Author Topic: [Data Mining und Abweichungsanalyse... ]  (Read 96849 times)

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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #225 on: August 20, 2018, 12:48:45 PM »
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[...] Der ägyptische Präsident as-Sisi hat ein Gesetz unterzeichnet, das es Behörden erlaubt, Webseiten blockieren zu lassen, wenn sie deren Inhalte als eine Bedrohung der nationalen Sicherheit des Landes betrachten. Das berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press.

... Ägyptische Behörden gehen bereits seit Mai 2017 verstärkt gegen Webseiten vor und erlassen Sperren, darunter fallen auch Nachrichtenseiten und VPN-Dienste. Aus dem Nutzerverhalten auf bestimmten Webseiten sowie aus Dating-Apps gewonnene Daten wurden außerdem für die Verhaftung von Homosexuellen und Sympathisanten der LGBTQ-Bewegung verwendet. (tiw)

...


Aus: "Ägypten: Gesetz stellt "bedrohliche" Webseiten und ihren Besuch unter Strafe" (19.08.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Aegypten-Gesetz-stellt-bedrohliche-Webseiten-und-ihren-Besuch-unter-Strafe-4141306.html

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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #226 on: August 21, 2018, 10:44:43 AM »
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[...] Würde ich jemals einem Psychologen klarmachen wollen, wie es um mich bestellt ist, vielleicht würde ich ihm das Nutzungsprofil meines Netflix-Accounts schicken. Denn der Streamingdienst kennt mich wirklich gut. Er weiß, dass ich bei der zweiten Staffel von Tote Mädchen lügen nicht pro Folge bis zu 14-mal die Handlung vorgespult habe. Dass ich die romantische letzte Episode von The Killing gleich mehrfach angesehen habe. Dass ich am 21. November 2017 auf die Werbemail zu Stranger Things 2 angesprungen bin.

Diese Daten hat mir Netflix auf Anfrage zugesandt. Jeder Nutzerin und jedem Nutzer steht laut Datenschutz-Grundverordnung die Auskunft zu, welche Informationen eine Firma über sie oder ihn aufbewahrt. Für die Recherche zu meinem Buch Die Daten, die ich rief habe ich meine Daten bei zahlreichen Unternehmen angefordert.

Seit ich weiß, welche Daten der Streamingdienst über mein Sehverhalten speichert, bin ich nachdenklich geworden. Nicht die schiere Masse meines Medienkonsums bereitet mir Unwohlsein. Als bekennender Filmliebhaber schäme ich mich höchstens für die ein oder andere seichte Serie. Vielmehr frage ich mich, was Dritte aus einem derartigen Datensatz über meine Person ableiten könnten. Und für was sie diese Informationen dann verwenden.

Das sind Fragen, die nicht nur mich betreffen. 221 Minuten verbringt der Durchschnittsdeutsche pro Tag vor dem Fernseher. Für immer mehr Menschen bedeutet Fernsehen: Netflix. Schätzungen zufolge sollen hierzulande rund vier Millionen Menschen den US-Dienst nutzen. Weltweit sind es mehr als 100 Millionen. Streaming ist längst Mainstream. Stars wie Will Smith und Winona Ryder stehen bei Netflix unter Vertrag. Und seit Neuestem sogar Barack und Michelle Obama.

Die Popularität des Dienstes begründet sich in dem schnellen, einfachen Zugang zu Tausenden von Filmen und Serien. Auf Netflix ist zu jeder Uhrzeit Primetime. Selbst wer sich nur für eine Nische interessiert, bekommt immer passende Filme angezeigt. Der Algorithmus bedient die Sehnsucht nach kitschigen Telenovelas genauso wie die Gelüste von Krimi- und Anime-Fans.

Das neue Fernsehen prägt auch unseren Alltag. Manchmal ganz harmlos wie die Netflix-Serie Haus des Geldes – dank ihr avancierte der Techno-Remix des alten Partisanenlieds Bella ciao zum Sommerhit 2018. Manchmal ist der Einfluss aber auch dramatisch: Nach der Erstausstrahlung der Serie Tote Mädchen lügen nicht meldete eine Studie einen deutlichen Anstieg von Google-Suchen zum Thema Suizid. Um den sogenannten Werther-Effekt in Zukunft zu vermeiden, wurde in der zweiten Staffel jeder Folge eine Warnung vorgeschaltet.

... Für Streamingdienste ist es hoch attraktiv, möglichst viel über ihre Nutzer in Erfahrung zu bringen, damit sie ein möglichst passendes Angebot produzieren können.

