Author Topic: [Sprache, Wort, Macht und Deutung... ]  (Read 7365 times)

0 Members and 1 Guest are viewing this topic.

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Sprache, Wort, Macht und Deutung... ]
« on: August 23, 2007, 12:08:31 PM »
Quote
[...] alle Systeme, die Macht ausüben wollen, neigen dazu, Sprachen zu entwickeln, die eindeutig sind, die keinerlei Ambivalenz mehr haben. Ihre Eindeutigkeit ist aber in Wirklichkeit eine potemkinsche, sie besteht aus lauter Euphemismen, die keine Abweichungen dulden. (Urs Widmer)


Aus: "«Die Sprache hat immer recht»" (Dienstag, 21. August 2007 )
Quelle: http://www.tagblatt.ch/index.php?artikelxml=1383477

-.-

Quote
[...] Als Potjomkinsches Dorf [paˈtjɔmkɪn] (häufig auch in der Schreibweise Potemkinsches Dorf) wird etwas bezeichnet, das fein herausgeputzt wird, um den tatsächlichen, verheerenden Zustand zu verbergen. Oberflächlich wirkt es ausgearbeitet und beeindruckend, es fehlt ihm aber an Substanz.

Für den Namen stand Feldmarschall Fürst Grigori Potjomkin Pate. Einer modernen Sage zufolge ließ der Günstling (und Geliebte) der russischen Zarin Katharina II. 1787 vor dem Besuch seiner Herrscherin im neu eroberten Krimgebiet entlang der Wegstrecke Dörfer aus bemalten Kulissen zum Schein errichten, um das wahre Gesicht der Gegend zu verbergen. Diese Legende wurde von Gegnern Potjomkins am Hofe lanciert, die ihm seine gute Beziehung zu Katharina der Großen neideten. Anderen Quellen zufolge errichtete Potjomkin seine „Dörfer“ vor einer Inspektionsreise von Katharina II. an der auch ein Gesandter aus dem Kurfürstentum Sachsen namens Hellweg teilnahm. Er hielt die Dörfer für Kulissen ohne Leben.[1]

Tatsächlich war Potjomkin ein durchaus fähiger Gouverneur und Militärreformer, der letztlich viel für die Entwicklung der Krimhalbinsel getan hat.

Aus: "Potjomkinsches Dorf" (08/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Potemkinsches_Dorf

-.-

Quote
[...] Ding, Begriff und Wort sollen eindeutig zusammengehören. Das gelingt leider nicht immer, vielmehr muss man immerzu aufpassen, ob der eben verwendete Begriff das betrachtete Ding richtig erfasst, ob das eben verwendete Wort den gemeinten Begriff trifft, und sogar ob das eben betrachtete Ding überhaupt eins ist und nicht etwa einige oder gar keins. Passen die drei Ecken nicht zueinander,

    „So entstehen leicht die fundamentalsten Verwechslungen (deren die ganze Philosophie voll ist).“

    – Wittgenstein: Tractatus 3.324


Aus: "Semiotisches Dreieck" (08/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Semiotisches_Dreieck

-.-

Quote
[...] Die Sprachphilosophie ist die Disziplin der Philosophie, die sich mit dem Zusammenhang von Sprache, Bewusstsein und Realität beschäftigt. Damit ergeben sich zwei Untersuchungsfelder: die Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit und die Beziehung zwischen Sprache und Bewusstsein. Die Sprachphilosophie steht somit in engem Zusammenhang mit den benachbarten Gebieten der Erkenntnistheorie und der Philosophie des Geistes.

[...] Das Wort Bedeutung wird in der gegenwärtigen deutschen Sprache vielfältig verwendet:

   1. Bedeutung als Definition eines Begriffs; Beispiel: „Die Bedeutung dieses Wortes hat sich geändert.“

   2. Bedeutung als Übersetzung von einem Zeichensystem in ein anderes. Beispiel: „Das englische Wort ‚meaning’ bedeutet im Deutschen sowohl ‚Bedeutung’ als auch ‚Meinen’.“

   3. Bedeutung als Sinn einer Mitteilung. Beispiel: Eine Frau sagt zu ihrem Ehemann ‚Die Ampel ist rot’ und fordert ihn damit auf anzuhalten.

   4. Bedeutung als Implikation. Beispiel: „Die Beförderung bedeutete für sie einen wesentlichen Karriereschritt.“

   5. Bedeutung als Ausdruck von Betroffenheit und Bedeutsamkeit. Beispiel: „Die Bedeutung dieses Erlebnisses ist schwerwiegend.“

   6. Bedeutung als kausaler Zusammenhang. Beispiel: „Rauch bedeutet Feuer.“

   7. Bedeutung als zeichengebende Handlung. Beispiel: „Sie bedeutete ihm ihr Einverständnis“.

   8. Bedeutung als Vermutung eines Sachverhalts. Beispiel: „Die vielen Fehler bedeuten, dass er unter Stress steht.“



Aus: "Bedeutung (Sprachphilosophie)" (08/2007)
http://de.wikipedia.org/wiki/Bedeutung_%28Sprachphilosophie%29

-.-

Quote
[...] Edward Sapir und Benjamin Whorf vertreten die Theorie der sprachlichen Relativität: Sie behaupten, dass die Gedanken insofern relativ zu einer Sprache sind, dass sich gewisse Gedanken nur in bestimmten Sprachen formulieren und verstehen lassen. Sie glauben, dies unter anderem mit empirischen Studien der Sprache von Indianern und Eskimos belegen zu können. Donald Davidson vertritt dagegen die These, dass alle Menschen, insofern sie miteinander kommunizieren, über dasselbe Begriffsschema verfügen, weil ein grundsätzlich anderes Begriffsschema für uns gar nicht verständlich wäre.


Aus: "Sprachphilosophie" (08/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Sprachphilosophie#Sprachliche_Relativit.C3.A4t

-.-

Quote
[...] Die Sinnwidrigkeit - auch: Widersinn - eines Aussagesatzes bezeichnet die Beziehung, wenn seine Bedeutung weder wahr noch falsch ist oder - anders ausgedrückt -, wenn sich keine Bedingungen angeben lassen, unter denen sie wahr oder falsch sein kann.

Sinnwidrigkeit darf nicht mit Widersprüchlichkeit (d.h. in bezug auf die gleichen Bedingungen liegt ein Widerspruch der gleichen Aussage vor) verwechselt werden.

Ein Satz, der einen logischen Widerspruch ausdrückt, bedeutet einfach eine falsche Aussage; er braucht keinesfalls sinnwidrig zu sein. Ein Satz ist syntaktisch sinnwidrig, wenn die Wörter unter Verletzung syntaktischer Regeln zusammengefügt sind.

Ein Satz ist semantisch sinnwidrig, wenn er sinnlose Wörter enthält (auch semantische Sinnlosigkeit genannt), gegen die Theorie der semantischen Stufen verstößt u.a.

Sinnwidrigkeit muss ferner von Sinnleerheit unterschieden werden. Ein abstraktes ungedeutetes Zeichensystem ist nicht sinnwidrig, wohl aber sinnleer. Es erhält seinen Sinn erst durch entsprechende Interpretationen.


Aus: "Sinnwidrigkeit" (08/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Sinnwidrigkeit

-.-

Quote
[...] Zum anderen ist die Kontinuität der Sprache Möglichkeitsbedingung der Verständigung überhaupt, die stets an - in Synchronie befangene - Sprecherbewusstseine, an zu einem bestimmten Zeitpunkt intersubjektiv geteilte Sinnhorizonte und Bedeutungszuschreibungen geknüpft ist. Die Kontinuität der Sprache ist also Grundlage ihres sozialen Charakters. Eben jener soziale Charakter, also der Umstand, dass Sprecher fortwährend und gemeinsam mit Sprache umgehen aber ist es, dem sich zugleich die permanente Verwandlung der Sprache verdankt. Die Bewegung der Sprache - systemisch gesprochen: die fortwährende Neujustierung des relationalen Systems langue - ist unstillbar und unausgesetzt. Sie wird jedoch in aller Regel von den Sprechern nicht wahrgenommen. Das Wesen der Sprache ist daher - mit einem Wort des Sprachwissenschaftlers Christian Stetters - das der Fluktuanz: das einer „nicht seienden sondern beständig werdenden und insofern sich kontinuierlich verändernden Substanz.“


Aus: "Ferdinand de Saussure" (08/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_de_Saussure#Zeichen_und_Zeichensynthese

-.-

Quote
[...] Hegel entwickelt in dieser Wissenschaft von den Erscheinungsweisen des Geistes das Emporsteigen des Geistes von der einfachen, naiven Wahrnehmung über das Bewusstsein, das Selbstbewusstsein, die Vernunft, Geist und Geschichte, die Offenbarung bis hin zum absoluten Wissen des Weltgeistes.


Aus: "Phänomenologie des Geistes" (08/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie_des_Geistes

-.-

Quote
[...] Mit der von Kant entscheidend beförderten Einsicht in die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit stellte sich für die Hermeneutik seit dem 19. Jahrhundert u.a. das Problem der Epochengebundenheit menschlichen Denkens und Verstehens. Als einflussreichster Vertreter der philosophischen Hermeneutik im 20. Jahrhundert hat Gadamer diese Bedingtheit positiv gewendet und das Verstehen in den Zusammenhang eines prinzipiell nicht zu beendenden Gesprächs über die Deutung wichtiger Zeugnisse der geschichtlichen und kulturellen Überlieferung gerückt.

[...] Auf Dilthey aufbauend, hat Heidegger die Hermeneutik noch einmal zusätzlich mit Bedeutung aufgeladen, indem er sie – weniger in seinem Hauptwerk Sein und Zeit als in seinen Vorlesungen der frühen 20er Jahre – als Grundlage menschlicher Daseinssorge und Daseinsbewältigung begreiflich zu machen suchte. Sein Verstehenskonzept setzt längst vor geisteswissenschaftlicher Erkenntnissuche an und bildet als ein Sich-auf-etwas-Verstehen im Lebensalltag die unabdingbare Voraussetzung allen praktischen Könnens.


Aus: "Hermeneutik" (08/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Hermeneutik

« Last Edit: January 27, 2015, 02:07:31 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Begriffsbildung... (Notiz)]
« Reply #1 on: August 23, 2007, 11:11:34 PM »
Quote
[...] Unter Begriffsbildung versteht man das Nachvollziehen und Erzeugen von Begriffen, denen immer der Prozess des Abstrahierens vorausgeht.

[...] „Der Begriff ist das Werkzeug, mit dem wir die Wirklichkeit deuten.“, heißt es bei Aebli (1994, 83) lapidar.

Leistungen des begrifflichen Denkens seien (Aebli 1994, 84):

    * Distanzierung von der Situation
    * Isolierung der in ihr enthaltenen Elemente und Beziehungen
    * reine, durchsichtige Fassung der Struktur („Ordnung“)
    * Abgrenzung derselben aus dem Kontext, bei gleichzeitiger Klärung der Beziehungen zu diesem

Neben diesen Leistungen haben Begriffe, laut Aebli, aber noch weitere Funktionen: Sie haben, im Gegensatz zum Handeln, keinen unmittelbaren Nutzen, und sollen statt dessen „dem erkennenden Geist ein Stück Wirklichkeit fassbar machen“. „Das Anliegen ist dasjenige der Transparenz und der Konsistenz der Darstellung.“ (Aebli, 1994, 84) Begriffe sind „Reinigungen“, Abstraktionen von der konkreten Realität. Sie bilden eine Struktur ab, deren wesentliches Merkmal es ist, unzeitlich, zeitlos oder überzeitlich zu sein. Selbst aus Vorgängen werden, bilden sie sich in Begriffen ab, „quasi-dingliche Gegebenheiten“. (Aebli 1994, 84f.)

[...] Aebli definiert die (Aufgabe der) Begriffsbildung folgendermaßen: „... ein Gefüge von Beziehungen innerhalb von Handlungen, von sachlichen Gegebenheiten oder irgendwelcher anderer Aspekte der Wirklichkeit zu objektivieren, d.h. in eine quasi-gegenständliche Form zu überführen.“ (Aebli 1993, 23)

Weiter zeigt Aebli, dass sich ein Begriff aus einzelnen Elementen zusammensetzt, die er als Rollen oder Aktanten bezeichnet (Aebli, 1993, 111ff.). Diese werden im Zuge der Begriffsbildung aus bereits erkannten Elementen zusammengezogen und in ein neues Schema gebracht.

