COMMUNICATIONS LASER #17
July 21, 2017, 03:55:36 PM *
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Author Topic: [Der Flaneur und die Architektur der Großstadt... ]  (Read 12292 times)
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« on: September 23, 2010, 02:52:16 PM »


Illustration von Harry Clarke für eine Londoner Ausgabe (1923)
„The Man of The Crowd“ ist eine Erzählung Edgar Allan Poes,
die das literarische Motiv des verfluchten Wanderers benutzt.
Sie wurde 1840 erstmals veröffentlicht.


-.-

Quote
[...]  Mit Edgar Allan Poes Erzählung Der Mann in der Menge fand der Flaneur seinen Eingang in die Literatur.


http://de.wikipedia.org/wiki/Flaneur (12. September 2010)

-.-

Quote
[...] [So] stellt sich der namenlos bleibende Ich-Erzähler als ein Flaneur vor, der das abendliche Treiben auf einer großen Straße Londons durch das Fenster eines Kaffeehauses  beobachtet. Gerade von einer Krankheit genesen, genießt er diesen Zustand mit Zeitung und Zigarre und beschreibt detailliert die verschiedenen Schichten vorbeiströmender Menschen – von den Geschäftsleuten, Advokaten und Adligen abwärts über die besseren und die weniger guten Angestellten zu den Arbeitern, den Taschendieben und Huren. Ermöglicht wird dieser soziologische Querschnitt durch die Gasbeleuchtung, die die Menschen bis tief in die Nacht hinein auf den Straßen hält und beobachtbar macht. [...] Der Beobachter des menschlichen Treibens in einer Großstadt, der Flaneur, ist durch Poe und in seiner Nachfolge durch Baudelaire zum literarischen Topos geworden.

....


http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Mann_in_der_Menge (14. August 2010)

-.-

Quote
[...] Der Flaneur ist eine typische Figur der Großstadt des 19. Jahrhunderts und wird als solche vor allem in der Literatur inszeniert. Er wird als müßiggängerischer und ziellos durch die Stadt herumtreibender Citoyen dargestellt. Er ist jemand, der die Stadt als seine erweiterte Wohnung betrachtet. Sein Zuhause sind die Straßen, die Passagen, die Schaufenster, die Menschenmenge und die Straßencafés. Den öffentlichen Plätzen zieht er dabei die Rückseiten und Hinterhöfe, die verwinkelten Gassen und labyrinthisch verborgenen Orte der Stadt vor. Der Flaneur gerät während des Flanierens in einen wahren Straßenrausch und erfährt die alltägliche Stadt als eine ins Mythische reichende Phantasmagorie. Der Blick des Flaneurs ist dabei kein dem Spätkapitalismus angepasster funktionaler Blick, sondern ähnlich dem Blick des Kindes (oder dem surrealistischen Traumerlebnis, der „profanen Erleuchtung“) sieht und entziffert er auf allegorische Weise geheime Botschaften und Zeichen in den Straßen und an den Häusern. Er denkt eher in kombinatorischen Möglichkeiten als in der positiven Wirklichkeit. Physiognomisch lesend betätigt er sich sowohl an menschlichen Gesichtern als auch an Häuserfassaden und -architekturen. So wird ihm die ganze Stadt zum kulturell und mythisch beschrifteten Text, bis hin zur Profanität von Werbebildern und -texten. Beim Flanieren nimmt er mithin mimetisch die mannigfaltigen Identitäten der Stadt selbst an, wird dem Beobachteten gleich. Der Flaneur ist auch eng verwandt mit der Figur des exzentrischen Dandys, dem ästhetizistischen Schöngeist des Fin de siècle, wie er exemplarisch von Charles Baudelaire oder Oscar Wilde ausgelebt wird, und wird darin zu einer beliebten Gestalt des literarischen Surrealismus.

Der Flaneur des 19. Jahrhunderts, wie er in der Literatur oder den philosophischen Texten Walter Benjamins beschrieben wird, scheint im Film nur selten in Erscheinung zu treten. Aber jeder Film, der Figuren zeigt, die sich – oftmals in der Nacht – in der Stadt verlieren, um seltsame und mythische Bekanntschaften zu machen, vielleicht auch die eigene Stadt als fremde erfahren, bedient sich der Topoi des Flaneur-Komplexes.

...


Aus: "Metamorphosen des Flaneurs im Großstadtfilm"
Von: Dr. Arno Meteling (01.01.2002)
Quelle: http://www.f-lm.de/2002/01/01/metamorphosen-des-flaneurs-im-grosstadtfilm/

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Quote
[...] Sie [Flaneure] sind zuständig für die Instandhaltung der Erinnerung, sie sind die Registrierer des Verschwindens, sie sehen als erste das Unheil, ihnen entgeht nicht die kleinste Kleinigkeit, sie gehören zur Stadt, die ohne sie undenkbar ist, sie sind das Auge, das Protokoll, die Erinnerung, das Urteil und das Archiv, im Flaneur wird sich die Stadt ihrer selbst bewußt.

...


Aus: "Die Sohlen der Erinnerung" Von Cees Nooteboom (DIE ZEIT, 49/1995)
Quelle: http://www.zeit.de/1995/49/Die_Sohlen_der_Erinnerung?page=all

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Quote
[...] Intensiv hat sich Benjamin [ ] erst im Zusammenhang mit der
Interpretation von Edgar Allen Poes „Mann der Menge“ mit dem Flaneur
auseinandergesetzt. In dieser Betrachtung rückt Benjamin den Flaneur in
die Nähe des Detektivs, beziehungsweise macht ihn als dessen Urform aus:

Poes berühmte Novelle »Der Mann der Menge« ist etwas wie das
Röntgenbild einer Detektivgeschichte. Der umkleidende Stoff, den
das Verbrechen darstellt, ist in ihr weggefallen. Die bloße Armatur ist
geblieben: der Verfolger, die Menge, ein Unbekannter, der seinen
Weg durch London so einrichtet, daß er immer in deren Mitte bleibt.
Dieser Unbekannte ist der Flaneur. So ist er von Baudelaire auch
verstanden worden, als er in seinem Guys-Essay den Flaneur
»l’homme des foules« genannt hat.


Allerdings revidiert Benjamin diese Aussage in der ein Jahr später
erschienenen Untersuchung Über einige Motive bei Baudelaire wieder:

Baudelaire hat es gefallen, den Mann der Menge, auf dessen Spur
der Poesche Berichterstatter das nächtliche London die Kreuz und
die Quer durchstreift, mit dem Typus des Flaneurs gleichzusetzen.
Man wird ihm darin nicht folgen können. Der Mann der Menge ist kein
Flaneur. In ihm hat der gelassene Habitus einem manischen Platz
gemacht. Darum ist eher an ihm abzunehmen, was aus dem Flaneur
werden mußte, wenn ihm die Umwelt, in die er gehört, genommen
ward.