Diese ständige Analyse unterscheidet Streaming vom normalen Fernsehen. Beim klassischen Fernsehen wurde nicht protokolliert, welche Dokumentationen uns fesseln oder wann wir uns von Trash-TV berieseln lassen. Netflix hingegen fragt schon bei der Anmeldung, welche Filme uns interessieren. Meine Startpunkte der Personalisierung waren laut Datenauskunft House of Cards, Stranger Things und Narcos. Auf Grundlage dieser Informationen hat mir Netflix zahlreiche Vorschläge unterbreitet. Und ich konnte sie nicht ablehnen.

Im Laufe der ersten zwei Monate habe ich 191-mal auf Play gedrückt. Natürlich habe ich nicht alles komplett angesehen, oft nur kurz reingeschaut. Laut Datensatz bin ich allerdings ein Serienjunkie. Wenn die Autoplay-Funktion automatisch die nächste Folge nachschiebt, werde ich meist schwach. Sage und schreibe 20 Serienstaffeln habe ich innerhalb eines halben Jahres ganz oder zum Teil gesehen. Meine längste Session dauerte mehr als zwölf Stunden. Statistisch betrachtet sehe ich pro Monat manchmal mehrere Tage Netflix.

Von außen beobachtet mag mein Nutzungsprofil ganz schön traurig aussehen. Schließlich sollte man mit 31 am Samstagabend Besseres vorhaben, als im Jogginganzug mit einer Tüte Chips stundenlang auf einen Bildschirm zu starren. Und doch weiß ich mich in guter Gesellschaft. Laut Netflix haben 2017 acht Millionen Nutzerinnen und Nutzer zumindest einmal Binge Racing betrieben und sich in den ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung einer neuen Staffel alle Folgen am Stück reingezogen.

Was das über uns aussagen könnte, verdeutlicht eine Studie der University of Texas in Austin (International Communication Association: Yoon Hi Sung et al., 2015). Demnach können Serienmarathons Ausdruck mangelnder Selbstbeherrschung sein. Forscher fanden einen Zusammenhang zwischen Binge Watching und dem Wunsch nach Realitätsflucht. Menschen, die sich eine Folge nach der anderen ansehen, sitzen meist allein vor dem Bildschirm und leiden häufiger an Depressionen. Ich sehe bei mir keine Anzeichen für psychische Probleme, aber bewerten das andere auch so? Der Blick auf die Statistik meiner Sehgewohnheiten lässt mich zumindest ungesunde Muster erkennen. Ich habe Netflix besonders häufig abends bis spät in die Nacht genutzt, wenn ich tagsüber im Job viel um die Ohren hatte. Ob mich dieser Ausgleich wirklich entspannt hat, wage ich rückblickend zu bezweifeln.

... Bei Facebook oder Google wird oft argumentiert, dass Nutzer kostenlose Dienste eben mit der totalen Vermessung ihres Verhaltens bezahlen würden. Bei Netflix bin ich zahlende Kundin. ...




Aus: "Streamingdienst: Netflix weiß, was ich letzten Sommer geguckt habe" Katharina Nocun (21. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2018-08/streaming-dienst-netflix-datenschutz-nocun/komplettansicht

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Ginger_Collins #3

Netflix weis was Kunden wünschen.
Funktioniert doch gut, Ihre Konsumwünsche werden erkannt und umgehend bedient.
Gerade durch die Aufzeichnungen der wiederholten Szenen werden doch Ihre Vorlieben herausgearbeitet und bedient.
So werden die Wünsche der Zuschauer in der nächsten Serie weiter in den Vordergrund gestellt.
Alles Super. ...


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links-rechts-Drehwurm #3.1

Wer kein Gefühl hat, wie falsch die lückenlose Erfassung ist, dem ist nicht zu helfen.


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Alternder #4

Den Artikel sollte man den "Ich hab nichts zu verbergen" Sagenden als Lektüre vorschlagen.


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Franz Xy #4.2

Warum? Ich teile all diese Informationen liebend gern, weil ich davon letztlich profitiere.


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Lalopre #17

Wie gut, dass ich mir den Account mit Freundin, Exfreundin und bestem Freund über ein VPN (alle haben aus Sicht von Netflix den gleichen Standort) teile. So ist sichergestellt, dass Netflix maximal verwirrt ist angesichts der sehr unterschiedlichen Sehgewohnheiten.


