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Author Topic: [Empathie & mentales Modell... ]  (Read 7393 times)

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[Etwas zurückgeben... ]
« Reply #15 on: April 09, 2015, 01:07:20 PM »

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[...] Wenn der eigene, achtjährige Sohn Hunger hat, den Kühlschrank öffnet und fragt, warum nichts drin ist, bleibt einer Mutter die Sprache weg. „Ich weiß, wie es ist, von Sozialhilfe zu leben“, sagt Kathi Schweers-Reinhardt aus Wannsee und beschreibt das Gefühl: Es deprimiert, macht einsam und raubt einem das Selbstbewusstsein. Das ist jetzt fast 20 Jahre her. Damals lebte sie in Hamburg, war alleinziehend. Heute geht es der 50-Jährigen gut, privat und beruflich, alles stimmt. Deswegen möchte sie etwas tun, etwas zurückgeben, helfen. „Denn ich mag Menschen“, sagt sie, „auch körperliche Berührungen wie Hände drücken, eine Wange streicheln, umarmen. ...


Aus: "Für ein Stück Würde und Normalität" Anett Kirchner (08.04.2015)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/zehlendorf/friseurmeisterin-aus-wannsee-hilft-beduerftigen-fuer-ein-stueck-wuerde-und-normalitaet/11559416.html
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[Oxytozin... ]
« Reply #16 on: July 29, 2015, 11:38:53 AM »

Die Forschungsergebnisse haben dazu geführt, dass Oxytocin in der Öffentlichkeit gelegentlich als Orgasmushormon, Kuschelhormon oder Treuehormon diskutiert wird. Tatsächlich ist die Signifikanz von Oxytocin für Fühlen und Handeln in zahlreichen Studien bestätigt; allerdings ist zu beachten, dass psychische Zustände wie zum Beispiel „Liebe“ keinen einheitlichen biologischen Phänomenen entsprechen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Oxytocin

Quote
[...] dass Oxytozin soziale Interaktion fördert, indem es die Reaktion des Gehirns auf sozial relevante Signale, Geräusche und andere Stimuli verstärkt. Laut Young hilft das Hormon den Mäusen beispielsweise, den Geruch von Artgenossen wahrzunehmen; anderen Studien zufolge verbessert es auch die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen.

Doch Oxytozin schafft das nicht allein. Im Jahr 2013 zeigte der Neurowissenschaftler Robert Malenka von der Stanford University in Kalifornien zusammen mit seinem Team, dass das Hormon mit dem Neurotransmitter Serotonin zusammenarbeitet und so die Erregbarkeit der Neurone im Nucleus accumbens reduziert, einer mit Belohnung assoziierten Gehirnregion im unteren Vorderhirn. Das scheint auch zu bewirken, dass Mäuse bevorzugt in Umgebungen zurückkehren, in denen sie positiven Kontakt mit anderen Tieren hatten. "Oxytozin ist Teil eines größeren Ganzen", sagt Carter. "Es nicht das einzige wichtige Molekül, aber es scheint eine Vielzahl anderer Regelsysteme zu kontrollieren."

Die Fortschritte der Grundlagenforschung haben auch das klinische Interesse an Oxytozin geweckt. Das Hormon wird bereits seit den 1950er Jahren genutzt, um Geburten zu beschleunigen, so dass viele Forscherinnen und Forscher auch seinen Einsatz in Verhaltenexperimenten für ungefährlich halten. Vor etwa zehn Jahren zeigten die ersten Studien aus der Psychologie, wie eine Einzeldosis Oxytozin – verabreicht per Nasenspray – bei gesunden Erwachsenen das Sozialverhalten fördern kann. So waren zum Beispiel manche Teilnehmer, die vorab das Nasenspray erhalten hatten, eher bereit, ihren Mitspielern in einem Spiel um Geld etwas zu leihen. Gleichzeitig verlängerte die Gabe des Hormons auch die Zeit, die Menschen damit verbrachten, anderen in die Augen zu blicken, und verbesserte ihre Fähigkeit, Emotionen am Gesicht des Gegenübers abzulesen.

