Author Topic: [Sprache, Weltbilder, Metaphysik & semiotischer Vorgang... ]  (Read 11789 times)

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[Sprache, Weltbilder, Metaphysik & semiotischer Vorgang... ]
« on: Juni 13, 2005, 12:08:48 nachm. »
Das Gehirn empfängt Billionen von Signalen in der Minute. Wir selektieren einen geringen Ausschnitt, projizieren ihn nach außen und halten dies für die Realität. Das ist der Tunnel der Realität. (Robert Anton Wilson)
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Am morgigen Sonntag referiert Timothey Leary als Schöpfer des Begriffs »Realitätstunnel« und LSD- Astronaut des Inner Space sowie Erfinder von interaktiven Videospielen wie »Mind Mirror« oder »Newromancer« zu Virtual Realities.  taz (1990)
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Quote
[...] Der Begriff Realitätstunnel weist starke Parallelen zur hegelschen Idee auf. Genau wie diese ist ein Realitätstunnel dasjenige, in welchem sich ein Mensch bewegt, und welcher aus durch den Denker erschaffenen subjektiven Vorstellungen und darin eingebundene, durch den Beweisführer erschaffenen objektiven Tatsachen besteht. Er ist der Prozess der sich-realisierenden Vorstellung und der sich-vorstellenden Realität zugleich.   ...

Aus: "Realitätstunnel" (Stand 03/2013)
Quelle: http://de.verschwoerungstheorien.wikia.com/wiki/Realit%C3%A4tstunnel

« Last Edit: Oktober 21, 2016, 10:02:42 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #1 on: Juni 13, 2005, 02:48:44 nachm. »
Quote
[...] Mit seinem Freund Brion Gysin hatte [W. S. Burroughs] 1959 die sogenannte Cut-up-Methode entdeckt. Die Technik der Montage wird dabei auf das Schreiben übertragen: Eigene oder fremde Texte werden zerschnitten oder gefaltet und in zufälliger Weise neu zusammengesetzt, so daß ein neuer Zusammenhang entsteht. Burroughs rechtfertigte diese literarische Methode mit der Wahrnehmung des Menschen, die auch und permanent einem Cut-up folge, d. h., alles von uns Wahrgenommene, wenn wir z. B. aus dem Fenster sehen oder eine Straße entlanggehen, sei gesteuert von zufälligen Faktoren. Außerdem stelle die Methode einen Versuch dar, das Unterbewußte in uns zutage zu bringen, das, von dem wir nicht wissen, daß wir es wissen. [...] Mit Antony Balch machte er von 1962 bis 1965 einige experimentelle Kurzfilme, die u. a. die Cut-up-Technik auch auf den Film übertrugen. ...


Aus: "Zum Tod von William S. Burroughs - Onkel Bill ist tot" Sven Berndt - "When I become death, Death is the seed from which I grow"
Quelle: http://www.splatting-image.com/Artikel/Burroughs/burroughs.html

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Quote
[...] [Cut-Up] bedeutet im Prinzip eine fundamentale Kritik an der Sprache als dem wichtigsten gesellschaftlichen Medium von Wirklichkeitskonstruktion. Sprache war für sie ein Gefängnis der Worte, ein Kontrollinstrument der Gesellschaft, das zerstört werden mußte, um den Virus aus dem Wirtsorganismus zu befreien. Die Kultur fungierte in ihrer Sicht als das entscheidende Dispositiv, das die Unterdrückung von Lust und Freiheit des Menschen im Namen von Sitte und Anstand bewerkstelligte. So hatte Sigmund Freud ihre Funktion in seinem berühmten Aufsatz "Über das Unbehagen in der Kultur" beschrieben. Die Sprache ist aufgrund ihrer massiven kulturellen Kontrollfunktion als ein Medium literarischer Produktion nicht mehr geeignet. Sie ist letztendlich durch die Machtverhältnisse korrumpiert. Die Neuen Medien wie Tonband, Film, Video oder Computer stellten dagegen in den 60er Jahren eine noch unbelastetere Möglichkeit dar, die Befreiung des Individuums aus den Fesseln der Gesellschaft in Angriff zu nehmen. Sie waren noch nicht durch kulturelle Normen und Traditionen belastet. [...]
Das digitale Soundsampling ist dem Cut-Up sehr ähnlich, da es nur auf analog vorstrukturierte, akustische Formen zurückgreifen kann.

[...]Von hier aus war der Schritt nicht mehr weit zur Techno- und Rave-Scene der 90er Jahre, die vor allem die digitalen Samplingmethoden konsequent zur Erzeugung schneller, rhythmischer Beats und Loops verwendete.  [...] Wenn wir [...] uns daran erinnern, daß die Kunst nur ein kleiner, aber gewichtiger Teilbereich des kulturellen Gesamtsystems unserer Gesellschaft ist, dann läßt sich gegenwärtig eine besonders starke Auflösung der traditionellen Systemgrenzen beobachten.


Von Hans Dieter Huber aus "Schnittstellen der Intermedialität" (erschienen in: Kunibert Bering/ Werner Scheel (Hg.): Ästhetische Räume. Facetten der Gegenwartskunst Oberhausen: Athena-Verlag 2000, S.90-103), Quelle: http://www.hgb-leipzig.de/ARTNINE/huber/aufsaetze/cutup.html / ... Hans Dieter Huber»Life Is A Cut-Up«Schnittstellen der Intermedialität, http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/5649/1/Huber_Life_is_a_Cut_up_2000.pdf
« Last Edit: August 12, 2020, 12:37:14 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #2 on: April 24, 2007, 12:18:18 nachm. »
Quote
[...] Sprachkritik untersucht Sprache, Sprechakte und Diskurse vor dem Hintergrund des Zusammenhanges von Sprache und Gesellschaft. Nach dem Sprachwissenschaftler und Begründer der modernen Semiotik Roland Barthes ist Sprachkritik auch Gesellschaftskritik, da Sprache selbst ideologisch ist.


Aus: "Sprachkritik" (04/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Sprachkritik

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Quote
[...] Semiotik (griechisch τεχνη σημειοτικη, techne semeiotike „Lehre von den Kennzeichen“, auch Humansemiotik) ist die allgemeine Lehre von den Zeichen, Zeichensystemen und Zeichenprozessen (wie der Semiose).

[...] Ein semiotischer Vorgang in sprachwissenschaftlicher Hinsicht liegt vor, wenn eine codierte Nachricht von einem Sender zu einem Empfänger gesendet wird und diese Nachricht vom Empfänger decodiert, also entschlüsselt werden kann. Diese Daten oder Nachrichten werden durch den Empfänger klassifiziert und interpretiert. Durch diesen Prozess ist der Empfänger in der Lage, in Interaktion mit dem Sender zu treten.

Das in einem bestimmten Code, beispielsweise Sprache, geschriebene Zeichen beschreibt sein Objekt und wird durch den Übersetzer interpretiert.

Die Semiotik wird üblicherweise in die drei überlappenden Teilbereiche Syntax, Semantik und Pragmatik untergliedert, wobei diese Bereiche durch ihre Beziehungen zwischen Zeichen, der Zeichenbedeutung und den Benutzern der Zeichen in einer bestimmten Situation definiert werden:

Syntax
    Zeichen ↔ Zeichen
Semantik
    Zeichen ↔ Bedeutung
Pragmatik
    Zeichen ↔ Benutzer und Situation


Aus: "Semiotik" (04/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik

-.-

Quote
[...] Als Weltbild bezeichnet man die Gesamtheit des durch Anschauung erwerbbaren, in eine Ordnung und einen Zusammenhang gebrachten Wissens von der Welt. Es kann unterschieden werden von einer Weltanschauung. Man unterscheidet etwa das

    * sinnlich-räumliche Weltbild
    * seelisch-kulturelle Weltbild oder das
    * metaphysische Weltbild.

Bestimmte Weltbilder sind etwa das

    * physikalische Weltbild
    * biologisches Weltbild
    * philosophische Weltbild

        * Ptolemäisches Weltbild oder auch Geozentrisches Weltbild
        * Kopernikanisches Weltbild oder auch Heliozentrisches Weltbild

    * naturwissenschaftliche Weltbild
    * magische Weltbild
    * religiöse Weltbild / Theozentrisches Weltbild usw.
    * historische Weltbild


Aus: "Weltbild" (04/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Weltbild

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Quote
[...] Die Metaphysik (lat. metaphysica, von gr. metá „nach, über“ und phýsis „Natur, natürliche Beschaffenheit“, d.h. „was nach der Natur kommt“) ist eine, nach manchen Auffassungen „die“ Grunddisziplin der Philosophie. Sie behandelt die zentralen Probleme der theoretischen Philosophie in universal angelegten Systementwürfen: die Fundamente (Voraussetzungen, Ursachen oder „ersten Gründe“) und allgemeinsten Strukturen (Gesetzlichkeiten, Prinzipien) sowie den Sinn und Zweck der gesamten Wirklichkeit bzw. allen Seins.

Die klassische Metaphysik behandelt in ihren Systementwürfen besonders auch „letzte Fragen“ wie etwa: Warum existiert das Universum und wie ist es entstanden? Gibt es einen Gott und welche Eigenschaften besitzt er? Was ist der Unterschied zwischen Geist und Materie? Besitzt der Mensch eine unsterbliche Seele, verfügt er über einen Freien Willen? Verändert sich alles oder gibt es auch Dinge und Zusammenhänge, die bei allem Wechsel der Erscheinungen immer gleich bleiben?

Die frühen metaphysischen Entwürfe stellten in ihrem universellen Anspruch auf Letztbegründung die Wurzel aller philosophischen Disziplinen dar. Dabei fordert jedes vollständig ausgearbeitete System einer Metaphysik zugleich seine umfassende und ausschließliche Gültigkeit.

[...] Ab der Mitte 19. Jahrhunderts tritt eine starke Ernüchterung gegenüber der Metaphysik ein. Das Wort vom „Zusammenbruch der metaphysischen Systeme“ macht die Runde.

Die Erfolge der Naturwissenschaften führen dazu, dass sich Materialismus und Positivismus durchsetzen. Als Aufgabe des menschlichen Geistes wird nun die Beherrschung und Berechnung der Wirklichkeit gesehen, nicht mehr die Frage nach ihrem Sinn. Die Naturwissenschaften insgesamt übernehmen nun vorläufig die Rolle der Grundlagenwissenschaften. Diese sehen in der Metaphysik nur die falschen Fragen gestellt oder reine Scheinprobleme behandelt und fordern die Abdankung einer Disziplin, die in ihrem angeblich „vorwissenschaftlichen Fragen“ (Auguste Comte) nach dem Wesen und Sinn der Dinge nur die Wirklichkeit "verfälscht". Die Umgestaltung der Philosophie zu einer reinen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie unter Aufgabe ihres metaphysischen Charakters hat dann in der Folge zu der absehbaren Instrumentalisierung der ehemaligen Universalwissenschaft durch die Einzelwissenschaften geführt. Die Metaphysik sollte nun nur noch „Weltanschauungen“ entwerfen, die ein „allgemeines Bedürfnis“ nach Sinn und Orientierung befriedigen sollen.

[...] Wegen ihrer vermeintlich unklaren Zielsetzung, komplizierten Begriffsbildungen und Mangel an intersubjektiv überprüfbarem Erfahrungsbezug wurde die Metaphysik auch im 20. Jahrhundert oft kritisiert. Dabei wurde sie insbesondere aus dem Lager der sprachanalytischen Philosophie, des Logischen Empirismus sowie der Wissenschaftstheorie angegriffen.

Vor allem der Positivismus warf der Metaphysik immer wieder vor, dass sie ihre (sprachlichen) Grundlagen nicht reflektiere und als Theorien ausgebe, was nur „Gefühle“ seien. „Metaphysiker sind Musiker ohne musikalische Fähigkeit" sagt Rudolf Carnap (1891-1970). Für Ludwig Wittgenstein (1889-1951) ist Philosophie ein „Kampf gegen die Verhexung des Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“. Sie sei am Ziel, wenn sie sich selbst aufgehoben hat. Selbst von seinem Tractatus Logico-Philosophicus, der naturgemäß metaphysischen Charakter hat, distanziert er sich noch am Schluss mit den Worten „Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt“. Karl Popper (1902–1994), der den Positivismus kritisierte, wandte sich auch gegen ihr feindschaftliches Verhältnis zur der Metaphysik.

Andererseits gab es aber im 20. Jahrhundert auch neue Zugangsversuche zur klassischen Metaphysik. Die Phänomenologie Edmund Husserls (1859-1938) orientierte sich am Begründungsideal der Ersten Philosophie. Bei Martin Heidegger (1889-1976) kam es ebenso zu einer Aufwertung der Ontologie, als er eine völlig verwandelte Seinstheorie vorlegte. Seine Fundamentalontologie, die sich der existenzialen Analytik des menschlichen Daseins verschrieben hatte, stellte einen für die Moderne radikal neuen Ansatz dar. Nicolai Hartmann (1882-1950) („kategorialanalytische Schichtontologie“) und Alfred North Whitehead (1861-1947) haben ebenfalls beachtliche Neuentwürfe gewagt.


Aus: "Metaphysik" (04/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Metaphysik

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Quote
[...] Hauptargument gegen Metaphysik ist das Problem der Russellschen Antinomie. Diese beschreibt das Problem von Mengen, die sich selber enthalten. Betrachtet man Metaphysik als in gewisser Weise "absolut" und die allen anderen "übergeordnete" Wissenschaft, so ist es auf der anderen Seite auch wahr, dass Metaphysik zunächst eine Wissenschaft des Menschen ist, der selbst eben nicht absolut ist. Metaphysik ist in gewisser Hinsicht "Teil" der Welt, andererseits gehen ihre Erkenntnisse über diese Welt hinaus, was jedoch nicht notwendig ein Widerspruch sein muss.


