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Author Topic: [Elemente zur Oberflächlichkeit... ]  (Read 9718 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Elemente zur Oberflächlichkeit... ]
« on: October 12, 2007, 02:23:30 PM »

Quote
[...] Alexithymie (Gefühlsblindheit) bedeutet - nach John C. Nemiah und Peter E. Sifneos, die den Begriff 1973 maßgeblich prägten - die Unfähigkeit, Gefühle hinreichend wahrnehmen und beschreiben zu können. Alexithymie ist ein griechisches Kunstwort, gebildet aus a- "nicht", ἡ λέξις (he léxis) "hier: das Lesen" und ὁ ϑυμός (ho thymós) "das Gefühl, die Stimmung". Wörtlich also: das Nicht-Lesen-Können von Gefühlen [...]


Aus: "Alexithymie" (10/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Gef%C3%BChlsarmut

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Quote
[...] Unter den französischen Existentialisten galt die Ignoranz als die Weigerung, sich durch das Sein betroffen zu fühlen, Wissen und Bildung wurde als Ausweg gesehen und Jean-Paul Sartre schrieb: „der Ignorant lebt seinen Tod, und indem er seine Freiheit verweigert, projiziert er sie auf die Welt, die sie ihm in Gestalt des Schicksals zurückwirft“.

[...] Bei rationaler Ignoranz verzichtet jemand bewusst darauf, sich mit einem Thema auseinanderzusetzten, und verpflichtet jemand anderes, sich damit zu befassen. Es ist der Verzicht auf die Einmischung in einzelne (politische) Geschäfte in einem Gremium, weil es für Einzelne gar nicht möglich ist, sich mit jedem Geschäft vertieft auseinanderzusetzen. Rationale Ignoranz ist eine Form von freiwilliger Ungewissheit.


Aus: "Ignoranz" (10/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ignoranz

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Textaris(txt*bot)

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[Anderland... (Elemente zur Oberflächlichkeit)]
« Reply #1 on: October 12, 2007, 02:33:15 PM »

Quote
[...] Es gibt Parallelen zu Terry Gilliams „Brazil“ (1985), natürlich zu Orwells „1984“ (1984) und zu Truffauts „Fahrenheit 451“ (1966), und man kann auch ästhetische Anleihen an David Lynchs „Twin Peaks“ (1990) entdecken, aber „Anderland“ bereichert das Genre auch um eine witzige Geschichte und eine eigene, lakonisch-sarkastische Tonlage. Das Leben der Menschen in dieser weder zeitlich noch örtlich näher bestimmten Zukunftsvision ist ja in vieler Hinsicht von unserem Leben nicht weit entfernt, mit der Sehnsucht nach authentischen Gefühlen und Sinneseindrücken kann man sich schließlich schnell identifizieren. Das ist die beunruhigende Seite des Films, der wie alle guten Science-Fiction-Filme nicht futuristisch sondern erschreckend alltäglich daherkommt. Die komische Seite ist der satirische und genaue Blick auf ein perfekt geordnetes Zusammenleben, in dem die gepflegte Oberflächlichkeit nicht nur ein Mittel zur Selbstberuhigung ist - nein, es ist darunter einfach tatsächlich überhaupt nichts da.


Aus: "Anderland - Ein Film von Jens Lien" Thomas Neuhauser (03/10/07)
Quelle: http://www.arte.tv/de/film/Kino-News/Kinostart/04--Oktober-2007/1707192,CmC=1711106.html

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Quote
[...] Andreas, der nun täglich Zahlen in einen Computer einzutippen hat, macht das Spiel mit und findet auch bald eine Freundin, Anne-Britt (Petronella Barker). Wie die meisten anderen Menschen in dieser kinderlosen Stadt interessiert auch sie sich ausschliesslich für alles, was mit schöner Wohnen zu tun hat. Nach mehreren Nächten mit mechanischem Sex kommen Andreas erste Zweifel. Ist dies tatsächlich ein Leben, das er führen will?

Eine Affäre mit der blonden Ingeborg (Brigitte Larsen) scheint die gewünschte Abwechslung in der allgemein gepflegten Oberflächlichkeit zu bieten. Mit Andreas unendlicher Liebe konfrontiert, droht aus der vermeintlichen Frau fürs Leben aber dasselbe Wesen zu werden, das schon zu Hause sitzt und den nächsten gesellschaftlichen Empfang in der gediegenen Wohnung plant.


Aus: "Anderland" (zelluloid.de, 2007)
Quelle: http://www.zelluloid.de/filme/index.php3?id=19380


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Quote
[...] Anderland ist eine sterile Businesswelt, die so manchen realen Büroetagen aufs Erschreckendste ähnelt. Was zählt, sind Arbeit, Etikette und gesellschaftliche Zusammenkünfte in Edelrestaurants. Durch die Gewöhnung an den Luxus ist der Genuss abhandengekommen. Die liebes- und beziehungsunfähigen DINKS kompensieren ihre innere Leere mit äußeren Designgegenständen.

Es ist eine beklemmend aktuelle Dystopie, die Jens Lien da geschaffen hat, indem er die Realität nur um Nuancen übersteigert. Seine Welt kommt ohne futuristische Technik aus, ohne Newspeak und ohne ein Staatssystem; sie ist ein Ausschnitt aus der unsrigen. Es gibt lediglich - und das verbindet sie mit den Welten von George Orwell und Ray Bradbury und François Truffaut - eine graue Polizei, die jeden Ausbruchsversuch verhindert. Anders als bei Terry Gilliam ist der Tod aber nicht mehr die letzte Bedrohung durch das System, sondern unmöglich - man kann sich nicht einmal umbringen, um Anderland zu entfliehen.


Aus: "Viel Zufriedenheit, kein Glück" Von Inge Kutter (ZEIT online  4.10.2007)
Quelle: http://www.zeit.de/online/2007/40/filmrezension-anderland

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Textaris(txt*bot)

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[Die Als-ob-Strategie... (Notizen)]
« Reply #2 on: October 12, 2007, 03:22:11 PM »

Quote
[...] Doch Beweis um Beweis trugen die Richter zusammen, und wer das 216 Seiten starke Urteil liest, ist von der Schuld des Hartmut Crantz überzeugt. Es bleibt kein vernünftiger Zweifel: Auch die theoretischen Varianten, Frau Crantz könne Suizid begangen oder sich mit einem Geliebten davongemacht haben, fallen in sich zusammen. Als der Firma die Pleite drohte, hatte er ihr alles überschrieben. Zu den Indizien passt die Persönlichkeit des Angeklagten.

Ein psychiatrisches Gutachten bescheinigt ihm eine - Als-ob-Persönlichkeit - , die immense Unsicherheiten und Ängste mit der Fassade des Machers , des Herrn-im-Haus kaschiere.

Kontrolle über die Umgebung sei Crantz das Wichtigste, mit Reichtum und Statussymbolen versuche er sein schwaches Ego zu stabilisieren. Gerate sein glanzvolles Selbstbild aber in Konflikt mit der Realität, so täte er - vieles, wenn nicht gar alles dafür - , die schöne Illusion zu retten.

All das hat dem Landgericht im Jahre 2000 die Gewissheit verschafft, dass Hartmut Crantz seine Frau getötet haben muss.


