Author Topic: [Elektromüll - The Dark Side of Cyberspace... ]  (Read 5995 times)

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[Nach dem Erscheinen im... ]
« Reply #15 on: October 26, 2015, 12:24:39 PM »
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[...] Nach dem Erscheinen im Bundesgesetzblatt vom heutigen Freitag tritt am Wochenende eine neue Regelung für die Entsorgung alter und kaputter Elektrogeräte in Kraft. Mit dem im Juli vom Bundestag verabschiedeten “Elektro- und Elektroaltgerätegesetz” (ElektroG) wird der Handel verpflichtet, Altgeräte zurückzunehmen und fachgerecht recyceln oder entsorgen zu lassen. Für Verbraucher ist das eine praktische Alternative zum Recyclinghof, für den Onlinehandel ein Riesenproblem.

Händler müssen nun kleinere Geräte mit einer Kantenlänge bis 25 Zentimeter kostenlos zurücknehmen, größere nur beim Kauf eines neuen Geräts. Viele Händler, vor allem die großen Ketten, machen das bereits seit Jahren freiwillig. Für die anderen gibt es eine Übergangsfrist von neun Monaten, die Regelung umzusetzen. Für kleine Geschäfte, die nicht mehr als 400 Quadratmeter Verkaufsfläche haben, macht das Gesetz eine Ausnahme.

Die Bundesregierung setzt mit dem Gesetz eine EU-Richtlinie um. Die sogenannte WEEE-Richtlinie von 2012 verpflichtet die Mitgliedsstaaten, für mehr Recycling von Altgeräten zu sorgen. 2014 wurde nur ein Drittel des pro Bundesbürger anfallenden Elektroschrotts eingesammelt. "Mit dem neuen Elektro- und Elektronikgerätegesetz sorgen wir dafür, dass in Zukunft noch weniger alte Elektro- und Elektronikgeräte im Restmüll landen als bisher”, sagt Bundesumweltministern Barbara Hendricks (SPD). Sie hofft, dass durch mehr Annahmestellen mehr Verbraucher ihre Altgeräte dem fachgerechten Recycling zuführen – und so auch weniger Elektroschrott im illegalen Export und auf den Deponien in Afrika landet.

Die neue Rücknahmepflicht gilt auch für Onlinehändler. Deren Verband fürchtet jedoch, das aus dem dem neuen Gesetz über die Rücknahmepflicht hinaus “weitere Handlungsverpflichtungen mit schwerwiegenden Folgen” auf sie zukommen. Das gilt weniger für Logistikriesen wie Amazon, der die Altgeräteentsorgung ohnehin schon im Angebot hat. Sondern vor allem für zahlreiche kleinere Händler, die eigene Online-Shops betreiben oder auf Plattformen wie eBay ihre Waren verkaufen.

Der Gesetzgeber habe sich nicht um die Frage gekümmert, “wie diese Rücknahme im Onlinehandel unter Beachtung aller notwendigen Umwelt- und Transportmaßgaben in der Praxis stattfinden soll”, kritisiert der Bundesverband Onlinehandel (BVOH). Dessen Präsident Oliver Prothmann ist sauer: “Dass sich die Politik in solchem Ausmaß über die Belange des Onlinehandels hinwegsetzt, ist ärgerlich.“ Die praktische Umsetzung bleibe für viele Betroffene noch unklar. Eine Alternative sieht der Verband in der Wertstofftonne – damit wären die Händler bei den Kleingeräten aus dem Schneider.

Der Verband sieht in der EU-Richtlinie auch ein Hindernis für den grenzüberschreitenden Handel. Während die EU-Kommission einerseits den digitalen Binnenmarkt fördert, führt sie im Handel neue Hürden ein. “Insbesondere kleine und mittelständische Händler und Hersteller” stellten den grenzüberschreitenden Handel wegen der Vorschriften ein, die für Auslandsgeschäfte den Nachweis einer Niederlassung oder eines Rücknahmebeauftragten im Zielland und entsprechende finanzielle Garantien verlangen.

