Author Topic: [Narziss... ]  (Read 3831 times)

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Offline Textaris(txt*bot)

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[Narziss... ]
« on: December 22, 2009, 09:57:56 AM »
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[...] Die Spaltung des Ichs in je und moi (die im Deutschen sprachlich kaum adäquat darstellbar ist) führt Lacan zu seinem berühmt gewordenen Satz: „Das Ich ist nicht das Ich.“ („Le je n'est pas le moi.“) Denn: „Ich ist ein Anderer“, wie Lacan den Dichter Arthur Rimbaud zitiert – der Andere, dessen Bild dem Subjekt als Ideal-Ich (moi) gilt, und dem es sein Ich (je) anzunähern versucht, liegt außerhalb des eigenen Körpers.

...


http://de.wikipedia.org/wiki/Spiegelstadium (3. Dezember 2009)


-.-

Quote
[...] Und für den Narziss kann es schon eine Kränkung bedeuten, wenn er nicht bevorzugt wird.

...


Aus: "Eislingen-Prozess ''Ich frage mich, wie wir so werden konnten''" Von Bernd Dörries (SZ vom 22.12.2009/jab)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/47/498342/text/

« Last Edit: December 22, 2009, 12:39:47 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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[Ein komplexes und umstrittenes Konzept... ]
« Reply #1 on: December 22, 2009, 12:34:43 PM »
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[...] Mit dem Begriff Narzissmus ist im weitesten Sinn die Selbstliebe als Liebe gemeint, die man dem Bild von sich entgegenbringt. Im engeren Sinn bezeichnet er eine auffällige Selbstbewunderung oder Selbstverliebtheit und übersteigerte Eitelkeit.

[...] Das Wort entstammt der Sexualwissenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die sich - ursprünglich zur Bezeichnung einer spezifischen Form der Perversion - auf die altgriechischen Sage vom schönen Jüngling Narkissos beruft.[1] Ein erweitertes Verständnis des Narzissmus als wesentliches Moment der normalen sexuellen Entwicklung liefert im Anschluss an Überlegungen von Havelock Ellis[2] schließlich die Psychoanalyse Freuds.[3]

[...] Grundsätzlich kann man so einen psychogenetischen Narzissmus-Begriff (Narzissmus als notwendige Entwicklungsstufe und allgegenwärtiges, normales Phänomen) von dem geläufigeren, diagnostisch verwendeten, negativ konnotierten Begriff unterscheiden. Letzterer bezeichnet eine Charaktereigenschaft, bei der ein geringes Selbstwertgefühl durch übertriebene Einschätzung der eigenen Wichtigkeit und dem großen Wunsch nach Bewunderung kompensiert wird. Diesem charakterpathologischen Narzissmus-Begriff folgt im Wesentlichen auch die diagnostische Verwendung.

Spricht man jedoch von dem Begriff im ersteren, weiteren Sinn, so zeigt sich die Notwendigkeit, intakte Formen geglückter Selbstliebe von pathologischen Störungen des Narzissmus abzugrenzen.

Umgangssprachliche Begriffe mit ähnlichem Inhalt wie Profilneurose oder Geltungssucht sind nicht genau definiert und finden in der Psychologie keine Anwendung.

[...] Narzisstische Personen sind gekennzeichnet durch einen Mangel an Einfühlungsvermögen und Überempfindlichkeit gegenüber Kritik, was sie mit einem großartigen äußeren Erscheinungsbild zu kompensieren versuchen. Häufig hängt das mit ihrem brüchigen Selbstwertgefühl zusammen. Die Goldene Regel „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg' auch keinem anderen zu“ ist Narzissten fremd.

[...] Maligner (bösartiger) Narzissmus kann als Zwischenstufe von narzisstischer und antisozialer Persönlichkeitsstörung angesehen werden. Als maligner Narzissmus wird die Kombination von narzisstischer Persönlichkeitsstruktur, antisozialen Verhaltensweisen mit intensiven krankhaften Aggressionen und eventuellen paranoiden Neigungen bezeichnet. Kennzeichnend sind krankhafte Grandiosität (Entwicklung eines nicht der Realität angemessenen Größenselbst oder Realitätsverlust) mit Herrschaftsanspruch innerhalb einer Gruppe, bis hin zu Sadismus und Hass. Im Unterschied zur antisozialen Persönlichkeitsstörung, die sich durch das völlige Fehlen von Verantwortungsgefühl, Gewissen und Sorge/Mitgefühl sich selbst und andere Menschen betreffend auszeichnet, sind beim malignen Narzissmus noch Über-Ich-Anteile (Gewissen) funktionsfähig, und es existiert auch ein Gefühl für Mitmenschen, wenn auch oft in ausbeuterischem Interesse.

[...] Jeder Mensch durchläuft narzisstische Zustände. Nach Sigmund Freud unterscheidet man den primären und sekundären Narzissmus. Beim primären Narzissmus richtet das Kleinkind seine sexuelle Energie (Libido) ganz auf sich selbst. Da die Mutter als mit dem eigenen Selbst verbunden erlebt wird, kann hier aus der Perspektive des Kleinkindes auch von einer Fusion von Subjekt und Objekt (symbiotische Phase nach Margaret Mahler) gesprochen werden. - Beim sekundären Narzissmus wird die sexuelle Energie von äußeren Objekten wieder abgezogen und auf sich selbst bezogen (Regression). Dieser Zustand tritt vor allem nach enttäuschter Liebe oder Selbstwertkränkungen auf.

[...] Hinter dem psychoanalytischen Narzissmusbegriff verbirgt sich ein höchst komplexes und umstrittenes Konzept. Freud selbst hat den Begriff in seiner primären und sekundären Differenzierung nicht immer eindeutig gebraucht, doch wenn man sein Werk daraufhin genau untersucht, wird deutlich, dass der primäre Narzissmus ein spekulatives metapsychologisches Konstrukt meint, das als heuristisches Modell nur gedacht, aber nicht beobachtet werden kann. Dagegen ist der sekundäre Narzissmus ein klinischer Begriff, dessen vielfältige Erscheinungsweisen empirisch nachweisbar sind. Wenn der Analytiker heute von Narzissmus spricht, meint er in aller Regel die sekundäre Form, also die von den Objekten abgezogene libidinöse Besetzung (Dahl).[8]

[...] Auf der kulturellen Ebene werden in einer narzisstischen Gesellschaft Werte des Eigennutzes propagiert unter Vernachlässigung von Werten des Gemeinnutzes.

