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Author Topic: [Weiblichkeitskonstruktionen... ]  (Read 39004 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Ein Spagat zwischen zwei Welten... ]
« Reply #35 on: September 10, 2015, 02:49:38 PM »

Quote
[...] Die Emanzipation, der Zeitgeist der 68er Jahre, war für mich nicht relevant. Nach dem Vorbild meiner Mutter war ich einerseits zufriedene Hausfrau, Mutter einer Tochter und Ehefrau. Als Architektin war ich kämpferisch, um die bestmögliche technische und ästhetische Lösung zu finden. Dies war oftmals ein Spagat zwischen zwei Welten. Um allem gerecht zu werden, versuchte ich weitgehend diese Bereiche auseinander zu halten, und doch kam es immer wieder vor, das auf Küchenzetteln oftmals die besten Entwürfe entstanden. ...


Aus: "STRUKTURFORMEN DER MODERNEN ARCHITEKTUR DER 50er JAHRE IN DEUTSCHLAND - Zum Einfluss der Wechselwirkung der Trag- Konstruktion auf die ästhetische Gestaltung vorbildlicher Bauten aus Düsseldorf und Kassel im Vergleich." Grit Kluthe (2009)
Quelle: https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2009111130977/1/DissertationGritKluthe.pdf

« Last Edit: September 10, 2015, 02:53:27 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Kleine Typologie der... ]
« Reply #36 on: March 17, 2016, 12:39:53 PM »

Quote
[...] Die esoterische Frau - Sie glaubt fest daran, dass ein Mann nur dann ins Leben kommt, wenn ein kleiner Kristall im Fenster hängt. Wenn sie Kreislaufprobleme hat, legt sie sich einen Rosenquarz auf's Sonnengeflecht. Sie hat immer Bachblüten und Schüssler Salze im Haus. Ihre Lieblingsfarbe ist ocker. Sie scheut sich nicht, zu Kuschelparties oder Kamasutra-Workshops zu gehen. Der wichtigste Ort ist ihre eigene Mitte.

...

Naaa. Während die "Typologie der Männer" http://annikahansen7.blogspot.de/2016/03/kleine-typologie-der-manner.html durchaus auch wertend und kritisch war, ist hier davon nichts von zu lesen. Nur Witzchen. Tzetze. Ich hol das mal nach und betone, dass ich Frauen dennoch mag ;-)


Aus: "Kleine Typologie der Frauen (Gastbeiträge von Frau S. und Epikur)" (Sonntag, 13. März 2016)
Quelle: http://annikahansen7.blogspot.de/2016/03/kleine-typologie-der-frauen-gastbeitrag.html

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Textaris(txt*bot)

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[...kaum erwähnt. ]
« Reply #37 on: April 11, 2016, 11:32:05 AM »

Quote
... Die wohl progressivste aller schwangeren Filmfiguren ist freilich die, die ihren Zustand kaum erwähnt. „Ich finde, Frances - McDormand in Fargo ist die größte Schwangere der Filmgeschichte“, sagt Alice Lowe.


Aus: "Geringe Erwartungen" Anna Smith (Ausgabe 1216 | 06.04.2016)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/geringe-erwartungen
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Textaris(txt*bot)

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[Weiblichkeitskonstruktionen... ]
« Reply #38 on: April 29, 2016, 09:59:26 AM »

Quote
[...] Hegel erklärte in den Grundlinien der Philosophie des Rechts, Frauen und Politik passten schlecht zusammen: "Stehen Frauen an der Spitze der Regierung, so ist der Staat in Gefahr, denn sie handeln nicht nach den Anforderungen der Allgemeinheit, sondern nach zufälliger Neigung und Meinung." Als Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht kämpfen, befürchtete man, sie würden sich nicht mehr um den Haushalt kümmern, ihre Kinder verelenden lassen und ihre Männer knechten. Als Frauen in den Siebzigerjahren für das Recht auf Abtreibung kämpften, warf man ihnen unter anderem vor, sie wollen nur "durch die Betten hüpfen". Und als es vor Kurzem in Deutschland darum ging, ob die Pille danach als Notfallverhütung rezeptfrei erhältlich sein sollte, wie in vielen anderen Ländern auch, da wurde der gesundheitspolitische Sprecher der CDU, Jens Spahn, nicht müde zu erklären, dass solche Pillen "nun mal keine Smarties" seien, ganz so als würden Frauen anfangen, sich davon zu ernähren, sobald sie frei in der Apotheke verfügbar wären.

Die Frau, das irrationale Wesen, das Freiheit nicht verträgt und sogar vor sich selbst beschützt werden muss - so weit, so traditionell und frauenfeindlich.

Aber es ist eben nicht nur das. Die Idee, es könnte nach einer Erweiterung des Sexualstrafrechts massenhaft zu Falschbeschuldigungen kommen, zeigt, wie sehr wir daran gewöhnt sind, zuerst an Männer zu denken.

Und das, obwohl die Lage so klar ist. Jede siebte Frau in Deutschland erlebt schwere sexualisierte Gewalt. Die allermeisten Frauen, die vergewaltigt werden, zeigen die Tat nicht an (je nach Studie 85 bis 95 Prozent), und in den meisten Fällen, in denen eine Tat angezeigt wird, kommt es nicht zu einer Verurteilung. Es gibt also offenbar erstens das Problem, dass sexualisierte Gewalt sehr verbreitet ist und zweitens das Problem, dass Frauen, die solche Gewalt erleben, sehr häufig erleben müssen, dass sie rechtlich nicht hinreichend geschützt sind. Als Falschbeschuldigungen werden in Deutschland laut einer Studie der London Metropolitan University aus dem Jahr 2009 gerade einmal drei Prozent der Anzeigen eingeschätzt.

Und trotzdem ist der erste - und letzte - Gedanke vieler, die von einer Verschärfung des Sexualstrafrechts hören: Ja, aber ist das nicht blöd für die Männer?

Im Ernst? Ich weiß, es ist schwer. Uns allen hat das Patriarchat tief ins Hirn geschissen, dass Männer mehr wert sind als Frauen, und es ist unglaublich schwer, sich das alles wieder aus dem Kopf zu kratzen. ...



Aus: "Sexualstrafrecht: Wäre die Vagina doch ein Auto" Aus einer Kolumne von Margarete Stokowski (28.04.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sexualstrafrecht-waere-die-vagina-doch-ein-auto-kolumne-a-1089732.html

Quote
CobCom gestern, 21:13 Uhr
[Zitat von Balschoiw]Es ist schon weltfremd, den Frauen jetzt auch noch eine körperliche Verteidigungspflicht mit auf den Weg zu geben, um nach einer Vergewaltigung überhaupt von einer Vergewaltigung sprechen zu dürfen. Das ist schlicht krank. Sobald sexuelle Handlungen nicht einvernehmlich stattfinden müssen sie geahndet werden und der Opferschutz solte hierbei an oberster Stelle stehen. Ich stimme ihrem Kommentar ausdrücklich zu Frau Stokowski. Das was hier an "Neuerungen" implementiert werden soll ist weltfremd und hirnverbrannt und zutiefst frauenfeindlich.
Diese Strafbarkeit entspricht bereits der aktuellen Rechtslage und der Rechtstheorie. Das Problem ist die Rechtspraxis, genauer, die Beweisführung. Ist es so schwer, zu kapieren, dass ein Gericht Probleme bekommt, wenn zwei durch eine Tür in ein Zimmer gehen, unstreitigerweise und ohne merkwürdige Spuren zu hinterlassen miteinander schlafen, wieder herauskommen und dann zwei komplett unterschiedliche Geschichten erzählen? Da gibt es einfach die Schwierigkeit, dass das Gericht ganz überwiegend von Schuld, Vorsatz und objektiver Erfüllung des Tatbestands überzeugt sein muss, um zu verurteilen. ...



Quote
vera gehlkiel gestern, 21:05 Uhr
[Zitat von Klaus Klammer]sage ich zu meiner Frau, es ist genug. Nein, ich will keinen Nachschlag auf den Teller. Es hilft nichts. Sie legt weiter drauf. Ich fühle mich gemästet, leide unter Adipositas und finde kein Gegenmittel. Sicher, ich könnte den Teller auch an die Wand schmeissen oder ihn einfach ganz entschieden wegschieben aber ein NEIN muss doch ausreichen. Wenn ein blosses NEIN nicht reicht, dann bin ich Opfer brutaler Gewalt.
Ihnen würde ich einfach mal gönnen, dass sie drei muskelbepackte angesoffene Typen in irgend einer schmierigen Ecke abpassen. Es soll für sie nicht zum "Äussersten" kommen müssen (auch Männer werden ja gelegentlich Opfer von sexualisierter Gewalt), aber zehn Minuten richtig Schiss vor dem, was gleich passieren könnte, sollten sie schon haben. Die Hände von denen an sich, ihre hässlichen Fratzen in unmittelbarer Nähe ihres eigenen Gesichtes erleben. Vielleicht, dass man sie einfach mal nacheinander küsst, und ihnen jeder von denen einmal in Ruhe die Hand in den Schritt legen darf; was sie still aushalten, damit die ihnen ihr Gesicht nicht zu Brei zerschlagen. Und dann könnten sie ganz lieb und nett bitte bitte, lasst mich doch gehen, sagen; und diese Jungens gucken sich an und sagen: komm lass diese dämliche Schlampe doch, dahinten kommt sowieso jemand. Puh, sagen sie dann bestimmt zu ihrer Frau, mit ist heute was Lustiges passiert. Und sie sind, ei der Daus, noch nicht mal vergewaltigt worden, geschweige denn, sie hätten deutlich "Nein" gesagt. Diese Typen können jeden Tag an ihrem Haus vorbeigehen, was die mit ihnen gemacht haben, ist nur ein nettes Gespräch.


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denis_werner gestern, 20:39 Uhr
Letztlich geht es doch darum, Gewalt gegen Frauen zu vermeiden, oder? Wenn dem so ist, dann wird vermutlich kein Gesetz der Welt helfen, die Gewalt tatsächlich zu reduzieren, wenn nicht grundlegendere Diskussionen geführt werden. Dass ein "Nein" alleine schon ausreichen muss, um dann dennoch erzwungenen Sex strafbar zu machen, ist selbstverständlich, da es ein unrechtmäßiger Eingriff in die schutzbedürftige Intimsphäre eines anderen Menschen ist. Aber mit Gesetzen alleine lassen sich keine Ursachen beseitigen. Diese sind meines Empfindens nach tiefer verwurzelt, z.B. in gesellschaftlichen Strukturen.



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Die Zahl der falschen Beschuldigungen ist viel höher
agt69 gestern, 18:38 Uhr
Als Vater zweier Töchter wünsche ich mir für Sexualstraftäter, die der Tat überführt wurden, die härtest mögliche Strafe. Ich wehre mich gegen jede Form der Verharlosung sexuellen Mißbrauchs und Aussagen wie "sie hat es doch auch gewollt" oder "dann hätte sie sich anders anziehen müssen" sind für mich das allerletzte. Ich unterstütze jede Verschärfung des Sexualstrafrechts! Ich finde es aber nicht in Ordnung, wie in diesem Artikel über die Möglichkeit einer Falschbezichtigung hinweggewischt wird, als sei das alles ein Hirngespinnst des Patriarchats. Die Aussage, die Quote falscher Beschuldigungen läge bei 3%, ist einfach nicht haltbar. Ich zitiere hier aus einem Artikel der ZEIT: " Der Kieler Psychologieprofessor Günter Köhnken, einer der gefragtesten Glaubwürdigkeitssachverständigen Deutschlands, schätzt die Quote der Falschbeschuldiger unter den von ihm Untersuchten auf 30 bis 40 Prozent. Klaus Püschel, Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts Hamburg, das die größte deutsche Opferambulanz betreibt, konstatiert, im Jahr 2009 hätten sich 27 Prozent der angeblich Vergewaltigten bei der ärztlichen Untersuchung als Scheinopfer erwiesen, die sich ihre Verletzungen selbst zugefügt hatten. Nur in 33 Prozent der Fälle habe es sich erwiesenermaßen um echte Opfer gehandelt, bei den restlichen 40 Prozent sei die Rechtsmedizin zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Die Tendenz zum Fake hat laut Püschel erst in den vergangenen Jahren eingesetzt. Bis dahin habe die Falschbeschuldigungsrate über Jahrzehnte konstant bei fünf bis zehn Prozent gelegen." Nachzulesen hier: http://www.zeit.de/2011/28/DOS-Justiz/komplettansicht Falschbeschuldigung wird im Sexualstrafrecht zu einem zunehmenden Thema, grade wenn die Beziehung in die Brüche geht und Sorgerechts- und Unterhaltsstreitigkeiten anstehen. Daher ist es auch sinnvoll, wenn der Gesetzgeber dies berücksichtigt und Polizei und Gerichte entsprechend sensibilisiert werden. Ich würde mir von einer bekennenden Feministin wie Ihnen, Frau Stokowski, einmal einen Artikel wünschen, die mit all jenen Ihrer Geschlechtsgenossinnen hart ins Gericht geht, die den Vorwurf der Vergewaltigung für ihre persönliche Rache, oder einfach nur zum finanziellen Vorteil nutzen und damit den wirklichen Opfern schwersten Schaden zufügen.



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SchlechteReformSchlechterKommentar
Barillapestoistliebe gestern, 18:32 Uhr
Grundsätzlich haben Sie ja Recht. Der neue Entwurf ist nicht gerade ein Glanzstück. Ihr Kommentar liest sich aber ein bisschen arg einseitig. Zum Beispiel wenn Sie darauf hinweisen, dass nur ein Bruchteil der tatsächlichen Vergewaltigungen angezeigt wird. Hier muss man durch bessere Aufklärung oder möglicherweise einer geeigneten Anlaufstelle für Frauen in so einer Situation Abhilfe leisten. Ein schärferes Gesetz hilft da erstmal auch nicht. Das "Nein heißt Nein" sollte trotzdem rein. Es ist nachvollziehbar dass es Frauen gibt, die aus Panik/Schock/Angst die Sache einfach nur hinnehmen weil sie sich nicht mehr trauen sich zu wehren. Trotzdem glaube ich dass das vor Gericht einfach schwierig wird wenn es sonst keine Beweise gibt. Letztlich heißt es im Strafrecht grundsätzlich "im Zweifel für den Angeklagten". Wo wir wieder bei dem Punkt wären, dass das grundsätzliche Problem der geringen Verurteilungen und Anzeigen dadurch auch nicht verbessert wird. Der Vorwurf dass die bösen Männer hier Schuld sind, an die immer zuerst gedacht wird finde ich aber daneben. Und zu Ihrer Statistik, wie viele Männer Opfer falscher Beschuldigungen werden: Das ist im Übrigen umstritten. Fakt ist, auch wenn das Verfahren eingestellt wird, ist danach das Leben für den betroffenen Mann gelaufen. Zumindest wenn es ein Mann ist der irgendwie richtig im Leben steht und soziale Bindungen sowie einen ordentlichen Beruf hat. ... In diese Richtung muss also auch gedacht werden. Verstehe nicht, wieso man da nicht normal diskutieren kann was das Beste ist, sondern so einen merkwürdigen Geschlechterkampf daraus machen muss.


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Problem mit dem Inhalt der Kolumne
Racer77 gestern, 18:30 Uhr
Ich habe ein ganz klares Problem mit dem Inhalt dieser Kolumne. Es wird mir einmal wieder zu pauschal davon ausgegangen, dass Frauen immer nur Opfer und Männer immer nur Täter bei Vergewaltigungen sind. Wenn im Text steht, dass 85-95% aller Frauen eine Vergewaltigung nicht anzeigen, so vermute ich mal, dass mindestens 99% der Männer eine Vergewaltigung nicht anzeigen werden. Sei diese Vergewaltigung von einer Frau oder einem Mann durchgeführt worden. Ja, auch Frauen können Männer vergewaltigen, also zum Sex zwingen. Kommt insbsondere bei Vergewaltigungen im Rahmen einer Beziehung vor. Aber sowohl in diesen Fällen als im auch im Fall häuslicher Gewamt wird leider immer noch vom männlichen Täter und weiblichem Opfer ausgegangen. Vielleicht muss man das auch einmal aus den Hirnen der Feministinnen auskratzen, wie ja die liebe Frau Stokowski es mit dem Patriarchat bei den Männern tun möchte...



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Ich als Mann
bouncyhunter gestern, 19:24 Uhr
möchte erobert werden!Kommt her ihr Frauen!Nach den ersten Körperkontakten eurerseits entscheide ich selbst ob ich das stimulierend finde,oder einen Grund für eine Anzeige suche(vielleicht abhängig von eurem Aussehen oder Geldbörse).Auch ein von mir dahingehauchtes "Nein" könntet ihr als kokette,laszive Anweisung deuten,es weiter zu versuchen.Viel Spass mit mir!!!



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Wenn es nicht...
arlteagan gestern, 20:33 Uhr
...so traurig wäre, könnte man sich fast darüber amüsieren, wie diese Debatte geführt wird. Worum geht es denn hier? Es sollen Menschen geschützt werden vor kriminellen Übergriffen in die Selbstbestimmung. Absolut richtig! Aber während einige der Beteiligten Vergleiche ziehen, drehen andere die Worte von rechts nach links - und insgesamt wird das Thema (mal wieder) eher zerstückelt als gelöst. Warum ist es denn so wichtig, genaue "Abläufe" festzuschreiben? Ist es tatsächlich nötig, dass ein "Nein" geäußert werden muss? Gilt das dann nur für die deutsche Sprache - oder ist ein "Non" auch okay? Fällt "Bitte nicht" oder "Lass mich in Ruhe" auch darunter? ... Es geht doch darum, dass Menschen sich gegen (sexuelle) Gewalt wehren können bzw. davor geschützt werden. Und wer bei anderen diese Selbstbestimmung missachtet, soll bestraft werden. Wie wäre es, wenn auch der gesunde Menschenverstand mal wieder zählen darf? Auch die Gerichte machen sich ja ein Bild von der Tat - und alle möglichen Konstellationen sind in Worten von Paragraphen gar nicht abzubilden. Reicht es denn nicht, den Strafrahmen für Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung festzulegen? Und warum wird überall Gerechtigkeit betont - und selbst von mutmaßlich sehr gebildeten und informierten Menschen ständig von Frauen als Opfern gesprochen? Sind Männer per definitionem immun gegen sexuelle Gewalt? Ich finde es unfassbar schade, dass ein so wichtiges Thema nicht so vernünftig behandelt wird, wie es möglich wäre. Daten gibt es genug - und intelligente Menschen gibt es auch genug. Aber das scheint auch in Kombination nicht zu reichen. Frustrierend.



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Vergewaltigungsparagraf
Mimeu gestern, 18:27 Uhr
Also nur zur Erinnerung: Schon jetzt ist es strafbar, gegen den Willen des anderen jemand zum Sex zu zwingen. Das muss auch nicht mit Gewalt sein. Es geht auch mit Drohungen, Ausnutzen von Machtstellungen, und mehr. Es stimmt einfach nicht, dass Sex gegen den Willen des anderen nicht bestraft werden kann. Also gilt heute schon, dass Nein Nein heißt. Die Probleme, etwas zu beweisen, wenn zwei Leute miteinander allein waren, werden dieselben bleiben, auch wenn man die Strafen verschärft.



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Furiosus gestern, 18:22 Uhr
Warum ist es denn für die Autorin und andere Laien so schwer zu verstehen, dass es sich um ein Beweisproblem und nicht um ein materielles Rechtsproblem handelt, was dazu führt, dass keine Reform daran etwas ändern könnte. Ein nein reicht auch heute, entgegen falscher anderslautender Behauptun, absolut für eine Vergewaltigungsstrafbarkeit aus. Das Problem ist, dass in einem Fall, in dem Aussage gegen Aussage steht und sonst keine Beweismittel (etwa Kampfspuren, daher dieser Mythos, dass verlangt würde, dass das Opfer sich wehrt ) in einem Rechtsstaat in dubio pro reo freigesprochen wird. Was ist die Lösung der Autorin? Unschuldsvermutung abschaffen? Das ist das einzige, was "helfen" würde. Damit würden wir uns vom Rechtsstaat verabschieden. Ansonsten muss die Autorin und alle anderen akzeptieren, dass es sich um ein rechtstaatliches Dilemma handelt, das schlichtweg nicht lösbar ist.



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So, jetzt nochmal was...
DDM_Reaper20 gestern, 19:25 Uhr
...als Mann kann ich nur folgende Verhaltensregeln empfehlen, sollte ein Mann den Drang verspüren, mit einer Frau zu schlafen: 1. Sei absolut EHRLICH. Sage, was du willst, mit klaren Worten. --> "Willste ficken" ist "Wollen wir nicht schick was essen gehen und 'ne Runde tanzen" ganz klar den Vorzug zu geben, da mit ersterem ganz eindeutig geklärt ist, was der Abend bringen soll. Keine falsche Erwartungen wecken! 2. NIEMALS eine Frau mitnehmen (oder sich mitnehmen lassen), wenn Frau nicht den Eindruck erweckt, 100%ig Herrin ihrer Sinne zu sein. Das leiseste Anzeichen eines drohenden Kontrollverlustes von Seiten der Dame muss mit höflichem Rückzug beantwortet werden. 3. Es muss alles beweisbar sein. Die Bereitschaft zum Koitus muss von beiden Seiten lückenlos nachweisbar sein. Sprich: (Notariell) aufgesetzter Vertrag über den Beischlaf, von beiden Seiten zu unterzeichnen, im günstigsten Falle im Beisein zweier Zeugen (die sich, natürlich, per Personalausweis auszuweisen haben; Freunde des Mannes sind NICHT zugelassen). Natürlich muss ebenfalls genau Klarheit darüber geschaffen werden, was geht und was nicht geht. Die Benutzung von Kondomen bzw. deren Unterlassung ist festzuhalten (siehe Fall Assange!). Sollte die Frau sich bereitfinden, darauf zu verzichten, ist sie anzuhalten, dies leserlich (!) handschriftlich zu bekunden, versehen mit Ort, Datum, Uhrzeit, Unterschrift. Des Weiteren muss der eigentliche Akt natürlich aufgezeichnet werden, am besten mit mindestens vier Kameras (UHD-Auflösung dringend empfohlen, um Unklarheiten zu vermeiden). Alle 15 Sekunden sind dabei vom Mann sämtliche Aktivitäten einzustellen; dieser hat sich durch Nachfragen zu vergewissern, dass die Frau weiterhin seine sexuelle Aufmerksamkeit wünscht. Dies ist schriftlich festzuhalten! 4. Nach erfolgtem Verkehr haben beide Seiten schriftlich zu versichern, dass der Verkehr der Frau nicht aufgezwungen wurde; auch dies ist schriftlich zu fixieren. Kopien von der Videoaufnahme gehen an beide. 5. Am sichersten ist es, wenn beide Parteien nach erfolgtem GV unverzüglich eine Sexual-Ombudsperson aufsuchen, die beide Partner nochmals befragt, ggf. mittels Alkoholtester auf (Geschlechts)verkehrstauglichkeit überprüft und Kopien vom Video anfertigt, um nachträgliche Manipulationen ausschließen zu können. So, wem das jetzt arg zynisch rüberkommt: Wäre ich nicht verheiratet, und zwar mit einer Frau, die mir stets genau sagt, was sie will (und nicht will), würde ich mich ganz sicherlich an Punkt 1 halten (aber, sehr viel wahrscheinlicher, würde ich es ganz einfach bleiben lassen).