Dies lässt sich recht einfach nachvollziehen: Habe ich die Vorstellung von verschiedenen Blumen, einer Schnur, einem Geschenk, usw., kann ich daraus einen Begriff „Schenken eines Blumenstraußes“ zusammenziehen. Abstrahiert wird von biologischen und wirtschaftlichen Aspekten, die zwar beim Überbringen des Blumenstraußes durchaus eine Rolle spielen mögen, aber nicht zum Begriff selber gehören. Begriffe koordinieren so z.B. Handlungen im Voraus und haben deshalb einen engen Bezug zur Planungsfähigkeit und zur Problemlösung. Sie lassen sich aber auch rasch situativ übertragen, je nachdem, ob der Strauß der Chefin, der Freundin oder der Mutter geschenkt werden soll und zu welchem Anlass dies geschieht. Diese Konkretisierung der Begriffsbildung aus einem abstrakteren Begriff führt dann z.B. zu dem neuen Begriff „der Chefin einen Blumenstraußes schenken anlässlich des Versterbens ihres Mannes“.

Wesentliche Aspekte der Begriffsbildung sind also:

    * Auswählen der relevanten Elemente
    * Abstrahieren der Elemente von anderen Wirklichkeitsbezügen (es ist z.B. gleich, ob der verstorbene Mann der Chefin einem gefiel oder nicht)
    * Koordinieren der Elemente


[...] Um psychische Begriffsbildungen genauer fassen zu können, sollte man von einigen Hypothesen ausgehen, die zum einen einen möglichen Theorieentwurf betreffen, zum anderen mögliche Forschungsprojekte:

    * Begriffe sind nicht rein symbolisch. Sie umfassen auch andere wenig flüchtige kognitive Elemente.
    * Begriffe sind Ordnungsleistungen im Denken, die emotional und situativ sehr unterschiedlich gefasst und angewendet werden.
    * Begriffe sind ordnende Projektionen, die die wahrnehmbare Wirklichkeit auf das Maß vereinfachen, dass Handlungsfähigkeit gegeben ist.
    * Schärfe ist kein Gütesiegel des Begriffs, es sei denn in der Wissenschaft. Demnach sind Klärungen, Abstraktionen und Reinigungen auch nicht die wesentlichen Operationen der Begriffsbildung und – denkt man diese weiter - auch nicht die wesentlichen Ziele eines begriffsbildenden Unterrichts.

-.-

[...] Statt Begriffsbildung betreibt Adorno eine Begriffsdemontage. Begriffe gehen nicht in den Sachen auf. In der Kritik der Begriffe sei auf das Unbegriffliche zu zielen. Die Einbindung der Begriffe in die Argumente und den Ausdruck gehe über diese ebenso hinaus. Die zirkuläre Bewegung entspreche der Konstellation von Begriffen und der Demontage ihres Identitätszwanges ebenso, wie der Demontage des logischen Zwangscharakters. Ihre philosophische Form ist das Modell, bzw. der Essay, die Einsicht in Wirkliches will, über die Logik der Dialektik verbindlich bleibt, durch das Spiel die Freiheit des Ausdruckswillens achtet.


Aus: "Begriffsbildung" (08/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Begriffsbildung

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Sprache und Geistesraum... (Notiz, Jaynes)]
« Reply #2 on: August 29, 2007, 11:21:58 AM »
Quote
[...] Die Metapher (griechisch μεταφορά - „Übertragung“, von metà phérein - „anderswohin tragen“) ist eine rhetorische Figur, bei der ein Wort nicht in seiner wörtlichen, sondern in einer übertragenen Bedeutung gebraucht wird, und zwar so, dass zwischen der wörtlich bezeichneten Sache und der übertragen gemeinten eine Beziehung der Ähnlichkeit besteht.

[...] Kühne Metaphern - verknüpfen zwei Wirklichkeitsbereiche miteinander, die herkömmlich als unvereinbar angesehen werden, z. B. sexuelle Metaphorik in mystisch-religiöser Dichtung, oder computertechnische Metaphorik in moderner Liebeslyrik.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Metapher (08/2007)

-.-

Quote
[...] Jaynes glaubt, dass die Grundlage des Bewusstseins die Sprache ist und genauer gesagt die Fähigkeit, über Metaphern die Sprache wachsen zu lassen. Eine neue Metapher kann nicht nur subjektiv den Gegenstand, der damit beleuchtet wird, erhellen, sondern sogar neue Konzepte schaffen. Jaynes nennt in Analogie zur Mathematik den Gegenstand, über den etwas gesagt wird, Metaphrand und den Ausdruck, der die Sprache erweitert, Metaphier. Die Assoziationen, die die Metaphiers mit sich bringen nennt er Paraphiers und die führen zu neuen Konzepten, den Paraphranden. Die räumliche Qualität der Außenwelt wird als Ergebnis der Sprache, die sie beschreibt, durch ständige Wiederholung zu einem "Geistesraum" (mind-space), der die erste grundlegende Eigenschaft des Bewusstseins darstellt. Die zweite Eigenschaft ist das analoge 'Ich' (in dem Jaynes einen Verwandten von Kants Transzendentalen Ich sieht), das entsteht, um das mentale Sehen im Geistesraum zu übernehmen. Dieses analoge Ich ist nicht zu verwechseln mit dem "Selbst", das erst später entsteht. Es ist ohne Inhalt.

Weitere Eigenschaften des Bewusstseins sind unter anderem die Fähigkeit der Narratisation (analoge Simulation von tatsächlichen Verhalten), Konzentration (die analoge Entsprechung von wahrnehmender Aufmerksamkeit) und Consilience (die analoge Entsprechung von wahrnehmender Assimilation).

Für sehr viele Phänomene des tierischen (oder vorbewussten) Lebens existieren nach Jaynes also analoge Entsprechungen. Das Bewusstsein nimmt darum in gewissem Sinne Verdoppelungen von Zuständen vor, aus Scham wird Schuld, aus Furcht Angst, aus Wut Hass.

[...] 1984 trug Jaynes seine Thesen auf einem Wittgenstein-Symposium vor, in der Annahme dort auf Geistesverwandte zu treffen. (Wittgenstein zum Beispiel fragt ironisch, ob ein Hund zu ehrlich sei, weil er nicht heuchelt.)


Aus: "Julian Jaynes (Bikamerale Psyche)" (08/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bikamerale_Psyche


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Vorläufiges Endergebnis... (Notizen)]
« Reply #3 on: September 02, 2007, 08:59:17 PM »
Quote
[...]  

Contradictio in adjecto:

    * Vorläufiges Endergebnis
    * Falscher Beweis
    * Exakte Schätzung
    * Variation der Konstanten (Gewöhnliche Differentialgleichung)
    * Individueller Standard
    * Virtuelle Realität
    * Nachträgliche Vorauszahlung (Geschätzte Forderung des Finanzamtes)
    * Vegetarisches Schnitzel



Oxymora:

    * Hassliebe
    * Offenes Geheimnis («Offenbar Geheimnis», Goethe, West-östlicher Divan)
    * Stummer Schrei
    * «Sachliche Romanze» (von Erich Kästner)
    * Eile mit Weile
    * "Diese Fülle hat mich arm gemacht“ (Übersetzung: "inopem me copia fecit" aus Ovid, Metamorphosen III, V. 466)
    * Unsichtbar sichtbar (Faust I V. 3450)
    * ausversehen absichtlich (aus Bones - Die Knochenjägerin, 2.01 - Ein Toter auf den Gleisen)
    * schwarze Milch (aus dem Gedicht "Todesfuge" von Paul Celan)
    * Schwarze Sonne
    * Krieg ist Frieden (George Orwell, 1984)
    * Freiheit ist Sklaverei (George Orwell, 1984)


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Oxymoron (09/2007)
« Last Edit: February 11, 2017, 01:32:50 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline lemonhorse

  • Administrator
  • Full Member
  • *****
  • Posts: 185
[Eristische Dialektik... (Notiz)]
« Reply #4 on: September 12, 2007, 12:11:52 PM »
Quote
[...] Als Eristik gilt die Lehre vom Streitgespräch und die Kunst der Widerlegung in einer Diskussion oder Debatte.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Eristik (09/2007)

-.-

Quote
[...] Eristische Dialektik ist der Titel eines Textes von Arthur Schopenhauer mit dem Untertitel Die Kunst, Recht zu behalten. Das Werk stammt aus dem Nachlass Schopenhauers (Arthur Hübscher datiert die Schrift auf 1830/31) mit einer Abhandlung zur Eristischen Dialektik und 38 sogenannten Kunstgriffen. In der Arbeit werden die seit der Antike verwendeten philosophischen Grundbegriffe Eristik (Lehre vom Streitgespräch) und Dialektik (Kunst der Unterredung) angesprochen.

[...] Schopenhauer hat die eristische Dialektik zwar geschrieben (Untertitel: Die Kunst Recht zu behalten), jedoch selbst nie veröffentlicht. Sie wurde erst im Nachlassband 1864 zusammen mit anderem Material von Julius Frauenstädt publiziert. Die dort beschriebenen 38 Kunstgriffe (eigentlich „rhetorische Tricks“ mit einigen Beispielen) sind erweiternd hinzugefügt. Sie sollen den Redner dazu befähigen, selbst dann Recht zu behalten, wenn er die Unwahrheit sagt, sie aber als Wahrheit behauptet.

[...] Die Basis aller Dialektik ist, zuvor zu betrachten, was eigentlich das Wesentliche ist in einer Auseinandersetzung, was eigentlich dabei vorgeht. Dazu gibt es zweierlei Modi:

   1. ad rem (zur Sache), d.h. wir zeigen entweder, dass der Satz nicht übereinstimmt mit der Natur der Dinge, der objektiven Wahrheit oder
   2. ad hominem (zum Menschlichen) oder ex concessis, d.h. wir zeigen das Falsche in der weiteren Ausführung auf, also in den weiteren Behauptungen (und somit auch in den Schlussfolgerungen).




Aus: "Eristische Dialektik" (09/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Eristische_Dialektik

-.-

Quote
[...] Die Kunstgriffe des deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860) sind rhetorische Tricks, die den Leser befähigen sollen, in einer Rede, einer Diskussion oder Debatte per fas et nefas (im Fall, dass man Recht hat ebenso wie im Fall dass man nicht Recht hat) zu bestehen. Die Kunstgriffe wurden von Schopenhauer in 38 Abschnitte gegliedert und durchnummeriert. In jedem Abschnitt wird ein Kunstgriff ggf. zusammen mit Beispielen und jeweils einer Kurzfassung dargestellt.

[...]  

Kunstgriff 1 (Erweiterung)

Die Behauptung des Gegners über ihre natürliche Grenze hinausführen, sie möglichst allgemein deuten, in möglichst weitem Sinne nehmen und sie übertreiben; seine eigene dagegen in möglichst eingeschränktem Sinne, in möglichst enge Grenzen zusammenziehen: denn je allgemeiner eine Behauptung wird, desto mehreren Angriffen ist sie ausgesetzt. Das Gegenmittel ist die genaue Aufstellung des puncti oder status controversiae.

    * Kurz: Behauptung des Gegners übermäßig weit interpretieren, eigene Behauptung eng. Gegenmittel: Genaue Aufstellung des Streitpunktes.



Kunstgriff 2 (Homonymie)

Homonymie benutzen, um die vom Gegner aufgestellte Behauptung übermäßig auf das auszudehnen, was außer dem Wort nichts mit der Sache gemein hat; dies dann „lukulent“ (meint: lichtvoll, klar) widerlegen und sich das Ansehen geben, man habe die Sache widerlegt. A. Sie sind noch nicht eingeweiht in die Mysterien der Kantischen Philosophie. B. Ach, wo Mysterien sind, davon will ich nichts wissen.

Anmerkung: Synonyma sind zwei Worte für denselben Begriff: – Homonyma sind zwei Begriffe, die durch dasselbe Wort bezeichnet werden (siehe Aristoteles). Tief, Schneidend, Hoch, bald von Körpern bald von Tönen gebraucht sind Homonyma. Ehrlich und Redlich Synonyma.

Man kann diesen Kunstgriff als identisch mit dem Sophisma ex homonymia betrachten: jedoch das offenbare Sophisma der Homonymie wird nicht im Ernst täuschen.

