Author Topic: [Formen der Zensur (Literatur)]  (Read 9729 times)

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[Formen der Zensur (Literatur)]
« on: June 04, 2008, 12:14:06 PM »
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[...] 1. Juni 1772 - das Zensuredikt Friedrich II. soll "nur demjenigen steuern ..., was wider die allgemeinen Grundsätze der Religion, und sowohl moralischer als bürgerlicher Ordnung entgegen ist".


Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Zensur (06/2008)

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[...] Zensur bzw. Indizierung von Büchern existiert seit den Anfängen der Literatur; von jeher wurden Bücher verboten, zensiert, verbrannt und die Autoren verfolgt. Indiziert wurden meistens Bücher aus den zwei folgenden großen Gruppen: 1. zeitkritische und 2. sexuell-freizügige Literatur.
Nicht indiziert wurden jedoch Werke, welche die entsprechenden mächtigen Männer und die Auffassung von Staat, Religion und Moral der jeweiligen Epoche lobten (vgl. Buschmann 1997:116 / Schütz 1990:7).
Heutzutage kann man natürlich nicht mehr davon ausgehen daß Anträge auf Indizierung aus solchen, wie oben genannten Gründen, abgelehnt werden. Vielmehr geht es in aktuelleren Fällen um den Zwiespalt zwischen der Kunstfreiheit und dem Jugendschutz.
Dieser große Streitpunkt, wenn es um Zensur allgemein geht, der Begriff der Kunst, spielt in der Literaturzensur eine besonders große Rolle. Es gilt der Grundsatz „Kunstschutz geht vor Jugendschutz", so daß ein Text, der als jugendgefährdend beurteilt wird, nicht indiziert werden kann wenn er die Tatbestandsmerkmale des Kunstbegriffes im Urteil des BVerfG erfüllt, also als Kunst angesehen wird. Will man ein Buch dennoch indizieren, so muß das Schriftwerk andere Rechtsgüter verletzen als „nur" jugendgefährdend zu sein (vgl. Dankert 1988: 187).
Wer aber übernimmt die Aufgabe zu entscheiden, ob es sich bei einem literarischen Werk um Kunst handelt oder nicht? Die Bundesprüfstelle (BPS). Kritiker bemängeln jedoch, daß die BPS willkürlich zusammen gesetzt sei und daß eine „pluralistische und zugleich auch sozial-ethisch-pädagogische sowie auf künstlerischem Gebiet sachkundige Zusammensetzung" des 12-er Gremiums der BPS nicht gesichert sei (vgl. Dankert 1988: 189). Allerdings könnte man sich hier die Frage stellen, ob überhaupt irgend jemand ein künstlerisches Sachverständnis besitzt, das ihn befähigen könnte, zu entscheiden ob ein Buch als Kunst betrachtet werden kann oder nicht.
Die Bücherzensur wird unterschieden in zwei Formen, in die der Präventivzensur und der Nachzensur. Die Präventivzensur wird seit Jahrhunderten als die übliche Form der Zensur angesehen, ein Buch wird vor der Veröffentlichung von einer bestimmten Behörde geprüft und dann ggf. zensiert bzw. indiziert. Die Nachzensur prüft ein Werk erst nach der Veröffentlichung. Das Buch kann dann eingezogen oder vernichtet werden.

    Wie wird literarische Zensur begründet?

· In der literarischen Zensur gibt es drei große Bezugspunkte:

a) Literarische Zensur unter religiösem Aspekt

b) Literarische Zensur unter politischem Aspekt

c) Literarische Zensur unter moralischem Aspekt

[...]


Aus: "Zensur in der Literatur" Victoria Bahle (Seminar Sommersemester 2000: "Zensur und Verbote in den populärkulturellen Medien Deutschlands")
Quelle: http://www.censuriana.de/01themenSS200009literatur.htm

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[...]

Formen der Zensur

1. Totalverbot (vgl. Beschlagnahmung):
Nach richterlichem Beschluss wird das Werk vom Markt genommen, aus Bibliotheken entfernt und mit einem Auslieferungsverbot belegt. Beruht auf den Paragraphen des Strafgesetzbuches.

2. Verbot einzelner Seiten:
Die beanstandeten Seiten müssen vor dem Druck geschwärzt werden.

3. Indizierung (vgl. Indizierung):
Im Gegensatz zu anderen Medien, darf der Verleger die Indizierung seiner Publikationen nicht bekanntgeben. Ansonsten gelten für indizierte Literatur die gleichen Bestimmungen, wie für andere indizierte Medien auch.

4. Schwärzen einzelner Passagen:
Einzelne Wörter, Sätze oder ganze Passagen werden geschwärzt. Eine Zensurmethode, die oftmals auf Verletzungen des Persönlichkeitsrechts und folgender Zivilklage oder Urheberrechtsverletzung beruht.

5. Änderungen nach Klagen:
Personen- oder Eigennamen müssen geändert werden.

6. Retuschieren:
Beliebte Anwendung in Comics und Mangas zur Entfernung oder Überdeckung verschiedener Elemente oder Gewaltdarstellungen.

7. "Zoomen":
Ebenfalls beliebte Methode zur Entschärfung einiger Darstellungen in Comics und Mangas. Darstellungen werden durch heranzoomen einfach "ausgeblendet".

8. Vorzensur:
Zwar kein staatlicher Eingriff, aber dennoch weit verbreitet. Verleger oder Autoren zensieren ihre eigenen Werke vor Veröffentlichung, um möglichen Sanktionen durch verletzen bestehender Gesetze oder wirtschaftlicher Schäden durch eine Indizierung zu entgehen.

[...]


