Author Topic: [Precobs (Precogs & Pre-Crime)... ]  (Read 1993 times)

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[Precobs (Precogs & Pre-Crime)... ]
« on: December 01, 2014, 09:53:15 AM »
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[...] Minority Report ist ein US-amerikanischer Science-Fiction-Thriller des Regisseurs Steven Spielberg mit Tom Cruise in der Hauptrolle aus dem Jahr 2002. Das Drehbuch basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte des amerikanischen Autors Philip K. Dick aus dem Jahr 1956.

... Handlung: Washington, D.C. im Jahre 2054: John Anderton arbeitet für die Abteilung Precrime der Washingtoner Polizei, die mittels Präkognition Morde verhindern soll. Ermöglicht wird dies durch die drei sogenannten „Precogs“ Agatha, Arthur und Dashiell. Sie werden mit Medikamenten in einem Zustand zwischen Traum und Wachen gehalten, der für ihre hellseherischen Fähigkeiten besonders günstig ist. In ihren Visionen sehen sie die Morde der Zukunft voraus. ...

... Die britische Homicide Prevention Unit (HPU), eine 2004 (also nach der Entstehung des Films) gegründete Abteilung des Metropolitan Police Service, versucht mithilfe von Persönlichkeitsprofilen potenzielle Gewalttäter zu finden. Seit 2006 wird geplant, so als potenzielle Gewalttäter eingestufte Personen auch unter Umständen präventiv zu verhaften. Bei Nachrichtenmeldungen zu diesem Thema wurde wiederholt auf diesen Film verwiesen. In Washington DC gibt es seit August 2010 ein ähnliches Projekt, um Wiederholungstäter zu prognostizieren. Das weithin scharf kritisierte EU-Forschungsprojekt INDECT soll ab 2013 präventive, automatisierte Verbrechensbekämpfung aufgrund von Verhaltensanalysen auf der Basis von Überwachungskamera-Bildern ermöglichen.


Aus: "Minority Report" (27. November 2014)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Minority_Report

« Last Edit: October 02, 2018, 11:38:28 AM by Textaris(txt*bot) »

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[Pre Crime Observation System... ]
« Reply #1 on: December 01, 2014, 09:56:11 AM »
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[...] Die Polizei in Nordrhein-Westfalen wird Computerprogramme für Kriminalitätsvorhersagen testen. Anfang kommenden Jahres werde ein Projekt unter Leitung des Landeskriminalamts starten, teilte das NRW-Innenministerium auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Gregor Golland mit. Bislang war die Rede davon, dass ein solches Projekt geprüft werde; konkrete Termine gab es nicht.

Erste Ergebnisse würden in der zweiten Jahreshälfte erwartet. Die Polizeipräsidien in Duisburg und Köln seien in die Testphase eingebunden, von Oktober 2015 bis September 2016 sollen die dortigen Praxisphasen laufen. Bei einer erfolgreichen Testphase werde man die Software auch im Polizeialltag einsetzen.

"Predictive Policing" heißt die neue Methode. Programme sollen beispielsweise Einbrüche vorhersagen können. Dafür müssen tausende Einbrüche in die Datenbank etwa der Prognosesoftware "Precobs" ("Pre Crime Observation System") eingepflegt werden. Ähnliche Tests laufen bereits in Bayern und Baden-Württemberg.

Laut bayrischem Innenminsterium soll sich die Software bereits bewährt haben. In Zürich sollen mit dem Programm die Einbrüche um 14 Prozent zurückgegangen sein, die Software soll dort inzwischen im Regelbetrieb laufen. Mehr als 80 Prozent der Prognosen seien dort zutreffend gewesen.

Wird für ein Gebiet eine akute Einbruchsgefahr errechnet, können dort gezielt mehr Polizisten eingesetzt werden. Damit sollen die Verhaltensmuster von Profi-Einbrechern erkannt und für Vorhersagen genutzt werden. Täter kehren erfahrungsgemäß an Tatorte zurück, an denen sie sich auskennen und bereits Erfolg hatten. Beziehungs- oder Gelegenheitstaten fallen dabei allerdings durch das Raster. Das NRW-Innenministerium bezeichnete die Wirksamkeit solcher Software allerdings als noch nicht hinreichend belegt. (Mit Material der dpa) / (axk)


Aus: "NRW testet ab 2015 Software zu Kriminalitäts-Vorhersagen" (28.11.2014)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/NRW-testet-ab-2015-Software-zu-Kriminalitaets-Vorhersagen-2468412.html


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[Es ist der Traum jedes Polizisten... ]
« Reply #2 on: December 01, 2014, 10:02:44 AM »
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[...] Morde voraussagen kann die Maschine nicht - da ist meist zu viel Leidenschaft im Spiel: "Es gibt Verbrechen, die lassen sich nicht voraussehen. Tötungsdelikte geschehen ja meist im Familien- oder Bekanntenkreis", sagt Günter Okon. Mit Einbrüchen aber geht es, sagt der Analyst vom Landeskriminalamt. Zumindest mit genug Daten und guten Algorithmen. Wenn der 57-Jährige in seinem Büro am Ostbahnhof den Laptop aufklappt, zeigt sein neuer Helfer ihm eine Straßenkarte. Precobs hat Alarm geschlagen, westlich vom Englischen Garten markieren Quadrate mehrere 250 mal 250 Meter große Zielgebiete: rot, gelb, grün und blau. Die Farben signalisieren die Wahrscheinlichkeit, mit der dort an diesem Tag eingebrochen wird. Bei Rot ist sie am höchsten. Eine wichtige Information für die Beamten, die in der Gegend Streife fahren. "Precobs" heißt Okons Helfer: Die Software soll der bayerischen Polizei im Kampf gegen die dramatisch gestiegene Zahl der Einbrüche helfen.

Es ist der Traum jedes Polizisten, schon vor dem Verbrechen zu wissen, wann und wo es geschehen wird. In einem Pilotprojekt testet die bayerische Polizei nun eine Software, die genau das können soll: "Precobs" sagt vorher, in welchem Stadtgebiet und zu welcher Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit Einbrüche zu erwarten sind. Grundlage dafür sind statistische Berechnungen bereits verübter Delikte. Von Oktober an wird die Software im Münchner Präsidium laufen, Okon übt bereits im Simulationsmodus. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erhofft sich ähnliche Erfolge wie in Zürich, wo die Polizei bereits mit Precobs arbeitet: Innerhalb eines halben Jahres ist dort die Zahl der Einbrüche deutlich gesunken.

