Author Topic: [Zur Kunstfreiheit... ]  (Read 12476 times)

0 Members and 1 Guest are viewing this topic.

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Wie das 11. Plenum 1965... ]
« Reply #15 on: December 14, 2015, 04:05:30 PM »
Das 11. Plenum des ZK der SED (16. bis 18. Dezember 1965) bedeutete eine Zäsur in der Entwicklung der DDR. Der ursprünglich als Wirtschaftsplenum (Beschluss der zweiten Etappe des „Neuen ökonomischen Systems der Planung und Leitung“, NöSPL) konzipierte Gipfel entwickelt sich zu einer „Kahlschlag-Diskussion“ der Jugend- und Kulturpolitik. ...  Erich Honecker: „Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte.“ ...
https://de.wikipedia.org/wiki/11._Plenum_des_ZK_der_SED (1. Oktober 2015)

--
Ulbricht: "Wir wissen auch nicht alles, noch nicht alles. Als in der DDR durch bestimmte Gruppen der Jugend und die sogenannte Beatbewegung Exzesse sichtbar waren, haben wir also uns die Frage gestellt, was sind die Ursachen. Wir sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass es nicht richtig wäre, sozusagen mit einer Jugenddiskussion zu beginnen, sondern wir haben uns gesagt, wollen wir doch mal beginnen mit der Untersuchung - oben. Wo ist von Seiten zentraler Organe des Fernsehens, der Kultur, der Literatur so gewirkt worden, dass solche Auswirkungen auf die Jungen unvermeidlich waren." Die Künstler haben der Partei die Jugend verhetzt. 1965, auf dem 11. Plenum des ZK der SED, zeigt sich Walter Ulbricht davon zutiefst überzeugt. ... Die Gegenkultur wird wesentlicher Bestandteil einer Dynamik, die am Ende den Staat DDR wegfegt. Dass ausgerechnet die marode Wirtschaft entscheidend zum Untergang der DDR beiträgt, gehört zur besonderen Ironie der Geschichte: denn das 11. Plenum des ZK der SED hätte sich 1965 eigentlich um den Zustand der Wirtschaft und nötige Reformen kümmern sollen. Doch den harten Realitäten wichen Ulbricht und die Genossen aus, indem sie den Kulturkampf eröffneten. Und der hat dann maßgeblich zum inneren Zerfall des Systems beigetragen. ...
"Das 11. Plenum der SED"Unsere DDR ist ein sauberer Staat"" Nicolaus Schröder (02.12.2015)
http://www.deutschlandradiokultur.de/das-11-plenum-der-sed-unsere-ddr-ist-ein-sauberer-staat.976.de.html

-
"Wie das 11. Plenum 1965 die Geschichte der DDR bestimmte - Rolle rückwärts" Gunnar Decker (09.12.2015)
In den frühen 60ern gewährte die DDR Film, Literatur und Wirtschaft überraschend viele Freiheiten. Das 11. Plenum Ende 1965 ändert alles.
http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/wie-das-11-plenum-1965-die-geschichte-der-ddr-bestimmte-rolle-rueckwaerts/12681922.html

-

"SED-Zentralkomitee : "Hier wird unsere Partei beleidigt!"" Regine Sylvester (15. Dezember 2015)
Gegen die "perverse", "unsittliche" Kultur des Westens: Vor 50 Jahren tagte das berüchtigte "Kahlschlag-Plenum" des SED-Zentralkomitees. Heute lässt sich im Originalton nachhören, wie die Partei Künstler und Schriftsteller niedermachte. ...
http://www.zeit.de/2015/50/sed-zentralkomitee-zensur-kunst-kultur

« Last Edit: January 18, 2016, 05:28:15 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Samstagnachmittag hatte... ]
« Reply #16 on: January 18, 2016, 05:30:53 PM »
Quote
[....] Samstagnachmittag hatte die luxemburgische Performance-Künstlerin Déborah de Robertis auf sich aufmerksam gemacht, indem sie das Motiv eines Gemäldes im Pariser Musée d’Orsay vor Ort nachstellte. Es handelt sich dabei um „Olympia“ von Édouard Manet und zeigt eine Frau, die nackt auf einem Bett liegt. In selber Position und genauso nackt legte sich de Robertis vor das Gemälde auf den Boden. Mit dabei hatte sie eine Handkamera, um die Reaktion der Besucher zu filmen.

„Es standen viele Leute vor dem Bild“, sagte eine Sprecherin des Museums. Wärter hatten den Saal geschlossen und de Robertis aufgefordert, sich wieder anzuziehen. Das lehnte sie ab. Das Museum rief daraufhin die Polizei, die die 31-Jährige wegen Exhibitionismus festnahm und sie in Polizeigewahrsam nahm. Am Sonntag musste diese laut Le Républicain Lorrain aus medizinischen Gründen kurzzeitig unterbrochen werden. Am selben Abend wurde ihr Fall der Staatsanwaltschaft in Paris übergeben.

Der Anwalt der Künstlerin, Tewfik Bouzenoune, beschrieb das Vorgehen der Behörden als unangemessen. Einen Künstler in Gewahrsam zu nehmen, sei ein schlechtes Signal und zeige eine beunruhigende Prüderie der Justiz.

