Author Topic: [Notizen zum Herrensignifikanten... ]  (Read 3310 times)

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[Notizen zum Herrensignifikanten... ]
« on: November 09, 2010, 03:29:38 PM »
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[...] Der Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure (1857-1913), der den Begriff Signifikant, wie auch die moderne Semiotik und Linguistik entscheidend geprägt hat, definiert in seinem Cours de linguistique générale; (dt.: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft) den Signifikanten als „Lautbild“ eines Signifikats. Das Signifikat ist dabei der „Inhalt“ des Signifikanten, auf den der Signifikant verweist. So ist etwa das Wort „Baum“ der Signifikant für das Vorstellungsbild Baum. Der Signifikant wird folglich als das „Bezeichnende“ (frz. „signifiant“) und das Signifikat als das „Bezeichnete“ („signifié“) verstanden.

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Aus: "Signifikant" (4. August 2010)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Signifikant


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[...] Ein Herrensignifikant, von Lacan als S1 geschrieben, hält Dinge am Platz der Position der Wahrheit. ... Auf einen Herrensignifikant [...] beruft man sich in der Aussage ›Skinner zeigte, dass‹ (ein bestimmtes Verhaltensmuster in der Gegenwart einer bestimmten Verstärkerkontingenz auftritt) sowie in der Aussage ›Chomsky stellte fest, dass‹ (sich ein zufriedenstellendes Modell der menschlichen Sprachentwicklung auf anlagebedingte semantische Strukturen, die nicht einfach erlernt sein können, stützen muss). Ähnlich zweifelhaft würde es selbstverständlich sein, ›Freud‹ oder ›Lacan‹ als Herrensignifikanten herbeizuzitieren, um eine theoretische Position zu rechtfertigen.

... Die Stärke diskurspsychologischer und rhetorik-analytischer Studien liegt darin aufzuzeigen, wie Berufungen auf Dinge außerhalb der Sprache oder auf spezifische Zeichen nationaler Identität aufgeboten werden, um Wirklichkeitsanforderungen in eben dem Moment zu fixieren, in dem sich Sprecher den Anschein geben – und vielleicht selbst glauben –, unentschlossen zu sein.

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Aus: "Ian Parker - Lacan, die Psychologie und der Diskurs der Universität" (P&G 3/05)
Quelle: http://www.discourseunit.com/publications_pages/parker_papers/2005%20P&G%20Lacan%20und%20psychologie%20%5BGERMAN%5D.pdf

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[...] Der große Andere ist ein Begriff der Lacan'schen Psychoanalyse. Der große Andere („A“) ist im Unterschied zum „kleinen anderen“ (Objekt klein a) ein Konzept der Alterität [Das Identität stiftende und formende Andere von zwei gleichartigen und einander zugeordneten Wesenheiten] und Andersheit. Der große Andere ist das Andere des Subjekts, das Nicht-Ich, das dieses Subjekt jedoch immer schon strukturiert und ausrichtet. So muss „der Andere als der Ort [verstanden werden], an dem das Ich, das spricht, sich konstituiert.“ (Lacan: Seminar III, S. 322)

[...] Eine weitere Bedeutung des Begriffs des „großen Anderen“ bei Lacan ist, dass dieser Andere nicht nur das Symbolische selbst ist, sondern zugleich ein Ort, der dieses Symbolische erst legitimiert. Er ist in diesem Sinne ein „Herrensignifikant“, d.h. ein übergeordneter Signifikant, der am Ende jeder Signifikantenkette steht und der diese erst organisiert und strukturiert. Als Herrensignifikant existiert der große Andere nur als sein eigener Effekt, indem er das Symbolische strukturiert innerhalb eines Feldes, in dem er selbst nicht beinhaltet ist, als dessen Garant und Sinnstiftung er jedoch funktioniert (die klassische Form eines großen Anderen ist Gott.)

[...] Slavoj Žižek beschreibt den großen Anderen als „symbolische Substanz“ unseres Lebens, das etwa durch soziale Normen und Klischees die ungeschriebenen Regeln konstituiert, die effektiv unser Leben und Sprechen regulieren. In Zeiten der Postmoderne und Post-Politik sei jedoch das allgemeine Vertrauen in die Legitimität des großen Anderen unterminiert. Die traditionellen Sicherheiten und Regeln, die die Gemeinschaft und das Individuum strukturierten, werden nicht mehr als allgemein gültig angesehen, sondern werden zum Gegenstand von Reflexion und freier Entscheidung und Wahl (vgl. Individualisierung). Doch woher weiß man, was man wirklich will? Das Begehren ist, so Lacan, immer das Begehren des (großen) Anderen, d.h. es gehört nicht mir selbst. Vielmehr ist es sowohl das Begehren des Anderen (im Sinne von: ich begehre jemand Anderen), als auch das Begehren des Anderen: Ich will wissen, was der Andere an mir begehrt. Eine, so Žižek, paradoxe Situation.



