Author Topic: [Notizen zur Zivilisation... ]  (Read 9963 times)

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[Notizen zur Zivilisation... ]
« on: August 26, 2012, 12:08:40 nachm. »
"Zivilisiertheit ist ein Verhalten, das die Menschen voreinander schützt und es ihnen zugleich ermöglicht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden."
- Richard Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Frankfurt am Main 1986, S. 335

"Der zivilisierte Wilde ist der schlimmste aller Wilden."
- Karl Julius Weber, Demokritos

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Quote
[...] Über den Prozeß der Zivilisation (1939) ist das erste große wissenschaftliche Werk des deutschen Soziologen Norbert Elias (1897–1990) und begründete seine Zivilisationstheorie. In diesem Werk beschreibt er den langfristigen Wandel der Persönlichkeitsstrukturen in Westeuropa im Zeitraum von etwa 800 bis 1900 n. Chr., dessen Richtung er mit dem Begriff Zivilisation kennzeichnet. ... Die Veränderung des menschlichen Verhaltens, der Affekte und Empfindungen, sieht Norbert Elias als einen Teil des Prozesses der Zivilisation. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_den_Proze%C3%9F_der_Zivilisation


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Quote
Die Entscheidung andere Menschen zu bedrohen, zu schlagen, zu bepinkeln, gar zu töten trifft jeder selbst und er zeigt damit wo er steht zivilisatorisch. ...

Quelle: http://www.spreeblick.com/blog/2015/08/25/entscheide-dich-endlich-deutschland/#comment-1668384
Kommentar zu: http://www.spreeblick.com/blog/2015/08/25/entscheide-dich-endlich-deutschland/

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Als Zivilisation (von lateinisch civis ‚Bürger‘) wird eine menschliche Gesellschaft bezeichnet, bei der die sozialen und materiellen Lebensbedingungen durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht und von Politik und Wirtschaft geschaffen werden. Allgemeingültige Kennzeichen für Zivilisationen sind die Staatenbildung, hierarchische Gesellschaftsstrukturen, ein hohes Maß an Urbanisierung und eine sehr weitgehende Spezialisierung und Arbeitsteilung. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Zivilisation


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Quote
[...] Und so wie die arabische oder die muslimisch geprägte Welt nicht einfach so tun können, als hätte sie mit Massenmördern wie Usama bin Ladin oder Saddam Hussein rein gar nichts zu tun,  so kann auch der Westen seine kolonialen Verbrechen, seine Menschenverachtung, seine Hitlers und Stalins nicht aus der eigenen Geschichte herausdefinieren.

....


Aus einer Studie von Jochen Hippler: "Krieg, Repression, Terrorismus - Politische Gewalt und Zivilisation in westlichen und muslimischen Gesellschaften", 2006 [185 Seiten])
Quelle: http://www.ifa.de/pdf/dokument/gewaltstudie_de.pdf

-.-

Quote
[...] Darf man, oder unser Militär, dürfen unsere Geheimdienste im Grenzfall – gesetzt, es gehe um die Abwehr einer (inter)nationalen Bedrohung – foltern? Wie brutal, wie gewalttätig darf der Staat seinem potentiellen Feind gegenübertreten? Und wie sehr darf er sein eigenes Auftreten verharmlosen? Diese Fragen beschäftigen mich mit Nachdruck, seitdem Bush in der zweiten Märzwoche sein Veto gegen ein vom US-Kongress bereits verabschiedetes Gesetz zur Abschaffung umstrittener Verhörmethoden (Stichwort Waterboarding) eingelegt hat.

....


Aus: "Dünn ist die Decke der Zivilisation" Von willyam.j (12.05.2008)
Quelle: http://community.zeit.de/user/willyamj/beitrag/2008/05/12/duenn-ist-die-decke-der-zivilisation

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Quote
[...] Der Begriff Zivilisation ist von dem im Deutschen seit dem 17. Jahrhundert belegten Adj. zivil (bürgerlich, von lat. civis, „Bürger“) abgeleitet. Er bezeichnet die durch Fortschritt von Wissenschaft und Technik ermöglichten und von Politik und Wirtschaft geschaffenen Lebensbedingungen. Im 18. Jahrhundert benutzte man im Französischen die Idee der Zivilisation als Gegensatz zum Begriff „Barbarei“. So konnten nichteuropäische Gesellschaften als unzivilisiert charakterisiert werden. In den romanischen und angelsächsischen Sprachen werden die Begriffe „Kultur“ und „Zivilisation“ anders als im Deutschen gebraucht. Die Geschichtswissenschaft versteht unter Kulturen großräumige und langlebige Gebilde, die eine große Prägekraft entwickeln, obwohl sie häufig eine Vielzahl von Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen aufweisen.

... Norbert Elias hat (zuerst 1939 in Über den Prozess der Zivilisation) den Begriff „Zivilisation“ im Sinne von „Zivilisierung“ verwendet. In diesem Hauptwerk beschreibt er „Zivilisierung“ als einen langfristigen Wandel der Persönlichkeitsstrukturen, den er auf einen Wandel der Sozialstrukturen zurückführt. Faktoren des sozialen Wandels sind der kontinuierliche technische Fortschritt und die Differenzierung der Gesellschaften einerseits sowie der ständige Konkurrenz- und Ausscheidungskampf zwischen Menschen und Menschengruppen andererseits. Diese führen zu einer Zentralisierung der Gesellschaften (Einrichtung staatlicher Gewalt- und Steuermonopole) sowie zur Geldwirtschaft. Das Bindeglied zwischen diesen sozialstrukturellen Veränderungen und den Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur ist die Tatsache, dass die gegenseitigen Abhängigkeiten wachsen, die „Interaktionsketten“, in die Menschen eingebunden sind. Dies erzwingt eine zunehmende Affektkontrolle, d. h. zwischen spontanem emotionalem Impuls und tatsächlicher Handlung tritt immer mehr ein Zurückhalten dieses Impulses und ein Überdenken der (Rück-)Wirkungen des eigenen Handelns. Diese Haltung wird durch Verstärkung des „Über-Ich“ verinnerlicht und verfestigt, d. h. der Zentralisierung innerhalb der Gesellschaft folgt mit gewisser Verzögerung eine „Zentralisierung“ innerhalb der Persönlichkeit. Dies bewirkt ein Sinken der Gewaltbereitschaft, ein Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwellen sowie eine Psychologisierung (Steigerung der Fähigkeit, die Vorgänge innerhalb anderer Menschen zu verstehen) und Rationalisierung (Steigerung der „Langsicht“, d. h. der Fähigkeit, die Folgen der eigenen Handlungen über immer mehr Glieder der Kausalketten „vorauszuberechnen“).

Elias zeigt dies mit umfangreichem empirischem Material besonders am Beispiel der französischen Geschichte, in der diese langfristigen Trends besonders frühzeitig zu beobachten waren. Seit dem Mittelalter kam es zur „Verhofung“ bzw. „Verhöflichung“ des alten Burg- und Landadels an den Höfen der ihre Macht konzentrierenden Monarchen. Dies folgte im Wesentlichen der Entstehung der stehenden Söldnerheere und ihrer Finanzierung durch ein sich modernisierendes monetäres zentrales Steuerwesen (anstelle von Naturalabgaben). Die neue Heeresverfassung machte die unzuverlässigen feudalen Heere des Adels überflüssig, da sie dank der Steuern auch bezahlt werden konnte, die wiederum der Adel nicht erheben konnte und relativ zur Zentralmonarchie verarmte. Der König (am gewandtesten Ludwig XIV.) eröffnete dann den Adeligen am Hofe neue Karrierechancen, wo sie statt auf Faustrecht auf Courtoisie und höfisches Intrigieren umgeschult wurden, also auf psychologischen Scharfblick, und aus Raufbolden mit Schwertern Hofleute mit Galanteriedegen wurden. Das Ganze war ein von niemandem geplanter strukturierter Prozess sozialen Wandels (eine Figuration), in dem sich raubritterliche Brutalität zusehends als unpraktisch erwies (Duellverbote) und die Manieren sich verfeinerten. Diese Sitten wurden dann zumal auch vom Bürgertum kopiert (vgl. Gabriel Tarde) und veränderten die Gesellschaft insgesamt, zivilisierten sie.


Aus: "Zivilisation" (9. August 2012)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Zivilisation

« Last Edit: November 25, 2020, 11:12:42 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Oder ob der Konflikt unversöhnlich ist... ]
« Reply #1 on: August 26, 2012, 12:24:29 nachm. »
"Barbarei und Zivilisation - Vorgericht und Nachspeise der Kultur." - Emil Gött, Im Selbstgespräch

"Zivilisation lässt sich definieren als eine Gewohnheit, dem einzelnen gewisse Gelegenheiten zu barbarischen Betragen vorzuenthalten." - Aldous Huxley, Die Teufel von Loudun

" ... Unsere Vorfahren führten viele Kriege. Die eigenen Interessen mit Gewalt durchzusetzen, war lange Zeit die natürlichste Sache der Welt. Es dauerte mehr als viertausend Jahre, um die Idee zu entwickeln, einen Streit ausnahmsweise mal friedlich lösen zu können. Aber im Jahr 1259 v. Chr. wurde der erste Friedensvertrag abgeschlossen.  ..."
Quelle: http://de.wikibooks.org/wiki/Wikijunior_Alte_Zivilisationen (12. Dezember 2011)

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Quote
[...] Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift von Sigmund Freud. Die Arbeit ist, neben Massenpsychologie und Ich-Analyse von 1921, Freuds umfassendste gesellschaftstheoretische Abhandlung; sie gehört zu den einflussreichsten kulturkritischen Schriften des 20. Jahrhunderts. Thema ist der Gegensatz zwischen der Kultur und den Triebregungen.


... Einige behaupten, die Kultur sei selbst eine Quelle des Unglücks, und wir wären glücklicher, wenn wir die Kultur aufgeben würden. Eine Ursache für diese Kulturfeindschaft ist die Entdeckung, dass die Triebversagung, wie sie von der Kultur auferlegt wird, vom Menschen nicht ertragen wird und zur Neurose führt, wodurch das bisschen Glück, zu dem der Kulturmensch fähig ist, untergraben wird. Eine andere Ursache ist die Erfahrung, dass die Fortschritte der Wissenschaften und der Technik uns nicht glücklicher gemacht haben.

... Merkmale der Kultur sind:

    * Wissenschaft und Technik - der Mensch ist eine Art „Prothesengott“ geworden (222),
    * Schönheit, Sauberkeit und Ordnung,
    * Leistungen, die aus höheren psychischen Tätigkeiten hervorgehen: Wissenschaft, Kunst, Religion, Philosophie,  Ausbildung von Idealen,
    * Die Regelung der sozialen Beziehungen, insbesondere durch das Recht, damit die Ersetzung der Macht der Einzelnen durch die der Gemeinschaft.

... Ein guter Teil des Ringens der Menschheit geht darum, „einen zweckmäßigen, d.h. beglückenden Ausgleich zwischen diesen individuellen und den kulturellen Massenansprüchen zu finden, es ist eines ihrer Schicksalsprobleme, ob dieser Ausgleich durch eine bestimmte Gestaltung der Kultur erreichbar oder ob der Konflikt unversöhnlich ist.“ (226)

...


Aus: "Das Unbehagen in der Kultur" (23. Juni 2012)
Das Unbehagen in der Kultur
Herausgeber: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
Autor(en): Wikipedia-Autoren, siehe Versionsgeschichte
Datum der letzten Bearbeitung: 23. Juni 2012, 09:46 UTC
Versions-ID der Seite: 104705906
Permanentlink: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Das_Unbehagen_in_der_Kultur&oldid=104705906
Datum des Abrufs: 26. August 2012, 10:18 UTC
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbehagen_in_der_Kultur

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Sigmund Freud
Das Unbehagen in der Kultur (1930)
http://www.textlog.de/sigmund-freud-unbehagen-kultur.html


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[Der richtige, freilich auch schmerzlichere Weg... ]
« Reply #2 on: August 26, 2012, 12:46:21 nachm. »
Quote
  Jörg Lau Datum 24.08.2012, Breivik-Urteil Wir werden mit Dir fertig!

... Wie die norwegische Gesellschaft angesichts des Grauens kühlen Kopf und liberale Werte bewahrt, zeigt an diesem Freitag die Urteilsverkündung im Osloer Gerichtssaal 250.

Richterin Wenche Arntzen nimmt in bestimmter, manchmal gar harscher Weise das erste psychiatrische Gutachten auseinander, in dem Breivik als nicht schuldfähig qualifiziert wurde. Breivik ist schuldfähig, führt Antzen aus.

... Deutschland hat allen Grund, diesen Prozess genau zu betrachten: Wir haben es nicht geschafft, die politischen Serienmörder des NSU vor Gericht zu stellen. In der Auseinandersetzung mit ihrem politischen Wahnsystem hätten sich uns ähnliche Fragen gestellt wie den Norwegern durch Anders Breivik. Was hätten wir mit Böhnhardt und Mundlos gemacht, die keine Manifeste geschrieben haben, deren Handeln aber nicht weniger "irre" ist als das des Norwegers? ...

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/Breivik-Urteil-Kommentar




Quote
    limdaepl
    24.08.2012 um 20:07 Uhr

Wir?!

Der Umgang der norwegischen Gesellschaft, Politik und Justiz mit diesem schwierigen Fall ist in der Tat ein "Sieg der Zivilisation und der modernen Gesellschaft über den Hass". Wir sollten uns aber davor hüten uns selbstgefällig mit ins Boot setzen zu wollen! Die Reaktionen auf deutscher Seite waren zum größten Teil weit davon entfernt was ich ruhigen Gewissens als "zivilisiert und modern" beschreiben würde.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/Breivik-Urteil-Kommentar?commentstart=1#cid-2271681

Quote
    Lastenträger
    24.08.2012 um 22:44 Uhr

... Leider haben Sie Recht.

Breivik hat Norwegen zusammenrücken lassen, um Frieden und nicht Hass walten zu lassen. Es wurde nichts überhöht, nichts heruntergespielt, nichts verschleppt und was niemand wollte war: die Sache aussitzen. Was gewollt war, war ein fairer Prozess, für die Öffentlichkeit erkennbar auch so, dass sie ihren Anteil daran nehmen konnte, den sie auch nehmen wollte und musste.

Wie es in Deutschland mit dem NSU aussieht...nun, wir wissen es alle. Lernen können "wir" von Norwegen.

So tun aber, als säßen "wir" auf der selben Stufe von Aufarbeitung, Empfindsamkeit und öffentlicher Betroffenheit wäre allerdings Anmaßung. Davon sind wir ein trauriges Stück weit entfernt.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/Breivik-Urteil-Kommentar/seite-2?commentstart=33#cid-2271918



Quote
    vvmetro
    24.08.2012 um 20:21 Uhr

Rechtstaat

Es ist bemerkenswert, wie abgeklärt angesichts eines so unfassbaren Verbrechens das Gerichtsverfahren verlaufen ist. Keine Bühne für perverse Ansprachen dieses Verbrechers und keine Bühne für Rache. Dies zeichnet einen Rechtstaat aus.
 
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/Breivik-Urteil-Kommentar?commentstart=1#cid-2271711


Quote
    vonDü
    24.08.2012 um 20:24 Uhr

Ich sehe es wie das Gericht

Würden wir alle Menschen, die mit wilden Verschwörungstheorien im Kopf herum laufen, für verrückt und damit schuldunfähig erklären, dann würde der Kreis der legal "Irren" beträchtlich erweitert.
Hitler, Baader-Meinhof, Bin Laden, Fälle für die Psychatrie???

Ein "ver-rücktes" Weltbild alleine, reicht mir auch nicht um Schuldunfähigkeit zu begründen.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/Breivik-Urteil-Kommentar/seite-2?commentstart=1#cid-2271719


Quote
    13500000000bC
    24.08.2012 um 20:45 Uhr

Und trotzdem

77 Menschen - ganz junge noch dazu - persönlich hinzurichten und selbst glauben dies kann einem Zweck dienen, welcher anderen Menschen dringend und zwingend erklärbar wäre, ist klar eine Form geistiger Ermattung, wenn nicht blanker Idiotie.

Ist oder kann B. ein normaler Mensch sein wie du und ich -
ich meine und hoffe: NEIN. Never.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/Breivik-Urteil-Kommentar/seite-2?commentstart=9#cid-2271759


Quote
    Dohlenmann
    24.08.2012 um 21:33 Uhr

... Ich finde das Urteil auch richtig, zumindest was ich durch die hiesige Presse davon mitbekomme. Norwegen geht den richtigen Weg Breivik nicht als Irren abzustempeln und ihn somit irgendwie zur Seite zu schieben oder als nicht-rational zu erklären. Das ist eine höchst interessante Thematik, etwas, dass überall seinen Weg findet.

Genau das aber tut dieser Kommentar meiner Meinung nach etwas: Hier wird vom "Wahnsystem" der NSU gesprochen oder subtil, vielleicht nicht einmal beabsichtigt, der Tempelritter Breivik mit Häme bedacht. Aber eben das haben die Osloer Richter ja nicht gemacht, und genau das sollte auch ein solcher Kommentar nicht tun, der ja durchaus mit Emotionen arbeitet. Es ist eben nicht der richtige Weg, auch nicht subtil und gerade nach der Bestätigung wie richtig, modern und zivilisiert gehandelt wurde, es dann doch zu tun: Irgendwie zu meinen Breivik wäre ja nur ein Irrer.
Der richtige, freilich auch schmerzlichere Weg ist es solche Menschen und ihre Motive ernstzunehmen und dann darauf zu reagieren, anstatt sie einfach als Geisteskranke abzustempeln. Damit macht man es sich nämlich nicht nur zu einfach, sondern beleidigt ebenso tatsächlich kranke Menschen.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/Breivik-Urteil-Kommentar/seite-2?commentstart=25#cid-2271825


Quote
    dirk.1966
    24.08.2012 um 21:37 Uhr

Adios, Tempelritter!

Ich habe großen Respekt für die Norweger und ihre überaus zivilisierte Art, Breivik den Prozess gemacht zu haben. Doch Breivik ist kein rein norwegisches Problem, sondern ein europäisches. Denn in ganz Europa gibt es junge Männer, die der paranoide "Hass auf den neuen Anderen, den Einwanderer, den Moslem" umtreibt - dazu muss man sich nur mal in den einschlägigen Internet-Foren wie PI-News umgucken. Und dass die Zahl dieser Paranoiden umgekehrt proportional zum Absinken des europäischen Wohlstandsniveaus in Folge von Finanz-, Banken- und Staatshaushaltskrisen zunehmen wird, dazu muss man nun wirklich kein Prophet sein. Norwegen ist stellvertetend für uns alle souverän mit Breivik fertig geworden – doch was ist, wenn irgendwo in Europa der nächste Breivik explodiert?

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/Breivik-Urteil-Kommentar/seite-2?commentstart=25#cid-2271832


Quote
    Jost.P.
    24.08.2012 um 22:28 Uhr

Ganz im Sinne des Mörders

Ein mutiges Urteil, Breivik nicht als Verrückten abzuurteilen. Zwei Aspekte sollten meiner Meinung nach nicht vergessen werden. Der Mensch wird immer wieder in den Wahn verfallen, sich an Gottes Stelle setzen zu können. Das Publikum ist entsetzt, wenn Untaten wie im Fall Breivik dabei heraus kommen. Aber seien wir ehrlich, entscheidend ist doch, was der Mensch im Herzen trägt. Von da her, sollten wir nicht all zu sehr überrascht sein. Denn Breivik ist vielleicht auch nur das Produkt einer Gesellschaft, die in Kunst, Unterhaltung und privaten Exzessen genau die Grenzüberschreitungen thematisiert, die der Mörder all zu konsequent für sich in Anspruch genommen hat.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/Breivik-Urteil-Kommentar/seite-2?commentstart=33#cid-2271898

« Last Edit: November 25, 2020, 11:03:05 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[...als er seinen Kaffee in der Hand hält.]
« Reply #3 on: November 01, 2012, 09:26:19 vorm. »
Hurrikan Sandy war der 18. tropische Wirbelsturm und der 10. Hurrikan der Atlantischen Hurrikansaison 2012. Der Sturm bildete sich im Karibischen Meer, zog dann nordwärts über Jamaika, Kuba und die Bahamas und gelangte schließlich in New Jersey über das Festland der Vereinigten Staaten. Auf seiner Zugbahn richtete Sandy erhebliche Schäden an. Dutzende von Personen wurden durch die Auswirkungen des Sturms getötet. Mit einem Durchmesser von fast 1800 km[1] ist das Sturmgebiet das ausgedehnteste jemals gemessene im Atlantik. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Hurrikan_Sandy

-.-

Quote
[...] Fast eine Woche lang war abzusehen, dass "Sandy" kommen würde, doch unternommen wurde nichts. Nur um die Goldman-Sachs-Zentrale waren Sandsäcken aufgeschichtet. Vielleicht ist das auch der Grund, warum unser Apartmenthaus Strom hat: Es steht nur 80 Meter vom Hauptquartier der Investmentbank entfernt. Verschwörungstheorien machen jedenfalls schon die Runde mit der Frage, warum Goldman Sachs durchgängig auf Hochtouren lief, während wenige hundert Meter weiter an der Wall Street auch heute noch Totenstille herrscht: Selbst zur Mittagszeit, wenn der Finanzdistrikt sonst einem Ameisenhaufen gleicht, sind die Straßen leergefegt, nur das Brummen der Notstromgeneratoren und der Pumpen ist zu hören.

Die Börse ist zwar offiziell wieder geöffnet, doch Banker sind nicht zu sehen. Vielleicht sind sie auch nur in ihren Büros geblieben, weil es draußen schlicht nichts zu essen gibt: Alle Restaurants und Supermärkte sind geschlossen, nicht einmal ein Hot-Dog-Verkäufer ist zu sehen.

Am Nachmittag beginnen die ersten Supermärkte, Gemüse, Obst und Tiefkühlprodukte auf die Straße zu stellen - die Ware wird schlecht nach Tagen ohne Strom. Sofort bilden sich Menschentrauben. Denn wer Verpflegung einkaufen will, muss weite Wege gehen, bis hinauf zur Demarkationslinie: Sobald man die 40. Straße überschreitet, die Grenze zur Elektrizität, scheint es fast, als sei nichts passiert. Die Restaurants sind voll, alle haben ihre Smartphones gezückt. Im ersten Starbucks nach der Stromgrenze stehen die Menschen Schlange bis auf die Straße. "Endlich wieder Zivilisation", ruft einer erleichtert, als er seinen Kaffee in der Hand hält.



Aus: "New York nach "Sandy" Steinzeit in Manhattan" (31.10.2012)
Aus New York City berichtet Thomas Schulz
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/sandy-folgen-steinzeit-in-manhattan-a-864581.html


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[In der Praxis aber nur... ]
« Reply #4 on: Oktober 06, 2014, 10:14:28 vorm. »
Quote
[...] Heinrich August Winklers "Geschichte des Westens" stellt nun in ihrem dritten Band die politische Weltgeschichte seit 1945 dar. ...  Und so schildert Winkler insbesondere das Vorgehen der Westmächte gegenüber der sich emanzipierenden "Dritten Welt" mit kühler Präzision, lässt kaum ein Massaker, keinen "Befriedungsfeldzug" aus. Die brutalen Polizeiaktionen der Niederländer in Indonesien beschreibt er ebenso wie die Umstände des britischen Rückzugs aus Indien mit den Hunderttausenden von Toten aufseiten der Hindus wie der Muslime oder die Kolonialverbrechen der Franzosen in Vietnam, Algerien und Schwarzafrika.

Sein Resümee: "An die Regeln der humanitären Kriegsführung und an die Europäische Menschenrechtskonvention fühlten sich die Briten genauso wenig gebunden wie die Franzosen in Algerien. Ein kolonialer Notstand galt in Großbritannien nicht anders als in Frankreich als rechtsfreier Raum. An den normativen Werten des Westens hielten London und Paris grundsätzlich fest – in der Praxis aber nur, soweit sie es mit sogenannten ›zivilisierten‹ Völkern zu tun hatten." ...


Aus: ""Geschichte des Westens" - So westlich wie nie zuvor" Ulrich Herbert (5. Oktober 2014)
Quelle: http://www.zeit.de/2014/39/geschichte-des-westens-buch-heinrich-august-winkler/seite-2

« Last Edit: November 25, 2020, 10:57:46 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Die zivilisatorische Bad Bank (Unmenschlichkeit)... ]
« Reply #5 on: April 09, 2015, 03:30:51 nachm. »
Quote
[...] Diese kurzen Bemerkungen, die einen Bruch für immer bedeuten, das verräterische Aufblitzen der Unmenschlichkeit. Der erste Endsatz, an den ich mich erinnere, stammte von einem Abiturienten meines Jahrgangs, der über eine Mitschülerin ernsthaft sagte: "Die müsste man mal vergewaltigen." Fünf Worte, das Ende jeder sozialen Verbindung.

... auf den einschlägigen Facebook-Seiten wie Pegida oder anderen rechten Gruppierungen der Brandanschlag in Tröglitz kommentiert. Ein nicht enden wollendes Endsatz-Festival. "Scheiß Asylbetrüger" und "Dreckspack" sind bloß die Beleidigungen, die ungelöscht stehen bleiben. Bedauern, dass zum Zeitpunkt des Feuers noch keine Flüchtlinge im Heim waren, 120 Likes. Dieser Hass, dieser unfassbare Hass. In Dimensionen, die frühere Hasswellen klein erscheinen lassen. Wir Internet-People haben jahrelang gefordert, dass endlich alle ins Netz kommen sollen. Aber jetzt sind sie da.

... um Ostern 2015 veröffentlichte die Universität Leipzig die Studie "Mitte" [PDF: "Die stabilisierte Mitte
Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014" http://research.uni-leipzig.de/kredo/Mitte_Leipzig_Internet.pdf] zur Ausländerfeindlichkeit und zum Antisemitismus der Deutschen. In der Zusammenfassung heißt es: "Jeder fünfte Deutsche ist noch immer ausländerfeindlich." Solche Forschungen gibt es seit Jahren, aber die fast durchweg erschütternden Ergebnisse waren zu abstrakt, um ihre Wirkung erspüren zu können. Die ist jetzt direkt digital erlebbar, wo das Fünftel bei der Drohung, dass der Brand erst der Anfang sei, in Massen Like klickt. Das Internet hält Deutschland einen Spiegel vor, das Netz zeigt schonungslos, wie dünn der Firnis Zivilisation ist. Und offenbar immer war. Es zeigt uns, dass wir jeden Tag in der Fußgängerzone Leuten begegnen, die Monstrositäten von sich geben.

... Das Internet hat eine Illusion über die Gesellschaft zerstört: Dass die Unmenschlichkeit im Verborgenen blühte, wurde bequemerweise als Abwesenheit der Unmenschlichkeit interpretiert. Der Hass, der schon lange zum Beispiel bei feministischen Themen ausgekübelt wird, muss im Nachhinein als Avantgarde der Abscheulichkeit begriffen werden: Die ersten Ausläufer der menschenfeindlichen Hasswelle, mit der ein giftiger Teil der Bevölkerung zeigt, dass er eine zivilisatorische Bad Bank ist.

... Konsequenzen ... das Zerplatzen der Illusion - "Ich dachte, wir wären weiter" - ins Produktive zu wenden und als Motivation zu betrachten. ...

Quote
Die Würde des Menschen ist unantastbar...
bi-rma 09.03.2015, 14:31 Uhr
... aber was ist das eigentlich, die Würde des Menschen? Offenbar ist vielen der Inhalt dieses Begriffes abhanden gekommen. Der Katalog der Grundrechte im Grundgesetzt gibt einen Eindruck davon, welche Konsequenzen sich damit verbinden. Aber das Grundgesetz erklärt nicht, worauf die Würde des Menschen gründet. Artikel 1, Absatz 1, Satz 1 setzt die Würde des Menschen einfach als gegeben voraus. Wem das zu abgehoben ist, der versteht nicht, dass ohne einen klaren Begriff von der Menschenwürde die "Monstrositäten" von denen Sascha Lobo schreibt, gar nicht als solche zu erkennen sind.

http://www.spiegel.de/forum/netzwelt/auslaenderfeindliche-kommentare-aufblitzen-der-unmenschlichkeit-thread-269368-33.html#postbit_27365094

Quote
Ich bin nicht überrascht.
bertram260e 09.03.2015, 14:03 Uhr
Es hat schon immer genug Menschen gegeben, die sich in ihrer eigenen schmutzigen Seele so unwohl gefühlt haben, dass sie verzweifelt nach einem Schuldigen dafür suchen mussten. Gäbe es dafür keine Asylanten, dann gäbe es eben Juden oder Rothaarige oder Brillenträger oder die Fans des anderen Fußballclubs. Darüber kann eine Gesellschaft als Ganzes nicht hinwegkommen (wir sind schon weiter? wer ist wir?), das kann nur jeder Einzelne in sich selbst besiegen indem er Frieden mit sich schließt.

http://www.spiegel.de/forum/netzwelt/auslaenderfeindliche-kommentare-aufblitzen-der-unmenschlichkeit-thread-269368-31.html#postbit_27363197

...


Aus:  "Ausländerfeindliche Kommentare: Aufblitzen der Unmenschlichkeit: Eine Kolumne von Sascha Lobo" (08.04.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-ueber-troeglitz-internetforen-hass-im-netz-a-1027514.html


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[Missverständnis von Kultur und Zivilisation... ]
« Reply #6 on: April 12, 2015, 08:43:04 nachm. »
Quote
[...] Einen Tag vor Heiligabend 1943 sandte der SS-Hygieniker und SS-Sturmbannführer Karl Groß seine Vorschläge für eine effizientere Organisation des Lagerbetriebes an den Amtschef D III (Sanitätswesen des KZ-Systems) im SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt: "Um eine unnötige Belastung des Betriebes mit körperlich mangelhaftem Menschenmaterial und eine dadurch bedingte Anhäufung von Arbeitsunfähigen zu vermeiden, wäre eine entsprechend strenge Auswahl der Häftlinge [...] unbedingt zu empfehlen." Weiter heißt es, es sei "schon jetzt an die Errichtung eines Ausweichlagers für arbeitsunfähige Häftlinge zu denken, da deren Anzahl ständig steigen wird". Nicht zuletzt sei der Bau eines Krematoriums zu beschleunigen: "Hierbei ist sofort an ausreichenden Verbrennungsraum zu denken."

Das Inferno von 1944 und 1945, als das Mordgeschehen in den Lagern seinen letzten Höhepunkt erreichte, war also keine Folge überstürzten Handelns. ...

