Author Topic: [Zur neuen Biedermeierlichkeit... ]  (Read 14647 times)

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[Zum Neobiedermeier... ]
« Reply #15 on: January 21, 2013, 10:04:27 AM »
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[...] Marion Elias: "... Wir haben [ ] wieder Neo-Biedermeier – diejenigen, die sehr emanzipiert daherkommen, dann heiraten und ein Kind bekommen, landen oft in ähnlichen Verhältnissen wie vor 500 Jahren. Es gibt ein Revival des Religiösen, bis zu einer Quasi-Orthodoxie auch im Katholischen. Kant sagte schon: Verwende deinen Verstand ohne fremde Anleitung. ..."


Aus: "Wenn der Neo-Biedermeier anklopft"
Ausgabe 37/11 - 19.10.11 | Raus aus dem Mittelalter
Quelle: http://www.dervinschger.it/artikel.phtml?id_artikel=17120&seite=1

-.-

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[...] Laut einer Studie von ARD und ZDF nutzen inzwischen 43 Prozent aller Internetuser soziale Netzwerke, aber nur acht Prozent bloggen. „Warum ist das so?“, fragt sich die Bloggerin Antje Schrupp und gibt die Antwort gleich selbst: „Ich behaupte, dass der Grund gerade der ‚bevormundende‘ Ansatz von Facebook ist.“

... Auf Facebook oder Google+ ist es [ ] nicht nötig, eine eigene Form oder einen eigenen Stil zu finden, denn alles ist vorgegeben. Die Einstiegs-Hürden und Anforderungen sind niedrig. Das kommt den Couch-Potatoes des Internets in ihrem Neobiedermeier entgegen.

...

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Wolfgang Michal 10.01.2013 | 23:18

Geert Lovink schreibt in seinem Buch “Das halbwegs Soziale. Eine Kritik der Vernetzungskultur”: “Rückblickend übersehen wir leicht, dass der rationale Netzbürger eine libertäre Gestalt war, eine Figur des neoliberalen Zeitalters der Deregulierung”.

Und dieses Zeitalter geht womöglich (auch mit Hilfe des Freitag) langsam zu Ende. Die Deregulierung der schön geordneten demokratischen Öffentlichkeit (Zeitungen, Fernsehen) brachte u.a. die Figur des Bloggers hervor. Nun  verschwindet diese Figur in den Zerfallsprozessen des Liberalismus (FDP, Piraten).

Der libertäre Allein-Blogger (Der Einzelne und sein Eigentum) wird von den sozialen Netzwerken abgehängt. Denn dort geht es ziviler und - ja - auch sozialer zu. Dieses Bedürfnis nach normalen Umgangsformen, nach Gleichgesinnten und nach geschützten Räumen ist in der ganzen Blogszene spürbar.

Leider verschwindet mit der Figur des Bloggers aber auch ein Stück Originalität, Freiheit und Unabhängigkeit. Das ist der Preis. ...



Aus: "Die Krise der Blogger" Wolfgang Michal (10.01.2013)
Quelle: http://www.freitag.de/autoren/wolfgang-michal/die-krise-der-blogger


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[Gleichgültig, ja, Biedermeier...... ]
« Reply #16 on: June 30, 2013, 07:42:57 PM »
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Fox82, 30. Juni 2013 17:52

Gleichgültig, ja, Biedermeier...

Ich muss sagen ich fühle mich schon längst in einem neuen
Biedermeier. Die schlimme Welt draußen, Politik, Geheimdienste,
Konzerne... kann man sowieso nicht beeinflussen. Also richtet man es
sich im System und Zuhause gemütlich ein.

Ich verfolge die Nachrichten (mehrere Zeitungen...) regelmäßig, wobei
ich weiss dass viele Themenbereiche schlicht nicht mehr wichtig sind.
Die Politik verfolge ich mit Interesse, aber ich sehe sie als eine
Art "Film" der in Echtzeit abläuft. Unterhaltend, aber ohne Relevanz
fürs eigene Leben - und natürlich nicht beeinflussbar.

Die Wirtschaft interessiert mich und sie ist wichtig damit ich mich
geschäftlich darauf einrichten kann... Aber aufregen über das was
passiert? Nein, nur anpassen um selbst möglichst gut
durchzuschwimmen.

Langfristige Planung mache ich überhaupt nicht. Kinder kriegen? Für
die Pension ansparen? Das klingt alles ziemlich absurd. Ich weiss ja
nicht was nächstes Jahr sein wird, und schon gar nicht was in 10 oder
mehr Jahren sein wird. Die Welt ist derart unberechenbar geworden...

Ich weiß dass unser Geldsystem irgendwann in meinem Leben
zusammenbrechen wird (die Geldmenge steigt exponentiell, und eine
Exponentialfunktion kann der Mensch irgendwann nicht mehr
beherrschen, und dann muss resettet werden...). Ich mache auch nicht
viel dagegen, sondern genieße eben das Leben. Denn Erinnerungen
verliert man nicht, auch wenn alles Geld verschwindet.

Gut dass es noch eine Menge Leute gibt die das alles nicht wissen,
und die noch Kinder bekommen - denn sonst würden wir wohl
aussterben...


Aus: "Gleichgültig, ja, Biedermeier..." (30. Juni 2013)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/foren/S-Gleichgueltig-ja-Biedermeier/forum-259648/msg-23755472/read/

Kommentar zu: "Bericht: PRISM überwacht in Echtzeit" (30.06.2013)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Bericht-PRISM-ueberwacht-in-Echtzeit-1908878.html


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[...dass wir in einer Art Neo-Biedermeier leben]
« Reply #17 on: March 13, 2014, 12:55:14 PM »
Quote
[...] Welche ideologische und kulturelle Rolle spielt Popmusik in der heutigen Gesellschaft?

Berthold Seliger: Eine meine Thesen ist, dass wir in einer Art Neo-Biedermeier leben. Zumindest ergeben sich einige interessante historische Parallelen: Zum einen der gnadenlose Überwachungsstaat, den es zu Metternichs Zeiten gab, in dem Zensur herrschte, als in Konzertsälen und Theatern alles notiert wurde und Leute wie Beethoven nicht mehr Opern komponieren durften. Dafür gab es dann die von Metternich bevorzugte "leichte" Musik von Rossini. Dasselbe passiert heute auch, nur wird die Überwachung nicht mehr nur staatlich, sondern global und mit Hilfe von Konzernen der Unterhaltungsindustrie bewerkstelligt, die mit den Geheimdiensten eng verbunden sind. Weiter gibt es eine Entpolitisierung der Menschen, die politisch gewünscht ist.

In diesem Konstrukt spielt die Musik eine besänftigende Rolle. Die Musik ist dazu da, die Massen zu befrieden. Es gibt ja den brutalen, aber sehr anschaulichen Satz von Metternich: "Das Volk soll sich nicht versammeln, es soll sich zerstreuen", den man ja durchaus doppelbödig lesen kann, und ich denke, dass heutzutage die Pop-Industrie zu dieser "Zerstreuung" einen massiven Beitrag leistet und rebellische Potentiale der Jugend in passiven Warenkonsum umleitet.

Eva Illouz hat den Begriff "emotionaler Kapitalismus" entwickelt - es geht danach beim Konsum in Zeiten des Spätkapitalismus gar nicht mehr so sehr um die Waren oder Dienstleistungen an sich, sondern um die unverwechselbaren Momente und Gefühle, die mit ihrem Erwerb und Konsum verbunden sind. Daraus konstruiert das neoliberale Selbst dann seine wahnsinnig individuelle Identität.

...


Aus: ""Eine Arbeitswelt inszenieren, in der sich Sklaverei wie Freiheit anfühlt"" Reinhard Jellen (09.03.2014)
Berthold Seliger über Popkultur und "Kreativwirtschaft" als Gentrifizierung
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/41/41080/2.html


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[Die Veränderung von inneren Haltungen... ]
« Reply #18 on: November 26, 2014, 10:19:01 AM »
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[...] Die Arbeit verändert den Menschen stärker, als sich die meisten bewusst sind. Vormals linksradikale Doktoranden arbeiten wenige Monate in der Bank und singen plötzlich im Freundeskreis das Lied von freien Märkten. Lehrer sind irgendwann von ihrem Besser-Wissen so sehr überzeugt, dass sie auch mit Erwachsenen wie mit Kindern reden. Juristen sehen Streitfälle und Schadensersatzansprüche, wo andere Blumen, Gemälde oder Sportverletzungen sehen. Eitle Manager reden ungeniert verächtlich über „Geringleister“. Und Stewardessen laufen mit einem Lächeln durch die Welt, das nicht so ganz echt aussieht.

Oberflächlich kann man sagen: Der Beruf färbt eben ab. Man nimmt die Marotten mit nach Hause - so wie die Laborantin, die auch in der eigenen Wohnung ständig den Boden desinfiziert, weil sie es im Chemielabor immer so machen. Oder der Fotograf, der auch in der Freizeit ständig draufhält. Das sind Ticks oder Anlagen, aber noch nicht unbedingt Deformation. Die Veränderung von inneren Haltungen ist nicht durch neue Gewohnheiten zu erklären, sondern mit einem Blick auf die Mechanismen der Anpassung. Der Wiener Organisationsforscher Michael Busch hat sich mit dem Thema befasst. Er meint, die Deformation durch Konformismus passiere eher Angestellten, die es in der Hierarchie weit gebracht haben. „Wer steigt eher auf, das Chamäleon oder der Einzelgänger?“, fragt er und antwortet selbst: „Vermutlich doch eher das Chamäleon.“

... Über allem schwebt die Abstiegsangst der Mittelschicht. Mit ihr kennt sich die Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch gut aus, die das Buch „Die Wiederkehr der Konformität“ (Campus) geschrieben hat. Sie sagt: „Trotz bester Qualifikation reicht oft eine falsche Entscheidung, ein falscher Mentor, um aufs Abstellgleis zu gelangen. Sehr viel in der Mitarbeiterführung läuft über Scham oder Angst, also über Sanktionen, die auf den Kern der Persönlichkeit zielen. Da sehe ich viele neue Konformitätszwänge entstehen.“ Koppetsch meint, durch die Subjektivierung und Entgrenzung der Arbeitswelt werde die emotionale Vereinnahmung intensiver.

Es gibt zum Beispiel mehr Teamarbeit, eine quasi-mütterliche Cheffigur, die das Team emotional führt - lobend statt über Anweisungen, duzend und scheinbar auf Augenhöhe. Gefühl, emotionale Bindung und Ausdrucksstärke würden in dieser Welt zu „strategischen und ökonomischen Ressourcen“, schreibt Koppetsch. Ein Nachteil aber: Die Diskretion bleibe auf der Strecke. So „verschieben sich die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Leben“. Die Folge: „Der Einzelne gerät mit seiner ganzen Persönlichkeit in den Sog einer Anerkennungsdynamik.“ Wo solche Entgrenzung tatsächlich stattfindet, nimmt wahrscheinlich auch der Leistungskonformismus zu.

Von einem „subtilen, atmosphärischen Zwang, nicht abzuweichen“ spricht Michael Busch. Meinungskonformität sei heute extrem in den Organisationen von Politik, Medien und auch der Wissenschaft.