Quote
hinschauen gestern, 19:45 Uhr
Und der umgekehrte Fall: Frau fasst Mann zwischen die Beine? Habe ich selbst erlebt und oft genug bei anderen gesehen, wenn Frauen stark alkoholisiert waren. Ich sagte "Nein", mehrfach - was nichts half. Selbst Wegdrücken half nichts. Und wenn ich dann darüber nachdenke, wegzuschubsen oder gar zu schlagen, bin ich ganz schnell in der Situation, dass ICH der Gewalttäter bin. Denn Beobachter, die sehen, dass ein Mann eine Frau schubst oder schlägt, fragen in der Regel nicht nach Umständen oder Gründen, sondern helfen sofort der Frau. Was lernen wir daraus: Die Realität, Frau Stokowski, und Ihre Vorstellungen passen oft schwer zusammen.



http://www.spiegel.de/forum/kultur/sexualstrafrecht-waere-die-vagina-doch-ein-auto-thread-451774-1.html
« Last Edit: April 29, 2016, 10:04:19 AM by Textaris(txt*bot) »
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[Oft hat Franziskus von seiner Großmutter Rosa erzählt... ]
« Reply #39 on: May 09, 2016, 10:04:19 AM »

Quote
[...] Franziskus mag Frauen. Frauen sind für ihn einflussreich und lebendig, zärtlich und klug. Er weiß: Sie sind insgeheim das stärkere Geschlecht. Familie ohne Frau geht nicht, Kirche ohne Frau – so betont der Pontifex immer wieder – auch nicht. Denn wo eine Frau ist, ist Zukunft. Auch die Zukunft des Vatikans hängt von den Damen ab. Sie sind es, die den Glauben in die Familie und in die Welt weitertragen. Und weil der Papst, anders als seine Vorgänger, das erkannt hat, folgt er einer cleveren Strategie: Er umgarnt die Katholikinnen mit seinem lateinamerikanischen Charme. Er macht ihnen Komplimente: "Die Frau ist in der Kirche wichtiger als die Bischöfe und die Priester." Er lobt die Mütter: "Danke für das, was ihr in der Familie seid." Er zeigt Verständnis für solche, die auf die schiefe Bahn geraten sind, Prostitution. Und auch für diejenigen, die in keinem katholischen Familienidyll leben: "Ich denke an den Blick einer Mutter, die sich abmüht, um dem drogenabhängigen Sohn etwas zu essen zu geben." Kurzum: Franziskus mag sie einfach alle. Für ihn ist die Frau per se gut. Und wenn sie nicht gut ist, kann sie es ja noch werden. Er versteht die Heiligen wie die Huren. Für beide hat er etwas übrig. Das nennt sich Barmherzigkeit.

... Wenn Franziskus also an dem klassischen Familienbild festhält – Mama macht die Hausfrau, Papa geht arbeiten –, dann nicht, weil er die Frau weniger wertschätzt. Die Familie ist in der katholischen Kirche das höchste Gut, die Frau ihre Wächterin. Franziskus formuliert das, wenn er über die unersetzbare Rolle der Frau innerhalb der Familie spricht, wie folgt: "Die Gaben des Taktgefühls, einer stark ausgeprägten Sensibilität und Zärtlichkeit, an denen die Seele der Frau reich ist, stellen nicht nur eine authentische Stärke für das Familienleben dar, für die Ausstrahlung einer frohen und harmonischen Atmosphäre, sondern sie sind auch eine Wirklichkeit, ohne die die Berufung des Menschen niemals verwirklicht werden könnte." Etwas kürzer gesagt: Ohne Frauen läuft es nicht. Und selbst wenn wir Katholikinnen dem franziskanischen Ideal nicht entsprechen, nimmt der Papst uns das nicht krumm. Das wäre nur gut katholisch.

Franziskus’ Frauenbild wurde in Argentinien geprägt. Dabei haben viele Frauen das Leben von Jorge Mario Bergoglio beeinflusst. Oft hat Franziskus von seiner Großmutter Rosa erzählt, einer vollblütigen, gebildeten Italienerin, die ihn zum Glauben brachte.

...

Quote
Paul von Arnheim #13

Abartig

"Frauen sind für ihn einflussreich und lebendig, zärtlich und klug." Im Gegensatz zu Männern, oder was will diese Absonderung besagen?

"Dass die Frau das Priesteramt nicht ausüben kann, heißt nicht, dass sie weniger wert wäre als der Mann." Dass Schwarze im Bus hinten sitzen sollen, heißt nicht, dass sie weniger wert wären als Weiße.

"Die Jungfrau Maria ist wichtiger als jeder Bischof und jeder Apostel." Maria ist gebenedeit unter den Frauen. Zu Deutsch: Die gemeine Frau ist nicht gebenedeit. Maria auf ein Podest zu heben macht alle anderen Frauen klein. Geschickter Kunstgriff, Doppelplusgutdemagogie.

"So darf die Frau arbeiten gehen, wenn sie die Mutterschaft nicht vernachlässigt." Wie gnädig. Einmal ganz davon abgesehen, dass Erziehungs- und Hausarbeit ebenfalls harte Areit ist, erinnert mich dieser Satz an den BGB-Paragraphen 1354 von 1900: „Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu“. In Streitfällen entschied der Mann. Arbeitsverträge seiner Frau konnte er gegen ihren Willen kündigen. Letzteres galt bis 1976 und war verfassungsfeindlich bezüglich des Artikels 3.

"Die Kirche ist Frau". "Gott" muss ja dann Mann sein, mit "Kirche" als Gehilfin.

Ich begreife nicht, wie man so offensichtlichen Sexismus ungestraft hochloben darf. Sexismus und sein eineiiger Zwilling Rassismus beleidigen die Intelligenz und gehören nicht in eine zivilisierte Gesellschaft.

Quote
max-italia #13.1

Das mit Franziskus ist eine ganz seltsame Nummer. Ich empfinde ihn häufig als "gut", "lieb", nett", "fortschrittlich". Aber Ihre Analyse, Herr von Arnheim, ist vollkommen zutreffend. Mich "täuschen" also meine Empfindungen. Und damit, denke ich, bin ich nicht alleine.


Quote
Paul von Arnheim #13.2

"Franz versteht Frauen"

Der Papst als Frauenflüsterer. Wie ekelhaft die Überschrift "Franz versteht Frauen" ist, hat sich mir beim ersten Lesen gar nicht richtig erschlossen. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, was genau mich daran so sehr abstößt. In dem Moment, als ich das Objekt geändert habe, wurde mir alles klar: "Franz versteht Schwarze" ist ganz offensichtlich inakzeptabel, denn jeder intelligente Mensch weiß, dass es völlig idiotisch ist, menschliche Charaktereigenschaften der Hautfarbe zuzuordnen. Oder der Anzahl der Wimpern.


Quote
SethusC. #13.3

Das ist eine absurde Argumentation.

Was ist verkehrt daran, dem Geschlecht bestimmte Charaktereigenschaften zuzuordnen? Das machen z.B. auch Feministinnen besonders gerne, wenn sie auf die Vorzüge von weiblichen Chefs (sorry, Chefinnen) hinweisen.
Ich kenne außerhalb der Gender-Wissenschaften eigentlich niemanden, der abstreitet, dass Frauen und Männer verschieden sind.


Quote
atech #13.4

"Ich kenne außerhalb der Gender-Wissenschaften eigentlich niemanden, der abstreitet, dass Frauen und Männer verschieden sind."

ich selbst habe mit Gender-Wissenschaften nichts am Hut, habe mir daher mal von einer Dame, die das studiert hat, erklären lassen.

Zusammengefasst geht es bei den Gender Studies nicht darum, dass das biologische Geschlecht in Abrede gestellt wird.

Es geht darum, dass in verschiedenen Gesellschaften, zu verschiedenen Zeiten und Kultur- und Religions-abhängig Männern oder Frauen bestimmte, als "unveränderlich" angesehene Rollen zugeordnet wurden.

Die "Gender Studies" sollen diese "Rollenzuweisungen" aufdecken und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Frauen nicht nur "Ehefrau & Mutter", sondern auch [beliebigen Beruf einsetzen] sein können.

Wenn also Papst Franziskus gegen das "dämonische Gender-Mainstreaming" wettert, dann will er damit die Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern verhindern, weil die Frauen eben nicht ihre von den Kirchen verordnete Rolle als "Ehefrau & Mutter" verlassen sollen...


Quote
Paul von Arnheim #13.6

Was ist verkehrt daran, der Hautfarbe oder der Volkszugehörigkeit bestimmte Charaktereigenschaften zuzuordnen? Was könnte das nur sein? Ach ja, es gibt sogar ein Wort dafür: "Rassismus".

Wer die Frage stellt, was verkehrt daran ist, dem Geschlecht bestimmte Charaktereigenschaften zuzuordnen -das nennt man übrigens "Sexismus"-, muss noch sehr viel lernen über die menschliche Natur und die Zivilisation. Ich weiß, dass das nicht leicht ist in einer Welt, in der "du Mädchen" ein Schimpfwort ist und es 200 Euro kostet, dieses Wort zu einem Polizisten zu sagen.(Amtsgericht Düsseldorf, Juni 2015)

Sich daran zu gewöhnen dass Frauen und Männer, Homo-, Bi- und Heterosexuelle, Schwarze und Weiße, Gläubige und Ungläubige gleich viel wert sind, wird nicht durch die Tatsache vereinfacht, dass Sexhaben unterschiedlich bewertet wird: Männer, die viel Sex haben, sind tolle Hechte, dito Frauen Schlampen. Symbolisches Penetrieren gilt nicht nur bei vielen Tieren als Ausdruck von Überlegenheit, sich penetrieren zu lassen als Unterwerfungsgeste. Der § 175 galt nur für Schwule, weil diese die Vorstellung des überlegenen weil penetrierenden Mannes infrage stellen.

Der latente Sexismus hilft nicht bei der Erkenntnis, dass Gleichberechtigung eine Frage der Intelligenz ist. Versuchen Sie es trotzdem. Wenn Sie ehrlich sind und die Realität ohne ideologische Scheuklappen betrachten, werden Sie feststellen, dass die Charakterunterschiede innerhalb der Geschlechter größer sind als die dazwischen.


...


Aus: "Vatikan: Franz versteht Frauen" (8. Mai 2016)
Quele: http://www.zeit.de/2016/20/vatikan-frauenmagazin-gruendung

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« Reply #40 on: July 04, 2016, 02:09:27 PM »

Quote
[...] "Frauen suchen sich oft andere Stoffe als Männer", sagt Maren Ade, "psychologischere." ...
Aus: "Deutsches Kino: Warum will keiner tolle Filme sehen?" (4. Juli 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/film/2016-07/deutsches-kino-toni-erdmann-maren-ade-frauen-foerderung
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« Reply #41 on: March 04, 2018, 08:51:50 PM »

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[...] Jessica Chastain: ... Wonach bewerten wir Frauen? Unsere Gesellschaft benutzt offenkundig weiterhin die sexuelle Anziehungskraft einer Frau als wichtigste Maßeinheit.  ... so ist die Gesellschaft verfasst, in der wir leben. Frauen werden nicht dafür gefeiert, was sie sagen oder tun. Sondern dafür, wie sie aussehen.  ... Sie bleibt in Wahrheit das Objekt männlicher Begierden ...


Aus: "Jessica Chastain: "Frauen werden nicht dafür gefeiert, was sie sagen oder tun"" Dirk Peitz (4. März 2018)
Qulle: http://www.zeit.de/kultur/film/2018-02/jessica-chastain-mollys-game-metoo-interview/komplettansicht
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« Reply #42 on: May 02, 2018, 11:15:06 AM »

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[...] Der 30. April und somit der Vorabend des Maifeiertages ist häufig ein Grund zum Feiern: Der "Tanz in den Mai" ist eine kommerzielle Veranstaltung geworden, die vielerorts zelebriert wird. Diese Festivität steht in einer direkten Verbindung mit der religiösen Feier der Walpurgisnacht: vielfach beschrieben allen voran im Walpurgisnachtstraum in Goethes "Faust" oder bei H.P. Lovecraft, aber auch im Bilderzyklus von Ernst Barlach wird dieser Festtag behandelt. Der Name Walpurgisnacht geht vermutlich auf die, zumeist von Nonnen verehrte, Heilige Walburga zurück, die vermutlich am 1. Mai 870 heiliggesprochen wurde.

Die Vorstellungen der zelebrierten Festivitäten gehen jedoch nicht mit Heiligenverehrung einher, sondern beruhen auf einem Hexenglauben, konkret auf der Vorstellung des Hexensabbats.

"Der Hexensabbat ist […] eine orgiastische Feier, an der Männern, Frauen und Dämonen teilnehmen. Sie tanzen in einem Rundtanz um den als Ziegenbock dargestellten Teufel. Dämonische Pfeifer und Hornbläser laden zum Tanz. Fliegende Hexen eilen herbei und zahlreiche Tabuverletzungen verhindern, dass die Fantasie zu stark durch die erotische Konnotation besetzt wird."(1)

Diese sehr prototypische Darstellung eines Hexensabbats fasst jedoch alle grundlegenden Elemente zusammen. In der Vorstellungswelt Außenstehender fanden derartige Zusammenkünfte meist auf Bergen statt: besonders bekannte Orte sind hier unter anderem der Blocksberg – ein anderer Name für den Brocken – im Harz in Deutschland, aber auch der Meeresfelsen Blåkulla – was ebenfalls Blocksberg bedeutet – in Schweden. Der recht ungewöhnliche Name Hexensabbat erinnert meist direkt an das Judentum und den Ruhetag Sabbat/Schabbat. Dies lässt sich durch den Umstand erklären, dass Menschen jüdischen Glaubens, auch schon zur Hochzeit des Hexenglaubens in der Frühen Neuzeit, starken Diskriminierungen ausgesetzt wurden. Diese Verknüpfung spricht für eine Fusionierung ähnlicher Vorurteile und Vorwürfe gegen Menschen, die ihren Glauben anders auslebten, als es innerhalb der orthodoxen Kirche vorgesehen war.

Die Hexenverfolgung findet ihre Anfänge in den Verfolgungen von "Ketzern"² im Mittelalter. Da es im Mittelalter zu einem überregionalen Auftreten von religiösen Bewegungen kam, die unter anderem der orthodoxen Kirchen konträr gegenüberstanden, erzwangen diese eine Reaktion, die sich in Form der Inquisition niederschlug. Trotz der negativen Entwicklung der Inquisition und der Opfer, für die sie verantwortlich ist, muss sie im Vergleich zu den zuvor geltenden Praktiken – wie zum Beispiel Gottesurteil durch Wasserprobe – als juristischer Fortschritt angesehen werden und war mit der kontrollierten Tatsachen-Erhebung bald auch ein Vorbild für das öffentliche Rechtssystem. (3)


In der Inquisition manifestierte sich so das Instrument, welches einen Universalitätsanspruch auf Glaubenspraktiken von Seiten der Kirche legitimeren konnte. Gegner der Kirche konnten so aus der Gemeinde ausgeschlossen, Bußleistungen aufgetragen oder im schlimmsten Fall getötet werden. Die Folter gehörte zudem seit 1252 durch die Bulle "Ad extirpanda" von Papst Innozenz IV. zu den inquisitorischen Verfahren. Die Hexenverfolgung schloss sich erst in der Frühen Neuzeit an und forderte circa 50.000 bis 60.000 Opfer. Obwohl im deutschsprachigen Mitteleuropa nur etwa 20 Prozent der damaligen Weltbevölkerung lebten, wurde circa die Hälfte aller europäischen Hexenprozesse mit etwa 20.000 Opfern in diesem Raum abgehalten. Der Umstand, dass etwa 75 bis 80 Prozent der Getöteten weiblich waren, folgt aus dem geschlechtsbezogenen Hexenglauben. (4)

Das Thema Hexen(glaube) ist unumstößlich mit dem juristisch-theologischen Werk des Hexenhammers (lateinisch Malleus Maleficarum) verbunden. Dieser liefert mittels intellektuellem Kalkül, weniger durch emotionale Hetzrede, Argumentationsmuster, sowie Legitimationsstrukturen zur Hexenverfolgung. Verfasst wurde er von dem Inquisitor Heinrich Kramer, sowie möglicherweise auch von Jakob Sprenger, ebenfalls Inquisitor. Sprengers Partizipation am Hexenhammer wird jedoch mittlerweile in der Geschichtsforschung stark in Frage gestellt. Das Werk widmet sich in 57 Fragen und in drei Teilen der Natur der Hexe und stellt dabei unter anderem den Teufelspakt, den meist auf Sexualität ausgerichteten Schadenszauber (maleficum), sowie den juristisch korrekten Umgang mit Hexen innerhalb eines Prozesses heraus. Der Hexenhammer ist zudem ein Paradebeispiel für Frauenfeindlichkeit, da er ebenfalls feststellt, dass Frauen durch den Teufel und Dämonen leichter verführbar und zudem in ihrem Glauben nicht so stark verankert seien.

Das historische Bild der Hexe weicht stark von den neuzeitlichen, medial verbreiteten Darstellungen von rothaarigen, zauberkundigen Frauen ab. Vielmehr fließen hier stereotype Diskriminierungen zusammen: Ketzern wurde im Mittelalter beispielsweise eine Verehrung des Teufels zugeschrieben, sowie sexuelle Ausschweifung, Schadenszauber und der Missbrauch von Messwein und Hostien. Hier greift plakativ das sogenannte Umkehrprinzip, in dessen Logik Ketzer Messen in umgekehrter Form vom orthodoxen Ideal praktizierten: statt Gott, wurde der Teufel verehrt, die Hostie wurde während des Abendmahls nicht geehrt, sondern zertreten, es ministrierten Frauen anstatt Männern und die Messe wurde rückwärts vorgetragen. Diese Vorwürfe entwickelten sich im Laufe der Verfolgungsgeschichte zu einem stereotypen Verdacht gegen Bevölkerungsschichten, die als anders galten: Fremde, Andersgläubige, Kranke, körperlich und geistig Beeinträchtige und Frauen. Hexen wurde ein abweichendes Sozial- und Sexualverhalten vorgeworfen, das sich unter anderem an einer Affinität zur Nacht, dem Kontakt zu Geistern und Dämonen, an Untaten wie Kindsmord und Kannibalismus, aber auch magischen Handlungen, wie dem Hexenflug und der Zukunftsvorhersage zeigte.

Als standardisierte Kennzeichen – maßgeblich auch durch den Hexenhammer bedingt – sind der Pakt mit dem Teufel, der durch eine Blutsunterschrift und/oder dem Geschlechtsverkehr besiegelt wurde, die Teilnahme am Hexensabbat, der Hexenflug und die Möglichkeit, Schadenszauber zu wirken, anzuführen. Das gemeinsame Wesen unterschiedlicher Hexentypen – wie Wahrsagerinnen, Wetterhexen und Giftmischerinnen – lag in ihrer Bosheit begründet, die ihnen unterstellt wurde.

Somit war ein weiteres Feld – die Sexualität – zu den bestehenden Anschuldigungen hinzugekommen. Das Hexenbild prägte sich durch typisch weibliche Berufe, wie die der Köchin, Heilerin oder Hebamme. War die Sexualität im Allgemeinen Sache der Frau und der Mann aus dem Geschehen vor, während und nach der Geburt ausgeschlossen, so lag der Verdacht, beim Eintreten des Kindstodes oder bei Behinderungen auf der Hebamme. Durch die regelrechte Entzogenheit der Sexualität aus der männlichen Welt wurde das Hexenwesen verstärkt mit dem Thema Reproduktion in Verbindung gebracht: So konnte der Schadenszauber beispielsweise eine Totgeburt, Impotenz oder Unfruchtbarkeit verursachen. Die äußerliche Erscheinung einer Hexe war in der frühneuzeitlichen Vorstellungswelt eher variabel gehalten, um das Stereotyp auf möglichst jede Frau anwenden zu können. Dennoch ist anzumerken, dass gerade älteren Frauen häufig Hexerei vorgeworfen wurde. Die australische Historikern Lyndal Roper hat die Vorstellung von Mutterschaft und Hexerei miteinander in Beziehung gesetzt und dabei herausgefunden, dass die Vorstellung von Vertrocknung, die unter anderem mit der Menopause verbunden ist, gleich dem Vampirismusmotiv, mit der Vorstellung der Lebenssäfte einhergeht, die sich die Hexe, beispielsweise durch das Töten und Aussaugen von Kindern, beschaffen kann.⁵ In der historischen Betrachtung lässt sich dieser Aspekt zudem derart ergänzen, dass ältere Frauen mitunter Kinder hüteten.

In einer sozialgeschichtlichen Betrachtung fällt sodann ins Auge, dass Frauen in der Frühen Neuzeit explizite Rollen zugewiesen wurden, die sie vom öffentlichen Leben ausschlossen. Frauen wurden zudem als minderwertig wahrgenommen: juristisch, da sie unter Vormundschaft ihrer Männer standen und auch theologisch, da sie in der Tradition Evas als leichter zu verführen und naiv galten. Die Rolle der Frau erstreckete sich so auf den häuslichen Bereich und tangierte hier die Felder der Sexualität und das Zubereiten von Speisen. Köchinnen sowie Brauerinnen wurden häufig der Giftmischerei verdächtigt. Sichtbar wird der Aspekt des Kochens in dem ikonologischen Symbol des Kessels, der bis heute ein zentrales Charakteristikum der Hexe ist. Der Ausdruck "Da braut sich was zusammen" wird zudem für den Bereich des Wetters genutzt und rekurriert auf die Vorstellung, dass Wetterhexen mit ihrem Kessel Wolken, Gewitter und Regen erzeugen konnten und so Missernten verursachten.

Die Verbundenheit von Frauen zur Natur ist etwas, was sich schon in antiken Hexenvorstellungen findet. In der römischen Antike war beispielsweise die Vorstellung präsent, dass sich zauberkundige Frauen in Eulen verwandeln konnten.⁶ Hexen lebten seit diesen antiken Vorstellungswelten nicht mehr in der Stadt, sondern zumeist im Wald oder an dessen Grenze. Die Wildnis ist hier ein zentraler Bestandteil des Hexenbildes. Sie fungiert als Chiffre des Bösen, des Chaos und des Ungezähmten, was sich dann in Form der Hexe mit der Weiblichkeit verband. Zentral ist diese Beziehung zur Wildnis auch für die Vorstellungen von Formwandlungen oder tierischen Begleitern – wie schwarzen Katzen oder Kröten – die sich so zum Beispiel bis heute in Märchen finden. Zahlreiche historische Hexenvorstellungen können so überdauern und sind unter anderem in Filmen, Serien und Literatur medial aufgearbeitet: stereotype Zuschreibungen – wie rothaarige Hexen, die in der Geschichte eigentlich nicht überliefert sind – bestehen in der heutigen Zeit und werden so Teil des kulturellen Gedächtnisses. (Kristina Göthling, 30.4.2018)

Fußnoten:
(1) Marco Fenschkowski, Die Hexen. Eine kulturgeschichtliche Analyse, Wiesbaden 2012, S.100.
(2) Der Begriff Ketzerei vermischte sich im Laufe der Geschichte mit dem Wort "Häresie" und wird zumeist synonym verwendet. Bedeutet "Häresie" in der Anwendung im allgemeinen Irrlehre, als Gegenpart zur Orthodoxie, so ist "Ketzerei" etwas präziser, zumindest, wenn man die Wortherkunft entsprechend hinterfragt. Die Bezeichnung "Ketzer" taucht erst im 13. Jahrhundert im deutschen Sprachraum auf und ist wohl eine Ableitung des Namens "Katharer", eine der größten religiösen Bewegungen im Mittelalter, die auch als Erzketzer angesehen werden. Der Begriff wurde entsprechend abstrahiert und so zu einem Sammelbegriff für Anhänger der angeblichen Irrlehre, ganz gleich ob sie in Verbindung zum katharischen Gedankengut standen oder nicht. (3) Vgl. Arnold Angenendt, Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Münster 2007, S. 253, 264. (4) Vgl. Wolfgang Behringer, Hexen. Glauben. Verfolgung. Vermarktung, München 2008, S.67, 75. (5) Vgl. Lyndal Roper, Hexenwahn. Geschichte einer Verfolgung, München 2007, S.225-227. (6) Vgl. Fenschkowski, Die Hexen (wie Anm. 1), S.44f.