Es war nicht das erste Mal, dass Déborah de Robertis mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Im Mai 2014 trat sie vor dem Gemälde „Ursprung der Welt“ (L’ Origine du monde) von Gustave Courbet auf. Das 1866 entstandene Gemälde zeigt die Zeichnung einer nackten Frau mit gespreizten Beinen.

Genau das machte Déborah de Robertis auch. Sie setzte sich unten ohne vor das Gemälde auf den Boden, öffnete die Beine und spreizte mit ihren Fingern ihre Vagina. Ihre Performance nannte Déborah „Spiegel des Ursprungs“ und sollte den „Ursprung des Ursprungs“ zeigen.

Die künstlerische Performance dauerte nur wenigen Minuten, bevor sie das Sicherheitspersonal des Museums nach draußen begleitete. Das Museum erstattete auch damals Anzeige. Immerhin bekam sie während ihres Auftritts Applaus von den anwesenden Besuchern (welche die Künstlerin angeblich selbst eingeladen hatte).

Mit ihren Aktionen möchte de Robertis das Verhältnis zwischen Künstler und Kurator sowie Mann und Frau in Frage stellen.


"Performance-Künstlerin verhaftet, weil sie Aktgemälde im Museum nachstellte" Philipp Kienzl (18. Januar 2016)
Quelle: http://ze.tt/warum-nackt-und-nackt-nicht-dasselbe-sind/


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Zur Kunstfreiheit... ]
« Reply #17 on: August 13, 2018, 09:24:54 AM »
Quote
" ... Die Freiheit des Netzes tendiert dazu, die Freiheit der Kunstinstitutionen einzuschränken, wie auch Marion Ackermann als Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden berichtet: "Es gibt Tendenzen zur Prüderie und Rückschritte in der Emanzipation. In diesen Entwicklungen zeigt sich, dass wir in einer Welt der Verbote und Tabuisierungen leben." In Berlin wurde sogar gefordert, Caravaggios Amor abzuhängen, diese "ausdrücklich obszöne Szene", wie es im Protestbrief hieß. Eine Zensur von unten drängt darauf, die Grenzen des Zeig- und Sagbaren deutlich zu korrigieren. ..."
https://www.zeit.de/2018/33/wie-frei-ist-die-kunst-hanno-rauterberg-buchauszug  Hanno Rauterberg (8. August 2018)
-
Quote
Mastershark #10 (13.08.2018): " ... Diese Bewegung der vorauseilenden Selbstzensur eines neuen Puritanismus scheint, wie so viele andere, aus den USA zu uns herüberzuschwappen. Da gibt es schon länger diese seltsamen Geschichten von Warnungen vor Triggerelementen, die zart besaitete LiteraturstudentInnen bei der Lektüre eines Buches im Curriculum schocken könnten, da gibt es diese Bewegung gegen Kulturassimilation (nach dem Motto: Falaffel darf nur ein arabischer Koch zubereiten, wenn das ein Pizzabäcker macht, ist es kultureller Imperialismus) da gibt es diese vorauseilende Zensur durch SammlungskuratorInnen, die vorsorglich provokante Bilder oder Skulpturen verschwinden lassen. So etwas gab es kürzlich sogar als Provinzposse in einem Rathaus im Kreis Plön/Schleswig-Holstein als Bilderverhüllung.
Diese Tendenzen gedeihen auf dem selben Boden, wie der wieder aufkeimende Nationalismus, allgegenwärtige Rassismus oder die Fremdenfeindlichkeit. Man will eine Umwelt, die irgendwie nur heimelig ist, die die eigenen Werte und Grenzen nicht überschreitet, wobei eben diese eigenen Werte zum allgemeingültigen Maßstab erklärt werden.
Soziale Medien und der endlose Echoraum von Foren befeuern diese unheilvolle Entwicklung, die rational gar nicht nachvollziehbar ist, denn gelebt wird auf der anderen Seite eine vollständige individuelle Entgrenzung, sobald es um die eigenen Begehren geht. ..."

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Zur Kunstfreiheit... ]
« Reply #18 on: September 11, 2018, 09:53:36 AM »
Salome (op. 54) ist eine Oper in einem Akt von Richard Strauss. Sie beruht auf dem gleichnamigen Drama von Oscar Wilde aus dem Jahr 1891 und stellt eine der ersten Literaturopern dar. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Salome_(Oper)