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Hamburgerin2.0 #17.1

Das allerdings ist ziemlich gut. Das habe ich auch schon von mehreren WGs gehört.


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oberstingg #21

naja es ist auch möglich das ein bisschen auszuzutricksen sprich sissy filme wählen, loop und ab in den ausgang,
laut meinem (zugegeben ziemlich verwaisten) Facebook wohne ich in tripoli habe nudeln essen in keimbridsch studiert e.t.c. etwas phantasie wäre angesagt, google search ,anmelden, nach lappländer gemischtwaren suchen um dann raketentriebwerke aus zweiter hand zu kaufen.meine werbung ist seit dem witziger geworden.


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Fool of a Took #21.1

Klasse Anregung, leicht subversiv. Wunderbar.


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Timm_Buktu #23

Sehr geehrte Frau Nocun,

ihre (Selbst)reflexion mischt zwei Ängste miteinander:
Einerseits finden sie die Art ihres Medienkonsums und was es über ihr Leben aussagen könnte, bedenklich, andererseits haben sie ein beklommenes Gefühl, dass Netflix dies alles aufzeichnet und auswertet.
Aber über ihre innere Lebensqualität weiß Netflix natürlich nichts.. Über diesen Teil wissen nur sie Beischeid und Netflilx interessiert sich auch nicht dafür; es will sie nur bei der Stange halten.

Um es überspitzt zusammenzufassen:
Netflix hält ihnen einen Spiegel vor die Nase, dass ihr Leben vielleicht nicht so läuft, wie sie es sich wünschen, aber diese Tatsache sie bisher verdrängten oder ignorieren wollen.

Ein Überbringer unangenehmer Botschaften wird selten geliebt, aber er könnte auch eine Chance sein, sein Leben bewußter zu gestalten.

Nichtsdestotrotz ist die Datensammelwut an sich beängstigend, vor allen Dingen wenn sie zentralisiert und in ein System mündet wie das Social-Credit-System in China.
Dieses System ist der wahre Big Brother und vor diesem sollten wir uns hüten. ...

[...  Und dann fällt mir gerade noch eine widersprüchliche Botschaft in ihrem Artikel auf. Sie bekommen einerseits Bedenken über die Datensammelwut von Netflix, andererseits scheuen sie sich nicht davor, ihre privaten Medienkonsumgewohnheiten mit der ganzen Welt zu teilen. Wenn ich daran zurückdenke, welchen Aufstand in den achtziger Jahren wegen einer Volkzählung gemacht wude, läßt mich dieser veränderte Zeitgeist doch manchmal etwas fassungslos zurück.
Ich persönlich hätte niemals soviel privates preisgegeben und meine Person aus dem Artikel rausgehalten. Aber es sieht so aus, dass nicht nur Kontrollwut und Repression in den Überwachungsstaat führen kann, sondern Verführung und Pampern. ]
 

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ScharldeGohl #26

Für mich persönlich ist es einerseits höchst interessant, andererseits hat es jedoch auch definitiv ein Geschmäckle wenn sich jemand über die Vorgehensweise einer Plattform beschwert, die man aus freien Stücken nutzt.

Netflix verheimlicht weder etwas, noch machen sie es unnötig schwer sich als Kunde einen Überblick über die Daten verschaffen zu können.

Ganz im Gegenteil, bereits vor Vertragsabschluss weißt Netflix daraufhin, dass Informationen gespeichert werden und zur Verbesserung des Angebots verarbeitet werden können.

Wenn mir das nicht zusagt, zwingt mich letztendlich niemand das Angebot von Netflix zu nutzen.

Gleiches gilt auch seit längerem für Facebook, wo sich immer wieder Leute gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen auflehnen, obwohl sie sie mit der Nutzung der Plattform akzeptieren.

Da hilft letzten Endes auch nur, die Nutzung von Facebook zu unterlassen. Aber das wollen diese Personen dann auch nicht.


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Thrym #29

Meine Ex-Freundin wollte ständig Kinderfilme gucken. Kriege den Quatsch noch Jahre später vorgeschlagen ;-)


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aadam #34

Na und? Amazon weiß, was ich vor 18 Jahren gekauft hab.


...

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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #227 on: August 21, 2018, 05:00:14 PM »
Quote
[...] Die meisten Missbrauchsfälle beim Kindergeld würden durch den automatischen Datenabgleich mit Behörden, etwa Einwohnermeldeämtern, aufgedeckt, sagt Wolling. Bei Ungereimtheiten im Datensatz der elektronischen Akte erscheint ein entsprechendes Warnsignal.