...


Aus: "Narzissmus"
# Datum der letzten Bearbeitung: 19. Dezember 2009, 12:51 UTC
# Versions-ID der Seite: 68193996
# Permanentlink: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Narzissmus&oldid=68193996
# Datum des Abrufs: 22. Dezember 2009, 11:34 UTC


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[Verdacht... ]
« Reply #2 on: March 05, 2015, 12:05:39 PM »
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[...]  Es hat sich ja mittlerweile eingebürgert, dass Texte von Autorinnen, die die eigene Lebenswelt schildern, generell unter den Verdacht des Narzissmus geraten.

... Wenn  Männer jahrhundertelang über das Wesen der Frau schreiben durften, auch wenn sie hierfür keine andere Qualifikation besaßen, „außer der, keine Frau zu sein“ (Ebd.), warum sollten dann nicht auch Frauen über sich schreiben dürfen, auch wenn es auf den ersten Blick keinen anderen Nutzen erzeugt, als das eigene Ich zu reflektieren? Vielleich besteht der Nutzen ja gerade in der Reflexion des Ichs, der Ich-Setzung, der Zuschreibung von Bedeutung an jedes noch so belanglose Ich, eben weil es von Belang ist, sich als Ich zu behaupten.

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dame.von.welt 03.03.2015 | 11:07
Was nun das Feuilleton und belanglos-narzisstische Texte angeht, finde ich die auf die Geschlechter schon ziemlich gleichmäßig verteilt. ...


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Aussie42 03.03.2015 | 12:24
... Uebrigens, wie an Selfie statt self leicht zu erkennen, geht mit dem narzissmus auch noch eine Verkindlichung einher. Nur nicht erwachsen werden.

...

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MopperKopp 04.03.2015 | 10:15
So ganz verstehe ich die angesprochene Problematik (...eine Debatte über das Phänomen junger Autorinnen, die aus der Ich-Perspektive Feuilleton-Texte verfassen, die nicht nur vollkommen narzisstisch, sondern auch belanglos seien) nicht.

Ist es nicht eher so, dass "Frauen" die wie auch immer kommunizierte Ich-Perspektive meist in ihr soziales Umfeld einbetten und darüber reden reflektieren. "Männer" hingegen pflegen mit einer zur Schau gestellten Ich-Perspektive hauptsächlich ihr Ego und die angenommene Größe ihres Wunsch-Ichs.

Belanglos ist letztlich beides, aus der männlichen Gott-Perspektive betrachtet ...



Aus: "Bauchfrei zur Nabelschau" Marlen Hobrack (02.03.2015)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/marlen-hobrack/bauchfrei-zur-nabelschau


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[Narziss... ]
« Reply #3 on: March 31, 2016, 09:51:16 AM »
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[...] Wenn Frauen besonders eindrücklich über Sex, Luxus, Drogen, Geld oder Leben schreiben, gelten sie meist als selbstsüchtig und oberflächlich. Welch ein Missverständnis! ... "Berliner Narzissten". Der Begriff stand kürzlich im Spiegel und ich musste an diese nächtlichen Beichten denken. Aber im dazugehörigen Artikel ging es gar nicht um Beichten. Es ging um eine für das 21. Jahrhundert sehr merkwürdige Einordnung von Schriftstellerinnen, die angeblich Schuld waren am Entstehen einer neuen Form des Narzissmus. ...

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Cherrypicker
#4  —  vor 7 Stunden 2

Echter Narzissmus ist eine krankhafte Persönlichkeitsstörung, die sich in einer wahnhaften Ich-Bezogenheit und einem extremen Schwarz-Weiß-Denken zeigt. Ich kann nicht beurteilen, ob einer der genannten Autorinnen oder die Verfasserin des Artikels eine Narzisstin ist oder sie nur damit kokettiert, weil sie meint, eine Verhaltensstörung aufgrund einer gesellschaftlichen Strömung erotisieren zu müssen, so wie man das in der Romantik teilweise mit der Depression oder in der Weimarer Republik mit dem Alkoholismus getan hat. Aber eines weiß ich: Narzissten erkennt man daran, dass sich beim Nachvollziehen ihrer Gedanken gähnende Leere und Langeweile einstellt, weil diese Gedanken nun mal nur um ein Ich kreisen, dass dem Leser nicht zugänglich ist. Nicht alle schlechten Schriftsteller sind automatisch Narzissten. Aber fast alle Narzissten sind in der Regel erbärmliche Schriftsteller. Narzisstische Leser mögen das anders sehen. ...


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frauhimmelblau
#9  —  vor 36 Minuten

Mittlerweile ist das inflationäre Verwenden von Persönlichkeitsstörungen oder Krankheitsbildern schon die eigentliche Epidemie geworden.
Die Welt ist plötzlich voller begabter-verführerischer Narzissten, bipolarer Beziehungsunfähiger, ausgebrannter Führungskräfte, Blogger mit Asperger-Syndrom in hippen Outfits, die unheimlichen Redebedarf haben und so weiter.
Ich erkläre deshalb es ist Zeit für eine Trendwende, denn heil sein ist tausendmal schöner und aufregender, man schöpft aus dem Vollen und freut sich des Daseins. Zudem ist es sehr anregend und angenehm in der Gesellschaft von Menschen zu sein, die sich einfach nicht zu wichtig nehmen und noch nie das Bedürfnis hatten, sich ein Etikett umzuhängen, das kurzfristige Aussetzer zum chicen Drama hochstilisiert.


...