Quote
[...] Am 9. September sollte am größten Theater Weißrusslands, dem Bolschoi in Minsk, eine Neuinszenierung von Richard Strauss' Oper "Salome" Premiere haben. Doch am Vorabend wurde sie durch eine Entscheidung des weißrussischen Kulturministeriums abgesagt. Grund dafür ist ein Brief, unterschrieben von zahlreichen orthodoxen Aktivisten, an den Präsidenten, die Staatsanwalt und den heiligen Synod der russisch-orthodoxen Kirche. Darin heißt es "Wir lassen nicht religiöse Gefühle der orthodoxen Bürger Weißrusslands verletzen, das Andenken an Johannes den Täufer verhöhnen und verbitten uns darum die Aufführung der Oper "Salome"." In dem Brief riefen sie die Verantwortlichen dazu auf, "korrigierende Anpassungen in der Staatsideologie und der Arbeit des Kulturministeriums vorzunehmen" und ähnliche "Meisterwerke", die geistige Sicherheit und Einheit der Nation bedrohen, zu verbieten. Dem Brief legten sie eine "kulturelle Studie" bei, in der die Oper als "Blasphemie" bezeichnet wird, die Handlung als "antichristlich" und "Beleidigung der religiösen Gefühle der Gläubigen". Sie sprechen sogar von einer Straftat und fordern eine Bestrafung des Chefregisseurs Michail Pandzhavidze, da der Komponist Richard Strauß und Autor des Dramas Oscar Wilde schon längst tot sind.

Daraufhin wurde ein Expertenausschuss aus Künstlern und Geistlichen einberufen, das die Oper von den Vorwürfen freisprachen und zur Aufführung empfahlen. Doch für das Kulturministerium reichte das Urteil nicht aus. Es sperrte trotzdem die Oper bis Ende Oktober, in der Hoffnung, dass sich alle orthodoxen Aufregungen bis dahin beruhigen. Am 11. September erinnern die orthodoxen Christen an die Enthauptung Johannes’ des Täufers.

2015 machten “die verletzten religiösen Gefühle” auch im russischen Nowosibirsk viel Lärm - damals ging es um die Regie von Timofej Kuljabin von Richard Wagners “Tannhäuser”. Das führten sogar zum Rausschmiss des Theaterintendanten. In Minsk klagen radikale orthodoxe Aktivisten nun nicht einmal die Regie an, sondern die Oper selbst. Und eine weltliche Institution wie das Kulturministerium gibt nach.


Aus: "Orthodoxe Aktivisten kämpfen gegen “Salome”" Liudmila Kotlyarova (10.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/opernverbot-in-minsk-orthodoxe-aktivisten-kaempfen-gegen-salome/23029334.html


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Zur Kunstfreiheit... ]
« Reply #19 on: January 14, 2019, 09:14:40 AM »
Quote
[...] Manchmal ist es nicht leicht, sich in der Welt der Proteste zurecht zu finden. Da kontaktiert man den finnischen Künstler Jani Leinonen, weil es im israelischen Haifa heftigen Streit um seine Skulptur mit einem gekreuzigten Ronald McDonald gibt, dem Maskottchen der Fastfoodkette. Sie trägt den Titel "McJesus", stammt aus dem Jahr 2015 und war bereits in Ausstellungen in Helsinki und Dänemark zu sehen, ohne dass dies Blasphemie-Vorwürfe zur Folge hatte. Auch in Haifa ist das Werk seit Ende Juli zu sehen, im Rahmen der Cluster-Ausstellung "Shop It!", von der ein Teil unter dem Titel "Heilige Güter" konsumkritische Werke versammelt. Und erst jetzt, Monate später, hagelt es Proteste beim Haifa Museum of Art - wobei Jani Leinonen nun mitteilt, dass er sein Werk selbst bereits im September zurückgezogen habe, weil er sich der Israel-Boykottbewegung BDS angeschlossen habe. Erst jetzt, im Zuge der heftigen Proteste in Haifa, habe er erfahren, dass das Museum seinem Wunsch offenbar nicht nachgekommen sei.

Der Reihe nach: Hunderte Christen hatten am Freitag versucht, in die Ausstellung einzudringen. Nach Informationen der Zeitung "Haaretz" wurden drei Polizisten verletzt; ein Brandsatz war geworfen worden, ein 32-Jähriger wurde festgenommen. Israels Kulturministerin Miri Regev forderte laut "Haaretz" die Entfernung des Werks, ebenso verlangen die katholischen Bischöfe des Landes, dass die als "verletzend empfundene" Christusdarstellung aus der Schau entfernt werden solle. Trotz des Rechts auf Meinungsfreiheit sei es nicht hinnehmbar, dazu „das bedeutendste Symbol der christlichen Religion“ zu missbrauchen, so die Bischöfe.

Am Samstag meldete sich auch das griechisch-orthodoxe Patriarchat zu Wort und forderte zusätzlich die Entfernung mehrerer Kunstwerke, die Christus und Maria darstellen, wie die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa berichtete. Neben dem Kunstwerk von Jani Leinonen stießen demnach Christus- und Mariendarstellungen als Ken und Barbie auf Kritik. Von der Stadt Haifa verlangte das Patriarchat eine Entschuldigung für die Finanzierung der Ausstellung.

Das Museum kündigte nun an, einen Warnhinweis auf den potenziell verletzenden Charakter der Ausstellung anzubringen. Das Kunstwerk verweise auf den zynischen Gebrauch religiöser Symbole durch Großkonzerne, hieß es.

