Author Topic: [Espresso und symbolische Ordnung (&Melancholia)... ]  (Read 1281 times)

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Offline lemonhorse

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[Espresso und symbolische Ordnung (&Melancholia)... ]
« on: September 28, 2010, 10:04:58 PM »
Tag: Außerordentliches Ordnungsamt, Bleiberecht, Das Imaginäre ist bildhaft, Melancholia, Phantasmen Recht, Scheinehe
(V1.0 / 07/2009)


Schritte im Hausflur. Ein entschiedenes Klopfen an der Tür. Morgens um 7:55 stehen unangemeldet zwei frisch rasierte und hoch gewachsene Mitarbeiter des außerordentlichen Ordnungsamtes vor der Wohnungstür. Melancholia ist früher aufgestanden als ich und öffnet die Tür.
Wir werden aufgeklärt: im Namen des Gesetztes – und mit eigenen Augen hätten die Beamten zu überprüfen, ob Melancholia und ich nur eine Scheinehe führen würden (eine Prüfung zum §1353 BGB). Das Grundgesetz schütze zwar das Recht auf Ehe – doch nur für Angehörige aus EU-Staaten. Bei Phantasmen definiert die außerordentliche Ausländerbehörde was eine Ehe ist und was nicht.

Die zwei Herren treten amtlich forschen Schrittes durch die Tür – und gehen zielgerichtet in das in Badezimmer. Sie finden dort neben dem Zahnputzbecher eine halb ausgedrückte Zahnpasta mit zart reinigendem Himmelsstaub und Melancholias OB’s vor. “Eine eigene Zahnpasta für ihr Phantasma – ich denke das sieht recht gut für sie beide aus.” ruft einer der beiden mit skeptisch wie nachdenklichem Unterton aus dem Badezimmer hinüber.

Schon laufen die Beamten etwas entspannter durch die übrigen Zimmer. Prüfend fliegen die wachsamen Blicke der Herren – mit ihren dezent schwarz-rot-gelb gestreiften Uniformen – über die Einrichtungsgegenstände des Zimmers, bis die Blicke den zerwühlten Wäschehaufen vor der Waschmaschine erspähen. “Ein gemeinsamer Wäscheberg – ich denke wir können guten Gewissens davon ausgehen, das in ihrer Ehe vollzogen wird und alles mit rechten Dingen zugeht.” konstatiert einer der Ordnungsbeamten zusammenfassend – “So wie hier bei ihnen liegt der Fall ja offen zu Tage – das ist wahrlich nicht immer der Fall – da kann ich ihnen nur gratulieren – im Namen meiner Behörde habe ich keine Fragen mehr – entschuldigen Sie die Störung – aber sie verstehen schon – wir müssen ja auch nur unseren Job machen…”

“Ja” sagt Melancholia leise – “möchten Sie Zimt?” – kurz und sanft blickt sie mich an und verdreht mit einem verstecktem Lächeln die Augen – sie nimmt die Espresso Kanne vom Herd. Schäumt die Milch, dreht sich den Herren vom Ordnungsamt zu und reicht ihnen je einen heißen Becher Espresso mit Milchschaumhaube und einer Priese Zimt. Einer der beiden spitzt seinen Mund, steckt seine Nase mit samt Schnurrbart in den Becher Espresso und sagt: “Unglaublich, riecht wirklich gut!”

Nach einem ersten Schluck sagt der ohne Schnurrbart: “…Wissen sie, eigentlich dürfen wir von deutschen Bürgern, EU Bürgern, nicht EU Bürgern oder gar phantasmatischen Wesen gar keine warmen Getränke annehmen. Aber sie sehen, wir nehmen gar nicht immer alles so übergenau. Wir sind ja auch nur Menschen. Also ich persönlich habe auch nichts gegen Phantasmen. Aber ich vermute allerdings, das es in der Entwicklung eines Phantasmas problematische psychische Erlebnisse zugrunde liegen. Es geht meistens um eine abgespaltene Realität, die dann im vorgestellten Bild abgewehrt und umgedeutet wird. Eine unbewusste Projektion. Das kann verheerend wirken und sollte nicht unterschätzt werden. Wenn das überhand nimmt muss sich ja irgendwer darum kümmern…”

Melancholia nickt schweigend. Nach einer etwas peinlichen Stille sagt der Beamte mit dem Schnurrbart “…Also ein Beispiel für ein alltägliches Phantasma wäre zum Beispiel auch eine pornografische Darbietung, in welchem sich ein Betrachter mit samt seiner Vorstellungskraft in das dargestellte Szenario wirft. Entledigt all seiner sonst real gefühlten oder tatsächlichen Verlegenheit, seiner subjektiv empfundene Mehrdeutigkeit zur sexuellen Attraktion einer wirklichen anwesenden Frau – kann er nun jedoch im Schutze des pornographischen Phantasmas seine Triebabführ quasi anonym verwirklichen. Bedenken Sie: allein aus der Macht das Phantasmas erwächst ein real sexueller Moment!”

Melancholia blickt etwas abwesend aus dem Küchenfenster und entgegnet: “Die symbolische Ordnung kann nicht das Reale als solches ersetzen, obwohl gerade das Reale der Ort ist, auf den das Phantastische verweist. Die symbolische Ordnung ist immer unvollständig – das macht ihren Reiz aus…”

Nun ergreift der Beamte mit dem Schnurrbart energisch das Wort: “Da haben sie vielleicht recht – wissen sie – wir im außerordentlichen Ordnungsamt haben lange darüber diskutiert: das Imaginäre ist bildhaft. Es ist der Ort der Selbstidentifikation, des Selbstbildes, aber auch des Verkennens und der Täuschung. Im Imaginären finden wir auch das Begehren und das Phantasma ganz allgemein – wir fragen uns immer: wo ist der Moment, wo das Reale in das Phantastische kippt oder das Phantastische gegen das Reale prallt?…”

Melancholia zündet sich eine Zigarette an nimmt einen Zug und entgegnet: “Ich weiß es nicht…” atmet aus und sagt selbstvergessen: “Sie wissen ja, wo die Tür ist…”

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