Aus: "Schriftstellerinnen: Geliebte Narzisstinnen" Anne Philippi (30. März 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2016-03/narzissmus-roenne-baum-adorjan-anne-philippi-10nach8?page=3#comments


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[Narziss... ]
« Reply #4 on: February 18, 2019, 12:06:40 PM »
Quote
[...] Irgendetwas stimmt nicht mit ihrer Mutter. Das wusste Meike* schon früh, bloß was es ist, war ihr lange Zeit nicht klar. Ihre Mutter redete über sie nur als "das Kind", als sei sie die Tochter einer anderen Frau, sie nannte sie nicht bei ihrem Vornamen. Im Familienurlaub ignorierte sie sie wochenlang. Besuch störte sie, weshalb Meike keine Klassenkameraden mit nach Hause nahm. Ihre Freunde waren ihre Stofftiere und unsichtbare Freunde, die nur in ihrer Fantasie existierten. Doch sie vermisste echte Freunde kaum, ihre Eltern hatten auch keine.

Als Meike acht oder neun war, beschloss sie, später keine Kinder zu haben. Weil man die so oft anschreien muss. Sie hasste es, dauernd angebrüllt zu werden. Als sie elf war, gab es keine Umarmung mehr und keinen Kuss. Als sie 14 war, machte sie zusammen mit ihrer Schwester eine Liste mit Dingen, die sich ändern müssten, Dinge wie: nicht so viel schreien, mehr Rücksicht aufeinander nehmen, nicht beim Essen rauchen. Sie hatten gehört, dass es Familien gibt, in denen man Probleme bespricht. Doch ihre Familie zählt nicht dazu. Die Mutter schwieg die Liste tot.

Kurz vor dem Abitur überlegte Meike, welchen Berufsweg sie einschlagen sollte. Alles, wofür sie sich interessierte, machte die Mutter schlecht. Fotografin? Es gibt schon einen Fotografen im Ort. Psychologie studieren? Überflüssig. Etwas Technisches lernen? Du bist zu ungeschickt. Solche Sätze hörte Meike sowieso am häufigsten von ihrer Mutter: Dafür bist du nicht gut genug. Dafür bist du zu blöd. Du bist unsportlich. Das sieht nicht gut aus an dir. Deine Nase wirkt groß, wenn du lachst. Du kaust falsch Kaugummi. Du hackst den Knoblauch zu langsam.

Heute weiß Meike, was sie ist. Sie ist das Opfer einer narzisstischen Mutter. Es war ein langer Weg, bis sie das benennen konnte.

"Plötzlich steht man da, erwachsen, ist völlig blockiert und weiß nicht, wie man leben soll", sagt Meike. Sie sitzt in einem Berliner Café, eine blasse, blonde, schmale Frau, 32 Jahre alt. Die Jeans und die Bluse, die sie trägt, hat sie vor vielen Jahren mit ihrer Mutter gekauft. Die Kleidung ist nicht das einzige, was sie aus dem Leben mit ihr behalten hat. Auch in ihren Gedanken ist die Mutter allgegenwärtig. Das merkt man daran, wie Meike spricht. Ihre Worte sind so leise, dass das Geklapper an den Nebentischen sie fast verschlucken. Ihr Tonfall ist kleinlaut, ihr Blick weicht aus, sie macht verlegene Pausen. Kontakt mit anderen Menschen bedeutet für sie Stress.

In der Nähe des Cafés, in dem Meike gerade hinter einer Tasse Kaffee fast zu verschwinden droht, liegt der Ort, an dem sie sich alle zwei Wochen mit ihrer Selbsthilfegruppe trifft. Seit etwa zwei Jahren trauen sich Opfer von Narzissten, wie sie sich selbst nennen, an die Öffentlichkeit, jedenfalls halbwegs. Im Schutz der Anonymität des Internets, in geschlossenen Facebook-Gruppen oder Blogs tauchten damals die ersten Berichte von Kindern narzisstischer Eltern auf, plötzlich wurden es immer mehr, und bald sprachen Betroffene offen von ihren Erfahrungen. Meistens sind es Berichte über Mütter, obwohl es theoretisch gesehen genauso viele narzisstische Väter geben müsste.

Das Wort Narziss stammt aus der griechischen Mythologie. Narziss war dort der Sohn eines Flussgottes und einer Nymphe, in den sich alle verliebten, weil er so schön war. Doch er wies ihre Liebe zurück. Als er auf einer Wasseroberfläche sein Spiegelbild erblickte, verliebte er sich in sich selbst, ohne sich zu erkennen. Seine Liebe blieb natürlich unerfüllt, und er verzehrte sich nach seinem Spiegelbild zu Tode. Heute steht Narzissmus meist für übersteigerte Selbstliebe, doch die klinische Definition geht weit darüber hinaus.

Auch Meikes Suche nach Hilfe begann im Internet. Während des Studiums war ihr bewusst geworden, dass etwas nicht stimmte im Verhältnis zu ihrer Mutter, die sie trotz allem liebt und verehrt. "Die anderen sind am Wochenende gerne nach Hause gefahren, doch ich habe gemerkt, dass ich das nicht will", sagt Meike. Allein die Anrufe, die die Mutter jeden Sonntagabend erwartete, hätten ihr bevorgestanden. Sie lächelt gequält. Eines Tages googelte sie die Wörter "gefühlskalte Mutter" und "egozentrische Mutter". Sie stieß auf den Begriff Narzisst. An eine psychische Krankheit oder Störung ihrer Mutter hatte sie schon früher gedacht, am ehesten an einen Burn-out, denn die Mutter war immer gestresst.

Nun fand sie Seiten über narzisstische Eltern, auf denen genau das beschrieben wurde, was ihre eigene Kindheit kennzeichnet, sogar ganze Checklisten. Jeder einzelne Punkt traf zu. Die Mutter kontrolliert alles. Check. Sie kritisiert ständig und schimpft mit dir. Check. Sie vernachlässigt ihre Familie. Nach außen gibt sie sich aber als perfekte Mutter und betont, wie sehr sie sich aufopfert. Check. Sie erwartet, dass du bei der kleinsten Nachfrage springst. Check. Sie vergleicht sich mit dir und ist ihrer Meinung nach besser als du. Check. Sie gibt an. Check. Sie lügt und manipuliert. Check. Sie bekommt Wutanfälle, wenn sie ihren Willen nicht kriegt. Check. Sie entschuldigt sich nie. Check. Kritik kann sie nicht ertragen. Check. Sie sagt dir, wie du dich zu fühlen hast. Check. Sie hört nicht zu. Check. Sie ist unfähig, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen als ihrer eigenen. Check. Sie widerspricht sich selbst und gibt es nicht zu. Check. Sie setzt alles daran, dass du dich dumm, ungeschickt und hilflos fühlst. Check.