Literaturhinweise:
Angenendt, Arnold, Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Münster 2007. Auffahrth, Christoph "Das Ende des Pluralismus. Ketzer erfinden um sie zu vernichten", in: Ders. (Hrsg.): Religiöser Pluralismus im Mittelalter? Besichtigung einer Epoche der Europäischen Religionsgeschichte, Münster 2007, S. 103-142. Auffahrth, Christoph, Die Ketzer. Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen, München 2005. Auffarth, Christoph "Mittelalterliche Modelle der Eingrenzung und Ausgrenzung religiöser Verschiedenheit" in: Hans G. Kippenberg (u.a. Hrsg.): Europäische Religionsgeschichte. Ein mehrfacher Pluralismus, Bd. 1, Göttingen 2009, S. 193-218. Behringer, Wolfgang, Hexen. Glaube. Verfolgung. Vermarktung, München 2008. Dieterich, Susanne, Weise Frau. Hebamme, Hexe und Doktorin. Zur Kulturgeschichte der weiblichen Heilkunst, Leinfelden-Echterdingen 2001. Dinzelbacher, Peter, Heilige oder Hexen? Schicksale auffälliger Frauen in Mittelalter und Frühneuzeit, Hamburg 1997. Girard, René Ausstoßung und Verfolgung. Eine historische Theorie des Sündenbocks, Frankfurt am Main, 1992. Göthling, Kristina "Hexe und Gender: Eine Transformationsgeschichte der Diskriminierungsfigur des Ketzers" Interview mit Christoph Wagenseil von REMID (Religionswissenschaftlicher Medien-und Informationsdienst), 26.09.2015. Matthews Grieco, Sara F., "Körper, äußere Erscheinung und Sexualität", in: Georges Duby und Michelle Perrot (Hrsg.): Geschichte der Frauen. Frühe Neuzeit, Frankfurt am Main 1994, S. 61-102. Oberste, Jörg, Ketzerei und Inquisition im Mittelalter, Darmstadt 2012. Quensel, Stephan, Hexen, Satan, Inquisition. Die Erfindung des Hexen-Problems, Wiesbaden 2017. Roper, Lyndal, Hexenwahn. Geschichte einer Verfolgung, München 2007. Roper, Lyndal, Ödipus und der Teufel. Körper und Psyche in der Frühen Neuzeit, Frankfurt am Main 1995.

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orest 1 (31.04.2018)

Die Urangst vieler Männer vor der Frau an sich trieb die feigsten unter ihnen dazu, in "Männerbünden" wie kirchlichen Institutionen, Burschenschaften oder sonstigen "starken" Vereinigungen unterzukriechen, um dortselbst in Sicherheit die Frauen in zwei Gruppen zu kategorisieren: Einerseits die heilige Mutter, vor der man durch Anbetung sicher war, andererseits die gefährliche Männer mordende Hure, gegen die vor allem verbale Entwertung und direkte Verfolgung Sicherheit versprach.


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Helmut
Sie machen exakt dieselbe Kategorisierung in zwei Gruppen: "die Frau" und "der Mann". Und wie so oft wird das Geschlecht als Erklaerung fuer Dinge gegeben, die vielleicht mit dem Geschlecht sehr wenig zu tun haben. Es wird oben auch kaum etwas darueber gesagt, wer diese Frauen, die als Hexen bezeichnet wurden, wirklich waren. Meines Wissens waren es einfach Frauen, die sich nicht an gesellschaftliche Normen angepasst haben, zB nicht geheiratet haben, was der Kirche nicht passte. Und genau deshalb wurden auch Maenner von der Inquisition verfolgt. ...


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tagessuppe

Die moderne Hexe ist 48 wohnt in einem Neubaueigentum im 4 Stock und legt ihnen unter einer Mehrwertnummer die Tarotkarten, hat eine Annonce im Heftl Bewusst Sein geschaltet wo sie unter Fachesoterischem komplizierten Namen simple Lebensberatung anbietet und gibt auf der VHS 2x im Jahr Kräuterseminare, des weiteren hat sie einen Rostigen 3er Golf wo sie jedes Jahr ums Pickerl zittert und mit den Reperaturkosten hadert.
So simpel ist die HexenWelt 2018


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DieZenZn

Was ebenfalls nicht erwähnt wird:
Die Opfer waren sehr oft - vermögende Frauen (ohne familiären Anhang, der sie geschützt hätte). Nicht so sehr die kleinen armen Kräuterweiberl aus dem Wald, bei denen gab es ja nicht viel zu holen. Bei Witwen mit Haus- und Grundbesitz aber schon.
Die Hexenverfolgung war immer auch ein ziemlich ungustiöses Geschäft mit der Gier. Und die liebsten Denunzianten waren neidische Nachbarn, Anwohner, etc. Ein sehr verstörendes Kapitel in der Geschichte.


...


Aus: "Orgien, Teufelsanbetung, Giftmischerinnen: Über moderne Hexenvorstellungen" Kristina Göthling (30. April 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000078351369-5441/Orgien-Teufelsanbetung-Giftmischerinnen-Ueber-moderne-Hexenvorstellungen
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« Reply #43 on: May 26, 2018, 11:42:11 PM »

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[...] Die Geschichte der O ist ein Liebesfilm des französischen Filmregisseurs und Modefotografen Just Jaeckin aus dem Jahr 1975. Der Film basiert auf dem sadomasochistischen Roman von Dominique Aury, Geschichte der O, und schildert die Geschichte einer freiwilligen weiblichen Unterwerfung. 

... [Maledom ist die Abkürzung für male domination („männliche Dominanz“) und bezeichnet die heterosexuelle Variante im BDSM, in der der Mann die dominante Rolle einnimmt. ... Maledom-Szenarios sind in der sadomasochistischen Literatur weit verbreitet, bekannte Beispiele sind die Geschichte der O und die Werke von John Norman, Cosette und Sira Rabe. Anne Rice verarbeitet sowohl Maledom als auch Femdom in hetero- und bisexueller Ausrichtung unter ihren Pseudonymen Anne Rampling mit Exit to Eden und A. N. Roquelaure mit der Dornröschen-Trilogie. Beispiele für die Verwendung von Maledom-Motiven im Film sind 9½ Wochen mit Kim Basinger und Mickey Rourke oder Secretary mit Maggie Gyllenhaal und James Spader.  Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Maledom]...

„Nach heutigen Maßstäben wohnt der sexuellen Tour de force der Fotografin O (Corinne Clery) indes nur noch wenig Schockierendes inne. Nur über das vermittelte Frauenbild lässt sich zu Recht triftig streiten.“ Quelle: TV SPIELFILM

„Neben erniedrigenden Sexualakten, die O über sich ergehen lässt, werden die Frauen meistens nackt oder nur dürftig bekleidet vorgeführt, während alle Männer vollständig angezogen bleiben. Dieser Film sorgte wegen seiner unkritischen Frauen verachtenden Darstellung (Frauen wollen Männern gehören und ihnen absoluten Gehorsam schwören) bei seiner Aufführung 1975 für Protestaktionen in mehreren deutschen Städten.“ Quelle: lesbengeschichte.de

...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Geschichte_der_O (6. Mai 2018)
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« Reply #44 on: June 28, 2018, 09:56:57 AM »

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[...] Die Berichterstattung über Melania Trump macht etwas ratlos. Egal müsste es einer eigentlich sein, alles, was da über Melania Trump geschrieben, getwittert, gelästert wird. Ihre "First Lady"-Fehltritte sind im Vergleich zu den politischen Fehlern ihres Mannes mit all ihren ethischen Grenzüberschreitungen so etwas von egal. Melania ist auch keine feministische Schutzbefohlene, die vor der Häme der Öffentlichkeit bewahrt werden muss, dafür hätte sie eigentlich ziemlich viele Leute, die das erledigen sollten. Und sie muss nicht dahingehend interpretiert werden, was sie wie mit was eventuell aussagen will. Der einzige mögliche Erkenntnisgewinn, den das Gerede über Melania Trump bringen könnte, ist der, dass es uns den Status quo hinsichtlich Gleichberechtigung vor Augen hält. Denn im Grunde ist es schon erbärmlich: Wir reden tatsächlich darüber, was eine gute Ehefrau ausmacht. Sicher, Melania Trump ist nicht irgendeine Ehefrau, sie ist durch die Präsidentschaft ihres Angetrauten eine öffentliche Person. Aber sie ist eine öffentliche Person, die offenbar eine einzige Kompetenz aufweisen muss: eine gute Ehefrau zu sein. Und diese Attribute sind keine speziellen Präsidentengattinnen-Attribute, sondern sie sind eng mit den noch immer existierenden Vorstellungen einer "guten Frau" verwoben. Wenn sich eine öffentliche Debatte daran entzünden kann, dass es einer Frau an diesen Eigenschaften mangelt, dann läuft gendermäßig irgendetwas noch immer verdammt schief.

Charmant sein, dem Ehemann durch ihr Handeln den Rücken stärken und so vollste Unterstützung für alles, was dieser tut, signalisieren, liebevolle Blicke und Gesten ihm gegenüber, ihn bloß nicht blamieren (auch wenn er das beinahe tagtäglich bravourös schon selbst hinbekommt: https://derstandard.at/2000082269279/US-Praesident-Trump-prahlt-mit-seiner-Haarpracht ) oder ihm dorthin folgen, wohin er auch gehen mag: Melania hat nichts davon drauf.

Sie spricht wenig, schlägt seine Hand weg, wenn sie sie ihm nicht geben will (auch auf einem roten Teppich), kupfert eine Rede ihrer Vorgängerin Michelle Obama derart plump ab, dass es niemand überhören kann, zog nicht stante pede mit Donald Trump ins Weiße Haus, sondern verharrte noch in New York, und mit ihrem letzten "Patzer" – so könnte man interpretieren – vereinte sie jegliches Kompetenzversagen als liebe Gattin in einem gewählten Kleidungsstück. Sie wissen schon, die Jacke mit der Aufschrift "I really don't care. Do U?" für den Besuch bei Kindern, die an der Grenze von ihren Eltern getrennt wurden. Eine menschenverachtende Lage, die freilich US-Präsident Trump und nicht diese Jacke geschaffen hat, über die aber wahrscheinlich fast ebenso viele Berichte erschienen. Es ist eigentlich eine interessante Wendung, dass die in sämtlichen gesellschaftspolitischen Fragen fortschrittliche, feministische Michelle Obama die perfekte Ehefrau gab, während die stockkonservativen Trumps die gutbürgerliche Idee des perfekten Ehepaars ziemlich ad absurdum führen. Allerdings tat es auch bei Michelle Obama weh, wie sehr diese kluge Frau zwar abgefeiert, aber in Wahrheit ständig mit der Messlatte "Ehefrau" beurteilt wurde. Dies sollte 2018 schlichtweg keine Kategorie mehr sein. Auch nicht für Melania Trump. (Beate Hausbichler, 27.6.2018)

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Just N. Opinion

Drei Mal in diesem kurzen Text wird die First Lady der Vereinigten Staaten schlicht "Melania" genannt. Ist es vorstellbar, dass im Standard die Frau des österreichischen Bundespräsidenten schlicht "Doris" genannt wird oder die junge Dame, die mitunter an der Seite Sebastian Kurz' zu sehen ist, einfach "Susanne"? Doch eher nicht, oder?


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new jersey

Kein Mensch redet darüber was für eine Ehefrau sie ist. Ausser die kleinen Männchen im Kopf von Frau Hausbichler


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ebola0

Da heißt es immer "das Patriarchat" unterdrückt Frauen, dabei sieht man ihr sehr schön, der größte Feind einer Frau, ist eine andere Frau. Gut gemacht!


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Luna Oberfott


Melanie wird ausschliesslich an dem bewertet was sie tut:
- Brav an der Seite des Ehemanns verbleiben, der mit Pornosternchen und Playboyhaeschen umtut, während sie auf das gemeinsame kleine Kind aufpasst

- Brav die Verschwörungstheorien a la Birthermovement mitträgt, die ihr Gatte verbreitet

- Brav das Bullying ihre Gatten verteidigt, wahrend ihre persönlich Agenda eine Genen Cyberbullying ist

- Brav zu ihrem konstant lügendem Gatten steht, wahrend sie 'Be Best' in die Welt ruft.

Ja ganz klar, ein verkanntes Symbol des Feminismus.


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El Chó


Ich stimme nicht zu, dass Michelle Obama primär oder gar ausschließlich in der Kategorie "Ehefrau" beurteilt wurde.
Michelle Obama hat die ihr zugefallene Aufmerksamkeit professionell genutzt, um sich als politische Persönlichkeit zu äußern. Sie hat damit Themen getrieben, Diskussionen vom Zaun gebrochen und bewusst die öffentliche Debatte gelenkt.

Das tun auch Künstler und andere Prominente. Ein Unterschied ist vielleicht, dass Michelle Obama´s Ruhm selbst einen politischen Rollenkontext hat.

Aber sie wurde als politische Person beurteilt, nicht als Ehefrau. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals einen breiten Diskurs um ihre Beziehung zu ihrem Mann, um Haushaltsführung oder ähnliches gegeben hätte.


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rea35

Seltsamer Artikel. Sie ist ja tatsächlich seine Ehefrau. Das sie dann auch (unter anderem) in Hinblick auf ihr "Ehefrau sein" kommentiert wird, ist anzunehmen.
Bill Clinton wurde übrigens ziemlich in Hinblick auf sein "Ehemann sein" bewertet.
Mit Feminismus hat das nichts zu tun.


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domanz

Ich finde da muss man unterscheiden, ich weiß, es ist nicht en vogue... aber während es mir komplett egal ist, wie sie als Ehefrau ist und ob sie dem armen Donald das gibt was er braucht, ist es mir nicht egal, was für Signale sie als Person der Öffentlichkeit von sich gibt. Das sind zwei unterschiedliche Dinge, das eine geht mich nichts an und ist privat, das andere geht mich was an. Ich bin nämlich ein Teil der Menge an Empfängern ihrer Botschaften.


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Mr.JohnDoe

... Alles, was laut Artikel angeblich von Melanie erwartet wird, erwartet doch jeder normale Ehepartner. Wenn dann das weltweit medial präsenteste Paar sich völlig anders verhält, ist das sehr wohl interessant.


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Tremorius

Plötzlich im medialen Rampenlicht zu stehen, ist nicht normal. Der Mann von Merkel zum Beispiel, ist quasi gar nicht medial präsent. Also es geht auch anders.


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hydra99

Erstens einmal sind das nicht "wir" sondern die Bürger der USA. Wer ein bischen was von den Staaten versteht, weiß, das Gleichberechtigung dort noch viel weniger in der Gesellschaft angekommen ist als bei uns. Also läuft in dieser speziellen Begebenheit in den USA etwas schief.
Zweitens hat der Ehecharakter der Trumps - sagen wir es einmal diplomatisch - jener einer Zweckehe - was aber bei seinen Anhängern gerne energisch negiert wird.
Drittens ist Trump der Held der erzkonservativen Evangelikalen mit ihren vor-vorgestrigen Ehe- und Frauenbild. Da bietet es sich ja an einmal seine Ehe und seine Ehefrau auf diese Werte hin zu überprüfen. Vorallem da diese Gruppe bei Michelle Obama ja die lächerlichsten Begebenheiten kritisiert hat.


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cleo

naja - sie ist halt ein (wie er es vermutlich geplant hatte) Trophy-Wife, das er irgendwie schon länger nicht mehr ganz unter Kontrolle hat (weil er für sie vermutlich den deal als Sugar-Daddy nicht erfüllt hat - von Präsidentengatting war wohl nicht die Rede.. ;).


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Jomoped

Wir reden tatsächlich darüber, was eine gute Ehefrau ausmacht.
Hä? Wer redet darüber, ob sie eine gute Ehefrau ist? Das scheint mir eine völlig erfundene Diskussion zu sein, nur um hier wieder über veraltete Rollenklischees klagen zu können. Das worüber wirklich geredet und geschrieben wird, sind ihre angeblichen modischen Aussetzer, und das macht der Standard genauso wie alle anderen.
Und ja, von Zeit zu Zeit ist auch ihre offenbar eher kühle Beziehung zu ihrem Ehemann ein Thema, aber auch da hätte ich noch nie gehört, dass ihr jemand vorwirft, deshalb keine gute Ehefrau zu sein. Sowas wird eher mit Häme und Schadenfreude in Richtung Trump kommentiert, in der Art von "Nichtmal seine eigene Frau kann ihn leiden."


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Chanel3

Mir fällt nur auf, dass Donald Trump der denkbar grauenhafteste Ehemann ist.


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Tremorius

Ich glaube, Sie hatten noch keinen Einblick in wirklich grauenhafte Ehen.


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el grande burrito

Wen juckt im Endeffekt die First Lady? Wenn ich einen Wasserrohrbruch im Haus hab, ruf ich auch einen Installateur und nicht dessen Frau...


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cle

wobei trump eher der wasserrohrbruch als der installateur ist.


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peter schmidt

Melania ist die Sphinx ohne Geheimnis.


...


Aus: "Melania ist eine verdammt schlechte Ehefrau. Na und?" Beate Hausbichler (27. Juni 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000082349586/Melania-ist-eine-verdammt-schlechte-Ehefrau-Na-und
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« Reply #45 on: September 04, 2018, 08:04:21 AM »

"Autorin über Mütter und Sex: „Die MILF ist ein Markt“" Interview: Mareice Kaiser (20. 5. 2018)
Katja Grach über ihr Buch „Die MILF-Mädchenrechnung“ und die Frage, wie aus der „Mom I’d like to fuck“ ein Subjekt werden kann. ...
Die Mutter galt sehr lange als asexuelles Wesen. Heilige und Hure standen sich gegenüber, die Mutter war die Heilige. Medial hat sich das in den vergangenen zwanzig Jahren geändert. Die Zuschreibungen für Frauen in Bezug auf ihre Attraktivität hat es schon immer gegeben. Aber es ist auffällig, dass diese mittlerweile sehr viel stärker in Bezug auf Mütter verhandelt werden. Die MILF vereint die Assoziationen von Heiliger und Hure. ...
http://www.taz.de/!5502889/

Mom I’d Like to Fuck (englisch wörtlich übersetzt: „Mama, die ich gerne ficken würde“), in Kurzform MILF (/mɪlf/), auch Mother I’d Like to Fuck, ist ein umgangssprachlicher, durch den Film American Pie bekannt gewordener und später durch das Porno-Metier noch weiter popularisierter Ausdruck für attraktive Frauen mittleren Alters, im 4. und 5. Lebensjahrzehnt, die aus der Sicht junger, aber auch älterer Männer und Frauen eine attraktive Sexualpartnerin darstellen. Das männliche Äquivalent ist der DILF (Dad I’d like to fuck). ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Mom_I%E2%80%99d_Like_to_Fuck
« Last Edit: September 04, 2018, 08:06:21 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #46 on: November 20, 2018, 04:23:21 PM »

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[...] Vor 100 Jahren bekamen Frauen das Wahlrecht eingeräumt. Begleitet wurde diese neue Handlungsfähigkeit der Frau in der Öffentlichkeit vom Schock einer Gesellschaft, die den Menschen nun mal als Mann definiert hatte. Die Frauen verkörpern seither die neue Ambivalenz einer modernen Gesellschaft – der Abwehrreflex ist entsprechend bis heute weit verbreitet. Viele der gängigen Wunschfantasien von der Frau und der Gemeinschaft, die sie verkörpert, sind hier verwurzelt: Heilige und Hure, Opfer und Verführerin, Mutter und Kindsmörderin.

Und im Zweifel muss das Bild der, nein, unserer Frau für den Zustand der Nation herhalten. Dass unsere Frauen geschützt werden müssen, vor Männerhorden, Messerstechern und Vergewaltigern. Aber das ist eben nur die halbe Wahrheit, denn die Fantasie von der Frau als Spiegelbild einer bedrohten (deutschen) Nation hat eine Kehrseite: bedroht wird sie eben auch von innen. Es ist grotesk, aber selbst die Umvolkung, sie funktioniert nur über die Frau. Das ist das Problem mit den Frauen. Sie ist potenziell schon immer im Bündnis mit dem Feind.


Aus: "Kolumne German Angst: Nationalismus hat ein Geschlecht" Sonja Vogel (20. 11. 2018)
Quelle: https://www.taz.de/Kolumne-German-Angst/!5548682/
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« Reply #47 on: January 29, 2019, 09:37:16 AM »

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[...] Auf Instagram sind insbesondere die Frauen erfolgreich, die einem normierten Schönheitsideal entsprechen. Das zeigen die Studienergebnisse des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk. Das IZI untersuchte unter anderem 300 Posts von erfolgreichen Influencerinnen auf wiederkehrende Muster hin. "Sie sind dünn, langhaarig und beschäftigen sich hauptsächlich mit den Themen Mode, Ernährung und Beauty", heißt es. Weibliche Selbstinszenierung finde nur in einem sehr begrenzten Korridor statt.

Diese stereotypen Darstellungen sind den Studien nach nicht allein persönlichen Interessen geschuldet. Die befragten YouTuberinnen hätten von Hürden gesprochen, die es erschwerten, aus dem Thema Schönheit auszubrechen und sich neue Genres wie Comedy oder Politik zu erschließen. "Eine starke eigene Meinung schmälert deinen finanziellen Wert, weil sich dann bestimmte Firmen nicht mehr mit dir zeigen wollen", sagt eine YouTuberin.

Junge Frauen berichteten den Studien nach auch von engen Zuschauererwartungen und damit verbunden kritischen, mitunter bösartigen Kommentaren, sobald sie den normierten Erwartungen widersprächen.

 Die Ergebnisse hätten übergreifend gezeigt, dass Jugendliche Influencerinnen und Influencer als Vorbilder betrachten und deren Posen und Aussehen nachahmen. Auf YouTube legen die Nutzerinnen und Nutzer demnach großen Wert auf Authentizität, bei Instagram soll das Bild "natürlich und spontan" wirken – auch wenn die geposteten Fotos aufwendig und zeitintensiv inszeniert wurden.

"Man braucht ein perfektes Bild, und dafür braucht man manchmal 20 Anläufe", wird eine Instagram-Nutzerin zitiert. Das sei nervig. "Weil es einfach nicht schön ist, wenn man dann so lange geschminkt sein muss, weil man einfach nur mal 20 Bilder machen möchte."

Insbesondere Mädchen, die Influencerinnen folgen, bearbeiteten ihre eigenen Bilder stärker als jene, die keinen Influencerinnen folgen, heißt es. Sie empfänden ihr natürliches Aussehen zunehmend als unzureichend.

"Die Studienergebnisse haben uns vor eine Reihe von Fragen gestellt, auf die wir als Feministinnen zunächst keine Antwort haben", sagte Elisabeth Furtwängler. "Warum sind die erfolgreichen Akteurinnen und Akteure in den neuen sozialen Medien ausgerechnet die mit den rückwärtsgewandt erscheinenden Geschlechterrollen ....


