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Author Topic: [Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]  (Read 264123 times)

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #385 on: January 18, 2020, 11:03:40 AM »

Quote
[...] Rio de Janeiro – Der brasilianische Kultursekretär Roberto Alvim hat mit einer Rede im Stil von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels in Brasilien Bestürzung ausgelöst. Künstler wie der Schriftsteller Antonio Prata oder der Sänger Marcelo D2 äußerten sich entgeistert.

In einem Video, das das Sekretariat für Kultur der Regierung des rechten Präsidenten Jair Bolsonaro auf Twitter postete, sagte Alvim: "Die brasilianische Kunst des nächsten Jahrzehnts wird heroisch sein und sie wird national sein. (...) Oder sie wird nichts sein."

Brasilianische Medien wie das Nachrichtenportal "G1" oder die Tageszeitung "Folha de S. Paulo" verglichen die Passage mit Aussagen Goebbels und stellten die beiden Stellen übereinander. Sie verwiesen auf eine Goebbels-Biografie des deutschen Historikers Peter Longerich. Demnach hatte Goebbels 1933 vor Theaterleitern gesagt: "Die deutsche Kunst des nächsten Jahrzehnts wird heroisch, sie wird stählern romantisch (...) sein, oder sie wird nichts sein." Auch die Ästhetik des Videos, der Ton des Vortrags und die Hintergrundmusik – aus der Oper "Lohengrin" von Richard Wagner – erinnerten brasilianische Beobachter an Nazi-Propaganda.

Später erklärte Alvim auf Facebook, er habe nicht gewusst, woher der Satz stammte. Hätte er es gewusst, hätte er dies nie gesagt. Mit dem Video hatte ursprünglich der von der Regierung Bolsonaro neu geschaffene Kunstpreis verbreitet werden sollen. (APA, 17.1.2020)


Aus: "Goebbels-Rede imitiert: Kultursekretär schockt Brasilien" (17. Jänner 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000113438652/goebbels-rede-imitiert-kultursekretaer-schockt-brasilien
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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #386 on: March 03, 2020, 05:04:08 PM »

Quote
[...] Heute ist Super Tuesday in den USA. Da in 14 Bundesstaaten gleichzeitig Vorwahlen sind, ist es der Tag, an dem die meisten Delegierten gewählt werden. Die US-Demokraten suchen nach einem Kandidaten oder einer Kandidatin für die Präsidentschaftswahl im Herbst, um US-Präsident Donald Trump herauszufordern. Doch zunächst müssen die Vorwahlen gewonnen werden.

In der US-Gesellschaft stünden sich heute zwei Lager in großer Fremdheit gegenüber, beschreibt der Politologe Torben Lütjen die Situation. Der Professor an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, hat gerade das Buch „Amerika im kalten Bürgerkrieg“ veröffentlicht, sagt aber das sei eher metaphorisch gemeint. Es gebe zwar spätestens seit Trumps Amtsantritt ernsthafte Debatten darüber, ob es zum Bürgerkrieg kommen könne, aber das scheine ihm doch relativ weit weg, wenn auch für die Zukunft nicht ausgeschlossen.

Die beiden Lager operierten mit sehr unterschiedlichen Wirklichkeitsannahmen, hätten die Zugbrücke zur Gegenseite hochgezogen und verharrten in ihren rhetorischen Schützengräben. Der politische Gegner werde inzwischen als Feind gesehen. „Trump ist eher Symptom, nicht Ursache dieser Spaltung“, sagt Lütjen. Die Entwicklung dieser Spaltung erstrecke sich über einen langen Zeitraum. „Es gibt so eine Art von Sattelzeit der Polarisierung, das sind vermutlich die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, als sich verschiedene Konfliktlinien herausgeprägt haben.“ Lütjen nannte unter anderem ethnische Konflikte, die Frage der Religion und das Gefälle zwischen Stadt und Land.

Für die Zukunft verficht der Politologe eher düstere Prognosen: „Sehr viel Hoffnung habe ich nicht“, sagt er. Egal wer die Präsidentenwahl gewinne, das Land werde im Modus dieser extremen Spaltung der Gesellschaft verharren. Er sehe keinen Politiker, der das Land einen könne. Vielleicht könnten sich in 20 oder 30 Jahren manche Konfliktlinien abschleifen. Es könnte sein, dass dann auch Trumps Politik nicht mehr mehrheitsfähig sei und die Republikaner dann gezwungen seien, auch auf andere Wähler zuzugehen und sich zu mäßigen. „Das scheint mir aber doch insgesamt ziemlich in der Zukunft zu liegen.“

(gem)


Aus: "USA im Vorwahlkampf Zwei politische Lager in großer Fremdheit" Torben Lütjen im Gespräch mit Stephan Karkowsky (03.03.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/usa-im-vorwahlkampf-zwei-politische-lager-in-grosser.1008.de.html?dram:article_id=471521
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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #387 on: April 18, 2020, 11:36:19 AM »

Quote
[...] "Ales zua, richtig still is’ es", bemerkt Josef Gaisberger. Und an diese Ruhe sollen sie sich gefälligst halten, die Zuagrasten, meint Josef Gaisberger. Er drückt es natürlich viel höflicher aus. Denn so ganz verschrecken, wie sein Bürgermeister es getan hat, will er die Touristen und Zweitwohnbesitzer ja auch nicht.