Quote
    anarc
    vor 12 Stunden 4 Minuten

... Die Deutschen haben nicht "zugeschaut" und "geschwiegen". Sie haben den Massenmord in einer Gemeinschaftsarbeit durchgezogen. ... Und das hat Kontinuität. Widerstandskämpfer und Saboteure wurden noch lange nach dem Krieg als Verräter angesehen. ... Auch heute wieder macht sich der Rassismus aus der "Mitte" der Gesellschaft heraus breit. ...


Quote
    Activman
    gestern 21:08 Uhr

Es ist mir noch immer unbegreiflich, wie ein hochkultiviertes Volk einer Bande von politischen Kriminellen nicht nur folgte, sondern auch bejubelte und ihnen bedingungslos gehorchte - bis zum bitteren Ende. Mir kann niemand erzählen, dass das deutsche Volk nicht wusste, was ungefähr mit den Juden geschah. Der Abtransport der jüdischen Mitbürger fand am Tag statt, jeder konnte es sehen, ebenso wie das gewaltsame Abholen aus den Wohnungen, oft unter dramatischen Umständen.
Man wusste, aber man sah weg und schwieg.

14 Leserempfehlungen


Quote
    Mannelig
    gestern 21:22 Uhr

Das hochkultivierte Volk

Das hochkultivierte Volk hatte genug Mitläufer, Profiteure, Sadisten, Schreibtischtäter und (andere) Kriminelle zu bieten. Ohne diese hätte die "Bande von politischen Kriminellen" ziemlich alt ausgesehen. In jeder Nachbarschaft wohnt auch heute jemand, der andere quält und tötet, wenn man ihm nur den ideologischen Rahmen schafft und die Macht gibt. Das verführte Volk? Wohl kaum.

17 Leserempfehlungen


Quote
    Mavel
    gestern 23:21 Uhr

Schauen Sie sich mal die anderen "Hochkulturen" und deren (Kolonial-) Geschichte genauer an, einfach z.B. mal nach Niederlande, Kriegsverbrechen und Indonesien googeln. Man sollte meinen, dass die Holländer nach den traumtischen Erfahrungen des zweiten Weltkriegs Verständnis für die von ihnen kolonisierten Völker gehabt hätten. Stattdessen schlugen sie von 1945 bis 1949 die indonesische Befreiungsbewegung mit ca. 200.000 toten Indonesiern brutal nieder. Hochkultur schützt eben nicht vor Unmenschlichkeit.

10 Leserempfehlungen


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    _madonnenfötus_
    gestern 23:55 Uhr

Die Vergangenheit betrauern, während durch unsere Politik täglich tausende Menschen sterben (Mittelmeer, Waffenlieferungen, Handschlag mit Diktatoren für Rohstoffe, etc.)

Wir haben ja von nichts gewusst!
Heuchelei pur!
Wir alle sind genau so mitschuldig, wie das damalige Volk.
Wir schauen weg, wo man hinsehen müsste.
Vorallem die Medien tun zu wenig.


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    HH1960

Die Berichte zu den Jahrestagen der KZ-Befreiungen sind wichtig. Obwohl man gut unterrichtet ist, überkommt einem immer wieder das Grausen, wenn man diese Berichte liest.  ... Einige Vorkommentare beschreiben Verwunderung, warum ein "Kulturvolk" ( Anmerkung: jedes Volk hat seine Kultur) so handeln konnte. Nun, ich glaube das liegt nicht am Volk, sondern am Menschen. Kein Land ist davor gefeit ähnlich in die Irre geleitet zu werden und Andersgläubige, Angehörige anderer Völker und anderer politischer Meinung als minderwertig zu betrachten. Die Geschichte ist voll von unglaublichen Verbrechen aus den o.g. Gründen. Wobei die NS-Herrschaft aufgrund ihrer geradezu industriell angelegten Vernichtungsmaschine heraussticht.

Und wenn die Gesellschaft nicht immer hochgradig sensibilisiert ist, kann so etwas immer wieder vorkommen. Überall! Die NS-Herrschaft ist nicht über Nacht entstanden, sondern war am Anfang auch nur eine kleine Bewegung von wenigen Tausend. Insofern ist es richtig, auch bei kleinsten derartigen Tendenzen sofort zu reagieren. Auch wenn es manchmal aufgeregt wirkt.


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    Perkunis

Die Zahl der dt. Täter inklusive Schreibtischtäter wird auf 500.000 geschätzt. Das ist viel, aber im Vergleich zur Gesamtbevölkerung wenig. Diese 500.000 sind nicht durch die Gegend gerannt und haben jedem erzählt, was sie treiben. Für SS-Angehörige stand darauf zudem die Todesstrafe.

Die Masse der Bevölkerung kann zu Beginn des Holocaust also nicht gewußt haben, was abläuft. Das geschah erst im Laufe der Jahre durch Berichte unbeteiligter Zeugen und Hörensagen.

Was die 0,8% angeht, haben Sie Recht - ich hatte die Volkszählungen von 1933 und 1939 vermengt. Von diesen 0,8 (genauer 0,77) sind allerdings bis Kriegsbeginn schon etwa die Hälfte ins Ausland geflohen.


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    Arlequin

Wann hat denn der Holocaust begonnen und was konnte der Einzelne wissen?

Konnte man nicht 1934 sehen, daß Kommunisten und Sozialdemokraten nach Dachau verschwanden? Kannte man nicht diese Schilder mit der Aufschrift: 'Kauft nicht bei Juden'? Wurde nicht 1935 das 'Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre' erlassen? Kam es nicht drei Jahre später zu der sogenannten 'Reichskristallnacht'?

Man muß schon reichlich blöd und führerhörig gewesen sein, um 1936 ncht 1 + 1 zusammenzuzählen können.


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    Arnold Fritz

Es ist mir noch immer unbegreiflich, wie ein hochkultiviertes Volk einer Bande von politischen Kriminellen nicht nur folgte, sondern auch bejubelte und ihnen bedingungslos gehorcht ...

Hochkultivierte Schlächter und Mörder

In Ihrem Kommentar zeigt sich ein offenbar schwer ausrottbares Missverständnis von Kultur und Zivilisation.

Vollkommen zu unrecht gehen Sie davon aus, dass Kultur im Allgemeinen und unsere westliche, von Aufklärung und Humanismus geprägte Kultur im Besonderen etwas wäre, das mit Barbarei nicht vereinbar wäre.
Das Gegenteil ist der Fall.

Um es mit Walter Benjamin zu sagen: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.“
Es würde uns allen gut zu Gesicht stehen, diese Wahrheit in Demut anzuerkennen, statt unsere eigenen barbarischen Anteile auf "kulturlose" Fremdkörper zu projizieren.


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Anna Kowalska

Es ist mir noch immer unbegreiflich, wie ein hochkultiviertes Volk einer Bande von politischen Kriminellen nicht nur folgte, sondern auch bejubelte und ihnen bedingungslos gehorchte - bis zum bitteren Ende. Mir kann niemand erzählen, dass das deutsche Volk nicht wusste, was ungefähr mit den Juden geschah. Der Abtransport der jüdischen Mitbürger fand am Tag statt, jeder konnte es sehen, ebenso wie das gewaltsame Abholen aus den Wohnungen, oft unter dramatischen Umständen. Man wusste, aber man sah weg und schwieg.

Hochkultiviert?
Das Volk war nicht hochkultiviert, sondern barbarisch. In den besetzten Ländern hat es nicht nur gemordet, sondern auch massenhaft Kulturgüter von unschätzbarem Wert vernichtet.



...


Aus: "Konzentrationslager: Morden bis zum Ende" Stefan Hördler (ZEIT Geschichte Nr. 01/2015)
Quelle: http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/01/konzentrationslager-morde-ss-1944

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[Notizen zur Zivilisation... ]
« Reply #7 on: April 13, 2015, 05:02:11 nachm. »
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[...] Noch weiß niemand, wer die geplante Asylbewerberunterkunft angezündet und damit das Interesse Deutschlands an diesem kleinen Ort neu belebt hat. Es ist auch überhaupt nicht klar, wie viele Flüchtlinge nun wirklich kommen und wann. Doch die Einwohner beschäftigt ohnehin am meisten das, was der zurückgetretene Bürgermeister Nierth kürzlich sagte: Dass nämlich Tröglitz nun "in einer Reihe mit Mölln und Hoyerswerda" stünde.

...  Der Fall Tröglitz hat viele aufgerüttelt, aber vielleicht hat er auch neue Missverständnisse gebracht. Zum Beispiel die Vorstellung, es reiche der gute Wille der Bevölkerung, um die Flüchtlingswelle zu bewältigen. Den braucht es tatsächlich. Aber es gibt noch immer auch Behördenversagen, administrative Fehlkonstruktionen, falsche Gesetze und unaufmerksame Medien.

Angelegenheiten, die viel ermüdender sind als die Erzählung vom schaurigen Nazikaff hinter den sieben Bergen. Ermüdender auch und weniger attraktiv als eine Heldengeschichte, wie die von Andy Haugk, dem Bürgermeister des Städtchens Hohenmölsen.

Über dessen Stadt – nicht weit von Tröglitz entfernt – wird gerade so positiv berichtet wie über Tröglitz negativ. Seit dem 1. April werden dort Flüchtlinge untergebracht. Man hat versucht, die lokalen Eliten einzubeziehen und die Bürger frühzeitig zu informieren. Übergriffe und Proteste hat es in Hohenmölsen bisher nicht gegeben.

Nun sitzt Haugk bei Stern TV und befindet sich in der absurden Rolle, zu verhindern, dass seine Stadt übertrieben positiv dargestellt wird. Der Moderator will offenkundig die Geschichte von Villariba und Villabajo: "Was unterscheidet die beiden Orte?" Und: "Was haben Sie richtig gemacht?"

Haugk sagt aber etwas anderes, etwas, das nicht nach Triumph klingt. Er sagt, dass es in Hohenmölsen genauso viele Ängste und Vorurteile gibt wie in Tröglitz. Es gebe zwischen den Orten nur einen kleinen Unterschied: "Wir hatten Glück, dass bei uns kein Idiot ein Feuer gelegt hat."

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    deri punkt partei
    11. April 2015 8:54 Uhr

Villariba - Villabajo

nun, wo ist der Unterschied: Meiner Meinung nach hatte Tröglitz das Pech das es von den organisierten Rechtradikalen ausgesucht wurde um ein Exempel zu statuieren. Zeitz hatte das Glück das dieser Kelch an dem Ort vorbei ging.
Und desshalb finde ich es auch müßig hier über "den Bürger mitnehmen" usw zu reden. Das Problem wird nicht von den Bürgern gemacht, es wird von organisierten rechtsradikalen gemacht. Und da hilft auch kein "mitnehmen". Wer Ausländer haßt weil sie Ausländer sind, dem ist nichts zu erklären.


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    Flüchtlingspate
    11. April 2015 10:50 Uhr

Probleme im gesamten Migrations/Integrationsmanagement von Bund, Ländern und Kommunen sind nicht wegzuleugnen, Brandstiftung als Lösungsansatz erinnert aber doch etwas an die "gute alte Zeit" ...



Aus: "Asylbewerber: Hinter Tröglitz"  Christian Bangel (11. April 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-04/troeglitz-asylbewerber-fluechtling-rechtsextremismus

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[...] Ramelow berichtete im Zusammenhang mit der Asyldebatte der vergangenen Wochen von drei Morddrohungen. Sie hätten ihn per Brief, Mail und über das soziale Netzwerk Facebook erreicht. "Der sprachliche Bezug zur Flüchtlingsdebatte ist eindeutig", sagte Ramelow der Nachrichtenagentur dpa.

... In den vergangenen Wochen war es mehrfach zu ähnlichen Vorfällen gekommen. Nach dem Brandanschlag auf die geplante Asylbewerberunterkunft Anfang April in Tröglitz in Sachsen-Anhalt waren der frühere Bürgermeister des Ortes, Markus Nierth, sowie Landrat Götz Ulrich (CDU) von Rechtsextremen massiv bedroht worden. Am Wochenende hatte auch die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz (SPD), von gegen sie gerichteten Drohungen und Beschimpfungen berichtet. Nahezu täglich gingen "Hassmails" in ihrem Büro ein, sagte Özoğuz der Welt am Sonntag. Auch bekomme sie Briefe, in denen stehe: "Du gehörst am nächsten Baum aufgehängt."


Aus: "Ramelow will trotz Morddrohungen gelassen bleiben" (13. April 2015)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/thueringens-ministerpraesident-ramelow-will-trotz-morddrohungen-gelassen-bleiben-1.2432801


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[Sicher gibt es Grundfesten... ]
« Reply #8 on: Mai 27, 2015, 12:42:07 nachm. »
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[...]  In den Justizvollzugsanstalten Werl, Straubing und Bruchsal (und anderswo) sitzen sogenannte "Langzeit-Gefangene" ein. .... In der Durchschnittsbevölkerung wird sie gefürchtet und verachtet. Richter wie ich haben sie wegen "schweren Raubs" oder "besonders schwerer Vergewaltigung", wegen "Totschlags in Tateinheit mit Geiselnahme" oder wegen "bandenmäßiger Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge" zu Freiheitsstrafen verurteilt, die zwar im Vergleich zu den abgehärteten Tarifen in den USA ("15 bis 50 Jahre", "25 Jahre bis lebenslänglich") und anderswo lächerlich erscheinen mögen, aber eine reale, furchtbare Gestalt gewinnen, sobald wir uns vorstellen, sie träfen uns selbst: Acht Jahre Bruchsal! Dreizehn Jahre Straubing! Fünf Jahre Werl! Keine schöne Vision.

Warum? Weil ich mit einer Pistole in eine Tankstelle gegangen bin, sagt der eine. Weil ich Pech gehabt habe, sagt ein anderer. Weil ich besoffen war und nicht nachgedacht habe, sagt der Dritte. Keiner sagt: Weil die Gesellschaft symbolisch die Geltung des Verbots der Tötung oder des Raubs vollziehen muss.

Wenn man mit Strafgefangenen spricht (oder mit Beschuldigten), findet man dort eine ganz erstaunlich hohe Bereitschaft, die "Strafe" – das Verfahren, die Verurteilung, die Vollstreckung – zu akzeptieren, als was auch immer: als Schicksal, als Pech, als Ungerechtigkeit, als eingerechnete "Kosten". Dabei überwiegt ein sehr schlichtes, am Austausch von Vor- und Nachteilen orientiertes Bild: Für diese oder jene Tat gibt es diese oder jene Strafe. Empörung, Zustimmung oder Verzweiflung bemisst sich an Kriterien der Verteilungsgerechtigkeit: milde oder hart, lang oder kurz. Strafgefangene stammen mehrheitlich aus sozialen Schichten, in denen die Feinheiten der Philosophie und der kritischen Theorien nicht sehr verbreitet sind. Sie akzeptieren, was man ihnen antut, als Ausdruck einer zwingenden Macht, welche das ganze Leben bestimmt. Ganz wenige nur stellen das System der Bestrafung an sich infrage, die Mehrheit übernimmt es sogar in verzerrter Form in die Subkultur der Gefängnisse: "Kinderschänder" werden gequält, Bankräuber mit hoher Beute bewundert. ...


Aus: "Strafrecht: Wer hat die Schuld?" Thomas Fischer (26. Mai 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/2015-05/schuld-strafrecht-fischer-recht/komplettansicht

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[...] Sicher gibt es Grundfesten, auf die jede Gesellschaft baut: etwa das Verbot zu töten, zu betrügen oder zu rauben. Sie sind essenziell für eine funktionierende Gemeinschaft – aber sind sie auch naturgegeben? Angesichts zahlloser gewalttätiger Konflikte mag man das bezweifeln. Womöglich gibt es die moralischen Auflagen von Fairness und Friedfertigkeit ja gerade, weil wir uns "von Natur aus" selbst am nächsten sind und Interessen notfalls auch brutal durchsetzen? ...

Philosophen und Theologen galten die Regeln der Ethik jahrhundertelang als gottgegeben. Ehrfürchtig staunte etwa Immanuel Kant (1724 – 1804) über das moralische Gesetz in ihm, das so unbezweifelbar sei, dass es von einer höheren Macht stammen musste. Der zu Beginn in kindgerechtem Deutsch zitierte "kategorische Imperativ" galt ihm als oberster Grundsatz. Das Prinzip der Reziprozität, das darin zum Ausdruck kommt, halten auch heute noch viele Ethiker für universell gültig – doch das liegt wohl vor allem daran, dass es so abstrakt ist. ...

Bei so handfesten Fragen wie der, ob und welche Tiere man essen oder welche Formen der Sexualität man leben darf, herrscht heute ein historisch wohl einzigartiger ethischer Relativismus: Es ist uns quasi in Fleisch und Blut übergegangen, dass andere Menschen – zumal in fremden Ländern – oft nicht nur andere Sitten pflegen, sondern auch andere Vorstellungen davon haben, was ethisch akzeptabel ist. ...

... Menschen mit einer Schädigung in Hirnbereichen, die emotionale Bewertungen steuern, haben meist auch große Probleme, Handlungen moralisch einzuordnen. Forscher wie der Bielefelder Neuropsychologe Hans Joachim Markowitsch vermuten solche Defekte auch bei Psychopathen (siehe GuG 7-8/2009, S. 28).

Ein weiterer wichtiger Hinweis: Wissenschaftlern gelang es, moralische Urteile zu manipulieren, indem sie die Gefühle der betreffenden Probanden zuvor in bestimmte Bahnen lenkten. Wie zum Beispiel Arbeiten der Psychologin Simone Schnall von der University of Cambridge (England) ergaben, verurteilen Menschen moralische Vergehen wie Kannibalismus oder das Überfahren eines Hundes oft schärfer, wenn sie sich gleichzeitig ekeln – etwa weil ein übler Geruch in der Luft liegt. Eine ganze Reihe solcher Studienbefunde machten den Ekel zum heißesten Anwärter auf den Titel der "moralischen Emotion".

Paul Rozin von der University of Pennsylvania in Philadelphia erforscht die Macht des Angewidertseins bereits seit den 1980er Jahren. Wie er und seine Kollegen zeigen konnten, löst Unmoral regelrecht körperliche Abscheu in uns aus. So bereitet es Probanden starkes Unbehagen, wenn sie etwa die (vermeintliche) Kleidung eines Serienmörders anziehen oder Leuten mit offenbar rassistischen Ansichten die Hand geben sollen. Aus dem gleichen Grund befreit simples Händewaschen häufig von Schuldgefühlen.

Ekel, erklärt Rozin, hat nicht nur eine biologische Schutzfunktion und bewahrte schon unsere Vorfahren davor, potenziell giftige Nahrung zu sich zu nehmen. Der "nützliche Widerwille" habe sich im Lauf der Evolution auf die Regeln der Gemeinschaft übertragen. Unrecht, Betrug, Mord ekeln uns seither an – und auf Grund der gemeinsamen neuronalen Ausstattung fühle sich das für alle Menschen wohl auch ähnlich an. Doch gibt es deshalb angeborene Werte?

Für den Neurophilosophen Jesse Prinz von der New York University zeugt die enge Verbindung von Ekel und Moral im Gegenteil davon, wie stark uns Erziehung und Kultur prägen. Denn was genau dem Einzelnen widerwärtig erscheint, sei nicht weniger flexibel als das soziale Gefüge selbst. Dass sich moralische Emotionen im Gehirn niederschlagen, beweise keineswegs, dass ihr jeweiliger Gegenstand irgendwie biologisch festgelegt sei.

... Wie bereits der antike Philosoph Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) erklärte, bedeutet Moral nicht das Anwenden eines strikten Regelwerks, sondern das Gewichten verschiedener Ansprüche, die wir an unser Handeln und seine Konsequenzen stellen. Wer nach den biologischen Wurzeln der Ethik sucht, unterschätzt dabei leicht die Macht der Kultur. Dann ist es häufig nur noch ein kleiner Schritt, vermeintlich "Widernatürliches" wie Homosexualität oder Suizid kategorisch abzulehnen.

Andererseits birgt auch zu großer Relativismus Risiken für die Gemeinschaft, denn die lebt davon, dass Menschen miteinander und nicht bloß nebeneinanderher agieren. Wie viel Toleranz muss also sein? Eine Antwort darauf gilt es immer wieder auszuhandeln; auch die Neuroethik liefert keine bessere Lösung. Doch sie lehrt zumindest eins: Nicht Gut und Böse selbst sind im Gehirn angelegt, sondern unsere Fähigkeit, sie zu empfinden. Der Mensch ist zur Moral geboren – nur nicht zu einer bestimmten.

...

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Cocoschwanzer, 26.05.2015

Sozialverträglichkeit funktioniert im Frieden

Wenn der Krieg kommt, bricht alles zusammen und Menschen foltern und morden ihre Nachbarn. Vergewaltigen und quälen Frauen und Kinder ohne mit der Wimper zu zucken.

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    BuntScheck, 26.05.2015

Der hauchdünne Firnis Zivilisation grade das zeigt uns, wie empfindlich diese Oberfläche ist und was uns erwartet, wenn wir sie preisgeben


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    ThomasSchweden

zu..... "Der hauchdünne Firnis Zivilisation"

vielleicht ist gerade Ihre Firnis der Zivilisation schuld daran das Menschen starke destruktive Neigungen aufweisen. Aufgewachsen im kulturellen Trommelfeuer immer darauf bedacht naturgegebene Empathie und Selbstwert den Menschen zu minimieren. Um dann Neigungen an Zerstörungsfreude der Natur in die Schuhe schieben wollen



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RealMagnum, 26.05.2015

Moral ist ein Kulturprodukt
Die Zeit seit der Entwicklung moralischer Vorstellungen ist gemessen am Gesamtzeitraum menschlicher Evolution nur ein Wimpernschlag.
Während der überwältigenden Mehrheit dieser Evolution war der Mensch Teil des Dschungels im Sinne von Fressen oder gefressen werden.
Unsere Gene sind egoistisch und nicht moralisch, moralische Sichtweisen müssen uns durch Sozialisation vermittelt werden.


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Han_Yolo, 26.05.2015

Moral ist eindeutig ein Produkt der Kultur.

Ansonsten würde man ja rassistisch sein, wenn man über das Verständnis von Ethik und Moral in manchen Kulturkreisen den Kopf schüttelt. Auch das Verständniss von Ehre und Stolz scheint doch eindeutig abhängig von der jeweiligen Kultur zu sein.


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Sophie8, 26.05.2015

Politiker erklären Kriege nicht die Völker. Politiker sind Individuen die in Netzwerken mächtiger "Eliten" agieren. Kriege dienen Wirtschaftsinteressen. Der "normale Mensch" lebt in der Regel gerne friedlich miteinander.

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BraveTaylor, 26.05.2015

Sehr pauschalisierend
"Der "normale Mensch" lebt in der Regel gerne friedlich miteinander."
Von der Regel abweichende Gegenbeispiele gibt es zuhauf.
Kriegserklärende Politiker hingegen, spiegeln mir ihrer Entscheidung leider auch allzu oft eine vorherrschende Meinung der von ihnen vertetenen Bevölkerung wieder. Bspw. hatte die NSDAP damals nur ein Chance weil ihre Ideologie auf fruchtbaren Boden fiel.



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    UhuruMovement, 26.05.2015

Wir möchten bitte nicht vergessen, dass das Konzept eines "Naturrechts", eines "göttlichen Rechts" oder einer "universalen Moral" durch die Europäer dazu missbraucht wurde, um andere Völker zu ermorden und zu versklaven.

Nur ein Blick in die Werke von vor allem Hegel, Kant, Thomas von Acquin oder Descartes zeigt die gesamte Fäule der euro-westlichen Moraltheorie, denn alle diese Philosophen haben schlichtweg den europäischen Stand für allgemeinverbindlich erklärt und sodann begründet, dass man überall auf der Welt dahinter "zurückbleibt". Hegel ging sogar so weit Afrikanern das Menschsein gleich ganz abzusprechen, weil sie angeblich (es war natürlich eine Lüge) hinter dem euro-westlichen Standard "zurückgeblieben" seien.

Es gibt keine naturgegebene Moral, kein "götlliches" oder "natürliches" Gesetz. Es gibt nur kulturelle Vorstellungen von richtig oder falsch und eine bei jedem Menschen mehr oder weniger ausgeprägte Empathie. Und ich halte es für gerechtfertigt, wachsam zu sein, wenn gerade wieder aus dem euro-westlichen "Kulturkreis" derartiges verkündet werden soll.

Deklarationen der Menschenrechte gab es schon lange bevor die ersten Europäer afrikanischen Boden betreten haben (z.B. die Kurukan Fuga). Sogar Leopold II wusste ganz genau, dass es gewiss nicht Moral und moralische Ordnung ist, die Afrikanern fehlt (siehe Brief an belgische Missionare).

Ich empfehle in Fragen der Moralphilosophie den Blick nach vorkolonialem Afrika, dort können Europäer noch was lernen.


Quote
Tobias87,

Es gibt keine einfache Antwort

Ich kenne die Antwort nicht, aber ich kenne zwei Antworten, die mit Sicherheit falsch sind: „Es liegt einfach an der Natur des Menschen“ und „Es liegt einfach an der Kultur“.

Wenn es an der Natur des Menschen liegt – die ja etwas sein muss, was allen Menschen über Zeit und Raum hinweg gemein ist – woher kommen dann die geografischen und historischen Unterschiede in den herrschenden Moralvorstellungen? Wie kann es sein, dass unsere Vorfahren vor ein paar 100 Jahren biologisch im Grunde identisch mit heutigen Menschen waren, aber sich die herrschende Moral im selben Zeitraum in vielen Fragen (z. B. Verhältnis zwischen Staat und Bürger, Rechte von Frauen) dramatisch gewandelt hat?

Wenn es an der Kultur liegt – die nach gängiger Vorstellung etwas ist, was allen Menschen in einem bestimmten Gebiet und einem bestimmten Zeitraum gemein ist – woher kommen dann die teils drastischen Unterschiede in den ethischen Standpunkten zwischen Menschen in Deutschland, wenn es um Integration, Asylpolitik, Sterbehilfe etc. pp. geht? Wie kann es sein, dass die westliche Kultur sowohl den demokratischen Rechtsstaat als auch den Faschismus hervorbringen konnte?

...


...


Aus: "Geht gar nicht klar!" Steve Ayan (26. Mai 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/wissen/2015-05/moral-werte-kultur-emotionen


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[Der Kern einer jeden Zivilisation... ]
« Reply #9 on: Juni 08, 2016, 11:12:30 vorm. »
Jan Philipp Reemtsma (* 26. November 1952 in Bonn) ... Sohn des Unternehmers Philipp Fürchtegott Reemtsma. Er studierte Germanistik und Philosophie in Hamburg. ... Vom 25. März bis zum 26. April 1996 war er Opfer der so genannten Reemtsma-Entführung. Seine Verschleppung, Gefangenschaft und Befreiung hat er im Buch Im Keller geschildert und reflektiert. Es gelang ihm danach, den Entführer durch von ihm beauftragte Ermittler in Südamerika ausfindig zu machen und so der Strafjustiz zu übergeben. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Philipp_Reemtsma

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Quote
[...] ZEIT Wissen: Was ist so anziehend an Gewalt, dass sie immer wieder die Menschen verführt?

Reemtsma: Gewalt ist ein Machtangebot an den Menschen. Ein Angebot, das diese Gesellschaft nicht zur Verfügung hat, auch nicht haben soll. Wenn jemand kommt und Gewalt im Angebot hat, dann ist das die größte Macht, die man einem Menschen verleihen kann: seinen Mitmenschen töten und tottreten. Nicht jeder fährt darauf ab, aber genug tun es. Diese Leute – um ganz ins Extreme zu gehen – gehen zum IS. Darf ich mich bitte in die Luft sprengen? Darf ich köpfen? Diese Leute hat es immer gegeben, da dürfen wir uns auch nichts vormachen. Die sind früher in die Kolonien gegangen oder in die Fremdenlegion. Warum geht man in die Fremdenlegion? Weil man töten will. Ich finde das alles nicht rätselhaft. Es hat immer Leute gegeben, die ganz vorn an die Front rennen wollten. Im Krieg nennt man sie dann Helden.

ZEIT Wissen: Sie haben sich fast Ihr gesamtes Berufsleben mit Gewalt beschäftigt, dazu geforscht und sie selbst erlebt – was muss man als Erstes verstehen?

Reemtsma: Dass wir seit – sehr grob gesprochen – Ende des Dreißigjährigen Krieges in eine andere Zeit eingetreten sind. Zuvor war die Kultur gewaltgetränkt, sie ließ sich Gewalt als Amüsement und Volksschauspiel gefallen und kam nicht auf die Idee, etwas nur wegen seiner Brutalität anzuprangern. Unsere Moderne kennzeichnet, dass sie Gewalt als Anormalität betrachtet.

ZEIT Wissen: Wodurch hat sich das geändert?

Reemtsma: Ich habe mir dafür den Begriff eines "koevolutionären Prozesses" zurechtgelegt. Es ist ein Zusammenspiel von Verschiedenem. Zum einen funktionierten die Religionen nicht mehr als Rechtfertigung für alles Mögliche. Gleichzeitig wurde das Individuum wichtiger. Man definierte sich nicht mehr nur über Stände, Verbände oder Religion. Das Ich tritt als verletzliche Einheit in Erscheinung. In England fragte Thomas Hobbes, wie Gewalt zu begrenzen sei, und diese Idee drang in die Philosophie, die Politik, den Habitus der Menschen ein.

ZEIT Wissen: Verdrängt Zivilisation Gewalt?

Reemtsma: Gewalt findet weiterhin statt, aber unser Blick auf sie ist ein anderer. Wir brauchen jetzt Rechtfertigungsmuster. Denken Sie an die koloniale Gewalt. Die wird im Namen der Zivilisation ausgeübt, mit der Begründung, die Gewalt der Barbaren abzuschaffen. Oder Guantánamo: Das ist ganz klar ein Foltercamp, aber man darf es nicht so nennen, denn Folter, das Wort, passt nicht zur modernen Gesellschaft.

ZEIT Wissen: Versuchen wir manchmal, Gewalt abzuschaffen, indem wir sie einfach leugnen?

Reemtsma: Ja, das gibt es. Oder indem wir sie pathologisieren: Im kriminellen Milieu gibt es bizarre Vögel, aber die sind verrückt. Das muss man nicht weiter an sich heranlassen.

ZEIT Wissen: Daneben existiert auch die Zone der erlaubten Gewalt.