Und Jani Leinonen? Zeigt sich auf Nachfrage des Tagesspiegels konsterniert darüber, dass sein "McJesus" - es gibt Ronald McDonald von ihm auch als "McBuddha", "McPharao" oder "McLenin" - immer noch in Haifa hängt. Er habe sich der Bewegung "Boycott, Divestment, Sanctions" (BDS) angeschlossen, weil "Israel offenkundig Kultur als Form der Propaganda nutze, um sein Regime der Okkupation, des Siedler-Kolonialismus und der Apartheid über das palästinensische Volk schönzufärben oder zu rechtfertigen". Deshalb wolle er nicht länger an der Ausstellung teilnehmen und sei entsprechend der Reaktion seitens des Museums davon ausgegangen, die Arbeit sei nicht mehr zu sehen. Als er von den Protesten hörte, habe er die Kuratorin der Schau erneut gebeten, "McJesus" sofort zu entfernen.

Schon seltsam, dass ein Künstler und Aktivist, der sich kritisch mit Konsum und Werbung, Ernährungskultur, Warenwelt und Kapitalismus sowie mit christlichen Symbolen und Ikonografien  befasst, politisch offenbar doch so schlicht gestrickt ist, dass er sich seinerseits kritiklos der umstrittenen BDS-Kampagne anschließt. Einer Bewegung, bei deren Protestaktionen immer wieder offen antisemitische Äußerungen laut werden und deren Wortführer auch keine Zwei-Staaten-Lösung wollen. Sie möchten, dass Israel als Judenstaat verschwindet zugunsten eines Palästinenserstaats.

"Die Kunst ist eine Lüge, die die Wahrheit enthüllt", hat Jani Leinonen einmal gesagt. Manchmal ist die Kunst auch eine Wahrheit, die von der Lüge umnebelt ist. chp (mit KNA)


Aus: "Proteste gegen gekreuzigten Ronald McDonald" (13.01.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/streit-um-kunstwerk-in-haifa-proteste-gegen-gekreuzigten-ronald-mcdonald/23859146.html

Quote
Uriel 13.01.2019, 17:56 Uhr

Ich habe inzwischen das Gefühl das mit der "Empörung" über das Kunstwerk McJesus ein massiver Angriff der "religiösen Eiferern" wieder mal gegen die Anderst- und Ungläubigen" geführt wird. Ich erinnere an die Kampagne in Südtirol als der Künstler M. Kipppenberger einen gekreuzigten Frosch im Bozener Museum für Moderne Kunst ausgestellt hat.

    Martin Kippenberger: "Zuerst die Füße" Der Streit: In Südtirol löste ein gekreuzigter Frosch eine Kunstdebatte aus. 2008 sollte die Skulptur des deutschen Künstlers Martin Kippenberger wegen eines Papstbesuches aus dem Bozener Museum für Moderne Kunst entfernt
    werden, weil sie angeblich die Gefühle von gläubigen Katholiken verletze. Dabei stellt der Frosch nach Aussage des Künstlers ein ironisches Selbstporträt nach dessen Alkohol- und Drogenentzug dar. Der Papst schrieb einen Brief, der Präsident des Regionalrats von Südtirol
    trat sogar in Hungerstreik.
    Das Ergebnis: Der Protest blieb erfolglos, der gekreuzigte Frosch durfte weiter in Bozen hängen. Der Stiftungsrat des Museums entschied sich in einer
    Abstimmung für die Kunst - und gegen den Heiligen Vater.
    https://www.sueddeutsche.de/kultur/streitfall-kunstfreiheit-was-kunst-darf-und-was-nicht-1.2949157-4

Ich frage mich was ist den Besonderes an "religiösen Gefühlen" im Gegensatz zu normalen Gefühlen. Haben die einen "höheren Wert"? ...

"GUNKL über Wüsten-Religionen, Wissen, Respekt und Kränkungen"
Am 29.08.2013 veröffentlicht - Der Kabarettist Günther „Gunkl" Paal über Gott, Glauben, Aufklärung, Religionen des Friedens, Frauenrechte und Respekt. Ein komprimierter Angriff gegen Religionen und dem Umgang damit. Ausschnitt aus dem Programm "Die großen Kränkungen der Menschheit auch schon nicht leicht" ...
https://www.youtube.com/watch?v=EKQVsHwOGII


Quote
froggy08 13.01.2019, 17:21 Uhr

Ja mit der Toleranz haben es die religiösen Fanatiker egal welcher Religion alle nicht so. Denn dazu müssten sie ja mit einer gewissen Distanz auf ihren Glauben blicken können, was der Fanatiker eben nicht kann. Sonst wäre es keiner...


Quote
Quellenanalyse. 13.01.2019, 14:06 Uhr
Da schau einer her, ich dachte "wir Christen" sind doch die toleranteren und können mit der Verhohnepiepelung unserer Symbole ruhiger und gesitteter umgehen, als die anderen mit den Mohammed-Karikaturen. War dann wohl doch nicht so, wenn sich selbst katholische Bischöfe aufgerufen fühlen, Statements abzugeben.


Quote
einauge 13.01.2019, 10:22 Uhr
jaja, wieder mal die verletzten Gefühle...

    Es sei aber nicht hinnehmbar, dazu „das bedeutendste Symbol der christlichen Religion“ zu missbrauchen, so die Bischöfe.

