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Author Topic: [...über den Hang zum auditiven Abstumpfen]  (Read 3783 times)

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Textaris(txt*bot)

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[...über den Hang zum auditiven Abstumpfen]
« on: September 23, 2008, 11:27:38 AM »

Quote
[...] "So wie McLuhan die Erfindung des Buchdrucks als folgenschwere Beeinflussung der
Sprache und Kommunikation unseres Zeitalters verstand, so kann die Erfindung des
Phonographen und die daraus resultierte Massenfabrikation ›akustischer Ware‹ als
einschneidende Veränderung der auditiven Wahrnehmung gedeutet werden. Die heute
selbstverständliche Verfügbarkeit und Reproduzierbarkeit akustischer Medien und die
permanente, allgegenwärtige Beschallung von Musik ist Teil unseres Alltagslebens
geworden. Musik hat ihren ehemals vordergründigen Charakter zu Ungunsten eines
hintergründigen ›Nebenher‹ abgegeben. Sie wird funktionalisiert eingesetzt und [auch
aufgrund standardisierter Produktions- und Publiziertechniken] selten noch mit
ungeteilter Aufmerksamkeit beschenkt.
Eine solche Entwicklung hat Eric Satie - welcher als Vordenker der funktionalen Musik
und der Klanginstallation gilt - wohl kaum voraussehen können, als er 1917 seine
Musique d´Ameublement verfasste. Er dachte dabei an eine neue Form der Musik, die als
ständiger Teil des Mobiliars aufgefasst, beiläufig rezipiert werden sollte und „Teil der
Geräusche der Umgebung wäre, die ihnen Rechnung trüge(…) Sie würde den Lärm der
Messer und Gabeln mildern, ohne sie zu übertönen, ohne sich aufzudrängen(…)
Musique d´Ameublement(…) erfüllt dieselbe Rolle wie das Licht, die Wärme und der
komfort in jeder Form.“45 Dieses Konzept ist jedoch aus marktwirtschaftlichen Gründen
(man denke an die Muzak Corporation) mißbraucht worden, und so werden heute
unsere Ohren - und v.a. unsere Nerven - permanent penetriert. Eine solch beiläufige,
ohne besondere Aufmerksamkeit versehene Musik ist verdammt, sich selbst zu
assimilieren. Aus konzentriertem wird diffuses Hören. Was aber geschieht mit unserer
allgemeinen Wahrnehmung von Musik? Können wir noch aufmerksam zuhören?"

[...] Es gibt zahlreiche Untersuchungen und empirische Befunde über vermutete
Wir[r]kungen nebenbei gehörter Musik. So möchte man doch annehmen, daß wir im
Kaufhaus (Supermarkt, Friseursalon, Büro, Flughafen,…) wenigstens aus guten
Gründen dauerbeschallt werden. Leider kann bis heute kein wissenschaftlich evidenter
Beweis für Suggestionen der ›Kaufhausmusik‹ geliefert werden. Dennoch setzt man
weiterhin auf ›musikalische Umweltverschmutzung‹ und beschreibt sie [groteskerweise!]
als „Säulen, welche das Dach der Kommerzstimmung erzeugenden und/oder
verkaufsstimulierenden Wirkung tragen“.46
Unbezweifelbar und in einer Wettbewerbsgesellschaft unabdingbar sind
Aufmerksamkeitsmechanismen für Werbemacher, Konsumentenforscher und
Ladenbesitzer von elementarer Bedeutung. Gezielt wird unsere Aufmerksamkeit
manipuliert. Das funktioniert auf auditivem Weg ganz besonders gut, da unbewußt
Gehörtes stärker unser emotionales Denken anzusprechen vermag als unbewußt
Gesehenes.

[....] Schizophone Musik erhält durch ihre Omnipräsenz den Beigeschmack eines reinen
Zubehörs. Wenn wir beiläufiger, nicht-favorisierter Musik ausgesetzt sind, findet mit der
Zeit ein Gewöhnungsprozess statt, der zur Folge hat, daß wir ihr nur noch wenig
Beachtung schenken. Wir lernen, sie zu überhören.