(vbr)


Aus: "Neues Elektroschrott-Gesetz: Onlinehandel muss Altgeräte entsorgen" (23.10.2015)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Neues-Elektroschrott-Gesetz-Onlinehandel-muss-Altgeraete-entsorgen-2854294.html


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[Elektromüll - The Dark Side of Cyberspace... ]
« Reply #16 on: June 06, 2017, 04:53:38 PM »
Quote
[...] Für den Verbraucher müsse es sich lohnen, ein defektes Elektrogerät zu reparieren, meint der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). In vielen Fällen sei aber eine Reparatur fast so teuer wie ein neues Gerät. Die Bundesregierung solle hier einschreiten, meinen die Verbraucherschützer, laut einer Mitteilung. Die Debatte über ein "Recht auf Reparatur" wird derzeit in mehreren US-Bundesstaaten von Gesetzgebern geführt.

Der vzbv stützt sich auf eine Umfrage von Kantar Emnid unter 1000 Teilnehmern, laut der 74 Prozent angegeben haben, schon einmal ein Gerät entsorgt zu haben, weil die Reparatur zu teuer gewesen wäre. Ein Grund sei, dass eine Reparatur oft nur direkt beim Hersteller möglich sei. Das könne nach der Garantiezeit kostspielig werden. Verbraucher sollten frei wählen können müssen, wer die Reparatur übernimmt, damit diese günstiger werde.

"Mit einem Recht auf Reparatur sollte die Bundesregierung die Hersteller verpflichten, Verbrauchern und Dienstleistern originale Ersatzteile zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung zu stellen und Reparaturanleitungen zu veröffentlichen", fordert der vzbv. Das gelte ebenso für Softwareupdates, denn 30 Prozent der Befragten hätten schon einmal ein Gerät ersetzen müssen, weil sie aktuelle Programme nicht mehr aufspielen konnten.

Aus der Umfrage habe sich auch ergeben, dass über 80 Prozent der Verbraucher eine verbindliche Kennzeichnung zu Lebensdauer und Reparaturfähigkeit von Elektrogeräten wollen. Dadurch könne ein Wettbewerb um mehr Produktqualität und Reparaturmöglichkeiten angeregt werden. (anw)

Quote
schmierfink, 06.06.2017 14:05

Zerstörungsfreies Öffnen des Gehäuses

Die Möglichkeit des zerstörungsfreien Öffnens des Gehäuses eines Gerätes wäre schonmal eine große Erleichertung für eine Reparatur. Leider sind Gehäuse aus Kunststoff heute häufig nur noch per "Widerhaken" zusammengeclipt. Jeder Versuch, das Gehäuse zu öffnen, resultiert unweigerlich in hässlichen Kerben oder abgebrochenen "Widerhaken".


Quote
     gameus!de, 06.06.2017 14:02

willkommen im 21ten Jahrhundert

Reparieren ist eine anspruchsvolle Tätigkeit.
Neben der Fehleranalyse ist auch der Austausch von (zu lagernden und auf Halde liegenden) Komponenten erforderlich. Das ist sehr kostspielig.

Im Zuge der Automatisierung ist es inzwischen ökonomischer, stetig neue Produkte herzustellen, die sich minimal von seinem Vorgänger unterscheiden und den Konsumenten zum Kauf animiert.

Altgeräte werden in den Zyklus der Rohstoff-Wiederaufbereitung gesteckt (oder weggeworfen).



