Author Topic: [Kunst, Macht, Idiologie, Politik, Unterhaltung ... ]  (Read 20349 times)

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[Eigentlich... ]
« Reply #15 on: March 11, 2015, 03:13:40 PM »
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[...] Eigentlich böte Zvyagintsevs Meisterwerk genügend Anlässe zu feiern. Schließlich gewann der Regisseur im Jahr 2014, das Putin zum "Jahr der Kultur" ausgerufen hatte, beim Filmfestival in Cannes den Preis für das beste Drehbuch. Aber der russische Kultusminister Vladimir Medinsky, dessen Ministerium den Film immerhin gefördert hatte, konnte sich nicht mit Leviathan anfreunden: "Sicher ist hier viel Talent zu sehen, aber ich mochte den Film nicht." Deutlicher wurde Medinsky im Januar diesen Jahres, nachdem Leviathan bei den Golden Globes als bester ausländischer Film ausgezeichnet worden war. Er sagte, er erkenne seine Landsleute in diesen ständig betrunkenen, mit Schimpfwörtern um sich werfenden Figuren nicht wieder. "Zvyagintsev scheint die Russen nicht zu mögen, dafür aber Ruhm, rote Teppiche und Filmpreise."

... Mehr noch als der Film selbst, so meinen Beobachter der Kulturszene in Russland, erzählten die Auseinandersetzungen um Leviathan über den Kampf der Herrschenden gegen die freie Kunst. Kritik an der Macht wird sofort als russlandfeindlich und unpatriotisch gebrandmarkt. Kürzlich erst musste der Leiter des Moskauer Filmmuseums gehen, weil er sich weigerte, sein Haus in den Dienst nationaler Propaganda zu stellen.

Die staatliche Filmförderung wird nach Leviathan sicher genauer hinsehen, welche Projekte sie mit Geldern unterstützt. Unabhängige Filmemacher wie Boris Chlebnikov (Ein langes und glückliches Leben, 2013) und Wasili Sigarew (Leben, 2011), deren Filme ähnlich düstere Gegenwartsbeschreibungen sind, werden es künftig noch schwerer haben. Patriotische Blockbuster wie das Kriegsepos Stalingrad oder der an nationalistischem Stumpfsinn schwer zu überbietende Legenda No. 17 über das sowjetische Eishockey-Team der Siebziger sind mehr nach dem Geschmack der offiziellen Politik.

... Eine kleine Episode aus der Rezeptionsgeschichte von Leviathan macht aber Hoffnung, dass die Menschen in Russland sehr wohl zwischen staatlicher Propaganda und dem offenen Blick der Kunst unterscheiden.

Die Bürgermeisterin des kleinen Fleckens Teriberka an der Barentssee, wo der Film gedreht wurde, hatte ihn zunächst verurteilt, weil er die Dorfbevölkerung als Trunkenbolde zeige. Spontan entschieden die Macher des Films daraufhin, die Welturaufführung in Teriberka stattfinden zu lassen. Danach waren Bürgermeisterin und Dorfbewohnerin voll des Lobes. Sogar der Vorsteher der Diözese Murmansk-Montjegorsk, in der Teriberka liegt, nannte den Film "ehrlich". Selbsterkenntnis ist schmerzhaft, aber möglich.

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   truth.will.out
    vor wenigen Sekunden

Leviathan

... Der einzige Grund, warum der Film im Westen bekannt ist, weil er Russland im negativen Bild darstellt (das Land von Alkoholikern und korrupten Politikern)


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   schna´sel
    vor 4 Minuten

Patriotische Blockbuster wie American Sniper?

"Patriotische Blockbuster wie das Kriegsepos Stalingrad [...] sind mehr nach dem Geschmack der offiziellen Politik."

Analog zu American Sniper? ...


http://www.zeit.de/kultur/film/2015-03/leviathan-film-russland-korruption?commentstart=1#cid-4560133


Aus: ""Leviathan": Ungeheuer Russland" (11. März 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/film/2015-03/leviathan-film-russland-korruption

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... Für die hat er kein Mitleid, keine Sekunde hat er an der Rechtmäßigkeit seiner Taten gezweifelt. "Wen auch immer ich erschossen habe, war böse. Ich hatte einen guten Grund für jeden Schuss."

In Chris Kyles Welt ist kein Platz für Grautöne, er sieht Schwarz und Weiß, Leben oder Tod. Für mehr sei im Krieg kein Platz, sagt er. Und so überrascht es kaum, dass Kyle die Erinnerungen an seinen blutigen Feldzug mit einem knappen Fazit schließt: "Sie hatten es alle verdient, zu sterben." Richter und Henker in einer Person. ...

Aus: "Legendärer US-Scharfschütze - Im Fadenkreuz des Teufels" Von Johannes Korge (12.01.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808538,00.html

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[...] American Sniper gilt als kontroversester Hollywoodfilm seit Jahren und hat in den USA eine emotionale Debatte ausgelöst. In seiner Heimat Texas wird Kyle als Kriegsheld und nach seiner Ermordung durch den Veteranen Eddie Routh 2013 als Märtyrer gefeiert, der unter großer öffentlicher Anteilnahme beerdigt wurde. Der texanische Gouverneur Greg Abbott ließ den Todestag als „Chris Kyle Tag“ ausrufen. Bekannte Republikaner wie Newt Gingrich oder Sarah Palin empfahlen den Film als patriotisches Meisterwerk. Selbst die pazifistische Schauspielerin Jane Fonda sieht ihn als würdigen Erben für ihren Antikriegsfilm Coming Home. Hingegen verkörpert für den Fernsehmoderator Bill Maher der Film den „amerikanischen Faschismus“. Das Arabisch-Amerikanische Antidiskriminierungskomitee (American-Arab Anti-Discrimination Committee) äußerte, dass nach der Veröffentlichung Angriffe auf Araber und Muslime zugenommen hätten. Zusammen mit weiteren Stimmen wird Eastwood vorgeworfen, geschichtsrevisionistisch den Irakkrieg als Reaktion auf die Terroranschläge des 11. September 2001 darzustellen. Der Film blende aus, dass die US-Regierung den Irakkrieg durch die vermeintliche Bedrohung durch Iraks Massenvernichtungswaffen legitimierte, nicht mit den Terroranschlägen in New York. Chris Hedges warf dem Film vor, dem Waffenkult Vorschub zu leisten und einen blinden Militarismus zu propagieren. Noam Chomsky warf die Frage auf, was die Verehrung eines kaltblütigen Killers mittels eines Kinofilms über das amerikanische Volk aussage. ...