Aus: "Metaphysikkritik" (04/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Metaphysikkritik

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Quote
[...] Wittgenstein hatte die Unmöglichkeit der Zergliederung der Sprache in logisch verknüpfte Elementarsätze erkannt. Sprache kann nicht als Kalkül wie ein Schachspiel nach festen Gesetzmäßigkeiten gehandhabt werden, wie noch im Tractatus angenommen. Wittgenstein wechselte die Metapher:

    Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: Ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten: und dies umgeben von einer Menge Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern. (PU, § 18).

Dennoch blieb für ihn die Sprache der Raum des Denkens und der Wirklichkeit. „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ (PU, § 43) Dieser Gebrauch findet immer in besonderen Lebensformen statt und ist von diesen abhängig. Ein jeder solcher Zusammenhang ist ein Sprachspiel. „Das Wort ‚Sprachspiel‘ soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform.“ (PU, § 23) Mediziner haben andere Sprachspiele als Handwerker oder Kaufleute. Aufgabe der Philosophie ist auch bei der geänderten Sprachauffassung die Sprachkritik. „Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Sprache.“ (PU, § 109). Gegenstand der Philosophie ist die Alltagssprache. „Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen auf ihre alltägliche Verwendung zurück.“ (PU, § 84). Der Zweck der Philosophie ist eine Therapie. „Der Philosoph behandelt eine Frage, wie eine Krankheit.“ (PU, § 255) Der in einer Sprachverwirrung gefangene Mensch soll wieder befreit werden. „Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“ (PU, §309).

[...] Wittgenstein starb im Jahre 1951 an Krebs. Da Wittgenstein es ablehnte, in ein englisches Krankenhaus zu gehen, verlebte er die letzten Wochen im Hause seines Arztes, der ihn bei sich aufgenommen hatte. Als dessen Frau Wittgenstein am Tag vor seinem Tod mitteilte, seine englischen Freunde würden ihn am nächsten Tag besuchen, sagte er: „Sagen Sie ihnen, dass ich ein wundervolles Leben gehabt habe.“


Aus: "Ludwig Wittgenstein" (04/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Wittgenstein


« Last Edit: August 11, 2020, 03:57:59 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #3 on: Dezember 26, 2007, 07:47:30 nachm. »
Quote
[...] Claudia Hempel: Was bedeutet das für den Realitätsbegriff?

Klaus Theweleit: Der herkömmliche Realitätsbegriff existiert für mich schon lange nicht mehr. Ich weiß gar nicht, was das sein soll.

Claudia Hempel: so die Unterscheidung zwischen real und irreal, bzw. virtuell?

Klaus Theweleit: Das gibt es nicht. Es gibt einfach verschiedene Sorten von Realitäten, von denen eine nicht realer ist als die andere. Die so genannten geistigen Prozesse und die so genannten artistischen Prozesse - ob ich mit dem Computer umgehe, ob ich mit den Füßen gehe, ob ich in einen Apfel beiße, einen Film sehe… das sind alles verschiedene Sorten von Realität, aber davon ist nicht eine realer als die andere. Es gibt keine wirkliche oder objektive Realität. Das sind alles nur Begriffssysteme, die versuchen, das zu unterteilen. Sie sind durchweg unbrauchbar. Davon habe ich mich schon lange verabschiedet.

Claudia Hempel: Kann man dann sagen: Ähnlich wie Freud haben Sie also bestimmte Dinge vermutet und konstatiert, ohne wirklich brauchbare Belege dafür von der Wissenschaft zu bekommen.

Klaus Theweleit:  Die Hirnforschung war einfach bis vor 10 oder 15 Jahren sehr mangelhaft in ihren Ergebnissen und damit war sie einfach unbrauchbar. Wer wirklich wissen wollte: Wie funktioniert das Bewusstsein? Wie funktioniert das Unbewusste? Wie funktionieren die Zusammenhänge zwischen den beiden, wie funktioniert die Wahrnehmung? Wie wird diese wiederum durch die verschiedenen Medien und Künste beeinflusst? – der blieb mit den Antworten, welche die Hirnforschung bis vor kurzem geben konnte, ziemlich ratlos zurück. Dazu hat die Hirnforschung früher fasst nur Unsinn sagen können. Sie hat solche Fragen immer überheblich abgewehrt.

Seit 10 bis 15 Jahren aber ist da eine Veränderung passiert. Nicht nur die Stellung Freuds ist revidiert worden von Forschern, wie Gerhard Roth und anderen, sondern sie kommt auch langsam an die Fragen heran, die wichtig sind, wenn man sich mit Künsten beschäftigt: Was verändern Medien und Künste in der Person? Wie verändert man sich durch Medien und Künste? In welche Metamorphosen kommt man? Die Forscher sind ja heutzutage schon soweit, dass sie diese Veränderungen anhand von Veränderungen innerhalb der Zellstrukturen beschreiben können. In dem Moment wird es dann wirklich interessant. Das ist wirklich das Neue, nicht die Frage selbst, denn die Frage selbst ist immer da gewesen.



Aus: "Der Körper als Speicher" Claudia Hempel (TP, 25.12.2007) - Klaus Theweleit über Hirnforschung, das Unbewusste und die Realität

Klaus Theweleit, 1942 geboren, studierte Germanistik und Anglistik und wurde 1977 mit seiner Promotionsarbeit "Männerphantasien" über die Wissenschaftsgemeinde hinaus bekannt. Dort hinterfragt er, welcher Typ Mann sich besonders widerstandslos in den faschistischen Wertekanon integrieren ließ. Aus diesen Überlegungen heraus entwickelte Theweleit eine umfassende Analyse von Macht- und Kolonialisierungsstrukturen vor der Folie von Kunst, Psychoanalyse und neuerdings auch der Hirnforschung. In einer seiner jüngsten Publikationen umreißt er das Beziehungsgeflecht zwischen neuen Medien, Künsten und den daraus folgenden Veränderungen unserer Gehirnstruktur. Klaus Theweleit ist derzeit Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und Lehrbeauftragter am Soziologischen Institut in Freiburg. Im Rahmen des Dresdner Medienfestivals Die Elektrifizierung der Gehirne war der Kulturwissenschaftler zu Gast.
Quelle: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26844/1.html


« Last Edit: August 11, 2020, 03:58:11 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #4 on: M?RZ 13, 2013, 10:04:46 vorm. »
Quote
[...] »Gerade dem marxistischen Realitätstunnel entschlüpft, schwor ich Hingabe an die Prinzipien des Individualismus, des freien Denkens und des Agnostizismus. Von jetzt ab, sagte ich mir, werde ich mich nicht mehr von Gruppen hypnotisieren lassen: er werde selbst denken. Natürlich verbrachte ich die folgenden 20 Jahre damit, verschiedenen politischen und intellektuellen Moden zu folgen, immer in der Überzeugung, dass ich zu guter Letzt der Gruppenkonditionierung entkommen war und begonnen hatte, ›wirklich‹ selbst zu denken. Ich bewegte mich vom Agnostizismus wieder zurück zum dogmatischen Atheismus und dann zum Buddhismus; ich sprang vom Existenzialismus zum Aktivismus der Neuen Linken und zum Mystizismus des New Age und zurück zum Agnostizismus. Das Karussell drehte sich immer weiter, und ich kriegte erst raus, wie ich anhalten und aussteigen könnte, als ich auf die 40 zuging und so viel Acid genommen hatte, dass mir nur die Wahl blieb, entweder wirklich selbst zu denken oder durchzudrehen.«


Aus: "Robert Anton Wilson in meme-oriam" (Posted on Januar 11, 2008)
Quelle: https://adhsinfo.wordpress.com/tag/realitatstunnel/

https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Anton_Wilson

« Last Edit: August 11, 2020, 03:58:19 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #5 on: Oktober 21, 2016, 10:23:51 vorm. »
We don't see things as they are, we see them as we are. – Anaïs Nin

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Quote
[...] Symbolic universes are created to provide legitimation to the created institutional structure. Symbolic universes are a set of beliefs “everybody knows” that aim at making the institutionalized structure plausible and acceptable for the individual—who might otherwise not understand or agree with the underlying logic of the institution. As an ideological system, the symbolic universe “puts everything in its right place”. It provides explanations for why we do things the way we do. ...


Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Social_Construction_of_Reality (11 October 2016)

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Quote
[...] Die Welt wird durchgerüttelt: Es herrscht Krieg in Syrien, ein Irrer könnte US-Präsident werden. Für große Unsicherheit sorgt der Brexit. Und Europa steht immer wieder vor der Zerreißprobe. Wie gefährlich ist das alles für die Börse und unser Geld?  ...


Aus: "Alarmstufe rot: Diese Risiken bedrohen unseren Wohlstand", FOCUS-MONEY-Redakteurin Heike Bangert und FOCUS-MONEY-Redakteur Mika Hoffmann  (21.10.2016)
Quelle: http://www.focus.de/finanzen/boerse/bankenkrise-brexit-schock-donald-trump-alarmstufe-rot-diese-geopolitischen-risiken-bedrohen-unseren-wohlstand_id_6096940.html

« Last Edit: August 11, 2020, 03:58:57 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #6 on: Oktober 21, 2016, 11:18:39 vorm. »
Quote
[...] In der Regel zweifeln „Reichsbürger“ nicht nur an der bundesrepublikanischen Verfassung, für sie gibt es gar keine.  In ihrem Selbstverständnis gibt es auch die Bundesrepublik gar nicht. Sie leben in einem Paralleluniversum, einem „Deutschland in den Grenzen von 1937“. ... Nach den Todesschüssen auf den bayerischen Polizisten wird in Politik und Sicherheitsbehörden neu über den Umgang mit den „Reichsbürgern“ nachgedacht. Bislang war die unübersichtliche und zersplitterte Bewegung irgendwo zwischen traurigem Spinnertum und klarem Rechtsextremismus eingeordnet worden. Es ist ist auch unklar, wie viele Anhänger sie in ganz Deutschland hat. ...


Aus: "Die Polizei hat "Reichsbürger" in den eigenen Reihen" Bernhard Honnigfort (21. Oktober 2016)
Quelle: http://www.fr-online.de/politik/bayern-die-polizei-hat--reichsbuerger--in-den-eigenen-reihen,1472596,34873462.html
« Last Edit: August 11, 2020, 03:59:30 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #7 on: Juni 19, 2018, 01:11:24 nachm. »
Quote
[...] Vor mehr als zehn Jahren, so um 2007 herum, habe ich mir ein Facebook-Profil angelegt. Damals hat sich die Plattform noch wie ein Dorf angefühlt. Man hatte vielleicht hundert Freunde und postete Abitur-Fotos. Von Selfies keine Spur. Wir vernetzten uns in der virtuellen Welt miteinander, es fühlte sich gut an, eine ganze Weile lang.

Irgendwann, womöglich als die Menschen angefangen haben, vermehrt Facebook auf ihrem Smartphone aufzurufen, hat sich das verändert. Jeder Menschen, den man von früher kannte, schickte eine Freundschaftsanfrage, die man widerwillig annahm. Das Dorf wurde zur Stadt, dann zur Metropole.

Mein Newsfeed begann, sich mit Inhalt zu füllen, der mich nicht interessierte. Die Selbstinszenierung wuchs. Schaut her, was habe ich für eine tolle Hochzeit gehabt. Und einen noch schöneren Urlaub. Ein oder zwei virtuelle Freunde, die sich außerhalb meines linksliberalen Realitätstunnels bewegen, posteten dubiose politische Inhalte.

... Mein Versuch, den Algorithmus („Weniger von dieser Person sehen“) zu nutzen, funktionierte nicht richtig. Ich lag meinem Mann öfters mit Kommentaren in den Ohren, was diese oder jene Person schon wieder Nerviges gepostet habe. Öfters ertappte ich mich dabei, das Profil von jemandem anzuschauen, mit dem ich seit Jahren nichts zu tun hatte. Ein beklemmendes Suchtverhalten begann sich an die Facebook-Nutzung zu knüpfen. Ich beobachtete es auch zunehmend bei meinen Freunden. Selbst postete ich immer weniger. Weil ich keine Lust hatte, selbstbestätigende Likes zu zählen. Und weil ich denke, dass mein Leben auch existiert, wenn ich es virtuell nicht abbilde.

Für die meisten ungeschulten Gehirne, meins inklusive, sind soziale Medien das Gegenteil von Achtsamkeit. Stets lungern sie herum und warten auf ihren Einsatz als Ablenkung an der Bushaltestelle oder als Beschäftigung in der Schlange im Supermarkt. Auf den Bildschirm starrend scrollt man durch Memes und Fotos und weiß danach nicht mehr, was man eigentlich gesehen hat. ...


Aus: "Digital Detox Leben ohne Facebook und Co. - geht das?" Sarah Pepin (08.03.18)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/digital/digital-detox-leben-ohne-facebook-und-co----geht-das--29834430
« Last Edit: August 11, 2020, 03:59:38 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #8 on: Juni 19, 2018, 01:14:34 nachm. »
Quote
[...] Filterblasen würden kommendes Jahr weiter wachsen, wagte Rieger einen weiteren Blick in die Glaskugel. "Ad-Blocker werden Realitätstunnel", konstatierte er. Sie bekämen eine "Content-Filtering-Engine", um auch gleich Kommentare oder Sport-News "rauszutun". Da die Gegenseite ebenfalls aufrüsten werde, "brauchen wir Werbe-Blocker-Blocker". Am besten wäre es, dafür eine "verteilte Intelligenz" zu bauen, was aber mittelfristig wohl zu verschiedenen "Lagern von Maschinenwissen" führe, "die um unsere Aufmerksamkeit kämpfen".