Das macht Oxytozin zu einem attraktiven Kandidaten bei der Behandlung von bestimmten psychiatrischen Erkrankungen wie etwa einer Autismus-Spektrum-Störung. Die Betroffenen haben häufig Probleme mit Kommunikation und sozialer Interaktion, womöglich, weil sie entsprechende Reize einfach anders verarbeiten. Forschende glauben daher, dass Oxytozin manche der Symptome mildern könnte. Verschiedene Studien aus den vergangenen Jahren stützen diese Theorie. So zeigte sich beispielsweise, dass schon eine Einzeldosis Oxytozin vorübergehend das Maß an Empathie und sozialer Kooperation bei Patienten mit Autismus-Spektrum-Störung steigern kann.

"Die Leute waren begeistert", erinnert sich die Ärztin und Neurowissenschaftlerin Evdokia Anagnostou, Direktorin am Autism Research Centre am Holland Bloorview Kids Rehabilitation Hospital in Toronto, Kanada. Aber sie weiß auch, dass einige Schritte einfach übersprungen wurden, damit Oxytozin möglichst schnell als Medikament getestet werden konnte. "Um es ordentlich zu machen, hätten wir ehrlich gesagt anders vorgehen müssen. Es ging alles viel zu schnell", sagt sie. So wurde vorab etwa nie überprüft, ob unterschiedliche Dosierungen des Hormons auch unterschiedliche Effekte auf die Psyche mit sich bringen.

Viele der frühen Studien, die die Wirkung von Oxytozin bei Autismus untersuchten, besitzen nur eine begrenzte Aussagekraft, weil sie oft auf Einzelgaben beruhten und nur an relativ wenigen Teilnehmern durchgeführt wurden. Späteren Studien, in denen die Probanden das Hormon dann mehrfach verabreicht bekamen, ließen viel versprechende Effekte schließlich vermissen. Der klinische Psychologe Adam Guastella von der University of Sydney untersuchte im Jahr 2010 16 männliche Heranwachsende mit Autismus-Spektrum-Störung und beobachtete, dass es den Patienten nach Gabe einer einzigen Dosis Oxytozin besser gelang, die Emotionen anderer durch Blickkontakt zu beurteilen. Wenn sie die Substanz aber zwei Monate lang zweimal täglich erhielten, zeigte sich keine signifikante Verbesserung im Sozialverhalten und der sozialen Wahrnehmung. "Laut bisheriger Studien ist Oxytozin nur sehr begrenzt dazu in der Lage, Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen langfristig zu helfen", sagt er. Laut Guastella wird es noch eine ganze Weile dauern, bis wir die neurologische Wirkung des Hormons wirklich verstanden haben. "Eine einfache Antwort gibt es da nicht."

... Oxytozin ... "Es löst keine Liebesgefühle aus und führt auch nicht zu blindem Vertrauen", sagt Guastella. "Alle suchen immer eine einfache Lösung, nach dem Motto: Bei diesen Patienten wirkt Oxytozin und bei jenen nicht; bei diesen steigert es die soziale Kompetenz und bei jenen nicht." Doch die Wissenschaft ist nur selten so einfach. "Oxytozin ist bekannt dafür, Regelkreise auf verschiedenste Weise zu beeinflussen, und wird sicherlich nicht bei jedem dieselbe Wirkung haben", sagt Guastella. "Die Biologie dahinter ist nun einmal unglaublich komplex."


Aus: "Neurowissenschaft: Oxytozin - mehr als nur ein Kuschelhormon" Helen Shen (28.07.2015)
Quelle: http://www.spektrum.de/news/oxytozin-mehr-als-nur-ein-kuschelhormon/1357235
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[Wo kommt diese unglaubliche Kälte her?... ]
« Reply #17 on: November 10, 2015, 02:50:03 PM »

Quote
[...] Zwei New Yorker Therapeuten treffen sich beim Joggen am Strand von New Jersey. Sagt der eine: „You are fine! How am I?“ Das ist schon der ganze Witz. Ein schöner Witz, er hat es in sich. „Ihnen geht es gut! Wie geht es mir?“ In sein Gegenüber kann ein guter Therapeut oder Psychoanalytiker sich besonders gut einfühlen. Das gehört zum Beruf. Von seinem Kollegen erhofft, erwartet er hier umgekehrt für sich selber Mitempfinden, Einfühlung. Das ist der Affekt, der in den abertausend Ehrenamtlichen geweckt wurde, die augenblicklich dafür sorgen, dass Geflüchtete aus zerfallenden oder zerrütteten Staaten im Mittleren Osten, in Asien, dem Maghreb oder Afrika südlich der Sahara in Deutschland willkommen geheißen werden. Jene Ehrenamtlichen und Gutwilligen also, auf die sich die regierende Koalition stützt, wo sie ihr Leitmotiv „Wir schaffen das!“ verteidigt.