... „Eastwood entwirft ein einseitiges Bild des Krieges, das man allenfalls damit entschuldigen kann, dass man behauptet, der Regisseur wolle die Binnensicht seiner Figur wiedergeben: Bis zum Ende des Films ist kein einziger normaler irakischer Zivilist zu sehen. […] Propaganda, darunter versteht man Überredung statt Überzeugung. […] In diesem Sinne ist "American Sniper" das Schulbeispiel eines Propagandafilms.“
– Rüdiger Suchsland: Deutschlandfunk

... „Es [ein *vielköpfiges Ambivalenzmonster'] ist, das offenbaren dann schon die ersten Minuten im Kino, ein schlankes, ziemlich agiles Biest. Clint Eastwood, der Regisseur, hat es handwerklich sauber und ziemlich spannend gestaltet. Inhaltlich ist es voll cleverem Understatement, geschickter Entscheidungen und heimlicher Tücke, mit ein paar schmutzigen Ideologiebomben am Wegesrand.“
– Tobias Kniebe: Süddeutsche Zeitung

... Die obere Landesbehörde Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) vergab das Prädikat besonders wertvoll:

    „Und obwohl Eastwood in seiner Erzählung die Kriegsanstrengungen selbst nicht hinterfragt, zeigt er jedoch klar auf, was der Krieg mit Menschen macht, wie er sie verändert und wie schwierig es ist, von der Front nach Hause zu kommen. Denn den Krieg nimmt jeder Soldat in seinem Kopf mit. Mit AMERICAN SNIPER ist Clint Eastwood ein fesselnder und meisterlich fotografierter Film über den Krieg gelungen, der nicht dafür und nicht dagegen ist. Sondern eindrucksvoll davon erzählt.“
– Jury der Deutschen Film- und Medienbewertung: FBW

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Version vom 9. März 2015
Quelle: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=American_Sniper&oldid=139626109 (9. März 2015)

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/American_Sniper

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[...] Dass die russische Filmbehörde Leviathan für die Oscars eingereicht hat, obwohl der Film so gar nicht der von der Regierung gewünschten patriotischen Agenda entspricht, löste weithin Erstaunen aus. Hat es ihn auch selbst überrascht? Swjaginzew antwortet mit einem Monolog über die Schwierigkeiten, sich heute in Russland eine Karriere aufzubauen. Leise und bedächtig, aber mit unverhohlener Wut. „Wie auf einem Minenfeld, so fühlt es sich an, hier zu leben. Es ist schwer, überhaupt Perspektiven zu entwickeln, im Leben wie im Beruf, wenn man sich nicht den Werten des Systems unterwirft. Diese bescheuerte Gesellschaftsordnung ist der ewige Fluch unseres Landes. Über Konzepte wie Rechtsstaat oder Gleichberechtigung wird kaum geredet. Mir kommt es völlig sinnlos vor, in gleich welcher Situation, auf das Recht zu pochen. Ich bin jetzt 50 und in meinem Leben noch nie wählen gegangen. Weil ich mir sicher bin, dass es nichts nützt.“ Er holt Luft. „Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich war angenehm überrascht.“

...

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anatole france 11.03.2015 | 18:59

Auch hier in Deutschland, dieser ach so lupenreinen Demokratie und dem absoluten rechten, pardon - Rechtsstaat könnte man einen solchen Film drehen!
... Schön wäre es doch wirklich, wenn sich ein mutiger Regisseur mal den Themen Korruption in Deutschland (z.B. BER), Steuerbetrug, nicht aufgearbeiteten Faschismus, politische Hörigkeit gegenüber den USA, Mietwucher, Drogenhandel usw. annehmen würde!

Ob wohl die Bundesregierung einen solchen Film finanzieren würde?...


"Sie haben den Wal: Porträt Andrei Swjaginzews Epos „Leviathan“ wurde für die Oscars eingereicht. Dabei könnte man den Russen als Regimekritiker bezeichnen" (11.03.2015, Ausgabe 11/15)
https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/sie-haben-den-wal

« Last Edit: March 12, 2015, 01:30:14 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Das 11. Plenum... ]
« Reply #16 on: December 14, 2015, 03:47:32 PM »
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[...] Vor 50 Jahren begann mit dem „Kahlschlag“-Plenum der SED-Führung eine beispiellose Unterdrückung der DDR-Künstler. Regisseure, Schriftsteller, Musiker und Theatermacher waren von der neuen Eiszeit in der Kulturpolitik betroffen. „Nihilismus“, „Pornografie“ und „Skeptizismus“ warfen die Hardliner um Erich Honecker den Kulturschaffenden vor. Zu den prominentesten Opfern gehörte Regisseur Kurt Maetzig, der mit seinem Liebesdrama „Das Kaninchen bin ich“ in Ungnade fiel.

Der Film wurde 1965 auf dem vom 15. bis 18. Dezember dauernden 11. Plenum des SED-Zentralkomitees zusammen mit fast einem ganzen Jahrgang von DEFA-Filmen verboten. „Das Kaninchen bin ich“ erzählt von einem Mädchen, das nicht studieren darf, weil sein Bruder wegen „staatsgefährdender Hetze“ im Gefängnis sitzt. Die junge Frau verliebt sich dann unwissentlich in den Richter, der für das harte Urteil verantwortlich ist und entlarvt den Mann als feigen Opportunisten.

Die rigide Kulturpolitik hatte auch Folgen für Regisseur Frank Beyer. Sein mit Manfred Krug prominent besetzter Film „Spur der Steine“ über den Konflikt zwischen einer Bauarbeiter-Brigade und einem Parteisekretär wurde 1966 nach nur wenigen Aufführungen verboten. Einer der vielen Keller- oder Regalfilme, die statt auf die Leinwand zu kommen in den Tiefen des Archivs verschwanden. Beyer erhielt „Hausverbot“ bei der DEFA. Erst nach der Wende konnte „Spur der Steine“ wieder im Kino gezeigt werden.

