Author Topic: [Befragungen zur Menschlichkeit... ]  (Read 5677 times)

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[Befragungen zur Menschlichkeit... ]
« on: September 07, 2009, 11:28:22 AM »
Quote
[...] Menschlichkeit oder Humanität (lat.: humanitas) hat zwei Bedeutungen: Zum einen die neutral-sachliche Sichtweise, die alles, was Menschen zugehörig oder eigen ist, beinhaltet. Zum anderen wird der Begriff häufig subjektiv-wertend benutzt, um diverse Wertvorstellungen des Humanismus zu umschreiben.

Menschlichkeit im objektiven, wertfreien Sinn umfasst alles menschliche, also sämtliche – „gute“ sowie „böse“ - menschliche Taten, Sichtweisen, Eigenschaften, etc. Beispielsweise kann ein Haar eines Menschen vom Haar eines Tieres unterschieden werden, oder auch das Sprichwort „Irren ist menschlich“ verdeutlicht die neutrale Sichtweise.

Die vielen Philosophen des Humanismus grenzten aus dem allumfassenden und wertfreien Begriff Menschlichkeit anhand verschiedener moralischer Kriterien eine gewisse Teilmenge des menschlichen Verhaltens heraus. Sie nannten ihre selektierte Teilmenge - verwirrenderweise - ebenfalls „Menschlichkeit“.

Das Konstrukt dieser „wünschenswerten“ Menschlichkeit wurde kontrovers diskutiert, es ging um Themen wie „was den Menschen ausmache“ oder wie der Mensch sein solle. Das Ziel war friedvoller, gütiger, kultivierter Umgang. So sprach beispielsweise J. G. Herder davon, dass Menschlichkeit nur teilweise angeboren sei und nach der Geburt erst ausgebildet werden müsse: Die Bildung zu ihr sei „ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muß, oder wir sinken... zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück.“

...


Aus: "Menschlichkeit" (31. August 2009)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Humanit%C3%A4t


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[L'existentialisme est un humanisme... ]
« Reply #1 on: September 07, 2009, 11:51:23 AM »
Quote
[...] Der existentialistische Humanismus Jean-Paul Sartres betont die Eigenverantwortlichkeit des Menschen. Danach ist der Existentialismus „eine Lehre der Tat“. Grundlegend hierzu war der 1945 veröffentlichte Essay L'existentialisme est un humanisme. Sartre entwarf einen Humanismus im Gewand der Moderne: Die Existenz geht der Essenz voraus. Der Mensch tritt in die Welt ein und erst dann entwirft bzw. erfindet er sich selbst. Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich in seiner totalen Freiheit macht. Deshalb ist er auch für das, was er ist, verantwortlich. Dies verleiht ihm seine Würde. Das Leben hat a priori keinen Sinn. Der Mensch wählt sich seine Moral, sie ist seine Schöpfung und Erfindung. Mit sich selbst erschafft der Mensch ein Vorbild. Der Mensch ist nichts anderes als sein Leben. Er ist die Summe seiner Handlungen, seiner Beziehungen und Unternehmungen. Er existiert nur in dem Maße, in dem er sich selbst verwirklicht.

    „Es gibt kein anderes Universum als ein menschliches, das Universum der menschlichen Subjektivität. Diese Verbindung von den Menschen ausmachender Transzendenz – nicht in dem Sinn, wie Gott transzendent ist, sondern im Sinn von Überschreitung – und Subjektivität in dem Sinn, dass der Mensch nicht in sich selbst eingeschlossen, sondern immer in einem menschlichen Universum gegenwärtig ist, das ist es, was wir existentialistischen Humanismus nennen.“ [30]

...

[30] ↑ Sartre, Gesammelte Werke, Band 4, S. 141



Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Humanismus (5. September 2009)

-.-

Quote
[...] Zuerst äußert sich Sartre zu dem Vorwurf, der Existentialismus sei düster, hässlich und skandalös. Die Kommunisten würden dem Existentialismus vorwerfen, er erzeuge Verzweiflung, da nach ihm alle Lösungen verbaut seien und das Handeln somit völlig unmöglich sei. Die Christen hingegen würden am Existentialismus kritisieren, dass er die Schönheit des Lebens ignoriere und nur die menschliche Schande, das Schäbige, Trübe und Klebrige zeige.

