Author Topic: [Zur autoritären Persönlichkeit... ]  (Read 3158 times)

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[Zur autoritären Persönlichkeit... ]
« on: December 24, 2010, 01:21:21 PM »
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[...] Die Theorie der Autoritären Persönlichkeit bezeichnet ein typisches Muster von Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften, die ein Potential für antidemokratische und faschistische Einstellungen und Verhaltensweisen bilden sollen. Während die Facetten des autoritären Verhaltens bzw. der Autoritarismus von vielen Autoren ähnlich beschrieben werden, unterscheiden sich die theoretischen Erklärungen, wie diese autoritären Züge durch spezifische psychische Verarbeitungsmuster wichtiger emotionaler Erfahrungen während der Kindheit und Jugend (Pubertät und Adoleszenz) entstehen. ... Nach der Theorie der autoritären Persönlichkeit zeichnen sich Personen, die faschistischen Ideologien anhängen, durch eine unsachgemäße, vorurteilsvolle Betrachtung der sozialen und politischen Verhältnisse, unter anderem durch Antisemitismus und Ethnozentrismus, aus. Aus psychoanalytischer Sicht wird eine – weitgehend unbewusste – Feindseligkeit auf andere Menschen gerichtet. Diese Projektion bezieht sich vor allem auf ethnische, politische oder religiöse Minderheiten, zumal hier weniger gesellschaftliche Sanktionen zu befürchten sind oder bereits solche Vorurteile existieren.

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Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Autorit%C3%A4re_Pers%C3%B6nlichkeit (24. Juli 2018)

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[...] Liest man den Untertan 100 Jahre später, macht nicht nur die Prägnanz staunen, mit der Mann die Jahre unter dem Adlerhelm schildert. Verblüffend ist vor allem seine seherische Kraft. Zwischen 1906 und 1914 zu Papier gebracht, kündet der Roman bereits vom Zusammenbruch des Kaiserreichs im Krieg und sogar schon von den Mächten, die Weimar zerstören werden. Ja, selbst die Gegenwart des Jahres 2018 meint man zwischen den Zeilen aufblitzen zu sehen. Da bräuchte es nicht erst Zahlen wie diese: 40 Prozent der Deutschen, ergab eine pünktlich zum Jahrestag der Novemberrevolution präsentierte Studie der Universität Leipzig, wären bereit, ein autoritäres Regime zu unterstützen.

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Aus: ""Einer nur ist Herr"" Christian Staas (21. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/48/der-untertan-heinrich-mann-diederich-hessling-lebensgeschichte-kaiserreich/komplettansicht

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Untertan

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… überall nutzt Assange die Freiheiten, die demokratische Rechtsstaaten bieten. Seine Server stehen in Ländern mit einem großen Herz für Meinungsfreiheit. Dennoch klagt er diese Demokratien an, schimpft sie “autoritäre Konspirationen”, die er durch – ja, man muss das Wort benutzen – totalitäre Transparenz zur Offenheit zwingen will. …

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Aus: “Sein größter Feind” (07.12.2010)
Ein Kommentar von Stefan Kornelius
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/wikileaks-julian-assange-verhaftet-sein-groesster-feind-1.1033329

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... Über Wikileaks wird in diesen Tagen viel geschrieben, viel zu viel. … Das globale Dorfwirtshaus braucht eine Sperrstunde.


Aus: “Sperrstunde im globalen Dorfwirtshaus” (die-tagespost.de, 08.12.2010)
Die Tagespost – Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur
Quelle: http://www.die-tagespost.de/art456,120487

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Was mir an vielen Kritikern von Wikileaks auffällt, ist, daß ihr Weltbild auf Vertrauen gegenüber intransparenten Autoritäten und Institutionen basiert, die Hörigkeit und Willfährigkeit fordern, statt die Zustimmung für ihr Handeln durch die Überprüfbarkeit des selbigen zu gewinnen.

Wenn die politischen Apparate der Welt ein stabiles, auf Grundsätzen der Ethik basierendes Gerüst für staatliches Handeln geschaffen hätten, welches Staaten hervorbringt, in die man Vertrauen legen kann, wäre Wikileaks in erster Linie gar nicht notwendig.

Die bloße Existenz von Wikileaks und besonders die Zahl der Unterstützer dokumentiert Wikileaks Daseinsberechtigung und ist ein Beleg dafür, daß die “unabhängige Presse” über Jahre hinweg dysfunktional war und ist.

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Aus: "Was viele Wikileaks-Kritiker gemein haben" Peter Piksa am  (10.12.2010)
Quelle: http://www.piksa.info/blog/2010/12/10/was-viele-wikileaks-kritiker-gemein-haben/

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[...] Die Theorie der Autoritären Persönlichkeit bezeichnet ein typisches Muster von Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften, die ein Potential für antidemokratische und faschistische Einstellungen und Verhaltensweisen bilden sollen. Während die Facetten des autoritären Verhaltens bzw. der Autoritarismus von vielen Autoren ähnlich beschrieben werden, unterscheiden sich die theoretischen Erklärungen, wie diese autoritären Züge durch spezifische psychische Verarbeitungsmuster wichtiger emotionaler Erfahrungen während der Kindheit und Jugend (Pubertät und Adoleszenz) entstehen.

... Das heutige Verständnis der autoritären Persönlichkeit wurde hauptsächlich durch die 1950 von Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford veröffentlichte Studie The Authoritarian Personality geprägt. Die Studie war Teil eines großen Forschungsprojektes an der University of California, Berkeley über die psychologischen Grundlagen von Vorurteilen, insbesondere solchen antisemitischer Art.

Vorausgegangen war Wilhelm Reichs psychoanalytisch-gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. dem Nationalsozialismus. Er behauptete einen fundamentalen Zusammenhang zwischen autoritärer Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie. Die autoritär verfasste Familie sei die Keimzelle des autoritären Staates.


... Im Jahr 1943 begannen der Sozialpsychologe R. Nevitt Sanford zusammen mit dem Psychiater und Psychologen Daniel J. Levinson in Berkeley ein Forschungsprojekt über Antisemitismus (Berkeley Public Opinion Study, University of California). In dem gemeinsam mit dem emigrierten Frankfurter Institut für Sozialforschung begonnenen Studien über Vorurteile wurde Sanford 1944 gemeinsam mit dem Philosophen und Gesellschaftstheoretiker Theodor W. Adorno Forschungsdirektor. Die psychoanalytisch ausgebildete Psychologin Else Frenkel-Brunswik war eine maßgebliche Mitarbeiterin und Mitautorin. Studies in Prejudice entstand als wissenschaftlicher Beitrag des American Jewish Congress zur US-Kriegsanstrengung, dabei stand im Hintergrund die Frage nach dem in den USA latenten Antisemitismus, wie er sich zum Beispiel in dem Vorurteil kundtat: Die Juden drückten sich vor dem Kriegsdienst, seien aber die größten Nutznießer des Krieges.[1]

Das Buch über die Authoritarian Personality erschien verzögert erst im Jahr 1950, obwohl die meisten Manuskripte bereits Mitte 1947 fertig waren. Über die Gründe gibt es unterschiedliche Darstellungen und Hinweise: Auseinandersetzungen wegen finanzieller Schwierigkeiten, Diskussionen über eine faire Kennzeichnung ihrer Anteile, über Buchtitel und Vorwort. Adorno stellte, weil es zeitweilig keine Finanzierung mehr gab, die Arbeit an seinen Kapiteln ein und schloss diese erst 1949 vor der Rückkehr des emigrierten Instituts nach Frankfurt ab.[2] Ins Deutsche wurde das Buch, das ja nicht zuletzt mit Blick auf den Nationalsozialismus entstand, nie vollständig übersetzt.
Forschungskonzeption und Theorie [Bearbeiten]

Die Autoren stellten sich die Frage, weshalb bestimmte Individuen antisemitische und ethnozentrische Ideen akzeptieren und andere nicht. Bei den ethnozentrischen und anderen Vorurteilen handele es sich nicht einfach um falsche und konformistische Meinungen, die einfach zu korrigieren wären, sondern diese hätten tieferliegende und weniger zugängliche Motive. Wer als Kleinkind von seinen Eltern autoritär behandelt werde, entwickle später selber einen autoritären Charakter, der kaum noch beeinflussbar sei und sich durch Feindseligkeit gegenüber Anderen oder Unterlegenen auszeichne.