    * Omne lumen potest extingui
    * Intellectus est lumen
    * Intellectus potest estingui
          o Alles Licht kann ausgelöscht werden
          o Der Verstand ist ein Licht
          o Der Verstand kann ausgelöscht werden

Hier merkt man gleich, dass vier termini sind: Licht (lumen) eigentlich und Licht (lumen) bildlich verstanden. Aber bei feinen Fällen täuscht es allerdings, besonders, wenn die Begriffe, die durch denselben Ausdruck bezeichnet werden, verwandt sind und in einander übergehn.

    * Kurz: Die vom Gegner aufgestellte Behauptung übermäßig auf das ausdehnen, was außer dem Wort nichts mit der Sache gemein hat; dies dann widerlegen und sich selbst den Anschein geben, als habe man die Sache widerlegt.


Kunstgriff 3 (Behauptung als absolut nehmen)

Die Behauptung des Gegners, welche nur beziehungsweise und relativ aufgestellt ist, so nehmen, als sei sie allgemein und absolut aufgestellt oder wenigstens sie in einer ganz anderen Beziehung auffassen als vom Gegner gemeint, um sie dann in diesem Sinn zu widerlegen. Des Aristoteles Beispiel ist: der Mohr ist schwarz, hinsichtlich der Zähne aber weiß; also ist er schwarz und nicht schwarz zugleich. – Das ist ein ersonnenes Beispiel, das niemand im Ernst täuschen wird.

Die ersten drei Kunstgriffe sind verwandt: sie haben dies gemein: dass der Gegner eigentlich von etwas anderem redet als aufgestellt worden; man beginge also eine ignoratio elenchi (frei übersetzt: eine Fehlerquelle übersehen), wenn man sich dadurch abfertigen ließe. – Denn in allen aufgestellten Beispielen ist, was der Gegner sagt, wahr: es steht aber nicht in wirklichem Widerspruch mit der These, sondern nur in scheinbarem; also negiert der von ihm Angegriffene die Konsequenz seines Schlusses: nämlich den Schluss von der Wahrheit seines Satzes auf die Falschheit des unsrigen. Es ist also die direkte Widerlegung seiner Widerlegung per negationem consequentiae (Konsequenz leugnen).

    * Kurz: Relative Behauptung absolut oder in sonst einem anderen Sinne nehmen und dann widerlegen; wahre Prämissen nicht zugeben, weil man die Konsequenz vorhersieht.


Kunstgriff 4 (Spiel verdecken)

Wenn man einen Schluss machen will, so lasse man denselben nicht vorhersehn, sondern lasse sich möglichst unbemerkt die Prämissen einzeln und zerstreut im Gespräch zugeben, sonst wird der Gegner allerhand Schikanen versuchen. Oder, wenn zweifelhaft ist, dass der Gegner sie zugebe, so stelle man die Prämissen dieser Prämissen auf, mache Prosyllogismen, lasse sich die Prämissen mehrerer solcher Prosyllogismen ohne Ordnung durcheinander zugeben, sein Spiel verdecken, bis alles zugestanden ist, was man braucht. Führe also die Sache von Weitem herbei.

    * Kurz: Sein Verfahren tarnen: Prämissen unsystematisch einstreuen, Prosyllogismen machen, bis alles zugestanden ist, dann erst die Konsequenz ziehen.



Kunstgriff 5 (falsche Vordersätze gebrauchen)

Man kann zum Beweis seines Satzes auch falsche Vordersätze gebrauchen, wenn nämlich der Gegner die wahren nicht zugeben würde, entweder weil er ihre Wahrheit nicht einsieht, oder weil er sieht, dass die These sogleich daraus folgen würde: dann nehme man Sätze, die an sich falsch, aber ad hominem wahr sind, und argumentiere aus der Denkungsart des Gegners ex concessis. Denn das Wahre kann auch aus falschen Prämissen folgen: wiewohl nie das Falsche aus wahren. Ebenso kann man falsche Sätze des Gegners durch andere falsche Sätze widerlegen, die er aber für wahr hält: denn man hat es mit ihm zu tun und muss seine Denkungsart gebrauchen. Wenn er z.B. Anhänger irgend einer Sekte ist, der wir nicht zustimmen, so können wir gegen ihn die Aussprüche dieser Sekte als principia gebrauchen.

    * Kurz: Unbekümmert auch falsche Vordersätze nehmen, wenn der Gegner die wahren nicht einsieht, die falschen aber akzeptiert (d.h. wenn diese ad hominem wahr sind). Denn das Wahre kann auch aus falschen Prämissen folgen.


Kunstgriff 6 (versteckte petitio principii)

Man macht eine versteckte petitio principii (z.B. eine Hypothese mit einer weiteren Hypothese zu begründen), indem man das, was man zu beweisen hätte, postuliert (bezeichnet/anfordert), entweder:

   1. unter einem anderen Namen, z.B: statt Ehre: guter Name, statt Jungfernschaft: Tugend usw., auch Wechselbegriffe: rotblütige Tiere, statt Wirbeltiere
   2. oder, was im Einzelnen zwar streitig ist, im Allgemeinen sich aber behaupten lässt, z.B. die Unsicherheit der Medizin behauptet, die Unsicherheit allen menschlichen Wissens jedoch postuliert
   3. Wenn vice versa zwei auseinander folgen und das eine zu beweisen ist: man postuliere das jeweils andere
   4. Wenn das Allgemeine zu beweisen wäre und man sich jedes einzeln zugeben lässt.

    * Kurz: Versteckte petitio principii machen, indem man das, was man zu beweisen hätte, bewusst anders bezeichnet und vom Gegner anfordert.


Kunstgriff 7 (viel auf einmal fragen)

Wenn die Disputation etwas streng und formell geführt wird und man sich recht deutlich verständigen will so verfährt der, welcher die Behauptung aufgestellt hat und sie beweisen soll, gegen seinen Gegner fragend, um aus seinen eignen Zugeständnissen die Wahrheit der Behauptung zu schließen. Diese erotematische Methode war besonders bei den Alten im Gebrauch (heißt auch Sokratische Methode): auf dieselbe bezieht sich der gegenwärtige Kunstgriff und einige später folgende.

    * Kurz: Viel auf ein Mal und weitläufig fragen, um das, was man eigentlich zugestanden haben will, zu verbergen. Dagegen seine eigene Argumentation aus dem Zugestandenen möglichst schnell vortragen: denn die langsam von Verständnis sind, können nicht genau folgen und übersehen die etwaigen Fehler oder Lücken in der Beweisführung.



Kunstgriff 8 (den Gegner zum Zorn reizen)

Den Gegner zum Zorn reizen, denn dann kann er nicht mehr richtig urteilen und seinen Vorteil wahrnehmen. Man bringt ihn in Zorn, indem man ihm unverhohlen Unrecht tut, ihn schikaniert und überhaupt unverschämt ist.

    * Merke: Denke schnell, rede langsam, zürne nie



Kunstgriff 9 (durch kunterbunte Fragen verwirren)

Fragen nicht in der Ordnung tun, die der daraus zu ziehende Schluss erfordert, sondern in allerhand Versetzungen (kunterbunt). Dann kann man die Antworten je nachdem, wie sie ausfallen, zu verschiedenen, sogar entgegengesetzten Schlüssen benutzen (dem Kunstgriff 4 verwandt).

    * Kurz: Fragen nicht in der Ordnung sondern kunterbunt stellen und damit durch Redeschwall den Gegner verwirren (hängt allerdings von der Qualität des Gegners ab)



Kunstgriff 10 (das Gegenteil des Satzes fragen)

Wenn man merkt, dass der Gegner die Fragen, deren Bejahung für unsern Satz zu gebrauchen wäre, absichtlich verneint, so muss man das Gegenteil des zu gebrauchenden Satzes fragen, als wollte man das bejaht wissen, oder wenigstens ihm beides zur Wahl vorlegen, so dass er nicht merkt, welchen Satz man bejaht haben will.

    * Kurz: Tarnen, welchen Satz man bejaht haben will, z.B. indem man suggeriert, man wolle etwas anderes bejaht haben.



Kunstgriff 11 (Schlussfolgerung nicht abfragen)

Machen wir eine Induktion, und er gesteht uns die einzelnen Fälle zu, durch die sie aufgestellt werden soll, so müssen wir ihn nicht fragen, ob er auch die aus diesen Fällen hervorgehende allgemeine Wahrheit (Konklusion oder Stringenz) zugebe, sondern sie nachher als ausgemacht und zugestanden einführen: denn bisweilen wird er dann selbst glauben, sie zugegeben zu haben, und auch den Zuhörern wird es so vorkommen, weil sie sich der vielen Fragen nach den einzelnen Fällen erinnern, die denn doch zum Zweck geführt haben müssen.

    * Kurz: Wenn der Gegner Einzelfälle zugesteht, nicht ausdrücklich nachfragen, ob er damit auch den Schluss daraus zugibt, sondern so tun, als sei der Schluss damit zugegeben, dann wird es ihm und den Zuhörern so vorkommen, als habe er tatsächlich allem zugestimmt.



Kunstgriff 12 (Benennungen gehässig umkehren)

Ist die Rede über einen allgemeinen Begriff, der keinen eigenen Namen hat, sondern tropisch durch ein Gleichnis bezeichnet werden muss, so müssen wir das Gleichnis gleich so wählen, dass es für unsere Behauptung günstig ist. So sind z.B. in Spanien die Namen, wodurch die beiden politischen Parteien bezeichnet werden, «serviles» und «liberales» gewiss von letzteren gewählt. Der Name «Protestanten» ist von diesen gewählt, auch der Name «Evangelisch»: der Name «Ketzer» jedoch von den Katholiken.

Hat der Gegner z.B. irgendeine «Veränderung» vorgeschlagen, so nenne man sie gleich «Neuerung», denn dieses Wort ist gehässig; natürlich umgekehrt: wenn man selbst der Vorschlagende ist. – Was ein ganz Absichtsloser und Unparteiischer etwa «Kultus» oder «öffentliche Glaubenslehre» nennen würde, das nennt einer, der für sie sprechen will, «Frömmigkeit», «Gottseligkeit» und ein Gegner desselben «Bigotterie» oder Superstition. Im Grunde ist dies eine feine petitio principii. Was man erst darlegen will, legt man bereits im Voraus in das Wort, in die «Benennung», aus welcher es dann schlussendlich durch ein bloß analytisches Urteil hervorgeht. Was der eine «sich seiner Person versichern», «in Gewahrsam bringen» nennt, nennt sein Gegner «Einsperren». – Ein Redner verrät oft schon im Voraus seine Absicht durch die Namen, die er den Sachen gibt. – Unter allen Kunstgriffen wird dieser am häufigsten gebraucht, schon rein instinktmäßig und aus der menschlichen Schlechtigkeit.

Weitere Beispiele:

   1. die Geistlichkeit != die Pfaffen.
   2. Glaubenseifer != Fanatismus
   3. Fehltritt oder Galanterie != Ehebruch
   4. Äquivoken != Zoten
   5. Dérangiert != Bankerott
   6. Durch Einfluss und Konnexion != durch Bestechung und Nepotismus
   7. Aufrichtige Erkenntlichkeit != gute Bezahlung

    * Kurz: Andere Metaphern, bildhafte Ausdrücke, Etikettierungen verwenden, die die Benennung (oft gehässig) umkehren und die (als feine petitio principii) schon das suggerieren, was erst bewiesen werden soll. Schon instinktmäßig am häufigsten gebraucht!



Kunstgriff 13 (Gegenteil grell darstellen)

Um zu erreichen, dass der Gegner einen Satz annimmt, müssen wir das Gegenteil dazu geben und ihm die Wahl lassen und dieses Gegenteil recht grell ausmalen, so dass er, um nicht paradox zu sein, auf unsern Satz eingehen muss, der ganz probabel dagegen aussieht. Er soll z.B. zugeben, dass einer alles tun muss, was ihm sein Vater sagt, so fragen wir: «Soll man in allen Dingen den Eltern ungehorsam oder gehorsam sein?» – Oder wird von irgendeiner Sache gesagt «Oft», so fragen wir, ob unter «oft» wenige oder viele Fälle verstanden werden sollen: er wird sagen «viele». Es ist wie wenn man Grau neben Schwarz legt, so kann es weiß heißen, und legt man Grau neben Weiß, so kann es schwarz heißen.

    * Kurz: Das Gegenteil recht grell darstellen, um den Gegner zu zwingen, auf unseren Satz einzugehen: Aufspaltung eines Kontinuums in eine Dichotomie, die das Gegenteil des von uns gewünschten Satzes recht zugespitzt und grell erscheinen lässt.