Beide Vorwürfe hält Sartre für unangebracht. Er beseitigt sie mit den Argumenten, dass der Existentialismus eine Lehre sei, die das menschliche Leben sehr wohl möglich mache. Jede Wahrheit und jede Handlung würde ein menschliches Milieu und eine menschliche Subjektivität einschließen. Der Existentialismus versuche keineswegs, den Menschen in Verzweiflung zu stürzen. Er sei kein Atheismus in dem Sinn, dass er sich in dem Beweis erschöpfe, dass Gott nicht existiere, sondern er erkläre, dass selbst die Existenz Gottes nichts ändern würde. Der Mensch müsse sich selbst wieder finden und sich davon überzeugen, dass ihn nichts vor sich selbst retten könne - nicht einmal ein gültiger Beweis der Existenz Gottes. In diesem Sinne sei der Existentialismus ein Optimismus, eine Lehre der Tat.

[...] Wenn wir uns selbst erschaffen, müssten wir auch bestimmen, wie wir uns selbst erschaffen wollen - wir müssten selbst entscheiden, wie wir leben wollen. Der Mensch sei für das, was er ist, verantwortlich. So bestehe die erste Absicht des Existentialismus darin, jeden Menschen in den Besitz seiner selbst zu bringen und ihm die totale Verantwortung für seine Existenz zu übertragen. Diese Verantwortung trüge er jedoch nicht nur für seine Individualität, sondern für alle Menschen.

[...] Sartre beschreibt dies mit folgenden Worten: „So ist unsere Verantwortung viel größer, als wir vermuten können, denn sie betrifft die gesamte Menschheit. […] Wenn ich - eine individuellere Angelegenheit - mich verheiraten und Kinder haben will, ziehe ich dadurch, selbst wenn diese Heirat einzig von meiner Situation oder meiner Leidenschaft oder meinem Begehren abhängt, nicht nur mich selbst, sondern die gesamte Menschheit auf den Weg zur Monogamie. So bin ich für mich selbst und für alle verantwortlich, und ich schaffe ein bestimmtes Bild vom Menschen, den ich wähle; mich wählend wähle ich den Menschen.“

[...] Eine wichtige These des Existentialismus lautet: „Der Mensch ist Angst.“ Was bedeutet das eigentlich und woher kommt diese Angst? Laut Sartre müsse den Menschen die Überlegung, dass er mit seiner Lebenswahl nicht nur eine Entscheidung für sich, sondern für alle trifft, in Angst versetzen. Er könne dem „Gefühl seiner totalen und tiefen Verantwortung“ nicht entrinnen, wenn er sich darüber im Klaren sei, dass er ein Gesetzgeber für die gesamte Menschheit sei. Der Mensch müsse sich immer fragen, was geschehen würde, wenn alle so handelten. Außerdem müsse er sich darüber Gedanken machen, ob er auch derjenige sei, der das Recht habe, so zu handeln, dass sich die Menschheit nach seinen Taten richten könne. Wenn er sich das nicht frage, verhindere er das Aufkommen von Angst - dies sei jedoch falsch.

Denn die Angst, die der Mensch bei diesen Fragen verspüren sollte, sei eine einfache Angst, die alle kennten, die einmal eine größere Verantwortung zu tragen hatten. Sartre bringt an dieser Stelle das Beispiel eines Offiziers, der die Verantwortung für einen Angriff trägt und somit für die Entscheidung über Leben und Tod einer bestimmten Anzahl von Männern. Auch wenn der Offizier Befehle von oben erhält, sind diese weit gefasst und müssen von ihm interpretiert werden - von dieser Interpretation hängt das Leben von mehreren Soldaten ab. Es sei unmöglich, dass er beim Treffen seiner Entscheidung nicht eine gewisse Angst empfinde. Diese Angst sei eine, die jeder Verantwortliche kenne. Sie hindere ihn nicht zu handeln, im Gegenteil, sie sei die Bedingung seines Handelns. Denn diese Angst führe dazu, dass eine Entscheidung nicht vorschnell gefällt werde und somit vielleicht unverantwortlich ist. „Sie ist kein Vorhang, der uns vom Handeln trennt, sie ist Teil des Handelns selbst.“

[...]