Aus: "Neue Wörter vom 8.8.2002: "Als-ob-Persönlichkeit, die"" Von der Wortwarte (8.8.2002)
Quelle: http://www.sfs.uni-tuebingen.de/~lothar/nw/Archiv/Datum/d020808.html#w0

-.-

Quote
[...] Eine Ehe ohne offen ausgetragene Konflikte, ohne Tränen, Wut, Krach und Leidenschaft. Ohne Aussprachen, ohne Ausbrüche, ohne Aus-der-Rolle-Fallen. Man sperrte sich hinterrücks die Konten und ging gemeinsam aus. Man stahl sich Verträge aus dem Aktenkoffer und aß höflich zusammen das Frühstücksei. Man machte den Termin beim Scheidungsanwalt und feierte gemeinsam Weihnachten. Man hasste sich - doch wahrte stets die Contenance. Welch tödliche Maskerade! Kein Schriftsteller hätte ein konsequenteres Ende dieser Ehe ersinnen können.

Aus: "Die letzte Szene einer Ehe" Von Sabine Rückert (DIE ZEIT 33/2002)
http://zeus.zeit.de/text/2002/33/200233_crantz-prozess_xml

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Quote
[...] Bei der Befragung eines zentralen Belastungszeugen kommt es nun zu folgender Szene: Strate hat gerade das Fragerecht, und es geht zäh voran. Plötzlich unterbricht Strate, schlägt mit der flachen Hand auf die Tischplatte und ruft wütend zum Richtertisch hinüber: "Wissen Sie, Herr Vorsitzender, meine wichtigsten Fragen kann ich hier nicht stellen, weil der Sohn des Angeklagten da drüben sitzt und alles mithört. Er selbst ist aber als Zeuge noch gar nicht vernommen worden. Das ist doch meinem Mandanten gegenüber nicht fair. Ich werde, ich muss jetzt aufhören zu fragen!!"  Der Fan-Klub ist außer sich. Erregtes Gemurmel: Was für eine Ungerechtigkeit gegenüber dem Angeklagten.

 Der Nebenklägervertreter Schwenn bietet aber überraschend an: Sein Mandant verlasse gerne den Saal, dann könne Strate ja in Ruhe weiterfragen. Warum lächelt er dabei? Warum scheint es so, als müsse auch der Vorsitzende sich das Lachen verbeißen? Warum ist der Verteidiger Strate alles andere als erfreut über dieses Angebot. Warum schaut er so säuerlich, als der Nebenkläger sich erhebt und hinausgeht? Er hat seinen Willen doch bekommen.

 Allein bei den Zuschauern herrscht tiefe Befriedigung über die Herstellung der Waffengleichheit. Strate fragt also weiter. Jetzt ohne die Zeugenschaft des Sohnes Crantz. Aber seine Fragen sind eher belanglos. Warum? Er wollte doch jetzt erst richtig loslegen.

  Erst später, als ich mich bei den Proezssbeteiligten erkundige, geht mir auf, was ich miterlebt hatte. Der schlaue Strate hatte die Empörung über die Anwesenheit des Nebenklägers nur inszeniert, weil ihm die Fragen ausgegangen waren. Aus diesem Zeugen war - jedenfalls zugunsten des Angeklagten - kein Wort mehr herauszuholen. Also wollte Strate die unergiebige Befragung wenigstens mit einem Paukenschlag beenden und Sympathien für den Angeklagten sammeln. Und bei den Zuschauern hatte er Erfolg damit. Dadurch aber, dass der Nebenkläger freiwillig den Raum verließ, war Strates Plan durchkreuzt. Er musste sich jetzt noch mehr fade Fragen ausdenken. Das ärgerte ihn, und der Vorsitzende hatte sein Freude dran.

[...] Der Gerichtsreporter muss - und damit komme ich zum Schluss - vor allem eines: AUFPASSEN. Denn jedes Stück, in das er geht, wird nur einmal gespielt.


Aus: "Der Gerichtsreporter: Vom Problem zu verstehen, was man sieht und hört." (31.10.2001)
Quelle: http://www.regino-preis.de/festrede_rueckert.htm

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Quote
[...] Die Als-ob-Strategie hat sich für alle diejenigen bewährt, die sich neue Felder sozialer Kompetenz erschließen wollen. Sie ist die erfolgreichste Methode, um Bewährungssituationen in ungewohnter Umgebung zu bestehen. [...]

Niemand kann Ihnen von außen ansehen, wie kompetent sie sind. Jedes Urteil über Sie wird allein aufgrund Ihres Aussehens und Ihres sichtbaren Verhaltens gefällt. Wenn Sie auftreten, als ob Sie kompetent sind, dann gelten Sie für die Zuschauer auch als kompetent. Aus dem Schein wird Sein.

Oft zitiert und doch immer wieder wichtig: Ihre Wirkung beruht zu 55 Prozent auf Körpersprache, zu 38 Prozent auf der Stimme und nur zu 7 Prozent auf dem Inhalt des Gesagten.

[...] Die Als-ob-Strategie eignet sich nicht nur für öffentliche Reden. Mit der gleichen Methode können Sie auch andere ungewohnte Situationen meistern, zum Beispiel Bewerbungsgespräche, Telefonate mit wichtigen Personen, Verhandlungen, Verkaufsgespräche, aber auch Flirts, Liebeserklärungen und Heiratsanträge.


Bruchstück aus: "Die Als-ob-Strategie - Hochstapeln für Anfänger und Schüchterne" (Ausgabe Dezember 2001/ 4. Jahrgang )
Quelle: http://www.berlinx.de/ego/1201/art2.htm

-.-

Quote
[...] Zum Ende zu finden wir ihn nämlich wieder in gewohnter Form, wenn er über die Mechanismen unseres Zeiterlebens, über neue Erkenntnisse zur "Künstlichen Intelligenz" und in einzigartiger Weise über "Die Künste und das Gehirn" schreibt. Was die Fakten betrifft handelt es sich nämlich um ein lesenswertes Buch, das uns viele aufschlußreiche Einblicke in die Arbeitsweise eines Organs vermittelt, das in der Evolution gelernt hat, mit seinem Nichtwissen auf überlebensdienliche Weise umzugehen. Das macht das Gehirn so perfekt, daß es die Illusion erzeugt, ein objektives Wissen zu besitzen. Aber erst wenn wir seine Als-ob-Strategie durchschauen, fangen wir an, wirklich zu verstehen. Solange wir seine Hypothesen und Erfindungen, wie z. B. die der Zeit, für bare Münze nehmen, sind wir nur die Marionetten des Herrschaftsorgans, die seinen Vorgaben hinterherlaufen. Sokrates jedoch war ein Weiser: Er hatte alle Wissensillusionen solange hinterfragt, bis er wußte, daß wir (objektiv) nichts wissen. Das gab ihm jene mentale Souveränität, die ich uns allen wünsche.