Aus: "Geschlechterdarstellung in sozialen Medien: Nähen, Kochen, Schminken" Sarah Lena Grahn (28. Januar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-01/geschlechterdarstellung-soziale-medien-frauen-studie

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LastExitForTheLost #1.14

"Vielleicht kochen, schminken und nähen Frauen gern..."

Die Feministinnen die ich so kenne würden jetzt sagen das diese Frauen zu solch erbärmlichem Verhalten "erzogen" werden und man ihnen dadurch den Zugang zu Glück und Zufriedenheit verwehrt. Ich persönlich glaube diese Zeiten sind lange vorbei, Frau/Mädchen kann heutzutage machen sie will. Und die meisten wollen Klamotten, Schminken etc.. Ich finde das in höchstem Maße amüsant.


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parasolguy #2

"Eine starke eigene Meinung schmälert deinen finanziellen Wert, weil sich dann bestimmte Firmen nicht mehr mit dir zeigen wollen"

Das ist doch so ziemlich auch das Credo der Gesamtgesellschaft. Unter jungen Leuten gilt "bloß keine eigene Meinung, es könnte der Chef / Abteilungsleiter / ein anderer potenzieller Arbeitgeber herausbekommen und dann habe ich Nachteile".

Lieber sagt man dann immer wieder, man stehe in der politischen Mitte und haut Nullphrasen und Worthülsen raus wie unsere Königin Angela. Die stärkste politische äusserung, die ich von anderen bei uns in der Firma mal erlebte war "uns geht es doch gut in Deutschland" oder "Niemand muss hier arm sein".

Mitte-Extremismus eben.


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CheekyCornflakes #2.4

Ja, die Gesamtaussage und -Darstellung der Studie/ des Artikels ist total falsch und zeugt von einem tiefen Unverständnis über Erfolg in sozialen Medien und deren Funktion und Funktionsweise generell. Nicht die sogenannten Influencer/innen (ich finde den Begriff diffamierend) wählen aus, was erfolgreich ist, die Nutzer selbst gestalten gnadenlos das "Programm". Mein Instagram-Profil hat zumindest so viele Follower, das ich gelegentlich auch mal etwas kostenlos bekomme oder gar zu Events eingeladen werde, am Ende bleibt aber niemals so viel über, das davon irgendwer leben könnte. Darauf veröffentliche ich hauptsächlich OOTDs [Die Bedeutung der einzelnen Buchstaben ist dabei „offer of the day“ oder „outfit of the day“, was übersetzt in etwa „Angebot des Tages“ oder eben „Outfit des Tages“ bedeutet. Ins Deutsche übertragen könnten wir OOTD auch einfach als „Tagesangebot“ oder „Tagesoutfit“ übersetzen.] und OOTNs [Outfit Of The Night] - das bekommt Likes. Meine am wenigsten kommentierten und gelikten Fotos sind die zur Bundestagswahl 2017. Dabei hätte ich damals in den Kommentaren auch gern über Politik gesprochen. Weil ich auf die paar Euro von Instagram nicht mal im Ansatz angewiesen bin, hätte ich mich mit "starken Meinungen" (Zitat Artikel) nicht zurückgehalten. Der Punkt ist, es interessiert niemanden von meinen Followerinnen. Der Missstand ist also wenn schon der, das geliefert wird, was nachgefragt wird. Nebenbei: Ob irgendwer, irgendetwas kauft, weil ich es "getestet" habe, bezweifle ich sehr stark. Es ist viel mehr meine Beobachtung, das sich in den sozialen Medien eine Bestätigungskultur etabliert und die eigene Blase selbst gebaut und befeuert wird. Das kann man wunderbar an sich selbst beobachten, welche Outfits man sucht und welche man kauft.


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AllesKeinProblem #14

Ganze Generationen gehen an diesen bullshit mit den influencern verloren. Man merkt an sowas immer wieder wie unfassbar gewöhnlich und wenig ehrgeizig die große Maße der Menschen ist. Selbst unter sogenannten Akademikern findet man ständig Menschen die null Interesse an Kultur haben und mit RTL und co. ausreichend versorgt sind und mit großer Lust sexuelle Stereotype reproduzieren als wäre das Leben eine Show von Mario Barth in Dauerschleife.

Warum sollte dann irgendwas anderes herauskommen als junge Frauen die sich mit Beauty beschäftigen als Lebensinhalt? Jeglicher Versuch dort dagegen zu halten, ist jenseits der privaten Umgebung prinzipiell zum Scheitern verurteilt weil unsere Gesellschaft sich selbst rund um die Uhr zudröhnt mit der Forderung nach schlanken, freundlich lächelnden und vorzugsweise möglichst nackten Frauen.

Das ist ein Kreislauf der sich ständig selbst reproduziert. Dieses uralte Konzept wird sich nicht auflösen nur weil wir rein vernunftgeleitet merken, dass das nicht gut und nicht fair ist. Da gehen noch ein paar hundert Jahre ins Land und selbst dann wird das nur was wenn es ausreichend Leute gibt die ihre weiblichen Kinder ernst nehmen.


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Cicada3310 #15


Lasst doch jeden so leben wie er oder sie es möchte, die einen Konservativ und die anderen beben Progressiv. Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden, wenn wir nach diesem Motto handeln würden, hätten wir viel weniger Probleme in unserer Gesellschaft!


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CarlLeonhardGeuler #20

"Sie habe das Gefühl, dass hier das Frauenbild der Fünfzigerjahre gefördert werde. "

Bei youtube wird gerade garkein Bild gefördert und trotzdem setzt sich das alte "Bilde" durch. Vielleicht haben Männer und Frauen ja doch "Geschlechter spezifische Neigungen"


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Waggeldaggel #20.5

Wenn Michael Buble oder Helene Fischer eigentlich lieber Metal machen würden, interessierte die Plattenfirma dies einen Schnurz, weil dies Schlagersänger sind, die Schlagerfanbedürfnisse erfüllen sollen. Mehr nicht. Das wird bei Influencerinnen kaum anders sein. Steht auch im Text: Die Zuschauererwartungen sind sehr eng.


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Junger liberal-konservativer Katholik #21

Viele Frauen leben nach "veralteten" Rollenbildern, weil es ihnen so gefällt. Was ist daran schlimm? Ich (liberal) verstehe das nicht. [Wenn Frauen sich in ihrer Lebensweise freiwillig von den 50ern inspirieren lassen, dann ist das in Ordnung. So ist das eben in einer offenen Gesellschaft.]


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W.Schaefer #21.1

Das geht den Feministinnen gegen die Dogmatik.


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James H. #28

Es ist auf YouTube alles noch schlimmer als hier beschrieben. Die Hunde bellen und die Katzen miauen dort und zwar ohne Ausnahme genauso wie in den 1950 er Jahren.


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Dohlenmann #32


Ich finde diese Ergebnisse nicht überraschend. Sie treiben Feministinnen schon seit einiger Zeit um, denn auch ältere akademische Arbeiten haben das so ermittelt.

Die Begründung? Nun, orientiert man sich am Durchschnitt, dann sind diese Stereotype eben beliebt in der Breite. Natürlich wird das auch auf YouTube oder andernorts widergespiegelt. Solche "klassischen" Rollenbilder sind beliebt - auch bei Männern bzw. für Männer! Und natürlich spielt hier auch das wirtschaftliche Werbeinteresse eine Rolle, das, getreu dem Matthäus-Effekt, die bereits beliebten belohnt. ...


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Parviflorum #36


"Junge Frauen berichteten den Studien nach auch von engen Zuschauererwartungen und damit verbunden kritischen, mitunter bösartigen Kommentaren, sobald sie den normierten Erwartungen widersprächen."

Der Artikel erweckt den Eindruck als wären manipulierende Interessen am Werk, die junge Frauen davon abhalten würden, sie selbst zu sein. Als wäre da eine geheime Macht, welche die Emanzipation von Frauen bekämpfen würde.


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maxpolymer #50

Anscheinend verhelfen den jungen Damen gerade diese Posen zu besonders vielen Likes und Dates. Das ist schlicht geschäftstüchtig, nicht mehr und nicht weniger.


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sonstwer #64

Meine Güte, der übliche Shitstorm der "konservativen" Männlichkeit mal wieder hier. Ich würde allerdings die ideologische Erziehung der Produkt- und Konsumlemminge durch Influencer, Youtube, Instagram etc. nicht alleine auf Frauen beschränken. Es gibt auch genügend apolitische, männliche Jugendliche die sich nur noch darüber definieren, welchen Schrott sie konsumieren. Behagliche Unmündigkeit in der schönen neuen Welt des angeblichen Individualismus.


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Küstenvogel #73

Die Strudie wirft die Frage auf, ob Feminismus ein Minderheitenkonzept unter Frauen ist. Wenn dem so wäre, wie ist das dann aber in Einklang zu bringen mit der anhaltenden Forderung nach der Gleichstellung in allen möglichen Dingen, Berufen und Positionen. Ist auch das nur eine Forderung einer Minderheit? Das ist hier keine Stellungnahme gegen Feminismus und Gleichstellung, ganz im Gegenteil. Es wäre gut, wenn mehr Frauen starke Positionen besetzten und Anspruch auf Gleichstellung erheben würden. Aber nach so einer Studie lässt sich schon die Frage stellen, wer stellt die Mehrheit? Die feministische Seite oder ein Frauenbild in den Köpfen junger Frauen, das im Grunde genommen bis in den Biedermeier zurück reicht? Die Wertfrage der komerziellen Vermarktung mag als Verstärker für die einseitige Entwicklung der Kanäle in den Sozialen Netzwerken dienen, aber sie stand nicht am Anfang des Influencertums. Dort zeigten junge Frauen und Männer das, was ihnen wichtig war. - Leider sehr rückwärtsgewandt.


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Rabe374 #78

Es scheint für manche unerträglich zu sein, dass Frauen offenbar doch einer gewissen klassischen Themenwahl zugeneigt sind, wenn sie sich selber dafür entscheiden können.
Und natürlich ist es die böse Unterdrückung durch die männlich dominierte Welt, die das auslöst. Frau könnte ja unproblematisch selbstbewusste, emanzipierte Themen verfolgen. Tun sie aber nicht.
Warum gibt es denn diese Massen an Frauenzeitschriften mit den üblichen, seit Jahrzehnten unveränderten Themen? Weil sich die Frauen bei der eigenen Freizeitgestaltung immer noch dem die wahre Natur der Frau unterdrückenden Geschlechterdiktat beugen? ....


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« Reply #48 on: February 02, 2019, 12:39:41 PM »

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[...] Die Deutsche Leonora war 15 Jahre alt, als sie nach Syrien reiste, um sich der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen. Wenige Tage nach ihrer Ankunft heiratete sie den Dschihadisten Martin Lemke. Mit ihm und seiner zweiten Ehefrau wurde sie nun nahe der letzten IS-Bastion an der irakischen Grenze festgenommen. "Ich war ein wenig naiv. Ich war gerade erst zwei Monate zum Islam konvertiert", sagt sie heute über ihre Entscheidung, sich der Extremistengruppe anzuschließen.

In einen schwarzen Nikab gehüllt, einen zwei Wochen alten Säugling auf dem Arm, berichtet die blasse junge Frau von ihrem Leben unter der IS-Miliz. "Ich blieb im Haus, um zu kochen und zu putzen", erzählt die 19-jährige Mutter zweier Kinder in gebrochenem Englisch. ...

"Am Anfang, als sie die großen Städte kontrollierten und viel Geld hatten, war alles gut", berichtet Leonora inmitten einer staubigen Ebene nahe dem Dorf Baghus, in dem die Dschihadisten noch immer erbitterten Widerstand leisten. ...


Aus: "Deutsche Dschihadistin sieht sich von IS-Propaganda getäuscht" Rouba El Husseini (02.02.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/syrien-deutsche-dschihadistin-sieht-sich-von-is-propaganda-getaeuscht/23941070.html

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margin_call 11:34 Uhr


    "Am Anfang, als sie die großen Städte kontrollierten und viel Geld hatten, war alles gut", Außer für die örtliche Bevölkerung welche ausgebraubt, gefoltert, öffentlich geschändet und ermodert wurde.
    Leonora und Sabina versichern, dass ihr Ehemann Lemke für die IS-Miliz nur als Techniker tätig gewesen sei und Computer und Handys repariert habe

Also war er nur für die Logistik der marodierenden Terrorbande zuständig ?
Das erinnert mich irgendwie an die Nürnberger Prozesse. Ich habe "nur " die Dokumente abgestempelt, ich habe " nur " die Panzer gebaut ...


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Kaypakkaya 09:55 Uhr
Was diese junge Dame erzählt, könnte auch 1945 so von einer NS-Anhängerin berichtet worden sein...

"Am Anfang, als sie die großen Städte kontrollierten und viel Geld hatten, war alles gut"
"Sie haben die Frauen ganz alleine gelassen, ohne Essen. Wir waren ihnen egal"

Worte des Bedauerns über die Gräueltaten des IS dagegen finden sich offenbar nicht und auch keine Antwort auf die Frage, warum der IS für Sie Attraktivität besaß, obwohl er doch in der Öffentlichkeit mit brutalsten Videos bekannt wurde.


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CloudySkies 10:27 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Kaypakkaya 09:55 Uhr

    ... und auch keine Antwort auf die Frage, warum der IS für Sie Attraktivität besaß, obwohl er doch in der Öffentlichkeit mit brutalsten Videos bekannt wurde.

Fragen Sie mal, warum Mao für die "Achtundsechziger" solche enorme Attraktivität besaß. Gewalttätigkeit macht attraktiv, jedenfalls für sehr viele Leute, insbesondere auch für Frauen. Der Gewalttätige hat eine Aura der Stärke, die ihnen imponiert. In Deutschland hatte man gedacht, nach den 1933ff Erfahrungen wüsste man es besser. Aber jede Generation braucht ihre neuen Erfahrungen, Berichte bringen da nicht viel. Es steckt in den Genen.


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Kaypakkaya 10:38 Uhr
Antwort auf den Beitrag von CloudySkies 10:27 Uhr

Dazu sollte man sich damit befassen, wie Mao um 1968 herum bekannt wurde - es werden dabei deutliche Unterschiede zur brutalen Propaganda des IS deutlich werden.

Ihr Vergleich der 1968er mit den Nazis ist wenig überzeugend.


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CloudySkies 11:36 Uhr

Antwort auf den Beitrag von Kaypakkaya 10:38 Uhr

    Dazu sollte man sich damit befassen, wie Mao um 1968 herum bekannt wurde

Wollen Sie damit sagen, Maos deutsche Anhänger 1968ff hätten von nichts gewusst?


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Kaypakkaya 11:46 Uhr
Antwort auf den Beitrag von CloudySkies 11:36 Uhr

Definitiv war die mediale Darstellung deutlich anders.
Lesen Sie doch einfach mal etwa beim 'Spiegel' nach.


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CloudySkies 12:09 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Kaypakkaya 11:46 Uhr

    Definitiv war die mediale Darstellung deutlich anders.

Nun ja, es gab kein Internet, und Mao hat keine Kopfabschneider-Videos veröffentlicht. Das heißt aber nicht, dass seine Gewalttätigkeit nicht bekannt und berüchtigt war oder von den Medien nicht thematisiert wurde. Es war auch bekannt, dass Mao ein glühender Stalin-Verehrer war. Und es war auch völlig bekannt, dass in China ein völlig irrer, sehr ekelerregender Personenkult um diesen Herrn stattfand. Dass man so einen Personenkult nur mit den Mitteln des Massenterrors durchziehen kann, war mir schon als Zwölfjähriger klar. Die "Achtundsechziger" fanden den Personenkult aber toll - ganz wie ihre Väter, gegen die sie auf die Straße gingen.


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Kaypakkaya 12:16 Uhr
Antwort auf den Beitrag von CloudySkies 12:09 Uhr

Es gibt da allerdings doch ganz gravierende Unterschiede zwischen den 1968ern und den Nazis - wir diskutieren allerdings mittlerweile deutlich weit ab vom Thema des Artikels.


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« Reply #49 on: March 05, 2019, 10:27:09 AM »

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[...] Lisz Hirn - Die 1984 geborene Autorin studierte Philosophie und Gesang in Graz, Paris, Wien und Kathmandu. Sie arbeitet in der Jugend- und Erwachsenenbildung, etwa am Lehrgang "Philosophische Praxis" der Universität Wien, und ist Obfrau des Vereins für praxisnahe Philosophie.

... Die Idee der "guten Mutti" hat hierzulande eine lange und ambivalente Geschichte. Sie beginnt mit einem Konzept, das seit Anfang des 19. Jahrhunderts alle Beziehungen zwischen Individuen prägte: die romantische Liebe. Seit die Familie als Keimzelle der Gesellschaft entdeckt und die Liebe zwischen Mutter und Kind "heilig" ist, hat sich die Rolle der Frau als Mutter wesentlich verändert. Das Muttersein wurde von der simplen biologischen Funktion zu einer normativen Idee, die alle anderen Rollen der Frau überlagerte.

Als Adolf Hitler in den 1930er-Jahren das "Mutterkreuz" für den verdienten "Dienst am Deutschen Volk" einführte, säte er auf bereits ideologisch fruchtbarem Boden. Das nationalsozialistische Frauenbild orientierte sich an der Ideologie der deutschnationalen oder alldeutschen Biedermänner, die über den "Emanzipationskoller der entarteten Weiber" schimpften und die "Entmutterung der Frauen" anprangerten. Diese "Berufung zur Mutter" als prägendes Frauenbild hat in Deutschland und Österreich bis heute überdauert. Auch die neuen deutschnationalen Biedermänner sprechen heute wieder von "geburtenorientierter Politik".

2013 schrieben sie in einem vom jetzigen FPÖ-Verkehrsminister Norbert Hofer herausgegebenen Buch von einem "natürlichen Brutpflegetrieb" des weiblichen Geschlechts: "Der vom Thron des Familienoberhaupts gestoßene Mann sehnt sich unverändert nach einer Partnerin, die, trotz hipper Den-Mädels-gehört-die-Welt-Journale, in häuslichen Kategorien zu denken imstande ist, deren Brutpflegetrieb auferlegte Selbstverwirklichungsambitionen überragt." Im Klartext bedeutet das: Eine Frau, die Mutter ist, soll sich weitgehend in den häuslichen Bereich zurückziehen, eigene Ambitionen aufgeben und sich vorrangig auf ihre Mutterpflichten konzentrieren. Doch nicht jede Frau macht das mit.

Dass sich Geschlechterrollen nicht so entwickeln müssen, zeigen vergleichende Recherchen mit anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich. Elisabeth Badinter argumentiert mit akribischer Schärfe in Die Mutterliebe, dass die Rolle der "Vollzeitmutter" nicht in der Natur der Sache liegt, sondern eine historisch gewachsene Institution ist, an der in Ländern wie Österreich und Deutschland unter zwei Prämissen auffällig stark festgehalten wird: Erstens geht das Wohl des Kindes über alles und zweitens kann dieses Kindeswohl nur durch eine 24-Stunden-Mutter-Kind-Beziehung garantiert werden. Während eine französische Maman ihre Rolle als Frau pflegen darf, wird ihr deutsch-österreichisches Pendant auf ihre Rolle als Mutter reduziert, die die Aufgabe des unabhängigen, selbstbestimmten Lebens der Mutter zum Wohl des Kindes einfordert. Die folkloristische Behauptung, dass die Mutter unersetzlich für das Kind und deshalb unabkömmlich sei, schlägt sich, wie im vorigen Kapitel ausgeführt, nicht nur in der fehlenden externen Kinderbetreuung und dem fehlenden partnerschaftlichen Ethos nieder. Tatsächlich macht kaum ein junges Elternpaar halbe-halbe. Es gibt den Versuch auf, bevor er überhaupt begonnen wurde.

Badinter hat gut belegt, dass Mutterschaft die Ungleichheit in der Paarbeziehung enorm verschärft. Egal ob mit oder ohne Trauschein lastet der Großteil der Hausarbeit auf den Schultern der Frauen. Die ungleiche Verteilung häuslicher Pflichten hat sich seit den 1950er-Jahren kaum verändert – vor allem nicht in den Köpfen der Menschen. Zwar hat "die Revolution der Sitten die Männer und Frauen mit der besten Ausbildung einander angenähert, während sie gleichzeitig diese Frauen von ihren weniger gut ausgebildeten Schwestern entfernt hat." Die sehr gut ausgebildeten Frauen verzichten eher für ihre Karriere auf Kinder, während den anderen mangels adäquater Angebote wenig überbleibt, als sich im Haushalt zu engagieren. Wer aufgrund schlechterer Qualifikationen oder Ausgangsbedingungen keinen Job findet, der finanziell genug abwirft, bleibt eher zu Hause. Das ist durch Zahlen gut belegbar. So ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau hierzulande nicht vom Migrationshintergrund, sondern in besonderem Maß vom Bildungsniveau abhängig. In Österreich bekommen in der Landwirtschaft tätige Frauen durchschnittlich 2,5 Kinder und türkisch-stämmige Frauen durchschnittlich 2,4 Kinder. Es wäre allerdings falsch, daraus zu schließen, dass wir das "langsame Aussterben der Österreicher" dadurch verhindern könnten, wenn wir mehr Städterinnen von den Vorteilen des Landlebens überzeugen, da sie dann liebend gerne Kinder bekommen würden.

 Spätestens nach dem medial breit rezipierten Aufschrei unter dem Hashtag #RegrettingMotherhood sickert diese Botschaft auch in das Bewusstsein der Konservativen. Diese reagieren mit Abwehr: Jede Frau, die sich nicht in das "Natürlichste auf der Welt" fügt, ist keine "richtige" Frau. Eine "richtige" Frau ist für ihre Kinder immer verfügbar, übernimmt das Gros der Erziehungs- und Hausarbeit und stellt die Bedürfnisse der Familie über die eigenen. Nebenbei verdient sie ein Taschengeld dazu, ist gut ausgebildet, schlank und sexuell attraktiv. Wie stark dieses Ideal als Bringschuld gegenüber einer Gesellschaft gesehen wird, deren Leistungsanspruch an die heutigen Frauen kaum Grenzen kennt, konnte man an den abwertenden Kommentaren gegenüber Politikerinnen wie Elisabeth Köstinger sehen, die ob ihrer Figur beschimpft wurde. Selbst die Biederfrauen sind von diesem Leistungsdruck nicht ausgenommen, sie schlagen mit noch mehr Funktionalität zurück und dem Image der glücklichen und erfüllten Mutter.

Lisz Hirn: Geht’s noch! Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist. Molden Verlag, Wien/Graz 2019; 144 S.


Aus: "Rückkehr der Biederfrauen" Lisz Hirn (4. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/10/feminismus-gleichstellung-konservatismus-tradition-biederfrauen

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Ulrike Metz #8

Frauen werden wie eine wirtschaftliche Ressource behandelt, die je nach Bedarf mal in Kriegszeiten Männer in Fabriken ersetzen, nach dem Krieg Trümmer abtragen und körperlich und seelisch verwundete Männer versorgen und zwischen Kriegen für Haushalt, Kinder und die Pflege der älteren Generation zuständig sein sollen. Was, wenn Frauen anderen Gesetzen folgen und intuitiv wissen, dass die Welt nicht unter zu wenig Kindern leidet, sondern eine neue Ideologie für die digitale Zukunft braucht?


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Maria_29 #21

Ich verstehe irgendwie nicht wieso es immer nur um „die Männer“ oder „die Frauen“ geht...
Meiner Meinung nach gibt es halt auf beiden Seiten solche und solche Typen.

Es gibt die Frauen, die gerne arbeiten, selbständig sind und einfach keine Kinder möchten. Denen merkt man es auch an, und ich glaub ihnen aufs Wort wenn Sie sagen: sie möchten keine Kinder, sondern lieber frei sein und einfach alles ihre Entscheidungen frei treffen können.