[...] Folglich muß unser ›musikalisches
Erkennungssystem‹ zunehmend das Hörbare ignorieren, was zu einem generellen,
geistigen Ausblenden von Musik führen kann. Und das wiederum wirkt sich auch auf die
Intensität der Zuwendung auf ›freiwillig Gehörtes‹ aus.

[...] Oder: „Da die Welt nur durch das »Filter der Kulturindustrie geleitet« erfahrbar ist, sind
die Menschen unfähig, »mit eigenen Ohren Ungehörtes zu hören«, die als präparierte
nur Glück im Wiedererkennen und erfüllten Erwartungen finden.“50

[...] Die Musiklawine droht freie, musikalische attention zu verschütten. Die Mechanismen
der Aufmerksamkeit haben das ehemals ›knappe Gut Musik‹ ihrer quantitativen
Existenz entsprechend klassifiziert und eingestuft. Wir errinnern uns: ›bekannt und
unwichtig‹ dringt nicht oder nur wenig ins Bewußtsein. Was ständig tönt, schadet zwar
zunächst nicht, verliert aber seine explizite Bedeutung und wird austauschbar.
Von der Präsenz zur Penetranz sind es nur wenige, kurze Schritte. Mit jeder höheren
Stufe der Gewöhnung steigt unser Hang zum auditiven Abstumpfen. Die Schwelle zur
Aufmerksamkeits-Motivation verfliegt mit jeder Minute beiläufigen Hörens.
Achtsames, vordergründiges Hören scheint sich in der Diffusität des auditiven
Hintergrundes zu verlieren. So verschwindet die Musik zunehmend in den Kategorien
des Unbewußten und es gelingt ihr nicht mehr, den Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. Sie
wird entkräftet; nicht nur durch den Benutzer, sondern auch durch sich angleichende
Produktions- und Reproduktionstechniken. Daraus resultiert eine Verdrängung des
kollektiven Musikbewußtseins in den akustisch und funktionell diffusen Hintergrund.



[...]



• „Die unter ökonomischem Diktat perfektionierte Verführungskunst kämpft um unsere Aufmerksamkeit
und setzt dabei nahezu jedes Mittel ein, wenn es nur effektvoll ist: Betroffenheit und Geiz,
Nachdenklichkeit und Gier, Sehnsucht und Überdruss, Übermut und Angst - die Liste ließe sich erweitern
zu einer vollständigen Aufzählung aller Affekte, die uns - bewusst, unbewusst oder in komplizierten
Konstellationen der Halbbewusstheit - innerlich bewegen. Die Summe der vom modernen Marketing
evozierten Empfindungsweisen ergibt ebenso eine Enzyklopädie der Gegenwartspsychologie, wie dies im
Mittelalter die Lehre von den Sieben Todsünden des Thomas von Aquin getan hat. In beiden Fällen geht
es um die Erfassung unserer Empfindungsfähigkeit jenseits therapeutischer Ambitionen.“
Terror der Attraktionen, Thomas Pilz, 2004, S.2; in: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften.
No. 15/2003; www.inst.at/trans/15Nr/01_6/pilz15.html

• „One switches and is switched between states of awareness and unawareness. (…) If you have a
gradual attack and a slow release then you are not exactly sure when you ceased to be aware.“
VOX PER-SONARE. Ein Vortragsduett in acht Teilen, Anthony Moore/ Siegfried Zielinski, in: Medien/Stimmen,
Cornelia Epping-Jäger, Erika Linz (Hg.), 2003, S. 293

• „Die Tatsache, daß die Aufmerksamkeit kein bloßer Tummelplatz ist für Vorlieben, Interessen und
Einfällen und auch keine bloße Vorschule für ein Erkennen und Planen, das seinen eigenen Gesetzen folgt,
daß sie vielmehr einen Kampfplatz bildet, in dem vielerlei Kräfte aufeinanderstoßen(…).“
Phänomenologie der Aufmerksamkeit, Bernhard Waldenfels, 2004, S. 278f.