... Warum Anpassung mit einer Deformation der Persönlichkeit zu tun hat, erklären Experimente aus der Sozialpsychologie. Die kognitive Dissonanz - ein Widerspruch von Einstellung und Handeln - lösen die meisten Menschen auf, indem sie ihre Einstellung dem Handeln anpassen. Das ist bequemer, und meistens finanziell günstiger. Doch im Büro andere Einstellungen zu vertreten als im Privatleben, halten die wenigsten Menschen aus. So kommt es, dass der Beruf die Person verändert. Man arbeitet für Geld und Anerkennung, das verändert die Einstellungen, das verändert Haltungen. Die Soziologin Koppetsch spricht analog von einer „emotionalen Dissonanz“. Die gibt es bei Kellnern, Stewardessen, Barleuten oder Immobilienmaklern, aber auch Ärzten und Anwälten.

Wer im Beruf freundlich sein muss - beziehungsweise umso erfolgreicher ist, je persönlicher zugewandt er sich den Kunden gibt -, bei dem entkoppeln sich irgendwann Gesten der Freundlichkeit von echten Gefühlsempfindungen. Die Personen können ihr Lächeln auch dann nicht ablegen, wenn sie sich eigentlich anders fühlen. Das zeigten vor vielen Jahren Studien von Arlie Hochschild über Stewardessen („Das gekaufte Herz“).

... Ihr Fachkollege David Riesman unterschied die beiden Typen des innen- und außengeleiteten Menschen. Der erste, autonome Typ verfügt über einen inneren Kompass, der ihn leitet, der zweite orientiert sich an Anerkennung.

...


Aus: "Was die Arbeit mit mir macht" Jan Grossarth (26.11.2014)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/konformismus-im-berufsleben-13277567.html

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[Die feste Abfolge der Gänge... ]
« Reply #19 on: January 07, 2015, 03:17:36 PM »
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[...] Heute feiert vieles, das lange als fürchterlich bürgerlich galt, ein Revival. Das gilt nicht nur für die Jagd, sondern auch für Benimmkurse, Weinabende und seit einiger Zeit auch für den Möbelgeschmack. ... Wo kommt das Neo-Spießige bloß her, das sich jetzt überall beobachten lässt? - Soziologen halten den Trend, der sich in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen zeigt, für eine Art Gegenbewegung, eine Reaktion auf eine Welt, die immer schneller, lauter und gefühlt auch immer unsicherer wird. Menschen zwischen 20 und 30 seien in einer Zeit aufgewachsen, in der vieles irgendwie an den Abgrund geriet: die Stabilität der Währung, die Weltwirtschaft, das Klima. Nun sehne man sich nach etwas mehr Beständigkeit und Ruhe - und finde sie auch beim Rückgriff auf die Vergangenheit.

Weil Forscher (und auch Journalisten) es lieben, junge Menschen in ein Generationskorsett zu zwängen, entschieden sich die Wissenschaftler des Kölner Rheingold-Instituts daher sogar für den Namen "Generation Biedermeier". Eine Anspielung auf die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die heute als Inbegriff des Bürgerlichen gilt. Damals, so behaupten Historiker, hätten sich die Menschen besonders gern in ihrem eigenen Wohnzimmer und bei der Familie aufgehalten: Es sei die Zeit der Kaffeekränzchen, Stammtische und hausbackenen Hobbys wie Handarbeit und Spaziergänge gewesen.

"Es gibt nichts Schöneres, als die Natur intensiv zu erleben", sagt Student Edel. Seinen Jagdschein hat er als 18-Jähriger in den Sommerferien gemacht, während eines dreiwöchigen Kurses in Mecklenburg-Vorpommern, der 1100 Euro kostete. "Da musste ich viel lernen, auch viel Theorie - nicht umsonst heißt die Jagdprüfung 'Grünes Abitur'." Bevor er sich irgendwann ein eigenes Revier pachten kann, hilft er jetzt erst einmal älteren Jägern bei der Hege - und darf zur Belohnung ab und zu mal ein Tier schießen. Den Vorwurf, die Jagd sei konservativ oder elitär, könne er überhaupt nicht nachvollziehen, sagt Edel - und viele seiner Kommilitonen auch nicht.

Wie sehr sich die studentischen Leidenschaften geändert haben in den vergangenen Jahren, hat auch Stefan Grob festgestellt. Dem Sprecher des deutschen Studentenwerks ist zum Beispiel aufgefallen, dass an den Universitäten derzeit all jene Abendkurse großen Zuspruch finden, die sich mit Tischsitten oder Weindegustation beschäftigen. "Da gibt es einen regelrechten Run", sagt er.

Beispiel Bad Honnef: Dort gönnt sich die 22-jährige Marleen Lucks an einem Abend im November gerade einen guten Weißen zum Entrée. Allerdings sitzt die Studentin des Luftverkehrsmanagements nicht in einem schicken Sterne-Etablissement, sondern im hauseigenen Restaurant der Internationalen Hochschule. Studenten in strahlend weißen Kochjacken servieren ihren Kommilitonen im Rahmen einer sogenannten Fine-Dining-Veranstaltung ein Fünf-Gänge-Menü.

Lucks und die 74 anderen Studenten, die hier zusammen speisen, haben sich schick gemacht: Sie tragen Hemden, Blusen, Halstücher, Perlen und Goldschmuck. Ein Pianospieler sorgt für dezente Hintergrundmusik. Der Weinklub der Hochschule, die "Grape Society", hat die passenden Weine zum Menü ausgewählt, das heute unter dem Motto "Indien" steht. Silvaner, Blanc de Blancs und Grauer Burgunder begleiten Tandoori Chicken, Fischsuppe und Butter-Curry-Lamm. Zum Dessert gibt es leckeres Chai-Tee-Parfait.

Die feste Abfolge der Gänge, die dazu servierten Weine, das edle Ambiente - all das kommt gut an bei den Studenten. Seit sie regelmäßig am Fine-Dining-Abend teilnimmt und Mitglied in der "Grape Society" ist, veranstaltet Marleen Lucks sogar selbst Weinabende in ihrer WG. "Jeder Gast bringt eine Flasche mit", erklärt sie und zählt dann ihre Lieblingssorten auf, darunter Spätburgunder, weil er "vollmundig, aber nicht so schwer" sei. Lucks glaubt, dass das Wissen über Wein ihr auch beruflich einmal helfen wird: "Es ist doch gut, wenn ich mich bei einem Geschäftsessen ein wenig über Rebsorten austauschen kann."

Das klingt pragmatisch, und dazu passt es auch, dass selbst Beschäftigungen wie das Golfen, das lange als elitär galt, immer beliebter werden bei Deutschlands Nachwuchsakademikern. Zum Beispiel in Köln, wo der vom AStA organisierte Hochschulsport sein Angebot an Golfkursen wegen der großen Nachfrage weiter ausbauen musste.

...

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#1 Heute, 13:09 von hansmaus
bürgerlich

hmmm also die meisten alt 68er von einst sind heute spießiger als die Generation denen sie den Muff aus 1000 Jahren austreiben wollten. Von daher ist es nur konsequent das die neue Generation den Quatsch gleich überspringt und sich zu dem bekennt was sie wirklich ist:
spießig, kleingeistig und Vereinsmeierisch.


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#9 Heute, 13:40 von FNagel
Das Jägertum ist nicht bürgerlich. Es ist ein Relikt...

...aus der Lebensweise der Aristokratie, von der das Bürgertum sich als Symbol seines Aufstiegs halt dies und jenes Statussymbol abgeschaut hat.
Daß die Aristokraten mit der Jagd wiederum selbst ein Relikt aus der Zeit Jäger und Sammler weiterpflegten, unterstreicht nur, was viele Hobbies im Grunde sind: Erinnerung an die gewöhnliche tägliche Arbeit untergegangene Kulturen


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#11 Heute, 13:43 von killing joke
Hierarchiepraxen

Es geht nicht um Tradition oder Selbstvergewisserung, sondern um die kulturellen Praxen der Selbstpositionierung in einer hierarchischen Rangordnung, die immer weniger durch Leistung bestimmt wird, sondern durch soziale Zuweisung.


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#12 Heute, 13:49 von twister-at
Was für ein Mischmasch

Schrebergarten, Jagd, Geweihe und Goldrahmen und Golfspielen - und all das ist irgendwie spießig... aehm, zeugt das nicht eher von der Spießigkeit der Betrachtet, die Leute noch immer in Schubladen packen. Golf ist ein sehr netter Sport und wird glücklicherweise auch günstiger, ein schrebergärtchen ist für viele deshalb praktisch weil sie eigenes Gemüse anbauen können aber die Wohnung keinen Platz dafür bietet usw. usf.

Wie mir diese Schubladen auf den Nerv gehen - jaja, wer golft, der will eigentlich nur Geschäfte mit Reichen abschließen; der Jäger nur Viecher abknallen, wie geil, höhö; der Weinverkostet will elitär sein und wer sich abends mal anhübscht zum Treffen, der ist schon total Mainstream...

Erinnert mich an die ersten Reaktionen auf die Ankündigung, ich würde heiraten. Oh nein, wie spießig, wie kann ich nur usw. usf. Dass ich auch noch ein weißes Hochzeitskleid trug und dass ich jetzt sogar noch auf einem Bauernhof lebe - wie reaktionär geradezu. Und ich koche sogar während der Ehemann ja "auf der Arbeit ist". Führte bei einigen dazu, dass sie mich dann gleich aus der Freundesliste strichen. Ach, Schubladen sind soooo schön.


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#13 Heute, 13:50 von Iggy Rock
Unbekannte Welten

In einer immer schnelllebigeren Zeit, verwundern mich solche Entwicklungen überhaupt nicht. Ich habe selber seit Jahren Papas Vinylsammlung bei mir stehen, sie selber noch aufgestockt und um einen Röhrenverstärker nebst puristischem Plattenteller bereichert. Unter freiem Himmel wird geangelt, gewandert, Wein, Salat und Tomaten kultiviert. Im Herbst werden Pilze und Maronen gesucht und das Jahr über gerne selbst gekocht, in Nicht-rostfreien, klassischen Pfannen.

Als Spießbürger würde ich mich nicht bezeichnen, noch nicht einmal als Konservativer, obwohl ich gerade bei diesen Hobbys moderne Entwicklungen konsequent ablehne. Altbewährtes ist einfach besser wie Produktvielfalt, die schon morgen aus der Mode ist oder schnell verschleisst. Nicht zu verachten ist dabei auch der ökologische Aspekt, gutes Werkzeug hält ein Leben lang, ordentliche Kleidung viele Jahre. Die Sachen sehen zwar aus, wie vom Großvater, aber sie sind funktional, für den Besitzer.

Dieser Wandel im Denken und Konsum fing bei mir mit etwa 20 Lebensjahren an, 40 bin ich noch lange nicht.
Merkwürdigerweise erstreckt er sich nicht auf moderne Elektronik, insbesondere IT. Aber ich weiss eben auch, dass es völlig ohne moderne Kommunikationsmittel geht. Ich brauche kein Internet um 50 Pilzarten voneinander zu unterscheiden, auch nicht um zu wissen, wie Waldmeister aussieht. Selbst auf GPS verzichte ich gerne beim Wandern.


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#19 Heute, 13:58 von jujo
...

Ein Klassenkamerad meiner Tochter meinte schon Mitte der neunziger zum Sportlehrer ob ihm der Reckaufschwung für spätere Leben nützlich sein würde wenn er mit seinen Klienten golfen würde. Inzwischen golft er mit denen als erfolgreicher Anwalt!


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#20 Heute, 14:00 von MutzurLücke
Konservativ oder individualistisch?

