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Author Topic: [Wo Brutalität und Zwietracht tobt... ]  (Read 18848 times)

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[Wo Brutalität und Zwietracht tobt... ]
« Reply #35 on: January 03, 2019, 12:47:20 PM »

Quote
[...] Am Samstagabend waren in Amberg in der Oberpfalz zwölf Menschen attackiert und verletzt worden, ein 17-Jähriger wurde wegen einer Kopfverletzung stationär ins Krankenhaus aufgenommen. Gegen vier Beschuldigte im Alter von 17 bis 19 Jahren wurde Haftbefehl erlassen; sie stammen aus Afghanistan, Syrien und dem Iran. Nach Angaben der Polizei standen die Tatverdächtigen unter Alkoholeinfluss, als sie die Passanten attackierten. ...


Aus: "Seehofer fordert nach Angriffen in Amberg schärfere Gesetze" (02.01.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/gewalt-durch-asylbewerber-seehofer-fordert-nach-angriffen-in-amberg-schaerfere-gesetze/23818652.html

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Antidepp 02.01.2019, 19:52 Uhr
Was ist denn dort eigentlich genau passiert? Ging das über eine mögliche Schlägerei zwischen besoffenen Jugendlichen hinaus? Leider wird ja hier im Tagesspiegel darüber nicht ausführlich berichtet. Warum eigentlich nicht? ...


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Agnus 02.01.2019, 13:21 Uhr
Wer erklärt mir nachvollziehbar, warum ich zu den Vorfällen in Amberg noch nicht die Formulierung "deutschenfeindliche Angriffe" gehört habe - parallel zu der üblichen Formulierung "ausländerfeindliche Tat" in Bottrop?


...
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[Wo Brutalität und Zwietracht tobt... ]
« Reply #36 on: January 29, 2019, 02:08:06 PM »

Quote
[...] Mit brutaler Gewalt wird der Klassenkampf von oben gewonnen. Das ist absehbar.

Liste der von der französischen Polizei verletzten Menschen, Albrecht Müller (23. Januar 2019)
24. Januar 2019 um 12:01 Ein Artikel von: Albrecht Müller

Gestern haben die NachDenkSeiten in dem Beitrag “Mit brutaler Gewalt wird der Klassenkampf von oben gewonnen. Das ist absehbar.” auf eine Bilanz der Auseinandersetzung mit den Gelbwesten und auf die Fotos von über 100 Verletzten aufmerksam gemacht. Dort gab es eine ausführliche Liste der 109 Verletzten mit Altersangabe, Namen und Art der Verletzung. Marco Wenzel hat diese Liste übersetzt. Wir geben sie unten wieder. Vorweg noch ein paar kurze Anmerkungen. Albrecht Müller.

Erstens: In den Auseinandersetzungen in Frankreich gab es auch Verletzte unter den Polizisten. Das bedauern die NachDenkSeiten genauso wie die Verletzungen bei den Gelbwesten und anderen Personen. Die Verletzungen der Demonstranten sind jedoch so brutal und erkennbar als Abschreckung angelegt, dass wir es für unsere Pflicht halten, darauf besonders aufmerksam zu machen. Das gilt auch deshalb, weil die deutschen Medien davon kaum Notiz nehmen. Entsprechend wenig ist in der allgemeinen Öffentlichkeit Deutschlands angekommen. Ich habe gestern bei einer Geburtstagsrunde in Karlsruhe den Test gemacht: Keine einzige Person wusste etwas von dieser Brutalität. Und dies in unmittelbarer Nachbarschaft zu Frankreich. Dass in Aachen ein neuer Freundschaftsvertrag mit Frankreich abgeschlossen worden ist, war hingegen bekannt, nicht jedoch die Gewalt bei der innenpolitischen Auseinandersetzung des französischen Präsidenten mit einem Teil seines Volkes.

Zweitens: Die Bundesregierung will die Vorgänge in Frankreich nicht beurteilen und nicht bewerten. So Regierungssprecher Seibert in einer Pressekonferenz. Siehe hier. Die Äußerung von Seibert wie auch die des Sprechers des Bundesinnenministeriums sollte man sich für ähnliche Fälle im Umgang mit anderen Ländern archivieren. Seibert: “Ich beurteile oder bewerte das gar nicht, wie es üblich ist zwischen befreundeten Nationen.”. Der Sprecher des Bundesinnenministers meinte: “Wir kommentieren grundsätzlich nicht die Maßnahmen anderer Staaten”.

Da sind wir aber mal gespannt.

Drittens: Wenn wir über diese schrecklichen Vorgänge berichten, dann wahrlich nicht der Sensation willen, sondern um das öffentlichen Schweigen zu durchbrechen.

Deshalb die Anregung: Geben Sie den Artikel von gestern und diesen von heute weiter.

Der Einfachheit halber werden wir die jetzt folgende Übersetzung auch noch an den gestrigen Artikel anhängen.

Übersetzung der Vorläufigen Aufzählung der Verletzten bei den Demonstrationen von November-Dezember 2018
4. Januar 2019

Recensement provisoire des blessé-es des manifestations du mois de novembre-décembre 2018
https://desarmons.net/index.php/2019/01/04/recensement-provisoire-des-blesses-graves-des-manifestations-du-mois-de-decembre-2018/

Wir ziehen hier eine, wenn auch nicht erschöpfende, Bilanz der schweren Verletzungen, die den gelben Westen und den gelben Westen der Hochschulen seit dem 17. November während der Demonstrationen zugefügt wurden. Wir haben nur Verletzungen aufgezeichnet, die zu Knochenbrüchen, vollständigem oder teilweisem Verlust von Gliedmaßen oder Verkrustungen von Granatenfragmenten im Fleisch führten. Wir fordern alle Beteiligten auf, die in unserem Artikel erwähnten Fakten auf ihre Richtigkeit zu prüfen und gegebenenfalls zu ergänzen oder zu korrigieren. Darüber hinaus laden wir jeden Verletzten ein, sich mit uns in Verbindung zu setzen, um gemeinsam über die Rechtsfolgen zu beraten sowie den Kampf gegen Waffen und ein Treffen aller Verletzten zu organisieren. ...

Bitte besuchen Sie auch die Website von LE MUR JAUNE (die gelbe Wand), die die gleiche Überwachungsarbeit macht wie Désarmons-les! (Entwaffnet sie)

Wir nehmen in diese Liste zunächst die Schwerverletzten auf, aber wir nehmen auch Personen in unsere Liste auf, die sich mit uns in Verbindung gesetzt haben und die ausdrücklich darum gebeten haben, in der Aufzählung zu erscheinen, unabhängig von der Schwere ihrer Verletzung und natürlich erst nach Überprüfung der Informationen.


    ZINEB REDOUANE, 80 Jahre alt, wurde durch einen Tränengasbehälter getötet, der ihr am 1. Dezember 2018 in Marseille ins Gesicht geschossen wurde.
    RICHIE A., 34 Jahre alt, verlor sein linkes Auge durch einen LBD-40-Schuss in Saint-Paul (La Réunion) am 19. November 2018.
    JEROME H. verlor sein linkes Auge, als am 24. November 2018 in Paris ein LBD 40 abgeschossen wurde.
    PATRICK verlor sein linkes Auge durch einen LBD-40-Abschuss in Paris am 24. November 2018.
    Der in Pimprez lebende 40-jährige ANTONIO B. wurde am 24. November 2018 in Paris von einer GLI-F4-Granate schwer am Fuß verletzt.
    GABRIEL, 21 Jahre alt, in der Sarthe ansässiger Kesselbauerlehrling, wurde am 24. November 2018 in Paris von einer GLI-F4-Granate die Hand abgerissen.
    XAVIER E., 34 Jahre alt, wohnhaft in Villefranche sur Saône, erlitt am 24. November 2018 in Villefranche sur Saône eine Fraktur des Kiefers, des Gaumens, des Bahnbodens, des Wangenknochens, mehrere gebrochene Zähne und Verletzungen an der Lippe, die durch einen Schuss LBD 40 verursacht wurden.
    SIEGFRIED, 33 Jahre alt, in der Nähe von Epernay lebend, wurde am 24. November 2018 in Paris von einer GLI-F4-Granate schwer an der Hand verletzt.
    MAXIME W. wurde an der Hand verbrannt und verlor sein Gehör für immer durch eine GLI-F4-Granate in Paris am 24. November 2018 abgefeuert wurde.
    FAB wurde am 24. November 2018 in Paris von einer Landungsgranate an der Stirn verwundet.
    AURELIEN wurde am 24. November 2018 in Tours durch einen LBD-40-Schuss in den Kiefer (5 Stiche) verwundet.
    CEDRIC P., ein in Possession (Insel Reunion) ansässiger Fliesenlegerlehrling, verlor sein linkes Auge, weil er am 27. November 2018 von einer LBD 40 angeschossen wurde.
    FRANCK D., 19 Jahre alt, verlor sein Auge, als am 1. Dezember 2018 in Paris ein LBD 40 abgeschossen wurde.
    Ein Unbekannter, 29 Jahre alt, hat am 1. Dezember 2018 durch eine Landungsgranate in Le Puy en Velay sein Auge verloren (Quelle: Anruf von einem Angehörigen).
    GUY B., ~60 Jahre alt, wurde am 1. Dezember 2018 in Bordeaux von einem LBD-40-Schuss der Kiefer gebrochen.
    AYHAN, ~50 Jahre alt, ein Sanofi-Techniker aus Joué-les-Tours, wurde am 1. Dezember 2018 in Tours von einer GLI-F4-Granate die Hand abgerissen.
    BENOIT B., 29 Jahre alt, wurde am 1. Dezember 2018 in Toulouse von einem LBD-40-Schuss schwer an der Schläfe verletzt (Hirnödem). Er wurde in ein künstliches Koma versetzt. Update: Er ist erst am 21. Dezember 2018, nach 20 Tagen, aus dem Koma erwacht.
    MEHDI, 21, wurde bei einem Anschlag in Paris am 1. Dezember 2018 schwer verletzt.
    ANTHONY, 18 Jahre alt, wurde am 1. Dezember 2018 in Paris durch einen LBD-40-Schuss ins Auge verletzt.
    JEAN-PIERRE wurde am 1. Dezember 2018 in Toulouse von einem LBD-40-Schuss die Hand gebrochen.
    MAXIME I., 40 Jahre alt, erlitt eine doppelte Beckenfraktur aufgrund eines LBD-40-Schusses in Avignon am 1. Dezember 2018.
    FREDERIC R., 35 Jahre alt, wurde am 1. Dezember 2018 in Bordeaux von einer GLI-F4-Granate die Hand abgerissen.
    CHRISTOPHE L. wurde am 1. Dezember 2018 in Paris die Nase gebrochen und an der Stirn durch einen Jet von einer Wasserkanone verletzt.
    LIONEL J., 33 Jahre alt, wurde am 1. Dezember 2018 in Paris durch eine LBD 40 an der Schläfe verwundet (7 Stiche + 1 subkutane Aufnahme)
    KEVIN P wurde am 1. Dezember 2018 in Paris von einer Tränengaskapsel im zweiten Grad tief an seiner linken Hand (15 Tage arbeitsunfähig) verbrannt.
    MATHILDE M, 22 Jahre alt, wurde am 1. Dezember 2018 in Tours durch einen Schuss von einer LBD 40 am Ohr verletzt (25 Fäden, Tinnitus, leichte innere Verletzungen mit Gleichgewichtsstörungen).
    ROMEO B, 19 Jahre alt, erlitt eine offene Schienbeinfraktur (90 Tage arbeitsunfähig) durch eine LBD 40 am 1. Dezember 2018 in Toulouse.
    ELIE B., 27 Jahre alt, hatte einen gebrochenen Kiefer und verlor einen Zahn, aufgrund von einer LBD 40 am 1. Dezember 2018 in Paris .
    ETIENNE P, ein Agent der SNCF, erlitt eine Schienbeinfraktur (90 Tage arbeitsunfähig), nachdem am 1. Dezember 2018 in Paris eine LBD 40 abgeschossen wurde.
    HUGO C, Fotograf, wurde von einer LBD 40 verletzt, die am 1. Dezember 2018 in Paris abgeschossen wurde.
    CHARLINE R, 29 Jahre alt, wurde am 1. Dezember 2018 in Paris durch ein Schrapnell einer GLI-F4-Granate am Fuß verletzt (Extraktion unter Vollnarkose).
    DORIANA, 16 Jahre alt, eine in Grenoble lebende Gymnasiastin, wurden am 3. Dezember 2018 von einer LBD 40 in Grenoble das Kinn und zwei Zähne gebrochen.
    ISSAM, 17 Jahre alt, Gymnasiast in Garges-les-Gonesse, wurde am 5. Dezember 2018 in Garges-les-Gonesse von einem LBD-40-Schuss der Kiefer gebrochen.
    OUMAR, 16 Jahre alt, ein Gymnasiast aus Saint Jean de Braye, wurde am 5. Dezember 2018 von einem LBD-40-Schuss in Saint Jean de Braye mit einer Stirnfraktur verletzt.
    JEAN-PHILIPPE L, 16 Jahre alt, verlor sein linkes Auge durch einen LBD-40-Schuss am 6. Dezember 2018 in Bézier.
    RAMY, 15 Jahre alt und in Vénissieux ansässig, verlor sein linkes Auge entweder durch einen LBD-40-Schuss oder aber durch eine Granate in Lyon am 6. Dezember 2018.
    ANTONIN, 15 Jahre alt, wurde am 8. Dezember 2018 in Dijon von einem LBD-40-Schuss Kiefer und Unterkiefer gebrochen.
    THOMAS, 20 Jahre alt, Student in Nîmes, Fraktur des Sinus am 8. Dezember 2018 in Paris von einer LBD 40
    DAVID, einem in der Region Paris ansässiger Steinmetz, wurde am 8. Dezember 2018 in Paris von einem LBD-40-Schuss der Kiefer gebrochen und die Lippe abgerissen.
    FIORINA L., 20 Jahre alt, eine in Amiens lebende Studentin, verlor ihr linkes Auge durch einen LBD-Schuss in Paris am 8. Dezember 2018.
    ANTOINE B., 26 Jahre alt, wurde am 8. Dezember 2018 in Bordeaux von einer GLI-F4-Granate die Hand abgerissen.
    JEAN-MARC M., 41 Jahre alt, in Saint-Georges d’Oléron ansässiger Gartenbaukünstler, verlor sein rechtes Auge durch einen Schuss von einer LBD 40 am 8. Dezember 2018 in Bordeaux.
    ANTOINE C., 25 Jahre alt, freiberuflicher Grafikdesigner mit Wohnsitz in Paris, verlor sein linkes Auge durch Abschuss einer LBD 40 in Paris am 8. Dezember 2018.
    KONSTANT, 43 Jahre alt, arbeitsloser technischer Verkäufer aus Bayeux, wurde am 8. Dezember 2018 in Mondeville von einem LBD-40-Schuss die Nase gebrochen.
    Der 17-jährige CLEMENT F. wurde am 8. Dezember 2018 in Bordeaux von einem LBD-40-Schuss an der Wange verletzt.
    NICOLAS C., 38 Jahre alt, wurde am 8. Dezember 2018 in Paris von einem LBD-40-Schuss die linke Hand gebrochen.
    YANN wurde am 8. Dezember 2018 in Toulouse sein Schienbein durch einen LBD-40-Schuss gebrochen.
    PHILIPPE S. wurde durch einen LBD-Schuss am 8. Dezember 2018 in Nantes schwer an den Rippen verletzt, mit inneren Blutungen und Milzfrakturen.
    ALEXANDRE F., 37 Jahre alt, verlor sein rechtes Auge durch einen LBD-40-Schuss am 8. Dezember 2018 in Paris.
    MARIEN, 27, erlitt einen doppelten Bruch ihrer rechten Hand durch einen LBD-40-Schuss am 8. Dezember 2018 in Bordeaux.
    FABIEN wurden am 8. Dezember 2018 in Paris von einem LBD-40-Schuss die Wangenknochen gespalten und die Nase gebrochen.
    EMERIC S., 22 Jahre alt, hat ein gebrochenes Handgelenk mit Verschiebung der Elle durch eine LBD 40 am 8. Dezember 2018 in Paris.
    HICHEM B. wurde seine linke Hand durch einen LBD-40-Schuss am 8. Dezember 2018 in Paris gebrochen.
    HANNIBAL V. wurde am 8. Dezember 2018 in Paris durch einen LBD-40-Schuss ins Auge verwundet.
    MANO M. wurde sein Fuß (2. Mittelfußknochen) durch einen LBD-40-Schuss am 8. Dezember 2018 in Nantes gebrochen.
    ALEXANDRA wurde am 8. Dezember 2018 in Paris durch einen LBD-40-Schuss in den Hinterkopf verletzt.
    MARTIN C. wurde am 8. Dezember 2018 in Marseille durch einen LBD-40-Schuss nahe am Auge verletzt.
    GUILLAUME P. erlitt eine offene Fraktur der Hand mit Sehnenriss aufgrund eines LBD-40-Schusses am 8. Dezember 2018 in Nantes.
    AXELLE M., 28 Jahre alt, erlitt eine doppelte Fraktur seines Kiefers und gebrochene Zähne, die von einer LBD 40 am 8. Dezember 2018 in Paris abgeschossen wurde.
    STEVEN L., 20 Jahre alt, wurden am 8. Dezember 2018 in Paris durch einen LBD-40-Schuss das Schienbein und seine Hand durch Teleskopschlagstöcke (bis zur Bewusstlosigkeit) gebrochen.
    ERIC P. erlitt einen Kieferbruch, aufgeschlagene Lippen und gebrochene Zähne, die von einer LBD 40 am 8. Dezember 2018 in Paris herrühren.
    DAVID D., 31, ein Bauarbeiter, erlitt eine gebrochene Nase, ein abgetrenntes Nasenloch und ein Hämatom auf der Oberlippe aufgrund einer Granate am 8. Dezember 2018 in Bordeaux.
    PATRICE P., 49 Jahre alt, verlor sein rechtes Auge durch einen LBD-40-Schuss am 8. Dezember 2018 in Paris.
    CHRISTOPHER erlitt eine dreifache Fraktur der Gesichtsknochen, nachdem am 8. Dezember 2018 in Calais eine LBD 40 abgeschossen wurde.
    NICOLAS D. wurde ein Wangenknochen durch einen LBD-40-Schuss am 8. Dezember 2018 in Paris gebrochen.
    NICOLAS, 38, hatte eine metakarpale Fraktur aufgrund eines LBD-40-Schusses in Paris am 8. Dezember 2018.
    VANESSA L., 33, verlor sein linkes Auge und ihm wurde am 15. Dezember 2018 in Paris von einer LBD 40 der Schädel gebrochen.
    ETIENNE K. erlitt eine dreifache Fraktur des linken Unterkiefers wegen einer LBD 40 am 15. Dezember 2018 in Paris.
    LOLA V., 18 Jahre alt, erlitt am 18. Dezember in Biaritz einen dreifachen Kieferbruch, gebrochene Zähne und eine aufgerissene Wange.
    RODOLPHE wurde am 18. Dezember von einer Granate in den Beinen verwundet.
    JANELLE M. wurde am 22. Dezember 2018 in Nancy durch eine (noch zu bestätigende) Granate am Fuß verletzt.
    AURORE C. erlitt einen Bruch des linken Knöchels (6 Wochen Ruhigstellung, 45 Tage arbeitsunfähig) herrührend vom Abschuss einer LBD 40 am 22. Dezember 2018 in Bourg-en-Bresse.
    R.G., 24 Jahre alt, verlor ein Auge durch einen LBD-40-Schuss am 29. Dezember 2018 in Toulouse.
    CORENTIN G. wurde am 29. Dezember 2018 in Rouen von einem großen Schrapnell einer GLI-F4-Granate am Bein verletzt.
    STEVE B. wurde am 29. Dezember 2018 in Rouen durch mehrere Metallsplitterfragmente einer GLI-F4-Granate am Bein verletzt.
    SABRINA L. wurde am 29. Dezember 2018 in Rouen durch mehrere Metallsplitterfragmente einer GLI-F4-Granate am Bein verletzt.
    MICKA T. wurde am 29. Dezember 2018 in Rouen von mehreren Metallsplitterfragmenten einer GLI-F4-Granate am Bein und an der Schläfe verwundet.
    MICKAEL F. wurde am 29. Dezember 2018 in Rouen von mehreren Metallsplitterfragmenten einer GLI-F4-Granate am Bein verwundet.
    COLINE M. wurde am 29. Dezember 2018 in Rouen durch einen LBD-40-Schuss in den Arm verwundet.
    JONATHAN C. wurde am 29. Dezember 2018 in Rouen durch einen LBD-40-Schuss in den Arm verletzt.
    ADRIEN M., 22 Jahre alt, wurde durch einen LBD-40-Schuss am 29. Dezember 2018 in Nantes schwer am Hinterkopf verletzt (Kopfverletzung).
    YVAN B. wurde am 29. Dezember 2018 in Montpellier durch einen LBD-40-Schuss an Nase und Auge verwundet.
    FANNY B, 29 Jahre alt, wurde am 29. Dezember 2018 in Nantes von einer Landungsgranate am Knöchel verletzt.
    ROBIN B. wurde am Hinterkopf (4 Klammern + Hämatom) durch einen LBD-40-Schuss am 05. Januar 2019 in La Rochelle verletzt.
    FLORENT M. erlitt eine offene Fraktur des Jochbeins aufgrund einer LBD 40 am 05. Januar 2019 in Paris.
    OLIVIER H. wurde durch einen LBD-40-Schuss am 05. Januar 2019 in Paris am Kopf verletzt (Kopfverletzung mit Bewusstseinsverlust).
    DANIEL wurde von einem LBD-40-Schuss am 05. Januar 2019 in Paris an der Stirn verletzt.
    LIONEL L. hatte einen offenen Beinbruch (3 Monate Ruhigstellung) aufgrund einer Granate in Paris am 5. Januar 2019.
    DAVID S. erlitt eine gebrochene Nase und 9 Stiche (20 Tage arbeitsunfähig) aufgrund eines LBD-40-Schusses am 5. Januar 2019 in Bordeaux.
    ADRIEN wurde mit einem LBD 40 am 5. Januar 2019 in Saint Etienne ins Auge geschossen.
    Ein Unbekannter, 35 Jahre alt, verlor ein Auge durch einen LBD-40-Schuss am 12. Januar 2019 in Toulon.
    BENJAMIN V., 23 Jahre alt, Arbeiter, verlor ein Auge und erlitt 6 Knochenbrüche an Gesicht und Nase durch einen LBD-40-Schuss am 12. Januar 2019 in Bordeaux.
    XAVIER L., 46 Jahre alt, Fotojournalist, erlitt einen Kniescheibenbruch (45 Tage arbeitunfähig) durch LBD 40 am 12. Januar 2019 in La Rochelle.
    Der 15-jährige LILIAN erlitt am 12. Januar 2019 in Straßburg einen Kieferbruch durch eine LBD 40
    WILLIAM R., 23 Jahre alt, erlitt eine Fraktur des Stirnbeins mit intrakraniellem Hämatom durch eine LBD 40 am 12. Januar 2019 in Paris.
    LUDOVIC B. wurde am 12. Januar 2019 in Paris von einer Granate an der Wange verletzt.
    SEBASTIEN M. erlitt am 12. Januar 2019 in Paris von einer LBD 40 einen Kieferbruch und verlor 5 Zähne.
    MARIE-PIERRE L., 47 Jahre alt, wurde am 12. Januar 2019 in Nantes von einer Granate am Oberschenkel verletzt.
    SANDRA, 29 Jahre alt, wurde am 12. Januar 2019 in Le Havre durch einen Schuss von einer LBD 40 schwer am Fuß verletzt (10 Tage Behandlung, Risiko einer Phlebitis).
    SAMIR wurde an der Schläfe (Gesichtslähmung) durch eine LBD 40 am 12. Januar 2019 in Saint Etienne schwer verletzt.
    OLIVIER, 51 Jahre alt, Feuerwehrmann, wurde an der Schläfe (nach einer Hirnblutung in ein künstliches Koma versetzt) durch einen LBD-40-Schuss am 12. Januar 2019 in Bordeaux schwer verletzt.
    NICOLAS wurde am 12. Januar 2019 in Bar le Duc durch einen LBD-40-Schuss ins Auge verwundet.
    ANTHONY B. wurde am 12. Januar 2019 in Besançon durch einen LBD-40-Schuss am Hinterkopf verletzt (Kopfverletzung, 10 subkutane Stiche, 10 Oberflächenstiche).
    MAR, 51 Jahre alt, wurde am 12. Januar 2019 in Nîmes durch einen LBD-40-Schuss an der Stirn (Kopfverletzung, offene Wunde 10 cm lang und bis zum Schädel, 10 Stiche) verletzt.
    SEBASTIEN D. wurde der Kiefer durch einen LBD-40-Schuss am 12. Januar 2019 in Nîmes gebrochen.
    Ein Unbekannter, 36 Jahre alt, wurde durch eine LBD 40 am 12. Januar 2019 in Bourges schwer am Kopf verletzt und liegt derzeit im Koma (Quelle: Le Parisien).
    Ein weiterer Unbekannter, 27 Jahre alt, verlor durch eine Granate am 19. Januar 2019 in Rennes ein Auge.
    AXEL, 25 Jahre alt, erlitt mehrere Frakturen der Stirn und im Gesicht sowie ein Ödem am Auge, nachdem am 19. Januar 2019 in Montpellier eine LBD 40 abgeschossen wurde.
    JEAN CLAUDE M. wurde durch eine LBD 40 am 19. Januar 2019 in Rennes schwer am Auge verletzt (vorübergehender Sehverlust).

