowas spricht man nicht. das war die Maxime. Genau die typische Haltung der traumatisierten und kaputten Kriegsgeneration, die ihre Schmerzen hinter fast schon einer Art "omerta" verbirgt. Und darum habe ich um meines eigenen Friedens willen den Kontakt endgültig abgebrochen, weil ich eben weder Donna Quixote bin noch meiner Familie Therapeutin.


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Fawlty #69

"Du sollst Vater und Mutter ehren", sagt man früher. Davon ist nicht anscheinend nicht viel übrig in einer Gesellschaft voller narzistischer Selbstbespiegler. ...


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Ist das noch Kunst #69.1

Wer mit einem Finger auf andere zeigt, zeigt mit drei Finger auf sich selbst zurück. ...


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E.T.3000 #70

Wenn zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Geschwistern die Verbundenheit und die Liebe nicht gelebt werden kann, ist das erstmal nicht negativ zu bewerten sondern zu akzeptieren.
Verbundenheit und Liebe lassen sich nicht einfordern, ab- oder anschalten. ...


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c0mm0n sense #75

Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht. Das sagt im Grunde schon alles. ...


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Maurine #81

Wenn ich manch einen Kommentar der erwachsenen, ihre Eltern anklagenden Kinder hier lese, wird mir ganz anders. So viel Arroganz, so viel Selbstgerechtigkeit. Aber wenn's dann irgendwann ums Erben geht, sind sie plötzlich wieder da. Eklig.


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Googlefix #81.1

Eklig ist höchstens ihre Ignoranz. Aber Jedem seine Meinung....


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dr.tsantsa #87

100.000 betroffene Eltern ist sehr sehr niedrig angesetzt. Aus persönlicher Statistik möchte ich behaupten, dass eher noch eine „Null“ hinzugefügt werden darf. Ich habe pro Jahr im Schnitt 40 Familien bzw. deren Angehörige vor mir sitzen, bei denen es absolut keinen Kontakt zu den Eltern gibt (oder zumindest zu einem Elternteil). Wenn ich das auf den Rest der Republik hochrechne erscheint mir persönlich eine Million Betroffene recht realistisch.
Schade das es so ist, im Gespräch mit den Menschen ergeben sich aber oftmals Einblicke die einem eine Antwort auf das „warum“ geben. Manchmal ist kein Kontakt eben besser als „schlechter“ Kontakt.


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mirto_40 #93

Man wird als Original geboren und stirbt als Kopie. Viele Eltern sehen ihr Kind gar nicht. Sie kennen sie nicht. Sie sehen nur das Potenzial (wer das Kind sein könnte) und das ist ein grosses Problem, denn die Eltern verleugnen damit die Existenz des Ichs des Kindes. So kann es sein, dass das Kind sein eigenes Ich hasst, weil es von den Eltern (der Welt) abgelehnt wurde und dieser Selbsthass kann dazu führen, dass man ihn nach Aussen zu den Eltern kanalisiert. Es ist dann so eine Art Hass-Liebe, die man vielleicht nicht mehr ertragen kann und darum den Kontakt abbricht. ...


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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #23 on: Dezember 26, 2018, 01:16:26 nachm. »
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[...] Vor knapp zwei Wochen hat der Chef einer grossen Schweizer Versicherung Suizid begangen. Was geht Ihnen als Psychiater und Coach von Führungskräften durch den Kopf, wenn Sie eine solche Nachricht lesen?

Christian Peter Dogs: Ich denke in solchen Fällen: Da hat wieder einer zu lange weggeschaut. Je höher jemand aufsteigt, desto dicker wird sein Fell – und desto weniger weiss er von seinen Gefühlen. Und das, was er wissen könnte, verdrängt er meist aus guten Gründen. Denn der Preis, den die Topmanager für ihre Karriere zahlen, ist enorm. Die meisten verlieren ihre emotionale Identität, existieren als Privatperson gar nicht mehr. Und wer lange Zeit seine Gefühle verleugnet, der tendiert in belastenden Situationen zu Kurzschlussreaktionen. Wer alles dem Erfolg unterordnet, kann mit Niederlagen schlecht umgehen. Viele Manager sind emotionale Krüppel und nehmen gar nicht wahr, welche chronischen Konflikte im Berufs- und vor allem im Privatleben sie mitschleppen. Das ist nicht nur gefährlich für sie selber, sondern auch für die Unternehmen, die sie leiten.

... Dieser Tage wurde bekannt, dass sich Nissan-Manager Carlos Ghosn ­offenbar Luxusimmobilien und private Reisen geleistet hat auf Konzernkosten. Wie kann es so weit kommen?

Die Gier frisst den Verstand. Von 100 Topmanagern hat höchstens einer das Gefühl, er verdiene unanständig viel, alle anderen wollen mehr. Belohnt wird Skrupellosigkeit, ratsam ist, den Anstand gleich an der Garderobe abzugeben. Die innere Mitte und damit auch die Fähigkeit zur Zufriedenheit haben solche Menschen längst verloren. Ich sass in unzähligen tollen leeren Häusern, trank die besten Rotweine mit den einsamsten Menschen der Welt, die alles hatten ausser Emotionen und Freunden. Denken geht schnell, Fühlen und Freundschaften brauchen Zeit.

Reden Sie hier nur als Experte oder auch als Betroffener?

Ich spreche all diese Dinge nur so schonungslos an, weil ich jeden erdenklichen Fehler selber auch gemacht habe. Ich wollte allen beweisen, dass es meinem Vater nicht gelungen ist, mich fertigzumachen. Gegen aussen war er eine Lichtfigur, der eine psychosomatische Klinik leitete. In der Familie war er ein alkoholabhängiger und morphiumsüchtiger Despot, der mich schon vor der Geburt töten wollte und später verhöhnte und verprügelte. Mich hat das fast kaputt gemacht, aber ich biss mich durch, arbeitete täglich 15 Stunden in der Klinik und gab an den Wochenenden Seminare. 2005 bin ich von diesem Anerkennungstrip runtergekommen und musste mir eingestehen, dass meine Ehe kaputt war und ich meine Tochter nicht hatte aufwachsen sehen. Ich als ausgewiesener Fachmann hätte es besser wissen müssen, aber Einsichten bewirken noch keine Veränderung.

...

Erstellt: 24.11.2018, 08:32 Uhr



Aus: "«Je höher jemand aufsteigt, desto weniger weiss er von seinen Gefühlen»" Mathias Morgenthaler, Redaktor Wirtschaft (24.11.2018)
Quelle: https://www.derbund.ch/schweiz/Je-hoeher-er-aufsteigt-desto-weniger-weiss-er-von-seinen-Gefuehlen/story/18848893

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #24 on: Januar 12, 2019, 04:42:12 nachm. »
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[...] Früher hat er sich manchmal eine Karte fürs Reutlinger Fußballstadion geleistet, heute sind 11 Euro für einen Sitzplatz nicht mehr drin. Allein das Rauchen verschlingt fast sein Tagesbudget. Hätte er 2.000 Euro im Monat, wie er sie als Fahrer verdient hat, das wär’s, sagt er. So viel bräuchte er, um in Würde zu altern. Nach einundvierzig Jahren Beitragszahlungen erreicht er nicht einmal die deutsche Durchschnittsrente von 1.076 Euro.

Ein Stockwerk tiefer, in der AWO-Kantine, bestellt Spannenberger Menü 1: gegrilltes Putensteak mit Bandnudeln, dazu eine Cola. An der Kasse weist er sich mit einem gelben Papier und vergilbtem Foto aus. Mit dem Sozialpass, den die Diakonie ausstellt, erhält er Rabatt auf das Essen: 3 statt 6 Euro. Im Speisesaal nickt er einem Gast zu, nimmt aber allein an einem freien Tisch Platz. Während er kaut, schaut er auf sein Tablett oder starrt die Wand an. Man kennt einander, sieht sich jeden Tag und redet kaum. „Eigentlich ist jeder für sich allein“, sagt Spannenberger. Jeder, das sind Hartz-IV-Empfänger und Obdachlose. Er selbst war beides.

Weil er betrunken im Auto erwischt wird, verliert er 2002 zum dritten Mal den Führerschein – und seinen Job. Jahrzehnte ist er Lastwagen gefahren, meist Möbel, lange Zeit auch Getränkekisten. Spannenberger rutscht nach Hartz IV ab. Dann vor fünf Jahren: Er nickt beim Fernsehen auf dem Sofa ein, die Zigarette fällt ihm aus der Hand und auf eine Zeitung am Boden.

Vom Qualm wacht er auf, rettet sich auf die Terrasse, Polizei und Feuerwehr sind schon da, ein Nachbar hat sie gerufen. Als er seine Wohnung Tage später wieder betreten darf, ist alles verkohlt. Möbel, Dokumente, Fotoalben. Nur ein Zinnteller ist unversehrt: eine Fußballtrophäe, in die sein Name eingraviert ist, Meister mit dem FC Urach in der C-Klasse 1972/73. Nach dem Brand übernachtet er sechs Wochen in einer Notunterkunft, bevor ihm die AWO eine neue Wohnung vermittelt, mit ihm Möbel kauft. Der Zinnteller, vom Ruß befreit, thront seitdem auf seinem Wohnzimmerschrank.

Zum ersten Mal stand er mit sechs Jahren auf dem Fußballplatz, wo er die glücklichsten Momente seiner Kindheit verbrachte. Im „Kleinen Bol“ wächst er auf, dem Problemviertel Reutlingens. Seiner Familie fehlt schon immer das Geld. Der Vater Fensterputzer, die Mutter wegen Depressionen und Herzleiden zu krank zum Arbeiten. In der kleinen Wohnung teilt er sich ein Zimmer mit seiner neun Jahre älteren Halbschwester. Ein Badezimmer gibt es nicht, nur eine Toilette, zum Waschen muss die Spüle in der Küche reichen. Vor der Tür leere Bierflaschen und trostlose Gestalten: Nachbarn, die nicht arbeiten, die ihre Sorgen im Alkohol ertränken.

Als er zwölf ist, stirbt seine Mutter an einer Lungenentzündung. Er wächst bei seinem Vater auf, der zu viel trinkt und sich mehr um neue Liebschaften als um den Jungen kümmert. Meistens flüchtet Heinz auf den Fußballplatz. Eine Gegenwelt, in der Mannschaftsgeist zählt, Tore, Aufstieg, gemeinsame Feiern nach einem Sieg. Er kriegt nicht genug davon. „Fußball war mein Leben“, erzählt Spannenberger, der vierzig Jahre als Stürmer auf dem Platz stand.

Mit dem Sport schlich sich der Alkohol in sein Leben. Nach jedem Training, jedem Spiel, trank er mit den Kameraden, manchmal zehn, manchmal fünfzehn Bier. Erst Höchstleistung auf dem Platz, danach Saufen im Vereinsheim, mehrmals die Woche, jahrelang. Wer seinem Körper das antut, muss geübt sein. Beim Trinken war Heinz Spannenberger Profi.

Nach der Hauptschule lässt er sich zum Automechaniker ausbilden. Nicht, weil er besonderen Gefallen an Autos findet, er tut es einfach den meisten Jungs in seiner Klasse gleich. Mit sechzehn Jahren fährt er auf einem Moped, einer schwarzen Hercules, durch die Stadt, er verliebt sich. Im Rausch tätowiert er sich den Namen seiner ersten Freundin auf den linken Unterarm: Janne. Die Buchstaben sind mit den Jahren verblasst, Janne ist längst Geschichte.

Mit zweiundzwanzig Jahren lernt er Renate kennen. Sie arbeitet im Büro der Firma, für die er Lastwagen fährt. Sie ziehen zusammen, heiraten. Zwei Jahre später kommt Silke zur Welt. „Die glücklichste Zeit meines Lebens“, sagt er heute. Doch die Familie leidet von Anfang an unter seiner Sucht. Er ist ständig unterwegs, treibt sich mit den Kameraden herum, kommt spät nach Hause. Sie mache das nicht länger mit, warnt Renate. Er ignoriert ihre Drohungen. „Ich habe mich für unwiderstehlich gehalten.“ Nach vier Jahren Ehe zieht sie mit der Tochter aus, reicht die Scheidung ein. Heinz Spannenberger, mit neunundzwanzig geschiedener Vater, zieht zurück in den „Kleinen Bol“.

Der Alkohol habe ihn nicht aggressiv gemacht, sagt er.

Im Suff sei er ihr gegenüber handgreiflich geworden, sagt seine Exfrau.

Er sei mit Tausenden D-Mark Schulden aus der Ehe gegangen, sagt er.

Sie habe alle Schulden auf sich genommen, weil er nicht zahlen konnte, sagt sie.

Die Geschichte, die mehrere Ver­sio­nen kennt, hat einen gemeinsamen Nenner. „Ich weiß heute, ich war allein daran schuld, dass meine Ehe in die Brüche gegangen ist“, sagt er.

Nach der Scheidung, die Tochter ist knapp zwei Jahre alt, findet seine Ex­frau einen neuen Mann und Silke einen neuen Vater. Ein glückliches Familienleben, bis Spannenberger an der Tür klopft. „Er hielt sich nicht an Termine, aber wenn, dann kam er oft betrunken“, erinnert sich die Exfrau. Sie sagt auch: „Seine Tochter hat er über alles geliebt.“

Die wenigen Kindheitserinnerungen, die Silke mit ihrem leiblichen Vater verbindet, sind keine guten. „Ich habe mich immer in meinem Zimmer versteckt. Ich hatte einen Vater, ich brauchte nicht noch einen.“ Spannenberger ist für sie der Mann, der immer mal wieder in ihr Leben schneit und gleich wieder verschwindet. Nach Jahren ohne Kontakt lädt sie ihn zur Konfirmation ein, später zur Hochzeit. Er kommt, doch wieder bricht der Kontakt ab. 2017 dann das letzte Treffen. Zu ihrem einundvierzigsten Geburtstag besucht er sie und seine vier Enkel. „Er hat keine Frage gestellt, kaum geredet“, erzählt sie. Wenn sie von ihrem leiblichen Vater spricht, nennt sie ihn nur noch EZ, kurz für Erzeuger.

Sie habe ihm lange eine Chance gegeben, aber nun mit dem Thema abgeschlossen, sagt die Tochter.

Am meisten wünsche er sich mehr Kontakt zu ihr, sagt der Vater.

„Der Alkohol hat alles zerstört.“ Die Ehe, die Beziehung zu seiner Tochter, die Gesundheit. Und er hat die Erinnerung an manche Geschichte getrübt.

Kramt Spannenberger in der Vergangenheit, findet er selten Details. Mag sein, dass er sie nicht finden will. Eines Tages vor fünfzehn Jahren sei er in seine Kneipe gegangen und habe sich nicht zu den Kameraden am Tresen gesetzt, sondern an einen Tisch, allein. Er orderte eine Cola, die Kellnerin nahm es als Scherz, von der Bar schallte höhnisches Lachen.

Nach fünfunddreißig Jahren an der Flasche sei er morgens aufgewacht mit dem Gedanken: So kann es nicht weitergehen. Kalter Entzug. Er überlegt, was damals der Auslöser war. Doch eine Antwort fällt ihm nicht ein. Sein Körper entwöhnte sich schnell, der Kopf brauchte zwei Jahre. Vielleicht war es das Größte, das er jemals erreicht hat. Er fragt sich oft, ob er darauf stolz sein darf, wo er in seinem Leben doch nichts mit Stolz verbindet.

Spannenberger zieht seinen Arm aus einem Mülleimer, leert einen Rest Bier auf den Gehweg und legt die Flasche vorsichtig zu den anderen in seine Tüte. Langsam schlurft er weiter, je länger der Weg, desto häufiger die Pausen. Er stoppt an einer Bank am Wegesrand, seinem täglichen Rastplatz, und steckt sich eine Zigarette an, während er Passanten beobachtet. Ein Pärchen schlendert mit Einkaufstüten vorüber, im Café nebenan nippen Gäste an Latte macchiatos. Am Brunnen schleicht ein silberner Sportmercedes vorbei. Spannenberger sitzt wie ein Fremdkörper in dieser Welt. Was ihre Bewohner als Abfall hinterlassen, nimmt er mit in seine.

Drei Jahre ist es her, dass er zum ersten Mal in den Mülleimer fasste. Bei der ersten Flasche stachen ihn noch die Blicke der Passanten in den Rücken. Jede weitere kostete weniger Überwindung, der Griff wurde Routine. Heute erkennt er, wer gleich gläsernes Geld in den Abfall werfen wird, und hält sich bereit. Je nach Art der Flasche variiert das Pfand zwischen 8 und 15 Cent. 2 bis 5 Euro sammelt er pro Tag. An guten Tagen auch mal 9. Am Abend tauscht er an der Supermarktkasse sein Pfandgeld gegen Zigaretten.

Spannenberger nähert sich einer Fanta-Dose, die vor einem Friseursalon am Boden steht. Er hebt sie an und stellt sie sofort wieder ab. Noch fast voll, die gehöre sicher jemandem, stehlen will er nicht. Beim Flaschensammeln zieht er Grenzen: Niemals würde er wühlen und betteln schon gar nicht. Ein bisschen Würde will er sich erhalten.