Aus: "Buchbesprechung: Ernst Pöppel, Anna-Lydia Edingshaus/Geheimnisvoller Kosmos Gehirn" (C. Bertelsmann Verlag München 1994, veröffentlicht in der philosophischen Halbjahreszeitschrift "Aufklärung und Kritik" Heft 1/1996)
Quelle: http://deposit.ddb.de/ep/netpub/03/64/52/968526403/_data_dyna/_snap_stand_2003_01_07/lt12.html


-.-

autismuskritik: "assoziation: nachträge zur "als-ob-persönlichkeit""
("als-ob-leben ?", posted by monoma - 25. Apr, 2007)
http://autismuskritik.twoday.net/stories/1872905/

« Last Edit: October 22, 2007, 03:57:55 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Vortäuschen tatsächlich nicht vorhandener Gefühle... (Notizen)]
« Reply #3 on: October 28, 2007, 06:51:43 PM »

Quote
[...] Für Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung sind die Symptome manchmal nicht spürbar (kein Leidensdruck), so dass sie nur der Umgebung auffallen. Das kann z. B. ein oberflächlicher Charme und ein starkes Durchsetzungsvermögen sein. Andere Charakterzüge werden eher als negativ empfunden, wie etwa ein übersteigertes Selbstwertgefühl, ein starkes Geltungsbedürfnis, häufiges Lügen (z. B. „Pseudologie“), häufiges Stehlen (z. B. “Kleptomanie“), Neigung zum manipulativen „Tricksen“, ein fehlendes Gewissen, „seichte“ Gefühlsregungen, Mangel an Empathie, Allmachtsgefühle, bestimmte Besonderheiten der Affektivität oder der Willensbildung sowie der sozialen Beziehungen (Soziopathie).



Aus: "Psychopathie" (10/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Psychopathie

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Quote
[...] Als Pseudemoralist wird eine Person genannt, der seine Meinung in bestimmten, eng eingegrenzten Gebieten als "moralisch" empfindet, deren Verhalten meistens aber nichts mit Moral im eigentlichen Sinne zu tun hat.


Aus: "Pseudomoralist" (10/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Pseudomoralist

-.-

Quote
[...] Heuchelei ist ein moralisch negativ besetztes Verhalten. Sie äußert sich im Gegensatz zwischen dem von einer Person zur Schau getragenen Bild ihrer selbst und der Realität.

Heuchelei dient der Manipulation anderer Menschen oder dem Aufrechterhalten eines positiven Selbstbildes bei anderen oder sich selbst.

Es gibt im wesentlichen zwei Arten der Heuchelei:

   1. Das Vortäuschen tatsächlich nicht vorhandener Gefühle oder Gemütszustände. So mag ein Dieb Überraschung heucheln, wenn das Fehlen eines von ihm gestohlenen Gegenstands bemerkt wird. Heuchelei in diesem Sinn steht im Gegensatz zur Tugend der Wahrhaftigkeit.
   2. Das Vertreten eines Anspruchs an das Verhalten Anderer, wenn man selbst diesem Anspruch nicht gerecht wird. Dies wird häufig mit dem bildhaften Ausspruch illustriert: "Wasser predigen, aber selbst Wein trinken." Heuchelei in diesem Sinn wird auch als Scheinheiligkeit oder Doppelmoral bezeichnet; sie steht im Gegensatz zur persönlichen Integrität, da ein Widerspruch zwischen geäußerten und gelebten Werten besteht: Entweder vertritt man dabei Werte, die man nicht für richtig hält, oder man lebt nicht nach Werten, die man für richtig hält, denn vertretene und gelebte Werte stehen im Widerspruch.

Die beiden Spielarten der Heuchelei fallen zusammen, wenn Empörung geheuchelt wird, also eine Gemütsregung, die einem Werturteil entspringt.

Die Gemeinsamkeit beider Arten der Heuchelei ist der Gegensatz zwischen dem geäußerten Urteil über einen Sachverhalt (zur Schau getragene Emotion oder geäußertes moralisches Urteil) und dem tatsächlichen Urteil (tatsächliche Emotion oder eigenes Verhalten).

Verwendet man das Wort scheinheilig im eigentlichen, engeren Sinne von scheinbarer (also vorgetäuschter) „Heiligkeit“, spricht man auch von Bigotterie.


Aus: "Heuchelei" (10/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Heuchelei

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[Die Innenwelt bleibt in der Debatte um die Krise ausgespart... ]
« Reply #4 on: March 02, 2009, 01:00:40 PM »

Quote
[...] 02. März 2009 - Während alle Welt rätselt, was die Finanzkrise noch bringt, ist das größte Geheimnis schon gelüftet: Viele Manager sind nicht nur Versager, sie sind Schlappschwänze. Und weit davon entfernt, so viril zu sein, wie sie sich gerne präsentieren. Damit haben sie nicht nur Banken und Aktiendepots ruiniert, sondern auch noch ihre Geschlechtsgenossen desavouiert. Wer nun meint, die miese Performance der Jungs möge für die Wirtschaft relevant sein, nicht aber für uns Männer, der übersieht, dass die Geschäftswelt männlich dominiert ist; ihre Hauptdarsteller sind role models, und ihr Schicksal ist relevant für das Selbstverständnis aller Männer.

Es war der 13. Februar 2008, als sich das Schicksal der Manager zu wenden begann. Damals erschien einer jener Artikel, in denen Konzernchefs gerne schreiben, Führungskräfte seien "Vorbilder" und ihr Führungsstil der "wahre Schlüssel zum Erfolg". Die Leitlinien des idealen Führungsstils entwickelte der Autor, wenig überraschend, entlang klassischer Männertugenden wie Durchsetzungsfähigkeit, Mut und Leistungsbereitschaft. Das gelte besonders in Krisenzeiten. Zum vielbeachteten Dokument männlicher Hybris wurde der Text erst, als exakt einen Tag nach dessen Erscheinen das Privathaus und das Büro des Autors durchsucht wurden - und zwar wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung von mehr als einer Million Euro.

Heute ist Klaus Zumwinkel, der Autor des Artikels, ein rechtskräftig verurteilter Straftäter. Anstatt aber am Ende seiner vorbildlich in die Luft gejagten Karriere wenigstens einen mannhaften Abgang hinzulegen, jammerte er nach der Verkündung des Urteils, als Promi werde man anders behandelt als ein Normaler; deshalb habe auch sein Vertrauen in den Rechtsstaat gelitten. Was für eine wehleidige Memme! Nutzt den Promi-Status, solange er etwas davon hat, und beklagt sich, kaum lernt er dessen Kehrseite kennen. Sollte Herr Zumwinkel Trost brauchen, so kann der nur darin bestehen, dass er sich in der Gesellschaft vieler anderer von Seinesgleichen befindet.

Zum Beispiel in jener der Vorstandsvorsitzenden der drei großen US-Autokonzerne. Rick Wagoner, Chef von General Motors, ist einer von ihnen: Erst lässt er sich mit dem Firmenjet nach Washington fliegen, um beim Kongress einige Milliarden Dollar Finanzhilfe zu erbitten; als die Abgeordneten angesichts dieser Frechheit den Mund nicht mehr zubekommen, macht sich Wagoner ganz klein, quetscht sich beim nächsten Washington-Termin ins Auto, steuert selbst rund 850 Kilometer, verdrückt unterwegs ein von der PR-Abteilung organisiertes labbriges Sandwich, um sich schließlich auf die Leute von der Wall Street rauszureden, die an der Krise schuld seien. Was aus dem Herrn geworden ist? Aktuell bastelt er an Rettungsplänen für GM.

Der Chef der deutschen Bahn wiederum, Hartmut Mehdorn, gibt seit langem den stahlkinnigen Manager, dem kein Konflikt zu scharf sein kann. Doch was macht er jetzt, da es darauf ankäme, die Sache mit den ausspionierten Mitarbeitern zu managen? Übernimmt er da Verantwortung? Im Gegenteil! Er windet sich und behauptet, er habe von alledem nichts gewusst. Einziger Zweck seiner Performance: seinen Job zu retten, koste es, was es wolle.