Dem Poeschen Mann der Menge fehlt also die Gelassenheit, das laisserfaire,
um wirklich ein Flaneur zu sein. Trotz allem bleibt diese „Menge“ ein
wichtiger Bestandteil des Flanierens, da der Flaneur in den Städten (ob nun
Paris, London oder Berlin) und selbst in den Passagen ständig mit ihr
konfrontiert ist.
Zusätzlich zum Habitus des laissaire-faire eignet dem Flaneur jener des
Rausches. An einer Stelle des Passagenwerks schreibt Benjamin:

Die Figur des Flaneurs. Er gleicht dem Haschischesser, nimmt den
Raum in sich auf wie dieser. Im Haschischrausch beginnt der Raum
uns anzublinzeln: ’Nun, was mag denn in mir sich alles zugetragen
haben?’ Und mit der gleichen Frage macht der Raum an den
Flanierenden sich heran. Der kann ihr in keiner Stadt bestimmter als
hier antworten. Denn über keine ist mehr geschrieben worden und
über Straßenzüge weiß man hier mehr als anderswo von der
Geschichte ganzer Länder.


Er beschreibt damit den Zustand des Flaneurs während seines Flanierens.
Dieser Zustand ist unmittelbar mit der Art der Fortbewegung verbunden und
kommt dem Rausch nach der Einnahme halogener Drogen gleich.

Ein Rausch kommt über den, der lange ohne Ziel durch Straßen
marschierte. Das Gehn gewinnt mit jedem Schritte wachsende
Gewalt; immer geringer werden die Verführungen der Läden, der
bistros, der lächelnden Frauen, immer unwiderstehlicher der
Magnetismus der nächsten Straßenecke, einer fernen Masse
Laubes, eines Straßennamens.



Es lässt sich also für die Belange dieser Arbeit festhalten, dass Benjamins
Flaneur sich auf eine ganz bestimmte Weise fortbewegt, dabei in einen
Rauschzustand verfällt, der es ihm ermöglicht, Personen, Objekte und ganz
besonders die Orte auf eine veränderte Weise wahrzunehmen.  

...

[...] Aber um diese Beobachtungen mit der nötigen Gelassenheit und Ruhe
betreiben zu können, benötigt der Flaneur die Möglichkeit, in der Stadt
herum zu schlendern, ohne von Pferdefuhrwerken oder ähnlichem bedroht
zu sein. Daher hält Benjamin fest: „Die Flanerie hätte sich zu ihrer
Bedeutung schwerlich ohne die Passagen entwickeln können.


Aus: “Der Flaneur in Walter Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert – Von der Figur zur Struktur” Doreen Lutze (2004)
Quelle: http://www.maikatze.de/grafik/Flaneur.pdf

-.-

Quote
[...] Der Dandy demonstriert seine gute Erziehung, seine guten Manieren, seine luxuriöse Kleidung
als Selbstdarstellung und als Mittel zur Distanzierung vom Bürgertum. Durch seine Erziehung
war er als Edelmann darüber hinaus daran gewöhnt, sich selbstbewußt als individuelle
Persönlichkeit im öffentlichen Raum darzustellen, sozusagen seine Person wie seine
Klassenzugehörigkeit in der Öffentlichkeit zu repräsentieren.
Dies alles charakterisiert den Dandy-Flaneur als eine Übergangsfigur, als eine Schwellenfigur
zwischen Adel und Bürgertum. Der Dandy in der Folge gehört zwar nicht immer zum Adel, doch
er übernimmt deren Leitbilder.
Der flanierende Dandy ist typisch für diese Übergangszeit; Er steht sozusagen “zwischen den
Fronten”. Charles Baudelaire bezeichnet ihn als “Held im Niedergang”.
Um die Mitte des 19.Jahrhunderts wandelt sich das Bild des Flaneurs. Es ist nun nicht mehr der
aristokratisch orientierte Dandy, der flaniert, sondern es ist der Schriftsteller, der Maler, der
Journalist und es sind andere, die sich zur Boheme zählen und die genug Zeit zum Flanieren
haben.

[...] Eine wichtige und unabdingbare Voraussetzung der Flanerie ist, viel Zeit und Muße zur Verfügung
zu haben. Flaneur ist nur derjenige, der ausreichend Zeit zum Flanieren hat.

[...] Die Bürger fanden das Flanieren eher verachtenswert. Man sagte, der Bürger könne deshalb nicht
flanieren, weil er in erster Linie arbeitsorientiert lebt. Arbeit ist für ihn aber nicht nur die Quelle
seines Verdienstes, sondern gleichzeitig auch moralische Verpflichtung. Das Bürgertum bildet
den Gegenpart zur aristokratischen Muße und Verschwendung. Denn dem Bürgertum liegt der
Müßiggang aus moralischen Gründen nicht.

[...] Auf der Grundlage dieser Sparsamkeits- und Arbeitsphilosophie entwickelt das Bürgertum ein
völlig anderes Verhältnis zur Arbeit und damit auch zur Arbeitszeit bzw. zur Freizeit. Die strikte
Trennung von Arbeitszeit und Freizeit stand in Zusammenhang mit der zunehmenden Trennung
von Wohn- und Arbeitstätte und wurde später durch die tayloristisch ausgenutzte Produktionszeit
der Maschinen weiter ausgebaut. Je intensiver die Arbeitszeit ausgenutzt wird, je eindeutiger der
Unterschied zwischen Arbeitszeit und Freizeit wird, desto größer wird der Bedarf an selbstbestimmter
Freizeit. (Taylor 1856-1915; Meth. 1900; mechan. Webstuhl 1787; Weberaufstand
1844). Jede Stunde, in der die Maschine stillsteht, kostet den Unternehmer Geld. Damit ergibt
sich die Notwendigkeit, die Zeit an den Maschinen optimal auszunutzen. Da die Ausnutzung der
teuren Maschinen ökonomisch sinnvoll ist, setzt sich eine strikte Zeitökonomie durch und diese
neue Zeitökonomie hat weitreichende Auswirkungen auf das Zeitempfinden auch im privaten
Bereich.
Der Adelige oder der Bauer brauchte sich zuvor weniger Gedanken um den ökonomischen Wert
der Zeit zu machen, sondern eher um die Jahreszeiten der Natur, die Ernte und die eigene
Vergänglichkeit. Das Tagewerk verteilte sich bei den Bauern über den ganzen Tag und war je
nach Jahreszeit und Aufgabe unterschiedlich arbeitsintensiv.
Zeit war darüber hinaus vor allem bei denen vorhanden, die nicht arbeiten mußten. In dem Maße,
in dem z.B. der Adel keine Aufgaben mehr in Verwaltung der eigenen Güter bzw. im neuen Staat
oder der Politik hatte, konnte er seine Zeit zur Schau stellen wie ein Privileg. (Paris im 18.Jahrh.)
Aber es ist nicht nur der Umstand, daß der Adel die notwendige Zeit zum Flanieren zur Verfügung
hat, sondern er zeigt beim Flanieren, daß er mit diesen neuen Zeit- und Wertvorstellungen
nicht einverstanden ist; und dies, weil diese neue Zeitauffassung die moderne industrialisierte
Epoche symbolisiert. Er demonstriert gegen die Zeitnormen der Moderne, gegen die neue Geschwindigkeit
in allen Dingen, gegen den ständigen Wandel.
Der Dandy demonstriert als Flaneur Müßiggang und Langeweile und spricht sich damit für die
alte Zeit und für die damit verbundenen überkommenen Wertvorstellungen aus. Dies wurde vom
Bürgertum als Faulenzertum kritisiert.