Beyer erinnerte sich nach dem Mauerfall an die damaligen Drohungen der Partei: „Wer die Hand gegen die Arbeiterklasse erhebt, dem wird sie abgehauen.“ Der Filmemacher kommentierte das 1991 so: „Wir haben doch nur den kleinen Finger erhoben zu einer Wortmeldung.“

Den Künstlern wurde vorgeworfen, die Realität falsch, zu kritisch und schwarzseherisch darzustellen. „Nihilistisch war jede Positionierung, die sich nicht der ideologischen Anleitung durch die Partei unterwarf - also jede Form von Individualismus war dieser Funktionärskaste, die alles auf eine kontrollierbare Linie bringen wollte, ein Dorn im Auge“, sagt Autor und Deutschlandfunk-Redakteur Marcus Heumann, der für sein Audiofeature „Das Kahlschlag-Plenum“ Originaltöne des Plenums und Gespräche mit Zeitzeugen zusammengestellt hat.

Auch für Musiker begann eine Eiszeit. „Im Prinzip hat das 11. Plenum die gesamte, noch relativ junge Beat-Szene der DDR auf einen Schlag ins Jenseits befördert“, sagt Heumann. „Alle Bands, die englische Texte sangen, wurden rundweg verboten. Es wurden auch böse Tricks angewandt. Die Amateurmusiker haben dann einfach alle ihren Einberufungsbefehl bekommen - an möglichst weit entfernt und weit auseinanderliegende Orte. Damit waren die Bands erledigt. Zudem wurde ein Musikerberufsausweis eingeführt. Jeder, der in der DDR eine Bühne betreten wollte, musste vor einer staatlichen Kommission ein Probevorspiel ablegen.“

Die Schriftstellerin Christa Wolf saß damals als ZK-Kandidatin in der „Kahlschlag“-Sitzung - und hielt dagegen, forderte Freiheit für die Kultur. Kunst sei nun einmal nicht möglich ohne Wagnis. Ein mutiger Auftritt. „Sie war die Einzige, die mahnende Worte gegen diesen sich abzeichnenden Kulturkampf gesprochen hat“, sagt Heumann.

Für die 2.400 Mitarbeiter der DEFA-Studios musste die Arbeit trotzdem weitergehen, wie Ralf Schenk, Vorstand der DEFA-Stiftung erzählt. „Man musste ganz schnell Stoffe suchen, um neue Filme zu produzieren.“ Die Realisierung einer so großen Gruppe von Filmen, die sich kritisch mit der Gegenwart auseinandersetzen, sei aber bis zum Ende der DDR nicht mehr möglich gewesen.

Die Retrospektive der Berlinale (11.-21.2.) erinnert unter dem Titel „Deutschland 1966 - Filmische Perspektiven in Ost und West“ an den Wendepunkt im deutschen Kino - der vor 50 Jahren mit einem künstlerischen Aufbruch auf beiden Seiten der Mauer begonnen hatte. „Im Westen stellen sich Autorenfilmer den Widersprüchen der Wirtschaftswunderzeit, im Osten hinterfragen junge Regisseure den sozialistischen Alltag“, so das Festival. Während der Neue Deutsche Film der internationalen Durchbruch schaffte, landeten die Werke der DDR-Filmer im Giftschrank.

Noch bis zum 20. Dezember werden auch in der Kinemathek-Reihe „Sturm und Zwang. DEFA-Filme vor und nach dem Verbotsplenum“ im Berliner Zeughauskino die zwölf geschmähten Regiearbeiten und weitere, früher oder später verbotene Werke gezeigt. Dazu gehören Frank Vogels „Denk bloß nicht ich heule“, Jürgen Böttchers „Jahrgang 45“ und Herrmann Zschoches „Karla“. Das Filmmuseum Potsdam erinnert mit der Schau „Gestört. Verhindert. Zensiert“ (bis 6. März) an den Kultur-Kahlschlag. (dpa)


Aus: "Filme verboten, Bücher verbannt und Auftritte untersagt" Elke Vogel (14.12.2015)
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/kultur/kultur-kahlschlag-in-der-ddr-vor-50-jahren-filme-verboten--buecher-verbannt-und-auftritte-untersagt,10809150,32923252.html


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« Reply #17 on: March 20, 2017, 10:38:09 AM »
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[...] Im Bundesstaat Arizona hat eine Künstlerin ihre Kritik an der neuen Regierung auf ziemlich drastische Weise vorgebracht - oder, besser gesagt: angebracht.

Seit wenigen Tagen ist in der Millionenmetropole Phoenix ein Plakat zu sehen, das Donald Trump neben Symbolen zeigt, die unzweideutig an die Hakenkreuze aus der Zeit des Nationalsozialismus angelehnt sind. Die schwarzen Symbole, die offenbar stilisierte Dollar-Zeichen darstellen sollen, sind auf einem weißen Kreis vor rotem Hintergrund zu sehen - die Ähnlichkeit zur Flagge des Deutschen Reichs während des Zweiten Weltkriegs ist kaum zu übersehen.

Doch Trump wird nicht nur in die Nähe des NS-Regimes gerückt, sondern auch als Gefahr für den Weltfrieden dargestellt: Neben dem ernst dreinschauenden Konterfei des Republikaners sind zwei große Atompilze zu sehen, die grinsende Clownsfratzen bilden. Sie sehe auf diesem Plakat "Macht, Geld und Diktatur", sagte die Künstlerin Karen Fiorito der Nachrichtenagentur Reuters.

"Ich glaube, viele Leute denken so und ich versuche nur auszudrücken, was derzeit in den Köpfen vieler Leute vor sich geht", sagte sie der US-Nachrichtenseite "12News" über das Plakat. Was ihr wirklich zu schaffen mache, sei die Vorstellung einer Diktatur in USA, sagte Fiorito: "Ich versuche in Dinge, die wirklich dunkel und schwer zu ertragen sind, etwas Humor einzubauen."

Die Reaktionen auf das Plakat seien äußerst heftig, sagte die Künstlerin weiter: "Da ist eine Menge Hass. Die Dinge eskalieren derzeit sehr schnell." Sie habe inzwischen auch Morddrohungen erhalten.

Die Macher der Plakate wollen nicht klein beigeben. Dem Bericht zufolge will die Eigentümerin der Werbefläche, Beatrice Moore, das Plakat trotz Morddrohungen hängen bleibe. Und zwar so lange, wie Trump Präsident sei.


