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Author Topic: [Das Halten von Sklaven... ]  (Read 12146 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Es gibt tausende Personen... ]
« Reply #15 on: October 18, 2013, 06:39:02 PM »

Quote
[...] Lisa kam aus Peru nach Baden-Württemberg. Ohne ein Wort Deutsch zu können, landete sie bei einer deutschen Familie: Als Au-Pair-Mädchen sollte sie sich um Eigenheim, Kinder und den Hund kümmern - ein Traumjob im deutschen Kleinbürger-Idyll, so könnte man denken. Für Lisa entpuppte er sich als Albtraum. Die Familie nutze sie aus, demütigte sie, ließ sie nicht telefonieren, gab ihr nicht das vereinbarte Geld und zu wenig zu essen. Wenn sie sich beklagte, wurde sie gewarnt: Sie sei illegal hier, und man würde sie ins Gefängnis werfen oder abschieben, wenn sie nicht spure.

Lisa ist kein Einzelfall. Es gibt tausende Personen, die sich in Deutschland aufhalten – und deren Zwangslage oder Hilflosigkeit ausgenutzt wird, deren Arbeitskraft ausgebeutet wird oder die zur Prostitution missbraucht werden: Zimmermädchen aus Lateinamerika, Feldarbeiter aus Osteuropa, Prostituierte aus Südostasien, Drogendealer aus Schwarzafrika. Es sind moderne Sklaven, Opfer von Menschenhandel – ohne Schutz, ohne Lobby. Ihre soziale und wirtschaftliche Not wird ausgenutzt, mit falschen oder fadenscheinigen Versprechen werden sie hergelockt, durch Gewalt und Schutzknechtschaft diszipliniert.

Wie viele von diesen modernen Sklaven sich momentan in Deutschland aufhalten, ist schwer zu sagen. Petra Follmer-Otto vom Deutschen Institut für Menschenrechte ist eine Expertin auf diesem Gebiet. Sie hat eine Studie zum Menschenhandel in Deutschland vorgelegt. Dennoch ist sie sehr vorsichtig mit Zahlen – und betont die vermutlich horrend hohe Dunkelziffer.

Jährlich, so Follmer-Otto, würden laut offizieller Kriminalitätsstatistik zwischen 600 und 1200 Zwangsprostituierte in Deutschland aufgegriffen. Im Baugewerbe oder als Haushaltshilfen werden rund 100 Fälle pro Jahr registriert, allerdings gibt es den Strafbestand der Arbeitsausbeutung erst seit zwei Jahren. Man könne davon ausgehen, dass die Dunkelziffer mindestens zehn Mal so hoch sei, sagt Follmer-Otto. Die Opfer-Zahlen würden mehr über die Ermittlungsressourcen der Polizei aussagen als über das Ausmaß des Problems.

Betroffen vom Menschenhandel sind überwiegend Frauen und Kinder. "In Deutschland arbeiten die meisten als Zwangsprostituierte, es gibt aber auch viele Haushaltshilfen, häusliche Pflegekräfte, Erntehelfer und Menschen auf dem Bau und in der Gastronomie, die Zwangsarbeit leisten", sagt Follmer-Otto. Besonders häufig handelt es sich um Jobs für gering Qualifizierte.

Warum nur so wenige gefunden werden? Weil nur wenige Hilfe suchen. Ein Dilemma der modernen Sklaven in Deutschland ist, dass sie oft nicht die Möglichkeit haben oder sich nicht trauen, sich gegen ihr Martyrium aufzulehnen. Viele von ihnen kamen illegal nach Deutschland. Sie begaben sich freiwillig in die Hände der Täter. Sie sprechen die Sprache nicht. Und sie haben Angst. Viele fürchten die Abschiebung mehr als das moderne Sklaventum.

Hinzu kommt, dass die deutschen Polizisten und Gerichte nicht gerade mit Feuereifer nach ihnen suchen. "Gesucht wird in erster Linie nach den Tätern, nicht nach den Opfern", sagt Follmer-Otto. Das primäre Interesse der Fahnder gilt der strafrechtlichen Verfolgung der Hintermänner und Schleuserköpfe.

Bislang werden Opfer von Menschenhandel vor allem als wichtige Zeugen betrachtet. Ihre Aussagen gegen die Menschenhändler sind zentrale Stützen der juristischen Aufarbeitung. Sie genießen gewisse Sonderrechte wie zum Beispiel das Bleiberecht während der Verhandlung. Danach müssen sie in der Regel ausreisen. Ein Zustand, der den Missstand perpetuiert.

Hier sieht das Institut für Menschenrechte am ehesten einen Ansatzpunkt. Zwar habe es in den letzten Jahren durchaus eine größere Aufmerksamkeit für das Thema gegeben, regelmäßig wird inzwischen über Zwangsprostitution berichtet. Allerdings müsste der Blick stärker von der Täterverfolgung auf den Opferschutz gelenkt werden, fordert Follmar-Otto. "Betroffene sollten zumindest ihren entgangenen Lohn oder ein Schmerzensgeld erhalten." Trotz wachsender Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sei in den vergangenen Jahren "ein wirksamer Menschenrechtsschutz nicht umgesetzt worden", sagt sie.