[...] In den zwanziger Jahren ist das Flanieren keineswegs mehr so selbstverständlich wie zu Zeiten
Baudelaires. Während es um 1840 zum guten Ton gehörte bzw. elegant war, beim Flanieren
Schildkröten mit sich zu führen und der Flaneur sich vom ihrem Gang sein Tempo vorgeben ließ,
berichtet fast hundert Jahre später Franz Hessel, daß auch schon ein Hund dem Spaziergänger die
Berechtigung gäbe, langsam zu gehen und auch mal stehen zu bleiben und zu schauen. Die Damen
auf den Kurfürstendamm sind jedoch in Eile. Sie gehen nicht spazieren, sie „kraulen” durch
die Menge der Großstadtbewohner. Alle eilen und hasten und derjenige, der stehenbleibt und
schaut, wird sogleich verdächtigt, etwas auszukundschaften, ein kriminelles Vorhaben zu planen.
Eilen ist die moderne Normalversion der Fortbewegung.

[...] Während er [ der Flaneur ] ziellos durch die Stadt streift, nimmt er
wahllos Bild für Bild in sich auf. Die Überlastung durch die optische Priorität führt zu einer inneren
Distanz und zu einem Rückzug aus der Realität. Mit dieser Distanz und der damit verbundenen
innerseelischen Projektion begibt sich der Flaneur in eine distanzierte und subjektive
Traumwelt. In der Überzahl der Bilder verschwindet die Realität.
Die Wirklichkeit wird dem Flaneur zur Traum. Die innerseelische Projektion, unterstützt den
Tagtraum und die Phantasie. Dies führt zu einer Krise der Wahrnehmung. Es entstehen Fragen:
Was ist Wirklichkeit und was ist Täuschung? Was ist Realität und was ist Illusion? Und dies sind
Fragen, die uns bis heute beschäftigen.

[...] In der Flanerie zeigt sich die neu entdeckte Subjektivität des Großstädters. Der Flaneur erfährt
Individualität und zugleich Anonymität. Er geht immer allein, denn flanieren kann man nur
allein, und beginnt zu lernen, mit der ansteigenden Anonymität der Großstadt umzugehen, wie
auch die Begegnung mit großen Menschenmassen zu verkraften. Er ist der einer der Ersten, der
an den Menschenmassen der Großstadt ein ambivalentes Gefallen findet.

[...] Während zuvor der Dandy als Flaneur, Aristokrat und Edelmann in erster Linie flanierte, um
seinen Status in der Öffentlichkeit zu präsentieren und um die Zeit totzuschlagen, die er infolge
seiner Nichtintegration in den Arbeitsmarkt reichlich zur Verfügung hatte, beginnt um die Mitte
des 19.Jahrhunderts herum das Flanieren jetzt durch den „Künstlerflaneur“ ziel- und zweckgerichtet
zu werden. Die Schriftsteller und Maler versuchen auf der Straße Eindrücke zu sammeln,
um sich künstlerisch anregen zu lassen und um diese Anregungen dann in ihren Werken zu verarbeiten.
Die Journalisten versuchen, die neuesten Neuigkeiten zu erfahren, um sie in ihrer Zeitung
zu veröffentlichen.

Der Aufenthalt der Künstler und Journalisten auf den Boulevards und in den Passagen erhält
damit einen ziel- und zweckgerichteten Charakter: Damit wird die Flanerie Mittel zum Zweck.
Das Produkt ist das literarische oder malerische Werk. Mit dieser Zweckgerichtetheit verliert die
Flanerie ihre alte typische Struktur. Denn die Bedingungen der Flanerie sind: In erster Linie viel
Zeit zu haben, ziellos umherzustreifen, das Flanieren ohne finanzielle Sorgen rein zwecklos zu
betreiben und eine rein ästhetische Betrachtung der Dinge vorzunehmen.
Durch die neue Ziel- und Zweckgerichtetheit des Flaneurs verschwindet die rein ästhetische, die
zwecklose Art der Betrachtung der Dinge. Da diese neuen Flaneure einem Beruf nachgehen,
erhält das Flanieren auch einen abgesteckten, zeitlich genau festgelegten Rahmen. Und auch
wenn Schriftsteller und Journalisten vielleicht über mehr Zeit verfügten als der normale Bürger,
so ist ihr Flanieren etwas anderes, als das Flanieren des Dandys. Denn das Flanieren des Dandys
war nie zielgerichtet und nie zeitgebunden.
Mit den neuen Akteuren im öffentlichen Raum verändert sich die Flanerie. Es ist der Beginn
ihrer Vermarktung. Walter Benjamin sagte hierzu, alles sei im Begriff, sich auf den Markt zu begeben,
die Architektur, die Dichtung .... auch das Flanieren, man zögert noch auf der Schwelle.
Im Flaneur begibt sich die Intelligenz auf den Markt.
Die Schwierigkeiten, die hierdurch für den Flaneur entstehen, werden an Franz Hessels Texten
deutlich. Er war in den zwanziger Jahren aus finanziellen Gründen gezwungen, über seine
Eindrücke in Paris für ein Lokalblatt zu berichten und kam dabei in einen inneren Konflikt. Ihm
wurde klar, daß er das Flanieren und das Schreiben nicht vereinbaren konnte. Entweder konnte
er in alter Art Flanieren, ziellos und zwecklos umherschlendern, oder er machte sich während des
Schlenderns über den von ihm zu schreibenden Text Gedanken, und dann gelang ihm das Flanieren
nicht mehr. Walter Benjamin sagt 1929, mit Franz Hessel hat der Flaneur seine letzte Stippvisite
gegeben.

...