• „Wir sollten nicht nur in den Rückspiegel schauen, sondern auch durch die Windschutzscheibe.“
The medium is the message, Marshall McLuhan, 1969, S.128

• „Die Aufmerksamkeit besteht demnach in der Unterdrückung aller psychischer Fakten, die das Objekt
beeinträchtigen könnten, ist also wesensmäßig keineswegs positiv, sondern negativ.“
On Active Attention, F.H. Bradley, 1902, S.5; in: Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur, Jonathan
Crary, 2002; S. 302

• „Das Hören durchbricht bei seinem Stattfinden die Kontinuität eines undifferenzierten Wahrnehmungsfeldes
und ist zugleich ein Zeichen (das nächtlich erwartete und gehörte Geräusch), welches das Subjekt in
die Lage versetzt, auf etwas antworten zu müssen. Insofern liegt der Prototyp des Signifikanten im
akustischen Bereich, obwohl es Entsprechungen in anderen perzeptuellen Registern gibt.“
Fantasy and the Origins of Sexuality, J.-B. Pontalis, 1968, S.10; in: Crary, 2002, S.296

• „Vor der attraktiven Fassade des Neuen warnt auch Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation.
Zwar reize etwa "das unbekannte Wort durch seinen fremden, vornehmen und wohltönenden Klang" die
"Aufmerksamkeit", doch müsse der Rezipient sich hüten anzunehmen, "was so hoch töne, müsse auch
etwas hohes bedeuten".“
Zweierlei Aufmerksamkeit in Medien, Kunst und Politik, Niels Werber, 1998, in: www.telepolis.de

• „Die Weckung der Aufmerksamkeit bewegt sich also, medial betrachtet, zwischen den Extremen einer
schläfrigen Monotonie, wo nichts mehr auffällt, und der Überwachheit eines Schocks, wo etwas völlig
aus dem Rahmen fällt und uns fassungslos macht.“
Waldenfels, 2004, S. 130


• „Damit reiht sich der Technizismus ein in einen Normalisierungsprozess, der sich auf funktionierende
Ordnungen verläßt, ohne sie weiter zu befragen. Die Aufmerksamkeit wäre dann letzten Endes eine
Sache funktionsgerechter Programme. (...) Störungen und Störenfriede, die das normale Programm
unterbrechen, sind deshalb höchst ambivalent. Die technische Drosselung der Aufmerksamkeit führt zur
Einfriedung oder gar zur Einfrierung der Aufmerksamkeit, wenn sie sich einzig auf ihre Kräfte verläßt.“
ebd, S.126

• „Dazu gehören ferner die verschiedenen Künste, die durch Verformung, Verdichtung, Beschleunigung
oder Verlangsamung Gegeneffekte erzeugen und dazu beitragen, daß der gewohnte Blick und das
eingeübte Ohr nicht nur finden, was sie kennen oder suchen. In diesem Sinne sind Künstler als
Aufmerksamkeitsstörer zu betrachten, die für Unauffälliges empfänglich machen.“
ebd. S. 285

• „Wenn das Radio eingeschaltet ist, widmet sich der Hörer anderen Tätigkeiten wie Körperpflege (26
Minuten), Essen (45 Minuten), Autofahren (69 Minuten) oder Hausarbeit (127 Minuten).“
Untersuchung zu Radioprogrammen mit klassischer Musik: Darstellung, Nutzung, Vergleich und Akzeptanz, Martina
Bergler (Dissertation), 2001, S. 68

• „Der Anfang der siebziger Jahre einsetzende Ruf nach immer mehr »Neuem« verwechselte die
»Explosion der Innovationen« der Endsechziger Jahre (…) mit Eintags-Attitüden: »ex-und-hopp«, eine
Erwartungshaltung, der nicht nur Hörspiele innerhalb des flüchtigen Informations- und Konsummediums
seit jeher unterliegen.“
Spuren des neuen Hörspiels, Klaus Schöning, 1982, S. 47

• „Dieses „Nebenhertun“ prägt unseren Alltag inzwischen so selbstverständlich, dass es kaum mehr
auffällt. (…) Nie zuvor war es so augenfällig, dass der Mensch nicht nur ein tätiges, sondern auch ein
nebentätiges Wesen ist. Die Mehrfachtätigkeit wird zum Epochenmerkmal.“
Gleichzeitigkeit, Prof. Dr. Karlheinz A. Geißler in einem Vortrag des Kongresses des Deutschen
Arbeitskreises für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik am 3. Oktober 2003 in Berlin

