Author Topic: [Kunst, Macht, Idiologie, Politik... ]  (Read 15541 times)

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[Eigentlich... ]
« Reply #15 on: March 11, 2015, 03:13:40 PM »
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[...] Eigentlich böte Zvyagintsevs Meisterwerk genügend Anlässe zu feiern. Schließlich gewann der Regisseur im Jahr 2014, das Putin zum "Jahr der Kultur" ausgerufen hatte, beim Filmfestival in Cannes den Preis für das beste Drehbuch. Aber der russische Kultusminister Vladimir Medinsky, dessen Ministerium den Film immerhin gefördert hatte, konnte sich nicht mit Leviathan anfreunden: "Sicher ist hier viel Talent zu sehen, aber ich mochte den Film nicht." Deutlicher wurde Medinsky im Januar diesen Jahres, nachdem Leviathan bei den Golden Globes als bester ausländischer Film ausgezeichnet worden war. Er sagte, er erkenne seine Landsleute in diesen ständig betrunkenen, mit Schimpfwörtern um sich werfenden Figuren nicht wieder. "Zvyagintsev scheint die Russen nicht zu mögen, dafür aber Ruhm, rote Teppiche und Filmpreise."

... Mehr noch als der Film selbst, so meinen Beobachter der Kulturszene in Russland, erzählten die Auseinandersetzungen um Leviathan über den Kampf der Herrschenden gegen die freie Kunst. Kritik an der Macht wird sofort als russlandfeindlich und unpatriotisch gebrandmarkt. Kürzlich erst musste der Leiter des Moskauer Filmmuseums gehen, weil er sich weigerte, sein Haus in den Dienst nationaler Propaganda zu stellen.

Die staatliche Filmförderung wird nach Leviathan sicher genauer hinsehen, welche Projekte sie mit Geldern unterstützt. Unabhängige Filmemacher wie Boris Chlebnikov (Ein langes und glückliches Leben, 2013) und Wasili Sigarew (Leben, 2011), deren Filme ähnlich düstere Gegenwartsbeschreibungen sind, werden es künftig noch schwerer haben. Patriotische Blockbuster wie das Kriegsepos Stalingrad oder der an nationalistischem Stumpfsinn schwer zu überbietende Legenda No. 17 über das sowjetische Eishockey-Team der Siebziger sind mehr nach dem Geschmack der offiziellen Politik.

... Eine kleine Episode aus der Rezeptionsgeschichte von Leviathan macht aber Hoffnung, dass die Menschen in Russland sehr wohl zwischen staatlicher Propaganda und dem offenen Blick der Kunst unterscheiden.

Die Bürgermeisterin des kleinen Fleckens Teriberka an der Barentssee, wo der Film gedreht wurde, hatte ihn zunächst verurteilt, weil er die Dorfbevölkerung als Trunkenbolde zeige. Spontan entschieden die Macher des Films daraufhin, die Welturaufführung in Teriberka stattfinden zu lassen. Danach waren Bürgermeisterin und Dorfbewohnerin voll des Lobes. Sogar der Vorsteher der Diözese Murmansk-Montjegorsk, in der Teriberka liegt, nannte den Film "ehrlich". Selbsterkenntnis ist schmerzhaft, aber möglich.

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   truth.will.out
    vor wenigen Sekunden

Leviathan

... Der einzige Grund, warum der Film im Westen bekannt ist, weil er Russland im negativen Bild darstellt (das Land von Alkoholikern und korrupten Politikern)


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   schna´sel
    vor 4 Minuten

Patriotische Blockbuster wie American Sniper?

"Patriotische Blockbuster wie das Kriegsepos Stalingrad [...] sind mehr nach dem Geschmack der offiziellen Politik."

Analog zu American Sniper? ...


http://www.zeit.de/kultur/film/2015-03/leviathan-film-russland-korruption?commentstart=1#cid-4560133


Aus: ""Leviathan": Ungeheuer Russland" (11. März 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/film/2015-03/leviathan-film-russland-korruption

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... Für die hat er kein Mitleid, keine Sekunde hat er an der Rechtmäßigkeit seiner Taten gezweifelt. "Wen auch immer ich erschossen habe, war böse. Ich hatte einen guten Grund für jeden Schuss."