Literaturangaben:
    * Sartre, Jean-Paul: Ist der Existentialismus ein Humanismus? Ullstein, Frankfurt 1989 - ISBN 3-548-34500-X


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/L%27existentialisme_est_un_humanisme (13. Mai 2009)


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Aus humanistischer Sicht keinen Nutzen... ]
« Reply #2 on: September 07, 2009, 11:57:36 AM »
Quote
[...] Studia humanitatis ("humanistische Studien", wörtlich "Studien der Humanität") oder Studia humaniora ist seit der Renaissance die lateinische Bezeichnung für die Gesamtheit des humanistischen Bildungsprogramms. Dieses beruhte auf der Rückbesinnung auf die griechische und römische Antike, wofür das Erlernen und Pflegen der griechischen und vor allem der lateinischen Sprache Voraussetzung war. Nicht alle Renaissance-Humanisten verfügten über gute Griechischkenntnisse, aber ausgezeichnete Beherrschung des Lateinischen wurde auf jeden Fall erwartet.

Den Begriff humanitas übernahmen die Renaissance-Humanisten von ihrem wichtigsten antiken Vorbild, dem Redner Cicero. Cicero hatte betont, dass sich der Mensch vom Tier durch die Sprache unterscheidet, und damit eine Begründung dafür geboten, dass die Pflege der Sprachkunst als des spezifisch Menschlichen in den Mittelpunkt der Erziehung zu stellen sei.



[...] Bildung sollte wichtiger sein als politische oder militärische Macht, Reichtum oder Adel. Alles, was nicht direkt zur tugendhaften menschlichen Lebensführung im Sinne des humanistischen Ideals beiträgt, also aus humanistischer Sicht keinen Nutzen für das Leben hat, pflegten die Humanisten meist als überflüssig abzulehnen oder zumindest als zweitrangig einzustufen.

...


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Studia_humanitatis (7. August 2009)


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[Animal rationale... ]
« Reply #3 on: September 07, 2009, 12:06:15 PM »
Quote
[...] Animal rationale ist eine lateinische Übersetzung des griechischen "zoon logikon" oder "zoon logon echon": In dieser Bezeichnung des Menschen wird bereits bei Aristoteles seine Fähigkeit zu denken als das Wesentliche und ihn vom Tier Unterscheidende hervorgehoben. Das genauere Verständnis hängt davon ab, wie Vernunft, Denken, Logos, Geist, Ratio und andere Begriffe definiert werden.

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Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Animal_rationale (6. Dezember 2008)

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[Bei den Mauerfallfeierlichkeiten zeigt sich... ]
« Reply #4 on: November 06, 2014, 11:06:08 AM »
Quote
Auch am Donnerstagmorgen wurde die von Flüchtlingen besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg nicht geräumt. Offenbar wartet man bis nach den Mauerfall-Feierlichkeiten - um die Jubiläumsstimmung nicht zu verderben. ...


Aus: "Räumung in Berlin-Kreuzberg wohl erst nach Mauerfall-Jubiläum" Bodo Straub (11/2014)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/fluechtlinge-in-der-gerhart-hauptmann-schule-raeumung-in-berlin-kreuzberg-wohl-erst-nach-mauerfall-jubilaeum/10938952.html

Chronologie Gerhart-Hauptmann-Schule (2012 - 2014)
http://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin1/Chronologie-Gerhart-Hauptmann-Schule.html

