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Author Topic: [Irgendwo ist etwas verloren gegangen... ]  (Read 194 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Irgendwo ist etwas verloren gegangen... ]
« on: July 13, 2017, 02:21:26 PM »

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[...] Und doch ist sie gar nicht leicht zu beantworten, diese Frage nach Henne und Ei – oder eben nach der Popmusik und der Rebellion von 1968. Und während Radio Bremen gerade seinen 70. feiert und den „Beat-Club“ mit all seinen Anekdötchen aus der Mottenkiste holt, wird dieser Mythos von individuellen Aufbrüchen und der Genese einer Pop-Nation Deutschland auch anderswo neu verhandelt. So fragen sich linke Kulturschaffende von heute und Avantgardisten von damals, was da schief gelaufen ist, wo diese befreite Gesellschaft denn sein soll, bitte – und warum die Top-Ten-Charts heute so geschlossen dumm wie deutsch singen. Irgendwo ist etwas verloren gegangen. ...

... In der Sendung wurden auch die Briefe verlesen, von denen auf dem Höhepunkt des Erfolgs wöchentlich Tausende eingetrudelt sein sollen. Die wütenden BürgerInnen dem öffentlichen Gelächter auszusetzen, das war laut Seidel die Absicht Bornemanns. Lässt sich der „Beat-Club“ in diesem Sinne als zeitgemäße politische Intervention verstehen, so blieb er letztlich dem Spektakel verhaftet. Die sozialgeschichtlichen Hintergründe der unter anderem aus der US-Bürgerrechtsbewegung gespeisten Popmusik beispielsweise, sie blieben in der Regel außen vor.

... Geändert hat sich das 1973 mit der Radio-Bremen-Radiosendung „Roll over Beethoven” von Klaus Kuhnke, Peter Schulze und Manfred Miller: Neben den Inhalten der Songs reflektierte die Reihe auch die Produktionsbedingungen, den Aufstieg der Label-Monopole etwa und den noch heute tobenden Kampf ums Urheberrecht.

Da war im Radio zu erfahren, wie bereits in den 1920er-Jahren standardisiert wurde, was bis heute als Folk und Traditional gehandelt wird. Auch die Zensur fand Eingang in die Debatte oder auch der patriarchale Blick, den der Markt hier auf insbesondere schwarze Musiker warf, die vermeintlich kulturelle Eigenarten in der Musik unterhaltsam zur Schau stellten.

Später sagten die Macher, sie hätten mit der Sendung einem Mangel begegnen wollen – dem „eines brauchbaren, nämlich materialistischen Abrisses der Geschichte der populären Musik“. Und da waren sie in den 70er-Jahren mittendrin im Streit um Kulturbegriffe und der Auseinandersetzung mit jenen Linken, die Musik für politische Zwecke instrumentalisierten.

Heute haben sich die Kulturwissenschaften solcher Fragen angenommen und sie regalmeterweise ausdifferenziert. Irgendein Gemeinsames aber von Massenkultur und Kritik, das scheint vorbei zu sein. Nicht nur auf Radio Bremen.


Aus: "Soundtrack einer verpassten Revolution" Jan-Paul Koopmann (2. 1. 2016)
Quelle: https://www.taz.de/!5260020/
« Last Edit: July 14, 2017, 03:14:20 PM by Textaris(txt*bot) »
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Textaris(txt*bot)

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[Irgendwo ist etwas verloren gegangen... ]
« Reply #1 on: July 13, 2017, 03:02:20 PM »

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[...] Das neue Buch "Eigenblutdoping" von Diedrich Diederichsen bietet, wie wir es von Deutschlands Pop-Pythia gewohnt sind, erneut eine staunenswerte Fülle an eindringlichen Reflexionen zum gesellschaftlichen Stand von Musik, bildender Kunst und Literatur. Sein Leitthema ist diesmal der Zusammenhang von Künstlerperson, Leben und Werk, von inszeniertem Lifestyle, von intimer und öffentlicher Person bei Künstlern und Nichtkünstlern. Als Motto und Leitmotiv dieser keinen dialektischen Hakenschlag auslassenden kunstsoziologischen Überlegungen könnte ein Diktum aus Theodor W. Adornos Vorrede zur "Negativen Dialektik" dienen: "Seitdem der Autor den eigenen geistigen Impulsen vertraute, empfand er es als seine Aufgabe, mit der Kraft des Subjekts den Trug konstitutiver Subjektivität zu durchbrechen". So macht sich der dribbelstarke Denker der Dissidenz in diesen für den Hamburger Kunstverein 2006 und 2007 als Vorlesungsreihe konzipierten Kapiteln auf die Suche nach den künstlerisch vorgeprägten Subjektmodellen seit den 1960er-Jahren.

