Author Topic: [Data Mining und Abweichungsanalyse... ]  (Read 91162 times)

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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #210 on: December 13, 2017, 09:14:09 AM »
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[...] Für Ling Yun war Privatsphäre bislang kein Thema. Im Gegenteil: Wurde er im Supermarkt in seiner Nachbarschaft darum gebeten, für ein kleines Werbegeschenk seine Kontaktdaten preiszugeben, stellte er bereitwillig den Barcode seines Wechat-Kontos zur Verfügung, den die Werber dann einscannen konnten. Wechat ist der in China am meisten genutzte Kurznachrichtendienst.

Ling fand es bisher auch nicht weiter schlimm, dass sich Alibaba mit seinen diversen Einkaufswebseiten offenbar genau merkt, welche Produkte er sich schon einmal irgendwo im Netz angeschaut hat. Ansonsten würden sich nicht ständig Werbefenster mit erkennbar auf seine Vorlieben ausgerichteten Waren öffnen, sobald er seinen Rechner hochfährt oder mit seinem Smartphone online ist. "Das fand ich sogar gut", sagt der 27-Jährige. Denn damit blieb ihm ja überflüssige Werbung erspart. So dachte er bis vor kurzem.

Inzwischen wird ihm mulmig. Denn er hat von dem Vorhaben der chinesischen Regierung erfahren, das seit einigen Jahren in rund einem Dutzend Regionen des Landes getestet wird: Von einem Social Credit System ist die Rede, einer Art Schufa für so gut wie alle Belange des gesellschaftlichen Lebens, einer Bürgerbewertung. "Meine Regierung plant ja den komplett gläsernen Bürger", sagt Ling.

So wie Alibaba und Amazon wissen, wofür sich ihre Nutzer interessieren und was sie als Nächstes kaufen könnten, will der chinesische Staat aus den Datenspuren seiner Bürger ableiten, wie sie sich in der Vergangenheit verhalten haben und in der Zukunft verhalten könnten und sie nach einem Punktesystem entsprechend bewerten. Wer zum Beispiel über das Internet gesunde Babynahrung bestellt, soll Pluspunkte erhalten. Wer sich hingegen Pornos ansieht oder zu viel Zeit mit Computerspielen verbringt, muss mit Abzügen rechnen. Vorausgesetzt, der Staat bekommt das mit. Die technischen Möglichkeiten dazu hat er jedenfalls.

Vorgesehen ist, dass Nutzer mit mindestens 1.300 Punkten die höchste Bewertung AAA erhalten. Wie bei einer Rating-Agentur. Können sie diesen Stand einige Zeit lang halten, sollen sie zur Belohnung vergünstigte Kredite erhalten oder eine bessere Krankenversicherung. Auch bei der Vergabe von Studienplätzen an die eigenen Kinder könnte sich eine hohe Punktzahl positiv auswirken. Wer hingegen unter einen Wert von 600 fällt, landet in der schlechtesten Kategorie D. Betroffene müssen sogar befürchten, ihre Jobs zu verlieren.

Über eine Smartphone-App kann sich jeder über den eigenen Punktestand informieren. Aber neben Behörden sollen auch Banken und Arbeitgeber, Vermieter, Einkaufsplattformen, Reiseveranstalter und Fluggesellschaften Einsicht in die Bewertung erhalten.

Als Datenquellen kommen Kranken- und Gerichtsakten, Onlineshopping oder Beiträge in sozialen Netzwerken in Betracht; ebenso Internet-Suchanfragen, Reisepläne oder Einkäufe mit Kreditkarte oder den Bezahl-Apps, die in China weit verbreitet sind. Diese Daten analysiert und gewichtet das System, um daraus die Punktzahl abzuleiten. Noch wird die Bürgerbewertung lediglich ausprobiert. Doch bereits 2020 könnte es den derzeitigen Plänen zufolge für jeden chinesischen Staatsbürger zur Pflicht werden, sich mit seiner Sozialausweisnummer dafür registrieren zu lassen.

Für die meisten chinesischen Bürger ist es jetzt schon nicht mehr ungewöhnlich, dass ihr Nutzerverhalten im Internet bewertet wird. Chinas große Internetfirmen wie Alibaba oder Tencent haben da fleißig Vorarbeit geleistet und nehmen aus Sicht der chinesischen Führung geradezu eine Vorreiterrolle ein, auch wenn es ihnen nur um Kommerz geht, nicht um Erziehung. Mit seinen beiden Handelsplattformen Taobao und Tmall etwa hat Alibaba bereits die Daten von fast 800 Millionen Nutzern gesammelt, um in erster Linie ihr genaues Einkaufsverhalten zu ermitteln.

Zum Wohlwollen der chinesischen Führung betreibt Alibaba mit seinem Dienst Sesame Credit seit einiger Zeit jedoch auch ein umfassendes Bewertungssystem, zu dessen Teilnahme aber niemand verpflichtet ist. "Wer zehn Stunden am Tag vor dem Rechner sitzt und Videospiele spielt, dürfte nicht gerade sehr agil sein", sagt Li Yingyun, Mitarbeiterin bei Sesame Credit. Wer hingegen häufig Biogemüse online bestelle, zeige Verantwortung und Gesundheitsbewusstsein. Zur Belohnung winken verbilligte Flugreisen und andere Vergünstigungen.

Wie Sesame Credit den Punktestand ansonsten berechnet, gibt sie nicht preis. Bekannt ist nur, dass der Einkauf bestimmter Produkte besser bewertet wird als der anderer Waren und dass es sich lohnt, Freunde mit hoher Punktezahl zu haben. Nach eigenen Angaben stellt das Unternehmen die Daten bereits Behörden und Banken zur Verfügung. Und auch Tencent, der Betreiber des erfolgreichen chinesischen Kurznachrichtendienstes WeChat, arbeitet an einem ähnlichen System. Alibaba ist zudem Betreiber von Alipay, einer reinen Bezahl-App. Bei Tencents WeChat gibt es ein Chatprogramm mit integrierter Zahlmöglichkeit. Der Geldtransfer ist damit auch erfasst.

Doch bei der Bürgerbewertung will sich die Regierung mit dem Verhalten ihrer Bürger im Internet nicht zufrieden geben. In Kombination mit der Gesichtserkennungstechnik moderner Videokameras, die schon bald flächendeckend in den chinesischen Großstädten installiert werden sollen, lässt sich künftig auch das Verhalten der Bürger in der Öffentlichkeit erfassen und in die Bewertung aufnehmen. Dazu gehören dann nicht nur Verstöße im Straßenverkehr, sondern auch das Benehmen etwa beim Anstehen vor der Kasse im Supermarkt. Natürlich muss die Technik dann zuverlässig sein, aber nicht nur in China wird hart daran gearbeitet. Und Gesichtsdatenbanken zum Abgleich hat der Staat längst, denn jeder chinesische Bürger hat einen Personalausweis mit einem biometrischen Foto.

Ob mit der Bürgerbewertung künftig auch die Linientreue überprüft wird? Möglich sei das, befürchtet der Pekinger Netzaktivist Wang Bo, der mit wahrem Namen nicht genannt werden möchte. Er berichtet von der Versuchsstadt Rongcheng in der ostchinesischen Provinz Shandong. Wer sich dort regelmäßig die Website der parteinahen Volkszeitung anschaut, bekomme Bonuspunkte. Es dürfte nicht lange dauern, bis jemand ein kleines Programm schreibt, das jeden Tag für ihn die Zeitungswebsite öffnet und den wissbegierigen Bürger simuliert.