Aus: "33C3: Hacker rufen nach Mindesthaltbarkeitsdatum für vernetzte Geräte" Stefan Krempl (31.12.2016)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/33C3-Hacker-rufen-nach-Mindesthaltbarkeitsdatum-fuer-vernetzte-Geraete-3583224.html
« Last Edit: August 11, 2020, 03:59:55 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #9 on: November 17, 2019, 11:39:08 vorm. »
Quote
[...] Wer sagt: "Isch fahr nach Malle" muss seinem Gegenüber weiter nichts über den Urlaub verraten. Eine Lebenseinstellung in fünf Buchstaben, wo gibt es das sonst?


Aus: ""Malle" - eine Lebenseinstellung in fünf Buchstaben" Oliver Klasen (15. November 2019)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/panorama/malle-mallorca-party-urlaub-billig-1.4683334
« Last Edit: August 11, 2020, 04:00:13 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #10 on: Januar 30, 2020, 05:13:08 nachm. »
Quote
[...] Dieser Artikel sollte eigentlich „Wie man angesichts der Weltlage nicht den Verstand verliert“ heißen. Jetzt kann ich ja über die letzten zwei Jahre alles mögliche berichten, nur nicht, wie man seinen Verstand nicht verliert, also habe ich mich dagegen entschieden. Dennoch glaube ich, etwas zum Thema beitragen zu können, denn mag sich auch mein persönliches Leben vom Kopf auf die Füße gedreht haben, mag ich mir selbst auch vorkommen wie eine Fremde, weil ich mich so verändert habe, mag meine Beziehung auch trotz ihrer zehn Jahre ganz neu für mich sein, so habe ich doch eines nicht: den Mut verloren, in dieser Welt, in ihrem Chaos, ihrem Lärm und ihrer Wackeligkeit weiter zu leben. Im Gegenteil. Ich schaue so gelassen in die Zukunft wie vielleicht noch nie in meinem Leben.

Es begann vor Jahren damit, dass ich mich konstant belastet fühlte. Kein Schlaf, kein Wochenendausflug, kein Urlaub am Meer konnte mir für längere Zeit Ruhe geben. Ich konnte nicht mehr lesen. Früher hatte ich ständig ein Buch auf dem Nachttisch, doch nach und nach schaffte ich es einfach nicht mehr, mich auf Geschichten einzulassen. Für Romane fehlte mir die Konzentration, für Sachbücher oft der Mut, denn die meisten dienten der Recherche zu meinem Buch, das das handliche Thema „Warum ist die Welt, vor allem die zwischen den Geschlechtern, eigentlich so beschissen wie sie ist?“ behandelt. Also hörte ich auf zu lesen. Spielte Match3-Spiele auf dem iPad oder lullte mich mit Serien ein. Auch Filme gingen nicht mehr, was für mich ein herber Verlust war, denn ich würde mich durchaus als Cineastin bezeichnen. Ich konnte einfach nicht mehr die Kraft aufbringen, mich für längere Geschichten zu interessieren.

Grund dafür war zum einen mein Buch selbst, das mir womöglich den größten Realitätsschock verpasst hat. Zum anderen aber auch das, was viele im Moment durchschüttelt: Klimakatastrophe, menschenverachtende Konzerngier, überhaupt Kapitalismus, Ausbeutung von Mensch und Umwelt, Verbrennungsmotoren, erstarkender Faschismus, Ungerechtigkeit, die ganze Scheiße, die uns feist gewordenen Industrienationen gerade durch den Ventilator mitten in die Fresse trifft. Am meisten gelitten habe ich unter meiner Ohnmacht, meiner Unfähigkeit, diese Dinge zeitnah ändern zu können.

Viele Tränenausbrüche, schlaflose Nächte und schmerzhafte Auseinandersetzungen mit den Ursachen meiner Dauerbelastung später kann ich tatsächlich eine gewisse Gelassenheit mein eigen nennen, obwohl ich noch nie zu den optimistischen Menschen gehörte. Geholfen haben mir eine Reihe von Perspektivwechseln, die zwar nicht unmittelbar etwas an der Beschissenheit der Welt ändern, aber mir ermöglichen, weiter in ihr zu existieren, ohne mir täglich einen Strick nehmen zu wollen. Da ich in meiner Filterblase viele ähnlich empathische und sensible Menschen habe, gebe ich meine Erfahrungen jetzt mal weiter.

Wenn man im Angesicht von Veränderungen leidet, dann entsteht der Schmerz meist gar nicht durch die Veränderung selbst, sondern durch ihre Ablehnung, den Versuch, das Alte festzuhalten. Je mehr man sich dagegen wehrt, dass etwas altes endet und etwas neues beginnt, desto größer wird der Stress, den der Transformationsprozess einem beschert. Der Spruch „Leben ist Veränderung“ mag banal sein, doch deshalb nicht weniger bedeutsam, denn er gilt sowohl im kleinen, persönlichen Rahmen wie im ganz großen.

Niemand von uns hat ein Recht auf Stillstand, mag er sich auch noch so gemütlich anfühlen. Leben ist Veränderung und je schneller man die Gegenwehr gegen etwas aufgibt, das man eh nicht kontrollieren kann, desto schneller lässt der Stress nach. Hinter der Gegenwehr steckt natürlich die Angst vor dem Unbekannten und die ist normal und menschlich. Ich habe früher viele Bereiche des Feminismus abgelehnt, weil ich zwar Gerechtigkeit für alle Geschlechter wollte, aber im Grunde ohne echte Veränderung des Systems. Ich wollte nicht, dass sich meine bekannten Werte, die bekannten Strukturen, die bekannten Normen ändern, und habe mich deshalb dagegen gewehrt, dass der Feminismus diese Dinge ändert. Jeder kann in meinen alten Blogartikeln nachlesen, wie wütend ich regelmäßig auf die Frauenbewegung war, sie war ein konstanter Stressfaktor in meinem Leben.

Heute akzeptiere ich Veränderungen, im Kleinen wie im Großen. Ich akzeptiere, dass viele Zustände der Welt vorübergehend sind. Ich akzeptiere, dass das sowohl „gute“ wie auch „schlechte“ Zustände sein können. Das bedeutet nicht, dass ich angesichts schlechter Zustände die Hände in den Schoß lege, sondern dass ich in ihrer Gegenwart nicht mehr sofort in zerstörerische, kräftezehrende Belastung verfalle.

... Der nächste Schritt ist etwas schwieriger, war für mich aber der Entscheidende, um wieder Zuversicht zu erlangen. Sein eigenes Leben mit Leid und Befindlichkeiten als unbedeutend zu empfinden, ist wahrscheinlich für die meisten egozentrischen, vergnügungssüchtigen, selbstverwirklichenden Großstädter (zu denen ich mich auch zähle) ein ziemlicher Schritt. Aber zu erkennen, dass sich die Welt unbeirrbar weiterdreht, egal wie sehr ich leide und weine und strample, ist Gold wert. Natürlich versuche ich weiter, ein guter Mensch zu sein, natürlich versuche ich weiter, das nach meinem moralischen Kompass Richtige zu tun, aber ich zerfleische mich nicht mehr in Verzweiflung, wenn ich das Elend der Welt nicht verbessern kann. Das Elend wird weiter existieren, ob ich darunter leide oder nicht, da kann ich es doch ebenso lassen zu leiden.

Wichtig außerdem: große Zeiträume. Früher habe ich in kurzen Zeiträumen gedacht, Zeiträume, die durch ein erwachsenes Menschenleben abgedeckt sind, vielleicht 20-50 Jahre. In diesem Zeitrahmen bewegten sich anfangs auch meine Erwartungen. Jedesmal, wenn ich bei irgendeinem Reizthema merkte, dass das schon vor 30 Jahren behandelt wurde, ohne dass sich im täglichen Leben etwas verändert hatte, wurde ich so wütend und verzweifelt. Ich wusste, egal wie viele Blogartikel oder Bücher ich schreiben, auf wie vielen Demos ich mitlaufen würde – ich würde nichts ändern können. Noch nicht einmal die Menschen, die viel, viel mehr Macht und Möglichkeiten und Reichweite als ich haben – Poliker, Reiche, Intellektuelle -, konnten in den letzten 30 Jahren ja offenbar etwas ändern.

Erste Erkenntnis also: der Mensch ist unabhängig von seiner persönlichen Macht veränderungsfaul. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Einstellung auf Veränderung meist energieaufwändiger ist, als in einem aushaltbaren Zustand zu verharren. Keine sehr schöne Erkenntnis, aber eine wichtige. Bei der Recherche zu meinem Buch, bei dem ich das Geschlechterverhältnis seit den nomadischen Frühmenschen betrachte, lernte ich die zweite wichtige Erkenntnis: Veränderungen dauern. Und zwar länger, viel, viel länger als ein Menschenleben, selbst Menschengenerationen abbilden können. Selbst die spektakulärsten Gamechanger in der Menschheitsgeschichte haben vom ersten Herumexperimentieren bis zur flächendeckenden Verbreitung vierstellige Jahreszahlen benötigt.

Weil wir das Internet haben und Informationen so viel schneller von Mensch zu Mensch gelangen als vor 100, 500 oder 2000 Jahren, gehen wir automatisch davon aus, dass auch die zugehörigen Veränderungen schneller sein müssten. Das Nadelöhr der Veränderung ist aber nicht die Informationsbeschaffung, sondern die neuronale Verarbeitung der Informationen im Gehirn. Also das Abwägen von Glaubwürdigkeit und Richtigkeit einer Information und dem anschließenden Ableiten einer Verhaltensänderung. Und auch wenn die Intelligenz des Menschen seit Beginn der Messungen, wie man so schön sagt, immer weiter gestiegen ist, ist es die Komplexität der Welt auch. Die Entscheidungsfindung fällt deshalb heute nicht zwingend leichter, sondern mitunter schwerer als vor 2000 Jahren.

Heute versuche ich, auf alle Entwicklungen der Welt durch ein mindestens 500 Jahre umfassendes Raster zu blicken, versuche, aktuelle Trends zu extrapolieren, um zu erahnen, wie die langfristige Bewegung sein wird. Das hilft.

Ich bin Biologin mit Schwerpunktinteresse auf Evolutionsbiologie und Populationsökologie, also Fragen der langfristigen Entwicklung von Individuen und Individuengruppen. Ich blicke aus einer konstanten Vogelperspektive auf Lebewesen und sehe Ordnung, wo andere nur Chaos wahrnehmen. Ich empfinde viel innere Ruhe bei dem Gedanken, dass allem Leben und seiner Interaktion mit der belebten und unbelebten Umwelt eine logische Wenn-Dann-Verknüpfung zugrunde liegt.

In „Jurassic Park“ raunt der eigenwillige Wissenschaftler Ian Malcolm „Das Leben findet einen Weg“, als er hört, wie naiv der Milliardär John Hammond an die Kontrollierbarkeit seines Dinosaurierparks glaubt. Ja. Leben findet einen Weg. Immer. Die vom Menschen gemachte Klimakatastrophe verläuft zu schnell für die meisten höheren Tiere, um sich an die veränderten Lebensbedingungen anzupassen. Evolution erfolgt nur generationsweise Stückchen für Stückchen, Schritt für Schritt. Und langlebige Arten wie die höheren Säugetiere, Reptilien oder Knorpelfische bräuchten tausende von Jahren, vielleicht sogar hunderttausende von Jahren, um sich anzupassen. Gegen eine seit gut 100 Jahren dauernde Klimaveränderung, die in vielen Teile der Welt schon heute zu sprungartigen, plötzlichen Umweltveränderungen führt, zu Dürren, zu Fluten, zum Zusammenbruch von Nahrungs- und Wasserquellen, sind sie chancenlos. Von akuteren Ereignissen wie Umweltgiften oder Waldrodung wollen wir da gar nicht erst reden. Die schlechte Nachricht also ist: viele Arten haben wegen des Menschen gar keine Möglichkeit, sich evolutionär anzupassen. Sie werden sterben und der Mensch wird schuld sein.

Aber: Das Leben findet einen Weg. Mögen 80% der Arten aussterben, mögen 80% der Menschen sterben (was ich für realistisch und im geschlossenen Ökosystem Erde für unausweichlich halte) oder auch alle – das ist nicht wichtig für mich.Wir mit unserem zeitlich begrenzten Seh- und Denkvermögen glauben, es gäbe einen Ist-Zustand, eine unveränderte Gegenwart, aber das ist ein Irrtum. Evolution passiert immer, in jedem Augenblick jeder Generation von jedem einzelnen Lebenwesen sind evolutionäre Mechanismen am Werk, sie verändern Arten, verändern ihre Fähigkeiten, verändern ihre Überlebenschancen. Nichts auf diesem Planeten befindet sich in einem Ist-Zustand. Wir glauben das, weil das für unser Gehirn leichter zu greifen ist und weil Evolution höherer Arten fast unmöglich sichtbar zu machen ist.

Aber: alles ist Veränderung. Arten kommen, Arten gehen. Wir ertragen das schlecht, weil wir Schuld sind, aber man könnte sich doch auch einfach vorstellen, dass der Mensch für heutige Arten das ist, was der große Meteorit von Yukatan an der Kreide-Tertiär-Grenze für die damaligen Lebewesen war: ein singuläres, krasses, akutes Ereignis, das fast das gesamte Leben auf dem Planeten innerhalb eines evolutionär relativ kurzen Zeitraumes auslöschte und gleichzeitig Raum für neues Leben schuf.

Das Leben findet einen Weg, die Evolution geht weiter. Sie wird neue Arten entstehen lassen, mit neuen Fähigkeiten, die an die dann neuen Lebensräume perfekt angepasst sind. Möglicherweise werden neue Hominidenarten dabei sein, die vorausschauender sind als wir, oder es werden nur anspruchslose, niedere Arten übrigbleiben. Die Evolution wird Ordnung schaffen, die gleiche schöne und schreckliche Ordnung, die auf diesem Planeten immer herrschte. Sie wird es in ihrem Tempo tun und sie wird Opfer kosten, aus jeder Generation jeder Art einen Teil. Aber am Ende wird alles wieder einen Sinn ergeben. Wir, die Menschen, müssen in diesem Sinn nicht vorkommen.