2017 wurde auch durch ein Gesetz der Datenabgleich zwischen deutschen Behörden verbessert. Behördenübergreifende Prüfungen, die es in Nordrhein-Westfalen bereits gibt, sollen auf Berlin ausgeweitet werden. Es gibt auch Datenabgleiche mit ausländischen Behörden, die in ihrem jeweiligen Land Kindergeld auszahlen. Zu viel bezahltes Kindergeld wird zurückgefordert. Gilt ein Adressat als „unbekannt verzogen“, wird im Bedarfsfall nach ihm gefahndet. Seit 2018 darf man Kindergeld rückwirkend für maximal sechs Monate beantragen. Zuvor waren es bis zu 60 Monate.

Die Familienkasse, teilt Wolling mit, hätte gern auch noch einen tagesaktuellen Meldedatenabgleich zwischen Melde- und Sozialleistungsbehörden sowie Finanzämtern. Dies würde es weiter erleichtern, Missbrauchsfälle zu ermitteln.


Aus: "EU-Ausländer: Wie Berlin gegen Kindergeld-Missbrauch vorgeht" Frank Bachner (21.08.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/eu-auslaender-wie-berlin-gegen-kindergeld-missbrauch-vorgeht/22933462.html

Quote
Sciaridae 16:19 Uhr
Das Thema angeblichen oder promilleartig erscheinenden Sozialleistungsmißbrauchs sorgt immer für Schlagzeilen und Stimmung.

Da ist sich der Bürger einig, da muss hart und möglichst umfassend durchgegriffen werden, besonders bei "den Ausländern".



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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #228 on: August 22, 2018, 09:56:16 AM »
Quote
[...] Hannover - Seit einiger Zeit versuchen Online-Kriminelle, mit E-Mails zu schockieren, die ein ehemals oder aktuell genutztes Passwort des Empfängers enthalten. Nun ist eine neue Masche hinzugekommen, bei der in den Nachrichten Teile der aktuellen oder einer ehemaligen Handynummer des jeweiligen Empfängers zu lesen sind, berichtet „Heise online“. In beiden Fällen behaupten die Täter, ihr Opfer gehackt und beim Besuch einer Pornoseite gefilmt zu haben - im einen Fall über den Rechner, im anderen übers Smartphone.

Sie verlangen Schweigegeld und drohen bei Nichtzahlung mit dem Senden eines Videos an Nutzer-Kontakte. Mit Nennung der Daten in der Mail wollen die Erpresser ihre Glaubwürdigkeit erhöhen. Tatsächlich handelt es sich dem Bericht zufolge aber nur um leere Drohungen: Die Täter hätten weder Videoaufzeichnungen noch Kontakte. Mail-Empfänger sollten also keinesfalls zahlen.

Die Kriminellen seien nur in Besitz von Handynummern oder Zugangsdaten, die Angeschriebene einmal genutzt haben oder vielleicht noch nutzen. Die Daten stammten etwa aus erfolgreichen Angriffen auf bekannte Internet-Dienste, die bereits länger zurückliegen und auf einschlägigen Untergrund-Plattformen verhältnismäßig günstig gehandelt werden - oder aus anderen zweifelhaften Quellen. (dpa)


Aus: "Betrugsmasche: Kriminelle verschicken Erpresser-Mails mit privaten Daten der Nutzer" (16.08.18)
Quelle: https://www.rundschau-online.de/ratgeber/digital/betrugsmasche-kriminelle-verschicken-erpresser-mails-mit-privaten-daten-der-nutzer-31111942

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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #229 on: September 02, 2018, 03:25:01 PM »
Quote
[...] Im vergangenen Jahr konnten Werbekunden von Google prüfen, ob sich der Klick auf eine Online-Anzeige mit einem Offline-Kauf per Kreditkarte in einem US-Einzelhandelsgeschäft verknüpfen ließ. Dazu haben Google und Mastercard eine bislang geheim gehaltene Vereinbarung getroffen: Google kauft massenhaft Kreditkarten-Transaktionsdaten von Mastercard und korreliert sie mit den Klicks seiner Benutzer auf Online-Werbung. Darüber berichtet die Nachrichtenseite Bloomberg.