Wer es hingegen wagt, in den sozialen Medien ständig über die Missstände im Land zu schimpfen, bekommt Punkte abgezogen. Wang spricht vom "kommunistischen Musterbürger", den die chinesische Führung auf diese Weise schaffen wolle. Zugleich bedeute das "die totale Kontrolle".

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Autor: Patman 11.12.17 - 01:32

Da es bei uns noch kein solches Social Credit System gibt, möchte ich hier schonmal anmerken dass ich Katzenliebhaber bin.



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Autor: Der Held vom Erdbeerfeld 11.12.17 - 08:44

Patman schrieb:

> Da es bei uns noch kein solches Social Credit System
> gibt, möchte ich hier schonmal anmerken dass ich
> Katzenliebhaber bin.

"Subjekt Patman äußert Sympathien für Haustiere mit stark antiautoritären Wesenszügen. Weitere Beobachtung wird empfohlen." (Az. 08/15-13-007, Ministerium für Inneren Frieden und Bürgeroptimierung)

;-)





Aus: "China: Die AAA-Bürger" Felix Lee (5.12.2017)
Quelle: https://www.golem.de/news/china-die-aaa-buerger-1712-131477.html


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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #211 on: January 09, 2018, 10:46:56 AM »
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[...] Die Vereinten Nationen wollen im Kampf gegen den Terrorismus die Überwachung von Reisenden deutlich ausbauen. Alle Mitgliedstaaten sollen Systeme entwickeln und einsetzen, mit denen sie Flugpassagierdaten in Form von Passenger Name Records (PNR) sowie die weniger detailreichen Advance Passenger Information (API) verarbeiten und analysieren können, fordert der UN-Sicherheitsrat in einer Resolution. Die 193 beteiligten Nationen werden zudem angehalten, biometrische Daten wie Fingerabdrücke oder Gesichtsbilder zu sammeln und etwa mit Verfahren zur automatischen Gesichtserkennung auszuwerten.

Ziel soll es sein, "verantwortungsvoll und ordnungsgemäß entsprechend nationaler Gesetze und internationaler Menschenrechtsvorgaben" Terroristen einschließlich ausländischer Kämpfer zu identifizieren.

Die Entschließung hat der Sicherheitsrat bereits am 21. Dezember gefasst, was kurz vor Weihnachten aber größtenteils unterging. Die britische Bürgerrechtsorganisation hat am Montag nun auf den Beschluss aufmerksam gemacht. Sie warnt dabei vor einer weltweiten Massenüberwachung vor allem von Flugreisenden durch die für alle Mitgliedsländer bindende Resolution. Damit werde die Tür geöffnet für ein Instrumentarium, mit dem im großen Stil vorsorglich Profile über Flugpassagiere erstellt werden könnten. Künftig dürften etwa auch der Schiffs- oder der Zugverkehr eingeschlossen werden; EU-Staaten wie Belgien, Großbritannien, Frankreich oder die Niederlande arbeiteten schon an geeigneten Systemen.

Die UN-Staaten sollen laut dem Sicherheitsrat auch Beobachtungslisten für "bekannte und verdächtige" Terroristen oder Datenbanken aufsetzen. Mit Hilfe der Technik müssten Strafverfolger, Grenzschützer, der Zoll, das Militär und Geheimdienste Reisende kontrollieren sowie Risikoeinschätzungen und Untersuchungen durchführen können, heißt es weiter. An die Mitgliedsstaaten geht zugleich der Appell, gewonnene Informationen bi- oder multilateral untereinander auszutauschen.

Es soll ihnen dabei auch möglich sein, Material der Nachrichtendienste für offizielle Bedrohungsanalysen herabzustufen, also von der Geheimhaltungspflicht zweckbezogen auszunehmen. Statewatch erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass derlei Informationen nicht immer den rechtlichen Standards entsprechen, denen etwa Polizeibehörden folgen müssen.

In der EU gibt es schon eine Richtlinie zum Sammeln und Auswerten von PNR, zu denen zu denen neben Name, E-Mail-Adresse, Telefon-, Konten- und Kreditkartennummern auch Essenswünsche gehören. Der Bundestag hat im April auch bereits ein Gesetz verabschiedet, wonach der Staat hierzulande Flugpassagierdaten fünf Jahre lang speichern und etwa automatisiert mit Sicherheitsdateien abgleichen kann. Die EU-Vorgaben sind aber heftig umstritten. So stoppte der Europäische Gerichtshof im Juli das transatlantische Fluggastdaten-Abkommen mit Kanada. Datenschützer, Bürgerrechtler, Linke, Grüne und Liberale sehen damit auch die PNR-Richtlinie vor dem Aus.

Der EU-Rat hat im November zudem grünes Licht für das geplante biometrische Ein- und Ausreisesystem gegeben. Es soll von 2020 an Fingerabdrücke und Gesichtsbilder von Angehörigen von Drittstaaten aufnehmen. Kritiker wittern auch darin einen Verstoß gegen die EU-Grundrechte. Parallel will die EU-Kommission eine virtuelle "Biometrie-Superdatenbank" mit übergreifenden Suchmöglichkeiten erstellen. (Stefan Krempl) / (anw)

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     Olsen, 09.01.2018 01:35

Ich bin raus

Glauben die wirklich das bringt irgendwas. Ich kann es mir nicht vorstellen. Aber egal, ich bin raus, ich fliege nicht mehr. Das ist die einzige Sprache die sie verstehen. Wenn die Flughäfen leer sind, findet sich sicher eine Lobby, die diesen Unsinn beseitigt.


...


Aus: "UN-Sicherheitsrat verlangt weltweit Abgleich von Fluggastdaten und Fingerabdrücken" Stefan Krempl (08.01.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/UN-Sicherheitsrat-verlangt-weltweit-Abgleich-von-Fluggastdaten-und-Fingerabdruecken-3936354.html


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« Reply #212 on: February 13, 2018, 09:55:17 AM »
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[...] Laut dem Verfassungsschutz werden derzeit nur offen zugängliche Inhalte in sozialen Medien durchsucht. Personenprofile oder geschlossene Gruppen und Foren seien nicht Gegenstand der „analytischen Methoden“. Das dabei genutzte Verfahren wird als „Open Source Intelligence“ (OSINT) oder „Social Media Intelligence“ (SOCMINT) bezeichnet.

Der Inlandsgeheimdienst nennt die Technik ein „Frühwarnsystem“ zum Aufspüren neuer extremistischer Gruppen. Die gefundenen Beiträge dienten außerdem als Beweismaterial. Dies würde bedeuten, dass auch die Polizei über Ergebnisse der Absuche informiert wird.

Die Bremer Software sucht hierzu nicht nur nach bestimmten Zeichenfolgen, sondern berücksichtigt auch die Häufigkeit bestimmter Wörter. Extremistische Gruppen würden beispielsweise oft Begriffe wie „Islamist“ verwenden, während bei nicht-extremistischen Gruppen eher das Wort „Dialog“ zu finden sei.

Nach Auskunft des obersten Bremer Verfassungsschützers geraten NutzerInnen auch durch Interaktionen in den Fokus des Dienstes. Ein Bericht zitiert den LfV-Chef mit den Worten, „wenn jemand 100mal Hassbotschaften liked, und das jeden Tag, dann haben wir auch den im Blick“. Laut Schittkowski machen sich NutzerInnen durch das Liken, Teilen oder Retweeten bestimmter Beiträge „bewusst oder leichtfertig zum Gehilfen“. Die Betroffenen müssten deshalb damit rechnen, das Interesse der Sicherheitsbehörden auf sich zu ziehen.

