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Author Topic: [Einblicke in die Eingeweide der Macht... (Pasolini)]  (Read 4543 times)

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[Einblicke in die Eingeweide der Macht... (Pasolini)]
« on: April 01, 2007, 11:44:26 PM »

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[...] Leipzig - Er war Dichter, Philosoph, Regisseur und Filmtheoretiker und sorgte mit seinen provokativen, aufwühlenden Filmen regelmäßig für kontroverse Diskussionen. Pier Paolo Pasolinis Werk polarisierte sowohl Kritiker als auch Publikum, seine unglaubliche Kreativität, seine unbändige Schaffenskraft und sein außergewöhnliches Talent für realistische Poesie sind jedoch unumstritten. Am 5. März 2007 wäre der italienische Filmemacher 85 Jahre alt geworden.

In Bologna als Sohn eines Leutnants und einer Lehrerin geboren, studierte er Literaturwissenschaften, Romanistik und Kunstgeschichte und brachte bereits 1942 seinen ersten Gedichtband heraus.


Aus: "85. Geburtstag von Pier Paolo Pasolini" (5.3.2007)
Quelle: http://www.kino-zeit.de/news/artikel/6687_85-geburtstag-von-pier-paolo-pasolini.html

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[...] Der experimentelle, fast sakrale Stil entwickelte sich ebenso zu einem Markenzeichen wie die Tabubrüche, mit denen Pasolini seine Filmstoffe fütterte. Themen waren stets archaischer Natur: Religion, Sexualität und Tod.

[...] "Die 120 Tage von Sodom" zelebrieren unerträgliche sadistische Gewalt- und faschistische Machfantasien. Die Uraufführung erlebte Pasolini nicht mehr. Am 2. November 1975 wurde auf einem Feld bei Rom seine verstümmelte Leiche gefunden. Angeblich erschlagen von einem Strichjungen, wurden die wirklichen Umstände aber nie aufgeklärt.


Aus: "Tabubrüche als Markenzeichen" Von Hartmut Goege (05.03.2007)
Quelle: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kalenderblatt/599289/

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[...] Ideologen aller Richtungen bemühen sich, den Schriftsteller und Regisseur als einen der ihren zu vereinnahmen. Selbst Roms Bürgermeister Veltroni spricht noch heute von einem "nicht zu besänftigenden Schmerz", den die Ermordung Pasolinis verursacht habe. Einer Umfrage zufolge nennen 75 Prozent der Italiener ihn "einen wichtigen Bezugspunkt" des 20. Jahrhunderts. Dementsprechend groß fällt das Medienecho aus, als vor zwei Jahren der als Mörder verurteilte, inzwischen 47-jährige Pino Pelosi, vor laufenden Kameras sein damaliges Geständnis widerruft. Vier andere Täter aus dem rechtsradikalen Milieu hätten mit dem verhassten Pasolini abgerechnet. Er selbst habe aus Angst um seine Familie geschwiegen. Sicher ist, dass der Gerichtsmediziner damals die Anwesenheit weiterer Angreifer zweifelsfrei festgestellt hat. Die Ermittlungen im Mordfall Pasolini werden daraufhin wieder aufgenommen - Ende offen.


Aus: "Vor 85 Jahren: Autor und Regisseur Pier Paolo Pasolini geboren: Provokation als Lebenskonzept" (05.03.07)
Quelle: http://www.wdr.de/themen/kultur/stichtag/2007/03/05.jhtml