Immerhin ist er als Fischermeister am Altausseer See auch so etwas wie eine Respektsperson, und man lebt halt doch – und das gar nicht schlecht – vom Fremdenverkehr und den Zweitwohnbesitzern, die mittlerweile schon beinahe die Hälfte der Immobilien im Ort erworben haben.

Genau auf diese hatte es der Altausseer Bürgermeister – im Bunde mit seinen Kollegen der Nachbargemeinden – aber abgesehen, als er kürzlich in einem Schreiben an die steirische Landesregierung forderte, Besitzer eines Zweitdomizils müssten sich entscheiden, "ob sie diese Krise an ihrem Haupt- oder Zweitwohnsitz durchstehen wollen".

Es seien von Ordnungsorganen vermehrt "Autokennzeichen aus Graz, Wien und Linz" gesichtet worden, diese Gäste würden sich "den örtlichen Vorgaben und den Anordnungen der Bundesregierung widersetzen". Der Übertritt der Gemeindegrenzen müsse daher beschränkt werden. Auf grob Steirisch: Sie sollen dort bleiben, wo sie herkommen.

"Disziplinlos", seien sie, die Zweitwohnbesitzer, grollt der rüstige Über-80er Gaisbauer: "Wir müssen ja auch daheimbleiben." Nicht einmal zu seinen geliebten Fischen runter zum See könne er gehen.

Die Altausseer müssten sich an die Coronaregeln halten, aber "die" – da meint er die Städter – "halten sich nicht an die Bestimmungen. Sie kommen her zu ihren Zweitwohnsitzen, fahren in der Gegend rum, was weiß ich wohin, und dann bringen’s womöglich die Viren und Infektionen mit."

Die Zweitwohnbesitzer, und derer gibt es in Altaussee eben viele, fühlen sich jetzt, tief gekränkt, vor die Tür gesetzt. Plötzlich sind sie Fremde im eigenen Land und werden auch als solche behandelt. In Internetforen lassen sie Luft ab, ein mittlerer Orkan zieht gegen die Altausseer auf, denen vorgeworfen wird, jetzt trete deren Fremdenfeindlichkeit zutage.

"Unser Geld wollen sie schon", setzte ein überaus grantiger, gar nicht so unbekannter Wiener Bohemien einen Tweet ab. Ein Anderer aus der Twitter-Blase sieht die ganze Aufregung hingegen mit Augenzwinkern: "Da wollen Menschen aus Wien oder anderen Städten jahrelang nichts sehnlicher, als Teil der dort heimischen Subkultur zu werden. Sie mieten oder kaufen sich ein, kaufen sich neue Hüte und alte Lederhosen. Nehmen Sprache und Gebräuche an, um dann in der Krise festzustellen, dass all ihre Bemühungen vergebens waren und sie am Ende doch ,Die Wiener‘ geblieben sind, die sie von Anfang an waren."

Die Altausseerinnen und Altauseer sind aber eh noch milde. In Kritzendorf im Bezirk Tulln in Niederösterreich wurde den dortigen Zweitwohnbesitzern einfach das Wasser abgedreht. Die Stadt Klosterneuburg hatte beschlossen, das Wasser nicht aufzudrehen, um in Zeiten der Coronavirus-Krise "das Pendeln zwischen zwei Wohnsitzen einzudämmen", hieß es.

Apropos Wasser: Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil ließ jetzt anordnen, dass nur noch nahe wohnende Burgenländer das Neusiedlersee-Areal betreten dürfen. Burgenland den Burgenländern. Von draußen aus der Großstadt könnte ja das Virus kommen. Altausseer Weisheit.

Orte wie Altaussee oder Plätzchen am Neusiedlersee sind Synonyme für die Suche nach der Idylle, der Romantik alter Sommerfrische. Das Ländliche, Erdige, Ursprüngliche war immer schon – bereits in der Antike – ein "Sehnsuchtsort" wie es Friedrich Torberg 1942 im Exil für sein Altaussee formuliert hatte.

Musterbeispiel Altaussee: Es war in jüngerer Vergangenheit zuerst der Adel, der ab Mitte des 19. Jahrhunderts dem Kaiser in Bad Ischl nahe sein wollte und ins Salzkammergut nachreiste. 1847 ist der erste Zweitwohnsitz in Altaussee verbrieft.