Vielleicht hat er deshalb seine Tage klar strukturiert. Aufstehen um 6.30 Uhr, um 7 Uhr kommt der Pflegedienst vorbei und stellt ihm seine Medikamente bereit: Metohexal, Nephrotrans, Torasemid. Pillen, die den Blutdruck senken, Gefäße erweitern, Harn treiben. Die meisten schluckt er, um einen dritten Herzinfarkt zu vermeiden. Der erste traf ihn vor zwanzig Jahren, der letzte vor acht. Weil die Beine schmerzen, hinkt er leicht beim Gehen, seine Hände zittern. Wenn Spannenberger hustet, bebt sein Körper. Zweiundfünfzig Jahre Rauchen hinterlassen Spuren. Zwei große Schachteln HB inhaliert er pro Tag, vierundvierzig Zigaretten. Als er noch Lastwagen fuhr, waren es doppelt so viele.

Jeden Morgen spaziert Spannenberger zwanzig Minuten ins Stadtzentrum und verbringt den Tag zwischen AWO und Bahnhofskneipe, unterwegs sammelt er Flaschen. Hauptsache raus. Obwohl er schon lange allein lebt, erträgt er nur schwer die Stille in seiner Wohnung. Sobald er nach Hause kommt, schaltet er den Fernseher ein. Wenn er sich schlafen legt, lässt er die Stimmen weiterreden.

Manchmal ruft er seine Halbschwester in Düsseldorf an. Die Gespräche dauern keine drei Minuten.

„Wie geht’s dir?“

„Mir geht’s gut.“

„Also dann.“

Einmal im Jahr kommt sie zu Besuch nach Reutlingen. Jahrelang herrschte Funkstille, der Alkohol habe das Verhältnis belastet, erzählt sie. „Heinz ist ein seelenguter Mensch, aber er ist labil. Er hatte zu Hause kein Vorbild.“

Zu gern würde Spannenberger noch einmal heiraten. Er hält Ausschau nach der Richtigen, doch es scheitert schon beim Ansprechen, er ist zu schüchtern. Es gab zwar einige Frauen in seinem Leben, doch nichts Beständiges, die längste Beziehung hielt fünf Jahre.

Seitdem die letzte Liebschaft in die Brüche ging, heißt seine Familie Al­fred, Roland und Klaus. Mit ihnen sitzt er stundenlang zusammen beim Binokel, einem schwäbischen Kartenspiel, das man entweder schnell begreift oder nie versteht. Mehrmals die Woche trifft sich die Männerrunde im „Sozialen Wohnzimmer“, einer Mischung aus Café und Rumpelkammer unweit des Stadtzentrums.

An der giftgrünen Wand lehnt ein Porträt, das Hemingway zeigt, von der Decke hängen goldene Girlanden, hinter einer Glastür verstauben Gläser im Wohnzimmerschrank. Spannenberger stellt die Tüte mit seinen Flaschen am Eingang ab. Alfred Stähle, ein kleiner Mann mit Schnauzbart und Lachfalten, springt von seinem Stuhl auf, schüttelt ihm die Hand. „Eine Cola, wie immer?“

Früher haben die beiden nach dem Fußballtraining gemeinsam gezecht. Heute sind sie gemeinsam trocken. Wenn man den Entzug hinter sich hat, lässt sich leichter über die Exzesse von damals reden. Die Worte, die sich Spannenberger spart, gibt Stähle großzügig aus. „Am Ende ging es nicht mehr um Fußball, sondern nur noch ums Saufen“, sagt er.

Stähle ist Betreiber des „Sozialen Wohnzimmers“ und ehrenamtlicher Suchtberater. Dass Heinz ohne Therapie gegen den Alkohol gesiegt hat: „Respekt“, sagt er. „Dafür braucht man einen starken Willen.“ Spannenberger lächelt mit gesenktem Blick.

Später, auf dem Weg zurück in die Bahnhofskneipe, die ihn anzieht wie ein Magnet, sagt er: „Wenn’s die Leute so sagen, wird’s auch stimmen.“ Vielleicht ist da doch so etwas wie Stolz in seinen Worten zu hören.

Am Tresen holt er ein Schachbrett und setzt sich zu einem Freund, An­dreas heißt er. Sobald die zweiunddreißig Figuren stehen, bekommt Spannenberger den Tunnelblick, sein Kopf spielt die nächsten vier möglichen Züge durch. Mit seinen beiden Pferden springt er nach vorn, spielt dann die Läufer frei, um den eigenen König zu sichern. Andreas seufzt, wiegt den Kopf hin und her. Während Spannenberger in Ruhe an seiner Zigarette zieht, beobachtet er jede Bewegung seines Gegners.

Das Spiel, das ohne Worte auskommt, ist Spannenbergers neuer Sport nach dem Fußball. Maximale Konzentration statt maximaler Rausch. Für seinen Schachclub tritt er regelmäßig bei Turnieren an. Zwei Tage dauerte seine längste Partie. Die Spielzüge hat ihm sein Vater beigebracht. Was er im Leben nicht geschafft hat, beherrscht Spannenberger bei diesem Spiel: den nächsten Schritt überlegen, Risiken abwägen, die Lage kontrollieren.

Er zieht seine Dame diagonal über das Feld. Ein gewagtes Manöver. Er weiß, er wird sie jetzt verlieren. Aber er weiß auch, er kann immer noch gewinnen.


Aus: "Porträt eines Flaschensammlers: Ein Mann weniger Worte" Christina Fleischmann (12. 1. 2019)
Quelle: http://taz.de/!5559753/

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #25 on: Februar 18, 2019, 12:07:04 nachm. »
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[...] Irgendetwas stimmt nicht mit ihrer Mutter. Das wusste Meike* schon früh, bloß was es ist, war ihr lange Zeit nicht klar. Ihre Mutter redete über sie nur als "das Kind", als sei sie die Tochter einer anderen Frau, sie nannte sie nicht bei ihrem Vornamen. Im Familienurlaub ignorierte sie sie wochenlang. Besuch störte sie, weshalb Meike keine Klassenkameraden mit nach Hause nahm. Ihre Freunde waren ihre Stofftiere und unsichtbare Freunde, die nur in ihrer Fantasie existierten. Doch sie vermisste echte Freunde kaum, ihre Eltern hatten auch keine.

Als Meike acht oder neun war, beschloss sie, später keine Kinder zu haben. Weil man die so oft anschreien muss. Sie hasste es, dauernd angebrüllt zu werden. Als sie elf war, gab es keine Umarmung mehr und keinen Kuss. Als sie 14 war, machte sie zusammen mit ihrer Schwester eine Liste mit Dingen, die sich ändern müssten, Dinge wie: nicht so viel schreien, mehr Rücksicht aufeinander nehmen, nicht beim Essen rauchen. Sie hatten gehört, dass es Familien gibt, in denen man Probleme bespricht. Doch ihre Familie zählt nicht dazu. Die Mutter schwieg die Liste tot.

Kurz vor dem Abitur überlegte Meike, welchen Berufsweg sie einschlagen sollte. Alles, wofür sie sich interessierte, machte die Mutter schlecht. Fotografin? Es gibt schon einen Fotografen im Ort. Psychologie studieren? Überflüssig. Etwas Technisches lernen? Du bist zu ungeschickt. Solche Sätze hörte Meike sowieso am häufigsten von ihrer Mutter: Dafür bist du nicht gut genug. Dafür bist du zu blöd. Du bist unsportlich. Das sieht nicht gut aus an dir. Deine Nase wirkt groß, wenn du lachst. Du kaust falsch Kaugummi. Du hackst den Knoblauch zu langsam.

Heute weiß Meike, was sie ist. Sie ist das Opfer einer narzisstischen Mutter. Es war ein langer Weg, bis sie das benennen konnte.

"Plötzlich steht man da, erwachsen, ist völlig blockiert und weiß nicht, wie man leben soll", sagt Meike. Sie sitzt in einem Berliner Café, eine blasse, blonde, schmale Frau, 32 Jahre alt. Die Jeans und die Bluse, die sie trägt, hat sie vor vielen Jahren mit ihrer Mutter gekauft. Die Kleidung ist nicht das einzige, was sie aus dem Leben mit ihr behalten hat. Auch in ihren Gedanken ist die Mutter allgegenwärtig. Das merkt man daran, wie Meike spricht. Ihre Worte sind so leise, dass das Geklapper an den Nebentischen sie fast verschlucken. Ihr Tonfall ist kleinlaut, ihr Blick weicht aus, sie macht verlegene Pausen. Kontakt mit anderen Menschen bedeutet für sie Stress.

In der Nähe des Cafés, in dem Meike gerade hinter einer Tasse Kaffee fast zu verschwinden droht, liegt der Ort, an dem sie sich alle zwei Wochen mit ihrer Selbsthilfegruppe trifft. Seit etwa zwei Jahren trauen sich Opfer von Narzissten, wie sie sich selbst nennen, an die Öffentlichkeit, jedenfalls halbwegs. Im Schutz der Anonymität des Internets, in geschlossenen Facebook-Gruppen oder Blogs tauchten damals die ersten Berichte von Kindern narzisstischer Eltern auf, plötzlich wurden es immer mehr, und bald sprachen Betroffene offen von ihren Erfahrungen. Meistens sind es Berichte über Mütter, obwohl es theoretisch gesehen genauso viele narzisstische Väter geben müsste.

Das Wort Narziss stammt aus der griechischen Mythologie. Narziss war dort der Sohn eines Flussgottes und einer Nymphe, in den sich alle verliebten, weil er so schön war. Doch er wies ihre Liebe zurück. Als er auf einer Wasseroberfläche sein Spiegelbild erblickte, verliebte er sich in sich selbst, ohne sich zu erkennen. Seine Liebe blieb natürlich unerfüllt, und er verzehrte sich nach seinem Spiegelbild zu Tode. Heute steht Narzissmus meist für übersteigerte Selbstliebe, doch die klinische Definition geht weit darüber hinaus.

Auch Meikes Suche nach Hilfe begann im Internet. Während des Studiums war ihr bewusst geworden, dass etwas nicht stimmte im Verhältnis zu ihrer Mutter, die sie trotz allem liebt und verehrt. "Die anderen sind am Wochenende gerne nach Hause gefahren, doch ich habe gemerkt, dass ich das nicht will", sagt Meike. Allein die Anrufe, die die Mutter jeden Sonntagabend erwartete, hätten ihr bevorgestanden. Sie lächelt gequält. Eines Tages googelte sie die Wörter "gefühlskalte Mutter" und "egozentrische Mutter". Sie stieß auf den Begriff Narzisst. An eine psychische Krankheit oder Störung ihrer Mutter hatte sie schon früher gedacht, am ehesten an einen Burn-out, denn die Mutter war immer gestresst.

Nun fand sie Seiten über narzisstische Eltern, auf denen genau das beschrieben wurde, was ihre eigene Kindheit kennzeichnet, sogar ganze Checklisten. Jeder einzelne Punkt traf zu. Die Mutter kontrolliert alles. Check. Sie kritisiert ständig und schimpft mit dir. Check. Sie vernachlässigt ihre Familie. Nach außen gibt sie sich aber als perfekte Mutter und betont, wie sehr sie sich aufopfert. Check. Sie erwartet, dass du bei der kleinsten Nachfrage springst. Check. Sie vergleicht sich mit dir und ist ihrer Meinung nach besser als du. Check. Sie gibt an. Check. Sie lügt und manipuliert. Check. Sie bekommt Wutanfälle, wenn sie ihren Willen nicht kriegt. Check. Sie entschuldigt sich nie. Check. Kritik kann sie nicht ertragen. Check. Sie sagt dir, wie du dich zu fühlen hast. Check. Sie hört nicht zu. Check. Sie ist unfähig, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen als ihrer eigenen. Check. Sie widerspricht sich selbst und gibt es nicht zu. Check. Sie setzt alles daran, dass du dich dumm, ungeschickt und hilflos fühlst. Check.

Es war ein Befreiungsschlag – zu verstehen, dass es ein Muster gibt, das emotionale Misshandlung heißt. Doch eine Erlösung war es noch nicht. Zu grundlegend waren ihre Probleme. Schon allein den Alltag zu strukturieren oder ihre Aufgaben zu erledigen, bekam sie nicht hin. Es war, als würde sie in lauter Einzelteile zerspringen, wenn ihre Mutter nicht da war, um sie zusammenzuhalten.
Unfreiwillig übernahm ihr erster Freund die Rolle der Mutter. Wenn Meike ihn fragte, sagte er ihr, was sie anziehen und was sie frühstücken sollte. Er plante ihre Woche für sie durch. Sie wusste nicht mal, wie Aufräumen geht – ohne eine Mutter, die ihr genau sagt, was wohin geräumt wird. Selbst ihr Studium organisierte er, "dabei studierte er gar nicht".

Ohne ihren Freund fühlte Meike sich unwohl. Musste sie doch einmal allein unterwegs sein, versuchte sie, sich klein zu machen, unsichtbar. Wenn sie in der Straßenbahn fuhr, hatte sie Angst davor, angesprochen zu werden. "Ich hatte Anfänge von Soziophobie", sagt sie und macht eine betretene Pause, wie so oft, wenn sie redet. Es fällt ihr schwer, von sich zu erzählen. "Ich habe immer versucht, die Person darzustellen, die meine Mutter lieben könnte", sagt sie. "Heute kann ich nicht unterscheiden, was ich bin und wie ich erscheine. Es ist wie ein Leben ohne Boden. Man kriegt nicht den Antrieb, weil man sich nicht abstoßen kann." Es sind erschütternde Sätze – und gleichzeitig messerscharfe. Sie passen nicht zu der verschüchterten Frau und ihrer leisen Stimme. Man fragt sich, was aus ihr geworden wäre, wäre sie nicht im Schatten dieser Mutter aufgewachsen.

Jemand, der sich mit Narzissmus auskennt, ist der Hamburger Psychiater und Psychotherapeut Claas-Hinrich Lammers, Ärztlicher Direktor an der Asklepios Klinik Ochsenzoll. Er gilt als einer der deutschen Experten auf dem Gebiet und wenn man ihn fragt, was genau dieser durch Donald Trump so populär gewordene Begriff bedeutet, antwortet er erst einmal: "Es ist schwer, darüber zu sprechen, ohne in ein abwertendes Urteil abzugleiten: Ist halt narzisstisch. Worüber die Leute sich aufregen, ist – um im Krankheitsbild zu bleiben – das, was man histrionisch nennt: ein bisschen übertrieben sein, gemocht werden wollen. Das ist nicht der Kern von Narzissmus." Es gebe einen durchaus gesunden Narzissmus, zu dem positive Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen und Karriereorientierung gehörten: "Narzisstische Menschen sind wagemutiger und innovativer."

Wenn man aber vom krankhaften Narzissmus spreche, beziehe sich das auf Menschen, die absolut im Mittelpunkt stehen müssten. "Die haben diese irrsinnige Anspruchshaltung: Man muss immer besser und erfolgreicher sein, als man eigentlich ist. Das, was man glaubt zu sein und was man glaubt, wie andere einen sehen müssten, entspricht aber oft nicht der Realität. So jemand läuft herum und sagt: Ich bin unangreifbar, ich kann alles besser, und jeder, der ihm in die Quere kommt, wird abgewertet." Zweitens, sagt Lammers, gebe es eine deutliche Empathiearmut bei diesen Menschen, das sei noch charakteristischer. Sie könnten sich in andere Menschen weder einfühlen noch hineindenken, beziehungsweise wollten das, wie neuere Studien zeigten, auch gar nicht. "Es ist ihnen egal, wie andere Menschen sich fühlen. Das macht Interaktion mit ihnen unglaublich schwer."

Was bedeutet das für die Kinder narzisstischer Eltern?

"Für Kinder ist das ganz heikel", sagt Lammers. "Durch die Mutter lernt ein Kind sich selbst kennen. Wenn es zur Mutter kommt und ihr sagt: 'Alles ist doof, alle in der Klasse ärgern mich', und die Mutter sagt: 'Das muss ja schlimm für dich sein. Erzähl mir, was ist da los?' – dann fühlt sich das Kind verstanden und unterstützt und kann sich positiv entwickeln. Wenn die Mutter sagt: 'Da kann ich auch nichts machen', dann kann diese unempathische Aussage dazu führen, dass das Kind sich unverstanden und ungeliebt fühlt." Das könne sich in einem geringen Selbstwertgefühl niederschlagen und in einer Neigung, anderen Menschen nicht mehr von den eigenen Problemen zu erzählen. Für ein Kind werde es dann schwierig, einen vertrauensvollen und offenen Kontakt zu anderen aufzubauen. "Aber so lange jemand nicht darunter leidet, hat ein Psychiater in dem Fall diagnostisch nichts zu tun."

Doch es gibt ja Leidtragende. Die Kinder. Nur erkennt man die Schäden nicht. Kinder, die geschlagen werden, haben blaue Flecken. Was Narzissten an einer Seele anrichten können, sieht man nicht.