Auf der anderen Seite gibt es auch die Frauen, die schon immer den Wunsch nach Kindern hatten und dann in ihrer Arbeit der Kindererziehung auch voll aufgehen...
Die mehr oder weniger gern Ihren Haushalt erledigen...zumindest für eine Zeit, bis die Kinder wieder aus dem Haus sind.

Genauso gibt es Männer, die schauen ihre eigenen Kinder genervt an, sind unfähig sich längere Zeig vernünftig mit Ihnen zu beschäftigen, geschweige denn mal einen oder mehrere Tage den Haushalt zu schmeissen ohne komplett im Chaos zu versinken.

Und dann gibts auch solche, die einen wunderbaren Draht zu ihren Kindern haben, gerne auch Arbeiten im Haushalt übernehmen, Ihre Frau unterstützen und verstehen...

Ich verstehe dieses Schubladendenken in Geschlechter einfach nicht.
Meiner Meinung nach sind alles Charaktere und man tut am Besten daran, sich das ergänzende Gegenstück zu suchen, wie es am Besten zu seiner eigenen Vorstellung von Leben passt.
Man kann doch nicht jeden in eine Rolle zwingen, wie man meint dass „Mann“ oder „Frau“ sein muss...


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the one #42

Warum müssen sich konservative Lebensmodelle, die das Bild der Frau als Mutter ins Zentrum rücken und andere Lebensmodelle, nach denen Frauen die Rolle einer Mutter und die der arbeitenden dem Mann gleichgestellte Person vereint oder sogar die Mutterrolle zurücktritt, ausschließen?

Ein jeder mag so leben, wie es ihm beliebt. Wenn die Mehrheit moderner Frauen gerne Beruf und Karriere für das Hausfrauen-Dasein zurückstellt, dies aber anders als Frauen in den 1950er Jahren (und davor) aus freier Selbstüberzeugung macht, dann ist das ebenso emanzipiert wie andere Lebensformen. Ich empfehle den in dieser Hinsicht sehr sehenswerten Film "Mona Lisas Lächeln", der exakt diese Problematik aufgreift.


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Gerne_unterwegs #43

Im Artikel wird deutlich, dass es historische Entwicklungen gibt z. B. die Erläuterungen zur romantischen Liebe, die Propaganda der Nazizeit und natürlich auch die Frauenbewegungen. Der "Zeitgeist" hat also nicht nur Einfluss auf die Länge der Röcke.

Seltsamerweise wird heutzutage sehr häufig davon ausgegangen, dass alle Individuen frei, unabhängig und emanzipiert ihre Entscheidungen treffen. Die These dazu lautet: Es gibt keinen Zeitgeist mehr, keine historischen und kulturellen Einflüsse.

Wer glaubt so etwas wirklich?


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« Reply #50 on: March 07, 2019, 11:03:03 AM »

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[...] Die DDR träumte immer von der Weltspitze, in einer Disziplin hat sie es geschafft: Bei den Ehescheidungen belegte sie unangefochten Platz 1. 70 Prozent der Anträge wurden von Frauen gestellt. Sie heirateten nicht, um versorgt zu werden, sondern aus Liebe. Und wenn sich dieses Motiv als unhaltbar herausstellte, gingen sie wieder.


Aus: "Wo Emanzipation von emanzipiert kommt" Kerstin Decker (06.03.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/tv-dokumentation-ueber-ostfrauen-wo-emanzipation-von-emanzipiert-kommt/24073496.html
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« Reply #51 on: August 26, 2019, 10:04:57 AM »

Quote
[...] Es gibt da nicht viel herumzudeuteln: an den schlanken, gebräunten Beinen, an der Hand am offenen Haar, den leicht geöffneten Lippen, der Perspektive der Kamera. "Schau mich an!", sagen die Frauen in den Bildern. Sie zeigen sich in einem sehr traditionellen weiblichen Sinn. Als Objekt, das angesehen und begehrt werden darf.

Die Frauen, die diese Bilder auf Instagram hochladen, sind Anfang zwanzig, manchmal jünger. Die Menschen, die ihre Bilder liken, ebenfalls. 14- bis 19-Jährige nutzen Instagram am stärksten. Sie loben Bikinibilder und verteilen Herzen für durchtrainierte Bäuche wie den von @pamela_rf. "Mein Engel", schreiben sie oder: "hot hot hot".
https://www.instagram.com/p/B0tZkbPlZeq/?utm_source=ig_embed

... Man ertappt sich dabei, von den klischeehaften Bildern auf diejenigen zu schließen, die sie aufnehmen. Auf Instagram wird ja so gern das Echte betont. Man fragt sich auch, was das mit denen macht, die jeden Tag Hunderte dieser Bilder anschauen: Wollen sie so leben wie die Menschen auf den Bildern von @BibisBeautyPalace? Mit glänzendem Haar, Villa, Pool?

Instagram ist eine spektakuläre Schau von Körpern, von Sex, von Glück und Schönheit. Klischees werden mit Lust vorgeführt und angeguckt, auch Geschlechterklischees. ...

... Caroline Daur ist eine beliebte deutsche Instagrammerin: Zwei Millionen Abonnentinnen folgen ihrem Account. Sie ist 24, schlank, blond, sehr muskulös. Mehrmals am Tag postet sie Bilder von sich in teurer Mode – derzeit sehr häufig aus einem Hotel am Meer. Der Balkon auf den Bildern ist mit hellen Säulen gesäumt. Am vergangenen Wochenende hat sie ein Video hochgeladen, in dem sie auf diesem Balkon drei Looks für ein Kleid vorstellt. Sie plaudert darin so, wie man mit einer Freundin plaudert, mit der man gemeinsam vor dem Spiegel steht und Klamotten zum Ausgehen anprobiert. Ab und zu hält sie ein teures Accessoire in die Kamera, nennt den Namen eines Designers. Schließlich zieht sie Sandalen an, die aussehen wie Wasserlatschen. "Das hier sind meine neuen Lieblingsschuhe", sagt sie. "Meine Mama findet sie schrecklich. Sie sagt: 'Jetzt noch Socken dazu, dann siehst du aus wie eine typische Deutsche.' Ach, und sorry für alle meine Sonnenuntergänge. Ich kann nichts dafür, es ist einfach so schön hier!"

Es ist ein netter, ein intimer Moment. Ein paar Mal verhaspelt Daur sich, das macht sie sympathisch, man lacht dann gern mit ihr. Martina Schuegraf sagt, dass es um solche Momente geht. "Nutzer wollen den Alltag der Influencerin spüren, sich in den Bildern Ideen für ihren eigenen Alltag abholen." Wenn man die Medienwissenschaftlerin fragt, ob die Nutzer und Nutzerinnen sich hier auch Weiblichkeit abgucken, sagt sie: Jedenfalls nicht bewusst. "Die Geschlechterrolle wird zwar deutlich sichtbar. Aber ob sich jemand besonders feminin oder maskulin gibt, steht nicht im Vordergrund."

Schuegraf sitzt im Vorstand der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der Frage, welchen Einfluss neue Technologien auf junge Menschen haben. Bis 2018 hat sie an der Filmuniversität Babelsberg den Studiengang Digitale Medienkultur geleitet. Sie hat untersucht, wie junge Frauen und Männer Instagram nutzen. "Es gibt dort viele Möglichkeiten, sich nonkonform zu inszenieren, aber gezeigt werden häufig Genderstereotype", sagt sie und: "Das verwundert viele Forschende." Haben wir nicht Jahre des feministischen Diskurses hinter uns?

Die meisten Nutzerinnen und Nutzer scheinen über die Stereotype jedoch hinwegzusehen. Die 14- bis 29-Jährigen, die Schuegraf mit ihrem Team befragte, suchen vor allem nach Themen, die sie interessieren. Es sind klassische Lifestyle-Themen: Ernährung, Sport, Kunst, Reisen. Solange sie das Gefühl haben, dass eine Influencerin ihren eigenen Vorstellungen folgt, verteilen Nutzerinnen in der Regel wohlwollende Kommentare.

Tatsächlich gingen viele Jugendliche nicht sonderlich kritisch mit den Geschlechterbildern auf Instagram um. Das stelle sie in ihren Workshops immer wieder fest, sagt die Medienpädagogin Corinna Schaffranek. Man müsse fragen, was vor allem Mädchen brauchen, um zu verstehen, wie alte Rollenmuster wirken und wie stark diese Rollen auch ihr eigenes Leben prägen. Schaffranek hat sich dafür ein Programm überlegt: #Instagirls nennt sie es und bespricht in diesem Programm mit Mädchen, wie stark die Fotos in dem sozialen Netzwerk bearbeitet werden. Sie ist vor allem in Jugendzentren zwischen Köln und Frankfurt unterwegs. Die Nachfrage sei riesengroß, sagt Schaffranek. "Die meisten Bilder von Körpern sind aufgehübscht, und viele Mädchen leiden darunter, dass sie selbst nicht so aussehen wie die Frauen dort", sagt die Medienpädagogin. "Toxic positivity" nennt sie das, was auf Instagram vermittelt wird: Schönheit, die wie Gift wirkt. Die letzte Bravo-Dr.-Sommer-Studie hat erneut festgestellt, dass die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bei Frauen und Mädchen wächst.

Schaffranek trifft 13- oder 14-Jährige, die eingeschüchtert sind von den Bildern gesunder, trainierter Körper. Inzwischen gehe es auf der Plattform häufig auch um nachhaltige, vegane Ernährung und darum, wie man damit sein Gewicht reduzieren könne. "Die Mädchen stecken in den Anfängen der Pubertät, ihr Körper legt an Fett zu. Das ist normal. Aber sie betrachten jedes Gramm Fett kritisch", sagt Schaffranek. In ihren Kursen zeigt sie manchmal ungefilterte Bilder von Frauen um die dreißig. "Die würde ich nicht liken", hört sie dann oft von den Mädchen. "Es zählt nur die Ästhetik des Überhübschen", sagt die Medienpädagogin. "Das Normale wird nicht als ausreichend schön angesehen." 

Sie lässt die Mädchen selbst ausprobieren, wie stark die Filter wirken. Lässt sie Selfies aufnehmen und unreine Haut so lange weichzeichnen, "bis sie sich schön finden". "Wenn ihnen bewusst wird, welche Tricks auf Instagram angewandt werden, denken sie anders über ihren eigenen Körper", sagt Schaffranek. Über Schönheitsideale müsse man immer wieder reden. Bei Heidi Klum habe die Diskussion geholfen. Ihre Fernsehsendung Germany's Next Topmodel sähen mittlerweile schon Jüngere kritisch. Natürlich gibt es auch Gegenbewegungen auf Instagram, markiert durch #mehrrealität oder #nofilter. Und viele ältere Mädchen, mit denen Schaffranek ebenfalls spricht, 16- oder 17-Jährige, sähen Weichzeichner von vornherein kritisch.

Nichtsdestotrotz betrachten selbst "visuell aufgeklärte" Mädchen und Frauen gerne Bikinifotos. Es ist nicht auszuschließen, dass auch sie sich mit den Bildern vergleichen. Aber wichtiger wäre es, ihre Lust am Schauen ernst zu nehmen. Genau darauf zielt Instagram ab. Wer durch die Profile scrollt, wird hineingezogen in eine Flut an clever komponierten Bildern, klaren Linien, starken Kontrasten. Es sind Bilder, die versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Haut, Brustansätze sind oft so tiefenscharf aufgenommen, dass man bewundernd darüberstreicht, heranzoomt, sich vorstellt, wie es wäre, diese Haut tatsächlich zu berühren.

Wer auf Instagram etwas ausdrücken will, muss es in Bildern tun, die möglichst auf den ersten Blick funktionieren, sonst sind die Nutzer weg. Denn es steht immer schon ein weiteres daneben, darüber, darunter. Deshalb setzen so viele Instagrammer auf Eindeutigkeit.

Geschlecht ist eine Kategorie, die visuell besonders gut funktioniert. Das hat damit zu tun, dass kaum etwas in der visuellen Kultur so eine starke Tradition hat wie die Darstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit. Seit es Fotografie, Film, Videografie gibt, hat der Mensch versucht, darzustellen, was das Weibliche vom Männlichen unterscheidet. Instagram führt das fort. Dabei entsteht jedoch keine 1:1-Kopie. Martina Schuhgraf spricht vielmehr von "mimetischer Annäherung": Instagram ist voller Anleihen, Verweisen auf andere Medien, Zitate, Referenzen, Persiflagen – aus Film, Werbung und Pornografie.

Tatsächlich ist die Generation der heute 14- bis 29-Jährigen in einer visuellen Kultur aufgewachsen, die noch stärker als etwa die davor – die der in den Achtzigerjahren Geborenen – auf zwei Geschlechter ausgerichtet ist: Die Welt aus Rosa und Blau hat die heutigen Instagrammer schon vor ihrer Geburt geprägt, sagt Stephanie Weber, Medienpädagogin wie Schaffranek, im Gespräch. Die Unterschiede hätten harte Konsequenzen. "Mit etwa drei Jahren haben die meisten Kinder bereits gelernt, dass es mehr Vorteile hat, ein Junge zu sein als ein Mädchen." Es ist schwer, so einen Eindruck wieder loszuwerden. Instagram ist keine bessere Welt. Was man dort sieht, belegt vielmehr, wie wir gelernt haben, Geschlechter zu sehen.

Doch so einheitlich die Bilder auf Instagram sein mögen – die Art, wie Nutzerinnen damit umgehen, ist es nicht. Auch das betonen alle drei Expertinnen. Instagram wirkt weniger unidirektional – also einseitig von Sender zu Empfänger – als Fernsehen oder Filme. Die Kommentare unter den Bildern ermöglichen eine zweite Ebene. Hier erscheinen dieselben Frauen, die auf den Bildern angeschaut werden möchten, als sprechende Frau, kommentierende Frau, nicht selten selbstironisch und witzig, im Austausch mit anderen. Auf einem Bild lehnt Caro Daur in kurzem Rock und pinken hohen Schuhen, ein Bein angewinkelt. "Where is the flamingo emoji when you need it?", hat sie unter das Bild geschrieben. @LuiseMorgen, im Bikini unterm Sonnenschirm, freut sich über eine Freundin, die sie im Urlaub besucht. Frauen antworten darauf mit "Dankbarkeit macht glücklich" oder "Happy Weekend". Als wollten sie sagen: "Ich schaue das hier gerne an. Aber ich sehe viel mehr in dem Bild als nur zwei schöne Frauen."

Männer melden sich kaum zu Wort. "Wenn sich Frauen auf Instagram freizügig zeigen, heißt das nicht, dass zwingend der begehrende männliche Blick adressiert wird", sagt auch die Medienwissenschaftlerin Martina Schuegraf. "Es kommt stets auf den Rahmen an, in dem Geschlechterrollen gezeigt werden. Man sollte nicht nur den Blick darauf richten, was inszeniert wird, sondern auch fragen, wie etwas inszeniert wird."

Vielleicht sollte man der Generation, die Instagram nutzt, zugestehen, auf ihre eigene Art mit ihren eigenen Bildern umzugehen. Es ist eine Generation, die sich schon in der Kita mit Mädchen- und Jungsrollen auseinandergesetzt hat. Und danach im Schulunterricht. Gerade gehen sie zu Fridays for Future auf die Straße, wo junge Frauen Reden halten und auch das auf Instagram posten. Es ist eine Generation, die Geschlechtsuntypisches nicht sanktioniert. Die Zwillingen (@LisaandLena), die vor der Kamera rumalbern, mehr Likes gibt als Fußballern. Die einer Eins-Nuller-Abiturientin folgt (@pamela_rf), die sich auf Fitness spezialisiert hat. Die millionenfach zustimmt, wenn @Miley Cyrus der Kamera ihre Brüste zeigt, und die sich danach gegen Fat Shaming ausspricht. Sie hält Unterschiede aus. Genauso wie Widersprüche.


Aus: "Weiblichkeit auf Instagram: Die überhübschte Schau"  Sarah Schaschek (25. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-08/frauen-instagram-geschlechterrollen-influencer-klischees-sexismus/komplettansicht

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Grundgesetz-Gutmensch #4

Das Grundproblem ist schnell benannt: Instagram.
Das ganze Prinzip dieses Dienstes besteht für die meisten seiner Nutzer in oberflächlicher Selbstdarstellung.
Jeder Café, jedes Essen, jede Zigarette, jedes Partyfoto, jeder Stadtbummel usw. usf wird da gepostet, ohne Sinn und Verstand und möglichst öffentlich (also ohne auf privaten Zugang einzuschränken).

Und in der Tat ist es auffällig, wie viele Frauen (übrigens auch eine Reihe von „progressiven“ Journalistinnen!!) freizügig Posten, ihre Beine zeigen usw.
Ich bin alles andere als prüde, darum geht es hier nicht.
Ich verstehe nur nicht, wie jemand diese stumpfe und oft peinliche Oberflächlichkeit mit einem reflektierten Lifestyle verbinden kann.
Wenn Promis das für ihre Fans machen, kann ich das ja noch verstehen.
Wenn man das mit privater Verschlüsselung für den engeren Freundeskreis macht, auch noch gerade so.
Aber ansonsten?
Unverständlich.

...


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ResponsibleGambling #4.4

Man muss nicht alles so Bierernst nehmen. Die Selbstdarstellerei genießt in der Geschichte der Menschheit eine lange Tradition. Heute ist die Abdeckung und Geschwindigkeit nur eben eine bessere.


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Paul Freiburger #7

"Das verwundert viele Forschende."

Mich weniger. So ist es halt. Es gibt zum Glück mehr Toleranz für untypische Geschlechterrollen, aber die traditionellen bleiben die Klassiker. Dafür kann man weder das Patriarchat verantwortlich machen, noch die normende Macht der "Gesellschaft". ...


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HomerPhil #9

In den sozialen Medien kann man klar und deutlich sehen, daß Progressivität und Feminismus definitiv nicht im Alltag der deutschen angekommen sind. Abgesehen von den "Influencerinnen", bei denen klar die Werbung im Vordergrund steht, zeigen sich junge Frauen ständig in den alten Rollenbildern. Entsprechend zeigen sich junge Männer gerne mit Auto nach dem Kraftsport. Ist das immernoch auf Konditionierung zurückzuführen?


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bierus #11

Tja. Ist schon ne Unverschämtheit. Die machen einfach was sie wollen.


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Frettek #17

Instagram ist der reine Konformitäts-, Popularitäts-, Zugehörigkeits- ud Anerkennungsterror. Der psychische Schaden für junge Menschen ist enorm. Streit mit dem Freund, Freund beliebt an de Schule, 3/4 der Follower weg. Permanenter Zwang zur sexy Sebstinszenierung, Teenager in Schmollmundpose, Partypose, Busen raus, Arsch raus, Gott bin ich froh dass ich heute nicht zwischen 11 und 25 bin.


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KommtMalRunter #19

Was da los ist? Die Gefallsucht grassiert ... und die "Like-me-Bettelei" ist am erfolgreichsten, wenn man/frau möglichst konform die anspruchslosen Erwartungen des Mainstreams erfüllt. ...


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Frau. Huber #19.3

Die Hirnreifung ist komplett bei Frauen mit etwa 24 und bei Männern mit etwa 27 abgeschlossen.
Im antiken Rom wurde deshalb zwischen dem iuvenis und dem vir unterschieden und erst mit 30, als vir hatte man alle bürgerlichen Rechte.
Dazu kommt bei jungen Erwachsenen ein Mangel an Lebenserfahrung, der eine gewisse Naivität bedingt.


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Sir Lawrence #20

Forscher forschen vielleicht manchmal in einer Forscherblase. Die neuen Medien sind per se nichts anderes als neue Kanäle, die es vielen ermöglichen, sich zu produzieren. Und so wie es scheint, ist der Mainstream eben doch nicht vom feministischen Diskurs geprägt.
Und in diesem Fall, sind es auch nicht die alten, weissen Männer.


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hairy #21

= Inszenierungen zum Verkauf von irgendwas = Werbung. Und dazu ist so ziemlich jedes Mittel recht, solange es nur 'irgendwie' heraussticht. Die Zielgruppe FeminisInnen dürfte einfach zu klein sein; also werden von Frauen andere (ältere) Stereotypen bedient.


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Tanja Gönner #25

Instagram - die Neuentdeckung der Oberflächlichkeit


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Lothbrok #34

Von was ist die Autorin überrascht ?


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clehmann #38

Wann sind wir endlich so weit, dass eine Frau nach eigenem Gutdünken Fotos von sich veröffentlichen kann, ohne dass ihr jemand erklärt, was daran unkorrekt ist?


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Mordonice #44

Ich seh daran nichts Überraschendes. Wenn Frauen ausgehen, machen sie sich im Normalfall auch entsprechend zurecht. "Sex sells" funktioniert nach wie vor und wird sich in absehbarer Zeit nicht ändern. Auf Instagram natürlich erst recht nicht, da geht es in erster Linie ums Aussehen.

Menschen sind nach wie vor oberflächlich. Anders ist für mich zumindest nicht zu erklären warum z. B. Tinder recht beliebt ist. Auch dort geht es in erster Linie um Aussehen.

Entsprechend wundert mich, dass die Forscher überrascht sind.


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« Reply #52 on: September 08, 2019, 10:16:06 AM »

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[...] Ich kann nicht wegsehen. Seit sie in die U-Bahn eingestiegen ist, sich schwungvoll auf den Platz mir gegenüber gesetzt und sanft die Beine übereinander geschlagen hat, klebt mein Blick auf ihr. Ein feiner Muskel zieht sich unter der braunen Haut ihres Oberschenkels entlang, wo ihre Shorts abschließen. Keine Cellulite, nirgends auch nur ein winziger Krater. Immer wieder streicht sie sich die Haare aus dem Gesicht, während ihre langen Finger auf dem Handydisplay herumtippen. Sie beißt sich in die vollen Lippen, über denen eine kleine Nase wie eine sauber gebogene Absprungschanze sitzt, so makellos, dass es wehtut. Als sie für einen Moment nach oben sieht, mich direkt ansieht, sehe ich weg. Ich spüre, wie mir das Blut ins Gesicht schießt. Innerlich fluche ich.

Sie hat gewonnen. Weil ich sie angesehen habe.

Es ist nicht nur sie. Es sind alle Frauen. Egal, wo ich sie sehe. Mein Blick fährt sie ab, betastet sie. Auf der Straße, in der Bibliothek, auf Bildern. Je schöner sie sind, desto schlimmer ist es. Als würde etwas von ihnen an mir haften bleiben. Ich zoome heran, wenn ich kann. Schiele heimlich unter meiner Sonnenbrille hindurch. Fahre, wenn ich ihre Bilder auf meinem Telefon betrachte, mit dem Finger über das Display, betaste ihre Hüftknochen. Ich tue es stundenlang, wenn sie nicht zurücksehen können.

Manchmal passiert mir selbst es auch. Dann spüre ich es, das heimliche Starren einer fremden Frau. Ihr verschämtes Wegsehen. Dann bin ich es, die leise triumphiert.

Männer sehen Frauen an, Männer sehen Männer an, Frauen sehen Männer an. Doch nie bin ich einer größeren Obsession begegnet, als der, die eine Frau zum Körper anderer Frauen entwickeln kann. Was ist es, das wir suchen, wenn wir uns so ansehen? Und wie sollen wir uns lieben lernen, wenn wir uns noch immer mit Blicken töten?