• „Auf Dauer werden wir unsere Aufmerksamkeit durch Multitasking aber gewiss nicht stärken –
vielmehr verzetteln wir uns sprichwörtlich und schwächen unsere Konzentrationsfähigkeit“
Ernst Pöppel, Psychologie Heute, Heft 6/2000

• „Aufmerksamkeit ist mithin eine übergreifende, wenn auch letztlich an Individuen gebundene
Ressource, die, verstärkt und verallgemeinert durch Medien, jede Gesellschaft reguliert und
zusammenhält. Das ist um so mehr der Fall, je stärker deren postindustrieller Charakter ausgeprägt ist,
desto mehr sie also auf Erfassung, Verarbeitung und Herausgabe von Information basiert.
Aufmerksamkeit ist natürlich auch die Grundlage für die Warenproduktion in einer Gesellschaft, in der
mehr als das Notwendige zur Verfügung steht, in der es einen Markt und daher auch Optionen gibt.
Wenn die Möglichkeit der Entscheidung gegeben ist, geht es auch um die Präsentation, also um das
Ansprechen der Aufmerksamkeit oder um die "Prominenz" einer Ware, die sich dann erst in klingende
Münze umsetzen läßt. Jedes Medium buhlt um Aufmerksamkeit, sucht diese auf sich zu lenken und
aufrechtzuerhalten. Was am meisten Aufmerksamkeit auf sich zieht, egal ob dies wiederum ein Medium,
ein Mensch, ein Ereignis oder ein Gegenstand ist, ist auch am meisten wert oder wird am besten
verkauft.“
Aufmerksamkeit. Der Rohstoff der Informationsgesellschaft, Florian Rötzer, 1996, www.telepolis.de

• „Es ist daher auch nicht von ungefähr, wenn jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts, eine gewaltige
soziale Krise der subjektiven Desintegration unter anderem metaphorisch als ein Versagen der
“Aufmerksamkeit” diagnostiziert wird.”
Crary, 2002, S.13
31

• „Gianni Vattimo hat bemerkt, »daß die Intensivierung der kommunikativen Phänomene, das
Anwachsen des Informationsflusses … für den Modernisierungsprozess nicht nur einen Aspekt unter
anderen darstellt, sondern gewissermaßen dessen Zentrum und Bedeutung«.“
ebd., S. 23

• „Das Fehlen oder die Schwäche der Aufmerksamkeit führt also zunächst zu falschen Urtheilen über die
Welterscheinung, über die Eigenschaften der Dinge und ihrer Beziehungen zueinander. Das Bewußtsein
erlangt ein verzerrtes und verschwommenes Bild der Außenwelt… Die Gesittung, die Herrschaft über
die Naturkräfte sind einzig das Ergebniß der Aufmerksamkeit, alle Irrthümer, aller Aberglaube eine
Folge ihres Mangels.“
ebd. S.25

• „Das Verständlichste an der Sprache ist nicht das Wort selber, sondern Ton, Stärke, Modulation und
Tempo, mit der eine Reihe von Worten gesprochen wird. Die Musik hinter den Worte, die Leidenschaft
hinter der Musik. Die Person hinter dieser Leidenschaft, kurz, alles das, was nie geschrieben werden
kann.“ zitiert nach Nietsche;
in: „Sprich, damit ich dich sehe“, Reiner Unglaub, S. 109; in: Über das Hören, Thomas Vogel (Hg.)

• „Die Natur hat uns einen Mund und zwei Ohren gegeben, damit wir wissen, daß wir sehr viel mehr
hören sollen als sprechen.“
Hugo von Trimberg (frühes 14. Jd)

• „Automatische Prozesse in den Sinnesorganen und im Gehirn sorgen dafür, daß wir wie passive
Empfänger - wie ein Radio oder Fernsehapparat - ohne Möglichkeit eines aktiven Eingriffs oder einer
Kontrolle Phänomene der Außenwelt registrieren.“
Ernst Pöppel, 2000, S. 74

• „In der Tat muß das menschliche Gehirn einen ungeheuren Aufwand treiben, um aus der extrem
spärlichen Information, die vom Innenohr kommt, all die ungeheuren Details der auditorischen
Wahrnehmung zu erzeugen, die etwa beim Sprachverstehen oder bei der Musikwahrnehmung vorliegen.
Je »dürftiger« aber ein von der Peripherie kommendes Signal ist, desto mehr Aufwand müssen die
Gehirnzentren treiben, um diesen Signalen eine eindeutige Bedeutung zuzuweisen. Diese
Bedeutungstzweisung ist dann hochgradig erfahrungsabhängig.“
Gerhard Roth, 1997, S. 124f.