Noch vor wenigen Wochen, im Juni, wurde Kanzlerin Angela Merkel vorgeworfen, dass sie bei einem Bürgerdialog in Rostock der Teenagerin Reem Sahwil erklärte, ihr Aufenthaltsstatus als Asylsuchende sei nicht gesichert. Nicht alle würden bleiben dürfen, hatte die Kanzlerin bedauert. Das Mädchen brach in Tränen aus, die Öffentlichkeit war erschüttert von der Kanzlerin, sie zeige zu wenig Empathie. „Merkel muss endlich erkennen, dass Flüchtlinge ein Gewinn für Deutschland sind“, kritisierte nicht nur die „Süddeutsche Zeitung“. Inzwischen wird derselben Merkel vorgeworfen, mit ihrem Zitieren des Grundgesetzes, wonach es für Anträge auf Asyl keine Obergrenze gibt, das Gegenteil zu demonstrieren: zu viel Empathie. Merkel wurde als Mutter Teresa karikiert, Medien beschwören den angeblichen Steuerungsverlust der Politik. Vorübergehend schien geradezu ein Überschuss an Mitempfinden vorhanden. Medial und durch gezielte, rechte Propaganda auf lokaler Ebene wurde die Empathie heruntergekocht, das Ressentiment hingegen geschürt. Das Bundeskriminalamt zählte 2015 bereits 104 Gewalttaten gegen Herbergen von Asylbewerbern, 53 davon Brandstiftungen.

Dabei hat sich rein faktisch im Alltag der allermeisten wenig verändert. Der Wirtschaft verzeichnet Rekordüberschüsse, die Arbeitslosigkeit ist auf ein Rekordtief gesunken, die Renten sind gestiegen, und Flüchtlinge in Person bekommen weiterhin vor allem die Ehrenamtlichen und Behördenmitarbeiter zu Gesicht. Aber die generelle Empathiebereitschaft scheint abzunehmen.

Erbittert streiten ein paar Berliner Nachbarn am Küchentisch. Ein wohlhabender Handwerksmeister erklärt seine Unruhe darüber, dass ein „Strom an Fremden massenhaft ins Land drängt“. Horden aus den Gebieten der Armut hätten sich aufgemacht, unser Sozialsystem zu plündern. „Was wollen die hier? Uns hat auch keiner was geschenkt!“ Seine alte Mutter, einst aus Ostpreußen vertrieben, schimpft über ihre geringe Rente. „Das darf nicht wahr sein – alte, deutsche Leute leben in Armut, aber für Dahergelaufene gibt man Milliarden aus!“ Sicher, schlimm sei das da, wo diese Leute herkommen. „Aber“, greift die alte Dame zur aktuellen Formel eins der Abwehr: „Wir können nicht alle retten!“

Eine Frau, zu deren Vergangenheit Flucht und Not gehört und die Schutz gefunden hat, lehnt die Schutzsuchenden der Gegenwart ab. „Ihr habt doch selber so was erfahren!“ argumentiert ein andrer Nachbar. „Ihr seht doch die Bilder von denen, die durch kalte Flüsse waten, die in Containern hausen!“ Das humanitäre Gerede, das habe er satt, wirft der Sohn ein. „Wer zahlt denn das Ganze? Hier, ich, wir!“

Wie Pfeile schießen die Ausrufezeichen hin und her. Rentnerin und Sohn empören sich über die Naivität der anderen Ansichten. Dann müssen sie los, raus mit dem Cockerspaniel, der ihnen über alles geht. In der Fürsorge für das Tier sind sie rührend. Den anderen am Tisch bleibt es rätselhaft: Wie kann jemand, der selber Not erlitten hat, für das Leid von anderen so wenig empfinden? Der aus Dresden stammende Dichter Durs Grünbein hat angesichts von Pegida-Demonstranten gefragt: „Wo kommt diese unglaubliche Kälte her? Da sind alte Frauen dabei, die auch mal Mütter waren. Warum haben die kein Mitleid, wenigstens mit den Kindern?“

Das ist eine überaus politische Frage. Denn Empathie, die Fähigkeit, sich aus der Perspektive des anderen dessen Affekte und Lage vorstellen zu können, ist die Basis des Sozialen, eine der wichtigsten Voraussetzungen für Gesetz und Gesellschaft. Doch wie entsteht Empathie? Was ist ihre Quelle?