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[...] Deutschland gedenkt der Toten an der innerdeutschen Grenze. Die Menschen, die permanent an den Grenzen zur EU sterben sind da zweitrangig. ... Auf diesen absurden Missstand weist das ​Zentrum für politische Schönheit seit Montag hin. Die Kreuze, mit denen der Mauertoten gedacht wird, sind seitdem nämlich weg, sie befinden sich jetzt an den Außengrenzen der EU. Damit protestiert das Zentrum gegen die ritualisierten und kitschigen Einheitsfeierlichkeiten, bei denen mit Lichtinstallationen und Luftballons der Tag gefeiert wird, an dem die innerdeutsche Grenze Geschichte wurde, während immer noch und immer mehr Menschen an neuen Grenzen ihr Leben riskieren müssen. ... Seit Montag tobt nun ein öffentlicher Empörungsturm durch Zeitungen, Webseiten und Kommentarspalten. Das Zentrum „instrumentalisiert" entweder die Mauertoten oder die Flüchtlinge, es versteht die Geschichte falsch, ohnehin sind Flüchtlinge „Wirtschaftsflüchtlinge", weil sie schließlich die bösen Schleuser bezahlen können, SED-Opfer werden verhöhnt. Offensichtlich haben die Künstler einen Nerv in der deutschen Gesellschaft getroffen.

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Aus: "Die neuen Mauertoten Europas" Stefan Lauer (November 5, 2014)
Quelle: https://www.vice.com/de/read/die-neuen-mauertoten-europas-772

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[...] Der Punk-Protest von Pussy Riot in einer Kathedrale des Kreml ist cool. Da geht es gegen Putin und seine menschenverachtenden Gesetze. Die Protestaktion mit den Kreuzen für die Mauertoten wird als geschmacklos verurteilt, denn es geht letzten Endes um unseren Umgang mit Asylsuchenden, um unsere Grenzpolitik. ...


Aus: "Wenn Kunst justitiabel wird: Im Zweifel für die Freiheit" Rüdiger Schaper (11.11.2014)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/wenn-kunst-justitiabel-wird-im-zweifel-fuer-die-freiheit/10966350.html

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[...] Vergangene Woche, kurz vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls, klafften merkwürdige Löcher im Berliner Regierungsviertel an einem Zaun direkt neben der Spree. Zuvor hatten hier 14 weiße Kreuze gestanden, das Berliner Mahnmal für die Mauertoten. Nur wenige Tage später tauchten die Kreuze wieder auf – an den europäischen Außengrenzen, in den Händen Asylsuchender, der „zukünftigen Mauertoten“, wie es auf der Webseite des Zentrums für Politische Schönheit beschrieben wird.

...

Rainer Süssmuth:  Wichtig ist aber zu sagen, dass die Kreuze nicht verschwunden sind. Sie sind an den europäischen Außengrenzen und kehren nach dem 9. November an den Ort des Gedenkens zurück. Und sie werden sauberer sein als vorher, denn sie waren ehrlich gesagt in einem saumäßigen Zustand. ... Wir sind keine Linksextremisten, wir sind aggressive Humanisten. Wir haben konservative Werte: Nächstenliebe, Menschlichkeit. Und wir wollen die Werte der Europäischen Union bewahren. Wir richten uns an die Mitte der Gesellschaft. An alle Bürger, von deren Steuergeldern in den letzten sieben Jahren zwei Milliarden ausgegeben wurden für den irrationalen Ausbau einer Grenzinfrastruktur. ... Bei den Mauerfallfeierlichkeiten zeigt sich ein sehr zynischer Umgang mit dem Gedenken. ... Politiker regen sich über fehlende Kreuze auf, während gleichzeitig Menschen ums Leben kommen. Am Dienstag waren es über zwanzig, bei dem Versuch, per Schiff von der Türkei nach Rumänien zu fliehen. Uns geht es gar nicht gegen ein Gedenken, aber wir wollen es weiterentwickeln. Wir wollen der Gegenwart gedenken und nicht nur der Vergangenheit. Das wollen wir aggressiv machen, aber gewaltfrei. Wir appellieren mit unserer Aktion an die Menschlichkeit und daran, was gerade passiert: die größte Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. ...