Die vorläufige Bilanz der Verletzungen ergibt:

    1 Person wurde getötet (Tränengasgranate)
    4 Personen wurden die Hände abgerissen (GLI-F4-Granaten).
    18 Personen wurden am Auge verletzt (LBD-40-Kugeln und landende Granaten).
    1 Person hat ihr Gehör dauerhaft verloren (Granate)



Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=48643

Quelle: https://klausbaum.wordpress.com/2019/01/29/es-ist-krieg/


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« Reply #37 on: January 29, 2019, 02:16:15 PM »

Quote
[....] Auch traditionelle Medien wie France Soir berichteten von der Gewalt und dass die Polizei unter Druck gerät. Anlass zum Alarm seien die "reihenweisen Verstümmelungen", die es in dieser Abfolge seit Jahrzehnten nicht mehr in Frankreich gegeben habe.

2.000 Demonstranten sollen nach Regierungsangaben seit Mitte November verletzt worden sein, 1.000 Verletzte werden aufseiten der Ordnungskräfte gezählt. Doch werden dazu keine genaueren Angaben gemacht. Bekannt ist, dass die Aufsichtsbehörde der Polizei, die "Polizei der Polizei" (IGPN - Inspection générale de la Police nationale) laut France Soir derzeit 200 Beschwerden über Polizeigewalt vorliegen hat.

...


Aus: "Polizeigewalt gegen Proteste der Gelbwesten: "Reihenweise Verstümmelungen"" Thomas Pany (18. Januar 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Polizeigewalt-gegen-Proteste-der-Gelbwesten-Reihenweise-Verstuemmelungen-4281441.html?seite=all

Quote
     Bayernzwersch, 18.01.2019 12:48


Wie groß wäre das "öffentliche Interesse" unserer Medien, würden sich diese Vorfälle in Russland abspielen?
Diese Frage ist rein rethorisch und bedarf keiner Antwort.

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« Reply #38 on: February 02, 2019, 12:15:34 PM »

Quote
[...] Eigentlich hätten heute ihre Winterferien begonnen, doch die Berliner Fünftklässlerin hat sie nicht mehr erlebt. Weil sie in ihrer Grundschule offenbar massiv gemobbt wurde, soll die Elfjährige vor wenigen Tagen einen Selbstmordversuch unternommen haben. Sie starb später im Krankenhaus.

Für ihre Eltern ist eine Welt zusammengebrochen, ihre Mitschüler und deren Familien sind schockiert und fassungslos, die Klassenlehrerin hat sich krank gemeldet. In die Trauer der Elternvertreter mischt sich inzwischen aber auch viel Zorn und Empörung. „Seit mehr als einem Jahr gibt es massive Mobbingfälle an der Schule“, sagt ein Vater: „Es wurde immer wieder den Lehrern und der Schulleitung gegenüber angesprochen, vom Elternbeirat, aber auch von Müttern und Vätern, deren Kinder betroffen waren. Doch man hat alle Fälle einfach abgetan – nach dem Motto, das sei doch alles nicht so tragisch, oder die gemobbten Kinder seien ja auch nicht gerade Engel.“

Erst vor drei Wochen habe sich die Gesamtelternvertretung intensiv mit dem Thema Gewalt und Mobbing befasst, erzählt der Vater: „Darüber weiß auch der zuständige Schulamtsleiter Bescheid. Es soll nicht nur Mobbing zwischen den Kindern, sondern auch Gewalt von einer Lehrerin gegenüber den Schülern gegeben haben. Doch geschehen ist nichts.“ Nach seinen Informationen hatten die Eltern des Mädchens noch kurz zuvor wieder einmal auf die verbalen und körperlichen Attacken von einigen Mitschülern auf ihre Tochter hingewiesen – ohne, dass es Konsequenzen durch die Schulleitung gegeben habe.

„Die Eltern machen gerade das Schlimmste durch, was man sich vorstellen kann“, sagt Carsten Stahl. Er arbeitet seit Jahren als Anti-Mobbing-Trainer – nicht nur – an Berliner Schulen. Weil er selbst Opfer und Täter war, ist er bei den Schülern sowohl glaubwürdig als auch wegen seiner Hauptrolle in der Fernsehserie „Privatdetektiv im Einsatz“ und der Reality-Show „Stahl:hart gegen Mobbing“ bekannt.

Erst im vergangenen September hatte er auf Einladung des ehemaligen Abgeordneten und Mitglieds des Innenausschusses Thorsten Karge (SPD) in der Nähe besagter Grundschule eine Anti-Mobbing-Veranstaltung geleitet. „Als Stahl die Frage stellte, wie viele der ungefähr 150 anwesenden Schüler schon mal so stark gemobbt wurden, dass sie an Selbstmord dachten, hoben mindestens 25 die Hand“, sagt Karge: „Das hat mich sehr erschüttert. Da hätten doch die Lehrer und Schulleiter schon aufhorchen müssen. Aber leider war keiner von ihnen anwesend.“

Das Thema Mobbing an Schulen werde überall in Deutschland verdrängt, sagt Thorsten Karge: „Und wenn dann wie hier in Berlin was ganz Schlimmes passiert, greifen immer die gleichen Mechanismen: Es wird beschwichtigt, geschwiegen oder sogar das Opfer zum Täter gemacht. Das Thema Mobbing sollte auch von der Politik viel, viel ernster genommen werden.“

Carsten Stahl erlebt auch, dass Betroffene eingeschüchtert werden. Sie sollen auf keinen Fall an die Presse gehen, heißt es. Und weil die Medien in der Regel nicht über Suizide berichten, erfährt die Öffentlichkeit oft nichts davon. „Aber wie soll sich etwas ändern, wenn das Problem weiter tabuisiert wird?“, fragt Stahl.

Er erfährt inzwischen fast alles, weil er durch seine Kampagne und seine bundesweiten Auftritte so viele Menschen erreicht. „Und ich halte das bald nicht mehr aus. Ich war, seit ich mich gegen Mobbing engagiere, schon auf sechs Beerdigungen“, sagt er. „Ich weine um all diese Kinder. Um dieses Berliner Mädchen, um den Jungen, der sich vergangenes Jahr aus dem Fenster der Berufsschule in Burg in Sachsen-Anhalt stürzte, sogar der Amokläufer von München 2016 soll ein Mobbingopfer gewesen sein. Das sind vermeidbare Tragödien. Und keine Einzelfälle. Nach meinen Berechnungen stirbt in Deutschland fast jeden zweiten Tag ein Kind wegen Mobbings.“

Solche Zahlen lassen sich allerdings schwer belegen, weil das Thema noch immer schambehaftet ist. Wer will schon ein Opfer sein? Bei Suiziden ist es ebenfalls oft schwierig, sie eindeutig als Folge von Mobbing einzuordnen.

Im Fall der Elfjährigen läuft laut Berliner Polizei wie immer in solchen Fällen ein Todesermittlungsverfahren. „Die Kollegen von der Kriminalpolizei sind da sehr sorgfältig“, sagt eine Sprecherin. Zu weiteren Anzeigen wegen Gewaltdelikten an besagter Schule könne man frühestens Anfang nächster Woche Aussagen treffen.

Eine Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung bestätigte, dass die Schule über den Tod der Elfjährigen informiert habe. Gewalt- und Krisenpsychologen seien eingeschaltet worden, um die Mitschüler zu betreuen.

An der Schule selbst war trotz vieler Versuche niemand für den Tagesspiegel zu sprechen. Laut Bildungsverwaltung will die Schule angemessene Möglichkeiten der Trauer und des Gedenkens anbieten – nach den Ferien.

Dass Kerzen und Blumen, mit denen an die tote Elfjährige erinnert wurde, von der Schule entfernt wurden, konnte die Sprecherin nicht bestätigen. Carsten Stahl hat das allerdings schon oft erlebt. „Man will, dass das schnell vergessen wird“, sagt er: „Dass niemand über die Fehler des Schulsystems und die Verantwortlichen nachdenkt. Aber wegschauen hilft nicht und vergessen geht nicht. Denn solange sich nichts ändert, wird es immer wieder passieren.“


Aus: "Tödliches Mobbing an Berliner Grundschule" Sandra Dassler (02.02.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/tragischer-vorfall-toedliches-mobbing-an-berliner-grundschule/23940174.html

Quote
seidi 11:14 Uhr
ein tragischer und trauriger Fall

leider gab es das alles schon vor Jahren und Jahrzehnten
auch zu meiner Schulzeit wurde massiv gemobbt

da wurden Jungen und Mädchen weil sie ein paar Kilos mehr drauf hatten als Walross,Pottwahl,Panzer, Schlachtschiff, fette S ... oder anderes beleidigt
da wurden  12,13,14 Jährige Mädchen die schon für ihre Verhältnisse  eine recht große Oberweite hatten gehänselt und mit sprüchen  verbal und körperlich angegriffen
oder auch im Umgekehrten Fall wenn die Mädchen noch überhaupt nicht körperlich entwickelt waren
da wurden Jungen verbal und körperlich Attackiert weil sie Fan vom  "falschen"  Fußballverein waren
da wurden Jungen und Mädchen angegangen weil sie keine Makenklamotten getragen haben
damals gab  es  körperliche Attacken wenn man mit einem Mädchen geredet hat und ihr Freund dachte man macht Sie an
(ist einen Klassenkameraden passiert,der verprügelt wurde und dabei sogar Rippenbrüche erlitt)
angeblich "stinkende" Mitschüler wurden massiv gemobbt
es gab sexuelle Übergriffe,von  begrapschen bis hin zu Sexuellen Angeboten und in einigen Fällen wurden Mädchen als Schlampen oder  Matratzen beleidigt
man kann da ganze Bücher drüber schreiben.


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HavannaClub 09:48 Uhr

Ich kann nicht in Worte fassen, wie mich dieser Fall erschüttert und mir zeitgleich die Zornesröte ins Gesicht treibt.
Wie verlassen und gedemütigt, muss sich ein noch so junger Mensch fühlen, diesen Schritt zu gehen?
Mein aufrichtiges Mitgefühl den Hinterbliebenen.
Als ehemaliger Elternvertreter, weiß ich nur zu gut, wie gerne Probleme und Vorfälle an Schulen unter den Teppich gekehrt werden, damit nur kein negatives Image geprägt wird...
Die Verantwortlichen, die wegsehen, ignorieren und verharmlosen,  sind fast widerlicher, als die eigentlichen Täter. ...


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marliesa 09:07 Uhr
Mich hat sehr erschüttert, dass der Tod der Schülerin kein Einzelfall ist und Herr Karge beschreibt, dass er damit an seine Grenzen kommt. Die psychische Gewalt scheint viel ausgeprägter zu sein, wie die körperliche. Über Smartphone passiert ständig direkte Kommunikation, die den Erwachsenen oft gar nicht auffällt. Die Kinder sind total abhängig davon, wie sie in der Gruppe stehen und lassen sich schnell erpressen. Wenn hier versucht wird zu deckeln, um das Image der Schule nicht zu gefährden oder auch aus Angst vor Repressalien durch aggressive Eltern, dann ist das nur schlimm. Mir scheint, alle brauchen Hilfe: Kinder, Eltern und die Schulen selbst. Ich sehe da oft eine große Überforderung für alle Beteiligten.


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egal69 09:59 Uhr

Antwort auf den Beitrag von jonnyrotten 09:35 Uhr

Ich kann die Lehrer doch nicht für alles verantwortlich machen was zu Hause versäumt wurde.


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Brotkrume 09:24 Uhr

... Ich bin kein Experte für Mobbing, habe aber professioniellen Hintergrund u.a. im Bereich Teampsychologie und Teamentwicklung. Außerdem habe ich opferseitig mehrere Erfahrungen in der Beobachtung, wie sich so etwas entwickelt.

Erziehung ist sicherlich das Eine. Aber das Elternhaus ist nur ein Teil der Erziehung. Mobbing ist eine gruppendynamische Angelegenheit. Die Gruppe ist aber in der Schule und darauf haben die Elter überhaupt keinen Einfluss! Mobbing zu verhindern ist also eine zu - ich haue (sic) jetzt mal eine Zahl aus dem Bauch raus - 80 % in der Verantworung der Schule liegende Angelegenheit!

Es ist der Lehrer, der Mobbing wahrnehmen muss und das nicht erst dann, wenn ein Opfer sich beschwert. Es ist die Lehrerin, die vorleben muss, was erwünschtes Verhalten ist und was nicht. Es ist der Lehrer, der „durchsetzungsstarkes“ Verhalten nicht belohnen darf! Es ist die Lehrerin, die sich nicht selbst über Schüler oder andere Personen lustig mache darf. Es ist der Lehrer, der konsequent gegen Mobber vorgehen muss. Es ist die Lehrerin, die externe Hilfe einfordern muss, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Es ist der Lehrer, der das auch auf Elternabenden offen ansprechen muss. Es ist die Lehrerin, die sich schützend an die Seite von Opfern stellen muss. Es ist der Direktor, dessen Interesse Schutz der Opfer sein muss und nicht das Image der Schule (zumal das ehr nur eine kurzfristige und ggf. Verlogene Angelegenheit ist). Es ist die Schulleiterin, die auch im Kollegium ein Klima schaffen muss, das für sich nicht Mobbing fördert, in dem Kollegen als Looser deklariert und behandelt werden, die „Schwäche“ zeigen.

Lehrer sollen nicht zu Prügelknaben gemacht werden, wo sie nichts oder kaum etwas zu können. Aber sie sollen gefällgst die Verantwortung übernehmen, wenn sie sie haben!


...
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« Reply #39 on: March 07, 2019, 10:00:12 AM »

Quote
[...] Immer wieder, stets kurz, interessiert sich die Öffentlichkeit für das Ausmaß von Partnerschaftsgewalt, die sogenannte häusliche Gewalt. Wenn die neuen Zahlen des BKA herauskommen oder unverdächtige Organisationen wie die Europäische Kommission verkünden, dass jede dritte Frau in Europa von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen ist, dann werden erschrocken Maßnahmen und bessere Unterstützung angemahnt.

Im Alltag aber wird geschlechtsspezifische Gewalt, die vor allem Frauen trifft, kaum beachtet. Frauenmorde werden immer noch öffentlich als Familiendramen deklariert, es sei denn, sie taugen zu rassistischer Mobilisierung. Gleichzeitig wird immer wieder der Mythos einer rachsüchtigen und sich durch eine vermeintlich falsche Strafanzeige einen Vorteil verschaffenden Frau bemüht, um die Stärkung von Opferrechten zu kritisieren. Organisationen, die Opfer unterstützen, werden als "Opferindustrie" oder "Opferentourage" diffamiert.

Nun ist das Strafverfahren nur eine von mehreren Optionen, um für Prävention, Schutz und Unterstützung für die Betroffenen zu sorgen. Aber so wünschenswert es ist, dass nach anderen sinnvollen Mitteln gegen Partnerschaftsgewalt gesucht wird, so wichtig bleibt das Strafverfahren – auch wenn die Fälle trotz Opferrechtsreformgesetzen und Istanbul-Konvention in der strafgerichtlichen Praxis zu langsam, zu spät und mit Ergebnissen verhandelt werden, die meist niemandem nutzen. Denn in der Praxis ist allein das Strafverfahren der Ort, in dem ein Täter für sein Handeln zur Rechenschaft gezogen wird. Außerdem haben verletzte Personen meist nur nach einer strafgerichtlichen Verurteilung die Möglichkeit, Schmerzensgeld oder Entschädigung nach dem Opferentschädigungsgesetz zu erhalten oder dafür zu sorgen, dass Gewalt in Sorgerechtsverfahren berücksichtigt wird.

Wenn es doch zu einem Strafverfahren kommt, sind es dann aber häufig die vermeintlich so einflussreichen Opfer, die dafür sorgen, dass die Täter nicht so oder gar nicht bestraft werden, wie es das Strafrecht eigentlich vorsehen würde. Ich kann kaum noch zählen, wie oft ich es erlebt habe, dass meine Mandantinnen Strafanträge zurückgenommen haben, dass sie von ihren Zeugnisverweigerungsrechten Gebrauch gemacht haben, um doch nicht gegen die Täter auszusagen. Wie oft sie mich damit beauftragen, irgendwie wieder aus dem Verfahren herauszukommen, ohne dass die Täter bestraft werden: "Eine harte Verurteilung würde er nicht akzeptieren, das träfe ihn zu hart. Vielleicht würde er ja sogar seine Stelle als Lehrer, Polizist, Richter, Automechaniker … verlieren, das ginge nicht." Oder sie sagen: "Und die Geldstrafe? Wer soll die bezahlen? Dann bekommen wir ja gar keinen Unterhalt mehr. Nein, das kann ich ihm nicht antun. Dann bringt er mich wirklich um." Und wie oft haben mir Mandantinnen schon gesagt: "Ich glaube, er hat es jetzt wirklich verstanden, wir versuchen es noch einmal miteinander." Wir lächeln uns dann an, ich wünsche viel Glück und gebe ihr mit auf den Weg, dass es ihr nicht peinlich sein muss, wenn sie sich in ein paar Monaten wieder bei mir melden sollte. Meist sitzt der Partner im Wartezimmer oder unten im Auto. Und allzu oft treffen wir uns dann später tatsächlich wieder.

Manchmal, eher selten, werden Taten der sogenannten Partnerschaftsgewalt dann doch angeklagt (und das Verfahren wird nicht eingestellt oder durch Strafbefehl verurteilt). Dann wird eine Verhandlung geführt. Beispielhaft hierfür ist ein Fall, den ich vor wenigen Wochen verhandelt habe. Ich habe den Namen geändert, die Personen so beschrieben, dass die Identität meiner Mandantin geschützt ist, die mit der Schilderung, so wie sie folgt, einverstanden ist. Nennen wir sie Frau Meier, die sich irgendwann das letzte Mal von ihrem Ehemann getrennt hat, weil sie sicher war, dass sie nicht überleben würde, wenn sie bliebe. Sie hat heimlich die nötigsten Sachen gepackt, Geld vom Konto abgehoben und ist verschwunden. Ihre Kinder hat sie zurückgelassen, drei sind es. Zwischen 14 und 23 Jahre alt waren sie zu diesem Zeitpunkt. Auch sie glaubten, dass er die Mutter irgendwann töten würde, wenn sie bliebe. Auch, wenn sie mitgekommen wären. Mittlerweile ist er ausgezogen, Frau Meier ist in die Ehewohnung zurückgekehrt. Es war ihm einfach zu viel, sich um alles zu kümmern. Ihr war das vorher klar.

Kurz nach seinem Auszug hat er ihr geschrieben, dass er die Wohnung samt ihr und den Kindern anzünden werde. Verbrennen sollten sie alle, wenn sie nicht zu ihm zurückkehrten. Zwei Tage später stand er mit einem gezogenen Messer vor der Tür. Sie waren alle zu Hause und konnten ihn überwältigen. Frau Meier ist sicher, dass er gekommen war, um sie zu töten.

Daraufhin hat sie ihn angezeigt. Die Polizei hat ihn mitgenommen, ihm eine Wegweisung, also das Verbot erteilt, sich innerhalb von 24 Stunden der Wohnung zu nähern. 24 Stunden später schrieb er die nächste bedrohliche Nachricht. Frau Meier erwirkte eine Gewaltschutzverfügung. Nach dem dritten Verstoß erhielt er neben einem Ordnungsgeld eine Gefährderansprache. Ein Polizist muss ihm recht klargemacht haben, dass man ihn im Auge habe, und dass er ins Gefängnis käme, wenn er weitermacht. Jedenfalls hat es für eine Weile funktioniert.

Frau Meier hat bei der Polizei alles ausgesagt. Über die 21 guten Ehejahre und die Midlife-Krise ihres Mannes. Über die Geliebte, über ihre Eifersucht. Als sie ihn zur Rede stellte, beschimpfte er sie, machte sich über sie lustig, erniedrigte sie. Wie schon so oft. Die Schläge waren heftiger als je zuvor. Als sie ihm ein paar Wochen später erklärte, dass ihr die Geliebte egal sei, sie wolle nur die Familie zusammenhalten, kränkte ihn dies zutiefst. So jedenfalls würde es später der psychologische Sachverständige deuten. Eine stundenlange Gewaltorgie folgte, Frau Meier war vom Kopf bis zu den Füßen grün und blau. Den Kindern erzählten sie etwas von einem Fahrradunfall. Das letzte Mal würgte er sie so sehr, dass sie dachte, sterben zu müssen. Das Klingeln der Nachbarin beendete die Situation.   

18 Monate wartete sie auf den Gerichtstermin. Es würde das erste Mal sein, dass sie wieder in einem Raum mit ihm sein würde. Die Staatsanwaltschaft hatte den Fall zum Amtsgericht angeklagt, mehrere gefährliche Körperverletzungen, zahlreiche Bedrohungen. Hätte er eine fremde Person so zugerichtet, wäre er in Untersuchungshaft gekommen, dann wäre die Sache ans höhere Gericht, ans Landgericht gegangen.

Die Beweislage war gut, alles ist sehr gut dokumentiert, Frau Meier hat die Verletzungen stets fotografiert. Als der Verteidiger vorab wissen wollte, welche Strafe sich Staatsanwaltschaft und Gericht denn vorstellen würden, war man sich einig, dass auch bei einem vollen Geständnis eine unbedingte Freiheitsstrafe herauskommen werde, eine Gefängnisstrafe also, die er auch würde absitzen müssen. So heftig die Verletzungen, so brutal die Taten.

Der erfahrene Verteidiger war nicht verwundert und sprach schon darüber, dass es dann wohl ein langes und sicher schmutziges Verfahren werden würde, der Mandant würde bestreiten, man könne vieles anzweifeln, es sei doch schon seltsam, dass sie plötzlich anzeige und vorher so lange geschwiegen habe, so sicher sei die Beweislage nun auch wieder nicht.

Es wäre wohl zäh geworden, wäre da nicht Frau Meier gewesen.

Und so fragte ich, die ich Frau Meier zu vertreten hatte, ob da nicht doch etwas zu machen sei, ob er nicht doch eine Bewährungsstrafe bekommen könne – mit einer langen Bewährungszeit; mit der Auflage, sich nicht zu nähern; vielleicht mit einem Schmerzensgeld; auf jeden Fall mit einem kurzen Ende des Verfahrens. Denn was bliebe denn sonst? Eine Verurteilung zu vielleicht drei Jahren? Eine zweite Instanz in vielleicht einem Jahr? Eine Reduzierung auf vielleicht zweieinhalb Jahre Gefängnis? Und doch, wenn es für ihn schlecht lief, würde er zwei Jahre sitzen, womöglich seinen Job verlieren. Frau Meier ist sich sicher, dass er sie, wenn er auch nur einen Tag "für sie" im Gefängnis sitzen würde, nach der Haftstrafe umbringen werde. Das Schmerzensgeld dürfe er deshalb nicht zu sehr spüren, die Strafe eigentlich gar nicht. Nur die Angst könne helfen, seine Angst vor dem Bewährungswiderruf.

Am Ende gesteht er, lässt seinen Verteidiger erklären, dass alles, was seine Frau ausgesagt hat, gestimmt hat. Weil seine Frau ihm nicht in die Augen sehen will, als er sich während seines letzten Wortes entschuldigt, wird er ungehalten. Ein kurzer Moment, in dem zu ahnen ist, wie es gewesen sein muss. Sein Verteidiger beruhigt ihn rasch. Herr Meier erhält eine zweijährige Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Die Bewährungszeit ist lang, während der Bewährungszeit gilt ein absolutes Kontaktaufnahmeverbot. Das Schmerzensgeld kann er verkraften. Als er geht, sieht er nicht auf.

Frau Meier ist froh, die Kinder sind es auch. Sie sind sich sicher, dass sie nur in Frieden leben können, wenn es ihm nicht schlecht geht. Sie hoffen, nichts mehr von ihm zu hören, ihn los zu sein.

Frau Meier wird weiterhin nur geplant die Wohnung verlassen, immer das Pfefferspray in der Hand, immer das Handy am Ohr. Sie wird eine Therapie beginnen und an ihrer Angst arbeiten. Sie wird versuchen, ohne Tabletten zu schlafen und nicht in Panik zu geraten, wenn es an der Tür klingelt. Sie hofft, irgendwann wieder arbeiten zu können. Die Kinder unterstützen sie, machen selbst Therapien.

Für sie ist es ein gangbarer Weg, hoffentlich. Wenn Herrn Meier nicht doch irgendetwas kränkt.

Was bleibt?

Wieder ein Täter, um den herum alles eingerichtet wird, damit er nur nicht zu sehr gestraft, zu sehr gekränkt, zu sehr erniedrigt wird. Wieder ein Täter, dem niemand zu nahe treten wird. Niemand, der sich dafür einsetzt, dass es nicht wieder geschieht. Wieder ein Täter, dessen nächste Ex-Frau man nicht sein möchte.

Und wieder eine Situation, in der der betroffenen Frau nichts anderes übrig blieb, als sich um einen für den Täter guten Ausgang des Verfahrens zu kümmern, da alles andere ihr Leben gefährden würde.

Weil Fälle wie der von Frau Meier so typisch sind, trifft es in der gerichtlichen Praxis eben nicht zu, dass die Opfer das Strafverfahren bestimmen. Daher sind Stellungnahmen wie die des deutschen Strafverteidigertags schlicht falsch, in denen die Stärkung von Opferrechten heftig angegangen wird. Es ist zwar durchaus richtig, dass sich Anwaltsverbände gegen verheerende Ausdrücke wie "Antiabschiebeindustrie" aussprechen, entlarvend aber, dass sie kommentarlos hinnehmen, wenn Organisationen, die geschlagene und vergewaltigte Frauen unterstützen, in Juristenkreisen diffamiert werden. Oder wenn ein ehemaliger Richter des Bundesgerichtshofes sich mehrmals in herablassender Weise über die Opferrechtsreformvorschläge empört.