Ein wenig mehr Selbstkritik Jener, die meinen, bestimmen zu können, was ein Student von heute gut zu finden hat und was nicht, wäre vielleicht angebracht. Auch ist nicht unbedingt immer eine bestimmte generelle Geisteshaltung nötig, um an einer Sache Spaß zu haben.

Vielleicht sind die beschriebenen Einzelfälle Zeichern von neuer Spießigkeit, vielleicht aber auch gerade nicht. Aus meiner Sicht ist es nicht weniger spießig, jemanden dafür zu verurteilen, dass er Spaß an einem von der "herrschenden Meinung" als bieder empfundenen Hobby hat. Wenn man schon von Studenten jugendliche Aufgeschlossenheit erwartet, warum muss dann ein Teil der möglichen Freizeitgestaltungen in Schubladen gesteckt und tabuisiert werden?

Die Geschmäcker sind halt verschieden, und nicht jeder hat zwangsläufig Spaß an dem, was gerade "angesagt" ist (das Wort hat übrigens nicht umsonst etwas Befehlendes, Einengendes). Umgekehrt ist eine Sache, an der schon die Eltern oder Großeltern Spaß hatten, nicht deshalb automatisch für den "modernen" Menschen ungeeignet. Er muss sich aber, um das unvoreingenommen beurteilen zu können, erst einmal über die Klischees hinwegsetzen, die die Blockwarte des Zeitgeistes zu verbreiten pflegen.

Andere müssen warten, bis der Zeitgeist etwas Altmodisches zum "Kult" erhebt, dem man fröhnen kann, ohne seine Selbst- uund Fremdbild der unbedingten Hipness zu gefährden. Da sind mir Freigeister, denen das egal ist und die einfach machen, woran sie Spaß haben, deutlich lieber. Letztlich sind sie es, die - in guter studentischer Tradition - gegen den Strom schwimmen.


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#21 Heute, 14:02 von Kater Karlo
Jede Generation

hat den Nachwuchs, den sie verdient.


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#26 Heute, 14:14 von tomprill
Kapitalismus pur

"Lucks glaubt, dass das Wissen über Wein ihr auch beruflich einmal helfen wird: ,Es ist doch gut, wenn ich mich bei einem Geschäftsessen ein wenig über Rebsorten austauschen kann.' "
Das scheint das Mantra vieler Leute der 1980-plus-Generation zu sein. Die Suche nach dem persönlichen Vorteil. Verrückte Denkansätze interessieren nicht mehr, auch Beziehungen sind nur so lange interessant, wie sie dem eigenen Vorteil nutzen. Der reinste Kapitalismus.


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#29 Heute, 14:17 von samothrake.von.nike
Ach Gottchen

Wie hier alle Älteren direkt über meine Generation ablästern. Wir sind nicht spießig, sondern normal. Die Großeltern in den 50ern waren spießig und konservativ. Unsere Elterngeneration der 69er hat meist auch nichts ordentliches hervorgebracht. Bei all dem Freiheitsdrang befindet sich in meinem Freundeskreis (alle um die 29, frische Juraabsolventen) eine Person, deren Eltern noch zusammen sind. Alle anderen sind Scheidungskinder und haben teilweise ihre Väter nicht kennen gelernt, weil die Mütter es nach der Trennung verhinderten. Wir hingegen haben stabilere Beziehungen, wie ich in meinem weiten Umfeld erkenne. Wir bilden einfach ein gesundes Mittelmaß, weder erzkonservativ wie die Großeltern, noch "free love and drugs" wie die Eltern. Und seien sie mal ehrlich, wären wir rebellisch, würden die meisten Älteren uns als "undankbar" bezeichnen ;)


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#30 Heute, 14:21 von schneegrauchen
Was mir auffällt:

wir sprechen in diesem Artikel von Generation Biedermeier, eine Generation sind aber sehr viele. Nur die angesprochenen Personen waren alles Studenten! Es gibt aber in dieser Generation noch etliches andere; Auszubildenden, Arbeiter, Angestellte, sogar Selbständige, aber auch Arbeitslose. Und alle bürgerlich, sogar spießig eingestellt? Diesen Tenor kann ich nicht unterstreichen. Ich beobachte schon, dass es der Generation Y nicht mehr so wichtig ist, unabhängig, autark, selbständig und politisch aktiv zu sein, wie noch vor 30, 40 Jahren, aber deshalb auf eine neue deutsche Spießigkeit zu schließen, halte ich für verkehrt. Mglw. kommen die in dem Artikel angesprochenen Studenten aus einem behüteten Elternhaus und wollen sich diese Werte/Strukturen bewahren, andere haben anderes erlebt und/oder haben einfach andere Wertigkeiten.


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#32 Heute, 14:22 von kumi-ori

Ich finde es traurig, dass so viele Menschen glauben, Spießigkeit sei eine Frage dessen, was man anzieht, welche Hobbies man hat, ob man Jagdhorn spielt und wie die Kneipe dekoriert ist. Im Gegenzug glauben die Leute, wer Jeans mit Löchern kauft, Bassgitarre spielt und eine italienische Kaffeemaschine hat, der sei automatisch nicht spießig. Ein gefährlicher Trugschluss.


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#33 Heute, 14:23 von michael.woehler
Ist doch nicht neu!

Hier treffen sich (ohne nun jedem Einzelnen der Betroffenen zu nahe treten zu wollen) zwei Trends: 1. die neue Manufactum-am-Prenzlauer-Berg-Bürgerlichkeit und 2. die Vorzeigekinder aus dem Hotel Mama.
Jedem das Seine. Schön wäre es aber, wenn dies nicht mit zwei weiteren Phänomenen unserer Gesellschaft einher gehen würde: 1. einem Steuersystem, das auf leistungsfeindliche Weise die ohnehin priviligierten Kinder bevorzugt (selbst verdientes Einkommen wird im Durchschnitt 10x so hoch besteuert wie Erbschaften) und 2. dem engen Zusammenhang zwischen sozialer Stellung der Eltern und dem Bildungserfolg der Kinder, der in Deutschland wesentlich ausgeprägter ist als in anderen Ländern.


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#34 Heute, 14:23 von Pvanderloewen

Nur, weil ein Teil der Studenten den (pseudo-)bürgerlichen Lebensstil für sich entdeckt hat, bedeutet das noch lange nicht, dass es eine ganze "Generation Biedermeier" gibt. So ein Käse. Ich arbeite an einer Universität und sehe unter meinen Studenten (Fachbereich Jura, also die Studenten, die als die spießigsten verschrien sind) alle Möglichen Typen, da gibt es natürlich die "Golfer", aber genauso gut die "Gangsta" und "Rocker". Oder besteht eine "Generation" immer aus den Leuten, die am meisten auffallen?

Die älteren Generationen sollten endlich aufhören, die Studenten in bestimmte Schubladen zu packen und sie nach ihrem Wunsch formen zu wollen ... angeblich sind Studenten zu spießig, zu unpolitisch, zu wenig engagiert... aber haben die Herrschaften, die vor 30-40 Jahren Studenten waren und mit Studentenbewegung, Anti-Atom-Protesten, Umweltbewegung usw gegen ihre Eltern aufbegehrt haben, mal darüber nachgedacht, dass die heutigen Studenten ihnen nur auf neue Art sagen: "Fuck you, ihr alten Säcke"?


http://www.spiegel.de/forum//neue-buergerlichkeit-bei-studenten-die-neo-spiesser-thread-216714-1.html

....


Aus: "Neue Bürgerlichkeit bei Studenten: Die Neo-Spießer" Rebecca Erken (07.01.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/stil/spiesser-studenten-entdecken-die-neue-buergerlichkeit-a-1011683.html


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[Wer wollte in einem Jahr wie diesem nicht... ]
« Reply #20 on: January 08, 2015, 12:12:03 PM »
Quote
[...]  ZEITmagazin: Herr Kocka, ist der Trend zum Rückzug ins Private, der nun vor allem die Jüngeren erfasst hat, ein neues Phänomen?

Jürgen Kocka: Sicher nicht. Es gab in der Geschichte immer wieder Zeiten des Rückzugs eines großen Teils des Bürgertums und der aktiven Kleinbürger und Arbeiter ins Private. Eigentlich immer nach Phasen des Umbruchs, nach einer großen öffentlichen Anstrengung und einer Überspannung der politischen Idee. Das war in den fünfziger Jahren so, nach der politischen Katastrophe der Diktatur, des Weltkriegs, der Zerstörung. Und es war in abgeschwächter Form nach der Reichsgründung 1871 so, vor allem aber nach der gescheiterten Revolution von 1848/49.

...


Aus: "Rückzug - Müde Bürger" Julia Friedrichs (29. Dezember 2014)
Quelle: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2015/01/rueckzug-entschleunigung-weltflucht

---

Quote
[...] Wer wollte in einem Jahr wie diesem nicht ab und zu die Augen verschließen, sich die Ohren zuhalten, die Sinne in Watte packen und der Welt entfliehen? Wir wissen aber, dass alles Verdrängen nichts hilft. Dass wir am Ende doch zurückkehren müssen in die raue, graue, banale, brutale Nachrichten-Wirklichkeit. Oder etwa nicht?

Diese Geschichte beginnt im Sommer 2014 in Berlin-Mitte. Die Auguststraße ist eine Hipster-Meile, Galerien-Gelände, Flanierstrecke der Avantgarde. Im Ladenlokal Book Couture bügelt eine Frau handgenähte Bucheinbände. Beim Feinspitz gibt es rund geflochtene Lederleinen aus New York und anderes Feines für Hund und Mensch. Und so ist das do you read me?! auch kein Zeitschriftenkiosk, sondern eine kuratierte Boutique für Magazine und Lektüre der Gegenwart. Wer hier eintritt, steht unter gut aussehenden Menschen, die in Magazinen blättern oder sich in einem edlen Periodikum festgelesen haben. Die Zeitschriften, die ich – in einer feinen Jutetasche – nach Hause trage, sind auf dickem Papier gedruckt, matt in der Farbgebung, erdig im Look. Sie heißen: Oak, die Eiche, Cereal, das Getreide, Escape, die Flucht, und Weekender – Das Magazin für Einblicke und Ausflüge. Und sie haben alle dieselbe Botschaft: Sie predigen das einfache, das gebremste Leben. Loben die vergessene Kunst des Papierschnitts, das meditative Zeichnen von Schmetterlingsflügeln, die Makrofotografie von Kakteenblättern. Erzählen Aussteigergeschichten im Dutzend, wie die von einem Paar, das seine Großstadtwohnung verlässt, um in einer Hütte in der Mojave-Wüste, Kalifornien, unter schlichten Bedingungen zu leben.

In keinem der Magazine findet sich auch nur ein Spurenelement dessen, was gemeinhin für einen elementaren Teil der Gesellschaft gehalten wird: Politik und Wirtschaft. Auch Konflikte oder Armut tauchen nicht auf, erst recht keine Kriege. Nichts Schwieriges, nichts Unbehagliches, kein Dreck. Die Verkäuferin – hübsch wie ihre Kunden – sagt, fast jede Woche kämen jetzt neue Hefte wie diese auf den Markt, europaweit. In Polen, in Skandinavien, in Großbritannien oder den Niederlanden: Look und Themen seien überall die gleichen. In den Händen, sagt sie, hielte ich einen "Megatrend". Ich zweifle.