Reemtsma: Jede Gesellschaft unterscheidet zwischen verbotener, erlaubter und gebotener Gewalt. Ein Mörder zum Beispiel: Seine Gewalt war verboten. Dann haben sie ihn verhaftet und in Handschellen gelegt; auch das ist Gewalt. Aber die ist eben erlaubt beziehungsweise geboten. Es gibt keine schlechthin ungewalttätigen Gesellschaften. Und wir würden sie auch nicht wollen.

ZEIT Wissen: Wo verlaufen die Grenzen zwischen erlaubt und nicht erlaubt?

Reemtsma: Das unterscheidet sich von Gesellschaft zu Gesellschaft. Ich denke, das festzulegen ist der Kern einer jeden Zivilisation. ...

... ZEIT Wissen: Die Suche nach den Ursachen und Anlässen für Gewalt ist ja weit verbreitet.

Reemtsma: Davon halte ich insgesamt nicht viel, weil es eine Illusion ist, dass es dieses Warum immer gibt. Man kann das gut verfolgen in der NS-Forschung. Auf die Frage, wie der Holocaust möglich sein konnte, kommt immer mal jemand mit einer Lösung. In den fünfziger Jahren versuchte man sich einzureden, es wären alles Sadisten gewesen. Dann waren es Weltanschauungstäter. Dann Täter mit materiellen Motiven. Der NS-Forscher Götz Aly trug lange die Formulierung vor sich her: "Es waren keine fanatischen Antisemiten, sondern kühl kalkulierende Wissenschaftler." Aber das ist doch ein völlig defizitäres Menschenbild. Die Menschen können beides sein. Gewalt entsteht in komplexen Situationen, und das Warum verführt einen dazu, irgendetwas zu identifizieren und zu sagen: Das ist es. Man sucht den einen Schalter, den man umlegen kann. Und den gibt es nicht.

ZEIT Wissen: Wie kann man dann Gewalt beikommen?

Reemtsma: Indem die Gesellschaft deutlich macht, dass sie Gewalt nicht akzeptiert. Dass Gewalttäter ausgeschlossen werden.

ZEIT Wissen: Aber der Tabubruch scheint manchen Tätern auch zu gefallen. Pegida und AfD sammeln mit ihren verbalen Attacken gerade ziemlich viele Unterstützer.

Reemtsma: Trotzdem bleibt immer die Frage, ob die tatsächliche Gewalt akzeptiert wird. Als es diese ersten Gewalttaten gegen Flüchtlingsheime gab, kurz nach der Wiedervereinigung in Hoyerswerda, da war unklar, ob das ein Flächenbrand wird. Und dann gab es Lichterketten. Das war eine ganz große Demonstration: Ihr habt unsere Billigung nicht. Damit war die Gewalt eingedämmt. Sie hatte keinen Resonanzraum mehr.

ZEIT Wissen: Könnten die aktuellen Anschläge auf Flüchtlingsheime eine Sogwirkung entwickeln und zu etwas Größerem werden?

Reemtsma: Ich würde weniger von Sog sprechen als von Angebot, denn auf Sog reagiert man ja mechanisch und automatisch, aber ein Angebot muss man wahrnehmen. Ich möchte dieses Moment der Aktivität und des Entschlusses aus diesen Phänomenen nicht herausnehmen. Diese Anschläge sind nicht von der Bevölkerung geächtet worden, sondern es hat eine gewisse Zustimmung gegeben. Und das verführt den Nächsten, der sonst vielleicht diesen Schritt nicht täte. Auf einmal hat er das Gefühl, wenn ich das tue, kriege ich auch noch Applaus. In manchen Gegenden Deutschlands werden diese Angebote eher wahrgenommen, weil diese Gegenden merkwürdig sind, irgendwie auch sozial tot. Da hat man nicht das Gefühl, dass eine Kultur existiert, die Resistenz genug hat, zu sagen: Wer hier etwas anzündet, der kommt nicht mehr in die Gaststätte rein – unter anderem, weil es die Gaststätte gar nicht gibt.

ZEIT Wissen: Sie haben gesagt, Sie wunderten sich nicht über Gewaltbereitschaft und es sei ein Fehler, das Kriminelle zu pathologisieren. Jetzt sagen Sie, die Gewalttäter seien merkwürdig. Ist das nicht dasselbe?

Reemtsma: Sie nehmen mich beim Wort, das ist auch in Ordnung. Aber ich bin natürlich auch Teil dieser Affekte und sage: Die haben sie wohl nicht mehr alle!

ZEIT Wissen: Kommen wir von Menschen, die Gewalt ausüben, zu denen, die sie erleiden, die also währenddessen und danach damit umgehen müssen. Sie gehören selbst dazu.

Reemtsma: Meine Erfahrung ist die, entführt worden zu sein, einen Monat lang an der Kette gelegen zu haben und von Stunde zu Stunde nicht zu wissen, ob man das überlebt oder nicht – das ist schon, sagen wir: bemerkenswert. Ein Beispiel: Sie hatten mir gesagt, um acht Uhr morgens kriege ich ein paar Brote hingestellt und um acht Uhr abends wieder etwas. So war das auch ein paar Tage lang. Dann passierte auf einmal morgens nichts. Und ich wusste nicht, was los ist. Vielleicht sind die abgehauen, was mache ich dann? Soll ich versuchen, mit dem Plastikmesser, das ich habe, die Kette aus der Wand zu kratzen? Und dann? Komme ich dann durch die Tür durch? Werde ich verdursten oder ersticken, weil die Luftzufuhr ausbleibt? Das sind die Gedanken, die man sich macht. Und irgendwann, drei Stunden später, kommt jemand rein und stellt mir doch die Brote hin. Er hat einfach nur länger geschlafen. Und ich habe im Keller Todesangst. Diese Hilflosigkeit ist eine sehr extreme Erfahrung. Die prägt Ihr ganzes Leben. Das ist nicht mehr nur anekdotisch, so, wie ich es jetzt erzähle, sondern eine Grundunsicherheit, eingebaut ins Leben.

... ZEIT Wissen: Macht uns diese starke Idee vom Individuum auch verletzlicher gegenüber Gewalt?

Reemtsma: Das ist die andere Seite davon, ja. Wenn Sie ein frommer, ichloser Mensch sind, kommen Sie vielleicht besser klar. Améry hat mal gesagt, in den Konzentrationslagern habe es zwei Typen gegeben, die ganz gut klarkamen: die ganz frommen Christen und die Kommunisten. Für die Christen war es eine Prüfung und für die Kommunisten das Vorspiel zum letzten Gefecht. Er sagte, wir Atheisten, Agnostiker, wir hatten nichts, für uns war es einfach nur die große Sinnlosigkeit der Quälerei. Und von uns sind mehr physisch kollabiert und gestorben als von denen.

ZEIT Wissen: Weil man in dieser Situation erkennt, wie unwichtig das Ich ist?

Reemtsma: Die Vorstellung vom Ich kann nicht stabil bleiben, wenn die Wirklichkeit anzeigt, dass es darauf gar nicht ankommt.

...


Aus: "Jan Philipp Reemtsma: "Ich bin sehr für Rache, sie darf nur nicht sein"" Interview: Andreas Lebert und Katrin Zeug (7. Juni 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/03/jan-philipp-reemtsma-gewalt-menschen-grenzen-waffen-krieg/komplettansicht


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« Reply #10 on: Oktober 04, 2016, 10:08:56 vorm. »
Quote
[...] Sowohl Lammert als auch Merkel betonten, dass es nach 26 Jahren der Einheit heute neue Herausforderungen und Probleme in Deutschland gebe. "Wer aber in diesem Streit das Abendland gegen tatsächliche und vermeintliche Bedrohungen verteidigen will, muss seinerseits in dieser Auseinandersetzung den Mindestansprüchen der westlichen Zivilisation genügen", forderte Lammert mit Blick auf den Streit um die Flüchtlingspolitik. Dazu gehörten Respekt, Toleranz, die Freiheit der Meinung, die Wahrung der Religionsfreiheit und des Rechtsstaates. Der CDU-Politiker betonte zugleich, dass auch die Flüchtlinge die in Deutschland geltenden Regeln zu achten hätten. Das gelte "für alle, ausnahmslos". ...

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Martin Günzel #41

Pöbeleien, Beschimpfungen, Nazi-Sprüche und rassistische Anmache - DAS ist das Volk? Na gute Nacht, Abendland ...


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Zivilisationswächter #8.35

Aber Demokratie ohne Konflikt bekommen Sie nicht, dabei bleibe ich.

Made my day, der Satz. Denn Sie haben volkommen recht. Demokratie muß immer wieder erneuert werden. Sie muß verteidigt werden gegen ihre Feinde. Und - ganz wichtig - diese Feinde können sehr wohl auch in gewählten Staatsämtern sitzen. Das hat nichts mit "rechts" zu tun, sondern ist eine schlichte Tatsache.

Deutsche Innenminister und Geheimdienste, die permanent den Polizei- und Überwachungsstaat forcieren wollen, mit wolkigem Verweis auf Terroristen, sind nicht weniger Demokratiefeinde als Menschen, die was von "Merkeldiktatur" erzählen oder mit "Volksverrätern" rumwerfen.

Demokratie muß also auch immer neu bestimmt werden. Können wir dies und das tun und trotzdem demokratisch sein? Können wir zulassen, daß Bürgerdaten Freiwild der Wirtschaft und der Politik sind, aber umgekehrt gilt immer der Datenschutz?

Können wir demokratisch sein - glaubhaft und ernsthaft - wenn unsere offiziellen besten Freunde Folterer, Drohnenmörder oder wahabitische Ölfaschisten sind?

Demokratie muß immer wieder neu erungen werden, auf allen Ebenen, und das erfordert permanente Diskussion. Jeden Tag. Denn sonst ist sie eines Tages weg, die Demokratie. ...


...


Aus: ""Wir leben so, wie es ganze Generationen vor uns nur träumen konnten"" (3. Oktober 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2016-10/dresden-pegida-proteste-attacke-politiker


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« Reply #11 on: Oktober 06, 2016, 09:55:17 vorm. »
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[...]  Der Ton ist schärfer geworden. Zum einen entfaltet das Internet enthemmende Wirkung, denn es bietet den Schutzraum der Anonymität. Zweitens ist es in der Ellbogengesellschaft opportun, den starken Mann zu markieren. Drittens schlägt schnell mal um sich, wer verunsichert ist. Die Meinungs- und Kunstfreiheit wird strapaziert in diesen Tagen. Kein Wunder also, wenn auch die Plädoyers für eben diese Freiheit schärfer ausfallen, angesichts von Morddrohungen gegen Karikaturisten, Attentaten auf Satiremagazine und Einschüchterungsversuchen eines türkischen Autokraten. Man nennt es Selbstverteidigung.

Prompt reagiert der Satiriker Martin Sonneborn auf die Entscheidung der Mainzer Staatsanwaltschaft mit beißender Satire. „Wenn Erdogan Eier hat, verklagt er jetzt die Staatsanwalt wegen Strafvereitelung im Amt“, sagte Sonneborn dem Tagesspiegel. „Tut er das nicht, ist er in meinen Augen kein überzeugender Despot.“

Die zeitliche Koinzidenz von Dresden-Aufruhr und eingestelltem Böhmermann-Verfahren wirft zudem ein Schlaglicht auf die komplizierte Gemengelage im öffentlichen Raum. Einerseits erweist sich die Zivilisationskruste mal wieder als brüchig, das war sie wohl schon immer. Andererseits ist die Sensibilität im öffentlichen Gebrauch der Sprache hierzulande deutlich höher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus gelten längst nicht mehr als Kavaliersdelikte, political correctness versteht sich im Parlament, in den Medien, an Schulen und Hochschulen von selbst. Und in Diskussionen über Pippi Langstrumpfs Negerkönig-Papa und „schlimme Wörter“ in Kinderbüchern verständigt die Gesellschaft sich darüber, wo die Grenze zwischen notwendigen Eingriffen in Klassiker und übertriebener Moralapostelei verläuft.

Die Zeiten ändern sich eben doch. Trump ist Trump, aber ein bundesdeutsches Parlament, in dem verbal attackiert wird wie zu Zeiten von Franz Josef Strauß („Hetzer!“, „Schnauze, Iwan!“) oder Herbert Wehner („Übelkrähe“ zu Jürgen Wohlrabe, „Hodentöter“ zu Jürgen Todenhöfer), ist in der Berliner Republik nicht mehr vorstellbar. Aller Sehnsucht nach politischem Temperament zum Trotz.

Nicht nur Böhmermann freut sich in seiner Video-Stellungnahme auf Facebook, dass die Staatsanwaltschaft sich seine komplette Sendung und sein „juristisches Proseminar“ zum Thema Schmähkritik angeschaut hat, auch andere Satiriker begrüßen die Mainzer Entscheidung. Tagesspiegel-Karikaturist Klaus Stuttmann spricht von einer „selbstverständlichen Nachricht. Alles andere wäre eine Katastrophe für unseren Rechtsstaat gewesen.“ TV-Comedian Dieter Nuhr nennt die Einstellung wegen Belanglosigkeit „exakt richtig“. Die Justiz habe entschieden, „das nennt man Rechtsstaat, und ich bin froh, in einem solchen zu leben. Er funktioniert.“ Florian Schroeder würdigt den Beweis dafür, „dass Meinungs- und Kunstfreiheit in diesem Land etwas gelten“.

Was das Gespür für den richtigen Sprachgebrauch angeht, betont der SWR-„Spätschicht“-Moderator allerdings auch, dass man sich „bei sensiblen Themen wie etwa dem Islam“ in die Nesseln setzen könne. Es gehöre für Satiriker zum Arbeitsethos, genau hinzusehen und präzise zu formulieren. Zudem zeige die Böhmermann-Geschichte, „dass Satire doch ankommt, doch wunde Punkte trifft“.

... Jan Böhmermann ist kein Satiriker der virtuosen, entwaffnenden Art. Seine Show hat etwas Selbstgewisses, Machohaftes, sein „Schmähgedicht“ funktioniert nach der plumpen Methode: Ich sag’ jetzt mal, was man nicht sagen darf – um dann mit Wonne ressentimentgeladene, rassistische Wörter wie „Ziegenficker“ auszusprechen. Man muss das nicht mögen. Aber man muss die Freiheit auch für ein solch satirisches Proseminar verteidigen. Wo kommen wir hin, wenn nur noch Witze gerissen werden dürfen, die man selber für gelungen hält? ...


Aus: "Schlimme Wörter" Christiane Peitz (06.10.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/was-der-fall-boehmermann-lehrt-schlimme-woerter/14647254.html

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« Reply #12 on: Juli 14, 2018, 03:37:55 nachm. »
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... Ich stelle mir vor, ich wohne in einem Mietshaus mit vielen Wohnungen und einem gemeinsamen Garten. An der Grenze unseres Grundstücks verläuft eine Straße, und aus irgendeinem Grund verunglücken dort täglich mehrere Fahrradfahrer schwer. Keiner von uns Mietern kann etwas dafür, dass diese Menschen dort verunglücken, keiner hat sie gebeten, hier vorbeizufahren. Vielleicht sind wir sogar ausdrücklich dagegen, dass hier überhaupt jemand langfährt. Aber wäre es vorstellbar, die Nachbarn dafür zu kritisieren, dass sie in dieser Situation den Notarzt rufen? Wäre es vorstellbar, den Notarzt zu verklagen und einzusperren, weil er den verunglückten Radfahrern hilft? Wäre es vorstellbar, oben am Fenster zu stehen und zu argumentieren: Erst wenn es da unten genügend Tote gegeben hat, werden andere lernen, dass man hier nicht langfährt? Sicher nicht in einem Haus, in dem ich noch wohnen möchte.
Doch genau das passiert gerade in Europa. Plötzlich gibt es im öffentlichen Diskurs zwei unterschiedliche Meinungen darüber, ob man Menschen in Lebensgefahr helfen soll, oder ob man sie lieber sterben lassen soll. »Je mehr man rettet, desto mehr kommen doch«, das sagt man plötzlich laut und ungeniert. Der Satz hat sich von den hasserfüllten Kommentarspalten auf Facebook in die angsterfüllte Mitte der Gesellschaft geschlichen. Er wird heute in Büros ausgesprochen, auf Gartenpartys und in Parlamenten.
Derweil steht der Kapitän des Rettungsbootes »Lifeline« in Malta vor Gericht, andere Rettungsboote werden am Auslaufen gehindert. Die AfD präsentiert stolz eigene Strafanzeigen gegen weitere Helfer, etwa von »Ärzte ohne Grenzen« oder »Save the Children«. Italiens Innenminister nennt die Retter »Vizeschlepper« und schließt die Häfen für sie. Europas Populisten applaudieren dazu, und in der CSU, immerhin eine deutsche Regierungspartei, verunglimpft man diejenigen, die es lebend übers Mittelmeer und bis nach Deutschland geschafft haben, als Touristen. Seit Anfang des Jahres sind 1400 Menschen an den Grenzen der Europäischen Union gestorben, und die reichste Staatengemeinschaft der Welt und Trägerin des Friedensnobelpreises lässt kein echtes politisches Interesse daran erkennen, das Problem gemeinsam anzugehen. Der Grund dafür: Niemand hätte dabei etwas zu gewinnen, außer den ertrinkenden Menschen.
Das ist der Anfang vom Ende der europäischen Idee. Wir können uns nicht auf Menschenrechte, Aufklärung und Humanismus berufen und gleichzeitig die Rettung Ertrinkender kriminalisieren. Der kleine Stolz, den man noch vor Kurzem empfinden konnte, ein Europäer zu sein, er ist zusammen mit Tausenden Männern, Frauen und Kindern im Mittelmeer ertrunken. Während wir alle im Fernsehen, auf Twitter und Facebook nahezu live dabei zusehen können.
Es geht nicht um unterschiedliche Auffassungen, wie man mit Migranten- und Flüchtlingsbewegungen umgehen soll. Es geht nicht darum, dass man »nicht alle aufnehmen« kann. Es geht schlicht um ein Mindestmaß an Zivilisiertheit: Wer gerade dabei ist, zu ertrinken, der ist weder Flüchtling noch Migrant, der ist weder Afrikaner noch Europäer, weder Muslim noch Christ, der ist ein Mensch, der gerade dabei ist, zu ertrinken, und man muss alles unternehmen, um ihn zu retten.
... Menschen [ ] sehenden Auges ertrinken zu lassen, als abschreckendes Beispiel für andere, das ist keine Meinung. Es ist der erste Schritt in die Barbarei. ...

Aus: "Der Untergang" Wolfgang Luef (05. Juli 2018)
Quelle: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/abschiedskolumne/der-untergang-85837

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[...] Schon in der frühen Schrift «We refugees» (Wir Flüchtlinge) erklärte die deutsch-jüdische Philosophin: «Flüchtlinge repräsentieren die Avantgarde ihrer Völker.» Arendt hat aus ihren Untersuchungen (und ihrer Erfahrung) des Totalitarismus den Schluss gezogen, dass die Missachtung der Grundrechte in einer ersten Phase stets nur Flüchtlinge und schutzlose Minderheiten betrifft, bevor sie sich in einer zweiten Phase generalisieren kann. Historisch betrachtet war die Flüchtlingspolitik das Laboratorium der Barbarei. Erst zielt die Aufhebung der Menschenrechte nur auf Migranten – und irgendwann auf die gesamte Bevölkerung.

Wir sollten nicht so naiv sein, zu glauben, dass die namenlosen Tragödien, die sich Tag für Tag und Nacht für Nacht auf offener See abspielen, ohne Einfluss bleiben werden auf das Leben, die Politik und die Gesellschaft in Kontinentaleuropa. Wir sollten nicht so naiv sein, zu glauben, dass diese Toten nicht die unseren sind.


Aus: "Binswanger: Avantgarde der Völker" Daniel Binswanger (30.06.2018)
Quelle: https://www.republik.ch/2018/06/30/avantgarde-der-voelker
« Last Edit: Juli 14, 2018, 03:40:34 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #13 on: September 26, 2018, 04:09:15 nachm. »
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... Ein Video einer Pegida-Kundgebung vom 25. Juni in Dresden sorgt derzeit für Aufsehen: Als Redner und Gründungsmitgried Siegfried Däbritz über ein Rettungsschiff der Hilfsorganisation „Lifeline“ spricht, riefen Teilnehmer der Kundgebung lautstark „Absaufen! Absaufen!“.

Zunächst hatte die „Rheinische Post“ über das Video berichtet. Däbritz sagt in dem Video: „Ihr habt ja bestimmt gehört, was im Mittelmeer mit unserer herzallerliebsten Dresdner Schlepper-Organisation gerade passiert, oder?“

Zu diesem Zeitpunkt war die Dresdner Hilfsorganisation „Mission Lifeline“ noch mit 234 Flüchtlingen an Bord auf dem Mittelmeer unterwegs. Über Tage wartete sie darauf, in einen europäischen Hafen einzulaufen, weil Italien und Malta zunächst ein Anlegen verweigerten. Schließlich durfte das Schiff in Malta anlegen, wurde aber von den Behörden beschlagnahmt. Der Kapitän der „Lifeline“ wird nach der Rettungsaktion vor der libyschen Küste in Malta der Prozess gemacht.

Auf die „Absaufen“-Rufe der Teilnehmer reagiert Däbritz mit einem Grinsen und sagt dann: „Nein, nein, nicht absaufen, wir brauchen das Schiff noch, um die alle wieder zurückzufahren.“

...



Aus: "Pegida-Redner spricht über Rettungsschiff "Lifeline" - Teilnehmer rufen "Absaufen!"" (16.07.2018)
Quelle: https://www.focus.de/politik/deutschland/staatsanwaltschaft-prueft-vorfall-pegida-redner-spricht-ueber-rettungsschiff-lifeline-teilnehmer-rufen-absaufen_id_9266925.html

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20.07.2018 | Zacharias Zyrte
Liebe Pegidisten und andere “Alternative”

“Absaufen, Absaufen, Absaufen!” Ja das ist freie Meinungsäußerung - auch wenn’s weh tut. Mal sehen wie Eure Aufrufe bei der nächsten Elbüberschwemmung in Dresden ankommen....


...

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Bei einem Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch (Neuseeland) sind am 15. März 2019 mindestens 49 Menschen getötet und weitere 40 Menschen verletzt worden. Die Tat ist nach Zahl der Todesopfer das schwerste Verbrechen in der Geschichte Neuseelands.  ... (16.03.2019)
https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_auf_zwei_Moscheen_in_Christchurch

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[...] Die Muslime von Christchurch sind ermordet worden, weil ein Nazi, ein Hasser nicht damit leben konnte, dass zu einer zivilisierten, zu einer westlichen Werten verpflichteten Demokratie natürlich auch das Recht gehört, seine Religion in Frieden leben zu dürfen. ...


Aus: "Zu den Geschehnissen in Christchurch" In Politik | Autorengruppe (Am 15. März 2019)
Quelle: https://www.ruhrbarone.de/zu-den-geschehnissen-in-christchurch/163433
« Last Edit: M?RZ 16, 2019, 06:55:11 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #14 on: Oktober 12, 2018, 11:13:02 vorm. »
"USA: Bundesstaat Washington schafft Todesstrafe wegen Rassismus ab" (12. Oktober 2018)
Der Oberste Gerichtshof des US-Bundesstaates hat die Todesstrafe für verfassungswidrig erklärt. Sie werde oft willkürlich und aufgrund rassistischer Vorurteile verhängt.
https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-10/usa-washington-todesstrafe-urteil-verfassung

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Guenther100 #18

Herzlichen Glückwunsch. Es gibt viele Gründe, die gegen die Todesstrafe sprechen, der heir ausschlaggebende ist einer davon.



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wachsmueller #4

... An der Haltung zur Todesstrafe zeigt sich meiner Meinung nach der moralische Fortschritt einer Gesellschaft. ...


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AllesKeinProblem #16.1

"Diese Entscheidung ändert nichts an Rassismus und sozialer Schieflage."

Dürfte den Betroffenen erst mal egal sein. :-)


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MickyMesser #21

Für Serienmörder ist die Todesstrafe richtig. Nicht aus Rache sondern um die Gesellschaft (auch im Gefängnis) zu schützen .


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babasikander #21.1

Wenn die Serienmörderin aber doch die Zwillingsschwester war, wie sich nach der Vollstreckung des Urteil heraus stellte? ...


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Emma Stoned #21.3

Schwachsinn. Die Todesstrafe ist nie richtig.


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J-J-Rousseau #22

Man ist erleichtert, dass diese barbarische Strafe wenigsten in diesem Staat der USA abgeschafft wird. Der unangenehme Beigeschmack dieser Entscheidung: diese US-Verfassungsrichter würden die Todesstrafe belassen, wenn es keine rassistische Auswahl beim staatlich organisierten Abschlachten gäbe. Was für ein Land! Aber wir hier in Europa folgen dem mit übergroßen Schritten nach. Der allgemeine Rechtsruck in Europe hat vielerorts auch die Wiedereinführung der Todesstrafe auf der Agenda. Die ultrarechte Le Pen in Frankreich z.B. löst mit diesem blutrünstigen Vorschlag begeisterten Beifall aus. ...


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Emma Stoned #22.4

"Mein Mitleid mit Mördern, Kinderschändern, Vergewaltigern und gewalttätigen Tätern hält sich in überschaubaren Grenzen."

Zufällig verhält es sich mit meinem Respekt vor Befürwortern der Todesstrafe ganz genau so.



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white raven #28

Eines der stichhaltigsten Argumente gegen die Todesstrafe, die ich kenne: sie ist zu mild.

Was ist schon das sekundenschnelle Versetzen in einen tiefen, traumlosen ewigen Schlaf im Vergleich zu lebenslanger Haft in einem amerikanischen Knast - einem der unbehaglichsten Aufenthaltsorte, den das Land der Tapferen und Freien zu bieten hat - und das mit der 100%igen Gewissheit, bis zum allerletzen Atemzug dort bleiben zu müssen?



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Busters Onkel #24

Sehr begrüßenswert. Insbesondere in Zeiten wie diesen. Spannend ist im Hinblick auf die USA ja auch, dass ebenjene, die gegen die Abtreibung "ungeborenen Lebens" sind, gleichzeitig sich das Recht vorbehalten, eben jenes Leben vorfristig zu beenden.
Und das auch noch (wie man oft genug im Rechtssystem der USA feststellen durfte) aufgrund hanebüchener Anklagen und Scheinprozessen.

Lebenslange Haft hat den Vorteil, dass etwaige Ermittlungsfehler irgendwann noch ausgebadet werden können und eine lebendige Rehabilitierung stattfinden kann. Bei der Todesstrafe macht sich der Rechtsstrafe auf ewig eines Mordes schuldig.

Abgesehen davon sollte der Rechtsstaat nicht die selben Methoden anwenden, wie beispielsweise rechtmäßig verurteilte Mörder, denn der Rechtsstaat sollte diesen moralisch überlegen sein.


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« Reply #15 on: Oktober 17, 2018, 10:57:12 vorm. »
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[...] Montreal - In Ländern, in denen die körperliche Bestrafung von Kindern verboten ist, prügeln auch die Jugendlichen weniger. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie mit Daten aus 88 Ländern, die im „British Medical Journal Open“ veröffentlicht ist. Die Forscher um Frank Elgar von der McGill University in Montreal (Kanada) hatten Studien zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ausgewertet, in denen auch nach der Häufigkeit von Prügeleien gefragt worden war.

Einer Untersuchung des Kinderhilfswerks Unicef zufolge hatten etwa 17 Prozent der Jugendlichen weltweit körperliche Bestrafung innerhalb des Vormonats erfahren, entweder in der Schule oder zu Hause. Inzwischen gibt es jedoch mehrere Untersuchungen, die die negativen Folgen der Prügelstrafe belegten, schreiben die Wissenschaftler um Elgar. Auswirkungen seien beispielsweise aggressives und antisoziales Verhalten, psychische Probleme, geistige Defizite, geringes Selbstwertgefühl und körperliche Misshandlungen.

Elgar und seine Mitarbeiter nutzten für ihre Untersuchung nun Daten von zwei großen internationalen Studien aus den vergangenen Jahren und ergänzten diese um einige landesweite Erhebungen. Angaben zu den gesetzlichen Regelungen in den 88 untersuchten Ländern liefert eine globale Initiative zur Beendigung der körperlichen Bestrafung von Kindern. Als gewalttätig stuften die Wissenschaftler diejenigen Jugendlichen ein, die angaben, in den vergangenen zwölf Monaten an vier oder mehr körperlichen Auseinandersetzungen beteiligt gewesen zu sein.

Im Durchschnitt aller Länder waren 9,92 Prozent der männlichen und 2,81 Prozent der weiblichen Jugendlichen regelmäßig in Prügeleien verwickelt. Allerdings gibt es sehr große Unterschiede zwischen den Ländern: von 0,86 Prozent der Mädchen in Costa Rica bis 34,78 Prozent der Jungen in Samoa. Nimmt man solche Gewalt aus Ländern ohne Verbot der Prügelstrafe als 100 Prozent, dann lag der Anteil der gewalttätigen männlichen Jugendlichen in Ländern mit Verbot bei 69 Prozent. Bei weiblichen Jugendlichen sind es sogar nur 42 Prozent.

Andere Faktoren, wie Waffengesetze, Mordrate, Elternerziehungsprogramme oder Wohlstand wurden als mögliche Ursachen für die Unterschiede untersucht. Sie hatten jedoch wenig bis gar keinen Einfluss auf die Anzahl der prügelnden Jugendlichen, teilweise zur Überraschung der Wissenschaftler: „Wir gingen davon aus, dass wir in wohlhabenderen Ländern weniger Prügeleien finden würden“, schreiben sie, „aber in Kambodscha, Myanmar und Malawi fanden wir die geringste Häufigkeit von Prügeleien bei männlichen Personen und an beiden Enden des Spektrums eine Mischung aus einkommensschwachen und einkommensstarken Ländern.“

Mit Ausnahme von Ghana und Sambia sind männliche Jugendliche stets häufiger in Prügeleien involviert als weibliche, zeigte die Analyse weiter. Teilweise sei der Unterschied erheblich. Weshalb das so ist, ist unbekannt, schreiben die Forscher. „Es könnte sein, dass männliche Personen, im Vergleich zu weiblichen, außerhalb der Schule mehr körperlicher Gewalt ausgesetzt sind oder durch körperliche Bestrafung von Lehrern anders betroffen sind.“ Dies müsse jedoch noch untersucht werden.