Aus: "Verbraucherschützer fordern "Recht auf Reparatur" für Elektrogeräte" Andreas Wilkens (heise online, 06.06.2017)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Verbraucherschuetzer-fordern-Recht-auf-Reparatur-fuer-Elektrogeraete-3735029.html

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[Elektromüll - The Dark Side of Cyberspace... ]
« Reply #17 on: August 06, 2018, 03:39:38 PM »
Elektromülldeponie Agbogbloshie
Agbogbloshie ist ein Stadtteil der Millionenmetropole Accra im westafrikanischen Ghana. Nordwestlich des Hauptgeschäftsviertels von Accra am Ufer der Korle-Lagune gelegen, leben hier 40.000 Menschen auf einer Fläche von etwa 1600 ha (16 km²) Land. Bekanntheit erlangte Agbogbloshie durch das UNICEF-Siegerfoto aus dem Jahr 2011 mit dem Titel: Ghana: Unser Müll in Afrika von Kai Löffelbein. Das Bild symbolisiert die Auswirkung illegal eingeführten Elektronikschrotts, der aus Europa stammt. Bei der nicht organisierten und vollkommen unsachgemäßen Trennung der Wertstoffe – u. a. mit Hilfe von offenen Feuern – entstehen hochgiftige Dämpfe aus den Bauteilen. Aufgrund dessen wurde der Ort 2013 von der Umweltorganisation Blacksmith Institute zu einem der am schlimmsten verseuchten Orte der Welt gewählt.
Laut Mike Anane, einem ghanaischen Umweltjournalisten, kann man sich höchstens zwei Stunden auf der Müllhalde Agbogbloshies aufhalten, ohne gesundheitliche Schäden davonzutragen. Deshalb und wegen der hohen Kriminalität wird der Ort im Volksmund auch Sodom und Gomorra genannt. In den Medien wird der Ort teilweise auch als Toxic City bezeichnet.  ... Als Mitte der 2000er Jahre die ersten Container mit gebrauchten Computern in Ghana eintrafen, waren diese Teil eines Hilfsprogramms. Doch schnell missbrauchten unseriöse Händler das Etikett „Secondhand“, um illegal Elektronikschrott zu exportieren – mit gravierenden Folgen für das Land. ... (6. Juli 2018)
https://de.wikipedia.org/wiki/Elektrom%C3%BClldeponie_Agbogbloshie

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[...] Das Baseler Übereinkommen, das auch Deutschland unterschrieben hat, verbietet den Export von technischem Schrott aus Europa. Doch Recycling nach EU-Standards ist teuer, das Geschäft mit Second-Hand-Ware aus der sogenannten Ersten Welt in Afrika dagegen lukrativ. Ob die Geräte, die nach Afrika verschifft werden, auch tatsächlich funktionieren, spielt für rücksichtslose Händler keine Rolle: In den Häfen in Europa würden die Geräte eben kaum getestet und kontrolliert, sagt Mike Anane, außerdem hielten am Hafen von Accra korrupte Zollbeamte gerne die Hand auf, um den Schrott durchzuwinken.

Wer für diese wilde Müll-Deponie letztlich verantwortlich ist, lässt sich nicht endgültig klären. Das Umweltministerium von Ghana? Die Verwaltung der Hauptstadt Accra?

Victor Kotey erklärt sich bereit, Fragen zu beantworten. Kotey leitet die Abteilung für Abfallentsorgung im Großraum Accra. Aber seine Abteilung hat keineswegs die Kontrolle über die Deponie Agbogbloshie. Wer hier Elektroschrott und anderes ablädt, zahlt. An Männer, die sich die Deponie untereinander aufgeteilt haben:

"Ja, die Leute zahlen an diejenigen, die die Müllhalde bearbeiten. Aber es gibt keinen kontrollierten Zugang. Es ist mehr oder weniger eine wilde Deponie."