Ich muss an die Geschichte der Gorgo Medusa denken; an die wunderschöne Frau, die von ihrer Geschlechtsgenossin Athene in ein Ungeheuer verwandelt wurde, nachdem Athene sie mit Poseidon beim Liebesspiel überrascht hatte (in Ovids Überlieferung vergewaltigte Poseidon Medusa). Der Anblick des Monstrums war derart unerträglich und ihr Blick selbst auch so wild, dass fortan alle, die die Medusa ansahen, zu Stein erstarrten. Perseus enthauptete die Medusa schließlich, was ihm nur gelang, weil er sie nie direkt anschaute – sondern lediglich ihr Spiegelbild in seinem glänzenden Schild. Athene benutzte den schließlich auch versteinerten Kopf der Medusa danach als Schutz vor Feinden, und so wurde die Medusa selbst zur Schutzgöttin, wenn auch erst nach ihrem und durch ihren Tod. Medusa, die schöne Frau, die zur hässlichen gemacht worden war von einer anderen Frau, beschützte sie. Nachdem sie ihr Opfer geworden war.

Der weibliche Blick muss aber gar nicht töten, die Fähigkeit, zu entblößen, reicht völlig aus, um uns gegenseitig Schmerzen zuzufügen. Die Kurzgeschichte The Lady in the Looking Glass (Die Dame im Spiegel) von Virginia Woolf handelt von einer Frau, die Leserin und Erzählerin nur mehr durch einen Spiegel betrachten können. Doch auch sie selbst scheint dazu verdammt, sich durch die abwesenden Augen eines Anderen zu sehen, die Augen des Spiegels, der sie nie berührt, nie erreicht, doch ständig zu entkleiden und zu penetrieren versucht. Das Ende der Geschichte ist eines der atemberaubendsten und gleichzeitig traurigsten, die ich kenne. Als bliebe ihr nichts anderes übrig, entblößt sich die Dame schließlich dem richtenden, entlarvenden Blick des Spiegels vollends. Ein paar Schritte auf ihn zu, wie im Kampf, wie, um ihm einen Beweis zu erbringen, dass sie wirklich da ist. Doch der Spiegel spiegelt nur, was sich in seinem Blickfeld befindet, in diesem Fall: nichts außer einer stummen Hülle. "Hier war die Frau selbst. Sie stand nackt in jenem mitleidlosen Licht. Und da war nichts. Isabella war vollkommen leer."

Woolfs ortloser Blick des Spiegels lässt sich auch als ein Blick auf das weibliche Selbst lesen. Im Spiegel sehen wir eine Andere, die wir selbst sind. Einen Körper, der unserem eigenen Blick ausgeliefert ist, als wäre er ein fremder. Der Blick auf die Frau und der Blick der Frau selbst scheinen, nicht nur in dieser Erzählung, sondern in jedem Moment, jedem Augenaufschlag unserer eigenen Geschichte, auf merkwürdige Weise miteinander verschlungen.

Was sehe ich, wenn ich mich selbst ansehe? Diese Frage hat sich Simone de Beauvoir auf knapp Tausend Seiten Hunderte Male gestellt, in ihrem 1949 erschienenen Buch Das andere Geschlecht. Für sie ist der schonungslose Blick auf andere Frauen untrennbar mit unserem Selbstverständnis verbunden. Es ist diese Formel einer merkwürdigen "Andersheit" zu sich selbst, die sie als die grundsätzliche Eigenschaft des Weiblichen setzt. Eine, die erstaunlicherweise nicht sehr davon berührt wird, dass sich die Zeiten für Frauen in einigen Teilen der Welt mittlerweile geändert haben. Denn das, was de Beauvoir hier schreibt, betrifft nicht in erster Linie die Politiken des Alltags, nicht die Frauenquote und die Prostitutionsgesetzgebung. Es betrifft das Frausein überhaupt.

Das Frausein in Form eines Jahrtausende alten kulturellen Denkens der Frau. Das Denken, das Frigide und Hysterikerinnen hervorgebracht hat, Hexen und Hafennutten, Untervögelte und Naive, Tussis und Kampflesben, Promqueens und Centerfolds, Milfs und Hausmütterchen, Eva und Lilith, Hilary und Monica, Claudia und Naomi. Das Denken, das noch immer in uns widerhallt, egal, welchem Geschlecht wir uns zugehörig fühlen.

Ein Frausein, das nicht nur "ein Anderes" zum Mann ist, wie Ying das Andere zu Yang ist. Die Frau ist im Gegensatz dazu das ultimativ Andere, das in ihrem ganzen Sein das Andere zum "Eigentlichen", "Eigenen", dem Mann ist. Nicht zwei Eigentliche stehen sich gegenüber, sondern ein Eigentliches und ein Anderes. Das ist es, was ihr Sein als Frau überhaupt erst ausmacht: die Frau, zu der sie nicht geboren, sondern gemacht wurde.

Zu denken, was es in diesem Sinne bedeutet, das Andere zu sein, fordert uns gerade da heraus, wo wir es am wenigsten ertragen können: bei unseren eigenen Wünschen, Begierden und Selbstverständlichkeiten. Denn da die Frau dieses Andere innerhalb ebenjener Logik ist, die die Welt seit Tausenden Jahren beherrscht und in der die Frau selbst zu denken gelernt hat, ist sie notgedrungen auch und vor allem für sich selbst "das Andere". De Beauvoir: "Und als Anderes ist sie auch anders als sich selbst, anders als das, was von ihr erwartet ist. Da sie alles ist, ist sie nie gerade das, was sie sein sollte."

Beauvoirs philosophischer Text ist als solcher selbstverständlich streitbar und doch tut es weh, ihren Gedanken zu folgen, auf Hunderte verschiedene Weisen. Gerade in Bezug auf den Schmerz, den die Schönheit einer anderen Frau uns versetzen kann, scheint ihre Erklärung furchtbar einleuchtend. Denn "anders" bedeutet auch: nie richtig. Der Spiegel, in dem die Frau sich betrachtet, gehört nicht nur ihr. Es ist der Spiegel der "Männeraugen", in die sie sich träumt. Das Komplizierte an diesen Männeraugen, die sie als das Andere schauen, ist, dass sie von nirgends und überall zu sehen scheinen, auch wenn gerade kein Mann in Sicht ist. Augen ohne Gesicht, wie das Grinsen ohne Katze. Die amerikanische Künstlerin und Dichterin Mina Loy fasste es so:

Men's eyes              look into things
Our eyes               look out


Es sind Augen, deren Blicke nicht eindeutig bestimmbar sind. Die – ewig suchend – hypothetisch alles wollen können. Weshalb die Frau, die sich in diesen Blicken denkt, alles sein muss.

In diesem Verhältnis ist jedoch jede Frau gleich. Es ist DIE Frau, die uns aus den anderen ansieht, wie aus unserem eigenen Spiegelbild. DIE Frau, die wir nicht sind, die alle anderen sind und gleichzeitig nie sein können. DIE Frau, die ihre Antagonistin in der Hässlichen, der Ungefickten, der Alten, dem Ungeheuer mit den Schweinshauern findet. DIE FRAU, die kulminiert im Model, im Starlet, in der Schauspielerin. DIE EINE ANDERE FRAU, die perfekte Fortsetzung unseres ersten Alter Egos mit Plastiklächeln, der Puppe, der Barbie, dem ersten Nicht-Ich-Ich-Ding, in das wir uns träumen. Dem wir ein Schleifchen auf den Kopf binden, wie wir es gern hätten. Die wir in den Schlaf wiegen, wie wir in den Schlaf gewiegt werden wollen. Bis wir irgendwann nicht mehr mit Puppen spielen, weil wir selbst zu ihnen geworden sind.

Mittlerweile haben die Puppen andere Gestalt angenommen. Die Schönheitsideale haben sich seit den Vierzigerjahren verändert. Heute gibt es zumindest mehr verschiedene. Ich kann nur für mich sprechen und meine merkwürdige Verfahrenheit in Beziehung zu ihnen. Obwohl in den letzten Jahren die weißen, ausgehungerten Modelkörper der Neunziger- und Nullerjahre um eine große Bandbreite anderer Körperbilder ergänzt wurden; obwohl sich einige Stars auf ihren Instagram-Accounts faltig und in grellem Licht zeigen; obwohl man manchmal unerwartet ein Bauchröllchen erkennt auf einer Werbung für Menstruationsunterhosen – trotz all dessen scheint mir, als wären diese Momente für mich nur solche eines kurzen Aufatmens. Weil da ausnahmsweise mal ein Körper ist, der mich nicht umfassend bedroht. Weil ich in alten, dicken, schwabbeligen, nicht eindeutig geschlechtlichen Körpern nicht so viel von dem erkenne, was ich als DIE Frau zu denken gelernt habe – so sehr ich wünschte, dass es anders wäre. Nicht umsonst haben die Millionen Hobbymodels auf Instagram Tausende und Abertausende Follower; die meisten davon sind Frauen, die still zusehen. Dazwischen ein Plus-Size-Model, zur Beruhigung. Ich schaue sie mir auch an. Nachts, heimlich, wenn niemand zusieht.

Wir beneiden uns noch immer um das, was uns allen gleich ist: um unser Frausein, das im Körper, also in dem, was sich anblicken lässt, am deutlichsten wird, auch wenn die Körper noch so verschieden sind.

Vielleicht sind die Körper der Anderen auch gerade deshalb so bedrohlich, weil sie so verschieden sind. Weil DIE perfekte Frau, diese Ikone, die wir bewusst oder unbewusst aus allen möglichen Hypothesen des männlichen Begehrens ziehen, so diffus ist, dass wir sie in jedem Detail, in jeder Pore einer Anderen zu finden glauben.

Ich habe mir einmal gedankenverloren den Satz notiert: "I look at women like a man, but not quite." Was dieses "not quite" ausmacht, "nicht ganz", weiß ich nicht genau (und ob das etwas mit der filmtheoretischen Idee des female gaze zu tun hat, dem weiblichen Blick durch eine Kameralinse). Ich weiß nicht, wie Männer Frauen ansehen. Was sie dabei wirklich denken. Ob es dasselbe, durchdringende, zerfressende Verlangen ist. Ich bezweifle es. Ich weiß auch nicht, wie Männer sich gegenseitig ansehen. Wie sie sich fühlen, wenn sie von Frauen angesehen werden. Ob Frank-Walter Steinmeier oder George Clooney sich auch jeden Abend zum Einschlafen Bilder von 21-jährigen Männermodels ansehen, bis es gerade genug und doch zu sehr wehtut. Ob der Körper eines anderen Mannes für einen Mann jemals so bedrohlich sein kann, wie der einer anderen Frau für mich. Ob Männer sich gegenseitig aus besseren Gründen hassen als denjenigen, aus denen ich eine fremde Frau zu hassen gelernt habe. Denn meistens ist der einzige Grund, den ich benennen kann, wenn ich ehrlich bin, die Art, wie der Stoff ihres Kleides sich über ihren Hintern spannt. Ich starre sie an, in der Hoffnung, dass ihre Schönheit so trügerisch ist wie die der Dame im Spiegel.

Es liegt etwas Monströses in meinen Blicken auf andere Frauen. Ich fresse sie. Verleibe sie mir ein. Mit jedem Blick. Ich kann nicht einmal mehr sagen, wo mein Körper anfängt und der der anderen Frau aufhört. Es kommt mir vor, als wäre mein Körper der Körper der Frau in der U-Bahn; der Körper meiner besten Freundin; der des Models auf dem Instagram-Account. Ein einziger Körper mit Tausenden Schlüsselbeinen, einem hüpfburggroßen, perfekten Hintern, 800 Meter Beinmaterial und Tausenden Wimpernkränzen. Er wächst und schrumpft gleichzeitig, schmerzhaft, mit jedem Blick, mit dem ich eine andere Frau aufesse. Ich, ein gefräßiges Monster, gewachsen aus all ihren Körpern, ewig hungrig, trotz des andauernden binge eatings. Dieses Monster hat einen besonders effizienten Stoffwechsel. Einen, der sich selbst gleich mit auslöscht: Indem ich die anderen Frauenkörper mit Blicken vernichte, vernichte ich notgedrungen auch meinen eigenen Körper. Das Monster frisst sich selbst. Die Medusa versteinert im Angesicht ihres eigenen Blicks.

Die Frage, die sich angesichts dessen stellt, ist vielleicht: Gibt es Rettung?

Vielleicht nicht. Vielleicht ist die ganze Sache mit der Rettung eine dumme Idee. Vor allem, weil die Rettung in den Geschichten, die wir kennen, viel zu oft in der Form eines Mannes daherkam. Eines Ritters. Eines Arztes. Eines Daddy-Onkels mit einem Sack voll Gold oder guten Ratschlägen. Vielleicht brauchen wir keine Rettung, weil die einzige Rettung unter Umständen darin bestünde, dass Frauen selbst zu Männern würden. Das ist es zumindest, worauf das konsequente Zu-Ende-Denken der Frage nach der Frau immer wieder hinausläuft. Es wäre eine Rettung, die zur Folge hätte, dass das Andere in ihnen, den Frauen, sterben müsste. Doch könnten wir nicht Frauen bleiben, ohne gerettet werden zu müssen? Frauen, die keine Männer werden? Und die eigentliche Frage ist doch: Wie würden Frauen sich anschauen in einer Welt, in der es keine Männer gäbe? Müssten sie sich immer noch vernichten?

Ich habe Lust, der Gorgo Medusa ein nachträgliches alternatives Ende zu schreiben. Was, wenn Athene statt nur Medusa auch sich selbst in ein Ungeheuer verwandelt hätte? Und mit ihr alle Frauen der Welt? Sodass kein Mann sie je wieder ansehen würde, kein Blick sie je wieder treffen, alle Männer ganz und gar und für alle Ewigkeit Reißaus vor ihnen nehmen würden? (Damit wäre auch die ganze Spiegelsache übrigens hinfällig geworden, da Perseus den Kopf der Medusa natürlich zwar über Umwege, aber dennoch nur wieder für das Herz irgendeiner anderen Frau braucht.) Würden die Frauen nicht in diesem Moment beginnen, sich als Monster zu schätzen und zu lieben? Sich mit glühenden Augen zuzuzwinkern, sich zu verschwestern, ja, sich zu begehren?

Wo es keine Rettung gibt, hilft manchmal nur ein Tanz auf dem Vulkan. Eros und Thanatos liegen ohnehin nah genug beieinander. Wenn wir uns also schon vernichten wollen, wieso nicht leidenschaftlich? Lassen wir uns doch heute, nur aus Spaß, ein hübsches Paar Schweinshauer wachsen, meine Damen, und uns liebend verschlingen, wie die Medusen es täten: lustvoll, ein klein wenig grausam und wunderschön in all unseren Hässlichkeiten.


Aus: "Frausein: Ich sehe sie" Anna Gien (7. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-09/frau-sein-weiblichkeit-frauenbild-weiblicher-blick/komplettansicht

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AhmetAhi #7

Ich denke, diese Art des weiblichen Blicks, um die Geschlechtsgenossin abzuchecken, mit ihr in wahnhafte Konkurrenz zu treten, sie zu beneiden, zu bewundern oder krampfhaft zu versuchen ihr einen Makel anzudichten, findet man eher bei Frauen die in prätentiösen Konventionen gefangen sind.
Alles was glänzt ist wichtig. Oberfläche wird gelebt und zelebriert.
Um sich dieser Oberflächlichkeit zu entledigen, gibt man dem Phänomen einen soziologischen und oder künstlerischen Touch.
So als seien die inneren Konflikte über glänzende Nasen, wohlgeformter Ärsche, Körbchengrößen oder vollen Lippen geradezu von existenzieller Natur.


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ccrimson #20

Ich kenne das von meiner Freundin. Sie sagt gerne: „ich hasse Frauen, die jünger sind als ich, und dünner.“ Dann lacht sie, aber ein bisschen meint sie es ernst.


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elfotografo #25

Gegenüber sehr attraktiven Frauen ist meist der Mann der Schutzbedürftige.

Oscar Wilde


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medscot #29

Spannendes Thema!
Ich denke dazu zählt auch, dass wir selbst beim Sex - bei dem es um unser Begehren - gehen sollte, oft durch die Augen des Mannes schauen in dem Bemühen begehrlich zu sein - statt selbst zu begehren!
Vielleicht liegt die Rettung tatsächlich darin Männer als Sexobjekte zu betrachten!
Und bevor der Aufschrei kommt - dann sollten wir es auch den Männern zugestehen Frauen als Sexobjekte zu sehen! ...


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Einfacher Bürger #39

Offensichtlich sehen sich viele Frauen immer noch als "Beute", als ... lockende. ...


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ikonist #55

100 Jahre Kinogeschichte, 100 Jahre Frauenzeitschriften, 70 Jahre TV, also 100 Jahre Popkultur - haben eine historisch einmalige Schönheitsnorm konstituiert, an der sich, ob ihrer äußersten Stringenz, Frauen (und seit einiger Zeit auch Männer), wie unter Zwang permanent abarbeiten
 ...


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Poquito #76

Schöne Frauen sind faszinierend. Die Schönheit ihrer Gesichter und Körperformen ist viel ausgewogener und harmonischer als die der bestaussehenden Männer. Die Vorliebe für muskelbepackte Jünglinge und die Vermännlichung der Frauen in der Kunst der Rennaissance haben sich mir nie erschlossen. In einer mit Mann und Frau besetzten Filmszene, erst recht in einer Liebesszene, achte ich fast immer nur auf die Frau. Männliche Fotomodelle finde ich ebenfalls völlig nichtssagend, geradezu albern. Fotos von Frauen hingegen ziehen mich in ihren Bann. Selbst nach langem Anschauen entdecke ich immer noch etwas Überraschendes oder Rätselhaftes. Und dabei hat diese Faszination nicht das Mindeste mit sexueller Anziehung zu tun. Verlieben könnte ich mich nie in etwas anderes als einen Mann.


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« Reply #53 on: September 19, 2019, 10:10:58 AM »

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[...] Der emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes hat scharfe Kritik an der Protestbewegung "Maria 2.0" geübt. "Das Erbe Judith Butlers, der Prophetin des modernen Feminismus, in den Namen der Gottesmutter Maria hineinzudeuten, ist ein freches Lügenmanöver", sagte Cordes am Donnerstag in einem Interview der in Würzburg erscheinenden Wochenzeitung "Die Tagespost".

... Die Protestbewegung "Maria 2.0" hatte im Mai einen bundesweiten "Kirchenstreik" initiiert, um damit gegen eine männerdominierte Kirche und für den Zugang von Frauen zu den Weiheämtern in der Kirche zu demonstrieren. Bundesweit hatten sich nach Angaben der Initiatorinnen mehr als 1.000 Gruppen an dem Protest beteiligt. Zugleich war die Aktion in konservativen Kreisen auf scharfe Kritik gestoßen.

...


Aus: "Kardinal Cordes wirft Maria 2.0 "freches Lügenmanöver" vor" (Würzburg - 13.09.2019)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/22929-kardinal-cordes-wirft-maria-20-freches-luegenmanoever-vor

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[...] Die Gruppe Maria 1.0 hat die katholische Protestbewegung Maria 2.0 in einem offenen Brief aufgefordert, ihre "medienwirksamen Aktionen" einzustellen. "Eure Forderungen sind nicht gut für die Gläubigen und die Kirche. Sie gründen nicht auf dem Vermächtnis Jesu", heißt es in dem vom Maria-1.0-Team unterzeichneten Brief. "Wir denken nicht, dass eure Forderungen nach Frauenweihe, Priestertum für Frauen oder Abschaffung des Zölibats die Krise der katholischen Kirche und des Glaubensabfalls in unserem Land positiv beeinflussen wird", schrieben die Aktivistinnen. Die Kirchengeschichte zeige im Gegenteil, dass nur die Treue zu Jesus und der Kirche Frucht bringen werde.

Die Lehrerin Johanna Stöhr aus dem oberbayerischen Schongau rief die Aktion Maria 1.0 im Mai ins Leben – als Reaktion auf die Bewegung Maria 2.0. Maria 2.0 hatte mit einer Aktionswoche inklusive Streik gegen die Machtverhältnisse in der Kirche protestiert und mehr Rechte und Ämter für Frauen gefordert. Stöhr ist der Ansicht: "Maria braucht kein Update." Ihre Initiative wolle zeigen, "dass es auch Frauen gibt, die treu zur Lehre der Kirche halten".

In dem Brief schrieben Stöhr und ihre Mitstreiterinnen, dass das Auftreten von Maria 2.0 nur zeige, "dass unsere Kirche in großen inneren Spaltungen ist" und dass Spaltungen noch nie gut gewesen seien. Sie rufen dazu auf: "Lasst uns vielmehr gemeinsam Jesus in die Mitte stellen und neu verkünden."


Aus: "Maria 1.0 fordert Ende der Initiative Maria 2.0" (18. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-09/katholische-kirche-maria-10-20-protestbewegung-kirchenreform

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Mir_fällt_gerade_kein_Benutzername_ein #2

Jesus im Herzen, und in der Verkündigung - darauf kommt es an.
Nur darauf.


Quote
ohne eure Bots wärt ihr nur zu dritt #1.5

"...muss so eine Art Stockholm-Syndrom sein."

"... oder so eine Art Masochismus."

"...gepaart mit Gehirnwäsche"

Naja. Das Phänomen heißt Katholizismus.


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« Reply #54 on: December 23, 2019, 09:12:29 PM »

Quote
[...] In der Advents- und Weihnachtszeit kommt kaum jemand an Maria vorbei: keine Krippe ohne die „Gottesmutter“, die Gottesgebärerin, die nach katholischer Lehre im Grunde das Gefäß ist, um Gottes Sohn in die Welt zu bringen. Ein Gefäß, eine Frau, die absolut rein sein muss.

Deshalb entwickelte die katholische Kirche 1854 das Dogma von der unbefleckten Empfängnis. Dabei geht es darum, dass schon Maria ohne Makel im Mutterleib entstand, quasi als Embryo bereits frei von der sogenannten Erbsünde war.

Bei der Geburt Jesu war Maria sicher noch sehr jung – 13, 14 Jahre alt, vermutet man; allerdings war sie kein willenloses Werkzeug Gottes, meint die Kunsthistorikerin Claudia Höhl.

„Es ist ja nicht so: Es kommt so über sie und sie ist die passive, die nicht weiß, was sie da tut, sondern sie muss erst mal einwilligen. Und sie lässt sich auf das Ganze ein, durchaus wissend, dass das vielleicht alles nicht so einfach ist.“

Sie lässt sich auf das Wirken Gottes ein, weil sie tiefgläubig ist, sagt der emeritierte Regensburger Theologe Wolfgang Beinert. „Die eigentliche Rolle Marias im Neuen Testament: Sie ist die große Glaubende. So könnte man ihre Rolle im Neuen Testament zusammenfassen.“

Du weise Jungfrau
Du ehrwürdige Jungfrau
Du lobwürdige Jungfrau
Du mächtige Jungfrau


Aber war die „große Glaubende“ nun eine – wie es im Katholischen heißt – „immerwährende Jungfrau“ oder nur eine sehr junge Frau? Die revidierte katholische Einheitsübersetzung nennt diese Möglichkeit immerhin in einer Fußnote. Und die Protestantin Silke Petersen, Professorin für Neues Testament an der Uni Hamburg, erklärt:

„Exegetisch würde ich das so sehen, dass es klar ist, dass Maria noch mindestens sechs weitere Kinder gehabt hat nach Jesus, weil die Namen von vier Brüdern und Schwestern neutestamentlich erwähnt werden. Das heißt, es war eine Frau mit mindestens sieben Kindern.“

In der Kirchengeschichte erlebt Maria einen rasanten Aufstieg. In der lauretanischen Litanei, entstanden in der Mitte des 16. Jahrhunderts, bekommt Maria gleich 51 Superlative zugesprochen:

Du reine Mutter
Du keusche Mutter
Du unbefleckte Mutter
Du Mutter des Erlösers
Du Mutter der Barmherzigkeit


„Für die Menschen war es immer wichtig, das weibliche Moment vertreten zu sehen im göttlichen Bereich“, sagt Wolfgang Beinert, „und das hat man dann auf Maria projiziert und ihr alle möglichen Titel beigegeben“.