Das Institut hat Anfang Juni zusammen mit der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft ein auf drei Jahre angelegtes Projekt gestartet. In ausgewählten Fällen sollen Zwangsprostituierte und andere Opfer von Ausbeutung darin unterstützt werden, vor Gerichten und Behörden, Ansprüche geltend zu machen. Bislang gibt es rund 50 Fachberatungsstellen, allerdings bisher nur für weibliche Betroffene von Menschenhandel. Und auch die müssen Mädchen wie Lisa aus Peru erst einmal finden.


Aus: "Moderne Sklaven in Deutschland" Michael Schlieben (14. Juli 2009)
Quelle: http://www.zeit.de/online/2009/29/menschenhandel-sklaven

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[Wie jedes Jahr zur Haupterntezeit... ]
« Reply #16 on: September 17, 2015, 11:06:12 AM »

Quote
[...]  Wie jedes Jahr zur Haupterntezeit gehen Berichte durch italienische Zeitungen, die ein ganzes Land erschrecken: Sie beschreiben die Arbeitsbedingungen der Erntehelfer. Afrikaner sind es zumeist oder Osteuropäer, mit der Krise aber zunehmend auch Italiener, die kein anderes Auskommen finden. Mehr als ein Drittel dieser Saisonarbeiter, 500.000 Personen oder mehr, sind laut offiziösen Schätzungen illegal beschäftigt, zu Löhnen, die weit unter den vorgeschriebenen Tarifen liegen und von denen die halb- oder scheinlegalen Arbeitsvermittler große Teile für sich selber abzweigen. Und immer wieder sterben Menschen, „Sklaven“, wie sie in Italien heißen, in den Plantagen.

Paola Clemente zum Beispiel. Die Aufgabe der 49-jährigen Mutter von zwei Kindern war es, in einem apulischen Weinberg aus den reifenden Tafeltrauben verschrumpelte, schimmelige oder beschädigte Beeren einzeln herauszuschneiden. 49 Euro am Tag hätte der Tariflohn betragen, 27 Euro hat sie bekommen. Bis der Herzinfarkt sie auf offenem Feld traf. „Und ihre Leiche hat man nur deswegen nicht verschwinden lassen, weil sie Italienerin war“, schreibt bitter die Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“, die damit auf das ungeklärte Schicksal so mancher verschwundener Schwarzer oder Polen anspielt.

Die meisten werden tageweise angeheuert, morgens bei Sonnenaufgang an einschlägig bekannten Straßenkreuzungen. Berufsmäßige Arbeitsvermittler, die mit den Großbauern zusammenarbeiten und der Scheinlegalität halber amtlich als „Reiseunternehmer“ registriert sind, karren die Menschen in überladenen Kleinbussen oder Pritschenwagen auf die Felder, kassieren von jedem fünf Euro für die Fahrkarte morgens hin und fünf Euro für abends zurück – wer protestiert, bleibt ohne Arbeit am Straßenrand stehen. Auf den Feldern müssen die Arbeiter sogar noch ihr Trinkwasser kaufen. Ein Euro für die Halbliterflasche. Manche bekommen von sieben Tage Arbeit nur zwei bezahlt. Und wie jener Gruppe von Afrikanern, die ihr Schicksal in der vergangenen Woche erstmals öffentlich gemacht hat, kann es auch anderen passieren, dass sie nach einer Woche Arbeit vom Hof gejagt werden, ohne Begründung – und ohne jeden Lohn.

 Hinzu kommen erbärmliche Wohnbedingungen. Im Mezzogiorno leben Afrikaner zusammengepfercht entweder in verfallenden Bauernhöfen oder in „Zeltstädten“, die nur aus aufgespannten Planen bestehen. Im Piemont, wo der Barolo und andere teure Weine wachsen, haben sich dieses Jahr mit zunehmenden Flüchtlingszahlen auch die Lebensbedingungen der osteuropäischen Erntehelfer massiv verschlechtert. Das Magazin „Espresso“ berichtete dieser Tage, die häufig rechts regierten Gemeinden schotteten sich dermaßen gegen alle Ausländer ab, dass die Bulgaren, Rumänen, Mazedonier zwar den ganzen Tag über in den Weinbergen ernten sollen, aber keinen Wohnraum und keine Duschen zugewiesen bekommen. „Das lockt nur Schwarzarbeiter an“, wird ein Bürgermeister zitiert, der ganz genau weiß, dass seine Großweinbauern am Ort ohne ausländische Erntehelfer nicht weit kämen. So müssen sich, schreibt der „Espresso“, die Arbeiter jeden Abend „unsichtbar machen“: in Bretterverschlägen oder unter Plastikplanen abseits aller öffentlichen Straßen oder an Flussufern, wo die Polizei trotz ihrer politisch verordneten „Null Toleranz“-Strategie dann doch nicht hinschaut.

Eine besonders perfide Preisdrücker-Strategie verfolgen offenbar sizilianische Weinbauern. Auf der Insel, wo die meisten Bootsflüchtlinge ankommen und wo sie über Wochen oder Monate in Aufnahmelagern beherbergt werden, engagiert man sie jetzt – illegal natürlich – auch als Erntehelfer. Die Flüchtlinge akzeptieren noch niedrigere Löhne als die üblichen, regulär im Land befindlichen schwarzen Saisonarbeiter, weil sie ja im Aufnahmelager verpflegt werden und auch nichts für die Wohnung bezahlen müssen. So sagt es im „Espresso“ eine Gruppe von Flüchtlingshelfern und spricht von „Krieg der Ärmsten gegen andere Ärmste“. Und wenn der Wein geerntet ist, dann kommen die Orangen dran, dann die Erdbeeren, dann Gemüse, Salat, dann wieder einmal Tomaten und Wein – alles exzellente italienische Produkte.