In Chris Kyles Welt ist kein Platz für Grautöne, er sieht Schwarz und Weiß, Leben oder Tod. Für mehr sei im Krieg kein Platz, sagt er. Und so überrascht es kaum, dass Kyle die Erinnerungen an seinen blutigen Feldzug mit einem knappen Fazit schließt: "Sie hatten es alle verdient, zu sterben." Richter und Henker in einer Person. ...

Aus: "Legendärer US-Scharfschütze - Im Fadenkreuz des Teufels" Von Johannes Korge (12.01.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808538,00.html

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[...] American Sniper gilt als kontroversester Hollywoodfilm seit Jahren und hat in den USA eine emotionale Debatte ausgelöst. In seiner Heimat Texas wird Kyle als Kriegsheld und nach seiner Ermordung durch den Veteranen Eddie Routh 2013 als Märtyrer gefeiert, der unter großer öffentlicher Anteilnahme beerdigt wurde. Der texanische Gouverneur Greg Abbott ließ den Todestag als „Chris Kyle Tag“ ausrufen. Bekannte Republikaner wie Newt Gingrich oder Sarah Palin empfahlen den Film als patriotisches Meisterwerk. Selbst die pazifistische Schauspielerin Jane Fonda sieht ihn als würdigen Erben für ihren Antikriegsfilm Coming Home. Hingegen verkörpert für den Fernsehmoderator Bill Maher der Film den „amerikanischen Faschismus“. Das Arabisch-Amerikanische Antidiskriminierungskomitee (American-Arab Anti-Discrimination Committee) äußerte, dass nach der Veröffentlichung Angriffe auf Araber und Muslime zugenommen hätten. Zusammen mit weiteren Stimmen wird Eastwood vorgeworfen, geschichtsrevisionistisch den Irakkrieg als Reaktion auf die Terroranschläge des 11. September 2001 darzustellen. Der Film blende aus, dass die US-Regierung den Irakkrieg durch die vermeintliche Bedrohung durch Iraks Massenvernichtungswaffen legitimierte, nicht mit den Terroranschlägen in New York. Chris Hedges warf dem Film vor, dem Waffenkult Vorschub zu leisten und einen blinden Militarismus zu propagieren. Noam Chomsky warf die Frage auf, was die Verehrung eines kaltblütigen Killers mittels eines Kinofilms über das amerikanische Volk aussage. ...

... „Eastwood entwirft ein einseitiges Bild des Krieges, das man allenfalls damit entschuldigen kann, dass man behauptet, der Regisseur wolle die Binnensicht seiner Figur wiedergeben: Bis zum Ende des Films ist kein einziger normaler irakischer Zivilist zu sehen. […] Propaganda, darunter versteht man Überredung statt Überzeugung. […] In diesem Sinne ist "American Sniper" das Schulbeispiel eines Propagandafilms.“
– Rüdiger Suchsland: Deutschlandfunk

... „Es [ein *vielköpfiges Ambivalenzmonster'] ist, das offenbaren dann schon die ersten Minuten im Kino, ein schlankes, ziemlich agiles Biest. Clint Eastwood, der Regisseur, hat es handwerklich sauber und ziemlich spannend gestaltet. Inhaltlich ist es voll cleverem Understatement, geschickter Entscheidungen und heimlicher Tücke, mit ein paar schmutzigen Ideologiebomben am Wegesrand.“
– Tobias Kniebe: Süddeutsche Zeitung

... Die obere Landesbehörde Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) vergab das Prädikat besonders wertvoll:

    „Und obwohl Eastwood in seiner Erzählung die Kriegsanstrengungen selbst nicht hinterfragt, zeigt er jedoch klar auf, was der Krieg mit Menschen macht, wie er sie verändert und wie schwierig es ist, von der Front nach Hause zu kommen. Denn den Krieg nimmt jeder Soldat in seinem Kopf mit. Mit AMERICAN SNIPER ist Clint Eastwood ein fesselnder und meisterlich fotografierter Film über den Krieg gelungen, der nicht dafür und nicht dagegen ist. Sondern eindrucksvoll davon erzählt.“
– Jury der Deutschen Film- und Medienbewertung: FBW