Obwohl den Katholiken Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts die aktuelle Debatte um die Priesterinnenweihe für Frauen noch fremd gewesen sein dürfte, wurde Maria auf Andachtsbildern vermehrt als Priesterin dargestellt – sehr zum Ärger des Heiligen Offizium. 1916 erklärte die vatikanische Glaubensbehörde:

„Da vor allem in neueren Zeiten damit begonnen wurde, Bilder zu verbreiten, welche die seligste Jungfrau Maria mit priesterlichen Kleidern angetan darstellen, beschlossen die Kardinäle: Ein Bild der seligen Jungfrau Maria in liturgischen Gewändern ist abzulehnen.“

Doch selbst Pius X. hatte wenige Jahre zuvor ein Gebet mit den Worten abgeschlossen: „Maria, jungfräuliche Priesterin, bitte für uns.“

Maria breitet den Mantel aus und ist die Beschützerin der ganzen Christenheit. Gerade von Mitte des 19. Jahrhundert an setzte die katholische Kirche im Kampf gegen die Moderne auf Maria, sagt der Theologe Wolfgang Beinert:

„Jetzt sucht man irgendwo jemanden, der einem helfen kann und da ist Maria nach alter Tradition die mächtige Fürsprecherin. Wenn man sich an Maria wendet, kann einem nichts mehr passieren. Da ist man auf der sicheren Seite.“

Maria hat viele Seiten: Sie ist die vermeintliche Beschützerin – sogar in Kriegen. Sie ist aber auch die Trösterin:

„Weil sie unter dem Kreuz Jesu gestanden hat und damit im Prinzip in den Abgrund des menschlichen Lebens reingeguckt hat. Was Schlimmeres als seinen Sohn scheitern und sterben zu sehen, gibt es eigentlich nicht“, sagt Bastian Rütter, katholischer Theologe im Marienwallfahrtsort Kevelaer.

Maria ist diejenige unten den himmlischen Heerscharen, an die man sich am besten wenden kann.

„Ich habe den Eindruck, dass gerade unseren, ich sage mal, älteren Frauen das Weibliche im Gott fehlt, weswegen über die Jahrhunderte auch der Marienkult so extrem gewachsen ist“, sagt Maria Hagenschneider von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands.

„Das heißt im Grunde, dass sie die Maria anbeten, als sei sie göttlich. Das ist ein Punkt, der mich zornig macht: Der Mensch Maria wird auf einen Sockel gehoben und muss still sein. Die politische Frau, die das Magnifikat gesungen hat, die darf nicht vorkommen.“

Die Katholikin Maria Hagenschneider kritisiert, dass Maria von ihrer Kirche für eine bestimmte Rolle instrumentalisiert wurde und wird. Das sieht Horst Gorski ganz ähnlich. Er ist Vizepräsident im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland.

„Es gibt ja im Lukasevangelium ihren Satz: ‚Mir geschehe, wie du gesagt hast.‘ Und dieser Satz, der ist in einer sehr langen Tradition zu einem Vorbild demütigen Mutterseins, Frauseins gebraucht worden: dass die Frau dem zuzustimmen hat, was geschieht.“

In der protestantischen Kirchengeschichte spielt Maria keine große Rolle. Dabei war Martin Luther durchaus ein Freund der Madonna. Der Reformator habe keineswegs die Marienverehrung abgeschafft, betont Gorski:

„Er hat sie allerdings vom Kopf auf die Füße gestellt, weil er zu seiner Zeit vorgefunden hat, dass Maria in Funktion von Jesus getreten war: Jesus wurde eher als der Richter gesehen, und Maria als diejenige, die man anrief, um beim Richter um Gnade zu bitten, und das hat Luther kritisiert, das hat er verändert.“

Katholischerseits prägte der Blick auf Maria stets das Frauenbild, sagt der Kirchenrechtler Thomas Schüller; so auch noch bei Papst Johannes Paul II.

„In der Haltung zur Gottesmutter sah er den Kern dessen, was eine Frau zu tun hat: Dass sie empfängt, dass sie diejenige ist, die das Leben schenkt, und das hielt er für einen ganz großartigen Beitrag der Frauen zur Weiterentwicklung der Menschheit.“

„Das ist natürlich für das Frauenbild ganz gruselig: Zu sagen, der Katholizismus hat eine wichtige Frau, aber die wichtigste Frau im Katholizismus ist immer nur dienend“, kritisiert die evangelische Theologin Silke Petersen.

In der Tradition des konservativen Marienkultes sieht sich aktuell noch die kleine oberbayerische Initiative „Maria 1.0“, die sich gegen Reformen in der katholischen Kirche wendet und besonders gegen eine Weihe von Frauen. Eine der Initiatorinnen von „Maria 1.0“ ist Dorothea Schmidt:

„Selbst Jesu Mutter, die ja am meisten würdig gewesen wäre, war keine Apostelin. Sie hat sich nicht beklagt. Sie wusste, dass ihr Sohn nicht nur Mensch, sondern auch Gott war, und sie wollte in allem den Willen Gottes erfüllen. Das hat sie auch getan und damit ist sie unser Vorbild und auch ein Wegweiser.“

Vorbild und Wegweiser ist Maria aber mittlerweile auch für katholische Frauen, die auf Veränderungen drängen. Sie berufen sich unter anderem auf das Magnifikat aus dem Lukas-Evangelium, in dem Maria singt:

„Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Die revolutionäre Maria des Magnifikats, die sich nicht auf ihre Mutterschaft reduzieren lässt, ist zu einem Vorbild der neuen katholische Fraueninitiative geworden. Sie nennt sich nicht zufällig: „Maria 2.0“. Eine ihrer Initiatorin, Lisa Kötter, ist überzeugt:

„Dass es wirklich eine Form der Selbstermächtigung gibt, so zu feiern und zu tun, wie man das für richtig hält, und nicht zu warten, bis jemand seine Erlaubnis gibt. Wir von ‚Maria 2.0‘ sagen ja auch ganz klar: Wir sind auf der Suche nach neuen Wegen und neuen Strukturen, und ich glaube, dass wir schon ganz woanders sind als vielleicht der Papst oder die Bischöfe sind. Wir haben eine Religion der Befreiung. Wir sind so frei. Wir sind so frei.“

Eine „Verzweckung der Gottesmutter“ soll der Münsteraner Bischof Felix Genn der Initiative „Maria 2.0“ vorgeworfen haben. Das aber tun doch alle Ansätze, die Maria zur Trägerin einer bestimmten Botschaft für heute machen – ganz egal, wie nah diese an der historischen Maria dran ist.


Aus: "Warum Maria so beliebt ist: Duldsame Jungfrau und feministisches Vorbild" Michael Hollenbach (22.12.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/warum-maria-so-beliebt-ist-duldsame-jungfrau-und.1278.de.html?dram:article_id=466437

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« Reply #55 on: January 18, 2020, 06:16:57 PM »

Quote
[...] Kora Terry ist ein deutscher Film von Georg Jacoby aus dem Jahr 1940 und die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Hans-Caspar von Zobeltitz, der im Vorjahr erschienen war. ... Für Marika Rökk wurde Kora Terry „der Durchbruch zum Topstar des deutschen Musikfilms“. In der Doppelrolle der Kora und Mara Terry, die vollkommen gegensätzliche Charaktere waren, konnte sie ihre schauspielerische Wandlungsfähigkeit zeigen, an der zum Zeitpunkt des Drehs noch Zweifel bestanden. Ihr Ehemann Georg Jacoby, der bei dem Film Regie führte, verteidigte seine Frau gegenüber Kritikern: „Ich kenne meine Frau. Sie ist ein naives Kind und eine toll erotische Frau, sie hat diese konträren Züge.“

... Kora Terry präsentiert dem Publikum zwei unterschiedliche Frauentypen: Die dunkelhaarige Kora wird als unzuverlässig, oberflächlich, arrogant, egoistisch und rücksichtslos präsentiert. Sie trinkt und flirtet wahllos mit Männern, verspielt ihr Geld und kümmert sich nicht um ihr Kind. Gleichzeitig wird sie als schamlos und freizügig präsentiert und – symbolisch im Schlangentanz gezeigt – als gefährliche Verführerin dargestellt. Ihre Lieder singt sie mit energischer und emotionsloser Stimme. Ihr gegenüber erscheint die blonde Mara als ideale Frau im Sinne nationalsozialistischer Propaganda.[6] Sie ist zurückhaltend und schüchtern, ihre Lieder singt sie mit „engelsgleicher Stimme“[3], sie trägt „sittsame“ Kleidung, sehnt sich nach einer Familie und kümmert sich liebevoll um ihre Nichte. Während Kora den Männern gegenüber dominant auftritt, ist Mara die schwächere, die den Schutz der Männer benötigt. ...


Aus: "Kora Terry" (5. November 2019)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kora_Terry

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« Reply #56 on: May 12, 2020, 09:42:10 AM »

Quote
[...] Dr. Gunda Windmüller schreibt über alles, was schön schwierig ist. Sex und Liebe zum Beispiel. Ihr Buch “Weiblich, ledig, glücklich - sucht nicht” erschien im März 2019.

Als Trend wird heutzutage oft genug etwas ausgerufen, das zwar überhaupt nicht neu ist, dafür aber einen Hashtag bekommen hat. Wie das, was sich gerade in Großbritannien bemerkbar macht: #Tradwife. Tradwife ist ein Klappwort aus traditionell (traditional) und Ehefrau (wife) und wird von eben jenen Tradwives auf Blogs, YouTube und Social Media verwendet: Dort sieht man Frauen in ihren Dreißigern am Bügelbrett oder an einen Mann gelehnt, selbst gebackene Brote werden in die Kamera gehalten, Eintopfrezepte angepriesen und Früchte drapiert.

In britischen Medien, wie der BBC, der Daily Mail oder der Times wird der Trend erklärt: Es gehe darum, Hausfrau zu sein, und zwar ausschließlich Hausfrau. Als freudvoll selbstgewählte Rolle. Doch das Ganze wird dabei eben nicht nur als individueller Weg zum Glück zelebriert, sondern eingebettet in eine Rückbesinnung auf traditionelle Rollenverteilungen: „A woman’s place is at home“ und „trying to be a man is a waste of a woman„, heißt es dort zum Beispiel.

Die Tradwives sehen sich nicht als Anti-Feministinnen, sondern ganz im Gegenteil: Als diejenigen, die das Recht von Frauen auf Selbstbestimmung wirklich leben. Allen voran die 34-jährige Alena Kate Pettitt, die erst vor Kurzem im britischen Frühstücksfernsehen erklärte, dass sie ihren Mann gerne „verwöhnt, als sei es 1959“.

Diese Vorliebe für Vintage-Flirterei und selbst gemachte Orangenmarmelade mag zwar auf den ersten Blick als nischiger Trend daherkommen, aber frei von politischer Brisanz sind die Tradwives nicht.

In den USA wurden sie nämlich im Rahmen der Alt-Right-Bewegung bekannt. Die Amerikanistin Annie Kelly zeigt in ihrer Forschung zu dieser extrem rechten Bewegung, dass sich die Huldigung traditioneller Frauenrollen als Versuch von White Supremacists lesen lässt, die von Männern dominierte Bewegung auch für Frauen attraktiv zu machen.

„Tradwives„, schreibt sie, „helfen uns die Unzufriedenheit dahingehend zu verstehen, dass sie Berührungspunkte zwischen lippenstifttragenden Vielfachmüttern und Männern, die sich darüber beschweren, ungeküsste Jungfrauen zu sein, aufzeigen.“ Denn die rassistische Ideologie der extrem Rechten ist eben auch motiviert von einer Unzufriedenheit mit dem modernen Leben: Angst, den Job zu verlieren, finanzielle Unsicherheit, der Druck, sich für die Arbeitswelt mobil und flexibel zu halten, der Verlust von Privilegien.

Da verspricht ein sehnsuchtsvoller Blick in die 1950er, wo der Mann mit einem einzigen, sicheren Einkommen Stabilität für mindestens zwei garantieren konnte, für Tradwives eine reizvolle Alternative. Aber auch Ängste von Frauen sollen im Tradwife-Kosmos in Schach gehalten werden, führt Annie Kelly aus. Denn das moderne Leben wird für die Objektifizierung von Frauen und für sexualisierte Gewalt gegen sie verantwortlich gemacht. Ehe und Mutterschaft sollen dagegen einen sicheren Hafen bieten.

Tja. Es geht also weniger um Sehnsucht als vielmehr um Ängste, die instrumentalisiert werden.

Hinter der betont heimeligen Inszenierung mit geblümten Schürzen, Lippenstift und frisch gebackenen Muffins versteckt sich damit eine harte politische Botschaft. Und auch wenn einige Tradwives, wie die Britin Pettitt, sich selbst von nationalistischen Bewegungen distanzieren, speist ihr Pochen auf Traditionen doch eine Agenda, wie sie von rechten Kreisen propagiert wird. Auch hierzulande kennen wir diese Agenda – von der AfD.

So wird im Leitbild der Partei mit Hinweis auf „die traditionelle Familie“ – eine „Familie aus Vater, Mutter und Kindern“ – für eine Politik plädiert, die für Frauen nicht wirklich eine selbst gewählte Rolle vorsieht, sondern mit Rekurs auf die „natürliche Gemeinschaft“, eine Rolle jenseits individueller, freiheitlicher Lebensentfaltung: „Staatliche Institutionen wie Krippen, Ganztagsschulen, Jugendämter und Familiengerichte greifen zu sehr in das Erziehungsrecht der Eltern ein.“ Und vermeintliches gender mainstreaming und die generelle Betonung der Individualität würden die Familie als wertgebende gesellschaftliche Grundeinheit angeblich untergraben.

Es sind Passagen wie diese, in denen sich AfD, Alt-Right-Bewegung und Tradwife-Instagramerinnen in ihrer Wortwahl überlappen. Tradition wird hier angerührt mit einer grotesken Geschichtsignoranz zum normativen „So soll es sein.“ Wie grotesk das trad in Tradwife aber ist, wird schnell klar, wenn man das Ganze mal historisch unter die Lupe nimmt.

Denn von welcher traditionellen Rolle der Frau ist hier die Rede?

Die Idee der Frau als Hausfrau, wie sie in den 50er Jahren etabliert wurde? In einer Zeit, in der Ratgeber Frauen Tipps der Sorte „Richte sein Kissen und biete ihm an, ihm die Schuhe auszuziehen“ ans Herz legten und die Werbeindustrie („Jede Hausfrau freut sich über einen Kühlschrank“) eifrig dafür sorgte, dass uns das Bild der Hausfrau der 50er Jahre heute noch wie der allein gültige Prototyp erscheint? In einer Zeit, in der Frauen in Deutschland nicht ohne die Erlaubnis ihres Mannes arbeiten durften (bis 1977), Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar (bis 1997) und eine öffentliche Diskussion zu Schwangerschaftsabbrüchen noch Jahrzehnte entfernt war?

Wenn Tradwives sich auf die Tradition der Hausfrauenrolle beziehen, müssen sie sich leider sagen lassen, dass es diese vorgebliche Tradition noch gar nicht so lange gibt. Denn historisch gesehen hat sich die Rolle von Frauen als ausschließlich für Privatsphäre zuständige Ehefrauen und Mütter erst im 19. Jahrhundert ausgestaltet. Die aufkommende Industriegesellschaft war auf diese geschlechtliche Rollenverteilung angewiesen: „Ohne Trennung von Frauen- und Männerrolle keine traditionelle Kleinfamilie. Ohne Kleinfamilie keine Industriegesellschaft in ihrer Schematik von Arbeit und Leben“, schreibt der Soziologe Ulrich Beck dazu. Die Kleinfamilie mit der Rolle der Frau als fürsorgliche Gattin war wirtschaftlich reizvoll und politisch gewollt.

Selbst ein nur flüchtiger Blick in die Geschichte kann also schon mal zeigen, dass von den Tradwives mitnichten auf eine natürliche Rolle Bezug genommen wird, sondern nur auf eine sehr spezifische Ausformung der Ungleichheit. Damit ist nicht gesagt, dass jede Hausfrau per se unterdrückt ist. Doch Frauen zu Hausfrauen zu machen war nunmal nie Ausdruck von Freiheit und natürlichen Fähigkeiten, sondern immer politischer Wille.

Traditionen sind natürlich wichtig. Sie sind existentieller Teil eines sozialen Miteinanders. Sie geben Halt und Orientierung, stiften Sinn und Gemeinschaft, aber sie sind alles andere als natürlich. Das Problem ist daher nicht so sehr das Hausfrauensein, sondern vielmehr die Verknüpfung dieser Lebensentscheidung mit der Autorität, die das Wörtchen „Tradition“ verspricht.

Denn wer in dem Zusammenhang von Tradition spricht, meint nicht harmlos „Ich mag das, weil ich das noch von meiner Oma kenne“, sondern „Ihr macht mir Angst, deswegen macht mal lieber so wie ich“.

Tradition bedeutet hier Rückzug. Und die Tradwives sind Blendwerk für eine Politik, die – von Modernisierungsängsten getrieben – historische Folklore nutzt, um eine Welt auszuschmücken, die rückwartsgewandter nicht sein könnte. Hier geht es um die Sehnsucht nach einer Zeit, in der unsere Rechte massiv eingeschränkt waren. Wer sich nach früher sehnt, sollte sich klarmachen, dass so gut wie alles, was damals war, schlicht und ergreifend beschissener war. Rechte, Freiheit, Bildung, Selbstbestimmung. Alles davon.

Mit Männern flirten als sei es 1959? Lasst es bleiben.


Aus: "Sogenannte Tradwives werben fürs Hausfrau sein – klingt harmlos, ist es aber nicht" Gunda Windmüller (06. Februar 2020)
Quelle: https://ze.tt/sogenannte-tradwives-werben-fuers-hausfrau-sein-klingt-harmlos-ist-es-aber-nicht/
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« Reply #57 on: May 28, 2020, 10:27:40 AM »

Quote
[...] ... Ich bin neulich fast gegen die Glaswand eines Bushäuschens geradelt, weil dort ein Plakat hing - tatsächlich noch immer hängt - mit dem auf eine TV-Sendung hingewiesen wird, die sich mit der Liebe in jedem, also auch im höheren Alter beschäftigt. Schöne Sache grundsätzlich, und das allein hätte mir natürlich nicht fast die Glassplitter ins Gesicht gejagt, sondern eher die Formulierungen "MILF" und "MISSY". Alter Scheiß, denken Sie jetzt, husch in die Urne, Milf, du bist ja noch nicht mal eine "Mother I'd like to Fuck*, du hast den Schuss schon wieder nicht gehört" - is' mir aber ega-ha-hal, denn es regt mich auf. Falsch, es verletzt mich. Ich rege mich über so einen Neandertaler-Flachwichser-Mist echt nicht mehr auf, das macht ja Falten, und ich will jetzt auch gar nicht mehr als nötig auf diese unterirdische Sendung eingehen. Denn let's face it: Joyn macht da nur, was andere Privatsender seit Jahren machen mit ihren Fleischbeschau-Formaten "Germany's Next Top Model", "Bachelor(ette)" oder "Nackte Pussys und Pimmel im Paradies", um nur einige zu nennen. Alles nur Jobbeschaffungsmaßnahmen und Karrierebooster, is' klar.

Bei der neuen Sendung "MOM - Milf oder Missy" ist es insofern noch schlimmer, als dass da nicht nur die übliche Warenbegutachtung stattfindet, nein, hier werden auch noch alte gegen junge Frauen aufgehetzt. Gemeinsam ist ihnen immerhin, dass sie den Partner noch lieber nehmen, wenn er ein bisschen was auf der hohen Kante hat (eine "Milf sagt: "So stelle ich mir das Leben vor, das ich führen sollte"), auch wenn die Frauen alle "top ausgebildet" sind und auf "Ich brauche keinen Mann" machen. Warum sind sie dann in der Show? Um sich gegenseitig früher oder später an den Extensions zu ziehen, im Schlamm zu catchen? Brot und Spiele, ... .

Normalerweise geht das im Fernsehen so: Ein Mann sucht unter vielen Frauen eine Lady zur weiteren Lebensgestaltung (manchmal auch umgekehrt) aus, und sei die folgende, gemeinsame Lebensgestaltungsphase dann auch noch so kurz; oder eine Modelmama sucht Model-"Meedchen", die man dann für Rasierer über die Klinge springen lässt oder in Joghurtwerbung vermanscht. Wie solch menschenverachtende Formate Frauen jemals nach vorne bringen sollen, wie Frauen so jemals sinnvolle Netzwerke, Respekt und eine Gleichheit in der Arbeitswelt erreichen wollen, bleibt schleierhaft. Wie rückständig man doch sein kann - als Sender und als Protagonist(in). Und wie schlecht soll ein Vorbild für jüngere Generationen denn bitte noch sein? Alles nur Spaß? Das ist kein Spaß, das ist scheinheiliger Dreck.

... Solange Frauen auf Bildschirmen sich hauptsächlich aber dadurch hervortun, dass sie kokett ihre Haare schmeißen, auf den Lippen rumbeißen oder den Lady-Di-Blick (unterwürfig von unten nach oben blicken, scheu) perfektionieren und Männer weiterhin die Welt erklären dürfen, und sei es auch nur anhand von Rotwein ("Die Flasche kostet 1500 Euro", gönnerhaftes Lächeln, Frau kreischt) sind wir noch weiter hinter dem Mond als in den Fünfzigerjahren. So lange Frauen meinen, dass sie "alt gegen jung" kämpfen müssen, so lange dürfen Männer Frauen tatsächlich weiterhin auf ihre Fuckability abchecken. ...


Aus: "One Woman Show Milf - Kompliment oder Frechheit?" Aus einer Kolumne von Sabine Oelmann (Mittwoch, 27. Mai 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/leben/Milf-Kompliment-oder-Frechheit-article21808108.html

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« Reply #58 on: June 16, 2020, 09:45:07 AM »

Quote
[...] Die schwedische Netflix-Serie Kalifat zeigt, dass es gar nicht so einfach ist mit der Radikalisierung. Denn worauf der IS in seinen Rekrutierungsprozessen aufbaute, war keineswegs der große Glaube an den Islam. Eher setzte man auf Menschen, die sich sowieso in einer Sinnkrise befanden und keinen Halt in der Gesellschaft fanden. ... Kalifat erforscht vor allem die Hintergründe jener Frauen, die ein freies Leben in Europa kennen – und dennoch ein System begrüßen, das diese Errungenschaften ausradiert und durch ein archaisches Frauenbild ersetzt. (Muzayen Al-Youssef, 15.6.2020)


Aus: "Schwedische Serie "Kalifat" auf Netflix: Wenn Frauen zum IS wollen" Muzayen Al-Youssef (15. Juni 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000118085363/schwedische-serie-kalifat-auf-netflix-wenn-frauen-zum-is-wollen
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« Reply #59 on: June 16, 2020, 10:14:38 AM »

Quote
  Yannah Alfering: Du beschreibst, wie du als Jugendliche wegen deines Klamottenstils gemobbt wurdest. Wie war das damals für dich?