"Ein Mensch, der anderen Leid zufügt, muss deswegen nicht krank sein", sagt Lammers. "Selbst wenn man als Kind vom Vater geschlagen wird, ist der Vater oft nicht krank, sondern ein übler Typ." Welche Auswirkungen narzisstische Eltern auf Kindern haben, sei nicht genau bekannt. Seines Wissens nach gebe es keine wissenschaftlichen Untersuchungen dazu, dafür müsste erst einmal der Narzissmus der Eltern erfasst werden. Doch es gebe verschiedene Erklärungsmodelle für die Ursache von Narzissmus – von Eltern, die als Kinder selbst vernachlässigt wurden bis hin zu Eltern, die als Kind ständig über den grünen Klee gelobt wurden. Auch scheint die Genetik eine Rolle zu spielen, erklärt der Psychotherapeut: "Die narzisstische Persönlichkeitsstörung hat das höchste genetische Loading von allen Persönlichkeitsstörungen, das heißt, ungefähr 70 Prozent der Ausprägung von Narzissmus lassen sich durch genetische Faktoren erklären. Die Ursachen sind unbekannt. Man weiß das aber aus großen Zwillingsstudien."

Was würde er einem Kind mit narzisstischem Elternteil raten?

"Da gibt es kein Patentrezept. Die Frage ist, wie sich die Kinder als Erwachsene verhalten: Wie will ich mit meinen Eltern umgehen? Will ich mich distanzieren? Will ich eine Beziehung haben?" Das müsse man für sich selbst herausfinden. "Ganz wichtig ist: Man wird narzisstisch Gestörte oftmals nicht ändern. Das muss man akzeptieren. Man sollte besser lernen, das Bedürfnis, von der Mutter geliebt zu werden, zu reduzieren." Es sei wie ein Abschiednehmen, wie ein Trauern, das seine Zeit dauert, erklärt er: "Man muss sich sagen: Ich werde von meiner Mutter nie die Liebe und Zuneigung und das Verständnis bekommen, das ich gerne gehabt hätte. Es ist ein sinnloser Kampf." Ein Kampf gegen Gefühle, die man nicht einfach so abstellen kann.

Das Abschiednehmen von der Mutter ist auch ein zentrales Problem in der Selbsthilfegruppe "Töchter narzisstischer Mütter". Es ist die erste und bislang vermutlich einzige ihrer Art bundesweit. Mal kommen nur wenige Frauen, sagt Meike, mal sind sie 20. Die Zahl klingt klein, aber die Gruppe hat selbst zusammengefunden, über das Internet. Es gibt keine offiziellen Hilfsangebote. Die jüngste Teilnehmerin ist Anfang 20, die älteste Ende 60. Eine Zahnärztin ist dabei, eine Filmemacherin, eine Lehrerin, eine Professorin für Biochemie, eine Sprechtherapeutin. Lauter Frauen, die erfolgreich zu sein scheinen und doch mit ihrem Leben nicht zurechtkommen.

Für Meike ist die Gruppe eine Erlösung. Denn das Schlimmste war, dass sie mit niemandem reden konnte. Es ist schwierig, Nichtbetroffenen zu beschreiben, was eine narzisstische Mutter bedeutet. Es heißt dann oft: "So schlimm kann es doch nicht sein. Meine Eltern sind auch merkwürdig. Da stehst du doch drüber." Aber wie soll man darüberstehen, dass man von der eigenen Mutter nicht geliebt wird?

An einem Montagabend sitzen einige "Töchter narzisstischer Mütter" in einer hellen Hinterhofwohnung im Kreis zusammen. Es gibt Wasser, Tee, Kekse, ein Thema hat der Abend nicht. Kein Abend hat ein Thema. Meistens erzählt jemand, dann fallen die anderen ein. Heute bricht Irene, Anfang 50, Biochemikerin, gleich zu Beginn in Tränen aus. Sie überlegt, ihre Mutter zu verklagen. Sie hält sie für schuldig am Tod ihres kürzlich verstorbenen pflegebedürftigen Vaters. "Sie hat ihn schlicht vernachlässigt." Sonja, Mitte 60, sagt gereizt: "Davon hast du nun schon die ganzen letzten Male erzählt. Du musst mal einen Schritt weiterkommen." Ihre eigene Mutter ist allerdings bereits seit 25 Jahren tot, und sehr viel weiter als damals ist sie selbst nicht. "Meine Mutter ist auch schuld daran, dass ich nie Kinder bekommen habe", fügt Irene hinzu, "ich habe mir das nicht zugetraut. Und nun bin ich ganz allein."

"Soweit werde ich es nicht kommen lassen", ruft Ellen. "Meine Mutter hat es mir vorenthalten, mich zu lieben, aber ich lasse es nicht zu, dass sie es mir vermiest, Kinder zu lieben!" Ellen, 32, hat gerade ihr Studium abgeschlossen und ist jetzt Zahnärztin. Ihre Mutter ist Yogalehrerin. "Yoga und Achtsamkeit, davon hat sie den ganzen Tag geredet", erzählt sie. "Zu Hause stand ihr Schreibtisch mitten vor dem Fernseher, und immer, wenn jemand fernsehen wollte, hat sie sich beschwert, dass sie nicht arbeiten kann." Ellen hatte Essstörungen und verletzte sich selbst. Vor sechs Jahren hat sie den Kontakt abgebrochen, und doch ist bisher kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihre Mutter gedacht hat.

Alle anwesenden Frauen haben Beziehungsprobleme. Einige leiden unter Depressionen, fast keine hat Kinder, die meisten haben Berufsausbildungen oder Studiengänge abgebrochen. Alle wissen, wie es ist, ohne Anlass niedergemacht zu werden. "Jede Geschichte hier könnte meine sein", sagt Karen, eine Lehrerin. "Das hilft mir sehr. Es gibt sonst keine Lobby für Kinder wie uns."

Später am Abend erzählt Meike von ihrem neuen Job. Vor vier Jahren hat sie ihr Studium als Kulturwissenschaftlerin abgeschlossen, seit einigen Monaten hat sie eine Stelle im Kundenservice eines Start-ups. Sie ist dafür überqualifiziert, aber es ist eine Stelle. Immer und immer wieder hatte sie es verschoben, sich zu bewerben. "Vorstellungsgespräche setzen mich unter Druck. Der ganze Prozess besteht aus Bewertungssituationen, in denen ich abgelehnt werden könnte", sagt sie. "Ich weiß, dass ich einiges kann, doch ich sabotiere meine eigene Entwicklung."

"Was hat deine Mutter zu der Stelle gesagt?", fragt Sonja. "Gar nichts. Ich habe ihr dann erzählt, dass ich mir selbst zur Belohnung eine Kamera geschenkt habe. Sie hat nur geantwortet: 'Weißt du nichts Besseres?'" Meike macht wieder eine Pause. "Trotzdem wäre ich am liebsten ihre Freundin. Auch wenn Eltern eigentlich keine Freunde sind." "Ihre Freundin?", fragt Irene. "Ich weiß genau, wovon du sprichst!", ruft Ellen, "doch davon kannst du dich verabschieden". "Ich hätte gern einen ganz tollen Kontakt zu ihr", fährt Meike fort. "Dass sie mal fragt, wie es mir geht und es auch wirklich so meint. Mir Unterstützung anbietet, im Job, im Alltag, mal einen Haushaltstipp hat." Jetzt lachen alle. Meike fängt selbst an zu lachen. Eigentlich ist es ein trauriger Moment, doch manchmal hilft es, gemeinsam zu lachen.

Man kann sich die Frage stellen, ob man Mitgefühl mit einer narzisstisch gestörten Person haben muss, weil sie ja eben krank ist. "Wenn du vom Auto angefahren wirst und verletzt wirst, kümmerst du dich um dich selbst, egal, welche Verletzung der Fahrer hat", antwortet Karen. "Mitgefühl kann man uns nicht abverlangen" – darin sind sich die Frauen einig.

Gerade pausiert die Gruppe. Kurz vor Weihnachten gab es Streit über den Treffpunkt, über die Dominanz einzelner und das ausufernde Redebedürfnis anderer. Es ist keine leichte Sache, eine nicht angeleitete Selbsthilfegruppe am Laufen zu halten, es gab nicht den Fortschritt in der Aufarbeitung, den sich alle erhofft haben.

Meike ist wieder auf sich allein gestellt. Sie hat immer noch die Tagträume, die sie schon als Mädchen hatte, wenn sie unter Stress steht oder eine Entscheidung treffen muss. Es scheint ihr etwas zuzustoßen, doch dann wird sie gerettet – von Freunden, von Menschen, für die es sich lohnt, weiterzumachen. Es geht darin dunkler zu als in der Realität, sagt sie. Aber in ihren Träumen gewinnt sie immer.


*Die Namen von Meike und den anderen Frauen im Text wurden zu ihrem Schutz geändert.



Aus: "Narzissmus: "Meine Mutter hat es mir vorenthalten, mich zu lieben"" (17. Februar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2019-02/narzissmus-eltern-erziehung-kinder-liebe-psychische-gesundheit/komplettansicht

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Hansifritz #2

Es ist sehr schwer, ja fast unmöglich seiner Kindheit zu entkommen. ...


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DBN #6


... Erwachsene Kinder die mit einem narzisstischer Elternteil aufgewachsen sind leben oft dauerhaft auf zu dünnem Eis. Viele von ihnen leben ihr Leben ohne jemals eine innere dauerhafte Stabilität aufbauen zu können. Einige sind hochfunktionierend, lassen nichts nach Außen von der Verletztheit. Töchter - und natürlich Söhne auch - von narzisstischen Vätern haben einen langen Weg vor sich, bis sie sich aus der Opferrolle befreien können, in die Töchter von narzisstischen Elternteilen oftmals gleiten. Oder aus dem Aggressionstanz, den oftmals Söhne von narzisstischen Elternteilen ein Leben lang weitertanzen und weitergeben, an die nächste Generation. Selbstbestrafung, Selbstsabotage, ständige Selbstzweifel, auch Perfektionismus und Suchtverhalten als Versuche das Leid, den Schmerz zu betäuben - das ist für viele Erwachsene mit diesem Familienhilfe zergrübeln dann die Dauermelodie ihres Lebens.

...


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belahu #9


Als Sohn eines narzisstischen Vaters kann ich es nur begruessen, dass in der Oeffentlichkeit jetzt mehr ueber das Thema 'narzisstischer Missbrauch' gesprochen wird. Es war nicht einfach, eine geeignete Therapie zu finden, als ich nach einem langen (erfolglosen) Weg nach Anerkennung und womoeglich Liebe, feststellen musste, dass mein Vater dazu gar nicht in der Lage sein wuerde. Die ganze Familienzusammenstellung war schraeg, das 'System' wird von den restlichen Familienmitgliedern meist auch als 'stabil' erfahren, trotz aller Funktionsstoerungen, und derjenige oder diejenige, die den Mund aufmacht, wird als schwarzes Schaf meist abgestossen. Mit ein wenig Glueck stoesst man bei den Geschwistern auf Verstaendnis, aber das ist auch nicht immer der Fall, weil auch sie eine Rolle spielen und evtl. nicht dazu bereit sind, Pandora's Dose zu oeffnen. Man braucht wirklich professionelle Hilfe, um sich davon zu loesen und zu emanzipieren. Und auch das ist ein langer Weg, der Jahre braucht, bis es wirklich besser wird.


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NordicBerry #9.1

Was Sie beschrieben haben, kenne ich aus meiner Familie sehr gut. Es ist ein Bisschen, als wäre man der Whistleblower, der dafür bestraft wird, weil er die Wahrheit aufdeckt. ...


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Nonomnia_67 #10

Seit ca. 15 Jahren wird im organisationspsychologischen Kontext viel zur sog. Dunklen Triade geforscht: Narzissmus, Machiavellismus (kaltherziges Karrierestreben und Instrumentalisierung anderer) sowie Psychopathie (Gewaltneigung, völlige Empathielosigkeit). Die Befunde sind recht klar: Narzissten und Machiavellisten haben oft rasche Karrieren, die Auswirkungen auf Mitarbeiter und Teams im Falle von Führungskräften sind oft desaströs, sie schädigen - evidenzbasiert - die Gesundheit von MA massiv (O'Boyle et al., 2012; Braun, 2014; Externbrink & Keil, 2017; Harms et al., 2017; Montano et al., 2017; Bildat & Martin, 2019). Dumm nur, das Dark Triad-Typen oft auch charmant und extravertiert sind und die westliche Leistungsgesellschaft das dann honoriert (s. Uber, Google, Strauss-Kahn, Weinstein... to be continued). Verantwortungsvolle Personalauswahl kann das Schlimmste verhindern.


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Oh ein Eichhörnchen #11

In Varianten kommt es mir sehr bekannt vor. Mit fatalen Folgen. Aber eher Vater als Mutter. Das allerwichtigste, wie auch erwähnt: sich von der Illusion verabschieden eine Änderung erreichen zu können. Abschied vom Bild des perfekten Vaters/der Mutter nehmen und das innere Kind heilen.


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uboot #16

Einige Anzeichen kommen mir sehr vertraut vor- die Folgen ebenfalls.
Was ich dagegen unternommen habe?
900 Km Distanz und Besuche nie länger als 5 Tage und höchstens 2X im Jahr. So kann man es aushalten.


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tsitsinotis08 #16.1

Aushalten schon —aber reicht das? ...


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DingoEurope #19


Ich kann sagen, dass mein Vater diese narzistische Ausprägung hat. Haben dann ebenfalls vor 8 Jahren den Kontakt abgebrochen und seit dem geht es mir deutlich besser.


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tsitsinotis08 #22

M.E. sind Narzisstinnen, die die Rolle der selbstlosen Mutter perfekt beherrschen, das Schlimmste, was einem Kind passieren kann.

Die Kinder sind ängstlich, nervös und haben v.a. ständig Angst, die Mutter könnte mit ihnen nicht zufrieden sein und ihre Erwartungen nicht erfüllen.
Ihre Selbstlosigkeit hindert die Kinder zusätzlich, an ihr Kritik zu üben.


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KoljaDerGrüne #24

Auf die Mutter meiner ersten großen Liebe und Exfreundin trifft alles aus der Checkliste zu und sie selbst hat ganz ähnliche Probleme. Gruselig, ich war immer total ratlos und heillos überfordert mit der ganzen Situation und es hat mich selbst jetzt nach 2 Jahren noch nicht ganz losgelassen.


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lancie #25


Meine Mutter ist ebenfalls eine eiskalte Narzisstin, die es nie ertragen konnte, wenn ich mal im Mittelpunkt stand oder wenn es mir mal gut ging (z. B. an meinem Geburtstag oder zu meiner Hochzeit). Das Ergebnis ist, dass ich den Kontakt zu ihr seit einem Jahr abgebrochen habe. Seitdem geht es mir besser, ich bin schon seit zig Jahren in Therapie, aber ich höre immer noch die Stimme des inneren Kritikers (ihre Stimme) die mir immer sagt, ich sei nicht gut genug und könne nichts richtig machen. Obwohl ich promoviert habe, fällt es mir weiterhin schwer, mich beruflich zu orientieren und mit meinem Leben zufrieden zu sein. Es ist wie ein ständiger Kampf gegen die Dunkelheit, die aber allmählich zurückweicht. Ich frage mich manchmal, was aus mir mit einer guten Mutter geworden wäre, aber mittlerweile versuche ich mir selbst eine gute Mutter zu sein.


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Roaring #31

Wahrscheinlich sind die meisten Eltern-Kind-Beziehungen nicht optimal. Und wahrscheinlich ist das in dieser Gesellschaft auch zwangsläufig - normal.


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heucheleientlarver #31.1

Es gibt einen Unterschied zwischen "nicht optimal" und "verletzend-demütigend".


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Systemator #31.2

Ich halte nichts von diesem Relativieren. Es gibt tatsächlich extreme Ausschläge. Einen narzisstischen Elternteil zu haben, ist in der Tat ein ganz harter Brocken mit gravierenden Folgen. Das fällt nicht mher bloß unter "suboptimal".


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EinTollerName #36.1

Die „schwarze Pädagogik“, die Kinder zu Kruppstahl machen sollte, war (und ist) im Nachkriegsdeutschland tatsächlich sehr präsent (und schädlich).
Sie ist aber nicht zu vergleichen mit den Beziehungen zu einem Elternteil mit Narzissmus und verursacht diesen sicher auch nicht.
Sie könnte jedoch die Akzeptanz für seelischen Missbrauch in der Gesellschaft gefördert haben. Wobei Familien, die unter Narzisten leiden, nach außen ja in der Regel eh als heile und perfekt erscheinen.


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hühnersuppe #36.2


"Dabei fällt mir ein weiterer Artikel ein, wo es darum geht, dass die Mütter aus der Kriegsgeneration gelernt haben ihre Kinder nicht zu verwöhnen und sie sozusagen nicht zu verweichlichen. Diese Erziehungsmaßnahme soll insbesondere in Deutschland sehr weit verbreitet gewesen sein."

Dieser Erziehungsstil begünstigt oder kaschiert durchaus eine narzisstische Haltung bei den Eltern: Unter dem Deckmantel der Abhärtung lässt sich wunderbar verbergen, dass man nicht in der Lage ist, zugunsten der Kinder mal seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse hintanzustellen.
Ich habe das mal an einem Vater beobachtet, der seinen kleinen Sohn, auch vor Besuch, gerne als "Egoisten" beschimpfte: Ich hatte in den Situationen eher den Eindruck, dass er mit sich selbst redete...