"Predictive Policing" - "vorhersagende Polizeiarbeit" - ist der Sammelbegriff für Technologien, die Verbrechen ermitteln sollen, bevor sie passieren ...

... Im "Vorgangsverwaltungssystem" der Polizei werden zu jedem Einbruch der vergangenen fünf Jahre der genaue Ort und andere Daten gespeichert. In Okons Tabellen steht etwa "Mehrfamilienhaus, Wohnung" - die Art des Tatorts; daneben "hebeln" oder "einsteigen" - der Modus Operandi. Wird ein neuer Einbruch gemeldet, den die Software als Teil einer möglichen Serie erkennt, löst der Computer Alarm aus. Die ermittelnden Beamten bekommen eine Mail mit der Karte und Hinweisen.

Die Fahnder wissen, dass professionelle Täter vor jedem Einbruch eine Art "Kosten-Nutzen-Rechnung" aufstellen. "Menschliches Verhalten ist musterbasiert", sagt Okon. "Das machen wir uns zunutze." Dass reiche Gegenden wie Bogenhausen oder Grünwald beliebte Ziele von Einbrechern sind, wissen Beamte mit Erfahrung natürlich auch ohne Software. Um alle Tatdaten genau auszuwerten, müssten Ermittler aber schier endlos vor Excel-Tabellen sitzen. Die Software findet Zusammenhänge zwischen Daten, die dem Menschen verborgen bleiben. Aufgabe der Polizisten ist es, die Ergebnisse richtig zu bewerten.

"Durch das neue Analyse-Instrument", sagt Minister Herrmann, "könnten wir Einsatzkräfte noch gezielter in die Brennpunkte steuern." Berechnet Precobs etwa, dass an einem Tag in einem bestimmten Straßenzug mit einem Einbruch zu rechnen ist, verstärkt die Polizei dort ihre Streifenpräsenz. In Zürich sei die Software, die die bayerische Polizei laut Münchner Präsidium etwa 100 000 Euro kostet, vor etwa einem Jahr zum ersten Mal zum Einsatz gekommen. "86 Prozent der Prognosen waren zutreffend", sagt Herrmann. Laut Innenministerium ist die Zahl der Einbrüche in Zürich innerhalb eines halben Jahres um 40 Prozent zurückgegangen. Die Münchner Polizei könnte solche Erfolge gut gebrauchen: Im Jahr 2011 gab es in Stadt und Landkreis 1035 Einbrüche, 2012 waren es 1214, im vergangenen Jahr 1452.

... Die Herstellerfirma, das Institut für musterbasierte Prognosetechnik aus Oberhausen, wirbt sogar damit, dass die Polizei in Zürich doppelt so viele mutmaßliche Einbrecher festgenommen hat wie vor dem Einsatz der Software. Der Unternehmensgründer, der Soziologe und Kriminalitätsforscher Thomas Schweer, sagt, dass der Zusammenhang von Raum und Kriminalität schon im 19. Jahrhundert erforscht worden sei. "Früher lief der Beamte mit Stecknadeln rum und steckte sie in die Karte an der Wand." Das könne Software mittlerweile besser. Datenschutzprobleme sieht er bei seinem Programm nicht: "Wir suchen Massenphänomene, keine Individuen." In den USA und anderen Ländern greifen Ermittler auch auf personenbezogene Daten zu: auf abfotografierte Nummernschilder etwa, oder auf Funkzellenabfragen von Handys.

In Bayern, sagt Schweer, werde dagegen eine Technik namens "near repeat" verwendet, die nur anonyme Tatdaten nutze. "Precobs" könne also nicht Einzelne in den Fokus der Ermittler rücken. Allerdings können Polizisten prüfen, wen sie in letzter Zeit in der gefährdeten Gegend kontrolliert haben, für die das System Alarm geschlagen hat. Der bayerische Datenschutzbeauftragte hat beim Innenminister Informationen über die Software angefordert. Anhand der Unterlagen will er anschließend entscheiden, ob er eine formelle Prüfung einleitet oder das Programm datenschutzkonform ist.

Gibt es keine Beschwerden und verläuft die Testphase positiv, könnte sich Okon vorstellen, die Software auch für andere Verbrechen zu nutzen, für Autodiebstahl etwa oder für Raub. Allerdings funktioniert das Programm nur bei Verbrechen, bei denen Täter methodisch statt impulsiv vorgehen. Morde werden sich nicht voraussagen lassen. Auch bei Beschaffungskriminalität hilft Statistik wenig. Drogensüchtige brechen oft planlos ein, sind auf schnelles Geld aus. Für den Computer handeln sie nicht rational genug.


Aus: "Gesucht: Einbrecher der Zukunft"  Jannis Brühl und Florian Fuchs (12. September 2014)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/digital/polizei-software-zur-vorhersage-von-verbrechen-gesucht-einbrecher-der-zukunft-1.2115086


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[Die Software Precobs... ]
« Reply #3 on: December 01, 2014, 10:34:52 AM »
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[...] Die Software Precobs, mit der Einbrüche vorhergesagt werden soll, hat sich bewährt. Das teilt das bayerische Innenministerium mit. Die Software des Institutes für musterbasierte Prognosetechnik (IfmPt) wird seit Anfang September in Nürnberg und München getestet. Innenminister Joachim Herrmann will die bis Mai 2015 laufende Machbarkeitsstudie mit der polizeilichen Verbrechens-Progonosesoftware nun auf ganz Bayern ausdehnen.

Precobs ist eine Statistiksoftware, die auf der Theorie der near repeats aufsetzt. Weil Einbrecher, Straßenräuber und Autoknacker nach bestimmten, erfolgreich "getesteten" Mustern vorgehen, werden diese Modi Operandi mit allen Variablen gespeichert. Anschließend werden statistische Korrelationen ähnlicher Gebiete hinzugezogen. So werden "Treffer" erzielt, in dem ein Alarm für bestimmte Planquadrate errechnet wird, die dann stärker von der Polizei bestreift werden.