Dieses Tracking soll ohne Kenntnis der Karteninhaber stattgefunden haben, weil beide Unternehmen der Meldung zufolge ihre jeweiligen Kunden nie darüber informierten. Google und Mastercard sollen vier Jahre lang über den Deal verhandelt haben. Bloomberg beruft sich bei seinen Informationen auf vier anonyme Quellen, die mit der Angelegenheit vertraut sind; drei von ihnen sollen daran direkt mitgearbeitet haben.

Google habe mit der Vereinbarung sein Werbegeschäft gegen Konkurrenten wie Amazon stärken wollen und dafür mehrere Mllionen Dollar bezahlt. Werbekunden seien zunehmend daran interessiert, nicht nur die Verbindung von Online-Werbung zu Klicks auf Webseiten und Online-Shopping zu erkunden, sondern auch zum Offline-Kaufverhalten.

Es soll zwischen den beiden Unternehmen sogar diskutiert worden sein, die Werbeeinnahmen zu teilen. Google teilte auf Anfrage aber mit, es gebe keine Vereinbarung über geteilte Werbeeinnahmen. Zu einer Vereinbarung mit Mastercard wollte sich das Unternehmen nicht äußern.

Jedoch sei ein neues Werbetool mit der Bezeichnung "Store Sales Measurement" im Mai 2017 als Betatest gestartet worden. Es verknüpfe anonymisiert den Klick auf eine Online-Werbung mit einem Kauf per Kreditkarte in einem Laden – Letzteres in einem Zeitraum von bis 30 Tagen nach dem Klick. In diesem Programm seien alle Daten, die Benutzer persönlich identifizieren könnten, per Verschlüsselung vor Google und seinen Werbepartnern verborgen worden. Google bewarb das Werbetool damals damit, man habe Zugriff auf etwa 70 Prozent aller US-amerikanischen Kredit- und Debitkarteninhaber, ohne dies jedoch weiter auszuführen.

Weiter teilte Google Bloomberg auf Anfrage mit, dass Benutzer das Kreditkarten-Tracking über eine "Web and App Activity"-Konsole ausschalten könnten. Das Tracking greife ohnehin nur bei Benutzern, die bei einem Google-Dienst angemeldet seien. Laut Bloomberg seien sogar innerhalb von Google mehrfach Einwände dagegen vorgebracht worden, dass Benutzern das Opt-out nicht deutlicher angeboten werde.

Auch Mastercard wollte gegenüber Bloomberg zu der Vereinbarung nichts sagen. Man teile jedoch "Transaktions-Trends" mit Händlern und ihren Service Providern, damit die Wirkung von Werbekampagnen überprüft werden könne. Für die Übermittlung solcher Daten sei die Zustimmung der Händler nötig, und es würden keine individuellen Transaktionen und persönlichen Daten übermittelt.

Google steht wegen großzügig ausgelegter Handhabe beim Sammeln oder Löschen von Daten zu eigenen Gunsten immer wieder in der Kritik – zuletzt wegen gespeicherter Standortdaten. Ihre Werbeplattform hat die Firma jüngst umstrukturiert: Höchste Priorität habe das Bedürfnis der Werbetreibenden, ihre Kunden zu verstehen.

In der EU unterliegt das Ausspielen von Google-Werbung seit Inkrafttreten der DSGVO im Mai 2018 zumindest formal strengeren Regeln, sodass Benutzer dem Verwerten ihrer Daten zu Werbezwecken per Opt-in explizit zustimmen müssen. Angeblich arbeitet mittlerweile auch die US-Regierung an einer ähnlichen landesweiten Regulierung des Datenschutzes. (tiw)


Aus: "Google übermittelt Mastercard-Transaktionsdaten an seine Online-Werbekunden" Tilman Wittenhorst (01.09.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Google-uebermittelt-Mastercard-Transaktionsdaten-an-seine-Online-Werbekunden-4153015.html

Quote
     Postblaster, 02.09.2018 07:55
 

Bestätigt wird hier warum Deutsche noch immer Bargeldzahlungen bevorzugen.
Haben sie erst deine Daten brechen sämtliche Schleusen.

Du und deine Daten werden zu dem Handelsobjekt mit dem man dich nachfolgend zugleich zweckdienlich dressiert.


Quote
     Doppelagent, 01.09.2018 17:03

Mastercard verkauft Kundendaten

Das wäre die richtige Überschrift.