Es gibt kein Register dessen, was hier abgeladen wird. Es gibt auch keine Vorsorge gegen Umweltschäden. Schwermetalle, giftige Dämpfe, chemisch belastete Flüssigkeiten – all das hat niemand im Griff. Bennet Akuffo von der ghanaischen Umweltorganisation Green Advocacy Ghana hat mit einem Experten-Team Blei- und Kadmium-Werte im Blut von Menschen gemessen, die auf der Müllhalde von Agbogbloshie arbeiten:

"Wir haben 80 Leute untersucht. Die Werte waren hoch. Ziemlich hoch. Wer keine Medikamente bekommt, wer nicht vernünftiges Essen hat, wer nicht aus diesem Umfeld wegkommt – der wird nach einer Zeit krank. Und wenn dann keine Medikamente zur Verfügung stehen, dann stirbt er. Definitiv." ...

Victor Kotey von der Verwaltung der Stadt Accra weiß das alles. Die Deponie von Agbogbloshie soll deshalb dicht gemacht werden. Das wurde schon mehrfach angekündigt. Aber es passiert nicht.

Die Deponie ist für viele ein Arbeitsplatz. Gefährlich, gesundheitsschädlich – aber es ist ein Arbeitsplatz, sie verdienen hier mühsam Geld. 6.000 bis 10.000 Menschen arbeiten in diesem Geschäft mit Müll und Elektroschrott, sagen Schätzungen. Victor Kotey sieht das so:

"Auch wenn das alles ohne Genehmigung läuft – diese Leute erbringen auch viele wichtige Dienstleistungen. In den Stadtteilen, in denen wir keinen Müll sammeln können – da gehen sie hin und sammeln. Sie füllen also gewissermaßen eine Lücke. Wenn wir die Deponie Agbogbloshie schließen, dann müssen wir für diese Leute eine Alternative finden."

Hinter der Deponie ist ein ganzer Stadtteil entstanden, ein Slum. Kleine Geschäfte, fliegende Händler, Imbissbuden – sie alle leben indirekt von der Deponie. Und sie haben wütend protestiert, als ein Teil des Slums abgerissen wurde. Sie wissen nicht wohin, es gibt kein Angebot für ihre Umsiedlung. Sie würden auch protestieren, wenn die Deponie Agbogbloshie wirklich einfach dicht gemacht werden sollte.

Rund um Agbogbloshie ist ein Netz von Geschäften gewachsen, in denen pfiffige Techniker den Elektroschrott ausschlachten. Und daraus neue Produkte bauen.

DK Osseo-Asare kennt sich hier aus. Osseo-Assare hat eine kleine Organisation gegründet, die helfen will, das selbst erlernte technische Wissen der Schrott-Verwerter und deren Produkte besser zu vermarkten. Osseo-Assare zeigt, wie solche Produkte aussehen können:

Ein gelber Wasser-Kanister steht da. Drinnen steckt ein einfacher PC-Rechner, zusammengebaut aus alten Teilen von der Elektroschrott-Deponie Agbogbloshie. Der Wasser-Kanister dient als Gehäuse für den PC. Er funktioniert, kann leicht überall hin transportiert werden. Und er ist preiswert. Viele, die sich in Ghana keine westlichen Elektronik-Produkte leisten können, sind froh über dieses Angebot, das rund um Agbogbloshie entstanden ist.

...


Aus: "Überlebensstrategie Elektroschrott" Jens Borchers (21.05.2016)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/gift-in-ghana-ueberlebensstrategie-elektroschrott.799.de.html?dram:article_id=354763

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[...] Der Schrottplatz von Agbogbloshie gilt als einer der verseuchtesten Orte der Welt. Auf dieser Deponie am Rande der ghanesischen Hauptstadt Accra wird vor allem Elektromüll entsorgt. Der Boden ist schwarz, durchtränkt von Altöl und Autobatterie-Säure, übersät von Scherben und spitzigen Metallteilen. Immer wieder wehen schwarze Rauchschwaden vorbei. Sie stammen von den brennenden Elektrokabeln. Um das isolierende Plastic von den Kupferkabeln zu entfernen, werden sie zu einem Knäuel geformt, das man dem Feuer überantwortet. Als Brandbeschleuniger dient der gelbe Isolierschaum auf der Hinterseite der Kühlschränke, der das gefährliche Treibgas FCKW enthält. Die Jugendlichen, die diese Arbeit verrichten, werden «Burner» genannt. Sie stehen ganz unten in der Hierarchie der 4000 Leute, die auf der Deponie arbeiten. Die meisten von ihnen leiden an Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, geröteten Augen, Husten oder sogar an Asthma und Gedächtnisschwund.