Seine Grundthese diagnostiziert, dass die einstmals emanzipatorisch intendierten Praktiken libertärer Projekte ästhetischer und sexueller Devianz nolens volens zum Motor des postfordistischen Kapitalismus mutiert seien. Dessen unbarmherzige Auswirkungen beruhten auf der Wirkweise derselben Prinzipien von Innovation und permanenter Abweichung, die den Kern avantgardistischen Künstlertums ausmachen. Diese Verschlingung von subversiven und affirmativen Potentialen inszenierter Abweichungen wird in dem kunstphilosophischen Großessay als genealogische Erzählung von Subjekt- und Star-Modellen der 1960er- bis 2000er-Jahre rekonstruiert. Der virtuose Nachvollzug - negativ, mithin unaufgelöst - dialektischer Verbindungen von Affirmation und Widerstand, die er in nahezu jedem Gebilde der Popkultur antrifft, macht den kritischen Poptheoretiker zum Erben von Adorno als Großmeister im Aufspüren ambivalenter ästhetischer und ideologischer Positionen in Kunstwerken.

Der suggestive Titel "Eigenblutdoping" meint die "Vermarktung der eigenen Lebendigkeit" - die überpointiert auch auf den Begriff des "Authentizitätspornos" gebracht werden - in denen neuerdings mehr und mehr Menschen im Nightlife, als Künstler oder im Privat-Fernsehen ihre ästhetisch und marktförmig zurechtkonstruierten Identitäten verkaufen. Was ehemals als abweichende und exhibitionistische Inszenierung individuelle Selbststilisierung oder gar Selbstbefreiung war, wurde seit den 1980ern als Funktionsmodell des Spätkapitalismus vereinnahmt. Die Crux heutiger Politisierung und Selbstverwirklichung liege nun darin, dass mit einfacher Flexibilität oder dem Anderswerden-Wollen des Individuums keine Opposition mehr stattfinde gegen den neoliberalen Mainstream. Denn "die Verhältnisse, denen man entkommen möchte, maskieren sich selbst als dynamisch, als x+1."

... Heutige Kunst kämpfe im übrigen (mindestens) einen doppelten Kampf: gegen die technische Überlegenheit der Kommunikations- und Werbekultur sowie gegen die politische und theoretische Gleichgültigkeit des Kunstmarktes, dem jegliche Legitimationsdiskurse schnuppe seien.

... Zu: Diedrich Diederichsen: Eigenblutdoping. Selbstverwertung, Künstlerromatik, Partizipation.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 




Aus: "Die negative Dialektik des Pop - Diedrich Diederichsen untersucht die Selbstverwertung von Künstlern" Bernd Blaschke
(Archiv / Frühere Ausgaben / Nr. 12, Dezember 2008 / Philosophie und Soziologie)
Quelle: http://literaturkritik.de/id/12510

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[Irgendwo ist etwas verloren gegangen... ]
« Reply #2 on: August 23, 2017, 10:11:37 AM »

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[...] Last week the writer Mark Fisher took his own life. His on/off struggle with depression was something he wrote about with courageous candour in articles and in his landmark book Capitalist Realism: is There No Alternative? Fisher argued that the pandemic of mental anguish that afflicts our time cannot be properly understood, or healed, if viewed as a private problem suffered by damaged individuals. ... He loved unsettling television and disruptive pop because these – along with the music press – had served as his education as a working-class boy cut off from high culture.


From: "Mark Fisher’s K-punk blogs were required reading for a generation" Simon Reynolds (18.01.2017)
Source: https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/jan/18/mark-fisher-k-punk-blogs-did-48-politics

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Quote
[...] Wie viele andere habe ich Mark Fisher zuerst vor dem Laptop kennengelernt. In den Nullerjahren landete ich auf seinem Blog „K-Punk“ und hatte das Gefühl, dass die Zeit aus den Fugen geraten war. „K-Punk“ war ein Blog über Pop, aber ihm fehlte die geschwätzige Ironie des Popjournalismus, in der letztlich nur Verachtung für seinen Gegenstand liegt. Für Mark hatte sich über Pop die Welt erschlossen, und so betrachtete er die nostalgische Popkultur der nuller Jahre von den Rändern her. Sein Mittel war die akademische Kulturtheorie, in den falschen Händen selbst ein Ort der Geschwätzigkeit. Auf „K-Punk“ wurde sie zur Waffe gegen die endlose Wiederholung des Immergleichen.