Und schließlich wären da noch die miesen Typen von der Londoner Beteiligungsgesellschaft Kingsbridge: Kaufen die Lieblingsfirma einer anderen Sorte von Mann, nämlich Märklin, gehen hin, veranlassen Märklin, mit Leuten der eigenen Beteiligungsgesellschaft sinnlose Beraterverträge in der Höhe der Märklin-Jahresverluste abzuschließen, treiben das Ex-Familienunternehmen in den Konkurs, um schließlich zu versuchen, jene Firmenteile, die sie vorsätzlich schuldenfrei gehalten haben, aus der Konkursmassen zu kaufen.

Memmen also, wohin wir schauen. Unfähige, heimtückische und verantwortungslose Männer, deren PR-Abteilungen eben die Angebote geschäftstüchtiger Beratungsagenturen sichten, wie man die "Corporate Reputation" wieder aufmöbeln könnte, also das angeblich von Journalisten ruinierte Ansehen dieser Typen und ihrer Unternehmen. Wir wüssten Rat; er kostet exakt den Gegenwert dieser Zeitungsausgabe: Stellen Sie sich hin wie ein echter Kerl und sagen Sie: "Ich übernehme meinen Teil der Verantwortung dafür, dass unsere Wirtschaft baden geht - immerhin habe ich dafür viele Jahre lang sehr gut verdient!"

Aber wo sind sie nur, die Männer, die den Mumm dazu haben? Irgendeiner da? Keiner, klar - lassen sich ja eben für den nächsten Auftritt bei Plasberg und Illner coachen, damit sie die richtige Mischung aus Zerknirschtheit und Leadership hinbekommen.

Dass diese Männer genau in jenem Moment versagen, in dem es besonders auf sie ankäme, lässt zwei Schlüsse zu. Der eine lautet: Wir haben die Definition von Männlichkeit den Falschen überlassen. Nämlich Männern, die bloß so lange standhaft, klar, aggressiv, kräftig und verlässlich sein können, wie sie erfolgreich sind und es um ihre Binnenkämpfe geht - also darum, andere Männer zu überflügeln und Frauen von den Machtpositionen fernzuhalten. Sobald es aber um die Substanz geht, darum, souverän mit dem Scheitern der eigenen Welt, der Krise der eigenen männlichen Grundprinzipien umzugehen, versagen sie. Ihre Härte, ihre Klarheit, ihre Aggressivität galten und gelten immer nur den anderen - nie der eigenen Person!

Wer sich dieses unglaubliche Schauspiel ansehen will, braucht auf Youtube nur "Gernot Schieszler" einzugeben. Dann kann er in einem Amateurvideo dem Vize-Ceo der Festnetzsparte der Telekom Austria dabei zusehen und -hören, wie er in einem Micky-Maus-Englisch sein Mobbing-Geheimnis erklärt: Man werde die unkündbaren, nicht mehr benötigten Leute nach Hause schicken, sie in Sicherheit wiegen; und wenn sie sich krank meldeten, ihnen den Doktor auf den Hals hetzen; schon sei man sie los. Die Folgen für den fröhlichen Menschenverächter? Man hat ihm die Zuständigkeit für Personalangelegenheiten entzogen.

Die Psyche der Manager ist offensichtlich von einer beinahe krankhaften Verletzlichkeit, die es daher auch mit aller Inkompetenz zu verteidigen gilt. Hier das bizarrste Beispiel: Anstatt sich auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden, verklagten die drei Ex-Vorstände der Hypo Real Estate (HRE) ihren Ex-Arbeitgeber auf Entschädigung; jene Leute also, die deshalb gefeuert worden waren, weil sie die HRE zerschrottet hatten, bis die nur mehr durch den Zuschuss von gigantischen 102 Milliarden Euro zu retten war (bezahlt übrigens von uns Steuerzahlern und von den Banken). Doch damit nicht genug: Wenn die Ex-Chefs wenigstens Manns genug gewesen wären, richtige Millionen zu verlangen! Zu feig! Zu kleinkrämerisch. So fordert ein gewisser Frank Lamby, ironischerweise der Ex- "Chief Risk Officer" der HRE, exakt 37 500 Euro. Stichwort: "Versorgungsansprüche". 37 500 Euro!

Was uns zu der zweiten Lehre führt, die uns die aktuelle Situation beschert: Eine Wirtschaft, die auf der Basis dieses männlichen Selbstverständnisses steht, bleibt eine höchst wackelige Veranstaltung. Sie reflektiert nämlich nur die Welt da draußen, deren Gefahren und deren Möglichkeiten, sich die Taschen voll zu machen - nicht aber die Innenwelt, das moralische Fundament ihrer Konstrukteure.

Diese Innenwelt bleibt in der Debatte um die Krise vollkommen ausgespart. Dabei ist es überfällig, dass die Versager damit aufhören, Prozesse um Peanuts zu führen. Vielmehr müssten sie endlich den Mut aufbringen, sich mit ihren kaputten Egos zu befassen, mit ihren halbseidenen Konstrukten von Männlichkeit, mit den verheerenden Folgen ihrer Weltaneignungsstrategien - und zwar ebenso öffentlich, wie sie sich zuvor für die strahlenden Seiten ihres Egos und Männlichkeitsbildes haben abfeiern lassen. Das wäre ein Beweis für echte Leadership!

Ein allererster Schritt müsste also darin bestehen, ein paar dieser Männer zum Sprechen zu bringen, sie einigermaßen präzise Auskunft geben zu lassen. Über ihre Allmachtsphantasien, ihre Angst vor dem Versagen, ihr klägliches und/oder mondänes Leben, ihre Traurigkeit, ihre Ohnmachtsgefühle, ihre Gier, ihr Verständnis von Verantwortung, Mut, Pflichtbewusstsein, Anstand, Emanzipation und Selbstkritik. Mit einem Wort: Sie müssen endlich die Klappe aufmachen und Auskunft geben über den Kern ihres Mannseins.

Sobald das erste dieser Bücher oder Interviews erschienen ist, wird sie uns plötzlich in den Ohren dröhnen, diese unglaublich skandalöse Sprachlosigkeit jener Männer, die da über unser Schicksal entscheiden und uns mit ihrer Stummheit strafen. Und sie werden die Basis bilden für eine Debatte über wahre Männlichkeit.

Quote
Bravo
Ulrich Foraita (Foraita)

Ich glaube nicht, dass es sich hier um einen Konflikt zwischen den Geschlechtern handelt. Ich glaube allerdings, dass die Wirtschaft traurigerweise Strebern ihr Vertrauen schenkt, die ein echter Mann oder besser Kerl schon vor 30 Jahren in der Berufschule aus reinem Instinkt verprügelt hätte. Es sind diejenigen, mit denen in der Grundschule schon keiner spielen wollte, die jedoch heute auf dem Klavier der Macht musizieren dürfen. Und dies auch tun.


Quote
Deswegen...
kristian kroflin (kroflin)

ist Herr Christian Ankowitsch auch nur Journalist, beobachtet andere und "berichtet" über sie, statt mal selbst etwas in die Hand zu nehmen - schliesslich tun das andere, deren Produkte und Dienstleistungen er nutzt, während seine Intrigen und Anschuldigungen niemandem etwas nutzen, sondern diese Provokation vielmehr noch ablenken soll, damit die, die im Gegensatz zu Herrn Ankowitsch etwas können, das anderen nutzt, davon abgehalten werden. Es wäre lustig, wie sich die Voraussagen und Urteile des Herr Ankowitsch im naturwissenschaftlich-technischen Bereich als magischer Realismus entpuppen würden.