....das dürfen selbstverständlich nur offizielle Vertreter einer anerkannten Kirchengemeinschaft. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder dahergelaufene Künstler da einfach mitmißbrauchen darf, da hat er ja gar kein Recht zu....

Religiöse Symbole wurden schon immer mißbraucht und zwar fast ausschließlich durch die jeweiligen Vertreter oder Anhänger der Religion selbst.

Für alle Religionen (und ihre Symbole) gilt: in ihrem Namen, unter ihrem Schutz, teilweise sogar direkt im Auftrag haben Anhänger im Laufe der Zeit tausende, zehntausende, hunderttausende Male weit Schlimmeres getan als nur Gefühle anderer Menschen verletzt. Religion wurde als Machtinstrument benutzt und die religiösen Führer haben das nicht nur toleriert, sondern die meiste Zeit aktiv unterstützt.
An all ihren Symbolen klebt Blut, und zwar nicht zu knapp, aber da regt sich niemand auf, dass die im öffentlichen Raum gezeigt werden.
Aber sobald jemand ein Bild malt, oder eine Skulptur zeigt, ja dann ist wieder große Empörung angesagt.

Ich habe mich immer schon gewundert, warum religiöse Gefühle nun soviel schützenswerter sein sollen als andere Gefühle.

Vielleicht liegt das Problem für unsere Gesellschaften nicht so sehr bei solchen Künstlern, sondern bei den Leuten mit diesen religiösen Gefühlen

P.S.: und bei diesem Kunstwerk gehts nicht einmal um Kritik an der Religion, sondern um Kritik an der zunehmenden Vergötterung von Konsum (ich hätte da als Künstler allerdings eher das heilige iphone ans Kreuz genagelt). 


Quote
Uriel 12.01.2019, 20:36 Uhr

    Es sei aber nicht hinnehmbar, dazu „das bedeutendste Symbol der christlichen Religion“ zu missbrauchen, so die Bischöfe.

Das sagen die Vertreter einer "Religionsvereinigung", die Weltweit real zig Tausende Missbrauchsfälle vertuscht hat und diese Verbrechen halten immer noch an. Religion ist eine Ideologie und für die besteht kein Artenschutz. Nicht alle Religionen die sich auf das "Christentum" berufen benutzen das "römische Hinrichtungsinstrument!" als Vereins-Logo.


Quote
Uriel 13.01.2019, 09:12 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Charybdis66 12.01.2019, 22:27 Uhr

Es stimmt durchaus das die Überzeugung eines Anderen zu tolerieren ist, aber daraus ein Dogma zu machen das etwas was ich für richtig finde auch Andere für richtig und gut halten müssen ist ist für mich ziemlich Arrogant. Ich als Freidenker habe sehr viel mit "Gläubigen" jeder Art gesprochen und musste erleben das die "religiösen Eiferer" meiner "Gottlosigkeit" nicht nur keinen Respekt gezeigt haben, sondern oft sehr Aggressiv wurden bis zum Angebot „mir meine Vorderzähne zu den Mandeln zu schicken“. Andere wurden beleidigend oder haben mich sogar angespuckt. Ich bin überzeugt wenn die Menschen jedem seine Überzeugung lassen, natürlich im Rahmen der für alle gültigen Gesetze, dann wäre die Gesellschaft sehr viel Friedlicher. Keiner der "Empörer" wurde gezwungen in die Ausstellung zu gehen. Das erinnert mich an die Karikaturen in Dänemark, 99 % der "Empörer" haben sicherlich die Karikaturen je gesehen, aber ein "Kultbeamter" hat gesagt das es schlecht ist und schon ging die Lawine los.
Ich hätte mir gewünscht das die "kath. Bischöfe" die sich jetzt über "McJesus" aufregen, sich genauso aufgeregt hätten bei den Weltweiten Missbrauchsfällen durch Kleriker. Haben sie jemals etwas von den deutschen Kirchenoberen gehört als in Irland auf dem Gelände eines kath. Heimes über 800 Kinderskelette gefunden wurden?
Ich bin der Meinung das wir uns um das Wichtige kümmern sollten und nicht um ein vergängliches Kunstobjekt.


...
« Last Edit: January 14, 2019, 09:23:30 AM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Zur Kunstfreiheit... ]
« Reply #20 on: March 13, 2019, 01:17:37 PM »
Quote
[...] Mitglieder der rechtsextremen Identitären Bewegung stören mit lauten Zwischenrufen eine live im Radio übertragene Diskussion im Berliner Gorki Theater. Die AfD in Sachsen-Anhalt, immerhin mit 24,3 Prozent der Stimmen in den Landtag gewählt, fordert, dass die Bühnen im Land „mehr klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen“. Die Berliner Fraktion der radikal rechten Partei beantragt, drei missliebigen Theatern in der Stadt den Etat zu kürzen. ...

Immer häufiger erleben Theater, Museen und andere Kultureinrichtungen Angriffe von rechts. Die AfD und ihr neurechtes Umfeld haben neben der Politik längst auch die Kultur zum Kampfplatz erkoren. „Viele Kollegen und Kolleginnen, die erstmals damit konfrontiert sind, sind ratlos, wie sie reagieren sollen“, sagt der Präsident des Deutschen Bühnenverein, Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters ist.