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Version vom 9. März 2015
Quelle: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=American_Sniper&oldid=139626109 (9. März 2015)

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/American_Sniper

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[...] Dass die russische Filmbehörde Leviathan für die Oscars eingereicht hat, obwohl der Film so gar nicht der von der Regierung gewünschten patriotischen Agenda entspricht, löste weithin Erstaunen aus. Hat es ihn auch selbst überrascht? Swjaginzew antwortet mit einem Monolog über die Schwierigkeiten, sich heute in Russland eine Karriere aufzubauen. Leise und bedächtig, aber mit unverhohlener Wut. „Wie auf einem Minenfeld, so fühlt es sich an, hier zu leben. Es ist schwer, überhaupt Perspektiven zu entwickeln, im Leben wie im Beruf, wenn man sich nicht den Werten des Systems unterwirft. Diese bescheuerte Gesellschaftsordnung ist der ewige Fluch unseres Landes. Über Konzepte wie Rechtsstaat oder Gleichberechtigung wird kaum geredet. Mir kommt es völlig sinnlos vor, in gleich welcher Situation, auf das Recht zu pochen. Ich bin jetzt 50 und in meinem Leben noch nie wählen gegangen. Weil ich mir sicher bin, dass es nichts nützt.“ Er holt Luft. „Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich war angenehm überrascht.“

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anatole france 11.03.2015 | 18:59

Auch hier in Deutschland, dieser ach so lupenreinen Demokratie und dem absoluten rechten, pardon - Rechtsstaat könnte man einen solchen Film drehen!
... Schön wäre es doch wirklich, wenn sich ein mutiger Regisseur mal den Themen Korruption in Deutschland (z.B. BER), Steuerbetrug, nicht aufgearbeiteten Faschismus, politische Hörigkeit gegenüber den USA, Mietwucher, Drogenhandel usw. annehmen würde!

Ob wohl die Bundesregierung einen solchen Film finanzieren würde?...


"Sie haben den Wal: Porträt Andrei Swjaginzews Epos „Leviathan“ wurde für die Oscars eingereicht. Dabei könnte man den Russen als Regimekritiker bezeichnen" (11.03.2015, Ausgabe 11/15)
https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/sie-haben-den-wal

« Last Edit: March 12, 2015, 01:30:14 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Das 11. Plenum... ]
« Reply #16 on: December 14, 2015, 03:47:32 PM »
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[...] Vor 50 Jahren begann mit dem „Kahlschlag“-Plenum der SED-Führung eine beispiellose Unterdrückung der DDR-Künstler. Regisseure, Schriftsteller, Musiker und Theatermacher waren von der neuen Eiszeit in der Kulturpolitik betroffen. „Nihilismus“, „Pornografie“ und „Skeptizismus“ warfen die Hardliner um Erich Honecker den Kulturschaffenden vor. Zu den prominentesten Opfern gehörte Regisseur Kurt Maetzig, der mit seinem Liebesdrama „Das Kaninchen bin ich“ in Ungnade fiel.

Der Film wurde 1965 auf dem vom 15. bis 18. Dezember dauernden 11. Plenum des SED-Zentralkomitees zusammen mit fast einem ganzen Jahrgang von DEFA-Filmen verboten. „Das Kaninchen bin ich“ erzählt von einem Mädchen, das nicht studieren darf, weil sein Bruder wegen „staatsgefährdender Hetze“ im Gefängnis sitzt. Die junge Frau verliebt sich dann unwissentlich in den Richter, der für das harte Urteil verantwortlich ist und entlarvt den Mann als feigen Opportunisten.