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Fragestellerin #39

Ich, Ü60, hatte eine ähnliche Mutter. Ich war für sie nicht mehr, als eine billige Dienstmagd und später dann musste ich auch noch ertragen, dass mein Stiefvater sexuell übergriffig wurde. Mit dem Wissen meiner Mutter. Der Schmerz bleibt lebenslänglich, er wird nur schwächer.
Was noch einmal kurz belastend war, als meine Mutter in ein Pflegeheim kam. Ich hatte natürlich den Kontakt schon lange vorher abgebrochen. Mein Brüder übrigens auch. Dennoch meinten Pflegekräfte udn Betreuer, dass sie über uns Kinder richten dürften. Frei nach dem Motto: "aber da ist doch Ihre Mutter, da muss man doch ..." Nein, muss ich eben nicht.


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DanielaBu #39.2

Die heilige Familie.....


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sonneundmond #40

Mit etwas Abstand ist vieles von dem Verhalten einfach nur peinlich und lächerlich. Narzisten verhalten sich wie kleine Kinder. Die emotionale Kontrolle ist sehr schwach. Sie wollen alles sofort, sind wegen geringsten Kleinigkeiten unglaublich beleidigt, die Wut ist dann nahezu unbändig und zerstörisch, sie nehmen sich immer das größere Stück Kuchen, machen Erfolge von anderen Zunichte, weil sie neidisch sind, selbst auf Erfolge ihrer Kinder.. Meine Mutter hat immer “ätsch!” zu mir gesagt. “ätsch, ich hab das größere Stück!” Wie peinlich ist das denn, einem kleinen Kind gegenüber und erst heute, sie ist schon 70?

Das Problem ist, wenn man ein einfühlsamer sensibler Mensch ist, dass man dieses Verhalten, dieses um sich selbst drehen dieser Personen und ihre komischen Machspielchen, die jedem vernünftigen Menschen nicht einmaleinfallen würden, weil sie so unnötig und gleichzeitig so zerstörerisch sind, so lange nicht durchschaut. Es sind die Kleinigkeiten, die so perfide sind, weil man nicht nachvollziehen kann warum jemand so etwas macht. Aber auch die unglaubliche Ignoranz dieser Leute anderen gegenüber, die mich immer wieder fassungslos macht.


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Coruscant #40.1

... Narzisstisch gestörte Mütter glauben, ihre Kinder zu lieben und sind überzeugt, dass diese ihre Liebe brauchen. Aber jeder Mensch braucht auch Selbstliebe; echte Liebe zu anderen wurzelt immer in Selbstliebe. Genau diese haben Gestörte aber nicht; sie spüren sich selbst nicht und beuten deswegen die Gefühle anderer aus. Ein Teufelskreis.


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atlantik #47

Der narzistische Denkfehler lautet:
Du wirst geliebt, wenn...

...wenn du diese oder jene Leistung erbringst, dieses oder jenes Verhalten zeigst, diesen oder jenen Besitz vorweisen kannst, ein bestimmtes Ausehen hast, Aufmerksamkeit bekommst/viele Follower hast, diese Merkmale auch für deine/n Partner/in oder deine Kinder/deine Freunde gelten...usw.

Narzissmus ist das Ergebnis einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft, einer Gesellschaft, die Liebe zwar verspricht, aber niemals hält.
Und ein Mensch, der diesem zweifelhaften Konzept folgt, ist zutiefst zu bedauern.
Denn es wird nie genug sein.
Nie.

Ein narzisstischer Mensch ist im Grunde ein zutiefst verzweifelter Mensch.


Quote
Lescaramouche #47.2

Sie haben den traurigen, narzistischen Denkfehler treffend auf den Punkt gebracht. Ich glaube jedoch, dass das verbreitete narzistische Phänomen in unserer Gesellschaft zwar nach ähnlichen Regeln tickt, wie Narzismuss in seiner krankhaften Ausprägung, jedoch noch einmal von diesem unterschieden werden muss.
Der Artikel spricht von genetischen Ursachen, ich vermute, es liegen auch schwere Verletzungen in der Kindheit vor. Es ist wohl eine gestörte Form der Fähigkeit zu lieben und sich selbst zu lieben, die da, auf welchem Weg auch immer, weitergegeben wird.


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redshrink #51

Die Schweizer Psychoanalytikern Alice Miller hat das Thema der neurotischen Eltern, welche ihre Kinder benutzen, um sich selber besser zu fühlen, schon vor 40 Jahren beschreiben, in Büchern wie „Das Drama um das begabte Kind“ und „Du sollst nicht merken“. Ich habe sie mit Mitte 20 gelesen, vor gut 30 Jahren also, und sie waren wie ein erster Befreiungsschlag. Die rasenden unvorhersehbaren Wutausbrüche meiner Mutter, ihre körperliche Gewalt, ihre abwertenden und verletzenden Bemerkungen, ihre völlige Selbstbezogenheit und ihre Ablehnung jeder Verantwortung für all das fügten sich zu einem Bild zusammen, das hieß „emotional instabile Persönlichkeit“, und war in ihrem Falle eine Mischiung aus extremer Histrionik mit Boderline-Strukturen. Zum ersten Mal konnte ich meine ständige Beschämung, mein mangelndes Selbstvertrauen und die ständige Vorsicht – nie spontan sein, immer auf der Hut – in ein anderes Licht rücken.

Es hat dann dennoch weitere Jahrzehnte gedauert, bis ich zu einer grundsätzlichen Selbstakzeptanz gelangen konnte. Mein Kindheit hing und hängt über mir wie ein dunkle Wolke. Ich bin natürlich Psychiater geworden, wohl auch ein sehr fürsorglicher. Geholfen haben mir meine Psychoanalyse und mein Mann. Unsere liebevolle Beziehung bedeutet wohl für uns beide eine Art Heilungserfahrung.

Familienbesuche sind sporadisch. Ich bin eh der letze meiner Familie. Mit meiner Mutter über diese Dinge zu reden, ist nicht möglich. Darum bleibe ich auf Distanz.


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Закон Шмальгаузена #58

... Haben wir nicht diese Gesellschaft selbst ideologisch so geformt, dass in jeden Gebrauch des Wortes Liebe sofort der kalte Stahl des Radikalmaterialismus schneidet? Messen wir Kindeswohl nicht längst einfach an "Satt & Sauber" und Abwesenheiten, nämlich denen von körperlicher Züchtigung und körperlichem Missbrauch?

Und jetzt fehlt sie dann doch brutal, die Mutterliebe, die positive Anerkennung und Akzeptanz?


...

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #26 on: Februar 18, 2019, 12:29:26 nachm. »
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[...] Junge Frauen aus Saudi-Arabien beantragen sei einigen Jahren vermehrt Asyl in Deutschland und der EU. Sie wollen der Bevormundung durch ihre Familien entgehen. Denn auch als Erwachsene können Frauen in dem konservativen Königreich nicht selbst einen Pass beantragen oder nach eigenem Willen heiraten, sie brauchen dafür das Einverständnis eines Mannes der Familie.

Verglichen mit den insgesamt 130.000 Asylanträgen allein im vergangenen Jahr in Deutschland ist die Zahl von etwas mehr als 160 saudischen Anträgen in den letzten drei Jahren verschwindend gering. EU-weit waren es in den vergangenen vier Jahren auch nur knapp 700 Saudis, die um Asyl gebeten haben. Aber in den Jahren zuvor hatte es kaum einen Antrag aus dem arabischen Königreich gegeben. Zuletzt haben immer mehr junge Saudis versucht zu fliehen.

"Ich habe es nicht mehr ausgehalten", erzählt Dania, die aus Angst ihren echten Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. "Ich bin 28 Jahre alt und durfte mich nicht einmal mit meinen Freundinnen treffen, ohne meine Eltern um Erlaubnis zu bitten." Irgendwann hätten die Eltern ihr auch verbieten wollen, Bücher zu lesen. Sie habe sich verändert, behaupteten sie. Gerade wenn es um den Islam ging. "Ich kann dieses Bild, dass der Mann über die Frau bestimmt, einfach nicht akzeptieren", sagt Dania.

Das Verbot, weiter zur Arbeit zu gehen, die ständigen Kontrollanrufe, die Durchsuchungen ihres Zimmers: All das sorgt dafür, dass Dania ein Ticket nach Minsk bucht, weil sie dafür kein Visum braucht. Mit Transit in Frankfurt. Zwei Mal verschiebt sie den Flug, weil der Zeitpunkt ungünstig ist. Hin- und Rückflug, dazu ein Hotel in Weißrussland, um am Flughafen keinen Verdacht zu wecken.

Ein paar Monate vor Dania ist Marwa aus ihrem Familienhaus in der saudischen Hauptstadt Riad verschwunden. Auch sie fliegt nach Frankfurt und sagt bei der Passkontrolle nur ein Wort zu den Bundespolizisten: "Asyl". Auch sie will nicht erkannt werden, twittert im Internet anonym über Frauenrechte, bezeichnet das relativ luxuriöse Leben in Saudi-Arabien für Frauen als "Goldenen Käfig".

"Man wird ständig beleidigt, dass man die Familie und das Land entehrt habe", sagt sie am Telefon. "Es gab aber auch Fälle, dass die saudischen Behörden einige von uns ausfindig gemacht und versucht haben, sie davon zu überzeugen, zurückzugehen." Zur Bevormundung der Frauen in Saudi-Arabien hat Marwa eine klare Meinung: "Das ist Sklaverei."

Eine App und eine Computersoftware des saudischen Innenministeriums haben zuletzt für Aufsehen gesorgt: "Absher", was im saudischen Dialekt so etwas heißt wie: "In Ordnung!" Das Programm regelt digital alle möglichen Behördengänge von der Zahlung eines Strafzettels bis zur Beantragung eines Passes. Über die App verwalten Männer und Väter auch die Daten ihrer Schutzbefohlenen und können für Frauen festlegen, an welchem Flughafen sie Saudi-Arabien verlassen dürfen. Die App gibt es in dieser Form seit 2015 – seitdem gibt es immer mehr Asylanträge.

Marwa hat das Handy ihres Vaters vor etwa einem Jahr gestohlen, sich mit dessen Daten eingeloggt und sich dann selbst die Erlaubnis gegeben, Saudi-Arabien zu verlassen, erzählt sie. Früher musste der Vater, Ehemann oder Bruder persönlich zur Behörde gehen. "Die App hat uns geholfen und eigentlich eine Möglichkeit eröffnet, abzuhauen", sagt Marwa.

Politiker und Menschenrechtsgruppen in den USA hatten Apple und Google zuletzt aufgefordert, die App nicht mehr anzubieten. Das Europäische Parlament kritisierte das elektronische System erst in einer Sitzung am Donnerstag und forderte Saudi-Arabien auf, Vormundschaften für Frauen endlich zu beenden. Trotz der bislang durchgeführten Reformen wie der Stärkung von Frauenrechten und dem Ende des Fahrverbots für Frauen bleibe das politische und soziale System für Frauen weiter diskriminierend, heißt es in der Resolution des EU-Parlaments.

Für Dania, die in einer Asylunterkunft in Ostdeutschland auf ihren Bescheid wartet, bedeutete die Flucht, alles zurückzulassen – auch ihren Freund, einen Christen. "Ich weiß, wir werden hier nicht zusammenkommen können, aber er versteht, dass ich weg musste", erzählt die junge Frau. "Er war nur etwas enttäuscht: 'Du hättest wenigstens tschüss sagen können', schrieb er mir."

Ein Zurück gibt es für sie nicht. Sie liebe es, morgens aufzustehen und sich spontan zu entscheiden, ob sie sich mit Freunden treffe, in den Supermarkt einkaufen oder im Park spazieren gehe. Diese Freiheit will sie nicht wieder aufgeben. Sie kenne Geschichten, in denen weggelaufene Mädchen nach der Rückkehr von ihrer Familie eingesperrt oder sogar getötet wurden. "Über das Internet habe ich letztens meinen Status in Absher kontrolliert", sagt Dania. Alle zuvor bestehenden Berechtigungen für Reisen und Behördengänge seien ihr inzwischen entzogen worden. "Ich kann nicht mehr zurück."


Aus: "Saudische Frauen fliehen vor ihrer Familie – mit Hilfe einer Tracking-App" Simon Kremer, dpa  (17.02.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Saudische-Frauen-fliehen-vor-ihrer-Familie-mit-Hilfe-einer-Tracking-App-4311191.html

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[Zum Gesicht von Familie (Notizen)... ]
« Reply #27 on: M?RZ 05, 2019, 03:11:15 nachm. »
Quote
[...] Immer öfter muss Bremen für nicht gezahlten Unterhalt einspringen. Das Geld für Kinder Alleinerziehender wird von den eigentlich zahlungspflichtigen Elternteilen meistens nicht zurückgezahlt: Laut aktuellen Daten des Bundesfamilienministeriums ist die sogenannte Rückholquote in ganz Deutschland auf ein Rekordtief von 13 Prozent gesunken, in Bremen liegt sie bei nur knapp sechs Prozent.

Damit ist das kleinste Bundesland Schlusslicht. Dass das so ist, sagt die Arbeitsmarktexpertin Esther Schröder, sei alarmierend. Sie sieht die Sozialbehörde in der Pflicht, sich mehr für die betroffenen Alleinerziehenden einzusetzen.

Im vergangenen Jahr hat Bremen 22 Millionen Euro an Unterhaltszahlungen ausgelegt, zurückgezahlt wurden davon lediglich 1,2 Millionen. In vier von fünf Fällen mussten alleinerziehende Mütter diese Unterstützung beim Sozialamt beantragen. Dass die Rückholquoten bundesweit gesunken sind, hat laut dem Bundesfamilienministerium mit einer Gesetzesänderung aus dem Jahr 2017 zu tun: Zuvor bestand der Anspruch auf Unterhaltsvorschuss lediglich für Kinder bis zwölf Jahre und maximal für 72 Monate. Diese Begrenzungen gibt es nicht mehr, der Unterhaltsvorschuss wird bis zum 18. Geburtstag des Kindes gezahlt. Nun gibt es mehr Antragsberechtigte und somit mehr Fälle, in denen die Vorschüsse nicht zurückgezahlt werden.

Was ist der Grund dafür? Das hat laut Bernd Schneider, Sprecher der Sozialbehörde, mit der Sozialstruktur zu tun: Bremen habe nach Berlin die höchste Hartz-IV-Quote und die zweithöchste Zahl an Alleinerziehenden bundesweit. Fast 90 Prozent der Unterhaltspflichtigen seien auf Sozialhilfe angewiesen. Bei ihnen sei es für den Staat schlichtweg nicht möglich, den fälligen Unterhalt eintreiben.

So argumentiert auch das Bundesfamilienministerium: „Die Unterhaltsverpflichtung endet dort, wo der Unterhaltspflichtige nicht mehr in der Lage ist, seine eigene Existenz zu sichern“, sagt ein Ministeriumssprecher. In Bundesländern mit schwierigerer wirtschaftlicher Situation oder hohen Hartz-IV-Quoten sei es „naturgemäß schwieriger, Kindesunterhalt durchzusetzen“ als in anderen Bundesländern. Die langfristig erfolgreiche Rückholung sei von gut organisierten und ausreichend mit Personal ausgestatteten Teams abhängig. Und das, sagt der Sprecher, sei Aufgabe der Bundesländer.

Esther Schröder, Mitorganisatorin der Ausstellung „Mittenmang – alleinerziehend in Bremen“, ist mit dieser Argumentation nicht zufrieden: Dass 90 Prozent der betroffenen Elternteile tatsächlich keinen Unterhalt zahlen können, bezweifelt sie. Das macht sie an der größten Gruppe der Unterhaltspflichten, den Vätern, fest: In Bremen, das belegt eine Erhebung der Arbeitnehmerkammer, verdienen Männer im Durchschnitt mehr als im Bundesvergleich. „Wieso sollte ausgerechnet die Gruppe der unterhaltspflichtigen Väter eine Ausnahme sein?“, sagt Schröder.

Ein weiteres Problem ist laut Schröder die Höhe der Vorschusszahlungen: Diese liegen meist unter den Unterhaltsansprüchen, auf die die Kinder laut der sogenannten Düsseldorfer Tabelle ein Recht hätten. „Vorschuss statt Unterhalt ist Verzicht“, sagt sie. Sie sieht das Sozialressort in der Verantwortung: Die geringe Rückgriffquote zeige, dass das Land sich nicht genug für die Belange der Betroffenen einsetze. „Offensichtlich fällt es leichter, den Antrag auf Unterhaltsvorschuss vorzulegen und Steuergelder auszureichen, als für die Zahlung von Unterhalt zu sorgen“, sagt sie. Es gebe schlichtweg zu wenig Personal in den Jugendämtern, um den säumigen Zahlern nachzugehen. Auch Zwangsmaßnahmen bei nicht gezahltem Unterhalt vermisst sie in Bremen.