Precobs soll mustergültig gearbeitet haben, berichtet die tageszeitung, als es einen Alarm für Mittelfanken ausgab: "Die Polizeistreife fuhr hin, hielt einen Wagen an und machte einen Einbrecher dingfest, der zur Fahndung ausgeschrieben war."

Precobs ist nach Darstellung des Institutes bereits bei der Stadtpolizei Zürich in den Dauerbetrieb übergangen. Dort überlässt die "Fachgruppe Fahndung Straßenkriminalität" die Analysearbeit dem Computer und soll damit die Zahl der Einbrüche in den vom System überwachten Gebieten die Zahl um 30 Prozent gesenkt haben. Gleichzeitig soll sich laut IfmPt die Verhaftungsquote verdoppelt haben.

Die deutsche Software des Soziologen Thomas Schweer konkurriert international mit der cloudbasierten Software PredPol, die ebenfalls aus einem universitären Projekt der Erforschung urbaner Kriminalität entstand. Mit dabei ist auch IBM mit seinem Produkt Blue CRUSH (Criminal Reduction Utilizing Statistical History) auf der Basis der eigens dafür übernommenen Statistik-Software-Firma SPSS.

Diese Systeme beschränken sich nicht mehr nur auf polizeiliche Falldaten, sondern beziehen Daten aus sozialen Netzwerken in ihre Prognosen ein. So destillierte die Polizei in Chicago aus einer Liste von 13.000 verdächtigen eine "Heat List" mit 400 Personen, die als potenzielle Gefährder gelten und präventiv von Beamten besucht wurden, ein Vorgehen, das der Aktivist Cory Doctorow als pseudowissenschaftliche Rassendiskriminierung brandmarkte. (Detlef Borchers) / (anw)


Aus: "Minority Report auf bayrisch: Musterbasierte Verbrecherjagd mit Precobs angeblich erfolgreich" (27.11.2014)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Minority-Report-auf-bayrisch-Musterbasierte-Verbrecherjagd-mit-Precobs-angeblich-erfolgreich-2467490.html

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[Predictive Policing.. ]
« Reply #4 on: January 12, 2015, 09:54:05 AM »
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[...] Drei deutsche Landeskriminalämter wollen Anwendungen zur polizeilichen Vorhersage von Straftaten testen: Bayern hat bereits eine Versuchsreihe zum “Predictive Policing” gestartet. Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen haben sich noch nicht auf eine konkrete Software festgelegt, holen aber Informationen zu Erfahrungen von Polizeibehörden in anderen Ländern ein.

Vielfach ist unklar was mit “Predictive Policing” eigentlich gemeint ist. Auch das Bundeskriminalamt (BKA) plant deshalb laut einer Mitteilung des Bundesinnenministeriums eine Auswertung entsprechender kriminologischer Ansätze und Theorien. Das hat das BKA auch bitter nötig, denn in seiner Einschätzung von “Predictive Policing” wird mit Falschbehauptungen hantiert. So heißt es beispielsweise zur Definition von “Predictive Policing”, dessen Fokus liege auf dem Deliktsbereich “Wohnungseinbruchdiebstahl”. Das ist Quatsch, denn sogar die bayerische Landesregierung hat angekündigt, dass Tests zwar hierauf beschränkt seien, die Anwendungsgebiete im Erfolgsfalle aber erweitert würden.

Uns liegt eine Studie des Landeskriminalamtes Niedersachsen vor, die “Predictive Policing” theoretisch betrachtet und dessen Wirkungsweise analysiert. Darin heißt es, dass nach einer aktuellen Umfrage in den USA 70 % der befragten Polizeidienststellen entsprechende Anwendungen einsetzen; insgesamt 90 % würden die Implementierung bis 2016 planen. Auch in Großbritannien, Südafrika oder Australien wird “Predictive Policing” eingesetzt. Das LKA Nordrhein-Westfalen hatte dort im Vorfeld seiner Studie Erkundigungen eingeholt.

Der Markt für polizeiliche Vorhersagesoftware ist mittlerweile stark gewachsen, es existieren sogar diverse Freeware-Programme. Pionier und Marktführer ist der IT-Konzern IBM mit seiner Software “Blue Crush”. Mittlerweile erhält IBM Konkurrenz vom System “PredPol”, das von einigen Universitäten mit der Polizei Los Angeles entwickelt wurde. Die meisten Anwendungen verknüpfen statistische Falldaten mit raumbezogenen Informationen, aber auch einem Veranstaltungskalender, Wetterdaten oder Zahltagen an denen viel Geld im Umlauf ist. Andere Hersteller bieten aber auch Vorhersagen auf Täterebene an oder verarbeiten Informationen zu Opfern.

... Das “Predictive Policing” macht sich die in allen Bereichen zunehmende Digitalisierung der Polizeiarbeit mit den dadurch verbundenen Möglichkeiten zunutze. Bestände von Datenbanken können miteinander in Beziehung gesetzt werden. Die wissenschaftliche Debatte benutzt hierfür der Begriff “Data Mining”. Um die Wirksamkeit solcher Verfahren zu erläutern, wird gern der Vergleich mit der Nadel im Heuhaufen bemüht: Die kann umso besser gefunden werden, je mehr Daten angehäuft und verarbeitet werden. Der Heuhaufen wird also vergrößert. So wird die Polizei ermuntert noch mehr Daten zu sammeln. Im Endeffekt könnten Innenministerien die Einführung der Software sogar als Begründung für die Einrichtung weiterer Datenbanken anführen.

Auch im IT-Bereich zeigt sich damit ein allgemeiner Trend in der Polizeiarbeit, mit immer mehr Kompetenzen zur “Gefahrenabwehr” das Vorfeld von Straftaten zu erkunden.

... Eine Software gegen Wohnungseinbrüche oder Fahrzeugdiebstähle wird auch die Vorurteile bei PolizistInnen verstärken. Denn ein computergestütztes Vorhersagesystem liefert keine Anhaltspunkte, wie denn vermuteten “Verbrecher” auszusehen haben oder zu erkennen wären. Eine Reportage der ARD hat gut dokumentiert, wie dann die üblichen Stereotypen bedient werden: Kontrolliert werden Menschen mit dunkler Hautfarbe, Kapuzenpullis und andere, offensichtlich unterprivilegierte Personen.