Bis vor Kurzem galt eine neue Entdeckung in der Hirnforschung als Schlüssel zur Erklärung: Die Spiegelneuronen. Forscher hatten beobachtet, dass im Gehirn von Affen ähnliche Neuronen feuern, wenn sie selber nach einer Frucht greifen, als wenn sie einen Artgenossen nur dabei beobachten, wie dieser nach einer Frucht greift. Ihr Hirn spiegelt sozusagen imitierend die Handlung des anderen: Sie empfinden mit. Unterdessen wurde die vermeintlich bahnbrechende These entmystifiziert. Auf Menschen sei sie so nicht anwendbar, räumte Gregory Hickok, einer der Fachleute, die die These vertreten hatten, Anfang des Jahres ein. „Der Mensch ist nicht sozial, weil er dank Spiegelneuronen imitieren kann“, sagt Hickok jetzt. „Er imitiert, weil er sozial ist.“ Warum aber ist er sozial – oder kann es sein? Und wann, warum wird er es nicht?

Die Genese von Empathie ist eine, wenn nicht die Kernfrage der Gattung Mensch. Geschaffen wird die Basis für Empathie, so die Erkenntnis der Psychologie, bereits in den frühen Jahren, in der Kinderzeit eines Menschen. Während das Potential für Empathie physiologisch in jedem Menschen angelegt ist, braucht es bestimmte Bedingungen, um sich zu entwickeln. Mit Spiegeln hat das durchaus zu tun. Erfährt das Neugeborene, das Kleinkind adäquate Antworten auf seine Bedürfnisse, wenn es Hunger, Durst, Angst hat, wenn es friert, Beruhigung braucht, Nähe oder Raum zum Erkunden der Umwelt, dann erwirbt es nach und nach die Kunst der Selbstregulierung von Affekten. Es erkennt, was guttut und was nicht. In Kommunikation und Spiel entfaltet das Kind die Fähigkeit, auf andere zu antworten. Der fürsorgliche andere wird in die Psyche aufgenommen, als sein Echo entsteht, was Psychologen „ein inneres, gutes Objekt“ nennen. Es hilft gewissermaßen, Emotionen zu „verdauen“. Analog zu seiner eigenen Erfahrung erfasst das Kind, was dem anderen guttut und was nicht: Es empfindet mit. Es „sorgt“ für die Puppe oder das Stofftier, es leidet mit einem seiner Geschwister, das sich das Knie aufgeschlagen hat: „Ich hatte Angst, und bin beruhigt worden – es tut gut, zu erleben, wenn jemand anders beruhigt wird, ich weiß, wie es sich anfühlt, ich kann mich identifizieren.“

Je nach Temperament wird im Weltvertrauen der Wunsch stärker, selber anderen Sicherheit zu geben, abzugeben, das Gute zu teilen – und es als Glück zu erkennen, dass sich das Gute dabei vermehrt. Transformiert in die soziale und politische Sphäre kann die Fähigkeit zur Empathie zum Sinn für Gerechtigkeit und Menschenrechte reifen, zum Interesse am Gestalten der Gesellschaft, am Stiften von Sinn.

Ungezählte Serien von kleinen Interaktionen und Erlebnissen, Narrativen und Dialogen, ungezählte Episoden des Aushandelns eigener und fremder Grenzen arbeiten auf diesem Lernpfad mit daran, die soziale Kompetenz des Individuums zu erweitern. Dieser Prozess ist enorm dynamisch. Zur emotionalen und kognitiven Arbeit, die ihn begleiten, gehören Brüche, Enttäuschungen, Rückschläge. Keinen Schritt auf diesem Arbeitsweg der Affekte geht ein Kind oder Jugendlicher völlig allein, jede Etappe ist reich an Erlebnissen mit intersubjektivem Charakter.