Es war ein Befreiungsschlag – zu verstehen, dass es ein Muster gibt, das emotionale Misshandlung heißt. Doch eine Erlösung war es noch nicht. Zu grundlegend waren ihre Probleme. Schon allein den Alltag zu strukturieren oder ihre Aufgaben zu erledigen, bekam sie nicht hin. Es war, als würde sie in lauter Einzelteile zerspringen, wenn ihre Mutter nicht da war, um sie zusammenzuhalten.
Unfreiwillig übernahm ihr erster Freund die Rolle der Mutter. Wenn Meike ihn fragte, sagte er ihr, was sie anziehen und was sie frühstücken sollte. Er plante ihre Woche für sie durch. Sie wusste nicht mal, wie Aufräumen geht – ohne eine Mutter, die ihr genau sagt, was wohin geräumt wird. Selbst ihr Studium organisierte er, "dabei studierte er gar nicht".

Ohne ihren Freund fühlte Meike sich unwohl. Musste sie doch einmal allein unterwegs sein, versuchte sie, sich klein zu machen, unsichtbar. Wenn sie in der Straßenbahn fuhr, hatte sie Angst davor, angesprochen zu werden. "Ich hatte Anfänge von Soziophobie", sagt sie und macht eine betretene Pause, wie so oft, wenn sie redet. Es fällt ihr schwer, von sich zu erzählen. "Ich habe immer versucht, die Person darzustellen, die meine Mutter lieben könnte", sagt sie. "Heute kann ich nicht unterscheiden, was ich bin und wie ich erscheine. Es ist wie ein Leben ohne Boden. Man kriegt nicht den Antrieb, weil man sich nicht abstoßen kann." Es sind erschütternde Sätze – und gleichzeitig messerscharfe. Sie passen nicht zu der verschüchterten Frau und ihrer leisen Stimme. Man fragt sich, was aus ihr geworden wäre, wäre sie nicht im Schatten dieser Mutter aufgewachsen.

Jemand, der sich mit Narzissmus auskennt, ist der Hamburger Psychiater und Psychotherapeut Claas-Hinrich Lammers, Ärztlicher Direktor an der Asklepios Klinik Ochsenzoll. Er gilt als einer der deutschen Experten auf dem Gebiet und wenn man ihn fragt, was genau dieser durch Donald Trump so populär gewordene Begriff bedeutet, antwortet er erst einmal: "Es ist schwer, darüber zu sprechen, ohne in ein abwertendes Urteil abzugleiten: Ist halt narzisstisch. Worüber die Leute sich aufregen, ist – um im Krankheitsbild zu bleiben – das, was man histrionisch nennt: ein bisschen übertrieben sein, gemocht werden wollen. Das ist nicht der Kern von Narzissmus." Es gebe einen durchaus gesunden Narzissmus, zu dem positive Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen und Karriereorientierung gehörten: "Narzisstische Menschen sind wagemutiger und innovativer."

Wenn man aber vom krankhaften Narzissmus spreche, beziehe sich das auf Menschen, die absolut im Mittelpunkt stehen müssten. "Die haben diese irrsinnige Anspruchshaltung: Man muss immer besser und erfolgreicher sein, als man eigentlich ist. Das, was man glaubt zu sein und was man glaubt, wie andere einen sehen müssten, entspricht aber oft nicht der Realität. So jemand läuft herum und sagt: Ich bin unangreifbar, ich kann alles besser, und jeder, der ihm in die Quere kommt, wird abgewertet." Zweitens, sagt Lammers, gebe es eine deutliche Empathiearmut bei diesen Menschen, das sei noch charakteristischer. Sie könnten sich in andere Menschen weder einfühlen noch hineindenken, beziehungsweise wollten das, wie neuere Studien zeigten, auch gar nicht. "Es ist ihnen egal, wie andere Menschen sich fühlen. Das macht Interaktion mit ihnen unglaublich schwer."

Was bedeutet das für die Kinder narzisstischer Eltern?

"Für Kinder ist das ganz heikel", sagt Lammers. "Durch die Mutter lernt ein Kind sich selbst kennen. Wenn es zur Mutter kommt und ihr sagt: 'Alles ist doof, alle in der Klasse ärgern mich', und die Mutter sagt: 'Das muss ja schlimm für dich sein. Erzähl mir, was ist da los?' – dann fühlt sich das Kind verstanden und unterstützt und kann sich positiv entwickeln. Wenn die Mutter sagt: 'Da kann ich auch nichts machen', dann kann diese unempathische Aussage dazu führen, dass das Kind sich unverstanden und ungeliebt fühlt." Das könne sich in einem geringen Selbstwertgefühl niederschlagen und in einer Neigung, anderen Menschen nicht mehr von den eigenen Problemen zu erzählen. Für ein Kind werde es dann schwierig, einen vertrauensvollen und offenen Kontakt zu anderen aufzubauen. "Aber so lange jemand nicht darunter leidet, hat ein Psychiater in dem Fall diagnostisch nichts zu tun."

Doch es gibt ja Leidtragende. Die Kinder. Nur erkennt man die Schäden nicht. Kinder, die geschlagen werden, haben blaue Flecken. Was Narzissten an einer Seele anrichten können, sieht man nicht.