Auch Bewegungen, die sich angeblich für eine fortschrittliche und gleichberechtigte Gesellschaft engagieren, interessieren sich zu wenig für Gewalt gegen Frauen und deren Bekämpfung. Seit vielen Jahren besuche ich Veranstaltungen zum Thema, bei denen kompetent um sinnvolle Mittel gegen Gewalt gegen Frauen und LGBTIQ gerungen wird. Schon lange wird dabei auch die sogenannte Mehrfachdiskriminierung, etwa aufgrund gleichzeitiger rassistischer oder behindertenfeindlicher Angriffe, berücksichtigt. Das Publikum besteht allerdings zu 95 Prozent aus Frauen, obwohl Partnerschaftsgewalt bekanntlich vornehmlich von Männern ausgeht.

Nur wenn Gewalt gegen Frauen als gesamtgesellschaftliches Problem angesehen und von allen fortschrittlichen Kräften gemeinsam angegangen wird, kann sich für Betroffene wie Frau Meier etwas ändern. Dabei muss es nicht nur um den (dringend zu verbessernden) Schutz der Betroffenen gehen, sondern auch um patriarchale Strukturen, um die ökonomische Situation von Frauen, um Gleichberechtigung, um Familie. Eine solidarische Gesellschaft, in der soziale Gerechtigkeit herrscht, wird es nicht geben, wenn Menschenrechte und Frauenrechte nicht gleichzeitig erkämpft werden.


Aus: "Häusliche Gewalt: "Das kann ich ihm doch nicht antun"" Christina Clemm (6. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-03/haeusliche-gewalt-partnerschaft-praevention-schutz-10nach8/komplettansicht

Quote
Sintsubaqua #9

Was ich nicht verstehe, ist, warum das Verhindern häuslicher Gewalt eine Angelegenheit fortschrittlicher Kräfte sein soll. Wo bleiben die Werteorientierung der Konservativen? Ihre Ideologie, dass Ehe und Familie unbedingt zu schützen seien? Dazu noch die Neigung, nach Recht und Ordnung und bei Verletzung derselben, nach immer mehr und härteren Strafen zu rufen.


Quote
Feuer und Flamme für den Neoliberalismus #9.1

"Dazu noch die Neigung, nach Recht und Ordnung und bei Verletzung derselben, nach immer mehr und härteren Strafen zu rufen."

Naja, das ist ja gerade der Witz bei "Konserativen". Werden Straftaten aus einer Machtposition heraus begangen, mutieren sie ganz schnell zu vehementen Täterschützern. Sei es bei Polizeiübergriffen, Missbrauchsdelikten bei Geistlichen oder Gewalt in der Familie. Da muss man dann plötzlich alles furchtbar differenziert sehen. ...

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« Reply #40 on: June 06, 2019, 01:01:49 PM »

Quote
[...] In Nordrhein-Westfalen hat es im vergangenen Jahr 1478 tätliche Angriffe auf Polizisten gegeben. Mit fast 98 Prozent wurden beinahe alle Fälle aufgeklärt. Das geht aus einem Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA) hervor, das am Mittwoch in Wiesbaden veröffentlicht wurde.

Demnach gab es in Dortmund mit 366 besonders viele Attacken, in Köln waren es 148, in Düsseldorf 106. Vergleichszahlen zu Vorjahren gibt es laut BKA nicht. Zurückgegangen sind laut dem Lagebild die Fälle von Widerstand gegen die Staatsgewalt, für die es auch Zahlen aus 2017 gibt. Demnach sank die Zahl der Fälle 2018 auf 6899 - ein Minus von 6,4 Prozent. Auch bei Widerstandshandlungen war die Aufklärungsquote laut BKA in NRW hoch: 99,1 Prozent.

Deutschlandweit sind nach Angaben des BKA im vergangenen Jahr mehr als 38.000 Gewalttaten gegen Polizisten verzeichnet worden, von denen mehr als 79.000 Polizeibeamtinnen und -beamte betroffen waren. Die Fälle reichten von versuchtem Mord über Bedrohung und tätlichen Angriffen bis hin zu Körperverletzung. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der Fälle um deutschlandweit um 4,6 Prozent gestiegen, die Zahl der Opfer um 7,1 Prozent, hieß es in Wiesbaden. Wie bereits 2016 und 2017 kam es in Berlin, Hamburg und Bremen zur höchsten Gewaltbelastung, gefolgt von Thüringen, Saarland und Nordrhein-Westfalen. (dpa)


Aus: "Im Jahr 2018: Fast 1500 tätliche Angriffe auf Polizisten in NRW" (06.06.2019)
Quelle: http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/panorama/Fast-1500-t%C3%A4tliche-Angriffe-auf-Polizisten-in-NRW-article4120873.html
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« Reply #41 on: July 18, 2019, 10:02:20 AM »

Quote
[...] Zur Demokratie gehören auch Protestbewegungen, stehen sie doch für Grundrechte und Pluralismus. Dass dabei Gewalt abgelehnt wird, zählt zu den grundlegenden Selbstverständlichkeiten. Dies wird aber in bestimmten Bereichen des Protestmilieus anders gesehen. Für Autonome ist die sogenannte Militanz konstitutiv, was auch bei den Ausschreitungen anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg 2017 beobachtbar war. Davon konnte man nicht überrascht sein. Allein die im Internet problemlos zugänglichen Mobilisierungsvideos machten deutlich, dass manche Anreisende nicht mit friedlichen Einstellungen kommen würden. Das Ausmaß der Gewalttaten verschreckte dann selbst das Umfeld und führte zu absonderlichen Reaktionen. Diese schwankten zwischen Bejubelung und Ignoranz, es gab weniger Reflexionen und Selbstkritik. Andreas Blechschmidt, der in Hamburg in der "Roten Flora" aktiv ist, äußert sich jetzt dazu in einem eigenen Kommentar, der als "Gewalt, Macht, Widerstand. G20 – Streitschrift um Mittel und Zweck" erschien.

Wer eine Distanzierung von Gewalt erwartet, der kann gleich schon auf der ersten Seite lesen: "Es wird ausdrücklich nicht darum gehen, militante Interventionen im Konkreten oder militante Politik im Allgemeinen zu diskreditieren, sondern Militanz in Beziehung zu den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen zu bringen" (S. 6). Als kleine Lesehilfe sei hier schon erläutert: Die Begriffe "Gewalt" und "Militanz" werden meist synonym genutzt, wobei mit der letztgenannten Bezeichnung etwas Grundsätzlicheres gemeint ist. Die zitierte Bekundung meint indessen nur, dass Blechschmidt sich nicht von Gewalt distanzieren will, sondern nach den Kontexten fragt. Dass Gewalt ein legitimes Mittel sei, um den Kapitalismus zu überwinden, wird dabei nicht näher begründet, sondern letztendlich vorausgesetzt. Es geht mehr um das Problem der Vermittlung.

Denn Blechschmidt war schon aufgefallen, dass bestimmte Ereignisse in Hamburg nicht unbedingt Sympathien auslösten. Diese hält er denn auch um gesellschaftlicher Akzeptanzen willen für problematisch: "Wenn binnen 24 Stunden zunächst in Altona u. a. 19 Kleinwagen abgefackelt werden, parallel dazu ein Bengalo in ein Geschäft, über dem sich Wohnungen befanden, geworfen wird und dann später im Schanzenviertel versucht wird, zwei Geschäfte, über denen sich wiederum Wohnungen befinden, in Brand zu setzen ebenso wie eine Tankstelle mitten im Viertel, dann muss die Frage nach den Mitteln zum Zweck gestellt werden" (S. 51).

Dann könnten aber auch folgende Fragen gestellt werden: Was sind das für Akteure? Welche Einstellungen haben sie? Und welche Menschenfeindlichkeit ist ihnen eigen? Blechschmidt sorgt sich aber mehr um die Vermittlung, er thematisiert weniger die Gewalt als Handlungsstil an sich. Demgemäß gelingt es ihm auch nicht, zwischen angeblich legitimen und nicht-legitimen Formen begründet und trennscharf zu unterscheiden. Stattdessen beginnt er einen Ausflug in die Ideen- und Realgeschichte, da kommen mal Hannah Arendt und Johann Galtung, mal die Pariser Kommune von 1871 und mal der Pariser Mai von 1968 vor.

Dabei verstolpert sich der Autor gleich mehrfach. Wenn dann auf Gemeinsamkeiten linker und rechter Gewalt verwiesen wird, reagiert Blechschmidt allergisch: "Diese totalitäre Gleichsetzung menschenverachtender rechter Gewalt mit linker Militanz ist Ausdruck des Establishments, die bestehende kapitalistische Ordnung zu verteidigen" (S. 70). Er selbst muss aber versteckt in einer Fußnote einräumen, dass bestimmte linke Protestformen "mittlerweile rechte Gruppen" (S. 80, Fußnote 97) nutzen. Doch darüber reflektiert er nicht.

Bei den philosophischen Deutern der Gewalt kommt übrigens Georges Sorel nicht vor, der doch für Anarchisten wie Faschisten ein Klassiker wurde. Diese Gemeinsamkeiten könnten zum Nachdenken anregen. Aber dann müsste man die Gewaltfixierung ablegen, so soll sie als pseudoemanzipatorischer "Riot" legitimiert werden. Derartige Denkungsarten und Handlungen haben den Protestbewegungen erheblichen Schaden zugefügt. Man redet über Gewalt, nicht über Globalisierungskritik. Wer freut sich wohl am meisten darüber?

Andreas Blechschmidt, Gewalt, Macht, Widerstand. G20 – Streitschrift um die Mittel zum Zweck, Münster 2019 (Unrast-Verlag), 157 S.


Aus: "Kritischer Kommentar zu einem Plädoyer der Gewalt: Gewalt und Vermittlung" Armin Pfahl-Traughber (16. Jul 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/gewalt-und-vermittlung-17015

Quote

Roland Fakler am 16. Juli 2019 - 16:18

Gewalt erzeugt Gegengewalt, das lernt man normalerweise im Kindergarten. Man könnte auch viele Beispiele aus der Geschichte anführen oder besser aus der Gegenwart. Anschauungsmaterial dazu bieten Syrien und Libyen.
Also: Wer dieses Land zerstören will, der wende Gewalt an, um seine Ziele durchzusetzen. Dabei sollte einem allerdings klar sein, dass es in diesem Staat sehr viele unterschiedliche Vorstellungen von der „gerechten“ Herrschaft gibt. Nicht nur Linke wollen ihren kommunistischen Staat, auch Rechte wollen ihren Führerstaat und Religiöse wollen ihren Gottesstaat….Na, dann haut einfach mal drauf los, was da wohl rauskommt. Gewalt ist nur gerechtfertigt zur Bekämpfung einer gewaltsamen Herrschaft. ....


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« Reply #42 on: September 27, 2019, 01:08:10 PM »

Quote
[...] Pro Jahr werden 20.000 Anzeigen wegen Stalkings erstattet.

Frau M. war 1,66 Meter groß. Sie war 70 Kilogramm schwer und sie hatte einen sehr dicken Schädelknochen. Diesen zu durchdringen, erfordert ein hohes Maß an Kraft“, sagt die Gerichtsmedizinerin.

„Faktisch gesehen“, sagt der Polizeibeamte, „hat die Polizei in diesem Fall alles richtig gemacht. Doch an ihm lässt sich sehen, dass es leider keinen endgültigen Schutz gibt. Wir können jetzt nur noch eine Fehleranalyse machen.“

 Sie. Das war Maria M. Sie wurde 32 Jahre alt. Er. Das ist Nelson B. Er ist 33 Jahre alt.

Am Anfang war es die große Liebe. Daraus wurde Eifersucht. Dann Psychoterror. Dann Stalking.

„Was ich meine“, sagt die Gerichtsmedizinerin: „Es braucht ein hohes Maß an Gewalt, um mit dem Messer durch den Schädel zu kommen. Wir haben im Knochen einen metallenen spitzen Gegenstand gefunden, die Messerspitze, diese war stecken geblieben.“

Es war der Winter 2016, als sie sich kennenlernten. Er ging mit seinem Hund spazieren, sie ging mit ihrem Hund spazieren, im Volkspark Friedrichshain. Sie kamen ins Gespräch. Ihr Hund hieß Erna, seiner Bobby, beides Miniatur-Terrier. Nelson und Maria tauschten Telefonnummern aus, verabredeten sich wieder, kamen sich näher.

Knapp 20.000 Mal werden jedes Jahr in Deutschland Anzeigen wegen Stalking erstattet. Knappe 2.000 davon in Berlin. In den allermeisten Fällen sind es Ex-Freunde oder Ex-Männer, die ihren ehemaligen Partnerinnen nachstellen. So sehr, dass diese sich bedroht fühlen, ihr normales Leben nicht mehr leben können. Es zu Gewalt und Übergriffen kommt. Manchmal dauert all das jahrelang, manchmal ein paar Monate. Und selten kommt es dabei auch zu Tötungsdelikten.

Maria hatte seit sechs Jahren keine richtige Beziehung mehr gehabt. Nelson wurde von seiner letzten Freundin betrogen und verletzt, so erzählte er es ihr.

Von diesen Anfängen berichtet Marias Schwester Julia vor dem Kriminalgericht Moabit, 21. Strafkammer. Mit kerzengerader Haltung geht sie zum Zeugentisch. Mit fester Stimme spricht sie. Sie arbeitet als Tierärztin in Berlin. Sie ist die Jüngere.

Julia und Maria: Wie beste Freundinnen seien sie gewesen, Seelenpartner. Auch: wie gegenseitige Tagebücher. Maria hatte ihr alles über Nelson erzählt. Von der Verliebtheit, den ersten Unsicherheiten. Dann von der Angst. Julia war es, zu der Maria sich flüchtete. Die die Schreie ihrer Schwester hörte, noch versuchte, Maria zu beatmen. Julia hatte das Blut aus Marias Mund an ihren Lippen, damals am frühen Morgen des 8. Dezembers 2018, im Treppenflur ihres Wohnhauses in Zehlendorf.

Nelson B., groß und bullig, raspelkurze dunkle Haare, über den Augen dichte Brauen. Angeklagt wegen Mordes, gerichtliches Aktenzeichen 521 Ks 3/19. Hier wird verhandelt, wie heimtückisch seine Tat und wie arglos das Opfer war. Aber auch, wie zurechnungsfähig er dabei war und ob man es der Gesellschaft zumuten kann, ihn nach der Strafe wieder in Freiheit zu entlassen.

Nelson hatte sich Maria nicht mehr nähern dürfen, so hatte es erst die Polizei verfügt und dann das Familiengericht festgelegt. „Doch was bringt einem ein Stück Papier, auf dem steht, dass der Täter sich nicht nähern darf, wenn er es trotzdem einfach tut? Ein Papier schützt nicht vor einem Stich mit dem Messer“, sagt der Opferanwalt Roland Weber, der Julias Nebenklage vertritt.

Hätte das Leben von Maria gerettet, diese Tat verhindert werden können? Haben sich Polizei und Justiz ausreichend bemüht?

Wie es ihr, Julia selber, gerade gehe, fragt die Richterin. Sie gehe in eine Traumaambulanz, um mit der Tat und ihren Folgen leben zu lernen, antwortet Julia.

Ihre psychosoziale Prozessbegleitung weicht im Gericht nicht von ihrer Seite. Und auf den Zuschauerbänken sitzen immer Kollegen, Freunde und die Familie. Eine Familie, zu der einmal auch Nelson gehörte. Kurz nur, ein Jahr, aber sie hatten ihn aufgenommen, wie einen Schwiegersohn, wie man das eben macht, wenn das Kind, die Nichte, die Schwester verliebt und glücklich ist, wenn man nichts Böses ahnt.

Nelson B. sitzt in einem Sicherheitskäfig aus Glas, nur ein paar Meter vom Zeugentisch entfernt. Manchmal schaut er in die Runde, zu den Zuschauern oder auf Julia. Immer bleibt seine Miene starr und unbeweglich. Man könnte meinen, dass er gar nicht zuhört. Doch er passt genau auf. Einmal weist er seinen Verteidiger darauf hin, dass auf den Zuschauerbänken eine Frau sitzt, die später noch als Zeugin aussagen soll. Sie wird des Saales verwiesen.

„Was für ein Mensch war Ihre Schwester?“, fragt die Richterin.

Julia sammelt sich kurz, holt Luft.

„Sie hat es immer gut mit allen gemeint, hatte ein offenes Herz, war für alle da, für Freunde und Kolleginnen. Man konnte sie mitten in der Nacht anrufen und sagen, dass es einem schlecht ging, dass man ihre Schulter brauchte. Sofort kam sie vorbei. Wir beiden wurden von unseren Eltern zu Fairness und Gerechtigkeit erzogen. Und sie wollte was vom Leben, strengte sich an, um Karriere zu machen“, erzählt Julia.

2010 waren die Geschwister aus Mecklenburg nach Berlin gezogen, vom Land in die große Stadt, wohnten zusammen in einer Wohnung. Julia studierte. Maria arbeitete als Kellnerin im Park-Inn-Hotel. Später wechselte Maria ins Motel One, als Managerin der Rezeption. Wenn Maria freihatte, traf sie sich mit Freunden, mit Kollegen, mit den Tanten, die auch in Berlin lebten.

Und wie war es, als Maria den Angeklagten kennenlernte?, fragt die Richterin.

„Ihre Augen leuchteten“, sagt Julia. Nelson B. tat ihr gut. Wenn sie von der Arbeit kam, massierte er ihre Füße. Sie kochte für ihn. „Obwohl sie das überhaupt nicht kann. Maria lässt sogar Spaghetti anbrennen. Doch für ihn machte sie Kohlrouladen, was gar nicht so einfach ist.“ Auf den Zuschauerbänken lachen die Freunde und die Familie. In diesem kurzen Moment ist es, als ob Maria noch da wäre.

Gleichzeitig war es nie ganz einfach mit Nelson. Mal meldete er sich nicht zurück. Mal sagte er Verabredungen kurz vorher ab. Einmal nur ein paar Stunden bevor sie in den Urlaub fahren wollten, oder als sie ihn endlich der Familie vorstellen wollte. Er brauche Zeit für sich. Ihm gehe es nicht gut. Er habe Angst, dass die Familie ihn nicht mag.

„Viele Hundert Whatsapp-Nachrichten, die wir auf ihrem Telefon gefunden haben“, sagt die Beamtin von der Mordkommission, die für die Datenauswertung zuständig war. „Und sie alle verweisen auf eine normale Beziehung. Höflich, freundlich, harmonisch.“ Wenn Nelson B. sich zurückzog, machte Maria ihm keine Vorwürfe. Sie war geduldig und wartete.

Als er sich schließlich doch noch zur Familie traute, bemühte er sich, einen guten Eindruck zu machen. Versuchte, sich gewählt auszudrücken, kleidete sich ordentlich, roch gut, hatte kurze Fingernägel, war höflich und schaute Maria liebevoll an. Wortkarg sei er gewesen. Schwer einzuschätzen. Sie trafen sich nun häufiger im Garten von Tante Andrea, spielten Tischtennis, grillten und redeten.

Auch noch, als erste Schatten aus seiner Vergangenheit auftauchten. Gerichtsvollzieher und Polizisten, die in seiner Wohnung standen. Eine aufgelöste Maria und ein Nelson, der die Beamten anpöbelte. Später gestand er Maria, dass er diverse Schulden hatte, viele Tausend Euro, darunter die Behandlungskosten für einen Mann, den Nelson B. attackiert hatte. Es sei nur Selbstverteidigung gewesen, beteuerte Nelson. Sie glaubte ihm.

Später wird ein Polizist vor Gericht aussagen, dass Nelson B. bei ihnen sehr bekannt war. Zwischen 2000 und 2018 trat er 144 Mal polizeilich in Erscheinung, davon 99 Mal als Tatverdächtiger. Er hatte diverse Vorstrafen, saß schon mehrmals im Gefängnis, auch wegen Körperverletzung. Weil er mit dem Messer zugestochen hatte. Zuletzt war er auf Bewährung entlassen worden. Seinen Ex-Freundinnen hatte er nachgestellt. So schlimm, dass sich alle drei an die Polizei gewandt hatten.

All das wusste Maria nicht.

Als Nelson seine Schulden nicht mehr verstecken konnte, half ihm Tante Andrea. Ordnete seine Dokumente, setzte sich mit den Banken, den Rechtsanwälten und seinem Bewährungshelfer an einen Tisch. Bezahlte seine Schulden von ihrem Geld.

 „Wenn Maria glücklich war, waren wir es auch, deswegen habe ich das gemacht. Außerdem hat jeder eine zweite Chance verdient, so dachten wir. Wenn er erst mal raus wäre aus seinem Schuldenloch, könnte er sein Leben besser ordnen, so dachten wir“, sagt die Tante mit einer Bitternis in der Stimme. „Er wusste ja, welche Knöpfe er drücken musste, welche Tränendrüsen er anschmeißen musste, um Mitleid und Aufmerksamkeit zu bekommen.“

Während Julia versucht, vor Gericht sachlich zu sprechen, ist die Tante zornig. Einmal wird sie vom Verteidiger von Nelson B. gefragt: „Sind Sie sauer auf meinen Mandanten?“

Sie antwortet: „Sauer? Ich verachte ihn zutiefst, für das, was er getan hat, und für das, was er ist. Ich verachte Menschen, die sich über andere hinwegsetzen und anderen wehtun.“

Nelson B. schlägt die Hände vors Gesicht. Weint. Und äußert sich: „Es tut mir leid.“ Seine Schluchzer dringen durch den ansonsten totenstillen Saal. „Ich habe jeden Menschen, der mich liebt, enttäuscht. Ich wollte Maria nichts antun, dafür war sie ein viel zu toller Mensch. Ich habe sie sehr geliebt und habe ihr und ihrer Familie viel zu verdanken. Ich wollte mich einfach nur entschuldigen, wollte nur mit ihr reden.“

Nach der Tat hatte Nelson bei der Polizei ausgesagt, dass er hingefahren sei, um sie zu umbringen: „Ich hätte ihr auch den Kopf abgeschnitten, um sicherzugehen, dass sie zu 100 Prozent tot ist.“

Richterin: „Den Kopf wollten Sie also nicht abschneiden?“

Nelson B.: „Nein.“

Sein Problem sei die Eifersucht. Er könne nicht vertrauen, sei schnell verletzt. Dann werde er ungerecht, gemein, beleidigend. „Innerlich bricht dann eine Welt zusammen“, sagt er weinend.

Nelson B. ist in Berlin aufgewachsen, lebte als Jugendlicher zwischenzeitlich in einem Brandenburger Heim, war arbeitslos, war im Gefängnis, arbeitete als Straßenbauer. Nahm Drogen, trank Alkohol, stritt sich mit seiner Mutter, die 2013 starb, ohne dass sie sich versöhnt hatten. Und doch: „Wenn er auftrat, konnte er sehr charmant sein“, sagt die Tante. „Alle Ex-Freundinnen sprachen auch von seinen guten Seiten“, sagt die Polizistin der Mordkommission.

Im Mai 2018, sechs Monate vor Marias Tod, begann es zu kippen. Nelson erledigte an ihrem Tablet seine Bankgeschäfte, da poppten zwei Facebook-Messenger-Nachrichten auf. Ein Gast des Hotels bat darum, für ihn ein Zimmer zu reservieren. Aus irgendeinem Grund hatten Maria und er sich auf Facebook befreundet und aus irgendeinem Grund nutze er diesen Kanal für seine Anfrage. Nelson B. dachte, dass sie ihn betrügt. Dass das ein Code sei für ein heimliches Treffen. Es war der Anfang von Nelsons Weg in eine andere Realität. Eine, in der er nur noch Betrug und Gemeinheiten gegen ihn sah.

Die Polizistin der Mordkommission gibt zu Protokoll: „Ab diesem Zeitpunkt veränderte sich sein Whatsapp-Verhalten.“ Er meldete sich jetzt mehrmals am Tag. Wann sie Zeit hätte? Ob sie nicht die Arbeit ausfallen lassen könne? Warum sie immer ihre Freunde und die Familie über ihn stellen würde? Ob sie ihn überhaupt liebe? Seien nicht alle anderen immer wichtiger als er?

„Erst war sie geduldig, hat sich erklärt, alles begründet. Doch je mehr von ihm kam, umso knapper wurde sie. Sie müsse nun mal arbeiten und wolle nun mal ihre Familie sehen. Je mehr sie sich zurückzog, umso verzweifelter und wütender wurde er“, sagt die Beamtin.

Er drohte damit, sich das Leben zu nehmen, wenn sie sich nicht mit ihm träfe. Doch wenn sie sich trafen, stritten sie, machte er ihr Vorwürfe, nannte sie Fotze oder Drecksau. Sie wollte nicht mehr mit ihm schlafen. Er durchsuchte ihre Notizbücher, fotografierte eine Seite, auf der sie alle ihre Passwörter notiert hatte. Screenshots, die die Polizei auf seinem Handy fand, belegen das.

„Ich muss aber wissen, dass ich geliebt werde“, sagte Nelson mal zu Maria, mal zu Julia. Fing an zu zittern, zu weinen und wurde gleichzeitig laut.

Im September hatte Maria genug. Sie machte Schluss.

Der Horror beginnt.

Nelson ruft an, schreibt Nachrichten, klingelt nachts an der Tür und möchte rein, fragt die Nachbarin nach dem Ersatzschlüssel. Legt sich auf Facebook ein Fake-Profil an, kontaktiert Freundinnen von Maria. Lauert ihr im Volkspark Friedrichshain auf, springt aus dem Gebüsch. Wirft seinen Schlüssel weg und sagt: „Dann wohne ich jetzt bei dir.“

Einmal nimmt sie ihn mit rein, als er betrunken vor der Tür liegt, da rennt er auf den Balkon, stellt sich auf das Geländer und sagt: Ich springe. Als sie die Polizei rufen möchte, droht er mit einem Blutbad. Dann wieder schmeißt er sein Handy und seinen Schlüssel in ihren Aufzugschacht und verlangt, dass sie sich darum kümmert. Zwischendurch lässt er sich in die psychiatrische Abteilung einer Klinik einweisen, weil Maria ihn darum gebeten hat, endlich an sich zu arbeiten und mit alldem aufzuhören. Doch er entlässt sich wieder, weil er zu ihr möchte, weil er wissen möchte, ob sie ihn nicht doch betrügt.