Eine Informationsfreiheitsanfrage an den Senator für Inneres in Bremen, in der nach Richtlinien und Verwaltungsvorschriften für Polizei und Verfassungsschutzamt zur offenen Internetbeobachtung gefragt wird, bleibt übrigens seit vier Monaten unbeantwortet. Dabei ging es auch um die Software zur Verarbeitung der gefundenen Massendaten.


Aus: "Nach Like in den Fokus: Bremer Verfassungsschutz durchforstet Internet mit eigener Software" Matthias Monroy (13.02.2018)
Quelle: https://netzpolitik.org/2018/nach-like-in-den-fokus-bremer-verfassungsschutz-durchforstet-internet-mit-eigener-software/

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« Reply #213 on: March 20, 2018, 09:07:57 AM »
Quote
[...] Die New York Times und der britische Observerhatten berichtet, dass Cambridge Analytica die privaten Daten von mehr als 50 Millionen Facebook-Mitgliedern ohne deren Einverständnis abgegriffen habe. Auf diese Weise soll das Unternehmen der Trump-Kampagne entscheidend dabei geholfen haben, durch als Werbung geschaltete Botschaften bei Facebook, seine Anhänger zu mobilisieren und zugleich potenzielle Wähler der Gegenkandidatin Hillary Clinton vom Urnengang abzubringen.

Facebook hatte in einem Schreiben erklärt, man habe 2015 erfahren, dass ein Professor der Universität Cambridge den Konzern belogen habe. Demnach nutzte er eine Psychologietest-Software, um Daten an Cambridge Analytica weiterzuleiten.

Das soziale Netzwerk widersprach jedoch der Behauptung, die Daten seien gestohlen worden. Vielmehr hätten die Nutzer die von Cambridge Analytica verwendeten Daten freiwillig zur Verfügung gestellt. Facebook habe eine IT-Forensik-Firma beauftragt um den Umgang mit den Daten zu prüfen. Cambridge Analytica habe den Zugang zu seinen Systemen und Servern zugesagt.

Nach Daten der Bundeswahlkommission hatte Cambridge Analytica von Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampagne 5,9 Millionen Dollar (4,8 Millionen Euro) erhalten.  Ted Cruz' erfolglose Präsidentschaftswahlkampagne hat der Firma demnach 5,8 Millionen Dollar gezahlt. Insgesamt erhielt das Unternehmen von 2014 bis 2016 mehr als 16 Millionen Dollar von Kandidaten und Komitees der Republikaner.

Zu den wichtigsten Geldgebern von Cambridge Analytica gehört der US-Hedgefonds-Milliardär Robert Mercer, ein ausgewiesener Unterstützer der republikanischen Partei. Laut der britischen Zeitung The Observer war der ehemalige Trump-Berater Steve Bannon 2016 Chef der Firma.

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kemal_acaröz #15

Wie scheinheilig. Alle schwärmen von Big Data. Wenn die "Falschen" das Potenzial für politische Zwecke nutzen, ist der Aufschrei groß.
Dabei ist das, was Cambridge Analytics macht für die Werbeindustrie Alltag, auch ganz ohne Facebook. Supercookies & Co begleiten die User rund um die Uhr, ohne Wissen der User.


...


Aus: "Cambridge Analytica: Facebook in Erklärungsnot" ZEIT ONLINE, AP, AFP, dpa, Reuters, mib (20. März 2018)
Quelle: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2018-03/cambridge-analytica-facebook-affaere-donald-trump-wahlkampf

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« Reply #214 on: March 29, 2018, 09:42:16 AM »
Quote
[...] Als hätte Facebook mit dem Datenskandal rund um Cambridge Analytica derzeit nicht bereits genügend Ungemach, sieht sich das Unternehmen nun im Zentrum einer weiteren Privacy-Debatte. Zahlreiche Nutzer mussten beim Download ihrer von Facebook gespeicherten Daten feststellen, dass sich darin auch Informationen befanden, mit denen sie so gar nicht gerechnet hatten: Facebook hatte über Jahre hinweg Daten seiner Android-User zu jedem Anruf und jeder verschickten SMS gesammelt und fein säuberlich mitprotokolliert.

Nun meldet sich Facebook in einer Stellungnahme zu den Vorwürfen zu Wort, und zugespitzt lautet die Quintessenz daraus: "Selbst schuld." Und das nicht ganz zu Unrecht. All die erwähnten Daten wurden nämlich erst nach expliziter Genehmigung der User gesammelt. Als Beweis dafür veröffentlicht das Unternehmen einen Screenshot aus einer seiner Apps, in dem Facebook die Nutzer nach dem Upload ihrer Kontaktinformationen, aber auch der Telefonie- sowie SMS-Historie fragt. Entgegen ersten Berichten sei dieses Verhalten auch nie in der Haupt-Facebook-App implementiert worden, sondern "nur" bei Facebook Lite sowie im Facebook Messenger unter Android. Mit den Daten hätte man seit dem Jahr 2015 versucht, den Nutzern bessere Kontaktvorschläge zu liefern, erklärt Facebook die eigenen Absichten. Zudem streicht das Unternehmen heraus, dass dieses Feature jederzeit über die Einstellungen deaktivierbar sei und ganz generell der Upload von Kontaktinformationen gerade bei Messengern gebräuchlich sei.

Bei all dem hat Facebook zwar recht, und doch macht es sich das Unternehmen in dieser Hinsicht etwas einfach: Der Upload des Adressbuchs ist zwar tatsächlich durchaus gebräuchlich – dass man dabei in einem Aufwasch auch gleich SMS- und Telefonie-Historie erfasst, ist es allerdings nicht. Diese Kombination wurde dadurch möglich, dass Android in früheren Versionen den Zugriff auf Call Logs mit der Kontaktberechtigung bündelte. Entgegen früheren Berichten gab es übrigens keinerlei Änderung in aktuellen Android-Versionen, die ein solches Vorgehen generell unterbindet. Wer Zugriff auf die Anrufinformationen haben will, muss dafür nun nur eine andere Berechtigung einholen – jene für Telefonie. Google hatte diese Umorganisation mit Android 6.0 vorgenommen. Für den vorliegenden Fall ist all dies aber ohnehin irrelevant, da die erwähnten Facebook-Apps sich auch den Zugriff auf die Telefonieberechtigung holen – insofern auch durchaus weiterhin die erwähnten Daten abgreifen könnten. Und wenn man die Stellungnahme von Facebook liest, dann ist auch davon auszugehen, dass dies noch immer passiert: Sind all diese Beschreibungen doch in der Gegenwartsform verfasst.

Dass nur Android-Nutzer betroffen sind, ist ebenfalls rasch erklärt: Apples iOS gibt generell keinen Zugriff auf den Anrufverlauf. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt darin, dass Android es auch erlaubt, komplett eigenständige Telefonie-Apps zu entwickeln, die solche Informationen benötigen, was Apple nicht genehmigt. Zudem nährt der Vorfall aber auch frische Kritik daran, wie Google mehrere unterschiedliche Möglichkeiten in einer Berechtigung zusammenfasst. In der Vergangenheit hatte der Android-Hersteller damit argumentiert, dass zu fein aufgeteilte Berechtigungen dazu führen würden, dass die Nutzer beim ersten Start einer App mit zahllosen Berechtigungsanfragen überhäuft würden – was erst recht dazu führe, dass blind alles akzeptiert wird. Insofern sei eine solche Bündelung die sinnvollere Lösung, so die Argumentation.