... Es gab immer wieder Anläufe der Regierung, die Deponie zu räumen, insbesondere vor ein paar Jahren, als es zu Überschwemmungen und einer Explosion kam. Aber obwohl die Bedingungen miserabel sind, wollen sich die in Agbogbloshie Beschäftigten ihre Arbeitsplätze nicht wegnehmen lassen. Schliesslich begnügte sich die Regierung damit, den Platz vorübergehend zu schliessen, um die Kanäle zu erneuern. Sie sind bereits wieder verstopft.

Die Polizei getraut sich kaum in die Welt von Agbogbloshie, die ganz eigenen Regeln folgt. Denn obwohl der Schrottplatz von aussen höchst chaotisch wirkt, ist er in Tat und Wahrheit hochgradig strukturiert. Es herrscht eine penible Arbeitsteilung, und wer nicht dazugehört, kommt nicht hinein. Die Beschäftigten bilden eine Art Gewerkschaft, die Scrap Dealers Association. Auch als Journalist kommt man nicht an den «Müllfunktionären» vorbei und darf nur mit einer autorisierten Begleitung herumgehen. Fotografieren ist streng verboten. «Sie wollen nicht, dass man mit ihrem Elend noch Geld macht», sagt der Führer. Die schrottbeladenen Fahrzeuge zahlen am Eingang eine Maut. Die «Burner» haben ihren zugewiesenen Ort. ...

... Zweifellos ist Agbogbloshie ein atemberaubendes Beispiel für «informelles» Wirtschaften. Aber zugleich ist es ein hoch organisierter, durchaus formalisierter Ameisenhaufen, der zudem auf vielfache Weise mit der formellen Wirtschaft verflochten ist.

Oft wird Agbogbloshie in apokalyptischen Tönen als Hölle beschrieben, als dunkle Kehrseite der westlichen Dekadenz. Man kann aber auch bewundern, mit welchem Einsatz hier selbst aus scheinbar wertlosem Müll noch Verwertbares extrahiert wird – Alchimisten, die versuchen, aus Dreck Gold zu machen. Hier wird ein Recycling praktiziert, das wegen der hohen Lohnkosten in Europa nie und nimmer rentabel wäre.

... Hätte man nur den Umweltschutz im Auge, müsste man Agbogbloshie sofort schliessen. Damit würde man jedoch Tausende von Menschen ihres Einkommens berauben und eine Revolte riskieren. Besser ist es, neben dem ökologischen Aspekt auch den ökonomischen und den sozialen Kontext zu berücksichtigen – und nicht nur die Katastrophenseite der Müllkippe zu sehen, sondern auch den Fleiss, die Kreativität, die Energie und die faszinierende Selbstorganisation auf diesem riesigen Arbeitsplatz.

... So ist zum Beispiel das Verbrennen der Plastic-Isolierung um die Kabel nicht nur gesundheitsschädigend, das Kupfer verliert so auch entscheidend an Wert. Das Entfernen von Hand wiederum wäre zu arbeitsintensiv, gemessen am Gewinn. Es ginge also darum, die Ummantelung schonend, aber doch effizient zu entfernen, ohne die bisherigen «Burner» arbeitslos zu machen. Dann könnten sie letztlich einen höheren Preis für das intakte Kupfer verlangen und gewännen doppelt. Unter Einbezug aller Beteiligten ist es möglicherweise gar nicht so schwierig, Lösungen für die Probleme in Agbogbloshie zu finden, obwohl dort anfangs alles so hoffnungslos erscheint.

...