Die rigide Kulturpolitik hatte auch Folgen für Regisseur Frank Beyer. Sein mit Manfred Krug prominent besetzter Film „Spur der Steine“ über den Konflikt zwischen einer Bauarbeiter-Brigade und einem Parteisekretär wurde 1966 nach nur wenigen Aufführungen verboten. Einer der vielen Keller- oder Regalfilme, die statt auf die Leinwand zu kommen in den Tiefen des Archivs verschwanden. Beyer erhielt „Hausverbot“ bei der DEFA. Erst nach der Wende konnte „Spur der Steine“ wieder im Kino gezeigt werden.

Beyer erinnerte sich nach dem Mauerfall an die damaligen Drohungen der Partei: „Wer die Hand gegen die Arbeiterklasse erhebt, dem wird sie abgehauen.“ Der Filmemacher kommentierte das 1991 so: „Wir haben doch nur den kleinen Finger erhoben zu einer Wortmeldung.“

Den Künstlern wurde vorgeworfen, die Realität falsch, zu kritisch und schwarzseherisch darzustellen. „Nihilistisch war jede Positionierung, die sich nicht der ideologischen Anleitung durch die Partei unterwarf - also jede Form von Individualismus war dieser Funktionärskaste, die alles auf eine kontrollierbare Linie bringen wollte, ein Dorn im Auge“, sagt Autor und Deutschlandfunk-Redakteur Marcus Heumann, der für sein Audiofeature „Das Kahlschlag-Plenum“ Originaltöne des Plenums und Gespräche mit Zeitzeugen zusammengestellt hat.

Auch für Musiker begann eine Eiszeit. „Im Prinzip hat das 11. Plenum die gesamte, noch relativ junge Beat-Szene der DDR auf einen Schlag ins Jenseits befördert“, sagt Heumann. „Alle Bands, die englische Texte sangen, wurden rundweg verboten. Es wurden auch böse Tricks angewandt. Die Amateurmusiker haben dann einfach alle ihren Einberufungsbefehl bekommen - an möglichst weit entfernt und weit auseinanderliegende Orte. Damit waren die Bands erledigt. Zudem wurde ein Musikerberufsausweis eingeführt. Jeder, der in der DDR eine Bühne betreten wollte, musste vor einer staatlichen Kommission ein Probevorspiel ablegen.“

Die Schriftstellerin Christa Wolf saß damals als ZK-Kandidatin in der „Kahlschlag“-Sitzung - und hielt dagegen, forderte Freiheit für die Kultur. Kunst sei nun einmal nicht möglich ohne Wagnis. Ein mutiger Auftritt. „Sie war die Einzige, die mahnende Worte gegen diesen sich abzeichnenden Kulturkampf gesprochen hat“, sagt Heumann.

Für die 2.400 Mitarbeiter der DEFA-Studios musste die Arbeit trotzdem weitergehen, wie Ralf Schenk, Vorstand der DEFA-Stiftung erzählt. „Man musste ganz schnell Stoffe suchen, um neue Filme zu produzieren.“ Die Realisierung einer so großen Gruppe von Filmen, die sich kritisch mit der Gegenwart auseinandersetzen, sei aber bis zum Ende der DDR nicht mehr möglich gewesen.

Die Retrospektive der Berlinale (11.-21.2.) erinnert unter dem Titel „Deutschland 1966 - Filmische Perspektiven in Ost und West“ an den Wendepunkt im deutschen Kino - der vor 50 Jahren mit einem künstlerischen Aufbruch auf beiden Seiten der Mauer begonnen hatte. „Im Westen stellen sich Autorenfilmer den Widersprüchen der Wirtschaftswunderzeit, im Osten hinterfragen junge Regisseure den sozialistischen Alltag“, so das Festival. Während der Neue Deutsche Film der internationalen Durchbruch schaffte, landeten die Werke der DDR-Filmer im Giftschrank.