Aus: "Der Flaneur und die Architektur der Großstadt"
Der Flaneur als Mythos und als Phantasmagorie der Moderne Vortrag zur Erlangung der „Venia Legendi“ an der Universität Kassel am 7.Dezember 1998 von Dr. Ing. Sylvia Stöbe
Quelle: http://www.uni-kassel.de/fb13/stoebe/Flaneur.pdf

« Last Edit: April 19, 2012, 11:07:09 AM by Textaris(txt*bot) » Logged
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« Reply #1 on: September 23, 2010, 03:05:40 PM »

Quote
[...] "Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspielt von der Eile der anderen, es ist ein Bad in der Brandung. Aber meine lieben Berliner Mitbürger machen einem das nicht leicht, wenn man ihnen auch noch so geschickt ausbiegt. Ich bekomme immer misstrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Geschäften zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb."

...


Aus: "Franz Hessel - Der Vater der Flaneure" (23.9.2010)
Quelle: http://www.flanieren-in-berlin.de/personen/franzhesseldervaterderflaneure.html

-.-

Quote
[...] Aus Schildkrötenbesitzern wurden Hundehalter, aus den Sonnenschirmchen dunkle Brillen und aus den Fächern Wasserflaschen. Statt der gemessenen Schritts schlendernden Paare sieht man immer häufiger Powerjogger, die im Laufen Kinderwagen vor sich herschubsen. Allein auf der Straße spazierende Frauen werden nicht mehr für Huren gehalten, und während die Bürger früher noch beim Picknick von der ständelosen Gesellschaft träumten, kann man heute jederzeit das berühmte Bad in der Menge nehmen - jeder Menge.

...


Aus: "Geschichte des Spaziergangs  Vom Flanieren - mit und ohne Schildkröte" (26.03.2010) / radioZeitreisen   "Schildkröten spazieren führen. Vom Lustwandeln, Promenieren und Flanieren" von Wiebke Matyschok. Am 28. März 2010 um 13.05 Uhr
Quelle: http://www.br-online.de/bayern2/radiozeitreisen/spaziergang-lustwandeln-flanieren-promenieren-ID1269602967529.xml

-.-

Quote
[...] Es sind Allegorien, die die Stadt beschreiben und die helfen,
sie mit dem Blick eines Entfremdeden neu zu ergründen.
Der Flaneur steht noch auf der Schwelle – als Staunender dem Großstadtmenschen und der
Warenwelt in all ihrer Massenhaftigkeit gegenüber. Sehr schön beschreibt Benjamin den
Blick des Flaneurs, wie folgt: „Die Menge ist der Schleier, durch den hindurch dem Flaneur
die gewohnte Stadt als Phantasmagorie winkt. In ihr ist sie bald Landschaft, bald Stube.“
(ebd.: 54). Es zieht der Flaneur nach dem Markte, um ihn zu betrachten, wie er meint – nur
ahnend, dass er so bereits involviert ist, denn auch die ablehnende Haltung ist bereits Positionierung
und damit Auseinandersetzung mit der Ware. Er aber genießt noch die Gabe des Staunens
und ein Gespür für die Zweideutigkeiten, die den Verhältnissen und Erzeugnissen dieser
Epoche eigen ist. Sie offenbar werden zu lassen, bevor auch er in den Sog der Traumbilder
gerät, das ist der Verdienst des Flaneurs. Baudelaire saugt das gesellschaftliche Substrat in
seiner Dichtung auf und jene „totenhaften Idyllik“ (ebd.: 55) verweist mit Schwermut, jedoch
ohne romantische Verklärung auf das „Jüngstvergangene“, das Morbide, welches der neuesten
Mode und Ware bereits eingeschrieben scheint.

...


Aus: "Walter Benjamin und die Passagen" von Michael Kunz / Carel van Mander (Datum ?)
Quelle: http://www.dominikschrage.de/Kunz.pdf

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« Reply #2 on: September 23, 2010, 03:30:02 PM »

Quote
[...] Die Situationisten beschrieben mit dem Begriff Psychogeographie einen
bewußteren Zustand. Es war eine Frage von konzeptionellen Entscheidungen,
wie und wo eine Stadt oder Landschaft „durchstreift“ wurde. Man reklamierte
die Stadt als Terrain, das man eroberte, kartographierte und markierte. Der
Begriff der „Psychogeographie“ nimmt dabei jene zentrale Stellung ein, wie
sie Guy Debord 1956 in der „theorie de la dérive“ aufgezeichnet hat. Eine
Stadt oder auch eine Landschaft wird mittels der Psychogeographie erforscht
und in psychische „Klimazonen“ eingeteilt.
Die Stadt der Situationisten hat daher viele Zentren, die ständig in Bewegung
sind. Die Orientierung zu verlieren und sich treiben zu lassen wird dabei als
etwas positives angesehen, etwas das die Abenteuerlust anregt und
unvorhergesehene Ereignisse ermöglicht.

[...] 1954, in der ersten Ausgabe der Zeitschrift Potlatch, (Organ der Lettristen)
tauchte „Psychogeographie“ zum ersten Mal als eine Art Gesellschaftsspiel
auf: „Le jeu psychogèograpique de la semaine“ (das psychogeographische
Spiel der Woche). Die Leser der Zeitschrift wurden aufgerufen, sich einen Ort
in einer belebten Straße auszusuchen, dort mit Fundstücken aus der
unmittelbaren Umgebung ein Haus zu erbauen und es auszustatten. Die Wahl
der Jahreszeit, die geeigneten Mitspieler, die entsprechenden Schallplatten
und alkoholischen Getränke und Gesprächsthemen blieb den Lesern selbst überlassen.
Es wurde weiterhin darum gebeten, einen Bericht über das
Ergebnis dieses „Experiments“ an die Herausgeber der Zeitschrift zu schicken.
Dieser spielerische Ansatz wurde weiterentwickelt und gewissen Methoden
und Regeln unterworfen. Aus der experimentellen Phase wurde Ideologiekritik.
Man wollte die Gesellschaft verändern, dabei spielte die „Konstruktion von
Situationen“ eine entscheidende Rolle. Dahinter steckte die Auffassung, dass
„die funktionalistische Theorie in der Architektur auf die reaktionären
Vorstellungen über Gesellschaft und Moral gegründet ist.“ Diesem
Funktionalismus wollte die Situationistische Internationale den Rücken kehren
und eine „aufregend funktionelle Umwelt“ entgegensetzen. Der erste Schritt
in diese Richtung war die Schaffung von „Situationen“. Vorbild hierfür waren
die Konzepte des Lettristen Gilles Ivain, der bereits 1953 in einem Essay eine
neue Architektur forderte, der es möglich war, die üblichen Zeit- und
Raumkonzeptionen zu verändern.