...


Aus: "LKA-Studie erklärt Für und Wider von “Predictive Policing” – Auch BKA liebäugelt jetzt mit Vorhersagesoftware" Matthias Monroy (09. Januar 2015)
Quelle: https://netzpolitik.org/2015/lka-studie-erklaert-fuer-und-wider-von-predictive-policing-auch-bka-liebaeugelt-jetzt-mit-vorhersagesoftware/


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[Alle fünf Minuten durchsucht das Programm... ]
« Reply #5 on: May 24, 2015, 12:18:31 PM »
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[...]  dass sämtliche Onlineaktivitäten der Bürger in Big-Data-Pools fließen. Dadurch entstehe eine neue Identität, die alle bisherigen Konzepte von nationaler Zugehörigkeit auf den Kopf stelle. Er selbst sagt gerne über sich, dass er ein „Bürger des Internets“ ist. Staatsbürgerschaften würden heute zunehmend von Algorithmen geprägt, was Bridle als „Algorithmic Citizenship“ bezeichnet. Dieses Konzept mache es aber notwendig, das bisherige Verständnis von Staatsbürgerschaften und –grenzen zu überdenken. Und damit auch die Welt als Ganzes.


Aus: "re:publica 15 / Keynote: Staatsgrenzen müssen neu definiert werden" von Martin Wiens (2015)
Quelle: https://www.wired.de/collection/latest/rp15-keynote-von-james-bridle

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Quote
[...] Ein russischer Thinktank hat eine Software entwickelt, die Proteste stoppen soll — bevor die Menschen überhaupt anfangen, zu demonstrieren. Das Überwachungsprogramm soll in Russland nun ganz offiziell Massenunruhen verhindern.

Die Punkband Pussy Riot weiß, wie schnell politische Kundgebungen in Russland hinter Gittern enden können. Öffentliche Märsche und Demonstrationen, die ohne Zustimmung der Regierung stattfinden, sind dort verboten. Und nun kann es Andersdenkenden sogar schon zum Verhängnis werden, wenn sie online auch nur mit Protesten liebäugeln: Der Putin-freundliche Thinktank „Forschungszentrum für Rechtmäßigkeit und politischen Protest“ hat eine Software entwickelt, die regimekritische Aktivitäten im Netz aufspüren soll. Sie ist seit wenigen Tagen im Einsatz.

Alle fünf Minuten durchsucht das Programm „Laplacescher Dämon“ Posts in sozialen Medien, um nicht autorisierte Aktionen zu unterbinden, bevor sie überhaupt ins Rollen kommen. Die Software durchkämmt dafür Einträge gezielt auf Informationen, die auf Protestplanungen schließen lassen. Wird das Programm fündig, werden die Strafverfolgungsbehörden eingeschaltet.

Der russischen Zeitung Izvestia sagte der Direktor des Thinktanks, Yevgeny Venediktov, dass neben den Behörden auch Forscher, Sozialwissenschaftler und Regierungsbeamte von der Software profitieren könnten: „Sie werden von Vorbereitungen illegaler Demonstrationen erfahren, lange bevor die Medien darüber berichten.“ Von einer Smartphone-App können sich Nutzer der Software etwa über bevorstehende Protestaktivitäten unterrichten lassen. Im Izvestia-Bericht wird die Erfindung als ein „System, das Massenunruhen verhindert“ beschrieben.

Die Entwickler haben ihr Programm nach einer Idee des französischen Mathematikers und Philosophen Pierre-Simon Laplace benannt. Der sogenannte „Laplacesche Dämon“ ist ein Weltgeist, der die Gegenwart in all ihren Facetten und Details kennt und daher die Zukunft voraussagen kann.

Laut Venediktov überwacht die Software landesweit „politisch ausgerichtete Gruppen, die mit sozialen Protesten aufgefallen sind“. Vorerst werden vor allem Nutzerseiten und Gruppen auf Facebook und dem russischen sozialen Netzwerk Vkontakte durchsucht. Im September 2015 soll dann auch Twitter in das System integriert werden.


Aus: "iese russische Überwachungs-Software macht Jagd auf Pussy Riot und Co." Moritz Geier (2015)
Quelle: https://www.wired.de/collection/latest/ein-programm-soll-russland-proteste-im-keim-ersticken


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[Precobs (Pre-Crime)... ]
« Reply #6 on: October 02, 2018, 11:37:34 AM »
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[...] Den Titel ihres aufwendigen Dokumentarfilms „Pre-Crime“ haben sich die Autoren Monika Hielscher und Matthias Heeder aus der Science Fiction geborgt. Steven Spielbergs „Minority Report“ wird als Quelle angegeben, aber eigentlicher Urheber ist der Schriftsteller Philip K. Dick, auf dessen Vorlage der Film von 2002 basierte. Darin beschrieb Dick, wie in der Zukunft Verbrechen geweissagt und verhindert werden können. Die nötigen Informationen verdanken sich einer Gruppe von prophetisch begabten Mutanten. Doch übersinnlicher Fähigkeiten bedarf es gar nicht. Ein zutreffenderes Bild entwarf 2011 der Drehbuchautor Jonathan Nolan, Bruder des Regisseurs Christopher Nolan, in seiner Fernsehserie „Person of Interest“. Dort gibt es einen Computer, der Gesetzesverstöße präzise ankündigt und auch gleich eine Wertung vornimmt, welche Verbrechen einen Polizeieinsatz rechtfertigen und welche nicht.

Nolan war hellsichtig genug, die Vorteile, aber auch Schwächen und Gefahren einer solchen Technik in seinen Serienentwurf einzubetten. Die technische Entwicklung hat Nolan eingeholt. Wie der Chicagoer Polizeireporter Jeremy Gorner im Film berichtet: „2012 wurde damit schon ein wenig experimentiert. Und 2013 ist es dann richtig losgegangen.“

Nicht nur in Chicago. Hielscher und Heeder waren in mehreren Städten in den USA, in Großbritannien, Frankreich, Deutschland unterwegs. Sie lassen Fachleute erklären, wie per Datenerhebung und Kameraüberwachung Prognosen erstellt werden, die ein rechtzeitiges Eingreifen der Polizei ermöglichen sollen. Da gibt es die harmlosere Variante, die aus statistischen Auswertungen urbane Verbrechensschwerpunkte errechnet. Für die Polizei eine Möglichkeit, die Routen ihrer Streifenwagen zu optimieren.

