Author Topic: [Zum Spannungsfeld der Musikindustrie... ]  (Read 73710 times)

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[Zum Spannungsfeld der Musikindustrie... ]
« Reply #105 on: October 10, 2017, 02:01:32 PM »
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[...] Prof. Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI), wird bei der im Herbst anstehenden turnusgemäßen Vorstandswahl nicht wieder antreten. ... Die Vorstände des BVMI dankten Dieter Gorny und würdigten sein langjähriges Engagement für die Musikindustrie: Frank Briegmann (President Central Europe Universal Music und Deutsche Grammophon): „Durch seine vielfältigen Kontakte in der Branche und auf politischer Ebene war Dieter Gorny ein idealer Mittelsmann zwischen uns und unseren politischen Stakeholdern ([Ein alle Aspekte des Begriffs „Stakeholder“ umfassender Ausdruck deutschen Ursprungs existiert in der Literatur nicht. Verwendete Näherungen sind Anspruchsträger oder Interessenten und Betroffene. Bei Projekten spricht man von Interessengruppen, interessierten Parteien, Anspruchsberechtigten oder Anspruchsgruppen.]). Wir wissen zu schätzen, dass wir diese Kompetenz zehn Jahre lang auf der Seite unserer Branche wussten.“

... Dieter Gorny ist geschäftsführender Direktor des European Centre for Creative Economy (ecce), Beauftragter für kreative und digitale Ökonomie im Bundeswirtschaftsministerium und Professor für Kultur- und Medienwissenschaft an der Fachhochschule Düsseldorf. Er ist Präsidiumsmitglied des Deutschen Musikrats, Vorsitzender des Bundesfachausschusses Musikwirtschaft und Aufsichtsratsvorsitzender der Initiative Musik. Zuvor gründete der studierte Kontrabassist und Komponist unter anderem den Musiksender VIVA, rief die Musikmesse Popkomm ins Leben und wurde 1997 für seine Verdienste um das deutsche Fernsehen mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.

... Der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) vertritt die Interessen von rund 250 Tonträgerherstellern und Musikunternehmen, die mehr als 80 Prozent des deutschen Musikmarkts repräsentieren. Der Verband setzt sich für die Anliegen der Musikindustrie in der deutschen und europäischen Politik ein und dient der Öffentlichkeit als zentraler Ansprechpartner zur Musikbranche. Neben der Ermittlung und Veröffentlichung von Marktstatistiken gehören branchennahe Dienstleistungen zum Portfolio des BVMI. Seit 1975 verleiht er die GOLD- und PLATIN-Awards an die erfolgreichsten Künstler in Deutschland, seit 2014 auch die DIAMOND-Awards und seit 1977 werden die Offiziellen Deutschen Charts im Auftrag des BVMI erhoben. Zur Orientierung der Verbraucher bei der Nutzung von Musik im Internet wurde 2013 die Initiative PLAYFAIR ins Leben gerufen. Das kulturelle Engagement des BVMI erfolgt unter dem Label der Deutschen Phono-Akademie: Jährlich werden herausragende Künstler mit dem Deutschen Musikpreis ECHO, dem ECHO KLASSIK und dem ECHO JAZZ ausgezeichnet.


Aus: "Dieter Gorny kandidiert nicht erneut für Vorstandsvorsitz des BVMI" (Berlin, 19.09.2017 (PresseBox))
Quelle: https://www.pressebox.de/inaktiv/bundesverband-musikindustrie-ev-berlin/Dieter-Gorny-kandidiert-nicht-erneut-fuer-Vorstandsvorsitz-des-BVMI/boxid/872279

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[...] Das große Comeback, das feiert die Branche insgesamt. Nach Jahren von Umsatzverlusten und Krisenstimmung glaubt die Musikindustrie, tragfähige Geschäftsmodelle gefunden zu haben. Noch immer wächst die Live-Auswertung: Immer mehr Festivals blühen auf, Tourneen werden länger, Konzertveranstalter professioneller. Zudem verdient die Branche inzwischen echtes Geld im Internet, denn Musik-Streaming im Abo erreicht endlich den Massenmarkt. Dazu kommen Verwertungsdeals um die Künstler – etwa Musik für Werbung, Sponsoring, Kooperationen in sozialen Medien.

Einer der Optimisten beim Kongress in Hamburg ist Ole Obermann. Der Digitalchef von Warner Music präsentierte dafür die passenden Zahlen: Der weltweite Umsatz seiner Branche schrumpfte seit 1999 im Schnitt jährlich um vier Prozent. Doch seit 2015 dreht der Trend – es stehen zwar ebenfalls vier Prozent in der Statistik, doch diesmal mit einem Plus als Vorzeichen. „Musik gehört endlich zu den Treibern des Umbruchs, nicht länger zu den Getriebenen“, sagte er. Für Obermann ist es das Streaming, das noch länger steigende Umsätze verspricht. Schließlich zahlen erst 130 Millionen Kunden weltweit für Abo-Dienste wie Spotify, Deezer und Apple Music. 1,5 Milliarden Menschen nutzen werbefinanzierte Angebote – und sind potenzielle zahlende Kunden. Gestützt wird der Trend durch neue Produkte wie Amazons intelligenten Lautsprecher. In Deutschland wuchs die Plattenindustrie laut ihrem Bundesverband 2016 um drei Prozent. Fast 40 Prozent des Umsatzes von 1,6 Milliarden Euro kamen aus dem Digitalgeschäft – vor allem aus dem Streaming.

... Die große Kommerzialisierung: Viele Independent-Labels und idealistischen Veranstalter kleinerer Festivals, die bei dem Reeperbahn-Kongress seit Jahren zahlreich vertreten sind, sehen die Entwicklung skeptisch. Einen Schock gab es vor zwei Jahren: Besonderen Argwohn erregte der Wechsel des Rock-am-Ring-Erfinders Marek Lieberbergs und seines Sohns Andre zum US-Livemusik-Konzern Live Nation. Deutschlands bekanntester Festival-Veranstalter verließ damals seine selbst gegründete Agentur, die er allerdings schon längst beim börsennotierten Veranstalter CTS Eventim untergebracht hatte. Seitdem spielt er im globalen Wettstreit mit: Live Nation und Konkurrent AEG liefern sich ein Rennen um die wirkmächtigsten Festivals und Exklusivverträge mit Künstlern. Kleinere Veranstalter fürchten, zugkräftige Künstler nicht mehr zu bekommen.

... Andre Lieberberg, seit 2016 Chef von Live Nation für den deutschsprachigen Raum, ging in Hamburg in die Charmeoffensive. Zwar habe es tatsächlich große Verunsicherung durch seinen Wechsel gegeben, aber: „Die Perspektive zwischen innen und außen differiert stark“, meinte er. Es gebe nun bessere Möglichkeiten etwa für Markenpartnerschaften und Sponsoring. Der Wechsel sei unumgänglich geworden, weil die internationale Vernetzung steige, ein mittelgroßer Spieler zwischen die ganz großen Konkurrenten geraten könne. „Das Musik-Business ist zyklisch. Konstant können wir nur wachsen, wenn wir neue Geschäftsfelder entwickeln“, sagte er. Durch den Wechsel zu Live Nation sei es nun möglich, deutlich Personal aufzustocken – etwa im Ticketing und im Sponsoring. „Wir haben eine aggressive Wachstumsstrategie“, sagte Lieberberg.

Lieberberg kündigte an, auch durch Übernahmen von Festivals wachsen zu wollen. „Wir wollen aber dabei die Veranstalter als Partner im Team behalten“, sagte er. Und beruhigte die anwesenden Konkurrenten: „Wir wollen nicht jedes Festival aufkaufen.“ Und: „Ich sehe nicht, dass wir eine Bedrohung für die Indies sind.“

Dabei hat Live Nation den Druck in Deutschland durch Neugründungen wie „Rock im Pott“ die Übernahme des US-Festivals „Lollapalooza“, das seit 2015 auch in Berlin stattfindet, deutlich erhöht.

... Als größeres Problem sahen die Veranstalter von kleineren Festivals steigende Kosten. So berichteten die Macher des mit wenigen Tausend Besuchern kleinen, aber renommierten Festivals in Haldern am Niederrhein von verdoppelten Sicherheitskosten seit der Loveparade-Tragödie. Dazu kommen Belastungen durch den Mindestlohn: Das Modell vieler meist kleinerer Festivals, durch freiwillige Helfer und sogenannte Praktikanten Geld zu sparen, gerät so in Gefahr. „Wir sehen einen kulturpolitischen Anschlag durch das Mindestlohngesetz“, wettere Branchen-Anwalt Christan Kuntze.