Es gibt eine Menge Kritik an Ihrer Aktion, vor allem an der Aneignung der Kreuze. Hugo Diederich von der Vereinigung der Opfer des Stalinismus sagte: „Es geht bei unserem Gedenken um 28 Jahre Mauer, an der Leute abgeschossen wurden wie die Karnickel. Das hat mit anderen Problemen in der heutigen Zeit überhaupt nichts zu tun.“ Können Sie das nachvollziehen?

Das Gedenken wird doch am 9. November nicht verhindert, es findet ja trotzdem statt. Es ist doch zynisch, dass am Dienstag alle Zeitungen auf der ersten Seite fehlende Kreuze beklagen, von denen sicherlich die meisten Berliner überhaupt nicht wussten, dass sie existieren. Und sich Politiker darüber aufregen, während Menschen tagtäglich sterben und zwar durch Gesetze, die auch die Bundesrepublik Deutschland mitzuverantworten hat. Man muss sich mal die Relation vor Augen führen. Leider erregen 14 fehlende Kreuze mehr Aufmerksamkeit, als die Katastrophe, die vor unser aller Augen passiert.

Also nehmen Sie auch den möglichen Ärger der Angehörigen der Mauertoten für Ihre Aktion billigend in Kauf?

Nein, das tut uns wahnsinnig leid. Wir haben überhaupt nicht vor, jemanden zu verärgern. Aber ich denke, wenn die Kreuze wieder zurückkehren, werden die Angehörigen unsere Aktion verstehen. Und ich bin mir sicher, wenn die Mauertoten noch lebten, wären sie die letzten, die uns kritisieren würden.

Kann der europäische Mauerfall mehr sein als eine symbolische Aktion?

... Auch in der DDR wurden alle, die in den 60er Jahren von offenen Grenzen sprachen, belächelt.

Sie sind nach Melilla gereist und haben Flüchtlingen Kreuze der Mauertoten in die Hand gedrückt, um sie damit zu fotografieren. Haben die überhaupt verstanden, welche Parallele da gezogen wird?

Viele kannten die Geschichte der deutschen Teilung nicht und waren erstaunt, dass es innerhalb von Europa Flüchtlinge gab. Wir haben das den Flüchtlingen erklärt und sie haben uns sofort unterstützt.

Warum ist das Fehlen der Kreuze tagelang niemandem aufgefallen?

Ich vermute, weil die Gedenkstätte an dem Ort im Regierungsviertel völlig untergeht. Die Menschen haben diesen Ort nicht im Gedächtnis. Eigentlich haben wir den Kreuzen sogar einen Dienst erwiesen, weil sie jetzt viel mehr Aufmerksamkeit haben als vorher.

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Quote
goedzak 05.11.2014 | 15:41

Die Aktion ist sehr symbol- und tatkräftig. Sie lenkt mit provokanten Mitteln die Aufmerksamkeit auf das dramatische Flüchtlingsproblem. Sie zeigt aber auch, und das mglw. dann nicht ganz so bewusst und beabsichtigt, den erschreckend natinalchauvinistischen Charakter des innerdeutschen Opfergedenkens, die Doppelmoral, die überhebliche Ignoranz.


Quote
Richard Zietz 05.11.2014 | 16:53

„Es geht bei unserem Gedenken um 28 Jahre Mauer, an der Leute abgeschossen wurden wie die Karnickel. Das hat mit anderen Problemen in der heutigen Zeit überhaupt nichts zu tun.“

Sicher doch. Deutsche Opfer sind immer wertvoller. Vor allem, wenn sie Opfer des Stalinismus waren.




Aus: ""Wir sind aggressive Humanisten"" Juliane Löffler (05.11.2014)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/juloeffl/wir-sind-aggressive-humanisten

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[...] trotz Lampedusa und anderer menschlicher Tragödien auf dem Mittelmeer stößt die Aktion allgemein auf wenig Verständnis, nicht zuletzt weil für viele der Vergleich zwischen „der Mauer” und den heute bestehenden „EU-Grenzzäunen” illegitim ist. Der „Missbrauch” der Mauerkreuze ist daher von diesem Blickwinkel aus gesehen „blanker Zynismus”, wie Bundestagspräsident Norbert Lammert in vernichtendem Ton sagt.