Noch bis zum 20. Dezember werden auch in der Kinemathek-Reihe „Sturm und Zwang. DEFA-Filme vor und nach dem Verbotsplenum“ im Berliner Zeughauskino die zwölf geschmähten Regiearbeiten und weitere, früher oder später verbotene Werke gezeigt. Dazu gehören Frank Vogels „Denk bloß nicht ich heule“, Jürgen Böttchers „Jahrgang 45“ und Herrmann Zschoches „Karla“. Das Filmmuseum Potsdam erinnert mit der Schau „Gestört. Verhindert. Zensiert“ (bis 6. März) an den Kultur-Kahlschlag. (dpa)


Aus: "Filme verboten, Bücher verbannt und Auftritte untersagt" Elke Vogel (14.12.2015)
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/kultur/kultur-kahlschlag-in-der-ddr-vor-50-jahren-filme-verboten--buecher-verbannt-und-auftritte-untersagt,10809150,32923252.html


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« Reply #17 on: March 20, 2017, 10:38:09 AM »
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[...] Im Bundesstaat Arizona hat eine Künstlerin ihre Kritik an der neuen Regierung auf ziemlich drastische Weise vorgebracht - oder, besser gesagt: angebracht.

Seit wenigen Tagen ist in der Millionenmetropole Phoenix ein Plakat zu sehen, das Donald Trump neben Symbolen zeigt, die unzweideutig an die Hakenkreuze aus der Zeit des Nationalsozialismus angelehnt sind. Die schwarzen Symbole, die offenbar stilisierte Dollar-Zeichen darstellen sollen, sind auf einem weißen Kreis vor rotem Hintergrund zu sehen - die Ähnlichkeit zur Flagge des Deutschen Reichs während des Zweiten Weltkriegs ist kaum zu übersehen.

Doch Trump wird nicht nur in die Nähe des NS-Regimes gerückt, sondern auch als Gefahr für den Weltfrieden dargestellt: Neben dem ernst dreinschauenden Konterfei des Republikaners sind zwei große Atompilze zu sehen, die grinsende Clownsfratzen bilden. Sie sehe auf diesem Plakat "Macht, Geld und Diktatur", sagte die Künstlerin Karen Fiorito der Nachrichtenagentur Reuters.

"Ich glaube, viele Leute denken so und ich versuche nur auszudrücken, was derzeit in den Köpfen vieler Leute vor sich geht", sagte sie der US-Nachrichtenseite "12News" über das Plakat. Was ihr wirklich zu schaffen mache, sei die Vorstellung einer Diktatur in USA, sagte Fiorito: "Ich versuche in Dinge, die wirklich dunkel und schwer zu ertragen sind, etwas Humor einzubauen."

Die Reaktionen auf das Plakat seien äußerst heftig, sagte die Künstlerin weiter: "Da ist eine Menge Hass. Die Dinge eskalieren derzeit sehr schnell." Sie habe inzwischen auch Morddrohungen erhalten.

Die Macher der Plakate wollen nicht klein beigeben. Dem Bericht zufolge will die Eigentümerin der Werbefläche, Beatrice Moore, das Plakat trotz Morddrohungen hängen bleibe. Und zwar so lange, wie Trump Präsident sei.


Aus: "Plakat zeigt Donald Trump mit Pseudo-Hakenkreuzen" (20.03.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/donald-trump-auf-plakat-in-usa-mit-pseudo-hakenkreuzen-gezeigt-a-1139517.html

http://www.12news.com/mb/news/politics/owner-of-phoenix-trump-billboard-it-will-stay-up-as-long-as-trump-is-president/423507653

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« Reply #18 on: May 17, 2018, 09:49:36 AM »
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[...] Pintilie: Im Jahr 1933 in Tarutino (heute Ukraine) geboren und aufgewachsen. Als Jugendlicher, so sagte er selbst, meist alkoholisiert und apolitisch, bis er als Student der Bukarester Theaterhochschule zwangsläufig Opfer der strengen Zensur wurde. Sein Regiedebüt habe Nicolae Ceaușescu höchstpersönlich verboten. So geht zumindest die Legende.