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« Reply #230 on: September 26, 2018, 09:45:32 AM »
Quote
[...] Die Analysten im Datencenter in Kalifornien können ermitteln, welcher Song in welcher Stadt zu einer bestimmten Uhrzeit nachgefragt wird; sie können in Echtzeit feststellen, ob ein Stück das Potenzial hat, ein Hit zu werden. Das Problem, das die Musikindustrie jahrzehntelang nicht lösen konnte, scheint Shazam überwunden zu haben: mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit vorauszusagen, welches Stück ein Hit wird.

... In einem Konferenzzimmer des US-Hauptbüros von Shazam in Midtown Manhattan sitzt der Chef Rich Riley, 41. Offenes Hemd, Jeans, ein Lächeln wie in der Werbung. An den Wänden goldene Schallplatten: „Most Shazamed Artist 2011 – Rihanna“. Solche Auszeichnungen sind inzwischen fast so begehrt wie richtige Goldene Schallplatten. „Fast 600 Millionen Menschen haben unsere App auf ihre Telefone geladen, und mehr als hundert Millionen benutzen sie monatlich. Das ist ein riesiges Kapital“, sagt Riley. Zwei Charakteristika machten die Daten so wertvoll: „Es sind fast ausschließlich positive Rückmeldungen, denn wer einen Song shazamt, der mag dieses Stück. Und sie sind hyperlocal. Das heißt, ich kann sie geografisch bis auf ein Stadtviertel runterbrechen.“

Musiker und Labels, Konzertveranstalter und Werber sind verrückt nach diesen Informationen.

... Im Februar 2014 kündigte die Firma eine strategische Allianz mit Warner Music an, denn in Zukunft will Riley auch selber Musik produzieren. „So können wir unser Datenkapital effektiver nutzen.“ Man hat aus dem Fall der Neuseeländerin Lorde gelernt: Bevor sie 2013 einen Vertrag bei Republic Records unterschrieb, wusste bei Shazam jeder, dass sie Erfolg haben würde. So extrem waren die Suchanfragen nach ihren Songs in Auckland und Wellington und kurz darauf in Melbourne und Sydney in die Höhe geschossen.

Der „Shazam-Effekt“, wie der Einsatz von Big Data in der Musikindustrie genannt wird, verändert diese rasant und radikal. Noch 2011 spielten Daten in der Branche eine untergeordnete Rolle, heute fällt keine Entscheidung mehr ohne sie. Besonders das Berufsbild des Talentsuchers beziehungsweise Artist & Repertoire (A&R) Managers hat sich gewandelt. Früher verbrachten die Leute, die dafür zuständig sind, neue Künstler zu entdecken, die meiste Zeit in Clubs. Im Jahr 2015 sitzen sie vor Monitoren.

... Sam Pucci trägt den Titel Intelligence Architect, ist seit den Anfängen dabei und sagt: „Die Daten zu sammeln ist nicht schwer. Aber es gibt zwei Probleme: den Wust zu ordnen, zugänglich zu machen und herauszufiltern, welche Daten wirklich Aufschlüsse liefern. Ein Erfahrungswert ist zum Beispiel, dass Likes auf Facebook sehr viel weniger aussagekräftig sind als Anfragen bei Wikipedia oder Shazam.“ Die Arbeit hier unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der bei der NSA, nur scheint NBS deutlich intelligentere Systeme zu entwickeln, um die entscheidenden Daten von den wertlosen zu trennen.

Noch vor ein paar Jahren benutzten Musiklabels zur Datenanalyse eine Methode aus dem vorigen Jahrhundert. Praktikanten filzten Websites und notierten die Zahlen für die jeweiligen Künstler. „Inzwischen arbeiten fast alle großen Player von Sony bis Instagram mit uns zusammen oder entwickeln ihre eigenen Big-Data-Abteilungen“, sagt Pucci. „Es ist ein gigantischer Informationsaustausch. Wir stellen unsere Daten gegen eine Gebühr zur Verfügung, und unsere Kunden wiederum haben ein Interesse daran, dass wir ihre Daten bekommen, damit wir ihnen ein komplettes Bild liefern können.“

... Mit dem Musikmagazin »Billboard« veröffentlicht Next Big Sound eine Social-50-Liste mit Musikern, die in sozialen Netzen am gefragtesten sind (seit Monaten fast immer auf Platz eins: Taylor Swift); in den Next-Big-Sound-Charts tauchen die Künstler auf, die laut den Algorithmen der Firma die größten Chancen auf kommerziellen Erfolg haben. Anfang Mai lag der Bluegrass-Sänger Chris Stapleton vorn.