Quote
    Zelia, 17.09.2015 08:34 Uhr

Einfuhrverbot/Kennzeichnung
Wenn wir für einen Mindestlohn sind, dann sollte sich das nicht nur auf Deutschland begrenzen.
Lebensmittel kosten nun einmal Geld. Diese künstliche Verbilligung durch Ausbeutung sollte nicht unterstützt werden.
Wir bräuchten ein Sozialsiegel für importierte Produkte, an denen man sich orientieren kann. Ich will so einen Mist, an dem Blut und Leid klebt nicht kaufen.


...


Aus: "Ausbeutung im Weinbau: Sklavenarbeit in Italiens Plantagen" Paul Kreiner (16.09.2015)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/ausbeutung-im-weinbau-sklavenarbeit-in-italiens-plantagen/12330066.html

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[Gängige Praxis auf Europas Feldern... ]
« Reply #17 on: October 26, 2015, 05:09:31 PM »

Quote
[...]  Er hatte den Bürgerkrieg im Sudan überlebt, auch die Flucht auf dem Landweg nach Libyen und die Überfahrt mit dem Boot nach Italien. Den Lebensbedingungen dort aber war er nicht gewachsen. Abdullah Mohammed war 47 Jahre alt, als er im Juli auf einer Tomatenplantage in Apulien zusammenbrach und starb – an Hitze und Erschöpfung. ...

[G]ängige Praxis auf Europas Feldern: Zwölf-Stunden-Schichten, Sechs-Tage-Woche, für einen Hungerlohn ohne Arbeitsvertrag – verzweifelte Flüchtlinge akzeptieren fast alles, wenn es ums Überleben geht.

 Der Fall von Mohammeds Tod erschütterte im Sommer für kurze Zeit Italien, während alle Welt davon sprach, wie die Bewegungen der vielen Flüchtlinge zu bewältigen seien und was die Massen an Einwanderern kosten würden.

Dabei gibt es sie längst, die Profiteure der Not, die gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise mit den konkurrierenden Arbeitskräften ihre Geschäfte machen. In der landwirtschaftlichen Massenproduktion europäischer Großunternehmen schuften jeden Tag Hunderttausende, und nicht nur dort, auch in Fleischfarmen, Schlachtereien, Treibhäusern und Fabriken. Ohne Rechte, ohne Pausen, ohne Schutzbekleidung gegen Pestizide, Gestrüpp, schwere Lasten oder Tierseuchen, bei extremen Temperaturen. Sie sorgen dafür, dass wir mit günstigen Tomaten, Erdbeeren, Wein, Oliven, Spargeln oder Fleisch versorgt sind.

Was arbeitsrechtlich bei den eigenen Bürgern undenkbar wäre, ist bei Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitspapiere an der Tagesordnung. Das Phänomen ist keineswegs neu, schon seit Jahren werden Menschen auf diese Weise ausgebeutet. Früher waren es vor allem Polen, Rumänen oder Bulgaren. Die gibt es immer noch, neu aber ist, dass durch steigende Flüchtlingszahlen noch mehr Notleidende um die miesen Jobs konkurrieren, sich Löhne und Konditionen noch weiter drücken lassen.

Gewerkschaften aus Italien, Frankreich oder Deutschland warnen inzwischen vor Formen der modernen Sklaverei. Aktuelle Untersuchungen (etwa ein 28-seitiges Supplement zu Migranten als Saisonarbeiter in der Oktoberausgabe der französischen Gewerkschaftszeitschrift Campagnes Solidaires) zeigen das Ausmaß der Ausbeutung: In der italienischen, französischen, britischen, deutschen, belgischen, niederländischen oder portugiesischen Agrarindustrie wird der Gewinn maximiert, indem die Kosten für die menschliche Arbeitskraft so tief gedrückt werden wie möglich. Der Lohn der Erntehelfer kann bis zu 60 Prozent der gesamten Produktionskosten ausmachen: Allein die Zahl macht klar, wie sehr sich Lohndumping und miserable Unterkünfte lohnen. Allein in Großbritannien werden dadurch jährlich umgerechnet knapp 2,5 Millionen Euro gespart (laut Gangmasters Licensing Authority, Annual Report and Accounts, 1. April 2013 bis 31. März 2014).

Gerissene Agrarunternehmer lassen sich dabei so einiges einfallen, um beispielsweise Mindestlöhne zu umgehen, die in einigen europäischen Ländern gelten, oder um lästige Lohnzahlungen gleich ganz zu vermeiden. Zum Beispiel, indem sie nur die Leistung honorieren oder gar nicht erst für legale Arbeitsverhältnisse sorgen. Durchschnittlich kommen Saisonarbeiter dann auf 2 bis 3,50 Euro die Stunde und müssen dafür im Akkord ackern. Überstunden werden nicht bezahlt.