Die Gemengelage treffe die Bremer besonders hart: 67,8 Prozent der Alleinerziehenden mit Kind seien von der Grundsicherung abhängig, Alleinerziehende mit zwei Kindern sogar in 96,2 Prozent der Fälle. Der Bundesschnitt liege bei 49 Prozent. Damit waren 2017 knapp 16 160 Kinder in Bremen von Armut betroffen. „Der fehlende Unterhalt ist ein wichtiger Baustein für die Existenzsicherung“, sagt Schröder. „Das sind skandalöse Zahlen, die mit einer skandalösen Hilfequote für Alleinerziehende korrespondieren.“

Dass die Unterhaltsvorschüsse unter dem gesetzlichen Anspruch liegen, bestätigt das Sozialressort. Die Zahlungen seien Mindestbeträge, sagt Schneider, die unabhängig vom Einkommen sind. „Der Vorschuss ist eine Basissicherung." Allerdings könne Bremen daran wenig ändern: Die Beiträge richten sich nach Bundesvorgaben. Dass die Jugendämter nicht ausreichend besetzt seien, könne er nicht bestätigen: Mit der Gesetzesform 2017 seien zahlreiche neue Mitarbeiter eingestellt worden, um die Rückholungsfälle zu bearbeiten. "Das kann nicht der Grund für die niedrige Quote sein", sagt Schneider. 


Aus: "Bremen bekommt kaum Geld zurück" Lisa-Maria Röhling (04.03.2019)
Quelle: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-bremen-bekommt-kaum-geld-zurueck-_arid,1811465.html

Quote
cleverever
am 05.03.2019, 14:03

Löse den Widerspruch :

1. Die Rückholquote beträgt in Bremen 6% , deutschlandweit 13%.
2. In Bremen verdienen die Männer im Schnitt mehr als im Bundesdurchschnitt.
3. Es gibt angeblich ausreichend Personal in den Jugendämtern, um säumigen Zahlern nachzugehen.

Unabhängig von den problematischen Freigrenzen und Steuerklasseneinordnung der Unterhaltspflichtigen. Es kann ja nun auch nicht sein, dem Steuerzahler die Kosten für leichtfertige Familienplanung, Patchwork-Ideen oder moderner Lebensformen u.ä. aufzubürden.


Quote
monsch
am 05.03.2019, 00:03
Z.B. wenn ein Vater keinen Unterhalt zahlt. Dann beantragt die Mutter Unterhaltsvorschuss. Die Behörde meldet sich dann beim Vater und der muss seinen Lebensunterhalt, also Einkommen, Vermögen etc. nachweisen. Die prüfen seine Angaben. Der Normalbürger kann da gar nichts machen. Es wird immer so dargestellt, als wenn viele nicht zahlen wollen. Die Einzigen die tricksen können sind die Selbstständigen. Ansonsten können viele nicht mal eben 370 Euro Unterhalt zahlen (Kinder ab 12 Jahre). Vor allem wenn es zwei oder mehr Kinder sind. Der Selbstbehalt liegt bei 1080 Euro plus 5 Prozent Fahrkosten. Als muss man schon 1600 Euro netto im Monat verdienen, bei zwei Kindern schnell 2000 Euro netto pro Monat. Das haben viele einfach nicht! Der Selbstbehalt wurde schon viele Jahre nicht erhöht, aber der Unterhalt zigmal.


Quote
onkelhenry
am 05.03.2019, 09:15
@monsch

Sehe ich auch so! In vielen (natürlich nicht allen) Fällen werden die Unterhaltspflichtigen gar nicht in der Lage sein, den Forderungen ganz oder teilweise nachzukommen.
Da ist auch eine Statistik, dass Bremer Männer über dem Bundesdurchschnitt verdienen würden, wenig sinnvoll, weil viel zu pauschal.

Das ist eben die Kehrseite einer kurzsichtigen Politik:
In Bremen arbeiten viele im Niedriglohnsektor. Zum Beispiel in den (gerne angesiedelten) Logistik- oder Telekommunikationsbranchen wird nicht gerade üppig bezahlt. 2000€ netto sind da eher die Ausnahme.

Und bei 1080 Euro plus 5 Prozent Fahrkosten Selbstbehalt, steht bei den heutigen Kosten der Unterhaltspflichtige ja ebenfalls kurz vor dem Ruin.

Vielleicht sollten sich unsere "Sozialexperten" aus der Politik mal lieber mit solchen Themen beschäftigen.


...

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« Reply #28 on: M?RZ 12, 2019, 11:55:20 vorm. »
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[...] Am Sterbebett hielt er ihn an der Hand. Ihn, der vor lauter Schläuchen und Verbänden und Kanülen nicht mehr reden konnte. Also waren die Tränen ihre Sprache. Tränen der Trauer, Tränen der Reue, Tränen der Wut – und Tränen der Erleichterung. Denn in diesem intimen Moment auf der Intensivstation des Westpfalz-Klinikums in Kaiserslautern erhielt ein Vater von seinem Sohn das Wertvollste, das ein Vater von seinem Sohn erhalten kann: einen Freispruch in allen Anklagepunkten.

Er sprach den Vater frei von der Schuld an der Armut, in der die Familie leben musste. Er sprach den Vater frei von der Schuld an den seelischen Wunden, die ihm die Gewalt zugefügt hatte. Und er sprach den Vater frei von der Schuld am Krebs, an dem acht Jahre zuvor die Mutter im Alter von 32 Jahren gestorben war. Ohne ein einziges Wort, nur mit einem Händedruck und ein paar Tränen, sagte der Sohn dem Vater: „Ich verstehe dich. Ich verzeihe dir. Ich hab dich lieb.“

Ich hab dich lieb. Das ist so ein Satz, der dem Vater niemals über die Lippen gekommen wäre. Niemals. Mir aber auch nicht. Zumindest nicht ihm gegenüber. Für meinen Vater war das ein Frauensatz. Also war es das auch für mich. Wenn ihn die Zuneigung zu seinen Söhnen übermannte, dann nannte er mich und meinen Bruder „Meine Gutsten“. Den sprachlichen Fehler und den daraus sich ergebenden Witz erkannten wir schon als Achtjährige, und ohne es bewusst zu begreifen, fühlten wir uns mit diesem ironisch gebrochenen Bekenntnis wohler, als wenn er uns „in Frauensprache“ bezärtelt hätte.

Édouard Louis, der in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen ist wie ich, spricht in seinem Buch Wer hat meinen Vater umgebracht seinen noch lebenden alten Mann direkt an: „Ich habe oft das Gefühl, dass ich dich liebe.“ Das ist ein Satz, der auch mein Empfinden mehr als 15 Jahre nach dem Tod des Vaters ziemlich genau kennzeichnet. An anderer Stelle schreibt Louis: „Meine ganze Kindheit über hoffte ich, du würdest verschwinden.“ Das wiederum ist in meinem Fall genau umgekehrt. Bei mir müsste es heißen: „Meine ganze Kindheit über hoffte ich, du würdest bleiben.“

Mochte er mich auch einmal schwungvoll gegen die Wand geschleudert, mochte er auch manchmal unser letztes Geld in der letzten Spelunke versoffen, mochte er auch mehrmals meine Mutter blutig geprügelt haben, ich wollte immer, dass er bleibt. Aber anders. Anders als an jenem Samstagabend, da meine Mutter wieder mal seine Klamotten rausgestellt und die Tür verriegelt hatte.

Als er zurückkam, da ahnte sie, was geschehen würde. Mein Bruder war nicht da, meine beiden kleinen Schwestern befanden sich im Tiefschlaf. Also weckte meine Mutter mich und schnappte sich im stockfinsteren Wohnzimmer ihre Lieblingsdecke. Da schlug der Mann des Hauses schon minutenlang von außen auf die Tür ein.

Mitten in der Nacht wickelte meine Mutter sich und mich auf dem Sofa in der Decke ein, und dann drückte sie mich zitternd an sich. Sie drückte mich so fest an sich, dass ich kaum Luft bekam, aber das war mir egal, denn ich spürte die ganze Wärme, die ganze Furcht und die ganze Liebe meiner Mutter. Mittlerweile trampelte der Vater mit den Füßen gegen die Tür, und ich weiß noch heute, was mir in diesem Augenblick sinngemäß durch den Kindskopf ging: Wenn der uns so sieht, wird er mich als Mädchen beschimpfen, als Weichei und als Schwuchtel, und dann wird er wieder in seinen Hiebestaumel verfallen.

Irgendwann hatte er die Tür aufgebrochen. Er würdigte uns keines Blickes und torkelte ins Bett. Meine Schwestern schrien nach ihrer Mutter. Mein Vater blieb. Aber nicht anders. Monatelang schloss die Tür nicht, und jahrelang schloss meine Mutter nicht mit ihrem Mann ab. Sie tat es erst, als es für sie längst zu spät war. In der Gewissheit des nahenden eigenen Todes fand meine Mutter doch noch die Kraft, meinen Vater rauszuschmeißen. Endgültig.

In seinem Brief an den Vater schreibt Franz Kafka: „Es war, als hättest Du keine Ahnung von Deiner Macht.“ Eines Nachts, meine Mutter musste längst schwer krank gewesen sein, da beobachtete ich meinen Vater. Mittlerweile hatten mein Bruder und ich ein Etagenbett. Alle paar Monate tauschten wir die Plätze. Gerade lag ich oben. Von da konnte ich direkt ins Wohnzimmer blicken. Dort fuhrwerkte der Vater am Fernseher herum, er klopfte das staubige Sofa ab, er rülpste sein Gute-Laune-Rülpsen, und dann stand er plötzlich winkend im Türrahmen unseres Kinderzimmers. Damit war klar: Am nächsten Tag würden wir nicht zur Schule gehen. Wir würden ausschlafen. Eine traumschöne Aussicht vor einer traumschönen Nacht.

Bis zum Morgengrauen spielten wir zu dritt Nintendo. Super Mario. Konsole und Spiel hatte unser Vater noch am selben Tag klargemacht. Als Möbelpacker schleppte er für viele in der Pfalz stationierte US-Soldaten die Umzugskisten. Nicht immer, aber immer öfter fand er darin Dinge, die wir uns auch in hundert Jahren nicht hätten leisten können – und ließ sie „mitgehen“, wie er es formulierte. Das sei nicht recht, sagte er, aber es sei gerecht. Als moderner Robin Hood schenkte er uns eine unbeschwerte „Männernacht“ inmitten der lähmenden Angst um unsere Mutter. Ich glaube nicht, dass mein Vater wirklich um die Bedeutung jener Nacht wusste. Es war, als hätte er keine Ahnung von seiner Macht.

Für andere waren wir „die Unterschicht“, „die Asozialen“, „die Dummschüler“. Niemand in unserer Familie war je über den Hauptschulabschluss hinausgekommen. Außer meinem Großvater mütterlicherseits hatte keiner eine Berufsausbildung abgeschlossen. Während die Mitschüler mit ihren Eltern in den Urlaub flogen, einander vor dem Zubettgehen aus Büchern vorlasen und häufig in Restaurants tafelten, gingen wir zur Tafel, hingen den ganzen Sommer im Wohnblock ab, kannten die besten Kinderbücher nur als Filme, und wir aßen Pommes. Noch heute riecht Frittenfett für mich nach Heimat.

Unsere Wohnung war ein Skandal. Ein versiffter Teppich überdeckte den grauen Betonboden, die Fenster waren nur einfach verglast, es gab keine Heizung, an den Wänden gediehen Feuchtigkeitsflecken, die in jedem Raum jenen Schimmel sprießen ließen, der meiner Lunge schweres Asthma bescherte.

Es fiel mir viele Jahre lang schwer, jemand oder etwas anderes für diese Zustände verantwortlich zu machen als meinen Vater. Jeden Morgen stand er um Punkt sechs Uhr unten an der Straße, stieg in den Lkw ein und fuhr zur Arbeit. Er fuhr zur Arbeit, so wie die Väter meiner Schulfreunde auch jeden Morgen zur Arbeit fuhren. Warum konnten wir uns dann aber oft nicht genug Lebensmittel kaufen, weshalb durften wir so selten ins Kino gehen, und wieso waren wir nie, nie, nie verreist? Es ging mir einfach nicht in den Kopf.

Im Gegensatz zu meiner Mutter trug mein Vater das Stigma der Armut mit einem Trotz, den man beinahe mit Würde hätte verwechseln können. Unbewusst bewunderte ich ihn dafür zeit seines Lebens. Ich verehrte seine starken Hände und wollte später einmal mit einer „Männerarbeit“ meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich mochte seine Hautkunst und trug Klebetattoos mit Piratenflaggen und Schmetterlingen auf meinen Oberärmchen.

Ich bestaunte seinen Bizeps und stolzierte wie er mit freiem Oberkörper durch die Gegend. Ich zündete Salzstangen an und zog mit unbeholfenem Schlafzimmerblick daran, als würde ich auf besonders männliche Art eine Zigarette rauchen. Ich trank Milch aus dem Schoppenglas und bezeichnete sie in gespielter Beschwipstheit als „Weißbier“. Ich sah die Filme von Jean-Claude Van Damme und spielte mit meinem Bruder die Kampfszenen nach.

Auf keinen Fall jedoch wollte ich mich prügeln, sosehr der Vater uns auch einschärfte, ein Mann müsse sich dann und wann mit anderen Männern kloppen, das gehöre zum Mannsein dazu. Den fehlenden Drang nach Raufereien begriff ich als Makel. Vor allem, seit ich ein Faible dafür entwickelt hatte, mich als Frau zu verkleiden. Ich erinnere mich, dass mein Vater mich von einer Faschingsparty in der Grundschule abholte. Eigentlich sollte meine Mutter kommen. Wahrscheinlich war wieder was mit dem verdammten Krebs.

Als ich meinen Vater auf dem Schulhof sah, mit meinem Kleidchen und meinem Hütchen und meinem Täschchen, da dachte ich, mein letztes Stündlein habe geschlagen. Hätte ich Heidenkind gewusst, wie man sich bekreuzigt, ich hätte es auf der Stelle getan. Stattdessen grinste mein Vater und fragte: „Verzeihen Sie, schöne junge Dame. Haben Sie zufällig meinen Sohnemann gesehen? Einen kleinen Blonden, der müsste hier irgendwo rumrennen.“ Ich trieb meine Stimme in die Höhe und fragte, ob er diesen kleinen Frechdachs meine, der mir eben unter den Rock gucken wollte. Dann lachten wir uns kaputt. Er nahm meine schweißnasse Hand und spazierte mit mir nach Hause.

An einem besonderen Tag im Mai 1997, meine Mutter war seit zwei Jahren tot, trafen wir uns nach einiger Zeit wieder – beim Amtsgericht, das über das Sorgerecht urteilen musste. Wir Kinder waren bei einer Tante untergekommen, von der wir nicht wieder wegwollten. Aber meinen Vater wollte ich trotzdem wiederhaben. Nur eben, noch immer, anders.

Da tauchte er auf, händchenhaltend mit seiner neuen Freundin. Eifersucht stieg in mir auf, auch Unverständnis, Missgunst, Zorn, Hass. Er nickte seinen Kindern zu, erkundigte sich nach dem Befinden, wie es in der Schule laufe, ob wir auch brav seien zur Tante. Die Richterin entschied binnen weniger Minuten zu ihren Gunsten, mein Vater ging komplett leer aus. Nach der Verhandlung verabschiedete er sich und verschwand. Ich blieb mit einem Stich im Herzen zurück, der noch heute schmerzt. Er hatte es vergessen. Er hatte mir nicht gratuliert. Er hatte es tatsächlich vergessen. Es war mein zwölfter Geburtstag.

Jahrelang wiederholten sich solche Szenen. Der Kontakt blieb brüchig. Einmal kündigte er an, bei einem meiner Fußballspiele vorbeizuschauen. Die Väter fast aller meiner Teamkameraden unterstützten ihren Nachwuchs jedes Wochenende von der Seitenlinie aus, und an diesem Wochenende sollte endlich auch mein Vater da sein, um mich anzufeuern.

Alle sollten sehen, dass auch ich einen alten Herrn habe, der Großes von mir erwartet, der mich schon im Trikot des FCK durchs Fritz-Walter-Stadion auf dem Betzenberg wirbeln sieht, der mich für den nächsten Andi Brehme hält. Es wurde das schlechteste Spiel meines Sportlerlebens. Ständig stierte ich nach draußen, immer auf der Suche nach dem Vater, der schon wieder nicht gekommen war. Das muss der Moment gewesen sein, in dem ich beschloss, ihn aus meinem Leben zu löschen.

Der Sohn am Sterbebett war nicht ich, sondern mein Bruder. Wenige Tage zuvor hatten wir erfahren, dass es mit dem Vater zu Ende gehen würde. Multiorganversagen. Mit 43 Jahren. Ich stand mitten in den Abiturprüfungen. Als Erster in der Familie. Diesen letzten Stolz auf seinen Sohn wollte ich ihm nicht gönnen. Heute weiß ich, dass mein Bruder richtig gehandelt hat. Wofür ich den Marxismus kennenlernen musste, das spürte er von ganz allein: Unser Vater war ein Mann seiner Klasse. Ein Mann, der kaum eine Wahl hatte, weil er wegen seiner Gewaltherkunft und wegen einer ihn nicht auffangenden Gesellschaft zu dem werden musste, der er nun einmal war.

