Author Topic: [Frieden Friedfertigkeit Seelenfrieden... ]  (Read 2201 times)

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[Frieden Friedfertigkeit Seelenfrieden... ]
« on: May 18, 2015, 12:21:48 PM »
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[...] Frieden (älterer Nominativ Friede, von althochdeutsch fridu „Schonung“, „Freundschaft“) ist allgemein definiert als ein heilsamer Zustand der Stille oder Ruhe, als die Abwesenheit von Störung oder Beunruhigung und besonders von Krieg. Frieden ist das Ergebnis der Tugend der „Friedfertigkeit“ und damit verbundener Friedensbemühungen. ...


https://de.wikipedia.org/wiki/Frieden (05/2015)

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[Glaubt denn wirklich noch ein aufgeklärter Mensch... ]
« Reply #1 on: May 18, 2015, 12:34:47 PM »
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[...] „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hineingehen müssen“, sagte Erich Maria Remarque. Das trifft es. Wer von denen, die heute dafür plädieren, Deutsche müssten ihre Verantwortung in der Welt vor allem tötend und sterbend wahrnehmen, zieht denn schon persönlich in den Krieg? Über die „Notwendigkeit von Kriegen“ schwadronieren gesetzte Damen und Herren aus sicherem Abstand, das blutige Geschäft müssen schon andere verrichten.

Der Angriff auf den Irak seit 2003 und die Besetzung durch die USA haben eine halbe Million Iraker das Leben gekostet. Wer es, wie ich, gewagt hatte, das Vorgehen der USA zu kritisieren, wurde als Verschwörungstheoretiker und Saddam-Hussein-Versteher verunglimpft. Heute weiß man, dass George W. Bush zahlreiche PR-Agenturen beauftragt hatte, um pazifistischen „Weicheiern“ den Krieg schmackhaft zu machen. Momentan wird das gleiche „Spiel“ wieder gespielt. Und statt der Hussein- sind nun die „Putin“-Versteher ins Visier der Bellizisten geraten. Als gäbe es nichts Schlimmeres als den Versuch, die andere Seite zu verstehen – was ja nicht mit Zustimmung gleichzusetzen ist!

Glaubt denn wirklich noch ein aufgeklärter Mensch, dass wir um der Demokratie willen streiten und bomben? Hans-Peter Dürr, der verstorbene große Physiker, schrieb: „Man braucht kein Pazifist zu sein, um zu erkennen, dass Krieg in seiner heute üblichen hoch-mechanisierten over-kill-Form nicht mehr rational als Problemlöser fungieren kann, da durch ihn, in der Regel, vor allem Unschuldige, jetzt und auch künftig Lebende, getroffen werden und nicht die vermeintlichen oder gar eigentlichen Schurken.“

In den Jahrzehnten, in denen ich mich bewusst mit Nachrichten beschäftige, habe ich niemals eine derartige Propagandaschlacht erlebt wie heute. Noch ist allenthalben viel gesunder Menschenverstand, sind Mitgefühl und Zurückhaltung in der Bevölkerung verbreitet. Aber durch den Dauerbeschuss mit Un- und Halbwahrheiten kann man den Menschen diese Eigenschaften auch nach und nach aberziehen. Wie macht man ein friedliebendes Volk kriegslüstern? Man hat dies zu Beginn des Ersten Weltkriegs gesehen: durch Propaganda, durch Erfindungen und Lügen, durch die Erschaffung eines Feindes.

Während das Volk mit Brot und Spielen gefüttert wird – wobei es mit dem Brot für die wachsende Schicht der Armen hapert –, dealt die Große Koalition fleißig weiter mit Waffen: für „lupenreine Demokratien“ wie Saudi-Arabien und Singapur. Sie werden in der jeweiligen Region weiterverkauft, ohne dass Deutschland eine Form der Kontrolle darüber hätte. Vermutlich will man das auch gar nicht. Zu große Zurückhaltung beim Töten könnte Arbeitsplätze in der heimischen Rüstungsindustrie gefährden.

Eine neue „Kultur des Krieges“ entsteht gerade, wie es Jakob Augstein benannte. In einer Zeit, in der es mehr bewaffnete Konflikte gibt als je zuvor, wird nun aus allen Ecken wieder auf den Pazifismus eingeprügelt. Anstatt sich Gedanken zu machen, wie der Friede vorbereitet werden kann, denkt man in bestdotierten Think Tanks darüber nach, wie man neue Märkte erschließen kann: mit Waffen und der immer gleichen Anmaßung, sich auf der Seite des Guten zu wähnen.

Uns wird weisgemacht, dass Frieden noch immer das Endziel westlicher Politik sei. Was wäre aber, wenn Instabilität im Nahen Osten geradezu erwünscht wäre, um militärische Dauerpräsenz zu rechtfertigen? Was wäre, wenn es ohne die westliche Politik den „Islamischen Staat“ (IS) gar nicht gäbe? Was wäre, wenn all dieser Wahnsinn wohlgelitten wäre, um immer wieder aus „humanitären Gründen“ eingreifen zu können und die Welt in Unruhe zu halten? Es wäre vielleicht ehrlicher, zuzugeben, dass der Kapitalismus immer wieder Kriege braucht, um sich am Leben zu halten.

Was derzeit geschieht, macht mir Angst. Wenn die maßvollen Kräfte es nicht schaffen, eine internationale Friedensbewegung auf die Beine zu stellen, die ein eindeutiges „Mit uns nicht!“ skandiert, kann es passieren, dass Europa wieder in einem Krieg verbrannt wird. Auch die diesjährigen Ostermärsche haben natürlich meine volle Solidarität. Ich plädiere für eine entschiedene Ausweitung der bisherigen zivilen Hilfe, etwa durch feste Flüchtlingscamps und Lazarette mit medizinischer Versorgung. Flüchtenden, die eine Kriegsregion verlassen wollen, muss ohne Wenn und Aber Asyl gewährt werden. Natürlich werden viele wieder behaupten, dies sei naiv. Aber man muss eben einmal damit beginnen, den Frieden zu schaffen. Deutschland gibt pro Jahr über 30 Milliarden Euro für Militär aus, aber nur 29 Millionen für den Friedensdienst. Das sagt alles.

Es wäre schön, wenn meine Stimme zu einem Chor aufrechter Stimmen anschwölle, der mit aller Vehemenz für die Sache des Friedens eintritt. Ich glaube weiter an die Kraft der Veränderung. Zuallererst müssen wir uns gegen die Nebelkerzen wehren, mit denen wir täglich beschossen werden. Was wäre, wenn der Friede kein Wunder bräuchte, sondern eine Revolution?

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muchtar55 16.05.2015 | 18:16
Dieser Artikel macht einen nachdenklich, er steht leider nur hier im Freitag und wird von den Hofberichterstattern, öfféntlich Rechtlichen über Spiegel bis zum rechten Focus ignoriert.  ...


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Rise against 16.05.2015 | 20:29

Ja. Wer Frieden will, ist naiv. Frieden kann man nicht fordern. Frieden kann man nur leben. Das setzt voraus, dass man selber in einem friedlichen Umfeld aufgewachsen ist. Trifft das nicht zu, ist es, als wollte man von einem Tauben erwarten, dass er einen hört. Oder von einem Blinden, dass er einen sieht.

Meine Erfahrung ist: Zu viele Menschen haben so viel Unfrieden erfahren, das sie überhaupt nicht in der Lage sind, Frieden wahrzunehmen. Die einzige Möglichkeit ist meiner Ansicht nach, als Einzelner (in) Frieden zu leben und damit anderen ein Vorbild zu sein. Nicht mahnend, sondern ermunternd.