Dann, am 22. Oktober 2018 um 21 Uhr 40, erhält die Polizei einen Notruf. Maria ist dran. Sie ist in die Parkgarage ihres Hotels gefahren, da hat sie eine dunkle Gestalt hinter dem Auto herlaufen sehen. Nelson B. versucht, die Tür aufzumachen. Abgeschlossen. Er schlägt mit dem Ellbogen gegen die Scheibe. Versucht, sie mit dem Fuß zu zertrümmern.

„Sie zitterte am ganzen Körper, war in einem Schockzustand, war fix und fertig“, sagt einer der Polizisten, der sie schließlich fand. Die Beamten nehmen sie mit auf die Wache. Sie erzählt, wie er sie bedroht und terrorisiert, welch panische Angst sie hat. Eine Anzeige wegen Stalking wird aufgenommen. Eine Akte angelegt. Sie geben eine einstweilige Verfügung in Auftrag, dass er sich ihr nicht nähern darf. Andere Kollegen fahren bei ihm vorbei und halten die sogenannte „Gefährderansprache“. Dass er sich strafbar mache, wenn er Maria weiter belästige. Dass sie ihn in Gewahrsam nehmen können, wenn er bei Maria auftaucht. Dass hier eine rote Linie ist, die er nicht überschreiten darf.

Maria selbst geht zum Familiengericht und beantragt ein Kontakt- und Näherungsverbot.

Alle Instrumente, die in Berlin zur Verfügung stehen, um Stalker in die Schranken zu weisen, werden bedient.

Seit einigen Jahren hat jede Berliner Wache speziell geschulte Beamte. Sie bewerten die Gefahr, die von dem Täter ausgeht, und erstellen die sogenannte Gefährdungsanalyse. Was hat der Täter für eine Vorgeschichte? Hat das Opfer große Angst? Bezieht der Täter dritte Personen mit ein? Ist er gewalttätig oder könnte er es werden? Die Polizei muss insgesamt abwägen, welche Maßnahmen den Konflikt entschärfen könnten oder welche ihn erst recht anheizen.

Der Stadtstaat Bremen geht noch weiter: Sofort, nachdem eine Stalking-Anzeige aufgenommen wird, schickt die Polizei ein Fax an ein Kriseninterventionsteam. Das meldet sich unverzüglich beim Beschuldigten, erst per Brief, dann per Telefon, und bietet Beratung und Therapie an. Die Beschuldigten müssen nicht mitmachen. Noch sind sie ja nicht schuldig gesprochen worden. Trotzdem öffnet sich damit ein Ausweg, den viele wahrnehmen. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit, Wut und Verzweiflung vom Opfer wegzuverlagern.

All das regelt eine Verwaltungsvorschrift, die 2006 in Bremen nach zwei aufsehenerregenden Stalking-Morden umgesetzt wurde. Ob alle zwei Wochen, jede Woche oder mehrmals wöchentlich: Die Beratungsstelle arbeitet solange und intensiv mit dem Stalker, bis er aufhört, einer zu sein. „Seitdem wir das so machen, hat es in Bremen keinen Tötungsdelikt in den Fällen mehr gegeben, in denen wir eingeschaltet waren“, sagt der Leiter der Beratungsstelle.

Auch in Berlin gibt es eine Beratungsstelle mit dem Namen „Stop Stalking“. Aber alle Vorstöße, das Bremer Angebot auch in Berlin zum Standard zu machen, scheiterten bislang mit dem Hinweis auf den Berliner Datenschutz. So melden sich die Stalker bei „Stop-Stalking“ in den allermeisten Fällen aus eigenem Antrieb. „Letztendlich haben wir nur mit 130 Stalkern und Stalkerinnen im Jahr Kontakt und das bei knapp 2.000 Anzeigen“, sagt der leitende Psychologe Wolf Ortiz-Müller.

Es gibt Einmal-Stalker, die die Trennung nicht verkraften, die aber nach einer gewissen Zeit und nach den ersten Kontakten mit der Polizei oder dem Gericht wieder mit dem Stalking aufhören. „Viele realisieren auch gar nicht, was sie mit ihren Handlungen bei ihren Ex-Partnerinnen oder Ex-Partnern auslösen, wollten das häufig auch gar nicht. Das sind die einfachen Fälle.“ Und dann gibt es notorische Stalker, die es immer wieder machen. „Sie haben häufig ein geringes Selbstwertgefühl, haben nie gelernt, mit Trennung oder Zurückweisung umzugehen, bauen sich ihre eigene Realität und Rechtfertigung, fühlen sich als Opfer und wollen das kompensieren, das eigentliche Opfer spüren lassen, wie gemein sie sich behandelt fühlen. Das kann unter Umständen schnell eskalieren“, sagt Ortiz-Müller.

So einer ist Nelson.

Plötzlich steht er auf dem Grundstück der Tante, ist über den Zaun geklettert und hämmert gegen die Tür, gegen das Fenster. „Ich komme in Frieden“ ruft er dabei. Er geht erst, als die Polizei ihn vom Gelände führt. Oder er steht auf der anderen Straßenseite von Marias Wohnung auf der Petersburger Straße. Trinkt Bier, schaut nach oben, stundenlang. Dann klingelt er, setzt sich in den Hof, ruft nach Maria. Maria holt die Polizei, die in Mannschaftsstärke anrückt und Nelson B. über Nacht auf die Wache mitnimmt. Insgesamt gibt es 16 dokumentierte Polizeieinsätze in diesen Wochen.

Längst schläft Maria mal bei ihrer Schwester, mal bei ihrer Tante. Längst hat sie Freunde mobilisiert, die sie überallhin begleiten. Längst hat sie ihren Computer neu aufgesetzt und die Passwörter geändert. Längst steht sie in Kontakt mit dem Landeskriminalamt, Zentralstelle für Individualgefährdung. Dort werden spezielle Schutzmaßnahmen für Maria entworfen, die man nur mit einer der höchsten Gefahreneinschätzungen bekommt.

Nelson beginnt zu googeln. Die Richterin liest ein paar Auszüge vor.

5. November: GPS-Tracker kaufen.

11. November: Mord unter Drogen und Medikamenten / JVA Moabit / Fernsehen in Untersuchungshaft / Psychisch krank / Wann geht ein Täter straflos aus.

Er liest den Artikel: „Auch Töten ist menschlich“ auf „Zeit Online“. Darin heißt es: „Wer mordet, ist nicht normal. Dabei liegt das Töten in unserer Natur.“

13. November: Rechtsanwalt Mord / Citrön C1 Unterbau / Welche Drogen machen aggressiv / Buttersäure kaufen Berlin / Was passiert mit dem Mörder nach der Tat.

14. November: Ein Tag in der U-Haft / Polizei JVA Berlin.

21. November: Schusswaffe Görlitzer Park / Buttersäure / Messerstich ins Herz / GPS-Tracker Conrad

Irgendwann in diesen Tagen kauft er dann auch den GPS-Tracker, bringt ihn an Marias Auto an, weiß jetzt immer, wo sie ist. Kauft ein Steakmesser bei Edeka. Es kostet 9,99 Euro und ist 16 Zentimeter lang und drei Zentimeter breit. „Schwer ist es“, sagt die Richterin, als sie den Messergriff mit der nun abgebrochenen Klinge in die Hand nimmt. Irgendwann jetzt bringt Nelson B. ein Antirutsch-Tape am Griff des Messers an. Wegen des Blutes, damit er nicht abrutscht und sich am Ende selbst verletzt. Den Tipp hat ihm ein Mitpatient in der Klinik gegeben.

Nur in ganz krassen Fällen verordnet die zuständige Amtsanwaltschaft oder das zuständige Gericht dem Stalker eine Therapie. Manchmal im Tausch für eine Einstellung des Verfahrens, manchmal als Auflage und damit als Teil der Strafe. So oder so passiert das erst, nachdem die polizeilichen Ermittlungen und das juristische Verfahren abgeschlossen sind. In Berlin kann das wegen der Überlastung der Justiz Monate dauern.

Nelson B. wäre wohl so ein krasser Fall gewesen.

7. Dezember, 18 Uhr 14. Die Polizei ruft ein letztes Mal bei Nelson B. an. Der Beamte ermahnt, nicht noch einmal bei Maria zu klingeln. Nelson streitet alles ab und wirkt auf den Beamten „genervt, unhöflich, frech und patzig“. Das Telefonat dauert fünf Minuten.

Maria ist bei ihrer Schwester in Zehlendorf. Wie auch in den zurückliegenden Nächten. Sie traut sich nicht nach Hause. Julia hat gekocht, Maria gegessen. Dann gehen sie zusammen ins Bett. Maria will noch etwas auf Amazon schauen, schläft aber wie immer schnell ein. Julia steht wieder auf, geht an ihren Schreibtisch, arbeitet weiter an ihrer Doktorarbeit. Draußen ist es dunkel. Der Wind weht heftig.

Nelson hockt bei sich zu Hause im Prenzlauer Berg, eine dunkle Wohnung, aber nicht zugemüllt oder chaotisch, wie Tante Andrea auf Nachfrage der den Prozess begleitenden Psychologin aussagt. Eine chaotische Wohnung wäre ein Anzeichen von Depression, unter der Nelson angibt, zu leiden.

Das Telefonat mit der Polizei habe ihn aufgewühlt, sagt Nelson vor Gericht. Er sucht im Internet nach einer Verbindung nach Zehlendorf. Erst die Straßenbahn bis zum Nordbahnhof, von dort mit der S-Bahn bis nach Zehlendorf, dann mit dem Bus. Er weiß, dass Maria bei Julia ist, dass sie Frühdienst hat, gegen sechs Uhr das Haus verlassen wird.

4 Uhr 30. Marias Wecker klingelt. Sie steht auf, macht sich fertig. Julia hört noch, wie Maria mit einer ihrer Arbeitskolleginnen telefoniert. Diese will sie im Parkhaus vom Hotel treffen, damit Maria dort nicht alleine ist. Sie will Frühstück mitbringen und fragt, was Maria gerne hätte. Maria lacht. Julia erinnert sich, wie sie sich freute, dass Maria so viele Freunde hat, die sie unterstützen. Als Nächstes hört sie die Tür.

6 Uhr. Ein Nachbar, der mit seinem Hund spazieren geht, sieht Nelson vor dem gegenüberliegenden Haus im Dunklen hocken und wundert sich. Geht aber weiter. An der Eingangstür trifft der Nachbar auf Maria. Sie grüßen sich, Maria streichelt den Hund, dann tritt sie hinaus.

Nelson läuft mit drei, vier schnellen Schritten auf sie zu. Maria soll noch gesagt haben: „Was willst du hier? Ich bring dich zur Polizei.“ Dann stößt er mit dem Steakmesser Richtung Herz, Richtung Kopf. „Es ging so schnell wie ein Wimpernschlag“, sagt er vor Gericht. Zehn, vielleicht 20 Sekunden lang sticht er zu, dann bricht die Klinge ab. „Ich hatte den Griff in der Hand, sie stand noch, ich bin weggerannt und habe den Griff fallen gelassen. Ich dachte, sie sei nur verletzt.“

Julia hört die Schreie. Lang gezogen und laut. „Ich wusste, dass sie es ist. Ich wusste, dass er es ist. Ich hatte ihr ja gesagt: Wenn er dich angreift, dann schrei so laut und so viel du kannst. Es muss sich nach was Schlimmem anhören.“

Sie rennt die drei Stockwerke nach unten, ihre Schwester steht mit der Schulter an die Tür gelehnt und sagt: „Er hat mich angegriffen.“ Julia sieht das Blut an der Stirn, am Oberarm, und Marias Handy, das sie in der Hand hält und aus dem ein Polizist: „Hallo, hallo“ ruft. Dann sackt Maria weg, wird blass, ihre Augen flackern. Julia reißt Marias Oberteil hoch, beginnt mit der Reanimation. Nachbarn kommen dazu, wechseln sie ab. Julia übernimmt die Beatmung.

Nach 12, 15 Minuten kommen Polizei und Rettungswagen. Maria wird ins Krankenhaus gebracht. Sie hat keine Chance.

Todesursache: inneres und äußeres Verbluten.

„Selbst wenn man den Angeklagten früher in U-Haft gesteckt und die Stalking-Anzeige schneller zu einem Verfahren geführt hätte, heißt das immer noch nicht, dass er nach U-Haft oder nach einer Strafe aufgehört hätte. Wenn er bleibt, wie er ist, wenn nicht mit ihm gearbeitet wird, dann ist er genauso gefährlich, wenn er wieder rauskommt“, sagt Opfer-Anwalt Roland Weber. Über die Schwere der Schuld hat das Gericht zu entscheiden. Geht er ins Gefängnis? Für 15 Jahre oder sogar länger? Soll anschließend geprüft werden, ob der Angeklagte in Sicherungsverwahrung bleibt, weil er eine Gefahr für die Allgemeinheit bleiben könnte?

 „Wenn man eine Lehre für Berlin aus diesem Fall ziehen kann, dann diese: Die Beschuldigten sollen endlich bei der polizeilichen Vernehmung ihr Einverständnis abgeben können, sich von einer Beratungsstelle kontaktieren zu lassen“, fordert der Psychologe Ortiz-Müller.

Direkt nach der Tat versteckt Nelson B. sich, dann geht er frühstücken zu McDonalds, raucht noch eine Zigarette und stellt sich schließlich auf der Wache am Ostbahnhof der Polizei. Warum er sich diese Wache ausgesucht hat, fragen ihn die Beamten. Sie sei die bequemste, die Betten nicht aus Holz, er habe es ein bisschen mit der Schulter, sagt er, er kenne ja schon ein paar. Ruhig und kühl kommt er den Beamten vor. Als sie ihm sagen, dass Maria gestorben ist, soll er vernehmlich ausgeatmet und erleichtert gewirkt haben.



Aus: "Schutzlos gegen Stalking: Er stellt ihr nach, sie zeigt ihn an – jetzt ist sie tot" (21.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/schutzlos-gegen-stalking-er-stellt-ihr-nach-sie-zeigt-ihn-an-jetzt-ist-sie-tot/25011146.html

Quote
tiefenrausch 24.09.2019, 09:36 Uhr
Es ist unfasslich, dass in diesen Fällen nicht endlich durchgegriffen wird. Ich hab schon vor 25 Jahren im Frauenhaus gearbeitet und Frauen aus gewalttätigen Beziehungen geholt. Diese Typen sind Verbrecher, auch schon wenn sie ihre Ex-Freundinnen nur bedrohen und sollten entsprechend behandelt werden. Dass dies immer noch nicht erfolgt ist der Tatsache zuzuschreiben, dass Männer immer noch eine gewisse Verfügungsgewalt über Frauen zugesprochen wird. Für mich eine implizite Komplizenschaft des Rechtswesens mit den Tätern.


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Lars_Mach 23.09.2019, 20:29 Uhr
"Liebe" ist wohl das am häufigsten missbrauchte Wort der Menschheitsgeschichte - meist wären Begriffe wie "Selbstliebe", "Eitelkeit" u.a. treffender!


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TK1234 23.09.2019, 08:04 Uhr

Hier treffen zwei Grenzen aufeinander. Die Freiheit des einen hört da auf, wo er die Freiheit des anderen beeinträchtigt. Es bra
ucht Handfeste Beweise und oft fehlen diese. Viele Stalker sind nicht Dumm. Im Gegenteil. Ihre Vorgehensweise ist äußerst perfide und durchdacht. Sie nutzen falsche Identitäten und operieren oft in den social Media, wo die Anonymität leicht fällt.
Sie untergraben die Glaubwürdigkeit der Opfer, Beleidigen und Bedrohen sie. Wenn das ganze dann eskaliert, kommt es am Ende vielleicht noch zu körperlichen Übergriffen und in der Regel kommt es erst dann zu ernsthaften Ermittlungen und Konsequenzen.
Doch bis dahin sind die Opfer in ihrer Angst alleine.
Mir fällt da der Fall des Bremer Schülers ein, der Anfang 2016 von einem Stalker verfolgt wurde, nur weil er LGBTQ war. Anzeigen bei der Polizei brachten keine schnelle Hilfe. Zwar nahm sie die Ermittlungen dann auf, doch es fehlten "Handfeste" Beweise. Eine Person rückte ins Fadenkreuz der Ermittler, doch es fehlten immer noch die Beweise, wo diese Person mit den Taten in Verbindung brachten. Erst in 2018 erhob dann die Staatsanwaltschaft gegen diese Person Anklage. 2 Jahre Hölle und Ungewissheit für das Opfer.
Dabei war die Liste der Straftaten lang (Volksverhetzung, Betrug, Morddrohung um nur einige zu nennen).
Der Täter schickte einen Trauerkranz in die Schule des Jungen. Er versuchte eine Todesanzeige in die Zeitung zu setzen. Er hängte Plakate mit dem Foto des Opfers in der Stadt auf und outete es darauf als LGBTQ. In den social Media nutzte er Fake-Accounts um Lügen über das Opfer zu verteilen, es zu beleidigen und bedrohen. Unter dem Namen und Nummer des Opfers tätigte er Ebay Verkäufe und schickte den Kunden dann die Ware nicht, welche sich dann natürlich beim Falschen beschwerten und ihm auch drohten.
Der Junge hatte wenigstens soviel Stärke und Rückhalt, dass er durchhielt, die Sache zur Anzeige brachte und sich nicht in den Suizid treiben ließ.


Quote
The_Robin_Hood_Principle 22.09.2019, 14:02 Uhr
Bei allem Respekt vor 'Yvonne D.'s differenzierter und reflektierter Betrachtungsweise (die hier m.E. als Stimme nicht fehlen durfte) möchte ich zur Ergänzung der Debatte Zahlen verlinken und insgesamt auf die tägliche Gewalt gegen Frauen verweisen (Quelle:tagesschau.de; UN-Bericht, Auszug)

    Auffällig bei den Frauen sind die Umstände, unter denen sie getötet werden. Von den rund 87.000 ermordeten oder totgeschlagenen Frauen im Jahr 2017 wurden rund 50.000 von ihrem eigenen Partner oder eigenen Familienangehörigen umgebracht. (...) Wenn es sich um Partner oder Ex-Partner handle, seien die Taten meist nicht spontan, sondern stünden am Ende einer langen Gewaltspirale. Unter den Motiven spielten Eifersucht und Angst vor der Trennung eine wichtige Rolle. Vergleichszahlen von 2012 legten nahe, dass die Zahl der Opfer leicht steige, hieß es. ...
https://www.tagesschau.de/ausland/un-frauen-opfer-gewalt-101.html

...


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Nicetomitja 22.09.2019, 09:36 Uhr

    davon 99 Mal als Tatverdächtiger.

Na herzlichen Dank auch. Warum ein solcher Berufsverbrecher nicht längst in Sicherungsverwahrung sitzt ist mir ein Rätsel.


Quote
changnoi 22.09.2019, 09:04 Uhr
der blanke horror.
bin selber ein mann. auch mich haben frauen verlassen. ich habe gelitten wie ein hund. aber NIE NIE NIE waere ich auf die idee gekommen ihnen nachzustellen oder etwas anzutun. egal wie meine eifersuechtg-kranke phantasie mich quaelte. da musste durch. das gehoert zum erwachsen werden!
einmal wurde ich zeuge, das ist ueber 40 jahre he, wie ein mann einer wg-mitbewohnerin nachstellte. Sie hatte schon eine gebrochene nase und schnittverletzungen am arm. dann stand er ploetzlich vor der tuer. sprach freundlich. bat um einlass.  meine mitbewohnerin fluesterte "auf keinen fall!" dann drosch er mit einem baseballschlaeger auf die tuer ein. wir verbarrikadierten uns. riefen die polizei. er sprang dann durch die geschlossene fensterscheibe in den innenhof. war gleich tot. ein horror. aber haette ich ihn reingelassen, haeete es einen kampf auf leben und tot gegeben. dabei hatte ich nix mit seiner ex-freundin. zero-negativ!
maenner koennen so bescheuert sein. fuerchterlich.
die arme junge frau, die schwester, die familie. da den seelenfrieden wiederzufinden ist ganz schwer.
der kerl hat sein leben verwirkt. keine gnade!


Quote
Antwort auf den Beitrag von changnoi 22.09.2019, 09:04 Uhr

    maenner koennen so bescheuert sein.

Frauen auch. Ich weiß nicht, ob Frauen dazu neigen, so extrem körperlich aggressiv zu werden - aber auch Frauen stalken. Vielleicht machen sie es in der Tat weniger brutal, aber - wenn man den Tod und das "Abstechen" als etwas Absolutes betrachtet - es kann auch sehr schwierig sein, belästigt zu werden, ohne körperlich angegriffen zu werden, sei es durch "Vor-dem-Haus-Herumlungern" oder durch sonstige Übergriffe: ich weiß von einer Frau, die ihrer von ihrer Therapeutin "verlassen" wurde und die ihr daraufhin regelmäßig bombastische Rosensträuche in die Praxis geschickt hat; ich weiß von Frauen, die Autos zerkratzen oder Reifen zerstechen, wenn sie "enttäuscht" wurden oder die regelmäßig nachts den Verlassenden anriefen, "gerne" mit Suizidankündigung; ich kenne Frauen, die die Bekanntenkreise des Verlassenden "ausgesaugt" haben oder die "Konkurrentin" körperlich angegriffen haben usw. Und ich kenne auch Männer, die solche Dinge tun.

Das ist auch deshalb problematisch, weil man als "Unbeteiligter" zunächst gar nicht weiß, wie man es einschätzen soll, wenn der Verlassene beginnt, einen auszufragen. Mich hat neulich ein mir fremder Mann auf der Arbeit (Publikumsverkehr) gefragt, ob Frau XY dort noch arbeiten würde. Ich hab geantwortet, dass ich solche Auskünfte nicht gebe, worauf er - und am Tonfall hab ich schon gemerkt, was los war - erwiderte: "Ja, klar, ich werd ihr auflauern, wenn ich es erfahre, hahaha". Später hat sich mein Verdacht bestätigt, und ich hab mir vorgestellt, wie schlimm es für Betroffene ist, auf der Arbeit sagen zu müssen: "Wenn ein Typ nach mir fragt, bitte nicht antworten".


Quote
A.v.Lepsius 21.09.2019, 15:02 Uhr
Da kommen einem als Vater ganz viele Bedenken und Sorgen hoch, denn diese ganze Geschichte liest sich wie eine Horrorgeschichte, von der man sich bewusst ist, dass sie tödlich endet, es kein happy-end gibt, keine glückliche Wendung.

Was für eine Tragödie für die Familie, die diesen Fall bis hin zum Tod begleiten musste.

Herr Grünberg, ich danke für diesen ausgezeichnet geschriebenen Artikel und auch dafür, dass Sie sich mit diesem Fall befasst haben. Das kann nicht einfach gewesen sein. Für alle Beteiligten nicht.


Quote
bmkt 21.09.2019, 14:52 Uhr
In Zeiten, wo dringend tatverdächtige Gewaltverbrecher frei gelassen werden, weil die Gerichte nicht hinterherkommen, bleibt offizielle frühzeitige Hilfe oft leider ein Wunsch.

Man kann nur selbst frühzeitig mit dem Abgrenzen beginnen, sollten gewisse Auffälligkeiten auftreten.

Das kann auch allein im Kollegenkreis passieren, selbst wenn man verheiratet ist und den persönlichen Kreis immer geschützt hat.

Beginnen mit minutenlang auf die Mailbox quatschen;
wenn man diese ausschaltet 10 Anrufe innerhalb kürzester Zeit.
Nicht Akzeptanz von, Aggressionen gegen Abgrenzung.

Extreme persönliche Empfindlichkeit bei eigentlich Sachfragen.
Moralische Erpressung a la "Menschlich charakterlich verdorben, wenn Du das anders siehst als ich"
usw usf.

Vorboten gibt es viele.

Ich kann nur dazu raten: Aggressionen zeigen, wirklich Abgrenzen, egal womit gedroht wird, von moralischen Ausrastern nicht beeindrucken lassen.


Quote
zweitbuerger 21.09.2019, 14:43 Uhr
Vielen Dank, Herr Grünberg,
für diesen ausführlichen und sehr ausgewogenen Artikel, der einen doch recht beklommen und sprachlos sein lässt.
Sie verurteilen den Täter nicht (obwohl er natürlich verurteilt werden wird und werden muss).
Sie geben viel Raum für eigene Gedanken.

Diese Art von Berichterstattung wünsche ich mir weiterhin!

...


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« Reply #43 on: January 08, 2020, 03:04:41 PM »

Quote
[...] Er ist Bürgermeister einer Stadt in Nordrhein-Westfalen und er hat Angst. So viel, dass er einen Waffenschein beantragt hat. Um sich vor Neonazis schützen, von denen er sich seit dem Europawahlkampf im Mai 2019 massiv bedroht fühlt. Und um nicht wehrlos einem rechten Attentäter gegenüberzustehen wie der im Juni erschossene Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke. Seinen Namen will der Mann auf keinen Fall in der Presse genannt sehen.

Der Bürgermeister hatte dafür gesorgt, dass Wahlplakate der rechtsextremen Kleinpartei „Die Rechte“ abgehängt werden. Darauf stand „Israel ist unser Unglück“ und „Wir hängen nicht nur Plakate“. Die Neonazis schäumten, im Internet nannten sie steckbriefartig die Dienstadresse des Bürgermeisters, die Telefonnummer, das Dienstzimmer. Rechtsextreme kündigten an, vorbeizukommen.