"Ein Mensch, der anderen Leid zufügt, muss deswegen nicht krank sein", sagt Lammers. "Selbst wenn man als Kind vom Vater geschlagen wird, ist der Vater oft nicht krank, sondern ein übler Typ." Welche Auswirkungen narzisstische Eltern auf Kindern haben, sei nicht genau bekannt. Seines Wissens nach gebe es keine wissenschaftlichen Untersuchungen dazu, dafür müsste erst einmal der Narzissmus der Eltern erfasst werden. Doch es gebe verschiedene Erklärungsmodelle für die Ursache von Narzissmus – von Eltern, die als Kinder selbst vernachlässigt wurden bis hin zu Eltern, die als Kind ständig über den grünen Klee gelobt wurden. Auch scheint die Genetik eine Rolle zu spielen, erklärt der Psychotherapeut: "Die narzisstische Persönlichkeitsstörung hat das höchste genetische Loading von allen Persönlichkeitsstörungen, das heißt, ungefähr 70 Prozent der Ausprägung von Narzissmus lassen sich durch genetische Faktoren erklären. Die Ursachen sind unbekannt. Man weiß das aber aus großen Zwillingsstudien."

Was würde er einem Kind mit narzisstischem Elternteil raten?

"Da gibt es kein Patentrezept. Die Frage ist, wie sich die Kinder als Erwachsene verhalten: Wie will ich mit meinen Eltern umgehen? Will ich mich distanzieren? Will ich eine Beziehung haben?" Das müsse man für sich selbst herausfinden. "Ganz wichtig ist: Man wird narzisstisch Gestörte oftmals nicht ändern. Das muss man akzeptieren. Man sollte besser lernen, das Bedürfnis, von der Mutter geliebt zu werden, zu reduzieren." Es sei wie ein Abschiednehmen, wie ein Trauern, das seine Zeit dauert, erklärt er: "Man muss sich sagen: Ich werde von meiner Mutter nie die Liebe und Zuneigung und das Verständnis bekommen, das ich gerne gehabt hätte. Es ist ein sinnloser Kampf." Ein Kampf gegen Gefühle, die man nicht einfach so abstellen kann.

Das Abschiednehmen von der Mutter ist auch ein zentrales Problem in der Selbsthilfegruppe "Töchter narzisstischer Mütter". Es ist die erste und bislang vermutlich einzige ihrer Art bundesweit. Mal kommen nur wenige Frauen, sagt Meike, mal sind sie 20. Die Zahl klingt klein, aber die Gruppe hat selbst zusammengefunden, über das Internet. Es gibt keine offiziellen Hilfsangebote. Die jüngste Teilnehmerin ist Anfang 20, die älteste Ende 60. Eine Zahnärztin ist dabei, eine Filmemacherin, eine Lehrerin, eine Professorin für Biochemie, eine Sprechtherapeutin. Lauter Frauen, die erfolgreich zu sein scheinen und doch mit ihrem Leben nicht zurechtkommen.

Für Meike ist die Gruppe eine Erlösung. Denn das Schlimmste war, dass sie mit niemandem reden konnte. Es ist schwierig, Nichtbetroffenen zu beschreiben, was eine narzisstische Mutter bedeutet. Es heißt dann oft: "So schlimm kann es doch nicht sein. Meine Eltern sind auch merkwürdig. Da stehst du doch drüber." Aber wie soll man darüberstehen, dass man von der eigenen Mutter nicht geliebt wird?

An einem Montagabend sitzen einige "Töchter narzisstischer Mütter" in einer hellen Hinterhofwohnung im Kreis zusammen. Es gibt Wasser, Tee, Kekse, ein Thema hat der Abend nicht. Kein Abend hat ein Thema. Meistens erzählt jemand, dann fallen die anderen ein. Heute bricht Irene, Anfang 50, Biochemikerin, gleich zu Beginn in Tränen aus. Sie überlegt, ihre Mutter zu verklagen. Sie hält sie für schuldig am Tod ihres kürzlich verstorbenen pflegebedürftigen Vaters. "Sie hat ihn schlicht vernachlässigt." Sonja, Mitte 60, sagt gereizt: "Davon hast du nun schon die ganzen letzten Male erzählt. Du musst mal einen Schritt weiterkommen." Ihre eigene Mutter ist allerdings bereits seit 25 Jahren tot, und sehr viel weiter als damals ist sie selbst nicht. "Meine Mutter ist auch schuld daran, dass ich nie Kinder bekommen habe", fügt Irene hinzu, "ich habe mir das nicht zugetraut. Und nun bin ich ganz allein."

"Soweit werde ich es nicht kommen lassen", ruft Ellen. "Meine Mutter hat es mir vorenthalten, mich zu lieben, aber ich lasse es nicht zu, dass sie es mir vermiest, Kinder zu lieben!" Ellen, 32, hat gerade ihr Studium abgeschlossen und ist jetzt Zahnärztin. Ihre Mutter ist Yogalehrerin. "Yoga und Achtsamkeit, davon hat sie den ganzen Tag geredet", erzählt sie. "Zu Hause stand ihr Schreibtisch mitten vor dem Fernseher, und immer, wenn jemand fernsehen wollte, hat sie sich beschwert, dass sie nicht arbeiten kann." Ellen hatte Essstörungen und verletzte sich selbst. Vor sechs Jahren hat sie den Kontakt abgebrochen, und doch ist bisher kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihre Mutter gedacht hat.

Alle anwesenden Frauen haben Beziehungsprobleme. Einige leiden unter Depressionen, fast keine hat Kinder, die meisten haben Berufsausbildungen oder Studiengänge abgebrochen. Alle wissen, wie es ist, ohne Anlass niedergemacht zu werden. "Jede Geschichte hier könnte meine sein", sagt Karen, eine Lehrerin. "Das hilft mir sehr. Es gibt sonst keine Lobby für Kinder wie uns."

Später am Abend erzählt Meike von ihrem neuen Job. Vor vier Jahren hat sie ihr Studium als Kulturwissenschaftlerin abgeschlossen, seit einigen Monaten hat sie eine Stelle im Kundenservice eines Start-ups. Sie ist dafür überqualifiziert, aber es ist eine Stelle. Immer und immer wieder hatte sie es verschoben, sich zu bewerben. "Vorstellungsgespräche setzen mich unter Druck. Der ganze Prozess besteht aus Bewertungssituationen, in denen ich abgelehnt werden könnte", sagt sie. "Ich weiß, dass ich einiges kann, doch ich sabotiere meine eigene Entwicklung."