Aus: "Auf lange Sicht durch den Sturm" (19.01.20 · by Frau Meike · in Gesellschaft, Leben, Tod)
Quelle: https://www.fraumeike.de/2020/auf-lange-sicht-durch-den-sturm/

Quote
Lis Schomaecker 19.01.20 um 17:29 · Antwort →

Ja, deprimierend. Nutzt ja nix, man muss loslassen können: Hoffnungen, Wünsche, Ideen. Das ist schwer.

Der Bayer sagt dann „Schwer ist leicht was“ und so bewältigen wir halt jeden Tag irgendwie. Und gut dass nicht jeder Tag uns diese Realität vor Augen führt, manche Tage sind ja echt erfreulich und lustig und man schwelgt in Zuversicht.

Und es ist irgendwann auch gut, wenn der Vorhang für uns fällt und andere sich mit der Weltrettung abmühen dürfen.


Quote
Fritz Iff 20.01.20 um 11:52 · Antwort →

Mir spricht dein Artikel fast hundertprozentig aus dem Herzen, jedenfalls was du zur Übermacht der langfristigen Zeiträume über die paar Wochen unseres Lebens sagst.

Die Zoom-Out-Perspektive (also die Vorstellung, sich die Entwicklung des Planeten Erde vom Mars aus oder von noch weiter weg anzusehen) sowie das Denken in evolutionären Prozessen müsste den Blick allerdings auch auf die Art der Veränderungsprozesse lenken. Und dann sieht man: Fatalismus ist nicht die Kraft, die Veränderung schafft, sondern paradoxerweise dass die Menschen nicht einfach hinnehmen, was sie anscheinend nicht ändern können und nur in der Logik der Entwicklung liegt.

Das Austarieren von Gelassenheit und Veränderungsmotivation ist die Kunst, die derzeit schwerfällt, die aber zentral wichtig ist. Ich kann da ein persönliches Beispiel erzählen: In der Familie hatten wir einen Fall, wo meine Frau und ich einige Jahre lang sozusagen im Wochentakt uns uneins in der Bewertung der Situation waren. Meine Frau war masssiv panisch, verzweifelte mit allen dazugehörigen Symptomen etc. Ich erschien ihr dem gegenüber viel zu gelassen, zu wenig aktiv, zu wenig bereit für starke Interventionen. Wer hatte Recht? Ich meine, beide Haltungen waren angebracht – aber nur im direkten Zusammenspiel. Meine Frau sorgte für die hohe Energiezufuhr, für die Aktualisierung, macht das notwendige Feuer, um eben nicht in bloßes Zusehen zu verfallen. Ich war der Emotionsbremser, der Überraktionen vermeiden wollte, die womöglich gar nichts lösen würden. Inzwischen hat sich der Fall gelöst, nicht von allein, aber mit einer Mischung aus Panik und Geduld. Nicht der gleichen Meinung zu sein, war gut. Wenn beide panisch oder beide nur Zugucker gewesen wäre – das hätte richtig fatal werden können.

Ähnliche Mechanismen finden sich auch in der Gesellschaft, der Politik, der Geschichte. Deshalb sind harte Konflikte eben das Medium, in dem sich der Fortschritt vollzieht. Oder noch paradoxer gesagt: Streit und Gegnerschaft sind ein Mechanismus der Kollaboration. Gerade gestern Abend in einem Buch über Juidth Shklar gelesen. Sie sagt, die (Geistes-)Geschichte hört auf, „uns als Kampf zwischen unvollständigen Weltbildern zu erscheinen, sobald wir in ihrem Fortgang die Totalität unserer kollektiven geistigen Entwicklung erkennen.“

Ich selbst bin eine Art verschüchterter Neo-Optimist. Ich sehe in den Langfristtrends viel Positives. Ich sehe da quasi mit einem breiten Grinsen zu, wie sich die Menschheit unvermeidlich zum Besseren entwickelt. Dazu zähle ich z.B. die allmähliche Entwertung von militärischer Übermacht und den Aufstieg der Diplomatie, die enorme Zunahme globaler Gemeinsamkeit unter den Menschen, auch gemeinsamer Probleme, oder ganz dick die Emanzipationsgeschichte der Frau, einer der wichtigsten weltweiten Megatrends dieses Jahrhunderts. Trotzdem „verschüchtert“, eben weil die Menschheit als Naturprozess jetzt mit Phänomenen im Konflikt ist, die weit oberhalb unseres Alltagslebens ablaufen.
Da ist Zugucken und Laufenlassen nicht das, was die Evolution jetzt gerne von uns hätte ;)

Ich meine, die Menschheit hat sich in eine harte Dilemma-Situation hineinentwickelt. So oder so muss sie sich ins eigene Fleisch schneiden, oder unblutiger gesagt: Sie bekommt jetzt auf alle Fälle das Problem, das sie schon lange hat und wird in ihrer Entwicklung zurückgeworfen bzw. zurückgeführt auf einen nachhaltigeren Pfad.

Hier noch etwas, eventuell dir schon längst bekannt: Peter Turchin, Prof für Ökologie und Evolutionsbiologie, Anthropologie und vor allem Mathematik in den USA. Turchin beschäftigt sich auch mit den großen, übergeordneten Mustern in den geschichtlichen Prozessen und forscht z.B. quasi an einer Theorie der Revolutionen, aber Daten-basiert und daher völlig out-of-the-box. Eine seiner Thesen: Mehrere Tausend Jahre Krieg und Gemetzel haben die Menschen inzwischen zu den erfolgreichsten Kolloborateuren unter alen Lebewesen gemacht (und Ameisen muss man da erst einmal übertrteffen ;) ) Hier ein Artikel, der mehr zu ihm erzählt: https://www.theguardian.com/technology/2019/nov/12/history-as-a-giant-data-set-how-analysing-the-past-could-help-save-the-future

Die menwschliche Kollaboration ist eines der witzigsten Phänomene unserer Tierart. Einerseits halten es die Menschen schwer miteinander aus, andererseits agieren sie tausendfältig und immer komplexer miteinander. Dabei bewirkt Beziehungsverdichtung Aufklärung. Wo wir wohl heute wären, wenn die Menschheit z.B. schon im Jahre Null 1 Milliarde Menschen umfasst hätte?

Von daher möchte ich als Neo-Optimist einfach voraussagen, dass „wir“ in 50 bis 100 Jahren im Zusammenleben mit der Natur einen dramatisch höheren Standard erreicht haben werden.

So Gott will und wir auf diese Veränderung hinarbeiten, wo immer wir das gerade ein wenig können.

(Sorry für die Kommentarlänge, mich hat deine Zuwendung zu den langen Zeiträumen und Trends sehr beglückt…)


Quote
Richard 22.01.20 um 11:45 · Antwort →

Herzlichen Dank für diese beruhigende Perspektive. Man verspürt wieder einen Hauch von Sinn in diesen umwälzenden Zeiten ;-)
Meine persönliche Problemerkenntnis speist sich bereits seit Schülertagen allein schon aus den Anblicken der jähen, gigantischen Aufwärtskurve, die in jeder Grafik über Technikentwicklung, Medizinfortschritt, Industrialisierung und Bevölkerungsexplosion der letzten 300 Jahren so erschreckend steil, ja fast schon senkrecht emporschießt. Ganz besonders verglichen mit dem fast linearen, nur schneckenartig langsamen Anstieg in den Jahrtausenden Menschheitsgeschichte zuvor.
Vorläufiges Fazit: Von Allem gibt es plötzlich viel zu viel. Und das Alles ging auch viel zu schnell. Doch denkt man an allein an China, Indien & Afrika in naher Zukunft, so wird dieser menschengemachte Meteorit sicher noch viel, viel höher steigen, bevor er endgültig stoppt, wendet und wieder hernieder rast, um dieses vorübergehende Erdballproblem zu lösen ;-)


...
« Last Edit: August 11, 2020, 04:00:23 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #11 on: August 11, 2020, 02:52:09 nachm. »
Quote
[...] [Michael Hesse (* 13. Oktober 1951 in Dortmund) ist ein deutscher Kunsthistoriker und Hochschullehrer. ... https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Hesse_(Kunsthistoriker)]

-

... Die Luft ist zum Schneiden in der dünnen Atmosphäre von Davos, im dortigen Kurhotel. Im März des Jahres 1929 ringen die Philosophen Martin Heidegger und Ernst Cassirer um jedes Wort in der Frage: Was ist der Mensch?

Eine große Schar Philosophen hatte sich eigens vom Tal mit einer Schmalspurbahn auf den Weg in die Davoser Berge gemacht, um dieses Ereignis mitzuerleben. Und nun sitzen sich die beiden Kontrahenten gegenüber und disputieren über eine der Fragen der Philosophie, die etwa Immanuel Kant zu den vier grundlegendsten überhaupt gerechnet hatte.

Zwei Denker im Wettstreit, warum nicht gleich einen Boxkampf daraus machen. Der Philosoph und Publizist Wolfram Eilenberger hat genau das in seinem Buch „Zeit der Zauberer“ getan. Er selbst fungiert als Reporter, der die Schläge, die der eine hinzunehmen hat, genauso verzeichnet, wie die Punktgewinne des anderen. „Cassirer jetzt klar in der Defensive.“ „Die offene Flanke ist die Ethik.“ „Cassirer geht jetzt aufs Ganze.“ „Heidegger jetzt in einer engen Ecke.“ „Echte Wirkungstreffer.“ „Heidegger jetzt mit Kant in Fahrt.“

Den raubauzigen Heidegger und den zartbesaiteten Cassirer in den Ring zu schicken - historisch hat sich das Ereignis so natürlich nicht abgespielt. Amüsant ist es dennoch, wie so vieles anderen in dem Buch der Zauberer.

Das Kapitel findet sich am Ende eines Buches, in dem Eilenberger Leben und Lehre von den vier Philosophen Walter Benjamin, Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger und Ernst Cassirer zu einem Ganzen verwebt. Das Buch „Zeit der Zauberer“ spielt in der Zeit von 1919 bis 1929, in der, so der Autor, die wichtigsten deutschsprachigen Philosophen des 20. Jahrhunderts wirkten. Cassirer und Heidegger hält der Autor für die wichtigsten der Moderne.

Zauberer werden die Denker genannt, gewiss, weil sie über eine besondere philosophische Magie verfügten und natürlich, weil das Treffen von Cassirer und Heidegger eben auf jenem Zauberberg in Davos stattfindet, den Thomas Mann 1924 zum Roman verdichtet hatte.

Eilenbergers Passion ist die Vermittlung philosophischer Gedanken in die Alltagswelt, die Reduzierung der Komplexität von Gedanken in eine sprachlich ästhetische und verständliche Form. Damit machte er sich in den vielen Jahren, in denen er Chefredakteur des „Philosophie Magazins“ war, einen Namen. Leben und Werk der vier Philosophen betrachtet er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil diese Denker wie kaum andere herausragten, weinend, weil wir heute nicht annähernd über gleiche Kaliber verfügten, wie er kürzlich in einem Aufsatz in der „Zeit“ schrieb. Ob die Philosophie etwa mit einem Heidegger an einer Universität heute besser dran wäre, sei einmal dahingestellt.

Den Wechsel zwischen szenischem Erzählen aus dem Leben und der Auseinandersetzung mit dem Werk beherrscht Eilenberger. So gelingt es ihm spielend, zwischen dem merkwürdigen Leben von Ludwig Wittgenstein und dessen fulminanten Werk „Tractatus-logico-philosophicus“ hin und her zu springen. Es sind gekonnte Szenenwechsel wie beim Fußball, wenn der Ball richtig rollt. Soeben noch in Hamburg im Hause Cassirer, dann folgt der Schnitt und der Leser befindet sich an einem Tisch in Neapel, an dem Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und Theodor W. Adorno lebhaft über philosophische Inhalte diskutieren.

Es wird zudem in jeder Beziehung intim. Heidegger wird von seiner Frau Elfriede mit einem Arzt betrogen, der Spross ist  der uneheliche Sohn Herrmann. Die Untreue wird von dem Meister aus Meßkirch jedoch mit heroischer Gelassenheit zur Kenntnis genommen. Benjamin wechselt häufiger die Frauen, die Wohnungen, Geld verdient er kaum. Auch seine akademischen Pläne gedeihen nicht weit, seine Habilitationsschrift wird selbst von wohlmeinenden Professoren abgelehnt („nicht fähig die Studentenschaft hier anzuführen“), obwohl die Arbeit später von Kritikern als große intellektuelle Leistung gefeiert wird.

Wittgensteins Homosexualität wird ebenso thematisiert wie seine starrsinnigen Überzeugungen, die er zum Verdruss seiner  Schüler auch an einer Grundschule exerziert mit der Folge, dass er einem Kind das Heft solange auf den Kopf schlägt, bis es zerfranst. Wittgenstein, der sicherlich als einer der wesentlichen Begründer der philosophischen Richtung der sprachanalytischen Philosophie gelten kann, zählt zu den glanzvollsten Denkern in diesem Buch. Seine Radikalität, mit der er glaubte, ein für allemal alle Fragen der Philosophie erledigt zu haben, erstaunt noch heute. Einige Jahre später musste er einsehen, sich geirrt zu haben – wobei ihn hätte trösten können, dass er in der Philosophiegeschichte nicht der einzige war, dem dieser Irrtum unterlief.

Die enge Verbindung von Lehre und Leben hat auch ihre Tücken. Auf Seite 56 des Buches wird von Wittgenstein selbst ein Hinweis hierauf gegeben. Er erklärt, dass die Lebensprobleme durch die Philosophie nicht berührt werden. Gewiss nicht zum ersten Mal stellt sich die Frage, ob Philosophie so etwas überhaupt leisten kann. Man blickt von der Lektüre auf und fragt sich, ob die großkalibrigen Theorieentwürfe der Denker wirklich so viel mit den alltäglichen Fragen der Menschen zu tun haben. So angenehm man im Lesefluss bleibt, so hat die Parallelisierung von Leben und Lehre der vier Zauberer eine magische Wirkung auf den Leser, die zwar real erscheint, aber vielleicht etwas eng ist.