Der Fall des Bürgermeisters ist ein weiterer in einer immer länger werdenden Liste. Die Bedrohung von Kommunalpolitikern durch rechte und andere Extremisten wächst sich in Deutschland zu einem flächendeckenden Problem aus. „Seit 2015 hat sich die Bedrohung für Kommunalpolitiker enorm verschärft – besonders für die, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren“, sagt Marc Elxnat, Referatsleiter beim Deutschen Städte- und Gemeindebund.

Das Ausmaß zeigte eine Umfrage für „Report München“ aus dem vergangenen Jahr, an der sich mehr als 1000 Bürgermeister beteiligten. Demnach hatten mehr als 40 Prozent der kommunalen Verwaltungen Erfahrungen mit Hassmails, Einschüchterungsversuchen oder anderen Übergriffen gemacht.

In acht Prozent der Gemeinde- oder Stadtverwaltungen kam es zu körperlichen Attacken. „Sollte die Bedrohungslage so bleiben, könnte das langfristig dazu führen, dass sich immer weniger Menschen als Kommunalpolitiker engagieren wollen“, sagt Elxnat.

Laut Elxnat ist neben rechtem Hass auch Unverständnis gegenüber politischen Entscheidungen Auslöser für die Attacken. „Es gibt Bürgermeister, die angegriffen werden, weil sie sich für den Ausbau erneuerbarer Energien einsetzen.“

In einem anderen aktuellen Fall trat Arnd Focke, der Bürgermeister im niedersächsischen Estorf, zurück. Hakenkreuze auf dem Auto, Drohungen und nächtlicher Telefonterror waren zu viel. Focke wollte sein Umfeld schützen. Einer der Auslöser für den Hass gegen ihn war offenbar eine Ratsentscheidung über die Erhöhung der Grundsteuer.

Der Städte- und Gemeindebund macht für den zunehmenden Hass und die Gewalt gegen Mandatsträger etwa den raueren Ton in der politischen Auseinandersetzung und die Polarisierung in der Gesellschaft verantwortlich. Die sozialen Medien als Echokammer seien ein weiterer Faktor. Hier finde sich „für jede noch so groteske Meinung ein Verbündeter“. Die Suche nach Anerkennung durch Provokation stehe im Vordergrund und immer öfter auch das Brandmarken einzelner Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens „als Projektionsfläche für die eigene Unzufriedenheit“. Ein Großteil der Bürger sehe den Staat als reinen Dienstleister.

Auch wenn es mittlerweile Schwerpunktstaatsanwaltschaften gibt, die sich um das Problem kümmern, und zum Teil spezielle Ansprechpartner bei der Polizei: Viele Mandatsträger haben nicht das Gefühl, dass sie ausreichend Unterstützung bekommen.

So wie im beschriebenen Fall des Bürgermeisters aus NRW. Die Polizei fuhr zwar verstärkt Streife in seiner Nähe. Doch der Anwalt des Politikers sagt, sein Mandant fühle sich alleingelassen. Die Polizei lehnte den Antrag auf den Waffenschein ab. Der Bürgermeister klagte beim Verwaltungsgericht Düsseldorf. In zwei Wochen soll der Fall verhandelt werden. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte der „Rheinischen Post“, er halte nichts davon, „wenn sich Privatpersonen und Mandatsträger bewaffnen“.

Die Angst um das eigene Leben ist nicht unbegründet: Im Oktober 2015 stach in Köln ein Rechtsextremist der späteren Oberbürgermeisterin Henriette Reker in den Hals. Im November 2017 wurde der Bürgermeister des sauerländischen Altena von einem rassistischen Messerstecher am Hals verletzt.

In beiden Fällen attackierten die Täter die Politiker wegen deren Engagements für Flüchtlinge. Und Reker wie auch Hollstein sind weiter im Visier rechter Fanatiker. Im Juni 2019 gingen bei ihnen per Mail Morddrohungen ein. Der Absender nannte sich „Staatsstreichorchester“. Vermutlich handelt es sich um einen oder mehrere Rechtsextremisten, die auch mit Namen wie „NSU 2.0“ und „Wehrmacht“ wellenartig Drohungen verschicken.
Doch selbst wenn es nicht zu körperlicher Gewalt kommt, ist die psychische Belastung für die Bedrohten enorm. Letzten November beantragte Martina Angermann, Bürgermeisterin im sächsischen Arnsdorf, die vorzeitige Versetzung in den Ruhestand – zuvor war sie monatelang bedroht und attackiert worden.

Der Städte- und Gemeindebund spricht sich laut Elxnat dafür aus, den Straftatbestand des „Politiker-Stalkings“ einzuführen, um das „amt- und mandatsbezogene Nachstellen“ zu verhindern. Es sei aber auch nötig, dass solche Straftaten dann konsequent verfolgt würden und man über Verurteilungen berichte.



Aus: "Bedrohung von Lokalpolitikern wird zum Flächenproblem" Maria Fiedler Frank Jansen (08.01.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/buergermeister-in-angst-bedrohung-von-lokalpolitikern-wird-zum-flaechenproblem/25397666.html

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Lillybiene 11:33 Uhr

Das ist halt der geistigen Verwahrlosung der Menschheit geschuldet. Die asozialen Netzwerke haben einen großen Teil dazu beigetragen. ...


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« Reply #44 on: June 22, 2020, 05:16:56 PM »

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[...] Stuttgart - Der Stuttgarter Polizeivizepräsident Thomas Berger beziffert den Schaden durch marodierende Gruppen in Stuttgart auf einen sechs- bis siebenstelligen Betrag. Das sagte der Leiter des Polizeieinsatzes während der nächtlichen Randale in einem Interview mit dem Journalisten Gabor Steingart. Mehrere Hundert junge Männer hatten in der Nacht zum Sonntag in Kleingruppen 40 Läden beschädigt und zum Teil geplündert. Zwölf Streifenwagen wurden demoliert.

19 Polizisten wurden infolge „total enthemmter Gewalt“ verletzt, einer davon brach sich das Handgelenk, wie Berger erläuterte. Auslöser war die Drogenkontrolle eines 17-Jährigen, mit dem sich gleich mehrere Hundert Menschen solidarisierten.

Zu den möglichen Hintergründen gab Berger mehrere Hinweise: Die Täter hätten sich in sozialen Medien in Pose setzen wollen und skandiert: „Endlich ist in Stuttgart was los“. Zudem hätten die Corona-Einschränkungen dazu geführt, dass junge Menschen sich zunehmend im öffentlichen Raum träfen. Diese Gruppe reagiere auf normale polizeiliche Ansprache sehr aggressiv.

Schließlich hätten die Rassismusvorwürfe gegen die US-Polizei auch zu Unmut hierzulande geführt. Zur Stimmung in der Polizei sagte Berger: „Es gibt großes Unverständnis in der Belegschaft, warum es Teile der Gesellschaft gibt, die uns das antun.“


Aus: "Ausschreitungen in Stuttgart: Randale richtete wohl Millionenschaden an" red/dpa/lsw  (22. Juni 2020)
Quelle: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ausschreitungen-in-stuttgart-randale-richtete-wohl-millionenschaden-an.7eb14509-4ced-407e-858d-1a2085b95567.html


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[...] Stuttgart - Der Montag nach den Radalen in der Suttgarter Innenstadt ist ein Tag der Anrufe bei Versicherungen, dem Aufkehren von zerbrochenem Glas, dem Klopfen von Pflastersteinen auf der Königstraße – und großem Unverständnis. „Wir waren fassungslos, als uns Nachts gegen 1.30 Uhr die ersten Anrufe erreichten“, berichtet Fadi Mongid, der in der Marienstraße ein Juweliergeschäft betreibt. „Uns hat es viel schlimmer als die Königstraße erwischt, weil hier ja viel mehr Außenbestuhlung rumsteht“, sagt er und zeigt auf sein eingeschlagenes Schaufenster. Mongid sagt, was an diesem Vormittag noch viele Stuttgarter Passanten erzählen werden, wenn sie über die Beweggründe für die Straßenschlacht sinnieren: „Diese Kinder haben nichts zu verlieren.“

Es sind viele Sätze, die mit einem Aber enden und hier nicht alle wiedergegeben werden müssen: Ich bin kein Rassist, aber. Ja, es waren auch Deutsche dabei, aber. Die Randale sind das Gesprächsthema des Tages: Kamerateams der öffentlich Rechtlichen, regionale Reporter und neugierige Passanten, die vor den eingeschlagenen Scheiben ihre Handys zücken, bevölkern an diesem Montagmorgen die obere Königstraße und die Marienstraße. Auch die Kriminalpolizei ist zugegen und spricht mit Ladenbesitzern, während sich vor dem Pavillon des Eiscafés schon eine kleine Schlange bildet.

Vor einem Handyladen hocken die Beschäftigten und atmen kurz durch. „Wir müssen erst einmal eine Inventur machen und überprüfen, was alles gestohlen wurde“, sagt Buce Cay, die für die Beweggründe für den Gewaltausbruch keine Antwort hat. Es ist eine Ratlosigkeit, die vielen an diesem Montag ins Gesicht geschrieben steht. Auch Fadi Mongid kann nur mutmaßen und hält eine Mischung aus fehlender Bildung, Drogen und einer Wut gegen Autoritäten für plausibel. „Vielleicht wurden sie auch durch die Videos aus den USA inspiriert“, so der Juwelier.

Vor dem Einkaufszentrum Gerber sind noch Flecken, die wie Blutspuren aussehen, zu erkennen, die sich die Straße hoch ziehen. Eine Passantin bleibt länger vor einem Wollgeschäft stehen und blickt fassungslos auf die Zerstörung. „Ich habe keine Worte für diese Taten. Es gibt hier keine Not – es kann doch nicht sein, dass es an den geschlossenen Clubs und Bars liegt. Vielleicht wären Ausgangssperren am Samstagabend eine Lösung“, so die Frau, die lieber anonym bleiben möchte. Sie will, dass sich die Politik Gedanken macht, wie man so einen Ausbruch in Zukunft verhindern könnte. „Das Potential ist da, es könnte wieder passieren.“ Tatsächlich denken Polizeigewerkschaften zumindest über eine Sperrstunde in Stuttgart nach.

Auch Manuela Nedorna, die mit ihrem kleinen Kind über die Königstraße flaniert, zeigt sich wie viele andere Passanten geschockt. „Ich denke, dass es wieder so weit kommen könnte“, sagt sie. Auch ein junger Mann, der lieber anonym bleiben möchte, glaubt, dass es nicht bei diesem einen Mal bleiben muss. „Man kann den Jugendlichen alles zutrauen, und trotzdem haben wir in Stuttgart kein Sicherheitsproblem. Jetzt liegt es daran, die Hintergründe offenzulegen“, sagt der 30-Jährige.

Während vor einigen Läden noch Scherben liegen, wird in anderen Geschäften auf der Königstraße wieder der Corona-Normalität nachgegangen. Um die Mittagszeit herrscht reges Treiben, Kamerateams filmen die Aufräumarbeiten und am Brezelkörbchen wird wild anaylsiert. Wer hat eine Versicherung, wer muss selbst zahlen, war es pure Langweile? „Man darf jetzt nicht eine ganze Gruppe unter Generalverdacht stellen“, sagt Dušan Varcaković, der über die Königstraße läuft. Er befürchtet eine politische Vereinnahmung aller Parteien. „Die einen können nicht behaupten, dass alle Polizisten Rassisten sind – und genausowenig kann man alle, die sich am Samstagabend am Eckensee treffen, in den gleichen Topf werfen.“

Auch die Polizei ist an diesem Montag stark präsent. Ein Einsatzwagen, dessen Scheiben zur Hälfte abgeklebt sind, hält auf dem Rotebühlplatz und wird zum beliebten Fotomotiv. Später wird Bundesinnenminister Horst Seehofer den Wagen ausgiebig inspizieren und der Polizei für ihren Einsatz danken.



Aus: "Ausschreitungen in Stuttgart: „Diese jungen Leute haben nichts mehr zu verlieren“" Carina Kriebernig (22. Juni 2020)
Quelle: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ausschreitungen-in-stuttgart-diese-jungen-leute-haben-nichts-mehr-zu-verlieren.f62b70b7-102d-4cfd-b7e7-a750004a3486.html
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« Reply #45 on: August 27, 2020, 02:54:37 PM »

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[...] Die Jugendämter in Deutschland haben im vergangenen Jahr bei rund 55.500 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt – laut des Statistischen Bundesamts waren dies zehn Prozent mehr als 2018 und damit so viele wie nie seit Einführung der Statistik im Jahr 2012.

Die Statistiker führen diesen Anstieg auf zwei Gründe zurück: zum einen "die umfangreiche Berichterstattung über Missbrauchsfälle in den vergangenen beiden Jahren", die zu einer weiteren generellen Sensibilisierung der Öffentlichkeit sowie der Behörden geführt haben dürfte. Zum anderen: "Gleichzeitig können auch die tatsächlichen Fallzahlen gestiegen sein." 

Den Angaben zufolge prüften die Jugendämter 2019 bundesweit mehr als 173.000 Verdachtsfälle im Rahmen einer Gefährdungseinschätzung. Das waren rund 15.800 mehr als 2018. Jedes zweite dieser Kinder war jünger als acht Jahre. Die meisten Minderjährigen wuchsen bei Alleinerziehenden auf (42 Prozent). Bei beiden Eltern gemeinsam lebten 38 Prozent, bei einem Elternteil in neuer Partnerschaft elf Prozent.

Etwa die Hälfte der gefährdeten Kinder und Jugendlichen war zum Zeitpunkt der Gefährdungseinschätzung schon in Kontakt mit der Kinder- und Jugendhilfe. Nur vier Prozent von ihnen hatten selbst Hilfe beim Jugendamt gesucht. Am häufigsten kam ein Hinweis von Polizei, Gericht und Staatsanwaltschaft (22 Prozent), Schulen und Kitas (17 Prozent) oder aus dem privaten Umfeld beziehungsweise anonym (15 Prozent).

Die meisten gefährdeten Kinder wiesen der Statistik zufolge Anzeichen von Vernachlässigung auf (58 Prozent). Bei rund einem Drittel aller Fälle (32 Prozent) gab es Hinweise auf psychische Misshandlungen wie Demütigungen, Isolierung oder emotionale Kälte. In weiteren 27 Prozent der Fälle gab es Indizien für körperliche Misshandlungen, bei fünf Prozent Anzeichen für sexuelle Gewalt.

"Auch wenn Kindeswohlgefährdungen durch sexuelle Gewalt mit rund 3.000 Fällen am seltensten festgestellt wurden, war hier prozentual ein besonders starker Anstieg zu beobachten", berichteten die Statistiker: Von 2018 auf 2019 nahmen die Fälle durch sexuelle Gewalt um 22 Prozent zu.

2019 registrierten die Jugendämter auch mehr betroffene Jungen. "Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass inzwischen auch Jungen häufiger als potenzielle Opfer sexueller Gewalt wahrgenommen werden", vermuteten die Statistiker. Trotzdem sind Mädchen weiterhin am häufigsten betroffen.

Die Jugendämter sind in diesen Fällen verpflichtet, einzugreifen: In 20 Prozent aller Fälle schaltete das Jugendamt das Familiengericht ein, in 16 Prozent nahm es die Kinder vorübergehend in Obhut. Bei weiteren knapp 60.000 Kindern und Jugendlichen hat sich der Verdacht der Kindeswohlgefährdung nicht bestätigt, die Jugendämter sahen aber dennoch Hilfe- und Unterstützungsbedarf. Die Zahl dieser Fälle nahm um 12 Prozent zu. Nicht bestätigt hat sich der Verdacht in rund 58.400 Fällen, das waren acht Prozent mehr als im Vorjahr.


Aus: "Zahl der Kindeswohlgefährdungen erreicht Höchststand" (27. August 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2020-08/jugendschutz-kindeswohlgefaehrdungen-hoechststand-sexuelle-gewalt-misshandlung-vernachlaessigung-jugendamt

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Kapaster d.J. #2

Wenn ich an meine eigene Kindheit (in der DDR) zurückdenke, dann ergibt sich zumindest ein Indiz dafür, warum es immer noch zu diesen Misshandlungen kommt: Ich war damals unter den Jungen ein Exot, denn ich war der Einzige, der nicht geschlagen wurde. So wird diese Brutalität durch die Generationen weitergetragen. Immerhin ist es aber, im Vergleich zu damals, deutlich besser geworden - trotz der immer noch erschreckend hohen Zahlen .

Das war in den 60ern. Dörfliches Umfeld. Geschlagen wurde manchmal oder regelmäßig, mit der Hand oder mit Gegenständen.
Wer nur mit der Hand und nur ab und zu betroffen war, der war schon fein raus.


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Christian W. #2.1

Sicherlich wird das auch an die nächste Generation weitergegeben.
Mein Vater allerdings wurde nach seinen eigenen Aussagen als Kind so oft verprügelt, das er sich geschworen hat, so etwas nie seinen eigenen Kindern anzutun.
Und er hat sich daran gehalten.


Quote
Hauptsache Haltung zeigen #2.6

Ich habe drei oder vier mal eine Ohrfeige von meinem Vater bekommen, es hat mir nicht geschadet, im Gegenteil.


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Wunderwuzzi #2.12  —  vor 1 Minute

"Ich habe drei oder vier mal eine Ohrfeige von meinem Vater bekommen, es hat mir nicht geschadet, im Gegenteil."

Schön für Sie, oder? Glauben Sie ernsthaft es geht hier um drei oder vier Ohrfeigen, während der Kindheit? ...


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Kapaster d.J. #2.8

Ich kenne niemanden, der behauptet, es hätte ihm "nicht geschadet", bei dem der Schaden bei näherem Hinsehen nicht offensichtlich gewesen wäre.

Ach, damals gab es das Wort "Stress" überhaupt noch nicht, dafür öfter mal das erste Bier um 10.
Diejenigen, die besonders brutal misshandelt wurden, kamen meist aus Arbeiter- und Bauernfamilien.


Quote
Karlsweg #3

Mich würde eine Einordnung / Verteilung dieser schrecklichen Zahlen auf die sozio-ökonomische Situation der Haushalte interessieren. Gibts da was? Habe nix gefunden.


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namevergeben2 #3.2

Kindesmissbrauch findet in allen sozialen Schichten statt, vom Arzt bis zum Arbeitslosen.


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« Reply #46 on: November 02, 2020, 03:40:19 PM »

Quote
[...] Nach dem Tod eines 13-jährigen Jungen im Monbijoupark in Berlin-Mitte hat sich ein Tatverdächtiger den Ermittlern gestellt. "Im Zusammenhang mit der tödlichen Auseinandersetzung vom Monbijoupark von vorgestern Abend hat sich heute ein 41-jähriger Mann türkischer Staatsangehörigkeit bei der Mordkommission gestellt", teilte die Staatsanwaltschaft Berlin auf Twitter mit.

Der Tatverdächtige werde gegenwärtig als Beschuldigter vernommen. Zur Ursache der Auseinandersetzung gebe es bislang keine Erkenntnisse, insbesondere gebe es keine Hinweise auf ein etwaiges rassistisches Tatmotiv, so die Staatsanwaltschaft weiter. "Die Ermittlungen dauern an, weitere Details können derzeit nicht veröffentlicht werden."

Der getötete 13-Jährige gehörte zu einer siebenköpfigen Gruppe vor allem von Kindern und Jugendlichen, die am Samstagabend gegen 22.40 Uhr in Mitte unterwegs war. In einem Tunnel am Monbijoupark gegenüber der Museumsinsel kam es nach Zeugenberichten zu einem Streit zwischen der Gruppe und einem Mann. Dabei soll der Mann den Jungen sowie einen 22-jährigen Mann mit einem Messer gestochen haben. Der 13-Jährige starb am Tatort. Der 22-Jährige wurde ins Krankenhaus gebracht. Der Täter flüchtete. (Tsp,dpa)


Aus: "Tatverdächtiger vom Monbijoupark stellt sich der Polizei" (02.11.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/13-jaehriger-in-berlin-erstochen-tatverdaechtiger-vom-monbijoupark-stellt-sich-der-polizei/26582276.html
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« Reply #47 on: November 29, 2020, 11:57:39 AM »

Quote
[...] Die Psychologin Susanne Witte vom Deutschen Jugendinstitut hat in diesem Frühjahr für den 9. Familienbericht des Bundesfamilienministeriums Studien und Befragungen aus dreißig Jahren zu Gewalt in Familien ausgewertet. Die Ergebnisse seien zwar nicht ohne Weiteres zu vergleichen, sagt Witte, sie hält es aber für realistisch, dass 30 bis 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zu Hause leichte Gewalt erfahren, rund 10 Prozent schwere.

Die neuesten Zahlen liefert eine gerade veröffentlichte repräsentative Studie der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm, des Deutschen Kinderschutzbundes und von Unicef Deutschland, für die 2500 Menschen ab 14 Jahren befragt wurden. Mehr als 40 Prozent von ihnen halten einen "Klaps auf den Po" für eine angemessene Erziehungsmaßnahme, bald jeder Fünfte sagt das über eine leichte Ohrfeige.

Das Ulmer Forschungsteam um den Kinderpsychiater Jörg Fegert hat allerdings nicht nur nach den Einstellungen gefragt, sondern auch nach selbst erlebter Gewalt: Sogar in der jüngsten Gruppe, bei den 14- bis 30-Jährigen, gibt die Hälfte an, Klapse auf den Po bekommen zu haben, mehr als jeder Zehnte wurde "niedergebrüllt". Nur 20 Prozent der Menschen in Deutschland hat nach eigenen Angaben keinerlei Erfahrungen mit Gewalt in der Erziehung gemacht.

Diese Zahlen mögen erschreckend wirken, doch sie stehen für eine Erfolgsgeschichte: Laut der Ulmer Studie gaben vor zwanzig Jahren noch gut 75 Prozent der Menschen an, dass sie einen Schlag auf den Hintern für eine angemessene Erziehungsmaßnahme hielten. Zugleich ist durch das Ideal der Gewaltfreiheit aber ein Schweigeraum entstanden: Die meisten Eltern wissen, sie dürfen auch beim größten Frust keine Gewalt anwenden. Viele Eltern wollen diesem Ideal entsprechen, scheitern aber daran – und trauen sich dann nicht, darüber zu reden.

... Kinder körperlich zu strafen war traditionell Aufgabe der Männer. Im Bürgerlichen Gesetzbuch des Kaiserreichs, das am 1. Januar 1900 in Kraft trat, war das Recht, "angemessene Zuchtmittel gegen das Kind" zu benutzen, ausdrücklich dem Vater vorbehalten. Im Idealbild der bürgerlichen Familie war er das Oberhaupt und übte die Autorität aus. Durch Körperstrafen ein gewünschtes Verhalten zu erreichen war schon davor jahrhundertelang eingeübt. Den Konsens kann man etwa so zusammenfassen: Sinnloses Prügeln war verpönt, Schläge im Alltag galten aber als notwendig und unvermeidlich, weil Kinder "durch körperliche Schmerzen sich werden beugen lassen", wie es der Pädagoge Johann Heinrich Campe 1788 formulierte.

Noch bis in die Nachkriegszeit war es in der Bundesrepublik üblich, Kinder an öffentlichen Orten wie in Schulen oder Internaten zu schlagen. Erst seit 1970 verbannten die Bundesländer den Rohrstock nach und nach aus den Lehrinstituten. Damit war das Schlagen im Privaten aber noch nicht ausdrücklich verboten. Zwar fiel das explizite Recht des Vaters zu "angemessenen" Züchtigungen im Jahr 1957 – allerdings hatte der Gesetzgeber nicht etwa von Körperstrafen generell Abstand genommen, sondern lediglich davon, dass in Zeiten der Gleichberechtigung das Züchtigungsrecht allein dem Mann zukommen sollte.


Ist eine Ohrfeige in Ordnung?

    62 % der Frauen lehnen körperliche Bestrafung ab. Bei den Männern sind es nur 51 Prozent.
    43 % der Befragten halten einen "Klaps auf den Hintern" als Strafe in der Erziehung für angebracht. 2001 waren es noch 76 Prozent.
    13 % der Befragten unter 31 Jahren befürworten "leichte Ohrfeigen" als Erziehungsmethode. Bei den über 60-Jährigen sind es fast doppelt so viele.
    61 % aller Befragten wurden in ihrer Kindheit selbst mit einem "Klaps auf den Hintern" bestraft.


Die Angaben stammen aus einer repräsentativen Studie von Unicef Deutschland, Kinderschutzbund und der Universitätsklinik Ulm. Im Frühjahr 2020 wurden dafür 2500 Personen zwischen 14 und 95 Jahren befragt



... Beschimpfen, herabwürdigen, anschweigen: Erst seit einigen Jahren blickt man auch auf psychische Misshandlungen. Man weiß wenig darüber, in welchem Umfang Kinder diese Gewalt erleben. Experten vermuten allerdings, dass die Zahl der Fälle steigt und es möglicherweise sogar eine Verschiebung von der körperlichen hin zur seelischen Gewalt gegeben hat. Leid, das nicht in blauen Flecken an Kinderkörpern sichtbar wird. Gewalt, die noch leichter versteckt werden kann.

Denn auch die Kinder schweigen. Weil sie Angst haben, die Familie könnte auseinanderbrechen. Weil sie die Eltern lieben und von ihnen abhängig sind. Weil sie ihnen glauben, wenn diese sich wieder und wieder entschuldigen und schwören, es komme niemals mehr vor. Und weil auch die Kinder sich schämen – dafür, dass ihnen Gewalt angetan wird.

... Über das eigene Versagen zu sprechen, statt es zu beschweigen, das ist noch keine Lösung. Aber es ist ein Anfang.


Aus: "Gewalt gegen Kinder: Schlag mich nicht!"  Katrin Hörnlein, Maria Rossbauer und Judith Scholter (25. November 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/2020/49/gewalt-gegen-kinder-corona-krise-erziehung-kindesmisshandlung/komplettansicht

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S.Mali #14

Für alles und jede Aufgabe und Job in Deutschland/ Europa braucht es Leistungs-& Qualifikationsnachweise.
Kinder in die Welt setzen, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, was Fürsorge und Erziehung bedeuten, dürfen alle.