In diesem Forschungsvorhaben ging es vorrangig um psychologische Variablen und im Kern um psychoanalytische Erklärungshypothesen mit der praktischen, wenn auch utopisch erscheinenden Absicht, zum demokratischen Prozess beitragen zu können. Im ersten Schritt sollten die Grundzüge der autoritären Persönlichkeit erfasst werden: starres Festhalten an Konventionen, Machtorientierung und Unterwürfigkeit, Destruktion und Zynismus. Über die bloße Beschreibung der Vorurteile hinaus sollte entwicklungspsychologisch erkundet werden, aus welchen grundlegenden Motiven, emotionalen Erfahrungen und Charaktereigenschaften solche Denkmuster entstehen. So wurde zwischen den geäußerten Meinungen und den zugrundeliegenden dynamisch miteinander verbundenen (und unbewussten) Strukturen des Individuums unterschieden. Die Autoren versuchten, Methoden der Sozialpsychologie und die psychoanalytisch orientierte dynamische Charakterlehre, interpretative und statistische Verfahren, miteinander zu verbinden.

Nach der Theorie der autoritären Persönlichkeit zeichnen sich Personen, die faschistischen Ideologien anhängen, durch eine unsachgemäße, vorurteilsvolle Betrachtung der sozialen und politischen Verhältnisse, u.a. durch Antisemitismus und Ethnozentrismus aus. Aus psychoanalytischer Sicht wird eine – weitgehend unbewusste – Feindseligkeit auf andere Menschen gerichtet. Diese Projektion bezieht sich vor allem auf ethnische, politische oder religiöse Minderheiten, zumal hier weniger gesellschaftliche Sanktionen zu befürchten sind bzw. bereits solche Vorurteile existieren. Da die faschistischen Gruppierungen im Wesentlichen aus dem rechten bzw. konservativen Lager Unterstützung erfuhren, wurden Teile der konservativen Einstellung ebenfalls als Ausdruck dieser Persönlichkeitsstruktur gewertet.
Als Untersuchungsmethoden dienten standardisierte Fragebogen: die AS-Skala ("Antisemitismus"), die E-Skala ("Ethnozentrismus") und die PEC-Skala (“politisch-ökonomischer Konservatismus”). Die zugrunde liegende autoritären Persönlichkeitsstruktur sollte mit der neuen California-F-Skala ("implizite antidemokratische Tendenzen u. Faschismuspotential") erfasst werden. Sie setzt sich aus folgenden Subskalen zusammen:

    * Conventionalism – Festhalten an Hergebrachtem
    * Authoritarian Submission – Autoritätshörigkeit/-unterwürfigkeit
    * Authoritarian Aggression – Tendenz, Verstöße gegen hergebrachte Werte ahnden zu wollen
    * Anti-Intraception – Ablehnung des Subjektiven, Imaginativen und Schöngeistigen
    * Superstition and Stereotype – Aberglaube, Klischee, Kategorisierung und Schicksalsdeterminismus
    * Power and Toughness – Identifikation mit Machthabern, Überbetonung der gesellschaftlich befürworteten Eigenschaften des Ich
    * Destructiveness and Cynicism – Allgemeine Feindseligkeit, Herabsetzung anderer Menschen
    * Projectivity – Veranlagung, an die Existenz des Bösen in der Welt zu glauben und unbewusste emotionale Impulse nach außen zu projizieren
    * Sex – Übertriebene Bedenken bezüglich sexueller Geschehnisse


... Rezeption und Kritik

In den USA fand The Authoritarian Personality großes Interesse und Anerkennung der Absichten. Die fachliche Kritik richtete sich teils gegen die psychoanalytischen Erklärungsversuche, teils gegen die fehlende Repräsentativität der Erhebung. Häufig wurde bemängelt, dass nicht hinreichend zwischen der autoritären Persönlichkeit und dem gewöhnlichen Konservativismus unterschieden wurde. Außerdem existiert Autoritarismus nicht nur im rechten, sondern auch im linken Extrem politischer Einstellungen – wie u.a. Hans Jürgen Eysenck und Milton Rokeach darlegten. Edward Shils wandte ein, der Studie liege eine überholte politische Rechts-Links-Einteilung zugrunde.[5]

Die kritische Auseinandersetzung über die Komponenten (Subskalen) der F-Skala dauern bis heute an. Diese wirken psychologisch heterogen und sind individuell verschieden ausgeprägt, erscheinen also nicht als eine Einheit. Der Begriff Syndrom drückt ja aus, dass es sich um ein Muster verwandter Merkmale handelt, die typisch sind, auch wenn u.U. einzelne Aspekte fehlen. Der sozioökonomische Status, Bildungsgrad, Schichtzugehörigkeit u.a. Merkmale könnten einige der beobachteten Zusammenhänge vielleicht einfacher erklären. Trotz methodischer Unzulänglichkeiten hat die Theorie der Autoritären Persönlichkeit großen Einfluss auf nachfolgende Forschungsarbeiten ausgeübt.

In Deutschland war unter den Verhältnissen der Nachkriegsjahre vorauszusehen, dass empirische Sozialforschung über potentiell-faschistische Denkmuster bei vielen Personen Anstoß und Abwehr auslösen würde. Die zumindest in den ersten Jahren nur geringe Neigung deutscher Historiker, Soziologen und Psychologen, sich wissenschaftlich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen, wurde inzwischen verschiedentlich dargestellt. Die Rezensionen des Buchs waren zwiespältig, teils sogar polemisch.

... Es gibt weiterhin Einwände gegen den Begriff der autoritären Persönlichkeit und Kritik an den empirischen Untersuchungen, die sich in der Regel nur auf Fragebogen (siehe: F-Skala) oder Berichte stützen und nicht auf die Beobachtung des autoritären Verhaltens im Alltag. Wenn von einem typischen Muster von Einstellungen und Handlungsabsichten gesprochen wird, bedeutet dies, dass einzelne Komponenten durchaus fehlen können. Trotz solcher Vorbehalte handelt es sich um ein sehr wichtiges Konzept, und die besonders ausgeprägten Formen der autoritären Persönlichkeit sind überall zu erkennen: unübersehbar in Familien, in der Politik und Wirtschaft, in Institutionen und im Alltag. Die autoritäre Persönlichkeit ist konformistisch. Abweichungen vom „Normalen“ werden abgelehnt, u. U. verfolgt. Individualismus und liberale Einstellung oder ein kultureller Pluralismus werden nicht toleriert.

...



Einzelnachweise:

   1. ↑ Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule: Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung. C. Hanser, 1987. S. 390 ff.; Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit: die Auseinandersetzungen der Frankfurter Schule mit dem logischen Positivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und dem kritischen Rationalismus. Suhrkamp, 1994. ISBN 3518286587, 9783518286586. S. 254
   2. ↑ Quellenhinweise siehe Fahrenberg und Steiner, 2004, Wiggershaus 1996 u.a.
   3. ↑ Quellenhinweise siehe Fahrenberg und Steiner, 2004; Wiggershaus 1996
   4. ↑ Marie Jahoda: Ich habe die Welt nicht verändert. Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung. Beltz, Weinheim 2002, S. 126, S. 134
   5. ↑ Edward Shils: Authoritarianism 'Right' and 'Left'. In: Richard Christie, Marie Jahoda (Hrsg.): Studies in the Scope and Method of 'The Authoritarian Personality'. Glencoe, Ill. 1954
   6. ↑ Oesterreich, 1996, S. 176



Aus: "Autoritäre Persönlichkeit" (22. November 2010)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Autorit%C3%A4re_Pers%C3%B6nlichkeit

« Last Edit: February 10, 2019, 08:18:37 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Befehlsstrukturen... ]
« Reply #1 on: May 08, 2013, 02:21:07 PM »
Quote
München - Der Duisburger Historiker Andreas Kramer (49) sorgte mit einer spektakulären Aussage in einem Prozess in Luxemburg für Aufsehen. Das Oktoberfest-Attentat im September 1980, bei dem 13 Menschen ums Leben kamen und mehr als 200 verletzt wurden, sei von seinem Vater geplant worden. Er habe zusammen mit Gundolf Köhler (21) auch die Bombe gebaut. Der AZ gab er ein exklusives Interview.