Der Offizier und Schriftsteller Joseph Christian Freiherr von Zedlitz errichtete als erster Künstler "aus Liebe zur Natur und dem Entzücken über diese wunderbare Landschaft" sein "Seehaus". Später kamen Schriftsteller wie Hugo von Hofmannsthal Arthur Schnitzler oder Friedrich Torberg, auch Sigmund Freud und Gustav Mahler nach.

Sie alle machten Altaussee durch ihre schiere Anwesenheit zur österreichischen Sommerfrische-Berühmtheit. Altaussee könnte als Prototyp eines Sehnsuchtsortes für Städter, wenn es der Zufall gewollt hätte, sicher auch ganz woanders liegen. Österreich verfügt ja über eine Vielzahl an idealtypischen Entschleunigungsorten.

Nicht nur Österreich hat Derartiges zu bieten. Man denke etwa an das schweizerische Sils Maria, das für Hermann Hesse und andere Künstler zur zweiten Heimat wurde. "Wir sind hier restlos begeistert und schlürfen die Luft der Gemsen wie französischen Champagner", schrieb der Komponist Richard Strauss 1947 aus dem Engadin.

Schriftsteller wie Max Frisch, Thomas Mann oder Kurt Tucholsky genossen hier diese Einschicht, Friedrich Dürrenmatt, Albert Einstein waren ebenso hier. Friedrich Nietzsche lebte karg in einem kleinen Engadiner Häuschen.

Diese damals geübte Bescheidenheit der Sommerfrischler ist längst aus der Mode gekommen. Die Natur, das Plätschern des Baches, das Läuten der Kuhglocken und die Heuernte wollen in einem doch eher luxuriösen Ambiente genossen und das tagsüber bei Spaziergängen Erlebte bei einem guten Tropfen und delikater Haubenküche am Abend reflektiert werden.

"Es ist ein Privat-Vergnügen – vor allem für Neu-Eliten, die sogenannten Raumpioniere, die dem Leben der Stadt entrinnen und es sich leisten können, auf das Land zu ziehen, um verödete und verlassene Räume neu zu besetzen.

Es sind Nomaden, die wie Außerirdische in der Provinz landen", formulierte es einmal der Kulturgeograf Marc Redepenning. Und da ist auch dieses erhabene Gefühl, zur Elite zu gehören, dort wo – wie in Altaussee – auch die Androschs und Mateschitz verweilen und dort mächtig ins Tourismusgeschäft investieren.

Man gehört dazu – aber plötzlich kommt dieses Virus daher und vermiest die schönLandromantik. Und nichts ist es mehr mit Stammtischsitzungen.

Die Einheimischen erlassen vielmehr eine rücksichtslose Regel des Social Distancings: Inländer raus. In ihnen keimt wieder etwas auf, das Sozialpsychologen als "soziale Identität" bezeichnen würden.

Bei einer Bedrohung von außen ist sie rasch gebildet, die einende und abwehrende "Gruppenidentität". Dann ist man Altausseer oder Burgenländer. Das Prinzip "Eigengruppe versus Fremdgruppe", funktioniert immer, wie in einer Vielzahl sozialpsychologischer Studien nachgewiesen wurde.

Es beginnt schon im gesellschaftlichen Mikrokosmos, wenn die ansässigen Speckgürtelbewohner gegen die "Zuwanderer" aus der Stadt schimpfen, wenn das obere Dorf gegen das untere Dorf polemisiert.

Im Fußballmatch der Bezirksliga ist das Dorf aber wieder geeint, wenn es gegen die Nachbargemeinde geht. Und natürlich fühlt man sich – wenn’s darauf ankommt – übergeordnet als Mühlviertler, Murtaler oder Wiener. Und irgendwann kommt der Zeitpunkt, sich als Tiroler, Steirer oder Kärnten zu outen, wenn die gemeinsame Identität der Geburtsregion gefragt ist.

Der Gruppenzusammenhalt reicht in Ausnahmefällen, wenn die Republik von außen kritisiert wird oder bei Länderspielen sogar für eine "Wir-sind-Österreicher"-Identität. Das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit hört spätestens bei Europa auf.

Das ist eine Dimension zu weit weg, da bleibt man lieber in der kleinen, aber sicheren Selbstbestimmtheit als Altausseer oder Burgenländer unter sich, mit dem Kirchturm als Horizont.

Da können die Städter kommen und noch so viele Lederhosen und Dirndln kaufen, in diese "lokale Identität" werden sie nicht integriert. Sie werden immer die "Zuagrasten" bleiben. Mit oder ohne Virus. (Walter Müller, 18.4.2020)


Aus: "Corona-Krise: Inländer raus" Walter Müller (18. April 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000116950860/inlaender-raus

Quote
haslach

IMMER SO!