 Sogar an diesem Lohn lässt sich noch schrauben. Eine gängige Methode ist es, Mittelsmänner die Arbeiter organisieren und zum Einsatzort transportieren zu lassen. Hierfür werden exorbitante Gebühren fällig, genauso wie für die schäbige Unterkunft oder manchmal auch für eine "Arbeitslizenz" – in Frankreich beispielsweise gibt es die für 8.000 Euro. Auch werden Strafen vom Lohn abgezogen, etwa in den Niederlanden für ein geöffnetes Fenster im Treibhaus. Eine Matratze wie die von Mohammed schlägt in Italien mit rund 80 Euro Miete monatlich zu Buche. Essen ist da noch nicht eingerechnet. Die "Unterkünfte" können Zelte sein, wie in Frankreich, Container oder Bauruinen, wie in Portugal, oder einfach gar nichts, wie in Griechenland. Hier müssen Feldarbeiter selbst für ihre Schlafgelegenheit sorgen, mit Plastikplanen und allem, was der Acker hergibt.

In Griechenland konnte so die Erdbeerproduktion in einigen Jahren um 70 Prozent gesteigert werden. Deutschland hat sich zum größten Schlachthaus Europas entwickelt, mit jährlich knapp 60 Millionen Schweinen, 4 Millionen Rindern und einer Million Schafen. Und die Niederlande setzen auf die Art jedes Jahr Agrarexporte für 65 Milliarden Euro ab.

Durch Vermittlungs-, Transport- und Mietkosten sowie Verschuldungsverhältnisse arbeiten manche Erntehelfer umsonst. Solange die europäische Öffentlichkeit nur Schlepper als Menschenhändler ins Visier nimmt, können die kriminellen Arbeitsvermittler im Schatten der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit in aller Ruhe ihren Geschäften nachgehen.

 Warum schuften Menschen, egal woher und aus welchen Motiven sie kamen, bis zur Erschöpfung in der prallen Sonne, lassen sich nachts in verdreckte Baracken einpferchen und mit einem Hungerlohn abspeisen? Sie sind irregulär hier und haben Angst entdeckt zu werden. Vielleicht ist die Drecksarbeit auch immer noch besser als gar keine oder das, was sie zu Hause erwartet. Außerdem sorgt die Wirtschaftskrise für eine Abwärtsspirale: Immer weniger wollen oder können die Kunden für Lebensmittel bezahlen, immer härter werden Preiskämpfe und von der Industrie diktierte Rahmenbedingungen, immer billiger muss produziert werden, immer höher steigt der Druck auf die untersten Glieder der Kette, die landwirtschaftliche Erzeugung und Verarbeitung, immer mehr Menschen sind so arm, dass sie alle Arbeitsbedingungen akzeptieren.

Klamme Kassen der Kommunen und Austeritätspolitik sorgen ihrerseits dafür, dass Arbeitsschutzmaßnahmen fehlen oder nicht durchgesetzt werden; andere Probleme sind drängender. Mafiöse Unternehmer haben so eine Nische gefunden.

 Doch sind es wirklich nur Kriminelle, die an solchen Praktiken Schuld sind – Mittelsmänner, Klein- und Großbauern, die Erntehelfer zu widrigsten Konditionen beschäftigen? Nicht auch Politik und Behörden, die wegschauen? Profitgierige Lebensmittelindustrie und Discounter, die mit ihrer Preispolitik wenig Spielraum für bessere Arbeitsbedingungen lassen? Oder Konsumenten, die für einen günstigen Preis alles in Kauf nehmen?

Wer auch verantwortlich sein mag, prekär beschäftigte Migranten zahlen einen hohen Preis für unseren Hunger auf billige Waren: ihre Würde, ihre Gesundheit und manchmal ihr Leben.
 
Quote
MowKow
#8  —  vor 3 Minuten 2

"Der hohe Preis für billige Lebensmittel"

würde ich für meine Lebensmittel das Doppelte zahlen, würde sich nur der Profit der Agrarkonzerne um diesen Differenzbetrag erhöhen; bei den Arbeitern würde kein Cent hängen bleiben hier geht es nur um Profitmaximierung ( in der Bekleidungsindustrie ist es das Gleiche; da lassen Luxuslabels auch unter Sklavenbedinungen fertigen) ....



Aus: "Flüchtlinge: Europas neue Sklaven" Susanne Kaiser (26. Oktober 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-10/fluechtlinge-ausbeutung
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[Es müssen nicht einmal... ]
« Reply #18 on: February 17, 2016, 11:16:07 AM »

Quote
[...]  Sie putzen Wohnungen in arabischen Ländern, verrichten die Drecksarbeit auf thailändischen Fischkuttern oder pflücken Baumwolle auf Feldern in Usbekistan: Leibeigene, Zwangsarbeiter, Sklaven. Es sind viele. Fast 36 Millionen Menschen weltweit leben in Sklaverei, schätzt die Walk Free Foundation, die sich gegen Schuldknechtschaft, Menschenhandel und Zwangsarbeit engagiert.

Ihr Kampf gegen die Sklaverei schien lange Zeit weit weg von Europa stattzufinden. Im jüngsten Ranking von Walk Free aus dem Jahr 2014 tauchen die Industriestaaten erst am Ende der Liste auf; Deutschland zum Beispiel landet mit geschätzt 10.500 in Sklaverei lebenden Menschen, umgerechnet 0,013 Prozent der Bevölkerung, auf Platz 147 von 167. Zum Vergleich: Platz eins hält Mauretanien, ein Land in dem Sklaverei erblich ist und vier Prozent der Bevölkerung, 155.600 Menschen, in Unfreiheit leben. ...