Werden aber Bedürfnisse wieder und wieder nicht angemessen beantwortet, dann klaffen große Lücken auf dem sozialen Lernpfad. „Ich hatte Angst, und keiner hat mich beruhigt. Dem anderen war ich nicht genug wert, ich wurde ignoriert. Mit Neid, Wut oder Hass sehe ich, wie andere beruhigt werden und Sicherheit bekommen.“ Bleiben Emotionen unverdaut, stauen sie sich, manchmal bis ins Unerträgliche. Das Weltvertrauen fragmentiert, und um zu überleben, schafft das Subjekt für das Unerträgliche abgespaltene Räume. Im Dunklen, Unbewussten hausen entwertete Teile des Ich, ins Bewusstsein dringen darf nur, was für das Ich erträglich ist. Viel emotionale Kapazität wird dabei absorbiert, großer seelischer Raum wird eingenommen von der Schwerarbeit, solche Spaltung zu erhalten. Zugleich schrumpft in der Architektur der Psyche der Raum, der das Potential zur Entfaltung von Empathie enthält. Früh erlernte Muster dieser Art wandern mit ins erwachsene Leben, wo sie zum verzerrten Tableau eines negativen, pessimistischen Weltentwurfs beitragen. Rationalisiert ertönt der Ausdruck dieses Entwurfs wie eingangs zitiert: „Uns hat auch keiner was geschenkt.“ Oder: „Mir haben die Schläge auch nicht geschadet.“ Oder: „Was kann ich dafür, wenn es anderen dreckig geht?“ Mit dieser Volte nimmt der andere den Platz des abgespaltenen, psychischen Materials ein: Er steht für das Entwertete im eigenen Inneren.

In den 1990er entrüstete sich ein hochrangiger Mitarbeiter des Innensenats in einem informellen Gespräch, asylsuchende Bosnierinnen, die Vergewaltigung überlebt hatten, sollten sich „nicht so anstellen“. „Deutsche Frauen wurden auch im Krieg vergewaltigt – und die sind nicht weggerannt! Als Trümmerfrauen haben sie die Städte wieder aufgebaut!“ Klar sprachen unverdaute Emotion und unbearbeitetes Trauma aus dem Mund des Politikers – transformiert ins Ressentiment.

Empathiearmut birgt, verbirgt Texte wie diese: Die anderen sind so elend, wie wir mal waren, daran will ich nicht erinnert werden. Der Elende löst die Furcht aus, ich könnte selbst ins Elend rutschen. Er bedroht mich, denn er wird mir aus Neid etwas wegnehmen. Seine Not ist mir unheimlich, durch die Konfrontation mit ihr wirkt Wohlstand nicht mehr selbstverständlich. Konfliktzonen, die weit weg lagen – im virtuellen Woanders – verschieben sich real und in Gestalt der Fremden hierher.

Im Gegenzug, in der Abwehr ihrer Abwehr, kapern die Xenophoben derzeit mitunter die großen, empathischen Themensphären der Politik. Pegida-Anhänger haben sich schon öffentlich zu Ureinwohnern Amerikas heroisiert, die in kolonialistischer Manier von Fremden überrollt würden. Doch noch hinter dem komischen Pathos solcher Vergleiche wird der Inhalt des Abgespaltenen sichtbar, das, besonders in den neuen, vom Westen „kolonialisierten“ Bundesländern, dabei unbewusst verhandelt wird.

Zur politisch intelligenten Antwort auf die Dynamik von Empathie und Empathiearmut gehört nicht nur das Investieren in exzellente frühkindliche Förderung und familiäre Gewaltprävention. Dazu gehört auch die tröstliche, wissenschaftliche Erkenntnis, dass Empathievermögen durchaus im Erwachsenenalter nachreifen kann und sich ebenso wecken lässt, wie es betäubt werden und brachliegen kann. Den Worten und Metaphern, mit denen Politik und Medien begründete Zuversicht und erkennbares Handlungsgeschick vermitteln, kommt dabei eine Hauptrolle zu. „Wir schaffen das“ ist ein guter Satz für den Beginn eines sinnvollen Vorhabens. Denn was sollte eine wie auch immer geartete, gegenteilige Aussage bewirken? Sie kann nur Hilflosigkeit signalisieren und verunsichernd wirken. Wer aus Schwarzmalerei politisches Kapital schlagen will, trägt dazu bei, den gesellschaftlichen Raum der Empathie zu schrumpfen – ein destruktiver Tatbestand.

Aber „wir schaffen das“ genügt nicht. Die seelischen Nöte auch derer aufzugreifen, die sich bedrängt vom Fremden sehen, aus ihrem Inneren wie von außen, erfordert politische Courage in der Bereitschaft, sich mit der psychischen Dynamik der Ängste auseinanderzusetzen, die existieren. Nicht nur bei den Einheimischen, die Fremdenangst haben und schüren, sondern auch in der Community der Neuankömmlinge, wo Angehörige unterschiedlicher Ethnien und Religionen einander in ihren Unterkünften drangsalieren. Notwendig ist Mediation, notwendig ist demokratisch aufklärende Sozialarbeit auf gesellschaftlicher Mikro- wie Makroebene. Transparent zu vermitteln, wie wir das schaffen, warum wir als Gesellschaft es überhaupt schaffen wollen, eine größere Gruppe an Neuankömmlingen zu integrieren, darauf kommt es jetzt an.