Gerade bei dem Autor von „Sein und Zeit“ zeigt sich das, wenn von dessen Lebenssituation, seiner Vereinzelung durch den Ehebruch seiner Frau, auf die ersten Grundzüge seiner existenzialen Philosophie verwiesen wird, die das auf sich selbst zurückgeworfene Menschenwesen reflektiert. Dass Eilenberger den Bezug herstellt, ist auf der einen Seite brillant.

Auf der anderen geht er hier Heidegger auf den Leim, wenn dieser später einen Unterschied zwischen der Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit fixiert und der Leser in der Eigentlichkeit eine Art besseres Sein zu sehen vermeint, also die richtige Art zu leben. Hierzu schreibt Eilenberger: „Wer in diesem Sinne existiert, lebt, wie ein Dasein leben soll: nämlich eigentlich. Nur wenige Menschen tun das. Viel zu viele nicht.“ Hier werden die Ebenen von Existenzphilosophie und Existenzialphilosophie verwechselt, die Heidegger unbedingt auseinanderhalten wollte. Er selbst gab allerdings immer wieder Anlass zu solchen Verwechslungen.

Zudem fragt man sich: Was sollte das für eine Art von Leben sein, wenn sich darin eine antizivilisatorische Kritik Heideggers verbirgt. Möchte man mit ihm in dessen Schwarzwaldhütte mit dem Hammer hämmern, um so in der Eigentlichkeit zu existieren? Irgendwie doch lieber nicht.

Zwar wird die Hochphase der vier Philosophen zeitlich zu sehr begrenzt, weil ihre großen Theorieentwürfe wie im Falle von Heideggers Kehre oder Wittgensteins neuer Theorie in den „Philosophischen Betrachtungen“ erst noch folgen sollten, aber diese Phase steht eben für die Ausarbeitung der Grundlagen ihres Denkens. Dieses wunderbare Buch birgt nun einmal viel Stoff für lebhafte Diskussionen.

Wie eben jener Disput in Davos. Für Thomas Mann war der Kurort ein Brennglas der Gesellschaft. So wird auch das Zusammentreffen von Cassirer und Heidegger ein Stellvertreterkampf für die scheinbar überkommenden Kräfte und den rauschhaften Aufbruch ins Unbekannte.

Cassirer, ein Mann mit weißem Haar, aus einem begütertem Hause stammend, ist der Vertreter einer langen Bildungstradition, ein Denker mit Gewicht, wenn es um die Philosophie Kants oder die Werke Goethes geht. Heidegger, eine Erscheinung mit schwarzem Haar und dunklen Augen, ist eine Art Herausforderer. Deutlich jünger als Cassirer, am Anfang seiner Universitätskarriere stehend, hat er nur zwei Jahre vor dem Treffen in Davos mit einem Aufsehen erregenden Werk die philosophische Welt wachgerüttelt: „Sein und Zeit“, so der Titel, mit dem er die Welt zu erobern gedenkt. Beide diskutieren vor zahlreichen Zuhörern, unter ihnen Rudolf Carnap, Emmanuel Levinas, Norbert Elias oder Joachim Ritter, über die Endlichkeit des Menschenwesens, über die Frage, ob Metaphysik möglich sei.

Sie streiten über Kant und dessen Philosophie, ob Kant ein Begründer der Metaphysik war, wie Heidegger behauptet, oder einer der Erkenntnistheorie, wie Cassirer erklärt. Es geht vordergründig um eine philosophische Strömung, die sich Neukantianismus nennt. Für Heidegger versuchen dessen Vertreter, Kant als einen Theoretiker der Naturwissenschaften starkzumachen. Sie hätten, glaubt er, um 1850 eine derartige Dominanz in der Welterklärung für sich erobert, dass für die Philosophie nichts übrigblieb, außer sich an ihren Rockzipfel zu heften. Heidegger ist das zu wenig. Zudem will er an Kants Philosophie sein eigenes neues Denken ausmessen, das in einer Analytik des Daseins, also des Menschen in seinen Seinsbezügen und -strukturen besteht.

Der Hintergrund der ganzen Auseinandersetzung war aber die Positionierung des Menschen als eines Wesens, dem sich erst in der Angst das Sein erschließt. Für viele Beobachter des Disputs und nicht nur für die in Davos anwesenden Philosophen war es eine Art Epochenduell: Die scheinbar überkommene bürgerliche Welt, die sich in der Person Cassirers manifestierte, stand dem rauschhaften Siegeszug des Irrationalen gegenüber, für den Heidegger stand – erst recht als Anhänger der Nationalsozialisten.

Eilenberger gelingt es hervorragend, auf diesen Disput der beiden Denker hinzuleiten, er bietet dem Leser Szenen eines Gesprächs zwischen Cassirers Frau und Martin Heidegger, in der sie versucht, dem angriffslustigen Heidegger ein wenig die Lust an der Attacke auf ihren Mann zu nehmen. Denn schon damals war der Denker aus Meßkirch für seinen Antisemitismus bekannt, und Ernst Cassirer war jüdischer Herkunft.

Das Buch hat viele Höhepunkte, wie etwa der Besuch Cassirers in der großartigen Bibliothek Aby Warburgs, des exzellenten Kunstkenners, der als Mitglied einer der reichsten Familien Europas seine Möglichkeiten nutzte, eine sagenumwobene Sammlung zusammenzutragen. Die Bücher aus aller Welt und deren Anordnung waren einzigartig, und ließen selbst einen vielbelesenen Mann wie Cassirer enthusiastisch reagieren. Zur Zeit von Cassirers Besuch weilte Warburg in einer psychiatrischen Klinik, um seine Angstneurosen behandeln zu lassen.

Im Grunde steht das sinnbildlich für dieses unruhige und kreative, aber doch so gefährliche Jahrzehnt zwischen 1919 und 1929, das zum Vorspiel einer großen Katastrophe werden sollte. Die Angst, die Kreativität, der Taumel hatten diese Jahrzehnt fest im Griff. Im Taumel der Gefühle legt man auch das Buch zur Seite und wünscht ihm viele Leser.


Aus: "Zwei Denker im Wettstreit" Michael Hesse (20.04.18)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/literatur/zwei-denker-wettstreit-11007901.html
« Last Edit: August 11, 2020, 04:00:51 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #12 on: August 11, 2020, 03:02:37 nachm. »
Quote
[...] [Felix Dirsch (* 1967 in Erding) ist ein deutscher katholischer Theologe und Politikwissenschaftler. ... Dirsch kritisiert den Einfluss der 68er-Generation und der „politischen Korrektheit“.[17] In seinen neueren Veröffentlichungen vertritt er die These, dass der christliche Glaube nicht nur mit linken politischen Ideen, sondern (in bestimmten Grenzen) auch mit rechtem (konservativen und nationalen) Gedankengut zu verbinden sei.[18] Er kritisiert eine traditionsferne, weltlich-humanitaristische Auslegung des Christentums, wie sie in amtskirchlichen Verlautbarungen vorherrsche. Unter Berufung auf Thomas von Aquin lehnt er Barmherzigkeit ohne Bezug auf rationale Gerechtigkeit ab.[19] In seinen Publikationen arbeitet er die Unterschiede zwischen einem heimat- und volksnahen Christentum und der globalistischen Agenda heraus, die er ablehnt.[20] Seine Arbeiten sind in unterschiedlichen Kontexten rezipiert, etwa in Rezensionen seiner Bücher.[21][22]

Dirsch hat sich an diversen politischen Gegenwartdebatten beteiligt, so auch an der Kontroverse um ein im Frühjahr 2020 veröffentlichtes Papier ("Veritas liberabit vos") hochrangiger vatikanischer Würdenträger, dessen Inhalte er verteidigt[23].[24] Aber auch zu etlichen Disputen über die Valenz menschengemachter Einflüsse beim Klimawandel hat er Veröffentlichungen beigesteuert.[25][26] Dabei nähert er sich klimaskeptischen Positionen. | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Dirsch (17. Juli 2020)]

...

 Im Jahr 1929 fand im Weltkurort Davos eine Disputation zwischen zwei Gelehrten statt, die schon im Vorfeld große Aufmerksamkeit hervorrief. Der eine war ein mondän-liberaler Philosoph, zeitweise Rektor der Universität Hamburg, jüdischer Kosmopolit; der andere, Kollege aus Freiburg, fast das genaue Gegenteil, bekannt als sportlicher Naturbursche, Skifahrer und Wanderer, bekennender Bewohner der Provinz: Ernst Cassirer traf auf Martin Heidegger.

Letzterer wusste, wo der wunde Punkt seines Gegners lag. Dieser, Verfasser einer mehrbändigen „Philosophie der symbolischen Formen“, habe sich, so Heideggers Vorwurf, in den Nischen der Kultur behaglich eingerichtet, wo er Halt und Geborgenheit finde. Der moderne kritische Autor von „Sein und Zeit“ hingegen will das Dasein vor seine ursprüngliche Nacktheit und Geworfenheit bringen, den Boden zu einem Abgrund machen. Die Eigentlichkeit des Daseins sei danach ohne Entschlossenheit und Entscheidung, mithin also ohne Ernstfall, nicht zu verwirklichen. Die Debatte in den Schweizer Bergen bringt mustergültig zum Ausdruck, wie sich die tendenziellen Entwicklungen der Moderne zum Ernstfall verhalten: Er soll durch eine Maschinerie der „Daseinsvorsorge“ (Ernst Forsthoff), die als Herzstück den immer stärker ausgebauten Sozialstaat und ein mehr und mehr ausuferndes (Rück-)Versicherungswesen umfasst, möglichst verhindert werden.

Schon die Wahrscheinlichkeit seines möglichen Eintritts treibt den sicherheits- und regelverwöhnten Modernen den Schweiß auf die Stirn. Dagegen konnte in vormodernen Gesellschaften der Ernstfall nie auf eine vergleichbare Weise verdrängt werden. Für viele Bewohner in Europa (und erst recht darüber hinaus) blieben Natur- und Hungerkatastrophen über sehr lange Zeiträume hinweg ständige Daseinsbegleiter. Allein der christliche Glaube bemühte sich um dauerhafte Widerlager gegen den ständigen Einbruch von Leid und Tod, konnte aber über geistlichen Trost hinaus meist keine Besserung bewirken.

Nach 1918 hatte sich die bürgerliche Sekurität längst als Fassade entlarvt. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen trugen dazu bei, dieses Gefühl als Teil der „Welt von gestern“ (Stefan Zweig) untergehen zu lassen. Existenzieller Ernst beherrschte auch nach 1918 den härter gewordenen Alltag in allen Bereichen von Staat und Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund konnte der bald zur Berühmtheit gelangte Staatsrechtslehrer Carl Schmitt in vehement umstrittenen Schriften den „Ausnahmezustand“ zur Nagelprobe der Souveränität erheben. Weiter erklärte er die Unterscheidung von Freund und Feind zum Wesen des Politischen, so in seiner 1927 erstmals veröffentlichten Darstellung „Der Begriff des Politischen“.

Zwar ist diese Distinktion nicht als Loblied auf den Krieg zu verstehen, wohl muss dieser aber Schmitt zufolge wenigstens als Möglichkeit vorhanden sein. Ohne sie müsse das Politische verschwinden. Aus einem solchen Vakuum heraus bilde sich konsequent der Weltstaat als Verkörperung ernstfall- und konfliktloser Strukturen par excellence, so Schmitts Sicht. In seiner Nachfolge haben sich einige konservative Denker (von Armin Mohler bis Günter Rohrmoser) des Themas „Ernstfall“ angenommen, ebenso der italienische Denker Giorgio Agamben.

Dass in den 1920er Jahren der Ernstfall in diversen Auseinandersetzungen einen so hohen Stellenwert erhalten hatte, hängt aber nicht nur mit den Nachbeben des gewaltsamen Massensterbens zusammen; zudem zeigte sich weit über die Philosophie hinaus der Einfluss Sören Kierkegaards. Der dänische Schriftsteller wandte sich vor allem gegen Hegels Systemdenken, das zwar so gut wie alles berücksichtigt, jedoch das Existieren des Einzelnen als solchen praktisch ausblendet. Kierkegaard rief die Quintessenz der ethischen Problematik in Erinnerung: Moralische Fragen sind solche, bei denen es ernst wird, weil es sich um existenzielle Fragen handelt.

Der Ernstfall, so kann man mit Kierkegaard sagen, durchbricht die Normalität und Regelmäßigkeit des Alltags. Allgemein lässt sich diese Situation nicht beschreiben. Nur der Einzelne selbst kann den Eintritt entscheiden, ist also selbst gefordert; nur er kann auf den Kairos abzielen.

Man hat die Weimarer Republik als „Krisenjahre der klassischen Moderne“ (Detlev K. Peukert) charakterisiert, fand sie doch nie dauerhaft zu Ruhe und Normalität. Die Bundesrepublik entwickelte sich hingegen bald zum Hort der Stabilität. Das Wirtschaftswunder trug maßgeblich dazu bei, dass „Mitte und Maß“ zum Leitbild der Bonner Republik avancierte. Selbst Unruhen wie die von 1968 konnten relativ schnell kanalisiert werden. Echte Ausnahmezustände traten folglich nie ein. Der Streit um die Notstandsgesetze erwies sich als ein rein symbolischer. Herrschte in der Schlussphase der ersten deutschen Demokratie von 1930 bis 1933 permanenter Ausnahmezustand, so ist die Bundesrepublik seit sieben Jahrzehnten von Kontinuität geprägt. Selbst die stärkeren Veränderungen Ende der 1960er Jahren fanden weithin auf dem kulturell-sozialen Sektor statt, kaum auf dem politischen. Auch der Wandel nach 1989/90 fiel geringer aus, als damals von vielen befürchtet.