Die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen ILO schätzt, dass weltweit 21 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten, die übergroße Mehrheit von ihnen in privaten Unternehmen. Jahr für Jahr erwirtschafteten sie 150 Milliarden Dollar Profit. 

... In Dirty Profits beschreibt Facing Finance zig Fälle von Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Ausbeutung und Umweltzerstörung weltweit, die von 20 global agierenden Konzernen zu verantworten seien. Benannt werden unter anderem ExxonMobil, Zara, Nestlé, HeidelbergCement und Sanofi, daneben Finanzdienstleister wie die Deutsche Bank und die Allianz.

Facing Finance konzentriert sich auf die Kritik an der Finanzwelt. Die aber sei bisher kaum bereit, sich auf die Einhaltung von Mindeststandards zu verpflichten. Von sechs untersuchten Banken habe sich beispielsweise keine einzige Richtlinien zur Vermeidung von Zwangsarbeit bei Geschäftspartnern gegeben. Die Organisation fordert: Die Unternehmen, und zwar nicht nur die großen, börsennotierten Konzerne, müssten per Gesetz noch stärker verpflichtet werden, die Folgen des eigenen Handelns auf Menschenrechte und Umwelt offenzulegen.

Quote
Sanftmut des Zorns
#2  —  vor 17 Stunden 60

Mensch! Das ist ja mal eine Neuigkeit!
Sorry, aber die Zwangsarbeit ist schon seit Jahrzehnten in Europa und auch in D angekommen.
Was glaubt ihr, liebe Zeit Redakteure, wer hier unsere Häuser putzt?
Die Fußgängerzonen pflastert?
Auf dem Bau arbeitet?
Etc, ppp.? Was glaubt Ihr, wer bei den Su-sub-sub-sub-Unternehmern angestellt ist?
Was glaubt Ihr, liebe Zeit-Redakteure, welche Rechte diese Menschen auch in D schon seit Jahrzehnten genießen? Richtig: Keine.

Insofern: Guten Morgen, liebe Redaktion! Der Artikel kommt ca. 20-30 Jahre zu spät, aber immerhin: Er kommt.

Anmerkung: Bitte bemühen Sie sich um sachliche Kritik und verzichten Sie auf Übertreibungen. Die Redaktion/lh

Quote
JuJuMila
#2.1  —  vor 17 Stunden 39

Es müssen nicht einmal irgendwelche dubiosen Sub-Unternehmen sein. Schauen wir uns doch mal 1€-Jobs an. Menschen müssen tatsächlich für einen einzigen lausigen Euro pro Stunde arbeiten und wenn sie dies nicht tun, wird ihnen das Geld gestrichen was laut Gesetzgeber das Mindestmaß zum Leben hier in Deutschland ist. Na wenn das nicht moderne Sklaverei ist, dann weiß ich auch nicht. (Dazu kommt, dass wenn diese Personen dann über 100€ mit ihrem Skalvenjob kommen, nur noch 20 Cent von jedem Euro behalten dürfen)


Quote
Elddias
#2.2  —  vor 16 Stunden 10

Für 1 Euro braucht in Deutschland kein Mensch arbeiten.
Diese Milchmädchenrechnung berücksichtigt nicht, dass die Empfänger zusätzlich die üblichen Leistungen, die auch Hartz-IV-Empfängern zusteht (freie Wohnung, Heizung und ein übliches Entgelt) erhalten.
Das sollte zumindest fairerweise erwähnt werden.
Würden Sie beispielsweise zusätzlich 8 Euro bekommen, hätten sie ein höheres Einkommen wie ein Facharbeiter.


Quote
S. Hartwig
#2.3  —  vor 15 Stunden 17

Zwangsarbeit; was ist daran nicht zu verstehen?
Wenn Sie diesen 1,-€ Job ablehnen werden Sie obdachlos und zum Verhungern "sanktioniert"!
Hartz I-IV ist Sklaverei und, wen in Berlin interessiert so etwas noch, verfassungswidrig!!!

http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/ls20100209_1bvl000109.html



Quote
Renfrew
#8  —  vor 17 Stunden 10

Deutschland ist da noch eine Insel der Seligen. In Spanien, Italien und Frankreich sieht das ganz anders aus: Da gibt es die Menschen, die für 3 Euro die Stunde arbeiten (müssen).

Was aber bei uns oft und gerne vergessen wird: Auch in Kreisen von Grünen, Linken und sonstigen sogenannten "Kritikern" der gesellschaftlichen Verhältnisse wird oft versucht, die Putzfrau noch billiger zu beschäftigen, den Handwerker schwarz zu bezahlen und ihn im Preis zu drücken und T-Shirts zu kaufen, die 4 Euro kosten. So ist praktisch jeder von uns (zumindest über den Billigeinkauf) an diesen "Geschäften" beteiligt.

Quote
suchenwi
#8.1  —  vor 16 Stunden 8

Blöderweise besteht bei T-Shirts für 40€ immer noch das Risiko, dass sie unter prekären Bedingungen hergestellt wurden.


Quote
T_Binder
#8.2  —  vor 15 Stunden 1

Guter Hinweis von Ihnen.