Die Forscher betonen auch, dass die Studie nur eine statistische Beziehung zwischen Verbot der Prügelstrafe und Prügeleien unter Jugendlichen aufzeigt. Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge sind damit noch nicht geklärt. In Deutschland ist eine körperliche Bestrafung von Heranwachsenden seit dem Jahr 2000 nicht mehr erlaubt.

Von dpa/RND


Aus: "In Ländern ohne Prügelstrafe gibt es weniger Gewalt unter Jugendlichen" (16.10.2018)
Quelle: http://www.kn-online.de/Nachrichten/Wissen/In-Laendern-ohne-Pruegelstrafe-gibt-es-weniger-Gewalt-unter-Jugendlichen

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« Reply #16 on: M?RZ 16, 2020, 01:41:56 nachm. »
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[...] Auf die vieldiskutierte Frage nach der Vergleichbarkeit unserer zwanziger Jahre mit denen des vergangenen Jahrhunderts lässt sich Wolfgang Martynkewicz gar nicht erst ein, er weiß um die prägnanten Differenzen zwischen beiden historischen Krisenlagen. Das Jahr 1920 in jenem Deutschland mit seinen fieberhaften Endzeit- und Untergangsvisionen, mit seiner zivilisatorischen Hypertonie infolge der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs, ist nicht überein zu bringen mit der heutigen Angstlust und der Beschwörung von vermeintlichen historischen Parallelkatastrophen.

War in jenem Nachkriegsjahr 1920 nicht schon alles vorhanden, was wenig später zu einem menschheitsgeschichtlichen Inferno führen sollte? „Die Hoffnung auf einen neuen Menschen, die Suche nach Mythen und Selbstgewissheit, die Affekte gegen die unverständliche Moderne, die Hysterie und Suggestibilität der Massen, das unbedingte Glaubenwollen und gleichzeitig die Furcht vor Täuschung und Manipulation – sogar der Führer war schon da.“

Martynkewicz lässt das Gespensterhafte jener goldenen, so genuss- wie gegenwartssüchtigen Jahre in einem Furioso von Impressionen und Expressionen intellektueller Zeitgenossen Revue passieren. Alles drängt sich damals zu explodierender Gleichzeitigkeit zusammen, alles überstürzt sich in momentaner Ereignishaftigkeit. Man weiß, die alte Welt ist zur unwiederbringlichen Vergangenheit eingestürzt, aber man vermag nicht zu sagen, wie Deutschland in der sich radikal modernisierenden Zukunft aussehen könnte. Es heißt vielmehr überleben in einer seelisch traumatisierten und zutiefst überforderten Nachkriegsgesellschaft, in der Armut, Kriminalität und Fememorde, ideologische und politische Psychosen, aber auch mondäner Star-Glamour und Tanzwut, Theaterlust, Revue- und Kabarett, neben Box-Events, Rad- und Auto-Rennen nahezu orgiastische Formen annehmen.

Kein Wunder, dass die Filme über sinistre Figuren wie Dr. Mabuse und Dr. Caligari zu den erfolgreichsten Kino-Ereignissen avancieren: „Die Gesellschaft Anfang der zwanziger Jahre war von den heimlich-unheimlichen Herrschern fasziniert, die zerstörerische Kräfte entwickeln und Unterwerfung fordern.“

Angst vor und zugleich Faszination von den heraufziehenden Gewaltkräften der Zukunft, Zurückschrecken vor den Unbegreiflichkeiten einer explodierenden wissenschaftlichen Moderne – in der Bewunderung und hasserfüllten Abwehr einer Persönlichkeit wie Albert Einstein wird zu jener Zeit beides sinnfällig. Überhaupt sehen sich Führergestalten gleichermaßen sehnsüchtig erwartet wie beargwöhnt. Sigmund Freud schreibt damals: „Der Führer der Masse ist noch immer der gefürchtete Urvater, die Masse will immer noch von unbeschränkter Gewalt beherrscht werden, sie ist im höchsten Grade autoritätssüchtig.“

Aber was soll aus der „ermüdeten und mythenentleerten Welt“ werden, wie Gottfried Benn die zwanziger Jahre nennt? Diese Zeit besitze etwas „Gespensterhaftes“, sie sei verloren zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sekundiert damals Kurt Tucholsky. Soll man auf den neuen Menschen setzen, auf einen verjüngten Heros und seine unendlichen Möglichkeiten, oder befindet sich die Welt am „Nullpunkt des Sinns“, droht nun so etwas wie eine „stürmische Leere“ heraufzuziehen?

So verschieden wie die intellektuellen Geister, die Martynkewicz ausgiebig zitiert und kommentiert, so variantenreich kommen in jenen Jahren auch die einschlägigen Denkansätze und Problemphantasien daher. Kann man einen individuellen Reizschutz entwickeln vor den Schock-Erlebnissen der neuen Gegenwart, bzw. in abgeklärter Kälte verharren gegenüber den Gefahren einer kriegsähnlichen Arbeits- und Leistungswelt à la Ernst Jünger? Oder könnte es eine Rückkehr zum christlichen Glauben, zum Ganzheitsdenken des Orients, oder zur Beruhigung in russischer Seelenfülle geben?

Besonders an Freud und Brecht, Döblin und Kafka macht Martynkewicz gleichsam die intellektuellen Aufmerksamkeitsspitzen gegenüber dem Mentalitätsumbruch von 1920 erkennbar. Freud muss jetzt, ähnlich wie C. G. Jung, unter dem Eindruck der grässlichen Zeitverhältnisse den Aufklärungsimpetus der Psychoanalyse relativieren, weil sich die archaisch-destruktiven Triebimpulse auch des zivilisierten Menschen nicht länger übersehen lassen.

Brecht demonstriert in seinem antiromantischen „Baal“ die ungebändigte männliche Triebnatur, den Tier-Menschen, und in späteren Stücken die „schamlose Großartigkeit“, ja den enthumanisierenden „Stadt-Dschungel der Weltgeschichte“ zwischen Amerika und Europa. Aber auch Döblin kann als Romancier vom „Zerstörungstaumel“ der neuen technisch-apparativen Modernisierungsmächte nicht lassen, ihn zieht es auf dem Wege der Naturmystik zurück zu den grundlegenden Lebenstatsachen von Individuum und Gesellschaft, zu einer „Urwesenheit, einem einzigen Ursinn“. Dass die immer abstrakter werdende Welt der Moderne aus den Fugen geraten sei und man unter dem Druck einer „Katastrophenerwartung“ stehe, gegen den sich ein jeder zu wappnen habe, hat damals auch Franz Kafka wahrgenommen, dessen Lebens- und Liebesversuche sich von einem „unterirdischen Drohen“, von dämonisch wirkenden Zwängen gesteuert sahen.

An die Katastrophen der dreißiger Jahre hätten die Protagonisten von 1920 (noch) nicht ge-dacht, meint Wolfgang Martynkewicz, ihr Problemhorizont sei der Untergang der Zivilisation, der clash der Kulturen gewesen. Das mag schon deshalb zutreffen, weil – nach einem Wort von Robert Musil – die Menschen eigentlich nichts gelernt hätten, obwohl sie seit Jahren „Weltgeschichte im grellsten Stil“ machten.

Fazit: Erinnerung und Anschauung können als Medien des Geschichtsverstehens sehr wohl versagen, denn zum Trauma gehört der Symbolisierungsverlust, die Unverfügbarkeit der Ereignisse, als Angstträume und Wiederholungszwänge kehren sie im Seelenhaushalt der Individuen wieder. 1920 war der Inbegriff eines Zeitenbruchs, einer Ära der Haltlosigkeiten und der Relativitäten, sie hat ihren eigenen Taumel in die zivilisatorische Katastrophe nicht zu ahnen vermocht. Der kenntnisreich und prägnant schreibende Kulturhistoriker Martynkewicz entlässt seinen Leser mit der Frage, an welchem Geschichtspunkt des Sinns wir uns hundert Jahre danach befinden.

Das Buch: Wolfgang Martynkewicz: 1920. Am Nullpunkt des Sinns. Aufbau Verlag, Berlin 2019. 383 S.


Aus: "Sachbuch über 1920: „1920. Am Nullpunkt des Sinns“: Gespensterhafte Zeiten" Harro Zimmermann (16.03.2020)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/literatur/1920-nullpunkt-sinns-gespensterhafte-zeiten-13599546.html

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« Reply #17 on: April 21, 2020, 09:11:26 vorm. »
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[...] Die Zahl der Hinrichtungen ist im vergangenen Jahr weltweit erneut kleiner geworden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die darüber jährliche Berichte verfasst, verzeichnete für 2019 einen erneuten Rückgang der Exekutionen um fünf Prozent in einem Jahr. 657 Hinrichtungen statt der noch 690 ein Jahr zuvor, so der am Dienstag veröffentlichte Bericht, sei nicht nur die geringste Zahl in einem Jahrzehnt, es setze sich auch ein seit 2015 anhaltender Trend fort.

Die Organisation weist allerdings darauf hin, dass das nur die Zahl ist, die sie aus offiziellen Quellen, Berichten von Angehörigen oder anderen Zeugen und Zeitungsberichten gewinnen konnte.

Man nehme nur Fälle in die Zählung auf, für die es eine nachvollziehbare Bestätigung gebe. Insofern läge die tatsächliche Zahl sicher höher als jene 657, die der Bericht verzeichnet.

Für China, das seine Hinrichtungspraxis als Staatsgeheimnis - das tun auch Weißrussland und Vietnam - unter Verschluss hält, veröffentlicht Amnesty bereits seit zehn Jahren keine Zahl mehr. Die Organisation vermutet aber, dass jährlich Tausende Menschen in China exekutiert werden.

Amnesty zeigte sich über diesen Teil des Zahlen zufrieden. Er belege, "dass die Bewegung anhält, die grausame, inhumane und entwürdigende Höchststrafe weltweit abzuschaffen", heißt es im Bericht. Allerdings stünden einige Länder dagegen.

Im Irak zum Beispiel habe sich die Zahl der vollstreckten Todesurteile fast verdoppelt, in Saudi-Arabien sei sie um ein knappes Viertel gestiegen. Überhaupt sind Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas 2019 für 88 Prozent der bekannt gewordenen Hinrichtungen verantwortlich - China wieder ausgenommen.

In Iran sank die Zahl der Hinrichtungen leicht, was Amnesty auf eine Ergänzung des Anti-Drogen-Gesetzes zurückführt, allerdings auf einem sehr hohen Niveau: Amnesty verzeichnete im letzten Jahr mindestens 251 Menschen, an denen die Todesstrafe im Iran vollstreckt wurde, zwei weniger als im Jahr zuvor.

Vier sollen noch minderjährig gewesen sein, darunter zwei Cousins, beide bei ihrer Verhaftung 15 Jahre alt, die in einem unfairen Verfahren wegen mehrfacher Vergewaltigung verurteilt wurden und in der Haft Peitschenhiebe erleiden mussten. Amnesty spricht von Iran als dem "Top-Henker der Region".

In Saudi-Arabien verzeichnete Amnesty im vergangenen Jahr 184 vollstreckte Todesurteile, die höchste jemals festgestellte Zahl. Mehr als die Hälfte der Opfer hatte einen nichtsaudischen Pass, sechs der Hingerichteten waren Frauen.

84 Menschen wurden wegen Drogendelikten geköpft - die übliche Form der Vollstreckung -, 55 wegen Mordes und 37 wegen Vorwürfen des Terrorismus. Die Todesstrafe werde jedoch auch gezielt gegen Dissidenten aus der schiitischen Minderheit Saudi-Arabiens eingesetzt, bemerkt Amnesty.

In Europa außerhalb der EU verzeichnet der Bericht nur noch die früheren Sowjetrepubliken Russland, Weißrussland, Kasachstan und Tadschikistan als Länder, die die Todesstrafe verhängen; nur Weißrussland vollstreckt sie allerdings. Und die USA erwerben sich mit 35 Hinrichtungen im vergangenen Jahr nicht nur den traurigen Ruhm, dies als einziges Land der Organisation amerikanischer Staaten (OAS) zu tun.

In den USA sitzen auch weltweit die meisten Menschen in Erwartung ihrer Hinrichtung in Todeszellen. Amnesty wirft den Vereinigten Staaten zudem vor, dass unter den Opfern auch im vergangenen Jahr wieder geistig Behinderte waren.

Aber auch dort sind Fortschritte zu verzeichnen. New Hampshire schaffte im 2019 als 21. Bundesstaat der USA die Todesstrafe komplett ab; Kaliforniens Gouverneur setzte ihre Vollstreckung aus.

Das Bekenntnis von Gouverneur Gavin Newsom hat Amnesty seinem diesjährigen Bericht sogar vorangestellt: “Es ist falsch, einen Menschen absichtlich zu töten und als Gouverneur werde ich die Hinrichtung keines einzigen erlauben", sagte Newsom am 13. März 2019 und bekannte zugleich, dass das US-Strafsystem "in jeder Hinsicht ein Fehlschlag war". Es diskriminiere Angeklagte, "die geisteskrank, schwarz oder braun waren oder sich keine teuren Anwälte leisten konnten".

Ein weiterer souveräner Staat, der die Todesstrafe abgeschafft hätte, ist 2019 nicht hinzugekommen - auch dies vermerkt der Bericht. Bisher sei sie in 106 Ländern komplett verboten, in 142 Ländern werde sie nicht angewandt.

Der Generalsekretär von Amnesty in Deutschland, Markus N. Beeko, forderte weiteren "entschlossenen Druck der internationalen Staatengemeinschaft auf diese letzten Staaten, die weiterhin an dieser grausamen unmenschlichen Praxis festhalten“. Dass sie "mit den grundlegenden Menschenrechten unvereinbar" sei, werde von den weitaus meisten anerkannt. "Wir müssen die internationale Aufmerksamkeit verstärkt auf die kleine Gruppe von Staaten lenken, die Jahr für Jahr Menschen hinrichten."


Aus: "Amnesty verzeichnet weniger Hinrichtungen" Andrea Dernbach (21-04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/exekutionen-weltweit-amnesty-verzeichnet-weniger-hinrichtungen/25757972.html

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[Notizen zur Zivilisation... ]
« Reply #18 on: April 27, 2020, 10:04:55 vorm. »
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[...] Der saudi-arabische König Salman hat die Todesstrafe für minderjährige Straftäter im Land abgeschafft. Die Entscheidung helfe dem Königreich, ein modernes Strafgesetz zu etablieren und verdeutliche dessen Willen zu Reformen, sagte Auwad Alauwad, der Vorsitzende der Menschenrechtskommission der saudischen Regierung. Weitere Reformen sollten kommen. Zuletzt hatte Saudi-Arabien die Strafe Auspeitschen abgeschafft. Straftäter sollen stattdessen zu Haft-, Geldstrafen oder Sozialstunden verurteilt werden.  ...


Aus: "Saudi-Arabien will keine Minderjährigen mehr hinrichten" (26. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/todesstrafe-saudi-arabien-minderjaehrige-hinrichtungen-koenig-salman

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U8888 #8

Ein weiterer kleiner Schritt in die richtige Richtung!


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guinnessleber #42

Das klingt wie der Ausgang aus dem Spätmittelalter in die Frühe Neuzeit. Das ist doch schon mal was.


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Hyperion87 #12

Kuschel-Justiz^^


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komakino #30

Reichlich spät, dass Minderjährige nicht mehr hingerichtet werden dürfen. Selbst die USA hatten dieses, wenn auch nur mit einer äußerst knappen Mehrheit der Richterstimmen des Obersten Gerichtshofs, schon im März 2005 verboten.


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gordon2freeman #25

Wir lassen die Menschen, die uns nicht passen, im Mittelmeer ertrinken. Seit 2014 geschätzt 20 Tausend. Darunter viele Kinder, Kleinkinder, Säuglinge.
Die Flüchtlinge hat die US Politik im Nahen Osten erzeugt. Die Politik, die wir mittragen.




-

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[...] Riad – Saudi-Arabien hat die Strafe des Auspeitschens abgeschafft. Das geht aus einem Dokument des Obersten Gerichtshofes des erzkonservativen Königreichs hervor, das AFP in Riad am Samstag einsehen konnte. So solle künftig die Einhaltung "internationaler Menschenrechtsstandards (gegen) körperliche Bestrafung" in Saudi-Arabien gewährleistet werden, heißt es in der im April getroffenen Entscheidung des Gerichtshofes.

Zuvor stand das von Menschenrechtsorganisationen heftig angeprangerte Auspeitschen als Strafe auf Tötungsdelikte, aber auch auf die Störung der "öffentlichen Ordnung" sowie auf außereheliche Beziehungen. Die Richter sollen in diesen Fällen künftig Haft- oder Geldstrafen oder die Verpflichtung zur gemeinnützigen Arbeit verhängen.

Der Schritt sei eine Maßnahme im Zuge der Reformen unter Führung des saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Der Kronprinz, der seit 2017 de facto die Politik des Landes bestimmt, strebt eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Öffnung Saudi-Arabiens an, die jedoch nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen von einer verstärkten Repression gegen Kritiker begleitet wird.

Die Veröffentlichung der Gerichtsentscheidung erfolgte, nachdem der Menschenrechtsaktivist Abdallah al-Hamid am Freitag im Gefängnis an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben war. Der 69-jährige al-Hamid hatte eine elfjährige Freiheitsstrafe verbüßt, laut Amnesty International unter anderem, weil er die "Treue zum Königshaus" gebrochen und die "öffentliche Ordnung" gestört habe.

In den vergangenen Jahren hatte auch der Fall des Bloggers Raif Badawi immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Weil er sich öffentlich für Meinungsfreiheit engagiert hatte, wurde Badawi 2014 wegen Beleidigung des Islam zu tausend Peitschenhieben und zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Saudi-Arabien steht wegen massiver Menschenrechtsverstöße international in der Kritik. Dort sitzen zahlreiche Menschenrechtsaktivisten trotz unklarer Vorwürfe in Haft. Kritiker machen dafür vor allem Kronprinz Salman verantwortlich. Sie sehen ihn auch als eigentlichen Drahtzieher des Mordes an dem regierungskritischen saudischen Journalisten Jamal Khashoggi. (APA, 25.4.2020)


Aus: "Saudi-Arabien schafft Strafe des Auspeitschens ab" (25. April 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000117114890/saudi-arabien-schafft-strafe-des-auspeitschens-ab

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Larifari123

Ah, die Suadis holen auf. In Europa wurde das Auspeitschen als Strafe '''bereits'''' 1871 offiziell aufgegeben, also vor rund 150 Jahren. Allerdings gibt es den ein oder anderen Bericht das bis in die 60iger Jahre bei uns in Europa diese Methode der Bestrafung angewendet wurde. Jede Kultur ist eben so weit wie sie ist. Wir haben ja neuerdings, dank Corona wieder ein paar Blockwarte dazubekommen. Gewisse Berufungen lasen sich eben auch in den angeblich zivilisiertesten Ländern nicht vermeiden.


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Infowesen

Naja, im 20. Jhdt wurde in Europa noch vergast, wer einer "falschen" Personengruppe angehörte. Und die letzten Kolonien, wo gepeitscht und die Todesstrafe eingesetzt wurde, wurde in den 1970iger Jahren aufgegeben.  ...


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papadimos

Es ist schon schizophren, die Abschaffung der Peitschenstrafe als Fortschritt zu "feiern", während weiterhin fröhlich gesteinigt und geköpft wird. Jetzt kann man sich ob dieses Fortschritts zufrieden zurücklehnen und diese "prowestlichen" Islamisten mit lästiger Kritik verschonen. Und nachdem die Frauen jetzt auch Autofahren dürfen, kann es ja dort nicht so schlimm sein...


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H.-C.Starche

Na bitte ned! Nachdem ich auf Kurzarbeit bin wollte ich den Gehaltsverlust als
angelernter Auspeitscher in Riad ausgleichen (übe schon seit 3 Wochen an meiner Frau und den Kindern). Wär auch wegen der Pendlerpauschale interessant gewesen. Naja, werds mal bei der CIA versuchen.


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moejoe187

Richtig "modern", das neue Saudi-Arabien.


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HerrFranz1

Es geht immer weiter bergab - fangen die auch schon mit der Kuscheljustiz an....


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gunkeldibunkel

Das hat in Wirklichkeit wenig mit dem Mittelalter zu tun. Körperliche Züchtigung im Strafrecht war bis weit in das 20JH in Europa verbreitet. In manchen Bereichen war das bis in die 1970er Jahre gesetzlich gedeckt und noch darüber hinaus angewandt: https://de.wikipedia.org/wiki/Tatze_(Strafe)

Ich behaupte mal der Fortschritt kam aus einer Kombination aus 68er Bewegung und Sozialdemokratie.


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Kritischer Esel

Frauen dürfen Auto fahren, kein Auspeitschen mehr....Saudi-Arabien wird immer mehr zu einer Vorzeige-Diktatur!


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« Last Edit: November 25, 2020, 11:09:29 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #19 on: April 27, 2020, 03:44:52 nachm. »
Quote
[...] Ist das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit ein absoluter Wert? Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble verneint das. Im Gespräch mit dem  Tagesspiegel sagt er: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte beschränken sich gegenseitig.“

Aus seiner These, der Schutz von Leben sei nur ein relativer Wert, leitet Schäuble eine nur relative Pflicht des Staates ab, Leben zu retten und zu schützen. Das gelte aktuell vor allem in der Corona-Eindämmungspolitik.

Schäubles Argumentation erinnert an seine vehemente Kritik, damals als Bundesinnenminister, an einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Dabei ging es, im Nachgang zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001, um die Frage, ob ein Passagierflugzeug abgeschossen werden darf, das Terroristen entführt haben und auf ein ziviles Ziel lenken. Haben die an Bord befindlichen Passagiere ihr Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit verwirkt?

Das Bundesverfassungsgericht sagte klar: Nein! Dieses Recht könne den Passagieren bis zu ihrem Tode nicht genommen werden. Eine Abwägung „Leben gegen Leben“ verstoße gegen das Grundgesetz. Der Staat dürfe niemanden ermächtigen, Menschen zu opfern, um möglicherweise mehr Menschen zu retten.

Schäuble dagegen berief sich auf das Genfer Abkommen über den Schutz der Opfer bewaffneter Konflikte. Das verbiete nur Angriffe, die in keinem vertretbaren Verhältnis zu den erwarteten militärischen Vorteilen stünden. Das Prinzip der Verhältnismäßigkeit bleibe aber gewahrt, wenn zur Vermeidung einer noch größeren Katastrophe wie bei einem Terroranschlag durch ein Flugzeug die entführte Passagiermaschine abgeschossen würde. Der Tod unschuldiger Menschen sei in einem solchen Fall zu akzeptieren.

Leidenschaftlich und ausdauernd setzte sich Schäuble – wegen des eindeutigen Urteils des Bundesverfassungsgerichts – für eine Grundgesetzänderung ein, die den Abschuss entführter Passagierflugzeuge doch noch erlauben würde.

Schließlich griff der damalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, in die Debatte ein und warnte Schäuble, seine Pläne weiter zu verfolgen. Die „Menschenwürdegarantie“ könne „selbst durch eine Verfassungsänderung nicht eingeschränkt werden“, sagte Papier.

Es gibt Extremsituationen, in denen Menschen nicht handeln können, ohne sich schuldig zu machen. Bestimmte Dinge, wie Folter und Mord, sollen unter allen Umständen verboten sein, die physische Unversehrtheit immer gewahrt werden. Aber manchmal kollidiert die Rettungspflicht gegenüber den einen mit der Schutzpflicht für die anderen.

Im September 2002 entführte Magnus Gäfgen den damals elfjährigen Jakob von Metzler. Er lockte ihn in seine Wohnung und erwürgte ihn. Gäfgen wurde gefasst, schwieg aber.

Am Abend des dritten Tages nach der Entführung wurde dem dringend Tatverdächtigen von Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner Gewalt angedroht, damit er den Aufenthaltsort des Kindes nennt. Für diese Drohung wurde Daschner später verurteilt. Vertreter des Staates dürfen weder foltern noch Folter androhen.

Ein Gemeinwesen muss an der absolut geltenden Schutzpflicht für Menschen ebenso festhalten wie am absolut geltenden Folter- und Tötungsverbot. Das schließt nicht aus, dass in Extremsituationen in Abwägung von Prinzip und Konsequenz Entscheidungen getroffen werden, die gegen die Prinzipien verstoßen. Dann müssen die Handelnden Verantwortung übernehmen, ohne auf Absolution spekulieren zu dürfen.

Um es paradox zu formulieren: Wenn ein Verteidigungsminister fragt, ob er ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug äußerstenfalls abschießen darf, muss die Antwort der Öffentlichkeit „Nein“ lauten. Wenn er es trotzdem tut – und dafür einsteht -, zollen ihm viele womöglich Respekt.

Wenn ein Polizeibeamter fragt, ob er in einer verzweifelten Lage durch Androhung von Folter herausfinden darf, wo ein entführtes Kind versteckt gehalten wird, muss die Antwort „Nein“ lauten. Wenn er es trotzdem tut – und dafür einsteht -, kann er zum Helden werden.

Auch in der Coronakrise muss abgewogen werden. Nur ein Narr würde das bestreiten. Aber die Diskussion muss geführt werden, ohne dass die absolute Geltung von Grundrechten infrage gestellt wird. Wie viele gerettete Covid-19-Erkrankte rechtfertigen eine Maskenpflicht? Wie viele rechtfertigen eine Zunahme der Arbeitslosigkeit? Solche Debatten erzeugen mehr Verletzungen, als sie an Klarheit produzieren.

Eine große Zumutung der Coronakrise besteht darin, dass sie die Verantwortlichen in moralische Dilemmata stürzt. Keiner von ihnen will mutwillig die Wirtschaft ruinieren, damit ein paar mehr Intensivbetreuungsbetten frei werden. Aber es ist ein Unterschied, ob in die Abwägungen bestimmte Gewichtungsaspekte einfließen, oder ob öffentlich Werte relativiert werden, um Gewichtungen vornehmen zu können.

Wenn Wolfgang Schäuble fragt, ob der Schutz des Lebens ein absoluter Wert ist, muss die Antwort „Ja“ lauten. Wenn er in Abwägungsdebatten in sein Urteil auch andere Grundrechte einbezieht, tut er das aus eigener Verantwortung. Er darf auf Absolution dafür hoffen, er darf sie aber nicht einfordern.


Aus: "Wolfgang Schäuble meint das Richtige, sagt aber das Falsche" Malte Lehming (27.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/ist-der-schutz-des-lebens-ein-absoluter-wert-wolfgang-schaeuble-meint-das-richtige-sagt-aber-das-falsche-/25777154.html

Quote
Malafide 15:23 Uhr

Du gute Güte!

Ich bin mir sicher, dass Lehming nicht erst darauf hingewiesen werden muss, dass das, was er da "zusammengeschrieben" hat - mit Verlaub - Stuss ist. Es entbehrt jeder vernünftigen Grundlage.

Nicht von Ungefähr versucht Lehming einen kläglichen Rettungsversuch auf dem Feld von Terror, Krieg und vorsätzlicher Tötungsabsicht, um sowohl Schäubles moralisch-ethische Entgleisung, als auch dessen Relativierung unseres Grundgesetzes schönzureden.

Der Fall Schäuble hat mich sofort an die "Jenniger-Rede" erinnert. Und, tut mir leid, aber der hilflose Versuch Lehmings aus Schäubles Entgleisung ein positives Narrativ zu konstruieren, macht die Sache wirklich icht besser - ganz im Gegenteil wirkt es problemverstärkend, da beim Llesen durch alle Ritzen, respektive Zeilen seines Kommentars ein eiskalter und ungemütlicher Wind durchpfeift und eine Grundwärme sich einfach nicht einstellen will, nicht einstellen kann, weil man Fakten nicht beliebig umdeuten kann.


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eismann872 15:19 Uhr

Ich denke,mit körperlicher Unversehrtheit kann die Ansteckung mit Viruskrankheiten nur äußerst bedingt gemeint sein.
Sonst könnte ich bei jeder Grippe oder jeder anderen beliebigen Viruserkrankung den Staat auf Schadensersatz verklagen, da er mich nicht vor einer Ansteckung geschützt hat.
Sollte er mich nur ab einer bestimmten Todesrate schützen müssen, wäre diese noch festzulegen. Eine Diskussion, die meiner Meinung nach geführt werden muss.


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Pedro_Garcia 14:59 Uhr

... Wer den absoluten Schutz des Lebens befürwortet, muss auch Auto fahren verbieten, denn auch da sterben Menschen und jeder weiß das. Das selbe gilt mit Luftgrenzwerten und vileen anderen Dingen die direkt oder indirekt Menschenleben kosten, aber zu Gunsten von anderen Dingen akzeptiert werden. Grippe tötet, Masern töten und auch Corona wird weiterhin töten, wahrscheinlich selbst dann noch, wenn es schon einen Impfstoff gibt.


...

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« Reply #20 on: Mai 05, 2020, 04:51:05 nachm. »
Quote
[...] Mit dem Ausbruch der Covid-19 Pandemie wurden in vielen Ländern Wissenschaftsräte gebildet, die die Politik beraten sollen. Meinungsumfragen deuten darauf hin, dass in verschiedenen Ländern das Vertrauen in die Wissenschaft gewachsen ist und über dem gegenüber Politikern rangiert. Könnte dies dazu führen, dass nach der Pandemie ein Systemwechsel bevorsteht und die Wissenschaft einen neuen Rang bei der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens einnimmt.

...


Aus: "Istanbul Post: Die Woche vom 24. April bis zum 1. Mai 2020"
Quelle: http://www.istanbulpost.net/index.php/news/view/200403/1766

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« Reply #21 on: Mai 05, 2020, 04:52:25 nachm. »
Quote
[...] Bei einem Zaubertrick besteht die Kunst darin, die Aufmerksamkeit des Publikums abzulenken, damit es nicht merkt, was tatsächlich vor seinen Augen geschieht. Bei der Corona-Epidemie liegt die Magie in einem Diagramm mit zwei Kurven, das auf Fernsehkanälen in der ganzen Welt zu sehen ist. Die x-Achse gibt die Zeit an, die y-Achse die Zahl der schweren Erkrankungen.

Die erste Kurve geht steil nach oben, sie zeigt den Verlauf der Epidemie, wenn nichts unternommen wird. Diese Kurve überschreitet sehr schnell die horizontale Linie, mit der die maximale Aufnahmefähigkeit der Krankenhäuser angegeben ist. Die zweite Kurve zeigt die Entwicklung, wenn Maßnahmen wie Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen die Verbreitung des Virus begrenzen. Sie ist leicht gewölbt, wie ein Schildkrötenpanzer, und bleibt unter der horizontalen Kapazitätsgrenze.