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Nihi Liana #16

... Leider sind wir Menschen dem Alltag manchmal nicht gewachsen. ...


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Bluto Blutarski #18

"Noch immer scheitern viele Eltern an diesem Erziehungsideal"
Würde bei Gewalt in der Ehe hier wohl auch formuliert werden:
"Scheitern viele Paare an diesem Beziehungsideal"?


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  regenmacher999 #27

Ich bin gegen Gewalt in der Erziehung. Trotzdem ist mir bei meinem Sohn auch einmal die Hand ausgerutscht. Hat es ihm geschadet? Ein lebenslanges Trauma hat er nicht bekommen. ... Man sollte hier schon differenzieren zwischen einmalig im Affekt die Hand ausgerutscht, was sicher nicht gut ist, und regelmässigen Schlägen.

Und an alle, die hier die moralische Keule schwingen - wer ohne Schuld ist werfe den ersten Stein.


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  Fiorentoni #27.14

"Hat es ihm geschadet? Ein lebenslanges Trauma hat er nicht bekommen."

Woher sollen wir das wissen?... Um Schuld oder die Moralkeule geht es hier nicht (oder sollte es nicht), sondern darum, dass jedem zumindest bewusst ist, was Gewalt in der Erziehung bewirkt. Mein Onkel war Lehrer und wurde gefeuert, nachdem er einem (extrem frechen) Kind eine Ohrfeige gegeben hat. Er selbst wurde genauso erzogen von seinem Vater... und irgendwann viele Jahre später hat ihm das nun seinen Traumberuf gekostet.


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  Umelaphi wakho #30

"Seit 20 Jahren haben Kinder in Deutschland ein Recht darauf, ohne Gewalt aufzuwachsen. Noch immer scheitern viele Eltern an diesem Erziehungsideal – und schweigen aus Scham über ihr Versagen."

Das hängt mit der Erziehung der Eltern zusammen. Wer nicht gelernt hat seine Emotionen zu kontrollieren und Lösungen für Probleme zu finden, der dürfte an dem Ideal scheitern.
Für diese Menschen ist es einfacher, den Emotionen freien Lauf zu lassen, was sich dann in Gewalt ausdrückt.


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S.Mali #30.1

Die intellektuelle wie emphatische Überforderung vieler Mütter und Väter ist Legion.
Schon weil kaum Eltern darauf vorbereitet wurden oder sind.


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FelixLassmann #46

Gewalt ist in der Welt. Gewalt ist in Europa und Deutschland sichtbar. Wir unterliegen alle struktureller Gewalt.
Schlimm, sehr sehr schlimm ist immer wieder, daß sich diese Gewalt immer wieder an den Kleinsten und Schwächsten "entlädt".
WIR müssen diese Gruppen am umfangreichsten und besten schützen.
Das beginnt im Privaten und reicht bis in wirtschaftliche und staatliche Strukturen. Stichwort: Mobbing.


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Nur Vernunft #55

„Noch immer scheitern viele“

Leichter ist es, seinem Zorne nachzugeben, als diesem zu widerstehen.


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HennerB. #56

Bei der Gelegenheit möchte ich noch einen Tipp loswerden, der ebenso banal wie hilfreich ist. Mich regen manchmal schon Kleinigkeiten auf. Ich sah mal im Freibad einen kleinen Jungen, der mit vier oder fünf schon so verantwortlich war, dass er ein Stück Müll selbst zum Mülleimer trug und dabei seiner Mutter meldete: "Ich schmeiß das Papier in den Müll!" - Die Mutter hatte dafür allerdings weder einen Sinn noch ein Lob übrig. Sie quittierte seine Worte ernsthaft meckernd mit "... Wir sagen aber nicht `schmeißen´, Luca, sondern `werfen´..." Sorry, aber solche Eltern bringen mich auf die Palme.
Loben wir die Kinder doch für das, was sie richtig, gut und aufmerksam tun! Sehen wir es nicht als selbstverständlich und "wenig" an, was sie richtig machen! "Ich finde es toll, dass du ..." - kann Wunder bewirken und Selbstvertrauen und Achtsamkeit bei Kindern bestärken. Es muss natürlich ein ernstgemeintes Lob sein. Messen wir sie nicht mit dem Erwachsenenmaß. Oder dem Druck, möglichst schnell "erwachsen" werden zu müssen. Geben wir ihnen oft und immer das Gefühl, als Mensch wertvoll und "gewollt" zu sein! Durchatmen. Ruhig reden. Die Zuneigung entdecken, die wir für diese Wesen empfinden.


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The Modelist #57

Gewalt ist grundsätzlich keine Lösung. Und die Anwendung von Gewalt hat immer etwas mit mangelndem Respekt vor seinem Gegenüber zu tun. Und mit Respekt ist ein Umgang auf Augenhöhe zu tun.

Das habe ich bei meinem Ältesten verstanden, als ich ihn als 3-jährigen in einer gefährlichen Situation im Straßenverkehr zurechtweisen wollte und mich dazu auf die Knie begab. Da musste ich feststellen, dass er die Situation aus seiner Augenhöhe gar nicht als Gefahr erkennen konnte. Und da habe ich begriffen, dass das „von oben herab“, in dem wir uns als Eltern unseren Kindern gegenüber ab der Geburt befinden, mit einer der Übel ist und in mangelndem Respekt mündet.

Ich habe mich danach immer in wichtigen Situationen auf Augenhöhe mit meinen 3 Kindern begeben, zu einer Gewalteskalation ist es nie gekommen. Weder von der einen noch der anderen Seite. Eines war aber immer sichergestellt: jeder wusste, was jetzt kommt, ist wichtig und wird sich auf Augenhöhe ins Gesicht gesagt.

Und dieser Umgang mit Menschen, respektvoll auf Augenhöhe miteinander umzugehen, hilft mir auch in jeder anderen Lebenssituation. Nicht in jedem Fall, aber in den allermeisten.

Ich kann Eltern nur empfehlen: begegnet Euren Kindern häufiger auf Augenhöhe. Es zahlt sich aus, denn die Kinder werden es Euch später gleichtun, auch wenn sie dann körperlich größer sind. Dann ist es aber nicht mehr erforderlich, dass sie in die Knie gehen, der Respekt ist bis dahin gefestigt und braucht diese Geste nicht mehr.


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mounia #58

Arbeite im Kinderschutz und kann die Zahlen aus dem Artikel bestätigen. Gewalt gegen Kinder ist leider weit verbreitet,nur der Grad und die Facetten unterscheiden sich je nach Familie. Familien aus sog. bildungsfernen Schichten geben die Gewalt häufig zu und sagen,dass sie überfordert sind und nehmen auch Hilfe gut an.
Im Akademikermilieu wird mehr geleugnet und geschauspielert und der Fehler beim Kind gesucht.


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ritarichtig #62

Ich habe sehr viel Unsinn gemacht als Kind und wenn es zu extrem wurde gab es auch mal was aufs Hinterteil. Es wurde sehr viel geredet, aber irgendwann ist meiner Mutter der Kragen geplatzt. Auch heute noch sage ich, es war berechtigt.
Später als ich etwas älter war gab es nix mehr auf den Hintern aber meine Mutter hat tagelang nicht mit mir gesprochen und diese Art der Bestrafung war für mich tausendmal schlimmer als eins hinter die Ohren und Fall erledigt.


Quote
anderfoerde #62.1

Beides schlimm. Das erste physische Gewalt, das zweite psychische Gewalt.

"es war berechtigt": Nein. Gewalt ist nie berechtigt.


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Søren Wasaknust #68

Gewaltfreie kommunikation für alle. ...


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« Reply #48 on: December 02, 2020, 01:08:49 PM »

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[...] In der Fußgängerzone von Trier hat am Nachmittag ein Autofahrer mehrere Menschen getötet, viele weitere wurden schwer verletzt. Am Abend teilte die Polizei auf Twitter mit, dass fünf Menschen gestorben sind. Am Nachmittag war zunächst von zwei Getöteten die Rede gewesen.

Der Fahrer sei festgenommen worden, teilte die Polizei mit. Der Wagen sei sichergestellt. Nach weiteren Auskünften der Polizei und der Staatsanwaltschaft ist der Festgenommene ein 51-jähriger Deutscher aus dem Kreis Trier-Saarburg von deutscher Nationalität, geboren in Trier. Die Polizei konnte ihn binnen vier Minuten nach dem Eingehen des Notrufs festnehmen, wie Innenminister Roger Lewentz am Abend auf einer Pressekonferenz sagte. Bei seiner Festnahme habe sich der Mann gewehrt. Er werde vernommen und mache auch Angaben, hieß es. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, dass der Mann bei seiner Fahrt alkoholisiert war.

Der Täter war den Angaben der Polizei zufolge über die Konstantinstraße in die Fußgängerzone Richtung Brotstraße gefahren, dann über Hauptmarkt und die Simeonstraße nach Porta Nigra, um dann Richtung Hauptbahnhof abzubiegen. Dort fand die Polizei den silber-metallic-farbenen Landrover am Straßenrand stehend mit dem Fahrer darin, den sie festnahm. Das Fahrzeug hat ein Kennzeichen aus dem Landkreis Trier-Saarburg und war laut Polizei auf einen Halter zugelassen, der es dem Täter geborgt hatte und der keinen Bezug zu der Tat hat. Insgesamt waren den Angaben nach in Trier etwa 300 Beamte im Einsatz, teils auch in Zivilfahrzeugen.

Der Mann sei gezielt Zickzacklinien gefahren, um Menschen Leid zuzufügen, sagte Lewentz. Es gebe neben den Toten vier Schwerverletzte, fünf erheblich Verletzte, sechs Leichtverletzte, zudem zwei Dutzend traumatisierte Menschen. Auch Lewentz äußerte sich stark betroffen: Das sei "nach der schrecklichen Ramstein-Katastrophe das zweite Mal, dass Menschen in dem Maße mitfühlen nach einem solchen Gewaltereignis", sagte er.

Unter den Getöteten sind nach Angaben der Polizei ein neun Monate altes Baby, eine 25-Jahre alte Frau aus Trier, ein 45-Jahre alter Mann aus Trier und eine 73-jährige Frau. Über das fünfte Opfer ist noch nichts bekannt. Bürgermeister Wolfram Leibe äußerte sich bestürzt: "Was haben diese Menschen getan?", fragte er. "Das ist der schwärzeste Tag für diese Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg."

Die Verletzten waren am Nachmittag in umliegende Krankenhäuser gebracht worden, ein Hubschrauber des ADAC hatte beim Transport geholfen. Ein großer Teil der Innenstadt war abgesperrt. Bilder zeigten am Nachmittag zerstörte Auslagen vor Geschäften in der Fußgängerzone, ein zerstörtes Fahrrad, einen zerstörten Bollerwagen.

Die Hintergründe der Tat sind bisher ungeklärt, die Ermittler schließen bisher einen terroristischen Hintergrund aus und vermuten eine psychische Störung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt den Angaben nach wegen des Verdachts der Körperverletzung und wegen heimtückischen Mords. Der Täter soll am Mittwoch dem Haftrichter vorgeführt werden und baldmöglichst auch psychologisch begutachtet werden.

Die Polizei Rheinpfalz warnte davor, Spekulationen zu verbreiten. Stadt und Polizei mahnten, keine Videos aus der betroffenen Zone zu verbreiten. Die Polizei bittet um Hinweise, sie richtete ein Onlineportal dafür ein. Dort kann man auch Fotos und Videos hochladen.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) äußerte sich entsetzt über den tödlichen Vorfall und die Zahl der Opfer. Der Ministerpräsident des benachbarten Saarlands, Tobias Hans (CDU), reagierte bestürzt auf den Vorfall. "Eine solche Tat geht uns allen mitten ins Herz, denn solch sinnlose Gewalt kann jeden treffen", sagte der CDU-Politiker. Auch die Bundeskanzlerin sprach den Betroffenen ihr Beileid aus. "Was in Trier geschehen ist, ist erschütternd", teilte ihr Sprecher mit. "Die Gedanken sind bei den Angehörigen der Todesopfer, bei den zahlreichen Verletzten und bei allen, die in diesem Moment im Einsatz sind, um die Betroffenen zu versorgen." Der Trierer Bischof Stephan Ackermann lud für den Abend zum gemeinsamen Gebet in den Dom der Stadt ein.

Der Vorfall ist nicht der erste dieser Art in Deutschland: Im Februar hatte im nordhessischen Volkmarsen ein 29 Jahre alter Deutscher sein Auto absichtlich in die Menge gesteuert. Dutzende Menschen wurden verletzt. 2019 hatte ein 50-Jähriger in Bottrop in der Neujahrsnacht gezielt Menschen angefahren. Er wurde in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. In Münster war 2018 ein Mann mit seinem Campingbus in eine Gruppe gerast, es gab fünf Tote. Der Täter erschoss sich, die Ermittler gehen von einer psychischen Erkrankung aus.


Aus: "Trier: Autofahrer tötet fünf Menschen in Trierer Fußgängerzone" (1. Dezember 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-12/auto-faehrt-durch-fussgaengerzone-in-trier-tote-und-verletzte

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Verantwortungsethiker #47

Was für ein grauenvoller, sinnloser Irrsinn! Verrückt!


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Biagobaer #48

Das ist wahnsinnig traurig.


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Am Anfang war Vernunft #76

... Was ist mit uns los? Immer mehr Menschen, die sich nicht scheuen, Ihre Gesinnung und ihre Fantasien in die Tat umzusetzen.
Gewaltvideos, Gewaltfilme, Videos von Straftaten ... und lauter machtlose, vergessene Menschen, die ihre Probleme für die wichtigsten der Welt ansehen.

Solche Menschen, die sich als Opfer einer völlig aus den Fugen geratenden Gesellschaft sehen, "rächen" sich und erhalten dadurch Zuwendung ... Negativzuwendung ... aber sie werden für eine kurze Zeit "berühmt" ... sind wichtig, um dann zu sterben oder hinter den Mauern einer Anstalt zu verschwinden.

Die wirklichen Opfer ....... sind wahllos ....."ausgewählt" worden.
Zum falschen Zeitpunkt an der falschen Stelle.

...



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Pflichtfeld-2 #21

Da ist einer durchgedreht. ... Die Folgen sind irre für die, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren.


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AntiEstablishment #14

Ich finde es persönlich immer sehr schwer zu verarbeiten, wenn Menschen sinnlos sterben. ...


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hermelone #17

“Sein Motiv ist unklar”

Sollte m.E. heissen “sein Motiv interessiert keine lauwarme Socke”.


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Treverer #17.1

das motiv ist sowohl für die gesellschaftliche als auch juristische einordnung ziemlich wichtig. ...


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Fra Mauro #22

Zitat Spiegel:

»Das Auto ist von uns in der Christophstraße angehalten worden, im Auto saß ein 51-jähriger Deutscher aus dem Landkreis Trier-Saarburg, der Mann ist festgenommen worden«

Alte weiße Männer in SUV's.


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DennisSa #30

Natürlich ganz ganz wichtig, dass man schreibt es handle sich um einen SUV. Danke für diese Stimmungsmache liebe ZEIT-Redaktion.


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WilliW #30.1

Aber es war nun mal ein SUV. Warum sollte man das dann nicht erwähnen.


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Konopka78 #44

Welchen Nachrichtenwert hat es eigentlich, dass der mutmaßliche Täter ein SUV bewegte?


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Drehstuhl #25

Solche Taten, egal welche Vorgeschichte es hierzu gab, lassen in mir Gefühle hochkommen, die ausgeschrieben niemals durch die Zensur kämen.
Was für ein mieses A........


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Super_Kluk #44.2

Man kann sich vorstellen, dass ein SUV einen schwereres Fahrzeug ist, als ein Polo. Das ist eine relevante Information zur Tat.


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JeffCat #44.3

Mehr Echauffierungspotential.


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M Schæfer #44.5

Tatmittel sind relevante Informationen. Die Gesamtheit der Informationen ergibt die Nachricht. Man könnte auch auf Alter, Geschlecht, Tatort und Opferzahl verzichten; dann lautet die Meldung aber "Mensch tötet Menschen" und ist wertlos.


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Gegenreden #49

Drehen Fundamentalisten durch, ist es Terror. Drehen "normale Menschen" durch, ist es ein Amoklauf. Für die Opfer und die Hinterbliebenen spielt das keine Rolle. Amoklauf, in diesem Fall die Amokfahrt, ist ein anderer Begriff für den gleichen Schrecken, den auch Terror hinterlässt ...


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hansi55 #57

Mir tun die armen Angehörigen der Toten und die Verletzten leid. So ein plötzlicher Horror ist wie ein Fallbeil des Schicksals. Wie soll man das verstehen? ...


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Dummkopfx10 #58

Ich habe Angst vor psychisch kranken Menschen, die über keine Emotionskontrolle mehr verfügen. Vor allem, wenn sie über schwere Waffen verfügen.


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Sommerrolle #58.1

Sind Ihnen "psychisch gesunde" Menschen lieber, die eine Tat kaltblütig planen?
Mal davon ab, dass wir zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht im Geringsten wissen, wie es um das Seelenleben des Täters bestellt ist.


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Ammelbach #60

Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.
Oscar Wilde


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Durch Schaden wird man klüger_Aber niemals klug #73

4 Tote, darunter ein Kleinkind.
Was treibt einen Menschen zu so einem Irrsinn? ...


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Südseefan #73.1

Wahn und Hass auf andere Menschen aufgrund eines abgrundtief kranken Charakters.


...

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[...]  Noch ist nicht viel über den mutmaßlichen Täter Bernd W. bekannt. Doch die Polizei legt sich zumindest bereits darauf fest, dass er nicht aus einem politischen Motiv heraus handelte. Vielmehr vermutet sie eine "psychiatrische Ausnahmesituation", die zu dem Amoklauf führte.

W. lebte demnach in den letzten Tagen in dem SUV, mit dem er auch die Tat verübte und der ihm von einem Bekannten überlassen worden war. Als er bereits vier Minuten nach dem Eingang des ersten Notrufs von Einsatzkräften der Polizei gestoppt und festgenommen wurde, leistete er erheblichen Widerstand.

"Der Tatverdächtige ist in der Vergangenheit noch nicht polizeilich in Erscheinung getreten", teilte die Polizei am Dienstagabend mit. Der deutsche Staatsbürger stammt aus dem Kreis Trier-Saarburg. Nach dem Tod seiner Eltern verkaufte er dem "Focus" zufolge sein Elternhaus und lebte überwiegend von dem dabei erlösten Geld, das jedoch nach etwa einem Jahr aufgebraucht gewesen sei. Immer wieder wechselte er den Wohnsitz, arbeitete gelegentlich als Elektriker. Zuletzt war er offenbar arbeitslos. Der Kontakt zu seiner Familie riss offenbar ab.

Bekannte berichten, W. sei als Kind von seinem Vater heftig geschlagen worden. Das sei "nicht spurlos an ihm vorübergegangen". "Ich habe ihn aber oft schreien gehört, wenn es Streit im Elternhaus gab. Er war aufbrausend, manchmal auch aggressiv", erzählt demnach eine Nachbarin, die ihn aufwachsen sah. Von einem "sonderbaren Einzeltypen" ist die Rede, einem Mann mit einer "labilen Persönlichkeit" und massiven Alkoholproblemen. Nach der Tat teilt Oberstaatsanwalt Peter Fritzen mit, W. sei betrunken gewesen, der Atemalkoholwert habe bei 1,4 Promille gelegen. Fritzen sagte auch, es gebe Anhaltspunkte für ein psychiatrisches Krankheitsbild. Kurz vor der Amokfahrt soll W. auf Facebook gepostet haben: "Auf meinem Grabstein sollte stehen: Spart euch die Tränen, wo wart ihr, als ich noch lebte?"

Aus Ermittlerkreisen heißt es, W. habe sich geäußert. Was er zu seiner Tat gesagt hat, ist bisher nicht bekannt. Der Innenminister von Rheinland-Pfalz, Roger Lewentz, hatte am Dienstagabend auf einer Pressekonferenz berichtet, dass W. die Zickzacklinien gezielt gewählt hatte, "um Menschen zu suchen und ihnen weh zu tun". Zeugen zufolge raste er durch die Innenstadt und hielt dabei immer wieder direkt auf Menschen zu. Am Vormittag soll W. dem Haftrichter vorgeführt werden. Dann wird entschieden, ob er zunächst in Untersuchungshaft kommt oder in eine psychiatrische Einrichtung verlegt wird.

Quelle: ntv.de, sba


Aus: "Amokfahrer von Trier Bernd W. - Einzelgänger mit Alkoholproblem" (Mittwoch, 02. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Bernd-W-Einzelgaenger-mit-Alkoholproblem-article22208525.html

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« Reply #49 on: April 14, 2021, 06:54:17 PM »

Quote
Hesso Sonnenblume @GulberojkHeval

CN Gewalt

Diese Pazifisten Gesabbel regt mich so unnormal auf. Mein Vater hat erst aufgehört meine Mutter zusammenzuschlagen, als ich ihn den Fuß gebrochen habe, um sie zu schützen. Es ist seit 15 Jahren in der Hinsicht absolute Ruhe.
2:15 nachm. · 11. Apr. 2021


https://twitter.com/GulberojkHeval/status/1381219412347387906

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Roter Kreis Roter Kreis Roter Kreis hallöchen auf abstand @hompfglompf
·
11. Apr. Antwort an @GulberojkHeval
cn gewalt (gegen kinder)

das hat mich auch immer ultra angekotzt. wenn man betroffenen sagt "du musst besser sein als der täter", sagt man, sie sollen das leid ertragen.
mein vater hat erst aufgehört mich zu verprügeln, als ich anfing mich massiv zu wehren. nicht etwa, als ich mit 12 deswegen die polizei rief.
die polizisten, zwei ältere männer, haben mich btw nicht ernstgenommen und so getan, als würde ich meinem vater "eins auswischen" wollen und haben nett mit ihm geplaudert.


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Marty Crabneck @Marty_Crabneck
·
12. Apr. Antwort an @GulberojkHeval

Aber ich darf es doch traurig finden, wenn kein besseres Mittel als Gegengewalt hilft?


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netzprolet Violetter Kreis Grüner Kreis Orangefarbener Kreis Roter Kreis für eine bunte Allianz @netzprolet
·
12. Apr.

Nein. Es hilft immer nur Gewalt, die einzige Frage ist, wie viel und wer ist dazu berechtigt.
Notwehr. Auge um Auge. Nur wenn Du mit dem Täter auf Augenhöhe bist, kannst Du verhandeln.


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PoliRealm #MMT @polirealm
·
12. Apr. Antwort an  @GulberojkHeval

Ich frage mich, warum so viele Linke von allen möglichen Pazifismus-Definitionen die realitätsfernste und für reaktionäre Propaganda am leichtesten nutzbare verwenden.
Pazifismus hat mit der Ablehnung von Notwehr/Nothilfe nicht das Geringste zu tun.

Ein Blick auf die verschiedenen Ansätze und Strömungen zeigt: Kaum eine propagiert die absolute Ablehnung von Gewalt.
Wem nützt es, wenn Pazifist:innen als irrationale Spinner dargestellt werden?

Pazifismus Historische Strömungen
Unter Pazifismus (von lat. pax, „Frieden“, und facere, „machen, tun, handeln“) versteht man im weitesten Sinne eine ethische Grundhaltung, die den Krieg prinzipiell ablehnt und danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften Frieden zu schaffen. Eine strenge Position lehnt jede Form der Gewaltanwendung kategorisch ab und tritt für Gewaltlosigkeit ein. Die gegensätzliche Haltung zum Krieg wird unter dem Antonym Bellizismus dargestellt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Pazifismus#Historische_Str%C3%B6mungen


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Alki @UnterBruecke
·
12. Apr. Antwort an
@GulberojkHeval

... Erst als ich meinem Bully verprügelt hab, war Ruhe....und ich habs friedlich mit reden und Argumenten probiert ...


...
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« Reply #50 on: December 19, 2021, 08:59:35 PM »

Quote
[...] Zuerst soll L. am 29. April seiner langjährigen Partnerin, die sich erst eine Woche vorher von ihm wieder einmal getrennt hatte, mit einer Pistole in den Oberschenkel geschossen haben, ehe er wenig später auf ihren Kopf zielte und noch einmal abdrückte. Dem Mann sei an jenem Abend Ende April bewusst gewesen, was er tat, "und wollte das auch", heißt es unmissverständlich in der Anklage der Staatsanwaltschaft. Marija M. wurde zwar noch ins Krankenhaus gebracht, sie erlag aber ihren Schussverletzungen.

Ab Montag muss sich der 43-Jährige deshalb im Großen Schwurgerichtssaal des Straflandesgerichts in Wien verantworten. Ein Urteil wird am Mittwoch erwartet.

Der ehemalige Besitzer eines Craft-Beer-Shops wurde durch einen Prozess gegen die grüne Politikerin Sigrid Maurer allgemein als "Bierwirt" bekannt. Nun könnte er in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher kommen. Ein Gutachten attestiert ihm eine "schwere seelische Abartigkeit" – L. wird darin als Gefahr für die Allgemeinheit gesehen.