Kunstgriff 14 (triumphierend aufschreien)

Ein unverschämter Streich ist es, wenn man nach mehreren Fragen, die der Gegner beantwortet hat, ohne dass die Antworten zu Gunsten des Schlusses, den wir beabsichtigen, ausgefallen wären, nun den Schlusssatz, den man dadurch herbeiführen will, obgleich er gar nicht daraus folgt, dennoch als dadurch bewiesen aufstellt und triumphierend aufschreit. Wenn der Gegner schüchtern oder dumm ist, und man selbst viel Unverschämtheit und eine gute Stimme hat, so kann das recht gut gelingen. Gehört zur fallacia non causae ut causae (Täuschung durch Annahme des Nicht-Grundes als Grund).

    * Kurz: Triumphierend aufschreien, als ob der Schluss bewiesen wäre, selbst wenn er nicht bewiesen wurde. Wenn der Gegner schüchtern oder dumm ist und man selbst viel Unverschämtheit und eine gute Stimme hat, so kann das recht gut gelingen.



Kunstgriff 15 (einen nicht ganz handgreiflichen Satz vorlegen)

Wenn wir einen paradoxen Satz aufgestellt haben, um dessen Beweis wir verlegen sind, so legen wir dem Gegner irgend einen richtigen, aber doch nicht ganz handgreiflichen Satz zur Annahme oder Verwerfung vor, so als wollten wir daraus den Beweis schöpfen: verwirft er ihn aus Argwohn, so führen wir ihn ad absurdum und triumphieren; nimmt er ihn aber an, so haben wir vor der Hand etwas Vernünftiges gesagt, und müssen nun weiter sehen. Oder wir fügen den vorhergehenden Kunstgriff hinzu und behaupten nun, daraus sei unser Paradoxon bewiesen. Hierzu gehört die äußerste Unverschämtheit, aber es kommt in der Erfahrung vor. Und es gibt Leute, die dies alles instinktmäßig ausüben.

    * Kurz: Merkt man, dass man für eine Behauptung keinen Beweis hat, so legt man dem Gegner irgend einen richtigen, aber doch nicht ganz handgreiflichen Satz vor. Lehnt er ihn ab, so führen wir ihn ad absurdum und triumphieren. Nimmt er ihn aber an, so kann das als Beweis für den anfangs formulierten Satz ausgelegt werden.



Kunstgriff 16 (Schikane herausklauben)

Argumentum ad hominem oder ex concessis: Bei einer Behauptung des Gegners müssen wir suchen, ob sie nicht etwa irgendwie, nötigenfalls auch nur scheinbar, im Widerspruch steht mit irgend etwas anderem, was er früher gesagt oder zugegeben hat, oder mit den Satzungen einer Schule oder Sekte, die er gelobt und gebilligt hat, oder auch nur mit dem Tun der Anhänger dieser Sekte, auch nur der unechten und scheinbaren Anhänger, oder mit seinem eigenen Tun und Lassen. Verteidigt er z.B. den Selbstmord, so schreie man gleich «warum hängst du dich nicht auf ?» Oder er behauptet z.B. Berlin sei ein unangenehmer Aufenthalt: gleich schreit man «warum fährst du nicht gleich mit der ersten Schnellpost ab ?» Es wird sich doch irgendwie eine Schikane herausklauben lassen.

    * Kurz: Prüfen, ob die Behauptung des Gegners mit etwas im Widerspruch steht, was er früher gesagt oder zugegeben hat oder mit den Satzungen einer von ihm vertretenen Schule oder Sekte usw. zu tun hat. Es wird sich doch irgend eine Schikane herausklauben lassen.




Kunstgriff 17 (feine Unterscheidung)

Wenn der Gegner uns durch einen Gegenbeweis bedrängt, so werden wir uns oft retten können durch eine feine Unterscheidung, an die wir früher freilich nicht gedacht hatten, wenn die Sache irgend eine doppelte Bedeutung oder einen doppelten Fall zulässt.

    * Beispiel: Die Begriffe des Gegners von Anfang an schnell notieren und später differenzieren und wieder aufgreifen, um dann damit zur rechten Zeit anzugreifen (Nur der Dumme sagt zu jeder Zeit Dinge, die andere nur zur rechten Zeit sagen).



Kunstgriff 18 (Disputation unterbrechen)

Merken wir, dass der Gegner eine Argumentation ergriffen hat, mit der er uns schlagen wird, so dürfen wir es nicht bis dahin kommen lassen, ihn eine solche nicht zu Ende führen lassen, sondern sollten beizeiten den Gang der Disputation unterbrechen, abspringen oder ablenken, und auf andere Sätze führen: kurz eine mutatio controversiae zu Wege bringen (siehe hierzu Kunstgriff 29).

    * Kurz: Wenn wir merken, dass der Gegner uns schlagen wird, die Disputation unterbrechen, abspringen, ablenken, auf andere Sätze führen.



Kunstgriff 19 (Argumente ins Allgemeine spielen)

Fordert der Gegner uns ausdrücklich auf, gegen irgendeinen bestimmten Punkt seiner Behauptung etwas vorzubringen, wir haben aber nichts rechtes, so müssen wir die Sache recht ins Allgemeine spielen und dann gegen dieses reden. Sollten wir z.B. zugestehen, warum einer bestimmten physikalischen Hypothese nicht zu trauen ist, so reden wir über die «Trüglichkeit des menschlichen Wissens» und erläutern sie anhand von allen möglichen Behauptungen des sogenannten allgemeinen Wissens.

    * braucht keine weitere Erläuterung



Kunstgriff 20 (den Schluss selber ziehen)

Wenn wir dem Gegner die Vordersätze abgefragt haben und er sie zugegeben hat, so sollten wir den Schluss daraus nicht etwa auch noch abfragen, sondern geradezu selbst ziehen. Ja sogar wenn von den Vordersätzen noch der eine oder der andere fehlt, so nehmen wir ihn doch als gleichfalls eingeräumt an und ziehen selber den Schluss daraus (welches dann eine Anwendung der fallacia non causae ut causae ist).

    * braucht keine weitere Erklärung



Kunstgriff 21 (immer ein Argumentum ad hominem zurückgeben)

Bei einem bloß scheinbaren oder sophistischen Argument des Gegners, welches wir durchschauen, könnten wir es zwar auflösen durch die Auseinandersetzung seiner Verfänglichkeit und seiner Scheinbarkeit, allein, es ist besser, ihm mit einem ebenso scheinbaren und sophistischen Gegenargument zu begegnen und ihn so abzufertigen. Denn es kommt ja nicht auf die Wahrheit sondern nur auf den Sieg vor dem Publikum (Auditorium) an. Gibt er z.B. ein argumentum ad hominem, so ist es hinreichend, es durch ein Gegenargument ad hominem (ex concessis) zu entkräften. Und überhaupt ist es kürzer, anstatt eine lange Auseinandersetzung über die wahre Beschaffenheit der Sache zu führen, ein argumentum ad hominem zu geben, wenn es sich irgendwie darbietet.

    * Kurz: Sophismen mit Sophismen beantworten, Argumentum ad hominem immer mit Gegenargumenten ad hominem beantworten, überhaupt ist es besser, immer mit einem argumentum ad hominem zu antworten: das spart meist argumentativen Aufwand.



Kunstgriff 22 (Argument als Satz vom zureichenden Grund ausgeben)

Fordert der Gegner, dass wir etwas zugeben, woraus das in Streit stehende Problem unmittelbar folgen würde, so lehnen wir es ab, indem wir es für eine petitio principii (hier: Satz vom zureichenden Grund) ausgeben (meint: Die Begründung ist völlig ausreichend), denn er und die Zuhörer werden einen dem Problem nahe verwandten Satz leicht als mit dem Problem identisch ansehen: und so entziehen wir ihm sein bestes Argument.

    * braucht keine weitere Erklärung



Kunstgriff 23 (den Gegner zur Übertreibung reizen)

Der Widerspruch und der Streit reizt zur Übertreibung der Behauptung. Wir können also den Gegner durch Widerspruch reizen, eine an sich und in gehöriger Einschränkung allenfalls wahre Behauptung über die Wahrheit hinaus zu steigern. Und wenn wir nun diese Übertreibung widerlegt haben, so sieht es so aus, als hätten wir auch seinen ursprünglichen Satz widerlegt. Dagegen haben wir selbst uns zu hüten, uns nicht durch Widerspruch zur Übertreibung oder weiteren Ausdehnung unseres Satzes verleiten zu lassen. Oft auch wird der Gegner selbst unmittelbar versuchen, unsre Behauptung weiter auszudehnen, als wir sie gestellt haben: dem müssen wir dann gleich Einhalt gebieten und ihn auf die Grenzlinie unsrer Behauptung zurückführen mit z.B. «so viel habe ich gesagt und nicht mehr».

    * Kurz: Den Gegner durch Widerspruch und Streit zur Übertreibung reizen und dann die Übertreibung widerlegen. – Will uns der Gegner jedoch zur Übertreibung reizen, dann sage: Soviel habe ich gesagt und nicht mehr.



Kunstgriff 24 (verfängliche Konsequenzmacherei erzwingen)

Die Konsequenzmacherei: Man erzwingt aus dem Satz des Gegners durch falsche Folgerungen und Verdrehung der Begriffe Sätze, die nicht darin liegen und gar nicht die Meinung des Gegners sind, hingegen absurd oder gefährlich sind: da es nun scheint, dass aus seinem Satze solche Sätze, die entweder sich selbst oder anerkannten Wahrheiten widersprechen, hervorgehen, so gilt dies für eine indirekte Widerlegung, Apagoge: und ist wieder eine Anwendung der fallacia non causae ut causae.

    * Kurz: Aus dem Satz des Gegners durch falsche Folgerungen und Verdrehung der Begriffe Sätze erzwingen, die nicht darin liegen und gar nicht die Meinung des Gegners sind: verfängliche Konsequenzmacherei erzwingen



Kunstgriff 25 (Apagoge durch eine Instanz)

Dieser Kunstgriff betrifft die Apagoge durch eine Instanz (exemplum in contrarium). Die Inductio bedarf einer großen Menge Fälle, um ihren allgemeinen Satz aufzustellen. Die Apagoge dagegen braucht nur einen einzigen Fall aufzustellen, zu dem der Satz nicht passt, und er ist umgeworfen: ein solcher Fall heißt Instanz, exemplum in contrarium, instantia. Z.B: der Satz : «alle Wiederkäuer sind gehörnt» wird umgestoßen durch die einzige Instanz der Kamele («Kamele sind Wiederkäuer aber nicht gehörnt»). Die Instanz ist ein Fall der Anwendung der allgemeinen Wahrheit, etwas unter den Hauptbegriff derselben zu subsumierendes, davon aber jene Wahrheit nicht gilt, und dadurch ganz umgestoßen wird. Allein dabei können Täuschungen vorkommen. Wir haben also bei Instanzen, die der Gegner macht, folgendes zu beachten:

   1. ob das Beispiel auch wirklich wahr ist: es gibt Probleme, deren einzig wahre Lösung die ist, dass der Fall nicht wahr ist: z.B. viele Wunder, Geistergeschichten usw.
   2. ob es auch wirklich unter den Begriff der aufgestellten Wahrheit gehört: das ist oft nur scheinbar und durch eine scharfe Distinktion zu lösen
   3. ob es auch wirklich in Widerspruch steht mit der aufgestellten Wahrheit: auch dies ist oft nur scheinbar.

    * Kurz: Falsche Instanz, falsches exemplum in contrarium. Bei Instanzen, die der Gegner macht, beachten:

   1. Ist das Beispiel wirklich wahr?
   2. gehört es wirklich unter den Begriff der aufgestellten Wahrheit?
   3. steht das Beispiel wirklich im Widerspruch mit der aufgestellten Wahrheit?
   4. All dies ist oft nur scheinbar.



Kunstgriff 26 (Spieß umdrehen zu einem Gerade-Weil-Argument)

Ein brillanter Streich ist die retorsio argumenti: wenn das Argument, das der Gegner für sich gebrauchen will, besser gegen ihn gebraucht werden kann und wenn er z.B. sagt: «es ist ein Kind, man muss ihm was zu gute halten» dann benutze man die retorsio (salopp gesagt: Retourkutsche): eben weil es ein Kind ist, muss man es züchtigen, damit es nicht verhärte in seinen bösen Angewohnheiten.

    * Kurz: Mit einem Retorsio argumenti (Retourkutsche): antworten: mit besseren Gründen den argumentativen Spieß umdrehen zu einem Gerade-Weil-Argument.