Das war im Sommer 2014. Im Herbst zweifle ich nicht mehr. Jetzt muss ich nicht mehr nach Berlin-Mitte fahren. Andere Verlage haben ähnliche Weltflucht-Magazine für die Masse auf den Markt geworfen. Sie füllen nun sogar die Regale in profanen Kiosken, am Bahnhof, am Flughafen. "Da, wo auch die Gala verkauft wird", freut sich eine junge Heftkäuferin – sie ist Design-Studentin mit der Mission, Wildkräuter wieder populär zu machen. Während 2014 die Auflagen der Tageszeitungen weiter sanken und auch Spiegel, stern, Focus und die ZEIT um Leser kämpften, wussten die Macher der Wohlfühlzeitschriften nicht, wohin mit ihrem Glück.

Flow – Das Magazin für Achtsamkeit, Positive Psychologe und Selbstgemachtes aus dem Verlag Gruner + Jahr hat gerade die Auflage auf 220.000 Hefte erhöht. My Harmony – Das Magazin für gute Ideen und schöne Gedanken erscheint jetzt mit 100.000 Exemplaren. Und auch die Emotion Slow – Motto: Mehr Zeit fürs Wesentliche – die der relativ kleine Emotion Verlag herausgibt, hob gerade die Auflage zur zweiten Ausgabe auf 60.000 Hefte. Sinja Schütte, Chefredakteurin von Flow, sagt: "Als uns die Hefte derart aus der Hand gerissen wurden, war ganz schnell klar, dass da etwas Großes brodelt, dass sich da draußen wirklich etwas tut, dass es ein Trend ist, der weit über die Flow hinausgeht." Sie meint: Der Verkaufserfolg der Magazine sei bloß die Spitze des Eisbergs. Unter der Oberfläche verberge sich weit mehr: ein neuer Zeitgeist.

Tatsächlich neu? Wer sich in die Magazine vertieft, fühlt sich zurückversetzt – in ein Mädchenzimmer aus früheren Zeiten. Alles wirkt sanft und lieblich, viel Handgezeichnetes, kleine Bildchen, Drucke von Blättern und Wolken. Dazwischen Sätze, die aus einem Teenagertagebuch stammen könnten und Seite um Seite Wohlfühlmomente heraufbeschwören: "Man bückt sich nebenbei nach Kastanien und fühlt, wie sie den Händen schmeicheln. Man sammelt Herbstmomente, wenn man Kastanien sammelt." (My Harmony) "Wenn das Feuer im Ofen knistert und wir spüren, wie die Wärme in Wellen auf uns ausstrahlt. Wenn die Pferde auf der Wiese zufrieden schnauben." (Emotion Slow) "Seit ich mir die Zeit nehme, wirklich hinzusehen, fühlen sich so viele Momente, Beziehungen und Dinge anders an. Bedeutungsvoller. Schöner. Entspannter." (Flow)

Verwundert trenne ich kleine Beigaben heraus: ein Ausmalbuch für Erwachsene, darin "zarte Blumen, ein Fink oder gestempelte Sinnsprüche", Postkarten mit Fotos von Luftballons, Papierdrachen und Teetassen, ein Set aus Mach-dir-keine-Sorgen-Karten für den Nachttisch. Eine heile, warme, ängstliche, ganz und gar apolitische Haltung kommt mir da entgegen. Gibt es wirklich eine solche neue Jugendbewegung – raus aus der Welt, ins kuschelige Heim?

... Das Psychologenteam des Forschungsinstituts Rheingold aus Köln hat kürzlich in 100 zweistündigen Interviews junge Erwachsene nach ihren Wünschen und Überzeugungen befragt. Das Ergebnis: "Angesichts einer als zerrissen und brüchig erlebten Lebenswirklichkeit sehnt sich die Jugend nach Stabilität. Sicherheit und Kontrolle findet sie in der Flucht in eine abgesteckte, verlässliche Biedermeier-Welt." Ob Schrebergarten, Schrankwand oder Beamtenlaufbahn: "All das, was die Jugendlichen der siebziger Jahre noch aufbrachte, was ihnen Symbol einer bornierten, betonierten Welt war, wirkt in den Augen der Jungen heute begehrenswert." Das sagt der Studienleiter Stephan Grünewald. "Das Lebensgefühl, mit dem die Jüngeren aufgewachsen sind, ist ein ganz anderes: Früher wirkte die Welt vernagelt, heute ist sie instabil."

 Nicht nur die Jugend, auch die Älteren zwischen 40 und 60 Jahren fühlen sich bedrängt von den globalen Schrecken. Die Zeitschrift Landlust – sozusagen das Zentralorgan der Eskapisten – hat in den vergangenen fünf Jahren an Auflage zugelegt wie kein Blatt sonst. Im dritten Quartal 2014 verkauften sich pro Ausgabe 1.011.802 Hefte. Im Vergleich zu 2009 ist das ein Plus von 87,3 Prozent. Auch in Landlust dreht sich alles um Garten, Küche und Natur. Die Sprache ist freundlich, Konflikte gibt es nicht.

Man habe es, sagt die Soziologin Cornelia Koppetsch, Autorin des Buches Die Wiederkehr der Konformität, seit einigen Jahren mit einem "neuen Mentalitätstypus" zu tun, dem sich immer mehr Menschen öffneten. Und sie ist überzeugt: "Bei den Wertvorstellungen findet ein Rückzug aus dem öffentlichen Leben statt. Die Mentalitäten des neuen Jahrhunderts weisen mehr Ähnlichkeiten mit der Moral der fünfziger und sechziger Jahre auf als mit der postmodernen Vielfalt der achtziger Jahre."

 Ein neuer Zeitgeist also? In soziologischen Studien greifbar, von Zeitschriftenmachern identifiziert, noch namenlos, noch gesichtslos, beschrieben als "Mentalitätstypus", als generationelles Charakteristikum, als Massenflucht in den Biedermeier. Das fasst den Trend. Hinter den Zahlen aber verbirgt sich, was eigentlich zählt: das Leben vieler Einzelner, die auf erstaunliche Art ähnlich denken.

Es sind Menschen wie Amber Riedl. Sie ist ein zartes Wesen in hauchdünner Seidenbluse, die langen braunen Haare fallen glatt. Amber ist 33. Sie hat in Kanada Politikwissenschaften studiert. In ihrem ersten Job – bei Transparency International – wagte sie sich vor in die Untiefen unserer beschädigten Welt und half, Korruption aufzudecken. Heute macht Amber Riedl etwas anderes: Sie bietet Näh-, Strick- und Häkelkurse im Internet an. Und, als smartes Extra für ihre jungen Kundinnen: Pappboxen, in denen alles bereitliegt, was man braucht, um sich spontan Pulswärmer zu stricken, ein Sommerkleid zu nähen oder ein Stoff-Meerschweinchen zu basteln, das Flow begeistert abdruckte.

...  Die Handarbeit – ein Pflaster für die Wunden, die die Arbeitswelt schlägt? Vielleicht ist es auch der unbewusste Wunsch, sich verloren gegangene Kompetenzen anzueignen, um in einer ganz anderen Gesellschaft der Zukunft bestehen zu können, in der die Industrialisierung zusammengebrochen sein könnte.

Vor allem das Berufsleben der Jungen sei komplizierter und unsicherer als das ihrer Eltern, konstatiert der Soziologe Hurrelmann. Die jüngere Generation habe es heute schwerer, sich zu etablieren. Egal, ob zu Beginn der Ausbildung, im Studium, beim Einstieg in den Beruf oder wenn sie Eltern werden, bei jedem Übergang müssten junge Menschen erhebliche Kräfte mobilisieren, um die Chance auf eine Karriere zu wahren. "Wir hören in den Studien oft: ›Wenn ich keine Grenzen ziehe, bin ich mit 40 kaputt‹ ", sagt Hurrelmann. Daher der Rückzug, die Sehnsucht nach der Höhle als Reaktion auf eine Arbeitswelt, die ständig antreibt, einfordert, abverlangt.

... Ein zittriges "Pong" hallt durch einen Saal mitten in Berlin. Die Slow Living Conference, die erste deutsche Konferenz für "Entschleunigung, Einfachheit und Nachhaltigkeit", wird mit sanftem Schlag auf die Klangschale eröffnet. Um mich herum: ein junges Großstadtpublikum, in der Mehrzahl weiblich, viele von ihnen – das höre ich in der Pause – Leserinnen der Zeitschriften Flow und Emotion Slow (Letztere liegt auf jedem Tisch aus). Vorne steht Ragnar Willer, bärtig, Konsumsoziologe. "Slow Living ist in den USA schick und trendy", sagt er ins Publikum. "Und wir wollen diesen Trend nach Deutschland holen." Er lächelt. "Fühlen Sie sich entschleunigt!" Er bemüht ein schönes Bild: "Wir strampeln auf rutschenden Abhängen." Bleiben Verlangsamung und Rückbesinnung als einzig gesunde Reaktion. "Wir fragen nach der Seele, nach der Essenz der Dinge", sagt Willer. "Was früher glänzte, ist heute matt. Still sein. Stillstehen. Stillsitzen ist Luxus".

 Hier lerne ich nun, wie man im Geiste des Slow Living die Welt verändert: Ein junger Mann führt eine App vor, die stundenweise das Smartphone blockiert, um der permanenten Erreichbarkeit zu entfliehen. Ein anderer erklärt, wie er sich beigebracht hat, Holzbrillen mit der Hand zu fertigen. Wir müssen alle wieder lernen, Dinge selber zu machen, höre ich. Ein Zwillingspaar stellt seine Modekollektion vor, gefertigt aus nachwachsenden und veganen Materialien. Der Weg, um die Natur und Mensch ausbeutende Modeindustrie zu umgehen, erfahre ich.

Ich frage nach dem Preis der Brille: 800 Euro. Und die nachhaltige Hose? 300 Euro. In der Pause trete ich – meinen Wildkräutersnack noch in der Hand – auf die Straße. Und stehe in der Realität des Berliner Kiezes: Eine großflächig tätowierte Frau schiebt einen Buggy vorbei. Eine Alte mit blauädrigen, angeschwollenen Beinen schlurft über den Bürgersteig. Ein Mann hält sich an seiner Sternburg-Bierflasche fest und brüllt in sein Handy.

Ist das der Weg, etwas Neues zu schaffen? Handgemachte Brillen? Vegane Hosen? Die mehr kosten, als die Menschen draußen vor dem Kongresszentrum im Monat zum Leben haben? Ist das "Slow"- und "Mindful"-Programm nichts als ein elitäres Projekt? Ich denke an einen Freund, der manchmal böse zischt: "Fuckin’ First World problems." Sarina Hassine, die Achtsamkeitstrainerin, sagt dazu: "Natürlich ist es das Privileg einer Luxusgeneration. Die Kriegsgeneration, auch die Nachkriegsgeneration, hatte mit existenziellen Nöten zu kämpfen. Es war nicht die Zeit, sich derart mit sich selbst zu beschäftigen. Aber ich finde es toll und so wertvoll, dass wir diesen Luxus haben. So können wir vielleicht Verhaltensweisen, die uns schaden, tatsächlich ändern."