Nicht zuletzt ist das Ganze aber auch ein Reminder für die Nutzer, nicht einfach unbedarft potenziell problematischen Berechtigungen zuzustimmen, nur weil eine App einen solchen Schritt vorschlägt. Immerhin ist das erwähnte Verhalten tatsächlich kein Spezifikum einzelner Facebook Apps, auch andere Anbieter fordern von ihren Usern zum Teil alle möglichen Berechtigungen ein – im Tausch gegen zweifelhaften Nutzen. Insofern wäre dies auch ein guter Zeitpunkt, die bereits erteilten Berechtigungen an einzelne Apps durchzugehen; sowohl unter iOS als auch in halbwegs aktuellen Android-Versionen (ab Android 6.0) kann der Zugriff auf solch sensible Informationen auch im Nachhinein wieder entzogen werden.

(Andreas Proschofsky, 26.3.2018)


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citizen73

Facebook = Stasi auf freiwilliger Basis. Das ist kein Neuigkeit, sondern ein alter Hut.


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Vladimir Oligarchowitsch

das Hauptproblem von Facebook dürfte aber werden, dass Sie aufgrund Ihrer Ignoranz tonnenweise Fake News in die Welt rausposaunten und immer noch glauben Sie hätten nichts damit zu tun. Was Facebook gewusst haben muss, müssen jetzt Untersuchungen ans Licht bringen.
Die Resultate dieser Gier sind Trump und der Brexit.


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Plus Lucis

Es wird eben nicht nur überwacht, wer bei Facebook ist, sondern auch Gesprächspartner von Personen bei Facebook, Leute auf Bildern von Personen bei Facebook, usw.


...


Aus: ""Selbst schuld": Facebook bestätigt jahrelange Sammlung von Anrufdaten seiner User" (26. März 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000076804404/Selbst-schuld-Facebook-bestaetigt-jahrelange-Sammlung-von-Anrufdaten


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« Reply #215 on: April 02, 2018, 10:56:36 AM »
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[....] Die Deutsche Post hat Kritik an der geschäftsmäßigen Weitergabe von Kundendaten an CDU und FDP im Bundestagswahlkampf zurückgewiesen. Die Tochterfirma Deutsche Post Direkt GmbH speichere und verarbeite personenbezogene Daten bei strikter Einhaltung des Bundesdatenschutzgesetzes, teilte ein Sprecher des Unternehmens mit. Es unterliege der Aufsicht des Bundesbeauftragten für Datenschutz und sei "über die Jahre regelmäßig überprüft worden".

CDU und FDP teilten mit, sie hätten im Einklang mit dem Datenschutzrecht gehandelt und nur anonymisierte Daten genutzt; ein Personenbezug sei nicht herstellbar gewesen.

Zuvor hatte die Bild am Sonntag berichtet, dass CDU und FDP im Bundestagswahlkampf 2017 jeweils einen fünfstelligen Betrag für straßengenaue Analysen an die Post-Tochterfirma gezahlt haben. Demnach hatte die CDU ihren Haustürwahlkampf auf diesen Daten aufgebaut, die FDP auf dieser Basis Wahlwerbung an bestimmte Zielgruppen verschickt. Beide Parteien hätten entsprechende Verträge mit der Post-Tochter bestätigt, schreibt die Zeitung. SPD, Grüne, Linke und AfD haben demnach nach eigener Aussage nicht mit der Post zusammengearbeitet.

Laut der CDU-Zentrale hatten die Christdemokraten im Wahlkampf eine Massenpostsendung bei der Post in Auftrag gegeben. Dabei seien keine Daten an die CDU übermittelt oder über Einzelhaushalte gekauft worden. Die Post habe für den Haustürwahlkampf eine statistische "CDU-Wahlwahrscheinlichkeit" für Straßenabschnitte geliefert. Dazu habe man Zugriff auf eine Kartenansicht erhalten, der Zugang zur Datenbank sei nach der Wahl beendet worden.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Marco Buschmann, schrieb auf Facebook, die von der Post erworbenen Daten seien vollständig anonymisiert gewesen und im Einklang mit dem Datenschutzrecht bearbeitet worden. Als Datenschutzpartei habe man darauf geachtet, dass keine personenbezogenen Daten verwendet worden seien. Die Daten hätten zudem ausschließlich einen Wahrscheinlichkeitswert geliefert, "einen möglichen FDP-affinen Wähler anzutreffen".

Die Netzpolitikerin Anke Domscheit-Berg (Die Linke) sagte der Bild am Sonntag: "Eine Weitergabe dieser privaten Daten muss ohne ausdrückliche Zustimmung verboten sein." Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar verlangte nach den Vorgängen um Facebook in den USA eine Neubewertung des Microtargeting, mit dem über statistische Verfahren gezielt Wählergruppen angesprochen werden können. Intransparente Verfahren dürften nicht helfen, den Wählerwillen zu manipulieren.

Die Bild am Sonntag hatte aus einer internen Broschüre der Post zitiert, in der von "mehr als einer Milliarde Einzelinformationen" die Rede sei. Für etwa 20 Millionen Häuser mit rund 34 Millionen Haushalten in Deutschland könnten Kaufkraft, Bankverhalten, Geschlecht, Alter, Bildung, Wohnsituation, Familienstruktur, Wohnumfeld und Pkw-Besitz aufgeschlüsselt werden. Nach eigenen Angaben kaufe die Post außerdem statistische Daten von Behörden wie dem Kraftfahrt-Bundesamt und dem Katasteramt.

Der Handel mit Daten und Adressen ist ein eigener lukrativer Geschäftszweig. Unternehmen und Parteien nutzen solche Daten seit Langem, um zielgenauer werben zu können. Facebook steht derzeit unter Druck, weil die britische Firma Cambridge Analytica Daten von 50 Millionen Nutzerinnen und Nutzern auf wohl unlautere Art einsetzen konnte, um den Wahlkampf von US-Präsident Donald Trump zu unterstützen.

Nach Angaben des Post-Sprechers beziehen sich die von Post Direkt erhobenen Daten nicht auf einzelne Haushalte, sondern auf eine sogenannte Mikrozelle aus im Schnitt 6,6 Haushalten. Dabei würden keine personenbezogenen Daten, sondern statistische Wahrscheinlichkeitswerte dargestellt. Die Daten würden vermietet und nicht verkauft – eine direkte Übermittlung von Adressdaten an Werbung treibende Kunden sei ausgeschlossen. Datenschutzrechtliche Bestimmungen würden dabei umgesetzt, bei der Datenübermittlung werde Verschlüsselungstechnik eingesetzt.

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Cornflakes #2

Das wäre doch noch eine tolle Idee für Facebook und Cambridge Analytica. Die könnten doch auch behaupten, die Daten wären nur vermietet gewesen und alles ist gut ...
Ich werte das jetzt einfach mal als Versuch, ob mit dem deutschen Michel so geht, ich befürchte das Schlimmste: JA.


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Toto2.0 #2.5

Es ist ja nicht nur der deutsche Michel. Der Widerstand bei den öffentlichen wie privaten Medien scheint grösstenteils ebenfalls gebrochen zu sein, anders kann ich mir den folgenlosen NSA Skandal nicht erklären.


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oh.stv #11

Nur in Deutschland gibt es im Jahr 2018 einen Skandal über offline Datenmissbrauch. Das muss man uns mal nachmachen.