Aus: "Zensur in Literatur und Printmedien" Christian Bliß (Stand 2008)
Quelle: http://www.medienzensur.de/seite/zensur/literatur.shtml

« Last Edit: June 04, 2008, 12:19:32 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Der Kalauer sei blasphemisch... (Zur Geschichte der Zensur)]
« Reply #1 on: June 04, 2008, 12:29:16 PM »
Quote
[...] Zensur, die Kontrolle von Inhalten und Meinungen, konnte auf die Literatur geradezu stimulierend wirken. Das ist eine der Erkenntnisse, die Bodo Plachtas Monografie "Zensur" darlegt. Angefangen mit der ersten deutsche Zensurordnung aus der Kinderzeit des Buchdrucks, 1486 vom Mainzer Erzbischof Berthold von Henneberg erlassen, zeichnet Plachtas die Praxis der Literaturauswahl über die Jahrhunderte.

"Auf den Dächern schrei'n die Katzen Weh
wie der Herr im Garten von Gethsemane"

Das ist ein Vers. Kein sonderlich geistvoller, Carl Zuckmayer hat Besseres gedichtet, doch bei der Niederschrift wird er wohl kaum gefürchtet haben, strafrechtliche Grenzen zu überschreiten. Indes fanden sich durchaus Staatsanwälte, die meinten, der Kalauer sei blasphemisch und nicht von der Kunstfreiheit gedeckt. Also mussten sich die Gerichte der Weimarer Republik damit beschäftigen, wie in zahllosen anderen Fällen der Zwischenkriegszeit. Eine Zensur gab es selbstredend nicht mehr, alle diesbezüglichen Gesetze des Kaiserreichs waren abgeschafft. Zensur gab es auch nicht in jenem Staat, der sich so stolzgeschwellt "demokratische Republik" nannte … nein, es gab sie wirklich nicht in der DDR, betont Bodo Plachta in seinem instruktiven Reclam-Band zum Thema. Man bekam bloß keine Druckgenehmigung für Werke, die den Oberen missfielen.

Diese kaschierte Unterdrückungspraxis diente als Alibi für Erich Honecker, um nach dem Untergang seines Regimes unbeirrt zu behaupten, Zensur hätte es unter ihm nie gegeben. So griff der US-Historiker Robert Darnton zu einer erweiterten Definition, als er sich mit der Publikationspraxis in Ostdeutschland beschäftigte: "Zensur existiert überall, wo bei der Produktion von Literatur ein Auswahlprozess besteht."

Wörtlich genommen, würde das eng für Verlagslektoren, Rundfunkredakteure, Kritiker in jedweder Staatsform, denn Auswahl (böse: Selektion) gehört zum Buchgeschäft wie Regen zum Gewitter. Doch Darnton meint staatliche Auswahlprozesse, die freilich historisch erst spät in Erscheinung treten.

Die erste deutsche Zensurordnung aus der Kinderzeit des Buchdrucks erließ 1486 der Mainzer Erzbischof Berthold von Henneberg - aus Sorge vor theologischen Abweichlern. Über Jahrhunderte ging es nicht um staatliche, sondern um kirchliche Macht, wenn Gedanken, Formulierungen, Ideen unterdrückt werden sollten. Erst viel später zogen die weltlichen Herren nach und etablierten die Zensur als - wie es im Zedlerschen Universallexikon von 1733 heißt - "vorsichtige Durchlesung eines Buches". 1749 institutionalisierte Friedrich der Große das Verfahren in Preußen und richtete eine entsprechende Verwaltungsbehörde ein.

Seine Wiener Gegenspielerin Maria Theresia war nicht minder interessiert an der Gedankenkontrolle ihrer Untertanen. Von ihrer "Censurs-Hofcommission" ließ sie 4.615 Bücher verbieten, darunter als besondere Petitesse den Catalogus Librorum selbst, also das Verzeichnis der indizierten Bücher. Niemand sollte durch die frei zugängliche Auflistung Appetit auf das Verbotene bekommen. Das war konsequent gedacht, ebenso konsequent wie die an der Lesepraxis orientierten Karlsbader Beschlüsse von 1819. Sie führten die Vorzensur - also offizielle Lektüre vor Publikation - für Druckwerke bis 320 Seiten ein. Umfangreichere Werke, spekulierten die regierenden Fürsten des Deutschen Reichs, würden sowieso kaum gelesen, darauf musste kein Zensor seine knappe Zeit verschwenden. Jedenfalls nicht im Voraus; und bei der für sie geltenden Nachzensur verschob sich das Risiko auf den Verleger. Er musste hohe Druckkosten begleichen, riskierte aber stets, entschädigungslos beschlagnahmt zu werden, fand sich auch nur ein zu beanstandender Satz im 500- oder 800-Seiten-Konvolut.

Als diabolisch-genial könnten man diese Regelung bezeichnen, was darauf verweist, dass die Geschichte der Zensur kein Kampf zwischen dummen Zensoren und klugen Autoren, sondern eine Auseinandersetzung unter geistig Gleichrangigen war. Um Geschriebenes verbieten zu können, muss man es verstehen, mithin selbst ein Intellektueller sein. Zeitweilig gab es sogar prominente Überläufer aus der publizistischen Freiheit hin zur staatlichen Kontrolle, ob aus Naivität oder der Überzeugung, Schlimmeres verhüten zu können. So gehörte im Kaiserreich Thomas Mann dem Münchner "Zensurbeirat" an, den er freilich nach einem Eklat um Frank Wedekind verließ. Dass unsouveränere Autoren als Mann es nicht ungern sahen, wenn ihr schärfster Konkurrent aus dem Verkehr gezogen wurde, gehört freilich ebenso zur Geschichte der Zensur wie die Werbewirksamkeit von Verboten.

