Author Topic: [Zahllose Angstanfälle... (Lars von Trier)]  (Read 3635 times)

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Offline Textaris(txt*bot)

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[Zahllose Angstanfälle... (Lars von Trier)]
« on: May 13, 2007, 08:17:00 PM »
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[...] # Lars von Trier besitzt einen alten Kampfpanzer, den ihm anlässlich seines fünfundvierzigsten Geburtstages Peter Aalbæk Jensen, langjähriger Freund, Produzent und Zentropa-Mitbegründer geschenkt hat.
# Vor seiner Haustür thronen vier Gartenzwerge, der so genannte Pissing Gnome Park, auch ein früheres Geschenk und eine Art rituelle Toilette für ihn und seine Freunde. Augenzeugenberichten zufolge ist durch ständige Benutzung schon die rote Farbe auf deren Mützen stark abgeblättert. Bei Dreharbeiten kam es zu amüsanten Zwischenfällen mit der Zwergenkolonie (mindestens einem).
# Sehr viel Zeit nahm sich von Trier für das Filmprojekt Dimension, für welches er seit 1992 jährlich nur drei Minuten aufnehmen wollte. Der Film sollte 2024 fertiggestellt werden. Für den Fall eines vorzeitigen Ablebens von Triers sorgte er schon für einen (wahrscheinlich jüngeren) Regie-Ersatz, welcher dann den Film vollenden würde. Schauspieler Eddie Constantine starb 1993. Gerüchteweise war ein Krimi oder etwas krimiähnliches geplant. Nach Angaben der Zeitung Die Welt aus 2005 hat er das Projekt aufgegeben. Zehn Jahre sei gedreht worden, rechnerisch müssten also 30 Minuten im Kasten sein.


Aus: "Lars von Trier" (05/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Lars_von_Trier


-.-

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[...] Von Trier sagte über seine psychischen Probleme, er habe schon immer "zahllose Angstanfälle" gehabt, aber noch nie so eine tiefe Depression wie Anfang dieses Jahres. Mit dem ihm eigenen Sarkasmus meinte er über seine kurzfristige Einlieferung in die Psychiatrie des Kopenhagener Reichskrankenhauses: "Ich bin sehr stolz darauf, dass das jetzt in meinem Lebenslauf steht."


Aus: "Kult-Regisseur von Trier: Ende des Schaffens?" (13.05.2007)
Quelle: http://www.zeit.de/news/artikel/2007/05/13/102572.xml



Offline Textaris(txt*bot)

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[Es ist schockierend, lustig und traurig zugleich.... ]
« Reply #1 on: July 20, 2009, 10:49:15 AM »
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[...] Bei dem Interview mit Lars von Trier passiert nach zehn Minuten etwas Merkwürdiges. Ich sitze in einem Sessel in seinem Büro, einer geräumigen Kabine in seinem Zentropa-Studio-Komplex. Von Trier sitzt mir gegenüber auf einer Couch und spricht über seinen jüngsten Film Antichrist, an dem er zu arbeiten begann, als er gerade in eine Depression rutschte. „Dieser Film hat überhaupt keinen Spaß gemacht. Ich zwang mich dazu, jeden Tag zehn Seiten des Drehbuches zu schreiben. Das war für mich die einzige Möglichkeit, jeden Tag auf`s Neue aus dem Bett zu kommen. Ich musste diese Entscheidung treffen und die Sache durchziehen. Als es ans Drehen ging, war ich mental nicht in der Lage, eine Kamera zu halten und zu filmen. Ich war hilflos wie ein alter Mann in einem Rollstuhl. Es war erniedrigend, so arbeiten zu müssen.“

[...] In Antichrist gibt es lediglich zwei Figuren: Charlotte Gainsbourghs „Sie“, die durch den Schmerz über den Tod ihres Kindes den Verstand verliert und gewalttätig wird und den von Willem Dafoe gespielten „Er“, ihren Ehemann – ein Psychoanalytiker, der einen mit seiner Vernünftigkeit in den Wahnsinn treiben kann. Beide strahlen diese befremdliche, leicht entrückte Intensität aus, bei der man sich fragt, ob die beiden wohl einfach schlechte Schauspieler sind oder ob ihre Hölzernheit Teil von von Triers Masterplan ist. Denn seltsamerweise kommt sie diesem auf verstörende Art und Weise bescheuerten Film zugute. Seien Sie aber dennoch gewarnt: Die Gewaltszenen sind unbarmherzig und abstoßend.

Nachdem sie ihren Mann gefoltert hat, wendet die verrückt Gewordene sich selbst zu und schneidet sich in der Szene, die die Kritiker in Cannes in Rage versetzt hat, mit ein paar rostigen Rasierklingen die Klitoris ab, was dem Zuschauer in aller Ausführlichkeit vor Augen geführt wird. Antichrist wird daher auch kaum von Triers Ruf als Frauenfeind gefährden, auch wenn Gainsbourgh diese Lesart für zu vereinfachend hält.