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Hubert Günzensen #37

Die meisten Leute die durch ihr tägliches Leben gehen sind im Glauben, dass Überwachungsmechanismen nicht auf sie gerichtet sind, sondern auf "Schurken und Übeltäter“ und dass die vorherrschende Meinung ist, dass Überwachungsmechanismen auf andere gerichtet sind obwohl es Nachweise gibt, dass das Überwachen des individuellen Verhaltens tagtägliche Routine geworden ist. Das große Problem besteht aber darin, dass es nicht als Bedrohung angesehen wird, sondern allenfalls als Belästigung.


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Chetemti-biti #56

Ich bin empört. Ich habe keine Wahlwerbung von der FDP bekommen. Was habe ich falsch gemacht?


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Unzeit-Geist #61

Die "Deutsche Post-Direkt GmbH" ist der einzige Werber, der sich über mein "Einwurf jeglicher Werbung verboten" am Briefkasten konsequent hinwegsetzt - Beschwerden werden damit abgebügelt, dass "Info-Post keine Werbung, sondern eine Postsendung" sei.
Dass sich diese Firma nicht an Gesetze hält, merken die Müllwerker hier regelmässig am Gewicht meiner Papiertonne.


...


Aus: "Deutsche Post weist Kritik an Datenweitergabe zurück" (1. April 2018)
Quelle: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2018-04/datenschutz-deutsche-post-wahlkampf-kritik-daten-weitergabe

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« Reply #216 on: April 07, 2018, 11:32:57 AM »
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[...] Palantir Gotham (früher bekannt als Palantir Government) integriert strukturierte und unstrukturierte Daten und stellt sowohl Such- und Ermittlungsfunktionen als auch Wissensmanagement und sichere Zusammenarbeit unter verschiedenen Parteien zur Verfügung. ....


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Palantir_Technologies (6. April 2018)

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[...] Hessens Polizei hat eine umstrittene Software der US-Firma Palantir Technologies gekauft, die gegen islamistischen Terrorismus und organisierte Kriminalität eingesetzt werden soll. Das berichtet der Spiegel und beruft sich dabei auf das hessische Innenministerium. Palantir steht im Verdacht, Kontakte zur Firma Cambridge Analytica unterhalten zu haben, die mit illegal erlangten Facebook-Daten die US-Präsidentschaftswahl manipuliert haben soll.

Palantir-Mitarbeiter würden bereits hessische Polizeibeamte an der neuen Software ausbilden. ...


Aus: "Palantir: Hessische Polizei kauft umstrittene US-Software" (6. April 2018)
Quelle: http://www.zeit.de/digital/2018-04/palantir-software-hessen-kriminalitaet-islamismus-cambridge-analytica

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[...] Palantir wurde 2004 unter anderem vom Facebook-Investor Peter Thiel auch mit Hilfe des US-Geheimdienstes CIA gegründet. Das Unternehmen soll im Zuge des Facebook-Datenskandals über Cambridge Analytica auch Zugang zu Facebook-Nutzerdaten gehabt haben. 2011 wurde durch Anonymous aufgedeckt, dass Palantir von der US-Regierung mit einer Analyse beauftragt wurde, wie mit der Veröffentlichung diplomatischer Depeschen durch Wikileaks umzugehen sei. Von 2013 bis 2018 soll Palantir sich Zugang zu polizeilichen Datenbanken in New Orleans verschafft haben, um ein neues System zum Vorhersagen von Straftaten zu testen.  ...


Aus: "Hessen will mit Palantir-Software islamistischen Terrorismus und organisierte Kriminalität bekämpfen" Detlef Borchers (06.04.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Hessen-will-mit-Palantir-Software-islamistischen-Terrorismus-und-organisierte-Kriminalitaet-4012382.html


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« Reply #217 on: April 14, 2018, 08:08:31 PM »
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[...] Facebook hat sich offenbar von dem Film "Minority Report" inspirieren lassen und verwendet seinen reichhaltigen Datenschatz über die Aktivitäten der Mitglieder seiner Plattform, um mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) vorherzusagen, wie sich Nutzer künftig verhalten werden, welche Produkte sie kaufen und welche Einstellungen sie entwickeln.

Die Ergebnisse der Analysen, für die der Betreiber des sozialen Netzwerks die eigene KI-Technik "FBLearner Flow" einsetzt, werden "anonymisiert" auch an Werbekunden verkauft, damit diese noch zielgerichteter für einzelne Gruppen von Nutzern Anzeigen schalten können. Dies geht aus vertraulichen Dokumenten hervor, über die das Online-Magazin "The Intercept" berichtet. https://theintercept.com/2018/04/13/facebook-advertising-data-artificial-intelligence-ai/

Das System funktioniert demnach ähnlich wie "Predictive Policing", also die umstrittene vorausschauende Polizeiarbeit. Bei "Predictive Advertising" à la Facebook können die Werbepartner Verbraucher nicht nur auf Basis demografischer Daten oder persönlicher Präferenzen passgenau ansprechen, sondern auch auf der Grundlage der automatisierten Voraussage künftigen Verhaltens. Dazu fließen laut dem Bericht Facebook direkt zur Verfügung stehende Informationen über den Nutzer ein wie sein Aufenthaltsort, das verwendete Gerät, Details über eine mögliche WLAN-Verbindung, angeschaute Videos, Vorlieben sowie Details zur Freundesliste einschließlich der Ähnlichkeit miteinander verknüpfter Profile.

Der Plattformbetreiber hat FBLearner Flow offiziell schon im Mai 2016 vorgestellt und eingeführt als ein Werkzeug, um durch KI und Maschinenlernen "jede[m] die am meisten relevanten Inhalte zu liefern". Von Werbung war dabei aber nicht die Rede, nur allgemein von einem verbesserten "Nutzererlebnis". Das System sei imstande, Algorithmen in verschiedenen Produkten einzusetzen und gleichzeitig tausende angepasste "Experimente" laufen zu lassen und einfach zu handhaben.

Die Technik werde schon von über 25 Prozent des Entwicklungsteams von Facebook verwendet, hieß es damals. Es seien bereits über eine Million einschlägige Modelle trainiert worden, sodass das System mehr als sechs Millionen Vorhersagen pro Sekunde ausspucken könne und sich damit viel Handarbeit erübrige. Auch später machte die Firma nur vage Andeutungen dazu, dass "Maschinenlernen auch für Anzeigen" verwendet werde.

Auf einer der jetzt ins Spiel gekommenen Folien erläutert Facebook dem Magazin zufolge, wie es seine gesamte Nutzerbasis von über zwei Milliarden Individuen durchgehen und Millionen von Mitgliedern herauspicken könne, die gerade kurz davor seien, "von einer Marke zu einem Wettbewerber zu wechseln". Diese könnten dann massiv mit Anzeigen bearbeitet werden, um ihre drohende Entscheidung in letzter Minute zu ändern. Facebook spreche hier von einer "verbesserten Marketingeffizienz" dank einer "Loyalitätsvorhersage".

Es gehe also nicht mehr nur darum, einem Nutzer eine "Golf"-Reklame zu zeigen, weil er längere Zeit Informationen über Volkswagen konsumiert habe. Vielmehr nutze der Betreiber Anhaltspunkte aus der persönlichen Lebensumwelt um herauszufinden, ob ein Anwender die Nase von seinem derzeit gefahrenen Auto voll habe.