Aus: "Plakat zeigt Donald Trump mit Pseudo-Hakenkreuzen" (20.03.2017)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/donald-trump-auf-plakat-in-usa-mit-pseudo-hakenkreuzen-gezeigt-a-1139517.html

http://www.12news.com/mb/news/politics/owner-of-phoenix-trump-billboard-it-will-stay-up-as-long-as-trump-is-president/423507653

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« Reply #18 on: May 17, 2018, 09:49:36 AM »
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[...] Pintilie: Im Jahr 1933 in Tarutino (heute Ukraine) geboren und aufgewachsen. Als Jugendlicher, so sagte er selbst, meist alkoholisiert und apolitisch, bis er als Student der Bukarester Theaterhochschule zwangsläufig Opfer der strengen Zensur wurde. Sein Regiedebüt habe Nicolae Ceaușescu höchstpersönlich verboten. So geht zumindest die Legende.

Pintilie sollte es dann sein, der in seinem Film Reconstituirea (deutsch: Die Rekonstruktion, 1968) das kommende Grauen in Rumänien vorwegnahm, zu einer Zeit, da viele das Land noch für liberal hielten. In Reconstituirea müssen zwei jugendliche Rowdys ihre Kneipenschlägerei vor einer Kamera noch einmal für pädagogische Zwecke nachspielen, um die rumänische Gesellschaft vor den Folgen der Trunkenheit zu warnen. An einem Gebirgsbach, umgeben von Wald und Heimatidylle, befehlen Soldaten den beiden verwirrten Jungen immer wieder und immer strenger, sich endlich zu prügeln, dazu das Grölen der Meute aus dem Off, ein Schreckensregime des Jubels. Es ist die erbarmungslose Wiederholung von Gewalt und Aggression, von Erniedrigung und Machtmissbrauch, der die beiden mitleiderregenden Hauptfiguren allgemach in ihr Unglück treibt.

"Weißt du, was der Unterschied zwischen einem Affen und einem Menschen ist?", fragt einer der zwei Jugendlichen den anderen. "Der Affe braucht keinen Personalausweis."

Die rumänische Kulturbehörde verbot den Film sogleich, sie sah darin eine Anstiftung zum Widerstand gegen einen Staat, an dessen Spitze ein Mann stand, der in den (damals noch zahlreichen) Kinos des Landes opulente Historiendramen und systemstabilisierende Kostümfilme sehen wollte und abends im Privatkino seiner Villa amerikanische Krimiserien. Jemand wie Pintilie galt als Staatsfeind. ...

Als er 1972 Gogols Revisor ins Theater brachte und die Regierung das Stück nach nur drei Aufführungen absetzte, floh er ins Exil. Von der Absetzung erfuhr Pintilie aus den Abendnachrichten, ein Mann verlas die Nachricht, als sei es, sagte Pintilie einige Jahre später, "eine Naturkatastrophe oder eine Kriegserklärung". In Frankreich und den USA inszenierte Pintilie fortan Opern und Theaterstücke. Im Jahr 1981 kehrte er vorübergehend nach Rumänien zurück, um Ion Luca Caragiales Stück Warum klingeln die Glocken, Mitica? zu verfilmen. Bevor er die Dreharbeiten beenden konnte, wurde der Film verboten. Heute zählt er zu den bedeutendsten der rumänischen Kinogeschichte.

Rumänien sei ein paradoxes Land, zugleich sei es seine "Grundnahrung", hat Pintilie einmal gesagt, nach der Revolution, nachdem das Ehepaar Ceaușescu im Wintermantel erschossen worden war. Und viele Filme nach seiner Rückkehr lassen sich zwar als politische Filme, aber zunächst als ästhetisch stark stilisierter Ausdruck dieser Paradoxie begreifen: die Gleichzeitigkeit von Untröstlichkeit und Hoffnung, Horror und Komik, Grauen und Erlösung. Als Reaktion auf den Umsturz drehte er Balanţa (deutsch: Baum der Hoffnung, 1992), ein rasender, surrealer Film über die Liebe zweier Außenseiter in der desolaten Leere nachrevolutionärer Zeiten, so als wollte Pintilie einen Satz von sich auf die Leinwand bringen: Rumänien sei das einzige Land in Europa, "in dem sich die überraschendsten Dinge abspielen und niemand darüber staunt".

... Und es gibt natürlich die "dummen, fühllosen, grausamen Vögel", wie der Dramatiker Eugène Ionesco sie vielleicht genannt hätte, an denen Pintilie rumänische Geschichte auch als Gewaltgeschichte erzählt hat. Man begegnet ihnen etwa in An Unforgettable Summer (1994), einem Film am kargen Saum Rumäniens zwischen den zwei Weltkriegen, in dem Pintilie seine Groteske erzählt von Nationalismus, Faschismus, Moral und Dekadenz.

... Nun ist Lucian Pintilie, einer der wichtigsten Regisseure des rumänischen Avantgardekinos, im Alter von 84 Jahren in Bukarest gestorben. 


Aus: "Lucian Pintilie: Anarchie und die letzten Funken Trost" David Hugendick (17. Mai 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/film/2018-05/lucian-pintilie-rumaenien-regisseur-film-nachruf/komplettansicht

Lucian Pintilie (* 9. November 1933 in Tarutino, Bessarabien, heute Ukraine; † 16. Mai 2018 in Bukarest)
https://de.wikipedia.org/wiki/Lucian_Pintilie

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« Reply #19 on: June 20, 2019, 12:27:58 PM »
Quote
[...] Wrestling ist eine professionelle Kunstform, die verschiedene Aspekte aus sportlicher Höchstleistung, Akrobatik und Unterhaltung miteinander kombiniert. Es ist wie ein Non-Stop Actionfilm, mit dem Unterschied, dass ein Wrestler sowohl Schauspieler als auch Stuntman zur selben Zeit ist. ...