Das entschuldigt nichts, aber es erklärt alles. Und es gilt ebenso für mich. Mein Fortbleiben vom Sterbebett gründete in der Weigerung zum Verzeihen und in der Unfähigkeit zu trauern. Beides steht für eine Männlichkeit, von der ich einzig darum loskommen konnte, weil ich zufällig nicht frühzeitig aus dem Bildungssystem eliminiert wurde, so wie es für Menschen wie mich, meinen Bruder und meinen Vater eigentlich vorgesehen ist. Heute, da ich ehrlich zu mir selber sein kann, gestehe ich ein, was schon damals galt und was bis heute gilt: Ich hab ihn lieb.


Aus: "Ein Mann seiner Klasse" Christian Baron (Ausgabe 10/2019 )
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/cbaron/ein-mann-seiner-klasse

http://www.christian-baron.com/




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« Reply #29 on: M?RZ 12, 2019, 01:31:12 nachm. »
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// (… ‚Vater und Sohn‘ Bücher flogen oft in meinem Kinderzimmer umher – und ich wusste lange Zeit nichts über das Schicksal des Autors…)

Nachtrag / Kontext (1) // Christian Schröder (04.07.2001): “ … „Ich schlief, als Vater starb“, hat Christian Ohser später erzählt. Christian ist der Sohn von Erich Ohser, und wenn man alte Fotos von ihm sieht, lässt sich eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Co-Helden der Bildgeschichten nicht bestreiten: dieselbe Stupsnase, derselbe Wuschelkopf. Er war 13, als der Vater seinem Leben ein Ende setzte, und lag mit Diphterie im Bett. … Das Werk seines Vaters hat ihn nie losgelassen. „Ich habe Chinesen getroffen“, sagte er, „die mir erzählten, dass sie ihre Kinder nach den Vater-und-Sohn-Büchern erziehen.“ … In Düsseldorf ist Christian Ohser jetzt an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Er wurde 69 Jahre alt und blieb doch ein Leben lang Kind: als Sohn aus den Bildgeschichten, die jeder kennt. …“ | https://www.tagesspiegel.de/kultur/der-sohn-des-zeichners-e-o-plauen-christian-ohser-ist-tot-das-vaterkind/238960.html

Nachtrag / Kontext (2) // Peter Pisa (17.06.2014): “ … Hier liebt ein Vater seinen Sohn, sie sind ein zärtliches, verspieltes Team gegen Dummheit, Fantasielosigkeit, Unmenschlichkeit. Sie halten zusammen, selbst wenn es „die da oben“ – Lehrer, Parkwächter, Polizisten – auf sie abgesehen haben. … Er wurde denunziert, Goebbels selbst gab dem „Volksgerichtshof“-Präsidenten den Befehl zum Todesurteil. Erich Ohser erhängte sich 1944 vor dem Prozess in seiner Zelle. Er war 41. Sein Sohn war damals 13. … Auf ihrem Grabstein ist eine Zeichnung aus der 192. und letzten Geschichte eingraviert: Vater und Sohn halten einander an der Hand und verlassen die Welt. …“ | https://kurier.at/kultur/erich-ohser-hinter-vater-und-sohn/70.670.958 — // https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Ohser


https://www.subf.net/fraktallog/?p=15959

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« Reply #30 on: M?RZ 20, 2019, 03:26:17 nachm. »
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[...] Ines Geipel, auch Ines Schmidt (* 7. Juli 1960 in Dresden), ist eine ehemalige deutsche Leichtathletin und heute Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Sie betätigt sich als Schriftstellerin und Publizistin, besonders in der Aufarbeitung ihrer Erfahrungen als Opfer der DDR-Diktatur, vor allem des staatlich verordneten Dopings im DDR-Leistungssport. Als Themenfeld ergab sich in der DDR unterdrückte Literatur. Sie war maßgeblich daran beteiligt, die Schriftstellerin Inge Müller (1925–1966) bekannt zu machen. Zeitweise beschäftigte sie sich mit den Hintergründen von Massenmorden durch Einzeltäter.

... In ihrem 2019 veröffentlichten Buch Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass greift Geipel das für die DDR-Geschichte so signifikante Thema des Verschweigens aus der Sicht mehrerer Generationen auf. ... Ines Geipel „schreibt die Geschichte der DDR als ein Drama der jahrzehntelangen Schuldverdrängung“, in dem die zahlreichen Belege für antisemitische Übergriffe in den Schubläden der SED-Funktionäre verschwanden, während in der Spätphase des Regimes „die versprengte, linke Punk-Szene kriminalisiert und zerrieben, die grassierende Skinhead-Kultur aber ignoriert oder sogar geduldet wurde. Auffallend oft, so Geipel, waren Skins Kinder von Stasi-Mitarbeitern, die dann Straftaten der eigenen Söhne deckten.“ Geipel ermöglicht einen objektiven, fast mikroskopisch-genau anmutenden Blick auf die politischen und psychologischen Wirkkräfte, die die DDR-Gesellschaft formte. Die Sprachgewalt der Literaturprofessorin Geipel stellt den erhellenden Innenansichten zur DDR-Geschichte die Wucht der Anklage zur Seite, die einer Aufdeckungsschrift per se innewohnt.


Aus: "Ines Geipel" (19. März 2019)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ines_Geipel

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[....] Rabhansl: Bei mir ist Ines Geipel mit Ihrem neuen Buch, das heißt „Umkämpfte Zone: Mein Bruder, der Osten und der Hass“. Über den Hass, über den haben wir vorhin schon gesprochen, über die DDR-Nachkriegsjahre, auch über Ihren Vater, den Stasi-Agenten. Und da ist schon deutlich geworden, das ist kein blankes Sachbuch, was Sie da geschrieben haben, sondern das ist literarisch geformt, und im Zentrum, da steht immer wieder Ihr jüngerer Bruder, Frau Geipel. Robby, sechs Jahre jünger, der Ihnen im Dezember 2017 gesagt hat, dass er einen Hirntumor hat. Und Sie hatten genau einen Monat, keinen Tag mehr und keinen Tag weniger, um Abschied zu nehmen. Haben Sie diese Aufarbeitung dieser Familiengeschichte und Gesellschaftsgeschichte für Ihren Bruder geschrieben?

Geipel: Zunächst muss ich ganz ehrlich sagen, ist es ein Buch, um meinen Bruder, der für mich ein absoluter Kernmensch gewesen ist, für mich selber auch noch mal anwesend zu machen. Also in den Bildern, die eine Rolle spielen, die ich aufrufe, war er sehr da in diesem letzten Jahr, und ich weiß gar nicht, wie ich ohne die Möglichkeit, dieses Buch zu schreiben, über dieses Jahr gekommen wäre.

Dieser Schmerz, glaube ich, zieht sich durch dieses Buch, und ich habe in meinem Leben keinen sanfteren Menschen kennengelernt als ihn, und gleichzeitig ist das ja immer so frappierend mit der Sanftheit. Er hatte dieser Wucht, der er selbst auch ausgesetzt war, nur diese Sanftheit entgegenzusetzen. Das ist eine Strategie für ihn gewesen, er selber nannte es positives Verleugnen.

Und das war ein bisschen auch nach 1989 immer ein Streitstoff für uns, dass ich gesagt habe, klar, die Wege sind zu akzeptieren, aber ich glaube, es kann nicht funktionieren. Er wollte eben diese Familiengeschichte nicht anschauen, er wollte damit abschließen, und gleichzeitig weiß ich, dass er damit sehr gekämpft hat. Dieses Austarieren, inwieweit schaut man in die Familienkrypta und was bleibt in sich verschlossen? Was bleibt verborgen? Und wann muss Verborgenes tatsächlich nach oben, damit man überhaupt noch miteinander atmen kann? Das spielt eine ziemliche Rolle in dem Buch.


Aus: "Eine schmerzhafte Familiengeschichte" Ines Geipel im Gespräch mit Christian Rabhansl (02.03.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ines-geipel-ueber-ihr-buch-umkaempfte-zone-eine.1270.de.html

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Was ist los im Osten? Die Frage stellen sich viele seit Pegida und hiesigen AfD-Erfolgen. Ines Geipel , 1960 in der DDR geboren und in einer Familie des bedrohlichen Schweigens aufgewachsen, Leistungssportlerin und 1989 Flüchtling, war bis vor kurzen Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe. Jetzt beschäftigt sie sich in ihrem neuen Buch „Umkämpfte Zone“ mit der Vergessenspolitik, die bis in die Eltern-Kind-Beziehung hin­ein unheilvoll wirkte. ...

[...] Jena/Berlin. Ines Geipel hat mit „Umkämpfte Zone – mein Bruder, der Osten und der Hass" ein sehr persönliches Buch geschrieben: Die einstige Spitzensportlerin und heutige Professorin und Schriftstellerin befasst sich mit ihrer Familiengeschichte – und sie zieht aus dem, was ihre Vorfahren in der Nazizeit und ihre Eltern in DDR-Zeiten getan, gelassen und verschwiegen haben, Rückschlüsse auf einiges, woran die Gesellschaft vor allem im Osten krankt. Anstoß für diesen Blick zurück gab die intensive Zeit, die Ines ­Geipel mit ihrem sechs Jahre jüngeren Bruder Robby verbrachte, als dieser Ende 2017 im Sterben lag.

Frau Geipel , die Großväter Nazis, deren Taten innerfamiliär immer verschwiegen wurden. Der Vater ein Stasimann, der heimlich im Westen zum Einsatz kam. Großmutter und Mutter sorgten dafür, dass der Nachwuchs nie die Wahrheit erfuhr. Wann haben Sie gespürt, dass das Ganze eine Lüge war?

Ines Geipel: Dass etwas nicht stimmt, nicht stimmen konnte, spürte ich schon als Kind. Das Schweigen, der Nebel, das Weggedrückte, die Gewalt. Aber wie dahinterkommen? Man läuft durch eine Zeit mit dem Gefühl: Hier ist so viel geschehen, aber es wird dir keiner sagen, was. Das war ein frühes Grundgefühl: Dass jeder von etwas anderem schwieg. In belasteten Familien existiert sicher noch einmal ein anderes Sanktuarium, sind die Mauern noch einmal dicker. Dabei geht es mir nicht um Vorwürfe, sondern um den Versuch, genau das zu verstehen: Was es so schwer macht, dafür eine Sprache zu finden.

Ihr Buch „Umkämpfte Zone“ geht der Frage nach, warum die Menschen im Osten so sind, wie sie sind. Dabei kommen Sie zu dem Ergebnis, dass vor allem das seit Jahrzehnten anhaltende Schweigen – sowohl in und nach der Nazizeit, als auch in und nach der SED-Diktatur – die Menschen verbogen hat. Wenn Ihnen vorgehalten wird, Ihre Familie sei nicht typisch, was entgegnen Sie dann?

Ines Geipel: Mir ist natürlich klar, dass es auch viele gute, fürsorgliche Familien gegeben hat. Grundsätzlich aber mussten alle Familien im Osten mit Druck, Zumutungen, Ängsten, hochkarätigen Konflikten, Unbesprechbarem klarkommen. Das ist wie eine Lebenshaut, die sich über alles und jeden gezogen hat und die auch etwas Unentrinnbares hatte. Man ist nur sehr verschieden damit umgegangen. Und darum geht es mir: Das Dilemma des Ostens über eine lange Zeitschiene und den generellen Druck anzuschauen. Sicherlich ist in meiner Familie das Ganze zugespitzt, aber ein Extrem legt doch auch immer das Prinzip frei. Etwas wird kenntlicher dadurch.

Warum lässt sich aus dieser persönlichen Betrachtung ein genereller Schluss ziehen?

Ines Geipel: Ich erzähle von den Belastungen in einer Familie, die weit zurückreichen. Es ging mir dabei um historische Kontinuitäten und um lang wirkende Familienloyalitäten. Ich schreibe ja ausdrücklich, dass es schwer ist, damit klar zu kommen. Oft genug ist es unmöglich. Ich wollte noch einmal deutlich machen, dass der Osten damit zu kämpfen hatte und noch immer hat, eben, weil sich vieles unaufgelöst ineinandergeschoben hat. Ich schreibe von historischen Umschreibungen im Osten nach 1945 und von denen nach 1989. Das geht dann eben weg vom Einzelnen und bekommt etwas Symptomatisches, auch wenn die Ausprägungen natürlich sehr unterschiedlich sein ­konnten.

Jana Hensel und Wolfgang Engler greifen in ihrem Buch „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ ein ähnliches Thema, aber mit anderer Zielrichtung auf. Hensel etwa spricht vom „ossiphobischen Blick“, wenn dem Osten sein Rechtsruck und seine latente Fremdenfeindlichkeit vorgehalten werden. Dieser Vorwurf der Ossiphobie könnte auch Sie treffen, oder?

Ines Geipel: Es gibt die unterschiedlichsten Ansätze. Aber die Phänomene sind ja nicht wegzublinzeln und belegt: 1. Jeder Zweite im Osten ist fremdenfeindlich. 2. Die Gewalt ist dreimal so hoch wie im Westen. 3. Jeder zweite Ostdeutsche will muslimische Zuwanderung untersagen. Es bringt doch nichts, das als Ossiphobie zu bezeichnen. Es sind Tatsachen. Sie tun weh und gehen auch nicht durch Entlastungsstrategien weg. Erst hatten wir die glückliche Einheitserzählung, grad finden wir es ganz angenehm, wenn all unsere Probleme mit der Einheit begonnen haben sollen. Wir haben aber, und das hat mit unserer speziellen Ostgeschichte zu tun, noch immer ein paar heiße Eisen im Eisschrank zu liegen, was nach mehr als einem halben Jahrhundert Diktaturgeschichte zwar nicht verwunderlich ist. Aber da werden wir wohl ranmüssen.

Ihr jüngerer Bruder, der Anfang 2018 so früh so schnell gestorben ist, hatte einen anderen Blick auf Familie und Geschichte als Sie. Steht er mit seiner Haltung auch für die Menschen, die vor allem ihre Ruhe haben wollen und die Vergangenheit verklären?

Ines Geipel: Verklärung, Entlastung oder auch Verdrängung sind ja nicht per se schlecht. Sie werden nur dann schwierig, wenn sie anfangen, einen zu blockieren. Mein Buch verzahnt Familiengeschichte und Zeitgeschichte. Da kann es nicht darum gehen: Der eine hat es richtig gemacht, der andere nicht. Ich liebe meinen Bruder. Das werde ich immer tun. Ich wollte anschauen, was mit dem Einzelnen ist, was er versucht oder eben nicht hinkriegt. Mein Bruder hatte zwei SS-Altväter und einen Vater als Terroragent. Also auf welches Männermodell konnte er zurückgreifen? Was war seine Orientierung? Nein, mein Bruder wollte keine Ruhe. Er hat in einem fort gesucht. Er war einer der sanftesten Männer und Menschen überhaupt. Aber was kann das Sanfte sein mitten im Terror? Wie findet man seinen eigenen inneren Ort? Das hat mich interessiert.

Was genau hatte Sie und Ihren Bruder entzweit, so dass sie sich jahrelang aus dem Weg gegangen waren vor seiner Erkrankung?

Ines Geipel: Es ging natürlich um die Familienlüge. Um das, was die SS-Altväter getan haben, was der Vater getan hat und was die Altmütter und die Mutter eisern beschwiegen haben. Das sind Kernfragen. Sie sind nicht nur sehr persönlich, sondern auch enorm angstbesetzt. Wenn es um Familie geht, geht es ja immer ums Eingemachte. Und im Osten halt um das psychische Erbe zweier Diktaturen und um Generationsweitergaben. Mein Bruder hat die Familiengeschichte verdrängt, aus Scham. Er wollte im Inneren nie mehr an den Ort zurück, wo er all die Gewalt erfahren hat. Er hat versucht, diesen Ort zu überlaufen. Sein Lebensprinzip lautete: positives Verleugnen. Das war unser Disput nach 1989. Und irgendwann war Sprechen nicht mehr möglich. Als er starb, waren wir uns sehr nah und auch versöhnt. Diese Nähe war unser Geschenk an den anderen im Abschied. Robby war, und das hat viel mit Kindheit zu tun, mein nächster Innenmensch.

Stellen Sie solche Entzweiung in vielen Familien gerade im Osten fest?

Ines Geipel: Jedenfalls ist heftig was los in den Familien. Man kann das auch als eine große Suche lesen, die noch immer mit der Wucht der Umbrüche nach 1989 zu tun hat. Soziologen sagen, dass die Familie im Osten nach dem Zeitenbruch zum Stabilisator, zur Orientierungs-Instanz und zum intimen Magneten gegen die große Verunsicherung werden musste. Umso wichtiger, was an den Familientischen, was an der Wurzel geschieht.

Sie erzählen in Ihrem Buch auch von Michael, einem einstigen Studienkollegen in Jena , widerständig zu Ostzeiten, engagiert zur Zeit der friedlichen Revolution, dann im Kulturbereich engagiert, eigentlich eher links ... Inzwischen ist er in Berlin , bei der AfD engagiert und hat offenbar keine Scheu vor Pegida und Neonazis bei der Chemnitz-Demo im Sommer 2018, weil er sich jetzt diesen Gruppen zugehörig fühlt ... Was ist mit Menschen wie Michael passiert?