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SuzieQ 16.05.2015 | 22:56
@Rise against
Frieden kann man nur leben. Das setzt voraus, dass man selber in einem friedlichen Umfeld aufgewachsen ist.
No. Frieden kann ich leben, wenn ich Frieden möchte.
Das Umfeld spielt keine Rolle bzw. nur die, die ich ihm zugestehe. ...


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namenlos 17.05.2015 | 03:52
Solange es so ist, dass Krieg mehr Geld bringt als Frieden wird auch Wecker nicht begreifen, welche Grabesstille der von ihm vage hingezeichnete Frieden auch bedeuten könnte.


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Lee Berthine 17.05.2015 | 09:52
Es ist frustrierend, dass es mit den Friedensbemühungen nicht ernsthaft voran geht und im Gegenteil, unglaublich hohe Summen für die Nach- und Aufrüstung ausgegeben werden.

Feindbilder finden sich auf allen Seiten und am Ende zählt das Geschäft mit den Waffen.
Ja, eine internationale Friedensbewegung! Die "kleinen" Leute in den jeweiligen Ländern sind bestimmt dazu bereit...
Es fehlt nur ein kleiner Schritt der aktiven Entscheidung des Einzelnen. Aber er fehlt.


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Krysztof Daletski 17.05.2015 | 12:15
Eine neue „Kultur des Krieges“ entsteht gerade.

Neben dem im letzten Jahr musterhaft in unseren Medien zu bewundernden Feindbildaufbau gehört dazu noch ein weiterer Aspekt: die Deutungshoheit, dass "Problemlösung" nur mit Waffen zu schaffen ist (als die, laut einem olivgrünem Bonmot, Jogamatten nicht taugen). Dazu gehört auch die sogenannte "Sicherheitskonferenz" mit ihrer Gleichsetzung "Sicherheit = Militär".

...



Aus: "Naiv ist, wer Frieden will?" Konstantin Wecker (Ausgabe 1415 | 13.05.2015)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/naiv-ist-wer-frieden-will

« Last Edit: June 21, 2015, 01:41:10 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Aber wir sind Meister des Verdrängens... ]
« Reply #2 on: June 11, 2015, 09:46:36 AM »
Quote
[...] Der Historiker Daniele Ganser über den Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte und Auswege aus der Gewaltspirale ...

Jens Wernicke: Der so genannte "Krieg gegen den Terror", der vielmehr selbst als Terror, Staatsterrorismus nämlich, zu bezeichnen ist, hat neusten Untersuchungen zufolge bereits 1,3 Millionen Tote gekostet…

Daniele Ganser: Ja, gemäß der neuesten und sicherlich gründlichsten Studie der IPPNW sind durch den Krieg im Irak seit 2003 weit über 1 Million Menschen getötet wurden. 220.000 davon in Afghanistan und 80.000 in Pakistan. Wobei hier tote Soldaten und Zivilisten zusammengezählt werden. Die Zahl der Verletzten ist noch viel höher.
Ein Teil der Menschen, vor allem in Afghanistan und Pakistan, wurden dabei durch US-Drohnen getötet. Dagegen regt sich inzwischen auch in den USA vereinzelt Widerstand. Professor Noam Chomsky etwa verurteilt den Drohnenkrieg von Präsident Obama als die größte Terrorkampagne der Geschichte, das habe es so noch nie gegeben. Und natürlich, wenn man die Rollen vertauscht und sich vorstellt, die Al-Qaida würde in den NATO-Ländern, also in Europa und Nordamerika, mit ferngesteuerten Flugzeugen täglich Raketen abfeuern, würde man das hier auch als grässlichen Terror bezeichnen. Wir stecken also leider tief in der Gewaltspirale...

Jens Wernicke: Aber sind das nicht beides logische Folgen kapitalistischer Akkumulationsprozesse: Ressourcenkriege und sozusagen eine "Ausbeutungsspirale" hin zu immer mehr Raubbau an Natur, Krieg und Gewalt? Ich meine: Ist diese sich zuspitzende Krise, von der Sie sprechen, nicht dem gesellschaftlichen "Immer mehr, immer schneller, immer billiger" immanent?

Daniele Ganser: Doch, natürlich gibt es hier einen Zusammenhang. Daher hängen wir ja alle mit drin. Aber wir sind Meister des Verdrängens. Wer denkt schon beim Füllen des Öltanks mit Heizöl an die Toten im Irak? Oder beim Tanken von Diesel und Benzin? Als Konsumenten empfinden wir diesen Bezug zu den Ressourcenkriegen als irritierend und störend, daher blenden wir das aus. Und auch den Schaden an der Natur wollen wir nicht sehen. Als 2010 im Golf von Mexiko die Bohrplattform Deepwater Horizon von BP explodierte und mit Erdöl verklebte Vögel im Fernsehen gezeigt wurden, waren die Leute kurz schockiert. Was aber folgte daraus? Nur Oberflächliches. Bekannte haben mir gesagt: Nun tanke ich nicht mehr bei BP, sondern bei Shell! Das heißt: Wir haben größte Mühe, aus diesen Ressourcenkriegen rauszukommen.

Jens Wernicke: Besteht hier der Zusammenhang zur "globalen Gewaltspirale", von der Sie häufig sprechen?

Daniele Ganser: Der Begriff Gewaltspirale ist daher so treffend, weil ja die Konflikte miteinander verbunden sind. Als Saddam getötet und seine Armee aufgelöst wurde, ist ein Teil seiner ehemaligen Offiziere zum sogenannten "Islamischen Staat" gewechselt, und jetzt dreht sich die Gewaltspirale weiter, weil sich diese Terrormiliz von Irak nach Syrien ausbreitet.

Nachdem die NATO 2011 das Erdölland Libyen bombardiert und Gaddafi getötet hatte, ist auch dieses Land im Chaos versunken. Das alles zeigt uns: Wir kommen nicht mit Bomben und Gewalt aus der Gewaltspirale heraus. Denn wenn wir mit Gewalt das Böse, was immer es auch ist, ausrotten könnten, hätten wir es längst geschafft.

...  Jens Wernicke: In der genannten und in anderen Publikationen haben Sie ja auch Wege aus diesen Ressourcenkriegen aufgezeigt. Wie sähen diese Ihrer Meinung nach denn aus? Was wäre zu tun?

Daniele Ganser: Zuerst müssen wir den "Balken im eigenen Auge" sehen, und nicht nur den "Splitter im Auge" der anderen. Das heißt, die NATO-Länder in Europa und den USA müssen über ihre eigenen Kriege nachdenken, über die Bundeswehr in Afghanistan, ob das richtig oder falsch war, über die Toten im Irak und in Libyen, über die Rolle des US-Imperiums in der heutigen Welt und über den Ressourcenverbrauch. Mit einfachen Feindbildern wie "die bösen radikalen Muslime" und "die bösen Russen" blendet man systematisch die NATO-Gewalt aus. Wenn man zu diesem schmerzhaften Schritt bereit ist, wird man sehen, dass wir ein Teil der Gewaltspirale sind.

...


Aus: "Die Welt im Erdölrausch" Jens Wernicke (10.06.2015)
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/45/45127/1.html

Daniele Ganser (* 29. August 1972 in Lugano) ist ein Schweizer Historiker. Er wurde mit seiner 2005 publizierten Dissertation über „NATO-Geheimarmeen“ bekannt und veröffentlicht unter anderem Untersuchungen zum globalen Fördermaximum von Erdöl. Er greift Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 auf und stellt sie als diskutable wissenschaftliche Erklärungen dar.
https://de.wikipedia.org/wiki/Daniele_Ganser

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[Aktuell sehen wir... ]
« Reply #3 on: October 08, 2015, 10:11:09 AM »
Quote
[...] Aristoteles, einer der bedeutendsten griechischen Philosophen, dachte, das Universum existiere seit jeher. Warum wir nicht entwickelter seien, erklärte er damit, dass Fluten oder andere Naturkatastrophen die Zivilisation immer wieder zurück an den Anfang werfen würden.