Zu den wichtigen Kennzeichen der politischen Kultur der Bundesrepublik zählte lange Zeit der Grundzug der Entpolitisierung. Wenngleich zuletzt eine stärkere Emotionalisierung und Polarisierung unübersehbar ist, bleibt der Konsens ein Wesenszug bundesrepublikanischer Realität. Diverse Regierungswechsel haben daran nichts verändert.

Tatsache ist, dass Vorgabe von Alternativlosigkeit, technokratische Tendenzen und ein bisweilen abgehobenes Establishment in Medien und Politik maßgeblich verantwortlich sind für Gegenreaktionen: Populismus von links und rechts indiziert Unzufriedenheit mit Entscheidungen, die allzu selbstherrlich, unkritisch und partiell auch ohne gesetzliche Grundlage getroffen werden. Gerade die Debatten um Migration können ein existenzielles Moment nicht verbergen. So geht es diesbezüglich vor allem um die Funktionsfähigkeit von Rechts- und Sozialstaat, die schon aufgrund der (auch für den Staat) begrenzten Mittel sehr wohl eine Obergrenze kennt.

Doch selbst den so symbolträchtigen Beschlüssen von 2015/16 fehlt genau betrachtet das existenzielle Grundmerkmal: Dieses basiert auf Entscheidungen, die nur über die Wahlmöglichkeit zwischen Leben und Tod, Sein oder Nichtsein verfügen. Es spielen diese Differenzierungen für das Individuum schon deshalb eine unausweichliche Rolle, weil es sterblich ist. Auf der kollektiven Ebene waren es in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts vornehmlich Entscheidungen zugunsten von Kriegen, die für Millionen den Verlust des Lebens nach sich zogen. Mit dem Coronavirus und seinen medizinischen wie gesellschaftlichen Folgen ist ein Ausnahmezustand zurückgekehrt, den Europa lange nicht mehr erlebt hat.

Der Tod lässt wieder eine kollektive Dimension erkennen, die er lange Zeit nicht mehr hatte. Der Wohlstandsbürger wird mit seiner Endlichkeit konfrontiert, was umso schmerzhafter ist, als er üblicherweise keine transzendente Absicherung mehr kennt. Wie sich diese Rückkehr in gesellschaftlicher Hinsicht auswirkt, steht derzeit noch in den Sternen.


Aus: "Zaungäste der Moderne: Ausnahmezustand und Ernstfall brechen in den Alltag ein und machen Sterblichkeit zum Politikum" Felix Dirsch (14. April 2020)
Quelle: https://www.die-tagespost.de/gesellschaft/kultur/Zaungaeste-der-Moderne;art4881,207189
« Last Edit: August 11, 2020, 04:01:05 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #13 on: August 11, 2020, 03:20:40 nachm. »
Quote
[...] [Michael Lausberg (* 17. April 1972 in Linnich) ist ein deutscher Politikwissenschaftler und freier Publizist. | https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Lausberg]

... Mit seiner Philosophie der symbolischen Formen legte Cassirer in den 1920er Jahren den systematischen Entwurf einer Kulturphilosophie vor, die als eine bedeutungstheoretische Lehre von der Gestaltung der Wirklichkeit durch den Menschen verstanden wird. Diese Kulturphilosophie war eine wissenschaftlich ausgearbeitete allgemeine philosophische Anthropologie auf symboltheoretischer Grundlage. Cassirer nannte die regelmäßig vorkommenden, typischen Weisen der Symbolisierung, die sich zu einem eigenständigen Sachgebiet oder einer eigenständigen Methode gleichsam institutionalisieren „symbolische Formen“.  ... [Cassirer entwickelte] den Begriff der symbolischen Formen als Deutungsschema des Menschen für dessen Erlebnisse.
Philosophie bedeutete für ihn ein Metadiskurs, der den Zusammenhang und die spezifischen Leistungen einzelner, teils sich in ihren Geltungsansprüchen konträr verhaltender symbolischer Formen am Konkreten zeigt. Die von ihm vertretene Kulturphilosophie war nicht weniger als eine allgemeine philosophische Anthropologie auf symboltheoretischer Grundlage. Kultur war für Cassirer der Inbegriff und das System aller möglichen Weisen der Sinnerzeugung durch Symbolisierung. In Anlehnung an Paul Natorp erweiterte er den Begriff der Erkenntnis zum Leitbegriff des Erlebens.Die Erkenntnisse Kants von Anschauung und Verstand wurden bei Natorp zu Materie und Form der Erkenntnis. Seine Erkenntnistheorie baute auf der transzendentalen Logik Kants und deren Begriff der „synthetischen Einheit“ auf. In der Entfaltung dieser Einheit, verstanden als Grundrelation des Einen und Mannigfaltigen erblickte Natorp das Gesetz des Erkenntnisprozesses. Dies nannte er korrelativistischer Monismus. Für ihn waren Raum und Zeit Denkbestimmungen der Relation und Größe. Erkenntnisse seien niemals als subjektiv aufzufassen, sondern in der gesetzlichen Bestimmung der Erscheinungen zu objektivieren.Gegenstand von Cassierers Kulturphilosophie war die Erkenntnis, dass es ein „Erleben“ außerhalb der gegliederten Wissenschaften gibt, das sich in der Sprache ebenso ausdrückt, wie in Mythen, der Religion, der Kunst, Geschichte, Moral oder Politik. Der Mensch sei das animal symbolicum, das symbolerzeugende Wesen.Der Philosophie wird eine Einheit in der Vielheit stiftende Funktion zugewiesen. Die philosophische Betrachtung verstand er als eine Einstellung oder Haltung des Denkens, die das Ganze überblickt, ohne das Besondere aus den Augen zu verlieren und beides durch philosophische Systematik verbindet. Sein Symbolbegriff umfasste „das Ganze jener Phänomene (…), in denen überhaupt eine wie immer geartete ‚Sinnerfüllung‘ des Sinnlichen sich darstellt; – in denen ein Sinnliches, in der Art seines Daseins und So-Seins, sich zugleich als Besonderung und Verkörperung, als Manifestation und Inkarnation eines Sinns darstellt.“[14] Die Symbole bedeuteten eine „Freiheit vom Sinnlichen“, denn „in jedem sprachlichen ‚Zeichen‘, in jedem mythischen oder künstlerischen ‚Bild‘ erscheint ein geistiger Gehalt, der an und für sich über alles Sinnliche hinausweist.“[15] Die wissenschaftliche Hermeneutik war immer schon im Begriff des Symbolischen enthalten: „Die symbolischen Zeichen (…) sind nicht erst, um dann über dieses Sein hinaus, noch eine bestimmte Bedeutung zu erlangen, sondern bei ihnen entspringt alles Sein erst aus der Bedeutung. Ihr Gehalt geht rein und vollständig in der Funktion des Bedeutens auf.“[16]
Das Orientierungsvermögen des Menschen war für ihn an Bedeutungen und Bedeutungszusammenhänge gebunden. Im Unterschied zu den Instinkten beim Tier ist der Mensch dank seines Verstandes in der Lage, die Situation zu verstehen, in welcher er sich befindet und auf welche er reagieren soll. Das Tier verfügt über eine praktische, konstruktive Intelligenz, während allerdings der Mensch eine andere, weitreichendere Form entwickelt hat: eine symbolische Phantasie und symbolische Intelligenz.
In der Einleitung zum 1923 erschienenen ersten Band der „Philosophie der symbolischen Formen“ formulierte Cassirer sein Anliegen wie folgt: „Neben der reinen Erkenntnisfunktion gilt es, die Funktion des sprachlichen Denkens, die Funktion des mythisch-religiösen Denkens und die Funktion der künstlerischen Anschauung derart zu begreifen, dass daraus ersichtlich wird, wie sie in ihnen allen eine ganz bestimmte Gestaltung nicht sowohl der Welt, als vielmehr eine Gestaltung zur Welt, zu einem objektiven Sinnzusammenhang und einem objektiven Anschauungsganzen sich vollzieht.“ [17]

Für Cassirer stellte Sprache eine symbolische Form dar, in der sich symbolisches Verhalten und symbolisches Denken manifestiert.[18] In seiner sprachphilosophischen Erörterungen stützte sich Cassirer vor allem auf die Thesen von Wilhelm von Humboldt. Von Humboldt stellte einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Sprache und dem Bewusstsein des Menschen her. Erst durch den Prozess des Spracherwerbs erlangt das Individuum eine eigene Weltanschauung. Eine Vorstellung der objektiven Welt und diese Vorstellung floß wiederum in die Sprache mit ein. Aus diesem Grund kann für von Humboldt eine genaue Definition von Sprache erst dann erfolgen, wenn der Prozess des Sprechens als solcher Beachtung findet. Humboldt sah die Sprache nicht als etwas Beständiges oder Ewiges, sondern betrachtete ihre Entwicklung als einen kontinuierlichen Prozess, der einem ständigen Wandel unterworfen sei. Eine monistische Auslegung von Sprache lehnte er ab: „Wir müssen, um die Sprache zu verstehen, nicht bei ihren Gebilden stehen bleiben, sondern dem inneren Gesetz des Bildens nachspüren – wir dürfen sie nicht als ein Fertiges und Erzeugtes, sondern wir müssen sie als eine Erzeugung, als eine sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes betrachten.“ [19]

... Nach Cassirer bildet die Kultur die ganze Wirklichkeit des Menschen ab. Dabei geht er von einer Komplexität und Pluralisierung aus, in der Kultur immer schon besteht und bestanden hat. Er vertrat die These, dass die Sinntätigkeit der Symbolisierung nicht auf eine einzige Gestaltungsweise zurückzuführen ist, sondern sich in einer Pluralität von Gestaltungsweisen offenbart, die in einem gegliederten, systematischen Zusammenhang existiert. Kultur ist demnach keine Einzigartigkeit, sondern prägt sich aus in einer Vielfalt und ein System von Gestaltungsbereichen. Der Mensch ist für Cassirer jemand, der immer nach Sinn und Bedeutung der ihn umgebenden Dinge fragt. Letztlich bestimmt der Mensch sich und seinen Sinn durch die aktive Bildung der symbolischen Formen, die jeweils mit einem ihnen eigenen Sinn verbunden sind. Sein politisches Verständnis war auf Differenz und Vielfalt angelegt. Birgit Recki bilanzierte: „Es kann uns nicht überraschen, daß ein Denker, der den Begriff der Freiheit derart seiner gesamten Theorie der menschlichen Wirklichkeit zugrundelegt, auf Freiheit auch im engeren politischen Verständnis Wert legt. Wir finden in Cassirer denn auch insofern einen gänzlich untypischen Vertreter der Gelehrtenzunft im ausgehenden Kaiserreich und der Weimarer Republik, als er sich nicht nur unter anderem auch mit den Problemen der politischen Theorie auseinandergesetzt hat, sondern zugleich ein wachsamer politischer Zeitgenosse von großer Geistesgegenwart und Urteilskraft war – ein Aufklärer auch hier.

... Cassirer betont eine kulturelle Pluralität, da die Welt des Menschen intern vielfältig dimensioniert und ausdifferenziert ist und geht von der Prämisse aus, dass im Vergleich der Kulturen keine Werthierarchie angelegt wird. Eurozentrische oder andere auf kultureller Ebene eindimensionale Vorstellungen mit Anspruch auf die eigene Überlegenheit werden von Cassirer zurückgewiesen. Auch romantisierende Zuschreibungen oder exotistische Vorurteile finden dort keinen Platz. Für ihn machen kulturelle Vorstellungen immer schon Revisionen und Transformationen in der Weltgeschichte durch, daher lehnt er einen einheitlicher, unflexiblen und statischen Kulturbegriff sowie die Konservierung des jeweiligen gegenwärtigen kulturellen Zustandes ab. In gewisser Hinsicht vertritt Cassirer eine Art von Fallibismus, d.h. die Idee, dass das menschliche Wissen unvollkommen und provisorisch ist und aufgrund neuer Erkennt­nisse revidiert werden muss.

... Kulturen stellen keine homogenen Gebilde dar, sondern sind immer schon plural und durchaus teils widersprüchlich dimensioniert. Kulturkontakt und gelingende Aneignung bislang unbekannter Strukturen ermöglicht so die Entwicklung neuer Perspektiven und kann zur Ausweitung der medialen Möglichkeiten symbolischer Repräsentation führen. Für Cassirer geht es bei der Bewertung der eigenen wie der anderen Kultur nicht darum, die eigenen Maßstäbe auf fremde Konstellationen zu übertragen. Kultur ist derProzess der fortschreitenden Selbstbefreiung des Menschen. Die interkulturelle Kommunikation vervielfältigt sie die Pluralität menschlicher Kulturalität und die Möglichkeit immer neuer Identitätsbildungen. So werden bislang unbekannte kulturellen Konstrukte zu einer Erweiterung des Reservoirs eigener Identitätsbildung. Für ihn gibt es keine „höherwertige“ oder „minderwertige“ Kultur, er betont die Gleichrangigkeit aller.
Cassirers Hauptwerke wurden nach seinem Tod in viele Sprachen übersetzt. In Italien und den USA fand seine Theorie der symbolischen Formen regen Anklang, während er in der Bundesrepublik bis in die 1980er Jahre lediglich als Philosophiehistoriker wahrgenommen wurde. 1993 gründete sich die „Internationale Ernst Cassirer Gesellschaft“ mit Sitz in Hamburg, die sich der Erforschung seiner Theorie und die internationale wissenschaftliche Vernetzung zum Ziel gesetzt hat. Der renommierte Ethnologe Clifford Geertz griff in seinen Forschungen auf die Philosophie der symbolischen Formen und Cassirers Verständnis von kultureller Pluralität zurück. Das Ziel von Geertz‘ interpretativer Anthropologie bestand darin, den Standpunkt der zu untersuchenden Menschen, ihren Bezug zum Leben zu verstehen, und sich idealtypischerweise ihre Sicht seiner Welt vor Augen zu führen.