Kunstgriff 27 (wenn der Gegner böse wird hat man eine schwache Stelle entdeckt)

Wird bei einem Argument der Gegner unerwartet böse, so muss man dieses Argument eifrig urgieren: nicht bloß weil es gut ist, ihn in Zorn zu versetzen, sondern weil zu vermuten ist, dass man die schwache Seite seines Gedankenganges berührt hat und ihm an dieser Stelle wohl noch mehr anzuhaben ist, als man vor der Hand selber sieht.

    * braucht keine weitere Erklärung


Kunstgriff 28 (unsachkundige Argumente vorbringen)

Dieser Kunstgriff ist hauptsächlich dann anwendbar, wenn Gelehrte vor ungelehrten Zuhörern streiten. Wenn man kein argumentum ad rem (zur Sache gehörend) hat und auch nicht einmal eines ad hominem, so macht man eines ad auditores, d.h. einen ungültigen Einwurf, dessen Ungültigkeit aber nur der Sachkundige einsieht. Ein solcher ist der Gegner, der Hörer aber meist nicht: der Gegner wird also in ihren Augen geschlagen, zumal wenn der Einwurf seine Behauptung irgendwie in ein lächerliches Licht stellt. Zum Lachen sind die Leute gleich bereit, und man hat die Lacher gleich auf seiner Seite. Um die Nichtigkeit des Einwurfs zu zeigen, müsste der Gegner eine lange Auseinandersetzung beginnen und auf die Prinzipien der Wissenschaft oder sonstige Angelegenheit zurückgehen: dazu findet er nicht leicht Gehör.

    * Kurz: Unsachkundige Argumente nur im Blick der Hörer vorbringen: ein ungültiger Einwurf, dessen Ungültigkeit aber nur der Sachkundige einsieht, der Hörer aber nicht, wird so in ihren Augen geschlagen. Besonders wirksam, wenn der Einwurf die Behauptung des Gegners lächerlich macht.



Kunstgriff 29 (Diversion)

Merkt man, dass man geschlagen wird, so macht man eine Diversion: d.h. fängt mit einem Male von etwas völlig anderem an, als gehörte es zur Sache und wäre ein Argument gegen den Gegner. Dies geschieht mit einiger Bescheidenheit, wenn die Diversion doch noch überhaupt das Thema quaestionis (das fragliche Thema) betrifft; unverschämt, wenn es bloß den Gegner angeht und gar nicht die Sache.

Unverschämt ist die Diversion, wenn sie die Sache quaestionis (meint den fraglichen Sachverhalt) ganz und gar verlässt, und etwa anhebt: «Ja, und so behaupteten Sie neulich ebenfalls...» etc. Denn da gehört sie gewissermaßen zum Persönlichwerden, davon in dem letzten Kunstgriff (38) die Rede sein wird. Sie ist genau genommen eine Mittelstufe zwischen dem daselbst zu erörternden argumentum ad personam und dem argumentum ad hominem.

Wie sehr gleichsam angeboren dieser Kunstgriff ist, zeigt jeder Zank zwischen gemeinen Leuten: wenn nämlich Einer dem Anderen persönliche Vorwürfe macht so antwortet dieser nicht etwa durch Widerlegung derselben, sondern seinerseits durch persönliche Vorwürfe, die er dem Ersten macht, die ihm selbst gemachten stehen lassend, also gleichsam zugebend. Er macht es wie Scipio, der die Karthager nicht in Italien sondern in Afrika angriff. Im Kriege mag solche Diversion zu Zeiten taugen. Beim Zanken ist sie schlecht, weil man die empfangenen Vorwürfe stehen lässt, und der Zuhörer alles Schlechte von beiden Parteien erfährt. Im Disputieren ist sie faute de mieux (üblerweise) gebräuchlich.

    * Kurz: Merkt man, dass man geschlagen wird so macht man eine Diversion; d.h. man fängt mit einem Male von etwas ganz anderem an und tue so, als gehöre es zur Sache und wäre ein Argument gegen den Gegner. Oder man werde gar persönlich, zänkisch, beleidigend. Im Disputieren ist derlei üblerweise allgemein gebräuchlich auch ohne Kenntnis der Eristischen Kunstgriffe.



Kunstgriff 30 (Autoritäten statt Gründe angeben)

Das argumentum ad verecundiam. Statt der Gründe brauche man Autoritäten nach Maßgabe der Kenntnisse des Gegners.

Unusquisque mavult credere quam judicare (jeder will lieber glauben als urteilen): sagt Seneca. Man hat also leichtes Spiel, wenn man eine Autorität für sich hat, die der Gegner respektiert. Es wird aber für ihn desto mehr gültige Autoritäten geben, je beschränkter seine Kenntnisse und Fähigkeiten sind. Sind etwa diese von erstem Rang, so wird es höchst wenige und fast gar keine Autoritäten für ihn geben. Allenfalls wird er die der Leute vom Fach in einer ihm wenig oder gar nicht bekannten Wissenschaft, Kunst, oder Handwerk gelten lassen: und auch diese mit Misstrauen. Hingegen haben die gewöhnlichen Leute tiefen Respekt für die Leute vom Fach jeder Art. Sie wissen ja nicht, dass wer Profession von der Sache macht, nicht die Sache liebt, sondern seinen Erwerb (pro fessio heißt für die Münze): – noch dass, wer eine Sache lehrt, sie selten gründlich weiß, denn wer sie gründlich studiert, dem bleibt meistens keine Zeit zum Lehren übrig. Allein für das Vulgus (salopp: Otto Normalverbraucher) gibt es gar viele Autoritäten, die Respekt finden: hat man daher keine ganz passende, so nehme man eine scheinbar passende, führe an, was einer in einem anderen Sinn oder in anderen Verhältnissen gesagt hat. Autoritäten, die der Gegner gar nicht versteht, wirken meistens am besten. Ungelehrte haben einen eigenen Respekt vor griechischen und lateinischen Floskeln und Begriffen. Auch kann man die Autoritäten nötigenfalls nicht bloß verdrehen, sondern geradezu verfälschen, oder gar welche anführen, die ganz aus eigener Erfindung sind: meistens hat er das Buch nicht zur Hand und weiß es auch nicht zu handhaben. Das schönste Beispiel hierzu gibt der französische Curé, der, um nicht, wie die anderen Bürger mussten, die Straße vor seinem Hause zu pflastern, einen biblischen Spruch anführte. Das überzeugte die Gemeinde-Vorsteher.

Auch sind allgemeine Vorurteile (hinterhältigerweise) als Autoritäten zu gebrauchen (besser: zu missbrauchen). Ja, es gibt keine noch so absurde Meinung, die die Menschen nicht leicht zu der ihrigen machten, sobald man es dahin gebracht hat, sie zu überreden, dass solche allgemein angenommen sei. Das Beispiel wirkt auf ihr Denken wie auf ihr Tun. Sie sind Schafe, die dem Leithammel nachgehen, wohin immer er sie auch führt: es fällt ihnen leichter zu sterben als zu denken. Es ist sehr seltsam, dass die Allgemeinheit einer Meinung so viel Gewicht bei ihnen hat, da sie doch an sich selbst sehen können, wie ganz ohne Urteil und bloß kraft des Beispiels man Meinungen annimmt. Aber das sehen sie nicht, weil ihnen allen die Selbstkenntnis abgeht.

Die Allgemeinheit einer Meinung ist, im Ernst gesagt, kein Beweis, ja nicht einmal ein Wahrscheinlichkeitsgrund ihrer Richtigkeit. Die, welche es behaupten, müssen annehmen:

   1. dass die Entfernung in der Zeit jener Allgemeinheit ihre Beweiskraft raubt: sonst müssten sie alle alten Irrtümer zurückrufen, die einmal allgemein für Wahrheiten galten wie z.B. das Ptolemäische System, oder in allen protestantischen Länder den Katholizismus wieder herstellen.
   2. dass die Entfernung im Raum dasselbe leistet: sonst wird sie die Allgemeinheit der Meinung in den Bekennern des Buddhismus, des Christentums, und des Islams in Verlegenheit setzen.

Was man so die allgemeine Meinung nennt, ist, bei Lichte betrachtet, die Meinung zweier oder dreier Personen. Und davon würden wir uns überzeugen, wenn wir der Entstehungsart einer solch allgemeingültigen Meinung zusehen könnten. Wir würden dann finden, dass es nur zwei oder drei Leute sind, die solche Meinung als Erste annahmen oder aufstellten und behaupteten, und denen man so gütig war zuzutrauen, dass sie solche recht gründlich geprüft hätten: auf das Vorurteil der hinlänglichen Fähigkeit dieser nahmen zuerst einige wenige Andere diese Meinung ebenfalls an. Diesen wiederum glaubten viele weitere andere, deren Trägheit ihnen anriet, lieber gleich zu glauben, als erst mühsam zu prüfen. So wuchs von Tag zu Tag die Zahl solcher trägen und leichtgläubigen Anhänger: denn hatte die Meinung erst eine gute Anzahl Stimmen für sich erreicht, so schrieben die Nachfolgenden dies dem zu, dass sie solche nur durch die Triftigkeit ihrer Gründe hätte erlangen können. Die noch Übrigen waren jetzt genötigt gelten zu lassen, was allgemein galt, um nicht für unruhige und renitente Köpfe zu gelten, die sich gegen allgemeingültige Meinungen auflehnten und naseweise Burschen, die klüger sein wollten als alle Welt.

Jetzt wurde die Zustimmung zur Pflicht. Nunmehr müssen die wenigen, welche zu urteilen fähig sind, schweigen, und die da reden dürfen, sind solche, welche völlig unfähig, eine eigene Meinungen und eignes Urteil zu haben, das bloße Echo fremder Meinungen sind. Jedoch sind sie desto eifrigere und unduldsamere Verteidiger derselben. Denn sie hassen am Andersdenkenden nicht sowohl die andere Meinung, zu der er sich bekennt, als die eher Vermessenheit, selbst urteilen zu wollen, was sie ja doch selbst nie zu unternehmen in der Lage und im Stillen sich dessen bewusst sind. – Kurzum, Denken können sehr wenige, aber Meinungen wollen alle haben: was bleibt da anderes übrig, als dass sie solche, statt sie sich selber zu machen, ganz fertig von Anderen übernehmen?

Da es so zugeht, was gilt da noch die Stimme von hundert Millionen Menschen? – So viel wie etwa ein historisches Faktum, das man bei hundert Geschichtsschreibern findet, dann aber nachweist, dass sie alle, einer dem anderen, abgeschrieben haben, wodurch zuletzt alles auf die Aussage eines Einzigen zurückläuft.

Nichtsdestoweniger kann man im Streit mit gewöhnlichen Leuten die allgemeine Meinung als Autorität gebrauchen und anwenden.

Überhaupt wird man finden, dass, wenn zwei gewöhnliche Köpfe mit einander streiten, meistens die gemeinsam von ihnen erwählte Waffe Autoritäten sind: damit schlagen sie aufeinander los. – Hat der bessere Kopf mit einem solchen zu tun, so ist es das Rätlichste, dass er sich auch zu dieser Waffe bequeme, sie auslesend nach Maßgabe der Blößen seines Gegners. Denn gegen die Waffe der Gründe ist dieser ex hypothesi ein gehörnter Siegfried, eingetaucht in die Flut der Unfähigkeit zu denken und zu urteilen.

Vor Gericht wird eigentlich nur mit Autoritäten gestritten, die Autorität der Gesetze, die feststeht: das Geschäft der Urteilskraft ist das Auffinden des Gesetzes, d.h. der Autorität, die im gegebenen Fall Anwendung findet. Die Dialektik hat aber Spielraum genug, indem - erforderlichenfalls - der Fall und ein Gesetz, die nicht eigentlich zu einander passen, solange gedreht werden, bis man sie für zueinander passend ansieht: auch umgekehrt.

    * Kurz: Argumentum ad verecundiam (ein an die Ehrfurcht gerichtetes Argument). Statt der Gründe gebe man Autoritäten nach Maßgabe der Kenntnisse des Gegners. Es wird für ihn (den Gegner) desto mehr gültige Autoritäten geben, je beschränkter seine Kenntnisse und Fähigkeiten sind. Mögliche Autoritäten sind: Berühmte Personen, Fachleute, Experten, Titelträger, allgemeine Vorurteile, griechische und lateinische Floskeln und die allgemeine Meinung.