""Bierwirt" war laut Gutachten zurechnungsfähig"
Der 43-jährige Albert L. soll Ende April seine langjährige Freundin erschossen haben. Ein Gutachten schließt nun eine psychische Beeinträchtigung zum Tatzeitpunkt aus
Lara Hagen, Jan Michael Marchart, Gabriele Scherndl (18. Oktober 2021)
https://www.derstandard.at/story/2000130533834/bierwirt-soll-laut-gutachten-zurechnungsfaehig-gewesen-sein

Der mutmaßliche Mord trug sich in der Wohnung des Opfers im Winarskyhof im 20. Bezirk zu. Als die Polizei L. im Hof des Gemeindebaus abtransportierte, lag er ohne T-Shirt und regungslos am Boden. Zuvor trank der Bierwirt auf einer Parkbank sitzend noch reichlich Vodka und Bacardi. Im Krankenhaus wurden schließlich 3,4 Promille Alkohol, der Aufputscher Ephedrin, das Beruhigungsmittel Benzodiazepin und Marihuana in seinem Blut festgestellt. Anwalt Manfred Arbacher-Stöger und L. bauen ihre Verteidigung darauf auf, dass der Bierwirt zum Tatzeitpunkt voller Berauschung gewesen sei und sich an nichts erinnern könne.

Gegen eine "über mehrere Stunden dauernde Amnesie" spricht allerdings das Gutachten, das die Staatsanwaltschaft in Auftrag gab. Aus Dokumenten und Zeugenaussagen "geht klar hervor, dass der Beschuldigte den Weg zum Tatort fand, die Waffe bei sich trug und die gezielten Schüsse abgab".

Eine volle Berauschung konnte nicht nachgewiesen werden. Unter anderem gab der Bierwirt bei einer Befragung an, seit ein paar Jahren pro Tag 10 bis 20 Bier, aber auch drei bis vier Flaschen Vodka getrunken zu haben. Aufgrund des "Gewöhnungseffekts" sei daher hinsichtlich Alkohol nur von einer "mittelschweren Berauschung" auszugehen, heißt es in dem Gutachten. Gesamt sei das "Steuerungsvermögen" des Bierwirts "möglicherweise vermindert, jedoch nicht aufgehoben" gewesen.

Auch ein Freund, der am Tag der Tat mit L. unterwegs war, sagte gegenüber der Polizei: "Er war wie immer. Ein bisschen betrunken wirkte er." Gewankt oder getorkelt sei L. nicht. "Wenn ich so an die letzte Zeit denke, würde ich sagen, dass dies sein Normalzustand war."

Der Bierwirt war schon vor dem mutmaßlichen Mord an seiner Lebensgefährtin mehr als nur amtsbekannt, sein Strafregisterauszug ist prallgefüllt. Die Aufzeichnungen reichen bis 1996 zurück. Damals wurde L. wegen Urkundenunterdrückung schuldig gesprochen. Danach folgen zehn weitere Einträge, mehrfach wegen Körperverletzung, Nötigung und gefährlicher Drohung. Hinzu kommen Delikte wegen Hehlerei, Diebstahl, Fälschung unbarer Zahlungsmittel und wegen unbefugten Waffenbesitzes. Im vergangenen Jahr fasste L. eine bedingte sechswöchigen Freiheitsstrafe aus. Der Bierwirt ging unrechtmäßig mit geschäftlichen Personendaten um. Es ist der letzte Eintrag vor der mutmaßlichen Tat im April.

Nach dem Tod seiner Ex-Freundin stellte die Polizei an der Wohnadresse des Bierwirts unter anderem Munition und beachtliche 7,5 Kilogramm Marihuana sicher. Das Gras sei sein eigenes, gab L. an. Daraus habe er Öl machen wollen, "damit er schlafen könne". L. konsumierte seit Jahren Drogen. Nach eigenen Angaben begann er im Alter von 14 Jahren mit Speed, später probierte er Heroin und Ecstasy aus, und konsumierte vermehrt Kokain. Letzteres verbindet der Bierwirt von sich aus mit dem Rotlichtmilieu, das früher "mehr oder weniger" seines gewesen sei, wie er im Zuge seiner Untersuchung erzählte.

Für die breite Öffentlichkeit erlangte L. erst durch den Prozess gegen die grüne Klubobfrau Sigrid Maurer eine zweifelhafte Bekanntheit. L. klagte Maurer auf üble Nachrede. Der Grund: Die Politikerin erhielt im Mai 2018 vulgäre Nachrichten vom Facebook-Account des Ex-Besitzers eines Wiener Craft-Beer-Shops. Maurer machte jene Zeilen samt seiner Identität öffentlich und nannte ihn "Arschloch". Der Bierwirt bestritt stets, die Nachrichten geschrieben zu haben, auch Gäste hätten seinen Computer im Lokal benutzt – das konnte er allerdings nie nachvollziehbar machen. Der Prozess zog sich über zweieinhalb Jahre, bis L. die Klage überraschend zurücknahm. Es kam zu einem Freispruch für Maurer. Auch die Unterlassungsklage wegen des "Arschloch"-Sagers verlor der Bierwirt.

L. zog einen Zettel aus der Hosentasche, den er schon einige Wochen zuvor in der Geschäftspost gefunden haben wollte. Ein gewisser "Willi", ein Kunde und Freund, dessen Nachnamen er weder nennen noch buchstabieren konnte, bekannte sich darin zu den Nachrichten an Maurer. Der Prozess wurde vertagt, "Willi" musste ausgeforscht werden. Als der Richter mit Fragen nachhakte, echauffierte sich L. aber derart, dass er vehement zur Ruhe aufgerufen werden musste. Doch dabei sollte es nicht bleiben.

Innerhalb kürzester Zeit machte L. deutlich, wozu er imstande ist. Nur wenige Tage nach dem Prozesstermin erhielt der Richter einen Brief, unterzeichnet mit dem Namen des Bierwirts, in dem Maurer als "gefickt (hochdeutsch: schuldig)" bezeichnet wurde. Der Brief ist an jenem Tag datiert, an dem sich L. zu späterer Stunde telefonisch auch an einen Redakteur des STANDARD wandte. Die Nummer erhielt er nach einer Recherche zur Causa von seinem damaligen Anwalt. Es folgte die wenig vertrauensweckende und daher ausgeschlagene Einladung in sein Lokal samt festgelegter Deadline, um möglicherweise an "Willi" heranzukommen. Nur eine Woche später wurde der Bierwirt vor seinem Geschäft vorübergehend verhaftet. Mit 1,44 Promille im Blut nötigte und bedrohte er einen Passanten. Es wurde auch eine verbotene Waffe sichergestellt: eine Taschenlampe mit integriertem Elektroschocker.

Erst heuer im Februar erschien "Willi", den viele für eine Erfindung des Bierwirts hielten, tatsächlich beim Prozess. Doch auch er wollte nichts mit den obszönen Nachrichten an Maurer zu tun haben. "Ich hab' gar kein Facebook", sagte er lapidar. L. hatte zuvor die Klage gegen Maurer zurückgezogen und tauchte gar nicht mehr auf. Er verschwand damit aus der Öffentlichkeit. Nur etwas mehr als zwei Monate später saß der Bierwirt volltrunken auf einer Parkbank im Hof eines Gemeindebaus. Eine Pistole, die er trotz aufrechten Waffenverbots besaß, wurde direkt neben ihm auf dem Boden durch die Exekutive sichergestellt. L. steht seither im dringenden Verdacht, seine langjährige Lebensgefährtin Marija M. erschossen zu haben.

Von einem Freund wird L. gegenüber der Polizei als "ehrlicher Kerl beschrieben, der sich nichts gefallen ließ". Das habe ihm "hin und wieder" Probleme eingebracht.

Die Probleme, die er hat und hatte, erklärt L. selbst und auch sein familiäres Umfeld mit seiner Kindheit bzw. Jugend. L. hat drei Geschwister: Eine Schwester, die gleichzeitig die beste Freundin der getöteten Marija M. war und eine Wohnung im selben Gemeindebau hat, und zwei Brüder. L. und einer der Brüder wuchsen hauptsächlich in Heimen auf, L. zufolge ab seinem neunten Lebensjahr. Die anderen beiden Kinder blieben bei der Mutter. Der Schwester zufolge habe es regelmäßig Gewalt in der Familie gegeben, der Vater, der vor einigen Jahren verstarb, sei Alkoholiker gewesen. "Mein Bruder war und ist aufgrund seiner Kindheit und des sozialen Umfeldes ein sehr schwieriger Mensch", sagte sie der Polizei. Ihrer Freundin Marija M. gegenüber habe sie immer wieder ihre Bedenken wegen der Beziehung mit ihrem Bruder geäußert.

Auch M.s Eltern berichteten der Polizei, dass ihre Tochter "immer" Angst vor L. gehabt habe und oft in ihre Wohnung "geflüchtet" sei. Die Beziehung sei nie wirklich gut gelaufen, L. sei immer wieder tage- oder wochenlang weg gewesen. Auch die Zeugenaussage der 13-jährigen Tochter der beiden, die während der Tat wie auch ihr dreijähriger Bruder in der Wohnung war, offenbart die Abgründe der langjährigen On-Off-Beziehung. L. habe die Mutter geschlagen, immer wieder habe er ihr auch gedroht, mitunter sogar mit einer Waffe in der Hand. Direkt mitbekommen habe sie das aber nie.

Eine Woche vor M.s gewaltsamen Tod eskalierte die Situation mit L. bereits. Er kam in die Wohnung im Winarskyhof – er selbst hat eine eigene Wohnung, die nur wenige Meter entfernt vom Gemeindebau ist – und traf dort auf seine Tochter und die Eltern von Marija M. Es kam zu einem Streit, L. wurde laut, drohte der Mutter und schoss schließlich in die Richtung des Vaters. Die Kugel schrammte an dessen Kopf vorbei und landete im Türstock. So wird er es der Polizei erzählen – allerdings erst nachdem seine Tochter erschossen wurde. M. trennte sich nach dieser Episode von L. Die Polizei wurde nicht eingeschaltet. Die Familie befürchtete, dass L. deswegen nicht oder nur kurz ins Gefängnis muss und die Situation danach eskaliert. Tragischerweise tat sie das auch ohne der Anzeige. L. droht nun eine lebenslange Haftstrafe und die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. (Lara Hagen, Jan Michael Marchart, 19.12.2021)

Jede fünfte Frau in Österreich ist ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt, ergab eine Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte. Monatlich werden in Österreich im Schnitt drei Frauen ermordet, zählt der Verein Autonome Frauenhäuser (AÖF). Die Täter stehen häufig in einem Beziehungs- oder Familienverhältnis zum Opfer und haben nicht gelernt, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Gewalt von Männern gegen Frauen gibt es in allen sozialen Schichten, Nationen, Familienverhältnissen und Berufsgruppen. Morde an Frauen werden auch als Femizide bezeichnet. Der Begriff soll ausdrücken, dass hinter diesen Morden oft keine individuellen, sondern gesamtgesellschaftliche Probleme wie etwa die Abwertung von Frauen und patriarchale Rollenbilder stehen.



Aus: "Mordprozess gegen "Bierwirt" startet: Wer ist L.?" Lara Hagen, Jan Michael Marchart (19. Dezember 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000131984341/mordprozess-gegen-bierwirt-startet-wer-ist-l

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Kommentare zu: https://www.derstandard.at/story/2000130533834/bierwirt-soll-laut-gutachten-zurechnungsfaehig-gewesen-sein

Quote
Gute_Miene, 19. Oktober 2021, 06:34:10

Solche Typen haben Waffen.


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Susanne_B, 19. Oktober 2021, 09:44:23

Nur, damit es nicht untergeht: die FPÖ ist für eine Schließung der Frauenhäuser eingetreten, da diese „Familien zerstören“ würden.


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wolkenberg1010, 18. Oktober 2021, 18:51:07

Kann mich noch gut erinnern wie auf der Mann hier [im derstandard.at Forum] von einigen verteidigt wurde und die Schuld der Maurer gegeben wurde. ...


Quote
Wolf X, 18. Oktober 2021, 23:55:30

Die ganzen Blauen, die ihn in der Auseinandersetzung mit Sigi Maurer noch als Helden gefeiert haben, haben das sinkende Schiff plötzlich verlassen.


Quote
He-Man II.,19. Oktober 2021, 00:46:42

Wen wunderts? Oder haben Sie schon vorher gewusst, dass der Mensch ein abartiger Mörder ist?


Quote
Zirkusdirektor, 18. Oktober 2021, 23:02:15

Im Maurer-vs.-Bierwirt-Ticker schien das noch streckenweise lustig, was dieser Typ da von sich gab, mir schien er damals eher ein chauvinistischer Tunichtgut zu sein, der im illuminierten Zustand bissl deppert wird und weiters eher geistig simplen Zuschnitts zu sein.
Wenn man dann Monate später liest, was dieser Herr (mutmaßlich) verbrochen haben soll und wie der offenbar zerebral beinand ist - uff! Also da vergeht mir aber massiv das Lachen von damals, und auch das eine oder andere von mir damals abgesonderte Ticker-Posting steckt mir jetzt ziemlich beklemmend im Hals...
Doch ned immer alles so lustig, wie es scheint.


Quote
profeline

19. Oktober 2021, 19:35:35

Das war schon damals nicht lustig.


Quote
Walter Kaiser, 18. Oktober 2021, 22:43:52

Der Bierwirt zeigt offenbar auch bis heute keine Einsicht, .... Im Gegenteil, sehe er sich "als Opfer"
Das gleiche Verhalten wie bei der Maurer-Sache.


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rettet die caretta, 18. Oktober 2021, 19:16:33

Wahnsinn, was es für Typen gibt. Die armen Kinder.


Quote
hauptsoch, 18. Oktober 2021, 20:02:45

Es fällt schwer zu lesen, was die Leute mit dem mitgemacht haben, die Tage vor der Tat und die Tat selbst müssen für die Angehörigen grauenhaft gewesen sein. Diese dauernde Angst. Echt schlimm. Und wir haben uns noch lustig gemacht über diesen Typen und seinen Willi.


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INTJ, 18. Oktober 2021, 21:26:14

Ich hoffe, dass die 13-jährige Tochter die allerbeste psychologische Betreuung bekommt. Das muss ja schrecklich sein für sie mit dem inneren Konflikt, den Mörder hereingelassen zu haben, obwohl sie selbst nur aus Angst aufgemacht hat. Dabei trifft sie überhaupt keine Schuld.

----

Fr. Maurer hat wohl mehr Glück gehabt, als sie ahnen konnte. Aber nein, der arme, arme Bierwirt, wie er ja auch hier oft noch verteidigt wurde.
Sollte vielleicht manchen Usern hier einmal zu denken geben. Einer, der sich /so/ Frauen gegenüber verhält, ist kein armes Opfer, und der will auch nicht nur “spielen“.


Quote
christoph123, 18. Oktober 2021, 21:02:05

... Auf facebook schreiben, was sie ihr gern alles sexuell antun würden und dann wenn sie sich dafür rechtfertigen müssen wars ein anderer der zufällig zugriff auf den computer hatte und nie auftaucht. So feige, komplexbehaftete würschtln halt, die angst haben, dass ihr verhalten jetzt auch konsequenzen (ächtung, strafrechtliche verfolgung) nach sich zieht.


Quote
neoliberal1

18. Oktober 2021, 19:58:05

Das halte ich für übertrieben - die Tat war eine Beziehungstat.


Quote
Where's Waldo, 18. Oktober 2021, 20:32:27

Petra Stiber hat das vor einem halben Jahr in einem Kommentar ganz gut auf den Punkt gebracht:

"Wenn der Zusammenhang zwischen digitaler und analoger Welt nicht gesehen wird, wenn Drohungen, Verunglimpfungen und physische Gewalttaten immer noch getrennt betrachtet und geahndet werden – und wenn weiter von "Eifersuchtsdramen" und "Beziehungstaten" statt von Gewalttaten und Morden die Rede ist, dann bleibt die Welt für Frauen hoch gefährlich."
https://www.derstandard.at/story/2000126300445/frauen-brauchen-dringend-schutz


Quote
Community-Linienrichter, 18. Oktober 2021, 18:24:03

Die Diskussion um diesen Typen war ja verständlichweise politisch sehr aufgeladen, aber dass es, nachdem was mittlerweile alles bekannt ist, nicht geschafft wurde ihn vorzeitig aus dem Verkehr zu ziehen, ist wirklich bitter.


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« Reply #51 on: December 28, 2021, 03:38:33 PM »

Quote
[...] Im Fall der dreifachen Tötung in einem Einfamilienhaus in Glinde bei Hamburg hat eine Obduktion den Vater als Täter identifiziert. Seine beiden 11 und 13 Jahre alten Söhne kamen demnach durch jeweils einen Schuss ums Leben, wie ein Sprecher der Lübecker Staatsanwaltschaft sagte. Die rechtsmedizinischen Untersuchungen hätten zudem ergeben, dass der Vater "sich offensichtlich seine tödlichen Verletzungen selbst beigebracht hat".

Die Auswertung des Notrufs habe ebenfalls ergeben, dass der 44-Jährige derjenige war, "der für die Schüsse verantwortlich war". Den Angaben zufolge setzte die Ehefrau den Notruf ab.

... Das Haus steht in einer Straße mit vielen Einfamilienhäusern und wirkt mit seiner weißen Fassade frisch saniert. Auch das Dach scheint erst kürzlich neu gedeckt worden zu sein. "Es ist keine typische Brennpunktsiedlung", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Abgesehen von der Lichterkette gibt es auf den ersten Blick kaum Spuren darauf, dass eine Familie in dem Haus gelebt hat. Keine Kinderbilder an den Fenstern, keine Spielgeräte sind in dem kleinen Vorgarten. Nur ein Gartenzwerg mit einem Bierkrug in der Hand steht vor dem Haus am Holzzaun.

... Die 18.000-Einwohner-Stadt Glinde im schleswig-holsteinischen Kreis Stormarn ist nicht das erste Mal der Schauplatz eines fürchterlichen Geschehens innerhalb einer Familie. Im Januar 2014 hatte ein Mann in religiösem Wahn seinem sechsjährigen Sohn und seiner vierjährigen Tochter im Schlaf die Kehlen durchgeschnitten. Der aus Afghanistan stammende Mann kam in die geschlossene Psychiatrie. Der Zahnarzt galt als nicht schuldfähig und konnte deshalb nicht wegen des zweifachen Mordes zur Verantwortung gezogen werden.

...


Aus: "Drei Tote in Glinde - Obduktion: Vater schoss auf Kinder und Frau" (Dienstag, 28. Dezember 2021)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Obduktion-Vater-schoss-auf-Kinder-und-Frau-article23025518.html

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Quote
[...] Im Fall der dreifachen Tötung in einem Einfamilienhaus in Glinde bei Hamburg hat eine Obduktion den Vater als Täter identifiziert. Seine beiden 11 und 13 Jahre alten Söhne kamen demnach durch jeweils einen Schuss ums Leben, wie ein Sprecher der Lübecker Staatsanwaltschaft am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Die rechtsmedizinischen Untersuchungen hätten zudem ergeben, dass der Vater „sich offensichtlich seine tödlichen Verletzungen selbst beigebracht hat“.

Die Auswertung des Notrufs habe ebenfalls ergeben, dass der 44-Jährige derjenige war, „der für die Schüsse verantwortlich war“. Den Angaben zufolge setzte die Ehefrau den Notruf ab. Sie lag am Dienstag mit mehreren Schussverletzungen noch immer im künstlichen Koma.

Am späten Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages wurden nach Schüssen in dem Wohnhaus im schleswig-holsteinischen Glinde (Kreis Stormarn) die Leichen der zwei Kinder gefunden. Der Vater der Kinder starb trotz Wiederbelebungsversuchen noch im Haus. Die Mutter wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus gefahren.

Wie die „Bild“-Zeitung berichtet, hatten die Kinder schon einmal im Jahr 2020 nach einem heftigen Streit der Eltern die Polizei verständigt. Auch das Jugendamt war über den Streit in der Familie informiert. Danach fand ein Gespräch mit den Eltern statt. Das Amt fand nach eigener Aussage keine Hinweis auf Kindesgefährdung.

Hinweise auf ein Motiv haben sich laut Polizei durch den Notruf nicht ergeben. Der Tatort sei für weitere Ermittlungen in dieser Sache von der Spurensicherung zunächst noch nicht freigegeben.

Nach bereits 15-stündiger Arbeit am Montag setzten die Techniker der Kriminalpolizei am Dienstag ihre Arbeit fort. Sie suchen in dem Haus nach weiteren Spuren und sichern sie. Dazu gehören beispielsweise die Projektile, Einschusslöcher und Blutspritzer.

Bereits am Montag und auch am Dienstag hatten mehrere Menschen Blumen, Kerzen und Briefe am Gartenzaun vor dem Wohnhaus der Familie abgestellt. Dort saßen auch zwei weiße Kuscheltier-Bären mit Weihnachtsmann-Mützen. In einem Brief dazu hatte ein Kind „Wir werden euch vermissen! Ruhet in Frieden!“ geschrieben und einen Engel mit Flügeln und einem Heiligenschein gemalt. (dpa)


Aus: "Vater erschoss laut Staatsanwaltschaft seine beiden Kinder" (28.12.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/dreifachtoetung-nahe-hamburg-vater-erschoss-laut-staatsanwaltschaft-seine-beiden-kinder/27929984.html
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« Reply #52 on: December 30, 2021, 12:28:58 PM »

Quote
[...] Gewalt gegen Journalisten und Journalistinnen nimmt zu. Seit der Hashtag #AusgebranntePresse auf Twitter ins Leben gerufen wurde, berichten Medienschaffende von ihren dunkelsten Erlebnissen während der Arbeit. Es beginnt bei Beleidigungen im Netz und reicht bis zu physischer Gewalt.

Eine der Betroffenen, die unter dem Hashtag getwittert hat, ist Sophia Maier, Journalistin bei "stern TV". Sie berichtet häufiger von Demonstrationen für die Sendung. Dort seien "verbale Beleidigungen wie 'Lügenpresse' oder 'Hau ab, du dumme Fotze' eigentlich Standard", erzählt sie t-online. Besonders eine Demo in Berlin im September 2021 sei ihr im Kopf geblieben. "Ein Mann hat sich auf mich gestürzt, mein Handy aus der Hand gerissen und meinte wortwörtlich 'Das nächste Mal bist du fällig'", so die Journalistin im Gespräch mit t-online.

Dadurch, dass sie im Fernsehen vor der Kamera agiert, seien die Beleidigungen viel persönlicher. "Teilweise sind sie auch auf mein Frau-Sein gemünzt". Der antisemitische Verschwörungsideologe Attila Hildmann habe ihren Tweet zu #AusgebranntePresse sowie Videos von ihr auf Demos in Telegram-Gruppen geteilt. Einer der Kommentare lautete: "Diese Schlampe, noch nicht einmal ficken würde ich so eine Dreckshure, man sollte ihr richtig ihre Fresse einschlagen". Maier sieht darin einen enormen Unterschied, was die weibliche Berichterstattung angeht. "Da wirst du schnell mit Sexismus konfrontiert in der Art der verbalen Auswüchse".

Dass besonders Frauen im Medienbereich von sexualisierten Bedrohungen betroffen sind, bestätigt auch Lutz Kinkel, Direktor des European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF), im Gespräch mit t-online. Neu seien die Übergriffe auf Journalisten und Journalistinnen allerdings nicht, so der Experte. Gewalttätige Angriffe gebe es verstärkt seit 2015, doch mit der Pandemie und den Corona-Maßnahmen haben die Angriffe gegen Medienschaffende 2021 erneut einen Höhepunkt erreicht.

69 gewalttätige Übergriffe habe es 2020 laut einer Recherche des ECPMF gegeben, das jeden Fall "sorgfältig" überprüfe, so Kinkel. 2021 zählt die Organisation insgesamt 106 Pressefreiheitsverletzungen (bis zum Stichtag 15. Dezember), darunter verbale Bedrohungen und körperliche Gewalt.

Die Zahlen seien nur vorläufig, gibt Kinkel zu bedenken, am Ende könnte die Zahl noch höher sein. Die Schlussfolgerung sei jedoch klar: "Es zeichnet sich ab, dass sich die Feinde des unabhängigen Journalismus im Jahr 2021 weiter radikalisiert haben."

Anfeindungen erlebte auch Julius Geiler, Journalist beim "Tagesspiegel", der ebenfalls unter dem Hashtag #AusgebranntePresse seine Erfahrungen teilte. Seit Beginn der Corona-Proteste habe er viel Hass abgekommen – auf Demos und vor allem im Netz. Im Dezember wurde er zum ersten Mal auch körperlich attackiert, als er eine Neonazi-Gruppe bei einer Protestaktion gefilmt habe. "Kollegen, die versucht haben mir zu helfen, wurden selbst angegriffen, einer davon wurde verletzt", sagt Geiler t-online.

Beleidigungen in Sozialen Netzwerken treffen den Journalisten eigentlich gar nicht mehr, sagt er. Vor allem der Hass von Angesicht zu Angesicht schockiere ihn besonders. "Normalerweise haben viele nur im Netz den Mut und nicht auf der Straße. Doch auf einer Demonstration vor einem Jahr haben mir zwei Teilnehmer in einem Interview mitgeteilt: 'Wenn das alles vorbei ist, wirst du an einem Baum hängen'", so der "Tagesspiegel"-Redakteur.

Solche Vorfälle hinterlassen Spuren: "Das Sicherheitsgefühl nimmt kontinuierlich ab", sagt Geiler. Auch die Journalistin Maier von "stern TV" räumt ein: "Man macht sich schon seine Gedanken. Es gibt Todeslisten, auf denen nicht nur Politiker, sondern auch Journalisten stehen. Es ist eine Minderheit, die hat aber ein riesiges Gewaltpotenzial", sagt sie.

Ist die verdeckte Recherche auf Demos eine Alternative? ECPMF-Direktor Kinkel vertritt dazu eine klare Meinung: "Es widerspricht der journalistischen Ethik, sich zu verstecken. Man sollte offen und geschützt sagen können, dass man Journalist ist". Gleichwohl könne er es Journalisten nicht übelnehmen, wenn sie auf Demos ihren Presseausweis nicht mehr sichtbar über der Kleidung tragen oder statt einer Kamera ihre Smartphones nutzen, um nicht sofort erkennbar zu sein.