Ines Geipel: Es gibt in unserer Kriegsenkel-Generation so viele, die ewig auf der Suche sind, nach der Zeit, nach guten Beziehungen, nach ihren Familien, nach sich selbst. Nun sind sie fünfzig, über fünfzig. Der Zeitraum für die große Klarheit oder den großen Zauber wird enger. Und nun bietet etwa die AfD etwas an, ihr ‚gäriges Wir‘. Das bedeutet Halt, Schutz, Kuhwärme. Das hat viel mit dem autoritären Charakter zu tun. Den sind wir nicht los. Und auf einmal ist so eine Partei plötzlich keine dramatische politische Verschiebung mehr, sondern ein Mainstream-Ding. Dabei geht es knallhart um Umschreibungen, Diskursräume, letztlich um politische Macht.

Der Michael von früher hätte wahrscheinlich dem Michael von heute die Meinung gegeigt, oder? Oder war dieses Unverortete, dieses Fundamentlose, dieses früher schon immer Dagegengewesene womöglich ein Anlass, sich jetzt, wo die Linken zum Teil sogar regieren, eben auf der anderen Seite außen anzusiedeln?

Ines Geipel: Es sind ja auch unsere Erfahrungen, die sich beschleunigen. Vieles kommt mir dabei wie eine Neubeatmung vor. Was wir nicht geklärt, nicht aufgelöst haben, die alten Gefühle, das alte Gift, siedelt sich nun leicht auf der anderen Seite an. Als gäbe es ein Diktat des vergangenen Jahrhunderts.

Die DDR ist jetzt bald 30 Jahre nicht mehr existent. Welche Rolle spielen denn konkret welche Art von Vereinigungsfehlern, wenn davon die Rede ist, dass sich Menschen im Osten als Bürger zweiter Klasse empfinden?

Ines Geipel: Ich habe in diesem Buch ausdrücklich nicht auf Treuhand, Geld, Rente geschaut, sondern auf das immaterielle Erbe der beiden Diktaturen, die den Osten geprägt haben. Es ging mir um seine Bewusstseinshaut, die mit der des Westens schlicht nicht kompatibel war. Hier kollidierten zwei politische Mythenströme, letztlich zwei Selbstverständnisse, die in meinen Augen nicht wirklich besprochen sind und regelmäßig zu harschen Missverständnissen führen. Das scheint mir aber als Verständigung, wohin Ost und West gemeinsam wollen, überfällig.

Im Trauerjahr haben Sie dieses Buch geschrieben. Was würde Ihr Bruder wohl dazu gen, wenn er es lesen könnte?

Ines Geipel: Ich wollte meinem Bruder mit diesem Buch einen Ort geben. Er sollte da sein, da sein können. In Bildern, mit Worten. Mehr kann ich nicht dazu sagen.

...

Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Klett-Cotta-Verlag, 276 Seiten


Aus: "Ines Geipel beschäftigt sich in Buch „Umkämpfte Zone“ mit der Vergessenspolitik" Gerlinde Sommer (18. März 2019)
Quelle: https://www.otz.de/startseite/detail/-/specific/Ines-Geipel-beschaeftigt-sich-in-Buch-Umkaempfte-Zone-mit-der-Vergessenspolitik-1755795807
« Last Edit: M?RZ 24, 2019, 06:47:37 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #31 on: April 11, 2019, 03:51:00 nachm. »
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[...] Ingmar Bergman, geboren am 17. Juli 1918 in Upsala als Sohn des Pastors Erik Bergman und seiner Ehefrau Karin, wächst in einer strengen, bürgerlichen und natürlich vom protestantischen Glauben geprägten Familie heran. Moralisch predigend der Vater, herrisch und impulsiv die Mutter, erinnert sich Ingmar Bergman in seiner Autobiografie „Laterna Magica“.

„Mutters Ohrfeigentechnik war nicht zu überbieten. Der Schlag wurde blitzschnell und mit der linken Hand ausgeführt, an der zwei schwere Eheringe der Strafe schmerzhaften Nachdruck verliehen.“

Aber da beginnt schon rasch das andere, das Rätselhafte im Leben des Ingmar Bergman, das ihn auch nach dem Tod der Mutter verfolgt. Mochte es sein, dass die Verhältnisse im Pastorenhaus gar nicht so ordentlich waren, wie es nach außen den Anschein hatte? War Ingmar vielleicht gar nicht der Sohn von Karin Bergman, sondern der einer Haushälterin, mit der der Vater ein außereheliches Verhältnis pflegte?

Die Familie, die Identität, die Lüge, die Maskerade, die Liebe und noch mehr der Mangel daran, der unauflösbare Widerspruch zwischen Lust und Moral, Heuchelei und Entlarvung – das alles spielt in Ingmar Bergmans Filmen eine große Rolle spielen. Und vieles, wenn nicht beinahe alles, ist maskierte Autobiografie, ist zugleich Fabel und Bekenntnis, ist zugleich moderne Seelenerforschung und cineastisches Revivre. Ein Mensch schafft ein Meisterwerk auf der Suche nach sich selbst. Oder aber: Ein Mensch schafft ein Meisterwerk auf der Flucht vor sich selbst.

Zu Beginn seiner Karriere sieht sich Ingmar Bergman in der Tradition der skandinavischen Literatur – Henrik Ibsen und August Strindberg sind seine Meister, Seelenforscher, Psychologen der Theaterbühne. Das Kino hat für ihn gleich mehrere Anknüpfungspunkte. Da ist der nordische Stil, mit seinen schweren, expressiven Bildern wie bei dem dänischen Filmemacher Carl Theodor Dreyer oder Bergmans Landsmann Victor Sjöström. Da ist der poetische Realismus des französischen und der Neorealismus des italienischen Kinos. Aber Ingmar Bergman hat immer auch die Direktheit, die Expressivität, die Stilisierung des Stummfilms geliebt. In seinen Filmen wird viel gesprochen, gewiss, dennoch sind die Bilder in ihnen so wuchtig und ausdrucksstark wie in den frühen Stummfilmen. Und immer wieder gibt es Szenen, die nicht von Dialogen, sondern allein von Musik getragen werden.

In seinen frühen Filmen zeigt Ingmar Bergman die Ausgestoßenen und Außenseiter, die Unverstandenen und Rebellen in einer sehr konkreten Umwelt, zum Beispiel in einer Hafenstadt wie in dem gleichnamigen Film, in dem es um damals sehr aktuelle und sehr tabuisierte Themen geht wie etwa Selbstmord, rigide Heimerziehung und illegale Abtreibung.

Aber auch hier schon gibt es die später so klassischen Bergman-Elemente: Die hartherzige und emotional gestörte Mutter, die Kommunikationsunfähigkeit, die fundamentale Einsamkeit der Personen, das Leben als Albtraum.

... „Das Schweigen“ war zu seiner Zeit ein ungeheurer Skandal. Man konnte sich zweifellos fragen, wie viel Lust an der Provokation in Filmen wie „Das Schweigen“ steckte oder in „Die Jungfrauenquelle“ mit einer für das Jahr 1959 schockierenden Vergewaltigungsszene. Aber es ist immer auch die Konsequenz von Bergmans Filmen, nicht gnädig wegzusehen, den Blick der Kamera und des Publikums so starr auf dem Geschehen zu lassen, bis man das Gefühl hat, das Bild, die Maske, der Körper könne sich vor den eigenen Augen auflösen. Mit diesem insistenten Blick freilich gerät das Kino auch immer wieder an den Rand der Selbstauflösung und der Selbstzerstörung. Demaskierung ist ein Motiv, das immer wieder kehrt: etwa bei den Balletttänzern in „Einen Sommer lang“.

„Die Szenen haben sich selbst dahin gesetzt in meine Filme. Ich habe nicht gedacht, das ist etwas zum Schockieren. Als ich diesen Film „Das Schweigen“ gemacht habe, habe ich zu dem Produzenten gesagt: Dies ist eine Publikumskatastrophe, niemand will diesen Film sehen. Und dann habe ich dem Produzenten versprochen, eine Komödie zu machen. Er hat gesagt: Lieber Ingmar, ich glaube, nach diesem Film ist mit deiner Karriere Schluss. Ich wusste ja nicht, damals, dass in diesem „Schweigen“ so ein Dynamit wäre. Ich habe es nicht geahnt. Aber heute kann man diesen Film ja Konfirmanden zeigen, nicht wahr.“


Aus: "Im Labyrinth der Seelen" Markus Metz und Georg Seeßlen (14.07.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/eine-lange-nacht-ueber-ingmar-bergman-im-labyrinth-der.704.de.html?dram:article_id=421547



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« Reply #32 on: Mai 11, 2019, 10:40:21 vorm. »
Quote
[...] Zu den besten Traditionen des britischen Kinos gehört es, die gesellschaftlichen Verwerfungen im eigenen Land in präzis beobachteten, sozial-realistischen Filmen zu verarbeiten. Nicht erst seit Ken Loach ist daraus so etwas wie ein eigenes Genre geworden. In den 1990er Jahren gab es eine regelrechte Welle solcher Filme aus Großbritannien. Titel wie Billy Elliott oder Ganz oder gar nicht, in denen es um die Folgen der Thatcher-Ära ging, machten international Furore und waren dazu noch kommerziell erfolgreich. Gemeinsam war diesem „New British Cinema“, wie die Filme subsumiert wurden, die Parteinahme und Empathie der jeweiligen Regisseure für die Abgehängten und Verlierer der neoliberalen Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft. Regisseur Richard Billingham knüpft mit seinem Regiedebüt Ray & Liz an diese Tradition an, wenn das Ergebnis auch zwiespältiger ausfällt.

Wir schreiben die frühen 1980er im „Black Country“ in den Midlands, jener mittelenglischen Region, die mit ihren Kohlegruben und Stahlkraftwerken einst das Kernland der Industrialisierung darstellte. Es herrscht Rezession, die eiserne Lady regiert durch. Ray (Justin Salinger) und seine Frau Liz (Ella Smith) leben am Rande, nicht nur des Existenzminimums, sondern auch der Gesellschaft. Nach heutiger Terminologie würden sie als Unterschicht (dis-)qualifiziert.

Tatsächlich ist der Grad ihrer Verwahrlosung enorm. Von Erwerbsarbeit ist an keiner Stelle des Films die Rede; Ray und Liz leben in einer verkommenen Sozialwohnung von der Stütze. Ihre Tage verbringen sie mit Rauchen, Trinken und Nichtstun. Irgendetwas Sinnstiftendes ist in ihrem Leben nicht zu entdecken. Die beiden Söhne, der eine noch ein Kind, der andere ein Teenager, werden weitgehend ignoriert und sich selbst überlassen. Sie bewegen sich durch die Wohnung wie durch Feindesland, stets darauf bedacht, ihren Erzeugern möglichst aus dem Weg zu gehen.

In drei zusammenhanglos nebeneinander stehenden Episoden – jeweils mit einigem zeitlichen Abstand – erzählt der Film vom wenig erbaulichen Alltag der Familie. Wobei „Erzählen“ das falsche Wort ist, denn dies würde so etwas wie eine Handlung, eine Geschichte voraussetzen. Es passiert aber nichts im Leben der Billinghams. Ein Tag gleicht dem anderen, und die innerfamiliären Interaktionen bestehen hauptsächlich darin, dass man sich beschimpft und gegenseitig die letzten Pennys aus der Tasche klaut.

Nun könnte man erwarten, dass nach den Hintergründen, Bedingungen und Ursachen dieser deprimierenden Armut gefragt wird. Tut der Film aber nicht, er will nur zeigen. Zu einer Haltung oder gar Wertung kann sich der Autor und Regisseur nicht durchringen. Und das nimmt dem Film viel von seiner Relevanz. Das materielle, geistige und emotionale Elend, in dem die Billinghams leben, scheint wie ein unabwendbares Schicksal, wie aus der Luft über die Familie gekommen zu sein. Weder erfahren wir etwas über den konkreten gesellschaftlichen Kontext, noch darüber, ob Ray jemals etwas anderes gemacht hat, als zu trinken. Aus dem Wort „Abfindung“, das zwischendurch mal fällt, lässt sich immerhin schließen, dass er irgendwann gearbeitet haben muss. Genauso unbelichtet bleibt das soziale Umfeld – Nachbarn, Freunde, überhaupt eine Außenwelt kommen nicht vor. Die reine Binnensicht auf das Familienleben wird so letztlich zur privaten Nabelschau.

Etwas ratlos fragt sich der Zuschauer, was die Absicht gewesen sein mag, diesen Film zu machen, denn die Akteure bleiben statisch und machen keinerlei Entwicklung durch. Eine mögliche Auflösung ergibt sich beim Blick auf die Biografie des Regisseurs: Richard Billingham ist ein bekannter Fotograf – dies ist sein erstes Werk als Filmregisseur – und die Namensgleichheit mit den Filmfiguren kein Zufall. Der ältere Sohn Richard ist sein filmisches Alter ego; mit Ray & Liz arbeitet Billingham die eigene Familiengeschichte filmisch auf, um nicht zu sagen: er unterzieht sich einem Exorzismus.

Vor 20 Jahren publizierte Billingham bereits den erfolgreichen Bildband Ray’s a Laugh, in dem er in distanzlosen Bildern das Leben des alkoholkranken Vaters und seiner Familie festhielt. Ray & Liz ist nun praktisch der Film zum Buch und es ist verblüffend, mit welcher szenischen Detailtreue die Fotografien in Kinobilder übertragen wurden. Nicht zuletzt sorgen die großartigen Schauspieler für absolute Glaubwürdigkeit der Charaktere; es zeugt von großer Kunst, wie präzise Ella Smith hier Liz verkörpert und deren leeren, ausdruckslosen, gleichzeitig aber gierigen und lebenshungrigen Blick nachahmt.

Dass Billingham Fotograf ist, ist jeder Einstellung anzumerken. Zusammen mit seinem kongenialen Kameramann Dan Landin gelingt es ihm, eine angesichts des Sujets fast schon schmerzhafte dokumentarische Authentizität zu erzeugen. Dazu trägt bei – Filmkenner aufgepasst –, dass auf analogem 16mm-Filmmaterial und im Normalformat gedreht wurde. Die sanften Kamerafahrten und bisweilen extremen Nahaufnahmen erzeugen in ihrer fotografischen Qualität einen Sog, der den Betrachter förmlich in die Bilder hineinzieht.

Zu gern würde man erfahren, wie Billingham es letztlich geschafft hat, seinem Milieu und den damit verbundenen Prägungen zu entkommen. Ein Ausweg aus der hoffnungslosen Familiensituation deutet sich immerhin an, als am Ende des Films – jetzt passiert doch noch etwas – das Jugendamt vor der Tür steht und den jüngeren Bruder in seine Obhut nimmt. Na endlich! möchte man da als Zuschauer fast rufen, denn die Szenen, in denen die Kinder bar jeder Zuwendung vollkommen allein gelassen sind und es keinerlei Kommunikation zwischen ihnen und den Eltern gibt, gehören zu den quälendsten Momenten des Films. Nun vergießt sogar die Mutter einige Tränchen – hauptsächlich aber wohl deshalb, weil mit der Inobhutnahme des Sohnes auch die Sozialhilfe gekürzt wird.


Aus: "Dämonen der Armut" Frank Schirrmeister (Ausgabe 19/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/daemonen-der-armut

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« Reply #33 on: Mai 16, 2019, 09:27:22 vorm. »
Quote
[...] Die Mitgliederzahl liegt zwischen einer niedrigen dreistellige Zahlund mehr als 1.000 Menschen. "Viele Clan-Mitglieder haben keinen oder einen niedrigen Schulabschluss, aber große Erwartungen an ihren Lebensstandard", sagte Kriminaldirektor Thomas Jungbluth. "Die Familie ist alles und die Ehre der Familie geht über alles."


Aus: "Nordrhein-Westfalen zählt 104 kriminelle Clans" (15. Mai 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-05/organisierte-kriminalitaet-clans-nrw-grossfamilien-parallelgesellschaften-straftaten

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« Reply #34 on: September 26, 2019, 09:08:24 vorm. »
... Als ich 1942 geboren wurde, war mein Vater schon unter der Woche nicht zu Hause, weil er woanders Eisenbahndienst hatte. Am Wochenende, wenn er kam und die älteren Geschwister Mist gebaut hatten, die Mutter petzte manchmal, kriegten die den Arsch voll, und zwar heftig. ...

Quote
[...] Ich habe das Buch damals sofort gelesen, es ist und bleibt ein Monolith, ich würde sagen: unerreicht“, schreibt die Schriftstellerin Elfriede Jelinek über Klaus Theweleits „Männerphantasien“, das vor gut vierzig Jahren herauskam und in diesem Herbst im Verlag Matthes & Seitz in einer neuen Ausgabe erscheint. Theweleit wohnt in Freiburg im Breisgau im Stadtteil Haslach und bittet einen die Stiege nach oben in sein Arbeitszimmer, das voller Bücher, Kopien, Gitarren und Bilder ist.

Julia Encke: Herr Theweleit, was sind die „Männerphantasien“?