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[...] "filmdenken & gewalt", der untertitel des buches. [...] pasolini loest neben dem "filmdenken" auch noch das versprechen der gewalt ein, im schlepptau hat er marquis de sade und dessen buch "die 120 tage von sodom". bei pasolini ergaenzt um das woertchen "salò", jener ort, in dem mussolini nach dem gefaengnisausbruch seine letzten beiden jahre unter deutschem schutz im exil zugebracht hat. "pasolinis film...ist...die erste (und wahrscheinlich einzige) filmische dokumentation aller kz-greul, die deutsche kz-besatzungen, ihre opfer quaelend, und bruellend vor lachen, in den kriegsjahren veruebt haben. er bezieht allerdings die italienische bourgeoise, den fuersten, den richter, die banken und die kirche mit ein, in ihrer alten faschistischen form wie auch in der 'neuen' des neokapitalismus...". pasolini und mit ihm theweleit sehen eine universelle struktur, von den alten griechen, bis hin zu den gegenwaertig stattfindenden gewaltvorgaengen, in der macht, die die herrschenden ausueben. pasolini insziniert in seinem film diese ritualisierte gewalt, die meist sexualisierte gewalt ist, ohne schonung bzw. sich an proklamierte grenzen des guten geschmacks zu halten.


Aus: "das unzeigbare zeigbar machen" - über "deutschlandfilme" von klaus theweleit (taschenbuch. 295 seiten)"
(Version 1, 139.20.17.107 am 1.8.2004)
Quelle: http://coforum.de/index.php?2674

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[...] Sodom und Gomorra ante portas. Ein anders gelagerter Fall, nicht minder skandalös, im Irak: Ein nackter Iraker, geführt an der Hundeleine der lächelnden 21-jährigen Lynndie England im Gefängnis Abu Ghraib. Dieses Bild ist um die Welt gegangen und zum Symbol geworden für die Abgründe, in die sich die Bush-Connection begeben hat. Auch dazu fällt Spiegel Online ein Vergleich ein: „Die Bilder erinnern an erschreckende Szenen aus einem Werk von Pasolini, dessen 120 Tage von Sodom als eins der grausamsten Werke der Filmgeschichte gilt“ (Spiegel Online, 6. Mai 2004).

Dem Lachen des Folterers ins Gesicht schauen
Wenn die Perversionen der Macht einmal die Medien beschäftigen, fällt also der Name Pasolinis. Immerhin. Wirklich Gelegenheit den Film zu sehen, hatten wohl die wenigsten. „Salo oder die 120 Tage von Sodom“ ist bis heute nur kleinen Zuschauerkreisen zugänglich geblieben. Zuletzt war er 2003 in einigen Programmkinos zu sehen. „Salo ist ein beinahe ungesehener Film; ein Film, der fast nur in Büchern existiert. Und von dort aus in Köpfen geistert, ein unbestatteter Untoter, eine gequälte Seele zwischen den Welten von de Sade und Kurt Cobain; sie treffen sich bei Bill Burroughs und hören Platten von Nirvana, und diskutieren die Menschen und ihr Gewaltproblem“ (Theweleit, S. 151). Theweleit ist es zu danken, dass der verbotene Film überhaupt als ernst zu nehmendes Werk der Faschismusbetrachtung und der Filmkunst ins Gespräch gekommen ist. „Salo“ gilt Theweleit als eines der wenigen Oeuvres der Filmgeschichte, dass eine universelle – politisch ausgedrückt: faschistische Form der Gewaltausübung – reflektiert. „Mir blätterte sich Pasolinis Film jetzt auf wie ein überreiches Theoriekompendium der schrecklichsten Formen von Gewaltausübung durch Herrscherschichten; der Film, der es fertig bringt, dem Lachen des Folterers ins Gesicht zu sehen...“.

[...] Dass er bislang sowenig beachtet wurde, kann als Indiz dafür gelten, dass Pasolini schwer auszuhaltende Einblicke in bestimmte Eingeweide der Macht gelungen sind. Hinzu kommt, dass der Pasolini-Essay in „Deutschlandfilme“ von außergewöhnlicher Aktualität ist, gerade in einem Jahrhundert, wo die Nationalstaaten das Monopol staatlicher Gewalt zunehmend Unternehmern oder aber Warlords überlassen und das Foltergeschäft allem Anschein nach boomt.