... Als Ende der nuller Jahre das Bloggen durch die risikokapitalfinanzierten sozialen Netzwerke verdrängt wurde, zog er sich mehr und mehr aus dem Internet zurück und gründete mit zwei Mitstreitern den Verlag Zero Books. Der Verlag wurde für die frühen zehner Jahre das, was Merve für die 80er gewesen ist. Bei Zero Books erschienen die ersten Manifeste des „Spekulativen Realismus“, Architekturtheorie und immer wieder Texte, die mit Popmusik die Gegenwart ergründet haben.

Marks Buch „Capitalist Realism“ von 2009 („Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“, VSA) war einer der ersten Titel. Präzise seziert er dort die Widersprüche des britischen Neoliberalismus. Dieser gibt sich freiheitlich, aber produziert eine ermüdende Bürokratie. Er feiert die Kreativität, bringt aber eine Retrokultur hervor, die auf Nostalgie basiert.

In „Ghosts of my life“ von 2014 („Gespenster meines Lebens: Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft“, Edition Tiamat) durchstreift er die Popkultur der Gegenwart auf der Suche nach den Überresten eines besseren Morgen. Im Dubstep von Burial hallt ihm die Euphorie seiner Erfahrungen auf Jungle-Raves nach, die englischen Riots von 2011 erkundet er mittels der Militanz der Filme des Black Audio Film Collective aus den mittleren 80ern. In einem großartigen Essay über Joy Division begreift er deren stilisierte Negativität als Vorhersehung eines depressiven Jetzt.

Wie Ian Curtis, der Sänger von Joy Division, war auch Mark ein Kind der britischen Arbeiterklasse, der dank des britischen Sozialstaats viel Zeit zum wilden Lesen hatte. Diese Herkunft konnte und wollte er niemals ablegen. Seinen ostenglischen Akzent hatte er sich an der Uni abtrainiert, seitdem konnte er die Privilegien des von der Mittelklasse geprägten Kulturbetriebs parodieren. Denn selbst als Mark längst Professor am Londoner Goldsmiths College war, hatte er das Gefühl, dort nicht wirklich hinzugehören.

Genau wie seine Klassenherkunft war auch die Depression eines der Gespenster, die ihn immer wieder heimgesucht haben.

... Im Mai 2015 war Mark Fi­sher in Köln zu Gast. Die Labour Party, in der er Mitglied war, hatte kurz zuvor die Parlamentswahlen deutlich gegen David Camerons Tories verloren. Aber Mark war voller Energie. Für ihn war es der Beginn einer neuen Form von Organisation – ihm war klar, dass der neoliberale Flügel der Partei abgewirtschaftet hatte. Die Wahl Jeremy Corbyns zum Labour-Vorsitzenden durch eine neue Basisbewegung ein paar Monate später hat ihm recht gegeben.

Am Abend hat Mark in einer Bar einen Vortrag über Depressionen gegeben. Der Raum war voll, das Publikum saß ihm buchstäblich zu Füßen. Mark hat eine Stunde über Depressionen geredet und, wie immer, hat er dabei Theorie, Politik und seine eigenen Therapieerfahrungen so gemischt, dass sich ein Moment der Gegenwart eröffnete.

„Wann wird das Sprechen über Gefühle ein politischer Akt?“, fragt er in seinem mittlerweile veröffentlichten Vortragstext und antwortet: „Wenn es Teil einer Praxis der Bewusstseinsbildung ist, durch die die unpersönlichen und intersubjektiven Strukturen sichtbar gemacht werden, welche in der Regel von der Ideologie vernebelt sind.“

Am Freitag hat sich Mark Fi­sher das Leben genommen. Er wurde 48 Jahre alt.