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     von McSchreck
    09.11.2015 14:43 Uhr

zu kurz

ich habe sehr viel Empathie für Menschen in Not. Aber ich habe mehr für die, die mir nahe stehen als für die, die ich nicht kenne.
Das dürfte eine normale menschliche Regung sein. Schon Kinder lernen nach einigen Erfahrugen, dass man nicht jedem Bettler immer etwas geben kann, dass man sein liebstes Kuscheltier nicht jedem aus dem Kindergarten gibt, sondern allenfallls den besten Freunden - wenn überhaupt.
Daher greift der Artikel zu kurz, wenn er Menschen die Empathiefähigkeit abspricht, die den nahezu unbegrenzten Zustrom von Flüchtlingen kritisch sehen. In diesem Spektrum gibt es sehr viele Varianten, vom Ausländerfeind bis zu denen, die am Ende ihrer Kräfte sind beim vielen Helfen.


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     von Helvetianer
    08.11.2015 08:44 Uhr

Nachdenken
Wieso fordern die Menschen, denen Fremde fremd sind, im Gegensatz zu jenen, denen Fremde vertraut sind, dass ihnen die Fremden fern bleiben?
Wieso fordern die Gutbetuchten, die vom Armsein nichts wissen, im Gegensatz zu den Dünnerbetuchten, von den Unbetuchten verschont zu werden?
Wieso fordern ehemals Unfreie und Verfolgte, deren Vorfahren einst Vertreibung erlitten, Unfreien und Verfolgten die Zuflucht zu verweigern?
Wieso fordern aufrechte Demonstranten Abgang und Tod von Politikern,die Fremde, Unbetuchte, Verfolgte wie Menschen empfangen und behandeln?


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     von juemann
    09.11.2015 13:18 Uhr

erweiterung

Fähig zur Empathie zu sein heißt nicht automatisch gut, mildtätig, helfend zu sein. Fest steht nur, dass bei einem nicht oder nur schlecht ausgebildeten Präfrontalcortex Empathie nicht oder nur schwach wirken kann. Siehe die hervorragenden Untersuchungen der Mitglieder der Securitate nach dem Zerfall des Ceaucescu-Regimes.
Entscheidend ist daher, wie die Fähigkeit zur Empathie eingesetzt wird. Wer Kinder hat und diese in einer Gruppe agieren gesehen hat kommt anders als Frau Fetscher nicht zu dem Schluss, dass Kinder automatisch mit dem Schwachen mitfühlen, dem Hungernden etwas abgeben etc.
Außenseiter in Kindergruppen können durchaus durch die Hölle gehen, wenn andere Kinder empathisch genug sind zu hänseln, zu unterdrücken, den Schwachpunkt zu treffen.
Man denke auch an Folterer, Heiratsschwindler, Betrüger etc. Alle hochgradig mit Empathie gesegnet.


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     von xtraa
    09.11.2015 08:51 Uhr

Des „Rätsels“ Lösung
Des Rätsels Lösung liegt doch auf der Hand:

Wie wenig Empathie muss man haben um nicht zu erkennen, dass sich viele nach 12 Jahren Agenda 2010 und Hartz4 Drangsalierung liegengelassen fühlen und nun nicht verstehen, warum sie in der BILD als Florida-Rolfs und Sozialschmarotzer betitelt werden, während wir nun flüchtende Menschen, die wir nicht kennen sofort und selbstlos mit offenen Armen und Herzen empfangen.


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     von 7905
    08.11.2015 22:32 Uhr

Mitgefühl bitte nicht zerreden !
Warum hinterfragt hier jemand soziales und menschliches Verhalten,das eher selbstverständlich und eine Norm sein möchte ?Hat man die vielen Erlebnisse der Flüchtlinge im und nach dem 2.Weltkrieg vergessen ? Damals halfen alle,man redete erst später darüber.Deutschland sähe ohne die Hilfe anderer Menschen und Staaten nicht so schön aus.