Dirty Pasolini? - Als Homosexueller, Antifaschist und Kommunist ist der 1922 geborene Pasolini ein hohes Wagnis eingegangen, als er 1975 inspiriert von dem Roman des Marquis de Sade ein Tableau des italienischen Faschismus und Neokapitalismus wie des deutschen Faschismus entworfen hat. Theweleit beleuchtet in eindrucksvoller Genauigkeit die biographischen, künstlerischen und politischen Kontexte eines weiteren Künstlerkönigs, dessen letztes Werk wohl auch sein Todesurteil besiegelte, zu groß und mächtig war nun das Heer seiner Feinde geworden. Pasolini schlug beinahe der gleiche Gegenwind um die Ohren, wie dem Marquis de Sade nach der Veröffentlichung seines Romans die „Die 120 Tage von Sodom“. „Ist das nicht Grund genug sich damit zu befassen?“ fragte Maurice Blanchot in Bezug auf de Sade.

Für Theweleit ist es ein Grund Gemeinsamkeiten zwischen de Sade und Pasolini nachzuspüren. Beide sind radikale Herrschaftskritiker. Sie holen die kriminellen Machenschaften, die mörderischen Gelüste und Orgien der Herrschenden ans öffentliche Licht und dekodieren die darunter liegenden Gewaltmuster. Das kann nur funktionieren, indem sich das Kunsthandwerk beim Anblick des lachenden Folterergesichts selber beschmutzt: "Man bekommt keine Beschreibung der faschistischen Gewalt-Systeme hin, ohne sich die Finger mit Details der Substanz zu beschmutzen", schreibt Theweleit (238).

„Wir Faschisten sind die einzig wirklichen Anarchisten“. Pasolinis „Salo“ ebenso wie de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ sind Schauplätze der irdischen Hölle, Danteske Höllenkreise, in denen rituell die unaussprechlichsten Gräueltaten inszeniert werden. Begangen von Feudalherren und inszeniert nach der Figurenkonstruktion aus de Sades Roman in der ‚Republik von Salo’ 1944. Theweleit beschreibt das Monsterkabinett und die Protagonisten, wie folgt: „Pasolinis vier Libertins: der Herzog sowie sein Bruder, der Monsignore, sowie der Banker und seine Exzellenz, der Justizchef, outen sich gleich zu Beginn des Films als stolze Faschisten. Sie tun dies mit der Formulierung eines der Haupttheoreme, das ist die Proklamation der Freiheit zum Begehen aller Verbrechen, die man begehen möchte und kann: ‚Wir Faschisten sind die einzig wirklichen Anarchisten’, sagt der denkende Kopf der Vier, der bei Pasolini einfach ‚Fürst’ heißt. ‚Natürlich erst dann, wenn die Macht im Staat uns gehört. Tatsächlich ermöglicht erst die Macht die Anarchie’“. Hier wird übrigens eine Anspielung auf Macchiavellis "Fürst" (Il principe) als unumschränkten Herrscher augenfällig.

Die Exzellenzen machen alles, was ihre Lust steigert und das Leiden anderer befördert. Sie vergewaltigen Männer und Frauen, lassen Pärchen vor ihren Augen kopulieren, einer ermordet seine Mutter, der Kleriker macht sich – das erinnert an besagte Pfaffen in Österreich – über die Männer her – und dann eine Szene, die oft in Verbindung mit Abu Ghraib gebracht wurde: Nackte Männer und Frauen wie Hunde an der Leine geführt. In einem Interview mit der „jungen welt“ vom 15. Mai 2004 hat sich Theweleit zu dieser Parallele geäußert:

„Dort spannt Pasolini mit Hilfe des Marquis de Sade einen Bogen der ritualisierten Folter von Sodom in der Bibel über Dantes Höllenkreise, die Exzesse des Feudaladels, des Klerus und der Justiz vor der französischen Revolution, zur Folter in deutschen KZs bis zu sadomasochistischen Erniedrigungs- und Vernichtungsinszenierungen in der Republik von Salò, Mussolinis kurzfristigem Ministaat nach seiner Vertreibung aus Rom. Und weiter zu den imperialen Praktiken der italienischen Bourgeoisie – der Film wurde Mitte der 1970er Jahre gedreht. Heute stünde das Wort Globalisierung als Endpunkt terroristischen Staatsverhaltens Europas gegenüber der sogenannten Dritten Welt.“