Quote
Renfrew
#20  —  vor 17 Stunden 3

Wer sich mal in Bulgarien, Rumänien oder im Kosovo, Serbien etc. umgesehen hat, wird die deutschen Verhältnisse geradezu als paradiesisch ansehen. Dort gibt es wirklich Sklaven-ähnliche Arbeit. Bei uns ist das alles noch sehr zivilisiert, auch wenn das Einige hier nicht wahrhaben wollen.




Aus: "Die Zwangsarbeit kommt nach Europa" Alexandra Endres (16. Februar 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-02/sklaverei-fluechtlinge-tuerkei-europa-unternehmen-zwangsarbeit
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[Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl... ]
« Reply #19 on: May 31, 2016, 08:28:20 AM »

Quote
[...] Die australische Menschenrechtsorganisation Walk Free Foundation hat ihren dritten Index über die globale Sklaverei veröffentlicht. Demnach sind weltweit knapp 46 Millionen Menschen in 167 Ländern betroffen, das heißt, sie werden zur Arbeit in Fabriken, Minen oder Farmen gezwungen, sie werden für Sex verkauft oder bereits in Knechtschaft geboren.

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der modernen Sklaven weltweit gestiegen: 2014 sind es den Angaben zufolge noch 35.8 Millionen Betroffene gewesen. Der Anstieg sei unter anderem auf eine bessere Datengrundlage zurückzuführen, sagte der Mitgründer der Menschenrechtsorganisation, Andrew Forrest.

Zugleich habe sich die Situation für zahlreiche Menschen aber auch grundlegend verschlechtert, Forrest führt dies unter anderem auf die Migration zurück: Dadurch würden die Menschen verwundbarer und gerieten so leichter in moderne Sklaverei.

In allen 167 Ländern auf der Liste habe es Anzeichen für Sklaverei gegeben, sagte Forrest. Indien sei das Land, in dem es insgesamt am meisten moderne Sklaven gebe: geschätzte 18,4 Millionen bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen.

Pro Kopf sei die Konzentration in Nordkorea allerdings am höchsten: Dort gilt der Erhebung zufolge einer von 20 Menschen als moderner Sklave, insgesamt seien es 1,1 Millionen.

Als Grundlage für den Index 2016 dienten 42.000 Interviews in 25 Ländern, die Gespräche wurden in 53 Sprachen geführt. Die Menschenrechtler arbeiteten dafür mit dem Meinungsforschungsinstitut Gallup zusammen. Die Daten über Nordkorea basieren zum Beispiel unter anderem auf Berichten von Flüchtlingen aus dem Land, außerdem auf Informationen, die die Menschenrechtsorganisation bei drei Besuchen im Land sammelte.

"Wir wollen, dass der Index ein Weckruf ist", sagte Forrest. "Das ist nicht HIV oder Malaria. Wir haben Sklaverei verursacht und weil sie menschengemacht ist, können wir sie auch bekämpfen."

Hier einige weitere Ergebnisse im Überblick:

    Etwa zwei Drittel aller Menschen, die laut Index als moderne Sklaven gelten, leben in Asien.

    Etwa 58 Prozent der Menschen in Sklaverei leben in fünf Ländern: Indien, China, Pakistan, Bangladesch und Usbekistan.

    Die Regierungen, die am wenigsten gegen Sklaverei in ihren Ländern tun, sind demnach Nordkorea, Iran, Eritrea und Äquatorialguinea.

    Die Regierungen, die am meisten gegen Sklaverei in ihren Ländern tun, sind dem Index zufolge die Niederlande, die USA, Großbritannien, Schweden und Australien.

aar/Reuters


Aus: "Global Slavery Index: Mehr als 45 Millionen Menschen weltweit leben als Sklaven" (31.05.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/global-slavery-index-46-millionen-menschen-von-sklaverei-betroffen-a-1094975.html

Measuring the number of people in modern slavery is a difficult undertaking due to the hidden nature of this crime and low levels of victim identification. Since 2014, we have conducted 25 surveys with Gallup Inc. through their World Poll, interviewing more than 28,000 respondents in 52 languages. This year we also conducted state-level surveys in India. When these are included, we have interviewed more than 42,000 respondents in 53 different languages. The prevalence estimates in the Index are based on data from these surveys, the results of which have been extrapolated to countries with an equivalent risk profile. ... (Stand 05/2016)
http://www.globalslaveryindex.org/methodology/
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[Das Halten von Sklaven... ]
« Reply #20 on: April 19, 2017, 01:46:41 PM »

Quote
[...] Die "Internationale Organisation für Migration" (IOM) schlägt Alarm: Auf libyschen Marktplätzen würden öffentlich Geflüchtete aus afrikanischen Staaten verkauft. Für 200 bis 500 US-Dollar würden sie ihren "Herren" übereignet. Männer müssen schwere Arbeiten verrichten, die Frauen werden als Sex-Sklavin gehalten oder in die Prostitution verschoben. Manchmal geht es auch "nur" um Erpressung. Laut IOM gibt es diverse Zeugenberichte, in denen von Ausbeutung, Hunger, Folter und Erpressung die Rede sei. ...

Quote
    klopot, 19.04.2017 07:10

Endlich Freier Handel!

Na da haben sich die Einsätze der NATO-Flieger ja gelohnt! ...


...