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     von Antigone12
    08.11.2015 13:23 Uhr

Erst kommt das Fressen...
...und dann kommt die Moral.
Oder: " Der Mensch wär gern gut, doch die Verhältnisse sind nicht so "
Beides von Bert Brecht.

Mit anderen Worten:

Wenn ich selbst ums Überleben kämpfen muss, bzw. fürchte,es bald zu müssen, bin ich mir selbst der Nächste

Empathie ist auch eine Kulturleistung, die auf dem Boden der Zivilisation gediehen ist.

Ich persönlich kann es mir leisten, empathisch zu sein, weiß aber nicht, wie ich denken und fühlen würde, wenn ich mit 50 arbeitslos geworden wäre und Hartz 4 beziehen müsste, obglich man doch 20 oder 30 Jahre In die Sozialkassen eingezahlt hätte.
Oder wie es mir ergehen würde als alleinerziehende Mutter,die , um für das Kind dazusein, halbtags arbeiten will, aber davon nicht mehr leben kann....
Wieviel Obdachlose haben wir, und wende uns von jenen ab.....

Nicht jeder, der so denkt, ist rechts

Quote
     von wp10
    08.11.2015 18:17 Uhr

Antwort auf Antigone12 vom 08.11.2015 13:23 Uhr
Wie man das „ums Überleben kämpfen“ herbeireden kann

    Nicht jeder, der so denkt, ist rechts

Wer aus der eigenen Not den Schluss zieht, sich gegen die wenden zu müssen, denen es auch schlecht oder schlechter geht, gegen die zusätzlichen Notleidenden, die vermeintlich die eigene Not erhöhen, die Ablehnung äußern, in der fälschlichen Erwartung, wenn es weniger Bedürftige gäbe, mehr für einen selbst abfiele, derjenige, „der so denkt, ist rechts“. Auch derjenige, der solche Erwartungen schürt, ist rechts, und auch derjenige, der diese Situation ausnutzt, sich zunutze macht.

Das Austreiben von Empathie, ihre Verleugnung ist eine der Grenzlinien zwischen Zivilisation und Barbarei. Die Umwertung der Werte, wie sie durch Teile der „besorgten Bürger“ vorgenommen wird, ist seit jeher Bestandteil faschistoiden Treibens. Ebenso, sich genau auf der Grenzlinie zur Strafbarkeit zu bewegen, zumal gegen Menschen, denen der Bürgerstatus fehlt, die somit über keine Möglichkeit verfügen, sich adäquat zu wehren. Vogelfreie.


Quote
     von atzebrauner
    08.11.2015 19:54 Uhr

Antwort auf Antigone12 vom 08.11.2015 13:23 Uhr
!

    "Der Mensch wär gern gut, doch die Verhältnisse sind nicht so"

Dann hören sie auf Brecht, verändern sie die Verhältnisse, wiedersprechen sie der Konkurenzgesellschaft und versuchen sie solidarisch zu sein!
Die Verhältnisse sind der Kapitalismus!



Quote
     von Hellfire
    08.11.2015 11:53 Uhr

Empathiefrei

"Dabei hat sich rein faktisch im Alltag der allermeisten wenig verändert. Der Wirtschaft verzeichnet Rekordüberschüsse, die Arbeitslosigkeit ist auf ein Rekordtief gesunken, die Renten sind gestiegen."

Für die 24% Niedriglöhner in diesem Land hat die Autorin offenkundig keine Empathie übrig, zudem ist die Verlautbarung rechercherbefreiter Pressemiteilungen der Regierung kein Journalismus. Jede dieser Aussagen läßt sich mit wenigen Klicks sehr kritisch hinterfragen (so ist die Zahl geleisteter Arbeitsstunden in den letzten 10 Jahren trotz des angeblichen "Jobwunders" kaum gestiegen). Der frendenfeindliche "wohlhabende Handwerksmeister" dürfte von den anstehenden Verteilungskämpfen um Jobs, Wohnungen und Bildung wohl weniger betroffen sein, die miserabel bezahlten Angestellten in seinem Betrieb allerdings schon.


Quote
     von hadi
    08.11.2015 09:51 Uhr

Im Grunde ganz einfach und sozial. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Wenn ich mich selbst nicht liebe, kann ich auch zu anderen Menschen nicht gut sein.
Ich gebe zu, dass gehört zu den edelsten und schwierigsten Dingen überhaupt.