Das tieferliegende Prinzip dieser Gewaltorgien ist für Theweleit das arrangierte Spektakel, die Zurschaustellung der Folter. Dass die penibel choreographierte Gewalt den Folterern Lust spendet, ist ein Phänomen, das in den Medien völlig ignoriert wird. Kommentatoren halten das Faszinosum Folter für ein irrationales Phänomen und sind damit entweder überfordert oder sie sitzen irgendwelchen Gemeinplätzen von der Grausamkeit des Menschen auf. Da ist es nicht weit zur Politpornographie.

[...] Klaus Theweleit sagt es in „Deutschlandfilme“ nicht explizit, aber unsere Monster können jederzeit von der Leine gelassen werden, da sie ja nicht gewählt zu werden brauchen. Sie besetzen Schaltstellen in der Wirtschaft, der Justiz, der Kirche: sie stellt die Nomenklatura der Gesellschaft. Im Zeitalter der Globalisierung ist sie auf den Leviathan und seine Massenbasis auch nicht mehr angewiesen. Ihre Bühne ist das globale Dorf.


Aus: "Die Aktualität Pasolinis: Deutschlandfilme unter Theweleit-Lupe Teil 3" Von Peer Zickgraf (2.08.2004)
Quelle: http://www.einseitig.info/html/content.php?txtid=196&print=1

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[...] Theweleit: Wenn man sich die Linie ansieht, die Pasolini gezogen hat von Sodom über de Sade, den französischen Adel, die Salò und die SS bis zur italienischen Großbourgeoisie, dann liegt darin die Behauptung eines Universalismus der Folter, die schlicht zutrifft. Jede Gesellschaft hat einen bestimmten Prozentsatz von Menschen wie die US-Soldatin Lynndie England, die sich vor gefolterten Irakern ablichten ließ, Menschen, bei denen Sexualität umschlägt in Gewalt, in die Zerstörung des anderen. Unter den Bedingungen des Krieges darf sich diese Neigung endlich Bahn brechen.

SZ: Die Kontinuität der Folter reicht zurück bis in die Antike, wo sie Herrschaft legitimierte. Auf den Basaren in Tschetschenien kursieren grausame Videos. Ist also unser Abscheu vor den Bildern aus dem Irak nur die Reaktion friedensverwöhnter Mitteleuropäer, wie der Soziologe Wolfgang Sofsky sagt?

Theweleit: Es mag hart klingen, aber mich haben diese Bilder nicht besonders entsetzt. Ich habe solche Szenen im Kopf, etwa aus den KZ’s, aus Splatter- und Pornofilmen. Wir können diese Bilder verdrängen, aber dann geben wir uns jener Illusion hin, die die harmlosen Ausgaben der Tagesschau verbreiten: dass wir in einer halbwegs zivilisierten Welt leben. Aber eine Öffentlichkeit, die immer noch so tut, als hätte sie nicht gewusst, welche Verwüstungen der Krieg anrichtet, ist scheinheilig. Neu ist einzig die Zirkulation im Internet, in den elektronischen Medien, in Zeitungen.

SZ: Muss man diese Bilder zeigen?

Theweleit: Ich bin dafür, dass man sie zeigt. Wenn man sie in einem Kontext nach dem Motto „Oh, wie entsetzlich“ sieht, dann bleiben sie belanglos. Wenn man sich aber klarmacht, dass das ein Strang unserer Zivilisation ist, dass unsere Gesellschaft dieses ökonomisch-militärische Gewaltpotenzial hat, dass es global angewandt wird, dann können sie eine politische Diskussion in Gang setzen.