Heute entwickeln wir uns noch schneller. Unser Wissen wächst exponenziell an und damit auch unsere Technologien. Aber als Menschen haben wir immer noch die Instinkte, und im Besonderen die aggressiven Impulse, die wir als Höhlenmenschen hatten. Aggression hat klare Überlebensvorteile, aber wenn moderne Technologien auf uralte Aggression treffen, dann sind die gesamte Menschheit und große Teile des restlichen Lebens auf der Erde in Gefahr.

Aktuell sehen wir in Syrien moderne Technologien in Form von Bomben, chemischen und anderen Waffen, die eingesetzt werden, um sogenannte intelligente politische Ziele voranzutreiben.

Aber es fühlt sich nicht intelligent an mitanzusehen, wie 100 000 Menschen getötet werden oder auf Kinder gezielt wird. Und es scheint ausgesprochen dumm zu verhindern, dass humanitäre Hilfe Kliniken erreicht. Kliniken, in denen Berichten der Kinderrechtsorganisation „Save the Children“ zufolge Kindern Körperteile amputiert werden, weil die Grundausstattung fehlt – und in denen Neugeborene in Brutkästen sterben, weil es keinen Strom gibt.

Was gerade in Syrien passiert, ist eine Abscheulichkeit – und die Welt schaut kaltblütig aus der Ferne zu. Wo ist unsere emotionale Intelligenz? Wo ist unser Sinn für kollektive Gerechtigkeit? Wenn ich über intelligentes Leben im Universum spreche, dann gehört für mich die Menschheit dazu. Auch wenn ein Großteil des menschlichen Verhaltens im Laufe der Geschichte scheinbar nicht darauf angelegt war, der Überlebensfähigkeit der Gattung Mensch zu dienen. Und obwohl es nicht klar ist, dass Intelligenz einen langfristigen Überlebenswert hat, im Gegensatz zur Aggression, ist unsere spezifische menschliche Form der Intelligenz gekennzeichnet von der Fähigkeit, vernünftig zu denken und zu planen – nicht nur für unsere eigene, sondern für unsere kollektive Zukunft.

 Wir müssen zusammenarbeiten, um diesem Krieg ein Ende zu setzen und die syrischen Kinder zu beschützen. Wir haben seit drei Jahren stumm zugeschaut, wie dieser Konflikt wütet und dabei alle Hoffnungen verschlingt. Als Vater und Großvater sehe ich das Leiden dieser Kinder und sage: Schluss damit.

Ich frage mich oft, wie wir wohl aussehen müssen in den Augen von anderen Wesen, die uns aus dem fernen Weltraum zusehen. Wenn wir ins Universum schauen, blicken wir in der Zeit zurück, weil uns das Licht von fernen Objekten erst viel, viel später erreicht. Was zeigt das Licht, das heute von unserer Erde ausgestrahlt wird? Wenn andere auf unsere Vergangenheit schauen, werden wir dann stolz sein auf das, was wir gemacht haben? Wie wir, als Brüder, miteinander umgehen? Wie wir unseren Brüdern erlauben, mit unseren Kindern umzugehen?

Wir wissen jetzt, dass Aristoteles unrecht hatte: Das Universum hat nicht schon immer existiert. Es fing vor ungefähr 14 Milliarden Jahren an. Aber er hatte recht, dass große Katastrophen einen riesigen Rückschritt für unsere Zivilisation darstellen. Der Krieg in Syrien bedeutet vielleicht nicht das Ende der Menschheit. Aber jede Ungerechtigkeit, die begangen wird, bricht ein Stück aus der Fassade dessen, was uns zusammenhält. Der universale Grundsatz der Gerechtigkeit ist vielleicht nicht in der Physik verwurzelt, aber er ist nicht weniger fundamental für unsere Existenz. Denn ohne ihn werden wir als menschliche Wesen bald aufhören zu existieren.

Der Autor ist Astrophysiker. Er war Inhaber des Lucasischen Lehrstuhls für Mathematik in Cambridge und ist Verfasser von „Eine kurze Geschichte der Zeit“.


Aus: "Stephen Hawking zu Syrien - "Es muss Schluss damit sein!"" (17.02.2014)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/meinung/andere-meinung/stephen-hawking-zu-syrien-es-muss-schluss-damit-sein/9491466.html


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[Frieden Friedfertigkeit Seelenfrieden... ]
« Reply #4 on: April 13, 2016, 09:30:42 AM »
Quote
[...] Für den Friedensaktivisten Nedžad Horozović vom Zentrum für gewaltfreie Aktion (Centre for Nonviolent Action, CNA), einer regionalen Friedensorganisation, die in Sarajevo und Belgrad ansässig ist, ist der Krieg auf dem Balkan und da vor allem in Bosnien und Herzegowina allgegenwärtig. "Es dominiert den Alltag von uns allen, nach wie vor. Die Aufarbeitung des Krieges geht nur sehr langsam voran. Viele versuchen es zu verdrängen, aber das geht nicht. Wir müssen uns erinnern, die Frage ist bloß, wie?", so Nedžad gleich am Anfang der Podiumsdiskussion.

Seine Kollegin Ivana Franović ergänzt: "Wir müssen verstehen, wie es zu den Kriegen kam. Wir müssen wissen, was alles geschehen ist. Wir müssen uns erinnern, damit es nie wieder passiert." Die Allgegenwärtigkeit des Krieges hat dazu geführt, dass die vermeintliche Wahrheit über den Krieg zu einem Teil der DNA der ethnischen Identität geworden ist. "Es gibt drei Wahrheiten, drei Narrative, die sich einzig und allein dadurch unterscheiden, ob man Bosniake, Kroate oder Serbe ist," sagt die Belgraderin Franović. All diese Narrative haben eines gemeinsam, und zwar, dass die eigene Ethnie das größere Opfer des Krieges ist. So hat jede Ethnie immer ein passendes Beispiel parat, falls die "andere Seite" ihr Verbrechen vorwirft.

Was fehlt, ist die "Empörung über die Verbrechen, egal von welcher Seite" sagt Nedžad. Um die Aufarbeitung voranzutreiben, veranstaltet das Zentrum für gewaltfreie Aktion regelmäßig gemeinsame Trainings für ehemalige Kriegskontrahenten, und organisiert für die Veteranen Besuche von Orten des Krieges. Bei einem dieser Treffen hat ein Kriegsveteran zu einem anderen gesagt: "Wir beide sind nicht in Konflikt, es sind unsere Identitäten", so erzählt es der in Doboj geborene Horozović. Für ihn summiert dieser Satz die ganze Problematik in Bosnien und Herzegowina am besten. Die Zusammentreffen von Kriegsveteranen verschiedener Ethnien stimmen die beiden Mitarbeiter des Zentrums für gewaltfreie Aktion positiv. "Die meisten Veteranen gehen mit der Einstellung ‚Jetzt werde ich euch die Wahrheit sagen’ zu den Veranstaltungen hin und gehen mit der Einstellung ‚Ich möchte zuhören und verstehen’ wieder raus", sagt Nedžad. Das zeige bloß, "wie wichtig Dialog ist und das Möglichmachen solcher Zusammenkünfte," so Ivana.