Schon Goethe spekulierte auf den Wertzuwachs seiner Xenien, würden sie wenigstens vom Wiener Hof verboten. Aus allem lässt sich ablesen, und das dokumentiert Bodo Plachtas Monografie kenntnisreich, dass Zensur eine vielgestaltige "Kommunikationsbehinderung" ist, deren Auswirkung auf die Literatur unter Umständen sogar stimulierend sein kann. Ob man allerdings so weit gehen sollte wie bestimmte Fraktionen in der Kulturwissenschaft, die nur noch von einem "Kulturphänomen" sprechen, sei mit Bodo Plachta angezweifelt. Immerhin hat die Zensur auch Leben gefordert, etwa das des Nürnberger Druckers Johann Philipp Palm, der 1806 auf Napoleons Befehl hin füsiliert wurde. Die Wirkung war für die französischen Besatzer indes nicht zufrieden stellend: Statt die Hegemonie zurück zu gewinnen, vergrößerte sich die Unruhe im Volk, und das Schriftgut gegen Napoleon nahm zu. [...]


Aus: "Eine Geschichte der Zensur" Von Florian Felix Weyh (13.06.2006)
Quelle: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/510224/




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[Verhaftet, gefoltert, verschleppt oder getötet... (P.E.N)]
« Reply #2 on: June 04, 2008, 12:34:27 PM »
Quote
[...] In vielen Ländern der Welt werden bis heute Menschen, die eine andere als die öffizielle Meinung in Schrift oder Wort kundtun, zensiert und verfolgt, einige werden verhaftet, gefoltert, verschleppt oder getötet. Das "Writers in Prison Committee" des internationalen P.E.N. veröffentlicht alle sechs Monate die so genannte Case List, eine lange Liste mit Namen verfolgter Autoren. Diese leben nicht nur in bekannten Diktaturen, sondern auch in Ländern, die formal demokratisch sind wie etwa die Türkei, Russland oder Mexiko.

"Das Thema ist hoch aktuell, weil die Bedrohung für Autoren in einigen Ländern zugenommen hat", sagte der Präsident des P.E.N.-Deutschland, Johano Strasser. "Man kann ohne Übertreibung sagen, dass es ein großes Glück ist, wenn man als Schriftsteller in den Regionen lebt, in denen die Existenz nicht ständig bedroht ist." Einen Lichtblick sieht der Präsident in der Entwicklung im ehemaligen Ostblock, nimmt aber Russland bewusst aus. Zunehmend seien Schriftsteller in islamistischen Ländern bedroht: In diesen Staaten "ist für Schriftsteller Sexualität tabu, die Rolle der Frau ist tabu, und jede von der offiziellen Position abweichende Interpretation der religiösen Dogmen ist tabu." Wer anders denke und schreibe, müsse mit Repressalien rechnen.
 
Strasser nannte einige Beispiele: In Afghanistan müsse der Student und Autor einer lokalen Tageszeitung, Sayed Parwez Kambakhsh, mit der Todesstrafe rechnen, weil er anti-islamische Literatur aus dem Internet heruntergeladen und verteilt haben soll. Die Journalistin Mainat Kourbanova befand sich fünf Jahre lang in ständiger Lebensgefahr, weil sie für unabhängige Medien über die Gräueltaten im Zweiten Tschetschenienkrieg berichtete. Heute lebt sie als Stipendiatin ders Elsbeth-Wolffheim- Literaturstipendiums zur Förderung verfolgter Autoren in Hessen.
 
In China herrscht nach Strassers Ansicht eine scharfe Zensur, während in Mexiko allein die Berichterstattung über Drogenbarone oder deren politische Hintermänner die Ermordung nach sich ziehen kann. "Das weiß der Staat dann angeblich nicht. Wir können zwar an die Regierungen Protestbriefe schreiben, aber die sagen dann einfach, wir waren es nicht", so Strasser. In solchen Fällen scheitert der Versuch des P.E.N. beim Versuch, den Autoren zu helfen und Aufklärung herbeizuführen, oft am Unwillen der Regierungsstellen.

Für die Situation in der Türkei schildert Strasser den beispielhaften Fall des türkisch-armenischen Journalisten und Verlegers Hrant Dink. Dieser hatte die Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als "Völkermord" bezeichnet und erhielt zwei Monate lang Todesdrohungen, bis er dann im Januar 2007 von ultranationalistische Jugendlichen ermordet wurde. Wie Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk und die Schriftstellerin Elif Shafak, die auch auf den in der Türkei totgeschwiegenen Völkermord an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufmerksam machten, war Dink nach dem umstrittenen Paragrafen 301 wegen "Beleidigung des Türkentums" vor Gericht gestellt worden. So fordert der P.E.N. seit Jahren die Abschaffung des Paragrafen, der in solch bitteren Fällen als Freibrief verstanden wird.


Aus: "Jahrestagung - P.E.N. erinnert an verfolgte Schriftsteller" Redaktion: nrc  (29.05.2008)
Quelle: http://www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=5982&key=standard_document_34370956

« Last Edit: December 28, 2008, 06:10:22 PM by lemonhorse »

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[Das heimliche Lesen in der DDR... (Zur Zensur)]
« Reply #3 on: June 04, 2008, 12:42:08 PM »
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[...] Die [ ] Kolumnen, die unter dem Titel „Zensurspiele“ in der Berliner Zeitung [...] handeln allesamt von der Zensur, im offiziellen Sprachgebrauch der DDR: Druckgenehmigungsverfahren. Die großen Namen der DDR-Literatur, politische Direktiven und Skandale sind dabei jedoch nur ein Teil des Bildes. Genauso spannend und oft sonderbar zu lesen sind die Vorgänge um die breiten übrigen Bereiche des DDR-Literaturbetriebs, denn auch bei Kinderbüchern, Fachliteratur zur Rinderbesamung oder in der Kalender- und Landkartenproduktion galt es tagtäglich, brisante Klippen zu umschiffen nicht nur für Verleger, Autoren, Illustratoren und Lektoren, sondern auch für Zollbeamte und Bücherschmuggler. Die „Zensurspiele“ bieten in ihrer Gesamtheit viel mehr als nur schlaglichtartige Blicke auf den Zensuralltag: Sie bilden eine Art geheime Literaturgeschichte des einstigen Leselandes DDR

[...]