Das in den Medien allgegenwärtige Diagramm macht deutlich, wie dringend notwendig es ist, den Rhythmus der Ansteckungen zu verlangsamen, um die Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. Wenn jetzt Journalisten in der ganzen Welt dieses Schaubild weiterverbreiten, wird ein wesentliches Element oft vergessen: die unauffällige Gerade, die die Zahl der Betten darstellt, die für Schwerkranke zur Verfügung stehen. Diese „kritische Schwelle“ wird quasi als gottgegeben akzeptiert. Dabei ist sie das Ergebnis politischer Entscheidungen.

Wenn man heute „die Kurve abflachen“ muss, liegt das auch daran, dass die seit vielen Jahren herrschende Austeritätspolitik die Messlatte gesenkt und das Gesundheitswesen seiner Aufnahmefähigkeit beraubt hat. 1980 gab es in Frankreich elf Krankenhausbetten pro tausend Einwohner, davon sind heute noch sechs übrig. Macrons Gesundheitsministerin hat im September 2019 vorgeschlagen, sie „bed managers“ zu überlassen, die das rare Gut zuteilen sollten.

In den USA sank die Zahl von 7,9 Betten 1970 auf 2,8 im Jahr 2016.1 Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab es in Italien 1980 für „schwere Fälle“ 922 Betten pro 100.000 Einwohner. 30 Jahre später waren es nur noch 275. Überall galt nur eine Devise: Kosten senken. Das Krankenhaus sollte wie eine Autofabrik im Just-in-time-Modus funktionieren. Das Resultat ist, dass die Italienische Gesellschaft für Anästhesie, Analgesie, Reanimation und Intensivtherapie (Siaarti) die Arbeit der Notärzte heute als „Katastrophenmedizin“ bezeichnet. Sie warnt, angesichts der fehlenden Ressourcen „könnte es nötig werden, eine Altersgrenze für den Zugang zur Intensivversorgung festzulegen“.2 Auch im Nordosten von Frankreich spricht man mittlerweile in ähnlicher Weise von „Kriegsmedizin“.

Die Coronakrise hat also nicht nur mit der Gefährlichkeit der Krankheit Covid-19 zu tun, sondern auch mit dem organisierten Niedergang des Gesundheitssystems. Doch statt diese Tatsache kritisch zu hinterfragen, laden die großen Medien – seit jeher die Echokammern der Sparpolitik – Leser und Zuschauer zu einer atemberaubenden philosophischen Diskussion ein: Wie entscheiden wir, wen wir retten und wen wir sterben lassen?

Diesmal wird es jedoch schwierig werden, die politische Frage hinter einem ethischen Dilemma zu verstecken. Denn die Corona-Epidemie führt allen vor Augen, dass unsere Wirtschaftsorganisation noch weit absurder ist, als man vermutet hatte: Während die Airlines ihre leeren Flugzeuge fliegen ließen, um ihre Slots zu behalten, erklärte ein Virologe, wie neoliberale Politik die Grundlagenforschung über das Coronavirus behindert hat.3

Offenbar muss man manchmal die Normalität verlassen, um zu begreifen, wie unnormal sie ist. Marshall Burke, Dozent am Zentrum für Ernährungssicherheit und Umwelt der Universität Stanford, twitterte dazu folgendes Paradox: „Die Reduktion der Luftverschmutzung aufgrund von Covid-19 in China hat vermutlich zwanzigmal so viele Leben gerettet, wie durch den ­Virus bisher verloren gingen. Das heißt

nicht, dass Pandemien gut sind, aber es zeigt, wie gesundheitsschädlich unsere Wirtschaftssysteme sind, auch ohne Coronavirus.“4

Der Höhepunkt der Absurditäten in der Corona-Krise liegt dabei nicht einmal darin, dass es durch die Verlagerung von Produktionsketten einen Mangel an Medikamenten geben könnte, und auch nicht in der Verbohrtheit, mit der die Finanzmärkte Italien bestraften, als die Regierung die ersten Maßnahmen ergriff. Nein, den Höhepunkt finden wir in den Krankenhäusern selbst: Die Mitte der 2000er Jahre in Frankreich eingeführte „Gebührenberechnung nach Tätigkeit“ (tarification à l’activité, T2A) kalkuliert die Finanzierung der Einrichtungen anhand des Behandlungsaufwands für jeden einzelnen Patienten. Die Leistungen werden wie im Supermarkt einzeln abgerechnet.

Würde nun dieses aus den USA importierte Prinzip der Pflege als Ware während der aktuellen Krise angewendet, wären die Krankenhäuser, die die Schwerkranken aufnehmen, bald ruiniert. Denn der kritische Verlauf von Covid-19 erfordert vor allem eine Beatmung, die Zeit kostet, aber in der Tariftabelle weniger einbringt als diverse Untersuchungen und Eingriffe, die wegen der Epidemie verschoben wurden. Einbußen der Kliniken durch die Pandemie bestätigte etwa der deutsche Virusforscher Christian Drosten in seinem populären Podcast. Drosten sagte am 30. März im NDR: „Wir haben Betten freigeräumt. Das macht natürlich auch im Krankenhaus massive finanzielle Verluste. Auch die Medizin ist ein Wirtschaftszweig, und die Verluste sind extrem, die da jeden Tag entstehen.“

Für kurze Zeit schien es so, als sprenge das Virus die sozialen Grenzen. Seine Ausbreitung führte zu Maßnahmen, die wir uns jedenfalls in Friedenszeiten nie hätten vorstellen können. War nicht der Wall-Street-Banker plötzlich ebenso bedroht wie der chinesische Wanderarbeiter? Sehr schnell aber wurde deutlich, dass auch in der Krise vor allem das Geld den Unterschied macht. Auf der einen Seite machen die Gutbetuchten es sich in ihren Villen mit dem Homeoffice-Laptop neben dem Pool gemütlich. Und auf der anderen Seite sind die bislang Unsichtbaren des Alltags, Pfleger, Reinigungskräfte, Kassiererinnen im Supermarkt und Lieferanten, einem Risiko ausgesetzt, das den Begüterten erspart bleibt. Eltern sitzen im Homeoffice in ihrer kleinen Wohnung, durch die das Geschrei der Kinder schallt, Wohnungslose würden gern in einem Zuhause bleiben.

Der Historiker Jean Delumeau, Autor einer Geschichte der „Angst im Abendland“, stieß in seiner Untersuchung über „typische kollektive Verhaltensweisen in Pestzeiten“5 auf eine Konstante: „Wenn die Gefahr der Ansteckung auftaucht, versucht man zunächst, die Augen davor zu verschließen.“ Und Heinrich Heine notierte nach der offiziellen Ankündigung der Choleraepidemie 1832 in Paris: „Die Pariser tummelten sich umso lustiger auf den Boulevards“, als „das Wetter sonnig und lieblich war“.6 Als Nächstes flohen dann die Reichen aufs Land, und die Regierung ordnete für die Stadt Quarantäne an.

„Die Unsicherheit entsteht nicht nur aus dem Auftreten der Krankheit“, erklärt Delumeau, „sondern ebenso aus einer Auflösung des Alltags und der gewohnten Umgebung. Alles ist anders geworden.“ Genau diese Erfahrung machen heute die Einwohner von Wuhan, Rom, Madrid oder Paris.

Die großen Pestepidemien zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert wurden oft als Zeichen des Jüngsten Gerichts, des Zorns eines rächenden Gottes gedeutet. Damals wandten sich die Menschen entweder der Religion zu und flehten um Gnade oder sie suchten Schuldige in der Nachbarschaft. Juden und Frauen waren beliebte Sündenböcke. Im Europa des 21. Jahrhunderts trifft die Corona-Epidemie säkularisierte Gesellschaften, die seit der Finanzkrise von 2008 bei Themen wie Klimaverschlechterung, Politik, Finanzen, Demografie oder Migration in unterschiedlichem Ausmaß unter einem Gefühl des Kontrollverlusts leiden.

In dieser Endzeitstimmung, in der wieder Bilder der brennenden Kathedrale von Notre-Dame kursieren und über den kommenden Zusammenbruch geredet wird, richten sich alle Blicke auf die Regierung. Der Staat hat das Problem durch die langjährige Zerstörung des Gesundheitssystems verschärft – und ist dennoch die einzige Instanz, die eine Antwort auf die Epidemie finden kann. Aber wie weit kann man dabei gehen?

Noch im Februar löste die mehrwöchige Isolierung von 56 Millionen Einwohnern der chinesischen Provinz Hubei, die Stilllegung der Fabriken oder die Ermahnung der Bürger durch Drohnen mit Kameras und Megafonen in Europa spöttische Reaktionen aus oder Kritik an der eisernen Faust der Kommunistischen Partei.

„Aus der chinesischen Erfahrung lassen sich keine Lehren hinsichtlich der möglichen Dauer der Epidemie ziehen“, erklärte die Zeitschrift L’Express noch am 5. März. Sie sei dort durch „drastische Quarantänemaßnahmen verlangsamt worden, die in unseren Demokratien wahrscheinlich nicht anwendbar sind“. Doch kurze Zeit später war klar: Im Kampf gegen das Virus, das sich nicht um die Überlegenheit „unserer“ Werte schert, kommt man nicht umhin, zentralisierten Entscheidungen den Vorrang zu geben gegenüber den Freiheiten des Wirtschaftsliberalismus.

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus betonte, es sei möglich, die Epidemie zu besiegen, aber nur mit einem kollektiven, koordinierten und umfassenden Herangehen und unter Einsatz aller Kräfte.7 Kollektiv und staatlich koordiniert: Das ist das Gegenteil von Markt. In wenigen Tagen vollführen die bis dato unangreifbaren Experten, die uns die Welt erklären, eine 180-Grad-Wendung: „Alles ist anders geworden.“ Begriffe wie Souveränität, Grenze, Einschränkung und sogar staatliche Hilfen, die seit einem halben Jahrhundert im öffentlichen Diskurs stets in die populistische Ecke gestellt oder als „nordkoreanisch“ bezeichnet wurden, erscheinen plötzlich als Lösungen in einer bis dato vom Kult der Geld- und Warenströme und von der Sparpolitik regierten Welt.

Von Panik getrieben, entdecken selbst die Mediengurus plötzlich, was sie eifrig ignoriert hatten: „Kann man nicht auch sagen, dass uns diese Krise im Grunde auffordert, ganz neu über Aspekte der Globalisierung, unsere Abhängigkeit von China, Freihandel und Flugverkehr nachzudenken?“, fragte am 9. März auf France Inter der Journalist Nicolas Demorand, der sein Mikrofon seit Jahren den Kritikern des Protektionismus überlässt.

Die Marktlogik muss den Verstand schon gründlich deformiert haben, wenn die Mächtigen erst nach dem Ausbruch einer mörderischen Pandemie den einfachen Wahrheiten Gehör schenken, die Mediziner seit Jahrzehnten wiederholen: „Ja, wir brauchen eine staatliche Krankenhausstruktur, die ständig verfügbare Betten hat“, betonen die Mediziner André Grimaldi, Anne Gervais Hasenknopf und Olivier Milleron.8 „Das neue Coronavirus hat das Verdienst, uns an Selbstverständlichkeiten zu erinnern: Man bezahlt die Feuerwehrleute nicht nur, wenn es brennt. Man möchte, dass sie in ihrer Wache bereitstehen, auch wenn sie nur ihre Fahrzeuge polieren, während sie auf den Alarm warten.“

Von der Krise im Jahr 1929 bis zur neoliberalen Offensive in den 1970ern hat sich der Kapitalismus erhalten und erneuert, indem er seine Institutionen, oft widerwillig, der Verpflichtung unterwarf, vorauszusehen, was ohne Warnung hereinbricht: Brände, Krankheiten, Naturkatastrophen, Finanzkrisen. Um das Unvorhergesehene zu planen, musste man mit der Marktlogik brechen, die allein nach Angebot und Nachfrage einen Preis festlegt, das Unwahrscheinliche ignoriert und die Zukunft mit Formeln berechnet, in denen die Gesellschaft nicht vorkommt.

Diese Blindheit der Standardökonomie, die an den Börsen ins Extrem getrieben wird, bemerkte auch der ehemalige Broker und Statistiker Nassim Nicholas Taleb. In seinem Buch „Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“, das wenige Monate vor der Finanzkrise von 2008 erschien, schrieb er über die Prognostiker: „Das Expertenproblem besteht darin, dass sie keine Ahnung von dem haben, was sie nicht wissen.“9 Taleb bezeichnete es als absurd, das Unvorhergesehene zu ignorieren in einer Welt, die durch die Vervielfachung unerwarteter Ereignisse – eben die „schwarzen Schwäne“ – geprägt sei.

Ende März 2020 kann jeder, der an seinem Fenster die Stille der eingesperrten Stadt dröhnen hört, über die Verbissenheit nachdenken, mit der sich der Staat nicht nur der Intensivbetten beraubt hat, sondern auch seiner Planungsinstrumente, die heute von ein paar globalen Versicherungs- und Rückversicherungskonzernen monopolisiert werden.10

Kann die Zäsur dieser Pandemie die Entwicklung umdrehen? Um das Mögliche und das Zufällige wieder in die Steuerung der öffentlichen Daseinsvorsorge aufzunehmen, um weiter zu schauen als bis zur Kosten-Nutzen-Rechnung und eine ökologische Planung vorzunehmen, müsste man den größten Teil der Dienste verstaatlichen, die für das Leben der modernen Gesellschaft unverzichtbar sind, von der Straßenreinigung über die digitalen Netze bis zum Gesundheitswesen.

Die Sichtweise des Historikers legt nahe, dass eine Veränderung der Verhältnisse, der Entwicklung, des Nachdenkens über das kollektive Leben und die Gleichheit unter normalen Umständen unmöglich ist. „Im Laufe der Geschichte“, schreibt der österreichische Historiker Walter Scheidel, „haben vier verschiedene Arten gewaltsamer Brüche die Ungleichheit verringert: Massenmobilisierungskriege, Revolutionen, der Bankrott von Staaten und verheerende Pandemien.“11 Sind wir an diesem Punkt angelangt?

Andererseits hat das Wirtschaftssystem im Verlauf seiner Geschichte eine außergewöhnliche Fähigkeit bewiesen, die immer häufiger werdenden Stöße zu parieren, die seine Irra­tio­nalität verursacht. So setzen sich auch bei den heftigsten Erschütterungen in der Regel die Verteidiger des Status quo durch. Sie nutzen die allgemeine Fassungslosigkeit aus, um die Macht des Marktes noch weiter auszudehnen. Der Katastrophen-Kapitalismus, den Naomi Klein kurz vor der großen Rezession von 2008 analysierte, schert sich nicht um die Erschöpfung der Rohstoffe und der sozialen Sicherungssysteme, die die Krise dämpfen könnten. In einer Anwandlung von Optimismus schrieb die kanadische Journalistin: „Wir reagieren auf einen Schock nicht immer mit Regression. Manchmal wachsen wir auch angesichts einer Krise – und zwar schnell.“12 Diesen Eindruck wünschte wohl auch Präsident Macron in seiner Erklärung vom 12. März zu erwecken.

Er wolle, „das Entwicklungsmodell, dem unsere Welt seit Jahrzehnten folgt und das jetzt seine Tücken offenbart, und die Schwächen unserer Demokratie hinterfragen“, sagte Macron. Bereits heute offenbare diese Pandemie, dass ein kostenloses Gesundheitswesen ohne Unterscheidung nach Einkommen, Karriere oder Beruf sowie unser Wohlfahrtsstaat kein bloßer Kostenfaktor sei, sondern „ein unverzichtbarer Trumpf, wenn das Schicksal zuschlägt“. Die Pandemie zeige, dass es Güter und Dienstleistungen gebe, die außerhalb der Marktgesetze stehen müssten. „Es ist Wahnsinn, wenn wir unsere Ernährung, unseren Schutz, die Fähigkeit, unser Leben zu gestalten, in fremde Hände geben. Wir müssen wieder die Kontrolle übernehmen.“

Drei Tage später verschob er die Rentenreform und die Reform des Arbeitslosengelds und verkündete Maßnahmen, die bisher als unmöglich galten: die Einschränkung von Entlassungen und die Aufgabe der Haushaltsbeschränkungen. Und die Umstände könnten diesen Wandel noch verstärken: Die Obsession des Präsidenten etwa, die Ersparnisse und Beamtenpensionen an den Aktienmärkten zu investieren, wirkt vor dem Hintergrund des Absturzes der Börsenkurse nicht gerade wie ein visionärer Geniestreich.

Das Arbeitsgesetz aussetzen, die Bewegungsfreiheit einschränken, Unternehmen mit vollen Händen unterstützen und sie von Sozialabgaben freistellen, auf denen das Gesundheitssystem beruht – diese Maßnahmen allerdings stellen keinen radikalen Bruch mit der bisherigen Politik dar. Der massive Transfer von öffentlichen Geldern in den Privatsektor erinnert an die staatliche Bankenrettung von 2008. Die Rechnung kam dann in Form der Sparpolitik, von der vor allem die Angestellten und die öffentlichen Dienstleistungen betroffen waren. Weniger Krankenhausbetten, um die Banken wieder flottzumachen: das war die Devise.

Auch deshalb drängte sich bei Macrons Rede die Erinnerung an einen Septembertag des Jahres 2008 auf. Damals, kurz nach dem Crash von Lehman Bro­thers, trat der damalige Präsident Sarkozy vor die Kameras und verkündete seinen verblüfften Anhängern feierlich: „Eine bestimmte Vorstellung der Globalisierung stirbt gerade mit dem Ende eines Finanzkapitalismus, der der ganzen Wirtschaft seine Logik aufgezwungen und dazu beigetragen hat, sie zu verderben. Die Idee, dass die Märkte immer recht haben, war eine irrsinnige Idee.“13 Das hinderte ihn allerdings nicht daran, auf den Weg des gewöhnlichen Wahnsinns zurückzukehren, sobald das Unwetter vorüber war.

1 Quelle OECD.

2 „Raccomandazioni di etica clinica per l’ammissione a trattamenti intensivi e per la loro sospensione“, Siaarti, Rom, 6. März 2020.

3 Bruno Canard, „J’ai pensé que vous avions momentanément perdu la partie“, Rede am Ende der Demonstration vom 5. März 2020, nachzulesen unter academia.hypotheses.org.

4 Twitter, 9. März 2020.

5 Jean Delumeau, „Angst im Abendland, Die Geschichte kollektiver Ängste in Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts“, Reinbek (Rowohlt) 1998.

6 Heinrich Heine, „Französische Zustände“, online frei verfügbar bei Zeno.org.

7 New York Times, 11. März 2020.

8 Le Monde, 11. März 2020.

9 Nassim Nicholas Taleb, „Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“, München (Hanser) 2008.

10 Razmig Keucheyan, „La Nature est un champ de bataille. Essai d’écologie politique“, Paris (La Découverte) 2014.

11 Walter Scheidel, „Nach dem Krieg sind alle gleich: Eine Geschichte der Ungleichheit“, Darmstadt (Konrad Theiss Verlag) 2018.

12 Naomi Klein, „Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“, Frankfurt a. M. (Fischer) 2009.

13 Rede in Toulon am 25. September 2008.


Aus: "Marktlogik und Katastrophenmedizin" (Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Le Monde diplomatique vom 09.04.2020, von Renaud Lambert und Pierre Rimbert)
Quelle: https://www.monde-diplomatique.de/artikel/!5672009


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[Notizen zur Zivilisation... ]
« Reply #22 on: Juni 10, 2020, 09:35:57 vorm. »
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[...] Leopold war Anhänger kolonialistischer Ideen und gründete in Zentralafrika den offiziell eigenständigen Kongo-Freistaat, dessen absoluter Monarch und persönlicher Eigentümer er von 1876/1885 bis 1908 war. Zu dieser Zeit wurde aus dem Kongo vor allem Elfenbein und Kautschuk exportiert.

... Der Bedarf an diesem Rohstoff war seitdem stetig gewachsen. 44 Jahre, nachdem sich Goodyear die Vulkanisierung des Kautschuks hatte patentieren lassen, erfand John Boyd Dunlop den Luftreifen. Er war angesichts der damaligen gepflasterten Straßen und der Schlaglöcher auf den Landstraßen ein Erfolg, der die Nachfrage nach Kautschuk nochmals deutlich steigerte. Die Truppen des Königs überfielen Dörfer, und die Bewohner erhielten den Befehl, eine bestimmte Menge Kautschuk zu sammeln, sonst würde das ganze Dorf niedergebrannt werden. Wer zu fliehen versuchte, wurde erschossen. Um zu kontrollieren, ob die Soldaten nicht nur gejagt hatten, mussten sie für verbrauchte Munition die Hände der erschossenen Menschen vorlegen. Wenn Soldaten doch gejagt hatten, wurden deshalb auch lebenden Menschen die Hände abgehackt. Eine andere Deutung der Praxis, die Hände abzuhacken, ist laut der Fachzeitschrift Message, dass Druck auf die Zulieferer ausgeübt wurde: Wer nicht genug Kautschuk liefert, dem wird eine Hand abgehackt. Zudem bewirkte der Druck auf die Einheimischen, ständig Kautschuk zu sammeln, dass diese immer weniger dazu kamen, ihre Felder zu bestellen. So verhungerten in manchen Gegenden 60–90 % der Bevölkerung oder verließen ihre Dörfer, um sich dem Zugriff des „Staates“ zu entziehen. Betrug 1890 der Kautschukertrag lediglich 100 Tonnen im Jahr, waren es 1901 bereits 6.000 Tonnen.

Die Methoden, mit denen belgische Handelsgesellschaften und das Militär im Kongo vorgingen, sind unter anderem in Joseph Conrads Buch Herz der Finsternis (veröffentlicht 1899) geschildert. Conrad (1857–1924) hatte 1890 als Kapitän eines Flussschiffes angeheuert. Er wurde jedoch schon bald nach seiner Ankunft krank. Auch was er im Kongo mit ansehen musste, ließ ihn so bald wie möglich nach England zurückkehren. Unter anderem sah er, wie die Soldaten Körbe voller verwesender Hände zum Zählen zu ihren Stützpunkten schafften. Er sah auch, wie an einem Stützpunkt die Köpfe von Hingerichteten auf Pfählen ausgestellt waren.

Zudem begünstigten die Strukturen des „Staates“ den Missbrauch der Macht. Von einem wirklichen „Staat“ konnte man nur in der am Atlantik gelegenen westlichsten Provinz Kongo Central sprechen. Der überwiegende Teil des riesigen Landes von der Größe Westeuropas wurde von rund 3.000 Europäern kontrolliert und sollte so billig wie möglich verwaltet werden. Viele belgische Offiziere kamen aus dem Kleinbürgertum und hatten keine Vorstellungen von Afrika und seinen Lebensbedingungen. Auf einen einsamen Posten fernab jeder vertrauten Umgebung versetzt, von Malaria und Luftfeuchtigkeit geplagt, bildeten sich unter den Offizieren oftmals Ängste, Melancholie bis hin zu komplettem Wahnsinn und Allmachtsfantasien, was schließlich in zahlreichen Massakern endete. Auch gab es faktisch keinerlei Rechtswesen. Durch das Fehlen von Gerichten, überhaupt weitgehenden Gesetzen, oder einer Gewaltenteilung war dem Machtmissbrauch der Offiziere, der Beamten und der Angestellten der Gesellschaften Tür und Tor geöffnet. So bildete erst der belgische Staat nach dem Ende des Freistaates eine erste unabhängige Staatsanwaltschaft (procureur général), die gegen korrupte oder gewalttätige Beamte vorgehen konnte. Bis dahin waren weite Gebiete des Kongo auch de jure in einer absoluten Despotie der örtlichen Beamten gefangen, die sowohl politisch als auch juristisch vor Ort die oberste Instanz bildeten und deren Exzesse nur im Umland der Hauptstadt Boma (in der einige europäische Mächte offizielle Gesandtschaften eingerichtet hatten) unterblieben. So ließ Leon Fievez in den ersten vier Dienstmonaten als Distrikt-Kommissar der Provinz Équateur 572 Menschen ermorden. Anschließend unternahm er immer wieder Strafaktionen. Bei einer einzelnen Strafexpedition ließ er 162 Dörfer niederbrennen und 1.346 Menschen hinrichten. In seiner Provinz wurde der höchste Kautschukertrag erzielt.

...


Aus: "Leopold II. (Belgien)" (10. Juni 2020)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_II._(Belgien)

-

Quote
[...] Antwerpen – Als Reaktion auf die Proteste tausender Belgier gegen Rassismus haben die Behörden in Antwerpen eine Statue des früheren Königs Leopold II. entfernt. Die Statue soll künftig im Depot eines örtlichen Museums aufbewahrt werden.

Wegen der brutalen belgischen Kolonialherrschaft im Kongo im 19. und 20. Jahrhundert ist das Andenken an den damaligen Monarchen seit langem umstritten. Wie in zahlreichen anderen Ländern weltweit beteiligten sich nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis auch in Belgien tausende Menschen an Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus. Seit Beginn der Proteste wurden mehrere Statuen und Büsten von Leopold II. beschmiert.

Die Gruppe "Reparons L'Histoire" (Die Geschichte reparieren), die sich für die Aufarbeitung der belgischen Kolonialverbrechen einsetzt, forderte die Entfernung aller Denkmäler für Leopold II., der Belgien von 1865 bis 1909 regierte. Sie bezeichnete den König, "der für einige ein Held" sei, als "Henker, der zehn Millionen Kongolesen getötet hat".

Im Namen der "Zivilisationsmission" Belgiens im Kongo errichtete Leopold II. Ende des 19. Jahrhunderts ein Kolonialregime, das von Historikern als eines der gewalttätigsten der Geschichte bezeichnet wird. Rohstoffe wie Kautschuk plünderten die belgischen Kolonialherren durch Sklaverei und Gewalt systematisch aus.

Auch in Großbritannien haben Aktivisten im Rahmen der Proteste gegen Rassismus die Entfernung von Denkmälern gefordert, die an Menschenrechtsverbrechen während der Kolonialzeit erinnern. Am Sonntag hatten Demonstranten im englischen Bristol eine mehr als fünf Meter hohe Bronze-Statue des Sklavenhändlers Edward Colston gestürzt und im Hafen versenkt.

Parallel zur Beisetzung George Floyds in Houston kündigten Aktivisten in Oxford an, die Statue für den Bergbaumagnaten Cecil Rhodes in Oxford zu stürzen, der im 19. Jahrhundert für die britische Krone mehrere Kolonialgebiete im Süden Afrikas erwarb. (APA, AFP, 9.6.2020)


Aus: "Antwerpen entfernt Statue König Leopolds II" (9. Juni 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000117986944/antwerpen-entfernt-statue-koenig-leopolds-ii

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Christian Kreil

Primitivität, unsere Baustelle

Das gute an der Diskussion: König Leopold und sein monströses Gewaltregime im Kongo werden thematisiert. ... Was wir benötigen, sind keine Denkmäler, sondern Narrative: Das wissen, das "unsere Zivilisation" eben exakt mit jener Bestialität, Wildheit, Primitivität und Rohheit zu agieren vermochte, die die "Neue Rechte" anderen Kulturen anheftet.


...
« Last Edit: Juni 10, 2020, 10:22:30 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #23 on: Juni 30, 2020, 12:07:03 nachm. »
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Bohrhammer #1.3

"Was läuft bei diesen Tätern falsch? Ich werde das nie begreifen"

Das ist die Frage. Mich würde das auch interessieren. Geht es um die nahezu unbeschränkte Macht, lieben sie es etwas wehrlosem Schmerz zuzufügen? Oder geht es "nur" um das plumpe Stillen eines Triebes?

... Leider muss ich feststellen, das sich der Justizminister in NRW mit der Aussage "Ich habe nicht damit gerechnet, nicht im Entferntesten, welches Ausmaß Kindesmissbrauch im Netz hat" sehr disqualifiziert hat.


https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-06/kindesmissbrauch-missbrauchsfall-bergisch-gladbach-paedophilen-netzwerk-verdaechtige?cid=53208923#cid-53208923

https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-06/kindesmissbrauch-missbrauchsfall-bergisch-gladbach-paedophilen-netzwerk-verdaechtige


...

Die Empörung ist nun riesengroß. Doch finden diese schrechliche Verbrechen mitten in unserer "zivilisierten" Gesellschaft statt.

Was wiederum zur Frage nach dem zivilisatorischen Zustand der Gesellschaft zurückführt.

...

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[...] Sexuelle Gewalt gegen Kinder wird noch immer häufig mit Pädophilie gleichgesetzt. Dabei ist nur gut die Hälfte aller Menschen, die Kinder sexuell misshandeln, auch pädophil. Pädophilie ist eine Neigung, bei der erwachsene Menschen sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, die meist noch vor der Pubertät stehen und jünger als elf Jahre sind. Pädophil zu sein ist zudem nicht gleichbedeutend damit, diese Neigung auch auszuleben.

Kindesmissbrauch kennt viele Täterinnen und Täter, beispielsweise Menschen, die traumatisierende Erfahrungen in ihren Familien erlebt haben, unter Persönlichkeitsstörungen leiden, Probleme haben, Empathie zu empfinden, oder dazu neigen, sich und anderen zu schaden. Manche Täter missbrauchen Kinder auch, weil ihnen etwa die sozialen Fähigkeiten fehlen, sexuelle Beziehungen zu Erwachsenen einzugehen.

Wichtig ist auch zu wissen: Missbrauch findet oft in den Familien statt, in denen Kinder ohnehin leben. Der Täter kommt also nicht zwingend von außen.


Welches Mittel ist am besten geeignet, um ein Kind ruhigzustellen, das man missbrauchen möchte? Es gibt Menschen, die diese Frage stellen. Und Menschen, die diese Frage beantworten, weil sie Erfahrung damit gemacht haben. Es sind anonyme Mitglieder in Chaträumen und Onlineforen, die sich Bilder und Videos, Kinderpornos hin- und herschicken, die sich zum gemeinsamen Missbrauch der eigenen Kinder verabreden, die andere, die noch zögern, regelrecht anfeuern, es doch mal zu probieren.

30.000 Spuren hat die Staatsanwaltschaft Köln im Komplex um Bergisch Gladbach mittlerweile gefunden. Das teilte Nordrhein-Westfalens Justizminister Peter Biesenbach (CDU) nun mit. Am Ende könnten 30.000 Verdächtige stehen, vielleicht mehr. "Ich habe nicht damit gerechnet, nicht im Entferntesten, welches Ausmaß Kindesmissbrauch im Netz hat", sagte Biesenbach. "Verstörend" nannte er das Ergebnis.