Aus: "Hätte man nur den Umweltschutz im Auge, müsste man Agbogbloshie sofort schliessen" David Signer, Accra (9.4.2017)
Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/recycling-in-ghana-die-alchimisten-von-agbogbloshie-ld.939577

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[...] Für die Menschen, die in Agbogbloshie arbeiten und sterben, scheint es eine mythologische Begriffswelt zu brauchen, um zu erklären, wie der technologische Fortschritt am anderen Ende der Welt ein fruchtbares Moorgebiet in ein ständig brennendes Fegefeuer verwandeln kann, dessen Rauchsäulen den Himmel auf ewig zu überdecken scheinen.

... Athletische, von Schweiß benetzte junge Männer, die für körperliche Höchstleistungen geboren scheinen, klopfen brennende Ringe aus alten Kabeln auf der Asche des Bodens aus, bis nur ein kleiner Klumpen wertvolles Kupfer übrig bleibt.

Verkauft wird der Rohstoff für die tägliche Mahlzeit und ein paar Plastikbeutel voll Wasser, mit denen der giftige Ruß aus dem Gesicht gespült wird. Doch selbst die ghanaische Lebenskraft, die abseits der Arbeit in allerlei akrobatischen Einlagen der Arbeiter zur Schau gestellt wird, kann hier nicht lange bestehen.

... Die Menschen sterben jung in Agbogbloshie. Viele leben gerade lang genug, um ihren Kindern einen Ausweg aus Sodom, in die Slums von Accra ermöglichen zu können. Die Fluchtwege aus Ghana sind kaum mehr passierbar.

Auch hier hat sich ein Geschäftsmodell um das Elend entwickelt, wie einer der Bewohner von Agbogbloshie erzählt. Gangs kontrollieren die Fluchtrouten, berauben, töten und vergewaltigen diejenigen, die sie zu nutzen versuchen. Die Menschen, die einmal in den Slums nahe der Mülldeponie angekommen sind, verlassen sie in der Regel nicht mehr - das Feuer von Sodom bleibt ihre einzige Lebensgrundlage.

Diese Hoffnungslosigkeit ist Nährboden für eine ganze Reihe von Krisenkulten: Ein manischer Prediger verkündet am Rande der brennenden Müllberge das Jüngste Gericht; ein Schrotthändler, der fest an den großen Reichtum glaubt, der in der Deponie verborgen liegt, fordert, dass noch mehr Müll nach Accra geschickt wird; junge Männer übernachten gemeinsam in Särgen - ein Voodoo-Ritual das einem von ihnen Reichtum verspricht; die Kabelbrenner rauchen Ganja in dem Glauben, sie würden so unverwundbar.

"Welcome to Sodom" entwirft so ein Panoptikum des giftigen Fegefeuers, in dem dutzende biblische, mythologische und popkulturelle - ein Teil des Films beschäftigt sich mit der lokalen Hip-Hop-Szene - Phänomene miteinander konkurrieren.

Allerdings schaffen die Regisseure Florian Weigensamer und Christian Krönes es dabei nur bedingt, die Einzelschicksale der Menschen mit den kultischen, jenseitigen und mythologischen Erzählungen, die die Feuer von Agbogbloshie umspielen, in Verbindung oder Widersprüche zu setzen.

Der Film bleibt stets ein Augenzeugenbericht, der formal keine unerwarteten Einsichten oder Korrespondenzen zwischen der herbeizitierten Spiritualität und dem tödlichen Dunst von Sodom herauszuarbeiten vermag. Agbogbloshie bleibt ein Endlager, in dem der Elektroschrott des Westens die Vitalität einer jungen Generation und ihre Hoffnung auf ein Leben abseits der Armut zu weißer Asche verbrennt.


Aus: "Das Endlager der digitalen Revolution" Karsten Munt (05. August 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Das-Endlager-der-digitalen-Revolution-4127307.html?seite=all&hg=1&hgi=2&hgf=false