Quote
Managertyp selbst herangezüchtet!
Michael Jensen (homopoliticus2)

In den Universitäten kommt in BWL derjenige am schnellsten voran, der keine Fragen stellt und das veraltete Wissen der Professoren möglichst kleingekaut in den Prüfungen wieder ausspuckt. Wissenschaftlicher Diskurs? Fehlanzeige. An einer "renomierten" Hochschule für Finanzen arbeitet heute beispielsweise eine Lehrkraft (ehemalige Kommilitonin), die noch nie einen Betrieb von innen gesehen hat. Als Manager werden Arbeits- und Entscheidungsprozesse so "organisiert", dass man immer die Verantwortung auf andere scheiben kann. Dies geschieht dann reihum. Ich habe als Unternehmener in Zusammenarbeit mit einem Konzern selbst die Erfahrung gemacht, dass Ansprechpartner nach spätestens zwei Jahren ausgetauscht werden, damit Verantwortlichkeiten nicht zum Tragen kommen. Personaler bevorzugen Bewerber mit stringentem und "makelosem" Lebenslauf. Menschen mit "Verwerfungen" im CV haben meist wenig Chancen. Dabei sollte doch klar sein, dass starke Charaktäre aus überwundenen Niederlagen und Lebenserfahrung resultieren. Solche Menschen TRAGEN Verantwortung! Unser Wirtschaftssystem bevorzugt "Schönwetter-Kapitäne"; Leute die gut "vor dem Wind" segeln können. Verantwortung und "Können in schwerer See" sind nicht gefragt


Quote
"Männer" ?
Markus Teuber (arathorn)

Abziehbilder waren und sind es wohl eher ,diese da ! Sie konnten nur groß und mächtig sein ,als die Wirtschaft und die Finanzwelt sowieso hervorragend liefen.Dabei taten sie dann,als lägen diese Erfolge samt und sonders in ihren Fähigkeiten und Handlungen begründet. Warum allerdings diesen Abziehbildern der gemeine Mann soviel unterwürfige Ehrfurcht gezeiht hat und die Firmeneigentümer soviel Gehalt überwiesen haben,bleibt ein tiefgründiges Rätsel.





Aus: "Männerbilder in der Krise: Stellt euch, ihr Memmen!" Christian Ankowitsch (02. März 2009)
Quelle: http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E01CDF46F5AC24283BDF5A44C52C0BD9D~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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[Alles darüber hinaus werde als anstrengend empfunden... ]
« Reply #5 on: May 06, 2013, 04:08:56 PM »

Quote
[...] Das kleine Sprechen, so sagt man mir oft, erleichtert den Zugang zu anderen Menschen. Ich solle mich auf der Oberfläche bewegen, keine tiefgründigen oder ernsten Themen ansprechen. Humorvoll sein, über Lohnarbeit und über mein unmittelbares Umfeld reden. Alles darüber hinaus werde als anstrengend empfunden. Diskurse aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Medien, Philosophie und Kunst würden die meisten Menschen eher abschrecken, ich solle sie daher meiden. Auch Kritik werde ungern gesehen.

Doch smalltalk wird schnell zum normaltalk. Ob bei Facebook, auf Partys, mit den Arbeitskollegen, selbst mit Freunden oder der Familie: die alltägliche Kommunikation bleibt nicht selten auf dem Niveau der Einstiegskommunikation. Wenn ich mich jedoch ständig mit meinen Mitmenschen über Dinge unterhalte, die mich nicht in die Welt werfen und in sie eintauchen, mich nicht berühren und empathisch aktiv werden lassen — so bleibt nicht nur die Beziehung zu meinen Mitmenschen oberflächlich, unverbindlich und belanglos, sondern auch das Verhältnis zu mir selbst.

Veröffentlicht unter Gedanken   | Verschlagwortet mit facebook, Kommunikation, Lohnarbeit, smalltalk   


Aus: "Smalltalk" epikur (6. Mai 2013)
Quelle: http://www.zeitgeistlos.de/zgblog/2013/smalltalk/

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[Elemente zur Oberflächlichkeit... ]
« Reply #6 on: March 27, 2016, 10:30:38 PM »

Quote
[In Deutschland spielen die perfekt ausgebildeten Jungjazzer meist vor einer Mehrheit von Grau- und Kahlköpfen. Denn es ist ihnen bislang nicht gelungen, ein Publikum aus der eigenen Generation mitzuziehen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/jazzmusiker-in-deutschland-nur-1000-euro-im-monat-a-1083815.html]

ja_bitte heute, 18:18 Uhr

... Jazz? Musik für eine Minderheit. Bringt nix. Philosophie? Unnötiges Zeugs, weil Deutschland ist Exportweltmeister. Da braucht man nicht über sich nachzudenken. Archäologie? Nur nicht zu sehr in der Vergangenheit graben. Politologie? Auf keinen Fall, weil da lernt man ja, wie Demokratie wirklich funktioniert. Und lieber Juristen in der Regierung, denn die sind sowieso die besten Gesetzesverwalter...usw...usw...


http://www.spiegel.de/forum/kultur/musiker-deutschland-jazz-wirds-prekaer-thread-437165-2.html#postbit_42001730

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[Elemente zur Oberflächlichkeit... ]
« Reply #7 on: May 10, 2017, 01:15:21 PM »

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[...] Eine Freundin erzählte mir neulich, dass sie zur Hochzeit ihrer Cousine eingeladen sei, in einem Dörfchen in Süddeutschland. „Das ist am Arsch der Welt und ich müsste für Reisekosten, Hotel und Geschenk mindestens 400€ ausgeben. Und dafür ist sie mir einfach nicht wichtig genug“, sagte sie.

Doch wie den Kopf elegant aus der Schlinge ziehen, ohne die Cousine zu beleidigen? Mit der Wahrheit? „Auf keinen Fall. Bei sowas sagt doch niemand die Wahrheit – es ist ja wie dem Date ins Gesicht sagen, dass man ihn*sie sich attraktiver und witziger vorgestellt hätte und eigentlich jetzt schon weiß, dass man sich nie wieder melden wird.“

Und es stimmt – egal, welchen Lebensbereich man sich anschaut, ob Liebe, Berufswelt oder Freundschaften – niemand sagt die reine Wahrheit. Wir lügen alle, jeden Tag und zu jeder Gelegenheit. In der Liebe, im Beruf, in Freundschaften.

... Doch Jacobs zog es durch: eine ganze Woche lang kein Einschleimen, keine Diplomatie. „Nein, ich habe keine Lust auf deine Hochzeit, will aber trotzdem, dass du mir eine Einladung schickst“. „Ich kann mich an den Namen deiner Freundin nicht erinnern, obwohl ihr seit fünf Jahren zusammen seid“. „Du siehst in dem Kleid tatsächlich fett aus“ und „dein Geschenk find ich blöd.“ Er ging sogar soweit, der hübschen Kollegin im schulterfreien Top zu stecken, dass er jetzt versuchen würde, sie ins Bett zu kriegen, wäre er nicht verheiratet. Und seiner Frau gestand er, dass er überhaupt kein Interesse hat, ihre langweilige Geschichte über den kaputten Computer zu hören und sie sogar manchmal hasst. Sieben Tage, unendlich viele verwundete Egos.