Über: "Zensurspiele: Heimliche Literaturgeschichten aus der DDR" von Simone Barck (Autor), Siegfried Lokatis (Autor) (Verlag: Mitteldeutscher Verlag; Auflage: 1 (März 2008))
Quelle: http://www.amazon.de/Zensurspiele-Heimliche-Literaturgeschichten-aus-DDR/dp/3898125394

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[...] POTSDAM / INNENSTADT - „Das heimliche Lesen in der DDR“ war das Thema eines Vortrags am Dienstagabend im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte. Nach Darstellung des Referenten Siegfried Lokatis vom Fachbereich Buchwissenschaft der Universität Leipzig gab es vom 26. bis 28. November 2007 eine Tagung im Leipziger Haus des Buches, bei der „Der heimliche Leser“ in der DDR im Zentrum stand. Dabei habe sich gezeigt, dass bei der vom Kulturministerium der DDR organisierten Zensur der insgesamt 78 Verlage des Landes häufig ein kulturpolitisch beeinflusstes Auf und Ab darüber entschied, ob ein Buch gedruckt werden konnte oder nicht.

Autoren wie Siegmund Freud oder Karl May waren nicht verboten, aber lange Jahre ideologiebedingt unerwünscht. Andere wiederum hatten das Pech, dass sie der DDR nicht die Devisen wert waren, die eine Drucklizenz gekostet hätte. Allerdings war gelegentlich auch kriminelle Kreativität im Spiele, wenn zum Beispiel Bücher westlicher Verlage vertragsgemäß in angeblich niedriger Auflage bei DDR-Verlagen erschienen und tatsächlich ein vielfaches des Erlaubten gedruckt wurde. Andere Autoren wiederum wie Josef Stalin waren ohne weitere Nachfrage in jeder Bibliothek und im Buchhandel präsent, bis sie quasi über Nacht aus den Regalen verschwanden. Die künstlich erzeugte Verknappung spezieller Literatur führte zu einem schwunghaften Schmuggel von Büchern über die innerdeutsche Grenze und ist in den Akten der Zollverwaltung des Arbeiter- und Bauernstaats gründlich dokumentiert. Absoluter Spitzenreiter beim heimlichen Büchertransfer war die Trivialliteratur.

Besonderen Erfindungsreichtum zeigte die in der DDR verbotene Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas. Sie benutzten zum Beispiel Backpflaumen als Depots für ihre Glaubenspost und verdutzten den Zoll, als dieser unglaubliche 40 000 Exemplare ihres „Wachtturm“-Magazins in einem einzigen Fahrzeug sicherstellte.

Nicht kleckern sondern klotzen war wohl auch das Motto der evangelischen Kirche, die die Ladung von zwei baugleichen Lkws voll mit religiösem Lesestoff auf einem Transitparkplatz komplett austauschte. Ein Lesegut mit unfreiwilligem Humorpotential sind die Begründungen der sozialistischen Sittenwächter für die Gefährlichkeit von Micky-Maus-Heften. Sie warnten mit der Befürchtung, die jungen Leser könnten vom Eintritt in Pionierorganisation und Freie Deutsche Jugend (FDJ) abgehalten werden. Inzwischen hat sich dieser Zusammenhang allerdings als realitätsnah herausgestellt.

[...]



Aus: " GESCHICHTE: Backpflaumen als Literaturdepot - Zum Umgang mit der DDR-Zensur"  Von Lothar Krone (15.05.2008)
Quelle: http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11206473/60709/Zum_Umgang_mit_der_DDR_Zensur_Backpflaumen_als.html


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[...] Die DDR war reich an Dingen, die es offiziell nicht geben durfte, die aber dennoch existierten. Dazu gehörte auch die Arbeit, die von der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel, geleistet wurde. Hinter dem Wort "Druckgenehmigungsverfahren", mit deren Erteilung das Ministerium befasst war, verbarg sich die Arbeit einer Zensurbehörde. Wie schnell ein Autor in der DDR in Konflikt mit jener Behörde geraten konnte, dies belegt eindrucksvoll das Buch der viel zu früh verstorbenen Berliner Germanistin Simone Barck und des Leipziger Professors am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften Siegfried Lokatis. Anhand von Beispielen zeigen sie, was in der DDR nicht publiziert werden konnte und aus welchen Gründen. Eine der machtgewaltigen Frauen der "Hauptverwaltung", Carola Gärtner-Scholle, Verbot Karl Kraus' Zitat: "Satire, die der Zensor versteht, wird mit Recht verboten", mit der Begründung: Leser in der DDR müssen keinen Zensor "mehr fürchten".

Die Zensur war eine Einschränkung der Freiheit der Kunst, denn sie hat das Erscheinen von Büchern wie Irmtraud Morgners "Rumba auf einen Herbst" oder Werner Bräunigs "Rummelplatz" verhindert. Sie hat außerdem dafür gesorgt, dass Uwe Johnsons Debütroman "Ingrid Babendererde" in der DDR nicht erscheinen konnte und sie ist verantwortlich dafür, dass es ganze 23 Jahre gedauert hat, bis Fritz Rudolf Fries' Schelmenroman "Der Weg nach Oobliadooh" im Herbst 1989 in der DDR erscheinen konnte.