Aus: "Ist Wrestling Kunst oder Sport?" (13. Oktober 2017)
Quelle: https://www.kielerexpress-online.de/veranstaltungen/ist-wrestling-kunst-oder-sport/

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[...] Wrestling ist vulgäre amerikanische Massenunterhaltung. Es ist laut, obszön und voller Pathos. Die Donald-Trump-Version von Unterhaltung: Absoluter Unsinn wird mit absoluter Ernsthaftigkeit vorgetragen. Ich liebe es. ... Wrestling ist Fake – schon klar, weiß jeder. Die Zeiten sind vorbei, als man Fans unterteilen konnte in marks – jene, die Wrestling für echt hielten – und smart marks – die, die wussten, dass es eine Show ist. Heute gibt es nur noch smart marks, kurz smarks genannt. Aber das macht die Sache erst richtig interessant. Denn dadurch wird Wrestling zu einer einzigartigen Meta-Serie, die von einem Wrestling-Wettbewerb handelt und in der sich Realität und Inszenierung auf bizarre Weise vermischen.

... Der Ausrichter des Kampfbetriebs, die Firma World Wrestling Entertainment (WWE), ist sich bewusst, dass er es heute mit einem Publikum zu tun hat, das genau weiß, was Sache ist. Um die Spannung dennoch hoch zu halten, wird das, was hinter den Kulissen der Kämpfe passiert, als Plot vor die Kamera gezerrt: Der bei den Fans unbeliebte Chef der Firma spielt auch vor der Kamera den unbeliebten Chef. Der ehrgeizige Wrestler, der aufgestiegen ist, weil er die Tochter des Chefs geheiratet hat, ist tatsächlich ihr Ehemann – und ist dadurch aufgestiegen. Wenn ein Fanliebling den Ring besteigt und 20 Minuten darüber redet, wie sehr ihn die Firma nervt und unten hält, dann ist das eine von Drehbuchautoren angespitzte Version seines echten Frusts. Die WWE-Strategen denken sich nicht nur fortwährend aus, wie sie Gut und Böse möglichst effektvoll aufeinanderhetzen, sondern auch, wie sie die wahren Charaktere der Kämpfer für ein Spektakel zweiter Ordnung nutzen können. Bei diesem Doppelspiel zuzusehen ist die wahre Freude am Wrestling. Weil man sich einerseits nie sicher sein kann, was echt ist und was nicht. Und andererseits das Gefühl hat, etwas zu durchschauen, was kein anderer erkennt.

... Bei alldem ist das Publikum Teil der Inszenierung. Denn es muss ja an der richtigen Stelle jubeln, den richtigen Wrestler gut und den richtigen blöd finden. Weshalb es besonders spannend wird, wenn die Fans das vorgesehene Skript verweigern, wie neulich beim letzten Kampf der Wrestlemania. Da trat der junge, aufstrebende Superstar Roman Reigns gegen den alten, fiesen Bösewicht Triple H an. Der hatte erst einige Wochen zuvor seine Machtposition als Schwiegersohn des WWE-Chefs ausgenutzt, um Reigns den Titel abzuknöpfen.

Die Fehde fand bei der Wrestlemania ihren Höhepunkt. Reigns gewann den Kampf, der Fiesling war geschlagen, das Gute hatte gesiegt – alles wie geplant. Doch als Reigns die Titel-Trophäe triumphierend in die Höhe hielt, um sich feiern zu lassen, da buhte ihn die ganze Halle aus. Denn der schöne, wackere Reigns ist den Fans einfach zu langweilig. Und sie wollen sich von keinem Drehbuch vorschreiben lassen, ihn zu bejubeln. In solchen Momenten ist Wrestling viel echter als das meiste, was sonst im Fernsehen läuft.


Aus: "Wrestling: Das gehört nicht ins Feuilleton" Francesco Giammarco (21. Juli 2016)
Quelle: https://www.zeit.de/2016/29/bekenntnisse-wrestling-wwe-fernsehen

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[...] Zwei Männer stehen sich gegenüber. Auf der einen Seite: eine glatzköpfige Ansammlung von Muskelmasse namens „Goldberg“. Sein Kontrahent ist der zwei Meter große „Undertaker“, der als Bestatter seine Gegner vorzugsweise in Särge versenkt. Seit Jahrzehnten ist er das Gesicht des professionellen Wrestlings. Gleich werden die beiden aufeinander losgehen. Neun Minuten lang werden sie sich durch den Ring schleudern. Blut fließt. Es ist der Hauptkampf des „Super Showdown“, wie die Veranstaltung heißt. Keine Situation, bei der das Publikum normalerweise an Frauenrechtsbewegungen oder den Stellvertreterkrieg im Jemen denken würde. Wäre da nicht der Veranstaltungsort: Dschiddah in Saudi-Arabien.

Der „Showdown“ ist Teil eines Zehnjahresvertrags zwischen dem Unternehmen World Wrestling Entertainment (WWE), dem weltweit größten Anbieter von Wrestlingshows, und dem saudischen Königshaus. Hintergrund sind die „Vision 2030“-Reformpläne von Kronprinz Mohammed bin Salman. Die sollen das Land unabhängiger von der Ölindustrie machen. Dazu gehört unter anderem, als westlich geltende Unterhaltungsformen im Land einzuführen: Kinos, Rockkonzerte und eben auch Wrestling. Kritiker sehen darin vor allem den Versuch Saudi-Arabiens, von den weiterhin massiven Menschenrechtsverletzungen im Land abzulenken.

Zwei Wettkämpfe veranstaltete die WWE bereits seit April vergangenen Jahres in dem Königreich, der „Super Showdown“ ist nun Event Nummer drei. Für die Veranstalter gilt die Auflage: Frauen sind zwar in männlicher Begleitung auf den Zuschauerrängen erlaubt, Wrestlerinnen dürfen an den Schaukämpfen aber nicht teilnehmen. „Man kann einem Land oder einer Religion nicht vorschreiben, wie eine Sache handhaben“, verteidigte WWE-Vizepräsident Paul Levesque den Vertragsabschluss im Interview mit dem „Independent“. „Wir können keine Veränderungen bringen, wenn wir nicht vor Ort sind.“ Trotz Versprechungen, dass es bald zu einem Frauen-Match kommen könnte, sind viele Fans skeptisch. Mehrere wichtige Athleten weigern sich, an den Shows teilzunehmen.

Grund dafür sind auch die propagandistischen Elemente der Show. Bei der ersten Veranstaltung im April 2018 wurden vier saudische Jungtalente für ein Interview in den Ring geführt, nur um in einem inszenierten Akt unterbrochen zu werden. Der Wrestler Ariya Daivari stapfte zusammen mit seinem Bruder in die Arena, eine riesige Flagge des saudischen Erzfeindes Iran schwenkend. Unter Buh-Rufen des Publikums verspotteten die Daivari-Geschwister die Nachwuchswrestler.