Oder besser: das Zwischenergebnis. Denn das, was hier sichtbar wurde, ist womöglich nur der kleinere Teil. Die dicken Wurzeln, die aus der Erde ragen. Manche würden zum gleichen Ursprung zurückführen, weil ein Täter mehrere Taten begangen haben könnte. Andere sind womöglich als Mitglieder in diesen Chaträumen, aber haben sich bislang nicht strafbar gemacht. Aber vieles, fürchtet der zuständige Staatsanwalt Christoph Hebbecker, sei noch gar nicht offenbar. Die Zahl der Spuren, die Zahl der Täter und auch die Zahl der Opfer könnte also noch weiter steigen.

Und niemand weiß, wie tief die Wurzeln schon gewachsen sind. "Wir sehen, dass bei den Beteiligten das Verlangen nach mehr wächst", sagt Hebbecker. Irgendwann reichten die Fotos und Videos nicht mehr und in einem solchen geschlossenen Resonanzraum wäre es leichter, den nächsten Schritt zu gehen. Bei dem, was die Ermittler und die Staatsanwaltschaft gefunden haben, ist die gesamte Bandbreite dabei, von Nacktfotos bis zur Vergewaltigung kleiner Kinder.

Angefangen hatte alles mit einem einzelnen Verdächtigen im vergangenen Oktober. Der 43-Jährige soll in Bergisch Gladbach seine 2017 geborene Tochter mehrfach sexuell missbraucht und sie dabei gefilmt haben. Die Aufnahmen habe er mit anderen im Internet geteilt. Der Fall nahm bald größere Dimensionen an, ein 27-jähriger Bundeswehrsoldat wurde bereits verurteilt. Er hatte in mindestens 30 Fällen seine Tochter, den Stiefsohn, die Nichte und die Tochter eines Chatpartners zum Teil schwer missbraucht. Das Landgericht Kleve verurteilte ihn zu zehn Jahren Haft und Aufenthalt in einer geschlossenen Psychiatrie.

Ursula Enders ist davon nicht überrascht. Die Traumatherapeutin ist Mitbegründerin von Zartbitter, einer Kölner Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch. Die 67-Jährige arbeitet seit mehr als 20 Jahren in dem Bereich und sagt: Missbrauch passiert häufig im engen sozialen Umfeld der Opfer. Täter würden zunächst vorsichtig austesten, ob es eine Art Kontrollmechanismus gibt, also Nachbarn, Bekannte, Lehrerinnen, die aufmerksam werden. Dann fangen sie an, die Kinder zu desensibilisieren, zum Beispiel für Nacktfotos. Das Vergewaltigen kommt erst später.

Mittlerweile habe Enders es in mindestens der Hälfte ihrer Fälle mit Bildmaterial zu tun. Kinder würden heute ständig und überall fotografiert, es finde eine digitale Entgrenzung statt. Da beginne das Problem bereits. "Eltern machen Fotos von ihren Töchtern und Söhnen und schicken sie im Bekanntenkreis rum, selbst wenn es den Kindern peinlich ist." Wenn Kinder sich hier nicht ernst genommen fühlen, würden sie sich jedoch schwertun, von Nacktbildern zu berichten. Und dann erst recht, wenn mehr passiert ist. "Fotos, die den Kindern peinlich sind, sind niemals süß", sagt die Erziehungswissenschaftlerin.

Und doch habe es, bei allem Schmerz, etwas Positives, dass mittlerweile so viel Bildmaterial entsteht. Die Beweislast würde den Kindern ein Stück weit von den Schultern genommen. Früher habe es Berichte von Opfern gegeben, die erzählten, Micky Maus habe sie vergewaltigt. Das wurde dann als Einbildung abgetan – dabei hatte der Täter eine Micky-Maus-Maske getragen.

Im Fall um Bergisch Gladbach gibt die Staatsanwaltschaft an, die gesicherten Daten bewegten sich im Terabyte-Bereich. Dazu zählen Chatverläufe, Videos und Fotos. Zur Einordnung: Auf eine Festplatte mit einem Terabyte Speicher passen etwa 250.000 Fotos oder 500 Stunden HD-Videos. Aus diesen hat die Taskforce Berg nun die 30.000 Spuren destilliert, bislang wurden 72 Verdächtige identifiziert, von denen zehn zuletzt in U-Haft saßen. Mehrere Hundert Ermittler waren an der Untersuchung beteiligt. Drei seien mittlerweile krankgeschrieben – das Anschauen der Videos sei zu belastend gewesen. Bislang seien 44 Kinder identifiziert und befreit worden, darunter ein drei Monate altes Baby.

Experten und Ermittler rechnen allerdings nicht damit, das Problem nachhaltig gelöst zu haben. Es sei anzunehmen, dass wir in Zukunft häufiger von solchen Netzwerken hören werden, vermutet Staatsanwalt Hebbecker. Einerseits werde das sogenannte Hellfeld größer, die Ermittler seien technisch und personell immer besser ausgestattet und würden solche Gruppen besser aufspüren. Andererseits sei aber durch die digitalen Möglichkeiten auch damit zu rechnen, dass der Austausch von Material und Erfahrungen unter Tätern immer leichter werde.

Das vermutet auch Ursula Enders: "Wir sehen mehr, aber auch die Fälle werden wohl mehr." Qualitativ sei das jedoch nichts Neues: "Über das Ausmaß der Gewalt mache ich mir keine Illusionen." Das sei schon immer brutal gewesen. "Ich hatte in den Neunzigerjahren schon mit Fällen zu tun, da ging es um Snuff-Pornos. Da wurden Kleinkinder vor der Kamera zu Tode vergewaltigt."

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, spricht von einem "pandemischen Ausmaß". Er sei froh, dass es bereits erste Gesetzesänderungen gegeben habe, und hofft, dass das Thema nun auch in allen anderen Bundesländern Priorität bekommt. "NRW hat den Kampf gegen Kinderpornografie und Missbrauch zur Chefsache gemacht, das erwarte ich von allen Innenministern und eigentlich auch Ministerpräsidenten", sagte Rörig.

Die Behörden in NRW hatten zuletzt mehrere solcher Netzwerke aufgedeckt, unter anderem in Münster, Lügde und eben in Bergisch Gladbach. Das liegt allerdings offenbar nicht daran, dass sich hier besonders viele Täter ballten. Verdächtige haben die Ermittler laut Staatsanwaltschaft mittlerweile in allen Bundesländern identifiziert. Und sie stehen erst am Anfang.


Aus: "Missbrauchsfall in Bergisch Gladbach: Das Vergewaltigen kommt erst später" Christian Vooren (29. Juni 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-06/missbrauchsfall-bergisch-gladbach-staatsanwaltschaft-koeln-cybercrime-taskforce/komplettansicht

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Alexis Machine #7

Krieg und Kindesmissbrauch sind die einzigen Dinge, bei denen sich nahezu alle Menschen einig sind: Das will keiner! Warum gibt es dann so unendlich viel davon auf der Welt?


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gnugo #7.1

Weil die, die es wollen oder denen es egal ist, das niemals aussprechen würden - demzufolge trifft die Schätzung "nahezu alle Menschen" nur auf die zu, die sich tatsächlich auch äußern. Die anderen halten schön ihre Klappe, das wäre ja sozialer Selbstmord, so eine Haltung zu offenbaren. Die wenigen, die sowas aussprechen, sind Psychopathen, die nichts mehr zu verlieren haben, oder völlig verirrte Breiviks, die nicht mehr zu retten sind.


Quote
Linksrechtsobenunten #7.4

Naja, Kriege werden sich schon öfters mal gewünscht, auch ganz offen. ...


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AP- #10

Ich lese soviel Scheiße, die in der Welt passiert, aber bei diesem Thema bin ich ratlos. ... Die Täter gehören zumindest in psychatrische Behandlung, vielleicht lebenslang. Manchmal, wenn ich mich nicht zusammenreiße, wünsche ich mir ganz andere Methoden.


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Mahlanlage #19

... die Fallzahlen sind das, was mich doch sehr nachdenklich werden lässt. In wieviel Prozent der Bevölkerung schlummert die Perversion? Wieviel Prozent pädosexuelle, wieviel Prozent sadistisch veranlagte Menschen gibt es? Die 30 000 Fälle sind ja auch nur die Spitze des Eisbergs.

Das Internet mit seiner statistisch geballten Kraft spült den ganzen Dreck im Schutz der Anonymität nach oben.

Wir schauen in den Spiegel unserer sensiblen Gesellschaft, die sich um Tierrechte, Klima und Genderfragen Gedanken macht. Ziemlich hässlich, was sich da zeigt, wenn man einmal in die dunklen Ecken leuchtet.


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JuliusU995 #23

"Ich hatte in den Neunzigerjahren schon mit Fällen zu tun, da ging es um Snuff-Pornos. Da wurden Kleinkinder vor der Kamera zu Tode vergewaltigt."

Was soll man dazu noch schreiben ?
Es ekelt einen nur an und macht unglaublich wütend.


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La Canada #28

Ich habe Angst, dass ich statistisch gesehen einen(?) der vielen tausend Täter kenne, aber davon nichts bemerke. Als Familie mit 3 Kindern kennen wir reichlich andere Familien mit Kindern (Schule, Sport, Freunde, Nachbarn, Verwandten).


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Shinoda #37

Ich bekomme es einfach nicht in meinen Kopf. Ich bekomme nicht in meinen Kopf, was ich eben gelesen habe. ...


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Linksrechtsobenunten #40

"Drei seien mittlerweile krankgeschrieben – das Anschauen der Videos sei zu belastend gewesen."

100% verständlich. ...


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HansSprungfeld #50

Dieser Artikel lässt mich fassungslos, traurig und verstört zurück. Ich kann die Trauer und Wut kaum in Worte fassen.


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Cranston #53

Das Erstaunen über die Vielzahl von Kontakten erstaunt mich wiederrum. Wo sollen die sich wohl sonst so sorglos austauschen, wenn nicht "anonym" im internet? Im Netz werden Waffen gedealt, Drogen verkauft, Kinder gehandelt. Wirklich eine neue Information?

Hut ab vor den Ermittlern.Sowas muß extrem belasten. Erst Recht wenn man eigene Kinder hat. Aber dennoch: Das Entsetzen der "allgemeinen Politik" und sonstigen Amtsträgern kaufe ich denen dann ab, wenn sie etwas unternehmen. So wie im vorliegenden Fall.

Deutschland bleibt für diese "dunklen Ecken" immernoch ein gewisses Paradies. Was wieder die Frage aufwirft, die an anderer Stelle auf andere Art diskutiert wird: Wieviel "Kontrolle" ist uns unsere Freiheit wert?

Das alles nicht nicht halb so leicht aus meiner Sicht wie man annehmen mag.


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sibore #59

Mir wird gerade schlecht!


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Krawallschachtel #67

Als Jugendlicher war ich in einem Schüler- und Jugendforum aktiv (oxybrain). Trotz guter Moderation (Danke Flo83), schlugen nicht selten Typen jenseits der 30 auf und versuchten junge Mädchen zu ködern oder um Akzeptanz für ihre "Sexuelle Vorliebe" zu werben.
Typische abstruse Argumentation:

-sei doch ok, wenn alles einvernehmlich ist
-Verbote seien unmenschlich und verhindern, dass Kinder sich frei entwickeln können ( durch Sex mit älteren Männer, wtf?)
- wer das nicht toleriert, ist im Grunde ein Nazi
- Generell die Opferrolle, denn man würde ja stigmatisiert

Einmal wurde ein Text geteilt, wo es darum geht, dass der Erzähler im Kindergarten praktikum macht und die kleinen von sich aus den Erzähler zu verführen versuchen würden (dafuq?).

Darüber hinaus wurde von ähnlichen Gestalten auch für die Pro-Ana oder Pro-Mia Szene geworben. Erwachsene Männer, die kleine Mädchen quasi als Mentor in die harte Magersucht führen wollen und dafür aber Bilder und Hörigkeit erwarten.

In den nächtlichen Grabenkämpfen im Forum bin übrigens zu der Krawallschachtel geworden, die ich heute bin.

Was man daraus lernen kann:

1. Von Unrechtsbewusstsein gibt es überhaupt nicht den Hauch einer Spur
2. Täter fühlen sich sicher: Oxybrain war jetzt nicht gerade das Darknet
3. schon damals gab es eine organisierte Szene
4. Eltern haben keinen Schimmer, womit ihre Kinder im Internet konfrontiert werden
5. Das Internet ist auch ein sehr hässlicher Ort


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autist #68

30.000 Spuren zu Verdächtigen - allein, dass es nur eine einzige aufgemachte Quelle ist, macht den Umfang so unfassbar. Wenn es aber auch noch 30.000 Verdächtige wären, aus einer einzigen entdeckten Quelle, würde sich die Frage nach dem zivilisatorischen Zustand der Gesellschaft ganz eindringlich stellen.

Unabhängig davon, wie sich dies im Laufe der weiteren Vermittlungen aufhellt, scheint neben Drogen und Prostitution Kindesmissbrauch ein Geschäftsmodell zu sein. Was wiederum zur Frage nach dem zivilisatorischen Zustand der Gesellschaft zurückführt.


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Naturliebe #95

Die Empörung ist nun riesengroß. Doch finden diese schrechliche Verbrechen mitten in unserer "zivilisierten" Gesellschaft statt. ...


...
« Last Edit: Juni 30, 2020, 12:12:49 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Notizen zur Zivilisation... ]
« Reply #24 on: Oktober 06, 2020, 05:19:21 nachm. »
Norbert Leo Elias (* 22. Juni 1897 in Breslau[1]; † 1. August 1990 in Amsterdam) war ein deutsch-britischer Soziologe, der seit seiner Emigration 1933 hauptsächlich in England und den Niederlanden lebte. Er wurde 1952 naturalisierter britischer Staatsbürger.[2] Lange Zeit unbeachtet, wird sein Werk seit den 1970er Jahren breit rezipiert. Mit seinem Namen sind die Begriffe „Figuration“ sowie „Prozess- und Figurationssoziologie“ verbunden, die eine methodologische Neuprägung der Soziologie in Anknüpfung an Karl Mannheim bezeichnen. Sein Werk Über den Prozeß der Zivilisation aus dem Jahre 1939 (Neuauflage: 1969/1976) wird zu den bedeutendsten Werken der Soziologie im 20. Jahrhundert gezählt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Elias

Über den Prozeß der Zivilisation (1939) ist das erste große wissenschaftliche Werk des deutschen Soziologen Norbert Elias (1897–1990) und begründete seine Zivilisationstheorie. In diesem Werk beschreibt er den langfristigen Wandel der Persönlichkeitsstrukturen in Westeuropa im Zeitraum von etwa 800 bis 1900 n. Chr., dessen Richtung er mit dem Begriff Zivilisation kennzeichnet. ... Die Veränderung des menschlichen Verhaltens, der Affekte und Empfindungen, sieht Norbert Elias als einen Teil des Prozesses der Zivilisation. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_den_Proze%C3%9F_der_Zivilisation

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Quote
[...] Nachdem sich viele in den 1990er und Nuller-Jahren eingeredet haben, der deutsche Nationalismus gehöre der Vergangenheit an, ist er heute nicht mehr zu leugnen und beeinflusst immer offensichtlicher und immer stärker die gesellschaftlichen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata. Politikjournalist und Berliner Gazette-Autor Heinrich Thüer liest wichtige Texte über den Nationalismus neu. Ein Essay.


    Volksempfinden, Heimatdiskurse, Leitkultur – in dem Maße, in dem diese Begriffe den politischen Mainstream erreichen, wird das Werk des deutsch-britischen Soziologen Norbert Elias wieder interessant. Der „nationale Habitus der Deutschen“, dieses Thema zieht sich durch das gesamte Leben des im Juni 1897 in Breslau geborenen und im August 1990 in Amsterdam verstorbenen Norbert Elias, dem Autor des Jahrhundertwerkes Über den Prozess der Zivilisation. Es geht um die Frage nach der spezifisch deutschen Tradition bei der Bildung sozialer Persönlichkeitsstrukturen.

    Norbert Elias, der “deutsche Jude aus Breslau“, wie er sich nannte, musste nach Hitlers Machtantritt die Frankfurter Universität und das Land verlassen, die Nazis töteten seine Mutter in Auschwitz und er selbst lebte nach 1945 bis zu seinem Tode in London und Amsterdam. Noch im Jahre 1989 erscheint von Elias eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Studien über die Deutschen“ mit einem aktuellen Vorwort von ihm.


    Der europäische „Prozess der Zivilisation“, den man durchaus als demokratisches Projekt bezeichnen kann, stößt lange vor dem Untergang der Weimarer Republik auf besondere Verachtung in Deutschland. „Zivilisationsliterat“ – diese von Thomas Mann Anfang der 1920er Jahre erfundene Hassfigur ist auf die “undeutsche” linke Intelligenz gemünzt, die sich an den Freiheits-und Demokratie-Idealen der „westlichen“ Gesellschaften orientiert. Dagegen bietet Thomas Mann damals die “Natürlichkeit” und “Wahrhaftigkeit” – heute würde man sagen: Heimat und Identität – der “deutschen Kultur” auf, mit einer im Kern apolitischen Stoßrichtung gegen die Parlamentspolitik eines demokratischen Staates.

    Die erste Veröffentlichung von Norbert Elias im Jahre 1925 heißt „Der Zivilisationsliterat“ und zehn Jahre später beginnt er im englischen Exil systematisch damit, den langen Prozess der Zivilisation im Zusammenhang mit der Staatsbildung in Frankreich nachzuzeichnen, die „aufs engste“ mit der Entwicklung eines zivilen Habitus verbunden ist. Zivilisation als Veränderung der Trieb- und Affektkontrollen bei gleichzeitiger Ausbildung eines weit vorausschauenden staatlichen Planens und Handelns.

    Aufgrund der Herausbildung des modernen Staates mit demokratischer Verfassung, Gewaltmonopol und der Zunahme der funktionalen Arbeitsteilung im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung werden Menschen in neuartige Figurationen eingebunden. Elias’ Begrifflichkeit des „Habitus“ bezeichnet erlernte, inkorporierte und sich ständig in Reproduktion befindliche Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata.

    Die soziale Position wird fortan durch sorgfältiges Kalkulieren und Verhandeln und nicht mehr durch Kämpfe festgelegt. Diese Affekt- und Triebregulierung findet in dem Vorrücken von Scham- und Peinlichkeitsschwellen ihr Pendant. Es findet eine Umwandlung der gesellschaftlichen Notwendigkeiten in einen zivilen Selbstzwang, in einen inneren Zwang und in größere Selbstbeherrschung statt. Von der Zunahme der Affektkontrolle bei der Gewaltanwendung über die Tisch- und Trinksitten bis zum diplomatischen Geschick im Umgang mit der politischen Macht – sämtliche Manieren verfeinern und zivilisieren sich im Laufe der Zeit und breiten sich langsam auf alle Bereiche und Schichten der Gesellschaft aus.

    Hier siedelt Elias seine These von der deutschen Sonderentwicklung an. Im Erinnerungsbild der Franzosen, der Engländer und Niederländer stellen sich die ersten neuzeitlichen Jahrhunderte als eine der glanzvollsten ihrer Entwicklung dar, als eine Periode der Kulturschöpfung und Zivilisierung. Für die Deutschen sind die Jahrhunderte nach dem Dreißigjährigen Krieg eine Zeit der Verarmung, des kulturellen Verfalls und der Verrohung der Menschen. Zwar spricht und lebt der deutsche Adel französisch, doch das deutsche Bürgertum übernimmt früh in Wirtschaft und Politik die Lebenshaltung und Normen des Militäradels.

    Im Deutschen kann man viel gröber sein als im Englischen und Französischen, sagt Elias dazu. „Das bedeutet unter anderem, dass man in Deutschland wenig Zeit und Gelegenheit hatte, um diejenige Art der Selbstkontrolle, diejenige Form des Gewissens zu entwickeln, die es möglich macht, die Feindseligkeiten gegen andere Gruppen und Schichten der eigenen Gesellschaft individuell, aus eigener Kraft im Zaume zu halten. Man hat nur gelernt, sie im Zaum zu halten durch Kontrolle von außen, durch Befehle von oben.“, so Elias in seinen Studien über die Deutschen. Elias operiert hier mit Vokabeln aus der Psychoanalyse: “Das deutsche Über-Ich und das Ich-Ideal ließ den Mittelklassen, Unterklassen und Bauern immer mehr Raum für Gewaltausbrüche. In Deutschland bekamen die Menschen nie die Chance, gewaltlos mit Konflikten umzugehen.” (so Elias in “Über sich selbst”).

    Dieses Defizit steht unmittelbar in Verbindung mit einem besonders autoritär geprägten Nationalismus. Elias: „Die konservativ-nationalistischen Gruppen der Mittelklassen in anderen Ländern versuchten immer wieder, menschheitliche und moralische Ideale mit nationalistischen zu verschmelzen. Die vergleichbaren Gruppen der deutschen Mittelklassen verwarfen den Kompromiss. Sie wandten sich oft mit einer Miene des Triumphs gegen die humanistischen und moralischen Ideale aus der Aufstiegsperiode der Mittelklassen, deren Falschheit nunmehr entlarvt sei.“

    Elias sieht die postfaschistische Gesellschaft der westdeutschen Bundesrepublik, die in einer Welt aus US-Sicherheitsgarantie, internationalem Freihandelsregime, demokratischer Welle und Unterdrückung des Nationalismus lebt, natürlich nicht in diesem extremen Licht. In einem Zeitschriftenaufsatz von 1977 “Gedanken über die Bundesrepublik”, spricht er die sozialliberale Entwicklung in der zweiten deutschen Republik an und wiederholt zehn Jahre später seine Beobachtung eines in Ansätzen zivilgesellschaftlichen Habitus in der Bundesrepublik der 1980er Jahre.

    Doch dann äußert er sich im Jahr des Mauerfalls, ein Jahr vor der deutschen Wiedervereinigung betont skeptisch über die Langzeitwirkung der traumatischen Kollektiverlebnisse der Deutschen, vom Dreißigjährigen Krieg angefangen bis zu den beiden Weltkriegen, von der Überdosis brutalen Nationalismus’ im wilhelminischen Zeitalter bis zum „Entzivilisierungsschub der Hitler-Epoche“. Seine Sorge gilt dem notorisch blassen Citoyen in Deutschland, sie gilt dem schwachen politisch-liberalen Habitus und der geringen demokratiepolitischen Bildung in Deutschland, die den traditionellen Mangel an Augenmaß von deutschen Führungsschichten ausmacht.

    Elias sieht nach wie vor eine eigentümliche „Geschichtsvergessenheit“, die eine „Katharsis der Deutschen“ blockiert. Wie die Deutschen mit ihrem Land nicht froh sind, diese Erkenntnis kann man aus den letzten Arbeiten von Elias ziehen, so ist die politische Klasse in Deutschland ihrer Macht nicht froh, die sie nicht richtig handhaben kann. Wenn es um die Entwicklung eines humanen „Habitus der Deutschen“ mit neuen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata geht, so formuliert Norbert Elias im ersten Wendejahr 1989 eine grundsätzliche Bedingung für die „Katharsis der Deutschen“: Es sei im künftigen Deutschland „ein entschiedener Bruch mit der Tradition des Obrigkeitsstaates“ erforderlich, denn nur „eine beharrliche experimentelle Humanisierung aller Instanzen des Staates, Parteien, Bürokratie, Militär mit eingeschlossen, wäre sicher als Mittel der Reinigung vom Stigma der Vergangenheit.“

30 Jahre später kann davon kaum die Rede sein. Die inhumane Unterlassung staatlicher Hilfe für hunderttausende Flüchtende an den Außengrenzen der Festung Europa korrespondiert mit der wachsenden Polizeigewalt und Behördenwillkür gegen Migrant*innen im eigenen Land. Auch bleiben in der Regel die Reaktionen der politischen Eliten auf die wachsenden völkischen Netzwerke in Polizei, Bundeswehr und Verfassungsschutz aus.

Hinter der populären Vorstellung von einer deutschen Leitkultur steht der Glaube, dass es für die bundesdeutsche Gesellschaft einer hierarchischen, autoritären Ordnung bedarf, die nur der Staat liefern kann und dem sich alle Teile der Gesellschaft unterordnen müssen. Währenddessen spricht Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, zum Gedenktag am 8. Mai 2020 von einem zwar „gebrochenen“, doch am Ende „aufgeklärten, demokratischen Patriotismus“, der mittlerweile in Deutschland vorherrsche. Damit redet er sich nicht nur den autoritären Kern der patriotischen Idee in Deutschland schön, die mit großer Wucht wieder nach oben drängt und völkische Opfermythen reaktiviert. Er redet zugleich die für die Nachbarn bedrohliche Historie des größten und wirtschaftlich stärksten Nationalstaates in Europa klein.

Mit dem Wort vom „ruhelosen Reich“ hatte einst der konservative Historiker, Michael Stürmer, die historische Angst der Nachbar*innen auf den Begriff gebracht. Die deutsche Geschichtsvergessenheit, von der Elias spricht, wird heute zwar von einer breiten Gedenkkultur und regem Historisieren selbst kleinster Orte und Ereignisse begleitet. Damit ändert sich jedoch kaum etwas daran, dass ein offizielles Gedächtnistheater meist nicht weniger geschichtslos ist wie vorher das Vergessen.

So wird zum Gedächtnis an den 8. Mai 1945 gern und viel über die „Befreiung der Deutschen vom Hitlerregime“ gesprochen, nicht aber darüber, dass die Mehrheit der Deutschen am 8. Mai 1945 nicht befreit, sondern endgültig durch die Alliierten des Zweiten Weltkrieges besiegt wurde, nachdem sie bis zum bitteren Ende die Naziherrschaft unterstützt hatten. Der Nationalsozialismus ist nun einmal eine Volksbewegung gewesen und gerade angesichts der aktuellen Idealisierung der deutschen Geschichte und Kultur muss bezweifelt werden, ob Deutschland diese Vergangenheit tatsächlich verarbeitet hat.


Aus: "Schwamm drüber: Geschichtsvergessenheit und Gedächtnistheater in der Bundesrepublik" Heinrich Thüer (08.09.2020)
Quelle: https://berlinergazette.de/schwamm-drueber-geschichtsvergessenheit-und-gedaechtnistheater-in-der-bundesrepublik/#more-78765

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Andre am 21.09.2020 12:10

"Im Erinnerungsbild der Franzosen, der Engländer und Niederländer stellen sich die ersten neuzeitlichen Jahrhunderte als eine der glanzvollsten ihrer Entwicklung dar, als eine Periode der Kulturschöpfung und Zivilisierung."

Was Chiffren sind für Kolonialismus. Siehe dazu auch https://www.treffpunkteuropa.de/wir-sind-hier-weil-ihr-da-wart


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Heinrich Thüer am 26.09.2020 23:14
Dass der Begriff der "Zivilisation" bei Elias eine Chiffre für Kolonialismus sei, halte ich für eine grobe Vereinfachung seiner Soziologie, die nicht den Anspruch hat, eine Theorie zu entwickeln, sondern Entwicklungen zu beschreiben. Norbert Elias, Pierre Bourdieu, Georges Balandier gehörten übrigens im Zeitalter der Dekolonialisierung zur „kolonialen" Soziologie und hier zur Avantgarde ihres Faches. Zum Titel eines Professors der Soziologie brachte es der Emigrant Norbert Elias nicht in England, sondern in Afrika. Nach seiner Pensionierung in Leicester wirkte er von 1962 bis 1964 am University College von Ghana. In dem gerade unabhängig gewordenen westafrikanischen Land leitete Elias ein ausgedehntes Projekt zur Untersuchung der sozialen Auswirkungen der Zwangsumsiedlungen für den großen Staudamm im Voltafluss, das Vorzeigeprojekt des jungen Ghana. Auch zahlreiche andere Soziologen haben in der Phase des Spätkolonialismus und der frühen Unabhängigkeit in den französischen und britischen Kolonien vor allem in Afrika gewirkt. Der später berühmteste Vertreter dieser Gruppe war Pierre Bourdieu.


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« Last Edit: Oktober 06, 2020, 05:28:17 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #25 on: Oktober 08, 2020, 02:13:56 nachm. »
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[...]  Filimon Mebrhatom brach als 14-Jähriger aus Eritrea nach Europa auf. Er verdurstete fast, wurde von Schleppern gequält, dann in libyschen Gefängnissen gefoltert. Nun hat er seine Geschichte aufgeschrieben.

... Filimon Mebrhatom hat seine Geschichte aufgeschrieben. In einer Januarnacht 2014 brach er auf, als 14-Jähriger, von seinem Heimatland Eritrea, zunächst nach Äthiopien, dann in den Sudan, irgendwann durch die Sahara, Richtung Libyen. Wie er sind in den vergangenen Jahren Hunderttausende aus Eritrea geflohen. Mebrhatom vertraute sich Schleppern an, er verdurstete ein paar Mal fast, so schreibt er es.

Er landete in mehreren libyschen Gefängnissen, in den Händen einer Dschihadistenmiliz. Das einzige Zeugnis seiner Herkunft, ein Schülerausweis, wird in der Zeit verbrannt. Fast ein Jahr später landete er auf einem Schiff Richtung Italien und kurz darauf in München, wo er blieb.

Mebrhatom, heute 20 Jahre alt, wurde in Deutschland als Flüchtling anerkannt. Er beendete die Schule und eine Ausbildung zum Cutter und Kameramann. Er will die Mittlere Reife nachholen, sagt er, unbedingt studieren. "Ich will doch nur frei sein" heißt sein Buch, es erscheint am 24. August; Ausschnitte daraus zitieren wir im Text kursiv. Der SPIEGEL kann seine Erinnerungen nicht in Gänze verifizieren, wir haben jedoch keinen Anlass, an deren Richtigkeit zu zweifeln. Das Interview führten wir mit Mebrhatom am Telefon.

SPIEGEL: Was nimmt man aus seiner Heimat mit, wenn man für immer geht?

Filimon Mebrhatom: Mein Cousin und ich sind gemeinsam aufgebrochen. Wir hatten etwas Geld dabei, sonst nichts. Das haben wir uns in die Kleidung genäht. Mit Gepäck ist es schwer, die Grenzen zu passieren. Man fällt auf. Wird vielleicht angeschwärzt. Ohne Gepäck kann man leichter rennen, wenn man verfolgt wird.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich von Ihrer Familie verabschiedet?