Durch ihr reglementierendes Eingreifen hatte die Zensur aber auch einen Anteil daran, dass Bücher in der DDR einen bedeutenden Stellenwert besaßen. Das traf insbesondere natürlich auf jene zu, die es vermocht hatten, den argwöhnischen Blicken der Zensurbehörde zu trotzen. Eher selten ließ sich die Klippe Zensur mit schonungslosem Realismus umschiffen, wie das Beispiel Bräunig zeigt, dessen Roman "Rummelplatz" auf dem 11. Plenum des ZK der SED zunächst kritisiert und dann verboten wurde, weil er das Leben der Kumpel in der Wismut zu realistisch beschrieben hat, oder das Verbot von Heiner Müllers Stück "Die Umsiedlerin" zeigt.

Subtilere Schreibtechniken wurden deshalb entwickelt: Irmtraud Morgner schrieb nach dem Verbot von "Rumba auf einen Herbst" "historische Gegenwartsromane" und unterlief die Zensur, indem sie 150 Seiten des verbotenen Textes in ihren 1974 erschienen Roman "Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura" integrierte. Der Coup blieb unbemerkt. Entweder schlief die Zensur oder die Verbotsmaßstäbe hatten sich geändert.

Die Zensur hat Autoren zerstört (Beispiel Bräunig), sie hat Autoren veranlasst, in den Westen zu gehen (Beispiel Johnson), sie hat Literatur behindert (Beispiele: Jurek Becker, V. Braun, Stefan Heym, Ch. Wolf und viele andere), weshalb sie Christoph Hein auf dem X. Schriftstellerkongreß der DDR (1987) zu recht als "überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar" anprangerte.
Sie war ein Hindernis.

Das Buch von Barck/Lokatis nimmt die "Hürde" Zensur mit erstaunlicher Bravour und mit Leichtigkeit. In sehr lesenswert geschriebenen Texten, die von 2003 bis 2007 in der "Berliner Zeitung" erschienen sind, ist ihnen eine kurzweilige Geschichte der Zensur in der DDR gelungen. Trotz der enormen Faktenfülle liest sich das Buch spannend und es ist äußerst kurzweilig, denn so ernst, wie die Zensur war, so kurios war sie oftmals auch.


...


Aus: "Literatur-Zensur in der DDR" (Rezensiert von Michael Opitz, 18.08.2008)
Simone Barck, Siegfried Lokatis (Hg.): "Zensurspiele - Heimliche Literaturgeschichte aus der DDR", Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2008, 296 Seiten
Quelle: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/831609/

« Last Edit: September 07, 2008, 08:14:39 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Ulysses... ]
« Reply #4 on: August 13, 2009, 10:56:42 AM »
Quote
[...] Als obszön gilt, was geeignet ist, bei anderen Menschen Ekel zu erregen, die Scham oder ein anderes elementares Gefühl zu verletzen. Wer nur das eigene Empfinden ausdrücken will, der könnte dafür mit den Vokabeln widerlich oder widerwärtig auskommen. Wer statt dessen das Fremdwort obszön verwendet, zeigt damit, dass er sich auf eine verbindliche Werteordnung berufen will (Mitbedeutung: Verstoß gegen eine allgemein anerkannte Verhaltensregel).

[...] In der bildenden Kunst, vor allem aber in der Literatur spielt das Obszöne ebenfalls eine Rolle - etwa bei Titus Petronius (Satyricon), Giovanni Boccaccio (Decamerone), Donatien A. Fr. Marquis de Sade (Die Wonnen des Lasters), Giacomo Casanova, James Joyce (Ulysses), Vladimir Nabokov (Lolita), Elfriede Jelinek, Charles Baudelaire, Charles Bukowski, Anaïs Nin (Das Delta der Venus) und William S. Burroughs (Naked Lunch). Bei vielen der genannten Autoren wurde Obszönität als Argument für die Zensur ihrer Werke ins Treffen geführt ...



Aus: "Obszönität"
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Obsz%C3%B6nit%C3%A4t (4. Juli 2009)

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Quote
[...] Ulysses (englisch für Odysseus, von lat. Ulixes) gilt als der bedeutendste Roman des irischen Schriftstellers James Joyce und als richtungweisend für den modernen Roman. Er entstand zwischen 1914 und 1921. Auszüge erschienen ab 1918 in mehreren Teilen zuerst in der amerikanischen Zeitschrift Little Review. 1919 erschienen in der englischen Zeitschrift Egoist, deren Herausgeberin Harriet Weaver war, weitere fünf Fortsetzungen.

Wegen Obszönität waren die entsprechenden Ausgaben des Little Review mehrfach vom United States Post Office beschlagnahmt worden. In einer zensierten Fassung verlegte 1922 erstmals Sylvia Beach, Besitzerin der Buchhandlung Shakespeare and Company (Rue de l’Odéon 12) in Paris, das ganze Werk.