Es kam zu einem kurzen Gefecht, in dem sich die vier Saudis – natürlich – als überlegen bewiesen und die Vertreter des Irans mit Leichtigkeit in die Flucht schlugen. Beim „Showdown“ am Freitag gab es dann die Fortsetzung der Geschichte: Einer jener Jungwrestler kehrte nach Dschiddah zurück, um sich – entgegen aller Wahrscheinlichkeiten – in einem Kampf gegen 49 Wrestler durchzusetzen.

Wie viel WWE an dem Zehnjahresvertrag verdient, wurde bislang nicht veröffentlicht. Ein Blick auf die Quartalszahlen des Wrestling-Veranstalters lässt jedoch eine Schätzung zu. Demnach könnten die ersten beiden Shows in Saudi-Arabien der WWE jeweils bis zu 40 Millionen Dollar eingebracht haben.

Die Zusammenarbeit mit dem Königshaus ist nicht das erste Mal, dass sich das WWE-Unternehmen und die Politik verstricken. Im Gegenteil: Es gehört zur Firmengeschichte. Die McMahon-Familie, Inhaber des Unternehmens, pflegt enge Verbindungen zu Donald Trump. In den Achtzigern stellte Trump mehrfach den Veranstaltungsort für „Wrestlemania“, die größte Wrestlingshow des Jahres. 2007 stieg Familien- und Firmenoberhaupt Vince McMahon gegen Trump in einem „Battle of the Billionaires“ – der Schlacht der Milliardäre – in den Ring. 2013 wurde Trump in die Hall of Fame der WWE aufgenommen.

Noch deutlicher sind die Verbindungen bei McMahons Ehefrau Linda. Nach der US-Wahl 2016 wurde sie Teil von Trumps Kabinett. Dort leitete Linda McMahon die Mittelstandsbehörde, ehe sie im April als Vorsitzende zur Lobbygruppe America First Action (AFA) wechselte. Es ist eine Position, die von zentraler Bedeutung für eine mögliche Wiederwahl Trumps im Herbst 2020 sein könnte. Wie „Politico“ berichtet, plant AFA, 300 Millionen Dollar an Spenden für den Präsidenten zu sammeln – knapp ein Drittel der Gelder, die Republikaner momentan für den Wahlkampf anstreben würden.

Die Fans der WWE hingegen unterstützen tendenziell deutlich die Kandidaten der Demokraten, wie eine Studie von 2012 nahelegt. Diese Spannung ist kein Widerspruch, sondern Teil des Konzepts: Tritt Vince McMahon als Charakter in seiner eigenen Show auf, wird er oft von Publikums-Chören empfangen, die ihm „Arschloch“ entgegenbrüllen. McMahon spielt einen Schurken, wie es sie zahlreich im Wrestling gibt. Jemand, den man hassen soll, damit die Helden besser dastehen. Er ist der Archetyp des geldgierigen Milliardärs, der seine Angestellten quält und die Moral dem Gewinn opfert. Dass dabei regelmäßig die Grenze zwischen Kunstfigur und Realität verschwimmen, macht ihn als Schurken nur noch glaubwürdiger.


Aus: "Deal mit Saudi-Arabien: Wrestling im Auftrag von Autokraten" Markus Lücker (19.06.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/deal-mit-saudi-arabien-wrestling-im-auftrag-von-autokraten/24474316.html


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« Reply #20 on: July 23, 2019, 12:50:03 PM »
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[...] Viereinhalb Jahre Haft wegen eines Dokumentarfilms, sieben Jahre wegen eines Kommentars zu einer Fernsehserie, ein Jahr wegen einer Handbewegung auf der Bühne – und das ist nur die Bilanz von einer Woche: In der Türkei werden Kunst und Kultur derzeit geknebelt wie nie zuvor. Mit den Vorwürfen der Volksverhetzung oder Propaganda für eine Terrororganisation werden Meinungsäußerungen von Kulturschaffenden verfolgt, Kritik an der Regierung wird als Beleidigung des Staatspräsidenten oder gleich als Hochverrat geahndet, Jugendkultur wird als Verherrlichung von Drogenkonsum abgeurteilt – und keiner kann je wissen, aus welcher Ecke der nächste Angriff auf die Freiheit der Kunst kommt.

Neue Qualität hatte es jedenfalls – sogar für die Türkei –, als die Dokumentarfilmer Ertuğrul Mavioğlu und Çayan Demirel in dieser Woche für ihren Film „Bakur“ zu jeweils vier Jahren und sechs Monaten im Gefängnis verurteilt wurden. Der Film entstand 2013/14 während der Friedensverhandlungen zwischen der kurdischen PKK und der türkischen Regierung in den PKK-Lagern im Nordirak, um der türkischen Öffentlichkeit einen Einblick in die Realität der Rebellen zu geben. Als die Friedensgespräche 2015 zusammenbrachen, wurde er in der Türkei verboten und seither auf internationalen Festivals in einem halben Dutzend Ländern gezeigt.

 „Terrorpropaganda“, urteilte ein Strafgericht im südostanatolischen Batman am Donnerstag und verurteilte die beiden Filmemacher, die bei der Verhandlung nicht anwesend waren. „Wir hatten unsere Schlussworte noch gar nicht sprechen können“, empörte sich Mavioğlu. „Diese schweren Strafen sind verhängt worden, um alle abzuschrecken, die Filme drehen, Artikel schreiben, die Wahrheit suchen“, schrieb der Filmemacher und Journalist auf Twitter. „Lasst euch bloß nicht abschrecken davon, übt keinesfalls Selbstzensur deshalb“, beschwor er seine Landsleute. „Wir haben so viel überstanden, wir werden auch diese Tyrannei überstehen.“

Weniger kämpferisch nahm die Bloggerin und Influencerin Pınar Karagöz ihre Verurteilung zu sieben Jahren Haft auf. „Sieben Jahre! Wegen eines Tweets! Was habe ich euch denn getan, was soll nun aus mir werden?“, schrie die junge Frau schluchzend in einem Post auf Instagram, wo sie unter ihrem Künstlernamen „Pucca“ fast 700 000 Anhänger hat. In einem Tweet hatte sie sich scherzhaft bewundernd über Figuren der US-Fernsehserie „Narcos“ geäußert, die das Leben des kolumbianischen Drogendealers Pablo Escobar zum Gegenstand hat. „Verherrlichung von Drogenkonsum“, urteilte ein Istanbuler Strafgericht. „Sieben Jahre wegen eines Tweets über Escobar! Escobar selbst hat nicht so viel bekommen“, entsetzte sich die Bloggerin mit rot geweinten Augen und ihrem kleinen Sohn im Hintergrund.