Khuon weiß, wovon er spricht. Sein Haus hat im vergangenen Sommer selbst einen Angriff der Identitären erlebt, die eine Aufführung auf dem Vorplatz des Theaters störten. „Das war ein gewalttätiger Übergriff: durch Lärm, durch Geschrei, durch Dazwischengehen. Das ist mehr als ein verbaler Zwischenruf. Dagegen müssen wir uns wehren.“

Auch deshalb sitzt Khuon wohl am Donnerstagvormittag im Saal seines Theaters auf einem Podium und stellt gemeinsam mit Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Bianca Klose, Leiterin der Mobilen Beratungssstelle gegen Rechtsextremismus (MBR), eine Handreichung vor. Diese gibt Tipps zum Umgang mit dem „Kulturkampf von rechts“.

Denn darum, da sind sich alle drei einig, gehe es längst: „Wir müssen deutlich machen, wie gefährlich das ist, was gerade passiert“, sagt Khuon. „Es geht um die Freiheit der Kunst.“ In Ländern wie Ungarn und Polen, wo Rechtspopulisten regieren, sehe man bereits, „wie eine einstmals offene Gesellschaft sich verengt“, ergänzt Kultursenator Lederer.

Klose, bei deren Beratungsstelle Anfragen aus der Kultur in vergangenen Monaten stark zugenommen haben, äußert einen alarmierenden Befund: „Wir sehen, dass Häuser und Projekte sich hetzen lassen und beinahe in vorauseilendem Gehorsam zurückweichen.“ Deshalb klinge mancher Ratschlag, den die vom MBR erstellte Handreichung gibt, zwar banal, sei es aber nicht: sich nicht verunsichern lassen. Ruhig bleiben. Und das Selbstverständnis klären. Das sei die Voraussetzung dafür, dass man diesen Angriffen entschlossen entgegentrete – und nicht etwa Forderungen nach einem politisch neutralen Kulturbetrieb aufsitze oder Opferinszenierungen auf den Leim gehe.

Klose gibt aber auch konkrete Tipps. Sich etwa juristisch beraten zu lassen, wenn AfD-Politiker Einsicht in die Fördermittel beantragen oder behaupten, als gewählte Abgeordnete hätten sie jederzeit Recht auf den Besuch einer öffentlich geförderten Einrichtung. So dramatisch wie Klose sieht Intendant Khuon die Lage an den Theatern nicht. „Ich bemerke dort eine große Sehnsucht, Gesicht zu zeigen.“

Das gelte auch für Bühnen in Chemnitz oder Dresden, wo gerade „Das blaue Wunder“ auf dem Spielplan steht. Dort koste das deutlich mehr als in Berlin. Wichtig seien die Vernetzung und der Austausch untereinander. Ein Beispiel dafür: die „Erklärung der vielen“, in der sich Kultureinrichtungen und Kulturschaffende gegen Rechtspopulismus positionieren. 2.350 Unterschriften gibt es bereits.

„Wir dürfen aber auch nicht überempfindlich sein“, betonte Khuon. Und natürlich müsse man in die Auseinandersetzung mit der AfD und ihren AnhängerInnen gehen. Er selbst sei beispielsweise einer Einladung der AfD nach Magdeburg gefolgt und habe mit dem AfD-Rechtsaußen Hans-Thomas Tillschneider diskutiert. „Aber ich würde ihnen doch kein Podium im Deutschen Theater bieten.“

...


Aus: "Kulturschaffende im Umgang mit Rechts: „Es geht um die Freiheit der Kunst“" Sabine am Orde (17.?2.?2019)
Quelle: http://www.taz.de/!5573331/

-

Quote
[...] Alles schreit immer und überall, die Freiheit der Kunst sei in Gefahr. Und die Debatte wird am Laufen gehalten mit den immergleichen paar Beispielen. Zuerst: Balthus. Dabei hat die Fondation Beyeler in ihrer schönen Übersichtsschau vom letzten Jahr die umstrittene Leihgabe aus dem Metropolitan Museum – ja, jenes Bild eines halbwüchsigen Mädchens mit geschürztem Rock – eben gerade nicht aus dem Programm genommen, sondern trotz allem gezeigt. «Trotz allem», das heisst hier, um uns zu erinnern, trotz der Petition, die in New York an das Metropolitan ging, weil 12 000 Unterzeichnende ihre Bedenken äusserten, das Werk könnte pädophile Neigungen bedienen.

Herhalten muss auch das Gedicht «Avenidas» von Eugen Gomringer an der Fassade einer Berliner Hochschule, das auf Begehren der Schülerschaft als nicht mehr zeitgemäss eingestuft und übermalt wurde. Auch diese Inschrift wird immer wieder dafür als Beispiel angeführt, wie sehr heute die Freiheit der Kunst unter Beschuss geraten sei. Dann gibt es noch eine Handvoll weiterer Fälle. Etwa der Fall Sam Durant, an dessen Installation «Scaffold» sich Indianer störten, weil sie den Völkermord der Indigenen Amerikas thematisiert. Oder das Skandälchen um die temporäre Entfernung eines Nymphenbildes vom Präraffaeliten John William Waterhouse aus den Räumen der Manchester Art Gallery.