Klaus Theweleit: Es ist eine Art Berichtsbuch davon, wie bestimmte Leute in Deutschland, die die Weimarer Republik nicht wollten, eine Realität hergestellt haben, an der diese Weimarer Republik eingegangen ist: Vorbereiter des Nationalsozialismus, des Faschismus. Das waren die Freikorpsleute, die 1919/20 die sozialistische Revolution, die Arbeiter- und Intellektuellenaufstände mit Gewalt niedergeschlagen haben. Meine Arbeit ging aus der Auseinandersetzung mit den Politologen hervor, die versucht hatten, den Faschismus zu beschreiben. Da war immer von „Irrationalität“ oder „Blut und Boden“ die Rede. Ich habe aber gemerkt, dass die Leute mit Ideologie nicht viel zu tun hatten. Der Faschismus ist auch zentral keine Ideologie, sondern eine zerstörerische Art und Weise, die Realität herzustellen.

Das klingt nach Geschichtsbuch. Geht es nicht um die Beschreibung einer Struktur?

Klaus Theweleit: Es geht um Geschichte, aber anders als Historiker sie betrachten, denn Historiker kümmern sich nicht um die Gefühle der Menschen. Da geht es um Daten, Zusammenfassungen, Verträge, ökonomische Fragen und Einflüsse. Und an Berichten dieser mörderischen Freikorpssoldaten war sehr genau abzulesen, dass sie zentral aus bestimmten Gefühlskonglomeraten handeln, die sie sich selber nicht eingestehen. An die Stelle setzen sie dann die Ideologie: Sie sagen, sie müssten das „Vaterland schützen“, die „Nation retten“, die „Überlegenheit der arischen Rasse gegenüber dem Rest der Welt“. Aber das sind nicht ihre wirklichen Handlungsmotivationen.

Welche waren das Ihrer Meinung nach?

Klaus Theweleit: Die kommen aus ihrem Inneren heraus. Ein Bedürfnis nach Gewalt, das mit dem Wunsch zu tun hat, eine Körperganzheit herzustellen. Ich bin mit Hilfe der Kinderpsychoanalyse – meine Frau Monika Kubale arbeitete seit 1971 als klinische Psychologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Freiburg – auf den Begriff „Fragmentkörper“ gekommen. Es geht um Leute, denen es nicht gelungen ist, aufgrund verschiedener Störungen, in ihrer Kindheit und weiteren Entwicklung, ein Gefühl von Körperganzheit auszubilden. Sie sind etwa geprügelt worden, haben immer Angst vor Einbrüchen von außen, setzen die Außengrenzen ihres Körpers mit Landesgrenzen gleich. Wir haben in den letzten Jahren erlebt, wie Flüchtlingsströme empfunden werden, nämlich so, als würden sie in die Körper solcher Leute einströmen und nicht einfach nur ins Land. Für die Freikorpsleute bedeutete Gewalt strukturell eine klare Überlebensgeschichte. Es geht um Erhaltungsmechanismen, darum, sich selbst „heil“ zu machen durch Gewalt gegen andere.

Sie beschreiben die Mitglieder des Freikorps als Menschen, die die Wirklichkeit nur in Form von Hierarchien wahrnehmen können.

Klaus Theweleit: In diesen Hierarchien ist der Männerkörper oben und der Frauenkörper immer unten, egal welche Frauen das sind. Noch weiter unten sind dann die Kinder. Gesellschaftlich oben stehen der Adel und das Militär, dann die Politiker, Unternehmer, unten das Proletariat. Und wenn das Proletariat die Macht will, wie 1919 in der Räterepublik, dann war das für die eine Umkehrung des Wirklichen. Das Untere sollte zuoberst sein, die Flüsse sollten gewissermaßen aufwärts fließen. Das war für sie unvorstellbar, dass Arbeiter Teil der Staatsmacht sein sollten. Und mit der Ideologie rechtfertigen sie dann die Gewalt, die sie ausüben, und sagen: „Wir wehren uns gegen die, die wollen die Macht im Staat.“ Sie schieben ihnen alle möglichen Greueltaten zu, die sie überwiegend selbst begangen haben, was sie aber nicht zugeben können. Nur in einer Bürgerkriegssituation können sie es zugeben, wenn sie den Befehl erhalten haben, ihre Morde gedeckt sind durch eine Macht. Das war in diesem Fall die SPD-Regierung mit Gustav Noske, der den Freikorps Handlungsfreiheit einräumte.

Ihr Buch ist 1977/78 erschienen. Sie waren Mitte dreißig. „Es ist eigentlich eine Autobiographie in der Hülle der Dissertation“, sagen Sie. Das Autobiographische darin, dass Sie „Ich“ schreiben, über Ihren Vater schreiben, der seine Kinder geschlagen hat: Das hatte es bis dahin nicht gegeben.

Klaus Theweleit: In Dissertationen natürlich nicht, nur in der Literatur.

Sie wollten aber eine Dissertation und nicht einfach ein Buch zum Thema schreiben?

Klaus Theweleit: Dissertation vor allem, weil es dafür ein Stipendium gab. Wir brauchten das Geld. Dann Verlage: Welcher Verlag hätte einem völlig unbekannten Radiomitarbeiter vom Südwestfunk solch ein Projekt finanziert? Keiner. Sie hätten es auch niemals genommen, in der Länge und bei dem Bildgebrauch. Im Verlag Roter Stern hatte ich spezielle Arbeitsbedingungen, weil wir uns kannten.

Dass Sie Bilder verwenden wollten, war Ihnen von Beginn an klar?

Klaus Theweleit: Ja, das war mir klar. Es sollte ja nicht nur von 1919/20 handeln, sondern ausgedehnt werden auf Männer überhaupt in der Geschichte, ein paar tausend Jahre zurück und bis heute hin: Was für ein Typ ist heute da, nach dem Zweiten Weltkrieg? Kino und Musik waren die Formen, die es uns möglich machten, uns von der Geschichte der Eltern zu lösen. Von Kino hatten sie keine Ahnung, und Musik war für sie „Negermusik“. Da hatte man wirklich einen Fluchtkorridor. Und ich dachte, ich mache jetzt ein Buch, und darin müssen die Sachen alle vorkommen. Der Unterschied zu Faschismus und Lebensweise der Eltern muss deutlich werden. Es ging auch um einen anderen Ton der Sprache. Beim Schreiben hat sich eine starke Abwehr gegenüber Autoren entwickelt, die ich als Leser sehr verehrt hatte.

Gegen wen zum Beispiel?

Klaus Theweleit: Adorno. Auf diesen ewigen Rechthabergestus bei jeder Sache. Bei jeder Geschichte musste noch ein anderer einen auf den Hut kriegen, ob das ein Soziologe war oder gar nicht namentlich benannte Leute. Als Gestus, fand ich, ging das nicht, auch wegen der Rechthaberei in den K-Gruppen, die sich nach dem Zerfall des SDS, in dem ich drei Jahre aktiv war, gebildet hatten. Diskutieren konnte man mit denen nicht.

Adorno hatte eine K-Gruppen-Mentalität?

Klaus Theweleit: Das nicht, aber der Rechthabergestus war vergleichbar.

Sie haben sich auch um Ihr Kind gekümmert, während Sie Ihre Dissertation geschrieben haben.

Klaus Theweleit: Ja, wir haben uns das geteilt. Dass meine Frau ihre Stelle aufgeben würde wegen des Kindes, haben wir nicht erwogen. Sie ging also halbtags in die Klinik, und ich blieb zu Hause. Sich um das Kind zu kümmern ging immer vor.

Gleich nach Erscheinen wurde „Männerphantasien“ ein ungeheures Erfolgsbuch. Rudolf Augstein schrieb im „Spiegel“ unter dem Titel „Frauen fließen, Männer schießen“ im Dezember 1977 eine achtseitige Besprechung: „Was Theweleit in der Freikorpsliteratur findet, ist die schriftgewordene Unterdrückung der weiblichen Sexualität, ihre Aufspaltung in höhere nichtgeschlechtliche Wesen und in niedere kastrationswütige Huren.“ Was hat die „Emma“ geschrieben, das Magazin ist ja in der gleichen Zeit entstanden?

Klaus Theweleit: „Emma“ hat sich nie dazu geäußert. Ich habe bis heute nie einen Ton von Alice Schwarzer gehört.

Wie erklären Sie sich das?

Klaus Theweleit: Mit Kinderpsychoanalyse hat Alice Schwarzer nichts am Hut. Außerdem hat sie mal gesagt, sie lese keine Bücher, die länger als dreihundert Seiten sind, und das waren über tausend. Und es gibt Seiten im Buch, auf denen ich sie kritisiert habe, auch andere, wie Herbert Marcuse, wo es darum geht, dass sie nicht begreifen, wo die Sprache männlich ist, weil sie das phallische Vokabular selbst verwendeten.

Hatte das biographische Gründe?

Klaus Theweleit: Das hatte es. Rechthabertum ablegen– das geht zurück auf Auseinandersetzungen in der engsten Umgebung, dass man aufhört, als Kerl, besonders wenn man Theorie diskutiert, automatisch zu meinen, Frauen überlegen zu sein.

In den autobiographischen Passagen der „Männerphantasien“ geht es auch um Ihren Vater und um die Gewalt der Elterngeneration. Ich musste beim Lesen Ihres Buchs an Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ denken, wo am Vorabend des Ersten Weltkriegs die jüngere Generation die Schläge weitergibt, die ihnen zugefügt wurden. Wenn man annimmt, dass es ein Fortschreiben von Spuren der Gewalt gibt: Haben die „Männerphantasien“ im Gegenteil das Ziel, genau solche Kontinuitäten zu unterbrechen?

Klaus Theweleit: Ganz gewiss. Ich bekam in der Schule mit, was die Generation der Alten angestellt hatte im sogenannten Dritten Reich. Dass meine Eltern beide Hitler-Anhänger waren, haben sie nie geleugnet. Sie haben immer nur gesagt: „Du kannst das nicht verstehen, du hast nicht gelebt zu der Zeit.“ So weit habe ich das verstanden. Dann kriegte ich mit, dass sie Antisemiten waren. In Ostpreußen hatten sie auf dem Land gesessen, wo kein Jude weit und breit war. Meine Mutter war in der Kreisstadt bei einem Arztbesuch gewesen, erzählte mir einer der älteren Brüder später, das war 1939 nach der „Reichskristallnacht“, wie sie das nannten. Da waren bei einem Geschäft die Scheiben eingeschlagen gewesen, und Zigarren lagen auf der Straße. Unser Vater war Raucher, und mein Bruder wollte die Zigarren mitnehmen. Und die Mutter hätte gesagt: „Lass das liegen, Judenzigarren raucht er nicht.“ Wenn man sie später mit den sechs Millionen ermordeten Juden konfrontierte, fanden sie, das waren vielleicht zu viel. Es tat ihnen aber nicht leid. Und der Alte fing an zu heulen, wenn er erzählte, wie russische Partisanen irgendwelche deutschen Landser erschossen hätten. Bis es zu dem Punkt kam, an dem ich sagte: „Was redet ihr immer von der Heimat, die ihr verloren habt. Ihr wolltet doch alles haben bis zum Ural und fandet das richtig.“ Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte mich umgebracht. Wie ich das bei meinen älteren Geschwistern auch manchmal gedacht habe, wenn er die geschlagen hat, sehr cholerisch.

Sie waren der Jüngste?

Klaus Theweleit: Ja, mit einer jüngeren Schwester. Die anderen waren eine Art Schutzwand vor mir. Ich kriegte viel weniger ab. Als ich 1942 geboren wurde, war mein Vater schon unter der Woche nicht zu Hause, weil er woanders Eisenbahndienst hatte. Am Wochenende, wenn er kam und die älteren Geschwister Mist gebaut hatten, die Mutter petzte manchmal, kriegten die den Arsch voll, und zwar heftig. Und ich saß da in der Ecke und lernte, wie ich so was vermeide. Ich musste als Schüler gut werden, weil ich sah, wie sie den Hintern voll kriegten wegen schlechter Noten. Und ich dachte mir: Das passiert mir nicht. Wenn ich schlechte Noten hatte, habe ich die Hefte zerrissen und im Klo weggespült. Mit vierzehn eskalierte der Streit oft so, dass ich nicht mehr mit ihm reden konnte, ohne dass das handgreiflich geworden wäre. Ich habe das Reden mit dem Alten schlicht eingestellt. Über das Politische habe ich nur noch mit Gleichaltrigen geredet. Und davon gab es immer genug, die offen waren.

Und Sie selbst waren nie gewalttätig?

Klaus Theweleit: Ich war auch ein ziemlich cholerischer Typ als Schüler und habe mich rumgekloppt. Zurückhaltung lernte ich in Frauenbeziehungen, meine Frau habe ich früh kennengelernt, da war ich dreiundzwanzig, sie ist ein absolut ungewalttätiger Mensch bis heute. Sie hasst das. Wie sie manche Ausbrüche ertragen hat, ist für mich bis heute ein Rätsel.

Dieser Effekt der Unterbrechung: sollte der nicht nur für Sie persönlich gelten, sondern bei der Lektüre sich auch bei den Leserinnen und Lesern vollziehen? Sind die „Männerphantasien“ so angelegt? Als „Nie wieder“?

Klaus Theweleit: Das „Nie wieder“ ist eine Formel, die ist leicht gesagt. Man musste sich umstrukturieren, und das passiert mit Hilfe von anderen. Alleine gegen den Vater hat man keine Chance. Man mag ihn bekämpfen und wird so ähnlich. Man braucht Leute, die einem da raushelfen.

Die Rhetorik, die Sie in „Männerphantasien“ analysieren, findet man heute bei der neuen Rechten und bei AfD-Politikern wieder: die Gleichsetzung von Körpergrenzen und Landesgrenzen. Die Rede von „Schleim“, „Brei“, „Schlamm“, „linksgrünversifft“. Sie sprechen im Buch nicht von Nationalsozialismus, sondern von Faschismus ...

Klaus Theweleit: Nur manchmal von „Faschismus“. In „Männerphantasien“ sage ich meist „soldatischer Mann“, um es nicht auf die Nazis zu begrenzen.

Würden Sie die AfD-Politiker auch „Faschisten“ nennen?

Klaus Theweleit: Etliche von ihnen, ja. Eine „faschistische Partei“ wollen sie offiziell ja nicht sein. Aber egal. Für mich beginnt Faschismus beziehungsweise Rechtsradikalismus da, wo das „Eliminatorische“ ins Zentrum rückt. Wenn es heißt: „Diese Leute da müssen weg.“ Flüchtlinge zum Beispiel, nicht nur die an der Grenze, sondern diejenigen, die schon hier sind. So wie die Deutschen in den dreißiger Jahren in großer Mehrheit sagten, die Juden sollten weg.

Sie sagen, Faschismus sei eine Form gezielter Kriminalität.

Klaus Theweleit: Das sind im Grunde Mordaufrufe. Was heißt das denn, die sollen weg, wenn sie nicht freiwillig gehen? Dann muss man sie beseitigen.

Sie haben einmal gesagt, „Männerphantasien“ sei ein Buch für Frauen und Männer ausschließlich über Männer. Was machen Sie mit den exponierten rechten Frauen?

Klaus Theweleit: Im Buch „Männerphantasien“ gar nichts. Das Buch macht Schluss mit dem literarischen Gestus „Männer schreiben über Frauen“. Seit wir in der westlichen europäischen parlamentarischen Zivilisation Margaret Thatcher an der Spitze hatten, die sich nicht als Frau verstanden wissen wollte, sondern als Prime Minister, die Macht ausübt und ein Kriegskommando übernimmt, ist es allerdings möglich zu sagen: Hat mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun. Da setzt sich die Macht männlicher Institutionen durch. Bei einem Parteivorsitz auch. Wenn man da reinkommt, als Frau, wird man von den Gesetzen dieser Institutionen beherrscht. In männlichen Institutionen eine weibliche Politik zu entwickeln, ist fast nicht möglich.

Gibt es Orte, an denen das gelingt?

Klaus Theweleit: Ich denke schon. Etwa in wissenschaftlichen Instituten. Vieles geht überhaupt nicht ohne Frauen. Den beschworenen Backlash, eine rückläufige Tendenz des Feminismus, sehe ich eher als Gespenst. Die Chef- und Chefinnen-Ebene ist allerdings nach wie vor überwiegend männlich okkupiert.

Wenn jetzt eine neue Generation „Männerphantasien“ liest, was ist Ihre Hoffnung? Lässt sich das Buch auch heute als Schlüssel für die Gegenwart begreifen?

Klaus Theweleit: Eine Reihe von Gewaltphänomenen ist universal; insbesondere eine bestimmte Sorte der Lust am Töten. Ich denke, dass durch den Terrorismus der letzten Jahre Verbindungen sichtbar werden können – von den Leuten, die ich beschreibe hin zu heutigen Mörder-Männern. Frauen findet man unter terroristischen Attentätern so gut wie keine.

...


Aus: "Klaus Theweleit im Gespräch: Der Feminist" Klaus Theweleit im Gespräch mit Julia Encke (25.09.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/klaus-theweleit-im-gespraech-ueber-werk-und-leben-16396720.html