...


Aus: "Die Philosophie Ernst Cassirers" Michael Lausberg (3. Februar 2020)
Quelle: https://www.tabularasamagazin.de/die-philosophie-ernst-cassirers-2/
« Last Edit: August 11, 2020, 04:01:16 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #14 on: August 11, 2020, 03:52:55 nachm. »
Quote
[...] Manche Künstler sind ihrer Zeit voraus. Besonders dann, wenn sie Dinge sichtbar machen, die die meisten Menschen nicht wahrnehmen – oder ignorieren. Der US-Schriftsteller William S. Burroughs (1914–1997) etwa wurde zwar schon zeit seines Lebens berühmt, doch galt er wegen seiner radikalen Ideen stets als verschroben, wenn nicht sogar verrückt.

Die bigotte US-Gesellschaft der 50er Jahre war noch nicht bereit für den queeren Autor, der sich so freizügig und selbstkritisch wie kaum jemand mit Dingen beschäftigte, die damals höchstens im Zwielicht privater Räume thematisiert wurden: schwuler Sex und leidenschaftlicher Drogenkonsum. Sein Debütroman „Junkie“ von 1953 handelte von den Freuden und Leiden der eigenen Heroinsucht, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgte.

Burroughs war gemessen an den reaktionären Verhältnissen der 50er Jahre die menschgewordene Antithese zum bürgerlichen Lebensstil. Damit befreite er nicht nur sich selbst, sondern auch viele seiner Leser aus den gesellschaftlichen Zwangsjacken der angloamerikanischen Nachkriegsgesellschaft und antizipierte dabei nebenbei die kulturellen Revolutionen der späten Sechziger.

Neben der Normalisierung eines queeren sowie hedonistischen Lebensstils, zu dem Burroughs beitrug, hatte besonders seine revolutionäre Schreibtechnik des Cut-up eine enorme prophetische Kraft. Dass jetzt mit „Nothing Here Now but the Recordings“ ein Spoken-Word-Album mit gesammelten Cut-ups wiederveröffentlicht wurde, ist daher längst überfällig.

Entstanden sind die von Burroughs eingesprochenen und mit Radioaufnahmen und Tonfragmenten unterlegten Hörstücke in Zusammenarbeit mit Genesis P-Orridge und Peter Christopherson, zweier ehemaliger Mitglieder der legendären britischen Industrial-Band Throbbing Gristle. Sie entstanden bei Aufnahmesessions im Jahr 1980 in Burroughs’New Yorker Wohnung, die von seinen Freunden und Anhängern liebevoll „The Bunker“ genannt wurde und eine beliebte Anlaufstelle für Musiker, Autoren und Künstler wie David Bowie, Andy Warhol und andere war.

Wie die Cut-up-Methode selbst, die immer auch Ergebnis unbewusster Prozesse ist, war die „Entdeckung“ einem Zufall geschuldet. Es war Brion Gysin, ein mit Burroughs befreundeter Maler, der 1959 auf das Phänomen stieß. Als er auseinandergeschnittene Zeitungen zusammenlegte, um sie als Unterlage für seine Bilder zu verwenden, fielen ihm plötzlich die neuen Bedeutungen auf, die die zufälligen Satzkonstruktionen der Papierfetzen ergaben. Burroughs war sofort begeistert und begann noch am selben Tag mit ersten Experimenten.

Die Methode ließ den Schriftsteller nicht mehr los. Mithilfe von vermeintlich willkürlich zusammengestellten Text-, Bild und Tonfragmenten schuf er ein neues Erzählen, das nicht nur die Grenzen der Sprache erweiterte, sondern auch neue Arten der Weltbeschreibung und der Wahrnehmung hervorbrachte.

„Das Leben ist ein Cut-up. Sobald sie die Straße entlanggehen, wird ihr Bewusstsein von zufälligen Faktoren durchschnitten. Das Cut-up ist näher an den Tatsachen der menschlichen Wahrnehmung als die lineare Erzählung,“ sagte Burroughs mal in einem Interview. Für ihn waren Cut-ups aber auch Waffen gegen eine immer mehr von Medien und Slogans beherrschte Welt. Indem er die Sprache in Zeitungsartikeln, Radio und Werbung dekonstruierte und neu zusammensetzte, ergaben sich neue Bedeutungen, die zugleich, quasi via Selbstentblößung, eine genuine Form gesellschaftlicher und politischer Kritik waren.

Die freien, oft absurd scheinenden Sinnzusammenhänge konnten dem Autor zufolge niemals beim freien Schreiben an der Schreibmaschine entstehen. Dort stünde einem die Selbstzensur im Weg.

Dass einige Stücke wie „The Saints Go Marching Through All the Popular Tunes“ in lautem Dröhnen münden, ist kein Zufall. Denn Burroughs beeinflusste nicht nur etliche Künstler und Schriftsteller, sondern auch Musikstile. Zu hören ist sein Einfluss im Beatles-Song „Tomorrow Never Knows“, aber auch in Punk oder Industrial und nicht zuletzt in HipHop und elektronischer Clubmusik, die mit ihren Samples aus Beats und Sounds musikalische Cut-up-Werke schlechthin sind.

„Nothing Here Now but the Recordings“ macht Takes mit wirren Assoziationsketten, absurden Textfragmenten und dadaistischen Klangcollagen wieder zugänglich. Ähnliche Klangcollagen entstehen bei jedem Spaziergang durch eine beliebige Stadt, bei dem uns die immer subtiler ansprechenden Werbetafeln, aber auch die Graffiti und Social-Media-Timelines ihre Slogans zurufen, während das Auge die Welt nach visuellen Reizen abscannt und die Ohren die Umweltgeräusche in einen Dauerloop verwandeln: Nichts anderes sind Cut-ups: Splitter der Wirklichkeit, die uns täglich so etwas wie eine Realität vorspielen.

„How random is random?“ raunt Burroughs in „We See the Future Through the Binoculars Of the People“ und bringt seine hyperrealistische Vision auf den Punkt. Er war überzeugt, dass wir stets mehr wissen, als wir glauben – und dass Cut-ups mit ihrer sprachlichen Expansion jenseits der Verstandeskapazitäten eine neue Weltwahrnehmung jenseits sprachlicher Kontrolle ermöglicht. In Zeiten überschäumender Informationen, in der Kriege immer mehr auch Kriege um Worte und Bilder sind, ist das kritische Potenzial von Cut-ups als Waffen gegen Manipulation und Gedankenkontrolle aktueller denn je.


Aus: "Splitter der Realität" Philipp Rhensius (31. 12. 2015)
Quelle: https://taz.de/!5263263/
« Last Edit: August 11, 2020, 04:01:29 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #15 on: August 11, 2020, 04:14:00 nachm. »
Quote
[...] Die Anthologie „Die untergründigen Jahre“ erzählt über Literatur abseits vom Mainstream in Westdeutschland seit den 1970ern.

Hans Magnus Enzensberger hat 1980 kurzen Prozess gemacht. „Widerstandslos, im großen und ganzen, / haben sie sich selbst verschluckt, / die siebziger Jahre“, schreibt der Dichter und Schriftsteller in „Die Furie des Verschwindens“. „Daß irgendwer ihrer mit Nachsicht gedächte, / wäre zuviel verlangt.“ Der allgemeine Befund stimmt nicht mehr so ganz. Kulturhistoriker und Literaten haben schon seit einiger Zeit ein Auge auf die Siebziger geworfen und nicht ohne Nachsicht über diese Dekade geschrieben. Die Literaturwissenschaft hat sich bisher vornehm zurückgehalten.

Mit den Stichworten Neue Subjektivität, Alltagslyrik, Pop hat sie gerade mal jene Exponenten ein- und oftmals auch wegsortiert, die es in die Mainstream-Verlage geschafft haben: also Rolf Dieter Brinkmann, Jörg Fauser, Wolf Wondratschek, Nicolas Born, Jürgen Theobaldy, Michael Buselmeier, Karin Kiwus, Ursula Krechel et alii. Aber das „Jahrzehnt der Underground-Literatur“, so formuliert es der Schriftsteller Peter Salomon, „existiert bislang nicht in den Literaturgeschichten“. Salomon und die anderen Autoren des Sammelbands „Die untergründigen Jahre“ liefern einiges Material für diese noch zu schreibende Geschichte der Alternativliteratur.

„Das,Kapital', erster Band, lag aufgeschlagen auf meiner Schreibplatte auf zwei Böcken, und um nicht ständig Vorhaltungen über die fehlende gesellschaftliche Funktion der Literatur im Spätkapitalismus zu hören, schob ich den Wälzer über meinen dünnen Stapel Manuskriptblätter, sobald sich jemand aus dem Umkreis der antiautoritären Zirkel der Tür näherte: seine oder ihre Abneigung gegenüber Lyrik, Poesie konnte ich voraussetzen“, erinnert sich Jürgen Theobaldy mit leichtem Gruseln an diese Jahre.

„Einmal hob ein junger Revoluzzer im Ledermantel beim Weggehen ein gerade herumliegendes Buch an und meinte, mit Blick auf den Titel:,Damit machen wir dann auch Schluß.'“ Gemeint ist Gert Jonkes „Geometrischer Heimatroman“. Theobaldy ist ein Linker, er marschiert mit, aber er will eben trotzdem auch weiter Lyrik schreiben. „Das Gedicht im Handgemenge“, so heißt einer seiner Aufsätze damals.

Die sich bald konsolidierende Szene der Minipressen mit ihrer geradezu explodierenden Zahl von „Little Mags“ lässt sich wohl auch als eine Reaktion auf die politische Desillusionierung nach 1968 verstehen, auf die Selbstzerfleischung der Linken und nicht zuletzt auf die schwer erträgliche Bürokratisierung ihrer Gebaren und Sprache. Man wollte schlicht den Hedonismus der Anfänge wieder zurück, die Literatur sollte nicht länger tot, sondern geradezu ein Antidot sein gegen die absurden Fraktionskämpfe.

„Die politischen Entwicklungen in der Studentenschaft, der Aufbau von immer neuen Kommunistischen Parteien zerstörten mein Geschäftsmodell“, erinnert sich der Raubdrucker Detlef Michelers. „Ich konnte den ideologischen Auseinandersetzungen nicht folgen, mir wurde Prügel angedroht, weil ich die falschen Bücher druckte.“ Michelers sattelt zunächst um auf Songbooks von Dylan, The Doors und Jimi Hendrix und spielt bald darauf in der Bremer Literaturszene als Veranstalter, Verleger, Herausgeber und Autor eine wesentliche Rolle. Sein Beispiel zeigt den egalitären Impuls, der in diesem Paradigmenwechsel steckte. Es durften eben nicht mehr nur Akademiker mitspielen. Michelers hatte als Reedereikaufmann und Schiffsmakler gearbeitet, bevor er in die alternative Literaturszene abbog.

Die Mehrzahl der Szene-Exponenten kommt zwar aus dem universitären Umfeld, aber auch sie sind nicht unbedingt an einer pfeilgeraden Karriere interessiert, sondern wollen sich ausprobieren. Daniel Dubbe promoviert über Henri Michaux und wirft nach Feierabend Acid ein, um so zu seinem eigenen Stil zu kommen. Mit ganz beachtlichen Ergebnissen, wie er sich selbst auf die Schulter klopft.

Es herrscht aber auch Bereitschaft bei einer wachsenden Leserschaft, sich mit solchen Experimenten auseinanderzusetzen. „Man brauchte damals nur ein paar zusammengeheftete Blätter hochzuhalten, dann wurden die einem aus der Hand gerissen“, erinnert sich Helmut Loeven, Herausgeber der Zeitschrift Der Metzger.

Die etablierten Verlage bemerken das durchaus und machen eigene Reihen auf, Rowohlts „Das neue Buch“ zum Beispiel, um den Rahm abzuschöpfen. Aber sie gehören nun mal zum Schweinesystem. „Laßt euch nicht von den Rowohlts verschachern, Genossen! Organisiert euch selbst! Macht den bürgerlichen Linksgeschäftemachern ihr Geschäft kaputt! Der Polizeiknüppel, der uns auf den Kopf schlug, ließ es bei den Verlegern bimmeln: Schlagt da zurück!“, steht ausrufezeichenreich auf dem Cover des Szenehandbuchs „Die Alternativpresse“.

Viele Autoren erinnern sich an den Zauber des Anfangs, die große Aufbruchstimmung. Man legt einfach los. Und tatsächlich entwickelt sich bald eine eigene Infrastruktur. Dreh- und Angelpunkt ist Josef „Bibi“ Wintjes mit seinem „Literarischen Informationszentrum“ in Bottrop. Wintjes sorgt für die interne Verständigung und vor allem für den Vertrieb. Und Benno Käsmayr, der sich neben seinem Studium in einer Druckerei verdingt, für die Herstellung. „Es sprach sich in der Szene schnell herum, daß ich Zugang zu Produktionsmitteln hatte und Sonderpreise machen konnte“, erzählt er.

Für ambitioniertere Publikationen, die ihr Larvenstadium als hektografiertes Heftchen hinter sich haben, wird der Augsburger zum ersten Ansprechpartner und bleibt es jahrzehntelang. Als wir Mitte der 90er Jahre mit dicker Hose ein Magazin für ­Literatur und Kritik herausgaben, machte Benno immer noch Sonderpreise. Mit seinem Maro Verlag hatte er zudem großen Anteil an der Popularisierung des Undergrounds. Bei ihm erscheinen viele Klassiker der Alternativliteratur, etwa Tiny Strickers „Trip Generation“, Jörg Fausers „Tophane“ und nicht zuletzt „Gedichte die einer schrieb bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang“ von Charles Bukowski.