AZ: Herr Kramer, Sie haben vor Gericht unter Eid ausgesagt, dass der Geheimdienst hinter dem Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest steckt. Sind Sie sich da ganz sicher?
ANDREAS KRAMER: Natürlich bin ich mir sicher, sonst würde ich so einen schweren Vorwurf nicht erheben. Es war mein Vater, der maßgeblich daran beteiligt war. Er hat es mir selbst erzählt.


War ihr Vater ein Nazi?
Nein, ein Nazi war er nicht. Er war sicherlich politisch sehr rechts stehend, der NPD nahe. Und er ordnete sich den Befehlsstrukturen, die bei der Bundeswehr und den Geheimdiensten bestehen, vorbehaltlos unter.


Ihren Schilderungen zufolge muss er aber völlig skrupellos gewesen sein, wenn er an den Planungen des Oktoberfestanschlags und am Bau der Bombe in dieser Form beteiligt war.
Mein Vater war ein Mörder. Skrupellosigkeit ist da wahrscheinlich eine Voraussetzung. Ich weiß nur, dass ihn die schrecklichen Folgen des Attentats hinterher sehr bewusst geworden sind. „Das habe ich nicht gewollt“, hat er mir gesagt. Eine Entschuldigung dafür gibt es aber natürlich letztendlich nicht.


Ihr Vater hat Sie über seine Tätigkeit, um es sehr neutral auszudrücken, ins Vertrauen gezogen. War das nicht sehr belastend für Sie?
Als die Bombe in München hoch ging, war ich 17 und habe das ganze Ausmaß und die Hintergründe sicherlich nicht erkannt. Aber dass er dadurch zum Mörder geworden ist, war mir klar. Das hat sich natürlich auch auf unser Verhältnis ausgewirkt – und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.


Haben Sie daran gedacht, sich an die Polizei oder die Staatsanwaltschaft zu wenden?
Daran gedacht habe ich schon. Aber wer hätte mir, einem Jugendlichen, unter diesen Umständen schon geglaubt?


Hat das Münchner Attentat ihren Vater letztendlich verändert?
Welche Auswirkungen in seiner Psyche dadurch ausgelöst wurden, kann ich nur sehr schwer beurteilen. Nach außen hin war nichts Gravierendes erkennbar. Er hat ja auch weitergemacht. In Luxemburg findet zur Zeit der Prozess gegen zwei ehemalige Elite-Polizisten statt, die für rund 20 Bombenanschläge Mitte der 80er Jahre verantwortlich gemacht werden. Auch in diesem Fall zog mein Vater im Hintergrund maßgeblich die Fäden. Ich bin dazu ja als Zeuge unter Eid ausführlich vernommen worden.


Haben Sie jetzt nach Ihrer Aussage und den schweren Vorwürfen gegen die Geheimdienste Angst? Angst um ihr Leben?
Es hat in Zusammenhang mit dem Oktoberfest-Attentat und Gladio merkwürdige Todesfälle gegeben. Daran denke ich natürlich. Aber das hält mich nicht davon ab, die Wahrheit zu sagen.



Aus: "Terrorismus Historiker: Darum plante mein Vater das Wiesn-Attentat" Helmut Reister (05.05.2013)
Quelle: http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.terrorismus-historiker-darum-plante-mein-vater-das-wiesn-attentat.ecdd3bfd-97f0-4f0d-92f8-578c01748cad.html

« Last Edit: January 27, 2015, 01:56:22 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Sondern die Erfüllung eines Befehls... ]
« Reply #2 on: January 27, 2015, 01:59:10 PM »
Quote
[...] Volker Koop hält sich mit psychologischen Spekulationen zurück – eine Stärke eines nüchtern argumentierenden Buches.

"Für ihn war das Töten kein Mord, sondern die Erfüllung eines Befehls. Das war, glaube ich, das Entscheidende, die Triebfeder für ihn überhaupt: Dass er einen Befehl von Himmler erhalten hatte, nämlich – insbesondere in der Endphase – Juden zu ermorden, auszurotten. Er hat in diesen Juden und den anderen, die dort in Auschwitz umgebracht wurden, nie Menschen gesehen, sondern eigentlich eher Objekte, die es zu vernichten galt. Und hätte er eine andere Aufgabe von Himmler bekommen, hätte er diese genauso – in Anführungsstrichen, auch wenn sich das schlimm anhört - gewissenhaft erfüllt wie die Ermordung von Menschen. Er war an diesen Platz gestellt worden und wollte seine Aufgabe so perfekt wie möglich erfüllen."

...

Volker Koop: "Rudolf Höß: Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biografie"
Böhlau Verlag, 338 Seiten, ISBN: 978-3-412-22353-3


Aus: "Auschwitz-Kommandant Höß: Kaltblütig agierender Verwalter des Massenmordes" (26.01.2015)
Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/auschwitz-kommandant-hoess-kaltbluetig-agierender-verwalter.1310.de.html?dram:article_id=309823

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[Zur autoritären Persönlichkeit... ]
« Reply #3 on: April 29, 2018, 11:22:00 AM »
Quote
[...] Der Sozialpsychologe Sebastian Winter glaubt: Judenfeindlichkeit ist mehr als nur ein Sammelsurium an Vorurteilen. An der International Psychoanalytic University in Berlin forscht er zu den Ursachen.

ZEIT ONLINE: Sie bezeichnen den Antisemitismus als kollektive Wahnerkrankung. Was meinen Sie damit?

Sebastian Winter: Es ist augenfällig, dass antisemitische Weltbilder mit ihrer Idee einer jüdischen Weltverschwörung Ähnlichkeiten zum Verfolgungswahn aufweisen. Die psychischen Mechanismen sind die gleichen.

ZEIT ONLINE: Ein Antisemit würde aber niemals zur Psychoanalyse gehen, schreiben Sie. Warum nicht?

Winter: Um zur Psychoanalyse zu gehen, braucht es die Bereitschaft, sich selbst genauer zu betrachten. Dem autoritären Charakter, wie Theodor W. Adorno das nannte, fehlt diese Bereitschaft. Er projiziert stattdessen seine inneren Konflikte nach außen und nimmt sie so als Bestandteil eines Anderen wahr. Antisemitismus ist Teil dieser Persönlichkeitsstruktur.

ZEIT ONLINE: Der Antisemit sieht in Jüdinnen und Juden also das, was er an sich selbst nicht mag?

Winter: Genau. Das teilt der Antisemitismus mit allen anderen Formen des Syndroms gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit: die Projektion von eigenen unerwünschten Impulsen. Das findet sich auch im Rassismus wieder, in Bildern von "faulen Griechen" oder "sexistischen Nordafrikanern". Hier geht es jedoch um eine Legitimation eigener Herrschaft, während der Antisemitismus das Gegenteil ist: Der Antisemit rebelliert vermeintlich gegen eine herrschende Klasse. Das hat teils einen paranoiden Charakter. Der entscheidende Unterschied zum Wahn im eigentlichen Sinne ist, dass Antisemitinnen und Antisemiten erst einmal nicht klinisch auffällig sind. Diese Personen gelten als normal und psychisch gesund – vorausgesetzt, ihr Umfeld ist tendenziell antisemitisch.

ZEIT ONLINE: Antisemitismus funktioniert also nur im Kollektiv?

Winter: Ja. Um den Antisemitismus zu verstehen, muss man sich die Weltanschauung dahinter anschauen: Es gibt immer das Gute und das Böse. Das Gute ist immer eine Form von Kollektiv, das kann die Nation oder eine Gemeinschaft von Gläubigen sein. Aus diesem Kollektiv heraus wird alles Böse nach außen projiziert. So scheint die Gemeinschaft frei von Konflikten, wie ein heiler Innenraum.

ZEIT ONLINE: Jean-Paul Sartre schrieb 1946, der Antisemitismus sei keine Denkweise, sondern eine Leidenschaft. Und: "Wenn es keinen Juden gäbe, der Antisemit würde ihn erfinden." Woher kommt diese Sogwirkung des Antisemitismus?

Winter: Der Antisemitismus ist nicht einfach nur ein Konglomerat von Vorurteilen. Es handelt sich tatsächlich um eine Leidenschaft. Sigmund Freud hat das Massenpsychologie genannt: Alle Beteiligten des Kollektivs können sich mit einem gemeinsamen Ideal identifizieren. Es herrscht ein Gefühl von Einheit, das nur dadurch funktioniert, dass alles Störende außen ist. Deswegen sagt Sartre auch, der Antisemit habe vor allem Angst, vor sich selbst, vor seiner Willensfreiheit, seiner Verantwortung, seiner Einsamkeit, vor allem – außer vor den Juden. Er braucht sie aber als Feindbild.