Kunstgriff 31 (sich mit feiner Ironie für inkompetent erklären)

Wo man gegen die dargelegten Gründe des Gegners nichts vorzubringen weiß, erkläre man sich mit feiner Ironie für inkompetent: Was Sie da sagen, übersteigt meine schwache Fassungskraft. Es mag sehr richtig sein, allein ich kann es nicht verstehen und begebe mich allen Urteils. – Dadurch insinuiert man den Zuhörern, bei denen man in Ansehen steht, dass es Unsinn ist. So erklärten beim Erscheinen der «Kritik der reinen Vernunft» oder vielmehr beim Anfang ihres erregten Aufsehens viele Professoren von der alten eklektischen Schule: «wir verstehen das nicht», und glaubten sie dadurch abgetan zu haben. – Als aber einige Anhänger der neuen Schule ihnen zeigten, dass sie Recht hätten und es wirklich nur nicht verstanden, wurden sie sehr übler Laune.

Man darf diesen Kunstgriff nur da gebrauchen, wo man sicher ist, bei den Zuhörern in entschieden höherem Ansehen zu stehen als der Gegner: z.B. ein Professor gegenüber einem Studenten. Eigentlich gehört dies zum vorigen Kunstgriff und ist ein Geltendmachen der eigenen Autorität, statt der Gründe (auf besonders maliziöse Weise).

Der Gegenstreich ist: Erlauben Sie, bei Ihrer großen Penetration, muss es Ihnen ein leichtes sein, es zu verstehen, und so kann nur meine schlechte Darstellung Schuld sein, – und ihm nun die Sache so ums Maul schmieren, dass er sie nolens volens verstehen muss und klar wird, dass er sie vorhin wirklich nur nicht verstanden hat. – So ist’s retorquiert (salopp: Retourkutsche): er wollte uns Unsinn insinuieren, wir haben ihm Unverstand bewiesen. Beides mit schönster Höflichkeit.

    * Kurz: Wo man gegen die dargelegten Gründe des Gegners nichts vorzubringen weiß, erkläre man sich selbst mit feiner Ironie für inkompetent. Dadurch erweckt man bei den Zuhörern, bei denen man in Ansehen steht, den Eindruck, dass es Unsinn ist. - Der Gegenstreich ist: „Erlauben Sie, bei Ihrer großen Penetration muss es Ihnen ein leichtes sein es zu verstehen, und so kann nur meine schlechte Darstellung Schuld daran sein."



Kunstgriff 32 (Gegenargument verdächtig machen)

Eine uns entgegenstehende Behauptung des Gegners können wir auf eine kurze Weise dadurch beseitigen oder wenigstens verdächtig machen, dass wir sie unter eine verhasste Kategorie bringen, wenn sie auch nur durch eine Ähnlichkeit oder sonst lose mit ihr zusammenhängt: z.B. «das ist Manichäismus, das ist Arianismus; das ist Pelagianismus; das ist Idealismus; das ist Spinozismus; das ist Pantheismus; das ist Brownianismus; das ist Naturalismus; das ist Atheismus; das ist Rationalismus; das ist Spiritualismus; das ist Mystizismus; das ist Esoterik usw.»

    * Kurz: Subsumtion unter eine verhasste Kategorie: z.B.: „Das ist Idealismus, Rationalismus, Spiritualismus, Mystizismus, Esoterik etc.“ Wir nehmen dabei zweierlei an:

       1. dass jene Behauptung wirklich identisch oder wenigstens enthalten sei in jener Kategorie, rufen also aus: oh, das kennen wir schon! – und
       2. dass diese Kategorie schon ganz widerlegt sei und kein wahres Wort enthalten könne.



Kunstgriff 33 (Konsequenz leugnen)

Sagen Sie: Das mag in der Theorie richtig sein, in der Praxis ist es jedoch falsch. - Durch dieses Sophisma gibt man die Gründe zu und leugnet doch die Folgen.

Wenn die Theorie wirklich richtig ist, muss es nämlich auch in der Praxis zutreffen.

    * braucht keine weitere Erklärung



Kunstgriff 34 (nachhaken bei vermutlich faulen Punkten)

Wenn der Gegner Gegenfragen stellt, keine direkten Antworten gibt, ausweicht, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass wir auf einen faulen Punkt getroffen haben. Der von uns angeregte Punkt ist also zu urgieren und den Gegner nicht vom Fleck zu lassen, selbst wenn wir noch nicht genau wissen, worin eigentlich die Schwäche besteht, die wir getroffen haben.

    * braucht keine weitere Erklärung



Kunstgriff 35 (Dein Argument widerspricht Deinem Interesse)

Dieser Kunstgriff macht, sobald er praktikabel ist, alle übrigen entbehrlich: Statt durch Gründe auf den Intellekt wirke man durch Motive auf den Willen; und der Gegner, wie auch die Zuhörer, wenn sie gleiches Interesse mit ihm haben, sind sogleich für unsre Meinung gewonnen, und wäre diese aus dem Tollhause geborgt: denn meistens wiegt ein Lot Wille mehr als ein Zentner Einsicht und Überzeugung. Freilich geht dies nur unter besondern Umständen an. Kann man dem Gegner fühlbar machen, dass seine Meinung, wenn sie gültig würde, seinem Interesse merklichen Abbruch täte, so wird er sie so schnell fahren lassen, wie ein heißes Eisen, das er unvorsichtigerweise ergriffen hatte. Z. B: ein Geistlicher verteidigt ein philosophisches Dogma: man gebe ihm zu vermerken, dass es mittelbar mit einem Grunddogma seiner Kirche in Widerspruch steht, und er wird es fahren lassen.

    * Kurz: Argumentum ab utili. Kann man dem Gegner fühlbar machen, dass seine Meinung, wenn sie gültig würde, seinem Interesse – oder dem Interesse seiner Sekte, seinem Club, seiner Partei etc. - merklich Abbruch täte, so wird er sie so schnell fahren lassen wie ein heißes Eisen, das er unvorsichtigerweise ergriffen hatte.



Kunstgriff 36 (Gegner durch hochgestochenen Wortschwall verdutzen)

Den Gegner durch sinnlosen Wortschwall verdutzen, verblüffen. Es beruht darauf, dass:

Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.

Wenn er nun sich seiner eignen Schwäche im Stillen bewusst ist, wenn er gewohnt ist, mancherlei zu hören, was er nicht versteht, und doch dabei zu tun, als verstände er es; so kann man ihm dadurch imponieren, dass man ihm einen gelehrt oder tiefsinnig klingenden Unsinn, bei dem ihm Hören und Sehen und Denken vergeht, mit ernsthafter Miene vorschwatzt, und solches für den unbestreitbarsten Beweis seiner eignen These ausgibt. Bekanntlich haben in neueren Zeiten, selbst dem ganzen deutschen Publikum gegenüber, einige Philosophen diesen Kunstgriff mit dem brillantesten Erfolg angewandt.

    * Kurz: Den Gegner durch sinnlosen, hochgestochenen Wortschwall verdutzen, verblüffen, außer Gefecht setzen.



Kunstgriff 37 (sachlich richtig: Beweisführung falsch anführen)

(der einer der ersten sein sollte): Wenn der Gegner auch in der Sache Recht hat, allein glücklicherweise für selbige einen schlechten Beweis wählt, so gelingt es uns leicht, diesen Beweis zu widerlegen, indem wir dies für eine Widerlegung der Sache ausgeben. Im Grunde läuft dies darauf zurück, dass wir ein argumentum ad hominem für eines ad rem ausgeben. Fällt ihm oder den Umstehenden kein richtigerer Beweis bei, so haben wir gesiegt. – Z.B: wenn einer für das Dasein Gottes den ontologischen Beweis aufstellt, der sehr wohl widerlegbar ist. Dies ist der Weg, auf welchem schlechte Advokaten eine gute Sache verlieren: [sie] wollen sie durch ein Gesetz rechtfertigen, das darauf nicht passt, und das Passende fällt ihnen nicht ein.

    * Kurz: Wenn der Gegner in der Sache recht hat, aber einen schlechten Beweis wählt, dann den Beweis widerlegen und dies für die Widerlegung der Sache ausgeben. (Hier wird ein argumentum ad hominem für ein argumentum ad rem ausgegeben.)



Kunstgriff 38 (persönlich beleidigend werden)

Wenn man merkt, dass der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob. Das Persönlichwerden besteht darin, dass man von dem Gegenstand des Streites (weil man da verlorenes Spiel hat) abgeht auf den Streitenden und seine Person irgendwie angreift: man könnte es nennen argumentum ad personam, im Unterschied vom argumentum ad hominem: dieses geht vom rein objektiven Gegenstand ab, um sich an das zu halten, was der Gegner darüber gesagt oder zugegeben hat. Beim Persönlichwerden aber verlässt man den Gegenstand ganz und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners: man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist eine Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit. Diese Regel ist sehr beliebt, weil jeder zur Ausführung tauglich ist, und wird daher häufig angewandt. Nun fragt sich, welche Gegenregel hierbei für den andern Teil gilt. Denn will er dieselbe gebrauchen, so wird's eine Prügelei oder ein Duell oder ein Injurienprozess.

Man würde sich sehr irren, wenn man meint, es sei hinreichend, selbst nicht persönlich zu werden. Denn dadurch, dass man einem ganz gelassen zeigt, dass er Unrecht hat und also falsch urteilt und denkt, was bei jedem dialektischen Sieg der Fall ist, erbittert man ihn mehr als durch einen groben, beleidigenden Ausdruck. Warum? Weil wie Hobbes de Cive, Kap. 1, sagt: Omnis animi voluptas, omnisque alacritas in eo sita est, quod quis habeat, quibuscum conferens se, possit magnifice sentire de seipso (dem Menschen geht nichts über die Befriedigung seiner Eitelkeit und keine Wunde schmerzt mehr als die, die dieser geschlagen wird). Daraus stammen Redensarten wie »die Ehre gilt mehr als das Leben« usw. Diese Befriedigung der Eitelkeit entsteht hauptsächlich aus dem Vergleich seiner selbst mit anderen, in jeder Beziehung, aber hauptsächlich in Beziehung auf die Geisteskräfte. Diese eben geschieht effektiv und sehr stark beim Disputieren. Daher die Erbitterung des Besiegten, ohne dass ihm Unrecht widerfahren sei, und daher sein Griff zum letzten Mittel, diesem letzten Kunstgriff, dem man nicht entgehen kann durch bloße Höflichkeit seinerseits. Große Kaltblütigkeit kann jedoch auch hier aushelfen, wenn man nämlich, sobald der Gegner persönlich wird, ruhig antwortet, das gehöre nicht zur Sache, und sogleich auf diese zurücklehnt und fortfährt, ihm hier sein Unrecht zu beweisen, ohne seiner Beleidigungen zu achten.

    * Kurz: Wenn man merkt, dass der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird: persönlich, beleidigend, grob werden (Argumentum ad personam, im Unterschied zum Argumentum ad hominem).


Quote
Die einzig sichere Gegenregel

Zitat:

    * Die einzig sichere Gegenregel ist daher die, welche schon Aristoteles im letzten Kapitel der Topica gibt: Nicht mit dem Ersten dem Besten zu disputieren, sondern allein mit solchen, die man kennt und von denen man weiß, dass sie Verstand genug besitzen, nicht gar zu Absurdes vorzubringen und dadurch beschämt werden zu müssen, und um mit Gründen zu disputieren und nicht mit Machtsprüchen, um auf Gründe zu hören und darauf einzugehen und endlich, dass sie die Wahrheit schätzen, gute Gründe gern hören, auch aus dem Munde des Gegners und Billigkeit genug haben, es ertragen zu können, Unrecht zu behalten, wenn die Wahrheit auf der anderen Seite liegt. Daraus folgt, dass unter Hundert kaum Einer ist, der wert ist, dass man mit ihm disputiert.



Aus: "Kunstgriffe (Schopenhauer)" (09/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kunstgriffe_%28Schopenhauer%29

-.-

« Last Edit: January 27, 2015, 02:08:50 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Eine Hauptquelle unseres Unverständnisses... ]
« Reply #5 on: July 23, 2008, 04:44:55 PM »
“Und das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern ist eine Grenze der Welt.” (Wittgenstein)
Tagebücher 1914-1916, hier 02.08.1916. in: L.W: Werkausgabe Band 1, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1984, S. 174

...