Inspiriert für diesen Selbstversuch wurde er von der Bewegung Radical Honest von Brad Blanton, einem US-amerikanischen Bestsellerautor und selbsternanntem truth doctor. Blanton behauptet, dass wenn wir alle aufhören würden zu lügen und immer klipp und klar sagen würden, was wir denken, unser Leben glücklicher und die Welt ein besserer Ort wäre. Große Versprechungen und Aussichten – und Verkaufszahlen für seine Bücher.

Und, konnte Jacobs Blantons vielversprechenden Thesen nach seinem Selbstversuch bestätigen? Oder endete er ohne Job, Freund*innen und Ehefrau, dafür aber mit zwei blauen Augen? Sein Fazit: Ohne Lügen geht’s nicht. Ehen, Beziehungen und Freundschaften würden zerstört, Kündigungsgründe geliefert, ja, er geht sogar soweit zu sagen, dass Regierungen kollabieren würden, wenn wir unsere täglichen kleinen Halbwahrheiten in pure Ehrlichkeit umwandeln würden. Er will nach dem Experiment definitiv wieder lügen – zwar weniger, aber ohne Lügen funktioniere unsere Gesellschaft einfach nicht.

Wer ungefiltert spricht, ist nicht gnadenlos ehrlich und mutig, sondern wird als unhöflicher Rüpel wahrgenommen. Man schließt ja auch die Tür auf dem Klo, obwohl der dortig verrichtete Vorgang das Natürlichste auf der Welt ist. Zwar konnte Jacobs feststellen, dass manche Gespräche durchaus mehr Wahrheit gut vertragen können – und auch, dass andere plötzlich brutal ehrlich zurückreagieren, wenn man sie mit der nackten Wahrheit konfrontiert –, aber es sei ein extrem schmaler Grat zwischen radikaler Ehrlichkeit und asozialer Gruseligkeit.

... Wer sich nicht anpasst, wird aus dem System ausgeschlossen. Wer will das schon? Was hat man denn von angegriffenen Egos, angesäuerten Freund*innen und kopfschüttelnden Chef*innen, die in einem nur noch das Problem sehen und für immer von ihrer Beförderungsliste streichen?

Deswegen werden wir weiter tanzen und schmücken, die Message in hübsche Geschenkboxen verpacken, eine Schleife drum binden und sie erst dann gaaaaanz vorsichtig mit einer vorher sorgfältig ausgetüftelten Choreografie servieren. Oder anders gesagt: taktvollen und respektvollen Umgang miteinander pflegen.

Diplomatie. Feingefühl. Social Skills. ...


Aus: "Wir lügen einander an, weil niemand die Wahrheit erträgt" Anastasia Rastorguev (10. Mai 2017)
Quelle: http://ze.tt/wir-luegen-einander-an-weil-niemand-die-wahrheit-ertraegt/
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« Reply #8 on: October 10, 2017, 01:38:56 PM »

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[...] Nebraskas Senator hat ein grauenhaft zu lesendes Buch geschrieben. Und ist im Recht: Wir sind zu kindlich. Das Netz und Hubba Bubba sind schuld. ...

Man könnte sagen, dass das Buch grauenhaft zu lesen ist. Dass Homeschooling keine gute Alternative zum Schulbesuch ist, wie der Autor behauptet, wie ranzig die Schule nun sein mag. Dass es erwartbar und doch seltsam ist, Marx mit Reagan zu lesen, wie es Sasse tut, und dass die Erziehungstipps, die er verzweifelten Eltern – mittlerweile wohl die zuverlässigste Zielgruppe auf dem Buchmarkt – an die Hand gibt, reichlich abgedroschen wirken: eine Nacht in der Natur schlafen sollen die Jungs, mit bloßen Händen Hechte erschlagen, nach Europa reisen und Weihnachtsbäume schmücken wie verrückt. Eben echte Kerle werden!

Der Kern des Befundes jedoch stimmt: Die Menschen werden kindlicher. Bei den gerade Großwerdenden der Generation Blablabla ist das kein neues Problem. Jahrzehnte McDonald’s, Privatfernsehen und Hubba Bubba haben sie dummgezüchtet. Empfehlungen wie die Sasses und der zahlreichen sich dazu berufen fühlenden Erdkundelehrer vom Dienst verschlimmern die Situation noch: Entdecke die Welt, komm an deine Grenzen, erlebe was – ja, aber was eigentlich? Ratschläge, mit denen inzwischen sogar die Bundeswehr wirbt, und die in ihrer Übergriffigkeit wohl vor allem die innere Leere der Spaß- und Erlebnisterroristen selber überdecken sollen.

Der Verpanzerung durch Fun, Fun-Fun und Fun-Fun-Fun indes unterliegen auch immer mehr Erwachsene. Gestandene Väter verbringen ganze Tage in der WhatsApp-Emojibar und nerven damit ihre Kinder und Friseure, Omas liken und alles verschwimmt ...

Ständig wird sich ausgezogen und der noch im Alter formschön-straffe Körper gezeigt, von der Windel auf die Hantelbank – und zurück in die Windel. Die Bestätigungsintervalle werden kürzer, die Belohnung blutleer: Ja, Sie leben noch. Im Windschatten von Dieter Nuhr, Stromberg und „Heute Show“ verlottert die Sprache in Dauergekicher: Wenn Politikjournalisten mit Haarausfall ernsthaft von „Mutti“ oder „Uschi“ witzeln, fallen mir die Zähne aus.

Ein Land voller blökender Kinder ist leicht zu beherrschen – wer nicht mitblökt, der flieht sich in Resignation. Doch, wichtig: Was sagen unsere Zuschauer bei Twitter und Facebook zur Diskussion?

... Was will ich wirklich? Diese Frage birgt den Kern des Erwachsenseins, der menschlichen Vernunft: für sein eigenes Leben verantwortlich sein – und sorgt doch mittlerweile bestenfalls für Gelächter, liefert nur mehr Stoff für Motivationsratgeber und wolkige Coachings. Die Zeit der großen philosophischen Entwürfe, der Debatten und Weltbilder, ja, der Überzeugungen und Utopien ist vorbei; der Streit darüber, was ein gutes Leben ist, weicht der totalen Kakophonie des technokratischen Kleinstgeraunes ...  Kapital und Reaktion haben aufgeholt in Sachen Selbstdarstellung, ihrem Schleier entgeht nichts.

...


Aus: "Selbst Alte wollen nur Fun" Adrian Schulz (10. 10. 2017)
Quelle: https://www.taz.de/US-Buch-zu-verkindlichter-Gesellschaft/!5451888/
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« Reply #9 on: June 21, 2018, 09:29:02 AM »

Quote
[...] Inszenierung ist alles. Kleidung, Körpersprache und Aussehen beeinflussen, wie wir auf andere wirken – und entscheiden darüber, wie wir uns selbst fühlen.


Aus: "Du bist, was du trägst" Silke Weber (ZEIT Wissen Nr. 4/2018, 12. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2018/04/ausstrahlung-charisma-schoenheit-aussehen
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[Studien zur Mikrosoziologie des Banalen ...]
« Reply #10 on: August 19, 2019, 02:06:16 PM »

Poesie ist eine Lebenshaltung, die sich der Aufgabe verschrieben hat, die Phantasie vor der Banalität und der bleiernen Schwere der faktischen Verhältnisse zu bewahren.
(Quelle: Jürgen Goldstein: Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen. Matthes & Seitz, Berlin 2017, Seite 129.)