Diese Fälle werden als Zensur dargestellt. Und zwar als eine solche von unten. Nur, was ist dabei so ungewöhnlich? Anders ist allein die Richtung, aus der hier Zensur erfolgt. Früher kam sie von oben, jetzt kommt sie von unten. Dabei bleibt eigentlich alles beim Alten: Kunst war noch nie frei. Vielmehr ist sie seit je begehrter Zankapfel jener, in deren Dienst sie treten soll.

Vor nicht allzu langer Zeit erhitzte noch Brancusis Bronzekopf der «Princess X» (1916) als obszönes Phallussymbol die Gemüter und wurde 1920 aus einer Pariser Ausstellung entfernt. Damals stand die Kunst eben noch im Dienst eines von Doppelmoral geprägten Bürgertums. Zeitweilig waren es die Nazis und die Kommunisten, die sich die Kunst als effektives Propagandamittel dienlich machten. Wer nicht mitmachte oder nicht ins Bild passte, wurde verfemt und verfolgt. Auf solche Weise kontrollieren diktatorische Staaten auch heute die Kunstproduktion.

Aber eigentlich war das nie wirklich anders. Kunst hatte die Macht von Fürsten und Kirchenvätern zu repräsentieren. Hochkulturen wie das alte Ägypten nahmen sie in Dienst des göttlichen Pharaonentums. Und nicht einmal bei den Höhlenbewohnern von Lascaux war sie frei. Die Tiermalereien an den Wänden jedenfalls entsprangen gewiss nicht irgendeinem ausgelassenen Selbstverwirklichungs-Workshop, sondern galten dem schamanistischen Jagdzauber.

Was wir für die Freiheit der Kunst halten, ist ein junges Phänomen. Mit Kunstfreiheit meinen wir vor allem die Freiheit einer antibürgerlichen Kunst. Diese Kunst war indes keineswegs freier als jene anderer Epochen. Sie stand ganz einfach im Dienst einer neu etablierten kulturellen Macht, nämlich jener der Linken.

Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing – das gilt eben auch für die Kunst. So hat heute bald jede Stimme, die sich Gehör zu verschaffen vermag, auch ihre Kunst. Die Feministinnen haben sie, die Homosexuellen und die Schwarzen ebenfalls. Was wäre die Kunst ohne Louise Bourgeois oder Valie Export, ohne Robert Mapplethorpe oder Keith Haring, ohne Kara Walker oder Chris Ofili?

Und so echauffiert sich heute kein scheinheiliger Bourgeois mehr an Jeff Koons’ Kopulationsbildern mit Cicciolina; Thomas Ruffs Porno-Close-ups sind längst salonfähig. Denn die 68er haben uns die sexuelle Revolution gebracht und mit ihr sozusagen den pornografischen Kunst-Freipass. Auch vermochte Thomas Hirschhorns unappetitliche Attacke auf Blocher vor 15 Jahren kaum grosse Wellen zu schlagen, denn solche Schläge gegen die Konservativen gehören schliesslich zur Kunstfreiheit der Linken.

Heute ist die Kunst nun aber eben nicht mehr allein Sprachrohr der Linken. Auch ist sie nicht länger abendländisch dominiert, sondern so bunt wie eine Benetton-Werbung. Kaum ist der Hype um chinesische Gegenwartskunst verflogen, meldet sich bereits der nächste aus Indien oder Indonesien. Die angebliche Kunstfreiheit von heute besteht in ihrem schieren Pluralismus. Die Kunstproduktion der Gegenwart ist ein Abbild unserer Multikultigesellschaften: Anything goes. Könnte man meinen.

Dabei hat sie sich längst den Mächtigen und Reichen angebiedert, ja angedient. Die Exzesse auf dem Kunstmarkt jedenfalls machen deutlich, wer der neue Herr ist. Was produziert wird, muss vermarktet werden, und was sich vermarkten lässt, gilt als gute Kunst. Und das kann für den globalisiert-vielstimmigen Chor der Kunstkonsumenten so ziemlich alles sein. Noch nie war Kunst so vielfältig wie heute. Noch nie auch hatte sie ein solch breites Publikum. Museen und Kunstinstitutionen schiessen weltweit wie Pilze aus dem Boden. Es herrscht der freie Markt des Kulturbetriebs, die Massen strömen in die Musentempel, und Kunstwerke zirkulieren millionenfach im Internet.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass in dieser Vielstimmigkeit nicht mehr so klar ist, in wessen Dienst – abgesehen von den Geldgebern – die Kunst eigentlich noch steht. Oder vielmehr stehen sollte. So viele künstlerische Ausdrucksformen es gibt, so viele Stimmen gibt es auch, die die Kunst gerne für sich reklamieren und Anspruch auf sie zu haben glauben.