[...] Die Psychogeograpie bediente sich vorwiegend der Methode des
„Umherschweifens“ und erinnert insofern an den Spaziergang des Flaneurs
wie wir ihn aus dem 19. Jahrhundert kennen oder das sog. „surrealistische
Bummeln“, bereicherte jedoch deren spielerische Dimension um einen
konstruktiven und analytischen Aspekt.

[...] Das spielerische Element dieser psychogeographischen Forschung wird
besonders deutlich bei der Umfunktionierung bereits vorhandener Stadtpläne
oder Landkarten: Man durchwanderte zum Beispiel den Harz, indem man
einem Stadtplan von London folgte.
Mario Mentrup bezweifelt im übrigen, dass die Situationisten jemals den Harz
oder irgendeine andere Gegend auf diese Art und Weise durchwandert haben.
Nicht realisierte Experimente waren: Straßenlaternen mit Schaltern
auszustatten, so dass die Menschen damit spielen konnten, um so
psychogeographische Eigenschaften hervortreten zu lassen.

[...] Wir alle sind, ohne uns dessen unbedingt bewußt zu sein, mit der Idee der
Psychogeographie vertraut, denn der anziehende oder abstoßende Charakter
bestimmter Orte ist jedem bekannt. Hat man beispielsweise mehre
Möglichkeiten zum Supermarkt zu laufen, wird man je nach Stimmung eine
andere Strecke auswählen. Hat man es eilig, wählt man den kürzeren Weg, der
leider an einer lauten, vierspurigen Straße entlang führt. Um dem Lärm der
Straße zu entgehen, vertieft man sich vielleicht in seine Gedanken und
entflieht innerlich der trübsinnigen Umgebung. Dann wieder macht man extra
einen Abstecher, weil dieser an interessanten Orten vorbeiführt, vielleicht
einer Straße mit Schaufenstern und Cafés oder an einer Parkanlage in Mitten
der Großstadt.
Jeder hat seine alltäglichen Zeremonien, die nicht nur von Funktionalität
bestimmt sind. ...



Aus: "Psychogeographie"
Ein Vortrag von Claudia Basrawi vom 12. Mai 2001 bei Laura Mars Grp./Berlin
Quelle: http://www.lauramars.de/display/salon/psychogeo120501-1.pdf

« Last Edit: September 26, 2010, 09:32:52 AM by lemonhorse » Logged
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« Reply #3 on: January 19, 2011, 11:31:35 AM »

Quote
[...] „Die Formel zum Umsturz der Welt, wir haben sie nicht in den Büchern gesucht, sondern herumtreibend“ (Debord). Im Französischen steht für Herumtreiben oder Abdriften das Wort „dérive“ ...

... Die spektakulärste dieser „dérives“ inszenierte die Gruppe um Debord Ostern 1950. Man kidnappte einen Priester und verkleidete das Gruppenmitglied Serge Berna mit dessen Ornat. So bestieg dieser die Kanzel von Notre Dame und ließ die konsternierte Gemeinde schwer angetrunkenen wissen: „Ich sage Euch: Gott ist tot! Uns kotzt die röchelnde Seichtigkeit eurer Predigten an, denn eure Predigten sind der schmierige Dünger für die Schlachtfelder Europas.“ Die Polizei verhaftete die Aktionisten und schützte sie vor der Wut der Kirchgänger. Die Aktion entsprach etwa dem, was Debord später „Situation“ nennen wird, und was der Organisation der Situationistischen Internationale 1957 den Namen verliehen hat. Sie versprach „Spiele neuer Art“, die der „Erweiterung des nicht mittelmäßigen Teils des Lebens“ und der „möglichst weitgehenden Verringerung der leeren Augenblicke“ dienen. In seinem späten Filmskript mit dem Titel Wir irren des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt, der sich in seiner lateinischen Version als Palindrom von vorn wie von hinten lesen lässt („in girum imus nocte et consumimur igni“/dt. Berlin 1985) kommt Debord auf diese Phase seines Lebens zurück. Eine explosive Mischung aus Langeweile, Endzeitstimmung und anarchischer Verweigerung gegenüber den Zumutungen alles vermeintlich Normalen bildete die Basis für einen historisch einzigartigen Radikalismus: „Viele unserer Genossen sind wegen Einbruchs im Gefängnis. Wir akzeptieren die Strafen nicht, die man gegen jene verhängt, die sich bewusst geworden sind, unter keinen Umständen zu arbeiten. Wir verweigern darüber jede Diskussion“ (Debord). Dessen zeitweiliger Gefährte Raoul Vaneigem proklamierte: „Der einzige Kampf, der das Vergnügen lohnt, ist der Kampf der Individuen für die Konstruktion ihres Alltagslebens“.

Die Situationistische Internationale bestand bis 1972 und beeinflusste Künstlergruppen wie SPUR sowie einzelne Künstler in ganz Europa. 1972 löste Debord die Gruppe auf, nachdem von den rund 70 Mitgliedern praktisch nur noch er selbst die zahlreichen Fraktionskämpfe, Trennungen und Säuberungen überlebt hatte.

...




Aus: "Wir irren im Kreis" Von Rudolf Walther
Politik, Windmaschinen (18.01.2011)
Quelle: http://www.freitag.de/politik/1102-1950-wir-irren-im-kreis

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« Reply #4 on: April 19, 2012, 11:16:41 AM »

Quote
[...]  Die Langeweile ist die Kehrseite des Industrialisierungsprozesses und des mit ihm verbundenen
Regimes der Zeit: der Verregelung der Arbeitszeiten, der Verinnerlichung der Temporalisierung.
Sie markiert einen verbotenen Stillstand, ein unmögliches Innehalten und wird daher zum gesellschaftlichen
Tabu. Es geht also nicht nur um die Langeweile des Arbeitsprozesses selber, denn
Langeweile befällt alle Schichten der Gesellschaft. Als ein Phänomen der Moderne hängt sie für
Benjamin wesentlich mit deren veränderten Wahrnehmungsbedingungen zusammen und lässt sich
als komplementärer Begriff zur Zerstreuung lesen. Die Fragmentarisierung der Wahrnehmung hat
die Auflösung des ‚einheitlichen Subjekts‘ zur Folge und ist im Zusammenhang von allgemeiner
Beschleunigung und des Verlusts von ‚Erfahrung‘ zu sehen.
In dieser kritischen Situation macht Benjamin den Flaneur als Protestfigur aus: Der Flaneur
kann die Langeweile als Mittel des Protests nutzen, weil sie auch Stillstand und Unterbrechung des
Produktionsprozesses und des Fortschrittsdenkens bedeutet. Er macht damit ein subversives Potential
der Langeweile im Widerstand gegen die Beschleunigung sichtbar. In seiner demonstrativen
Geste der Gelassenheit wird Zeit zur Kraft – eine Energie, mit der verschieden umgegangen werden
kann.