Katja Krasavice: Normale Mädchen tragen irgendein Oberteil, eine Hose und Schuhe. Ich hatte halt keine Sneaker oder Flipflops an sondern High Heels. Ich trug meistens bauchfrei und einen Minirock. Das fand keiner cool: weder die Lehrer, noch meine Mitschüler. Aber mich hat mein Look glücklich gemacht. Ich fand es schon früher fake, mich anzupassen, nur damit mich andere mögen.
In der Schule haben sich die anderen manchmal abgesprochen, mich wochenlang zu ignorieren. Es gab Tage, an denen keiner mit mir geredet hat. Und wenn doch, wurde ich beleidigt. Diese Erfahrung hat mich auf jeden Fall geprägt. Ich bin stärker geworden. Hate prallt an mir ab. Trotzdem fühle ich mich manchmal noch wie das kleine Mädchen von früher, das sich nicht schön findet und gemobbt wird.

...

Yannah Alfering: Bist du Feministin?

Katja Krasavice: Ich möchte, dass Frauen endlich ernstgenommen werden und machen können, was sie wollen. Andererseits bin ich total antifeministisch, weil ich mich als Sexobjekt darstelle. Ich kenne mich mit Feminismus nicht so gut aus, aber viele Feministinnen sagen mir, dass ich mich nicht so sexy zeigen soll. Das finde ich sehr schade, weil eine Frau soll ja eigentlich machen, was sie gerade geil findet.

Yannah Alfering: Ich finde es eigentlich sehr feministisch, einfach dein Ding zu machen.

Katja Krasavice: OK, gut. Dann bin ich vielleicht viel feministischer, als ich dachte.

...


Aus: "Wir haben Katja Krasavice gefragt, warum sie eine "Bitch Bibel" geschrieben hat" (09 Juni 2020)
Quelle: https://www.vice.com/de/article/bv8nea/wir-haben-katja-krasavice-gefragt-warum-sie-eine-bitch-bibel-geschrieben-hat

Katja Krasavice
https://de.wikipedia.org/wiki/Katja_Krasavice
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« Reply #60 on: July 16, 2020, 05:08:21 PM »

Quote
[...] 2015 nahm Chantal Akerman sich das Leben. Völcker tauchte in die Welt ihrer Filme ein und war auf Anhieb fasziniert – vor allem von der Art und Weise, wie Akerman Frauen in ihren Filmen präsentierte. Sie habe den Kamerablick vom Voyeurismus befreit, indem sie Menschen ganz direkt, en face aufnahm, erklärt Tine Rahel Völcker, „so dass der Kamerablick von den Personen, die gefilmt werden, kommentiert werden kann.“ Dadurch könne das Machtverhältnis der Aufnahmesituation unterlaufen werden, so Völcker.

Besonders deutlich sei das geworden, wo Akerman sich selbst gefilmt habe, „weil sie sich mit all ihrer Verletzbarkeit zeigt, mit ihren Zweifeln und all dem, wovon man eigentlich von früh auf lernt, dass man es verbergen sollte.“ Dieser Konvention habe sich Chantal Akerman vor der Kamera mit „Schönheit und Würde und Komik“ stets widersetzt.


Aus: "Sie hat die Kamera vom Voyeurismus befreit" Tine Rahel Völcker im Gespräch mit Massimo Maio (08.06.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/buch-ueber-chantal-akerman-sie-hat-die-kamera-vom.2156.de.html?dram:article_id=478209

Chantal Anne Akerman (* 6. Juni 1950 in Brüssel; † 5. Oktober 2015 in Paris) war eine belgische Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin.
https://de.wikipedia.org/wiki/Chantal_Akerman
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« Reply #61 on: February 02, 2021, 03:15:37 PM »

Quote
[...] Washington - Die Waffe im Anschlag, der rotlackierte Fingernagel auf dem Auslöser – das wird es weiterhin nur in Filmen geben. Doch: Die US-Armee hat die strengen Vorschriften, wie Soldatinnen aussehen müssen, gelockert. Die Frauen haben nun etwas mehr Freiraum – und dürfen sich weiblicher zeigen.

Die Soldatinnen der US-Armee dürfen künftig Pferdeschwänze, Nagellack, Lippenstift und Ohrringe tragen. Das Pentagon gab am Dienstag die Lockerung der strengen Vorschriften für die äußere Erscheinung der weiblichen Militärs bekannt. [...] Nach den neuen Regeln dürfen die Frauen ihr Haar künftig lang tragen, es muss jedoch bei physischen Trainingseinheiten zusammengebunden werden – ob als Dutt, als Pferdeschwanz oder geflochten ist nun den Soldatinnen überlassen.

Auch Lippenstift und Nagellack sind nicht mehr verboten. Jedoch gehen die Lockerungsübungen des US-Militärs nicht soweit, dass jede Farbe erlaubt ist. Extreme Farbtöne bleiben untersagt – dazu gehören Blau, Schwarz, Violett oder Knallrot. Für die Haarfarbe gilt ebenfalls: Nichts Farbenfrohes.

Die Lockerung der Regeln für Soldatinnen sind das Ergebnis einer Prüfung, die der frühere Verteidigungsminister Mark Esper im vergangenen Jahr angeordnet hatte. Die Prüfung war Teil einer umfassenden Untersuchung zu Rassismus und Diskriminierung von Minderheiten in der Armee der USA.

Sergeant Michael Grinston ist mit den Änderungen betraut. Er sagte dem Nachrichtenportal „Stars und Stripes“, dass der Grund für die Lockerungen die Rückmeldung von Soldaten und Soldatinnen seien. Es habe viele Probleme mit den alten Vorschriften gegeben. „Es geht darum, unseren Soldaten zuzuhören und herauszufinden, wie wir ihre Wünsche in der Armee umsetzen können“, so Grinston. „Sie haben gesprochen, wir haben zugehört und ich denke, wir durchlaufen einen wirklich guten Prozess“. Er sei „wirklich aufgeregt“ über die Lockerungen. (vd)


Aus: "Mehr Weiblichkeit Nagellack beim US-Militär? Warum das plötzlich geht" (27.01.2021)
Quelle: https://www.mopo.de/news/panorama/mehr-weiblichkeit-nagellack-beim-us-militaer--warum-das-ploetzlich-geht-37982446
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« Reply #62 on: February 02, 2021, 03:42:33 PM »

Quote
[...] Filme waren in meiner Kindheit in der hessischen Provinz ein Weg, um an der großen weiten Welt teilzuhaben. Auf dem Sofa reiste ich gemütlich durch Wüsten, prähistorische Dschungel oder in den Wilden Westen. Egal ob Piraten auf hoher See oder Captain Nemo 20.000 Meilen unter dem Meer – eines hatten die meisten dieser Filme gemeinsam: Auf Frauen konnten sie gut verzichten. Denn Frauen störten. Immer.

Sie kreischten, sie trugen im Dschungel hochhackige Schuhe. Sie stolperten – und das war das schlimmste – über die kleinste Wurzel des Waldes, um dann einfach liegenzubleiben, während das Monster immer näherkam. Im Fernsehprogramm suchte ich also bevorzugt nach Filmen, in denen es keine weiblichen Hauptrollen gab. Während Indiana Jones in geheimen Tunneln fast zu Tode gequetscht wird und dabei trotzdem lässige Sprüche klopft, heult nebenan die trotzige Kate Capshaw, weil ihr ein Fingernagel abgebrochen ist. In der Quatermain-Reihe mit Richard Chamberlain nörgelt sich Sharon Stone direkt in den Kochtopf eines – natürlich schwarzen – Kannibalenvolks. Kein Wunder, dass Mann sie für viele Abenteuer einfach direkt zu Hause ließ. Dann musste sie sich eben selbst aufs Boot oder ins Flugzeug schmuggeln, nur um den Helden so sehr zu nerven, dass dieser sie am Ende endlich heiratete. Wurde sie während des Abenteuers gerettet, trug der Held sie wie in Baby davon, während sympathische, männliche Nebencharaktere zu Tode kamen.

Das alles sah ich als kleines Mädchen – und fand es trotzdem großartig! Abenteuerfilme waren mein Ding und mit meiner Schwester spielten wir die Plots nach dem Abspann weiter. Die flachen Frauencharaktere eigneten sich dabei selten für ein feministisches Makeover, also erfanden wir eigene, die wir den männlichen Helden nachempfanden. Klingt "Indiana Jones" nicht sowieso viel eher wie ein Frauenname? Uns war klar, dass die Frauen auf der Leinwand mit uns nichts gemeinsam hatten: Sie waren schön, unnahbar – und nicht überlebensfähig. Und obwohl wir an uns selbst sahen, wie weit entfernt die Filmfrauen und -mädchen vom echten Leben waren, konnten wir uns nicht vorstellen, dass dieses Frauenbild völlig erfunden war. Warum stellte jeder Film Frauen als schwach und ängstlich dar, wenn das nicht stimmte? Log uns die Filmindustrie etwa an? Viel wahrscheinlicher war doch, dass Frauen tatsächlich schön aber nutzlos waren, und die "funktionstüchtigen" Frauen, die man aus dem Alltag kannte, nur sonderbare Ausnahmen.

Das Bild von der Frau als überdimensionalem Kind hielt sich ja auch in der Gesellschaft hartnäckig. Noch kurz vor den Achtzigern durften Frauen in Deutschland nicht ohne die Erlaubnis des Ehemanns arbeiten, erst im Jahr 1992 wurde das Nachtarbeitsverbot für Arbeiterinnen aufgehoben. Und im Jahr 1994 konnte der Ehemann seine Frau endlich nicht mehr dazu zwingen, seinen Nachnamen anzunehmen. Frauen zu bevormunden, galt lange Zeit als fürsorglich. Und das machte für mich auch Sinn. Das fiktive Gefahrenszenario, mit dem die Gesellschaft uns Angst einjagte, sah immer gleich aus: Aus dem Dunkeln fällt ein überstarker Mann eine zarte Frau an. Sie kann sich nicht wehren, denn Männer sind Frauen immer körperlich überlegen.

Tatsächlich hilft einem ein großer Bizeps vielleicht beim Armdrücken, sonst aber ist er recht nutzlos. In einer Gefahrensituation kommt es viel eher auf die Fähigkeit zu deeskalieren an. Im Zweifelsfall ist Wegrennen ohnehin die beste Lösung. In einer Zombie-Apokalypse hätte die Sprinterin Marion Jones mehr Chancen zu überleben als Dwayne "The Rock" Johnson. Felsen sind gute Zielscheiben.

Weibliche Hilflosigkeit wurde uns in den Achtzigern und Neunzigern immer noch vorgelebt, durchbrochen von überstarken Action-Heldinnen. Während Pretty Woman Julia Roberts ihr Leben durch ihre absolute Kompatibilität zu einem reichen Playboy verbesserte, retteten Sarah Connor und Ellen Ripley diverse Welten. Action-Heldinnen unterschieden sich oft nur im Outfit von ihren männlichen Pendants. Auch sie waren aggressiv, hatten tiefe Stimmen und kämpften mit roher Gewalt alleine gegen Monsterhorden.

Was allen Frauenfiguren abging, den Hilflosen ebenso wie denen mit Bizeps: Solidarität! Auch das hat Tradition: Bereits Schneewittchens böse Stiefmutter hat uns gelehrt, dass Frauen keine Konkurrentinnen dulden. In einer Welt, in der wahre Stärke nur der zeigt, der sich seinen Platz ganz alleine erkämpft, fühlt sich Solidarität ohnehin wie Schummeln an. Simone de Beauvoir beschreibt in Das andere Geschlecht, warum es Frauen schwerfällt, sich als ein "wir" wahrzunehmen. Frauen lebten, anders als andere Minderheiten, verstreut unter Männern, enger angebunden an ihre Brüder, Väter und Ehemänner als an andere Frauen. Warum sollten sie also fremde Frauen zu ihren Verbündeten machen, und dann eventuell sogar noch im Kampf gegen die eigene Familie?

Als Kind – hochgebildet durch Hollywoodfilme – kannte ich noch einen anderen Grund, warum man Frauen nie als Partnerinnen ins Boot holen sollte: Wer garantierte mir, dass sie im Eifer des Gefechts nicht alle reihenweise auf ebener Fläche ausrutschten und dann einfach wild durcheinanderschrien?

Natürlich nimmt man auch als Kind Filme nicht für absolut bare Münze. Natürlich weiß man, dass das echte Leben anders aussieht. Und natürlich lernte ich auch als Kind eine Menge toller Mädchen kennen, die witzig, clever und solidarisch waren. Manchmal hätte ich mir aber gewünscht, ich hätte für diese Lektion nicht erst hundert Jahre Hollywood-Geschichte durchschauen müssen. Zumal ich auch im "ernsten" Fernsehen, also den Nachrichten, nur die Geschichten von Männern sah. Meine Familie kommt ursprünglich aus Afghanistan, der Afghanistankrieg war also ständiger Begleiter meines Lebens. In den Tagesthemen wurde mir der Krieg als Kampf edler männlicher Krieger dargestellt, die die Freiheit des Westens gegen die gottlose Sowjetunion verteidigten. Leid und Mut der (afghanischen) Frauen war auch in den Nachrichten kein Thema.

Deswegen freut es mich umso mehr, dass ich heute mit meiner Tochter ganz andere Geschichten anschauen kann. Nicht unbedingt die sexy Superheldinnen, die im Minirock und mit hohen Stiefeln durch die Gräben von Verdun tänzeln, um ihre All-American-Liebhaber zu retten. Sowohl im Marvel- als auch im DC-Universum setzt man zum Teil immer noch auf das Konzept: "Eigentlich könnte dieser Held auch ein Mann sein, aber wir brauchen mehr Brüste!"

[...] Die alten Filme schauen wir übrigens trotzdem weiter. Ich hänge an den Klassikern und kann ihnen auch viel Gutes abgewinnen. Und wenn sie nur als Beispiel dafür dienen, wie weit wir es schon gebracht haben. So staunte meine Tochter nicht schlecht, als sie in Liebesgrüße aus Moskau sah, wie Sean Connery völlig ungeniert seiner Liebschaft eine Ohrfeige gibt. Als die Frau kurz darauf Sean Connery ihre Liebe gesteht, fiel meine Tochter fast vom Sofa. Meinem Mann und mir war diese Szene als Kinder nie aufgefallen. Auch im Film ist diese Form der häuslichen Gewalt nichts, was thematisiert wird. Just another day in the life of James Bond. ...


Aus: "Frauenbild im Film: Schön, unnahbar und nicht überlebensfähig"  Jasamin Ulfat-Seddiqzai (29. Januar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2021-01/frauenbild-film-kino-vorbilder-actionheldinnen-weiblichkeit-emanzipation-gleichstellung/komplettansicht

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Hirnbrei #57

Wer sich am Frauenbild in Indiana Jones stört sollte mal besser gleich einen großen Bogen um die die ganzen US-"Kultserien" der 80er Jahre machen. Da graust es streckenweise selbst mich als Mann. ...



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  Cosmologic #9

Schöner Artikel. Aber: Diese Mainstream-Popcornfilme generell zur Analyse von "Frauenfiguren" herzunehmen, greift mir viel zu kurz. Also quasi nur die eigene Beobachtung herzunehmen. Filme beginnen ja etwas vor den quietschdummen 1980ern und der Indie-Reihe. Frauen waren extrem tough schon in den PreCode-Filmen der 1930ern (mit queeren Charekteren nur so voll). Dann die propagandistischen 1940er und die verklemmten 1950er usw. mit eher dämlichen Charakteren beiden Geschlechts. ...


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violettagetyourgun #9.2

Ich liebe die Filme und die Schauspielerinnen der 30 er Jahre. In den Pre-Code Filmen, den Screwball Comedies und den großen Dramen sind sie klug, emanzipiert, tough, witzig, sexy und im Geschlechterkampf nicht auf den Mund gefallen.

Katherine Hepburn, Marlene Dietrich, Mae West, Joan Crawford, Barbara Stanwyck, Carole Lombard, Claudette Colbert, Ginger Rogers, usw.

In den 40 er Jahren im Film Noir durften sie richtig böse sein ( Der schwarze Spiegel , Der Fall Paradin )oder mutig, und dem geliebten Mann das Leben retten ( Zeuge gesucht ).

Danach wurden die interessanten weiblichen Charaktere weniger, ganz furchtbar der deutsche Film.

Schwarzwaldmädel, Sekretärinnen, Frauen, die geheiratet werden wollten oder selten dämlich durch Abenteuerfilme stolperten.

Langweilig.

Von den " neueren " Filmen interessant fand ich die Alien Reihe, Nikita, Kill Bill,
Jackie Brown, Columbianaa, Salt, da lassen Frauen es mal krachen.

Sie brechen mit den alten Sehgewohnheiten.

Dennoch, von den Hollywood Klassikern der 30 er fühle ich mich wesentlich besser und intelligenter unterhalten.


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Zeitleser_Heidelberg #10

Ellen Ripley ist smart, antizipativ und gerissen. Ellen Ripley ist sehr solidarisch. Mit ihrer Crew, später mit den Kolonisten, vor allem mit dem Mädchen Rebecca, wieder später mit der als weiblich vorgestellten Figur Call (Winona Ryder), und immer und zuletzt mit der ganzen Menschheit. ...


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herr.insekt #12

Wer aktionhelden als Vorbild nimmt, der möchte auch Dinosaurier züchten. Aber irgendwann ist man drüber hinaus. Deshalb sind auch nur äußert wenige männliche Jugendliche Indiana Jones geworden.


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amc #18

Meine erste TV Heldin war Emma Peel !! Endlich eine, die nicht in Highheels flüchtete und dabei hysterisch rumkreischte (damit der Verfolger auch immer weiss, wo genau gerade hin gestolpert wird).


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Nelya #19

Mir ging es als Mädchen auch so wie der Autorin. Abenteuer, Action - supergerne! Aber bitte keine Frauen. Erst Jahre später fiel mir auf, dass es an der furchtbaren Darstellung der Frauenfiguren lag - oft schwach / dumm / sexualisiert / nervig usw. Ist mittlerweile zwar etwas besser geworden, aber auch leider oft genug immer noch so.


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Taranis #20

Uns war klar, dass die Frauen auf der Leinwand mit uns nichts gemeinsam hatten: Und das soll bei den völlig überzeichneten Männerrollen anders sein? Völliger Quatsch, die haben mit Männern aus der Realität auch nichts gemeinsam. Vielleicht sollte man einfach aufhören seine Rollenbilder in völliger Fiktion zu suchen. Das geht nie auf.

Auch eigenartig finde ich die Beschwerde: "Eigentlich könnte dieser Held auch ein Mann sein"

Was denn nun, soll das Geschlecht irrelevant sein, dann ist es eben auch so, dass Rollen inhaltlich sowohl von Männlein als auch Weiblein gespielt werden können, oder soll man doch weiter anhand des Geschlechtes locker flockig, sexistisch unterscheiden? Für einen Standpunkt müsste man sich schon mal entscheiden.


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Paul Freiburger #20.1

Die Heldenrolle ist für die Jungs allerdings schmeichelhafter, eine Identifikationsfigur für die männlichen Zuschauer: Feinde besiegen, schöne Frau aus Not retten und gewinnen.
Natürlich ist das Illusion, nichtsdestotrotz wirksam.

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Paul Nemo #28

Bei den jungen Feministinnen hat man häufiger das Gefühl, dass sie über die Errungenschaften der Gleichberechtigung im (West)Deutschland der 1970er und 80er Jahre schlecht informiert sind, weil sie diese Zeit nicht erlebt haben. Deshalb ziehen sie alte Klischees heran, die schon nach 1968 weitgehend überholt waren. Sie versuchen medienwirksam einen Kampf zu imitieren, den ihre Mütter bereits erfolgreich ausgefochten haben ...


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Ginger_Collins #28.1

Erlebe ich genau so.
Die Frauen waren schon mal weiter.
Und auch freier.

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Nidra #38

Danke, endlich. Eine schöne, klare Zusammenfassung meiner Gedanken und Gefühle beim Filme gucken. Frauen sind nicht vorhanden, zu doof zum Geradeauslaufen und / oder völlig mit sexy sein beschäftigt. ...


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Gequirlter Quark #40

Kam echt drauf an was man sich angesehen hat

Also ich fand „ Miss Marple“ immer super. Oder Bette Davis mit Joan Crawford. Es gab auch jede Menge selbstbestimmte Frauenrollen in französischen Filmen , unabhängig von BB
Ansonsten volle Zustimmung - Diese ständig kreischenden Frauen waren unerträglich. Aber das haben wir damals schon nicht ernst genommen.



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Textaris(txt*bot)

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[Weiblichkeitskonstruktionen... ]
« Reply #63 on: February 02, 2021, 03:55:36 PM »

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[...] Der weibliche Körper ist ein beliebtes Bildmotiv. In der Werbung, in Social Media, Film und Fernsehen, in Malerei und auch in der Fotografie. Alina Sophia Schiess, 24, hat in ihrer Master-Arbeit in Kunstgeschichte die "Konstruktion und Kanonisierung von Weiblichkeit in der Fotografie nach 2000" untersucht. Ihren Master schloss sie dieses Jahr an der Ludwig-Maximilians-Universität München ab. "Die Fotografie wird in unserem Leben immer wichtiger, doch in der Kunstgeschichte geht sie als Disziplin oft unter und ist nicht stark an den Universitäten vertreten - zumindest hier in Deutschland. In den USA ist man da weiter", sagt Alina Sophia.

Für ihre Master-Arbeit untersuchte sie "unzählige" Fotografien und entwickelte fünf Konstruktionsmethoden der Weiblichkeit in der Fotografie: Enthüllung, Sexualisierung, Verkleidung, Variation und Emanzipation. Anschließend ordnete sie sieben Fotografen und deren Werk den Kategorien zu. "Wichtig ist für mich, verschiedene Blickwinkel auf Weiblichkeit nachzuvollziehen. Weiblichkeit ist nicht fix. Sie ist nicht fest definiert", sagt Alina Sophia.

Die Kategorie der "Enthüllung" beschreibt sie folgendermaßen: "Die biologisch weiblich konnotierten, sichtbaren Körpermerkmale werden fotografisch abgebildet. Dabei steht das Nacktsein im Mittelpunkt und die naturgetreue Wiedergabe der Geschlechtsorgane, wobei ich mich hier auf das rein optisch bestimmbare, binäre, körperliche Geschlecht beschränke und nicht auf die innere Geschlechtsidentität." Nachvollzogen hat sie dies anhand der Fotografie von Ralph Gibson. Für die "Sexualisierung" steht David LaChapelle. Hier werde nach Alina Sophia "die Weiblichkeit auf eine degradierende Weise mit Sexualität verknüpft und die Frau als Sexobjekt präsentiert." Für die "Emanzipation" steht Ellen von Unwerth. "Im Gegensatz zu LaChapelle wird bei Unwerth das Bild einer starken, selbstbewussten Frau, die sich ihrer Reize bewusst ist und diese geschickt einsetzt, gezeigt." Für die "Verkleidung" stehen Tim Walker und Nick Knight. Für die "Variation" stehen die Werke von Peter Lindbergh und Mari Katayama.

Am Ende ihrer Master-Arbeit zieht Alina Sophia den Schluss: Ihre Ergebnisse seien zwar umfassend, aber nicht abschließend. Und auch wenn "[...]bei jeder Konstruktion [...] gesellschaftliche Geschlechterzuschreibungen stabilisiert und festgeschrieben werden", sehe sie "große Chancen für die Fotografie, das Bild von Weiblichkeit zukunftsorientiert zu erweitern und zu prägen".


Aus: "Enthüllt oder emanzipiert?" Tabitha Nagy (23. August 2020)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/unikate-enthuellt-oder-emanzipiert-1.5007524
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