• „Im Vergleich zu anderen Sinnesbereichen der Gehörsinn von Halluzinationen am häufigsten
betroffen.“
Christian Müller (Hrsg.), 1973, Lexikon der Psychiatrie. S. 139

• „Der Inhalt eines Mediums ist mit dem saftigen Stück Fleisch vergleichbar, das der Einbrecher mit sich
führt, um die Aufmerksamkeit des Wachhundes abzulenken.“
Marshall McLuhan

• „Statt sich in eine Ecke zu verkriechen und darüber zu jammern, was die Medien mit uns anstellen,
sollte man zur Attacke blasen und ihnen direkt in die Elektroden treten.“
Marshall McLuhan


[...]


Aus: "Heterophone Aspekte auditiver Aufmerksamkeit" Von Volker Hennes (Datum ?)
Quelle: http://www.earesistible.de/texte/sweetcherries.pdf

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« Reply #1 on: September 21, 2021, 01:16:12 PM »

Quote
[...] (nmz) - Wenn das „Progressive“ zwar registriert aber abgelehnt wird – geschenkt, gehört dazu. Wenn es nicht verstanden wird – o.k., Ausweis eben seiner Fortschrittlichkeit. Wenn es attackiert wird und verfolgt: scheußlich, aber „irgendwie“ verständlich. Aber wenn das „Progressive“ als solches überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird und in einem öffentlichen Diskurs für seine „Daseinsberechtigung“ erst kämpfen muss unter der Rechtfertigung, doch eigentlich von großer gesellschaftlicher Relevanz zu sein und an diese Behauptung Forderungen anschließt, es seien ihm Schutzräume zu reservieren, um überhaupt wahrgenommen zu werden und in seiner gesellschaftlichen Bedeutung zur Geltung kommen zu können – da ist doch einiges zumindest „dumm“ gelaufen, wenn nicht sogar schief, grundschief.

Dumm gelaufen, das könnte die Überschrift für so viele gesellschaftliche Entwicklungen sein, der letzten Jahre: Finanzmärkte, Eurostabilität, Prekariat, Privatfernsehen. Es sind die Läufe der Dummheit, die sich da verkörpern. In dem eben erschienen Suhrkamp-Band: „Blödmaschinen – über die gesellschaftliche Fabrikation der Stupidität“ geben die Autoren Markus Metz und Georg Seeßlen berückende Einblicke in ein komplexes und dialektisches Kraftwerk von verblödenden Klugheitsmaschinen und klugen Verblödungsapparaten. Wobei das Bild der „Maschine“ und des Apparats steht für die Herstellung einer „automatisierten“ Bereitschaft  von Individuen, Gruppen oder Schichten, in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext sich (bereitwillig und unbemerkt) ein X für ein U vormachen zu lassen. Beispielsweise den „Nachrichten“ zu glauben, den Kapitalismus mit einem Naturgesetz zu verwechseln, „die“ Wissenschaft als Richtschnur für alle Lebenszusammenhänge zu akzeptieren, die „Ziehung der Lottozahlen“ mit den „Börsennachrichten“ gleich zu setzen (– und umgekehrt), oder ganz allgemein „Unbedeutendem“ „Bedeutung“ beizumessen, nur weil ein bestimmter Code der Kommunikation dies signalisiert.

... Was das alles mit der Situation Neuer Musik zu tun hat? Vielleicht mehr, als uns lieb ist. Denn ich befürchte, dass viele der vernünftigen Gründe, die uns bereitwillig Argumente suchen lassen auf die Frage „Wozu Neue Musik?“ im Kontext der herrschenden Kulturpolitischen „Blödmaschinen“ eben „dumm“ werden und möglicherweise dem Zweck mehr schaden als ihn befördern. Die herrschende kulturpolitische „Blödmaschine“ ist die Maschine, die kulturellen „Nutzen“ erwirtschaftet. Sie heißt mal Kreativwirtschaft, mal Musikförderung, sie heißt Kulturstiftung et cetera, sie argumentiert „vernünftig“, sie führt zu vernünftigen, sogar messbaren Ergebnissen („0,7 % der männlichen Bevölkerung unter 65 Jahren in Nordhessen können neun Wochen nach einer medialen Intervention im regionalen Fernsehen mit dem Begriff ‚Neue Musik‘ etwas anfangen“), letztlich macht sie Geist zu Geld, wer wollte das nicht?