Die "Fremden" sind o.k., solange sie:
a) Geld bringen
b) eine Fussballmannschaft zum Sieg führen
c) als billige Hilfskräfte tätig sind (besonders in der Pflege ...)
d) als billige Erntehelfer kommen
e) in der Prostitution tätig sind (Exotik macht geil)
f) für bestimmte Kreise: ausländische Politiker als Wahlhelfer für die bevorzugte Ideologie

AMERKUNG: Die Punkte e und f stehen natürlich ohne Absicht nebeneinander


Quote
Kara Mustafa

Hm. Ich fühle mich ehrlich gesagt zu Tirolern oder Steirern nicht überdurchschnittlich stark sexuell angezogen. Trotz der Exotik.


Quote
bauernopfer

Ich schreibe es gerne nochmal: Das ist eine logische Fortsetzung des wachsenden Nationalismus. Aus unserem Land wird unser Bundesland, unser Bezirk, unser Ort, unsere Siedlung und am Ende dann mein Haus. Flugs den Stacheldraht aufgebaut, wer weiß schon, was dieser Nachbar im Schilde führt...


Quote
haslach

CORONA

Was einem alles in der Corona-Krise so in den Sinn kommt: Pest, Lepra, Aussätzige, Strafe-Gottes-Theoretiker, Mia-san-mia-Philosophen, Krisengewinnler statt Kriegsgewinner, Verschwörungstheoretiker ... Und stets aufs Neue das Wort von G. B. Shaw: "Die Politik ist das Paradies der zungenfertigen Schwätzer!"


Quote
Rohling

Wie Adolf Loos schon sagte:,Der Städter, der sich wie ein Bauer kleidet, ist ein Hanswurst.“ - Vor vielen Jahren auf der Loserhütte, August, Sonntagabend: Die Terrasse voll mit Wienern in Luxustrachten und Eingeborenen in Jeans. Unvergesslich.


Quote
Hudson

Als Durchschnittsverdiener, der meilenweit davon entfernt ist irgendwo einen Zweitwohnsitz zu haben (es warad wegen der Kohle) und der im Moment ganz andere Sorgen und Themen hat, beobachte ich dieses Match irgendwie mit einem gewissen Grinser: Übersättig-reiche Städter/„Zweitwohnsitzer“ gegen hohle Bauernschädeln/„Bürgermeister“.

Hat was. Meine Prognose: Die Beppis vom Land werden irgendwann draufkommen, dass sie die Kommunalsteuern und Einnahme der Zweitwohnsitzer doch gern hätten, spätestens im Sommer wenn die Kasse dann komplett leer ist. Als Revanche könnte Wien nach der Wahl aber auch schon mit einer City-Maut nachgezogen haben....natürlich nur wegen dem Klimaschutz, was denn sonst....


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #388 on: June 11, 2020, 11:11:47 AM »

Quote
[...] Der größte kulturelle Kampfplatz der letzten Jahre – Identitätspolitik –, durch Corona zuerst fast zum Erliegen gekommen, weitet sich plötzlich rasant aus. Wohin führt das? Es geht ein Riss durch Familien, Talkshows und Redaktionen, und dieser lässt auf einen Generationskonflikt blicken, wie er schon bei Fridays for Future beobachtet werden konnte. In der New York Times gärt gerade ein Kampf zwischen eher linksliberalen Mitarbeitern, die über 40 sind, und den Progressiven, Jüngeren, die als „woke“ gelten, was man entweder als überempfindlich oder eben angemessen „wachsam“ gegenüber rassistischer Ungerechtigkeit verstehen kann. Komplizierter ist das, weil Jung und Alt auf der ersten Ebene, ganz ähnlich wie beim Klima, einer Meinung scheinen: Natürlich ist man „gegen“ den Klimawandel, natürlich ist man gegen Rassismus. Auf Änderungswünsche reagieren Cis-Boomer in Gesprächen aber auffallend bockig: Nein, man selbst habe damit nichts zu tun, hier ist es anders, besser.

Das ist absurd, da die Gewalttaten durch rechts auch hierzulande zunehmen und weil eine junge Generation nichts weniger fordert als eine Wurzelbehandlung des Rassismus. Sie will an seine Strukturen gehen. Wie sie das macht, stößt auf unseren Widerwillen. Muss man wissen, warum Schwarze sich nun häufig als PoC (People of Color) oder BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) definieren? Brauche ich wirklich Benimmregeln, wie ich mich als weißer Mensch auf einer Demonstration für die Rechte von Schwarzen verhalten darf? Und muss man dort Buße tun, wie das in Amerika zum Teil vor Demonstrationen zelebriert wird?