Aus: "Sklavenmärkte in Libyen" Birgit Gärtner (19.04.2017)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Sklavenmaerkte-in-Libyen-3687545.html

« Last Edit: September 27, 2017, 10:00:59 AM by Textaris(txt*bot) »
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[Das Halten von Sklaven... ]
« Reply #21 on: September 27, 2017, 10:00:22 AM »

Quote
[...] Padrone“ nennt Soleyman, 22, seinen Boss, dessen Namen er nicht kennt. Der Boss ist ein italienischer Bauer, der Soleyman früh morgens um vier Uhr aus dem Schlaf reißt, manchmal noch früher. Anrufe dieser Art bedeuten: Es gibt Arbeit! Im Innenhof einer stillgelegten Milchfabrik erwachen die Männer auf ihren Matratzen. Mit Fahrrädern und Mopeds schwärmen sie in alle Richtungen aus. Sie schnallen Literflaschen auf die Gepäckträger und stülpen sich Handschuhe über die rauen Hände. Zwei Dinge haben die Männer hier gemeinsam. Erstens: Sie stammen aus dem Senegal und sind auf Schlepperbooten nach Europa geflüchtet. Zweitens: Sie erledigen einen Job, den in Italien längst niemand mehr machen möchte. Sie ernten Tomaten.

Trotz steigender Automatisierung und dem Einsatz von Maschinen auf den Feldern ist die italienische Landwirtschaft auf ausländische Erntearbeiter angewiesen. Um dem Druck der Handelsketten und dem Lohndumping aus China standzuhalten, greifen Landwirte auf billige Saisonarbeiter zurück. Neben Afrikanern, die über die Mittelmeerroute nach Europa geflüchtet sind, auch auf Bulgaren und Rumänen. Die italienische Bauernvereinigung Coldiretti schätzt, dass allein in Süditalien 120.000 Migranten und Flüchtlinge arbeiten. Von einer vielfach höheren Dunkelziffer geht die italienische Gewerkschaft Flai-CGIL aus. Denn alleine in Foggia, wo Soleyman in der alten Fabrik lebt, sollen es laut CGIL 50.000 Menschen sein. In Süditalien arbeiten die Saisonarbeiter für einen Stundenlohn, der zwischen drei und vier Euro liegt, leben in Ghettos am Rande der Städte, umgeben von Feldern, auf denen sie in glühender Hitze Tomaten, Oliven, Peperoni, Melonen und Orangen ernten. Man nennt sie die neuen Sklaven Europas.

Im August, zur Hochsaison der Tomatenernte, pilgern viele von ihnen in die Provinz Foggia im Südosten Italiens. Hier, in der Region Apulien, sind die größten Tomatenplantagen des Landes zu finden. Rund zwei Millionen Tonnen Tomaten werden in Foggia jedes Jahr geerntet. Der Großteil landet auf dem europäischen Markt. Die wichtigsten Abnehmer sind Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Bei den Endprodukten handelt es sich um Konserventomaten. Laut dem italienischen Statistikamt Istat stammen die meisten Tomaten für die industrielle Verarbeitung aus Apulien. Sie landen auf Tiefkühlpizzen oder im Dosenthunfisch.

Landesweit bringt das Exporterlöse in Milliardenhöhe ein. Doch nicht alle verdienen mit am „roten Gold Apuliens“. Nur 3,50 Euro bekommt ein Erntehelfer in Foggia für das Befüllen einer Kiste, die 300 Kilogramm fasst. Das italienische Mindestgehalt für diese Form der Arbeit liegt bei 7,50 Euro pro Stunde. Das Kisten-System ist zwar illegal, aber rentabel. Die Männer arbeiten schnell, legen wenige Pausen ein und trinken nur unregelmäßig Wasser. Im August stiegen die Temperaturen in Foggia auf bis zu 45 Grad. Wer die Mittagshitze in der Region gespürt hat, der weiß, wie gefährlich es sein kann, über Stunden auf freiem Feld zu stehen.

Die Tomaten werden nicht einzeln gepflückt, sondern als Stauden aus der Erde gerissen. Dann schütteln die Arbeiter sie in kleine Körbe aus, die in regelmäßigen Abständen in die 300-Kilogramm-Kiste entleert werden. Die Kiste ist so groß, dass Gabelstapler sie auf die Trucks laden müssen, die auf Feldwegen direkt zum Acker fahren. Ist der Truck voll, werden die Arbeiter zu einem neuen Feld gebracht.

Auf den dreckigen Matratzen in den Ghettos rund um die Stadt ruhen sich junge Männer aus Nigeria, Gambia, Senegal oder Ghana aus, die erzählen, dass sie unter diesen Bedingungen zehn Plastikkisten am Tag gefüllt haben. Das sind 3.000 Kilogramm Tomaten. Am Ende des Tages bekommen die wenigsten ihr Geld bar auf die Hand. Die Männer beklagen, dass ihre „Padroni“ sie über Wochen nicht bezahlt haben. Wer keine Papiere hat oder wessen Aufenthaltsstatus unklar ist, der ist erpressbar.