Prinzipiell funktioniert Facebooks KI-Werbung so ähnlich wie die Profilerstellung auf Basis der Psychometrik, die ein Markenzeichen der Big-Data-Firma Cambridge Analytica ist. Diese steht im Mittelpunkt des aktuellen Datenskandals rund um die beiden Unternehmen. Ziel dieses Teilgebiets der Psychologie ist es, die menschliche Persönlichkeit mithilfe mathematischer Verfahren und KI anhand bestimmter Merkmale wie Offenheit, Gewissenhaftigkeit oder Extraversion auszumessen.

Während Cambridge Analytica und vergleichbare Big-Data-Häuser aber auf die Nutzerdaten angewiesen sind, die sie über die öffentlichen Schnittstellen der Plattform absaugen können, sitzt Facebook auf dem vollständigen Informationsbestand mit unbegrenztem Zugang zu umfangreichen Datenbanken über das Verhalten und die Präferenzen der Mitglieder. Der Betreiber unterscheidet dabei zwischen rund 29.000 verschiedenen Kriterien über jeden einzelnen Nutzer.

Facebook selbst betont immer wieder, keine Nutzerdaten an Dritte zu verscherbeln. Konzernchef Mark Zuckerberg unterstrich dies gerade wieder bei den Anhörungen im US-Kongress zur jüngsten Datenaffäre. Was die Plattform verkauft, ist aber viel wertvoller, nämlich die bereits ausgewerteten Erkenntnisse über das Nutzerverhalten. Im Geheimdienstjargon spricht man hier von "Finished Intelligence", also den Endprodukten der Überwachung und Aufklärung in einfach verständlichen Informationen und Hinweisen an die Leitungsebene, im Gegensatz zu den schier unzähligen Roh- und Metadaten.

Experten zufolge kann Facebook so weite Teile des Lebens aktiver Nutzer simulieren, was zahlreiche ethische Fragen aufwerfe. So sei der Konzern eigentlich verpflichtet, den Nutzern zu offenbaren, dass er mit KI ihre elektronischen Spuren in bare Münze umwandle. Besonders "unheimlich" sei es, dass die Firma dank der Methode eine Art sich selbst erfüllende Prophezeiung anstoßen und diese nicht nur für klassische Produktwerbung, sondern etwa auch für Anzeigen in einem Wahlkampf einsetzen könne.

Die neuen Facetten über das Datengebaren des Konzern dürften so den Druck auf die Politik erhöhen, Facebook und andere Internetgrößen stärker zu regulieren. Gegenüber "The Intercept" wollten die Kalifornier sich nicht dazu äußern, welche Nutzerdaten sie konkret für die Verhaltensvorhersagen heranziehen. (Stefan Krempl) / (tiw)

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     der-andere, 14.04.2018 18:55

Erschreckender als die Auswertung ist das Desinteresse der Nutzer - Nach intensiver Diskussion in der Familie mit dem Nachwuchs: "Mein Gottt, dann wissen die halt alles, ich habe nichts zu verbergen. Ich entscheide eh selbst, was ich kaufe oder mache!"

Überhaupt keine Angst, manipuliert zu werden. Kein Gespür dafür, dass diese unterschwellige Manipulation tatsächlich wirken kann und jemanden in eine Richtung führt, die er/sie ohne diesen Einfluss nicht eingeschlagen hätte.

Keine Angst davor, dass die Information über die geschlechtliche Ausrichtung (homo oder hetero) einmal gegen einen verwendet werden kann.

Mein Hinweis auf einen ct-Artikel vor einigen Jahren im Bezug auf das Vorgehen der Nazis in den besetzten Niederlanden (mal eben das gut geführte Personenregister auswerten und nach Religion filtern) wird nur achselzuckend quittiert mit "Das war damals, das passiert nicht mehr, wir leben heute in einer viel freieren Welt."

Wie sagte doch ein Sänger auf einem Konzert: "Die Freiheit wird gehen unter dem donnernden Applaus des jubelnden Volkes."

Solange sich an dieser Einstellung nichts ändert, werden Facebook, Google und Co weitermachen dürfen wie bisher. Einziger Unterschied: die Politik wird eine Schnittstelle zu den Daten fordern, deren Nutzung natürlich nicht überwacht werden darf....


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     Broeselmeier, 14.04.2018 19:08

Re: Erschreckender als die Auswertung ist das Desinteresse der Nutzer

der-andere schrieb am 14.04.2018 18:55:

    die Politik wird eine Schnittstelle zu den Daten fordern, deren Nutzung natürlich nicht überwacht werden darf....

Nach allem, was man von FB zu fragwürdigen Kooperationen mit diktatorischen Regimes unter dem Vorwand "wir halten uns an die lokalen Gesetze" hört, ist mit großer Sicherheit davon auszugehen, dass deutsche Staatsorgane diese Schnittstelle längst haben. So wie sie eben jeder andere auch hat, der ein wenig Geld und Grips investiert.


...


Aus: "Künstliche Intelligenz: Facebook sagt Nutzerverhalten voraus und verkauft damit Anzeigen"  Stefan Krempl (14.04.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Kuenstliche-Intelligenz-Facebook-sagt-Nutzerverhalten-voraus-und-verkauft-damit-Anzeigen-4024377.html

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« Reply #218 on: April 18, 2018, 10:18:43 AM »
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[...] Die EU-Kommission hat am Dienstag in Straßburg ein umfangreiches neues Anti-Terror-Paket vorgestellt. Laut einem darin enthaltenen Gesetzentwurf sollen Strafverfolger und Justizbehörden "elektronische Beweismittel" bei Providern einfacher und länger sicherstellen können. Die Rede ist von Bestandsdaten wie Name und Anschrift oder möglicherweise Zugangskennungen und Passwörtern sowie E-Mails, SMS und Chatnachrichten, aber letztlich geht es allgemein um den Zugriff auch auf Inhaltsdaten einschließlich Fotos oder Videos in der Cloud. Eine Echtzeitüberwachung von Telekommunikation ist damit nicht abgedeckt.

Kern des Vorschlags ist eine "europäische Vorlageanordung". Justizbehörden aus einem Mitgliedstaat soll es damit ermöglicht werden, E-Beweismittel unabhängig vom Standort der jeweiligen Daten unmittelbar bei Diensteanbietern anzufordern, die in der EU tätig sind beziehungsweise ihren Sitz oder eine Niederlassung in einem Mitgliedsstaat haben. Betroffene Provider müssten dann innerhalb von zehn Tagen auf den Antrag antworten. In Notfällen soll die Frist auf nur sechs Stunden verkürzt werden können.

EU- Justizkommissarin Věra Jourová betonte, dass damit die Zugriffszeiten auf Daten deutlich beschleunigt würden. Die Tschechin sprach von einer "echten Revolution" bei der justiziellen Zusammenarbeit. Derzeit betrage die Frist bei einer europäischen Ermittlungsanordnung 120 Tage und bei einem internationalen Rechtshilfeverfahren zehn Monate. Strafverfolger hätten damit fast täglich Probleme, da sie solche Beweismittel in 85 Prozent der Ermittlungen benötigten.

Justizstellen sollen einen Diensteanbieter in der EU zudem verpflichten können, bestimmte Daten aufzubewahren, damit die Behörden diese Informationen zu einem späteren Zeitpunkt im Wege der Rechtshilfe, einer Ermittlungsanordnung oder einer Vorlageanordnung anfordern können. Beide Instrumente sind nur für Strafverfahren vorgesehen.