Aus: "Nachruf auf Mark Fisher: Die Geister seines Lebens" Christian Werthschulte (15. 1. 2017)
Quelle: https://www.taz.de/!5374241/

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Quote
[...] Es sind die Geister des Marktes, denen er in seinen Seminaren zu Leibe rückt. Fisher diagnostiziert ein kulturelles Erschöpfungssyndrom, das aus dem Zusammenbruch von Zeitlichkeit hervorgeht: Das Ende der Welt kann man sich vorstellen, das Ende des Kapitalismus nicht. Zur Illustration spielt er mit seinen Studenten gerne ein Spiel. Man nehme das Album einer beliebigen Band und beame sich damit zwanzig Jahre in der Zeit zurück. Inmitten ähnlich gelagerter Versuche fiele es nicht weiter auf. Umgekehrt ist der Schock des Neuen, den ein Stil wie Jungle in den Neunzigern auslöste, heute nur noch erahnbar. Wo die Zeit keine Richtung mehr kennt, können selbst avancierte Kulturprodukte bloß machtlos den Istzustand bezeugen. Das Verhexte des späten Kapitalismus, es liegt in seiner Fähigkeit, jede beliebige Vergangenheit wachzurufen, ganz ähnlich wie George A. Romero es in seinem Zombie-Filmklassiker Die Nacht der lebenden Toten vorgeführt hat. Der Slogan des Films liest sich wie eine frühe Paraphrase auf ein Vierteljahrhundert Neoliberalismus: Wenn es den Toten in der Hölle zu eng wird, müssen sie auf die Erde zurück.

Grundlegend neu ist der Befund nicht. Bereits Marx und Freud waren auf ihre Weise Hauntologen, Ersterer, indem er neben der Ökonomie auch die Metaphysik der Ware analysierte, Letzterer mit seiner Theorie von der Wiederkehr des Verdrängten. Den Begriff Hauntologie hat zuerst Jacques Derrida geprägt, die Vorstellung von der allmählichen Abschaffung der Zukunft wiederum geht auf Franco "Bifo" Berardi zurück, einen Theoretiker der italienischen Linken. Fishers Originalität besteht in der Anwendung solcher vorgefundenen Theoriebausteine auf die Bedingungen der Gegenwart. Er analysiert die "theologischen Mucken" (Marx) der Ware in den Tiefen des Digitalen und sucht das "Unheimliche" (Freud) im Vertrauten. Hauntologie wäre, so gesehen, Traumdeutung am kollektiven Unbewussten. Dass das massenhafte Auftauchen von Aliens, Replikanten, neuerdings auch wieder von altmodischen Vampiren, vom technischen Erfindergeist begünstigt wird, setzt Fisher voraus. Im 19. Jahrhundert spukten die Dämonen noch weitestgehend zwischen Buchdeckeln herum. Inzwischen sind sie in kulturindustriell entfesselter Form mitten unter uns.

... Es sind unterworfene Subjekte, die Fisher unters Brennglas legt, gejagte Jäger, ziellose Nomaden, traurige Hedonisten – wobei Letztere in der Überzahl sind, seitdem die gute alte Rebellion nicht mehr das ist, was sie einmal war, und der alte Mythos von Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll sich durch seine Verwirklichung erledigt hat. Fisher beobachtet es tagtäglich an seinen Studenten: Sie können vieles, aber sie können es nur, solange sie an die stimulierende Matrix von SMS, YouTube und Fast Food angeschlossen bleiben. Noch deutlicher zeigt sich das Zusammenspiel von Überstimulierung und Erschöpfung in der neuen Clubmusik. Die Hits von Lady Gaga, David Guetta und Beyoncé – Fisher spricht von party hauntology – bedienen nicht nur ein Publikum, das weltweit zu den gleichen Rhythmen tanzt, in ihrer auf die Spitze getriebenen Funktionalität sind sie ein akustisches Pendant zu Viagra. Wie in der Pornografie geht es nur noch in zweiter Linie um Sex, Sinn der Sache ist es, möglichst schnell und effizient zum Ziel zu kommen: Arbeit ist Vergnügen, Vergnügen Arbeit.