Man muß sich nicht die Zeit vertreiben – muß die Zeit zu sich einladen. Sich die Zeit vertreiben (sich
die Zeit austreiben, abschlagen): der Spieler. Zeit spritzt ihm aus allen Poren. – Zeit laden, wie eine
Batterie Kraft lädt: der Flaneur. Endlich der Dritte: er lädt die Zeit und gibt sie in veränderter Gestalt –
in jener der Erwartung – wieder ab: der Wartende.


Zeit kann vertrieben, verschwendet, gestaut werden. Zeit als eine energetische Aufladung zeigt sich
in der Haltung des Wartens, welche sich mit der Zeit verbündet, statt sie zu vertreiben. Der Flaneur
und der Dandy kultivieren die Langeweile bewusst als vornehme Zeit, während sich der Wartende,

sich langweilende und nicht die Zeit vertreibende, öffnet. Sich mit der Zeit zu verbünden bedeutet,
sie nicht zu zwingen, sondern sich ihrer Innenseite anzuschmiegen. „Das Warten ist gewissermaßen
die ausgefütterte Innenseite der Langenweile.“8 Hierbei geht es nicht um die Langeweile beim
Warten, sondern das Warten als Haltung innerhalb der Langeweile. Dieses Warten ist genauso wenig
zielgerichtet wie die Langeweile selbst. Der Wartende, der die Zeit zu sich einlädt, wartet nicht
auf etwas Bestimmtes, sondern befindet sich in einem nicht ausgefüllten, nicht zielgerichteten,
nicht funktionalen Zustand. Benjamin macht Langeweile darüber hinaus als subjektives Erleben stark.

Langeweile ist ein warmes graues Tuch, das innen mit dem glühendsten, farbigsten Seidenfutter ausgeschlagen
ist. In dieses Tuch wickeln wir uns wenn wir träumen. Dann sind wir in den Arabesken
seines Futters zuhause. Aber der Schläfer sieht grau und gelangweilt darunter aus. Und wenn er dann
erwacht und erzählen will, was er träumte, so teilt er meist nur diese Langeweile mit. Denn wer vermöchte
mit einem Griff das Futter der Zeit nach außen zu kehren?


Langeweile erscheint hier als etwas unerwartet Positives. Sie wird zu einer anderen Art von Zeit,
die in einem Verhältnis zur Phantasie steht. Während ihre Oberfläche sich grau und ebenmäßig
zeigt, verdeckt diese eine andere, größere und sich ins Unendliche faltende innere Oberfläche, die
mit Bildern bedeckt ist. Der scheinbaren Reizarmut steht also ein Reichtum gegenüber, der durch
die Stillstellung der gewöhnlichen Zeit ermöglicht wird. Auf geheimnisvolle Weise verbinden sich
in der stillstehenden Zeit der Langeweile Leere und Fülle.
Ähnlich wie Walter Benjamin entwickelt Siegfried Kracauer einen utopischen Begriff von Langeweile.
Die utopische Langeweile steht bei ihm im Gegensatz zur vulgären. Was Kracauer „vulgäre
Langeweile“ nennt, ist diejenige Langeweile, die als Effekt entfremdeter Arbeit und durch die
Unzufriedenheit mit der eigenen Tätigkeit entsteht. Die utopische Langeweile, die „radikale“ oder
„richtige“ Langeweile kann nur jenseits der Arbeit und der Pflichten stattfinden: sonntags oder
nach Feierabend, wenn die tätige Betriebsamkeit ausgesetzt oder unterbrochen wird, um die Reproduktion
der Arbeitskraft zu erhalten.

Diese radikale Langeweile wird aber gerade in ihren utopischen Möglichkeiten verhindert, weil
die Arbeitsethik Tätigkeit moralisch verbrämt und weil immer dann, wenn man innerlich unausgefüllt
und empfänglich für Langeweile ist, die Massenmedien mit ihren Bildern und Klängen in den
(Großstadt-)Menschen eindringen. „Die Welt sorgt dafür, daß man nicht zu sich gelange“, schreibt
Kracauer 1924 in „Langeweile“10. Wenn es trotz dieses ‚Antennenschicksals’ in der allgemeinen
Betriebsamkeit dennoch zu Langeweile kommt, dann nur aufgrund einer Sättigung an Unerfülltheit,
„aus der die Fülle zu keimen vermag“.11 Diese Fülle ähnelt der Innenseite des grauen Tuchs
bei Benjamin und ist wie dieses zweigesichtig. Auch hier wird Langeweile in einem dialektischen
Verhältnis von Fülle und Leere gedacht. Den Reichtum des Erlebens kann man nur von der Innenseite
der Langeweile aus sehen. Kracauer spricht von „unirdischer Beglückung“, die man in dieser
Innenseite erfahren kann, wenn man die Geduld zur Langeweile aufbringt.

...


Veröffentlicht als: Serjoscha Wiemer & Anke Zechner: Zwischen Langeweile und Zerstreuung.
Von der Zeiterfahrung der Moderne zur Utopie des Kinos. In: Karschnia, Alexander / Kohns, Oliver / Kreuzer, Stefanie / Spies,
Christian (Hrsg.): Zum Zeitvertreib. Strategien - Institutionen - Lektüren - Bilder. Bielefeld 2005: Aisthesis, S. 47-58.
Quelle: http://www.serjoscha.net/wp-content/uploads/wiemer_zechner_langeweile.pdf

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« Reply #5 on: June 18, 2012, 03:20:38 PM »

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[...] Nicht zuletzt durch den Film Jules et Jim von François Truffaut ... die er selber mit seiner Frau Helen und deren Geliebten Henri-Pierre Roché erlebt hatte, ist Franz Hessel schließlich in die Geschichte eingegangen. Als Flaneur durch die Straßen von München, Paris und Berlin hat er ein Panorama dieser Städte gezeichnet. ... Von Baudelaire hat Hessel auch die Auffassung der "Korrespondenzen" übernommen, also einer "Welt von Bewegungen, Farben, Tönen, Seelen", die ineinanderfließen. Hinzu kommt noch etwas Wesentliches: "In ähnlichem Sinne [wie Baudelaire] unterweist Hessel den Flaneur in der Kunst der rein bestaunenden Wahrnehmung in einer Art bewusster Irrationalität. ... Und Benjamin meint: "Hessel beschreibt nicht, er erzählt." ...