... Edgar Allan Poe erzählt in seiner Novelle Die Maske des Roten Todes von der Vergeblichkeit des Eskapismus: Sie handelt vom Prinzen Prospero, der glaubt, dem Roten Tod – einer Pest, die im Lande wütet – entkommen zu können. Gemeinsam mit Gleichgesinnten zieht er sich in eine Abtei zurück. Umschlossen von Mauern, geschützt von eisernen Toren, versorgt mit Leckereien und Luxusartikeln. "Die Welt da draußen mochte für sich selbst sorgen", heißt es. Doch eines Nachts, als die Bewohner einen rauschenden Maskenball feiern, schleicht eine Gestalt durch die Gänge, niemand kennt sie, niemand weiß, wie sie hereingekommen ist. Sie trägt das Kostüm einer Pestleiche. Die Gesellschaft ist schockiert. Die Gestalt lässt sich nicht ergreifen, nicht töten: Es ist die Pest selbst – weder Mauern noch Tore konnten sie abhalten.

...


Aus: "Entschleunigung - Die Welt ist mir zu viel"
Julia Friedrichs, ZEIT Magazin Nr. 1/2015 8. Januar 2015
Quelle: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2015/01/entschleunigung-biedermeier-handarbeit-stressabbau

« Last Edit: January 08, 2015, 12:14:31 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Das behagliche Sofa der Nostalgie... ]
« Reply #21 on: March 25, 2015, 08:59:12 AM »
Quote
[...] Winnetou, so erfuhren wir am Wochenende, kehrt zurück, als Mehrteiler neu verfilmt für RTL. Ein paar Tage zuvor war bereits das Comeback von Timm Thaler verkündet worden, dem Jungen, der 1979 so um Weihnachten rum im ZDF sein Lachen verkaufte [...] Die Film- und Fernsehindustrie setzt jetzt offenbar gezielt auf die Nostalgie der 35- bis 45-Jährigen. [...] Sind im besten Alter für eine Midlife-Crisis, beäugen also die nähere Zukunft und die nähere Vergangenheit misstrauisch und lassen uns nur allzu gern in das behagliche Sofa der Nostalgie fallen. Entsprechend dazu steht dieses Sofa ja heute in unseren Wohnzimmern voller Retrodesign. 

Wir sind die letzte Generation, deren Kindheit analog war. Die Zukunft wird immer digitaler, und Retro beruhigt. Dass wir uns, wenn wir eine futuristische Lampe aus den 1970ern ins Wohnzimmer stellen, nach einer Vergangenheit sehnen, die sich selbst nach der Zukunft gesehnt hat, ist fast ein bisschen komisch. Oder traurig. Aber egal, sieht nämlich gut aus. Vor allem, wenn man beim Fotografieren mit dem Smartphone noch so einen 1970er-Jahre-Farbfilter drüberlegt.

...


Aus: "Generation Glotz" Anna Kemper (24. März 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2015-03/winnetou-remake-fernsehen-nostalgie-gesellschaftskritik


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[Er soll Rückzug und Weltabschied bieten... ]
« Reply #22 on: May 13, 2015, 10:05:56 AM »
Quote
[...] Müsste man eine Karikatur zum Thema bürgerliche Gemütlichkeit zeichnen - der Ohrensessel wäre dabei so sicher gesetzt wie das Kaminfeuer, das gute Buch und Hausschuhe. Kein anderes Möbel strahlt eine solche Zufriedenheit aus, kein anderes definiert das Zuhause-Sein seit Jahrhunderten so gut wie der große Sessel mit den Ohrenbacken, die seinen Insassen vor den Unbilden der Welt abschirmen.

Vielleicht, weil es von diesen Unbilden wieder besonders viele gibt, erlebt die große, gepolsterte Sitzmaschine in diesen Jahren ein sehenswertes Comeback. Fast alle namhaften Hersteller haben neue Ohrensessel im Programm oder Klassiker wieder aufgelegt. Und nicht nur das, es ist ihnen auch gelungen, die Gleichung Kaminsessel+Fußhocker = Spießerglück umzudrehen und daraus ein Supermöbel zu machen, mit dem sich jedes anspruchsvolles Interieur krönen lässt.

Bei Preisen von 5000 Euro und mehr, wie sie etwa für den "Grand Repos" Sessel von Vitra (Entwurf von 2011), den "Ro" von Jamie Hayon für Fritz Hansen (Entwurf von 2013) oder den "808" von Thonet (Entwurf von 2014) bei entsprechender Stoff-Konfiguration fällig werden, ist mit dem großen Sessel auch ein neues Statussymbol im Haus.

Das hat durchaus historische Richtigkeit, als Erfinder des Ohrensessels gilt immerhin Charles II., der als König den Puritanismus in England für beendet erklärte und wieder etwas mehr Lebensfreude einkehren ließ, wozu auch bequemeres Sitzen gehörte. Mit Arm- und Kopfstützen versehen, entstand so gegen 1660 bei Hofe der "sleeping chayre", der noch etwas später seine kantige Urform gegen sinnlichere Linien eintauschte. Seitdem hält der mächtige Stuhl mit den Konstanten hohe Lehne, Seitenhalt und tiefer Sitz Einzug in die Wohnkultur und erfuhr als Club-, Großvater-, Chef- und letztlich Fernsehsessel immer neue thematische Zuweisungen.

Der andere Sitzplatzhirsch, der ihm noch in Preis und Funktion das Wohnzimmer streitig macht, ist das Sofa. Aber anders als die weiten Polsterflächen, die in den letzten Jahrzehnten zunehmend modular und strukturloser designt wurden, verspricht der Ohrensessel festen Halt, bei gleichzeitiger Wahrung der Gemütlichkeit. Anders gesagt: Während man in der Sofalandschaft zum wenig zivilisierten Fläzen neigt, behält man im großen Sessel die Würde des Sitzenden, kann aber eben trotzdem sanft versacken, sei es durch raffinierte Polsterung oder Wipptechnik.

... Er soll abschirmen und maximalen Rückzug und Weltabschied bieten, auch wenn der Betrieb ringsherum summt. Dank Drehgestell und Feder ist man bei Bedarf aber auch schnell wieder mittendrin, der Sitzende kann sich sozusagen selbst an- und abschalten. Dieses schnelle Verschlucktwerden ist die Kernkompetenz des Möbels, an der heute immer noch getüftelt wird.

... Ob als Oase innerhalb des Familientrubels oder einziger Wärmeort in der modernen Ungastlichkeit eines Architektenhauses mit Sichtbeton und bodentiefen Fenstern - Bedarf dafür gibt es genug. Außerdem eignen sich die Supersitze auch für die heimliche Hauptbeschäftigung dieser Zeit optimal: das Herumschieben von digitalen Inhalten auf Tablets und Smartphones, das ganze haltlose Im-Netz-Sein lässt sich in der angenehm echten Tiefe eines hohen Sessels beinahe genießen. Und für den unbehausten Unternehmensberater, der jedes Jahr die Stadt wechseln muss, ist ein großer Sessel vielleicht das einzige Stück Heimat und Lebensart, das sich mitzunehmen lohnt.


Aus: "Rückkehr des Ruhesitzes" Max Scharnigg (12. Mai 2015)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/stil/moebel-ruhesitz-1.2468275

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[Während... ]
« Reply #23 on: August 02, 2015, 09:31:45 PM »
Quote
[...] Während sich die Intelligenz Europas weitgehend in biedermeierlichen Rückzugsgefechten verliert – selbstverständlich moralisch integer und keinesfalls mitschuldig –, hat uns die neoliberale Realpolitik den Boden unter den Füßen weggezogen.


Aus: "Essay zum Linksliberalismus in Europa: Revolution. So friedlich wie möglich" Anselm Lenz (02.08.2015)
Quelle: http://www.taz.de/Essay-zum-Linksliberalismus-in-Europa/!5216612/


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[Zur neuen Biedermeierlichkeit... ]
« Reply #24 on: October 05, 2016, 09:49:18 AM »
Quote
[...] Die Regisseurin Aslı Özge hat einen der interessantesten Filme des Jahres gedreht. Ihr Thriller "Auf einmal" entwirft ein grausames Bild unserer Wohlstandsmittelschicht.

In ihrem dritten Spielfilm zeichnet Özge meisterlich das Sittenbild einer Generation von Wohlstandskindern. Von den Eltern mit allem überversorgt, stehen sie nun als Dreißigjährige völlig hilflos mit dem Leben und seinen Problemen da. 

Auf fast gespenstische Weise haben Karsten und seine Freunde die Rituale ihrer Eltern übernommen, ja, sie übertreffen diese noch an Biederheit. Das Büffet mit Gemüsestreifen, die uniformierten Anzüge der Bankkollegen, die Dialog-Choreografie auf den Pärchenabenden. Interessanterweise passen diese alt gewordenen Jungen in die Geschichte der realen Stadt Altena: Sie ist – Zufall oder nicht – eine der Gemeinden mit dem stärksten Bevölkerungsrückgang in Deutschland.

Auf einmal ist ein deutscher film noir im besten Sinne. Özge spielt aus, wie dehnbar die Begriffe Loyalität, Ehrlichkeit und Vertrauen sind. Und wie sehr Macht und Ansehen in Deutschland vererbt werden. ...


Aus: ""Auf einmal": Viele gute Menschen und eine Tote" Carolin Ströbele (4. Oktober 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/film/2016-09/auf-einmal-film-asli-oezge/komplettansicht

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[Zur neuen Biedermeierlichkeit... ]
« Reply #25 on: November 24, 2016, 03:33:13 PM »
Quote
[...] Heute feiert vieles, das lange als fürchterlich bürgerlich galt, ein Revival. Das gilt nicht nur für die Jagd, sondern auch für Benimmkurse, Weinabende und seit einiger Zeit auch für den Möbelgeschmack. ... Soziologen halten den Trend, der sich in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen zeigt, für eine Art Gegenbewegung, eine Reaktion auf eine Welt, die immer schneller, lauter und gefühlt auch immer unsicherer wird. Menschen zwischen 20 und 30 seien in einer Zeit aufgewachsen, in der vieles irgendwie an den Abgrund geriet: die Stabilität der Währung, die Weltwirtschaft, das Klima. Nun sehne man sich nach etwas mehr Beständigkeit und Ruhe - und finde sie auch beim Rückgriff auf die Vergangenheit.

... Weil Forscher (und auch Journalisten) es lieben, junge Menschen in ein Generationskorsett zu zwängen, entschieden sich die Wissenschaftler des Kölner Rheingold-Instituts daher sogar für den Namen "Generation Biedermeier". Eine Anspielung auf die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die heute als Inbegriff des Bürgerlichen gilt. Damals, so behaupten Historiker, hätten sich die Menschen besonders gern in ihrem eigenen Wohnzimmer und bei der Familie aufgehalten: Es sei die Zeit der Kaffeekränzchen, Stammtische und hausbackenen Hobbys wie Handarbeit und Spaziergänge gewesen.

... Wie sehr sich die studentischen Leidenschaften geändert haben in den vergangenen Jahren, hat auch Stefan Grob festgestellt. Dem Sprecher des deutschen Studentenwerks ist zum Beispiel aufgefallen, dass an den Universitäten derzeit all jene Abendkurse großen Zuspruch finden, die sich mit Tischsitten oder Weindegustation beschäftigen. "Da gibt es einen regelrechten Run", sagt er.

Beispiel Bad Honnef: Dort gönnt sich die 22-jährige Marleen Lucks an einem Abend im November gerade einen guten Weißen zum Entrée. Allerdings sitzt die Studentin des Luftverkehrsmanagements nicht in einem schicken Sterne-Etablissement, sondern im hauseigenen Restaurant der Internationalen Hochschule. Studenten in strahlend weißen Kochjacken servieren ihren Kommilitonen im Rahmen einer sogenannten Fine-Dining-Veranstaltung ein Fünf-Gänge-Menü.