Dabei hantiert die Woke-Jugend nur mit etwas, das uns bekannt vorkommen sollte, sie nennen es nur eben anders: Dekonstruktion, ein analytisches Verfahren, das Hinterfragen des Alltäglichsten und Selbstverständlichsten. Die Schlausten und Härtesten von ihnen wollen in die Grammatik unserer Sprache, in die Geschichten unserer Familie, in die banalsten Gespräche beim Esstisch – sie wollen, dass sie sich und wir uns als Teil des Problems erkennen.

Das geht tief. Und kann ganz schön nerven. Aber könnte es nicht auch interessant sein, noch einmal zum tiefen Kern von sich selbst hinabzusteigen und zu fragen: Warum rede ich so? Was hat das vielleicht doch mit mir zu tun, wenn, wie eine Studie zeigt, Lehramtsstudenten einem Kind namens „Murat“ im Schnitt beim Diktat eine schlechtere Note geben als „Max“ – auch wenn die Leistung bzw. Fehlerzahl gleich war. Alles außer unserer Solidarität für diese Bewegung bedeutet ein fades und folgenschweres Weiter-so.


Aus: "Muss ich wirklich wissen, was PoC bedeutet?" Timo Feldhaus (Ausgabe 24/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/timofeldhaus/muss-ich-wissen-was-poc-bedeutet

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« Reply #389 on: June 11, 2020, 11:17:46 AM »

Quote
[...] Der Filmklassiker "Vom Winde verweht" hat nach einer Absage vom US-Streaminganbieter HBO Max überraschend Zulauf bekommen. In den Amazon-Verkaufscharts sei das Südstaatendrama nun zum Bestseller geworden, berichteten "Variety" und andere US-Medien. Einen Tag zuvor hatte HBO Max den Film vorerst aus dem Programm gestrichen.

Der Film zeige ethnische und rassistische Vorurteile, "die leider in der amerikanischen Gesellschaft gang und gäbe waren", sagte ein Sprecher von HBO Max. Das zu Warner Media gehörende Unternehmen wolle dem Film Erklärungen zu dessen Vorurteilen und der problematischen Darstellung von Sklaverei zur Seite stellen. "Er wird mit einer Erläuterung seines historischen Kontexts und einer Distanzierung von den rassistischen Darstellungen ins Programm wiederaufgenommen werden", hieß in einem Statement des Unternehmens.

 "Vom Winde verweht" ist 1939 erschienen und erzählt die Geschichte der Gutsherrin Scarlett O'Hara in den US-Südstaaten zu Zeiten des Bürgerkrieges. Auch nach der Abschaffung der Sklaverei stehen mehrere afroamerikanische Charaktere freiwillig und loyal zu Scarletts Familie, Probleme durch Sklaverei werden in dem Klassiker nicht thematisiert.

Das preisgekrönte Epos gehört zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Schauspielerin Hattie McDaniel hatte in dem Streifen ein Kindermädchen gespielt und dafür 1940 den Oscar gewonnen. Bei der Verleihung durfte sie wegen ihrer dunklen Hautfarbe nicht mit dem Rest des Teams an einem Tisch sitzen, sondern war in den hinteren Teil des Raumes verbannt worden.

John Ridley, Drehbuchautor des Sklavendramas "12 Years a Slave", hatte bereits von HBO gefordert, das Liebesdrama aus dem Angebot zu nehmen. "Es ist ein Film, der in den Momenten, in denen er nicht ohnehin den Horror der Sklaverei ignoriert, einige der schmerzhaftesten Stereotype über People of Color verbreitet", schrieb er in der "Los Angeles Times". "Es arbeiteten die größten Talente Hollywoods ihrer Zeit gemeinsam daran, eine Geschichte zu glorifizieren, die es so nie gab."

Quelle: ntv.de, jpe/dpa/AFP


Aus: "Rassistisches Südstaaten-Epos "Vom Winde verweht" stürmt Verkaufscharts" (Donnerstag, 11. Juni 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/leute/Vom-Winde-verweht-stuermt-Verkaufscharts-article21838944.html

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« Reply #390 on: July 01, 2020, 12:21:29 PM »