Natürlich kann man gegen die Aktion des „Zentrums für politische Schönheit” sein, aber eine Frage stellt sich dann doch: warum ist es dermaßen inakzeptabel eine geschichtliche Parallele zwischen den zwei Grenzpolitiken zu ziehen? Warum reicht als Begründung für eine Unterscheidung, dass ihre Funktionen nominell nicht die gleichen waren bzw. sind, da man in der DDR ein-, und in der EU heutzutage lediglich (?) ausgesperrt wird? Das Leid und das Unrecht, das Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien, Somalia oder Eritrea zur Migration treibt, ist sicherlich nicht geringer als das der damaligen DDR-Bürger. Die schockierenden Konsequenzen der Abschottung sind auch die gleichen, Tod und Folter inbegriffen. Ist der Unterschied vielleicht, wie man so oft hört, dass wir schlichtweg nicht die Mittel haben, alles Leid dieser Welt bei uns zu mildern? Also lieber ein paar tausend „Grenzzauntote” statt innenpolitischer Probleme? Diese Rechtfertigung erinnert stark an die SED-Rhetorik vom „antifaschistischen Schutzwall“ und den ideologischen Widerwillen, sich das eigene Scheitern im Hinblick auf die Realität einzugestehen. Die Mauer und die Grenzzäune, beides nichts als eine bedauerliche Notwendigkeit eines bestehenden Systems? Mitnichten. Historisch besonders verstörend sind dabei Aussagen, dass die bestehende Grenzpolitik ja den „Braindrain“ in den Herkunftsländern verhindern würde.

Eine andere wichtige Lehre, die sich aus der Wende und dem Zusammenbruch des Ostblocks generell ziehen lässt, ist die Notwendigkeit einer politisch pluralistischen Gesellschaft. Wo eine Einheitspartei 40 Jahre an der Macht ist, dort ist politischer Umbruch zwangsläufig unerwartet und abrupt (wie man auch am arabischen Frühling sehen konnte). Die Pressekonferenz von Günter Schabowski vom 9.11.1989 ist auch deshalb so legendär, weil der Sturz des Systems paradoxerweise von einem völlig überrumpelten SED-Funktionär offiziell verkündet werden musste. Eine solche Absurdität ist nur in einem Staat möglich, in dem die Exekutive zwar momentan die Macht hält, politische Entwicklungen aber selbst nicht mehr steuern kann. Ohne Pluralismus läuft jede noch so mächtige Staatsgewalt die Gefahr, auf nichts mehr als nur Sand gebaut zu sein.

25 Jahre später scheint der Mauerfall vor allem das Scheitern der SED darzustellen, nicht aber die Notwendigkeit des politischen Pluralismus. Wenn Bundespräsident Gauck die Legitimität der von der Linken geführten thüringer Landesregierung in Frage stellt oder Wolf Biermann die Bundestagsfraktion mit Häme überschüttet, so hilft das vielleicht im längst gewonnenen Kampf gegen die SED, nicht jedoch dem Pluralismus in einer wiedervereinigten Bundesrepublik. Sieben Jahre SPD-Regierung im Zeichen der „Agenda 2010” und die schleichende „Gentrifizierung” der Grünen haben eine ganze Anzahl von politisch Heimatlosen hervorgebracht (nicht zuletzt viele junge Leute), die eigentlich in der Linken ihr politisches Zuhause finden sollten. ...


Aus: "Was man heute vom Mauerfall lernen kann" Moritz Baumgärtel (08.11.2014)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/mogneba/was-man-heute-vom-mauerfall-lernen-kann

« Last Edit: November 12, 2014, 10:12:57 AM by Textaris(txt*bot) »

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[Befragungen zur Menschlichkeit... ]
« Reply #5 on: January 03, 2018, 02:52:33 PM »
Quote
[...] Nicht Gott, der Teufel versucht den Menschen, sagt der Papst.