Von Trier räumt fröhlich ein, dass er Sklave seiner Ängste und zahlreichen Neurosen ist. Er hat Flugangst und ist bekannt dafür, dass er mit dem Wohnmobil von Kopenhagen nach Cannes fährt. Als er einmal den Ärmelkanal überqueren musste, um in England Werbung für einen Film zu machen, musste er in einem katatonischen Zustand, mit Krämpfen und schizophrenen Wahnideen von Bord getragen werden. Er versucht, seine Dämonen mit Hilfe seiner Filme zu exorzieren, wobei ihm Antichrist interessanter Weise weder Frieden noch Läuterung brachte. „Es war“, sagt er, „eine Art von Hölle.“

[...] „Nun, mein Vater pflegte zu sagen, dass man den moralischen Zustand eines Landes daran bemessen kann, wie es mit seinen Gästen umgeht. In diesem Augenblick befindet sich dieses Land in einem schrecklichen Zustand. Es ist so dermaßen rechts und minderheitenfeindlich. Sie haben sicher von diesen Cartoons gehört?“, fragt er in Bezug auf die Kontroverse über die Mohammed-Karikaturen. „Das ist eine rechtsextreme Zeitung, die vorgibt, ihr ginge es um die Redefreiheit. Dabei wollte sie lediglich einer sehr kleinen Minderheit in diesem Land schaden. Ich würde so etwas nie tun. Wenn man provozieren will, sollte man sich einen Stärkeren aussuchen, andernfalls missbraucht man seine Macht.“

Nichtsdestotrotz gibt es oft eine große Diskrepanz zwischen den Intentionen Lars von Triers und seinen fertigen Filmen, das gilt für keinen von ihnen mehr als für Antichrist. Der Film beginnt als eine gruselige, an David Lynch gemahnende Meditation über die destabilisierende Kraft des Schmerzes, flirtet mit den Tropen des nordischen Märchens, der okkulten Mysterien und des Horrorfilms, rührt eine Portion recht simpler Kritik an der Psychoanalyse unter und begibt sich dann plötzlich, für den Zuschauer verwirrend und viel zu direkt in die Fußstapfen des unerbittlichen und abstumpfenden Folter-Pornos nach Art von Genre-Filmen wie Saw and Hotel, die er, nebenbei bemerkt, nicht gesehen haben will.

Als ich später im Sonnenschein am Swimmingpool des Zentropa-Geländes sitze und versuche, einen nackten Mann zu ignorieren, der gerade aus dem Wasser aufgetaucht ist und der auf diese ganz und gar nordische Art mit seiner Nacktheit im Reinen herumspaziert, kommt mir in den Sinn, dass alles, was Lars von Trier tut, wenn er es mit der Presse zu tun hat, Teil einer einzigen langen Performance sein könnte, zum Teil Selbstschutz, zum Teil Provokation. Gleichzeitig hat er aber auch etwas Ehrliches und Offenes an sich. Als ich ihn frage, wer, außer Tarkovsky seine wichtigsten Einflüsse sind, antwortet er „Mama und Papa“. Kichernd fügt er hinzu: „Gott sei Dank sind sie tot.“

[...] Es ist schockierend, lustig und traurig zugleich – wie auch, wenn er erzählt, dass er am Totenbett seiner Mutter erfahren habe, dass der Mann, der ihn aufgezogen hat, nicht sein leiblicher Vater war. „Das“, sagt er ruhig, „ist eine Bombe, die zu detonieren noch nicht aufgehört hat.“ Ich sitze da und ertrage tapfer die Stille, ganz der Therapeut, zu dem ich auf surreale Weise geworden bin. „Wirklich unbefriedigend war, dass ich mit dem Kerl, der nicht mein leiblicher Vater war, mit dem ich aber meine gesamte Kindheit verbracht habe, nicht mehr reden konnte, weil er schon tot war“, fährt er kopfschüttelnd fort. „Und dann bin ich natürlich sehr aufgeregt, mit meiner biologischen Familie in Kontakt zu treten. Aber wenn ich das tue, sind die ja wie Fremde für mich. Man kommt sich nicht wirklich näher“, sagt er und seufzt. „Alles ist irgendwie auf eine ungute Art unfertig.“

Es ist nicht schwer zu erkennen, wo Lars von Triers Verirrungen – seine Wut, sein Schmerz und sein uneingeschränktes Bedürfnis zu provozieren – herrühren. Mit seinen verrückten und oftmals brillanten, schlechten Filmen versucht er seine Wunden auszustellen und seine tiefsten Ängste zu exorzieren. Als ich gehe, sagt er: „Es gibt da diese sehr lustige Zeile in einem Meryl-Streep-Film, in der eine der Freundinnen sagt: 'Meine Mutter ist gestorben.' Und sie antwortet: 'Hey, das ist hart, aber später wirst du um so viel glücklicher sein.' Ein wenig fühle ich mich immer so.“ Fühlt er sich denn dann manchmal auch glücklich? „Soweit würde ich nicht gehen“, sagt er kichernd.




Aus: "Der Filmemacher auf der Couch" Sean O`Hagan, The Observer (19.07.2009, Übersetzung: Holger Hutt)
Quelle: http://www.freitag.de/kultur/0929-lars-von-trier-antichrist-dogma-dogville