In Hamburg präsentiert sich die Branche allerdings hochlebendig. Über 25.000 erwartete Fans, 4000 Fachbesucher und 400 Journalisten sehen an vier Tagen immerhin 500 Konzerte.


Aus: "Die Musikindustrie feiert ihr Comeback" Christoph Kapalschinski (23.09.2017)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/reeperbahn-festival-die-musikindustrie-feiert-ihr-comeback/20367770.html
« Last Edit: May 22, 2018, 04:32:03 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Zum Spannungsfeld der Musikindustrie... ]
« Reply #106 on: November 28, 2017, 03:54:15 PM »
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[...]  Der traditionellen Aufteilung in Klassen stellt er ein hochdifferenziertes Modell entgegen, das geprägt ist von vier Kapitalarten: ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Vermögen. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem sogenannten Habitus zu. Bourdieu versteht darunter Gewohnheiten, Güter und Lebensstil, die jemanden als Angehörigen einer bestimmten sozialen Gruppe kennzeichnen. Doch sind diese feinen Unterschiede heute noch aufrechtzuerhalten, bzw. müssten sie nicht noch feiner werden? Die Möglichkeit der Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken beispielsweise stellt das Habitus-Konzept auf den Kopf; der hybride Konsument kauft sowohl in Billigläden als auch in hochpreisigen Märkten. Ging Bourdieu noch davon aus, dass der Erwerb kulturellen Kapitals sozialen Aufstieg bedeuten könnte, sprechen heutige Soziologen wie Oliver Nachtwey von Abstiegsgesellschaften.

... In der britischen Castingshow "Britain’s got talent" trat 2007 ein gewisser Paul Potts mit einer ungewöhnlichen Darbietung auf. Statt eines Pop- oder Rocksongs sang er die Arie "Nessun dorma" aus Puccinis Oper Turandot. Seine Interpretation ging nicht nur der Jury zu Herzen. Nach dem Gewinn des Wettbewerbs bekam der 1970 geborene Paul Potts einen Plattenvertrag und wurde innerhalb kürzester Zeit steinreich. Was zu seinem Aufstieg beitrug, war das spektakuläre Narrativ, dass sich rasch um seine Person bildete: Vater Busfahrer, Mutter Supermarktkassiererin, Sohn erobert die Hochkultur.

Für Paul Potts sozialen Aufstieg sorgte ein Urteil, dass von einem bestimmten Milieu erzeugt und von anderen reproduziert wurde. Es war weder geschmackssicher noch besonders differenziert. Professionelle Musikkritiker wiesen darauf hin, dass Paul Potts bei allem Mut, den er mit seinem Auftritt bewiesen hatte, ein eher mittelmäßiger Künstler sei. Während des Singens verbrauchte er zuviel Kraft, zudem sang er den Text falsch. Hinzu kam, dass er alles andere als ein kulturell unterbelichteter Underdog war: Er hatte ein Philosophiestudium und eine klassische Gesangausbildung absolviert.

Am Beispiel dieses britischen Shooting-Stars lassen sich die Kernpunkte einer der einflussreichsten soziologischen Theorien des 20. Jahrhunderts exemplifizieren: das Habitus-Konzept und das der hochkomplexen Differenzierungen, die der französische Philosoph und Soziologe Pierre Bourdieu entwickelte. Aus der Fülle der Veröffentlichungen des 1930 geborenen Bourdieu sticht vor allem ein 1979 erschienenes Buch heraus: Es trägt den Titel "Die feinen Unterschiede - Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft". Bis heute gilt es als Klassiker der Analyse und Beschreibung moderner Gesellschaften.

... Vier Kapitalsorten macht Bourdieu für die Aufteilung der Gesellschaft in Klassen aus: ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital und symbolisches Kapital, jeweils auch an Unterschiede in Geschmack und Lebensstil gebunden. Der springende Punkt ist dabei, dass diese unterschiedlichen Kapitalformen miteinander korrespondieren können.


... [ Neoliberalismus ] [ ] habe unvergleichbare Formen sozialen Elends hervorgerufen, die orchestriert würden von einem medialen Imperialismus, der die Zukurzgekommenen mit einer Dauerberieselung aus den Scheinwelten des Glamours und Konsums in Schach halte. Dass diese Erkenntnis nicht gerade der letzte Schrei der Kapitalismuskritik war, war Pierre Bourdieu durchaus bewusst. Schließlich hatte bereits die Kritische Theorie Max Horkheimers und Theodor W. Adornos von einer Kulturindustrie gesprochen, die die Welt zu einem ewigen Karnevalsfest erkläre. Pierre Bourdieu war jedoch einer der ersten Gesellschaftswissenschaftler, der die verheerende Rolle der europäischen Sozialdemokraten und Sozialisten beim Sieg des Neoliberalismus anprangerte und analysierte. In seinen letzten Lebensjahren argumentierte er in einer Reihe von Vorträgen und politischen Schriften gegen die politischen Initiatoren dieses Wandels: Lionel Jospin in Frankreich, Tony Blair in Großbritannien und Gerhard Schröder in Deutschland.

Die Sozialdemokratie Ende des 20.Jahrhunderts, so Pierre Bourdieu, habe ihre zeitweilige Übermacht und Vorherrschaft in Europa nicht dazu genutzt, eine wirkliche Alternative zu Kapitalismus und autoritärem Kommunismus aufzubauen. Vielmehr habe sie - und das gelte besonders für die Agenda 2010 der Schröder/Fischer Administration - einen sozialen Kahlschlag inszeniert, den selbst die marktförmigsten konservativen Politiker nicht intendiert hätten. Der Marsch der Gewerkschaften in die Bedeutungslosigkeit, der Fatalismus der Lohnabhängigen, der Absturz in die Armut sei das Werk derjenigen Parteien, die seit über 100 Jahren auf der Seite der Schwachen stünden.

"Nichts ist weniger unschuldig, als den Dingen ihren Lauf zu lassen", sagte Pierre Bourdieu einmal. Ein Architekt kommender Veränderungen war er nicht. Auf seiner Suche nach Gesetzen und Bewegungsabläufen innerhalb moderner Gesellschaften aber war Pierre Bourdieu brillant. Es wäre falsch, seine Theorie in die Mottenkiste der Ideengeschichte zu verfrachten. Denn sie lässt sich durchaus auch zur Beschreibung heutiger Verhältnisse heranziehen, so rasant diese sich auch geändert haben und auch noch ändern werden.


Aus: "Das Denken Pierre Bourdieus im 21. Jahrhundert - Noch feinere Unterschiede?" Michael Reitz (26.11.2017)
Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/das-denken-pierre-bourdieus-im-21-jahrhundert-noch-feinere.1184.de.html?dram:article_id=398990

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« Reply #107 on: November 30, 2017, 08:02:29 AM »
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[...]  erbarmungslose strukturelle Heiterkeit ...

Aus: "Deutscher wird's nicht" Heike-Melba Fendel (29. November 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2017-11/helene-fischer-deutscher-schlager-10nach8/komplettansicht

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« Reply #108 on: December 11, 2017, 12:03:52 PM »
Quote
[...] Taylor Swift ist in den USA in etwa das, was hierzulande bedauerlicherweise Helene Fischer ist – eine Erfolgsmaschine. Seit 2006 bringt sie pünktlich alle zwei Jahre, immer im Herbst, ein neues Album heraus und wird daraufhin mit Preisen beworfen. Ihr Rezept: Poliertes Zeug, peinlich genau sitzende Refrains, im Reinraum gefertigte Ohrwürmer. Eine Klangwelt wie eine Gummizelle: Wehr dich nicht, du entkommst sowieso nicht.

Selbst wer den hochsynthetischen Cyborg-Pop von „TayTay“ abstoßend finden will, springt auf den Beat irgendwann an, so, wie der Pawlow’sche Hund zu sabbern beginnt. Ihre säuselnde Stimme, aus der spätestens auf ihrem nun neuesten Album Reputation der letzte Rest Menschlichkeit digital herausgefiltert wurde, massakriert das Glückszentrum des Hörers erbarmungslos wie ein Vollrausch. Nach 55 Minuten ist auch der letzte Kritiker dem Bann der Sirene verfallen, hätte sich höchstens widersetzen können, indem er sich die Ohren wie Odysseus mit Wachs verschließt.

... Die Studenten-Bravo Neon jubilierte, Swift schreibe ihre Songs so „konkret“, dass man bei jedem überlegen müsse, an wen er gerichtet sei. Eine erstaunliche Neuinterpretation des Wortes. Denn wenn Swifts Cyborg-Pop eines nicht ist, dann konkret. ...