Dass die Literatur der Siebziger so gründlich vergessen ist, gehört zu den Unterlassungssünden einer elitären Literaturgeschichte, der es schon immer nicht ganz geheuer war, wenn auf einmal Krethi und Plethi, also auch vermeintliche Literaturfremde, Unstudierte, Handwerker und Proleten, anfingen Gedichte zu schreiben und womöglich mit Anspielungsmaterial jonglierten, das nicht dem bildungsbürgerlichen Traditionszusammenhang entstammte.

Dass eine Literatur, die oft roh und unartifiziell scheint und die profanen Dinge des Lebens, auch die lange verdrängte Gefühlswelt in den Blick und beim prosaischen Wort nimmt, nicht zwangsläufig unpoetisch sein muss, dafür gibt es genügend Beispiele – von Christoph Derschau, Ralf Thenior, Yaak Karsunke, Barbara Maria Kloos und nicht zuletzt von Uli Becker, ohne den nicht nur meine Lesebiografie sehr viel fader verlaufen wäre.

Der Literaturkritiker Michael Braun, der sich ohnehin nur als Zaungast der damaligen Szene begreift und ein wenig den Spielverderber gibt, will davon nichts wissen. Für ihn nehmen die literarischen Siebziger zu Recht wenig Platz ein in den Literaturgeschichten. Vom Underground lässt er noch weniger gelten. Vier Bücher reichen seiner Ansicht nach, um zu erfahren, was „wir über die siebziger Jahre wissen müssen“: Michael Rutschkys „Erfahrungshunger“, Enzensbergers „Die Furie des Verschwindens“, Theobaldys „Blaue Flecken“ und Günter Steffens’ „Die Annäherung an das Glück“.

Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Vielleicht führt ja das aktuelle Interesse an autofiktionaler Literatur – von Annie Ernaux, Didier Eribon, Karl Ove Knausgård und J. J. Voskuil –, wenn schon nicht zu einer Renaissance der „Neuen Subjektivität“ und zur Wiederentdeckung ihrer Exponenten, dann wenigstens zu einer gerechteren Beurteilung dieses literatursoziologisch und ästhetisch bemerkenswerten Dezenniums. Bis dahin gilt Wolf Wondratscheks Empfehlung: „trink noch’n Whisky, / einen auf die siebziger Jahre, / dieses elende großzügige Jahrzehnt.“


Aus: "Sammelband über Underground-Literatur: Acid nach Feierabend" Frank Schäfer (10. 8. 2020)
Quelle: https://taz.de/Sammelband-ueber-Underground-Literatur/!5701728/

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« Reply #16 on: Oktober 26, 2020, 01:20:24 nachm. »
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[...] Seine Tweets sind berüchtigt, seine Reden bissig: Obwohl US-Präsident Donald Trump nicht unbedingt als sprachgewandt gilt, erreicht er mit seiner Rhetorik Millionen Amerikaner. Die beiden Mainzer Linguisten Ulrike Schneider und Matthias Eitelmann haben in Zusammenarbeit mit Sprachwissenschaftlern aus der ganzen Welt einen Sammelband herausgegeben, der die rhetorischen Tricks und besonderen Eigenheiten in der Sprache des Republikaners aufdeckt. Im Interview mit ntv.de erklären sie aber auch, was er mit seinem Körper sagen will.

Judith Görs: Kurze Sätze, einfache Sprache, viele Wiederholungen - das ist bekannt über Trumps Redestil: Was macht seine Rhetorik darüber hinaus noch aus?

Matthias Eitelmann: Trumps Sprache wurde oft betitelt als die eines Fünft- oder Sechstklässlers. Diese Annahme beruht auf einem Test, der vor allem die Lesbarkeit von schriftlichen Texten misst. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist gesprochene Sprache aber nicht vergleichbar mit geschriebener. Insofern sind solche pauschalen Annahmen mit Vorsicht zu genießen.

Judith Görs: Also ist Trumps Rhetorik besser als ihr Ruf?

Eitelmann: Nicht unbedingt. Man kann schon sagen, dass sich Trump einer einfachen Sprache bedient und zu wiederholenden Mustern neigt. So kann er seine Botschaft sehr einfach ans Publikum vermitteln - auch wenn sie oftmals eher inhaltsleer ist.

Judith Görs: Wer Trumps Wahlkampfauftritte verfolgt, könnte meinen, er rede einfach drauflos - ohne roten Faden. Wie überlegt ist denn seine Sprache?

Ulrike Schneider: Oft hat er einen Teleprompter. Dann ist der Text von seinen Mitarbeitern vorbereitet und natürlich sehr überlegt. Er weicht aber gern mal davon ab. Wenn er das tut, wiederholt er sich stärker. Vieles, was wie Drauflosreden wirkt, hat er aber in seinen Wahlkampfreden erprobt.

Judith Görs: Trumps Interviews sind - wortwörtlich aufs Papier gebracht - oft kaum lesbar. Warum hören ihm seine Anhänger trotzdem so gern zu?

Schneider: Das funktioniert ein bisschen wie eine Unterhaltung unter Freunden. Da gibt's ja oft einen Moment, wo man lachen muss und sagt: "Wenn das jetzt einer von außen hören würde!" Im Freundeskreis sind wir alle eingeweiht. Wir wissen, wovon wir reden und wie etwas gemeint ist. Ein Außenstehender kann dem oft nicht mehr folgen. Wenn ein Präsident so mit mir redet, schafft das Nähe - ein Gemeinschaftsgefühl.

Judith Görs: Sie meinen, es macht ihn nahbarer.

Schneider: Genau. Das ist ein spannender Effekt. Bis vor 100 Jahren haben Politiker versucht, eine sehr eloquente Syntax zu benutzen - gerade in den großen, wichtigen Reden. Diese Transkripte waren unglaublich komplex. Das ist etwas, was wir heute eher in geschriebener Sprache erwarten würden. Früher redeten Präsidenten vor geladenen Gästen - also der gebildeten Elite. Erst als das Radio kam, hat man gemerkt, dass man zum Volk sprechen muss. Die Reden wurden also auf das Volk zugeschnitten. Es ging nicht mehr vorrangig darum, Kompetenz, sondern eher Volksnähe zu vermitteln. Dieser Trend hat sich mit dem Fernsehen fortgesetzt. Donald Trump ist mit seinen Tweets heute die extremste Weiterführung dieses Wandels. Er versucht, seine Volksnähe über ein Medium auszudrücken, das scheinbar ungefiltert seine Botschaften sendet, und über eine Sprache, die der aus der Kneipe näher ist als dem, was man sonst von Politikern gewöhnt ist.

Judith Görs: Im Buch gehen Sie auf Trumps inflationären Gebrauch des bestimmten Artikels "the" ein. Auch "very" sagt er achtmal öfter als andere Politiker. Was bezweckt er damit?

Schneider: Das sind zwei ganz unterschiedliche Prinzipien. Bei "the" geht es darum, dass er den Definitartikel in Kombination mit Gruppen benutzt. Es macht einen Unterschied, ob ich sage: "Moslems feiern kein Weihnachten" oder "Die Moslems feiern kein Weihnachten". Letzteres suggeriert viel stärker, dass es sich um eine homogene Gruppe handelt, zu der man selbst nicht gehört: Im Fall von "die Moslems" sind alle gleich. Sie sind die anderen. Trump macht das nicht nur häufig bei ethnischen Minderheiten (wie etwa "the Hispanics" oder "the African-Americans"), sondern er sagt auch "the Democrats". Was er aber selten sagt, ist "the Republicans". Er benutzt den Artikel also nicht zufällig. Dahinter steckt ein linguistisches System.

Eitelmann: Intensivierer wie "very" werden in der Regel eingesetzt, um eine Botschaft zu unterstreichen. Was Trumps Gebrauch des Wortes so ungewöhnlich macht, ist, dass er es mit quantifizierenden Adjektiven verwendet - zum Beispiel mit "many" für "very many people" - oder mit nicht steigerbaren Adjektiven: "dishonest" oder "true". Die Begriffe "unehrlich" und "wahr" kann ich eigentlich nicht noch weiter überhöhen. Dass Trump es trotzdem macht, zeigt die besondere Emotionalität seiner Sprache. Auch andere Intensivierer wie "totally" nutzt er gern zusammen mit negativen Adjektiven, um seine Haltung zu Personen oder Institutionen zu unterstreichen.

Judith Görs: Des Öfteren wurde Trump vorgeworfen, Menschen mit seiner Gut-Böse-Rhetorik zur Gewalt gegen Andersdenkende anzustacheln. Für wie gerechtfertigt halten Sie das?

Eitelmann: Dieses Abgrenzen in Gut und Böse, Schwarz und Weiß, erkennt man sehr deutlich in seiner Rhetorik. Das ist typisch populistisch: Trump betont den Gegensatz zwischen Elite und Volk, wobei er das sehr stark auf sich selbst bezieht. Er sei derjenige, der gegen die Elite kämpft - als Retter des Volks.

Schneider: Für Trump ist die Elite eine politische, keine finanzielle - denn der gehört er ja selbst an. Sie attackiert er nicht, sondern er verschafft ihr Steuererleichterungen. Und auch der Bildungselite steht er eher skeptisch gegenüber, gerade wenn es um Corona-Befunde geht. Dieses System ist aber durchlässig. Einzelne Journalisten, die er anfangs sehr positiv bewertet hat, brachten einen Bericht, der ihm nicht passte - und plötzlich bekamen sie einen negativen Spitznamen und wurden der Elite zugerechnet. Wer Freund und wer Feind ist, kann sich sehr schnell ändern.

Judith Görs: Trotzdem halten Sie Trump nicht für einen lupenreinen Populisten. Wieso nicht?

Schneider: Trump bedient sich zwar dieser standardrhetorischen Muster von einem klaren Gut und Böse. Er sagt zum Beispiel, dass dringendes Handeln erforderlich sei, um einen früheren, nicht näher benannten gloriosen Zustand wieder herzustellen. Aber er tut das alles nicht vordergründig für das Volk, sondern für den eigenen Wahlerfolg.

Judith Görs: Wenn Sie auf die aktuelle Wahlkampfphase schauen: Haben Sie den Eindruck, dass Trump seine Sprache noch einmal weiterentwickelt hat?

Eitelmann: Er bleibt eher bei seinen bewährten Strategien - und führt sie in neue Extreme. Diese starken Abgrenzungen, seine Spitznamen für Gegner, das Ablehnen von wissenschaftlichen Meinungen zugunsten des anekdotischen Erzählens sind immer noch seine Mittel der Wahl.

Judith Görs: Sie beschreiben ihn als Geschichtenerzähler.

Eitelmann: Das zeigt sich immer wieder im Diskurs um Umweltpolitik. Trump leugnet, dass es den Klimawandel gibt. Er diskreditiert sämtliche wissenschaftliche Befunde dazu und redet stattdessen darüber, was er mit eigenen Augen gesehen hat. Er sei zum Beispiel selbst in brennenden Wäldern gewesen und habe festgestellt, dass schlechtes Forstmanagement die Ursache für die Feuer war. Er verpackt das in nette Anekdoten und ersetzt damit die Wissenschaft in ihrem Elfenbeinturm.

Judith Görs: Was halten Sie davon, wie er seine Anhänger in der Corona-Pandemie anspricht? Er bezeichnet das Virus ja häufiger auch als "China Virus"...

Schneider: Neben der politischen Elite können "die anderen", von denen Trump sich abgrenzen will, natürlich auch Leute von außen sein. Das Coronavirus "China Virus" zu nennen, ist da nützlich. Das macht das Virus zu etwas fremdem, unamerikanischem. In Trumps Umgang mit der eigenen Corona-Erkrankung steckt auch ein interessantes Symbolbild: Als Führerfigur muss er sich einerseits als außergewöhnlich präsentieren, weil er gewählt werden will. Andererseits führt die starke Trennung zwischen Elite und Volk dazu, dass er gewöhnlich wirken muss, um nicht der falschen Seite zugerechnet zu werden. Trump präsentiert sich teils sogar als eine Art Inkarnation des Volkes. Sein physischer Körper steht quasi für das Volk. Nach seiner Corona-Infektion stellt er es in seinen Reden jetzt so dar, als habe er die Erkrankung mit minimalen Symptomen hinter sich gebracht und das bedeute für ganz Amerika: Es ist gar nicht so schlimm. Nach dem Motto: Wenn es mir gut geht, geht es allen anderen auch gut.

Judith Görs: Das erinnert ein bisschen an seinen Auftritt auf dem Balkon des Weißen Hauses, als er sichtlich nach Luft rang. Was sagt denn sein Körper, wenn Trump nichts mehr sagt?

Schneider: Als Linguisten schauen wir natürlich in erster Linie auf seine Wortwahl. Aber Trump spricht ja über seinen Körper - auch vor Corona schon. Die früheren Debatten um die Größe seiner Hände oder über seine Frisur wirkten zwar erst einmal lächerlich, aber sie passen in das Bild von seinem physischen Körper als Symbol für seine Politik: Wenn sein Körper schwach ist, ist auch seine Politik schwach. Er muss also argumentativ erreichen, dass er als stark empfunden wird. Deshalb lässt er sich auch auf diese Körperdiskussion ein.

Judith Görs: Und es hilft ihm dabei, nicht inhaltlich werden zu müssen.

Eitelmann: Inhaltliches ist nicht Trumps Stärke. Er argumentiert nicht sachlich oder empirisch. Von daher sind solche Debatten für ihn eher eine Steilvorlage, auf emotionale Themen überzuschwenken.


Aus: "Sprache entlarvt US-Präsidenten: "Trump sieht sich als Inkarnation des Volkes"" Mit Ulrike Schneider und Matthias Eitelmann sprach Judith Görs (Sonntag, 25. Oktober 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Trump-sieht-sich-als-Inkarnation-des-Volkes-article22120318.html