Quote
[...] In Denkmälern, Texten, Bildern, Filmen, Comics und TV-Serien stecken rassistische Klischees, werden immer noch rassistische Personen und Taten verherrlicht. Und dort gibt es auch, eines der größten Probleme, den "Rassismus in netter Form". Damit kann man ins Herz einer europäischen Kulturbiografie stechen: Die Kinderbücher, die man einst so geliebt hat, Pippi Langstrumpf oder Jim Knopf; die Comics, die man verschlungen hat, Tarzan oder Akim, Flash Gordon oder Prinz Eisenherz; die Schlager, die man gedankenlos trällerte, von faulen, kindlichen Südamerikanern etwa, ja, das war mexikanisch; die fragwürdigen Kinderlieder (Dra Chanasan …); das Blackfacing im Karneval oder bei den Heiligen Drei Königen; Straßennamen, an die man sich gewöhnt hat, ohne über Namensgebung nachzudenken; Firmenschilder, vom "Mohrenbräu" bis zum "Sarotti-Mohr"; alte Filme von Laurel & Hardy mit "lustigem" Blackfacing; Sonntagsmatinee-Western und ihrem heroischen Vernichtungskampf gegen die üblen "Rothäute"; Worte und Begriffe, die auch in weniger verdächtigen Texten auftauchen und doch in ihrer Bedeutung kontaminiert sind; schließlich sogar der umgekehrte Vorgang einer weißen Inbesitznahme schwarzer Musik, schwarzer Helden, schwarzer Kunst und vielleicht sogar schwarzer Politik durch die rebellischen Kinder des weißen Mittelstandes. Widerspruchsfrei ist am Ende nicht einmal "weißer Antirassismus" zu haben. All das steht in einer Geschichte, deren Bezeichnung "postkolonialistisch" einem viel zu leicht von der Hand geht.

Nicht rassistisch zu sein in einer Gesellschaft, die immer noch rassistisch geprägt ist und in einer Kultur, die immer noch nicht mit ihrem rassistischen Erbe umzugehen gelernt hat, ist unmöglich. Möglich und verpflichtend aber ist eine Arbeit an der Überwindung des Rassismus. Diese Arbeit beginnt mit einem Bekenntnis zur Widersprüchlichkeit und zur Unabschließbarkeit: Das Kind, das seine Eltern fragt, was Rassismus eigentlich einmal war, ist im Moment noch reine Utopie. Stattdessen ist die Realität zu beobachten, dass Rassismus aus dem Stadium der sozialen Latenz wieder an die Oberfläche der politischen Rhetorik gelangt, vom rechten Rand ausstrahlend bis in die viel beschworene Mitte der Gesellschaft.

Von diesem rechten Rand freilich kommt mit dem "gewöhnlichen Rassismus" auch noch jener, der an Barbarei alle übertrifft, der Antisemitismus, der uns seit Jahr und Tag fragen lässt, ob man noch Heidegger lesen, Richard Wagner hören, Ufa-Filme sehen kann, und wenn ja, mit welcher Haltung. Einer der beklemmendsten Augenblicke von Art Spiegelmans Graphic Novel Maus ist jener, in dem der Sohn wutentbrannt seinen Vater verlässt, den KZ-Überlebenden, der sich gegenüber seinen schwarzen Mitbürgern in den USA als Rassist entpuppt. Nichts ist klar, nichts erledigt, gar nichts.

Zur Arbeit am Antirassismus gehört allerdings auch, in der Dialektik von sozialem und kulturellem Rassismus wachsam und realistisch zu bleiben. Denn das Wesen des Rassismus ist nicht allein Ideologie, Semantik und Kultur, sondern vor allem politische, soziale und nicht zuletzt eben auch gewalttätige Praxis. Genau darum geht es ja den Protesten gegen rassistisch grundierte Polizeigewalt. Sie ist die Spitze eines Eisberges von realer Unterdrückung, realer Ausbeutung, realer Demütigung. Es geht um den Zusammenhang von Worten und Bildern auf der einen, Verhältnissen und Taten auf der anderen Seite.

Wenn wir also die Archive und die Produktion von Kunst und Kultur kritisch durchforsten, ist es die soziale Wirklichkeit des Rassismus, die uns hier hingebracht hat. Zwar ist es klar, dass mit einer universitären Debatte über Texte und Bilder noch lange keine soziale Gerechtigkeit geschaffen wird, aber es ist auch klar, dass Rassismus nicht in einer Kultur überwunden werden kann, die ihrem rassistischen Erbe gegenüber gleichgültig bleibt.

Es gibt nun mehrere Strategien, damit umzugehen. Nicht alle sind gleichermaßen realistisch oder Erfolg versprechend:

1. Wir lassen alles, wie es ist, in der Hoffnung darauf, dass eine im Wesentlichen aufgeklärte, tolerante und sich selbst historisch-kritisch verstehende Gesellschaft schon damit umgehen kann. Die Denkmäler, Bilder und Textstellen fungieren dann als Erinnerungen daran, wie hart der Weg zur besseren Zukunft war und ist. Leider kann sich eine solche Lösung des bedingungslosen Liberalismus auf keine Gemeinschaft beziehen, die diese Kriterien erfüllen würde. Diese müsste erst geschaffen werden – und wird derzeit offenbar eher verhindert.