In den mittlerweile über zehn Jahren, in denen sie Treffen und Dialoge mit ehemaligen Schlachtfeld-Kontrahenten ermöglichen, haben knapp 200 Veteranen daran teilgenommen. "Uns ist bewusst, dass das vielleicht nur ein Tropfen im Meer ist, aber es funktioniert, wenn auch bis jetzt nur in einem kleinen Rahmen," sagt Ivana. "Viele wollen auf dem Balkan die Aussöhnung nicht vorantreiben – die Politik noch am wenigsten", gibt ein etwas resignativ wirkender Nedžad Horozović zu Protokoll. In den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien sitzen in den meisten Regierungen Nationalisten, die, wenn sie an den Krieg erinnern, dann meist nur der eigenen Opfer gedenken. "Uns ist bewusst, dass wir nicht zum Mainstream gehören, aber gemacht muss es trotzdem werden," so Ivana Franović.

Für den Historiker Robert Streibel von der Plattform Erinnern.at, der genauso wie Pete Hämmerle vom Versöhnungsbund und Jasmina Haračić vom Österreichischen Roten Kreuz an der Diskussion teilnahm, zeigen Denkmäler, wie in der Gesellschaft an die Vergangenheit erinnert wird und welchen "Umgang die Gesellschaft mit der Erinnerung hat". Nach den Balkankriegen sind viele Denkmäler entstanden. Für Ivana sind sie "schrecklich". Nedžad Horozović stimmt ihr zu: "Die Denkmäler sind so hässlich" – er erkennt aber darin etwas Positives, "Diese Hässlichkeit der Denkmäler erinnert uns daran, wo wir derzeit als Gesellschaft stehen, sie zeigt uns, dass etwas nicht stimmt. Durch konstruktives Reden über die Denkmäler werden die zukünftigen besser."

In Zusammenarbeit mit dem Versöhnungsbund und der Diakonie Brot für die Welt haben die Mitarbeiter vom Zentrum für gewaltfreie Aktion die Denkmäler in Bosnien und Herzegowina erforscht und mit Fotos dokumentiert. Einige dieser Bildern wurden im Rahmen der Veranstaltung ausgestellt. "Wir haben knapp 80 Denkmäler für das Projekt dokumentiert", sagt Nedžad und erzählt, dass die Denkmäler teilweise schwer zugänglich und viele durch Graffitis verunstaltet sind: "Auf den Denkmälern wird der Krieg weitergeführt. Es wird noch lange dauern, bis sich die Situation normalisiert."

Quote
    ljuba

In der Region prallen Islam, orthodoxe Christen, römische Christen aufeinander, seit vielen blutigen Jahrhunderten.
Lesen sie mal den Nobel-Preisträger Ivo Andric, dann verstehen sie, dass man die Vergangenheit nicht mit einem Kava wegspülen kann.



Aus: ""Wir beide sind nicht in Konflikt, es sind unsere Identitäten" Siniša Puktalović (13. April 2016)
Quelle: http://derstandard.at/2000034690418/Wir-beide-sind-nicht-in-Konflikt-es-sind-unsere-Identitaeten


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[Frieden Friedfertigkeit Seelenfrieden... ]
« Reply #5 on: October 11, 2016, 10:29:36 AM »
Quote
[...] Der mittlerweile 85-jährige Politikpensionär [Michail Gorbatschow] mahnt in seiner Situationseinschätzung, dass der "Kult der militärischen Gewalt" derzeit die Oberhand habe. Er fordert dazu auf, den Dialog, der in den letzten beiden Jahren aufgegeben wurde, wieder aufzunehmen. Es sei höchste Zeit, ihn wieder aufzunehmen und den Blick auf die ganze Agenda zur richten, ohne ihn auf regionale Themen zu begrenzen.

Wer hier eine Anspielung auf Syrien heraushört, liegt wahrscheinlich nicht falsch. Ohne ausdrücklich auf die konkrete augenblickliche Situation zwischen Russland und den USA einzugehen, bringt Gorbatschow zwei grundlegende Phänomene ins Spiel, die direkt damit zu tun haben.

Er stellt zum einen fest, dass das Schlimmste, das in den letzten Jahren geschehen sei, der Kollaps des Vertrauens zwischen den Großmächten sei. Zum anderen macht er anhand der Beispiele Jugoslawien, Irak, Libyen und Syrien deutlich, dass militärische Lösungsversuche scheitern. Sie haben die Konflikte nicht gelöst. Stattdessen hätten sie dazu geführt, dass internationale Vereinbarungen und Gesetze erodiert seien, Vertrauen untergraben wurde und sich Politik weiter militarisiert hätte.

... Es gehe nicht um die Utopie einer atomwaffenfreien Welt, sondern um die Notwendigkeit einer solchen. Es würden neue Atomwaffen entwickelt, die eine neue Qualität haben, zusammen mit anderen waffentechnischen Entwicklungen und dem gegenwärtigen politischen Klima zeichne sich ein Trend ab, der die Akzeptanzschwelle des Einsatzes von Nuklearwaffen senke. Die Möglichkeiten, sich gegen diese Entwicklung zu wenden, würden stetig kleiner. Die Politiker der großen Weltmächte sollten sie jetzt ergreifen.

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     time traveler, 10.10.2016 21:54

Hoffe seine Stimme wird gehört - hätte noch vor ein paar Jahren nicht vermutet, wie schnell und erfolgreich zahlenmäßig winzige militärisch-wirtschaftliche Interessengruppen die Völker wieder in Richtung Krieg manipulieren - und erstaunlicher Weise scheinen gefühlte 95% zu handeln, als ob die nun kommenden Kriege sie nicht betreffen/vernichten werden ...


Quote
     hgzi, 10.10.2016 21:46

Warum daraus nix wird: "Politiker, die für militärische Gewalt sind, müssen von der Gesellschaft zurückgewiesen werden"
Propaganda funktioniert. Die Gesellschaft wird von der sogenannten Presse manipuliert, von Politikern angelogen und betrogen und das Beste ist, die Gesellschaft will es so.
Unwissenheit kann man keinem mehr unterstellen, alle Infos sind frei verfügbar um die Politker zu entlarven die Kriegstreiber sind.
Trotzdem, ich finds prima daß ein Mann wie Gorbatschow das mal so anspricht!
Dafür meinen Dank!


...


Aus: "Gorbatschow fordert Verbot des Krieges" Thomas Pany (10.10.2016)
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/49/49656/1.html

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[Frieden Friedfertigkeit Seelenfrieden... ]
« Reply #6 on: October 11, 2016, 11:02:43 AM »
Quote
[...] "Die Gemeinsamkeit der Friedensbewegung und ihrer Kritiker" Peter Nowak (10.10.2016)

... "Die geringe Teilnehmerzahl ist das sichtbare Zeichen einer Krise der Friedensbewegung. Die Bewegung sollte das jetzt kritisch reflektieren und geeignete Schlüsse daraus ziehen", erklärte Otmar Steinbicker, ein langjähriger Weggefährte der Friedensbewegung, nach der Demo am Samstag. Er machte dabei auch deutlich, dass es eben nicht nur um den Friedenswinter und die Friedensmahnwachen geht.

Auf die Frage von aixpaix.de, worin er die Krise der Friedensbewegung sehe, antwortete Steinbicker:

Vor allem in zwei Faktoren: 1. in einer fehlenden ernsthaften Analyse der gegenwärtigen Situation mit ihren realen Kriegen, mit ihren drohenden Kriegsgefahren, aber auch mit Chancen für die Friedensbewegung, erfolgreich zu arbeiten. 2. in einer weit verbreiteten Selbstisolation vieler Organisationen und Initiativen der Friedensbewegung. Da sind nicht wenige im Denken und Wahrnehmen in den frühen 1980er Jahren stehen geblieben.