... ist die Versuchung durch das (falsche) Gute nicht das, was allen Formen von religiösem Fundamentalismus zugrunde liegt?

Dazu ein vielleicht überraschendes historisches Beispiel: das Attentat auf Reinhard Heydrich, Hitlers Statthalter in Prag. Die tschechoslowakische Exilregierung in London beschloss 1942, Heydrich zu töten. Jan Kubiš und Jozef Gabčík, die das für die Operation ausgewählte Team anführten, wurden in der Nähe von Prag abgesetzt. Am 27. Mai 1942 war Heydrich auf dem Weg in sein Büro. Allein mit seinem Chauffeur in einem offenen Wagen.

Als der Chauffeur an einer Kreuzung in einem Vorort von Prag die Fahrt verlangsamte, trat Gabčík in den Weg und zielte mit einer Maschinenpistole auf das Auto. Doch der Angriff schlug fehl. Anstatt dem Fahrer zu befehlen wegzufahren, befahl Heydrich anzuhalten und wollte den Angreifer stellen. In diesem Augenblick warf Kubiš einen Sprengsatz auf den hinteren Teil des Autos. Die Explosion verwundete sowohl Heydrich als auch Kubiš.

Als sich der Rauch verzogen hatte, tauchte Heydrich mit seiner Waffe in der Hand aus dem Autowrack auf. Er jagte Kubiš ein paar Minuten lang, brach dann aber zusammen. Er schickte seinen Fahrer los, um Gabčík zu Fuss zu verfolgen, während er selber, immer noch mit der Pistole in der Hand, seinen linken Oberkörper hielt, der stark blutete.

Eine Frau, die zufällig vorbeikam, eilte Heydrich zu Hilfe. Sie hielt einen Lieferwagen an, um den Verwundeten von der Unfallstelle wegzubringen. Heydrich wurde auf die Ladefläche des Autos gelegt und in die Notfallstation eines nahe gelegenen Spitals gebracht. Er starb ein paar Tage später: Aber er hätte überleben können. Und die hilfsbereite Passantin wäre in die Geschichte eingegangen als die Person, die Reinhard Heydrich das Leben gerettet hat.

Ein militaristischer Nazi-Sympathisant würde an dieser Geschichte wohl Heydrichs persönlichen Mut hervorheben. Mich hingegen fasziniert die Rolle der unbekannten Frau. Sie half Heydrich, der wehrlos in seinem Blut auf der Strasse lag. War sie sich bewusst, wer er war? Wenn ja und wenn sie keine Nazi-Sympathisantin war – beide Vermutungen haben alle Wahrscheinlichkeit für sich –, warum tat sie das, was sie getan hat? War es eine reflexartige Reaktion? Kam die Tat aus dem urmenschlichen Mitgefühl heraus, einem Menschen zu helfen, der sich in Not befindet – wer auch immer es ist? War das Mitgefühl stärker als das Wissen darum, dass dieser Mann einer der schlimmsten Nazi-Verbrecher war, ein Mann, der für Millionen von Toten mitverantwortlich war?

Die Frage stellt uns vor die Wahl zwischen dem abstrakten liberalen Humanismus und der Ethik des radikalen emanzipatorischen Kampfes: Wenn wir auf der Seite des liberalen Humanismus bleiben, sind wir am Ende so weit, dass wir bereit sind, die schlimmsten Verbrecher zu dulden. Und wenn wir dem folgen, was uns das Gesetz des politischen Kampfs befiehlt, befinden wir uns auf der Seite der emanzipatorischen Universalität. Und das heisst: Die arme Frau hätte ihrem Mitgefühl widerstehen und versuchen müssen, dem verletzten Heydrich den Rest zu geben.

Wer Dilemmata dieser Art wegdiskutiert, weil sie ihm moralisch zu heikel sind, macht Ethik zu einer leblosen Angelegenheit. ...


Aus: "Hiobs Schweigen" Slavoj Žižek (3.1.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/hiobs-schweigen-ld.1343521