ZEIT ONLINE: Funktioniert dieser Mechanismus überall gleich – im islamistischen, im rechten, im linken Antisemitismus?

Winter: Die Grundmuster sind dieselben. Auf der konkreten Ebene gibt es natürlich Unterschiede und verschiedenste historische Ausprägungen. Aber auf der Diskursebene finden wir in allen antisemitischen Lagern die Vorstellung von den Juden als Strippenzieher hinter den Kulissen, als heimliche Herrscher. Nur so kann es zu irritierenden Bündnissen kommen wie beispielsweise auf den antiisraelischen Demonstrationen 2014. Da haben Islamisten, Rechtsextreme und Angehörige eines bestimmten Spektrums der deutschen Linken gemeinsam protestiert. Das wäre bei jedem anderen Thema undenkbar.

ZEIT ONLINE: Worin unterscheiden sich die verschiedenen antisemitischen Strömungen?

Winter: Die mörderischste Variante des Antisemitismus, die am ehesten in Waffengewalt umschlägt, ist immer noch der islamistische Antisemitismus, was man zum Beispiel sieht an den Anschlägen auf eine jüdische Schule in Toulouse 2012, den koscheren Supermarkt in Paris 2015, das jüdische Museum in Brüssel 2014 und die jüdische Rentnerin vor wenigen Wochen. In der Bevölkerung am verbreitetsten ist derzeit aber sicherlich der israelbezogene und verschwörungstheoretische Antisemitismus.Im neonazistischen Spektrum finden sich auch noch Versatzstücke eines biologischen, rassentheoretischen Antisemitismus.

ZEIT ONLINE: Und wie verhält es sich mit einem spezifisch deutschen Antisemitismus? Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix sagte einst, die Deutschen würden den Juden Auschwitz nie verzeihen. Einer repräsentativen Studie zufolge stimmt jede zweite deutsche Bürgerin der Aussage zu, Juden würden heute versuchen, aus der NS-Vergangenheit einen Vorteil zu ziehen.

Winter: Auschwitz sprengt jede deutsche Identität. Der Holocaust kann niemals Bestandteil eines nationalen Selbstverständnisses werden, auch wenn das in den 2000ern versucht wurde, als die gelungene Erinnerungskultur beinahe zur Grundlage des demokratischen Gemeinwesens erhoben wurde. Aber Auschwitz bleibt, das lässt sich nirgendwo integrieren. Allein die Existenz von Juden wird immer daran erinnern. Deswegen trifft sie eine antisemitische Aggression.

ZEIT ONLINE: In den Sozialwissenschaften spricht man von einem sekundären Antisemitismus.

Winter: Das bedeutet: Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Das ist ein antisemitisches Phänomen, das nach 1945 entsteht und ein neues Moment bekommt, nämlich das der Schuldabwehr. Diese Abwehr ist notwendig, weil die deutsche Identität sonst zu fragil wäre. In einer Variante dieser antisemitischen Ausdrucksform wird der Jude zum Moralapostel stilisiert, der immer wieder an die Verbrechen der NS-Vergangenheit erinnern muss. Hier zeigt sich: Der Antisemitismus wandelt sich, aber er ist eine erstaunlich hartnäckige Leidenschaft.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn auch jüngere Erscheinungsformen von Antisemitismus?

Winter: Im Umfeld von AfD und Pegida ist momentan eine relativ neue Konstellation von Antisemitismus und Muslimenfeindlichkeit zu beobachten. Die These hierbei ist: In Deutschland gibt es gar keinen Antisemitismus mehr, die Geschichte ist gut aufgearbeitet, das ist ein abgeschlossenes Kapitel. Antisemitismus käme nur noch von außen rein, die Muslime seien heute die wahren Antisemiten. Da spricht ein rassistisches, muslimenfeindliches Ressentiment, das sich zwar an das reale Problem des islamistischen Antisemitismus anlehnen kann. Dass es aber keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Antisemitismus darstellt, zeigen die antisemitischen Vorfälle in den eigenen Reihen – etwa die Höcke-Rede vom "Denkaml der Schande". Der eigene Antisemitismus wird projiziert, denn er gehört nicht zum Selbstbild heutiger Rechtspopulisten. Niemand möchte heute mehr als Antisemit bezeichnet werden, kein AfD-Anhänger, kein Kollegah.

ZEIT ONLINE: Dient im Fall der Antisemitismus nicht auch einer Inszenierung von Männlichkeit? Der Rapper Kollegah ruft ja unter anderem zur "Boss-Transformation" auf, die zu einer "Boss-Aura" führen soll.

Winter: Bei Kollegah findet man das anfangs erwähnte Syndrom wieder: Antisemitismus geht mit Sexismus und Homophobie einher. Der Fokus liegt hier auf einer stereotyp männlichen Körperlichkeit, die durchaus mit einer antisemitischen Einstellung korrespondiert. Es geht um das alte, aber noch immer präsente Bild des "lüsternen, verweiblichten Juden". Die Gegenfiguren sind muskulöse Männer. "Der Jude" ist kein richtiger Mann – sondern das, was aus dem Männlichkeitsbild abgespalten wird.

ZEIT ONLINE: Ist der "Pop-Antisemitismus" im Rap, wie ihn die Süddeutsche Zeitung vor Kurzem nannte, deswegen so attraktiv für heranwachsende Jungs?

Winter: Vielleicht. Ich denke aber nicht, dass Jungs anfälliger sind für Antisemitismus. Vielmehr würde ich sagen, dass es unterschiedliche Aspekte gibt, die Antisemitismus für die jeweilige Geschlechtsidentität attraktiv machen. Ein männlicher Antisemit kann so zum Beispiel Weiblichkeitsvorstellungen projizieren, während weibliche Antisemitinnen ihre Geschlechtsidentität in Abgrenzung  zu den "verkopften, herzlosen Juden" konturieren können. Im Antisemitismus ist für jeden und jede was dabei.

ZEIT ONLINE: Wenn Antisemitismus so allgegenwärtig ist, sollte sich die momentane Debatte dann gar nicht allzu sehr auf Kollegah, Farid Bang und den Echo-Skandal konzentrieren?

Winter: Derzeit werden lediglich Fragmente der Texte kritisiert. Die sind zwar oftmals offensichtlich antisemitisch – aber viel wichtiger und interessanter ist doch das Weltbild, das Kollegah mit einem Song wie Apokalypse transportiert. Im dazugehörigen Video tritt das Böse in Gestalt der Banken als eine geradezu dämonische Kraft auf, gegen die eine heile Gemeinschaft Widerstand leisten muss. Das ist wie bei Herr der Ringe, nur dass das Böse hier als explizit jüdisch gezeichnet ist. Die pädagogische und öffentliche Auseinandersetzung sollte sich aber nicht einzelnen Sätzen widmen, sondern genau dieser politischen Fantasie. Kollegahs Stellungnahmen richten sich ja auch gegen die "Mainstream-Medien", gegen die man sich auflehnen müsste. Lines wie "Körper definierter als Auschwitz-Insassen" sind da nur die Spitze des Eisbergs.

ZEIT ONLINE: Wie weit ist der Weg von so einem impliziten Antisemitismus hin zu Gewalt?

Winter: Diese Weltanschauung ist ja schon eine Form von Gewalt gegenüber den Stigmatisierten, die damit konfrontiert sind. Zu körperlicher Gewalt muss so eine Weltanschauung nicht zwangsläufig führen: Die wenigsten Menschen mit entsprechenden Einstellungsmustern werden gewalttätig. Aber wenn so ein Weltbild gesellschaftsfähig wird, können sich natürlich plötzlich mehr Leute in einem Wunsch nach Gewalt legitimiert sehen, weil das Kollektiv, dem sie sich zugehörig fühlen, mächtiger wird. Antisemitismus ist mehr als ein einzelner Satz. Antisemitismus ist eine leidenschaftliche Welterklärung.