Die Sängerin Zuhal Olcay unterlag inzwischen vor dem Berufungsgerichtshof mit ihrem Einspruch gegen eine knapp einjährige Haftstrafe wegen „Beleidigung des Staatspräsidenten“, die ihr ein Denunziant im Publikum vor zwei Jahren einhandelte. Bei dem Konzert in Istanbul hatte sie eine Strophe eines bekannten Liedes umgedichtet auf Recep Tayyip Erdoğan und davon gesungen, dass seine Zeit auch einmal vorbei sein werde. Darauf wählte ein Zuschauer die Notrufnummer der Polizei und zeigte sie an. Besonders zur Last gelegt wurde der Sängerin, dass sie beim Singen ihrer Zeilen über Erdogan eine abschätzige Handbewegung gemacht habe, berichtete die türkische Presse. „Ein Schande“ sei das Urteil, solidarisierte sich der weltbekannte Pianist Fazal Say am Freitag mit Olcay.

Bereits im Mai war der Rapper Ömer Sercan İpekçioğlu, der unter dem Namen „Ezhel“ auftritt, von der Istanbuler Polizei festgenommen worden. Er soll in seinen Liedtexten und in Kommentaren in sozialen Medien Cannabiskonsum verherrlicht haben. Die Anklage forderte bis zu zehn Jahre Haft. Es war bereits das zweite Mal, dass Ezhel bei der Justiz aneckt. Amnesty International und Unterstützer der Twitter-Kampagne „#FreeEzhel“ setzten sich für den Künstler ein, der schließlich einen verständnisvollen Richter fand: In einer nicht einmal zehnminütigen Gerichtsverhandlung wurde er nach drei Wochen Untersuchungshaft freigesprochen.

Solche Urteile sind aber die Ausnahme angesichts einer eskalierenden Tendenz zur Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Kunst und Kultur in der Türkei. Die kurdische Malerin Zehra Doğan saß bis zum Frühjahr zwei Jahren in Haft, nachdem sie sie unter anderem für ein Gemälde wegen „Terrorpropaganda“ verurteilt wurde. Der Kulturmäzen Osman Kavala, der sich für das Kulturerbe von Griechen, Armeniern und Juden in Anatolien einsetzte, befindet sich seit fast zwei Jahren in Untersuchungshaft; ihm wird Hochverrat vorgeworfen, weil er sich bei den Gezi-Protesten engagiert hat.


Aus: "Kultur in der Türkei unter Druck: Sieben Jahre Haft für einen Tweet" Susanne Güsten (22.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/kultur-in-der-tuerkei-unter-druck-sieben-jahre-haft-fuer-einen-tweet/24687920.html


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« Reply #21 on: August 29, 2019, 12:43:05 PM »
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[...] Gleich am Tag nach der Ernennung Hitlers zur Reichskanzler stürmte ein SA- Trupp seine Wohnung und das Atelier. Zum Glück hatte Grosz ein paar Tage zuvor Berlin verlassen, um in New York an einer Kunstschule zu lehren. Schon im März 1933 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen und 300 seiner Werke aus öffentlichen und privaten Sammlungen als „entartete Kunst“ beschlagnahmt. Auch das Vermögen seiner Frau Eva hat der NS-Staat eingezogen.

In den USA gehörte Grosz zu den prominenten Exilanten, doch der scharfe Strich, mit dem er Spießer, Militärs, Huren, Krüppel und Arbeitslose gezeichnet hatte, ging verloren. Die meisten Emigranten tun sich schwer, ihr Zufluchtsland so schonungslos anzugreifen wie das eigene. ...


Aus: "Georg Grosz im Kollwitzmuseum: Ein Künstler wird zerstört" (29.08.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/georg-grosz-im-kollwitzmuseum-ein-kuenstler-wird-zerstoert/24951730.html

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« Reply #22 on: September 16, 2019, 11:02:39 AM »
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[...] Man muss nicht schon wieder Guy Debords "Gesellschaft des Spektakels" (1967) zitieren, um auf ein seltsames gesellschaftliches Phänomen hinzuweisen. Es gibt ein immer Mehr an Büchern, Filmen, Comedians, Talkshows und ein immer Weniger an echter Berührung. Das ist so, als würde man langsam vor dem Tisch verhungern, der sich unter der Fülle an Speisen durchbiegt.

... Hypothese eins: Zeitgenössische Kulturprodukte langweilen, weil es nicht wirklich Neues (Wahrhaftiges) gibt

Das ist natürlich schon starker Tobak, da es angesichts der Vielzahl an Buchneuerscheinungen und produzierten Filmen gar nicht möglich ist, einen Überblick zu behalten, geschweige denn wirklich Kenntnis zu haben. Und hochnäsig gegenüber all den Kreativen, die sich abmühen. Und man ist dann ganz schnell beim Spenglerschen Untergang des Abendlandes.

Der ab 1910 von einem leistungslosen Vermögen (Erbe) lebende Lehrer wähnte sich ja in einer Untergangsphase der Kultur und sah überall nur Niedergang: im Theater, in der Literatur, in der Musik, eben in dem "ganzen Stilplunder des heutigen Kunstgewerbes samt Malerei und Architektur". Wohin Oswald Spengler (1880 - 1936) auch blickte, sah er höchstens Mittelmaß, ergriff ihn Ekel. Die Zivilisation setze "anstelle des Denkertums früher Zeiten die intellektuelle männliche Prostitution in Rede und Schrift", der Mensch der Zivilisation sei "der formlos durch alle Großstädte flutende Pöbel", die "wurzellose städtische Masse", der "moderne Zeitungsleser".