Dort, wo keine oder kaum neue Köpfe hinzukamen, wurden nicht unbedingt neue Themen und Fragestellungen gesehen und keine neuen Aktiven geworben und einbezogen. Dort, wo das nicht gelingt, wäre Friedensbewegung irgendwann zum Aussterben verurteilt.

Otmar Steinbicker

... Der Vorsitzende der Naturfreunde, Michael Müller, berief sich auf die Entspannungspolitik von Willy Brandt. " Ein neues kollektives Sicherheitssystem ist in Europa nötig", betonte das SPD-Mitglied. Ein älterer Mann mit DKP-Fahne setzte sich auf einem Schild für ein besseres Verhältnis zwischen Russland und Deutschland ein. "Das ist für mich das antifaschistische Vermächtnis nach den Verbrechen im Nationalsozialismus in der Sowjetunion", betonte er. Er hält es für kriegsverschärfend, dass Nato-Truppen und damit auch die Bundeswehr wieder an der russischen Grenze stehen.

Genau so unterschiedlich waren die Statements zum Syrienkonflikt. Da gab es Stimmen, die die gesamte Auseinandersetzung als Folge von Destabilisierungsversuchen durch die Nato-Staaten interpretieren. Dabei wird mal schnell unterschlagen, dass der Beginn der Syrienauseinandersetzung ein Aufstand gegen ein autoritäres Regime war. 

Sahra Wagenknecht hingegen betonte in ihrer Rede: "Wir sind nicht einäugig." Das Bomben müsse in Syrien von allen Seiten beendet werden. Sie wandte sich aber dagegen, dabei nur Russland an den Pranger zu stellen. Dann bezog sie sich auf ein Video des ehemaligen rechtskonservativen Politikers Jürgen Todenhöfer, das angeblich nachweisen soll, wie die Islamisten vom Westen unterstützt werden. Dabei ging Wagenknecht mit keinen Wort auf die Zweifel ein, die über die Echtheit des Videos bestehen.

... Übrigens kam das Massaker, das eine von Saudi-Arabien geführte Koalition im Jemen vor wenigen Tagen anrichtete, gar nicht zur Sprache. Es waren schlicht die falschen Opfer und Täter. So wie andererseits bei der Friedensdemonstration nicht erwähnt wurde, wo Moskau in der letzten Zeit konkrete Aufrüstungsschritte unternommen hat, wie bei der Kündigung des Plutoniumabkommens. Hätte die USA das Abkommen gekündigt, wäre es auf der Demo sicher thematisiert worden.

So sind sich die Friedensbewegung und ihre schärfsten Kritiker zumindest in einer Frage gleich, es wird nur das zur Kenntnis genommen, was ins eigene Weltbild passt.

Quote
     D.o.S., 10.10.2016 10:48

Und schon wieder ein HeTzartikel gegen die Friedensbewegung auf TP

Sie vernachlässigen die Komplexität der gegenwärtigen Konflikte. Zur Kenntnis genommen wird nur, was ins eigene Weltbild passt

... Wieder manipulierende Vernebelung der Fakten. Es wird sich auf das Todenhöfer eingeschossen, um so das was eigentlich sowieso bestens bekannt ist, angezweifelt: Die USA haben diesen Bürgerkrieg angezettelt, und die USA und ihre Verbündeten aka "Wertegemeinschaft" rüsten die Terroristen mit Waffen aus. Von den Aussagen von Wesley Clark bis zu den geleakten Emails von Clinton, es gibt ZIG Quellen die die Verantwortung für diesen Krieg klar aufzeigen. Herr Nowak aber ignoriert sie.


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     Frank_Drebbin, 10.10.2016 11:04

Same procedure as last time. ... Naja, es ist ja wenig neu, daß Leute, die gegen Aufrüstung und Kriegstreiberei sind, in irgendwelche Ecken gestellt werden. In den 80ern sollten sie alle "nach driben" gehen, waren wahlweise Naivlinge, Verräter oder sonstwas Unangenehmes.
Und so wieder einmal.


Quote
     holyprime, Roman Huber, 10.10.2016 11:31

Volksfront von Judäa
Ihr seid für den falschen Frieden! Nein, ihr seid für den falschen Frieden!
Und während das Schweinesystem die nächste Region in Schutt und Asche legt, ist der Pöbel damit beschäftigt diejenigen zu steinigen, die es wagen dies anzuprangern.

Jehova! Jehova! Jehova!

Quote
     Leam, 10.10.2016 12:04

Ja, Realsatire vom Feinsten ;o)
Wenn es nur nicht soooo traurig wäre...


Quote
     holyprime, 10.10.2016 13:00

Always look on the bright side of life

*pfeif*

...



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     Traumschau, 10.10.2016 12:19

Es reicht also nicht aus, einfach nur Angst um mein Leben und das meiner Familie

und Freunde zu haben, um für den Frieden und gegen den Krieg zu demonstrieren?
Was und wie muss ich denn denken, um für den Frieden auf die Strasse gehen zu dürfen?
Muss ich mich erst in eine bestimmte Ideologie einordnen, um in ihrem Sinne "richtig" und "korrekt" für den Frieden zu sein?

...


Quote
     albibi, 10.10.2016 15:21

Typischer Angriff durch Anti-Leute wie Nowak
"Sie vernachlässigen die Komplexität der gegenwärtigen Konflikte. Zur Kenntnis genommen wird nur, was ins eigene Weltbild passt"
Jaja, trifft natürlich auf jeden einzelnen Kriegsgegner zu, und Nowak und Konsorten sind ja ganz anders .... Dass ich nicht lache.

Dieser ganze Artikel ist eigentlich eine Zumutung. Leute die für etwas sind und dafür sogar ihren Arsch hoch kriegen werden einfach mal über einen Kamm mit irgend welchen Deppen in eine Topf geworfen und kräftig umgerührt.

Unter Strich ist keine einziger Absatz dieses Pamphlets von Nowak stichhaltig. Eine üble Gemengelage von allgemeinen Anwürfen und eigener Positionslosigkeit die zu nichts anderem nützen kann als den Kriegstreibern in die Hände zu spielen. ...


Quote
     Anja Böttcher, 10.10.2016 13:01

Die Naivität und Realitätsverweigerung der Steigbügelhalter eines großen Krieges

So so: Die Friedensbewegung leidet also primär daran, dass nicht alle, die dort für Frieden demonstrieren die gleiche Gesellschaftsanalyse und die gleichen politischen Ziele haben. Aber sicher doch: In den 80ern, als bis zu 1,3 Millionen Menschen auf die Straße gingen, Gewerkschaften, große Teile der SPD und eine damals noch pazifistische grüne Partei kräftig mitmobilisierten und die Hälfte der Medien hinter sich hatten, hatten natürlich alle beteiligten Gruppen, ob DKPisten, Maoisten, andere kommunistische Guppen, Sozialdemokraten, Mitglieder der DFG, des VVN, Anarchisten, Grüne und andere Basisgruppen, engagierte Christen und Linksliberale alle eine identische Analyse des Geschehens in der Welt und absolut identische Ziele.

Sancta simplicitas!

Irgendwie ist Peter Nowak die Konversion der Grünen zur Friedenspartei, die maßgebliche Rolle einer rot-grünen Regierung beim ersten NATO-Krieg gegen Serbien, die Umwandlung der NATO zur Interventionsarmee, die sie belgeitende massive propagandistische Medienkampagne für die deutsche Beteiligung an Interventionskriegen gar nicht aufgefallen. Vor allem ist ihm aber die systematische üble Diskreditierung jedes Pazifismus' nicht aufgefallen - denn er beteiligt sich ja windelweich daran.