Aus: "Psychologie: "Antisemitismus ist eine leidenschaftliche Welterklärung"" Interview: Ann-Kristin Tlusty (29. April 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2018-04/psychologie-antisemitismus-welterklaerung-wahn-aehnlichkeit/komplettansicht


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« Reply #4 on: October 01, 2018, 08:45:42 AM »
Quote
[...]  Ich erinnere mich an Schläge mit der offenen Hand, mit Kabeln, mit Stöcken, mit der Faust in den Magen und daran, wie er mich an den Haaren zog. Er schickte mich hinaus, um mir den Stock für seine Schläge selbst auszusuchen. Er schlug nie im Affekt. Die Gewalt war kalkuliert. Ich sehe mich in der Erinnerung stets von oben, als wäre ich unbeteiligter Dritter und nur Zeuge der Gewalt, die mir widerfuhr.

Lange trug ich die Folgen dieser Erziehung in mir. Die Ohnmacht, die ich fühlte, machte mich wütend. Draußen löste ich meine Probleme bald selbst mit Gewalt. Ich verlor die Kontrolle bei kleinen Streitigkeiten und ich genoss es, endlich selbst der Stärkere zu sein. Gewalt schien mir doch eine Lösung zu sein. Denn als Täter fühlte ich mich erst einmal besser. Aber der vermeintliche Respekt meiner Mitschüler basierte auf Angst und Abneigung.

Geschlagene Söhne entkommen dem System der Gewalt selten. Sie wollen kein Opfer mehr sein und wechseln deshalb die Rollen. Sie sind auch besonders empfänglich für Prophetennachahmer und nationalistische Führer. Diese Vaterersatzfiguren versprechen den geschlagenen Söhnen, dass ihr geschundenes Ich in einem starken imaginierten Kollektiv aufgeht, wahlweise im Volk oder der Ummah. Auf diesem Acker gedeihen Nationalismus und Islamismus.

...  Ein großes Problem meiner männlichen Schüler ist [ ], dass sie die Gewalt für richtig halten. Nur wer von seinem Vater Schläge kassiert, wird hart und ein "echter Mann". Wenn ich aber frage, ob sie selbst ihre Kinder schlagen würden, lehnen das fast alle kategorisch ab. Im Grunde wissen sie, dass Gewalt falsch ist, aber sie brauchen jemanden, der ihnen hilft, diese Wahrheit auszusprechen. Lehrer müssen sich viel Zeit nehmen, um ins Gespräch zu kommen. Das Vertrauen lässt sich nicht innerhalb weniger Wochen aufbauen, manchmal braucht es Jahre, bis Schüler sich stark genug fühlen, selbst aufzustehen. Erst unter grelles Licht gezerrt, zeigt sich für sie, dass diese vermeintlich normale Erziehungsmethode in Wirklichkeit verbrecherisch ist.

Ich habe selbst sehr lange gebraucht, um die Strukturen zu verstehen, die mich so wütend gemacht haben. Über viele Jahre führte ich intensive Gespräche mit den Frauen in meiner Umgebung: mit meiner Mutter, meiner Frau, meinen Schwestern. Für mich setzte das einen Selbstheilungsprozess in Gang – allerdings erst, nachdem ich die Schule verlassen hatte. Dabei wäre genau die Schule der Ort, an dem wir erkennen sollten, dass "Problemkinder" in Wirklichkeit nur Kinder mit einem großen Problem sind. Und dieses Problem heißt Gewalt und das darf man nicht ignorieren.


Aus: "Die Kinder halten die Schläge selbst für richtig" Mansur Seddiqzai (30. September 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2018-09/gewalt-familie-kinder-schlaege-schule-teufelskreis/komplettansicht

Quote
Jula77 #1

Ein weiteres Problem, das sich in der Schule ergibt, ist, dass Kinder gewalttätiger Eltern Freundlichkeit und Nachsicht mit Schwäche verwechseln. Sie haben Respekt nur vor Menschen, die ihnen Gewalt androhen. Sie können nichts dafür, sie kennen es nicht anders.


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Neela75 #3

Es gab vor gar nicht langer Zeit einen Artikel zu dem Thema, und es war erschreckend, wie viele Leser sich im Kommentarbereich für körperliche Gewalt an Kindern ausgesprochen haben. Beliebtes Argument: „Mir hat es nicht geschadet.“


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syn4pt1c #3.2

Ich möchte aber diesbezüglich auch einwerfen, dass es regelmäßig ebenso viele gibt, die jedwede Disziplin in der Erziehung vermissen lassen. Das kann dann so weit gehen, dass Eltern vor sich selbst verleugnen, dass ihr Kind auch mal etwas Falsches macht - das berühmte „Engelchen“ eben. Die sehen vor lauter Zuneigung zum Kind nämlich überhaupt nichts mehr in einem realen Maßstab. Habe ich schon live erlebt. Nicht lustig, wenn man da dann ernsthaft ein Gespräch mit solchen Eltern suchen muss.

Nur um es gleich klar zu stellen: Ich rede hier jetzt nicht davon, das man seine Kinder schlagen oder gar verprügeln sollte. Das ist falsch. Die Kids müssen aber auch Grenzen kennen und die Eltern müssen diese auch aufzeigen.

Als mein Filius sich in seiner Trotzphase meinte sich im Supermarkt auf dem Boden werfen zu müssen, sind wir eben mit schreiendem Kind weiter einkaufen gegangen. Das mag vielen vielleicht hart erscheinen (die Blicke hättet Ihr mal sehen müssen), aber das hat es danach nur noch ein Dutzend mal gegeben. Nachdem der Kleine festgestellt hat, das Verhalten bringt auch nichts, war das auch wieder vorbei. Ich sehe aber viele Eltern dabei z. B. schon einknicken. „Ooooh, was hast du denn? Was willst Du denn?“ und dann wird oft gekauft weswegen das Kind damit angefangen hat. Deren Kids machen heute noch Zinober beim Einkaufen. Das ist nicht repräsentativ zugegeben, nur meine persönliche Beobachtung im lokalen Supermarkt.


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U. Hermes #3.4

Eine gewaltfreie Erziehung ist aber nicht notwendig wischi-waschi. Kinder müssen selbstverständlich lernen , ihre Bedürfnisse mit denen anderer Menschen zu vermitteln. Durch überzogene Disziplin und Gewalt lernen sie das aber auch nicht, sondern sie lernen nur, dem Recht des Stärkeren zu gehorchen. ...


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U. Hermes #8

Wir, die "Bio-Deutschen", die in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind, und zwar West wie Ost, sind nicht so weit entfernt von der geschilderten Gewaltförmigkeit der Erziehung, die erst ab 2000 gesetzlich geächtet wurde - aber ohne eigene Sanktionsmöglichkeit.
Viele "Bio-Deutsche", die in der Nachkriegszeit, d.h. in den 1950er und 1960er Jahren, aufgewachsen sind, sind noch selbst mit massiver Gewalt in den Familien, aber auch in den Schulen aufgewachsen. Nach außen zeigten die Familien die glatte Oberfläche des Wirtschaftswunderlandes, dahinter tobte oft Gewalt, gespeist aus den Problemen der Kriegszeiten, die die Eltern erlebt hatten. Nicht zu vergessen die Nazizeit, in der Gewalt als DIE Form sozialen Umgangs galt. Richtige Herrenmenschen werden durch Gewalt geformt und dürfen nicht verzärtelt werden.
Eltern, die von diesen Zeiten geprägt waren, lebten diese Haltung weiter, auch als der Krieg vorbei war. Wie Erziehungsratgeber nach dem zweiten Weltkrieg zeigen: Erziehung bestand darin, Kinder zur Anpassung zu zwingen. Veränderung brachte erst die Kritik der 1968er.
In der Schule war es ebenfalls bis in die 1950er Jahre hinein üblich, zu schlagen. D.h.: Viele "bio-deutsche" Erwachsene heute sind noch mit massiver Gewalt aufgewachsen, was auch heißt, nur schwer einen reflektierten und humanen Standpunkt dazu einnehmen zu können. Die Attraktivität rechtsextremer Positionen mit ihrer Gewaltaffinität scheint mir auch dadurch begründet.


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arseno #8.2

In der Schule war es ebenfalls bis in die 1950er Jahre hinein üblich, zu schlagen.
Üblich bis in die siebziger verboten erst ab 1980!


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Frank_G #9

"Ein großes Problem meiner männlichen Schüler ist außerdem, dass sie die Gewalt für richtig halten. Nur wer von seinem Vater Schläge kassiert, wird hart und ein "echter Mann"." (Aus dem Artikel, S. 2)

Auch ich kann mich noch daran erinnern, die Schläge und Tritte meiner Mutter akzeptiert und für notwendig gehalten zu haben (als Kind, später nicht mehr, und heute habe ich als über 60jähriger viele der Symptome des "geschlagenes Kind-Syndroms").