Aus: "Atemlos durch das Dach" Konstantin Nowotny (Ausgabe 47/2017)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/konstantin-nowotny/atemlos-durch-das-dach


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« Reply #109 on: December 31, 2017, 09:03:16 PM »
Quote
[...] Mit der digitalen Musikrevolution haben Playlisten und Best-of-Samples ihren Siegeszug angetreten, befreit vom Korsett der Alben und maßgeschneidert auf den Hörer und dessen Geschmack. Was nach Diversifikation en masse klingt, pflasterte für Köpke von popup-records den Weg ins Lyriksterben. „Es geht nur noch um Stimmungen, um musikalische Klangfarben, um ‚Moods‘. Texte stehen weit zurück hinter der musikalischen Grobwahrnehmung“, sagt er. „Da ist scheißegal, was für eine Band das ist – und noch scheißegaler, was die eigentlich singen.“ ... „Den Menschen gefällt, was sie gewohnt sind zu hören. Von daher gibt es da einen Verstärkungseffekt“, sagt Dahmen von der Popakademie Mannheim. ... Wenn es nach den Forschungsergebnissen von David Henard, Professor für Marketing an der North Carolina State University, geht, dann entdecken die Leute lyrisch seit Jahrzehnten immerzu das Gleiche. In seiner Studie von 2014 analysierten er und seine Kolleg*innen sämtliche amerikanische Chart-Spitzenreiter seit den 1950ern auf die am häufigsten auftretenden Worte. Wenig überraschend: Love, Baby, Man und Girl sind Dauergäste unter den Top Ten.  ... Henards Forschung zeigt: Für kommerziellen Erfolg gibt es wie bei einem Backrezept Standardzutaten. Das gilt besonders für Lyrics. „Je nach zeitgeschichtlichem Zusammenhang wird dann variiert. Das ist nichts Besonderes, das kennen wir auch vom TV-Krimi.“ Ähnliches entdeckte 2015 ein Team der University of Southern California um Joseph Nunes, nur ging es dabei um die Frequenz der Worte: Je häufiger sich Musiker wiederholen, desto wahrscheinlicher ranken sie oben in den Charts. ...



Aus: "Warum wir uns musikalisch am liebsten berieseln lassen" Tobias Landwehr (2017)
Quelle: https://ze.tt/warum-wir-uns-musikalisch-am-liebsten-berieseln-lassen/

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« Reply #110 on: January 03, 2018, 11:44:51 AM »
Quote
[...] Kommerzielle Hintergrundmusik füllt alle Gemeinschaftsräume aus. ... Man kann sich ihr nicht entziehen - und unterliegt dabei einer ständigen Seelen- und Gehirnwäsche, die nur ein Ziel verwirklicht: ästhetische Einstimmung in Konsumtraurigkeit - was wiederum nach mehr Berieselung verlangt. Wie sich dem Teufelskreis entziehen?

Ständige Radiomusik im Hintergrund füllt Supermärkte, Einkaufszentren, Kaffees, Bars, Fitnesscenter, Schwimmbäder, Geschäfte, Meetingräume, Hotelhallen, Frühstücksräume, Wellnesszentren, Amtsstuben der Verwaltung, öffentliche Schalterräume, Banken, Postaufgabestellen, Busse, Taxis, Arztwarteräume, Arztbehandlungsräume, Apotheken, ja die Vorräume von Erste-Hilfe-Einrichtungen in Spitälern und die Therapieräume Langzeitkranker. Ein ganzes System der Hintergrundberieselung hat sich etabliert - dem sich im Alltag kaum jemand entziehen kann.

Die Konsumgesellschaft hat sich im Prinzip der Hintergrundmusik einen kulturellen Überbau geschaffen, ohne dass dies von irgendjemand Bestimmtem ausgegangen wäre oder kontrolliert würde. Universale Hintergrundmusik ist die Metaphysik der Konsumgesellschaft: Sie scheint sich als technologischer Selbstläufer längst von jeder menschlichen Kontrolle emanzipiert zu haben und sich selbst fortzuschreiben.

Das Prinzip der Hintergrundmusik funktioniert weitgehend über das kommerzielle Radio. Es verlangt nach der Produktion von immer neuer Plastikmusik, der niemand zuhört, die aber jeder wahrnimmt - ja in der technologisch aufgerüsteten Gesellschaft wahrnehmen muss, wenn er überhaupt in die Öffentlichkeit geht. Denn Radio-Hintergrundmusik ist überall. Sie ist in alle Ritzen des nicht-privaten Raums eingedrungen, und sie ist dabei erstaunlich homogen. Ihre Wirkung ist eine ständige Seelen- und Gehirnwäsche im Halb- und Unterbewussten. Ihr Effekt ist in erster Linie seelische Gleichmachung, damit niemand aus dem Mainstream ausschert.

Dieses System transportiert letztlich nur eine Botschaft, die ebenso einfach wie effizient und tiefgehend ist. Hintergrund-Radiomusik wirkt als subtile Verstärkerin: als dauernde, unbewusste Stimulation zu sinnloser Traurigkeit an mir selbst. Das soll mich letztlich zum Konsum führen.

Die ständige Hintergrundberieselung hat nur eine Botschaft: Das Leben ist ebenso zärtlich wie sinnlos, ebenso weich wie weiß und leer, ebenso oberflächlich-emotional wie kitschig-unveränderlich. Alles ist nichts, gib auf, spür das Nichts an und in dir selbst als Ödnis. Dann gib dich hin, konsumiere, um etwas zu tun und die Traurigkeit loszuwerden.

Kaum ein Radiohit transportiert heute etwas anderes - schon gar nicht die Top50, die die meisten Radiosender mit wenigen Abwechslungen den ganzen Tag lang spielen, sodass man nach drei Stunden dasselbe Lied schon mindestens dreimal gehört hat. Die Künstler selbst, die diese Musik für das allgegenwärtige Musikradio schaffen, scheinen wie in einem Trance-System gefangen. Sie meinen, kreativ zu sein - und wiederholen hilflos eine seelische Konditionierung, der sie selbst unterliegen und die sie für alle anderen unaufhörlich erneuern - über Kulturen, Geschlechter und Generationen hinweg.

Das Medium ist hier endgültig zur Message geworden: Nicht was gespielt und gesungen wird, ist wesentlich, sondern dass es gespielt und gesungen wird als letztlich immer Gleiches. Niemand ist anders, alle sind gleich und ebenso traurig, hoffnungslos, gelangweilt und "neutral" wie alle anderen - und das ist eben das Leben. Auf der anderen Seite braucht in solcher Konstellation niemand etwas Eigentliches preiszugeben - weil ja ohnehin alles so ist, wie es ist. Das Wesentliche des Eigenen gibt es nicht. Es gilt zu füllen, nicht etwas auszudrücken.

Es ist das Prinzip der ständigen Wiederholung des Inhaltslosen: des sich im Kreisdrehens. Ist solcherart mit der Allpräsenz des Prinzips der Hintergrundmusik nicht das Ende der Geschichte tatsächlich in einer bestimmten Dimension unserer Gesellschaft Realität geworden?

Wie der Künstler Nick Cave einmal über das Wesen dieser Radio-Hintergrundmusik sagte: Man hat alles schon einmal gehört. Es ist wie ein Essen, das jemand schon einmal gegessen und wieder ausgekotzt hat, das dann jemand anderer aufgeleckt, wieder gegessen und wieder ausgekotzt hat. Und so weiter, und so weiter. Bis alle von der Speise gekostet haben - und darüber Brüder geworden sind: Brüder der Sinnlosigkeit, der Indifferenz, des kommerzialisierten Nichts.

Dieses Nichts schafft sich in der Konsumgesellschaft seine paradoxale kulturelle Identität. Kein anderer Ort in der Gesellschaft trieft so von beschworenen Idealen, Liebe und Trauer wie die Hintergrundplastikmusik - nur um diese durch die bloße Art dieser Beschwörung als Seitenaspekt des Konsums als ihr Gegenteil zu erweisen. Die unaufhörlichen Liebesbeschwörungen in der Hintergrundmusik meines Einkaufsvorgangs erweisen den Vorrang des Konsums vor dem Ideal.

Auf der anderen Seite schafft sich die Konsumgesellschaft im Prinzip der nicht ausschaltbaren, unvermeidlichen und allpräsenten Hintergrundmusik ihre kulturelle Konstanz und Kontinuität. Unterbewusst wird wahrgenommen: Die universale kommerzielle Hintergrundmusik ist das einzige, worauf man sich verlassen kann, dass sie immer da ist und immer so ist, wie sie ist. Sie ist der einzige Ort, wo die ewige Wiederkehr des Gleichen tatsächlich Realität ist - ausweglos, perspektivlos, seinslos, sinnlos. Und stets ansaugend an etwas innerlich Reales in mir selbst: den Todestrieb.