Lucks und die 74 anderen Studenten, die hier zusammen speisen, haben sich schick gemacht: Sie tragen Hemden, Blusen, Halstücher, Perlen und Goldschmuck. Ein Pianospieler sorgt für dezente Hintergrundmusik. Der Weinklub der Hochschule, die "Grape Society", hat die passenden Weine zum Menü ausgewählt, das heute unter dem Motto "Indien" steht. Silvaner, Blanc de Blancs und Grauer Burgunder begleiten Tandoori Chicken, Fischsuppe und Butter-Curry-Lamm. Zum Dessert gibt es leckeres Chai-Tee-Parfait.

Die feste Abfolge der Gänge, die dazu servierten Weine, das edle Ambiente - all das kommt gut an bei den Studenten. Seit sie regelmäßig am Fine-Dining-Abend teilnimmt und Mitglied in der "Grape Society" ist, veranstaltet Marleen Lucks sogar selbst Weinabende in ihrer WG. "Jeder Gast bringt eine Flasche mit", erklärt sie und zählt dann ihre Lieblingssorten auf, darunter Spätburgunder, weil er "vollmundig, aber nicht so schwer" sei. Lucks glaubt, dass das Wissen über Wein ihr auch beruflich einmal helfen wird: "Es ist doch gut, wenn ich mich bei einem Geschäftsessen ein wenig über Rebsorten austauschen kann."

...

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hansmaus 07.01.2015

1. bürgerlich - hmmm also die meisten alt 68er von einst sind heute spießiger als die Generation denen sie den Muff aus 1000 Jahren austreiben wollten. Von daher ist es nur konsequent das die neue Generation den Quatsch gleich überspringt und sich zu dem bekennt was sie wirklich ist: spießig, kleingeistig und Vereinsmeierisch.


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FNagel 07.01.2015

9. Das Jägertum ist nicht bürgerlich. Es ist ein Relikt aus der Lebensweise der Aristokratie, von der das Bürgertum sich als Symbol seines Aufstiegs halt dies und jenes Statussymbol abgeschaut hat. Daß die Aristokraten mit der Jagd wiederum selbst ein Relikt aus der Zeit Jäger und Sammler weiterpflegten, unterstreicht nur, was viele Hobbies im Grunde sind: Erinnerung an die gewöhnliche tägliche Arbeit untergegangene Kulturen.


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killing joke 07.01.2015

10. Hierarchiepraxen

Es geht nicht um Tradition oder Selbstvergewisserung, sondern um die kulturellen Praxen der Selbstpositionierung in einer hierarchischen Rangordnung, die immer weniger durch Leistung bestimmt wird, sondern durch soziale Zuweisung.


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twister-at 07.01.2015

11. Was für ein Mischmasch

Schrebergarten, Jagd, Geweihe und Goldrahmen und Golfspielen - und all das ist irgendwie spießig... aehm, zeugt das nicht eher von der Spießigkeit der Betrachtet, die Leute noch immer in Schubladen packen. Golf ist ein sehr netter Sport und wird glücklicherweise auch günstiger, ein schrebergärtchen ist für viele deshalb praktisch weil sie eigenes Gemüse anbauen können aber die Wohnung keinen Platz dafür bietet usw. usf. Wie mir diese Schubladen auf den Nerv gehen - jaja, wer golft, der will eigentlich nur Geschäfte mit Reichen abschließen; der Jäger nur Viecher abknallen, wie geil, höhö; der Weinverkostet will elitär sein und wer sich abends mal anhübscht zum Treffen, der ist schon total Mainstream... Erinnert mich an die ersten Reaktionen auf die Ankündigung, ich würde heiraten. Oh nein, wie spießig, wie kann ich nur usw. usf. Dass ich auch noch ein weißes Hochzeitskleid trug und dass ich jetzt sogar noch auf einem Bauernhof lebe - wie reaktionär geradezu. Und ich koche sogar während der Ehemann ja "auf der Arbeit ist". Führte bei einigen dazu, dass sie mich dann gleich aus der Freundesliste strichen. Ach, Schubladen sind soooo schön.


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Iggy Rock 07.01.2015

12. Unbekannte Welten

In einer immer schnelllebigeren Zeit, verwundern mich solche Entwicklungen überhaupt nicht. Ich habe selber seit Jahren Papas Vinylsammlung bei mir stehen, sie selber noch aufgestockt und um einen Röhrenverstärker nebst puristischem Plattenteller bereichert. Unter freiem Himmel wird geangelt, gewandert, Wein, Salat und Tomaten kultiviert. Im Herbst werden Pilze und Maronen gesucht und das Jahr über gerne selbst gekocht, in Nicht-rostfreien, klassischen Pfannen. Als Spießbürger würde ich mich nicht bezeichnen, noch nicht einmal als Konservativer, obwohl ich gerade bei diesen Hobbys moderne Entwicklungen konsequent ablehne. Altbewährtes ist einfach besser wie Produktvielfalt, die schon morgen aus der Mode ist oder schnell verschleisst. Nicht zu verachten ist dabei auch der ökologische Aspekt, gutes Werkzeug hält ein Leben lang, ordentliche Kleidung viele Jahre. Die Sachen sehen zwar aus, wie vom Großvater, aber sie sind funktional, für den Besitzer. Dieser Wandel im Denken und Konsum fing bei mir mit etwa 20 Lebensjahren an, 40 bin ich noch lange nicht. Merkwürdigerweise erstreckt er sich nicht auf moderne Elektronik, insbesondere IT. Aber ich weiss eben auch, dass es völlig ohne moderne Kommunikationsmittel geht. Ich brauche kein Internet um 50 Pilzarten voneinander zu unterscheiden, auch nicht um zu wissen, wie Waldmeister aussieht. Selbst auf GPS verzichte ich gerne beim Wandern.


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MutzurLücke 07.01.2015
19. Konservativ oder individualistisch?
Ein wenig mehr Selbstkritik Jener, die meinen, bestimmen zu können, was ein Student von heute gut zu finden hat und was nicht, wäre vielleicht angebracht. Auch ist nicht unbedingt immer eine bestimmte generelle Geisteshaltung nötig, um an einer Sache Spaß zu haben. Vielleicht sind die beschriebenen Einzelfälle Zeichen von neuer Spießigkeit, vielleicht aber auch gerade nicht. Aus meiner Sicht ist es nicht weniger spießig, jemanden dafür zu verurteilen, dass er Spaß an einem von der "herrschenden Meinung" als bieder empfundenen Hobby hat. Wenn man schon von Studenten jugendliche Aufgeschlossenheit erwartet, warum muss dann ein Teil der möglichen Freizeitgestaltungen in Schubladen gesteckt und tabuisiert werden? Die Geschmäcker sind halt verschieden, und nicht jeder hat zwangsläufig Spaß an dem, was gerade "angesagt" ist (das Wort hat übrigens nicht umsonst etwas Befehlendes, Einengendes). Umgekehrt ist eine Sache, an der schon die Eltern oder Großeltern Spaß hatten, nicht deshalb automatisch für den "modernen" Menschen ungeeignet. Er muss sich aber, um das unvoreingenommen beurteilen zu können, erst einmal über die Klischees hinwegsetzen, die die Blockwarte des Zeitgeistes zu verbreiten pflegen. Andere müssen warten, bis der Zeitgeist etwas Altmodisches zum "Kult" erhebt, dem man fröhnen kann, ohne seine Selbst- und Fremdbild der unbedingten Hipness zu gefährden. Da sind mir Freigeister, denen das egal ist und die einfach machen, woran sie Spaß haben, deutlich lieber. Letztlich sind sie es, die - in guter studentischer Tradition - gegen den Strom schwimmen.


Quote
Kater Karlo 07.01.2015

20. Jede Generation
hat den Nachwuchs, den sie verdient.


...


Aus: "Stil-Klassiker: Bürgerlichkeit bei Studenten - Die Neo-Spießer" Rebecca Erken (07.01.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/stil/spiesser-studenten-entdecken-die-neue-buergerlichkeit-a-1011683.html

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[Zur neuen Biedermeierlichkeit... ]
« Reply #26 on: December 25, 2016, 02:47:03 PM »
Quote
[...] Im Magazin Landlust ist das Leben einfach, einfach schön: alte Einmachgläser, dekorative Strohballen, reizende Haarkränze aus duftenden Wiesenblumen; man kann ganz einfach rote Kerzen in rote Äpfel stecken, schon hat man einen romantischen Adventskranz. Den weihnachtlichen Mürbeteig füllen wir einfach »mit fruchtigem Aprikosenmus, zimtiger Nussmischung sowie feiner Orangenfüllung« und in der kalten Jahreszeit stricken wir uns gemütliche Pulswärmer. Ja, hier hat noch jedes Substantiv sein Adjektiv, hier schmeckt’s, hier ist’s gesund, hier ist’s übersichtlich – und besonders wichtig: ganz natürlich.

Allein im zweiten Quartal 2016 verkaufte die Landlust 946 159 Hefte und damit deutlich mehr als Spiegel und Stern. Abgesehen von einigen Fernsehzeitschriften ist sie das erfolgreichste Magazin Deutschlands: ein großer Markt für Idylle. Die Welt jenseits dieser Idylle sieht bekanntlich anders aus: Islamisten, Putin, Trump.

... Und die alten Werte – sie gelten nicht mehr. Gott ist tot, die Familie gay, überall Sex und Chemie. Die Ökonomie ist ebenfalls aus den Fugen: Krisen, Crashs, auch die neue Arbeitswelt kennt keine Gewissheiten mehr. Schließlich droht auch noch beständig die Apokalypse: Weltkrieg und Klimawandel.

Da wundert es wenig, wenn Menschen lieber in Magazinen wie Landlust, Landleben oder Landidee blättern. Sie ziehen das einfache, naturverbundene Leben, das stille Glück im heimischen Landhaus oder der auf Landhaus getrimmten Stadtwohnung dem Weltchaos vor. Zumindest als Projektion, als Sehnsuchtsort – denn wer wirklich auf dem Land lebt, also auch arbeitet, dessen Welt besteht weniger aus duftenden Zimtschnecken und wintergrünem Thymian in mediterranen Terrakottatöpfen als aus Traktor, Gülle und Gummistiefeln.

Dass sich heute viele Menschen von der digitalisierten, globalisierten, entwerteten Welt überfordert sehen und deshalb »zurück zur Natur« wollen – während gleichzeitig immer mehr in die großen Städte ziehen –, ist historisch nichts ganz Neues. In der Biedermeierzeit Anfang des 19. Jahrhunderts zog sich das neue Bürgertum, erschrocken von den politischen Wirren jener Zeit, zur Hausmusik in seine schrecklich gemütlichen Wohneinrichtungen zurück. Vor allem aber geschah Vergleichbares in der darauffolgenden Zeit der Industriellen Revolution, als eine ganz ähnliche Verunsicherung um sich griff wie heute. Auch damals verstanden viele die Welt nicht mehr, kamen nicht mit den technologischen Entwicklungen mit, waren von den neuen Maschinen, Verkehrsmitteln und Wirtschaftsformen, dem allgemeinen Wertewandel überfordert.