Quote
     von Perleberger
    08.11.2015 09:46 Uhr

Mal so mal so
Vor gut 10 Jahren haben "die" Bundesbürger unter Führung durch Politik und Medien gut 5 Millionen Mitbürger + 2 Millionen Kinder, keine "Fremden" also, kaltherzig ins Abseits und Armut geschickt (Hartz IV). Heute ist ebenso wie damals bei Hartz IV die Bevölkerung gespalten, pro Flüchtlinge und contra, nur stellt sich diesmal Politik und Medien eindeutig auf die Seite der Flüchtlinge. Medien oder die Politik können Empathie oder Furcht nicht verordnen, sie können nur (mit) meinungsbildend sein.
Allerdings ist es überaus heuchlerisch, nach der überaus cool und kalt durchgezogenen Hartz IV-Geschichte jetzt auf einmal "Empathie" zu entdecken und einzufordern.


Quote
     von Perry25
    08.11.2015 07:54 Uhr

Angst vor dem Fremden verhindert Empathie
Vielen Menschen machen Veränderungen Angst. Das kenne ich aus meinem Berufsleben. Die wenigsten gehen auf das Neue und Unbekannte offen zu. Weil sie es offenbar nicht können.

Bei einigen schlägt dies in Hass oder Aggression um. Aber darunter ist immer noch die gleiche Angst.Das sind oft erlernte Muster.

Wenn man schon im Kindergarten mit ganz fremdländisch aussehenden Menschen zu tun hat, dort schon andere Sprachen so nebenbei lernt, dann ist die Angstschwelle ziemlich gering. Nicht umsonst ist - nicht nur in D - die Abwehr gegen zuviel Fremdes genau dort am größten, wo es selten ist.

Dazu kommt, dass es heute so viele Veränderungen zur gleichen Zeit gibt. Das verwirrt viele ...



Aus: "Empathie und die Flüchtlinge: Die unheimliche Not der anderen" Caroline Fetscher (07.11.2015)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/empathie-und-die-fluechtlinge-die-unheimliche-not-der-anderen/12556362.html

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« Reply #18 on: December 01, 2015, 12:13:31 PM »

Quote
[...] Aktuell erlebe man Täter, die "ohne jede Beziehung zu ihren Opfern sind", sagt ein Richter, der damit erklärt, weshalb sich die Ermittler schwer damit tun, den Tätern auf die Spur zu kommen. ...


Aus: "Sprunghafter Anstieg der Anschläge auf Flüchtlingsheime" Thomas Pany (30.11.2015)
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/46/46708/1.html
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« Reply #19 on: April 12, 2017, 07:40:21 PM »

Quote
[...] Wenn ein bestimmter Hirnbereich stark ausgeprägt ist, erkennen Menschen eher, ob ein schlimmes Missgeschick unbeabsichtigt passiert ist – und verzeihen es dann bereitwilliger. ... Ganz unbekannt ist die Rolle des vorderen Sulcus temporalis superior in der Forschungsliteratur nicht: Studien haben gezeigt, dass er besonders dann aktiv wird, wenn es darum geht, warum ein anderer auf eine gewisse Art und Weise handelt. Der linke vordere Sulcus temporalis superior zeigt vermehrte Aktivität, wenn Menschen sich in Personen einfühlen, ... . Außerdem wird die Region aktiv, wenn Menschen entscheiden sollen, ob jemandem vergeben werden soll. Ein größeres Volumen an grauer Substanz führt generell dazu, dass das Gehirn effizienter "rechnet". Den Studienautoren zufolge führt das im genannten Bereich dazu, dass die Probanden sich nicht nur auf den negativen Ausgang der Geschichte konzentrieren, sondern auch die positive Intention stärker bewerten. Wie sie jedoch betonen, liegt hier ein "Henne-Ei-Problem" vor: In ihrer Studie konnten sie nicht erforschen, ob zuerst die Hirnregion so stark ausgeprägt war (beispielsweise genetisch bedingt) oder ob sich diese im Verlauf des Lebens stärker entwickelt hat, weil die Probanden dazu erzogen wurden, unabsichtlich gemachte Fehler zu verzeihen.


Aus: "Theory of Mind: Mehr graue Zellen führen zu milderen Urteilen" (12.04.2017)
Quelle: http://www.spektrum.de/news/mehr-graue-zellen-helfen-beim-verzeihen/1449197?utm_source=zon&utm_medium=teaser&utm_content=news&utm_campaign=ZON_KOOP
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