Aus: "Franz Hessel (1880-1941), ein Flaneur in Paris" Prof. Dr. Anne-Marie Corbin (Datum ?)
Quelle: http://www.germlit.rwth-aachen.de/uploads/media/03_Anne-Marie_Corbin_Franz_Hessel.pdf

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« Reply #6 on: June 18, 2012, 08:48:11 PM »

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... Der Flaneur ist eine typische Figur der Großstadt des 19. Jahrhunderts und wird als solche vor allem in der Literatur inszeniert. Er wird als müßiggängerischer und ziellos durch die Stadt herumtreibender Citoyen dargestellt. Er ist jemand, der die Stadt als seine erweiterte Wohnung betrachtet. Sein Zuhause sind die Straßen, die Passagen, die Schaufenster, die Menschenmenge und die Straßencafés. Den öffentlichen Plätzen zieht er dabei die Rückseiten und Hinterhöfe, die verwinkelten Gassen und labyrinthisch verborgenen Orte der Stadt vor. Der Flaneur gerät während des Flanierens in einen wahren Straßenrausch und erfährt die alltägliche Stadt als eine ins Mythische reichende Phantasmagorie. Der Blick des Flaneurs ist dabei kein dem Spätkapitalismus angepasster funktionaler Blick, sondern ähnlich dem Blick des Kindes (oder dem surrealistischen Traumerlebnis, der „profanen Erleuchtung“) sieht und entziffert er auf allegorische Weise geheime Botschaften und Zeichen in den Straßen und an den Häusern. Er denkt eher in kombinatorischen Möglichkeiten als in der positiven Wirklichkeit. Physiognomisch lesend betätigt er sich sowohl an menschlichen Gesichtern als auch an Häuserfassaden und -architekturen. So wird ihm die ganze Stadt zum kulturell und mythisch beschrifteten Text, bis hin zur Profanität von Werbebildern und -texten. Beim Flanieren nimmt er mithin mimetisch die mannigfaltigen Identitäten der Stadt selbst an, wird dem Beobachteten gleich. Der Flaneur ist auch eng verwandt mit der Figur des exzentrischen Dandys, dem ästhetizistischen Schöngeist des Fin de siècle, wie er exemplarisch von Charles Baudelaire oder Oscar Wilde ausgelebt wird, und wird darin zu einer beliebten Gestalt des literarischen Surrealismus.

Der Flaneur des 19. Jahrhunderts, wie er in der Literatur oder den philosophischen Texten Walter Benjamins beschrieben wird, scheint im Film nur selten in Erscheinung zu treten. Aber jeder Film, der Figuren zeigt, die sich – oftmals in der Nacht – in der Stadt verlieren, um seltsame und mythische Bekanntschaften zu machen, vielleicht auch die eigene Stadt als fremde erfahren, bedient sich der Topoi des Flaneur-Komplexes. Wie aber eine philosophische Auseinandersetzung mit dem „flanierenden Denken“ erst mit der Krise der Stadt und den gebrochenen Formen des Flaneurs einsetzt, so scheint sich auch der Film mehr den modernen Metamorphosen des Flaneurs zuzuwenden, die als notwendige Reaktion einer Stadt im Verfall aufzutreten scheinen. Steven Soderberghs Kafka (US/F 91) scheint noch die Qualitäten und den Habitus des Flaneurs zu verkörpern, obgleich er diese auch nur als gebrochene Figur repräsentieren kann. Die Art und Weise, ziellos durch die Stadt zu streifen und Räume in der Stadt zu eröffnen, die plötzlich und mitunter auf ein epiphanische Weise neue Erkenntnis bringen können, kann man unter anderem auch in Vittorio De Sicas und Cesare Zavattinis Ladri di Biciclette (Fahrraddiebe, I 48) wieder finden. Das Ziel wird bei der Suche nämlich nach und nach aus den Augen verloren, um sich zunehmend den Geheimnissen der Stadt selbst zuzuwenden. ...


Aus: "Metamorphosen des Flaneurs im Großstadtfilm"  Dr. Arno Meteling (01.01.2002)
Quelle: http://www.f-lm.de/2002/01/01/metamorphosen-des-flaneurs-im-grosstadtfilm/



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« Reply #7 on: June 26, 2017, 08:25:59 AM »

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[...] Zielloses Schlendern war es bekanntlich nicht, was rund eine Million Frauen im Januar beim Women's March in Washington auf die Strasse trieb. In der gerade angebrochenen Ära Trump protestierten sie gegen Sexismus und Rassismus, für die weibliche Emanzipation. Aber in gewisser Weise war es eine interessante Koinzidenz, dass es kurz zuvor schon eine Art Manifest gegeben hatte, das die Frauen zurück auf die Strasse brachte, wo ihnen die Geschichte, zumindest literarisch, bisher kaum Platz eingeräumt hat: «Flâneuse», das gefeierte Buch der amerikanischen Autorin Lauren Elkin. Eine Hommage an die Wanderin der Städte, an der selbst der Feminismus bisher achtlos vorbeigegangen zu sein scheint.

Denn der «Flaneur» ist ja nicht nur dem Namen nach eher männlich, er tritt auch in seinen bekanntesten Streifzügen ausschliesslich als Mann auf. Am prominentesten beim französischen Dichter Charles Baudelaire, der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die grossen Boulevards das neue Stadtbild von Paris prägen, in seinen Erzählungen das Flanieren zum Sinnbild der Moderne erhebt. Der Umherschweifende ist bei ihm ein «artiste», ein Beobachter, der Spiegel einer neuen Gesellschaft – und vor allem eben: «ein Mann von Welt». Die vorbeiziehenden Fussgänger liefern den Stoff zur Reflexion, jede noch so kleine Beobachtung kann eine tiefere Schönheit entwickeln.

Für den deutschen Schriftsteller Walter Benjamin, untrennbar mit der Figur des Flaneurs verbunden, ist er ein Süchtiger und Melancholiker, Voyeur oder Detektiv und Verdächtiger zugleich. Sein «Passagen-Werk» entstand im Exil in Paris, wo er in den überdachten Flaniermeilen das Geheimnis der Dinge zu entschlüsseln versuchte. Die Beobachter der modernen Gesellschaft kultivieren, was Honoré de Balzac die «Gastronomie des Auges» nannte.

Ein bisschen intellektueller Glamour schwingt also immer mit, wenn man nur scheinbar im Müssiggang, eigentlich aber mit höherem Ziel unterwegs ist. Elkin, als Amerikanerin eher wenig im Flanieren geübt, lernt als Studentin in Paris das Umherschweifen kennen und lieben. Bald trägt sie ständig ein schwarzes Notizbuch bei sich, ein Moleskine, wie es Ernest Hemingway benutzte. Sie wird zum «flâneur», beziehungsweise zur «flâneuse». Bis sie schliesslich feststellt, dass es das Wort nicht zu geben scheint – oder nur als Beschreibung eines durch und durch immobilen Klubsessels. Auch in der Literatur ist auf Anhieb kein weiblicher Blick auf die Stadt zu finden. Wie kann das sein? Wo die Frauen doch keineswegs auf dem Land geblieben waren? So beginnt Elkins Spurensuche, die gleichermassen Ehrenrettung wird. Sie sucht die Frauen auf den Strassen – und findet sie.