Hintergrundmusik, wie sie unterbewusst - und ständig zum Unterbewusstsein auffordernd - alle Räume ausfüllt, ist die Suspension, die Aufhebung der Zeit im Ewig-Immergleichen. Unter ihrem Einfluss nimmt das Nichts im Innern des Zeitgenossen die Gestalt einer eigenschaftslosen Kombination von Langeweile, Gleichheit und Dumpfheit an - immer selbstreferentiell und immer ohne Richtung. Und dabei vergeht die Zeit. Die Hintergrundmusik schlägt Zeit im Hintergrund tot, während ich sie im Vordergrund zu leben hätte.

... Je mehr die Plastik-Kommerzmusik im Hintergrund bleibt, desto stärker ihre Wirkung - und auch, je primitiver sie ist und je öfter sie wiederholt wird. Je mehr man sie verdrängt, desto stärker die Wiedererkennung. Je mehr man weghört, desto größer die Widerstandslosigkeit des Absinkens. Und je mehr man sie noch während des Hörens vergisst, desto weiter in das Innere reicht sie.

Perspektivloses dumpfes Fühlen wird von ihr unterbewusst ausgelöst. Da dieses Gefühl immer zum Schmerz neigt, reizt es zur Aktivität an, "um mir etwas Gutes zu tun" - wenn ich mich schon so sinnlos, traurig und öde fühle. Also konsumiere ich, um die Traurigkeit zu vergessen.

... Im Gegensatz zu landläufiger Meinung (und zum Unsinn des "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte") gilt: Weit tiefer als die Bilder geht das Hören. Das hat unter anderem Jacques Derrida in seinem Spätwerk gezeigt. Das unbewusste Hören steht heute im Dienst der Konsum-Traurigkeit. Damit hat die Populärmusik einen Zyklus, den sie in den 1950er und 1960er Jahren begann, abgeschlossen. War sie am Anfang eine künstlerische Rebellion gegen die Konsumgesellschaft und das Aufzeigen seelischer Alternativen, ist ihre Reintegration in das System des Konsummaterialismus nun endgültig und ohne Reste vollzogen. Populärmusik ist in der Form universaler Hintergrundmusik vom bewussten zum unbewussten Instrument geworden - und vom Akteur des Bewusstseins zu dem des Unterbewusstseins.

... Kommerzielle Hintergrundmusik kündet nicht nur in ihren Inhalten, sondern vielmehr durch ihre bloße Präsenz von diesem Nichts, droht ständig mit ihm, verwirklicht sich in ihm. Sie trichtert dieses Nichts als permanente Seelen- und Gehirnwäsche allen, die die Hintergrund-Radiomusikräume betreten, gnadenlos, unaufhörlich, mit maschineller Präzision ein.

... Doch warum entzieht sich niemand? Warum ertragen alle die Hintergrundmusikräume, ohne zu murren? Warum geben sich alle in diesen Räumen einfach seelisch auf? Oder haben sich Immunitäten entwickelt?

Niemand entzieht sich, weil man die Botschaft unterschiedlicher Lieder und Akteure der Musik-Industrie (die nicht zufällig so heißt) unterbewusst als ein und dieselbe Botschaft versteht - und zwar ganz zu Recht. Hintergrund-Radiomusik behauptet, dass es letztlich nur eine Botschaft gibt: die ewige Wiederkehr des Gleichen ohne Sinn. Und ein Schelm sei, wer Böses dabei denkt. Niemand lenkt hier im Hintergrund die "Gehirnwäsche": keine Verschwörung oder bestimmte Interessen. Sondern die Konsumgesellschaft hat sich ihren Gehirnwäschemodus gewissermaßen selbst geschaffen, und dieser Modus erschafft umgekehrt die gleiche Konsumgesellschaft andauernd neu. Die ewige Wiederkehr des Gleichen ist zur in tausend Liedern und Rhythmen variierten Selbstaffirmation der Konsumtraurigkeit geworden.

Dabei tut die Plastik-Hintergrundmusik viel mehr mit dem Menschlichen, als sie zugibt - vor allem bei jenen, die sie im Alltag schon gar nicht mehr bemerken. Gerade diejenigen, die - vielleicht berufsbedingt - in solchen Räumen leben müssen und sagen: "Ich höre das gar nicht mehr", hören es in Wirklichkeit am allermeisten.

... Die Hintergrund-Radiomusik ... geht viel tiefer, ... und erzeugt einen inneren Ohrwurm materialistischer Sinnlosigkeit. Dass die meisten Radiostationen wie erwähnt tagein, tagaus nur mehr die Top50 spielen, sodass man in drei Stunden Aufenthalt dasselbe Leid dreimal gehört hat, ist das Prinzip der Seelen- und Gehirnwäsche selbst. ... Hintergrundmusik ist die Kulturplage ständiger unterbewusster Seelen- und Gedankenwäsche.

... Es mag provokant wirken, aber für mich ist allpräsente Hintergrundmusik klar illiberale, ja autoritäre Musik. Sie lähmt schöpferische Kräfte herab und lässt Phantasie und Individualität keinen Raum. Stattdessen gleicht sie an und stimmt auf das scheinbar Unvermeidlich ein. Sie ist Selbstknebelung der freiheitlichen, offenen Gesellschaft an ihren Schatten, ihr Nichts: die Indifferenz.

...


Aus: "Hintergrundmusik" Roland Benedikter (02. Januar 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Hintergrundmusik-3929090.html?seite=all


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« Reply #111 on: January 04, 2018, 11:35:58 AM »
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[...] Ende Dezember hat sich der schwedische Musikstreaming-Anbieter Spotify bei der US-Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) registriert. Damit bereitet das Unternehmen einen Börsengang im ersten Quartal des neuen Jahres vor. Das berichtet Axios unter Berufung auf mehrere nicht genannte Quellen, auch die Financial Times und das Wall Street Journal schreiben über die Pläne Spotifys. Eine Bestätigung Spotifys gibt es ebenso wenig wie öffentlich einsehbare Unterlagen. Laut Axios werden die entsprechenden Dokumente noch unter Verschluss gehalten.

Außergewöhnlich an Spotifys Börsengang ist, dass das Unternehmen offenbar nicht plant, selbst eigene neuen Aktien feilzubieten (Initial Public Offering, IPO). Es werden also nur jene Aktien gehandelt werden können, die bestehende Aktionäre an der Börse anbieten. Das Unternehmen verzichtet damit zumindest vorerst auf das bei einem IPO auflaufende Kapital, spart aber Zeit und Aufwand sowie die Kosten, die mit einem IPO verbunden sind.

Zusätzlich spart Spotify Zinsen: Ein Teil der Kreditlast weist einen Zinsfuß auf, der alle sechs Monate um einen Prozentpunkt steigt, bis Spotify-Aktien an der Börse gehandelt werden können. Dann können die Gläubiger ihre Forderungen samt Zinsen in rabattierte Spotify-Aktien umtauschen. 90 Tage später dürfen sie diese Anteile wieder verkaufen, während bestehende Aktionäre, darunter auch Mitarbeiter, 180 Tage warten müssen.

Statt Spotify selbst werden also voraussichtlich Gläubiger eine namhafte Zahl an Aktien auf den Finanzmarkt bringen. Werden die Anteile erst einmal gehandelt, wird auch ihr realer Marktwert ersichtlich. Das erleichtert es dem Unternehmen, andere Firmen zu übernehmen und dabei mit eigenen Aktien zu bezahlen. Erst dann können die bisherigen Eigentümer der übernommenen Firma einschätzen, was Spotify-Aktien wert sind, und wie schnell sie zu Geld gemacht werden können.

Am 29. Dezember hat der Musikverlag Wixen eine Milliardenklage gegen Spotify eingebracht. Wixen erhebt darin den Vorwurf, Spotify habe mehr als 10.000 Lieder gestreamt, ohne Lizenzen von Komponisten und Textern erstanden zu haben. Offen ist, welchen Einfluss die Klage auf Spotifys Börsenpläne haben wird.