Spengler ist konsequenter Kulturpessimist, es gibt keinen Ausweg, keine Alternative zum Untergang. "Optimismus ist Feigheit", schreibt er in "Der Mensch und die Technik" (1931). Und: "Wir sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns bestimmt ist. Es gibt keinen anderen." Spenglers Biograph Anton Mirko Koktanek weist darauf hin, dass Spenglers verengter Blick alles Neue seiner Zeit strikt ignoriert, von der Literatur (Stefan Zweig) über die Malerei (Kandinsky) bis zur Musik (Schostakowitsch). Koktanek: "In schmerzlichem Narzißmus spiegelt er sich nur in sich selbst, hört nur das Echo aus einer öden Welt."

Das wollen wir natürlich nicht wiederholen und deshalb die zweite These.
These 2: Es gibt zwar Neues, doch dies bleibt im Verborgenen, da es darüber keinen gesellschaftlichen Diskurs gibt

Damit richtet sich der Blick auf die Institutionen dieses Diskurses wie Film-, Literatur- oder Theaterkritiken. Man kann - was noch ausführlicher zu zeigen sein wird - schon vorab sagen, dass sich diese Diskurse ebenso wie ihre Institutionen (die gedruckte Zeitung) in der Krise befinden, allen voran die Filmkritik. Und auch hier wieder das Problem, den Zusammenhang zwischen zwei Variablen zu sehen: Ist die Krise der Kritik schlicht eine Krise des kritisierten Gegenstandes oder einfach selbstgemacht?

Aber stimmt das denn überhaupt mit der Krise? Handelt es sich nicht vielmehr um einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, wie Thorsten Jantscheck, Kulturredakteur beim Deutschlandradio, meint: "Literatur wird viel stärker als noch vor 20 Jahren als zeitdiagnostisches Medium gelesen, jenseits überzeitlicher Geltungsansprüche oder emphatischer Wahrheitsbegriffe, die von der Gutenberg- zur Adornogalaxis geführt haben, in welcher einem Celan-Gedicht der Sinnzusammenhang des Großen und Ganzen abzulauschen war. Und in der Schriftsteller in den Medien als großintellektuelle Deutungsinstanzen par excellence auftraten, egal ob es um den Nato-Doppelbeschluss oder um Naturkatastrophen ging."

Zeitdiagnostisches Medium? Es ist schon auch schwierig, nur allein mit den "Feuchtgebieten" (Charlotte Roche) durch das Leben zu kommen. Jantscheck singt hier das altbekannte Lied der Postmoderne, wonach die hergebrachten "Narrative" mit Wahrheitsanspruch sich verflüchtigt hätten, jetzt geht alles und steht alles gleichberechtigt nebeneinander - kosmopolitische taz-Leser nicken hier zustimmen und klappen den Laptop zu, während AfD-Wähler noch ein paar Hass-Postings in die Tasten hämmern.
These 3: Das Neue kommt nicht in Gestalt der Inhalte, sondern in der Form daher

Das ist dann ganz McLuhan: Das Medium ist die Botschaft. Die Kätzchenfotos sind nett wie immer, aber jetzt auch auf Instagram oder was sonst so gerade aus den Tiefen des Internets auftaucht. Das, was wirklich zählt, nämlich die Begegnung mit dem Anderen, dem "Du" von Martin Buber, wird ersetzt und verhüllt durch die Mechanik der Algorithmen.

Es ist ihr Leerlauf, der eine unendliche Zahl an Bildern liefert und damit die tiefe Langeweile erzeugt. Bei dieser These sind wir Mediologen ganz im Sinne Regis Debrays und fragen danach, was die Form für den Inhalt bedeutet.



Aus: "Oswald Spengler und die Feuchtgebiete" Rudolf Stumberger (15. September 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Oswald-Spengler-und-die-Feuchtgebiete-4521148.html

Quote
     Storchbraterei Ploing, 15.09.2019 12:32

Werte und Bewertung durch den Kapitalismus monetarisiert

Literatur, Film, Fernsehen, Computerspiele sind in einem mehr und mehr auf Monopole zusteuerndem Kapitalismus natürlich stark auf einen "Massengeschmack" ausgerichtet.
Dabei wird viel Geld in "Formoptimierung" und wenig in Inhalte investiert, denn neue Inhalte/Ideen werden zum finanziellen Risiko.

Bücher etwa bringen den Verlagen nur etwas bei riesigen Auflagezahlen Gewinn ein. Um diese zu erreichen werden auch aufwändige Werbe-Kampagnen für Bücher nur finanziert, wenn das Risiko eines Flops minimal sind - für "Experimente" - also wirklich Neues, bleibt da kein Platz.

Weitaus extremer wird das natürlich bei Class-A Filmen und Computerspielen, wo ein Heer hochbezahlter Spezialisten (Schauspieler, Musiker, CGI-Ersteller, ...) Produktionskosten von über 100 Mio Dollar verursachen, die in einem zeitlich engem Zeitraum auch wieder "eingespielt" sein müssen.

Dass in solch einer Atmosphäre kein Platz für Neuerungen ist, belastet natürlich auch die "Medienindustrie" und versucht (recht begrenzt) per Quersubventionierung neue Genres oder Ideen in Nischenmärkten auszuloten. Erfolge kommen dabei aber natürlich meist überraschend, auch wenn die richtige Zielgruppe mit vermeintlich passenden Inhalten adressiert wird. Das Massenpublikum wird dabei aber allenfalls verzögert darauf reagieren (wenn überhaupt).

Auch Monopolisten wie Amazon, Sony oder Steam versuchen daher ohne eigenes Kostenrisiko "Selbstverlag" von Büchern, Independent-Videos und Indy/Retro- Games zu fördern; auch ist Crowdfunding natürlich eine immer beliebter werdende Form der Finanzierung solcher Projekte, die das Kostenrisiko auf den künftigen Rezipienten abwälzt.

Kulturell hochwertige Inhalte gibt es also durchaus, es dauert aber, bis diese in den Mainstream gelangen, wo dann allerdings wieder die Monetarisierung wieder zur Verflachung durch "Massentauglichkeit".

Ich sollte vielleicht auch noch die populäre Unterhaltungs -Musikszene erwähnen, wo auch stets neue Stilrichtungen und "Blends" entstehen, aber bei Erfolg wieder der Kommerzialisierung zum Opfer fallen und in Modetrends und Klischees erstarren, mit denen dann das große Geld gemacht wird.

Künstlerische Werte wird man selten im aktuellen Mainstream finden, da wird das Meiste durch systemische Zwänge zum Kitsch und gefälliger Massenware.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (15.09.2019 12:36).


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