-

Quote
[...] Banal (französisch banal, altfrz. ban = Bann; ursprüngl. gemeinnützig) bezeichnete im Lehnrecht eine Sache, die der Lehnsherr seinen Vasallen überlässt. Im heutigen Umgangsdeutsch wird der Begriff als Adjektiv überwiegend bildungssprachlich abwertend gebraucht für einen „Ideengehalt, der gedanklich recht unbedeutend, durchschnittlich“ auch im Sinne von trivial ist. Ferner hat er die Bedeutung von „keine Besonderheit, nichts Auffälliges aufweisend; alltäglich, gewöhnlich“. Abgeleitet vom Adjektiv sind die Substantivierung Banalität und das Verb banalisieren.


https://de.wikipedia.org/wiki/Banal (2019)

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[Studien zur Mikrosoziologie des Banalen ...]
« Reply #11 on: August 19, 2019, 02:06:29 PM »

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[...] Ich bin immer wieder erstaunt, mit welchem Detailreichtum und welcher Ausdauer manche Menschen ihr bedeutungsloses Leben beschreiben können. Ein Abend mit einer Berufsschullehrerin namens Sieglinde Dingsbums und ihrem Mann, der sich mit der Rolle des Stichwortgebers zufrieden gibt: Zunächst geht es um die beiden Söhne. Es gibt nur einen Bereich, in dem der Narzissmus und das Eigenlob noch größer sind als im Beruf: die Familie. Die aktuelle Elterngeneration ist die beste aller Zeiten und ihre Kinder sind die tollsten, die es je gegeben hat. Schon klar. Bloß nix sagen. Widerstand ist zwecklos.

Sohn Nr. 1 studiert auf Lehramt. Er wohnt noch zu Hause, bekommt 400 € Taschengeld, seine Mutter macht ihm die Wäsche, aber er muss jede dritte Tankfüllung des Autos zahlen, das er mitbenutzt. Sohn Nr. 2 war gerade ein Jahr im Ausland und geht noch zur Schule. Sie hätte auch über Blattspinat sprechen können. Niemand interessiert sich für die langweiligen Kinder anderer Leute.

Aber man hat den Eindruck, hier spricht Heidi Klum über ihr Privatleben und ganz Deutschland hat auf diese Enthüllungen gewartet. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass meine Eltern in solcher Ausführlichkeit über mich und meine Schwester gesprochen hätten. Den Kindern geht’s gut. Punkt. Nächstes Thema. Sieglinde hat nach den Kindern allerdings noch ihren Beruf, den Rentenbescheid und ihren Garten zu bieten. Es nimmt kein Ende. Jeder Anruf bei irgendeiner Behörde wird im Wortlaut wiedergegeben.

Ein weiteres Thema sind natürlich die ausgedehnten Reisen des Ehepaars, das sich immer wieder an den Händen hält, während Sieglinde erzählt und ihr Mann gelegentlich eine kleine Arabesque anfügt, ohne zu merken, dass seine haarige Wampe seit einer Stunde vom Nabel bis zum äußerst südlich gelegenen Hosenbund freiliegt. Eine Aufzählung von Orten in aller Welt, ausnahmslos wunderschön, aber keine einzige Erzählung, kein Erlebnis, eine endlose Fahrt ohne Inhalt. Ich werde unfreiwillig Zeuge einer in ihrer Unglaubwürdigkeit geradezu absurden Harmonieshow, weil es eine Reise ohne Streit und ohne Regen nun einmal nicht gibt. Jedenfalls nicht über Jahrzehnte. Nebenbei bemerkt: Wer gibt im Jahr 2019 noch mit Kreuzfahrten und Langstreckenflügen an wie ein Sack Mücken?

Ich empfinde es regelrecht als Drohung, als Sieglinde bemerkt, sie hätte inzwischen ihre Fotos pro Reise auf siebzig „eingedampft“, wie sie es ausdrückt, damit die Präsentation beim Dia-Abend nicht so lange dauert. Solche Selbstdarsteller pumpen auch siebzig Bilder auf mehrere Stunden tödlich langweiliges Geschwafel auf. Niemand interessiert sich für drittklassige Fotografien und ein paar Anmerkungen zu Restaurants, in denen man selbst nie gewesen ist. Diese Erinnerungen haben nur für die Reisenden eine Bedeutung. Wurde deshalb nicht Instagram als Schutthalde und Endlager für solche Nullinformationen erfunden? Vor langer Zeit habe ich mal drei Stunden auf einem steinharten Holzstuhl in Kreuzberg gesessen und die Ägyptenreise einer Kulturhistorikerin überstehen müssen, Diakasten für Diakasten. Nie wieder!

Alle Gäste, die nicht Sieglinde heißen, sind still geworden. Die Smartphones werden gezückt, ich setze mich einfach mal zehn Minuten zwischendurch auf der Gästetoilette, um mich zu erholen. Sie stellt anderen Menschen keine Fragen, zeigt keinerlei Interesse und es ist mühsam, ihren Monolog zu unterbrechen. Wir sitzen stundenlang zusammen, aber sie will nicht wissen, wer ich bin, woher ich komme oder was ich mache. Sie saugt den ganzen Sommerabend in sich hinein wie ein schwarzes Loch. Nach und nach verabschieden sich an diesem Samstagabend die Gäste, es ist noch nicht einmal elf Uhr. Aber selbst der Abschied von Sieglinde zieht sich auf quälende Weise in die Länge. Wieso kann sie nicht einfach „Auf Wiedersehen“ sagen und mich in die Nacht, in die Freiheit entlassen?

Ich verbuche den Abend unter der Rubrik „Studien zur Mikrosoziologie des Banalen“. Die humanitäre Katastrophe, dieser soziale Totalschaden ist in West-Berlin geboren und hat die Stadt eigentlich nie für längere Zeit verlassen. Nach zwei Monaten im Hunsrück komme ich in die große Stadt zurück und staune, wie unerträglich und penetrant die Hauptstadtmenschen in ihrer Eitelkeit sein können. Zum Glück kenne ich noch viele andere Exemplare. Sonst hätte ich nach einem Abend mit Sieglinde von Berlin für alle Zeiten die Schnauze voll.

P.S.: Und jetzt kommt noch mein persönliches Highlight. Sieglinde erzählt von einer Hochzeit, bei der sie neben Albrecht von Lucke gesessen hat. Dem berühmten Politologen, der auch regelmäßig in Talkshows eingeladen wird. Vermutlich will sie mit der Personalie angeben. Ich erwähne beiläufig, dass ich mit Albrecht in der Grundschule, im Gymnasium und im Handballverein (HSC Ingelheim) gewesen bin, was vermutlich über ein kurzes Gespräch bei einer Familienfeier hinausgeht. Trotzdem erklärt Sieglinde mir, dem ebenfalls promovierten Politologen, wer Albrecht eigentlich ist und welche Positionen er vertritt. Kannst du dir nicht ausdenken. Ich lasse es widerspruchslos über mich ergehen und schreibe eben hinterher darüber, liebe Freunde des gepflegten Wahnsinns.