Aus: "Spotify strebt an die Börse, aber ohne IPO" Daniel AJ Sokolov (04.01.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Spotify-strebt-an-die-Boerse-aber-ohne-IPO-3932534.html

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« Reply #112 on: May 21, 2018, 02:04:32 PM »
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[...] Einst transportierte Pop Freiheitsversprechen. Die Musik sollte einen wegführen vom Starren und Begrenzten, hin zum Offenen. Bob Dylan, später dann Punk und, partiell, selbst noch Techno: Immer wurde behauptet, dass ein gutes, freies Leben möglich ist - als radikaler Eigensinn, als Negation, als weltverliebter Hedonismus. Misst man Pop nach wie vor an diesen Versprechen, zeugt der Erfolg von konservativen und rechten Pop-Ästhetiken, den der Kulturpublizist Georg Seeßlen in seinem neuen Buch "Is this the End" konstatiert, von einem großen Verlust.

Es sei nicht weniger als "eine Art Endkampf um die Hegemonie im Pop" entbrannt, schreibt Seeßlen. Gegeneinander treten an: die utopischen Restbestände, der Pop der neuen Rechten und der "Pop eines Mainstream, der mit Gewalt zur Indifferenz drängt und schon jetzt von nichts gewusst haben wird" - Letzterer wird in "Is this the End?" vor allem verkörpert durch Helene Fischer, neben dem Philosophen Antonio Gramsci die am häufigsten erwähnte Person dieses Buchs. Ein Lied wie "Atemlos" enthält laut Seeßlen kein Versprechen auf ein besseres Leben mehr, sondern erzählt davon, dass "man zugleich erotisch-abenteuerlich und bürgerlich-kontrolliert ('angepasst') sein kann".

Die Passagen, in denen Seeßlen den zunehmenden Erfolg einer rechten Pop-Ästhetik theoretisiert, gehören zu den klärendsten des Buches. Rechts heißt hier nicht "rechte Parolen" - sondern zuerst nur die komplett humorbefreite Feier des Bestehenden, die sich im Einklang mit der Herrschaft weiß.

Die zentralen Charakteristika des Pop werden in diesem Sinne besetzt und verwandelt. Das Versprechen auf Freiheit und Ungebundenheit scheint nicht mehr allzu glaubwürdig zu sein. In die Leerstelle rückt beispielsweise das Versprechen auf eine widerspruchsfreie nationale Identität. "Dass sich eine Gruppe wie Frei.Wild schon im Namen gleich zwei Begriffe unter den Nagel reißt, mit denen Rock'n'Roll einst magisch verbunden war, und dass sie diese Verbindung dann noch in einen heimatlich-völkischen Kontext rückt, könnte man als semantische Meisterleistung betrachten", schreibt Seeßlen. "Oder als Höhepunkt allgemeiner Verblödung, wie man es nimmt."

Der Erfolg von Frei.Wild hat ein Lebensgefühl zur Voraussetzung, das von der eigenen gefühlten Gängelung zehrt. Starre Identität als Antwort auf - na ja, auf was auch immer. Man weiß nicht so recht, worunter genau diese Leute leiden und ob überhaupt. Laut Seeßlen wiederum ist das Erstarken der Rechten das Symptom, der Neoliberalismus gleichsam der Endgegner - als die Form des Kapitalismus, die immer mehr Menschen in ständiger Unsicherheit hält und sie bis ins Innerste zu marktförmigen Subjekten formen möchte, statt nur schlicht ihre Arbeitskraft auszubeuten.

Zum Prekariat gehört nach Seeßlen in ökonomischer Hinsicht dann der freischaffende Popkritiker genauso wie die Bäckereiverkäuferin. Kulturell getrennt blieben sie, obwohl sie materiell in einer ähnlichen Lage sind. Unter anderem weil die eine, zum Beispiel, Helene Fischer und der andere zum Beispiel Animal Collective hört.

Eine Fragmentierung, die Beherrschbarkeit schafft: Das Prekariat definiert Seeßlen als "Klasse ohne Klassenbewusstsein, ohne Klassenstolz, ohne Klassenorganisation", eine Ansammlung von Individuen, die sich über kulturelle Vorlieben definiert - "die Erfüllung der feuchten Träume von Neoliberalen und Rechtspopulisten gleichermaßen". Man kann das Prekariat wesentlich leichter ausbeuten als Menschen, die sich miteinander über kulturelle Unterschiede hinweg solidarisieren.

So weit ist das alles nachvollziehbar. Nur wäre es erhellender, wenn diese Thesen argumentativ ausgeführt würden, anstatt vor allem gesetzt. Georg Seeßlen hat mit einer Vehemenz Sätze auf die Seiten gebrettert, die in der gern ironisch abgesicherten Popkritik nur selten zu finden ist. Die Familien heute sind "verunsicherte Scherbenhaufen", "wir amüsieren uns, indem wir die Welt töten", und in den "Bibi und Tina"-Filmen tropft "das Grauen der Indoktrination aus jeder Einstellung". Das erzeugt zuerst den Eindruck von Dringlichkeit, auf lange Strecke dann aber ein indifferentes Grundrauschen.

Einen ähnlichen Effekt kann die an manchen Stellen fehlende Sorgfalt haben, wenn es um Namen und Zitate geht. Beth Ditko heißt Beth Ditto, Yello Biafra nennt sich eigentlich Jello Biafra, und die Beatles wollten es "in the road" tun und nicht "on the streets". Wenn die Kleinigkeiten nicht stimmen, sind die großen Thesen vielleicht auch nicht durchgearbeitet.

Das mag stimmen, einerseits. Andererseits schreibt Seeßlen aber ohnehin in einer Weise, die gar nicht im engeren Sinne überzeugen will, sondern nach wirklicher Auseinandersetzung verlangt. Ein Angebot, Gedanken mitzudenken, die hier sozusagen ohne Geländer entfaltet werden. Verborgen hinter den kompromisslosen Sätzen wirkt eine Lust am dialektischen und das heißt hier eben auch am spielerischen Denken. Man läuft los, mit einem ganzen Ensemble von Widersprüchen im Gepäck, und schaut, wo man mit einer starken These ankommt, im besten Fall, ohne dass es sie aus der Kurve trägt.

"Is this the End?" ist so auch eine Aufforderung zur Repolitisierung des Nachdenkens über Popkultur. Ach, und zur Beantwortung der titelgebenden Frage: "Es gibt auch in der Popkultur und ihrer Geschichte keine Alternativlosigkeit", schreibt Seeßlen. Also nein: Das Ende ist noch nicht in Sicht.

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mucki007 heute, 11:17 Uhr

2. Nervig

Genau solche Artikel und Meinungen sind es, die heutzutage den Menschen auf die Nerven gehen. Kann ich denn nicht einfach mal Musik hören, egal welche Richtung, ohne alles gesellschaftskritisch zu hinterfragen? Einfach in der heutigen Zeit Spaß an irgendwas haben, ohne sich Gedanken über political Korrektness machen ?


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Das dazu heute, 11:30 Uhr

3. Wie sieht es im Hirn eines solchen Menschen nur aus?
Solch schräge Theorien, Argumente und Meinungen. Der Hr. Seeßlen sollte mal zu einem Doc gehen, wenn er hinter allem und jedem den Klassenkampf und die Unterdrückung vermutet. Man kann über Helene Fischer streiten, ist auch nicht meine Musik. Aber das sie die Aufgabe habe, den Menschen Zuversicht zu geben, ist extrem steil. Musiker wollen meit mit ihrer Musik die Menschen unterhalten. Und Geld verdienen. Beides schafft die Fischer gut. Mehr da rein zu interpretieren, ist krank.


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markrenton heute, 12:10 Uhr
4. ... alles andere ist nur Pop
Vor Jahren hat der ZDF in seiner Sendereihe History eine interessante Doku über deutschen Schlager (ca 1900 - 2009) herausgebracht, die sehr anschaulich das Wechselspiel zwischen Gesellschaft und Musik illustrierte. Wenn man diese Dynamik mit berücksichtigt, wird einem schnell klar wie kurzsichtig die hier dargestellten Beobachtungen sind. Schlager- und Popmusik lebt von einer hohen Verbreitung und guten Verkaufszahlen (daher MusikINDUSTRIE) dadurch kann sie auch zu einem identifikationsstiftenden Mittel werden: Die Musik der 60er, 70er, 80er und 90er war hedonistischer und freiheitssuchender, da die Leute einen Kontrast zu den noch vorherrschenden bürgerlichen Konventionen und den Schrecken des Kalten Krieges gesucht haben. Parallel dazu kann man sich auch die erfolgreichen Filme aus diesen Jahren ansehen, die sich analog entwickelten. Seit dem 11. September ist die Stimmung im Westen umgeschlagen und zusammen mit der Finanz- und Wirtschaftskrise, hat sich eine art Neo-Biedermeier entwickelt, wo sich ein Großteil der Bevölkerung nur noch Stabilität und Sicherheit wünscht. Siehe dazu die Renaissance der sogenannten preussischen Werte und Nostalgie nach den 80ern und 90ern. Hinzukommt, dass die Gesellschaft so wie die Eltern - die alten Rebellern der 60er, 70er und 80er Jahre, nur wenig Potential liefern, um sich dagegen aufzulehnen. Zu verständnisvoll. Da helfen nur noch griffe in deren Taboo-Kiste (Frei.Wild, Kollega... etc) Was Herr Seßleen geflissentlich übersieht ist die hoher diversifikation des Musikangebots: Noch nie war es so einfach eigene Musik zu veröffentlichen oder an unbekannte Künstler heranzukommen - Musik wird individueller und spezifischer. Das dies gegen den überholten Klassengedanken (Den Brecht'schen Arbeiter ist ein Fabeltier) von Herrn Seßleen geht, ist schade. Kurzum... Nein, es ist nicht das Ende. Nur eine Phase. Musik spiegelt die Gesellschaft und liefert wie der Tamborine Man nur das, was wir wollen:) Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, Auf jeden Winter folgt auch wieder ein Mai. Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, Erst geht der Hitler und dann auch die Partei.