... Anders als die Klassiker der Entfremdungstheorie, anders auch als der britische Kulturjournalist Simon Reynolds, der das permanente Stilrecycling der Popkultur 2011 in seiner mehrhundertseitigen Kampfschrift Retromania erstmals ketzerisch als Verlusterfahrung beschrieben hat, ist er kein Langstreckenanalytiker, er begnügt sich mit aphoristisch geprägten Anmerkungen, die ein konkretes Phänomen ins Auge fassen und abbrechen, wenn es fürs Erste ausgeschöpft zu sein scheint. "Para-akademisches Denken" nennt er sein Verfahren: Vom Wissenschaftlichen zum Esoterischen ist es immer nur ein Schritt. Freimütig bekennt Fisher, Derrida nur kursorisch gelesen zu haben, interessant wurde er für ihn erst, als britische Popmusiker sich von seinen Schriften inspirieren ließen. Popkultur als Tor zu Welt: Noch als Dozent horcht Fisher den Offenbarungen seiner Jugend hinterher. Die tiefenpsychologische Färbung seiner Analysen indes hat ihre Wurzel in einer anderen Erfahrung. Seit er denken kann, plagen ihn Anfälle von Depression. Der Kampf gegen die Geister der Postmoderne ist zugleich ein Kampf mit den eigenen Dämonen.

...  In den zwanzig Jahren, die vergangen sind, seit er zum ersten Mal den Gespenstern begegnete, ist der Zombie zur zentralen Metapher der Kapitalismuskritik aufgestiegen. Es gibt Zombie-Banken, Zombie-Länder, Zombie-Politiker und Zombie-Walks, das US-Gesundheitsministerium soll sogar eine "Zombie Task Force" gegründet haben, um die Bevölkerung auf bevorstehende Katastrophen vorzubereiten. Fisher teilt das Unbehagen, das sich darin ausdrückt. In der abstrakten, nicht einmal von Ökonomen angemessen verstandenen Sphäre der Geldkreisläufe sind Bilder eine Möglichkeit, das Unheimliche der Dauerkrise, in der wir stecken, greifbar zu machen.

Doch die Proteste der Menschen sind ihm zu brav, zu begriffslos, zu realpolitisch und zugleich zu utopisch in ihren Forderungen. Anders als den neuesten sozialen Bewegungen, die die Mächte der Finanzwelt anklagen und dabei immer schon von bestimmten Standpunkten aus sprechen, geht es ihm darum, den Ort möglichen Sprechens erst einmal zu bestimmen. Einen guten Kontakt mit seinen Dämonen zu pflegen kann ein erster Schritt sein, im Weiteren kommt es darauf an, sich als Teil des Problems zu begreifen, nicht als Teil der Lösung, denn die Gespenster, das sind wir.


Aus: "Mark Fisher: Der Gespensterforscher" Thomas Groß (26. Februar 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/2015/07/kuenstliche-intelligenz-mark-fisher/komplettansicht
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Textaris(txt*bot)

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« Reply #3 on: Yesterday at 04:36:25 PM »

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[...] Für echte Rockfans, so wie mich, waren KuschelRock-Alben immer schon systematische Körperverletzung. Und tatsächlich gibt es sogar beim kuscheligen Kuschelrock einen zwischenmenschlichen Risikofaktor - denn es sollen auch immer wieder sich anbahnende Beziehungen platzen, weil er in ihrem Regal KuschelRock-CDs entdeckt. ... Kuschelrock-Alben werden übrigens nicht nur für die lieben Kleinen rausgebracht, sondern auch für ältere Semester, denn ab irgendeinem Punkt besteht das Leben mehr aus Erinnerungen als aus Absichten, und sehnsuchtsvolle Erinnerung ist ein beliebtes Mittel, der Ratlosigkeit zu begegnen! Deshalb waren auch 1987 schon Procol Harums A Whiter Shade Of Pale, When A Man Loves A Woman von Percy Sledge und Without You von Nilsson zwischen all diesen irgendwie seifigen Love Songs jener Zeit verstreut wie Rosenblätter im Badeschaum.  ... Doch wie Karl Marx bereits im ersten Band vom KAPITAL erkannte: Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein besonderes Bedürfnis befriedigt. Und erst recht trifft das auf Kuschelrock zu! ... Ja, toll zum Kuscheln ... Aber nirgends steht geschrieben, wie man Rockmusik zu konsumieren habe: Vielleicht ja so, wie mir, als ich noch jünger war, mal eine Frau sagte, als ich mir vor der Wohnungstür die Schuhe auszog: Den intellektuellen Überbau lässt Du aber auch draußen, okay?

...


Aus: "30 Jahre Kuschelrock" Eine Glosse von Laf Überland (23.11.2017)
Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de/30-jahre-kuschelrock-gift-fuer-singles-gefuehlskonserven.2177.de.html?dram:article_id=401357
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