Wenn wir Sportunterricht hatten, musste ich im Alter von etwa sieben Strumpfhosen unter der Turnhose tragen (so etwas, engmaschig maschinengestrickt, gab es seinerzeit auch für Jungen). Der Grund dafür war, so meine Mutter auf Nachfrage, dass der Lehrer meine blauen Flecke nicht sehen dürfe. "Aber warum denn nicht, du musstest mich doch schlagen", war meine Antwort an meine Mutter. Etwa zu dieser Zeit begann ich auch zu ahnen, dass mir mit den Schlägen und Tritten meiner Mutter etwas wiederfuhr, das nicht als "normal" angesehen werden konnte.

NB: Das war durchaus zu der Zeit, als Eltern, aber auch Lehrer, ein "Züchtigungsrecht" hatten und ausübten, Ohrfeigen und (vergleichsweise "milde") Schläge als "normal" und akzeptiert galten). Ich selbst wurde nicht zum Schläger, war auch in der Schulde gut (die ich mochte, weil ich in dieser Zeit meiner Mutter entzogen war), kann aber die Akzeptanz von Schlägen durch ein Kind nachvollziehen, auch eines Kindes, das darunter leidet und in einen Loyalitätskonflikt zum schlagenden Elternteil gerät.


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Steffi_83 #11

Eine Kindheit mit Gewalt und/oder keiner liebevollen Berührungen und Worte prägen, ich glaube besonders dann wenn man ein reflektierter, besonders empathischer Mensch ist. Ich habe 2-3 mal körperliche Gewalt selbst erlebt oder durch den Vater an der Mutter, leider wurden wir nach schlimmen Situationen nicht mal von der Mutter in den Arm genommen oder so.

Gott was beneide ich Kinder und Jugendliche heute noch, selbst wenn es nur kleine Dinge sind, wie sich etwas an die Eltern anzulehnen, sowas fehlt dermaßen und ich glaube meine berufliche und auch persönliche Entwicklung wäre in einem liebevollen Elternhaus, in dem man auch mehr auf die Bildung geachtet hätte, ganz anders gewesen.


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Ulenspiegel Berlin #12

Herr Seddiqzai verdient für seine Offenheit und seine Reflexion meine Bewunderung. Ich weiß, wie schwer sein Weg war und ist.
Richtig bleibt genauso, dass man(n) sich entscheidet, ob erlebte Gewalt weitergegeben wird.


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Es ist was es ist sagt #16

Ich habe vielleicht 2 oder 3 schallende Ohrfeigen in der gesamten Kindheit bekommen. Und irgendwie waren die auch berechtigt.

Eine strenge Erziehung ist zweifelsfrei gut für die spätere Entwicklung, Prügel halte ich jedoch für Misshandlung und pure Unfähigkeit, vielleicht steckt sogar eine sadistische Ader dahinter.


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SeppD #16.1

Eine schallende Ohrfeige ist nie berechtigt, insbesondere nicht wenn sie von einem physisch stärkeren und altersbedingt reiferen verteilt wird.
Sie mag als Kurzschlussreaktion eines Erwachsenen verständlich sein, wird aber dadurch nicht akzeptabel, im Prinzip ist dies auch ein Versagen des Erwachsenen.
Nicht ohne Grund kennen zivilisierte Staaten keine Leibesstrafen mehr.
Dass eine strenge Erziehung per se vorteilhaft ist ist auch zu kurz gedacht.


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MissMisty #16.10

Ich kenne keine situation, die als maßnahme eine ohrfeige benötigen würde.


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minos_m #18

Ich finde es richtig in “Problemkindern”, Kinder mit Problemen zu sehen. Allerdings darf das nicht den Blick auf die Problem verschleiern, die sie Verursachen.

In der ehemaligen Schule meines ältesten Sohnes (8J) gab es viele dieser “Problemkinder”. Sie haben geschlagen, gespuckt, verbal gedemütigt, geklaut und waren sexuell übergriffig (mit 8 Jahren!!!). Die zwei Sozialpädagogen der Sozialstation haben in diesen Problemkindern, Kinder mit Problemen gesehen und immer mit sehr viel Verständnis, Zuhören und Ausgleich reagiert.
Ich schrieb es oben: Mittlerweile ist es die ehemalige Schule meines Sohnes. Die “Problemkinder” haben das Verständnis, etc. als implizite Bestätigung für ihr Verhalten fehlgedeutet. Ihre Opfer wurden nur noch mehr drangsaliert. Die Sozialpädagogen hatten den Blick für die anderen Kinder mit Problemen verloren. Im Gegenteil, sie haben die Opfer vermehrt als Ursache oder Verstärker der Probleme der Problemkinder ausgemacht. Damit haben sie diese weiter in ihrem Verhalten bestärkt.
Verständnis sollte immer ein zentrales Handwerkszeug eines Pädagogen sein. Es kann aber niemals die einzige sein. Opferschutz sollte immer klar und eindeutig an erster Stelle kommen. Im schuluschen Kontext müssen Lehrer und Sozialpädagogen primär die dortigen Opfer schützen. Für die häusliche Gewalt ist das Jugendamt primär zuständig!


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SeppD #18.2

Lehrer und Sozialpädagogen müssen sich um BEIDE kümmern.


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Manfred Horst Zwo #19

Eine Reduktion respektlosen und verrohten Verhaltens in der Schule auf erfahrene häusliche Gewalt ist meines Erachtens zu kurz gedacht. Auch in deutschen Familien gehörte in nicht allzu ferner Vergangenheit Gewalt gegen Kinder zum Alltag. Dennoch herrschten in den Schulen geordnete Verhältnisse und Kinder legten in der Öffentlichkeit ein zivilisiertes Verhalten an den Tag und fügten sich in die Gesellschaft ein.

Meines Erachtens ist die Problemursache eher die fehlende Empathie der Gewalttätigen gegenüber ihren Mitmenschen. Diese Empathielosigkeit manifestiert sich nicht exklusiv bei Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt erlebt haben. So erleben wir beispielsweise auch, wie Kinder aus gut situierten, liebevollen Verhältnissen am Wochenende auf der Demo mit Glasflaschen und Steinen auf Polizisten werfen oder mutwillig öffentliches Eigentum oder das Eigentum ihrer Mitbürger beschädigen. Während viele Kinder, die Gewalt erfahren, für sich daraus die Konsequenzen ziehen und diese eben nicht an andere Menschen weitergeben. Nur ist das wahrscheinlich eine schweigende Mehrheit. Wer geht schon gerne bei Fremden mit dererlei Erfahrungen hausieren?

Der Kern der aktuellen Zustände liegt meines Erachtens eher darin, daß Fehlverhalten in unserem Land in der Regel zu geringe Konsequenzen mit sich zieht. Warum konnte der Autor beispielsweise in seinem Umfeld zur gefürchteten Person werden? Doch nur, weil niemand frühzeitig eingegriffen und ihm Grenzen aufgezeigt hat.


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recht und gerechtigkeit #19.2

"So erleben wir beispielsweise auch, wie Kinder aus gut situierten, liebevollen Verhältnissen... "

Ob das, was diese Kinder zuhause erleben, wirklich liebevoll ist, weiß man auch nicht. Nur weil man nicht verprügelt wird (was man auch nicht weiß), ist es nicht so, dass alles bestens ist.

Es gibt Dinge wie emotionelle Vernachlässigung, Leistungsdruck ohne Rücksicht, Erpressung usw.


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anderfoerde #19.3

"Auch in deutschen Familien gehörte in nicht allzu ferner Vergangenheit Gewalt gegen Kinder zum Alltag."

Das sind keine Delikte aus der Vergangenheit:

Aus einem im Juni 2018 vorgestellter Bericht des Vereins Deutsche Kinderhilfe und des BKA geht hervor, das 2017 143 Kinder in Deutschland an den Folgen von Gewalt starben. Fas 78% von ihnen waren zum Zeitpunkt des Todes jünger als sechs Jahre. In 77 Fällen blieb es bei einem Tötungsversuch. Insgesamt waren 4.208 Kinder von Gewalttaten betroffen.