[...] Joyce schildert nicht nur die äußeren Geschehnisse, sondern auch die Gedanken seiner Protagonisten mit allen ihren Assoziationen, Erinnerungsfetzen und Vorstellungen. Die Sprache wird dabei ungeordnet und bruchstückhaft verwendet, „wie es der Person gerade durch den Kopf geht“. Dieses Stilelement, der so genannte „stream of consciousness“ wird hier zum ersten Mal zentrales Gestaltungselement eines literarischen Werkes. Häufig, besonders im „Irrfelsen“-Kapitel, überlagern und überschneiden sich die Gedanken mehrerer Personen, die sich flüchtig begegnen, Straßengeräusche dringen kurz ins Bewusstsein ein oder bleiben gerade an dessen Schwelle stehen. Ereignisse, die sich gleichzeitig an verschiedenen Orten Dublins abspielen, durchdringen sich, stehen nebeneinander oder verschwimmen zu einem einzigen Eindruck. Auf diese Weise entsteht letztlich ein intensives und realistisches, enzyklopädisch vollständiges Bild der Stadt Dublin an jenem 16. Juni 1904:

    „Ich möchte ein Abbild von Dublin erschaffen, so vollständig, daß, wenn die Stadt eines Tages plötzlich vom Erdboden verschwände, sie aus meinem Buch heraus vollständig wieder aufgebaut werden könnte.“

    – James Joyce


...


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ulysses  (12. Juli 2009)


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[Les Fleurs du Mal... (Charles Baudelaire)]
« Reply #5 on: September 19, 2009, 10:04:29 PM »
Quote
[...] Die Grundstimmung dieser formal und sprachlich äußerst ausgefeilten, meist eher kurzen Gedichte ist (wie auch oft bei den Romantikern) Desillusion, Pessimismus, Melancholie; die evozierte Realität erscheint (anders als bei den Romantikern) als überwiegend hässlich und morbide, der Mensch als hin- und hergerissen zwischen den Mächten des Hellen und Guten („l'idéal“) und denen des Dunklen und Bösen, ja Satans („le spleen“). Eine der bedeutendsten Neuerungen Baudelaires in den Fleurs ist die, wenn auch sparsame, Integration der Welt der Großstadt in die Lyrik – einer als insgesamt eher abstoßend und düster vorgestellten Welt, was allerdings durchaus der Realität im übervölkerten, explosionsartig wachsenden und schmutzigen Paris der Zeit entsprach.

Obwohl einige klarsichtige Kollegen rasch erkannten, dass die besten Gedichte des Bandes zu den bleibenden Leistungen der französischen Lyrik zählen würden, war der Erfolg zunächst gering. Sechs von einem Pariser Starkritiker als obszön oder blasphemisch denunzierte Gedichte trugen dem Autor und seinem Verleger Auguste Poulet-Malassis im Juli 1857 sogar einen Strafprozess ein wegen „Beleidigung der öffentlichen Moral“. Am 20. August 1857 wurde Baudelaire deswegen verurteilt. Die sechs „wegen obszöner und unmoralischer Passagen“ beanstandeten Gedichte[1] wurden deshalb ausgelassen, als 1861 eine um 35 neue Gedichte vermehrte zweite Auflage der Fleurs erschien. Die dritte, nochmals erweiterte Auflage, die 1868 postum herauskam, enthielt sie jedoch wieder.

...


Aus: „Charles Baudelaire“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 27. Juli 2009, 20:21 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Charles_Baudelaire&oldid=62692311 (Abgerufen: 19. September 2009, 20:03 UTC)

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Quote
[...] Les Fleurs du Mal (traditioneller deutscher Titel: Die Blumen des Bösen) ist ein Gedichtband Charles Baudelaires, der von 1857 bis 1868 in drei Fassungen wachsenden Umfangs und unterschiedlicher Anordnung herausgegeben worden ist. Die Erstausgabe führte zu einem Prozess, bei dem Baudelaire wegen Verletzung der öffentlichen Moral verurteilt und die weitere Veröffentlichung von sechs als anstößig bezeichneten Gedichten verboten wurde.

Das dichterische Hauptwerk Baudelaires handelt vom Großstadtmenschen und dessen Ennui, einer mit Widerwillen, Unlust und Verdruss verbundenen Entfremdung gegenüber dem Dasein. Es beeinflusste unmittelbar das Schaffen Arthur Rimbauds, Paul Verlaines und Stéphane Mallarmés und gilt in der Literaturgeschichte als Ausgangspunkt der modernen europäischen Lyrik.


[...] Die Erstausgabe gelangte in einer Auflage von rund 1.100 Exemplaren am 25. Juni 1857 in den Verkauf, bereits am 7. Juli begann die Staatsanwaltschaft mit der Strafverfolgung wegen Gotteslästerung und Beleidigung der öffentlichen Moral; letzteres war im Februar des gleichen Jahres auch Gustave Flaubert wegen seines Romans Madame Bovary zum Vorwurf gemacht worden. Am 20. August verurteilte das Gericht Baudelaire wegen des zweiten Anklagepunkts zu einer erheblichen Strafe von 300 Francs, eine Geldbuße erhielt zudem sein bevorzugter Verleger, Auguste Poulet-Malassis. Sechs inkriminierte Gedichte – Lesbos, Femmes damnées, Le Lèthe, À celle qui est trop gaie, Les Bijoux, Les Métamorphoses du vampire – mussten aus den Fleurs du Mal entfernt und durften nicht mehr veröffentlicht werden. Durch einen Bittbrief an Kaiserin Eugénie erreichte Baudelaire 1858 eine Reduktion der Strafe auf 50 Francs. Das Urteil wurde 1949 formal aufgehoben.[1]

Das Vorhaben einer zweiten Ausgabe entwickelte Baudelaire ab Ende 1857, da die urteilsbedingte Zensur die Komposition der Erstausgabe schwer beschädigt hatte und er ohnehin mit der Publikation noch nicht zufrieden gewesen war. Am 9. Februar 1861 erschien die zweite Fassung der Fleurs du Mal in 1.500 Exemplaren, ohne die sechs zensurierten, aber mit 32 weiteren, seit 1857 an anderer Stelle publizierten Gedichten und unter inhaltlicher Neuordnung. Baudelaire bezeichnete dieses Buch im Gegensatz zu anderen, von ihm im Nachhinein stark kritisierten eigenen Werken als „beinahe wohlgeraten“.