Dass diese Diffamierung friedenspolitischer Stimmen System hat und gezielt von der Nato in der Presse vermittels gut eingebundener und vernetzter Journalisten betrieben wird, kann er übrigens in eindeutigen Quellen nachlesen. Ich biete hier vier Stellen des Ergebnisreaders der Konferenz des NATO-Exzellenzzenters JAPCC vom November 2015 in Essen an (obgleich situiert in Kalkar an; 6 Monate war der Reader über deren Homepage als pdf abspeicherbar). Ich zitiere einen Artikel, den ich hierzu bei der Neopresse veröffentlicht habe:

"Zu der Veranstaltung wurden vom 23.-25. November 2015 250 Vertreter aus Politik und Medien nach Essen geladen, um Pläne zu entwickeln, wie die Bevölkerung von NATO-Ländern dazu gewonnen werden könne, positiver über die Luftkriegskapazitäten des Bündnisses zu denken. Primäre „targets“, auf die zu zielen Lust geweckt werden sollte, waren – wie zu erwarten – der „islamistische Terror“ und Russland. Hier ist nun von Interesse, was die versammelten Medien-, Politik- und Militärvertreter verabredeten und ob dies mit dem Recht der Bevölkerung auf einen demokratischen öffentlichen Rundfunk vereinbar ist.

Als Kernprinzipien einer im Sinne der NATO erfolgenden „strategischen Kommunikation“ wurden die folgenden genannt:

Schlüsselprinzipien: Betont den Menschenrechtsaspekt einer militärischen Konfrontation./ Die NATO muss allen Friedensbewegungen aggressiv und öffentlich entgegenwirken und die Herrschaft des Gesetzes des bewaffneten Kampfes aufrechterhalten./ Die NATO muss ihren gegenwärtigen Kampf um strategische Kommunikation richtig einschätzen und der Öffentlichkeit gegenüber die Notwendigkeit bewaffneter Konflikte rechtfertigen./ Dass die Öffentlichkeit in einigen NATO-Ländern die Notwendigkeit einer gemeinsamen Verteidigung nicht einsieht, bedeutet, dass wir eine fundamentale Erneuerung des kommunikativen Rahmens brauchen. Die NATO muss viel mehr Mittel und Mühen auf die grundlegende Kommunikation mit der Öffentlichkeit verwenden. [7]

Hier wird deutlich ausgesprochen, dass die Bevölkerungen Europas dazu gebracht werden sollen, NATO-Kriege gutzuheißen und die Zerstörung von Ländern und die Tötung ihrer Bewohner zu billigen. Dazu soll die Propaganda für diese Kriege geballt mit Menschenrechtsrhetorik auffahren, damit Kriegsgegner als Feiglinge und gleichgültig gegenüber Mord und Völkermord verunglimpft werden können. Insgesamt ist die erklärte Absicht zur Diskreditierung von Pazifisten in einer massiv auszubauenden NATO-Propaganda ein gravierender Einschnitt in politische Meinungsbildungsprozesse. Um Gegenstimmen gegen den Krieg auszuschalten, wird ganz und gar auf die Kooperation der Medien gesetzt:

Die Konferenzteilnehmer waren sich in der Überzeugung einig, dass die öffentliche Meinung entscheidend ist. Für die Aufgabe, die öffentliche Meinung [für Krieg] ebenso wie die einiger älterer Politiker zu formen, sind die Medien vielleicht der entscheidende Schlüssel, durch die solche beeinflussenden Maßnahmen durchzuführen sind. Die zweite Sitzung der Konferenz befasste sich folglich auch mit der Beziehung von Militär und Medien im Hinblick auf die Frage, wie die NATO am besten ihre Botschaften in den Medien platzieren kann. Einige gegenwärtige und ehemalige Mediengrößen sowohl der Printmedien wie des Fernsehens nahmen an einer faszinierenden Sitzung teil, die Schlüsseldynamiken hierfür entwarf. [8]

Offensichtlich geht die Einmütigkeit zwischen Politikern und Medienvertretern so weit, dass Medien unisono als willfähriger Propagandaarm der Armee fungieren sollen. Wenn dann selbst die Platzierung von Nachrichten, deren pro-kriegerischer Tenor vorab feststeht, von der NATO diktiert werden kann, die Abgabe von Redaktionskompetenzen an das Militär somit derart weit fortgeschritten ist, wird das Reden über „eine freie Presse“ zum reinsten Hohn.

Im nächsten Abschnitt geht es speziell um die Deutschen. Zuvor wurden andere NATO-Länder dahingehend untersucht, wie groß ihre Kriegsbereitschaft sei:

Die deutsche Fallstudie weist erhebliche Unterschiede zur amerikanischen und englischen auf. Nach dem zweiten Weltkrieg war das pazifistische Grundgefühl in Deutschland sehr stark und ist es immer noch. Die öffentliche Meinung zu den Wehrkräften ist fast das Gegenteil zu der der Briten und Amerikaner. In allen Fällen, in denen die NATO militärische Gewalt anwendeten, waren die Deutschen anfälliger für Desinformation und antimilitaristische Kampagnen als die meisten anderen NATO-Länder. In Kürze, einige politische und kulturelle Faktoren machen Deutschland zu einem sehr problematischen Fall in der Unterstützung militärischer Gewalt im Dienste der NATO. [9]

Die Studie zu Italien ähnelt der deutschen sehr stark mit der sehr stark linken und pazifistischen Grundstimmung in der allgemeinen Bevölkerung. Und es handelt sich gleichfalls um ein Land, das sogar die Anwendung militärischer Gewalt ablehnt, wenn ein anderes Land angegriffen würde.

Im Gegensatz zur medialen Propaganda, die so tut, als sei die Gegenwehr der deutschen Bevölkerung gegen die anti-russische Konfrontation ein Hinweis auf das Wiedererstarken des braunen Ungeists, ist den Konferenzteilnehmer voll bewusst, dass die Abwehr im Gegenteil pazifistisch und links motiviert ist. Die Gemeinsamkeit zum ebenfalls von faschistischen Erfahrungen traumatisierten Italien ist kaum zufällig.

Dieser Konsens soll offensichtlich in beiden Gesellschaften gebrochen werden – mit untertänigster Hilfe deutscher Leitmedienjournalisten. Lapidar wird aber an einer späteren Stelle gesagt, dass im Zweifelsfall der hartnäckige Widerstand gegen NATO-Kriege zwar eine Unannehmlichkeit sei, aber kein unüberwindliches Hindernis, da die Kriegsbeteiligung eines Landes auch einfach von oben verfügt werden könne.

Interessant ist auch die Verwendung des Begriffs „Desinformation“ in einem Atemzug mit „anti-militaristischen Kampagnen“. Da „Information“ und „Kommunikation“ in der PR-Sprache nichts Anderes bedeuten als informationelle Einheiten, die bezüglich eines „targets“, also einer Zielgruppe (militärische Terminologie), dem Ziel des Auftraggebers, hier der NATO, zum Ziel verhelfen sollen, gewinnt hierdurch auch das leitmotivisch den medialen Mainstream durchziehende Gerede von der „russischen Desinformation“ eine ganz andere Dimension. Offensichtlich ist eine solche eine jede aus Russland über die NATO-Grenze dringende Stimme oder Botschaft, die in den Bevölkerungen von NATO-Staaten den Unwillen vergrößern könnte, gegen Russland in den Krieg zu ziehen. Vielleicht ist es von daher zu erklären, warum außer hetzenden Filmen wie „Spiel im Schatten“ und Interviews solcher russischen ‚Systemgegner‘, die ganz die Sichtweise der NATO auf ihr Land teilen, aus Russland gar nichts Positives mehr medial durchdringen darf – weder Kultur-, noch Sportereignisse, aber auch keine Berichte über positiv dargestellte Einzelpersonen, es sei denn sie träten dezidiert als Regierungsgegner auf.