... Bevor die digitale Revolution die Branche in eine Existenzkrise stürzte, war die Musikindustrie für zweierlei bekannt: rauschende Partys und ahnungslose Manager. Wie soll man wissen, bei welchem Künstler sich teures Marketing lohnt, wenn alle Entscheidungen auf dem Bauchgefühl einiger reicher Männer in Los Angeles und New York beruhen? Also manipulierten die Labels oft ihr wichtigstes Marketing-Instrument, die Billboard Hot 100.

Bis 1991 basierten die Charts auf offenbar frisierten Händlerbefragungen. Nachdem ab 1991 die tatsächlichen Verkäufe in die Charts einflossen, tauchten plötzlich Richtungen auf, die zuvor kaum vertreten waren, zum Beispiel Hip-Hop oder Country.

... Die Musikindustrie kannte also offenbar ihre Kundschaft nicht und kaschierte die Ahnungslosigkeit durch Manipulationen. Als das Internet die wirtschaftliche Basis der Branche zerstörte, rächte sich die Ignoranz. „Ich erinnere mich an eine Sitzung Mitte der Neunzigerjahre in Detroit“, sagt Marc Geiger. „Wir sollten den Chefs der größten Labels das Internet erklären. Meine Kollegen und ich sagten immer: ‚So werdet ihr in einem Jahr eure Musik verkaufen.‘ Wir waren vielleicht ein wenig zu optimistisch, aber im Grunde hatten wir recht. Die Plattenbosse guckten auf ihre Macintosh-Bildschirme und winkten ab.“

... Shazam veröffentlicht offiziell keine Geschäftszahlen. Der Umsatz soll 2013 laut Medienberichten bei etwa 50 Millionen Dollar gelegen haben und im Schnitt jährlich um 40 Prozent wachsen. Im Januar sammelte das Unternehmen von einer Investorengruppe 30 Millionen Dollar ein für fast drei Prozent der Anteile – Shazam wäre demnach mehr als eine Milliarde Dollar wert. „Unser Plan ist, nicht von einem Giganten geschluckt zu werden, sondern selber einer zu werden“, sagt Riley, der von Yahoo kam, um diesen Plan umzusetzen. Er will das Shazam-Prinzip auf Filme, Bilder, Texte und Produkte ausweiten. „Stellen Sie sich vor, was wir mit all diesen Daten anfangen könnten.“

...


Aus: "Talentsuche per App" Lars Jensen (2015)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2015/talent/talentsuche-per-app?utm_source=zeit&utm_medium=parkett

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« Reply #231 on: October 09, 2018, 03:37:43 PM »
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[...] Eine Datenhandelsfirma mit Profilen von mehr als 200 Millionen Menschen musste in der vergangenen Woche ein großes Datenleck eingestehen. Medienberichten zufolge war die Datenbank des US-Vertriebsdienstleisters Apollo offenbar wochenlang frei im Internet zugänglich. Zu den vermutlich abgegriffenen Daten gehören mehr als 125 Millionen E-Mailadressen.

Der Nachrichtenseite Techcrunch zufolge bestand die Sicherheitslücke seit Juli. Entdeckt wurde das Datenleck von dem IT-Sicherheitsunternehmer Vinny Troia im August. Gegenüber seinen Geschäftskunden hat Apollo inzwischen eingestanden, dass es mindestens einen unbefugten Zugriff auf die Daten gab. Das geht es aus einem Schreiben des Gründers Tim Zheng hervor, aus dem Wired zitiert.

Apollos Geschäftsmodell basiert darauf, Unternehmen zur Optimierung von Marketing und Vertrieb Kontaktdaten und Analysen über potenzielle Kunden zur Verfügung zu stellen.
Dem Brief zufolge sammelt die Firma für dieses Microtargeting personenbezogene Daten aus öffentlichen und nicht-öffentlichen Quellen. Unter anderem werden mit Webcrawlern Daten aus dem offenen Netz in Profilen zusammengeführt. Dazu gehören Informationen wie Namen und E-Mailadressen und Daten aus Twitter-Profilen. Doch auch LinkedIn-Profile, die nicht offen zugänglich sind, wurden von der Firma im großen Stil ausgelesen. „Ermöglichen Sie Ihrem Team, die richtigen Kontakte zur richtigen Zeit zu erreichen, mit der perfekten Botschaft, die intelligent, schnell und reichweitenstark umgesetzt wurde“, wirbt die Firma auf ihrer Webseite. Je mehr Daten Apollo hat, desto genauer kann die Ansprache zugeschnitten werden.