Andernorts gehen die Maßnahmen sehr viel weiter. Dort werden Listen mit konkreten Namen erstellt. Robert McDaniel aus Chicago, wegen geringfügiger Delikte mehrfach verurteilt, wurde registriert, weil er einmal gemeinsam mit einem späteren Gewaltopfer festgenommen worden war. Fortan galt er selbst als potenzieller Gewalttäter. Und bekam, für den Film nachinszeniert, Besuch von einer Polizistin und einem Sozialarbeiter, die den überraschten Mann darüber aufklärten, dass er auf der Liste der vierhundert gefährlichsten Menschen Chicagos verzeichnet sei und von der Polizei entsprechend überwacht werde.

Smurfz, ein schwarzer Jugendlicher aus London, machte eine ähnliche Erfahrung. Er erhielt eine Art Mahnbrief. Darin wurde ihm mitgeteilt, dass er festgenommen werden könne, wenn er am Schauplatz eines Verbrechens angetroffen werde oder auch nur in den Verdacht gerate, es nicht verhindert zu haben. Er erhielt den Ratschlag, sich an die Bezirkspolizei oder eine Hilfsorganisation zu wenden, die beim Ausstieg aus dem Milieu behilflich sind. Auch seine Freunde hatten solche Briefe erhalten. Der Computer hatte aus einer Freundesclique eine Verbrecherbande gemacht.

Das Londoner System heißt „Matrix“. Der Titel einer weiteren filmischen Dystopie. Im Kommentar stellen Hielscher und Heeder die berechtigte Frage: „Gibt es eigentlich einen Algorithmus, der auf Wirtschaftsverbrechen zielt?“

Die Qualität dieser Algorithmen wird im Film fachkundig hinterfragt. Die Firmen, die die Computerprogramme entwickeln und für teures Geld an die Behörden verkaufen, halten ihre Kriterien geheim. Wie und wen sie als gefährlich abstempeln, liegt teils gar nicht in den Händen der Justiz, sondern in denen privater Unternehmen. In den Datenbestand fließen Angaben ein, von deren Verwertung die Betroffenen oft gar nichts wissen, Kreditanträge, Reisebuchungen, natürlich die Aktivitäten in den gewerblichen und sozialen Web-Medien. Dass ein ein solches System auch missbräuchliche Verwendungen ermöglicht, versteht sich von selbst.

Wie blauäugig dieser mehr oder minder heimlichen Datenerhebung begegnet wird, belegt der Umstand, dass selbst ansonsten zeitkritische publizistische Medien Unternehmen wie Netflix dafür loben, dass sie das Nutzerverhalten ihrer Kunden akribisch analysieren und merkantil verwerten.

In der neunzigminütigen Koproduktion von Arte und WDR geht es vielfach um Dinge, die im Verborgenen stattfinden. Das Autorenteam meistert die Herausforderung, für abstrakte Vorgänge treffliche Bilder zu finden. Die filmische Gestaltung ist sogar ausgesprochen hochwertig und für sich schon eine Attraktion, die das Einschalten lohnt. Interviewpartner werden häufig in Außenaufnahmen, sogar in Bewegung gezeigt. Es gibt Luftaufnahmen engmaschig überwachter Metropolen und Trickeinblendungen mit Informationen oder als Fingerzeig auf bestimmte Personen, Gebäude oder Vorgänge. Diese flimmernde, bewusst Beunruhigung schürende Ästhetik ist aus der oben erwähnten Fernsehserie „Person of Interest“ gut bekannt.

Einer inhaltlichen Überfrachtung und möglichen Überreizung beugen die Autoren wirksam vor, indem sie ruhige Sequenzen von einer unberührten Felsküste einbauen, wo ein Cartoonist hoch über dem Meer über das Gehörte nachdenkt, es illustriert und kommentiert. Seine letzten Worte im Film: „Willkommen in der Matrix.“


Aus: "Rechnerisch zum Gewalttäter erklärt" Harald Keller (01.10.2018)
Quelle: http://www.fr.de/kultur/netz-tv-kritik-medien/tv-kritik/pre-crime-arte-rechnerisch-zum-gewalttaeter-erklaert-a-1594284,0#artpager-1594284-1

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« Reply #7 on: March 19, 2019, 11:30:26 AM »
Quote
[...] Weltweit versuchen Sicherheitsbehörden, mit Hilfe von Methoden des so genannten "Predictive Policing" (PrePol), die Wahrscheinlichkeit für Verbrechen an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten einzuschätzen. Dazu nutzen sie analytische Werkzeuge auf der Grundlage statistischer Evidenzen, Computerprogramme, die Wahrscheinlichkeiten ausrechnen. Haben sie die Einschätzung, reagieren die Behörden, beispielsweise indem mehr Beamte in einem Risikogebiet Streife gehen.

PrePol ist heutzutage weit verbreitet: So etwa setzen die meisten Polizeidienststellen in den USA entsprechende Methoden ein. Ebenso setzen die deutschen Strafverfolger auf Predictive Policing, und natürlich die österreichischen Behörden.

Es gibt allerdings einige Besonderheiten in Österreich gegenüber Deutschland. Hierzulande ist die Polizei weitgehend Sache der Länder, unser Nachbarland dagegen ist relativ zentralistisch: Also hat das dortige Bundeskriminalamt (BK) das Sagen, anders als in Deutschland, wo denn auch ganz unterschiedliche PrePol-Ansätze und -Systeme verwendet werden. Außerdem gibt es in Österreich eine sehr besondere Polizeidatenbank, den Sicherheitsmonitor (SiMo), worauf jeder Polizist in ganz Österreich Zugriff hat.