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ericstrip heute, 12:29 Uhr

7.

... Subkulturen entstanden vor allem, um einen Halt in einer gleichgesinnten Gruppe zu finden und sich von den Eltern abzugrenzen. Es geht bei Musik um das persönliche Gefühlsmanagement, nicht um die Revolution.


...


Aus: "Eine Art Endkampf" Benjamin Moldenhauer (21.05.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/is-this-the-end-von-georg-seesslen-eine-art-endkampf-a-1205222.html

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[Zum Spannungsfeld der Musikindustrie... ]
« Reply #113 on: May 22, 2018, 09:30:49 AM »
Quote
[...] Der US-Kongress arbeitet an einer Gesetzesinitiative, mit der altgediente Musikkünstler und Tonträgerhersteller für ihre "wichtigen Beiträge zur Gesellschaft" belohnt und ihre Werke deutlich länger vergütet werden sollen. Laut dem Entwurf für einen "Compensating Legacy Artists for their Songs, Service, and Important Contributions to Society Act " werden digitale Übertragungen von Musik- und Tonaufnahmen, die zwischen 1923 und 1972 entstanden sind, bis 2067 urheberrechtlich geschützt. Das Copyright würde damit im Extremfall 144 Jahre lang gelten, während die Schutzfrist in den USA im Regelfall derzeit 95 Jahre beträgt, was im internationalen Vergleich bereits lang ist.

Mit dem "Classic Act", den das US-Abgeordnetenhaus jüngst bereits befürwortete, wären fast alle Einspielungen von Musikstücken aus der Zeit vor 1972 bei einer Wiedergabe etwa über das Internet länger als 95 Jahre geschützt und müssten entsprechend vergütet werden. Wer ein entsprechendes Werk etwa in ein kommerzielles Video, eine Audio-Dokumentation oder einen Podcast einbauen wollte, müsste dafür zahlen und den oder die Rechteinhaber ausfindig machen. Ein zentrales Verzeichnis der Urheber oder Produzenten beziehungsweise ihrer Erben gibt es gerade für derart alte Aufnahmen aber nicht, was die Betroffenen in der Praxis vor große Probleme stellen dürfte, da sie in den meisten Fällen die Einwilligung der Rechteinhaber für eine Wiedergabe einholen müssten.

Das Gesetz würde ferner alle einschlägigen Tonaufnahmen von verbrieften Nutzerrechten etwa für Bildungszwecke ausnehmen sowie in vielen US-Staaten zunächst ein neues Recht für digitale öffentliche Aufführungen und Musikeinspielungen schaffen. Zudem würden sich die USA mit der umfangreichen Schutzdauerausweitung vom Rest der Welt abkoppeln. So war in der EU die entsprechende Frist für Musikkünstler und die Plattenindustrie zuletzt 2009 von 50 auf 70 Jahre ausgedehnt worden. Die EU-Kommission konnte sich dabei nicht mit ihrem Vorschlag durchsetzen, die Urheberrechtsgeltung auf 95 Jahre nach US-Vorbild zu verlängern.

Glaubt man europäischen Sachverständigen, ist das Copyright mit derlei Schritten längst "vollkommen aus dem Ruder gelaufen". Auch in den USA wächst nun der Protest gegen das neue, zunächst weitgehend von der Öffentlichkeit unbemerkt vorangetriebene Unterfangen. So haben in dieser Woche 42 Rechtsgelehrte einen Brandbrief an die zuständigen Politiker im US-Senat geschrieben, wo der Entwurf als nächstes behandelt werden soll. Sie warnen darin, dass der "Classic Act" mit den eigentlichen Copyright-Zielen unvereinbar und insgesamt unverhältnismäßig sei. Anreize, neue Werke zu schaffen, würden damit nicht geschaffen, sondern allein bestehende Rechteinhaber belohnt. Das mit nichts zu rechtfertigende Vorhaben dürfte ihrer Ansicht nach parallel "schädliche Auswirkungen auf die Öffentlichkeit" entfalten.

Zu den Unterzeichnern des Schreibens gehört der Harvard-Rechtsprofessor Lawrence "Larry" Lessig, der seit Langem gegen die Auswüchse des Copyright-Systems kämpft und als Alternative das "Creative Commons"-Modell mit ausgeweiteten Nutzerprivilegien ins Leben gerufen hat. In einem Meinungsbeitrag für "Wired" erinnert der Experte daran, dass der Kongress just vor knapp 20 Jahren mit dem "Sonny Bono Act" die allgemeine Copyright-Schutzdauer um 20 Jahre erweitert habe. Mit der elften einschlägigen Ausdehnung innerhalb von 40 Jahren habe der US-Gesetzgeber dafür gesorgt, dass berühmte Werke einschließlich der Disney-Schöpfung Micky Maus nicht in die "Public Domain" wanderten und damit frei nutzbar gewesen wären.

Lessig hatte damals Eric Eldred, den Betreiber eines Internetarchivs, bei einer Verfassungsbeschwerde gegen das Gesetz unterstützt. Der Supreme Court wies die Klage 2003 aber zurück. Dabei ließ das oberste US-Gericht jedoch durchblicken, dass es davon ausgehe, dass die 95-jährige Copyright-Frist nun ausreiche. Weit gefehlt, interpretiert Lessig die neue Initiative. Käme dieses bedingungslose, nicht einmal eine Anspruchsanmeldung erfordernde "Geschenk" an alte Schöpfer und Produzenten im Musiksektor auch durch den Senat, sei davon auszugehen, dass sämtliche Rechteinhaber für alle Werkkategorien gleiche Bedingungen einforderten. Mit dem Ansatz aus der Verfassung, dass das Copyright "Fortschritt fördern" solle, habe dies absolut nichts mehr zu tun. (Stefan Krempl) / (bme)

Quote
     Danny Schneider, 21.05.2018 00:16


all diese Gesetze kranken an einem entscheidenden Punkt...

kommt der Rechteinhaber zu dem Schluß, das das Verwerten der Rechte nicht rentabel genug ist, dann verschwindet die Kunst im Nirwana...
klar gibts das Bach Konzert X nicht mehr von Orchester Y zu kaufen, gibt es noch 100erte alternativen im Handel.
Aber bei kleinen Gruppen ist das anders. ich habe mal die CD's von Count Raven >15Jahre gejagt, bis zum Glück ein kleines Label die noch mal aufgelegt hat. Zuvor gab es maximal schlechte gebrauchte, zu knackigen Preisen. Und so hab ich noch mehr Kandidaten in der Sammlung.
Das RECHT etwas verwerten zu dürfen müsste die Pflicht beinhalten zu verwerten und zwar zu fairen Preisen.
wird ein Recht nicht genutzt, sollten die Werke sagen wir nach spätestens 5 Jahren an die Allgemeinheit fallen.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (21.05.2018 00:18).


Quote
     Fusionsramme, 20.05.2018 15:01

... Werke für 3-4 Generationen einer freien Nutzung und Bearbeitung zu entziehen, ist vollständiger Irrsinn und giergetriebene Lobbypolitik. Ebensogut kann man das Gesetz "Money for Nothing"-Bill nennen. ...


Quote
     Alita, 19.05.2018 22:05

Ich gratuliere allen 200-jährigen, dass sie bis zum Ende von ihren Jugendwerken leben können.


Quote
     vitvit, 19.05.2018 18:59

Ist das krank!


...