Die Maßnahmen seien verhältnismäßig, meinte Jourová. So richteten sie sich vor allem gegen schwere Verbrechen wie Terrorismus, Kinderpornografie oder Cybercrime. Die Grundrechte würden gewahrt. So müsse etwa ein Richter "besonders sensible Daten" freigeben. Provider sollen die Möglichkeit erhalten, Anordnungen gerichtlich überprüfen zu lassen, etwa wenn ein "offensichtlicher Verstoß" gegen die Grundrechtecharta vorliegt oder sie in Konflikt mit nationalen Bestimmungen geraten könnten.

Um Anbieter einzubeziehen, die ihren Sitz in einem Drittland haben, ihre Dienste aber auch in der EU zur Verfügung stellen, müssen diese laut dem Vorhaben einen gesetzlichen Vertreter in der Gemeinschaft benennen. Dieser soll "für die Einhaltung und Vollstreckung von Beschlüssen und Anordnungen der zuständigen Behörden der Mitgliedstaaten verantwortlich" sein.

Zuvor hatte der US-Kongress einen "Cloud Act" verabschiedet und damit seinerseits neue Regeln dafür aufgestellt, wie die Kooperation zwischen US-Strafverfolgungsbehörden und ausländischen Partnern und damit der Zugriff auf Daten ablaufen soll, die sich auf Servern außerhalb des eigenen Territoriums befinden. Demnach können etwa bilaterale Abkommen getroffen werden, die die jeweiligen Ermittler ermächtigen, ihre Anfragen direkt an die Cloud-Anbieter zu stellen.

Links liegen lässt die Kommission eine Initiative des UN-Sonderbeauftragten für Datenschutz, Joseph Cannataci. Dieser hatte einen "kosteneffektiven und privatsphärenfreundlichen Mechanismus" ins Spiel gebracht, über den Staaten zur Verfolgung schwerer Straftaten einschließlich Terrorismus Zugang zu persönlichen Daten in fremden Territorien erlangen könnten. Der Rechtsprofessor will damit eine "Internationale Datenzugriffsbehörde" etablieren, die über grenzüberschreitende Anfragen von Sicherheitsbehörden aus den beteiligten Staaten entscheiden soll.

Über einen anderen Richtlinienentwurf will die EU-Kommission Ermittlern und "Vermögensabschöpfungsstellen" einen raschen Zugang zu Finanzinformationen ermöglichen, wenn dies zur Bekämpfung schwerer Straftaten nötig ist. Über die direkte Einsicht in nationale zentrale Register sollen sie etwa feststellen können, bei welchen Banken ein Verdächtiger über Konten verfügt. Geplant ist auch ein besserer Informationsaustauch mit zentralen Meldestellen für Geldwäsche-Verdachtsanzeigen.

Teil des Pakets ist zudem ein Gesetzentwurf, wonach die Mitgliedsstaaten künftig Fingerabdrücke und weitere biometrische Daten in offizielle Dokumente wie Personalausweise aufnehmen müssten. Damit soll die Fälschungssicherheit der Papiere erhöht werden. Nicht konforme Ausweise will die Kommission "relativ rasch" auslaufen lassen und zwar "entweder mit Ablauf ihrer Gültigkeit oder spätestens innerhalb von fünf Jahren".

In Deutschland besteht bislang nur die Pflicht, das Gesichtsbild des Inhabers auf dem elektronischen Personalausweis digital zu speichern. Die Abgabe von zwei Fingerabdrücken auf dem RFID-Chip des Dokuments ist bislang freiwillig. Im Reisepass müssen dagegen auch diese biometrischen Merkmale bereits seit 2007 verpflichtend gespeichert werden. Der gesamte Korb geht nun ins EU-Parlament und den EU-Rat, die noch zustimmen müssen. (Stefan Krempl) / (axk)

Quote
     JosefJ, 18.04.2018 08:21


Wieviele Terroranschläge konnten bisher nicht verhindert werden, weil den Behörden diese weitreichenden Recht bisher gefehlt haben?



Aus: "Elektronische Beweise: EU-Kommission will Zugriff auf Daten in der Cloud deutlich erleichtern" (17.04.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Elektronische-Beweise-EU-Kommission-will-Zugriff-auf-Daten-in-der-Cloud-deutlich-erleichtern-4026245.html

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« Reply #219 on: May 23, 2018, 09:42:14 AM »
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[...] Hinterlässt ein Verdächtiger sein Erbgut am Tatort, durften Ermittler daraus bislang nur sein charakteristisches DNA-Muster, eine Art Fingerabdruck, herauslesen. Die Analyse von Genabschnitten, die Auskunft über die Farbe der Augen, der Haare, der Haut oder die Herkunft geben, untersagt die bundesweit gültige Strafprozessordnung hingegen ausdrücklich. In Bayern soll dieses Tabu nun fallen, zumindest bei „Gefahr im Verzug“. In der Novelle des Polizeiaufgabengesetzes (PAG) geht der Freistaat nicht nur in der Videoüberwachung neue Wege, sondern ermöglicht auch erstmals das Erstellen eines genbasierten Phantombildes.

Bislang galt die Analyse von merkmalsrelevanten Genen als unerlaubter Eingriff in die „informationelle Selbstbestimmung“ eines Menschen. Zu deren Schutz ist die Bundesrepublik spätestens seit dem „Volkszählungsurteil“ des Bundesverfassungsgerichts von 1983 verpflichtet. Infolgedessen dürfen laut Strafprozessordnung „andere Feststellungen als diejenigen, die zur Ermittlung des DNA-Identifizierungsmusters sowie des Geschlechts erforderlich sind, nicht getroffen werden“ (§81g). Setzt sich Bayern mit der PAG-Novelle über dieses Bundesgesetz nun hinweg? „Das wird wohl erst das Landes- oder Bundesverfassungsgericht entscheiden können“, sagt Carsten Momsen, Rechtswissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Die Novelle regele lediglich den Einsatz der erweiterten DNA-Analyse in der Gefahrenabwehr – also Ermittlungen mit dem Ziel, eine Straftat zu verhindern. Diese Gefahrenabwehr liegt in der Hand der Länder. Bayern dürfe sie selbst gestalten. Erst wenn strafrechtliche Belange betroffen sind, habe der Bund die Rechtshoheit. „Allerdings ist die Grenzlinie extrem schmal, weil in dem Gesetz die ‚drohende Gefahr’ nicht genauer spezifiziert wird, die nun mit Hilfe von erweiterter DNA-Analyse abgewendet werden soll“, sagt Momsen.

 Werde etwa am Flughafen Sprengstoff und DNA-Spuren daran gefunden, dann liege es nahe, dass eine Straftat geplant ist. Im Zuge „vorbeugender Verbrechensbekämpfung“ würden die bayerischen Ermittler zunächst das DNA-Identifikationsmuster feststellen und überprüfen, ob es zu einem zuvor bei anderen Straftaten gespeicherten DNA-Profil in der Datenbank passt. Auch das geht schon über die bundesweit erlaubte Praxis hinaus, denn bislang wird die DNA-basierte Identifizierung nur in der Strafverfolgung eingesetzt, nicht präventiv. Lässt sich der vermutliche Attentäter so nicht identifizieren, sollen bayerische Ermittler aber zukünftig auch noch Informationen über das wahrscheinliche Aussehen des künftigen Täters über die DNA-Spur ermitteln dürfen.