Kinkel nennt die Erlebnisse, die Medienschaffende unter #AusgebranntePresse derzeit teilen, "verstörend" und zugleich "ärgerlich", denn: "Es gibt Instrumente, um Journalisten besser zu schützen." Dazu gehörten etwa eine bessere Vorbereitung durch die eigenen Medienhäuser oder Schulungen bei der Polizei, um den Beamten vor Ort klarzumachen, dass Pressevertreter "die Augen und Ohren der Öffentlichkeit" seien – und damit besonders zu schützen seien. Leider gebe es auch bei Polizisten vereinzelt "pressefeindliche Einstellungen", so Kinkel.

Doch nicht nur die Angriffe vor Ort, sondern auch in sozialen Netzwerken nehmen zu. Journalisten von t-online sind ebenfalls davon betroffen: So wird Lars Wienand, Leitender Redakteur Recherche, von führenden Köpfen der Querdenker-Szene in Livestreams und Postings regelmäßig als Feindbild markiert.

Der Rechtsanwalt Ralf Ludwig, einer der engsten Vertrauten von "Querdenken"-Gründer Michael Ballweg, kündigte etwa mehrmals an,  Wienand in Spanien wegen Volksverhetzung anklagen zu wollen, weil sich dort lebende Deutsche von dessen Berichterstattung angegriffen gefühlt hätten. In einem Telegram-Kanal postet zudem ein bekannter Schwindelarzt der Querdenker-Szene immer wieder Inhalte, die Wienand einschüchtern sollen. Etwa Musikvideos, in denen es etwa heißt: "Lars, Du bist im Arsch."

In anderen Kanälen wird Wienand als "Verbrecher" verunglimpft. Was macht das mit einem, wenn radikale Corona-Leugner sich permanent an einem abarbeiten – stets mit dem Zungenschlag der Bedrohung, man könne auch ernst machen? "Das ist natürlich Unsinn. Aber man grübelt schon manchmal darüber, weil Leute auch anderen Quatsch für bare Münzen genommen haben und durch die ständigen Wiederholungen in ihrem Hass weiter befeuert werden."

Bedrohungen in sozialen Netzwerken oder auf Demonstrationen können erhebliche Folgen für die Berichterstattung. "Erfahrungen von Gewalt, manchmal bis hin zur Traumatisierung, können zur journalistischen Selbstzensur führen", sagt Kinkel vom ECPMF. "Wenn Journalisten nicht mehr auf Demos gehen und von dort berichten, dann entstehen blinde Flecken in der Berichterstattung". Auf lange Sicht gefährde das die Pressefreiheit in Deutschland.

"Wir müssen etwas tun, Demos sind der gefährlichste Arbeitsort für Journalisten", warnt Kinkel und meint damit auch die Politik, die es verschlafen hat, ein entsprechendes Konzept des Presserates für den besseren Schutz von Journalisten – die "Verhaltensgrundsätze für Medien und Polizei – umzusetzen.



Aus: "Gewalt gegen Journalisten - "Wenn das alles vorbei ist, wirst du an einem Baum hängen"" Nora Schiemann und Daniel Mützel (29.12.2021)
Quelle: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_91397130/hass-gegen-journalisten-wenn-das-alles-vorbei-ist-wirst-du-an-einem-baum-haengen-.html
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« Reply #53 on: February 15, 2022, 10:52:35 AM »

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[...] Er wurde in einen Berliner Park gelockt und dort umgebracht: Nach dem gewaltsamen Tod eines 17-Jährigen sind drei Männer und eine Frau zu Haftstrafen von bis zu acht Jahren verurteilt worden. Die vier hätten den Plan gefasst, dem Opfer nach banalen Streitereien einen „völlig überflüssigen Denkzettel“ zu verpassen, urteilte das Landgericht am Montag. Anders als die Staatsanwaltschaft gingen die Richter aber nicht davon aus, dass die vier ihr Opfer tatsächlich umbringen wollten.

Ein 25-Jähriger erhielt wegen Körperverletzung mit Todesfolge acht Jahre Haft, zudem ordnete das Gericht seine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Die drei weiteren Angeklagten wurden wegen gefährlicher Körperverletzung und der Beteiligung an einer Schlägerei schuldig gesprochen.

Ein weiterer 25-Jähriger erhielt fünf Jahre und neun Monate Haft, gegen einen 22-Jährigen ergingen drei Jahre und zwei Monate Gefängnis, die 22-jährige Frau wurde zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Die vier deutschen Angeklagten hatten die Tat teilweise gestanden.

Der 17-Jährige war mit der Ex-Freundin eines der Angeklagten liiert. Die beiden 22-Jährigen lockten ihn nach Überzeugung des Gerichts im Januar vergangenen Jahres nach Streitigkeiten und gegenseitigen Beleidigungen in den Volkspark Hasenheide.

Dort sei der 17-Jährige auf einem dunklen Weg den beiden ältesten Männern in die Arme gelaufen - beide hätten mit Fäusten zugeschlagen, einer auch mit einer Glasflasche. Der 17-Jährige starb rund eine Woche später an den Folgen einer schweren Kopfverletzung.

Der Vorsitzende Richter sagte, was geschah, sei auch Teil einer Geschichte von jungen Menschen, die ohne Plan für ihr Leben seien und die in den Tag hinein lebten. Die Angeklagten seien in desolaten Verhältnissen aufgewachsen, hätten keinen Beruf erlernt und seien arbeitslos. „Es scheint, als hätten sie fortgesetzt, was sie in ihren Familien erlebt haben.“ Die jungen Leute müssten sich endlich an eine Berufsausbildung machen und aufhören, „durch das Leben zu lungern“.

Der Staatsanwalt hatte für den 25-jährigen Haupttäter zehneinhalb Jahre Haft wegen Mordes verlangt. Für die anderen Angeklagten waren Strafen von bis zu sieben Jahren Haft gefordert worden. Die Verteidiger plädierten auf mildere Strafen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (dpa)


Aus: "Mehrjährige Haftstrafen nach Angriff auf 17-Jährigen in Berliner Park" (14.02.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/denkzettel-wird-zur-toedlichen-attacke-mehrjaehrige-haftstrafen-nach-angriff-auf-17-jaehrigen-in-berliner-park/28068650.html
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« Reply #54 on: March 21, 2022, 12:24:58 PM »

Quote
[...] Kinder dürfen in Wales nicht mehr von ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten geschlagen werden. Seit Montag ist jede Form der körperlichen Züchtigung gesetzlich verboten. Dies gilt auch für Kinder, die in dem britischen Landesteil zu Besuch sind. "Im modernen Wales ist kein Platz mehr für körperliche Bestrafung", sagte Regierungschef Mark Drakeford. Mit dem neuen Gesetz gebe es keine Grauzone mehr.

Bisher war es in Wales zwar bereits ungesetzlich, ein Kind körperlich zu bestrafen. Aber Schläge oder ähnliche Gewalt waren zulässig, wenn sie eine "angemessene Strafe" darstellten. Vorfälle wurden darauf überprüft, wie alt das Kind ist, ob die Züchtigung äußere Folgen hinterließ und ob ein Hilfsmittel wie ein Rohrstock oder Gürtel genutzt wurde. In England und Nordirland ist dies nach wie vor die Rechtslage, in Schottland hingegen wurde jede körperliche Züchtigung 2020 abgeschafft.

Die Kinderschutzorganisation NSPCC begrüßte die walisische Änderung. "Bisher waren Kinder die einzige gesellschaftliche Gruppe, die unter bestimmten Umständen geschlagen werden durfte", sagte NSPCC-Vertreterin Viv Laing. "Wir erlauben keine körperliche Bestrafung von Erwachsenen oder Tieren, daher ist es absurd, dass wir sie so lange bei Kindern genehmigt haben."

Von den 47 Europaratsländern haben 30 jede Form körperlicher Strafen für Kinder – sei es in der Schule oder zu Hause – verboten. Vorreiter war Schweden, das Eltern bereits 1979 untersagte, ihre Kinder zu züchtigen. Diesem Beispiel folgten im Lauf der Jahre Staaten in allen Teilen Europas, zuletzt Litauen (2017) und Frankreich (2018). Österreich erließ 1989 ein vollständiges Verbot von Prügelstrafen für Kinder, Deutschland im Jahr 2000. (APA, red, 21.3.2022)


Aus: "Wales verbietet körperliche Züchtigung von Kindern" (21. März 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000134270958/wales-verbietet-koerperliche-zuechtigung-von-kindern

Quote
i brauch kan spruch

Wow, wie fortschrittlich, bereits im Jahr 2022 entsagt man ansatzweise der schwarzen Pädagogik - I'm impressed!


Schwarze Pädagogik
... 2016 haben auch Michael Milburn und Sheree Conrad kritisiert, dass Miller in ihren Analysen so vorgehe, als finde Erziehung in einem Vakuum statt, ohne historischen Kontext: „Wie wir unsere Kinder behandeln, spiegelt wider, wer wir sind und was wir als Gesellschaft glauben. Unsere sozialen und politischen Einstellungen, unsere Institutionen und unsere Erziehungspraktiken bringen die nächste Generation von Bürgern hervor, die durch ihre gesellschaftlichen Institutionen und durch ihr politisches Verhalten wiederum die Welt erzeugen, in der ihre Kinder leben werden.“ ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_P%C3%A4dagogik

...

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« Reply #55 on: March 21, 2022, 04:42:25 PM »

Quote
[...] Kiel – Im Dreifachmord-Prozess gegen einen Zahnarzt aus Westensee (Kreis Rendsburg-Eckernförde) will das Kieler Landgericht am Montag (9 Uhr) Gerichtsmediziner zu den Todesumständen der Opfer befragen.

Außerdem plant das Schwurgericht nach Angaben eines Sprechers die Anhörung zweier Zeugen sowie die Verlesung einer Vielzahl von Urkunden.

Der 48 Jahre alte Angeklagte hatte vor Gericht gestanden, am 19. Mai 2021 seine Frau und deren neuen Bekannten in Dänischenhagen mit einer Maschinenpistole sowie kurz darauf einen weiteren Bekannten des Ehepaares in Kiel mit einer halbautomatischen Pistole erschossen zu haben. Die Taten bezeichnete er als irreal.

Angeklagt sind drei heimtückische Morde aus niedrigen Beweggründen. Demnach wollte der Mann seine Frau wegen der Trennung und ihren neuen Bekannten wegen der Beziehung zu ihr bestrafen. Das dritte Opfer soll er für das Scheitern der Ehe verantwortlich gemacht haben.

Dem Deutschen drohen lebenslange Haft und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Damit wäre eine Strafaussetzung zur Bewährung nach fünfzehn Jahren auch bei dann günstiger Täterprognose unwahrscheinlich.

Das Urteil wird am 30. März erwartet.


Aus: "Prozess gegen Killer-Zahnarzt: Gerichtsmediziner schildern Todesumstände" (21.03.2022)
Quelle: https://www.tag24.de/justiz/gerichtsprozesse-schleswig-holstein/prozess-gegen-killer-zahnarzt-vor-landgericht-kiel-gerichtsmediziner-schildern-todesumstaende-2379142

-

Quote
[...] Am zweiten Tag des Prozesses um den mutmaßlichen Dreifachmord von Dänischenhagen und Kiel hat ein Freund des Angeklagten Details aus dessen Leben geschildert. Es ging dabei um die Frage, was den beschuldigten Zahnarzt möglicherweise zu den Taten getrieben hat.

... Die Ehe gescheitert, drückende finanzielle Probleme: "Er war gebrochen", sagte der Zeuge, "er wusste einfach nicht mehr, was er machen sollte". Der Aussage zufolge wollte der Beschuldigte seine Frau zurück, sie "war sein zentraler Dreh- und Angelpunkt". Zur Trennung war es wegen seiner Gewalttätigkeiten gekommen, und die Frau wollte laut dem Zeugen nicht mehr zum Angeklagten zurück.

...


Aus: "Dänischenhagen-Prozess: Freund des Angeklagten sagt als Zeuge aus" (01.03.2022)
Quelle: https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Daenischenhagen-Prozess-Freund-des-Angeklagten-sagt-als-Zeuge-aus,prozess7038.html

-

Quote
[...] Er habe nach den Morden "die ganzen Monate darüber nachgedacht, welche Impulse dazu geführt hätten": "Es ist wie in einem ganz komischen Film abgelaufen, als würde es gar nicht der Realität entsprechen", sagte der Angeklagte. Aus seiner Sicht hat er niemanden vorher bedroht, auch nicht seine Frau. "Ich verstehe nicht, dass ich es dann machte."

Einen speziellen Blick auf den Angeklagten eröffnete der psychiatrische Sachverständige Thomas Bachmann. Demnach googelte der Zahnarzt noch in der Nacht zum Tattag um 00.24 Uhr Suchbegriffe wie "Jeder kann Mörder werden", "Wege aus der Schuld" und "Schuldgefühle nach dem Tod des Partners". Außerdem fuhr er Bachmann zufolge am Vortag des Dreifachmordes, am 18. Mai 2021, die späteren Tatorte in Dänischenhagen und Kiel ab.

Nach Zeugenaussagen war die Ehe des Mannes zerrüttet, seine Frau hatte sich getrennt und einem neuen Mann zugewendet. Der Angeklagte soll ihr die Nase zertrümmert haben. Sie erwirkte demnach ein Gewaltschutzabkommen und wollte die Scheidung, er wollte sie aber nicht loslassen. Gegen die Anordnung, sich ihr nicht zu nähern, verstieß er laut Zeugen immer wieder und stalkte sie. Er habe Telefonterror ausgeübt.

Am Tattag, dem 19. Mai 2021, sei er frühmorgens los, um die zwei illegalen späteren Tatwaffen zu entsorgen, sagte der Angeklagte. Er habe nach anonymen Anzeigen gegen ihn jeden Moment eine große Durchsuchungsaktion der Polizei vermutet. Ein Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz wäre für ihn als Jäger "der Todesstoß" gewesen, so der Angeklagte. Seine Frau habe seit Jahren von den Waffen gewusst, die er zeitweise nahe seinem Wohnhaus in einem Wäldchen in einem Erdbunker vergraben und dann in der Garage eines Bekannten versteckt hatte.

Über einen Tracker habe er dann gesehen, dass seine Frau zur Uni fuhr. Er sei ihr "leider hinterhergefahren". Als er an der Uni ankam, sei sie bereits auf der Weiterfahrt gewesen. Er sei ihr nach Dänischenhagen gefolgt. "Dann kam es zu den schrecklichen Ereignissen", sagte der 48-Jährige. "Ich habe versucht, mit ihr noch mal zu sprechen." Die 43-Jährige habe jedoch gesagt, "ich solle verschwinden, was ich da zu suchen hätte". Daraufhin sei er zurück zum Wagen, habe "leider" die Maschinenpistole vom Typ Uzi vom Rücksitz geholt.

Laut Anklage schoss der Deutsche zwei Magazine auf seine Frau und den Bekannten leer. "Ich krieg das nicht mehr richtig zusammen", sagte er auf Nachfragen des Gerichts. "Es war wie im schlechten Film." Die Situation "war irreal, völlig entrückt". Später sagte er auf eine Frage des Psychiaters zu den Schüssen in Dänischenhagen: "Ich dachte, das kann nicht der Realität entsprechen, die können ja wieder aufstehen."

Seiner Aussage zufolge fuhr der Angeklagte nach den Schüssen in Dänischenhagen zu dem gemeinsamen Bekannten des Paares nach Kiel, der sich mit ihm zerstritten hatte. Er habe ihm "davon berichten wollen", sagte er auf eine Frage des Vorsitzenden, was er dort wollte, wo doch zwischen beiden "das Tischtuch zerschnitten" war? "Ich habe mich zu ihm hingezogen gefühlt", erwiderte der Angeklagte.

Der Bekannte, ein Elektriker, der ihm seine Praxis elektrifizierte und dem er noch etliche tausend Euro schuldete, sei dann auf ihn körperlich losgegangen. "Dann hab ich die Waffe gezogen." Der erste Schuss "war seitlich ins Kleinhirn". Der Mann sei kurz weitergegangen, dann habe er "mehrere Schüsse abgegeben, auf das bereits liegende Opfer". Er könne sich "nicht erklären, warum, ich hatte das als Bedrohungssituation wahrgenommen".

Während seiner Aussage sprach der Angeklagte schnell, ausufernd, wie mit Rechtfertigungsdruck. Er habe damals nicht mehr gekonnt, sagte er und bestritt, dass er seine Frau jemals bewusst verletzt habe. Es sei eine Verkettung unglücklicher Umstände gewesen, als ihr das Nasenbein durch seine Tritte zertrümmert wurde. "Es war nie meine Absicht, jemandem zu schaden." Er habe "niemanden vorher bedroht, auch nicht meine Frau. Ich verstehe nicht, dass ich es dann machte."

Während der Aussagen des Angeklagten saß die Witwe des Elektrikers im Gerichtssaal. Sie trug ein Shirt mit dem Foto des Toten. Auch eine Tochter des in Dänischenhagen ermordeten Bekannten der Ehefrau war anwesend.


Aus: "Kiel: Zahnarzt äußert sich erstmals zu tödlichen Schüssen" (10.03.2022)
Quelle: https://www.t-online.de/region/kiel/news/id_91802828/zahnarzt-aeussert-sich-erstmals-zu-toedlichen-schuessen.html

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« Reply #56 on: May 11, 2022, 10:19:52 AM »

Quote
[...] Die Zahl der Todesfälle durch Schusswaffen in den USA ist während der Corona-Pandemie deutlich angestiegen. Im Jahr 2020 seien 19.350 Menschen erschossen worden, teilte die US-Gesundheitsbehörde CDC mit. Dies entspreche einer Zunahme von fast 35 Prozent im Vergleich zu 2019. Zudem seien 24.245 Suizide mit Schusswaffen verzeichnet worden – ein Anstieg um 1,5 Prozent.

Das CDC bezeichnete die Tötungsdelikte und die Suizide mit Schusswaffen als "ein anhaltendes und bedeutendes Problem der öffentlichen Gesundheit" in den USA. Die Mordrate durch Schusswaffen lag 2020 bei 6,1 pro 100.000 Einwohner. Dies war der höchste Wert seit mehr als 25 Jahren.

Eine mögliche Ursache für die Zunahme der Schusswaffengewalt seien "Stressfaktoren im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie", sagte der CDC-Experte Tom Simons. Dazu zählten unter anderem soziale Isolation, der Verlust des Arbeitsplatzes, unsichere Wohnverhältnisse "und Schwierigkeiten bei der Deckung der täglichen Ausgaben".

In dem Bericht der Gesundheitsbehörde wird auch darauf hingewiesen, dass das Gewaltrisiko mit der "seit Langem bestehenden systemischen Ungleichheit und dem strukturellen Rassismus" im Land zusammenhängt.

"Todesfälle durch Schusswaffen sind vermeidbar, nicht unvermeidbar", sagte die CDC-Vertreterin Debra Houry. Nötig seien Strategien zur Reduzierung von Ungleichheit. Houry forderte mehr Unterstützung für benachteiligte Familien, um diese "aus der Armut herauszuholen". Sie verwies auch auf die "vielversprechende" Arbeit von Sozialarbeitern, die darauf abziele, Spannungen in Vierteln mit hoher Kriminalität abzubauen.


Aus: "Zahl der Todesfälle durch Schusswaffen 2020 deutlich angestiegen"  (11. Mai 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2022-05/usa-todesfaelle-schusswaffen-2020-anstieg

Quote
fiete-hansen #2

Das explizite Suchen der Schuld in sog. systemischen Gründen ist zu flach. Jeder trägt auch Eigenverantwortung.


Quote
Ernst Acht #2.4

Spannend, dass Sie von vornherein systemische Gründe ausschließen und statt das argumentativ zu bewerkstelligen diskreditieren Sie diese mit dem Attribut "flach".


Quote
Flinx_DE #2.1

Mag sein, aber die schiere Verfügbarkeit von Schußwaffen in den USA (>300 Mio. Pistolen und Gewehre) verschafft den Tätern mannigfaltige Gelegenheiten zu deren Einsatz. Und natürlich sind systemische Gründe wie das extreme Wohlstandsgefälle ein weiterer wesentlicher Grund.


Quote
Egalite #2.2

Auch in der Schweiz gibt es unglaublich viele Waffen pro Einwohner.
Diese alleine führen nicht zu solchen Problemen.


Quote
Tortellinitotalitarismus #2.3

Im Vergleich zur EU sind allerdings die Selbsttötungen und „Familiendramen“, bei denen Waffen zum Einsatz kommen, in der Schweiz deutlich häufiger.
Auf die Schnelle habe ich ‚nur‘ offizielle Infos der Schweizer Behörden dazu gefunden:
https://www.ebg.admin.ch/dam/ebg/de/dokumente/haeusliche_gewalt/infoblaetter/b6.pdf.download.pdf/b6_haeusliche-gewalt-und-waffen.pdf


Quote
William S. Christ #6

Etwas zynisch könnte man sagen: Zu viele Amerikaner betrachten es als gottgegebenes Recht, dass sich jeder Spinner jederzeit mit Schusswaffen und Munition in rauen Mengen versorgen kann.
Ganz egal, inwiefern er dazu geeignet ist. Ganz egal, wie viele Amokläufe, Verbrechen etc. es schon gegeben hat.
Dann macht man halt ein wenig "thoughts and prayers" und dann geht's wieder zur Tagesordnung über.

American way of life eben. Kann ich aus deutscher Sicht wahrlich nicht nachvollziehen. ...


Quote
DancingAndDreaming #6.2

Wenn Sandy Hook kein Umdenken herbeiführen konnte, wird es wohl auch keins mehr geben. Da kauft man Klein-Timmy und Klein-Samantha eben einen kugelsicheren Rucksack (https://bulletproofzone.com/collections/bags-backpacks) ...


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« Reply #57 on: May 13, 2022, 11:39:53 AM »

Quote
[...] Dem Hanauer Jugendamt haben vor dem gewaltsamen Tod des Geschwisterpaares Hinweise auf familiäre Probleme vorgelegen. Die Familie sei zum Jahreswechsel 2021/22 nach Hanau zugezogen, teilte die Stadt am Donnerstag auf Anfrage mit. „Mitte Januar wurde dem Jugendamt Hanau bekannt, dass es familiäre Probleme gab.“

Sofort nach dieser Information sei das Jugendamt auf die Familie zugegangen und habe Angebote unterbreitet, darunter die sozialpädagogische Familienhilfe, teilte die Stadt Hanau am Donnerstag auf Anfrage mit. Dabei habe es sich insbesondere um Unterstützung bei Behördengängen und im Familienalltag gehandelt. „Das Angebot wurde durch die Familie angenommen“, erklärte die Stadt.

Am Vortag waren in Hanau zwei Geschwister zu Tode gekommen, Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen Mordverdachts und fahnden nach einem Tatverdächtigen. Dabei soll es sich um den Vater des siebenjährigen Mädchens und des elfjährigen Jungen handeln, offiziell bestätigt wurde dies von den Ermittlern bisher nicht. Die Fahndung dauere an, sagte ein Polizeisprecher am Freitagmorgen.

Der Junge war am Mittwochmorgen schwer verletzt vor einem Hochhaus in der Hanauer Innenstadt gefunden worden und kurze Zeit später in einem Krankenhaus gestorben. Seine Schwester fanden die Beamten auf dem Balkon der Wohnung im neunten Stock des Hauses, in der die Kinder lebten.

Neben einem beauftragten Fachträger habe auch der Kommunale Soziale Dienst (KSD) in Kontakt mit allen Familienmitgliedern gestanden, hieß es von der Stadt. „Bei diesen Kontakten waren keine Hinweise auf Gewalt erkennbar.“

Anfang dieser Woche habe der KSD dann vom beauftragten Träger die Rückmeldung erhalten, „dass sich das familiäre Verhältnis wohl verschlechtert habe“. Im KSD sei deshalb entschieden worden, erneut das Gespräch zu suchen und einzugreifen.

Am Donnerstag hätten sich der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Bürgermeister Axel Weiss-Thiel (beide SPD) intensiv mit der Fallakte beschäftigt, erklärte die Stadt. (dpa)


Aus: "Jugendamt wusste von Problemen in Familie der toten Geschwister" (13.05.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/verdacht-auf-toetungsdelikt-in-hanau-jugendamt-wusste-von-problemen-in-familie-der-toten-geschwister/28335112.html

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« Reply #58 on: May 13, 2022, 11:42:13 AM »

Quote
[...] Nach einer Schießerei zwischen Rockern und Clan-Angehörigen in Duisburg hat die Polizei inzwischen rund 90 mutmaßlich Beteiligte identifiziert. Das sagte eine Sprecherin am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Die „WAZ“ hatte zuvor berichtet.

Die „WAZ“ bezog sich auf Informationen des Leiters der Polizeiinspektion Duisburg 1 Nord gegenüber Lokalpolitikern in der Bezirksvertretung Hamborn. Dort habe Polizeidirektor Christian Draeger gesagt: „Wir hatten Glück, dass es keine Toten gab.“

Die gefundenen Einschüsse in Häuserfassaden und Autos hätten sich alle in Körperhöhe befunden. „Hier wurde auf Menschen gezielt, und nicht einfach in die Luft geschossen.“

Bei der Auseinandersetzung am Altmarkt im Duisburger Stadtteil Hamborn waren vor einer Woche nach früheren Angaben insgesamt bis zu 100 Personen aus beiden Lagern beteiligt gewesen. Vier Menschen wurden verletzt. Eine 15-köpfige Mordkommission sowie im Umgang mit Clan-Kriminalität erfahrene Staatsanwälte ermitteln. (dpa)


Aus: "Polizei identifiziert rund 90 Beteiligte nach Schießerei in Duisburg" (12.05.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/auseinandersetzung-zwischen-rocker-und-clan-polizei-identifiziert-rund-90-beteiligte-nach-schiesserei-in-duisburg/28335756.html
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