Aus: "Der große Andere" (12. September 2009)
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_gro%C3%9Fe_Andere

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[...] Im ideologischen Raum flottieren Signifikanten wie »Freiheit«, »Staat«, »Gerechtigkeit«, »Frieden« usw.,  deren Kette dann ein Herrensignifikant hinzugefügt wird (»Kommunismus« etwa), der retroaktiv ihre    (kommunistische) Bedeutung festlegt – »Freiheit« wird allein dadurch wirklich, dass sie die formale bürgerliche Freiheit überwindet, welche nur eine Form von Sklaverei ist; der »Staat« ist das Mittel, mit dessen Hilfe die herrschende Klasse die Bedingungen ihrer Herrschaft sichert; Marktwirtschaft kann niemals »gerecht« sein, weil gerade die Forrn des Tauschs von Arbeit und Kapital Ausbeutung impliziert; Krieg ist der Klassengesellschaft als solcher inhärent, nur die sozialistische Revolution kann dauerhaften »Frieden« bringen usw. ... Wie Jacques‑Alain Miller hervorgehoben hat, können wir bereits auf dieser elementaren Stufe die Logik der Übertragung feststellen, also jenen Grundmechanismus, der die den Ubertragungsphänomenen eigene Illusion erzeugt: Übertragung ist die Kehrseite des Zurückbleibens des Signifikats in Bezug auf den Strom der Signifikanten; sie besteht in der Illusion, dass die Bedeutung eines bestimmten Elements (das retroaktiv durch die Intervention des Herrensignifikanten fixiert wurde) von Anfang an als dessen immanentes Wesen gegenwärtig war. Wir sind »in der Übertragung«, wenn es uns vorkommt, als sei wirkliche Freiheit »ihrem Wesen nach« der bürgerlichen formalen Freiheit entgegensetzt, als sei der Staat »seinem Wesen nach« nur ein Werkzeug der Klassenherrschaft usw. Das Paradoxon liegt natürlich in der Tatsache, dass diese Übertragungsillusion notwendig ist ... Dies ist demnach die fundamentale Lacansche These hinsichtlich der Beziehung von Signifikant und Signifikat: Anstelle des linearen, immanenten notwendigen Fortschreitens, das heißt der Entfaltung der Bedeutung, ausgehend von einem anfänglichen Keim, haben wir einen radikal zufälligen Prozess retroaktiver Bedeutungsproduktion.
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Aus: "BEDEUTUNG: Nachträglichkeit der Bedeutung nach Lacan - (Recop.) Justo Fernández López" (15.09.2010)
Lexikon der Linguistik - Diccionario de Lingüística - Índice
Quelle: http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/b/BEDEUTUNG%20Nachtr%C3%A4glichkeit%20der%20Bedeutung%20nach%20Lacan.htm



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[Der Inbegriff des symbolischen Systems und Regelwerks.. ]
« Reply #1 on: November 09, 2010, 03:51:06 PM »
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[...] Die Welt der Symbole nun, die uns alle beherrscht, gipfelt bei Lacan in etwas, das er den „großen Anderen“ nennt – oder auch den „Herrnsignifikanten“. Er ist sozusagen der Inbegriff des symbolischen Systems und Regelwerks, der durch Zeichen strukturieren sozialen Welt; er verleiht Bedeutung verleiht, misst Wert zu, begründet Autorität. Er ist
etwa in der Robe des Richters anwesend, die diesem die Macht des Gesetzes verleiht.

Man kann hier an Gott bzw. die Gottesvorstellung des Menschen denken, oder aber an das Freud’sche Über-Ich, das durch die Internalisierung des väterlichen Autorität als innere Stimme und Gewissen entsteht. Dieser große Andere oder Herrensignifikant ist auch sozusagen der, der Eindeutigkeit herstellt, die verschiedenen Versionen auf die autoritative Geschichte festlegt.

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Aus: "Was es mit den neuen Medien auf sich hat – philosophische Diagnosen: Slavoj Zizek – Kommunikation zwischen Imaginärem und Symbolischen - Vortrag von Dr. phil. Florian Roth an der Münchner Volkshochschule, 3. März 2006"
Quelle: http://www.florian-roth.com/texte/pdfs/Slavoj%20Zizeks%20Medientheorie.pdf?&no_cache=1&expand=4403&cHash=e59f6524c1