Quote
[...] Nur wenige Philosophen haben so beißend über das Philosophieren selbst geurteilt wie Wittgenstein in seinem späteren Denken. Er hielt die „großen philosophischen Probleme“ letztlich für „Geistesstörungen“, die unter anderem entstünden, indem man philosophiere. Sie würden dadurch zu fixen Ideen, die einen nicht mehr loslassen. In der Regel, weil man sich in einen unzuträglichen Sprachgebrauch verrannt habe. „Es ist eine Hauptquelle unseres Unverständnisses, daß wir den Gebrauch unserer Wörter nicht übersehen“ heißt es in den Philosophischen Untersuchungen, dem Hauptwerk seiner Spätphilosophie.

Aus: "Ludwig Wittgenstein" (13. Juli 2008)
http://de.wikipedia.org/wiki/Wittgenstein



Quote
[...] „Wir machen uns ein Bild von der Welt und von der Umgebung, in der wir uns befinden. Dass wir das tun, ist von so grundlegender Bedeutung für uns, dass wir uns kaum vorstellen können, dass wir es nicht tun. Diese Bild von der Welt nun besteht aus einer Reihe von Überzeugungen. Betrachten wir diese ‚Bausteine’ unseres Blicks auf unsere Umgebung näher und beginnen wir mit der Betrachtung von Begriffen. Begriffe können nämlich als Elemente von Überzeugungen angesehen werden.“ (Baumann (2002) S. 87, vgl. auch Kant (1781/1787) A 68f./B 93 f.; Frege: Funktion und Begriff, 18 ff.; Frege: Über Begriff und Gegenstand, 66 ff)

[...] Sollte der größte Anteil des „Denkens“ nicht verbal sein, sondern sich als die komplexe sensomotorische Interaktion des Menschen als Gedächtnisinhalt von Neuronennetzwerken herausstellen, die sprachliches Gedächtnis inkludiert, muss man sich Vieles, möglicherweise das Meiste als „vor“-verbal oder „unter“-verbal vorstellen (wobei nicht klar ist, wie die zeitliche und die räumliche Metapher genau zu verstehen sind). Begriffe sind dann im besten Falle eine Art annähernde „Rekonstruktion“ und Spracheinheiten eine zusammenfassende „Rekonstruktion von Rekonstruktionen“. Das heißt, das „Wesentliche“ der Sprache ist mit „unwesentlichen“ Teilen von »Begriffen« unterlegt. Erst ein Verbund an Worten ergäbe eine Art „wesentliches Unwesentliches“ als Konstruktion. Auch das Verlegen der Denkeinheiten „hinter“ die Sprache scheint als Vorstellung nur allzu unzulänglich. So kann man sich vorerst nur mit der Abschätzung von „funktionalen Verhältnissen“ behelfen, und diese scheinen im Wesentlichen als tropisch beschreibbar zu sein. Sie scheinen als Zusammenziehungen von sensorischen Reizbezügen beschreibbar, die durch Übertragungen, Verschiebungen und Reduktionen des Nervensystems zu „unwesentlichen Wesentlichkeiten“ reifen können. Kant und die klassische Sicht der cognitive science bezieht die vermittelnde Ebene auf Symbole. „Vorgänge rein neuraler, kognitiver oder psychischer Natur sind stets mit der Manipulation von Symbolen verbunden.“ (727, Black (1993) S. 14)

[...] “[…] es existiert nichts isoliert. So wie es dem Physiker freistehen muss, die materielle Welt zum Zwecke der wissenschaftlichen Untersuchung zu analysieren, in Teile zu zerlegen, ohne dass er deshalb den allgemeinen Weltzusammenhang vergessen müsste, so muss auch dem Psychologen dieselbe Freiheit gewährt werden, wenn er überhaupt etwas zustande bringen soll. […] Die Empfindung, kann man in des Cynikers Demonax Redeweise sagen, existiert sowenig allein, als irgendetwas anderes.” (731, )

[...] Wittgensteins Konzeption der Sprachspiele scheint konstruktiv zu sein, wenn auch vielleicht nur als „funktionale Metapher“. Es geht Wittgenstein bei der Untersuchung primitiver Sprachspiele und des Begriffs „Spiel“ selbst nicht darum, Beispiele für eine Theorie zu benennen, sondern „Typikalität“ zu erfassen. „Polysemie“ ist bei ihm eine Folge der Vielfalt des wechselseitigen Umgangs, die zwar pro Spiel vorübergehend reglementiert sein kann, allerdings erst „als eine wirkliche Vielfalt von Gebrauchsweisen, eine Vielfalt von Sprachreaktionen gibt.“ - ”Wir sind unfähig, die Begriffe, die wir gebrauchen, klar zu umschreiben - nicht, weil wir ihre Definition nicht wissen, sondern weil sie keine wirkliche ”Definition” haben. Die Annahme, daß sie eine solche Definition haben müssen, wäre wie die Annahme, daß ballspielende Kinder grundsätzlich nach strengen Regeln spielen.” (733, Wittgenstein L. (1984) Das blaue Buch. In: Wittgenstein L. (1984) Werkausgabe. 8 Bd., Suhrkamp, Frankfurt a. M. Bd. 5 S. 49)


Bruchstück aus: “„Tropen & Neuronen“ - Transzendentale, physiologische und sprachliche Korrelate von »Begriffen«” - Verfasser Herwig E. Kopp (Wien, im November 2007, pdf-Datei: 255 Seiten)
Quelle: http://sammelpunkt.philo.at:8080/1702/2/Kopp_Tropen_Neuronen_7_6epub.pdf


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Bullshit dieser Art... ]
« Reply #6 on: December 07, 2014, 02:49:02 PM »
Quote
[...] Politiker fordern brutalstmögliche Aufklärung, wie einst Roland Koch, wenn sie eine Angelegenheit in Wahrheit verdrängen wollen. Sie reden von Negativwachstum, auch wenn die Wirtschaft nicht wächst, sondern schrumpft. In der wichtigen Debatte um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan sprach der verstorbene  Verteidigungsminister Peter Struck verschwurbelt vor der Freiheit, welche die Bundeswehr am Hindukusch verteidige, sein Nachfolger Franz Josef Jung von einem Stabilisierungseinsatz. Welch Sensation, als dessen Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg schließlich einräumte, man könne in Afghanistan von Krieg sprechen – allerdings nur umgangssprachlich.

... Bullshit dieser Art untergräbt die Grundlagen unserer sprachlichen Verständigung, die nur dann funktioniert, wenn die Gesprächspartner im Großen und Ganzen wahrhaftig sind. Deshalb gehört das Bemühen um eine bullshitfreie Rede notwendig zur Demokratie.

Quote
    benarehuda
    vor 5 Stunden 15 Minuten

"Politiker verstehen sich meisterhaft darin"

Journalisten auch.


Quote
    7Saturn
    vor 5 Stunden 13 Minuten

10. Wenn sie denn könnten und wollten...

»Wenn wir die hohlen, dummen Sprüche von Politikern kritiklos akzeptieren, werden wir sie immer wieder serviert bekommen. Was wäre die Alternative?«

Da gibt es nur einen einzigen Haken: Wie viel Prozent der Bevölkerung haben 1. die geistige Kapazität, wirklich mal ernsthaft dahinter zu steigen, was der gerade gesagt hat, 2. die Energie, das auch tatsächlich darüber nachzudenken und 3. die Konsequenz, das bei der nächsten Wahl in der Wahlkabine zum Ausdruck zu bringen? (Und ich meine damit nicht, den Wahlzettel ungültig zu machen.) So einfach ist das für viele leider eben gerade nicht. Und so bleibt alles beim Alten. ...


Quote
    Chali
    vor 5 Stunden 10 Minuten

Bravo!

... Die Aufgabe des guten Journalismus wäre es, uns den Bullshit als solchen zu entlarven.

...


Quote
    Guenni_1
    vor 5 Stunden 4 Minuten

... Mit Verlaub, ein Politiker kann doch nur "Bullshit" von sich geben, wenn ihn die Presse lässt. Ich bin nicht der einzige, der hier schon des öfteren mehr mediale Verantwortung eingefordert hat, aber die fast überhaupt nicht wahrgenommen wird. Deswegen, "Bullshit" kann es nur geben, wenn es die Presse zulässt und wenn die vierte Kraft im Staat wieder ihre Verantwortung ernst nimmt, wird das auch kein Thema mehr sein.


Quote
    zaitberg
    vor 5 Stunden

Die Frage wäre warum die Medien nicht ihrer Aufgabe nachkommen, den Bullshit zu enttarnen. Warum sie sich viel mehr mit Kampagnenjournalismus an der Verwirrung beteiligen. Wenn ich irgendwo ein Politikerinterview sehe, weiß ich, dass da 99 Prozent Worthülsen drinstecken, aber bei Berichten ist das ja nicht anders, das sind meitens auch nur umformulierte Pressemitteilungen.


...


Aus: "Bullshit!" Max Rauner (5. Dezember 2014)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/2014-12/bullshit-dialektik


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Sprache, Wort und Deutung... (Trollismus)]
« Reply #7 on: January 27, 2015, 02:06:50 PM »
Quote
[...]

Anleitung zur gepflegten Diskussion im Internet.

    1 Behaupte eine Geschichte einfach so.
    2 Sag allen, dass sie nicht das wissen, was du weißt – ohne zu sagen was genau.
    3 Alles, was du weißt, sind klare Fakten.
    4 Andere Quellen lügen alle so offensichtlich, dass du nicht darauf eingehen kannst.
    5 Versuche möglichst wenig über Argumente zu sprechen.
    6 Es gibt keinen Zufall, sondern nur Verschwörungen.
    7 Verknüpfe Fakten, wie es am Besten für dich passt.
    8 Alle, die dir zustimmen, verkünden die Wahrheit.
    9 Wenn sie etwas anderes sagen, sind sie ungebildet.
    10 Wer übel beleidigt, hat Recht.
    11 Benutze Prozentangaben, denn über 98% der Diskussion mit Prozentangaben sind super.
    12 Ignoriere vollständig, dass du diese Zahl gerade erfunden hast.
    13 Versuche mit Übertreibungen zu überzeugen!
    14 Behaupte, die anderen würden das auch alle machen.
    15 Wenn ein Argument wiederlegt wurde, erfinde ein neues Argument.
    16 Wenn sich jemand nicht überzeugen lässt, dann wurde er manipuliert.
    17 Wenn jemand Kritik äußert, wurde er gekauft.
    18 Sage offen, dass alle, die nicht deiner Meinung sind, dumm sind.
    19 Vergleiche irgendwas mit Hitler.
    20 Vergleiche den Hitlervergleich mit Hitler. [https://de.wikipedia.org/wiki/Godwin%E2%80%99s_law]


Veröffentlicht am 23. Januar 2015
Autor Alex, Katgeorien: Internet, Trollismus   

Quote
sock3 sagt:   
24. Januar 2015 um 0:05

Du hast leider eins der Top-Argumente in deiner Aufzählung vergessen:

Ich habe ja nichts gegen [Schwule/Ausländer/Andersartige/Introvertierte/$gegenseite – einige, meiner besten Freunde sind ja [schwul/Ausländer/andersartig/introvertiert/[…]] -, aber …

Die Argumentationskraft dahinter ist einfach _der Wahnsinn_!



Quelle: http://www.1337core.de/anleitung-zur-gepflegten-diskussion-im-internet/


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Sprache, Wort, Macht und Deutung (Frames)... ]
« Reply #8 on: March 12, 2016, 04:43:59 PM »
Quote
[...] DIE ZEIT: Frau Wehling, Sie behaupten, wir würden mit einfachen Wörtern ständig manipuliert. Wie kommen Sie darauf?

Elisabeth Wehling: Weil Sprache kein abstraktes Gerüst ist. Hinter Wörtern steckt etwas. Um sie zu begreifen, aktiviert unser Gehirn ganze Vorratslager abgespeicherten Wissens: Gefühle, Gerüche, visuelle Erinnerungen. Worte transportieren also viel mehr Informationen, als wir glauben, und sie treiben uns politisch nach links oder rechts, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

ZEIT: Woher wissen Sie das?

Wehling: Ich beschäftige mich mit Ideologieforschung, Verhaltensökonomie und Hirnforschung. Wir können heute in Gehirne blicken und sehr genau sehen, wie Wörter verarbeitet werden.

ZEIT: In Ihrem Buch sprechen Sie von "Frames" in unseren Köpfen. Was meinen Sie damit?