2. Da wir unser kulturelles Erbe nicht verfälschen wollen, als hätte es den Rassismus nie gegeben und als ließe sich historische Schuld durch die Säuberung der Dokumente verdrängen, versehen wir diese Dokumente mit Kommentaren und Hintergrundwissen. Mit Texten oder Filmen wird bereits so verfahren, freilich in einem denkwürdigen Sinn: "So hat man das damals gesagt oder abgebildet (wie etwa das rassistische Klischee der übergewichtigen schwarzen Hausdienerin in Tom-und-Jerry-Cartoons), so würden wir das heute nicht mehr machen." Ob die bloße Distanzierung genügt, um etwas vom Rassismus in einer Kultur zu verstehen?

3. Wir nehmen eine selektive Bearbeitung vor. Öffentliche Ehrungen fragwürdiger Personen durch Denkmäler, Straßennamen oder Institutionen, wie gerade am Beispiel des Woodrow-Wilson-Centers in Washington, werden nicht mehr akzeptiert. Dem "normalen" kulturellen Erbe ist man nicht mehr in der Öffentlichkeit ausgesetzt, man kann es in ohnehin kuratierten Institutionen wie Bibliotheken, Museen oder Kinosälen besichtigen. Extreme Achtsamkeit wird bei der neuen Gestaltung des öffentlichen Raums, nämlich bei Werbung und PR erwartet; ein Fall wie die jüngst missratene VW-Werbung etwa (das "Wegschnippen" einer Person of Color durch eine weiße Hand …) zeigt, wie notwendig eine solche Achtsamkeit ist. Es ist der öffentliche Raum, als materieller wie als digitaler, in dem Rassismus auch in "historisierter" oder "harmloser" Form nicht geduldet werden darf.

4. Die Präsenz einer Gegen-Geschichte ist sehr wichtig. Kritik an den Dokumenten der Geschichte des Rassismus ist die eine Seite, die andere Seite ist die Dokumentation aus der Perspektive der Opfer. Der öffentliche Raum muss nicht nur von der bewusstlosen Darstellung der rassistischen Geschichte und der Klischees von heute befreit werden (durch Entfernung, Distanzierung oder Aufklärung), sondern auch zum Ort für Trauer, Erinnerung und Kritik. Das eine wie das andere wird die "Empfindlichkeit" der Rassisten provozieren.

5. All das wird nicht ausreichen. Es braucht eine fundamentale Erneuerung, ein rewriting der Kulturgeschichte der postkolonialen Gesellschaften und Nationen. Den Nachfahren der rassistischen Politik und den Immer-noch-Rassisten ist es zuzumuten, dass die Nachfahren der Opfer bestimmend an diesem rewriting beteiligt sind, das in der Tat nicht bloß in Text- und Bildwelten eingreift, sondern auch in die kulturellen Biografien, ja in das, was man "kulturelle Identität" nennt.   

Gleichgültig, auf welche Strategie man sich einigt – von der ersten, der Laissez-faire-solution abgesehen: Sie sind alle mit Schmerzen, mit Widersprüchen, mit Entfremdungen verbunden. Und Patentrezepte gibt es schon gar nicht. Nehmen wir ein wahrhaft vergiftetes Werk wie David Wark Griffiths Birth of a Nation. Ohne diesen Stummfilm von 1915 ist die Geschichte des Mediums kaum zu verstehen, aber mit ihm kommt der Keim eines Rassismus, der zwar in einem analytischen Seminar bestens zu entzaubern ist, beim "naiven" Betrachten (und auch das gehört zur Magie des Mediums) untrennbar mit Sentiment und Pathos verbunden ist. Die Geburt einer Nation ist rassistisch, und schmal ist auch hier der Grat zwischen Kritik und Mythos.

Um wie viel drastischer stellt sich das Problem bei einer weniger offensichtlichen Feier des rassistischen Erbes wie in dem Film Vom Winde verweht dar? Sklavenarbeit wird geschönt, die schwarzen Haussklaven werden als loyale Diener dargestellt, die sich voll und ganz mit ihren Herren und mit dem System ihrer Herrschaft identifizieren, die "befreiten Schwarzen" werden als Horden dummer Gewalttäter dargestellt, usw. Es ist ein durch und durch rassistisches Werk, das einen weißen Blick auf die Sklavenökonomie und ihre Brutalität generiert, nicht nur in dem, was ausgeblendet wird, sondern auch in der Verzerrung der Perspektiven. Eine schwarze Gegen-Geschichte wäre dringend erforderlich, aber gibt es dafür eine Basis in der politischen Ökonomie des Filmemachens? Als HBO ankündigte, den Film vorerst vom Markt zu nehmen, um ihn später in einer kommentierten Fassung anzubieten, schnellten die Verkaufszahlen der entsprechenden DVD dramatisch in die Höhe. Man will sich das "authentische" kulturelle Erbe nicht nehmen lassen. Eine Mehrheit der manischen DVD-Besteller würde den Verdacht, rassistisch zu sein, sicherlich weit von sich weisen. 