"Was hat deine Mutter zu der Stelle gesagt?", fragt Sonja. "Gar nichts. Ich habe ihr dann erzählt, dass ich mir selbst zur Belohnung eine Kamera geschenkt habe. Sie hat nur geantwortet: 'Weißt du nichts Besseres?'" Meike macht wieder eine Pause. "Trotzdem wäre ich am liebsten ihre Freundin. Auch wenn Eltern eigentlich keine Freunde sind." "Ihre Freundin?", fragt Irene. "Ich weiß genau, wovon du sprichst!", ruft Ellen, "doch davon kannst du dich verabschieden". "Ich hätte gern einen ganz tollen Kontakt zu ihr", fährt Meike fort. "Dass sie mal fragt, wie es mir geht und es auch wirklich so meint. Mir Unterstützung anbietet, im Job, im Alltag, mal einen Haushaltstipp hat." Jetzt lachen alle. Meike fängt selbst an zu lachen. Eigentlich ist es ein trauriger Moment, doch manchmal hilft es, gemeinsam zu lachen.

Man kann sich die Frage stellen, ob man Mitgefühl mit einer narzisstisch gestörten Person haben muss, weil sie ja eben krank ist. "Wenn du vom Auto angefahren wirst und verletzt wirst, kümmerst du dich um dich selbst, egal, welche Verletzung der Fahrer hat", antwortet Karen. "Mitgefühl kann man uns nicht abverlangen" – darin sind sich die Frauen einig.

Gerade pausiert die Gruppe. Kurz vor Weihnachten gab es Streit über den Treffpunkt, über die Dominanz einzelner und das ausufernde Redebedürfnis anderer. Es ist keine leichte Sache, eine nicht angeleitete Selbsthilfegruppe am Laufen zu halten, es gab nicht den Fortschritt in der Aufarbeitung, den sich alle erhofft haben.

Meike ist wieder auf sich allein gestellt. Sie hat immer noch die Tagträume, die sie schon als Mädchen hatte, wenn sie unter Stress steht oder eine Entscheidung treffen muss. Es scheint ihr etwas zuzustoßen, doch dann wird sie gerettet – von Freunden, von Menschen, für die es sich lohnt, weiterzumachen. Es geht darin dunkler zu als in der Realität, sagt sie. Aber in ihren Träumen gewinnt sie immer.


*Die Namen von Meike und den anderen Frauen im Text wurden zu ihrem Schutz geändert.



Aus: "Narzissmus: "Meine Mutter hat es mir vorenthalten, mich zu lieben"" (17. Februar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2019-02/narzissmus-eltern-erziehung-kinder-liebe-psychische-gesundheit/komplettansicht

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Hansifritz #2

Es ist sehr schwer, ja fast unmöglich seiner Kindheit zu entkommen. ...


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DBN #6


... Erwachsene Kinder die mit einem narzisstischer Elternteil aufgewachsen sind leben oft dauerhaft auf zu dünnem Eis. Viele von ihnen leben ihr Leben ohne jemals eine innere dauerhafte Stabilität aufbauen zu können. Einige sind hochfunktionierend, lassen nichts nach Außen von der Verletztheit. Töchter - und natürlich Söhne auch - von narzisstischen Vätern haben einen langen Weg vor sich, bis sie sich aus der Opferrolle befreien können, in die Töchter von narzisstischen Elternteilen oftmals gleiten. Oder aus dem Aggressionstanz, den oftmals Söhne von narzisstischen Elternteilen ein Leben lang weitertanzen und weitergeben, an die nächste Generation. Selbstbestrafung, Selbstsabotage, ständige Selbstzweifel, auch Perfektionismus und Suchtverhalten als Versuche das Leid, den Schmerz zu betäuben - das ist für viele Erwachsene mit diesem Familienhilfe zergrübeln dann die Dauermelodie ihres Lebens.

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belahu #9


Als Sohn eines narzisstischen Vaters kann ich es nur begruessen, dass in der Oeffentlichkeit jetzt mehr ueber das Thema 'narzisstischer Missbrauch' gesprochen wird. Es war nicht einfach, eine geeignete Therapie zu finden, als ich nach einem langen (erfolglosen) Weg nach Anerkennung und womoeglich Liebe, feststellen musste, dass mein Vater dazu gar nicht in der Lage sein wuerde. Die ganze Familienzusammenstellung war schraeg, das 'System' wird von den restlichen Familienmitgliedern meist auch als 'stabil' erfahren, trotz aller Funktionsstoerungen, und derjenige oder diejenige, die den Mund aufmacht, wird als schwarzes Schaf meist abgestossen. Mit ein wenig Glueck stoesst man bei den Geschwistern auf Verstaendnis, aber das ist auch nicht immer der Fall, weil auch sie eine Rolle spielen und evtl. nicht dazu bereit sind, Pandora's Dose zu oeffnen. Man braucht wirklich professionelle Hilfe, um sich davon zu loesen und zu emanzipieren. Und auch das ist ein langer Weg, der Jahre braucht, bis es wirklich besser wird.


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NordicBerry #9.1

Was Sie beschrieben haben, kenne ich aus meiner Familie sehr gut. Es ist ein Bisschen, als wäre man der Whistleblower, der dafür bestraft wird, weil er die Wahrheit aufdeckt. ...


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Nonomnia_67 #10

Seit ca. 15 Jahren wird im organisationspsychologischen Kontext viel zur sog. Dunklen Triade geforscht: Narzissmus, Machiavellismus (kaltherziges Karrierestreben und Instrumentalisierung anderer) sowie Psychopathie (Gewaltneigung, völlige Empathielosigkeit). Die Befunde sind recht klar: Narzissten und Machiavellisten haben oft rasche Karrieren, die Auswirkungen auf Mitarbeiter und Teams im Falle von Führungskräften sind oft desaströs, sie schädigen - evidenzbasiert - die Gesundheit von MA massiv (O'Boyle et al., 2012; Braun, 2014; Externbrink & Keil, 2017; Harms et al., 2017; Montano et al., 2017; Bildat & Martin, 2019). Dumm nur, das Dark Triad-Typen oft auch charmant und extravertiert sind und die westliche Leistungsgesellschaft das dann honoriert (s. Uber, Google, Strauss-Kahn, Weinstein... to be continued). Verantwortungsvolle Personalauswahl kann das Schlimmste verhindern.


