Author Topic: [Paris... ]  (Read 2129 times)

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Offline Thomasio

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[Paris... ]
« on: October 14, 2007, 10:01:50 PM »
   Vor drei Jahren hatte ich einen Freund in Paris besucht, der einen schlecht bezahlten Job bei einem Weinhändler angenommen hatte, und bei dem ich zwei Wochen wohnen konnte. Es war im Winter gewesen, kurz vor Weihnachten. Tagsüber schlenderte ich durch die endlosen Boulevards und verschoss drei Schwarzweiß – Filme am Tag. Abends verkroch ich mich regelmäßig in einem runter gekommenen Jazz – Schuppen, der keinen Eintritt verlangte und den Rotwein in weißen Plastikbechern ausschenkte. Es war ein ehemaliges Kino, in dem allabendlich Musiker ihre Instrumente mitbrachten und zusammen spielten, bis der Wein alle war oder es zu kalt wurde. Die Heizung war ausgeschaltet, weil sie die Nebenkosten nicht mehr zahlen konnten, weswegen auf jedem Kinosessel eine Wolldecke lag. Dorthin verkrochen sich auch viele Obdachlose, die tagsüber auf den Lüftungsschächten lagen und sich an der heraus strömenden Luft wärmten.
  Mein Weg zurück führte über den langen und zu jeder Tageszeit von Menschen überfüllten Boulevards Barbés, der mit seiner fiebrigen Unruhe dazu einlud, sich darin mit zielloser Sehnsucht zu verlieren. Mein Freund wohnte in der Rue Ordener, die im 18. Arrondissement lag, welches aufgrund von Gewalt und Straßenstrichen von einigen Leuten genauso gemieden wird wie sich andere davon angezogen fühlen. Vor der Tür des besagten Hauses, in dem mein Freund wohnte, gab es einen dieser mehr oder weniger versteckten Straßenstriche, die auf den ersten Blick nicht gleich gesehen werden. Schließlich sind Bordelle in Frankreich seit 1946 verboten, wodurch die Prostitution auf die Straße und in anonyme Treffs abgewandert ist.  Prostitution an sich blieb weiterhin erlaubt, doch seit den neunziger Jahren verschärften sich die Verbote. `Aktives Werben` (direktes Ansprechen…) ist für Prostituierte sowie für Freier strafbar. Und seit 2003 kann sogar `Passives Werben` (anlächeln, Blickkontakt…) mit bis zu zwei Monaten Gefängnis bestraft werden.
  Erst als ich aus der Wohnung im vierten Stock einen Blick auf die Straßenszene warf, konnte ich in allen Häuserecken die Prostituierten sehen, die heimlich mit den Freiern kommunizierten. Sie standen in kurzen Röcken fröstelnd in den Häusereingängen und versuchten trotz der Kälte sexy zu wirken. Autos fuhren langsam mit herunter gekurbelten Fenstern vorbei. Männer musterten Figur, Gesicht und Oberweite. Schließlich fällt die Wahl und sie steigt ein. Sie fahren hundert Meter weiter auf einen dunklen Parkplatz; Licht aus, Motor aus, Bezahlung, Hose runter. Danach steigt sie wieder aus und läuft zurück zur Straße. Der Freier schaltet das Autolicht erst ein, wenn er wieder auf die Straße fährt. Andere gehen zu Fuß um die nächste Ecke, lauern auf eine offene Haustür oder gehen hinter den nächsten Busch.
  Als ich eines Abends mal wieder vom Jazzschuppen nach Hause schlenderte und um drei Uhr nachts die Haustür öffnete, bemerkte ich im Dunklen die Umrisse zweier Leute im Hausflur. Ich dachte zuerst an zwei Obdachlose, die sich dort zum Pennen nieder gelassen hatten, aber als ich das Licht anmachte, grinste mich die Frau an, die mir am Tag meiner Ankunft über die Schulter geguckt hatte, als ich den vierstelligen Code an der Haustür eingegeben hatte. Ich hatte ihr sozusagen unwissend den Haustürschlüssel gegeben. Sie hockte mit herunter gelassener Hose auf allen Vieren, während ein junger Typ, der soeben noch versucht hatte, sich die Hose anzuziehen, seinen Kopf wegdrehte und beschämt an die Wand starrte. Ein klassischer `doggystyle` neben den Briefkästen. Während er in Peinlichkeit versank, hörte sie nicht auf, mich anzugrinsen, und ich sagte `Bonsoir`, ging an ihnen vorbei und verschwand hinter der zweiten Haustür, wo ich mich natürlich noch mal umdrehte. Ich hörte sie etwas zu ihm sagen, worauf er da weiter machte, wo ich ihn unterbrochen hatte; in langsamen, gleichmäßigen Stößen.     
  Zwei Nächte später. Diesmal kam ich mit dem Fahrrad wieder, mit dem ich mich tagsüber in den zehnspurigen Kreisverkehr um den Triumphbogen gestürzt hatte. Es war dieselbe Hure wie vor zwei Nächten. Diesmal musste sie laut los lachen. Sie lag rücklings auf den Boden, während ein älterer, gut aussehender Mann auf ihr lag und sie mit einem etwas schnelleren Tempo durch nahm. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger blickte er nur einmal hoch, um kurz von mir Notiz zu nehmen, und ließ sich nicht weiter dabei stören. Ich hatte den Eindruck, dass ich mich dazu stellen und zusehen konnte, ohne dass sie etwas dagegen hätten.
  Da sie in dieser Nacht quer auf den Boden lagen und ich mein Fahrrad dabei hatte, gestaltete es sich als etwas schwierig, samt Drahtesel über sie hinüber zu steigen.
  „Ca va?“ fragte sie und rückte etwas, soweit es ihr Freier zuließ, zur Seite. 
  „Oui…, pas de probleme!“ sagte ich. „Ca marche.“   
  Sie lachte.   