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Omnipotenz #21

Ich habe mal einen Film über ein englisches Kriegsschiff gesehen, der brachte es ziemlich auf den Punkt. Der kapitän musste einen Mann auspeitschen lassen, war aber nicht sehr glücklich darüber.

Deshalb sagte er zu seinem 1. Offizier: Die Peitsche macht aus einem schlechten Mann einen noch schlechteren Mann.


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redshrink #24

Mir blutet jedesmal das Herz, wenn ich solche Geschichten lese oder höre. Ich bin Psychiater; ein nicht geringer Teil meiner drogenabhängigen Patienten oder Patienten mit Borderline-Syndrom wurden als Kinder misshandelt und erfuhren Gewalt, gerade von jenen Menschen, welche sie schützen und versorgen sollten. Als Erwachsene tragen sie dieses Trauma mit sich, welches in jeden Winkel ihrer Seele dringt.

Nicht alle Kinder, die in der Kindheit Gewalt erfahren haben, werden später aggressiv. Meine Mutter war eine persönlichkeitsgestörte Frau in einer deutschen Gesellschaft, wo Frauen ohne Erlaubnis ihres Mannes weder ein Konto eröffnen oder arbeiten durften. Sie war eingesperrt in eine Wohnung, in welcher sie Tag für Tag dieselben langweiligen Haushaltsarbeiten ausführen musste. Ich war der Sohn, der als Blitzableiter für ihre ganze Wut und ihren Frust herhalten musste. Sie hat wie eine Rasende ohne Ankündigung oder aus Nichtigkeiten in blindem Zorn auf mich eingeprügelt. Es konnte jederzeit passieren.

Ich wurde nicht aggressiver, sondern vorsichtig. Ich versuchte ständig, ihre Stimmungslage zu erahnen und mich so zu verhalten, dass ich keinen Anlass bot. Ich verlor als Kind jegliche Spontaneität und jedes Selbstwertgefühl, da ich glaubte, dass ich es irgendwie verdiente, wenn meine Mutter mich so behandelte.

Aus meiner beruflichen Tätigkeit weiß ich ebenfalls, dass es ein Fehler wäre, Gewalterfahrungen nur bei aggressiven und nicht bei stillen Kindern zu vermuten.


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J. Wedler #26

Gewalt wird von einer Generation an die nächste weitergegeben. Und offensichtlich arbeiten die Generationen bereits daran, dieses Muster zu durchbrechen.

Sicher muss Gewalt geächtet sein. Aber wichtiger ist es, Eltern darin zu unterstützen, ihre eigenen Gewalterfahrungen zu reflektieren und zu durchbrechen.
Dies gilt übrigens auch für sexuelle Gewalt.
Also Ächtung der Gewalt, aber Hilfe für Gewalttäter. Niemand (fast niemand) steht morgens auf und plant eine Gewalthandlung. Das sind tief verinnerlichte Muster.


...

Offline Textaris(txt*bot)

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Re: [Zur autoritären Persönlichkeit... ]
« Reply #5 on: January 12, 2019, 05:27:44 PM »
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Hansifritz #17

Die französische Regierung muß hier rechtsstaatlich eingreifen und den Protest im Keim ersticken. Die Gefahr eines Flächenbrandes wird hier m.E. unterschätzt.


Kommentar zu: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-01/demonstration-frankreich-gelbwesten-sozialpolitik-steuerpolitik-paris

Offline Textaris(txt*bot)

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[Zur autoritären Persönlichkeit... ]
« Reply #6 on: February 10, 2019, 07:11:33 PM »
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[...] Ohne Möglichkeit oder Fähigkeit zur Sublimierung driftet folglich das stark unterdrückte Triebleben - in Wechselwirkung mit einem nur oberflächlich verinnerlichten Über-Ich - ins Sadistische ab. Der aus Triebverzicht resultierende Hass sucht sich Sündenböcke unter Zuhilfenahme von Projektionen. Gerade in den vielfachen Projektionsleistungen der Neuen Rechten findet eine unbewusste Wiederkehr des Verdrängten und eines sadistisch deformierten Trieblebens statt.

Schon die berühmten Studien zum autoritären Charakter, an denen unter anderen Adorno mitarbeitete, stellten fest, dass der autoritäre Charakter dazu tendiere, "seine unterdrückten Impulse auf andere Menschen zu projizieren", die dann umgehend angeklagt, beschuldigt würden. Die Projektion sei demnach ein Mittel, "Es-Treibe ich-fremd zu halten", sie deute auf die "Unzulänglichkeit des Ichs … seine Funktionen zu erfüllen".

... Entscheidend bei dieser neurotischen Dynamik sei die "großartige Verschiebbarkeit" der unterdrückten Trieblust, so Freud in "Totem und Tabu". Das neurotische Verbot oder Gebot verdanke seinen Zwangscharakter gerade seinem "unbewussten Gegenpart", der im Verborgenen ungedämpften Lust, einer "inneren Notwendigkeit", in welche die "bewusste Einsicht fehlt". Hierbei handele es sich nicht um einen Zustand, sondern um eine Dynamik, da die Treiblust sich beständig verschiebe, nach "Surrogaten für das Verbotene", nach Ersatzobjekten und Ersatzhandlungen suche, um der Absperrung zu entgehen.

... Nichts scheint die Neue Rechte in bessere Stimmung zu versetzen, als wenn es tatsächlich zur sexuellen Gewalt von Migranten oder Flüchtlingen gegen Frauen kommt. Die Rechte würde die Gruppenvergewaltigung einer Freiburgerin im vergangenen Oktober feiern, wurde etwa beobachtet

Mehrere Demonstrationen wurden in Freiburg von der AfD durchgeführt, um die brutale Vergewaltigung politisch auszuschlachten. Frauen, die sexuelle Übergriffe durch Migranten vereiteln, werden von den rechten Rattenfängern mitunter gegen ihren Willen instrumentalisiert.

Die zur rassistischen Hetze transformierte Empörung über sexuelle Gewalt von "Ausländern" an deutschen Frauen, die in der Neuen Rechten in den hysterischen Vorwurf des sexuellen Genozids gesteigert wird, schlägt in diesem Milieu aber sehr schnell in ihr Gegenteil um, sobald die Feindbilder wechseln: Dann wandelt sich die scheinbare Empörung über sexuelle Gewalt zur sadistischen Vergewaltigungsphantasie, die der neurechte Mann allen Frauen androht, die nicht bereit sind, den faschistischen Ausländer- und Rassenhass der Neuen Rechten zu teilen. Frauen, die Flüchtlinge unterstützten, wird dann von rechten Trolls im Netz schon mal gewünscht, sie sollten "zu Tode vergewaltigt" werden.

Mit massenhaften Vergewaltigungsdrohungen müssen vor allem Politikerinnen leben, die sich öffentlich für Flüchtlinge einsetzen. Eine Politikerin der Grünen ist mit Vergewaltigungsphantasien rechter Trolle überschwemmt worden, nachdem sie im vergangenen August vorschlug, künftig Klimaflüchtlinge auszunehmen.

Ähnlich erging es Hamburger Bürgschaftsabgeordneten und Politikerinnen der Partei Die Linke, die sich mit detaillierten "Beschreibungen der geplanten Ermordung", oftmals "kombiniert mit sexualisierten Inhalten", mit Vergewaltigungsdrohungen und Folterfantasien rechter Sadisten konfrontiert sehen. Ein simples "Nazis Raus" einer ZDF-Jounralistin, gepostet auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, reichte aus, eine Welle von Mord- und Vergewaltigungsdrohungen auszulösen.

Die Zwangsneurose der Neuen Rechten ist hier mit Händen zu greifen: In Reaktion auf sexuelle Übergriffe von Migranten auf Frauen, wird jenen Frauen sexuelle, sadistische Gewalt angedroht, die sich weiterhin für Flüchtlinge einsetzen. Im Unbewussten wirkender, sadistischer Neid ist es, der diese irrationale Dynamik der Neuen Rechten anzutreiben scheint.

Es bleibt nicht nur bei Drohungen: Die sexuelle Gewalt gegen Frauen, die durch rechte Triebtäter begangen wird, wird aber kaum thematisiert. Etwa der Fall eines 21-Jährigen Nazischlägers, der ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigte. Eine Lokalzeitung berichtete über den Vorfall im November 2018.