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Oh ein Eichhörnchen #11

In Varianten kommt es mir sehr bekannt vor. Mit fatalen Folgen. Aber eher Vater als Mutter. Das allerwichtigste, wie auch erwähnt: sich von der Illusion verabschieden eine Änderung erreichen zu können. Abschied vom Bild des perfekten Vaters/der Mutter nehmen und das innere Kind heilen.


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uboot #16

Einige Anzeichen kommen mir sehr vertraut vor- die Folgen ebenfalls.
Was ich dagegen unternommen habe?
900 Km Distanz und Besuche nie länger als 5 Tage und höchstens 2X im Jahr. So kann man es aushalten.


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tsitsinotis08 #16.1

Aushalten schon —aber reicht das? ...


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DingoEurope #19


Ich kann sagen, dass mein Vater diese narzistische Ausprägung hat. Haben dann ebenfalls vor 8 Jahren den Kontakt abgebrochen und seit dem geht es mir deutlich besser.


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tsitsinotis08 #22

M.E. sind Narzisstinnen, die die Rolle der selbstlosen Mutter perfekt beherrschen, das Schlimmste, was einem Kind passieren kann.

Die Kinder sind ängstlich, nervös und haben v.a. ständig Angst, die Mutter könnte mit ihnen nicht zufrieden sein und ihre Erwartungen nicht erfüllen.
Ihre Selbstlosigkeit hindert die Kinder zusätzlich, an ihr Kritik zu üben.


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KoljaDerGrüne #24

Auf die Mutter meiner ersten großen Liebe und Exfreundin trifft alles aus der Checkliste zu und sie selbst hat ganz ähnliche Probleme. Gruselig, ich war immer total ratlos und heillos überfordert mit der ganzen Situation und es hat mich selbst jetzt nach 2 Jahren noch nicht ganz losgelassen.


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lancie #25


Meine Mutter ist ebenfalls eine eiskalte Narzisstin, die es nie ertragen konnte, wenn ich mal im Mittelpunkt stand oder wenn es mir mal gut ging (z. B. an meinem Geburtstag oder zu meiner Hochzeit). Das Ergebnis ist, dass ich den Kontakt zu ihr seit einem Jahr abgebrochen habe. Seitdem geht es mir besser, ich bin schon seit zig Jahren in Therapie, aber ich höre immer noch die Stimme des inneren Kritikers (ihre Stimme) die mir immer sagt, ich sei nicht gut genug und könne nichts richtig machen. Obwohl ich promoviert habe, fällt es mir weiterhin schwer, mich beruflich zu orientieren und mit meinem Leben zufrieden zu sein. Es ist wie ein ständiger Kampf gegen die Dunkelheit, die aber allmählich zurückweicht. Ich frage mich manchmal, was aus mir mit einer guten Mutter geworden wäre, aber mittlerweile versuche ich mir selbst eine gute Mutter zu sein.


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Roaring #31

Wahrscheinlich sind die meisten Eltern-Kind-Beziehungen nicht optimal. Und wahrscheinlich ist das in dieser Gesellschaft auch zwangsläufig - normal.


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heucheleientlarver #31.1

Es gibt einen Unterschied zwischen "nicht optimal" und "verletzend-demütigend".


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Systemator #31.2

Ich halte nichts von diesem Relativieren. Es gibt tatsächlich extreme Ausschläge. Einen narzisstischen Elternteil zu haben, ist in der Tat ein ganz harter Brocken mit gravierenden Folgen. Das fällt nicht mher bloß unter "suboptimal".


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EinTollerName #36.1

Die „schwarze Pädagogik“, die Kinder zu Kruppstahl machen sollte, war (und ist) im Nachkriegsdeutschland tatsächlich sehr präsent (und schädlich).
Sie ist aber nicht zu vergleichen mit den Beziehungen zu einem Elternteil mit Narzissmus und verursacht diesen sicher auch nicht.
Sie könnte jedoch die Akzeptanz für seelischen Missbrauch in der Gesellschaft gefördert haben. Wobei Familien, die unter Narzisten leiden, nach außen ja in der Regel eh als heile und perfekt erscheinen.


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hühnersuppe #36.2


"Dabei fällt mir ein weiterer Artikel ein, wo es darum geht, dass die Mütter aus der Kriegsgeneration gelernt haben ihre Kinder nicht zu verwöhnen und sie sozusagen nicht zu verweichlichen. Diese Erziehungsmaßnahme soll insbesondere in Deutschland sehr weit verbreitet gewesen sein."

Dieser Erziehungsstil begünstigt oder kaschiert durchaus eine narzisstische Haltung bei den Eltern: Unter dem Deckmantel der Abhärtung lässt sich wunderbar verbergen, dass man nicht in der Lage ist, zugunsten der Kinder mal seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse hintanzustellen.
Ich habe das mal an einem Vater beobachtet, der seinen kleinen Sohn, auch vor Besuch, gerne als "Egoisten" beschimpfte: Ich hatte in den Situationen eher den Eindruck, dass er mit sich selbst redete...


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Fragestellerin #39

Ich, Ü60, hatte eine ähnliche Mutter. Ich war für sie nicht mehr, als eine billige Dienstmagd und später dann musste ich auch noch ertragen, dass mein Stiefvater sexuell übergriffig wurde. Mit dem Wissen meiner Mutter. Der Schmerz bleibt lebenslänglich, er wird nur schwächer.
Was noch einmal kurz belastend war, als meine Mutter in ein Pflegeheim kam. Ich hatte natürlich den Kontakt schon lange vorher abgebrochen. Mein Brüder übrigens auch. Dennoch meinten Pflegekräfte udn Betreuer, dass sie über uns Kinder richten dürften. Frei nach dem Motto: "aber da ist doch Ihre Mutter, da muss man doch ..." Nein, muss ich eben nicht.