Unter diesen Umständen erscheint auch die mit US-Hilfe aufgebaute East SratCom Task Force der EU mehr als nur bedenklich. Bei der „Aufklärungsstelle“ gegen „russische Desinformation“ können sich Journalisten registrieren lassen, um in regelmäßigen Abständen per Mail zu erfahren, was als solche zu gelten hat. Letztendlich stattet die darin sich ereignende Vernetzung von militärischer

Informationskriegsmaschinerie und zivilgesellschaftlichen Publikationsorganen die NATO mit einer normativ prägenden Macht über die Gesamtheit europäischer Mediendiskurse aus. Die EU wird damit auch publizistisch zum bloßen Vehikel der NATO. Und zugleich wird, wenn man nun als „Desinformation“ jede Nachricht aus der Öffentlichkeit verbannt, die irgendetwas an Land und Leuten in einem positiven Licht erscheinen lassen könnte, mittels NATO eine unüberwindbare kulturelle Barriere zwischen EU- Ländern und Russland geschaffen. [10]

Auch hierbei hat das JAPCC besonders Deutschland im Blick:

Es wurden verschiedene dynamische Faktoren gefunden, die sich auf die öffentliche Wahrnehmung in Europa auswirken. Tatsächlich gibt es so etwas wie eine allgemeine ‚europäische öffentliche Meinung‘ nicht. Meinungen und Wahrnehmungen variieren von Nation zu Nation. Solche Wahrnehmungen basieren normalerweise auf historischen Erfahrungen und oft wirken sie mit einem gewissen Beharrungsvermögen auf die öffentliche Meinung, die sich nur schwer verändern und formen lässt. Faktoren, denen die NATO entgegentreten muss, um ihre Sichtweisen gegen eine manchmal skeptische Öffentlichkeit zu behaupten, schließen Desinformation ein (zum Beispiel die stetige Häppchenkost sowjetischer und danach russischer Desinformation für eine deutsche Zuhörerschaft über viele Jahre.) [11]

Was die Konferenzteilnehmer exakt mit der spezifisch den Deutschen zukommenden „Häppchenkost sowjetischer und danach russischer Desinformation“ meinen, bleibt verschwommen. Auch wenn selbstverständlich die alte Bundesrepublik Deutschland strukturell und kulturell eine anderen westeuropäischen Staaten ebenso ähnelnde Gesellschaft war wie umgekehrt die DDR denen des Warschauer Pakts, so war natürlich Deutschland insgesamt auch in informationeller Hinsicht das Zentrum des Kalten Kriegs. Wie stark jedoch gerade im Bereich der Soft Power zwischen 1945 und 1990 die Sowjetunion den USA unterlegen war, belegen historische Gesamtdarstellungen der CIA-Aktivitäten [12] ebenso eindrucksvoll wie der Verlauf der Geschichte."

http://www.neopresse.com/medien/innere-und-aeussere-machtfaktoren-schattengefechte-der-informationskrieger-22/

Peter Nowak schreibt hier mal wieder einen Artikel, der vermutlich "neutral" sein möchte, aber durch politische Realitätsverweigerung das propagandistische Geschäft der Kriegstreiber fördert. Logisches Denken findet sich hier ebenso wenig wie irgendetwas, was man ernsthaft als Information begreifen könnte. Nowak möchte offensichtlich einem bellizistischen Mainstream nicht so weh tun, dass es ihm ernsthaft eine journalistische Karriere in den ehemaligen Leitmedien verhageln könnte.

Solche Artikel aber braucht niemand. Zu welchem Zweck schreibt jemand sowas?

Auch frage ich mich, wie all diese weichgespülten Gefälligkeitsschreiber zur desaströsesten deutschen Außenpolitik seit 70 Jahren, mit der eigenen erbärmlichen Rolle klarkommen wollen, sollte es wirklich knallen.

Quote
Der Link aus neopresse funktioniert nicht mehr. Der neue Link:

scheint dieser zu sein:
https://www.japcc.org/portfolio/conference-proceedings-2015/



...

https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Die-Gemeinsamkeit-der-Friedensbewegung-und-ihrer-Kritiker/forum-365130/


Aus: "Die Gemeinsamkeit der Friedensbewegung und ihrer Kritiker" Peter Nowak (10.10.2016)
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/49/49648/1.html


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« Reply #7 on: October 12, 2016, 04:04:40 PM »
Quote
[...] Bei der aktuellen Feindbildproduktion sind Proteste gegen die militarisierte Politik in Deutschland und differenzierte Sichtweisen von Vertretern der Friedensbewegung nicht dienlich. In Moskau, so zeigen es immer mehr Titelfotos, sitzt der Kriegsdämon. Es kann und darf gar nicht anders sein: Die Friedenstauben hierzulande sind auch heute noch alle moskauhörig.

... Ein Vertreter der alten bundesrepublikanischen Sozialdemokratie wie Erhard Eppler hat 75 Jahre nach Beginn des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion an das Erbe Willy Brandts und "Gorbatschows Traum vom Europäischen Haus" erinnert. Auf der Berliner Demonstration wurde dieses Anliegen mit denkbarem Nachdruck vorgetragen vom ehemaligen Düsseldorfer Bundestagsabgeordneten Michael Müller (SPD), der Vorsitzender der "Naturfreunde" und gewiss kein rechter "Eurasien"-Phantast ist.

Leider kommen auch die sozialdemokratischen Friedensfreunde im öffentlichen Stimmungsbild so gut wie nicht vor. Beim diesjährigen Ostermarsch Rhein-Ruhr hat z.B. der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) unter viel Beifall aus allen Lagern eine bemerkenswerte Rede gehalten: gegen Waffenlieferungen, für nachhaltige - nichtmilitärische - Strategien und für eine Kooperation von Europa, Russland und USA. Weder die Friedens-Botschaft dieses sozialdemokratischen Atomwaffengegners noch der unerwartet gute Besuch des Ostermarsches kamen dann im Medienecho zur Sprache.

... Ein kleines handgemaltes Transparent, mit einem Lächeln am Straßenrand dargeboten, geht mir nicht aus dem Kopf. Es zeigte die Erde: "It’s a planet - not an empire."

...


Aus: "Wie Sahra Wagenknecht dank ZDF zur "Putinistin" wurde" Peter Bürger (11.10.2016)
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/49/49668/1.html


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« Reply #8 on: October 17, 2016, 01:06:21 PM »
Quote
[...]  Der Charakter der Bombe
Filed under: Dunkle Gedanken by Nachtwaechter — 5. Oktober 2016

Wenn die „unabhängigen“ und „freien“ Journalisten dir im Fernsehen und in den Zeitungen sagen, dass es gute Bomben gibt (über die sie, wann immer es sich vermeiden lässt, nicht viel berichten) und dass es böse Bomben gibt (deren Zerstörungskraft und Unmenschlichkeit sie gar nicht deutlich genug machen können), und wenn die Frage, ob die Bombe gut ist oder ob die Bombe böse ist, beinahe immer damit beantwortet werden kann, wer die Bombe abgeworfen hat, dann kannst du dir völlig sicher sein, dass du schon längst im Krieg bist. Dass du glaubst, in Frieden zu leben. Ist eine Illusion.