Aus: "US-Kongress erwägt Copyright-Verlängerung auf bis zu 144 Jahre" (19.05.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/US-Kongress-erwaegt-Copyright-Verlaengerung-auf-bis-zu-144-Jahre-4052607.html

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[Zum Spannungsfeld der Musikindustrie... ]
« Reply #114 on: July 30, 2018, 12:30:50 PM »
Quote
[...] Wie eine aktuelle, vom Streamingdienst Deezer in Auftrag gegebene großflächige Studie belegt, hört der Mensch zudem ungefähr mit 30 Jahren auf, neue Musik zu hören. Das mag mit den Lebensumständen, etwa der Gründung einer Familie, zu tun haben. Allerdings ist es ebenso möglich, dass dies aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus geschieht und auf dem dumpfen Gefühl beruht, alles schon erlebt zu haben.
 ... Die diversen Spielarten von Metal sorgen neben Schlager und Volksmusik für Kontinuität auf dem Markt. ... Seit Mitte der 1980er-Jahre existiert in diesem Zusammenhang also Metal als wertkonservative beziehungsweise fundamentalistische Angelegenheit. Betrachtenswert hier auch der dem Ethos des Handwerkertums entliehene Begriff des "True Metal", der die Jünger auf Kurs halten soll. Geprägt von der definitiv nicht von Einflüssen der Moderne und jüngeren zivilisatorischen Errungenschaften beschädigten US-Band Manowar ("Death to false metal!") setzt man auf die guten alten Zeiten und angesichts aktueller Bedrohungen im Leben auf den sicheren Rückzug in "safe spaces" für Männer, wie sie heute Gott sei Dank nicht mehr als Standardausführung gebaut werden. ... Man wird sich davon etwa auch in Wien bei den britischen Heavy-Metal-Veteranen Judas Priest oder deren Vorprogramm, den deutschen True-Metallern Accept überzeugen können: Wahrer Metal bedeutet nicht nur Handwerk mit goldenem Boden. Er bedeutet auch: Stillstand ist besser als Veränderung.  ...

Quote
Mark Syl

und es stimmt überhaupt nicht. gerade metal ist derartig vielschichtig und entwickelt sich permanent weiter. hier wird derartig viel experimentiert, es gibt unzählige genres, die einfach herausragend innovative bands rausbringen... selten so einen schmafu gelesen. mit dieser superlächerlichen arroganz


Quote
Titeuf

Um die 30 entscheidet sich halt, ob man Musikliebhaber ist, oder nur einen Soundtrack zum Leben(sgefühl) brauchte. In ersterem Fall hört man nie auf neugierig zu sein und genießt diesen speziellen Kick, wenn sich im Inneren ein Schalter umlegt und sich einem (wieder) eine ganz neue Musikwelt öffnet. In zweiterem Fall geht's halt vorrangig um Erinnerungen und darum sich wieder wie in der Jugend zu fühlen.


Quote
tnt

Solange es Metal gibt, braucht der Mensch nix anderes...
Was soll denn auch die Alternative sein? ...


Quote
Heísenberg

Manowars
Selbstinszenierung als Unikat und Verfechter der "wahren" Metalmusik ist eigentlich ziemlich clever. Sie kokettiert mit der genuinen Vielfalt an Subgenres innerhalb des Metal-Spektrums und treibt das kulturelle Selbstverständnis der Szene als soziogene Entität, die sich in individualistischer Abgrenzung zum Mainstream versteht, in satirischer Überhöhung auf seine Spitze. Eine bewusst kantige und geschickte Provokation, die bei ihren Anhängern eine beinahe schon sektenartige Verehrung entstehen lässt, gleichermaßen aber all jene abstößt, die den artifiziellen Selbstkult der Band als übertriebene Selbstgefälligkeit und Präpotenz missverstehen.


Quote
Stephen Morrissey

Alles über einen kamm geschoren, ein echter schachinger! ...


Quote
Prof.Dr.Tyler Durden

Wieso? - Ältere Herren im Leopardentanga sind doch voll True Metal ;). Fighting the World


Quote
Happy Monday

Ich glaube, Metal mögen hierzulande so viele, weil es irgendwie ein Rückzugsort für weiße Männer ist: da fordert niemand Gender-Quoten, da beschwert sich niemand über fehlende Diversität. Ganz wie früher ;)


Quote
barsimga

pff... Manowarfans und ihr TrueMetal-Geschwurbel ist mir ja das liebste. Manowar ist ja eigentlich Schlager mit verzerrten Gitarren:
Einfache Strukturen
Lieder zum Mitsingen
Quasi nur ein Thema: brüderliche Liebe
eine Prise Sexismus

...und sich selbst als Hüter des wahren Metals aufspielen


Quote
Der große General

Manowar hat deutlich mehr mit Richard Wagner und klassischer Musik gemein, als mit irgendwelchen Schlagern. Siehe "Gods of War".


Quote
Eine Prise Skepsis

Manowar als Vorreiter des Metals zu bezeichnen ist halt auch bisserl suspekt. Die haben ihre Nische gefunden und reiten ihr Gimmick bis in den Abgrund. Wer deren Geschwafel zu 100% ernst nimmt, dem ist nicht zu helfen. Aufs Konzert bin ich trotzdem gern gegangen, weils einfach ein geiles Erlebnis war. Und ich geh wieder hin. ...
   

Quote
af04404d-581b-468c-a140-3f56ac3a350a

Das mit der leicht konservativen Ausrichtung der Metaller stimmt sicher. Wenn heute einer mit einem Master of Puppets T-Shirt herumläuft ist das schon fast ein Bekenntnis zu klassischer Musik. ...


Quote
Hosenträgerträger

Witztig… Ich packe grad für Wacken.


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fandessportsingrossemstile

Jede Musikrichtung sollte seine Berechtigung haben
Aber Metal ist schon mächtig geil


...


Aus: "Wie "True Metal" für Kontinuität auf dem Musikmarkt sorgt" Christian Schachinger (28. Juli 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000084269896/Wie-True-Metal-fuerKontinuitaet-auf-dem-Musikmarkt-sorgt

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« Reply #115 on: August 07, 2018, 05:25:46 PM »
Quote
[...] Britney Spears ist wieder auf Tour und verbrennt öffentlich Kalorien. ... Gestern Abend in Berlin hatte Spears nichts zu sagen oder zu singen. Sie bewegte ja nicht einmal die Lippen ordentlich zum Playback. Die Botschaft, die darin steckte, war stärker als der ganze Wirbel aus Laser, Tanz und Bühnenbild, in dem sie immer wieder verloren ging. Als Sprachrohr steht Britney Spears nicht mehr zur Verfügung.

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IchBinKeinNazi #8

Britney verdient ein Bildungsroman.


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Si.tacuisses #8.1

Und Sie verdienen einen Akkusativ.


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bauerhans #16

Sie ist ein gesamtkunstwerk,aber davon verstehen sie nix.


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Ossilant #26

Hatte Britney je etwas zu sagen?
War sie je ein Sprachrohr?

Vor 20 Jahren war sie ein Popsternchen, ziemlich erfolgreich, besser als ihre Konkurrentinnen Christina Aguilera oder Mandy Moore. Harmlose Popstückchen mit großem Hitcharakter, das, was 9 jährige Mädels so hören, die gerne mit ihrer Mutti shoppen gehen und sich ein Pony wünschen.

Britney hatte das Pech schlimme Eltern zu haben, die an ihr zu gut verdient haben, dass sie sie geopfert haben. An die Unterhaltungsindustrie.

Lasst Britney auftreten und die Leute ihr beim tänzeln zugucken. Sie tut keinem weh.


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batou2 #29

"Man fragt sich, wie sie zur quasi-feministischen Ermächtigungsikone werden konnte."

Wer fragt sich das?


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Der Quotenwagnerianer #33

Wieso kann es eigentlich nicht auch ein feministisches Statement sein sich die Freiheit zu nehmen halbnackt mit dem Arsch zu wackeln und die feuchten Träume von Männern zu bedienen?
Das ist auch Macht.


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MrMonk #36

Wenn ich mich dunkel an die Zeit erinnere, dann richtete sich das Marketing hauptsächlich an Mädchen in ihrer Altersgruppe, die dann tagelang mit ihren Freundinnen diverse Tanzeinlagen im Kinderzimmer analysierten und nachahmten, um sie dann beim nächsten Schulfest Freunden und Verwandten stolz vorzuführen. Ihre Konzerte dürften von der gleichen Klientel besucht worden sein, sieht man einmal von den Eltern ab, die chauffieren mussten.

Dazu kam ja dieses ständige Hervorheben in den Medien, dass frau noch Jungfrau sei. Schließlich wollte man sich ja seine vom Mickey Mouse Club herübergeholten Fans und ihre Eltern nicht verschrecken. Christina Aguilera, die ja zur gleichen Zeit populär wurde, setzte da sehr offen auf ein ganz anderes Image und wurde wohl auch deshalb nur Zweite, was den kommerziellen Erfolg angeht.