Und so gibt es heute eben auch immer mehr von denjenigen, die sich stören an all jenen Kunstwerken, die nicht ihre Sache vertreten. Schwarze stören sich an Kunst, die nicht von ihnen selbst beglaubigt ist. Feministinnen stören sich an Kunst von Männern. Einschlägig Traumatisierte sehen plötzlich überall vermeintliche «Pädophilenkunst». Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Dass Kunst aber einigen Gruppierungen nicht passt, ist nichts Neues. Neu ist höchstens die diffus anmutende Diversität von Zensurwilligen. Diese ist aber symptomatisch für das digitale Zeitalter. Und sie ist symptomatisch für noch etwas: die Freiheit selber. Denn diese sogenannte Zensur kommt von unten.

Ist nun aber solche Zensur von unten irgendwie schlechter als solche von oben? Sie ist vielleicht unberechenbarer, weil man nicht genau weiss, mit wem man es zu tun hat. Ist es aber nicht vielmehr die Freiheit, die Zensur von unten überhaupt ermöglicht? Wenn sich irgendwelche Leute über irgendwelche Kunst aufregen, dann geschieht das, weil sie den Freiraum dazu haben, und sei er auch vor allem jener des Internets. Das Individuum welcher Couleur auch immer meldet sich zu Wort und tut sein Missfallen kund. Denn frei sind jene, die sich zu Wort melden können. Und im Dienst dieser Freiheit stehen denn auch all die unterschiedlichsten Ausdrucksformen der Kunst von heute.

Wenn nun nämlich Ausstellungsmacher und Festivalbetreiber – das kommt vor – im Zeichen des Zuspruchs den Empfindlichkeiten irgendwelcher Gruppierungen nachgeben und sogenannte Zensur üben, dann geschieht dies aufgrund der Freiheit eines sich optimal vermarktenden Kulturkapitalismus. Wirkliche Zensur aber, das ist dann doch noch etwas anderes. Sie kommt nämlich von oben.


Aus: "Die Kunst ist nicht frei, wir aber sind es" Philipp Meier (13.3.2019)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/die-kunst-ist-nicht-frei-wir-aber-sind-es-ld.1466640

-

Quote
[...] Übergriffe, Störungen, versuchte Geldknappheit - Kultureinrichtungen sind offenen Angriffen von rechts ausgesetzt. Bühnenvereins-Präsident Khuon sieht die Freiheit der Kunst gefährdet.

Berlin (dpa) - Kulturelle Institutionen werden aus Sicht des Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, Ulrich Khuon, zunehmend von rechts attackiert. «Es geht real um die Freiheit der Kunst», sagte Khuon am Donnerstag in Berlin. Dies sei erklärtes Ziel nationaler und völkischer Bewegungen, sagte er unter Verweis auf Übergriffe und Störungen sogenannter identitärer Gruppen oder Kürzungsanträge für Subventionen von Seiten der rechtspopulistischen AfD.

«Die Rechte will ein Gesinnungstheater, nämlich ein nationalistisches Theater», sagte Khuon, der auch Intendant des Deutschen Theaters Berlin ist. Theater hielten dem einen kritischen Raum für Diskurse dagegen. Die Auseinandersetzung müsse verkraftet und geführt werden.

Es gebe schon seit langem gesellschaftlich und künstlerisch agierende Theater, sagte Khuon. Dies werde nun durch die Aktion «Die Vielen» ergänzt. Darin haben sich zahlreiche Künstler und Institutionen im Einsatz für eine offene, freie, vielfältige Gesellschaft zusammengeschlossen.

Gemeinsam mit Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) präsentierte Khuon eine Handreichung «Alles nur Theater? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts» der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR). Darin enthalten sind Hinweise für Theater und andere kulturelle Einrichtungen.

«Unsere Aufgabe ist es, sich nicht einschüchtern zu lassen und mit Selbstbewusstsein die Vielfalt und Diversität unserer Kultur zu verteidigen», sagte Lederer.

MBR-Projektleiterin Bianca Klose verwies auf AfD-Erfolge bei Wahlen: «Der Kulturkampf von rechts fühlt sich dadurch gestärkt und hat eine neue Dimension erreicht.» Die Partei mache aus dieser Feindschaft gegenüber dem Kulturbetrieb überhaupt keinen Hehl, sagte Klose. Abgeordnete wollten die Kunstfreiheit zugunsten einer nationalistischen, völkischen Agenda beschränken.

Wichtig sei, dass sich Theater und Projekte nicht von Rechten hetzen ließen oder gar «in voraus eilendem Gehorsam handeln», sagte Klose. Wichtig sei es, in den Auseinandersetzungen das eigene Tempo zu bestimmen und eigene Orte zu wählen.

So hätten auch gewählte Abgeordnete kein Recht, jederzeit Kultureinrichtungen zu betreten, sagte Klose. «Viele Einrichtungen lassen sich verschrecken zum Beispiel von der Forderung nach einer vermeintlichen politischen Neutralität, die es so gar nicht gibt.»


Aus: "Bühnenverein-Präsident: Es geht real um die Freiheit der Kunst [update, 15.2.]" dpa, KIZ (14.02.2019)
Quelle: https://www.nmz.de/kiz/nachrichten/buehnenverein-praesident-es-geht-real-um-die-freiheit-der-kunst

« Last Edit: March 13, 2019, 02:42:06 PM by Textaris(txt*bot) »