Mebrhatom: In der Nacht meiner Flucht habe ich nicht bei meinen Eltern übernachtet. Ich ging abends zu Bett, am nächsten Morgen ging ich, ohne ein Wort. Ich habe mich nie von meiner Mutter verabschiedet. Ich konnte meinen Eltern nicht sagen, dass ich sie verlasse. Denn meine Schwester ist kurze Zeit vorher auf der Flucht gestorben.

SPIEGEL: Sie sind im Sudan auf den Jeep von Schleppern aufgestiegen und mit ihnen durch die Wüste Richtung Libyen gefahren. Sie beschreiben Hunger, Durst, Folter. Was hat Sie davon abgehalten umzukehren?

Mebrhatom: Ein Leben in Eritrea wäre keine Option gewesen. Ich wusste schon, dass die Flucht gefährlich sein würde, aber ich sah keine andere Möglichkeit als aufzubrechen. In Eritrea wird man gefoltert, wenn man ein Leben führt, das der Regierung nicht gefällt. Man wird unterdrückt. Ich hätte in den Militärdienst gemusst. Das ist kein gutes Leben, kein freies. Und ich wollte meine Eltern im Alter unterstützen, das wäre mir in Eritrea nicht gelungen.

SPIEGEL: Warum sind die Schlepper so brutal?

Mebrhatom: Es ist ihre Art zu überleben. Das sind Menschen, die nie etwas anderes gelernt haben, als ihre Waffe zu benutzen, um Geld zu erpressen. Sie haben diese Prioritäten von klein auf so gelernt. Jeder, der eine Waffe hat, nutzt diese Macht, um andere Menschen zu unterdrücken, zu verkaufen, zu behandeln wie Sklaven. Wenn du in der Hand der Schlepper bist, wirst du wie ein Tier behandelt.

SPIEGEL: Sie schreiben, dass auch Mädchen und Frauen bei der Überfahrt in der Wüste dabei waren. Wie ist es ihnen ergangen?

Mebrhatom: Manchmal haben die Schlepper die Frauen aus dem Innenraum des Wagens zu sich nach vorn befohlen. Sie wurden dann angefasst, manche wurden während unserer Pausen in der Wüste vergewaltigt. Einige wurden schwanger. Wir konnten gar nichts tun, ich konnte sie nicht beschützen. Manchmal haben wir ihre Schreie gehört.

SPIEGEL: Nur selten erfährt die Öffentlichkeit, wie es in den libyschen Gefängnissen zugeht. Wie war es dort?

Mebrhatom: Es stank, die Menschen können sich nicht waschen. Es gab fast keine Toiletten. Tausende Menschen saßen eng gedrängt. In einem Lager musste ich, als ich nachts ankam, über die Menschen regelrecht drübersteigen, über Beine und Köpfe, so dicht lagen sie da. Wenn die Wärter kamen, war da immer die Hoffnung, dass wir weitergelassen werden Richtung Mittelmeer. Aber meistens kamen sie und schikanierten uns. Es herrscht Bürgerkrieg in Libyen, niemand muss sich an ein Gesetz halten.

SPIEGEL: Welche Menschen haben Sie in den Gefängnissen getroffen?

Mebrhatom: Sie kamen von überall her, viele hatten Ähnliches erlebt wie ich. Da waren Menschen, die die Fahrt übers Mittelmeer nicht schafften und zurückkehren mussten. Manche wurden wie Arbeitssoldaten gehalten. Manche hatten kein Geld mehr und keine Verwandten, von denen sie hätten freigekauft werden können. Manchmal sind Männer nachts umgefallen und waren tot. Es gab keine Ärzte und keine Medikamente.

SPIEGEL: Sie waren über Monate in diesen Gefängnissen. Wie fühlt sich dort drinnen die Zeit an?

Mebrhatom: Du weißt irgendwann nicht mehr, wo du bist, welcher Tag es ist. Die Schlepper nahmen uns die Handys ab, ich hatte keine Uhr. Sie haben uns zum Beispiel in einen Kühllaster verladen, ohne Fenster. Darin ging es von dem einen Gefängnis ins nächste. Ich war in mehreren libyschen Lagern. Du fährst in der Nacht los, manchmal mit verbundenen Augen, den Kopf musst du stets gesenkt halten. Manchmal sagten uns die Libyer absichtlich falsche Uhrzeiten.

SPIEGEL: Die Schlepper haben Ihre Verwandten immer wieder angerufen und gefordert, neues Geld zu schicken und für Ihre Fahrt übers Mittelmeer zu zahlen. Sie wurden während dieser Telefonate mit Strom gefoltert. Irgendwann brachten die Männer Sie dann tatsächlich an die Küste und auf ein Schiff. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie auf das Boot stiegen?

Mebrhatom: Ich kann nicht schwimmen. Mein Mut schwand. Wir saßen alle zusammen, Christen und Muslime, und beteten. Wir wurden dann von der italienischen Marine gerettet, aber ich weiß nicht, in welchem italienischen Hafen wir europäischen Boden betraten. Ich verstand kein Wort, ich war so müde.

SPIEGEL: Sie sind dann mit dem Zug nach München gekommen, von dort in eine Flüchtlingsunterkunft, und haben irgendwann ein Paar kennengelernt, das Sie bei den ersten Schritten in Deutschland unterstützte.

Mebrhatom: In München konnte ich die ersten zwei Jahre nicht gut schlafen. Im Schlaf kannst du nicht kontrollieren, welche Bilder du siehst. Ich habe immer Bilder gesehen, die ich nicht mehr sehen wollte. Ich bin dann oft nachts spazieren gegangen oder habe gebetet. Wenn es einen Streit im Flüchtlingsheim gab, sind die Erinnerungen wieder hochgekommen, das Leid, die Aggressionen. Wenn ich die Polizei sehe, dann bekomme ich heute noch Panik, ich denke dann an Libyen. Viele fragen mich, ob ich eine Therapie machen will. Aber ich schreibe viel, rede darüber und mache Musik. Ich habe vor drei Jahren angefangen, meine Geschichte zu erzählen. Ich will, dass viele sie kennen und verstehen, was es heißt, es als Flüchtling bis Europa geschafft zu haben.

SPIEGEL: Wie geht es Ihrer Familie? Wie oft hören Sie von ihr?

Mebrhatom: Ich will nicht viel über meine Familie sprechen, sie ist nicht in Sicherheit. Ich habe, seit ich in München bin, viermal mit meiner Mutter telefonieren können. Es gibt in meinem Heimatdorf sehr schlechtes Netz. Ich probiere es oft, aber ich komme fast nie durch. Ich wollte eigentlich dieses Jahr nach Äthiopien fliegen und meine Familie dort treffen - nach Eritrea kann ich unmöglich zurück. Doch wegen der Coronakrise geht das nicht.

SPIEGEL: Laut dem Uno-Flüchtlingshilfswerk müssen jeden Tag 37.000 Menschen ihre Heimat verlassen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Bilder von Menschen auf der Flucht siehst?

Mebrhatom: Ich frage mich, wann ist das Sterben zu Ende? Selbst wenn die Menschen die Flucht überleben, stirbt etwas in ihnen, denn sie sehen Unmenschliches. Dabei wünschen sie sich nur Freiheit. Die Menschen leben auf der Flucht nicht wie Menschen. Sie sind allein. Kein Mensch geht einfach so durch die Wüste, wo es kein Wasser gibt, kein Leben.

...


Aus: "Geflüchteter über libysche Gefangenschaft: "Selbst wenn die Menschen die Flucht überleben, stirbt etwas in ihnen" " Ein Interview von Maria Stöhr (22.08.2020)
Quelle: https://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtling-aus-eritrea-erzaehlt-von-seiner-flucht-a-f9486350-4cc2-4d6f-a5b5-63cb79a08ac2

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Dirk

Er kann sich leisten, in München zu wohnen? Glückwunsch, viele können das nicht.


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Feldmann

Soll ich mich so schuldig fühlen, dass ich in die Spree springe, aber vorher noch mein Konto räume und in der Hasenheide (Park in Berlin) an Migranten verteile?


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Rolf

Das wird ja langsam penetrant. Ich will das nicht mehr lesen, Framing und fortwährende Volkserziehung müssen aufhören. ...


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Sven

Ja das ist in der Tat alles sehr traurig. Mir erschließt sich aber nicht aus welchem Grund ich für den Lebensunterhalt der Millionen Flüchtlinge die die deutsche Regierung in die BRD bittet aufzukommen hätte. ...


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Petra

Schlechtes Interview -wirklich relevante Fragen wurden nicht gestellt. Woher zum Beispiel ein 14jähriger mind.
€ 2.600 für die Schlepper hat, wenn das jährliche Durchschnittseinkommen in Eritrea bei ca. € 650,00 liegt? Das wäre zu vergleichen mit einem deutschen Jugendlichen, der mit einer Viertelmillion nach Amerika oder Australien will!


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Goldregenpfeifer

Es zieht nicht mehr, wir haben keinen Bock mehr.


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Thomas

Ich kann mit diesen Beiträgen nichts mehr anfangen. Bin ich als alter weißer Mann jetzt an allem Schuld? Man wird mit dem ganzen Elend doch überfüttert (Klimakrise, Flucht , Vertreibung usw).


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Michael

Danke für das Interview mit Herrn Mebrhatom. Es ist wichtig, dass er und andere Geflüchtete ihre Geschichte einem breiten Publikum erzählen können. Wie wichtig das ist, zeigt auch die krasse Abwehr unter den Kommentatoren hier die sich in teils hahnebüchenen Statements bahnbricht. Diesen offenbar recht verängstigten Mitbürgern sei gesagt: Wenn auch Eure Angst vor Menschen mit Fluchtgeschichte völlig unbegründet ist, mit einem habt Ihr Recht: Dieses Land verändert sich tatsächlich und Ihr werdet immer weniger. Gott sei Dank.


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« Last Edit: Oktober 08, 2020, 02:25:50 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #26 on: Oktober 13, 2020, 01:27:54 nachm. »
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[...] Der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Massentourismus in den Alpen. Seinen neuen Fotoband widmet er dem jährlichen Party-Exzess in Ischgl. Dokumente des Wahnsinns, die fassungslos machen. ... Der österreichische Fotograf Lois Hechenblaikner ist ein genialer Dokumentarist des nackten Grauens. Geboren im Tiroler Alpbachtal, fotografiert Hechenblaikner seit vielen Jahren schon den massentouristischen Exzess, der sich namentlich in Ischgl alljährlich winters wiederholt. Ischgl – seit diesem Frühjahr bekannt als "Corona-Hotspot", aber für Menschen, die den Ort so wie der 62-Jährige sehr gut kennen, seit langem bereits eine Art "Partnergemeinde von Sodom und Gomorrha". Tatsächlich kommt, wer Lois Hechenblaikners Fotografien betrachtet, aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Skipisten schnapsglas-, sekt- sowie bierflaschenübersät, Menschen, Männer in der Mehrzahl, die komasaufend Sexpuppen wie Voodoopuppen malträtieren und zum Après-Ski in der Schatzi-Bar oder im Kitzloch einkehren, um dort Donald Trumps Wahlspruch "Grab them by the pussy" an Frauen wahr werden zu lassen, die freizügig auf den Theken tanzen. All das ist zu sehen im Fotobuch "Ischgl". Knut Cordsen hat mit Lois Hechenblaikner gesprochen. ...

Knut Cordsen: Ich dachte, wer einmal gesehen hat, wie es zu Wiesn-Zeiten im Bierzelt zugeht, der sei gestählt und gewappnet, aber selbst ein Münchner Oktoberfest-Besucher dürfte relativ fassungslos vor dem stehen, was Sie auf Ihren Fotografien festhalten.

Lois Hechenblaikner: Für mich war es einfach interessant, in einer Langzeitbeobachtung zu schauen, wie weit die Touristiker dort bereit sind, die Spirale hochzuschrauben. Wo ist das Ende? Mein Buch ist eine Art visueller Geigerzähler des touristischen Wahnsinns. Ich wollte das festhalten in Form einer Langzeit-Dokumentation. Ich war doch immerhin 26 Jahre an diesem Thema dran und hatte deswegen eben diese dichte Sammlung an Bildern. Ich wollte schauen, was aus einem ehemaligen Bauerndorf geworden ist. Früher herrschten in Ischgl die ärmlichsten Verhältnisse, auf einmal kehrte dort der Wohlstand ein. Zweifelsohne hat Ischgl ein fantastisches Skigebiet und tolle Liftanlagen. Aber was dazugekommen ist, ist diese unglaubliche Dimension Alkohol und der Party-Tourismus.

Knut Cordsen: Sie sprechen mit Blick auf Ischgl vom "Delirium Alpinum. Sie sind als Kind von Pensionswirten nicht weit entfernt vom Paznauntal aufgewachsen. Wann hat diese Mischung aus Alkoholabusus und Notgeilheit dort Einzug gehalten?

Lois Hechenblaikner: Ja, wann war das? Ich habe ein Bild im Buch, auf dem sieht man ein Plakat von 1996, mit dem Sado-Maso-Shows beworben werden. Ich glaube, ich habe das damals selbst gar nicht realisiert. Aber ich habe es fotografiert, und deswegen ist es so wichtig, eine Langzeit-Dokumentation zu machen. Der Alpenraum ist so etwas geworden wie ein Überdruckventil für die Leistungsgesellschaft: Druck ablassen gegen Bezahlung. Nehmen wir die Deutschen, die in Ischgl den Hauptmarkt bilden: Der Deutsche muss in seiner Firma wirklich sehr viel Leistung erbringen. Der kriegt sein Geld nicht umsonst. Deutschland ist Leistungsprinzip. Das nährt diese Sehnsucht, Druck abzulassen. Hans-Peter Dürr hat mal gesagt: Das Primitive ist mächtig. Das merkt man halt, dass die Gäste hier abdriften in eine vulgäre Welt. Das ist anscheinend im Menschen angelegt, selbst in den intellektuellen Kreisen. Wenn man sich mal das Milieu anschaut, so ist das doch eine interessante Mischung: Manager sind genauso in Ischgl wie einfache Arbeiter. Die Ski-Kleidung macht sie gleich.

Knut Cordsen: Ein Hotelier und Bar-Betreiber aus Ischgl wird im Nachwort Ihres Buches mit den Worten zitiert, man müsse "mehr mit dem Penis denken", um neue Gäste zu erreichen. Eine Table-Dance-Bar wirbt mit dem mehrdeutigen Wort "Abwedeln" um Après-Ski-Gäste. Man sieht auf Ihren Bildern Männerhorden, die mit Motto-Shirts wie "Muschifreunde Karlsruhe" oder "Geile Sau" herumlaufen und Dildos auf dem Kopf tragen – ein Ort totaler Enthemmung. Ist das eine Art Karneval?

Lois Hechenblaikner: Ich habe ja versucht, sozusagen den genetischen Code von Ischgl zu knacken, weil ich mich immer gefragt habe: Warum brauchen die Leute das? Gleichzeitig ist es nicht mein Recht, als Moralapostel aufzutreten und die zurechtzuweisen, sondern ganz im Gegenteil: Als Fotograf versuche ich, mich möglichst neutral zu verhalten und die Leute in ihrer Freude zu lassen. Ja, das ist ganz wichtig, damit ich auch die Bilder machen kann. Nicht wertend hineingehen, sondern einfach als begleitender Beobachter. Also was ist hier passiert? Der Deutsche ist ein sehr, sehr kontrollierter Mensch. Deutschen nimmt man das Geld nicht so einfach ab. Den Deutschen muss man eben einstellen, zwischen 0,5 und einem Promille, da, wo die Wurschtigkeit beginnt – und dann kannst du ihn abmelken. Das haben diese Bergbauern-Buben kapiert. Das ist genial. Sie haben einen nahezu animalischen Instinkt entwickelt, um diesen eingesperrten Menschen abzuholen, so dass er loslässt. Wir sind ja nicht immer kontrollierte Menschen. Was dazukommt, ist die Gruppendynamik. Wenn zu viele Männer beisammen sind, dann werden's deppert natürlich, Frauen ebenso. Keine Frage, es sind ja auch ganz wilde Frauen-Horden, die da durchziehen. Deswegen war es für mich auch wichtig, Bilder weiblicher Enthemmung zu zeigen. Bei dieser ganzen MeToo-Debatte sind eindeutig Männer die Schweine. Aber in Ischgl sieht man, wo auch Frauen hin driften, wenn es ins Dumpfe geht. Dieses Wegdriften in eine dunkle Welt ist schon sehr fragwürdig.

Knut Cordsen: Es gibt in Ischgl auch die sogenannte "Champagnerhütte". Eine Ihrer Fotografien zeigt Rechnungsbeträge aus dieser Champagnerhütte für mehrere Flaschen Montrachet – die Flasche zu je 2.900 Euro. Es ist also auch der reiche Pöbel, der dorthin fährt, um mal die Sau rauszulassen, der geldige Prolet.

Lois Hechenblaikner: Absolut. Wobei ich da ja noch eine kleine Rechnung gezeigt habe. Ich hätte noch eine Preisliste gehabt mit einer Sechs-Liter-Flasche Dom Perignon Rosé. Die Flasche ist vergoldet und kostet 55.000 Euro. Ja, warum denn nicht beim Après-Ski mal eben einen Audi Quattro wegsaufen? Schauen Sie: Der Bankomat an der Talstation von Ischgl hat die zweithöchste Entnahme-Frequenz von ganz Österreich. Der ganze Ort wirkt wie in Hirn-Nebel. Der Gast ist aus der Ratio herausgehoben, und wenn er heimkommt, hat er großes Kopfweh, weil das Konto leergeräumt ist. Aber Hauptsache, es ist in Tirol geblieben.

Knut Cordsen: Das "Handelsblatt" hat Sie mal einen "fotografischen Thomas Bernhard" genannt. Sehen Sie sich als einen solchen?

Lois Hechenblaikner: Es gibt Parallelen, keine Frage. Ich will einfach an den Schmerzkörper kommen, an das Destillat. Deswegen bin ich auch drangeblieben. Jedes Land hat sein eigenes Selbstverständnis, seine eigene Wirklichkeit. Bei mir ist vielleicht das Verrückte, das ich Tiroler bin und einen wahnsinnigen Abstand habe zu diesem ganzen Treiben. Ich will schauen, was die Wirklichkeit ist. Paul Watzlawick hat das in seinem Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen" so wunderbar beschrieben. Ich frage mich: In welcher Wahnwelt, in welcher Täuschung leben die Tiroler? Wie beschreiben sie sich selber? Was ist die Eigenwahrnehmung und was Fremdwahrnehmung? Deshalb diese Langzeit-Dokumentation. Und jetzt ist mit Corona der richtige Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen. Das Buch ist ein visueller Echoraum, ein Spiegel in Form eines Gewissens mit den Mitteln der Fotografie, wo die Tiroler nun mal reinschauen müssen.

Knut Cordsen: Wird man da nicht irgendwann zum Misanthropen, wenn man sich das täglich anschaut?

Lois Hechenblaikner: Durchaus möglich. Gut, es ist ja nur eine meiner Werkserien. Aber es macht ja sonst keiner etwas in der Beziehung. Warum ist keiner da? Auch von den ganzen Medienleuten? Die Lokalmedien schweigen.

Knut Cordsen: Wie nimmt man Sie in Tirol wahr? Als Nestbeschmutzer?

Lois Hechenblaikner: Ich habe kein lustiges Leben. Ich lebe auch sehr, sehr isoliert. Im Dorf ist man ganz klar der vollkommene Außenseiter. Und es gibt massivsten Liebesentzug. Unser älterer Sohn geht auch deswegen im Ausland in die Schule. Das ist schon eine harte Nummer. Das muss man auch aushalten können. Aber ich habe immer an meine Arbeit geglaubt. Das Thema muss wahrhaftig sein. Man muss eben dranbleiben und auch an die Arbeit glauben.

Knut Cordsen: Glauben Sie, dass Ihre Bilder einen Wandel im Denken anstoßen können?

Lois Hechenblaikner: Meine Bilder alleine glaube ich nicht. Es ist eine Kombination aus vielem, zu dem jetzt diese Wirtschaftstragödie kommt. Das wirft diese Leute jetzt wahrscheinlich zurück in eine tiefe Nachdenkpause, die sie sonst wahrscheinlich nie gemacht hätten. Sie hätten sonst nie innegehalten. Man darf ja nicht vergessen: Das war bitterste Armut da in Ischgl. Die Leute konnten kaum überleben. Steilstes Bergbauern-Gebiet. Niemals hätten die Leute da drinnen eine Chance gehabt zu überleben. Und auch in Zukunft wird es ohne Tourismus nicht gehen. Hier ist die Frage, ob es ihnen gelingt, den Wandel zu vollziehen. Sie haben es ja selber gesehen, dass sie damit an die Wand fahren. Was ist da los, wenn ein Kind in Ischgl aufwächst, was hat das für einen Eindruck von den Gästen? Sind das Monster, Wahnsinnige, völlig Entgrenzte? Wenn ich als Einheimischer Angst haben müsste, wenn meine Kinder durch den Ort gehen, dann ist schon mal etwas krank.


Aus: "Nacktes Grauen: Lois Hechenblaikners Fotoband über Ischgl" (kulturWelt vom 02.06.2020)
Quelle: https://www.br.de/nachrichten/kultur/der-fotoband-ischgl-des-tiroler-fotografen-lois-hechenblaikner,S0MuEmh

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« Reply #27 on: November 01, 2020, 11:20:44 vorm. »
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[...] Soziale Normen (gesellschaftliche Normen, soziale Skripte) sind konkrete Handlungsanweisungen, die das Sozialverhalten betreffen. Sie definieren mögliche Handlungsformen in einer sozialen Situation. Sie unterliegen immer dem sozialen Wandel, sind gesellschaftlich und kulturell bedingt und sind daher von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden. Normen bringen (äußerliche) Erwartungen der Gesellschaft an das Verhalten von Individuen zum Ausdruck. Die Verbindlichkeit dieser Erwartungen variiert. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Norm (26. April 2020)

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[...] Eine Sitte ist eine durch moralische Werte, Regeln oder soziale Normen bedingte, in einer bestimmten Gruppe oder Gemeinschaft entstandene und für den Einzelnen verbindlich geltende Verhaltensnorm. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Sitte (5. Juni 2020)

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[...] Sie rauben, erpressen und morden – im Namen ihrer Urururgroßväter: Ein Clanmitglied berichtet von den Ehrvorstellungen Berliner Großfamilien. Das Problem der Clankriminalität ist gar nicht so schwerwiegend? Doch, ist es, sagt Khalil O.  – der Berliner, heute 37, gehört selbst zu einer der verbrecherischsten arabischen Großfamilien in Deutschland. Jahrelang brach er in Häuser ein und handelte mit Kokain, wie zahlreiche seiner Cousins es bis heute tun.

Hier erklärt er, wo das brutale Verhalten seiner Familie seinen Anfang nahm: weit weg von Berlin, in zwei kleinen Dörfern in der Türkei. Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Auf der Straße gilt unser Gesetz“, erschienen bei Heyne, in dem er zusammen mit der Journalistin Christine Kensche von seiner kriminellen Karriere in Berlin berichtet.

Er selbst stieg vor 15 Jahren aus. Als Erwachsener holte er die Schule nach, machte Abitur und studierte. Heute arbeitet Khalil O. als Sozialarbeiter und betreut kriminelle junge Männer.


Manchmal sprechen mich fremde Leute auf der Straße an und sagen: „Du bist doch der Sohn von dem und dem.“ Und während ich noch überlege, wo ich die Typen schon mal gesehen habe, sagen die: „Wir sind verwandt.“ Berlin ist zwar eine Großstadt, aber wir leben immer noch wie auf dem Dorf. Jeder kennt jeden, und alle sind vernetzt.

Das liegt daran, dass fast alle großen Clans aus derselben Gegend stammen. Mardin ist eine Provinz am hinterletzten Ende der Türkei, und da, an der Grenze zu Syrien, liegt eine arabische Enklave von ein paar Dutzend Dörfern. Die meisten Familien, die immer wieder in der Zeitung stehen, kommen aus zwei Dörfern, die Luftlinie knapp drei Kilometer auseinanderliegen: Üçkavak und Yenilmez.

Das erste Dorf heißt übersetzt so viel wie „Drei Pappeln“, das zweite „Unbesiegbar“. Die Jungs, die im Frühjahr 2017 die Riesengoldmünze aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen haben, zum Beispiel sind von der Familie R. Die R.s kommen aus Drei Pappeln und waren damals wie heute unsere Nachbarn.

Ich selbst kenne die Dörfer nur von alten Fotos, die mein Vater in einem Koffer aufbewahrt, und aus den Geschichten meiner Oma. Drei Pappeln und Unbesiegbar waren zwei Flecken aus quadratischen Häusern, die die Leute mit den schweren gelben Steinen bauten, die sie aus den Feldern zogen. So weit man gucken konnte, sah man nur Felder, Olivenbäume und eine staubige Straße. Ziegen, Schafe, Kühe und Kinder liefen frei herum.

Die Frauen schleppten Wasser, das sie aus dem Speicher schöpften. Eigentlich war es nur ein Loch in der Erde, das sie mit Lehm verputzt hatten. Der Dreck sank auf den Grund, und von oben schöpften sie halbwegs sauberes Wasser ab. Die Männer arbeiteten auf den Feldern und stellten sich an die Straße, um Durchreisenden Obst und Gemüse zu verkaufen.

Geld hatte eigentlich keiner, aber wenn mal was zusammenkam, wurde es in das Minarett gesteckt. Der Turm der Moschee war so groß wie der Stolz des Dorfes. Drei Pappeln zählte die meisten Familien und baute das größere Minarett.

Das konnte Unbesiegbar sich natürlich nicht bieten lassen und zog nach. Das Verhältnis zwischen Unbesiegbar und Drei Pappeln war ungefähr so wie zwischen Köln und Düsseldorf, oder Madrid und Barcelona. Nur dass Kriege bei uns anders ausgetragen wurden als mit Karneval oder Fußball.

Vor hundert Jahren gab es genau wie heute viel Streit zwischen den Familien und auch in den Familien selbst. In Drei Pappeln ging das so weit, dass sie irgendwann eine zweite Moschee bauen mussten, weil ein Zweig einer Familie so heftig mit einem anderen Zweig aneinandergeraten war, dass sie nicht mehr zusammen beten wollten. Selbst jetzt in Berlin ist das noch eine entscheidende Frage bei uns, in welche Moschee deine Familie damals ging: Real Madrid oder FC Barcelona? Freund oder Feind?

 In Drei Pappeln erzählten sich die Leute, dass die von Unbesiegbar nachts ihre Ziegen stahlen. Umgekehrt war es wahrscheinlich genauso. Drei Pappeln hatte den Vorteil, dass sie mehr Männer, also auch mehr Fäuste hatten. Aber Unbesiegbar gab niemals auf, und wer eine Schlägerei gewann, behielt recht.

Streit gab es immer dann, wenn jemand sein Wort gebrochen hatte. Zum Beispiel: Einer verkaufte ein Stück Land an seinen Nachbarn. Der Deal wurde mit Handschlag beschlossen und die neue Grenze mit Steinen markiert. Aber in der Nacht setzte der Verkäufer die Steine heimlich zu seinem Vorteil um. Oder: Ein Bauer sagte einem Händler zu, ihm die gesamte Ernte zu verkaufen, und kassierte einen Vorschuss.

Doch dann bekam der Händler raus, dass der Bauer die Ernte schon einem anderen versprochen und doppelt abkassiert hatte. Oder: Einer von Unbesiegbar klaute eine Ziege von Drei Pappeln und behauptete, die sei ihm zugelaufen – „Ich schwöre auf meinen Bart!“ So etwas konnte böse enden.

Konflikte machten die Familien unter sich aus. Staatliche Institutionen kannten sie ja nicht. Schon zur Zeit des Osmanischen Reichs hatte man sich einen Dreck um die paar Dörfer geschert. Und als im Jahr 1923 die türkische Republik gegründet wurde, haben sie zwar eine Polizeistation in die Provinz gebaut, aber die war immer noch ziemlich weit weg, und wahrscheinlich hätten die türkischen Beamten keinen Finger gekrümmt, wäre ein Araber da aufgekreuzt. Auf die Idee kamen meine Leute auch gar nicht.

 Es ist so: Wenn du um Hilfe bittest, giltst du als schwach. Und wenn du schwach bist, kommen die anderen und fressen dich. So ungefähr endete jede Geschichte, die meine Oma uns erzählte.

Mit anderen Worten: Wer sich einmal verarschen lässt, wird immer wieder verarscht. Deswegen können wir nicht auf die Schnauze kriegen und einfach nach Hause gehen.

Wenn einmal Krieg ausgebrochen ist, wird meine Familie niemals Ruhe geben. Niemals. Die sind so gepolt, noch von damals. Ich habe Onkel, die laufen hier mit einer scharfen Knarre rum, weil vor hundert Jahren jemand aus unserer Familie jemanden aus einer anderen Familie umgebracht hat. Noch heute kann es jederzeit passieren, dass dafür einer von denen einen von uns umlegt. Egal wen, Hauptsache einen aus der gleichen Familie. Das nennt man Blutrache.

Es gab zwar keine Gesetze und keine Richter auf den Dörfern, aber es gab Traditionen und Familienoberhäupter. Unter den Leuten waren keine Gelehrten, darum legte die Community das Recht selbst aus, nach Gewohnheiten, die sich mit der Zeit so eingespielt hatten.

Gab es Stress, wurden die Familienältesten gerufen. Die versuchten zu vermitteln, bevor eine Sache zu einer Fehde eskalierte. Wenn zwei Familien Streit hatten, riefen sie den Ältesten einer dritten Familie dazu, und der verhandelte einen Kompromiss. Das nennt man Sulha, Versöhnung.

Bei einem Mord musste die Familie des Täters Blutgeld an die Familie des Opfers zahlen. Über die Summe entschied der Vermittler. Damit war die Sache allerdings nicht unbedingt geregelt. Manchmal war der Drang nach Rache stärker.

 Der Mann einer Tante von meiner Frau wurde vor 20 Jahren umgebracht, in Drei Pappeln. Worum es da eigentlich ging, weiß keiner mehr so genau, ich glaube, er war die Vergeltung für einen anderen Mord. Jedenfalls versteckten sich die Täter danach fünf Jahre lang in ihrem Haus. Warum? Das Haus eines anderen Mannes ist tabu. Du kannst nicht einfach zu ihm gehen und ihn umbringen. Du darfst ihn auch nicht in deinem eigenen Haus umbringen. Zu Hause darfst du deinen Todfeind nicht anfassen.