In Brüssel, wohin die französische Justiz keinen Zugriff und sich Poulet-Malassis vor weiteren Geld- und Haftstrafen geflüchtet hatten, bemühte sich Baudelaire um eine vollständige Neuausgabe der Fleurs du Mal als édition définitive, scheiterte aber damit. Wenigstens erschien 1866 in einer Liebhaberausgabe die Sammlung Les Épaves (dt. Strandgut) mit den sechs zensurierten Gedichten und 17 neuen.

[...]


 Einzelnachweise:

   1. ↑ Walther Skaupy: Moral, Unmoral und Religionsdelikte in den Prozessen gegen die Dichter Gustave Flaubert und Charles Baudelaire. In: Grosse Prozesse der Weltgeschichte. Emil Vollmer Verlag, ISBN 978-3-88400-101-1, S. 99-136.



Aus: „Les Fleurs du Mal“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 19. September 2009, 10:05 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Les_Fleurs_du_Mal&oldid=64680754 (Abgerufen: 19. September 2009, 19:59 UTC)


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[Die Buchzensur war natürlich zunächst... ]
« Reply #6 on: October 12, 2010, 09:35:55 AM »
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[...] [Hubert Wolf]: Bei der Praxis der katholischen Kirche hatten Sie es über Jahrhunderte mit dem Versuch einer totalen Kontrolle des abendländischen Wissens zu tun. An der religiösen Wahrheit, die wir haben – so die damalige Auffassung –, hängen auch alle anderen Wahrheiten. Die Buchzensur war natürlich zunächst eine antiprotestantische Maßnahme. Man fragte sich: Worauf beruht das Geheimnis des Erfolges der Protestanten? Die Reformation war eine medienpolitische Revolution. Geschickt nutzte sie die Möglichkeiten des gerade erfundenen Buchdrucks. Wer ein protestantisches Buch liest, der wird infiziert. Er wird „krank“. Dagegen steht die wahre Lehre, die doctrina sana, die gesunde Lehre. Eine vielsagende Metapher... . Wenn das falsche religiöse Wissen Luthers oder Calvins sich nicht auf Theologie beschränkt, sondern die anderen Bereiche des Wissens infiziert, dann muss die Zensur sich auch mit medizinischen Büchern, mit physikalischen, ja mit Romanen beschäftigen.

...


Aus: "Interview mit einem Kirchenhistoriker Hubert Wolf: Du wirst in der Hölle brennen, Leser!" (07.10.2010)
Ein Gespräch mit Hubert Wolf über vierhundert Jahre Buchzensur, über die Probleme der Zensoren, warum Darwin nicht auf dem Index stand und wieso der Vatikan es typisch deutsch findet, wenn jemand die Buchzensur der Römischen Kurie voll erfasst
Quelle: http://www.fr-online.de/kultur/du-wirst-in-der-hoelle-brennen--leser-/-/1472786/4726104/-/index.html


Offline Textaris(txt*bot)

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[The King Never Smiles... ]
« Reply #7 on: December 10, 2011, 02:36:22 PM »
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[...] Ein US-amerikanischer Blogger thailändischer Abstammung ist am Donnerstag in Bangkok zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er Passagen eines königskritischen Buches ins Thailändische übersetzt hat, berichtet die Financial Times. Der 55-jährige, der seit 30 Jahren in den USA lebt und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, publizierte bereits 2006 Auszüge aus dem Buch "The King Never Smiles". Dabei handelt es sich um eine unautorisierte Biographie des seit 60 Jahren amtierenden Königs Bhumibol Adulyadej, die in Thailand kurz nach dem Erscheinen verboten wurde.

Der Mann übersetzte Passagen aus dem Buch ins Thailändische und veröffentlichte sie auf seinem Blog. Als er im Mai 2011 für eine Operation nach Thailand reiste, wurde er verhaftet. Am Donnerstag wurde der Mann wegen Majestätsbeleidigung zu einer Freiheitsstrafe in Höhe von fünf Jahren verurteilt, von denen er zweieinhalb Jahre in einem thailändischen Gefängnis absitzen muss. Ein Sprecher der US-Botschaft in Bangkok drückte seine "tiefe Beunruhigung" ob des Urteils aus, das nicht mit den internationalen Standards für Meinungsfreiheit zu vereinbaren sei.

Erst vor drei Wochen war ein Mann zu 20 Jahren Haft verurteilt worden, weil er vier Textnachrichten versendet haben soll, die angeblich die Königin beleidigten. In diesem Zusammenhang hatte auch Amnesty International das Gesetz verurteilt, welches drakonische Strafen für Majestätsbeleidigung vorsieht. Der thailändische König Bhumibol Adulyadej selbst lehnt das Gesetz ab und hat in der Vergangenheit wiederholt Menschen begnadigt, die wegen Majestätsbeleidigung ins Gefängnis gehen mussten. (jh)


Aus: "US-Blogger in Thailand zu Haftstrafe verurteilt" (09.12.2011)
Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/US-Blogger-in-Thailand-zu-Haftstrafe-verurteilt-1392983.html


Offline Textaris(txt*bot)

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[Formen der Zensur (Literatur)]
« Reply #8 on: October 24, 2019, 03:46:29 PM »
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[...] Am 20. Mai 1527 verliert Hans Hergot seinen Kopf. Leider wortwörtlich und aus eher nichtigem Anlass. Der Drucker ist kein Verbrecher. Er verlegt nur Bücher und schreibt gelegentlich selbst. Unter anderem die Flugschrift "Von der newen Wandlung eynes Christlichen Lebens". Das schmale Büchlein erträumt eine Art christlichen Kommunismus ohne Privateigentum und Ständeprivilegien. Damit ist Herzog Georg von Sachsen gar nicht einverstanden. Er lässt den gefährlichen Fantasten festnehmen. Das Hofgericht erkennt Hergot des Aufruhrs für schuldig, der Henker tut seine Pflicht ...