Damals entstand als Reaktion die Lebensreformbewegung, was eigentlich nur ein Überbegriff ist für eine Vielzahl von Reformbewegungen, denen es darum ging, die vermeintlich drohenden »Zivilisationsschäden« und »Zivilisationskrankheiten« durch eine Rückkehr zu »naturgemäßer Lebensweise« zu vermeiden und zu heilen. Damals etablierte sich die Naturheilkunde, die Reformpädagogik, die Freikörperkultur, Landkommunen verschiedenster Art: völkische, anarchistische, religiöse und esoterische. Die Rohkost und die Vollwertkost erlebten hier ihre erste Hochphase, der Vegetarismus ein Revival. Die damals gegründeten Reformhäuser und der Deutsche Vegetarierbund sind Überbleibsel dieser Zeit.

... Ob Rohkost, bio, laktosefrei, glutenfrei, »clean«, vegetarisch oder vegan: Dass auch diese Ernährungsformen als Reaktion auf das Überforderungsgefühl gegenüber der heutigen Zeit verstanden werden können, erklärt die Soziologin Jana Rückert-John. Sie sagte dem Fernsehsender N-TV: »Die verschiedenen Ernährungstrends fokussieren alle verschiedene Aspekte. Sie präferieren jeweils eine bestimmte Art der Ernährung und schließen eine andere aus. Typisch für alle ist, dass man sich auf bestimmte Produkte oder eine bestimmte Auswahl beschränkt, die dann gegessen werden. Im Fachjargon sind Ernährungstrends Strategien der Komplexitätsreduktion.« Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen, meint, dass tradierte Ordnungssysteme wie Religion und Familie an Bedeutung einbüßen, deshalb verlagere sich die Sinnsuche in die eigene Küche: »Was ich esse, ist eine Facette des Ichs, die ich vergleichsweise leicht selbst bestimmen und ändern kann.«

Das »Zurück zur Natur« dieser Tage, die Glorifizierung des – vermeintlich – Ursprünglichen ist keine Hinwendung zur Natur, sondern die Simulationen einer Natürlichkeit, die es gar nicht gibt. Denn in der Natur ist nichts naturgegeben und unveränderlich. Im eigenen Kühlschrank, im Vorgarten oder Wohnzimmer möchte man eine kleine heile Welt schaffen, inmitten der großen allgemeinen Konfusion. Die rousseausche Hoffnung, dass der Mensch in der Annährung an seinen Naturzustand zu seinem guten Wesen zurückfinde, ist angesichts der politischen Weltlage zwar verständlich. Doch anders als zu Zeiten Jean-Jacques Rousseaus können wir heute wissenschaftlich belegen, dass mit unserer Vorstellung von Natürlichkeit weder Gesellschaft noch Natur »geheilt« werden können. Wollten alle Menschen einen Deko-Strohballen in ihren Vorgarten legen, benötigte man anderthalb Milliarden Tonnen Stroh – das ist doppelt soviel wie jährlich weltweit überhaupt Weizen produziert wird.


Aus: "Archiv - 51/2016 - Thema - über regressive Naturromantik - Das einfache Leben" Ivo Bozic (Jungle World Nr. 51, 22. Dezember 2016)
Quelle: http://jungle-world.com/artikel/2016/51/55430.html

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[Zur neuen Biedermeierlichkeit... ]
« Reply #27 on: November 23, 2017, 04:35:53 PM »
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[...] Für echte Rockfans, so wie mich, waren KuschelRock-Alben immer schon systematische Körperverletzung. Und tatsächlich gibt es sogar beim kuscheligen Kuschelrock einen zwischenmenschlichen Risikofaktor - denn es sollen auch immer wieder sich anbahnende Beziehungen platzen, weil er in ihrem Regal KuschelRock-CDs entdeckt. ... Kuschelrock-Alben werden übrigens nicht nur für die lieben Kleinen rausgebracht, sondern auch für ältere Semester, denn ab irgendeinem Punkt besteht das Leben mehr aus Erinnerungen als aus Absichten, und sehnsuchtsvolle Erinnerung ist ein beliebtes Mittel, der Ratlosigkeit zu begegnen! Deshalb waren auch 1987 schon Procol Harums A Whiter Shade Of Pale, When A Man Loves A Woman von Percy Sledge und Without You von Nilsson zwischen all diesen irgendwie seifigen Love Songs jener Zeit verstreut wie Rosenblätter im Badeschaum.  ... Doch wie Karl Marx bereits im ersten Band vom KAPITAL erkannte: Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein besonderes Bedürfnis befriedigt. Und erst recht trifft das auf Kuschelrock zu! ... Ja, toll zum Kuscheln ... Aber nirgends steht geschrieben, wie man Rockmusik zu konsumieren habe: Vielleicht ja so, wie mir, als ich noch jünger war, mal eine Frau sagte, als ich mir vor der Wohnungstür die Schuhe auszog: Den intellektuellen Überbau lässt Du aber auch draußen, okay?

...


Aus: "30 Jahre Kuschelrock" Eine Glosse von Laf Überland (23.11.2017)
Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de/30-jahre-kuschelrock-gift-fuer-singles-gefuehlskonserven.2177.de.html?dram:article_id=401357

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[Zur neuen Biedermeierlichkeit... ]
« Reply #28 on: May 08, 2018, 09:18:24 AM »
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[...] "Seid Ihr bereit für euer neues Haus?" – diese Frage ist fixer Bestandteil jeder Episode der amerikanischen Fernsehsendung Fixer Upper. Anschließend ziehen die Moderatoren eine große Schiebewand auseinander, hinter der ein frisch renoviertes Haus zum Vorschein kommt. Staunende Augen, hysterische Schreie und Umarmungen folgen. Die Kandidaten sehen zum ersten Mal ihr neues Zuhause, das zuvor von Chip und Joanna Gaines renoviert und eingerichtet wurde. Das Ehepaar aus Waco, Texas, ist Teil der wohl erfolgreichsten Hausrenovierungsshow aller Zeiten. Im Jahr 2013 vom Sender HGTV gestartet, wurde das Format sofort ein Hit. 14,5 Millionen Zuschauer sahen es wöchentlich. Vor wenigen Tagen wurde die letzte Folge in den USA ausgestrahlt, Chip und Joanna wollen sich nun auf andere Dinge konzentrieren.

Zu diesen Dingen gehört etwa das Immobilien- und Einzelhandelsimperium Magnolia, das aus ihrer TV-Sendung entstanden ist. Diese hat nebenbei die texanische Stadt zum Touristenmagnet gemacht. Den Magnolia Market in Waco besuchen 40.000 Menschen pro Woche. Es gibt Ferienappartements, einen Bauernmarkt, eine Bäckerei, ein Gartencenter und ein Restaurant. Sowohl Chip als auch Joanna haben Bücher herausgebracht, verlegen ein Magazin, haben Teppich- und Farblinien entworfen und verkaufen ihre Produkte etwa im Kaufhaus Target.

Das amerikanische Beispiel zeigt, was auch im deutschsprachigen Raum offensichtlich ist: Sendungen über Einrichten, Wohnen, Bauen und Renovieren boomen wie nie zuvor. Eine der aktuell beliebtesten Netflix-Serien heißt Die außergewöhnlichsten Häuser der Welt. Der zu ProSiebenSat1 gehörende Sender Sixx, auf dem auch Fixer Upper zu sehen ist, zeigt aktuell vier weitere Shows, die sich um diese Themen drehen – etwa die deutsche Produktion Boom My Room. Auf Kabel 1 läuft Schrauben, sägen, siegen, bei der die Kandidaten um die Wette renovieren. Auch in Österreich war und ist Wohnen und Bauen im TV ein Thema. Auf ATV läuft seit kurzem Kein Pfusch am Bau, in der der EU-Bausachverständige Günther Nussbaum Tipps gibt, wie Baumängel erst gar nicht auftreten. Ebenfalls mit ihm auf ATV zu sehen ist mittlerweile die 14. Staffel von Pfusch am Bau. "Weil die Quoten stimmen", wie Nussbaum im Gespräch mit dem STANDARD sagt.

Aber woher kommt das Interesse an den Themen Bauen, Wohnen und Renovieren? Warum boomen TV-Formate wie diese? Es hat sozialpsychologische und gesellschaftliche Gründe, weiß der Soziologe Rainer Rosegger. Er hat vor einigen Jahren untersucht, warum Menschen sich dafür entscheiden, ein Einfamilienhaus zu bauen. "In diesen TV-Formaten und in der Werbung werden genau die damals erhobenen Motive angesprochen", sagt Rosegger. Dazu gehöre erstens die Statusrepräsentation. "Ich kann mein Heim im TV präsentieren, dieses Bedürfnis wird so angesprochen und auch weitergegeben", so der Soziologe.

Dazu kommt eine Art neues Biedermeiertum, also ein zunehmender Rückzug ins Private, der in der Trendforschung "Homing" genannt wird. Dabei wird das Zuhause zu einem halböffentlichen Ort. Die Menschen laden Freunde zu sich ein, wollen zeigen, wie schön sie es haben. Rossegger sieht darin auch eine Parallele zu Kochsendungen, die schon seit längerem boomen. Drittens, so Rosegger, sei es vielen Menschen heute ein Anliegen, sich selbst zu verwirklichen. "Sie spricht der Do-it-yourself-Trend stark an. Selbst Hand anlegen – dazu motiviert auch die Werbung, etwa mit Slogans wie 'Respekt, wer's selber macht'."

Günther Nussbaum glaubt, dass viele Zuschauer sich mit den Protagonisten der Sendungen identifizieren können. "Jeder wohnt ja irgendwie und hat daher auch auf die eine oder andere Art Interesse an den Inhalten. Man fiebert mit, trauert, freut sich." Außerdem werde viel Information vermittelt. "Man kann also etwas lernen. Die Mischung aus Unterhaltung und Information mag das Geheimnis sein", so Nussbaum.

Wohnsendungen seien oft eine Mischung aus Reality-TV und Ratgebersendung, dadurch entstehe ein thematisches Interesse des Publikums, sagt der Medienforscher Jürgen Grimm von der Universität Wien. "Es ist ein Megatrend, den wir schon seit mehreren Jahren beobachten: Klassische Informationsvermittlung wird heute zunehmend dominiert durch Themen des Alltagslebens, etwa Wohnen, Gesundheit, Beziehungen." Und: Wohnen habe auch generell an Bedeutung gewonnen. "Es geht nicht mehr darum, nur funktional zu wohnen, die Menschen wollen sich geborgen und wohl fühlen."

Und die Folge? Grimm: "Wir wissen aus Untersuchungen, dass die Zuseher die eigenen Geschmäcker und Ansichten mit dem vergleichen, was sie auf dem Bildschirm sehen." Daraus resultiere ein Lernen, ein Schlussfolgern für die Gestaltung des eigenen Bereichs. "Die Menschen denken sich etwa: 'Diese Farbkombination könnte ich auch mal ausprobieren.'" Diesen Einfluss hält Soziologe Rosegger teilweise auch für problematisch. Er sieht den zunehmenden Flächenverbrauch durch den Bau von Einfamilienhäusern kritisch und befürchtet, TV-Sendungen könnten die Nachfrage weiter steigern. Dennoch gebe es Chancen: "Das Fernsehen könnte auch verdichtete Wohnformen positiv kommunizieren – auch in dem Bereich ist Selbstverwirklichung möglich." Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits getan: In der Sixx-Sendung Tiny House – Wohntraum XXS werden, wie es heißt, Wohnträume auf wenig Platz wahr gemacht. (Bernadette Redl, 6.5.2018)

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ringo102

Pfusch am Bau schau ich sehr gerne. Obwohl es fast immer um fehlende Abdichtungen oder falsch angelegte Dampfbremsen geht ;-)


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Peter Williams

Oder falsch eingebaute Fensterbänke.