Wehling: Ein Frame ist ein Deutungsrahmen. Unser Gehirn hat davon sehr viele, sie sind durch unsere Erfahrung mit der Welt entstanden, und sie helfen, Fakten zu bewerten und einzuordnen. Aktiviert werden sie durch Wörter. Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie seien krank und müssten darüber entscheiden, ob Sie operiert werden wollen. Ein Arzt sagt Ihnen, dass es eine zehnprozentige Sterbewahrscheinlichkeit gebe. Ein anderer Arzt sagt, dass Sie die Operation mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit überleben würden. Die Fakten sind die gleichen, aber Sie entscheiden sich jeweils anders. Die beiden Wörter "sterben" und "leben" verändern Ihre Wahrnehmung – ohne dass Sie es merken. Wer glaubt, wir Menschen würden nur auf Basis von Fakten entscheiden, unterliegt einer Illusion.

ZEIT: Aber unser Ideal ist doch, dass Wähler in einer Demokratie durch Fakten überzeugt werden und die Bürger sich ihre Meinung aufgrund von Fakten bilden.

Wehling: Und das ist ein Irrtum. Kein Wort kann außerhalb von Frames gedacht, ausgesprochen und verarbeitet werden. Wann immer Sie ein Wort hören, wird in Ihrem Kopf ein Frame aktiviert. ...  Es ist wichtig, dass auch Journalisten sich klarmachen, wer welche Frames benutzt und wie sie wirken. Denn man kann Framing für politische Propaganda missbrauchen. Aber man kann das Wissen darüber auch nutzen, um die Ideologie, die hinter Wörtern steckt, offenzulegen. Das wäre eine große Leistung. Die würde das Vertrauen in die Medien wieder stärken.



Aus: "Vorsicht vor diesen Wörtern" Interview: Marc Brost und Petra Pinzler (10. März 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/2016/10/sprache-manipulation-elisabeth-wehling


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9675
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Sprache, Wort, Macht und Deutung... ]
« Reply #9 on: July 06, 2019, 02:04:33 PM »
Quote
[...] In unserer Sommerserie zur Frage „Was ist Macht?“ drucken wir Texte der „The New York Times“-Reihe „The Big Ideas“. Bereits erschienen: Ex-US-General Wesley Clark zur Frage von Moral und militärischer Macht (30. Juni). Copyright: The New York Times Group. Übersetzung aus den Englischen: Anna Thewalt

In den vergangenen Jahren haben führende rechte Politiker eine raue Rhetorik gegen Minderheiten eingesetzt, vor allem gegen Immigranten. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass Genoziden, Terrorismus oder ethnischen Säuberungen immer Perioden vorangegangen waren, in denen politische und soziale Bewegungen solch eine Rhetorik benutzten. Im nationalsozialistischen Deutschland wurden Juden als Ungeziefer bezeichnet, und die Nazi-Propaganda behauptete, Juden würden Krankheiten verbreiten. Vor den ethnischen Säuberungen an dem Volk der Rohingya in Myanmar fand eine Phase der Propaganda statt, in deren Folge Männer der Rohingya mit Vergewaltigungen in Verbindung gebracht wurden.

In den Vereinigten Staaten gab es die Theorie vom „Superpredator“, zu Deutsch „Super-Raubtier“. Die Anzahl von Gewaltverbrechen ging ab 1993 zurück, eine Tendenz, die im gesamten Jahrzehnt zu beobachten war. Dennoch begannen Kriminologen ab 1996, eine unbegründete Panik vor den „Super-Raubtieren“ zu verbreiten – vor „verhärteten, erbarmungslosen Jugendlichen“, wie sie der Wissenschaftler John Dilulio nannte. Dies führte zu einer neuen Welle an Landesgesetzen mit heftigen Urteilen für Minderjährige. In den neunziger Jahren half die Bezeichnung von jungen schwarzen Männern als „Schläger“ und „Gang-Mitglieder“ durch Politiker dabei, die USA zum Staat mit der höchsten Inhaftierungsrate zu machen. Schwarze Amerikaner stellen 40 Prozent der Inhaftierten, während sie nur 13 Prozent der US-Gesamtbevölkerung ausmachen.

Die Macht über ein Individuum zu haben bedeutet, das Verhalten oder die Gedanken anderer gemäß der eigenen Wünsche zu verändern. Eine Möglichkeit, das Verhalten anderer zu kontrollieren, ist durch Zwang. Ein deutlich besserer Weg ist es, ihr Pflichtgefühl zu ändern. Wenn du jemanden davon überzeugen kannst, dass sie das tun sollten, was du von ihnen möchtest, ist deine Macht echte Autorität. Aber haben Worte wirklich die Fähigkeit, unser Verhalten zu ändern?

Literatur zu Marketingstrategien lehrt, dass Rhetorik einen signifikanten Einfluss auf Verhaltensweisen haben kann. Ein Beispiel: Stellt man Menschen rein hypothetische Fragen, verschieben sich unbewusst ihre späteren Präferenzen und Verhaltensweisen in dramatischer Art und Weise. In einer 2001 von den Marketingprofessoren Gavan Fitzsimons und Baba Shiv herausgegebenen Studie wurde den Teilnehmern im Vorhinein gesagt, dass ihnen rein hypothetische Fragen gestellt werden würden. Eine Gruppe wurde Folgendes gefragt: „Wenn wissenschaftliche Studien beweisen würden, dass Kuchen, Gebäck und Ähnliches nicht annähernd so schlecht für die Gesundheit wären wie bislang angenommen, und im Gegenteil sogar große gesundheitliche Vorteile mit sich bringen, wie würde sich das auf Ihren Verzehr solcher Lebensmittel auswirken?"

Den Studienteilnehmern wurde gesagt, dass es in der Studie darum gehe, welche Auswirkungen ein sich veränderndes Umfeld auf die Meinung der Konsumenten bezüglich bestimmter Produkte habe. Sie wurden schließlich in einen Raum geführt, in denen ihnen die Auswahl zwischen zwei verschiedenen Snacks angeboten wurde: Schokoladenkuchen oder Obstsalat. Einer weiteren Gruppe, der Kontrollgruppe, wurden keine hypothetischen Fragen gestellt.

In der Kontrollgruppe entschieden sich 25,7 Prozent für den Kuchen. Im Gegensatz dazu nahmen sich 48 Prozent von denen, die vorher die hypothetische Frage gestellt bekommen hatten, einen Schokokuchen. Die Gruppenmitglieder zu drängen, sorgfältig über ihre Wahl nachzudenken, führte schließlich nur dazu, dass 66 statt 48 Prozent den Kuchen wählten. Den Teilnehmern war ganz offensichtlich nicht bewusst, dass sie durch die hypothetischen Fragen manipuliert worden waren, da sie ohne Ausnahme bestritten, dass ihre Wahl von Fragen vorangegangener Interviews beeinflusst worden war. Jeder und jede behauptete, dass seine oder ihre Wahl unabhängig von den hypothetischen Fragen getroffen wurde.

In den republikanischen Vorwahlen 2001 traten George W. Bush und John McCain gegeneinander an. Vor der Wahl im Bundesstaat South Carolina stellten Mitglieder der Kampagne von George W. Bush möglichen republikanischen Erstwählern eine hypothetische Frage: „Würden Sie eher für oder eher gegen John McCain stimmen, wenn Sie wüssten, dass er Vater eines unehelichen schwarzen Kindes wäre?“ George Bush gewann anschließend die Vorwahlen in South Carolina.

Dies ist ein Fall in dem die Sprache, die Art und Weise, wie etwas ausgedrückt wird, Macht besitzt; in einer hypothetischen Frage wird schließlich keine Begründung angegeben, warum man der Hypothese Glauben schenken sollte. Ein weiteres Beispiel sprachlicher Manipulation, vorgenommen vom Sozialpsychologen Christopher Bryan und seinen Kollegen: Wenn wir Sie fragen „Wie wichtig ist es, ein Wähler zu sein?“ werden Sie viel eher zur Wahl gehen als nach der Frage „Wie wichtig ist es, zu wählen?“ Die erste Frage führt dazu, dass Sie Ihre Eigenschaften in Bezug auf das Wahlverhalten reflektieren, die zweite führt nur dazu, dass Sie Ihre Pläne hinterfragen.

Rhetorik hat Macht, sie beeinflusst Einstellungen, Verhaltensweisen und das wahrgenommene Pflichtgefühl. Wer die Mechanismen von hasserfüllter Rhetorik versteht, erkennt auch die Gefahr, die dieser innewohnt. Rhetorik kann etwa empfundene Verpflichtungen verändern, indem sie Empfehlungen für bestimmte Gewohnheiten ausgibt. In einem 2012 veröffentlichten Artikel mit dem Titel „Genozidale Sprachspiele“ beschreibt der Philosoph Lynne Tirrell, wie die die Mehrheit stellenden Hutu in den Jahren vor dem Genozid in Ruanda ihre Tutsi-Nachbarn „Kakerlaken“ und „Schlangen“ nannten.

Schlangen haben in Ruanda einen schlechten Ruf, sie sind oft giftig. Tirrell schrieb, dass „in Ruanda Jungen stolz sind, wenn ihnen zugetraut wird, Schlangen die Köpfe abzuschneiden“. Tutsi „Schlangen“ zu nennen stellte eine Verbindung her zwischen dem Abschlachten eines Tutsi und der heldenhaften Tat, Schlangen zu töten. Nennt man Immigranten Eindringlinge, so hat dies den Effekt, sie mit Taten in Verbindung zu bringen, die man sonst mit feindlichen Einbrechern verbindet. Wenn jemand gleichzeitig das Wertesystem des Nationalismus vorantreibt, wird mit der Benutzung des Wortes „Eindringling“ für Immigranten ein ganz bestimmter Umgang empfohlen: Gewalt.

Diese Rhetorik hat eine Macht, weil sie Menschen dazu verleitet, Macht gegen Immigranten als obligatorisch anzusehen. In einer Rede im Oval Office im März verurteilte US-Präsident Trump Immigranten als „illegale Fremdlinge“. Er sagte weiter: „Menschen hassen das Wort ‚Invasion', aber das ist es. Es ist eine Invasion von Drogen und Kriminellen und Menschen.“ Wenn die rhetorische Macht, die damit verbunden ist, Immigranten als Eindringlinge zu bezeichnen ebenso wie die Autorität des Präsidenten ausgeweitet wird, kann dies das empfundene Pflichtgefühl besonders signifikant verschieben.

Rhetorische Macht scheint eine magische Idee zu sein. Die Tatsache, dass die Kraft der Wörter weniger ernst genommen wird als andere Formen von Macht, trägt allerdings nur zu ihrer Bedeutung als soziale Kraft bei. Rhetorische Macht verändert unsere Einstellungen durch Manipulation. Doch Manipulation ist meistens etwas verborgenes, wohingegen Sprache im Offenen stattfindet. Diese Offenheit normalisiert die Praktiken, die die Rhetorik empfiehlt.


Aus: "Serie "Was ist Macht?" Rhetorik kann eine dunkle Kraft sein"  Jason Stanley David Beaver (05.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/serie-was-ist-macht-rhetorik-kann-eine-dunkle-kraft-sein/24530926.html

Quote
Gophi 08:31 Uhr
Unterschätze niemand die Macht des gesprochenen Wortes.
Inzwischen muss man "des getwitterten Wortes", eines Youtube-Beitrages etc. hinzufügen.

Was wir sagen, entspringt unserem Denken. Was wir hören, beeinflusst unser Denken, ob wir es wollen, oder nicht. Das bedeutet nicht, dass wir allem, was wir hören, gleich hinterherlaufen, aber es bewegt etwas in unseren Gedanken. Und wenn wir es dann wieder und wieder hören, kann es Einzug in unsere Gedankenwelt erhalten, ohne dass wir das bewusst reflektieren.

Sehr deutlich wird das bei jenen Pegida-Demonstranten, deren Wertespektrum sich bereits soweit verschoben hat, dass sie Mord für ein legitimes Mittel der Auseinandersetzung halten. Aber auch in der Gesellschaft als Ganzem hat sich Denken und Sprache nach rechts verschoben. Manches, das heute offen geäußert wird, hätte vor 20 Jahren noch einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Parallel dazu erleben wir täglich eine Verrohung im Umgang miteinander. In Freibädern, im Verkehr, im Umgang mit Rettungs- und Sicherheitskräften. Zufall? Nein, das steht in einem unmittelbaren kausalen Zusammenhang. Wie wir miteinander reden, so behandeln wir uns auch. Keiner kann hassen, ohne selber hässlich zu werden.