Ermittlungen wegen Vergewaltigung wurden auch gegen einen AfD-Politiker geführt. Mitglieder der "Nationalen Sozialisten Rhein-Mein" stehen hingegen inzwischen wegen einer Vergewaltigungsserie vor Gericht - ohne dass dies zu breiter Empörung innerhalb der Neuen Rechten führte.

Deutsche Frauen werden in diesem neurechten Milieu offensichtlich immer noch (oder schon wieder?) als "Besitz" begriffen. Nicht nur als ein Objekt, über das der deutsche Mann zu verfügen hat, sondern auch als Teil der deutschen Volksgemeinschaft, die offenbar immer noch rassisch definiert wird. Deswegen triggern vor allem Frauen, die sich für Flüchtlinge engagieren oder bloß aussprechen, die beschriebenen sadistischen Vergewaltigungsphantasien, da hier schon wieder in der Neuen Rechten das altrechte Motiv der "Rassenschande" mitzuschwingen scheint. Missbrauch von Frauen durch deutsche Männer wird hingegen kaum wahrgenommen, eventuell sogar geduldet ("stell dich nicht so an").

Dieses archaische Frauenbild insbesondere in den ostdeutschen Stammländern der Neuen Rechten, das sich auch in entsprechenden sexistischen öffentlichen Äußerungen manifestiert, scheint mit einem simplen empirischen Befund in Zusammenhang zu stehen. In den ostdeutschen "failed States" herrscht extremer "Frauenmangel", wie die New York Times in einem Hintergrundbericht ausführte [https://www.nytimes.com/2018/11/05/world/europe/merkel-east-germany-nationalists-populism.html] (One Legacy of Merkel? Angry East German Men Fueling the Far Right, By Katrin Bennhold - Nov. 5, 2018)...

... Mit Fakten lässt sich innerhalb dieser irrationalen faschistischen Dynamik aus masochistischen Triebverzicht samt autoritärer Zwangshandlung, der Projektion des Verdrängten auf "Sündenböcke" und der Wiederkehr des sadistisch deformierten Triebimpulses in der barbarischen Praxis kaum etwas ausrichten. Es ist müßig, etwa darauf hinzuweisen, dass mehr als zwei Drittel der Täter, die Frauen schwere Gewalt antun, Deutsche sind, oder dass die Kriminalitätsrate unter den Asylbewerbern niedriger ist als im Bevölkerungsdurchschnitt.

Es sind aber nicht nur die eingangs geschilderten, evidenten Lügenmärchen und Fantasiegebilde, die den Treibstoff der rechten Hetzmaschine bilden. Es ist eher ein der Ideologie eng verwandter Wahn, der auf einer extrem selektiven Wahrnehmung der Realität aufbaut, nur die passenden Bruchstücke des Realen zum Bau des Wahngebäudes verwendet, während alles andere verbissen ausgeblendet wird.

...



    Die Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in welcher … nur die "neurotische Währung" gilt, das heißt nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen wirksam, dessen Übereinstimmung mit der Realität ist aber nebensächlich.

    Sigmund Freud

... Da ist der Wahn von dem sexuell zügellosen Ausländer als Projektion der eigenen, ins Sadistische verdrängten Triebe, der nicht nur Lügenmärchen fabriziert, sondern auch händeringend nach Bruchstücken von Realität greift, die er instrumentalisieren kann.

Dies gilt nicht nur bei dem oben geschilderten Komplex der neurechten, sadistisch deformierten Sexualität mit ihren Vergewaltigungsfantasien und dem Hang zur Pädophilie. Generell scheinen Rechtsextremismus wie Rechtspopulismus letztendlich all das zu realisieren zu wollen, was sie im Rahmen ihrer Hetze an Angstbildern aufbauen.

... Der faschistische "Wille zur Macht" ist das schwache, masochistische, oftmals autoritär gebrochene Ich, das die verdrängten, ins Sadistische abdriftenden Triebregungen des Es reflektionslos auszuleben trachtet - unter extremer Zuspitzung eben der herrschenden ideologischen Gebote und Verbote. Diese von neurotischen Zwangshandlungen und Projektionen geprägte Psychopathologie bildet die charakterliche Basis, auf deren Massengrundlage der Faschismus als Extremismus der Mitte in Krisenzeiten seine Dynamik gewinnt.

...


Aus: "Ich will, wo Es ist" Tomasz Konicz (10. Februar 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Ich-will-wo-Es-ist-4291253.html?seite=all

Quote
     mind.dispersal, 10.02.2019 17:52

Echokammerkriege

Nachdem in den letzten 3 Jahren immer wieder die Titelseiten der Medien mit sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge in ganz Deutschland gefüllt waren, ob in Großstädten zu Silvester und bei Stadtfesten, in Schwimmbädern oder in Parks, gefolgt von spektakulären Vergewaltigungsfällen von jugendlichen Migrantengruppen und Sexualmorden, ganz abgesehen von Rotherham und Telford in England, kann man nicht hingehen und behaupten, das Gerücht es habe sich in Chemnitz um ein Fall von sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge gehandelt, sei nicht mehr, als Lieblingsfantasie von einschlägigen Bekloppten, die seit 1945 immer wieder zu spontanen Selbstradikalisierungen führt. Was man aber auf gar keinen fall mehr macht, wenn man dies außer Acht lässt, ist "analysieren".

Ich weiß nicht, was diese Echokammer-Kriege auf TP zu suchen haben, aber das unseriöse Mystifizierungspalaver, welches zuweilen auch mit der Möglichkeit kokettiert, die Vorfälle des Kölner Silvesters seien schon eine reine rechte Beschwörung der Rassenschandefantasie gewesen, ist mir hier auch schon in Artikeln aufgefallen, die nicht von Konicz stammen.

Es fällt mir jedenfalls enorm schwer, mir vorzustellen, dass der Autor Konicz nach Vernehmen des Gerüchts von Chemnitz da gesessen hat und sich gefragt: "Wie kommen die bloß auf diese Idee!?"

Disclaimer: Ich setze beim Lesen voraus, dass man Kenntnis davon hat, das die Welt keine polarisierte Schwarz-Weiß-Dichotomie ist und deswegen selbstverständlich Migranten nicht automatisch sexuell übergriffig sind, aber eine derartige Assoziation, gerade in Verbindung mit einem Mordfall, eben auch kein spontanes Hirngespinst, das jeder Grundlage entbehrt. Ein bisschen komplizierter ist es dann doch schon.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (10.02.2019 17:57).


Quote
     Peter Maier, 10.02.2019 18:31

Wie krank sind Linkspopulisten und Linkssextremisten?
Und wann dürfen wir einen Artikel zu: "Versuch einer kleinen Psychopathologie der Neuen Deutschen Linken" lesen?
Im Sinne der objektiven Ausgewogenheit in der Darstellung wäre eine Beleuchtung der Linkspopulisten und Linkssextremisten geboten.


Quote
     zadok, 11.02.2019 06:09

Konicz in furchtbarer Tradition. Schon Faschisten haben versucht, ihre Gegner als krank darzustellen. Was kommt als nächstes von Konicz? Tiervergleiche? Ratten, Ungeziefer? Unwertes Leben?



Quote
     MiMoses, 10.02.2019 23:18

Sozialpsychologie at its worst...

So sehr ich Herrn Koniczs Texte schätze, solange sie sich mit politischer Ökonomie befassen (die Reihe zur griechischen Krise fand ich einen Lichtblick im Nebelmeer), so sehr möchte ich ihm doch raten, als Schuster bei seinen Leisten zu bleiben und sich nicht weiter an der Sozialpsychologie zu versuchen. Denn diese Versuche - und dieser ist dabei die bisherige Spitze des Eisbergs - sind gelinde gesagt schrecklich unfundiert.


Quote
     HeliosMaximus, 10.02.2019 19:38

Es reicht ein paar Zeilen zu lesen, um zu erkennen, dass hier ein wie ich finde mittelmäßiger Journalist und eingefleischter Ideologe versucht, sich als Psychologe zu gerieren.


   
Quote
fade to grey, 11.02.2019 16:07

Treffer.

Interessanter Artikel, der die entwicklungspsychologischen Aspekte der Entstehung von Faschismus erläutert.
Hat mich überzeugt, und das lautstarke Bellen der "getroffenen Hunde" bestätigt den gewonnenen Eindruck.


...
« Last Edit: February 12, 2019, 04:58:46 PM by Textaris(txt*bot) »