PrePol ist auch in Österreich umstritten. So stellt sich die Frage, welche Software man nutzt – es sind eine ganze Reihe Programme auf dem Markt. Außerdem gibt es mehrere Ansätze für Prognosen, je nachdem, welche kriminologischen oder soziologischen Annahmen man zugrunde legt. Schließlich ist die Erfolgskontrolle schwierig. Und letztlich unterstützt PrePol nur das, was die Polizei sowieso macht: Neuerungen sind unwahrscheinlich.

Jacques Huberty ist Leiter des Büros für räumliche Kriminalanalyse und Geographic Profiling in der Abteilung Kriminalanalyse des Bundeskriminalamtes in Wien. "Wir haben drei große Bereiche, in denen wir Predictive Policing nutzen: seit dem Jahr 2004 die klassische Hot-Spot-Analyse und seit 2015 den Near-Repeat-Ansatz, und in diesem Jahr wollen wir auch mit dem Risk Terrain Modeling anfangen." Die Frage ist: Welche Methoden sind für welche Delikte sinnvoll?

In der Hot-Spot-Analyse identifiziert und untersucht man sogenannte Hot Spots, also Orte, an denen dauerhaft besonders viele oder ähnliche Delikte verübt werden. Pionier der Methode ist der israelisch-amerikanische Soziologe David Weisburd.

Hot Spots könne man leicht erkennen, aber die Frage sei, wann die Polizei davon profitiert, erklärt Jacques Huberty: "Im Grunde kann man diese Hot-Spot-Analysen in Bezug auf jedes Delikt anwenden, aber da muss man auch ein bisschen mit dem Menschenverstand arbeiten und bedenken, dass Taschendiebstähle natürlich vor allem in Tourismusgegenden begangen werden, also etwa in Wien im Ersten Bezirk. Und da braucht man im Grunde keine Hot-Spot-Karte, keine sogenannte 'Heat Map'." Für andere Delikte sei diese Methode dagegen durchaus sinnvoll: "Kfz Entfremdung, teilweise Körperverletzungen und vor allem Sachbeschädigungen, wenn wir im Graffitibereich unterwegs sind, das sind alles Deliktbereiche, für die Hot Spot-Analysen sinnvoll sind."

Der Near-Repeat-Ansatz geht davon aus, dass bei einer Straftat in einem Gebiet die Wahrscheinlichkeit für Folgetaten steigt. Diese Theorie wurde vor allem für Wohnungseinbrüche getestet und setzt voraus, dass Einbrecher rational handeln.

Auch in Österreich liegt der Fokus ihrer Anwender auf Wohnungs- und Wohnhauseinbrüchen, erklärt Huberty: "Dieses Phänomen des Near Repeat tritt meistens in der dunklen Jahreszeit auf, es beginnt ungefähr im November und zieht sich dann bis Februar oder März durch. Dann wird es früher dunkel, die Leute sind aber noch bei der Arbeit: Dann wird vermehrt eingebrochen."

Dies Phänomen trete in Europa ebenso wie in den USA auf, eigentlich weltweit. Und hier könne man die Prognosen dann genauer eingrenzen: "Wir schauen dann, gibt es Delikte, die zeitlich und räumlich beieinanderliegen? Die Algorithmen ergeben solche Prognosen, wir untersuchen das genauer und erstellen daraus Risikogebiete, in denen dieses Phänomen öfters vorkommt." In diesen Gebieten würden dann Polizisten, in Uniform oder in Zivil, Streife gehen, "um hier präventiv tätig zu werden, etwa um Menschen zu kontrollieren, die auffälliges Verhalten an den Tag legen."

Er ist zufrieden: "Wir arbeiten seit 2015 mit dem Near-Repeat-Ansatz und die Zahlen sprechen dafür, dass wir ziemlich großen Erfolg haben."

Beim Risk Terrain Modeling (RTM) handelt es sich um eine Methode, um mithilfe von Techniken aus Geoinformationssystemen (GIS) die Beziehung von Verbrechen und Umgebungsfaktoren zu untersuchen. Bei dieser Methode nutzt man also auch Informationen, die nichts mit Verbrechen zu tun haben, sie geht in Richtung Big Data. Solche Umgebungsfaktoren können etwa die Nähe von Bars oder Parks sein oder auch eine Altbaubebauung mit unsicheren und schlecht gesicherten Kassettentüren. Methode – und Software – wurden vom Rutgers Centre on Public Security entwickelt.

Diese Methode ist umstritten, weil eben auch Daten einfließen, die Unbeteiligte betreffen. Und wenn ein Gebiet als "Risikofläche" bewertet wird, könnten dort Immobilienpreise und Mieten sinken, was – zumindest für Eigentümer – einen Nachteil bedeute. Dem hält Huberty entgegen: "Wir nutzen Flächen- und Verkehrsdaten, die zum Großteil sowieso öffentlich verfügbar sind. Außerdem untersuchen wir zwar den Modus Operandi, aber keine Individuen, wir nutzen keine personenbezogenen Daten. Und schließlich sind diese Risikoprofile, die erstellt werden, natürlich nur für den dienstlichen internen Gebrauch bestimmt. Da wird nichts öffentlich."

Es gehe um eine rein statistische Auswertung in Bezug auf die Delikte. Ein gutes Beispiel seien Verkehrsdaten: "Die haben nun einmal Einfluss, etwa auf Körperverletzungen" – so etwas geschehe eher in der Nähe einer Straßenbahn oder U-Bahn. Vor allem käme die Arbeit der Polizei letztlich jedem zugute.

In Österreich wurde in den Jahren 2013 bis 2015 ein Forschungsprojekt zum Thema PrePol durchgeführt. Die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft unterhält das österreichische Sicherheitsforschungsförderprogramm KIRAS (ein Kunstwort, zusammengesetzt aus den griechischen Worten kirkos (Ring) und asphaleia (Sicherheit)). In diesem Rahmen hat das JOANNEUM RESEARCH in Graz zusammen mit Projektpartnern das Projekt "Crime Predictive Analytics" (CriPA) durchgeführt, im Frühjahr 2015 wurde es getestet.