Dazu kommt die strenge Hierarchie im Ghetto, der sich die Arbeiter fügen müssen. Die Sozial- und Kulturanthropologin Elettra Griesi von der Universität Innsbruck, die über Erntehelfer in Apulien forscht, spricht von einer „Ausbeutungspyramide“. Ganz oben stehen die Supermarktketten und Großhändler, dann kommen die Landwirte, ganz unten sind die Erntehelfer. Dazwischen stehen die sogenannten „Caporali“, Mittelsmänner aus den migrantischen Gemeinschaften, die den italienischen Bauern billige Arbeitskräfte beschaffen. Sie alle sind voneinander abhängig und möchten sich Eigengewinne sichern. Ganz unten bleibt nicht mehr viel übrig. „Es sind die ausländischen Erntearbeiter, die bei diesem wirtschaftlichen Prozess alles zu verlieren haben“, sagt Griesi. „Sie sind von der Ausbeutung und Exklusion am stärksten betroffen.“

Daraus hat sich ein Geschäftsmodell entwickelt. Früher standen die Caporali selbst auf den Feldern, jetzt haben sich viele hochgearbeitet und verdienen am System mit: 50 Cent für jede geerntete Kiste und fünf Euro pro Arbeiter für die Fahrt auf die Felder. Die „Capos“ sind die „Kings of Slaves“, die „Big Bosses“ im Ghetto. Sie koordinieren nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch den Drogenhandel, die Prostitution und die Shops und Bars im Lager. „Ohne Capos keine Arbeit“, sagt Jurist und Flai-CGIL-Gewerkschafter Raffaele Falcone.

Falcone, 28, lenkt seinen Wagen über eine holprige, unbefestigte Straße. Das Zentrum der Stadt Foggia, wo sein Büro liegt, hat er längst hinter sich gelassen. Zehn Kilometer außerhalb, mitten in der Peripherie, dort, wo selbst der Kartendienst auf dem Smartphone keine Straßen mehr anzeigt, beginnt die Produktionskette der italienischen Tomaten. Hier draußen begegnet man nur zwei Sorten von Autos: Riesigen Trucks, die bis zu vier Reihen Plastikkisten voller Gemüse geladen haben. Und weißen, klapprigen Minivans, in die sich zehn oder mehr schwarze Männer gezwängt haben. Autos fahren im Ghetto nur die Caporali. Am Horizont, wo die Hitze am Asphalt flimmert, erscheint etwas, das auf dem ersten Blick wie das Gelände eines Festivals aussieht. Bald sind Laternen, dann kleine quadratische Container, dann schiefe Holzhütten erkennbar. Was früher ein Militärflughafen war, ist jetzt Wohnort der Erntearbeiter, weit weg von der Stadt, wo sie niemand sieht. Mit 2.000 Bewohnern, darunter 150 Frauen, ist Borgo Mezzanone das größte von rund acht Ghettos rund um Foggia. Während die Männer auf den Feldern arbeiten, verkaufen viele der Frauen ihren Körper. Sie sitzen auf Plastikstühlen entlang der Schnellstraßen von Foggia. Zehn Euro zahlen die Arbeiter am Abend in den Bars und Discos des Ghettos für Sex mit diesen Frauen.

Die Arbeiter leben in alten Wohnwagen und Holzverschlägen, die sie sich aus Karton, Pressspanplatten und Plastikplanen zimmern. Wer schon länger hier ist, hat Platz in einem der Ein-Raum-Container gefunden, die aus der Zeit des Militärflughafens stammen und in denen je bis zu zehn Männer schlafen. Als „hoch militarisiert“ beschreibt Gewerkschafter Falcone die Hierarchie im Ghetto. In den Containern, wie sie einst die italienische Armee nutzte, leben heute billige Rekruten für die Felder.

Auch Soleyman, der junge Senegalese, arbeitet unter diesen Bedingungen. Der Unterschied: Er fährt mit dem Rad zu den Feldern oder wird direkt von seinem „Padrone“ abgeholt. Gemeinsam mit 200 Männern hat er sich in der alten Fabrik niedergelassen, um möglichst unabhängig zu sein. Der erste Schritt, um sich von einem Caporali zu lösen, ist ein Fahrrad. So sparen sich die Männer die Pauschale für den Transport, immerhin fünf Euro am Tag. In den hohen Räumen der Fabrik, in denen der Verputz von den Wänden blättert, reparieren sie die Schläuche ihrer Mountainbikes, um sie für den nächsten Tag einsatzfähig zu machen. Ein Fahrrad oder ein Moped bedeutet in Foggia ein Stück Freiheit vom Caporali. Doch vor der Ausbeutung schützen sie nicht.

Gewerkschafter Falcone sitzt auf einer Couch in der Fabrik, nippt an einem Schwarztee mit Zucker und überfliegt Listen, in denen die Männer ihr Tagespensum eintragen. Dort steht vermerkt, dass die Arbeiter Sieben-Tage-Wochen hinter sich haben, in denen sie bis zu 17 Kisten füllten. Viele von ihnen sprechen Deutsch und sagen „weißte“, weil sie etwa zwei Jahre in München oder Frankfurt gelebt haben. Sie haben die Flucht über das Mittelmeer überlebt, in Aufnahmezentren auf Lampedusa und Sizilien festgesessen, haben es nach Deutschland geschafft und werden jetzt, zurück in Italien, als menschliche Erntemaschinen benutzt. ...


Aus: "Sie schürfen rotes Gold" Franziska Tschinderle (06:00 26.09.2017, Ausgabe 35/2017)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/sie-schuerfen-rotes-gold
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