Pintilie sollte es dann sein, der in seinem Film Reconstituirea (deutsch: Die Rekonstruktion, 1968) das kommende Grauen in Rumänien vorwegnahm, zu einer Zeit, da viele das Land noch für liberal hielten. In Reconstituirea müssen zwei jugendliche Rowdys ihre Kneipenschlägerei vor einer Kamera noch einmal für pädagogische Zwecke nachspielen, um die rumänische Gesellschaft vor den Folgen der Trunkenheit zu warnen. An einem Gebirgsbach, umgeben von Wald und Heimatidylle, befehlen Soldaten den beiden verwirrten Jungen immer wieder und immer strenger, sich endlich zu prügeln, dazu das Grölen der Meute aus dem Off, ein Schreckensregime des Jubels. Es ist die erbarmungslose Wiederholung von Gewalt und Aggression, von Erniedrigung und Machtmissbrauch, der die beiden mitleiderregenden Hauptfiguren allgemach in ihr Unglück treibt.

"Weißt du, was der Unterschied zwischen einem Affen und einem Menschen ist?", fragt einer der zwei Jugendlichen den anderen. "Der Affe braucht keinen Personalausweis."

Die rumänische Kulturbehörde verbot den Film sogleich, sie sah darin eine Anstiftung zum Widerstand gegen einen Staat, an dessen Spitze ein Mann stand, der in den (damals noch zahlreichen) Kinos des Landes opulente Historiendramen und systemstabilisierende Kostümfilme sehen wollte und abends im Privatkino seiner Villa amerikanische Krimiserien. Jemand wie Pintilie galt als Staatsfeind. ...

Als er 1972 Gogols Revisor ins Theater brachte und die Regierung das Stück nach nur drei Aufführungen absetzte, floh er ins Exil. Von der Absetzung erfuhr Pintilie aus den Abendnachrichten, ein Mann verlas die Nachricht, als sei es, sagte Pintilie einige Jahre später, "eine Naturkatastrophe oder eine Kriegserklärung". In Frankreich und den USA inszenierte Pintilie fortan Opern und Theaterstücke. Im Jahr 1981 kehrte er vorübergehend nach Rumänien zurück, um Ion Luca Caragiales Stück Warum klingeln die Glocken, Mitica? zu verfilmen. Bevor er die Dreharbeiten beenden konnte, wurde der Film verboten. Heute zählt er zu den bedeutendsten der rumänischen Kinogeschichte.

Rumänien sei ein paradoxes Land, zugleich sei es seine "Grundnahrung", hat Pintilie einmal gesagt, nach der Revolution, nachdem das Ehepaar Ceaușescu im Wintermantel erschossen worden war. Und viele Filme nach seiner Rückkehr lassen sich zwar als politische Filme, aber zunächst als ästhetisch stark stilisierter Ausdruck dieser Paradoxie begreifen: die Gleichzeitigkeit von Untröstlichkeit und Hoffnung, Horror und Komik, Grauen und Erlösung. Als Reaktion auf den Umsturz drehte er Balanţa (deutsch: Baum der Hoffnung, 1992), ein rasender, surrealer Film über die Liebe zweier Außenseiter in der desolaten Leere nachrevolutionärer Zeiten, so als wollte Pintilie einen Satz von sich auf die Leinwand bringen: Rumänien sei das einzige Land in Europa, "in dem sich die überraschendsten Dinge abspielen und niemand darüber staunt".

... Und es gibt natürlich die "dummen, fühllosen, grausamen Vögel", wie der Dramatiker Eugène Ionesco sie vielleicht genannt hätte, an denen Pintilie rumänische Geschichte auch als Gewaltgeschichte erzählt hat. Man begegnet ihnen etwa in An Unforgettable Summer (1994), einem Film am kargen Saum Rumäniens zwischen den zwei Weltkriegen, in dem Pintilie seine Groteske erzählt von Nationalismus, Faschismus, Moral und Dekadenz.

... Nun ist Lucian Pintilie, einer der wichtigsten Regisseure des rumänischen Avantgardekinos, im Alter von 84 Jahren in Bukarest gestorben. 


Aus: "Lucian Pintilie: Anarchie und die letzten Funken Trost" David Hugendick (17. Mai 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/film/2018-05/lucian-pintilie-rumaenien-regisseur-film-nachruf/komplettansicht

Lucian Pintilie (* 9. November 1933 in Tarutino, Bessarabien, heute Ukraine; † 16. Mai 2018 in Bukarest)
https://de.wikipedia.org/wiki/Lucian_Pintilie