Die Koordination hatte die Mathematikerin und Statistikerin Ulrike Kleb vom JOANNEUM RESEARCH, ein insgesamt vierköpfiges Team führte das Projekt durch: "Wir sind ja eine Forschungsgruppe, die sich mit Datenanalyse und statistischer Modellierung beschäftigt; wir haben die Unterstützung des Bundeskriminalamtes und die passenden Projektpartner gewonnen." Projektpartner waren vom Bundesministerium für Inneres das Bundeskriminalamt Abt. II/BK 4, das Daten zur Verfügung stellte. Dazu kamen die SynerGIS Informationssysteme GmbH, die als österreichischer Vertreter von ESRI das Geoinformationssystem ArcGIS vertreibt, mit dem man räumliche Kriminalitätsdaten analysieren kann. Außerdem waren beteiligt der Interfakultäre Fachbereich Geoinformatik - Z_GIS der Universität Salzburg, und das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) für die Untersuchung der Einstellung der polizeilichen Akteure zu Methoden des PrePol.

"Räumlich haben wir uns in der Untersuchung auf Wien und Graz konzentriert, und hier auf Einbruchsdelikte sowie am Rande auch Raubdelikte", erklärt Ulrike Kleb. "Mithilfe von ArcGIS wurden Einbrüche visualisiert, räumlich und zeitlich, Muster ermittelt und Prognosen erstellt, wie wahrscheinlich es ist, dass in einem bestimmten Umkreis innerhalb der nächsten drei beziehungsweise sieben Tage wieder ein Einbruch verübt wird."

Das Ganze basierte hauptsächlich auf dem Near-Repeat-Ansatz: "Wir haben Risikofaktoren in den Daten überprüft und zum Teil auch Muster gefunden, und auf deren Basis dann eine Prognose erstellt, wie wahrscheinlich ist es, dass es in diesem Bereich wieder zu einem Einbruch kommt." Auf einer Karte wurden begangene Einbrüche eingetragen und Gebiete farblich markiert, in denen das Risiko für Einbrüche im nachfolgenden Monat besonders hoch war.

Philip Glasner hat gleichzeitig für SynerGIS und die Universität Salzburg am Projekt teilgenommen; SynerGIS hat auf Basis der Analysen eine Demonstrations-Software entwickelt. Diese wurde in zwei Testphasen überprüft, sowohl mit zukünftigen Prognosen als auch rückblickend mit nachträglichen Überprüfungen vergangener Prognosen. Dabei zeigte sich, dass die Demonstrationssoftware ungefähr so genaue Prognosen brachte wie man es aus der Fachliteratur von anderen Programmen kennt. Sie wurde von der Polizei zwar nicht übernommen, aber die Ergebnisse des Projektes haben Eingang gefunden in deren Arbeit, "das ist ein Erfolg", sagt Ulrike Kleb.

Mitarbeiter des IRKS führten offene mündliche Interviews mit Leuten aus unterschiedlichen Hierarchieebenen: "Bei einem halben Dutzend Kommissariaten hatten die Leute die Möglichkeit, uns ihre Sicht auszubreiten", sagt Arno Pilgram, Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim IRKS. Und wie sah die aus? Grob gesagt, waren Polizisten auf dem Land skeptischer als in der Stadt, waren Ältere skeptischer als Jüngere, und waren Generalisten skeptischer als Spezialisten.

"Wir haben festgestellt, dass die Polizei eine höchst heterogene Organisation ist, und dass es da doch diskrepante Sichtweisen gibt, was die Perspektive betrifft, mit diesen Instrumenten zu arbeiten, es ging von begeisterter Aufnahme bis hin zu Skepsis", sagt Arno Pilgram. Zudem gab es auch Vorbehalte, die teils "auch aus Erfahrungen gespeist waren, dass solche Projekte auch manchen als Karrierevehikel oder als Hilfe bei Auseinandersetzungen im Konkurrenzkampf dienen, dass sie also nicht wirklich sachlich ehrlich gemeint sind."

Die österreichische Polizei hat ebenso wie die Polizeien anderer Staaten eine polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), dazu aber auch eine weitere Datenbank, den so genannten "Sicherheitsmonitor". Während in der PKS die endgültigen kriminalpolizeilichen Ergebnisse nach Abschluss der Ermittlungen erscheinen, werden in den Sicherheitsmonitor auch unbestätigte Verdachtsmomente eingespeist, es ist also eine beständig aktualisierte Momentaufnahme von Ereignissen, Handlungsweisen und Verdachtsmomenten.

"Darauf hat jeder Polizist Zugriff, und das österreichweit", sagt Jacques Huberty. "Wenn jemand zur Polizei geht und Anzeige erstattet, trägt der Polizist die betreffenden Informationen in ein System namens 'Protokollieren-Anzeigen-Daten', kurz PAD, ein, und sobald gewisse Parameter wie zum Beispiel Straftat, Paragraf, Tatort, und Tatzeit auftauchen, dann überspielt PAD es automatisch in unseren Sicherheitsmonitor und wir können das innerhalb weniger Minuten abfragen. Da können wir dann Statistiken und räumliche Analyse erstellen. Wir können gewisse Fälle, die uns besonders interessieren, genauer anschauen. Jeder Polizist in ganz Österreich hat Zugriff auf diese Datenbank."

Diese Daten allerdings sind sensibel, das machte es für die Projektpartner von Hochschule und Wirtschaft schwierig, erklärt Ulrike Kleb. Außerdem hätte man gern weitere Informationen gehabt, etwa, ob es sich bei Einbrüchen um Serieneinbrüche oder Gelegenheitstaten gehandelt hätte. Diese gab es aber nicht.

Ähnlich Arno Pilgram: "Es war kein Big-Data Projekt, sondern blieb im engen Rahmen von Daten aus dem Sicherheitsmonitor, die in der Praxis ja schon genutzt werden. Außerdem hat man keine personenbezogenen Daten mit einbezogen. Die Polizei verfügt über Datenbestände zu Taten und zu Personen, die aus guten Gründen strikt voneinander getrennt bleiben."

Dazu kam, dass die Qualität zumindest der älteren Daten nicht den Erwartungen entsprach. Die Projektpartner bekamen Daten aus fünf Jahren, und "in den ersten drei Jahren stand bei etwa der Hälfte der Datensätze unter Modus Operandi 'Aufbrechen (Sonstige)'", sagte Philip Glasner, "aber es gibt auch ein Freitextfeld, und da stand dann oft etwas ganz anderes, oder es gab Abkürzungen oder auch Rechtschreibfehler. Das machte die Auswertung auf Basis des Modus Operandi schwierig und nahezu unmöglich."