Dem neuen Passus zufolge darf „die Datenerhebung durch die molekulargenetische Untersuchung aufgefundenen Spurenmaterials unbekannter Herkunft zum Zwecke der Feststellung des DNA-Identifizierungsmusters, des Geschlechts, der Augen-, Haar- und Hautfarbe, des biologischen Alters und der biogeographischen Herkunft des Spurenverursachers erfolgen, wenn die Abwehr der Gefahr auf andere Weise aussichtslos oder wesentlich erschwert wäre“. Der Zusatz „Bei der Untersuchung dürfen andere Feststellungen als die (...) genannten nicht getroffen werden“ verhindert immerhin, dass etwa Erbanlagen für Krankheiten untersucht werden und Ermittlungsbehörde in Versuchung geraten, bei den Krankenkassen nach passenden Individuen zu fahnden.

 „Aber was passiert dann mit dieser Information“, fragt Momsen. „Soll man folglich alle Leute mit der ermittelten Haar- und Hautfarbe, Herkunft, Alter und Geschlecht daraufhin untersuchen, ob sie eventuell eine solche Straftat begehen wollen? Wohin soll das führen?“ Der Gesetzentwurf lasse eben das offen, weshalb der Jurist vermutet, dass es sich um einen „Testballon“ Bayerns handelt, „ob das Verfassungsgericht das überhaupt passieren lässt“. Verfassungsbeschwerden seien bereits in Vorbereitung. Sollte die PAG-Novelle durchkommen, dann werden Bayern und Baden-Württemberg im Bundesrat wohl einen neuen Anlauf nehmen, die Strafprozessordnung zugunsten der erweiterten DNA-Analyse zu ändern. Im vergangenen Jahr waren die beiden Länder damit noch gescheitert.

Sollte das Gesetz Eingang in Landes- oder gar Bundesrecht finden, dann müsse es um wichtige Kriterien ergänzt werden, meint Momsen. „Das bayerische Gesetz ist noch viel zu offen formuliert.“ Zum einen müsse festgelegt werden, dass die Analysen in unabhängigen Labors durchzuführen sind. Zum anderen sei eine Ethikstelle abseits der Polizei nötig, die jedes Mal kläre, ob ein Einsatz gerechtfertigt ist – die Methode also nur bei einer sehr schweren Straftat oder deren Vermeidung angewendet wird. Außerdem müsse sichergestellt werden, dass die Ermittlungsbeamten im Umgang mit der Methode geschult sind. Denn während das gängige DNA-Profil eine nahezu hundertprozentige Identifizierung ermöglicht, sind die Resultate erweiterter DNA-Analysen lediglich Wahrscheinlichkeitsaussagen und schwer zu interpretieren.

 Besonders kritisch sieht Momsen, dass das PAG auch die Suche nach der „biogeographischen Herkunft“ zulässt, also von welchem Kontinent ein Mensch stammt. „Das Ergebnis ist nur dann ermittlungsrelevant, wenn die Analyse auf Menschen deutet, die ihrer Herkunft nach eine Minderheit in Deutschland sind.“ Werde das „unsensibel kommuniziert, dann werden Vorurteile bedient“. Außerdem werden diese Minderheiten dann statistisch häufiger mit Ermittlungsverfahren überzogen als andere Bevölkerungsgruppen. „Das allein ist schon ein erheblicher Grundrechtseingriff, selbst wenn die Leute am Ende freigesprochen werden.“ Momsen hält es daher durchaus für möglich, dass die Verfassungsrichter zumindest die Ermittlung der biogeographischen Herkunft per DNA-Analyse ausschließen. Damit werde zu sehr in Gleichbehandlungsrechte eingegriffen.

Trotz der juristischen Unwägbarkeiten: In einem zukünftigen Strafprozess könnte das Ermittlungsergebnis einer erweiterten DNA-Analyse, die das neue PAG ermöglicht, wahrscheinlich verwendet werden, sagt Momsen, „wenn es als Gefahrenabwehrmaßnahme formal legitim erhoben worden ist.“


Aus: "Bayerns Polizeigesetz erlaubt das genetische Phantombild" Sascha Karberg (22.05.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/genspur-zum-taeter-bayerns-polizeigesetz-erlaubt-das-genetische-phantombild/22590824.html

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« Reply #220 on: May 23, 2018, 03:31:39 PM »
Quote
[...] Amazons Dienst Rekognition bietet Gesichtserkennung in Echtzeit, sowohl mit Fotos als auch mit Videostreams. Selbst in großen Menschenansammlungen soll die Amazon-Cloud hundert Personen auf einmal erkennen können. Als Vorzeigekunde dient die Stadt Orlando. "Orlando ist eine Smart City. Es gibt Kameras überall in der Stadt", freut sich Ranju Das, der bei Amazon die Rekognition-Sparte leitet, "Die autorisierten Kameras streamen [an Amazon]. Wir analysieren die Daten in Echtzeit."

Dabei geht es keineswegs nur um die Jagd nach Verbrechern: "Wir gleichen mit der Bildersammlung ab, die [Orlando] hat. Das könnte der Bürgermeister sein, oder [andere] Personen von Interesse, die sie verfolgen wollen." Amazon bewirbt Rekognition insbesondere für staatliche Überwachung, wo es eine "verbreitete Anwendung" werden soll. Die Erkennungsfähigkeiten sollen dank Maschinellem Lernen mit der Zeit immer besser werden.

Der US-Bürgerrechtsorganisation ACLU (American Civil Liberties Union) stößt insbesondere auf, dass auch eine Polizeibehörde im Bundesstaat Oregon Rekognition einsetzt. Im dortigen County Washington hat der Sheriff 300.000 Fotos von Festnahmen, sogenannte Mugshots, Amazon zum Abgleich zur Verfügung gestellt. Damit können die Beamten sofort erfahren, wo welche Personen vor eine Kamera laufen, die einmal festgenommen worden waren. Zudem können Sheriff-Beamte über ihre Smartphones beliebige Fotos beisteuern.

Die ACLU beschreibt Rekognition als "mächtig und gefährlich", weil es Behörden ermöglicht, Bürgerrechte und -freiheiten im Handumdrehen zu verletzen. Die Organisation sammelt seit Dienstag Unterschriften, um Amazon zu zeigen, dass die Bürger nicht möchten, dass Rekognition den Überwachungsstaat unterstützt. Der Konzern hält unterdessen an seinem Dienst fest und verweist darauf, dass neue Technik nicht verboten werden soll, weil sie missbraucht werden kann.

Wie die Behörden Rekognition konkret einsetzen, wird weitgehend geheimgehalten. Als Argument dient eine gegenüber Amazon eingegangene Schweigeverpflichtung (NDA). Ursprünglich hat Amazon auch empfohlen, die Bilder von Körperkameras der Polizei einzubinden. Diese Empfehlung ist von der öffentlich einsehbaren Rekognition-Website verschwunden, nachdem die ACLU ihre Bedenken geäußert hatte. Zu den ersten öffentlichen Rekognition-Kunden gehört übrigens auch Motorola Solutions, ein Anbieter von Körperkameras.

Selbst wenn Amazon auf das Überwachungsgeschäft mit Behörden verzichtete, müsste es Rekognition nicht einstellen. Nach Angaben von The Verge nutzte jüngst ein TV-Sender Rekognition, um die Gäste einer live übertragenen Hochzeitsfeier zu identifizieren. Und Amazon will als Kunden auch private Arbeitgeber gewinnen, die alle Mitarbeiter am Werksgelände in Echtzeit überwachen wollen. Rekognition ist eine Entwicklung der Firma Orbeus, die seit 2016 Amazon gehört. (ds)


Aus: "Amazon ermöglicht Live-Gesichtserkennung für ganze Städte" Daniel AJ Sokolov (23.05.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Amazon-ermoeglicht-Live-Gesichtserkennung-fuer-ganze-Staedte-4055143.html