Aus: "Hör! Mir! Zu!" Eingestellt von Matthias Eberling (Sonntag, August 18, 2019)
Quelle: https://kiezschreiber.blogspot.com/2019/08/hor-mir-zu.html

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« Reply #12 on: August 19, 2019, 02:14:08 PM »

Quote
[...] Die bunte Glitzerwelt der Reichen und Schönen kommt im Wartezimmer gut an, berichtet das Apothekenmagazin "Senioren-Ratgeber". Zeitschriften der Regenbogenpresse lassen Patienten sehr viel häufiger mitgehen als Nachrichtenmagazine - obwohl letztere meist teurer sind. Das beobachteten Hausärzte in Neuseeland in einem vierwöchigen Versuch.


Aus: "Gefragte Klatschblätter: Patienten stecken in Arztpraxen am häufigsten Blätter der Regenbogenpresse ein" (12.03.2015)
Quelle: https://www.presseportal.de/pm/52678/2970609
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« Reply #13 on: October 17, 2019, 04:27:46 PM »

Quote
[...] Der traurige Zustand des scharfen Geistes angesichts von Hass und Hetze, Häme und Dauer-Empörung zeigt sich am beklagenswerten Mangel an Ironiefähigkeit und Hintersinn. Kabarett und Satire waren und sind mitunter die intelligentesten Waffen im Kampf gegen die Korruption des Geistes und die Plumpheit der Macht. Der allgemeinen Unfähigkeit zur Tumult-Bewältigung in der derzeitigen Kampfzone Deutschland entspricht leider die Degenerierung der Satire zur armseligen Witzischkeit.

Einst war Satire Herrschafts- und Gesellschaftskritik auf doppeltem Boden, mutig, aufklärerisch, emanzipatorisch. Heute ist Satire teils platter Boulevard, teils politisierter Gesinnungsmoralismus und oft genug vulgäre Massen-Unterhaltung: Alltags-Schmunzeleien mit Genital-Humor gern unterhalb der Beschämungsgrenze.

Satire darf alles – nur nicht langweilen. Das war lange Zeit gutes und ungeschriebenes Gesetz, als es in Deutschland noch hochrespektables politisches Kabarett gab. Mit dem Verlust der Debatten und Diskurse aber kamen die Stimmen-Imitatoren und Persifleure, es zogen die Comedians ein und mit ihnen der Klamauk. Mit Klamauk, Sottisen und Schlüpfrigkeit kam letztlich die Langeweile, weil alles so plump und banal wurde.

Was ist aus der hohen Kunst der Satire geworden? Man könnte hundertfach beklagen, dass es heute keinen Hanns Dieter Hüsch oder Dieter Hildebrandt mehr gibt, dass Bruno Jonas und Volker Pispers sich zurückgezogen haben und wir es stattdessen mit Thorsten Sträter, Olaf Schubert*, Ingo Appelt, Michael Mittermeier, Carolin Kebekus, Kaya Yanar oder Serdar Somuncu zu tun haben.

Satire heute ist also entweder die espritbefreite Alltagsgeschichten-Verlaberung, mal nett, mal humorig, meist flach. Das hat zweifelsohne seine Berechtigung, mit Satire aber nichts zu tun.

Oder Satire ist krasse Schmähkritik, als deren begabtester Hohepriester Jan Böhmermann auftritt, der sich couragiert mit autokratischen Präsidenten anlegt. Eher als Satire ist das ein eitles Spiel mit der Persönlichkeitsverletzungsgrenze. Wenn Gerichte klären müssen, wo die Grenze der Kunstfreiheit verläuft, ist es schon keine gute Satire mehr.

Oder Satire ist Bloßstellungsentertainment wie in der „heute-show“, wo Politiker konsequent der Lächerlichkeit preisgegeben oder durch heitere Interviewer vorgeführt werden. Das ist unerhört simpel und letztlich ein wenig dämlich.

Oder Satire tritt schließlich als Moral-Aktivismus auf, wie ihn das Magazin „Titanic“ gerne betreibt, welches vergangenes Jahr erst zum Mord an „Baby Hitler“ aufrief und damit den konservativen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz meinte, und dessen damaliger Chefredakteur Monate später Mitarbeiter der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschießen lassen wollte. Warum? Weil die Zeitung eine – wie gelungen auch immer – jedenfalls dem „Titanic“-Chef aufstoßende Pro- und-Contra-Erörterung privater Seenotrettung zu drucken gewagt hatte.

Die heute so leichthändig auf Verletzung, Herabsetzung und Anklage angelegte Polit-Satire ist Teil des Problems, das sie zu attackieren vorgibt. Sie ist selbstgerecht, nicht entlarvend. Sie ist moralisch durchtränkt und ideologisch holzschnittartig, keineswegs aber im Tiefsinn verstörend. Sie regt nicht zum nachhaltigen Nachdenken an, sondern denkt alles flach. Sie ist ein gefälliger Akteur der Abwertung im allgemeinen Boulevard-Spektakel und seiner oberflächlichen Dümmlichkeiten, da nur noch gemeint und nicht mehr gewusst, nur noch bewertet und nicht mehr wertgeschätzt wird.

In unseren Tagen der hysterischen Erschöpfung wären kluges Kabarett und kunstvolle Satire wichtige Mächte einer Kritik, deren steter Tropfen Subversion alle schwerfälligen Steine höhlte.
 

Aus: "Satire in Zeiten der Empörungsspirale - Espritbefreites Bloßstellungsentertainment" Überlegungen von Christian Schüle (31.12.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/satire-in-zeiten-der-empoerungsspirale-espritbefreites.1005.de.html?dram:article_id=437021
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« Reply #14 on: September 02, 2020, 11:01:52 AM »

Quote
[...] Ich schaue auf mein Handy und habe drei Nachrichten von drei Männern, die bedeutungsloser nicht sein könnten. Einer schreibt: „Na, was machst du gerade so?“, der Zweite das Gleiche, nur ohne das „Na“, und der Dritte fragt: „Hey, wie war dein Tag?“ Ich bezweifle, dass sich überhaupt einer der drei wirklich dafür interessiert, was ich gerade mache oder wie mein Tag war. Ich nehme ihnen das nicht übel, schließlich interessiert mich genauso wenig, was sie „gerade so machen“. 

Smalltalk ist langweilig genug, aber am langweiligsten ist er, wenn man das Gegenüber noch gar nicht richtig kennt. ... Vor einer Weile hatte ich beispielsweise mit einem Mann zwei Dates. Danach schrieb er mir, dass wir uns gerne wiedersehen könnten, doch ein weiteres Date kam einfach nicht zustande. Jedes Mal, wenn er mich gefragt hat, ob ich Zeit hätte, war ich schon verplant. Als ich ein Treffen für die nächste Woche vereinbaren wollte, hat es von seiner Seite nicht geklappt. Dazwischen lagen bestimmt zehn „Na, wie geht's?“ und „Was machst du heute noch?“ Nachrichten, die uns einander auch nicht nähergebracht haben.

... Darum plädiere ich für einen radikalen Umschwung in der Kommunikation. Schluss mit belanglosen „Guten Morgens“, „Gute Nachts“ oder „Was machst du gerade so's?“!

...



Aus: "Das Ende der echten Verabredungen" Alexandra Dehe (2.09.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/ich-du-er-sie-es/weniger-schreiben-mehr-treffen-das-ende-der-echten-verabredungen-16928425.html

Quote
Ingo Kampf, 02.09.2020

Banale Luxusprobleme, ...


...
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