Quelle: https://tamagothi.wordpress.com/2016/10/05/der-charakter-der-bombe/

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« Reply #9 on: January 11, 2018, 01:41:30 PM »
Quote
[...] Berlin - Ein Schmied, der ein Schwert zur Pflugschar macht. Das Bild kannte in der DDR jeder, war in den 80er-Jahren Symbol der Friedensbewegung der evangelischen Kirche. Der Schöpfer des Logos war Herbert Sander, der jetzt mit 79 Jahren starb.

Stillleben, Landschaften, gerne malte er auch jüdische Friedhöfe. Sander wurde vor allem von der brandenburgischen Kunstszene geschätzt. Viele Ausstellungen zeigten die Bilder des Stahnsdorfers.  Wie erst jetzt bekannt wurde, starb der Künstler bereits am 4. Januar im Kreise seiner Familie an den Folgen eines Krebsleidens.

Sander studierte in Berlin Grafik und Malerei, arbeitete bis 1965 als Szenenbildassistent bei der Defa. Als freiberuflicher Grafiker und Maler gestaltete er 40 Jahre lang Plakate und Designs für Ausstellungen in den Schlössern und Gärten von Sanssouci. Doch sein bekanntestes Werk entwarf der Pazifist 1980 im Auftrag der evangelischen Kirche in der DDR: das Logo zu dem Bibelspruch „Schwerter zu Pflugscharen“. Mit dieser Grafik protestierte die Kirche gegen die Atomraketenpläne in Ost und West und gegen den Wehrkundeunterricht an DDR-Schulen.

Zuerst erschien das Bild auf Lesezeichen, dann auf Stoffaufnähern, die in den Gemeinden verteilt wurden. Etwa 100.000 Exemplare gab es. Vor allem Jugendliche trugen Sanders Grafik an Jacken oder Taschen.
Anfangs tolerierte die DDR-Führung das Symbol. Erstens war die Herstellung laut Gesetz legal, da das Bild auf Stoff und nicht auf Papier gedruckt wurde. Zweitens orientierte sich die Darstellung des „Schwerter zu Pflugscharen“-Schmiedes an einem Sowjet-Kunstwerk – an der Plastik des Bildhauers Jewgenij Wutschetisch, die die Sowjetunion 1959 der UNO schenkte. Das Denkmal war auch im Jugendweihe-Buch der DDR abgebildet.

Als der Aufnäher bekannter (und zum Symbol der Opposition) wurde, griff die Staatsmacht durch. Bei Polizeikontrollen mussten Träger den Aufnäher sofort abtrennen oder aufs Revier mitkommen, dort ihre Jacke abgeben. Jugendliche wurden wegen des Symbols von der Schule verwiesen. Auch Sander bekam Besuch von der Stasi, der aber ohne Folgen blieb. 2013 erhielt der Maler für sein Logo den Brandenburger Verdienstorden.


Aus: "Trauer um Herbert Sander Erfinder des Symbols „Schwerter zu Pflugscharen“ ist tot" Norbert Koch-Klaucke (10.01.2018)
Quelle: https://www.berliner-kurier.de/29464402

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« Reply #10 on: May 11, 2018, 04:56:07 PM »
Quote
[...] Es macht also und gerade heute Sinn, an Hellmut von Gerlach zu erinnern, wie es der Donat Verlag in Bremen mit der Neuauflage von zwei seiner Schriften in dem hier anzuzeigenden Buch tut. Den Ersten Weltkrieg als „Die große Zeit der Lüge“ beschreiben achtzehn kurze Kapitel, wie sie die Weltbühne im Nachkriegsjahrzehnt druckte. Sein 1921 geschriebener Essay setzt sich mit einem halben Jahrhundert deutscher Mentalität seit der Bismarckschen Reichsgründung von 1871 auseinander, sucht ihre Ursachen zu ergründen.

Beide Schriften aus der ersten Republik wirken in ihrer unverkrampften Sprache auf den Leser von heute völlig staubfrei. Die knappen Kapitel in „Die große Zeit der Lüge“ haben die Frische der Hebeischen Kalendergeschichten; wie sie führen sie vom persönlich Erlebten und der Anekdote zur Konklusion, die zur Geschichte geworden ist.

Zwei lesenswerte Beiträge am Anfang und Ende des Buches erhellen dem Leser Leben und Wirken des Hellmut von Gerlach. Adolf Wild beschreibt ihn als Demokraten mit jenem nüchternen Sinn, der seine Inneneinsichten zum Ersten Weltkrieg zur so überzeugenden Lektüre gemacht hat und noch heute sein läßt. Von Walter Fabian, dem vor einigen Jahren gestorbenen Zeitgenossen und Weggefährten Hellmut von Gerlachs, sind so aufschlußreiche wie anrührende Erinnerungen an diesen aufrechten Mann nachzulesen.

...

    Hellmut von Gerlach: Die große Zeit der Lüge - Der Erste Weltkrieg und die deutsche Mentalität (1871-1921); herausgegeben von Helmut Donat und Adolf Wild; Donat Verlag, Bremen 1994; 197 S.


Aus: "Ein später Aufklärer" (17. Juni 1994)
Quelle: https://www.zeit.de/1994/25/ein-spaeter-aufklaerer/komplettansicht

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Quote
[...] Hellmut Georg von Gerlach (* 2. Februar 1866 in Mönchmotschelnitz, Provinz Schlesien, Preußen; † 1. August 1935 in Paris) war ein deutscher Publizist, Politiker und Pazifist.

... Im Ersten Weltkrieg nahm Gerlach eine pazifistische Haltung ein. Dabei unterstützte er die Reformerin Helene Stöcker nach Kräften. Überzeugt von der deutschen Kriegsschuld, forderte er in seiner Zeitung Welt am Montag eine Verständigungspolitik. 1918 gehörte er mit Friedrich Naumann zu den Gründern der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und der Deutschen Friedensgesellschaft. 1918/1919 war Gerlach Unterstaatssekretär im preußischen Innenministerium. In diesem Amt setzte er sich für die deutsch-polnische Aussöhnung ein und war infolgedessen heftigen Anfeindungen ausgesetzt.

1919 trat er dem Rat des Internationalen Friedensbüros bei. Als Journalist kämpfte er gegen politische Umsturzversuche rechtsgerichteter Kreise. So trat er für die Erfüllung des Versailler Vertrags ein und prangerte die illegale Aufrüstung an. In der Welt am Montag setzte er sich besonders für eine deutsch-französische Verständigung ein. 1920 entging Gerlach nur knapp einem Mordanschlag nationalistischer Kreise. 1922 trat er aus der DDP aus und wurde 1926 Vorsitzender der Deutschen Liga für Menschenrechte. In dieser Funktion nahm er an mehreren internationalen Friedenskongressen teil. 1930 wurde Gerlach Gründungsmitglied der politisch einflusslosen Radikaldemokratischen Partei.

Für den inhaftierten Carl von Ossietzky übernahm er 1932 die politische Leitung der Zeitschrift Die Weltbühne. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1933 ging Gerlach ins Exil nach Österreich; er stand auf der im August in Kraft getretenen und veröffentlichten Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933. ... Er nominierte erfolgreich Carl von Ossietzky für den Nobelpreis. 1948 wurde in Deutschland die Hellmut-von-Gerlach-Gesellschaft gegründet, die sich um die Deutsch-Polnische Verständigung bemühte.


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hellmut_von_Gerlach (11. April 2018)

https://de.wikipedia.org/wiki/Pazifismus

https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Person_der_Friedensbewegung