Wäre das nicht endlich eine Verheißung, der Neuen Musik wieder zu gesellschaftlicher Wahrnehmbarkeit zu verhelfen? (Denn nur was „sein Geld wert ist“, gilt.) „Neue Musik“ existiert in der gesellschaftlichen Wahrnehmung nicht – nur innerhalb des Kreises der Menschen, die mit ihr befasst sind. Medial schwappt zufällig immer mal wieder etwas über den Rand, dort versickert es, vertrocknet, vergeht. Es geht ihr im öffentlichen Bewusstsein schlechter als der katholischen Kirche. Aber – ist es nicht immer noch so? –, messen die „Propagandisten“ der Neuen Musik, zu denen ich mich leidenschaftlich rechnen mag, messen „wir“ ihr nicht immer noch wenigstens einen kleinen Abglanz der „Bedeutung“ zu, den „die Kirche“ einmal besessen hat? Ja, ein „Heilsversprechen“, ein säkulares? War es nicht das, was die „Neue Musik“ groß gemacht hat, „geistig“ groß, obwohl sie immer (gesellschaftlich) klein blieb? War das nicht das Siegel ihrer Bedeutung? Dem Hörer Neuer Musik eine neue Art der Selbstbegegnung zu ermöglichen, jenseits der eingeübten emotionalen und intellektuellen Klischees? Ging es nicht (Geht es nicht?) um „neue“ Wahr-Nehmung (des Selbst, der Gesellschaft, der Welt)? Ist es deshalb nichts als vernünftig, nachhaltig, sozial und mehr als angemessen, die Nische „Neue Musik“ offen zu halten, ihr einen Platz zu sichern im Getümmel der Öffentlichkeit? Also den Fetisch Kreativwirtschaft, in Gottes oder Teufels Namen, zu bemühen, um Stadträten, Sponsoren oder wem auch immer einen „Nutzen“ plausibel erscheinen zu lassen? Spricht nicht alles dafür, uns der Rechtfertigungs-Rhetorik des „Marktes“ zu unterwerfen und uns des Köders (der Wahrheit?) des gesellschaftlichen „Nutzens“ zu bedienen, um – zu überleben?

Sicher. Aber was ist der Preis? Wenn „wir“ uns darauf einlassen, die „Nützlichkeit“ von Neuer Musik zu beweisen und argumentativ abzustützen – dann haben wir uns freiwillig in den „Verblödungszusammenhang“ des wirtschaftlichen Nutzendenkens begeben.

...

Nikolaus Brass, Mitglied im Vorstand der Münchner Gesellschaft für Neue Musik (MGNM)


Aus: "Neue Musik in der Rechtfertigungsfalle" Aus einem Artikel von Nikolaus Brass (10/2011 - 60. Jahrgang)
Quelle: https://www.nmz.de/artikel/neue-musik-in-der-rechtfertigungsfalle


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Quote
[...] Markus Metz und Georg Seeßlen analysieren die Mechanismen, mit denen Dummheit heute produziert wird, nebst den fatalen Strategien, mit denen die meisten Individuen sie "bewältigen" und dadurch noch verstärken. Wer sich der Dynamik der "Blöd-Maschinen" nicht blind oder - noch schlimmer - sehend ergeben möchte, muß ihre Strukturen begreifen. Nur so entsteht die Chance, sie zu zerschlagen.

...




Aus: "Blödmaschinen - Die Fabrikation der Stupidität" Metz, Seeßlen, 782 Seiten (Suhrkamp, erschienen am23.05.2011)
Quelle: https://www.kulturkaufhaus.de/de/detail/ISBN-9783518126097/Metz-Markus/Bl%C3%B6dmaschinen
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