Wenn zum Beispiel eine Beerdigung in einer Familie stattfindet, dann kommt die verfeindete Familie zur Trauerfeier, auch wenn die beiden bis aufs Blut zerstritten sind. Man zollt sich Respekt, das gehört sich so. Du musst deinen Feind empfangen und ihm Tee servieren. Sobald er rausgeht, darfst du ihn abschießen, aber vorher nicht.

 Deswegen haben die Täter sich also zu Hause versteckt, fünf Jahre lang, bis ein Blutgeld ausgehandelt wurde. Die Söhne des Opfers, die Cousins meiner Frau, akzeptierten die Zahlung auch. Aber nur scheinbar. Sie haben so getan, als sei jetzt alles okay, damit die anderen sich sicher fühlen und wieder aus dem Haus gehen. Das war ihre Chance.

Jahrelang haben sie nur auf diesen Moment gewartet, in dem sie die Mörder ihres Vaters rächen konnten. Ich habe ja schon gesagt, meine Familie gibt niemals auf.

Das ist das Schlimme eigentlich. Im wilden Osten hat diese Härte vielleicht einmal Sinn gemacht, weil sie abschreckend auf Feinde wirkte. Aber jetzt ist sie die Wurzel aller Probleme.

 Meine Leute haben Angst, als Idioten dazustehen. Wer einmal einknickt, wird nicht mehr für voll genommen und macht sich angreifbar. Deshalb denken sie, sie müssen Blut mit Blut begleichen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das ist das Prinzip und das gilt auf dem Dorf genauso wie in Berlin.

Die Geschichte hat sich zwar Tausende Kilometer entfernt abgespielt, aber selbst hier in Deutschland haben die Verwandten der Täterfamilie Geld gesammelt und nach Drei Pappeln geschickt, damit sie dort das Blutgeld zahlen konnten.

Oder nehmen wir Nidal, den Typen, der vor dem Tempelhofer Feld in Berlin ermordet wurde. Der ist zwar Palästinenser, aber die haben ähnliche Sitten. In dem Krieg zwischen Nidals Leuten und einer anderen Familie ging es eigentlich um Drogengeschäfte, wem welcher U-Bahnhof in Neukölln gehört und wer da dealen darf und wer nicht.

Doch eskaliert ist es dann – das erzählt man sich so in der Community –, weil Nidal einen krassen Fehler gemacht hat: Er war auf einer Hochzeit eingeladen und hat einen älteren Mann geschlagen, vor dessen Frau und Kindern. Das hätte Nidal nicht machen sollen.

 Es war eine heftige Ehrverletzung, der andere hat das Gesicht verloren. Nidal hat danach versucht, die Sache zu bereinigen. Er hat einen Vermittler losgeschickt, und der hat gesagt: „Nidal will das klären, es tut ihm leid“ und dies und das. Aber der Vertreter der anderen Seite hat nur gesagt: „Nidal muss sterben.“

Und dann haben sie ihn erschossen, im Park, beim Grillen mit seiner Familie. Dass Nidal vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder getötet wurde, ist kein Zufall, genau das war die Rache. Man fasst keinen Mann vor seiner Frau und seinen Kindern an. Das ist ein Gesetz, und wer das bricht, muss dafür bezahlen.

Vor ein paar Tagen hat mir ein Cousin ein Video aus Drei Pappeln geschickt. Da gab es einen Mord, eine Blutrache an entfernten Verwandten von mir, die sind eine bedeutende Familie in der Gegend und hier in Deutschland auch. Ich nenne sie mal Familie A. Davor soll Familie A., also der Vater von dem Opfer, vier Männer der Familie B. umgelegt haben, weil die B.s einen der A.s im Streit getötet hatten. Klingt kompliziert?

Ist es auch, das geht da jetzt schon seit Jahrzehnten so hin und her. Auf dem Video ist der Vater des jetzigen Opfers zu sehen, der selbst schon gemordet hat. Vater A. darf nur unter Polizeischutz aus dem Knast, um auf die Beerdigung seines Sohnes zu gehen. Polizisten mit Maschinengewehren und kugelsicheren Westen schirmen ihn ab.

Er steigt in einen Bus, der ihn zurück ins Gefängnis transportieren soll, da dreht er sich zu seinen Leuten um und brüllt: „Ihr unternehmt jetzt nichts, das ist eine Angelegenheit für echte Männer – ich werde mich darum kümmern!“ Man kann sich also ausrechnen, wie es da unten weitergehen wird. Es ist ein ewiger Teufelskreis.

 Das Verrückte ist: Von uns hier in Deutschland ist niemand mehr da geboren, selbst mein Vater kennt die Dörfer nur vom Hörensagen. Und trotzdem haben die Traditionen noch immer einen krassen Einfluss auf uns.

Bei jedem Familientreffen werden die alten Geschichten aufgewärmt, die Jüngeren posten Fotos und Videos auf Instagram, die sich auf unsere Herkunft beziehen. So ein Bild zum Beispiel: Zwei goldene Sturmgewehre kreuzen sich in der Mitte, drum herum stehen die Namen von allen wichtigen Clans – mein Nachname ist auch dabei. Die Magazine und Gewehrläufe bilden ein Dreieck, in dem „LKC“ steht, das ist die Abkürzung für libanesisch-kurdische Clans. So bezeichnen uns Polizisten und Kriminalforscher.

Die haben sich sogar die Mühe gemacht, in unsere alten Dörfer zu reisen, um mehr über unsere Herkunft herauszufinden. Ein anderer Name für uns ist Mhallami-Kurden, und auch das ist ein Grund, warum wir irgendwo alle miteinander verwandt und bekannt sind: Wir stammen nicht nur aus derselben Gegend, wir gehören auch zur selben Ethnie. Wobei die Bezeichnung Kurden falsch ist. Wir selbst nennen uns nur Mhallami, weil wir eigentlich Araber sind, die nur lange Zeit unter Kurden gelebt haben. Bis es uns da zu brenzlig wurde.

Die Mhallami haben einen eigenen arabischen Dialekt, der von niemandem sonst gesprochen wird. Man erzählt sich viele Geschichten darüber, wo unser Volk herkommt und wie unser Dörfer entstanden sind. Einige behaupten, wir wären ursprünglich christliche Aramäer gewesen, die irgendwann zum Islam konvertierten, weil sie von den Muslimen unterdrückt wurden.

Manche sagen auch, dass wir auf einen großen arabischen Beduinenstamm zurückgehen, der bei den Feldzügen mitmachte. Die beliebtere Geschichte ist, dass wir die Nachkommen von arabischen Kriegern sind, die mit den islamischen Eroberungsfeldzügen im achten Jahrhundert in die Gegend kamen, um die christliche Bevölkerung in Schach zu halten.

Mahall ist der Ort und Mi'a ist hundert. Unser Name bedeutet also so viel wie „Der Ort der Hundert“.

 Für meine Familie steht jedenfalls fest, dass wir echte Araber sind. Einer meiner Onkel hat mal eine DNA-Analyse machen lassen, bei der man sich ein Wattestäbchen in den Mund steckt und es in ein Labor schickt. Dabei kam heraus, dass wir ursprünglich von der Arabischen Halbinsel stammen. Das war eine wichtige Erkenntnis für uns, weil wir immer wie Dreck behandelt wurden, auch von Arabern.

Mein Vater hat einen Stammbaum gezeichnet, mit allen Informationen, die er aus der Verwandtschaft kriegen konnte. Ein großer Baum mit dicken Ästen und vielen Zweigen, in denen Namen stehen – aber nur von den Männern. Bei uns zählt die Blutlinie des Vaters.

Die eigene Familie, also das gleiche Blut, geht über alles. Wenn wir Stress mit einer anderen Mhallami-Familie haben und es eine Schlägerei gibt, werden deshalb auch immer nur die Onkel und ihre Söhne zur Verstärkung gerufen, nicht die Söhne meiner Tanten.

Das könnte uns sonst jemand als Schwäche auslegen, so nach dem Motto: „Die sind nicht stabil genug, um sich selbst zu verteidigen.“ In dem Stammbaum ist jeder dritte Name gleich, weil es bei uns so üblich ist, dass der Erstgeborene den Namen des Großvaters erbt.

Meine Vorväter sind schon immer viel gewandert. Vom Jemen nach Saudi-Arabien, in den Irak und nach Syrien, von dort in die Türkei, dann in den Libanon und von Beirut schließlich nach Berlin. Meine Großeltern haben hier inzwischen 300 Nachfahren, und soweit ich weiß, planen alle zu bleiben.

Früher gab es viele Gründe, zu gehen. Entweder versiegte die Wasserquelle im Ort, oder die Familie wurde zu groß und das Land reichte nicht mehr für alle Söhne. Oder es gab Streit mit einem anderen Stamm, und damit die Fehde nicht auf die Kinder überging, zog man lieber weiter. Im Osmanischen Reich war ja alles eins, es gab keine Grenzen, keine Kontrollen, keine Abschiebungen.

Ein Mann konnte wandern, wie er wollte. Mein Urururopa war Maurer und deshalb nicht so mit der Erde verbunden wie ein Bauer. Wenn eine Arbeit erledigt war, zog er ins nächste Dorf. Mein Ururopa dagegen bestellte ein Feld und baute ein kleines Steinhaus, in dem meine Familie über mehrere Generationen lebte. Doch dann kam Mustafa Kemal Atatürk, gründete die Türkei und verbot alles, was nicht türkisch war.

So war das damals mit Minderheiten: Erst vertrieben oder töteten die Türken die Armenier. Dann gingen sie gegen die Kurden vor und dann gegen unsere arabische Kultur. Den Familien wurden neue Namen verpasst, sie sollten nur noch Türkisch reden. „Atatürk hat uns unsere Namen genommen, Atatürk hat uns unsere Sprache genommen“, sagen die Älteren.

Und als die Kurden dann einen Aufstand machten, waren wir auf einmal mittendrin, dabei hatten wir gar nichts mit den Kurden zu tun und mit den Türken auch nicht. Aber unsere Dörfer lagen in den kurdischen Gebieten, und so gerieten wir in die Unruhen.

Die Mhallami wurden gegen die Kurden bewaffnet: Die Türken gaben dem Bürgermeister ein Gewehr und wollten die Jungen in den Militärdienst einziehen. Daraufhin griffen die Kurden unsere Dörfer an. In den 1940er Jahren entschied mein Opa, endgültig in den Libanon zu gehen. Er und sein Vater hatten schon als Saisonarbeiter auf dem Gemüsemarkt von Beirut gearbeitet, als die Lage in den Dörfern immer schlechter wurde, und darum wussten sie, wie gut die Leute da lebten.

Der Libanon war die Schweiz des Nahen Ostens. In der Schweiz gehörten wir zwar zu den Ärmsten der Armen, aber das war immer noch besser, als auf den Steinfeldern zu ackern oder als Kollateralschaden der Kurdenaufstände zu enden. Also machten sie sich zu Fuß auf in die große Stadt.


Aus: "Wo die Gewalt ihren Ursprung hat: Fast alle Taten Berliner Clans gehen auf die Fehde zweier Dörfer zurück" Khalil O. (31.10.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/wo-die-gewalt-ihren-ursprung-hat-fast-alle-taten-berliner-clans-gehen-auf-die-fehde-zweier-doerfer-zurueck/26573888.html
« Last Edit: November 01, 2020, 11:27:17 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #28 on: November 20, 2020, 02:37:01 nachm. »
Quote
[...] Fast jedes fünfte Kind weltweit wächst laut einem Bericht der Hilfsorganisation Save the Children in einem militärischen Konflikt auf. Die Zahl der betroffenen Kinder sei 2019 im Vergleich zum Vorjahr um elf Millionen auf 426 Millionen gestiegen, heißt es in dem Bericht Krieg gegen Kinder, den die Organisation zum Internationalen Tag der Kinderrechte veröffentlicht hat. Die Zahl der Verbrechen an Kindern in Konfliktgebieten erreichte demnach ein Allzeithoch.

Seit 2010 wurden dem Bericht zufolge mehr als 93.000 Kinder getötet oder verstümmelt. Allein aus dem vergangenen Jahr seien 10.300 Fälle dokumentiert. Ein Drittel gehe auf den Einsatz von Explosivwaffen zurück. Save the Children forderte die Staatengemeinschaft auf, den Einsatz und den Handel mit diesen Waffen einzuschränken und Verletzungen internationaler Vereinbarungen zu bestrafen.

Die gefährlichsten Staaten für Kinder waren demnach im vergangenen Jahr Afghanistan, die Demokratische Republik Kongo, Irak, Jemen, Mali, Nigeria, Syrien und Somalia, der Sudan, Südsudan sowie die Zentralafrikanische Republik. Die Kinder seien "Opfer von Menschen, die internationale Regeln missachten und von Regierungen, die ein Auge zudrücken", sagte die Vorstandsvorsitzende von Save the Children Deutschland, Susanne Krüger. "Der Krieg gegen Kinder muss gestoppt werden."

Die Zahl der von den Vereinten Nationen verifizierten Verbrechen an Kindern ist laut dem Bericht im vergangenen Jahr auf ein Allzeithoch von 26.233 gestiegen, die Dunkelziffer liegt demnach aber noch deutlich höher. Die UNO zählt dazu unter anderem die Rekrutierung von Kindern durch Streitkräfte und bewaffnete Gruppen sowie Vergewaltigungen oder andere sexuelle Gewalt.

Erschwerend kommt dem Bericht zufolge in diesem Jahr die Corona-Pandemie hinzu, die zu wachsender Armut und überlasteten Gesundheitssystemen führt. Dies habe direkte Folgen für die Überlebenschancen von Kindern. Genaue Daten für dieses Jahr seien in dem Bericht jedoch noch nicht berücksichtigt.

Die Organisation Save the Children veröffentlicht den Bericht anlässlich des Internationalen Tags der Kinderrechte am 20. November zum vierten Mal.


Aus: "Bewaffnete Konflikte: 426 Millionen Kinder wachsen in bewaffneten Konflikten auf" (20. November 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-11/bewaffnete-konflikte-kinderhilfsorganisation-save-the-children

Quote
Chancen für eine bessere Welt #1

"Die Zahl der betroffenen Kinder sei 2019 im Vergleich zum Vorjahr um elf Millionen auf 426 Millionen gestiegen"

Wir müssen diesen Kindern und ihren Familien Schutz spenden.


Quote
Raoul_Duke #1.1

Oder sie lehren, dass man Konflikte auch ohne Waffen lösen kann.


Quote
gender #2

Das interessiert Deutschand und die EU gar nicht. Geschichtsvergessen haben wir ein paar Kinder aus Moria aaufgenommen, es ist unfassbar, dass hier noch irgendein Mensch auf unsere besonderen Werte insistiert.


Quote
Josy Edmund #2.1

Die ganze Welt mit unseren Werten beglücken hat schon zig mal nicht funktioniert.
Wir werden weder Länder, wie Afghanistan, die Demokratische Republik Kongo, Irak, Jemen, Mali, Nigeria, Syrien und Somalia, der Sudan, Südsudan sowie die Zentralafrikanische Republik stabilisieren noch werden wir die Menschenrechte dort durchsetzen können. Solche Werte müssen aus den dortigen Gesellschaften erwachsen. Eine Kolonialpolitik 2.0 wird es durch Europa nicht geben und das ist, so hart es auch klingen mag, gut so!


Quote
ambra #5

Das werden Generationen traumatisierte Menschen, vielleicht auch die Krieger der Zukunft, weil sie nichts anderes kennen und gelernt haben.
Das ist so bitter und traurig, es gibt nicht wirklich Worte, die ausdrücken können, wie schlimm das ist und dass wir es überhaupt heute noch zulassen.


...

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« Reply #29 on: November 25, 2020, 10:56:55 vorm. »
Quote
[...] Er selbst [Klaus Heinrichs], Jahrgang 1927, hatte seine Jugend im nationalsozialistisch beherrschten Berlin zugebracht, war als Flakhelfer herangezogen und wegen „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt worden. Bis ins hohe Alter standen seine Forschungen im Zeichen der Erfahrung eines durch Mythologien bedrohten Lebens. Über Schwierigkeiten, nein zu sagen, schrieb wenige Jahre vor dem Studentenprotest von 1968 freilich auch ein Autor, der seine Erfahrungen mit den „leibhaft Nachlebenden des NS“ und ihren Verdrängungen gemacht hatte.

... Zivilisation beruht für Heinrich auf dem Unsichtbarmachen ihrer Kräfte. In allen ihren Hervorbringungen suchte er die Widersprüche auf, die sie konstituieren: Fluchtimpulse und solche der Vereinigung, des Beschwörens, des Opferns und der Triebunterdrückung, der Ordnungssuche wie dem Freiheitsstreben. Eine „Balance“ zwischen solchen, einzeln unvermeidbar gewalttätig werdenden Kräften zu finden, setzte für ihn ihr Verständnis voraus.

...


Aus: "Zum Tod von Klaus Heinrich: Nichts, was wir erinnern können, ist vorbei" Jürgen Kaube (24.11.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-tod-von-klaus-heinrich-17069031.html


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« Reply #30 on: November 29, 2020, 11:57:58 vorm. »
Quote
[...] Die Psychologin Susanne Witte vom Deutschen Jugendinstitut hat in diesem Frühjahr für den 9. Familienbericht des Bundesfamilienministeriums Studien und Befragungen aus dreißig Jahren zu Gewalt in Familien ausgewertet. Die Ergebnisse seien zwar nicht ohne Weiteres zu vergleichen, sagt Witte, sie hält es aber für realistisch, dass 30 bis 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zu Hause leichte Gewalt erfahren, rund 10 Prozent schwere.

Die neuesten Zahlen liefert eine gerade veröffentlichte repräsentative Studie der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm, des Deutschen Kinderschutzbundes und von Unicef Deutschland, für die 2500 Menschen ab 14 Jahren befragt wurden. Mehr als 40 Prozent von ihnen halten einen "Klaps auf den Po" für eine angemessene Erziehungsmaßnahme, bald jeder Fünfte sagt das über eine leichte Ohrfeige.

Das Ulmer Forschungsteam um den Kinderpsychiater Jörg Fegert hat allerdings nicht nur nach den Einstellungen gefragt, sondern auch nach selbst erlebter Gewalt: Sogar in der jüngsten Gruppe, bei den 14- bis 30-Jährigen, gibt die Hälfte an, Klapse auf den Po bekommen zu haben, mehr als jeder Zehnte wurde "niedergebrüllt". Nur 20 Prozent der Menschen in Deutschland hat nach eigenen Angaben keinerlei Erfahrungen mit Gewalt in der Erziehung gemacht.

Diese Zahlen mögen erschreckend wirken, doch sie stehen für eine Erfolgsgeschichte: Laut der Ulmer Studie gaben vor zwanzig Jahren noch gut 75 Prozent der Menschen an, dass sie einen Schlag auf den Hintern für eine angemessene Erziehungsmaßnahme hielten. Zugleich ist durch das Ideal der Gewaltfreiheit aber ein Schweigeraum entstanden: Die meisten Eltern wissen, sie dürfen auch beim größten Frust keine Gewalt anwenden. Viele Eltern wollen diesem Ideal entsprechen, scheitern aber daran – und trauen sich dann nicht, darüber zu reden.

... Kinder körperlich zu strafen war traditionell Aufgabe der Männer. Im Bürgerlichen Gesetzbuch des Kaiserreichs, das am 1. Januar 1900 in Kraft trat, war das Recht, "angemessene Zuchtmittel gegen das Kind" zu benutzen, ausdrücklich dem Vater vorbehalten. Im Idealbild der bürgerlichen Familie war er das Oberhaupt und übte die Autorität aus. Durch Körperstrafen ein gewünschtes Verhalten zu erreichen war schon davor jahrhundertelang eingeübt. Den Konsens kann man etwa so zusammenfassen: Sinnloses Prügeln war verpönt, Schläge im Alltag galten aber als notwendig und unvermeidlich, weil Kinder "durch körperliche Schmerzen sich werden beugen lassen", wie es der Pädagoge Johann Heinrich Campe 1788 formulierte.

Noch bis in die Nachkriegszeit war es in der Bundesrepublik üblich, Kinder an öffentlichen Orten wie in Schulen oder Internaten zu schlagen. Erst seit 1970 verbannten die Bundesländer den Rohrstock nach und nach aus den Lehrinstituten. Damit war das Schlagen im Privaten aber noch nicht ausdrücklich verboten. Zwar fiel das explizite Recht des Vaters zu "angemessenen" Züchtigungen im Jahr 1957 – allerdings hatte der Gesetzgeber nicht etwa von Körperstrafen generell Abstand genommen, sondern lediglich davon, dass in Zeiten der Gleichberechtigung das Züchtigungsrecht allein dem Mann zukommen sollte.


Ist eine Ohrfeige in Ordnung?

    62 % der Frauen lehnen körperliche Bestrafung ab. Bei den Männern sind es nur 51 Prozent.
    43 % der Befragten halten einen "Klaps auf den Hintern" als Strafe in der Erziehung für angebracht. 2001 waren es noch 76 Prozent.
    13 % der Befragten unter 31 Jahren befürworten "leichte Ohrfeigen" als Erziehungsmethode. Bei den über 60-Jährigen sind es fast doppelt so viele.
    61 % aller Befragten wurden in ihrer Kindheit selbst mit einem "Klaps auf den Hintern" bestraft.


Die Angaben stammen aus einer repräsentativen Studie von Unicef Deutschland, Kinderschutzbund und der Universitätsklinik Ulm. Im Frühjahr 2020 wurden dafür 2500 Personen zwischen 14 und 95 Jahren befragt



... Beschimpfen, herabwürdigen, anschweigen: Erst seit einigen Jahren blickt man auch auf psychische Misshandlungen. Man weiß wenig darüber, in welchem Umfang Kinder diese Gewalt erleben. Experten vermuten allerdings, dass die Zahl der Fälle steigt und es möglicherweise sogar eine Verschiebung von der körperlichen hin zur seelischen Gewalt gegeben hat. Leid, das nicht in blauen Flecken an Kinderkörpern sichtbar wird. Gewalt, die noch leichter versteckt werden kann.

Denn auch die Kinder schweigen. Weil sie Angst haben, die Familie könnte auseinanderbrechen. Weil sie die Eltern lieben und von ihnen abhängig sind. Weil sie ihnen glauben, wenn diese sich wieder und wieder entschuldigen und schwören, es komme niemals mehr vor. Und weil auch die Kinder sich schämen – dafür, dass ihnen Gewalt angetan wird.

... Über das eigene Versagen zu sprechen, statt es zu beschweigen, das ist noch keine Lösung. Aber es ist ein Anfang.


Aus: "Gewalt gegen Kinder: Schlag mich nicht!"  Katrin Hörnlein, Maria Rossbauer und Judith Scholter (25. November 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/2020/49/gewalt-gegen-kinder-corona-krise-erziehung-kindesmisshandlung/komplettansicht

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S.Mali #14

Für alles und jede Aufgabe und Job in Deutschland/ Europa braucht es Leistungs-& Qualifikationsnachweise.
Kinder in die Welt setzen, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, was Fürsorge und Erziehung bedeuten, dürfen alle.

...


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Nihi Liana #16

... Leider sind wir Menschen dem Alltag manchmal nicht gewachsen. ...


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Bluto Blutarski #18

"Noch immer scheitern viele Eltern an diesem Erziehungsideal"
Würde bei Gewalt in der Ehe hier wohl auch formuliert werden:
"Scheitern viele Paare an diesem Beziehungsideal"?


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  regenmacher999 #27

Ich bin gegen Gewalt in der Erziehung. Trotzdem ist mir bei meinem Sohn auch einmal die Hand ausgerutscht. Hat es ihm geschadet? Ein lebenslanges Trauma hat er nicht bekommen. ... Man sollte hier schon differenzieren zwischen einmalig im Affekt die Hand ausgerutscht, was sicher nicht gut ist, und regelmässigen Schlägen.

Und an alle, die hier die moralische Keule schwingen - wer ohne Schuld ist werfe den ersten Stein.


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  Fiorentoni #27.14

"Hat es ihm geschadet? Ein lebenslanges Trauma hat er nicht bekommen."

Woher sollen wir das wissen?... Um Schuld oder die Moralkeule geht es hier nicht (oder sollte es nicht), sondern darum, dass jedem zumindest bewusst ist, was Gewalt in der Erziehung bewirkt. Mein Onkel war Lehrer und wurde gefeuert, nachdem er einem (extrem frechen) Kind eine Ohrfeige gegeben hat. Er selbst wurde genauso erzogen von seinem Vater... und irgendwann viele Jahre später hat ihm das nun seinen Traumberuf gekostet.


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  Umelaphi wakho #30

"Seit 20 Jahren haben Kinder in Deutschland ein Recht darauf, ohne Gewalt aufzuwachsen. Noch immer scheitern viele Eltern an diesem Erziehungsideal – und schweigen aus Scham über ihr Versagen."

Das hängt mit der Erziehung der Eltern zusammen. Wer nicht gelernt hat seine Emotionen zu kontrollieren und Lösungen für Probleme zu finden, der dürfte an dem Ideal scheitern.
Für diese Menschen ist es einfacher, den Emotionen freien Lauf zu lassen, was sich dann in Gewalt ausdrückt.


Quote
S.Mali #30.1

Die intellektuelle wie emphatische Überforderung vieler Mütter und Väter ist Legion.
Schon weil kaum Eltern darauf vorbereitet wurden oder sind.


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FelixLassmann #46

Gewalt ist in der Welt. Gewalt ist in Europa und Deutschland sichtbar. Wir unterliegen alle struktureller Gewalt.
Schlimm, sehr sehr schlimm ist immer wieder, daß sich diese Gewalt immer wieder an den Kleinsten und Schwächsten "entlädt".
WIR müssen diese Gruppen am umfangreichsten und besten schützen.
Das beginnt im Privaten und reicht bis in wirtschaftliche und staatliche Strukturen. Stichwort: Mobbing.


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Nur Vernunft #55

„Noch immer scheitern viele“

Leichter ist es, seinem Zorne nachzugeben, als diesem zu widerstehen.


Quote
HennerB. #56

Bei der Gelegenheit möchte ich noch einen Tipp loswerden, der ebenso banal wie hilfreich ist. Mich regen manchmal schon Kleinigkeiten auf. Ich sah mal im Freibad einen kleinen Jungen, der mit vier oder fünf schon so verantwortlich war, dass er ein Stück Müll selbst zum Mülleimer trug und dabei seiner Mutter meldete: "Ich schmeiß das Papier in den Müll!" - Die Mutter hatte dafür allerdings weder einen Sinn noch ein Lob übrig. Sie quittierte seine Worte ernsthaft meckernd mit "... Wir sagen aber nicht `schmeißen´, Luca, sondern `werfen´..." Sorry, aber solche Eltern bringen mich auf die Palme.
Loben wir die Kinder doch für das, was sie richtig, gut und aufmerksam tun! Sehen wir es nicht als selbstverständlich und "wenig" an, was sie richtig machen! "Ich finde es toll, dass du ..." - kann Wunder bewirken und Selbstvertrauen und Achtsamkeit bei Kindern bestärken. Es muss natürlich ein ernstgemeintes Lob sein. Messen wir sie nicht mit dem Erwachsenenmaß. Oder dem Druck, möglichst schnell "erwachsen" werden zu müssen. Geben wir ihnen oft und immer das Gefühl, als Mensch wertvoll und "gewollt" zu sein! Durchatmen. Ruhig reden. Die Zuneigung entdecken, die wir für diese Wesen empfinden.


Quote
The Modelist #57

Gewalt ist grundsätzlich keine Lösung. Und die Anwendung von Gewalt hat immer etwas mit mangelndem Respekt vor seinem Gegenüber zu tun. Und mit Respekt ist ein Umgang auf Augenhöhe zu tun.

Das habe ich bei meinem Ältesten verstanden, als ich ihn als 3-jährigen in einer gefährlichen Situation im Straßenverkehr zurechtweisen wollte und mich dazu auf die Knie begab. Da musste ich feststellen, dass er die Situation aus seiner Augenhöhe gar nicht als Gefahr erkennen konnte. Und da habe ich begriffen, dass das „von oben herab“, in dem wir uns als Eltern unseren Kindern gegenüber ab der Geburt befinden, mit einer der Übel ist und in mangelndem Respekt mündet.

Ich habe mich danach immer in wichtigen Situationen auf Augenhöhe mit meinen 3 Kindern begeben, zu einer Gewalteskalation ist es nie gekommen. Weder von der einen noch der anderen Seite. Eines war aber immer sichergestellt: jeder wusste, was jetzt kommt, ist wichtig und wird sich auf Augenhöhe ins Gesicht gesagt.

Und dieser Umgang mit Menschen, respektvoll auf Augenhöhe miteinander umzugehen, hilft mir auch in jeder anderen Lebenssituation. Nicht in jedem Fall, aber in den allermeisten.

Ich kann Eltern nur empfehlen: begegnet Euren Kindern häufiger auf Augenhöhe. Es zahlt sich aus, denn die Kinder werden es Euch später gleichtun, auch wenn sie dann körperlich größer sind. Dann ist es aber nicht mehr erforderlich, dass sie in die Knie gehen, der Respekt ist bis dahin gefestigt und braucht diese Geste nicht mehr.


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mounia #58

Arbeite im Kinderschutz und kann die Zahlen aus dem Artikel bestätigen. Gewalt gegen Kinder ist leider weit verbreitet,nur der Grad und die Facetten unterscheiden sich je nach Familie. Familien aus sog. bildungsfernen Schichten geben die Gewalt häufig zu und sagen,dass sie überfordert sind und nehmen auch Hilfe gut an.
Im Akademikermilieu wird mehr geleugnet und geschauspielert und der Fehler beim Kind gesucht.


Quote
ritarichtig #62

Ich habe sehr viel Unsinn gemacht als Kind und wenn es zu extrem wurde gab es auch mal was aufs Hinterteil. Es wurde sehr viel geredet, aber irgendwann ist meiner Mutter der Kragen geplatzt. Auch heute noch sage ich, es war berechtigt.
Später als ich etwas älter war gab es nix mehr auf den Hintern aber meine Mutter hat tagelang nicht mit mir gesprochen und diese Art der Bestrafung war für mich tausendmal schlimmer als eins hinter die Ohren und Fall erledigt.


Quote
anderfoerde #62.1

Beides schlimm. Das erste physische Gewalt, das zweite psychische Gewalt.

"es war berechtigt": Nein. Gewalt ist nie berechtigt.


Quote
Søren Wasaknust #68

Gewaltfreie kommunikation für alle. ...


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