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eisy57

Nach den besch... Kochshows der nächste Schwachsinn.


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Fräulein hübsch

Und die Bewohner sitzen immer im perfekt zusammen geräumten heim (wie auch sonst immer) in edler schale (wie auch sonst immer) mit dem glas rotwein (wie auch sonst immer) am Tisch und erzählen dass es hier so gemütlich haben.


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aufmerksamer_beobachter

Hoffentlich erklärt er noch, wie wunderbar er sich selbst verwirklicht hat.


...


Aus: "Warum TV-Sendungen über Bauen und Einrichten boomen" Bernadette Redl (6. Mai 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000078191646/Warum-TV-Sendungen-ueber-Bauen-und-Einrichten-boomen

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[Zur neuen Biedermeierlichkeit... ]
« Reply #29 on: March 05, 2019, 04:48:35 PM »
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[...] Lisz Hirn - Die 1984 geborene Autorin studierte Philosophie und Gesang in Graz, Paris, Wien und Kathmandu. Sie arbeitet in der Jugend- und Erwachsenenbildung, etwa am Lehrgang "Philosophische Praxis" der Universität Wien, und ist Obfrau des Vereins für praxisnahe Philosophie.

... Die Idee der "guten Mutti" hat hierzulande eine lange und ambivalente Geschichte. Sie beginnt mit einem Konzept, das seit Anfang des 19. Jahrhunderts alle Beziehungen zwischen Individuen prägte: die romantische Liebe. Seit die Familie als Keimzelle der Gesellschaft entdeckt und die Liebe zwischen Mutter und Kind "heilig" ist, hat sich die Rolle der Frau als Mutter wesentlich verändert. Das Muttersein wurde von der simplen biologischen Funktion zu einer normativen Idee, die alle anderen Rollen der Frau überlagerte.

Als Adolf Hitler in den 1930er-Jahren das "Mutterkreuz" für den verdienten "Dienst am Deutschen Volk" einführte, säte er auf bereits ideologisch fruchtbarem Boden. Das nationalsozialistische Frauenbild orientierte sich an der Ideologie der deutschnationalen oder alldeutschen Biedermänner, die über den "Emanzipationskoller der entarteten Weiber" schimpften und die "Entmutterung der Frauen" anprangerten. Diese "Berufung zur Mutter" als prägendes Frauenbild hat in Deutschland und Österreich bis heute überdauert. Auch die neuen deutschnationalen Biedermänner sprechen heute wieder von "geburtenorientierter Politik".

2013 schrieben sie in einem vom jetzigen FPÖ-Verkehrsminister Norbert Hofer herausgegebenen Buch von einem "natürlichen Brutpflegetrieb" des weiblichen Geschlechts: "Der vom Thron des Familienoberhaupts gestoßene Mann sehnt sich unverändert nach einer Partnerin, die, trotz hipper Den-Mädels-gehört-die-Welt-Journale, in häuslichen Kategorien zu denken imstande ist, deren Brutpflegetrieb auferlegte Selbstverwirklichungsambitionen überragt." Im Klartext bedeutet das: Eine Frau, die Mutter ist, soll sich weitgehend in den häuslichen Bereich zurückziehen, eigene Ambitionen aufgeben und sich vorrangig auf ihre Mutterpflichten konzentrieren. Doch nicht jede Frau macht das mit.

Dass sich Geschlechterrollen nicht so entwickeln müssen, zeigen vergleichende Recherchen mit anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich. Elisabeth Badinter argumentiert mit akribischer Schärfe in Die Mutterliebe, dass die Rolle der "Vollzeitmutter" nicht in der Natur der Sache liegt, sondern eine historisch gewachsene Institution ist, an der in Ländern wie Österreich und Deutschland unter zwei Prämissen auffällig stark festgehalten wird: Erstens geht das Wohl des Kindes über alles und zweitens kann dieses Kindeswohl nur durch eine 24-Stunden-Mutter-Kind-Beziehung garantiert werden. Während eine französische Maman ihre Rolle als Frau pflegen darf, wird ihr deutsch-österreichisches Pendant auf ihre Rolle als Mutter reduziert, die die Aufgabe des unabhängigen, selbstbestimmten Lebens der Mutter zum Wohl des Kindes einfordert. Die folkloristische Behauptung, dass die Mutter unersetzlich für das Kind und deshalb unabkömmlich sei, schlägt sich, wie im vorigen Kapitel ausgeführt, nicht nur in der fehlenden externen Kinderbetreuung und dem fehlenden partnerschaftlichen Ethos nieder. Tatsächlich macht kaum ein junges Elternpaar halbe-halbe. Es gibt den Versuch auf, bevor er überhaupt begonnen wurde.

Badinter hat gut belegt, dass Mutterschaft die Ungleichheit in der Paarbeziehung enorm verschärft. Egal ob mit oder ohne Trauschein lastet der Großteil der Hausarbeit auf den Schultern der Frauen. Die ungleiche Verteilung häuslicher Pflichten hat sich seit den 1950er-Jahren kaum verändert – vor allem nicht in den Köpfen der Menschen. Zwar hat "die Revolution der Sitten die Männer und Frauen mit der besten Ausbildung einander angenähert, während sie gleichzeitig diese Frauen von ihren weniger gut ausgebildeten Schwestern entfernt hat." Die sehr gut ausgebildeten Frauen verzichten eher für ihre Karriere auf Kinder, während den anderen mangels adäquater Angebote wenig überbleibt, als sich im Haushalt zu engagieren. Wer aufgrund schlechterer Qualifikationen oder Ausgangsbedingungen keinen Job findet, der finanziell genug abwirft, bleibt eher zu Hause. Das ist durch Zahlen gut belegbar. So ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau hierzulande nicht vom Migrationshintergrund, sondern in besonderem Maß vom Bildungsniveau abhängig. In Österreich bekommen in der Landwirtschaft tätige Frauen durchschnittlich 2,5 Kinder und türkisch-stämmige Frauen durchschnittlich 2,4 Kinder. Es wäre allerdings falsch, daraus zu schließen, dass wir das "langsame Aussterben der Österreicher" dadurch verhindern könnten, wenn wir mehr Städterinnen von den Vorteilen des Landlebens überzeugen, da sie dann liebend gerne Kinder bekommen würden.

 Spätestens nach dem medial breit rezipierten Aufschrei unter dem Hashtag #RegrettingMotherhood sickert diese Botschaft auch in das Bewusstsein der Konservativen. Diese reagieren mit Abwehr: Jede Frau, die sich nicht in das "Natürlichste auf der Welt" fügt, ist keine "richtige" Frau. Eine "richtige" Frau ist für ihre Kinder immer verfügbar, übernimmt das Gros der Erziehungs- und Hausarbeit und stellt die Bedürfnisse der Familie über die eigenen. Nebenbei verdient sie ein Taschengeld dazu, ist gut ausgebildet, schlank und sexuell attraktiv. Wie stark dieses Ideal als Bringschuld gegenüber einer Gesellschaft gesehen wird, deren Leistungsanspruch an die heutigen Frauen kaum Grenzen kennt, konnte man an den abwertenden Kommentaren gegenüber Politikerinnen wie Elisabeth Köstinger sehen, die ob ihrer Figur beschimpft wurde. Selbst die Biederfrauen sind von diesem Leistungsdruck nicht ausgenommen, sie schlagen mit noch mehr Funktionalität zurück und dem Image der glücklichen und erfüllten Mutter.

Lisz Hirn: Geht’s noch! Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist. Molden Verlag, Wien/Graz 2019; 144 S.


Aus: "Rückkehr der Biederfrauen" Lisz Hirn (4. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/10/feminismus-gleichstellung-konservatismus-tradition-biederfrauen

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Ulrike Metz #8

Frauen werden wie eine wirtschaftliche Ressource behandelt, die je nach Bedarf mal in Kriegszeiten Männer in Fabriken ersetzen, nach dem Krieg Trümmer abtragen und körperlich und seelisch verwundete Männer versorgen und zwischen Kriegen für Haushalt, Kinder und die Pflege der älteren Generation zuständig sein sollen. Was, wenn Frauen anderen Gesetzen folgen und intuitiv wissen, dass die Welt nicht unter zu wenig Kindern leidet, sondern eine neue Ideologie für die digitale Zukunft braucht?


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Maria_29 #21

Ich verstehe irgendwie nicht wieso es immer nur um „die Männer“ oder „die Frauen“ geht...
Meiner Meinung nach gibt es halt auf beiden Seiten solche und solche Typen.

Es gibt die Frauen, die gerne arbeiten, selbständig sind und einfach keine Kinder möchten. Denen merkt man es auch an, und ich glaub ihnen aufs Wort wenn Sie sagen: sie möchten keine Kinder, sondern lieber frei sein und einfach alles ihre Entscheidungen frei treffen können.

Auf der anderen Seite gibt es auch die Frauen, die schon immer den Wunsch nach Kindern hatten und dann in ihrer Arbeit der Kindererziehung auch voll aufgehen...
Die mehr oder weniger gern Ihren Haushalt erledigen...zumindest für eine Zeit, bis die Kinder wieder aus dem Haus sind.

Genauso gibt es Männer, die schauen ihre eigenen Kinder genervt an, sind unfähig sich längere Zeig vernünftig mit Ihnen zu beschäftigen, geschweige denn mal einen oder mehrere Tage den Haushalt zu schmeissen ohne komplett im Chaos zu versinken.

Und dann gibts auch solche, die einen wunderbaren Draht zu ihren Kindern haben, gerne auch Arbeiten im Haushalt übernehmen, Ihre Frau unterstützen und verstehen...

Ich verstehe dieses Schubladendenken in Geschlechter einfach nicht.
Meiner Meinung nach sind alles Charaktere und man tut am Besten daran, sich das ergänzende Gegenstück zu suchen, wie es am Besten zu seiner eigenen Vorstellung von Leben passt.
Man kann doch nicht jeden in eine Rolle zwingen, wie man meint dass „Mann“ oder „Frau“ sein muss...


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the one #42

Warum müssen sich konservative Lebensmodelle, die das Bild der Frau als Mutter ins Zentrum rücken und andere Lebensmodelle, nach denen Frauen die Rolle einer Mutter und die der arbeitenden dem Mann gleichgestellte Person vereint oder sogar die Mutterrolle zurücktritt, ausschließen?

Ein jeder mag so leben, wie es ihm beliebt. Wenn die Mehrheit moderner Frauen gerne Beruf und Karriere für das Hausfrauen-Dasein zurückstellt, dies aber anders als Frauen in den 1950er Jahren (und davor) aus freier Selbstüberzeugung macht, dann ist das ebenso emanzipiert wie andere Lebensformen. Ich empfehle den in dieser Hinsicht sehr sehenswerten Film "Mona Lisas Lächeln", der exakt diese Problematik aufgreift.


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Gerne_unterwegs #43

Im Artikel wird deutlich, dass es historische Entwicklungen gibt z. B. die Erläuterungen zur romantischen Liebe, die Propaganda der Nazizeit und natürlich auch die Frauenbewegungen. Der "Zeitgeist" hat also nicht nur Einfluss auf die Länge der Röcke.

Seltsamerweise wird heutzutage sehr häufig davon ausgegangen, dass alle Individuen frei, unabhängig und emanzipiert ihre Entscheidungen treffen. Die These dazu lautet: Es gibt keinen Zeitgeist mehr, keine historischen und kulturellen Einflüsse.

Wer glaubt so etwas wirklich?


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