« Last Edit: November 04, 2007, 10:12:44 PM by Thomasio »

Offline Thomasio

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Unterwegs
« Reply #1 on: November 04, 2007, 10:03:08 PM »
  Auf einer Raststätte zwischen Kassel und Göttingen. Ich wandere mit meinem Rucksack von Auto zu Auto und erlebe die unterschiedlichsten Reaktionen.
  Manche reagieren gar nicht, blicken weg und gehen stur an mir vorbei.
  Ein Vater stellt sich schützend vor seinen Kindern, als er mich auf sie zukommen sieht.
  Ein anderer würde gerne, darf aber nicht, weil es ein Firmwagen ist.
  Eine Frau schüttelt nur lachend den Kopf, als sei ich nicht ganz dicht.
  Andere behaupten, keinen Platz zu haben, dabei ist die halbe Rückbank leer.
  Einige schaffen es rechtzeitig, das Fenster hoch zu kurbeln.
  Dazwischen gibt es einzelne, die mich mitnehmen würden, aber leider in eine andere Richtung fahren. 
  Aber ich bin mir sicher; einer von denen wird mich schließlich mitnehmen.
  Eine Frau Ende Vierzig kommt aus der Tankstelle zurück und wird von mir auf halben Weg zu ihrem Auto abgefangen. Sie sieht traurig und nieder geschlagen aus. Später erfahre ich auch warum. Einige Stunden zuvor hat sich ihr Mann per SMS von ihr getrennt.
  Sie mustert mich von Kopf bis Fuß. 
  „So was mache ich überhaupt nicht gerne.“ Sie zögert und blickt zur Seite. Ihre Gedanken rasen wild durch ihre trüben Augen, während der nimmermüde Lärm von der Autobahn zu uns rüber dröhnt.  „Na gut,“ sagt sie schließlich. „Dann hoffe ich mal, dass du mich nicht vergewaltigst.“ Sie blickt mich eindringlich an und in ihren ernsten Augen wartet sie ab, auf welcher Art ich reagieren werde.
  „Wieso?“ erwidere ich zurück. „Dafür sind Tramper doch da.“
  Sie muss lachen. Prüfung bestanden.


  …...


  An einer Autobahnauffahrt in der Nähe von Bamberg. Es ist Anfang Februar, ein kalter Wind fegt über die trostlose Asphaltlandschaft. Niemand hält an. Alle fahren an mir vorbei. Einige winken voller Schadenfreude, ein anderer reibt die Finger zum Cash – Zeichen und wartet, bis ich den Kopf schüttele. Ich warte seit knapp einer Stunde und werde langsam nervös. Gen Abend will ich eigentlich in der Schweiz sein, und beginne zu zweifeln, ob ich das noch schaffe. Ein anderer Tramper kommt vorbei und behauptet, dass es sein Platz wäre. Schließlich teilen wir uns eine Zigarette und er wartet zweihundert Meter weiter. Als er fünf Minuten später mitgenommen wird, schlägt meine Stimmung vollends um und ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Immer weniger Autos fahren an mir vorbei. Mit den Händen in den Taschen, vergesse ich sogar den Daumen raus zu halten. Ich fange an, zu resignieren.
  Dann passiert Folgendes. Ein alter, klappriger Renault kommt quietschend die Auffahrt hinauf gerast und macht direkt vor meinen Füssen eine Vollbremsung. Ohne richtig anzuhalten, sehe ich einen Arm die Beifahrertür aufmachen.
  „Los, rein mit dir!“ ruft er im Befehlston.
  Aus dem Wageninneren selbst dringt laute Rockmusik. In all meiner Verzweiflung zögere ich keine Sekunde. Bevor ich die Tür überhaupt zugemacht habe, fährt er auch schon los. Mit dem großen Rucksack auf meinen Schoß und einem unguten Gefühl im Bauch wandert mein Blick zu dem Fahrer. Ein altes, faltiges und verschlossenes Gesicht guckt stur auf die Autobahn, beide Hände fest ums Lenkrad geklammert. Sein schulterlanges Haar klebt schmierig und verschwitzt um seine Stirn und zwischen den Lippen krümmt sich eine nur noch schwach qualmende Selbstgedrehte. Er sieht ein bisschen aus wie Bob aus `Twin Peaks`. Er schaut mich nicht einmal an, fragt nicht, wohin ich will, sagt mir aber auch nicht, wohin er überhaupt fährt. Der Wagen hört sich an, als würde er es nicht mehr lange machen. Was hat er vor, denke ich, und überlege, ob ich nicht wieder aussteigen sollte. Aber die Musik ist so laut, dass es unmöglich ist, miteinander zu reden. Doch die Fahrt dauert nicht lange. Zwei Kilometer weiter schmeißt er mich mit derselben Aufforderung `So, raus mit dir!` an einer ähnlich ungünstigen Autobahnauffahrt wieder raus und rast davon. Bevor ich mich fragen kann, was dieses seltsame Zwischenspiel zu bedeuten hatte, hält ein anderer Wagen und nimmt mich mit. Zufälligerweise fährt er in die Schweiz.
« Last Edit: November 04, 2007, 10:08:52 PM by Thomasio »