Aus: "Zur Geschichte der Informationskontrolle" Simon Demmelhuber (24.01.2017)
Quelle: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/deutsch-und-literatur/zensur-kontrolle-100.html

-

... Nachdem bereits der Leipziger Student Martin Mentzer und ein Johann von Liegnitz wegen der Vervielfältigung und Verbreitung der Schrift in Haft gekommen waren, wurde auch Hergot vermutlich in Zwickau verhaftet. Er wurde vom Hofgericht Herzog Georg des Bärtigen zum Tode verurteilt und am 20. Mai 1527 auf dem Leipziger Marktplatz hingerichtet. Im Stadtarchiv befindet sich ein Exemplar der Schrift mit dem Vermerk, dies sei „Hans Hergots von Nurmberg ufrurisch buchlein, umb welchs willen er mit dem Schwerte alhir gericht.“ Seine Witwe Kunegunde Hergot führte die Druckerei in Nürnberg bis 1538 fort. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Hergot
« Last Edit: October 24, 2019, 03:54:36 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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[Formen der Zensur (Literatur)]
« Reply #9 on: October 24, 2019, 03:50:24 PM »
" ... Matthias N. Lorenz führt in die Geschichte der Literaturzensur und die Organisation der Medienkontrolle ein. Exemplarisch steht die Bundesrepublik im Vordergrund – die Fragen nach den Grenzen der Toleranz und der Legitimation von Eingriffen in die Kunstfreiheit sind jedoch für alle demokratischen Gesellschaften relevant. Vorgestellt werden exemplarische Fallgeschichten von der Ehrverletzung über die Jugendgefährdung bis hin zu aktuellen Kontroversen um Political Correctness und »Killerspiele«. In den Debatten um Literatur und Zensur treffen »Pornografen« auf Pädagogen, Terroristen auf Juristen – vor allem aber Literaten auf die Moralschranken ihrer Zeit. "

"Literatur und Zensur in der Demokratie: Die Bundesrepublik und die Freiheit der Kunst" (Englisch) Taschenbuch (von Matthias N. Lorenz) 16. September 2009
ISBN-10: 3825232662
ISBN-13: 978-3825232665

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Werner Fuld
Das Buch der verbotenen Bücher
Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten von der Antike bis heute
Cover: Das Buch der verbotenen Bücher
Galiani Verlag Berlin, Berlin 2012
ISBN 9783869710433
Gebunden, 352 Seiten

“ … In vielen Bibliotheken gibt es geheime Zonen: Schränke oder ganze Räume mit weggeräumten, als gefährlich eingestuften Büchern, die in keinem allgemein zugänglich Katalog erfasst sind. Die Klosterbibliothek in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ ist das klassisch gewordene Muster. Selbst die Nazis verzichteten nicht darauf, die von ihnen ausgesonderten Titel in Zentralbibliotheken zu sammeln und im Geheimen aufzubewahren … So führt seine Schilderung der Bücherverbrennung durch nationalsozialistische Studenten im Mai 1933 zu Scheiterhaufen in den USA, wo zeitgleich dieselben Bücher – Hemingway, Dos Pasos und andere – von moralischen Eiferern ins Feuer geworfen wurden. Im Kapitel „Glauben und Wissen“ wird der „Index librorum prohibitorum“ der katholischen Kirche behandelt, der 1559 als Instrument der Inquisition eingeführt und erst 1966 wegen zunehmender Wirkungslosigkeit abgeschafft wurde. Dass Verbote häufig das Gegenteil des Erstrebten bewirken, indem sie Neugier und Aufmerksamkeit schaffen, ist ein immer wiederkehrendes Problem aller Zensoren. … Überhaupt ist es schwer, allgemeingültige Regeln abzuleiten. Noch nicht einmal der Minimalkonsens, dass Verbote immer abzulehnen sind, ist möglich. Im Streit um Maxim Billers Roman „Esra“ sympathisiert Fuld aus personenschutzrechtlichen Erwägungen mit dem Verbotsurteil. Die Bundesprüfstelle, die Gewaltverherrlichendes und Pornographisches indiziert, regt ihn erst dann auf, wenn der Gesundheitsfanatismus der Gegenwart zum Dogma erhoben wird – und Lucky Luke seine Zigarette verliert. …“ | Jörg Magenau (24.04.2012) https://www.deutschlandfunkkultur.de/von-scheiterhaufen-bis-fsk.950.de.html?dram:article_id=141270

“ … Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2012: Mit einem expliziten Urteil hält sich Rezensent Jan Grossarth zwar zurück, doch er scheint einige Erkenntnisse aus Werner Fuld „Buch der verbotenen Bücher“ gezogen zu haben und so lesen wir sein Resümee mal als Empfehlung. Gelernt hat er unter anderem, dass die Reformatoren Calvin und Luther ebenso Bücher verbrennen ließen wie zuvor der Vatikan und später die Gegenreformatoren, dass Nationalsozialismus und Kommunismus meist die gleichen Bücher verboten und dass selbst die harmlosesten Publikationen von moralischen Sittenwächtern ins Visier genommen wurden: in Deutschland die Tarzan-Hefte, in den USA die „Harry-Potter“-Romane. Vor allem aber hat er gelernt, dass das, was einmal brannte, um so länger scheint. Pascal, Rousseau, Heine und Balzac zum Beispiel. …“ | https://www.perlentaucher.de/buch/werner-fuld/das-buch-der-verbotenen-buecher.html