Das beklagt auch Ulrike Kleb: "Die Datenqualität war am Anfang deutlich schlechter. Immer wieder zeigte sich bei Plausibilitätstests, dass irgendwelche Dinge unlogisch waren und so nicht stattgefunden haben konnten. Aber daran hat das Bundeskriminalamt in den vergangenen Jahren stark gearbeitet, denke ich."

Dies alles aber beeinflusst das System als solches. Arno Pilgram: "Bei vielen Instrumentarien des PrePol sucht man Kriminalität immer nur dort, wo die Polizei sie schon gefunden hat. Das bedeutet gleichzeitig, dass man andere Dinge ganz bewusst NICHT ins Auge fasst. Die Polizei als Kontrollinstanz hat von vornherein und ganz bewusst bestimmte Verdachtshaltungen - schließlich weiß man dort aus Erfahrung, wo man suchen muss, um etwas zu finden."

Aber vielleicht könnte man auch ganz woanders etwas finden, wenn man nur suchte? "Man weiß aus der kritischen Kriminologie, dass gewisse gesellschaftlichen Gruppen vor Verdacht geschützt sind. Das Interessante bei PrePol wäre, auf der Grundlage vieler unterschiedlicher Daten zu prüfen, ob man so zu kontraintuitiven Ergebnissen käme, zu unerwarteten Ergebnissen."

Ein weiteres Problem von PrePol besteht darin, dass man es schlecht überprüfen kann: Angenommen, die Software sagt eine hohe Wahrscheinlichkeit an einem bestimmten Ort voraus und die Polizei läuft dort vermehrt Streife. Wenn dann nicht eingebrochen wird – liegt es an der Polizei? Oder wäre ohnehin nicht eingebrochen worden, weil ein Fehler im System steckte, der Einbrecher erkältet war, oder aus irgendeinem anderen Grund?

Helmut Hirtenlehner, Kriminologe an der Universität Linz, ist denn auch skeptisch: "Die Befunde sind nicht besonders belastbar. Einige weisen darauf hin, dass PrePol helfen kann, Tatbegehungsraten zu senken, andere wiederum sind da nicht so optimistisch." Und dazu komme noch ein anderes Problem: "Wenn in einem bestimmten Bereich in eine hohe Einbruchswahrscheinlich vorhergesagt wird und die Polizei dann komprimiert Streife geht und dort nichts passiert - organisierte osteuropäische Banden zum Beispiel wechseln vielleicht einfach nur den Tatort. Aber so etwas ist schwer nachzuweisen."

Ähnlich Philip Glasner: "Ich bin vorsichtig mit Zahlen. Die kann man so interpretieren, wie es einem wichtig ist. Ob Erfolgsmeldungen ausschließlich auf ein Predictive-Policing-Tool zurückzuführen sind, ist zu hinterfragen: Es ist schwierig zu messen, welche Maßnahmen den Rückgang der Einbruchskriminalität tatsächlich bewirkt haben."

Dagegen Jacques Huberty: "Diese Methoden haben einen grundsätzlich präventiven Charakter und wir alle wissen, dass es eben nicht DIE Art und Weise gibt, wie man Prävention messen kann." Er ist überzeugt von PrePol. Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Dämmerungseinbrüche werden nämlich jährlich ausgewertet, wobei die Parameter der eingesetzten Methode hinterfragt und angepasst werden und Feedback von den Streifendiensten, Ermittlungsbereichen sowie Spurensicherungsteams eingeholt wird.

Der Trend bei der Zahl an Wohnungs- und Wohnraumeinbrüche unterliegen geht derzeit nach unten, und die Aufklärungsquote steigt, was für die Gesamtstrategie der österreichischen Polizei in diesem Deliktsbereich spricht. "Wir haben für Gesamtösterreich einen Rückgang von 23 Prozent an Einbrüchen in der Dämmerungssaison. Das betrachte ich als einen Riesenerfolg." (jk)


Aus: "Missing Link: Predictive Policing - Verbrechensvorhersage zwischen Hype und Realität"  Ulrike Heitmüller  (17.03.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Predictive-Policing-Verbrechensvorhersage-zwischen-Hype-und-Realitaet-4338256.html?seite=all

Quote
     Forenarzt, 18.03.2019 00:31

Ist euch auch aufgefallen, dass nirgends die Rede von "Hotspots" für "White collar"-Kriminalität, also z.B: bandenmäßig organisierte Steuerhinterziehung, Korruption und sonstige Wirtschaftskriminalität ist?

Ich bin sicher, dass es spannende Korrelationen gibt zwischen Grundstücksgröße, Anzahl der privaten Hausangestellten, Beziehungen in die politische Ebene u.a. gibt, sodass man doch ab und zu mal ein paar Ermittler bei den entsprechenden Stellen vorbei schicken sollte.

Steht jetzt nicht ganz oben auf der Agenda, oder?


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    Cabriofahrer, 17.03.2019 14:19

Predictive Überwachung

https://derstandard.at/2000099633947/Fast-drei-Millionen-Kennzeichen-ohne-Anlass-erfasst


Quote
     MM72, 18.03.2019 11:40

Re: Predictive Überwachung

Facebook:
"Das war in unseren AGB aber verboten!" (c) Facebook

Google würde sagen:
"Ooops. Versehentlich!!!" oder "Davon haben wir erst aus der Presse erfahren!" (c) Google

Microsoft:
"Das sind nur Telemetriedaten, nichts persönliches." (c) Microsoft

Autohersteller:
"Das hilft uns Dein Fahrerlebnisses zu verbessern."

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (18.03.2019 11:42).


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     Wahrheitsager, 17.03.2019 10:39

PrePol hatte früher jeder Dorfpolizist..

...der wusste:
- Prügeleien mit Körperverletzung fand immer in der Nähe der Dorfkneipe statt,
- Taschendiebstahl konzentrierte sich auf dem Viehmarkt,
- Sexualdelikte meistens beim Feuerwehrball
- und Kirschen aus den Nachbarsgarten wurden meist geklaut, wenn sie reif waren.

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