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DanielaBu #39.2

Die heilige Familie.....


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sonneundmond #40

Mit etwas Abstand ist vieles von dem Verhalten einfach nur peinlich und lächerlich. Narzisten verhalten sich wie kleine Kinder. Die emotionale Kontrolle ist sehr schwach. Sie wollen alles sofort, sind wegen geringsten Kleinigkeiten unglaublich beleidigt, die Wut ist dann nahezu unbändig und zerstörisch, sie nehmen sich immer das größere Stück Kuchen, machen Erfolge von anderen Zunichte, weil sie neidisch sind, selbst auf Erfolge ihrer Kinder.. Meine Mutter hat immer “ätsch!” zu mir gesagt. “ätsch, ich hab das größere Stück!” Wie peinlich ist das denn, einem kleinen Kind gegenüber und erst heute, sie ist schon 70?

Das Problem ist, wenn man ein einfühlsamer sensibler Mensch ist, dass man dieses Verhalten, dieses um sich selbst drehen dieser Personen und ihre komischen Machspielchen, die jedem vernünftigen Menschen nicht einmaleinfallen würden, weil sie so unnötig und gleichzeitig so zerstörerisch sind, so lange nicht durchschaut. Es sind die Kleinigkeiten, die so perfide sind, weil man nicht nachvollziehen kann warum jemand so etwas macht. Aber auch die unglaubliche Ignoranz dieser Leute anderen gegenüber, die mich immer wieder fassungslos macht.


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Coruscant #40.1

... Narzisstisch gestörte Mütter glauben, ihre Kinder zu lieben und sind überzeugt, dass diese ihre Liebe brauchen. Aber jeder Mensch braucht auch Selbstliebe; echte Liebe zu anderen wurzelt immer in Selbstliebe. Genau diese haben Gestörte aber nicht; sie spüren sich selbst nicht und beuten deswegen die Gefühle anderer aus. Ein Teufelskreis.


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atlantik #47

Der narzistische Denkfehler lautet:
Du wirst geliebt, wenn...

...wenn du diese oder jene Leistung erbringst, dieses oder jenes Verhalten zeigst, diesen oder jenen Besitz vorweisen kannst, ein bestimmtes Ausehen hast, Aufmerksamkeit bekommst/viele Follower hast, diese Merkmale auch für deine/n Partner/in oder deine Kinder/deine Freunde gelten...usw.

Narzissmus ist das Ergebnis einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft, einer Gesellschaft, die Liebe zwar verspricht, aber niemals hält.
Und ein Mensch, der diesem zweifelhaften Konzept folgt, ist zutiefst zu bedauern.
Denn es wird nie genug sein.
Nie.

Ein narzisstischer Mensch ist im Grunde ein zutiefst verzweifelter Mensch.


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Lescaramouche #47.2

Sie haben den traurigen, narzistischen Denkfehler treffend auf den Punkt gebracht. Ich glaube jedoch, dass das verbreitete narzistische Phänomen in unserer Gesellschaft zwar nach ähnlichen Regeln tickt, wie Narzismuss in seiner krankhaften Ausprägung, jedoch noch einmal von diesem unterschieden werden muss.
Der Artikel spricht von genetischen Ursachen, ich vermute, es liegen auch schwere Verletzungen in der Kindheit vor. Es ist wohl eine gestörte Form der Fähigkeit zu lieben und sich selbst zu lieben, die da, auf welchem Weg auch immer, weitergegeben wird.


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redshrink #51

Die Schweizer Psychoanalytikern Alice Miller hat das Thema der neurotischen Eltern, welche ihre Kinder benutzen, um sich selber besser zu fühlen, schon vor 40 Jahren beschreiben, in Büchern wie „Das Drama um das begabte Kind“ und „Du sollst nicht merken“. Ich habe sie mit Mitte 20 gelesen, vor gut 30 Jahren also, und sie waren wie ein erster Befreiungsschlag. Die rasenden unvorhersehbaren Wutausbrüche meiner Mutter, ihre körperliche Gewalt, ihre abwertenden und verletzenden Bemerkungen, ihre völlige Selbstbezogenheit und ihre Ablehnung jeder Verantwortung für all das fügten sich zu einem Bild zusammen, das hieß „emotional instabile Persönlichkeit“, und war in ihrem Falle eine Mischiung aus extremer Histrionik mit Boderline-Strukturen. Zum ersten Mal konnte ich meine ständige Beschämung, mein mangelndes Selbstvertrauen und die ständige Vorsicht – nie spontan sein, immer auf der Hut – in ein anderes Licht rücken.

Es hat dann dennoch weitere Jahrzehnte gedauert, bis ich zu einer grundsätzlichen Selbstakzeptanz gelangen konnte. Mein Kindheit hing und hängt über mir wie ein dunkle Wolke. Ich bin natürlich Psychiater geworden, wohl auch ein sehr fürsorglicher. Geholfen haben mir meine Psychoanalyse und mein Mann. Unsere liebevolle Beziehung bedeutet wohl für uns beide eine Art Heilungserfahrung.

Familienbesuche sind sporadisch. Ich bin eh der letze meiner Familie. Mit meiner Mutter über diese Dinge zu reden, ist nicht möglich. Darum bleibe ich auf Distanz.


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Закон Шмальгаузена #58

... Haben wir nicht diese Gesellschaft selbst ideologisch so geformt, dass in jeden Gebrauch des Wortes Liebe sofort der kalte Stahl des Radikalmaterialismus schneidet? Messen wir Kindeswohl nicht längst einfach an "Satt & Sauber" und Abwesenheiten, nämlich denen von körperlicher Züchtigung und körperlichem Missbrauch?

Und jetzt fehlt sie dann doch brutal, die Mutterliebe, die positive Anerkennung und Akzeptanz?


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