Etwa bei Baudelaire, nur eben nicht als ebenbürtige «flâneuse», sondern als «passante», in seinem Gedicht «Einer Vorübergehenden» aus «Die Blumen des Bösen». Und vermutlich war die «passante» vielmehr eine Prostituierte, «a streetwalker», wie es im Englischen signifikanterweise heisst. Wer im vorletzten Jahrhundert als Frau auf den Strassen unterwegs war, konnte dafür nur diesen einen Grund haben.

Das Fehlen des weiblichen Blicks auf die Moderne scheint also, wenig überraschend, vor allem auf die soziale Stellung der Frau im 19. Jahrhundert zurückzugehen. Das wird auch stets in den Essays bekräftigt, die Elkin zum Thema findet. Während man heute noch gewisse Gegenden nachts als Frau nicht alleine durchqueren sollte, waren die grossen Städte ohne männliche Begleitung damals eine einzige No-go-Area.

Elkin geht aber, um im Bild zu bleiben, einen Schritt weiter. Sie will nicht glauben, dass es nicht doch irgendwo «Beobachterinnen» gegeben hat, die auf den Strassen unterwegs waren und davon Zeugnis ablegten. Zumindest zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird sie fündig. Vor allem bei Virginia Woolf, die in einem Essay gleichen Namens von «Street Haunting» schreibt. Die Schriftstellerin ist berauscht von der «champagne brightness» der Luft und der Geselligkeit auf den Strassen. Sie lässt die Dinge, die sie zu Hause definieren, hinter sich und lässt sich vom Strom der «republikanischen Armee aus anonymen Herumtreibern» mitreissen – vorgeblich ist sie allerdings nur nach draussen gegangen, um einen Bleistift zu kaufen. Nicht zuletzt ist es also auch der Siegeszug der «department stores» und der Flanier- wie Einkaufsmeilen in den Städten, der die Frauen emanzipiert und mobil macht. Marktfrauen hat es im Stadtbild immer gegeben, jetzt haben endlich auch die gehobeneren Stände einen guten Grund, auf die Strasse zu gehen: um Besorgungen zu machen.

Die Flaneuse hat die Gesellschaft gewissermassen doppelt unterwandert. Sie konnte nicht so demonstrativ umherziehen wie ihr männlicher Counterpart. Denn sie ging dorthin, wo sie eigentlich nichts zu suchen hatte. Noch im 19. Jahrhundert schreibt die russische Malerin Marie Bashkirtseff, wie gern sie auf einer der Bänke in den Tuilerien sitzen und abends durch die Gassen streifen würde. Spätere Künstlerinnen sind deshalb womöglich umso aufsässiger: Die Französin Sophie Calle etwa wird bekannt, als sie, zunächst aus Langeweile, beginnt, Leuten auf der Strasse zu folgen. Als sie schliesslich einen der «Verfolgten» bei einer Galerie-Eröffnung wieder trifft, reist sie ihm heimlich nach Venedig hinterher und macht aus ihren Fotos und Notizen die bekannte Installation «Suite Vénitienne».

Aber laufen Frauen tatsächlich anders durch die Stadt als Männer? Früher wie heute? Ist der weibliche Blick ein anderer? Elkin suggeriert, dass die Frauen zielgerichteter unterwegs sind. Was einleuchtend klingt: Wenn sie es bis hierher geschafft haben, dann muss jetzt auch etwas dabei herauskommen. Die amerikanische Kriegsreporterin Martha Gellhorn etwa begann im Spanischen Bürgerkrieg, ihre täglichen Rundgänge durch Madrid zu beschreiben, statt von der Front und von wichtigen Treffen zwischen Generälen zu berichten. Sie ist unfähig, nur zuzuschauen; sie will vielmehr Zeugnis ablegen von den Auswirkungen des Krieges auf das Leben der Menschen und dies auch zeigen. Womöglich sind Frauen tatsächlich empathischer in ihrem Blick, sicherlich auch wachsamer, weil für sie traditionell mehr Gefahren lauerten. Noch heute sind vor allem Mütter auf der Strasse in ständiger Alarmbereitschaft, wenn sie kleine Kinder an der Hand mitführen.

Bliebe noch die Frage, die über die späte, absolut lobenswerte Würdigung der Flaneuse ein bisschen in den Hintergrund gerät. Wo steht sie gerade? Und wie lange läuft sie noch? Das Genre der sogenannten «Psychogeografie», das die Wirkung «des unmittelbaren Umfelds auf das Gefühlsleben» schildert, liegt weiterhin im Trend. Auch Elkin glaubt, dass das Schreiben über Stadtrundgänge noch nie so sehr in Mode gewesen sei wie heute. An ihr Einstiegskapitel schliesst sie ausführliche anekdotische Beschreibungen ihrer Erkundungen durch Paris, Tokio oder London an.

Aber bekommt das gemütliche Laufen vielleicht auch deshalb so eine Bedeutung, weil es in Wahrheit immer seltener wird? Wer heute in Grossstädten lebt, folgt einem Takt, dem mit normaler Schrittgeschwindigkeit kaum noch beizukommen ist. Neben Fahrrädern oder E-Bikes werden Tretroller, Hoverboards oder Segways benutzt, um möglichst schnell von A nach B zu gelangen. Und zwar gehen heute sowohl Männer wie Frauen den «modernen» Weg.

Während das Window-Shopping früher selbst am Sonntag zum Flanieren über einen der Boulevards einlud, ist heute das Internet 24 Stunden geöffnet. Das transgressive Element des Shoppings Anfang des 20. Jahrhunderts, also dass es einen Übergang, ein Vordringen markierte, ist längst obsolet geworden. Zum Einkaufen gehen immer weniger Frauen auf die Strasse. Wurde Ende der neunziger Jahre immerhin noch der «Cyberflaneur» gefeiert, der diese neue Welt spielerisch durchläuft und durchforstet, ist im immer schneller werdenden Internet längst nicht mehr von einem Flanieren voller Musse die Rede. Auch hier wird durch die Ergebnisse gerast, gescrollt, schnell weggewischt.

Also schnell noch einmal losgehen und konservieren, was einmal als ultimative Philosophie der Moderne galt? Oder ist das neuerliche Feiern des Flanierens eher die Gegenreaktion auf die «fast lane», das Leben auf der Überholspur? Ein Wiedererstarken der «slow motion», eines Daseins in Zeitlupe? ...


Aus: "Ausschweifend weiblich" Silke Wichert (25.6.2017)
Quelle: https://www.nzz.ch/gesellschaft/ausschweifend-weiblich-lob-flanierens-ld.1302376
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