Neben den Daten von Endverbrauchern sind jedoch auch hunderte Firmen betroffen, die eigene Vertriebsdaten über potenzielle Kunden in das System von Apollo gespeist haben.

Für Betroffene ergibt sich aus dem Malheur unter anderem das Risiko, dass sie Opfer gut gemachter Betrugsversuche werden. Kriminelle könnten die erbeuteten Informationen für ihr eigenes Microtargeting in Form von Scam- und Phishing-Mails nutzen, bei denen Menschen beispielsweise auf Fake-Versionen bekannter Webseiten gelockt werden, um dort ihre Kontodaten oder Passwörter abzugreifen. Mit der Kombination aus Name, E-Mailadresse, Arbeitgeber und weiteren Daten kann die Zielgenauigkeit solcher Angriffe erhöht werden.

Nach einer Einschätzung zu dem Vorfall gefragt, verweist der Wiener Privacy-Forscher Wolfie Christl auf die lange Geschichte von Datenlecks bei Big-Data-Firmen:

    Dass hier durch eine Sicherheitslücke digitale Profile von über 100 Millionen Menschen frei zugänglich waren, ist natürlich ein Desaster. Aber das war nicht die erste derartige Datenpanne und wird wohl auch nicht die letzte sein. Wo Fahrlässigkeit im Spiel ist, muss es hohe Strafen geben, anders wird sich hier nichts ändern. Datensammelfirmen handeln oft völlig verantwortungslos. Die Nutzung von Daten, die durch Sicherheitsprobleme für andere zugänglich geworden sind, muss klar als illegal betrachtet werden.

Die Kunden von Apollo sitzen überwiegend in den USA. Dass auch Menschen in Europa betroffen sind, ist angesichts der Größe des Datenlecks und der weiten Verbreitung von LinkedIn in Europa jedoch wahrscheinlich. Wer prüfen möchte, ob sich auch die eigene Mailadresse in dem Apollo-Datensatz befindet, kann dies bei HaveIBeenPwned checken. Der Dienst gleicht eingegebene E-Mailadressen mit dutzenden Datenlecks wie jenen von Yahoo, Adobe, Dropbox, Adult Friend Finder oder Kickstarter ab. Über den aktuellen Fall sagt HIBP-Betreiber Troy Huntt zu Wired, es handele sich um einen der größten in der Geschichte: „Es ist eine geradezu atemberaubende Menge an Daten. Insgesamt geht es um 125.929.660 eindeutige E-Mail-Adressen. Das werden wahrscheinlich die meisten E-Mail-Benachrichtigungen sein, die HaveIBeenPwned je für einen Verstoß gesendet hat.“

Der Fall wirft ein erneutes Schlaglicht auf die Schattenindustrie, die mit Daten über Menschen auf der ganzen Welt Milliarden verdient. Apollo betont, dass durch das Datenleck keine Informationen über die finanzielle Situation von Menschen oder ihre Sozialversicherungsnummern kompromittiert wurden. Andere Firmen aus der Branche sammeln auch solche Informationen, wie ein Bericht der US-Federal Trade Commission über das Databroker-Business [PDF] 2014 feststellte. Sie können aus den Daten Rückschlüsse über deren Vorlieben, Interessen und Lebenssituation ziehen und verkaufen diese Analysen ebenso wie die Originaldaten. E-Mail-Adressen sind dabei besonders begehrt, weil sie als Identifier dienen, mit denen Daten aus unterschiedlichen Quellen in individuellen Profilen zusammengeführt werden können. Gegenüber netzpolitik.org problematisiert Wolfie Christl die Undurchsichtigkeit dieser Branche:

    Sicherheitspannen sind das eine. Viel problematischer allerdings die Tatsache, dass es überhaupt derartige Firmen gibt, von denen noch kaum jemand gehört hat, die aber hunderte Millionen von Datensätzen sammeln und kommerziell verwerten. Die umfangreichen Verbraucherdatenbanken von sogenannten Drittparteien, die keine direkten Beziehungen mit Kundinnen und Kunden haben, müssen dringend systematisch rechtlich unter die Lupe genommen werden.


Aus: "Datenleck bei Big-Data-Firma: Mehr als 100 Millionen Profile offen im Netz" Ingo Dachwitz (08.10.2018)
Quelle: https://netzpolitik.org/2018/datenleck-bei-big-data-firma-mehr-als-100-millionen-profile-offen-im-netz/