Als man dieses "kultivierte Bild eines keuschen Vorzeigemädchens kurz vor der sexuellen Erweckung" nun wirklich niemandem mehr verkaufen konnte, war der Ofen aus, und alle Versuche eines Neuanfangs vor vorneherein gescheitert. Was sollte da auch woher kommen? Nirgends wurde das besser sichtbar als bei ihrer Version von "I Love Rock 'N' Roll". Wie armselig und traurig zugleich!

Und zum "Feminismus" in diesem Zusammenhang hat Susan J. Douglas in "The Rise of Enlightened Sexism: How Pop Culture Took Us From Girl Power to Girls Gone Wild" eh schon alles Wichtige gesagt.


Quote
Dolodobendan #40

Ich hatte Britney Spears eigentlich so eingeschätzt, dass sie eben das sagt und singt, was ihr Management und ihre Songschreiber sie sagen und singen lassen. Hübsche Melodien, ein bisschen frecher Text, aber sie ist doch nie eine Künstlerin mit eigener Botschaft gewesen...jedenfalls in meiner Wahrnehmung. Kann es sein, dass die Ikonisierung nur in der Presse stattfand?


...



Aus: "Nichts zu sagen, nichts zu singen" Eine Rezension von Daniel Gerhardt, Berlin (7. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/musik/2018-08/britney-spears-karriere-konzert-berlin/komplettansicht

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[Zum Spannungsfeld der Musikindustrie... ]
« Reply #116 on: September 26, 2018, 09:45:54 AM »
Quote
[...] Die Analysten im Datencenter in Kalifornien können ermitteln, welcher Song in welcher Stadt zu einer bestimmten Uhrzeit nachgefragt wird; sie können in Echtzeit feststellen, ob ein Stück das Potenzial hat, ein Hit zu werden. Das Problem, das die Musikindustrie jahrzehntelang nicht lösen konnte, scheint Shazam überwunden zu haben: mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit vorauszusagen, welches Stück ein Hit wird.

... In einem Konferenzzimmer des US-Hauptbüros von Shazam in Midtown Manhattan sitzt der Chef Rich Riley, 41. Offenes Hemd, Jeans, ein Lächeln wie in der Werbung. An den Wänden goldene Schallplatten: „Most Shazamed Artist 2011 – Rihanna“. Solche Auszeichnungen sind inzwischen fast so begehrt wie richtige Goldene Schallplatten. „Fast 600 Millionen Menschen haben unsere App auf ihre Telefone geladen, und mehr als hundert Millionen benutzen sie monatlich. Das ist ein riesiges Kapital“, sagt Riley. Zwei Charakteristika machten die Daten so wertvoll: „Es sind fast ausschließlich positive Rückmeldungen, denn wer einen Song shazamt, der mag dieses Stück. Und sie sind hyperlocal. Das heißt, ich kann sie geografisch bis auf ein Stadtviertel runterbrechen.“

Musiker und Labels, Konzertveranstalter und Werber sind verrückt nach diesen Informationen.

... Im Februar 2014 kündigte die Firma eine strategische Allianz mit Warner Music an, denn in Zukunft will Riley auch selber Musik produzieren. „So können wir unser Datenkapital effektiver nutzen.“ Man hat aus dem Fall der Neuseeländerin Lorde gelernt: Bevor sie 2013 einen Vertrag bei Republic Records unterschrieb, wusste bei Shazam jeder, dass sie Erfolg haben würde. So extrem waren die Suchanfragen nach ihren Songs in Auckland und Wellington und kurz darauf in Melbourne und Sydney in die Höhe geschossen.

Der „Shazam-Effekt“, wie der Einsatz von Big Data in der Musikindustrie genannt wird, verändert diese rasant und radikal. Noch 2011 spielten Daten in der Branche eine untergeordnete Rolle, heute fällt keine Entscheidung mehr ohne sie. Besonders das Berufsbild des Talentsuchers beziehungsweise Artist & Repertoire (A&R) Managers hat sich gewandelt. Früher verbrachten die Leute, die dafür zuständig sind, neue Künstler zu entdecken, die meiste Zeit in Clubs. Im Jahr 2015 sitzen sie vor Monitoren.

... Sam Pucci trägt den Titel Intelligence Architect, ist seit den Anfängen dabei und sagt: „Die Daten zu sammeln ist nicht schwer. Aber es gibt zwei Probleme: den Wust zu ordnen, zugänglich zu machen und herauszufiltern, welche Daten wirklich Aufschlüsse liefern. Ein Erfahrungswert ist zum Beispiel, dass Likes auf Facebook sehr viel weniger aussagekräftig sind als Anfragen bei Wikipedia oder Shazam.“ Die Arbeit hier unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der bei der NSA, nur scheint NBS deutlich intelligentere Systeme zu entwickeln, um die entscheidenden Daten von den wertlosen zu trennen.

Noch vor ein paar Jahren benutzten Musiklabels zur Datenanalyse eine Methode aus dem vorigen Jahrhundert. Praktikanten filzten Websites und notierten die Zahlen für die jeweiligen Künstler. „Inzwischen arbeiten fast alle großen Player von Sony bis Instagram mit uns zusammen oder entwickeln ihre eigenen Big-Data-Abteilungen“, sagt Pucci. „Es ist ein gigantischer Informationsaustausch. Wir stellen unsere Daten gegen eine Gebühr zur Verfügung, und unsere Kunden wiederum haben ein Interesse daran, dass wir ihre Daten bekommen, damit wir ihnen ein komplettes Bild liefern können.“

... Mit dem Musikmagazin »Billboard« veröffentlicht Next Big Sound eine Social-50-Liste mit Musikern, die in sozialen Netzen am gefragtesten sind (seit Monaten fast immer auf Platz eins: Taylor Swift); in den Next-Big-Sound-Charts tauchen die Künstler auf, die laut den Algorithmen der Firma die größten Chancen auf kommerziellen Erfolg haben. Anfang Mai lag der Bluegrass-Sänger Chris Stapleton vorn.

... Bevor die digitale Revolution die Branche in eine Existenzkrise stürzte, war die Musikindustrie für zweierlei bekannt: rauschende Partys und ahnungslose Manager. Wie soll man wissen, bei welchem Künstler sich teures Marketing lohnt, wenn alle Entscheidungen auf dem Bauchgefühl einiger reicher Männer in Los Angeles und New York beruhen? Also manipulierten die Labels oft ihr wichtigstes Marketing-Instrument, die Billboard Hot 100.

Bis 1991 basierten die Charts auf offenbar frisierten Händlerbefragungen. Nachdem ab 1991 die tatsächlichen Verkäufe in die Charts einflossen, tauchten plötzlich Richtungen auf, die zuvor kaum vertreten waren, zum Beispiel Hip-Hop oder Country.

... Die Musikindustrie kannte also offenbar ihre Kundschaft nicht und kaschierte die Ahnungslosigkeit durch Manipulationen. Als das Internet die wirtschaftliche Basis der Branche zerstörte, rächte sich die Ignoranz. „Ich erinnere mich an eine Sitzung Mitte der Neunzigerjahre in Detroit“, sagt Marc Geiger. „Wir sollten den Chefs der größten Labels das Internet erklären. Meine Kollegen und ich sagten immer: ‚So werdet ihr in einem Jahr eure Musik verkaufen.‘ Wir waren vielleicht ein wenig zu optimistisch, aber im Grunde hatten wir recht. Die Plattenbosse guckten auf ihre Macintosh-Bildschirme und winkten ab.“

... Shazam veröffentlicht offiziell keine Geschäftszahlen. Der Umsatz soll 2013 laut Medienberichten bei etwa 50 Millionen Dollar gelegen haben und im Schnitt jährlich um 40 Prozent wachsen. Im Januar sammelte das Unternehmen von einer Investorengruppe 30 Millionen Dollar ein für fast drei Prozent der Anteile – Shazam wäre demnach mehr als eine Milliarde Dollar wert. „Unser Plan ist, nicht von einem Giganten geschluckt zu werden, sondern selber einer zu werden“, sagt Riley, der von Yahoo kam, um diesen Plan umzusetzen. Er will das Shazam-Prinzip auf Filme, Bilder, Texte und Produkte ausweiten. „Stellen Sie sich vor, was wir mit all diesen Daten anfangen könnten.“

...


Aus: "Talentsuche per App" Lars Jensen (2015)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2015/talent/talentsuche-per-app?utm_source=zeit&utm_medium=parkett