SZ: Ausgerechnet in der Region, wo der erste Golfkrieg klinisch saubere Bilder lieferte, dringt nun der Körper des Soldaten in seiner Sinnlichkeit und Verletzlichkeit über die Bilder seiner Zerstörung wieder ins Bewusstsein.

Theweleit: Für mich hat der Krieg diese Dimension der Sinnlichkeit und der Zerstörung nie verloren. Mit welchem Recht konnten wir sie auch verdrängen?


Aus: "Philosoph Theweleit im Interview: "Wir müssen diese Bilder zeigen"" Ein Interview von Sonja Zekri (SZ vom 13. Mai 2004)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/720/31689/
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[Die 120 Tage von Sodom... (Pasolini)]
« Reply #1 on: April 01, 2007, 11:55:08 PM »

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[...] Die 120 Tage von Sodom ist ein Spielfilm des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1975. Der Film basiert auf dem Buch Die 120 Tage von Sodom des Marquis de Sade.

Der Film ist in der „Italienischen Sozialrepublik“, der sogenannten Republik von Salò, angesiedelt, einem faschistischen Marionettenstaat im von Nazideutschland besetzten Norditalien. Vertreter des untergehenden Regimes, die als moralisch und sexuell verkommen beschrieben werden, setzen Angehörige des Widerstands mit Waffengewalt in einem Anwesen gefangen. Die Behandlung der Gefangenen steigt in Extreme an, so bekommen sie Kot zu essen und werden wie Tiere an der Leine geführt. Am Ende werden sie von den Schergen der Faschisten brutal ermordet oder gefoltert.

In der Erzählstruktur lehnte sich Pasolini an Dantes Inferno an: Der Film ist in drei Segmente geteilt, die Höllenkreise der Leidenschaft, der Scheiße und des Blutes, von denen aus Parallelen zur Vorhölle der Göttlichen Komödie gezogen werden können.

Der Film gilt bis heute als eines der umstrittensten Werke der Filmgeschichte. Wegen seiner offenen Darstellung von Vergewaltigung, Folter und Mord wurde der Film in vielen Ländern verboten. In Deutschland kam erst 2003, 28 Jahre nach der Entstehung des Films, eine ungekürzte Fassung in die Kinos. In Australien ist der Film bis heute verboten.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_120_Tage_von_Sodom_(Film) (Stand 04/2007)

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[... dass auch die Wirklichkeit oft nur (Pasolini)]
« Reply #2 on: February 01, 2016, 11:08:57 AM »

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[...] Pornografie oder Kunst? Pier Paolo Pasolinis radikaler Film "Die 120 Tage von Sodom" entfachte 1976 eine hitzige Zensurdebatte. Das Fernsehen darf ihn bis heute nicht zeigen - für Kinos gilt kein Verbot. ... Die einen bejubelten nun einen Sieg der (Kunst-)Freiheit. Andere warnten vor dem Untergang der Wertegesellschaft. "Die Welt" deutete das Urteil als Signal für "einen totalen Verfall der Scham und des Ekelgefühls" und als ein "Symptom der Krankheit zum Tode Westeuropas". Zehn Jahre später, 1987, landeten "Die 120 Tage von Sodom" auf dem Index der jugendgefährdenden Medien. Mit weitreichenden Folgen: Der Film darf weder im Fernsehen gezeigt noch öffentlich beworben werden. Im Mai 2012 erneuerte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) die Entscheidung.

Die Wirkung scheint damit ungebrochen: "Schonungsloser ist die unter dem dünnen Firnis aus Zivilisation und Bildung verborgene Bestie Mensch zuvor in keinem Spielfilm gezeigt worden", befand das "Hamburger Abendblatt" 1976. Und fügte hinzu: "Wer Pasolinis Film unerträglich findet, der tut es zu Recht. Er sollte aber daran denken, dass auch die Wirklichkeit oft nur schwer zu ertragen ist."


Aus: "Brechreiz bundesweit"  Stefan Volk (01.02.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/einestages/pasolinis-skandalfilm-salo-oder-die-120-tage-von-sodom-a-1073759.html

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