Nicht minder empört würden sich wohl hierzulande jene zeigen, die sich gegen eine "Zensur" von Texten oder Bilderbüchern wenden. Sie argumentieren oft im Namen einer Autonomie des Kunstwerkes, gewiss, aber auch im Namen einer kulturellen Biografie. Teile einer Kindheit müssen gebrochen werden, wenn Pippis Taka-Tuka-Land oder Micky Maus' kannibalischer "Besuch aus Afrika" als Rassismen enttarnt werden. So auch die Erinnerung an unangemessene Synonyme für Schokoküsse oder die Unmöglichkeit, laut den Namen des Mannes auszusprechen, der in Huckleberry Finn zusammen mit dem weißen Jungen auf dem Weg in die Freiheit war.

Ich (der Rassist, der keiner sein will) spreche als Erbe einer Kultur, in der Rassismus eben nicht nur in seiner brutalen, mörderischen und sadistischen Weise präsent war, sondern auch in einer subtileren, emotionalen und "familiären" Art. Wie lange mussten schwarze Kids darauf warten, bis auch sie einen Superhelden bekamen, und wie bedeutsam war der People-of-Color-Freund der weißen Helden für die postkoloniale Gesellschaft! Auch weiße Mädchen bekamen schwarze Puppen, aber immer erst als zweite oder dritte. Es ist nicht leicht, den strukturellen Rassismus der Popkultur als Erbschaft des Kolonialismus zu verstehen. Noch schwieriger ist es, ihn zu transformieren, sodass er ins postkoloniale Weltbild der Wir-sind-doch-nicht-rassistisch-Gesellschaften passt.

Im Zentrum einer Kultur, die den Rassismus in sich selbst und in der Welt überwinden will, steht neben dem rewriting der Kulturgeschichte und der Bearbeitung ihrer Dokumente das Problem der Restitution von Kunstwerken: Wie umgehen mit jener Beute des Kolonialismus, die zu einem Teil der eigenen Kulturgeschichte wurde? Das "Völkerkunde"-Museum als Traumort gehört ebenso dazu wie der Einfluss afrikanischer Plastik auf das Werk moderner westlicher Künstler. Gibt es für die einst geraubte Kunst überhaupt ein Zurück? Oder einen öffentlichen Raum, in dem sie wirklich für alle zugänglich wären? Ist auch hier zum Beispiel ein Mitausstellen der Umstände ihres Raubes notwendig, und, wiederum, die Präsenz einer Gegenerzählung?

Das Afrikanische, das Asiatische, das Lateinamerikanische – sie sind über die Diebstähle und Ausbeutungen des Kolonialismus und über die Marktstrategien der Popkultur Teil unserer eigenen Kultur geworden, die ihrerseits oszilliert zwischen einer weißen und einer "gesamten" Kultur. Aus der Beute wurde in Teilen eine Aneignung (wie die Aneignung der schwarzen Musik durch das weiße Business), und aus der Aneignung ein internes Amalgam. Wie kraus waren doch die Begründungen der Oi!-Skins und des Nazirock dafür, dass "ihre" Musik ihre Wurzeln im schwarzen Amerika oder in der Karibik hatte!

In der Musik, in der bildenden Kunst, in der Architektur. Wie soll ein weißes Bürgerkind, sagen wir, mit dem Afrikanischen in seiner Kulturbiografie verfahren? Muss das Afrikanische in mir (und es ist eine ganze Menge) also akzeptiert oder kritisch isoliert werden? Es ist die Umkehrung des Problems, von dem Whoopi Goldberg spricht, wenn sie sagt, dass sie die Bezeichnung "Afroamerikanerin" für sich ablehne. Sie sei vielmehr einfach Amerikanerin, denn ihre Vorfahren und sie selbst hätten das Land ebenso mit aufgebaut wie alle anderen. Wann haben wir das Recht, wann das Glück, "wir" sagen zu dürfen?

Wo Widersprüche herrschen, hilft, gelegentlich, Humor. Aber kaum etwas ist so kontaminiert im Diskurs des Rassismus wie das Lachen. Das effizienteste und sadistischste Mittel, zu verhindern, dass wir miteinander lachen (unter anderem über die Schrecken der Vergangenheit, schwierig genug, das), ist es, übereinander zu lachen. Das historische Blackfacing in den USA diente diesem weißen Lachen über die Schwarzen, das alles zugleich ausdrückte und verdrängte, das Empfinden der Überlegenheit, die Angst vor dem kommenden Aufstand und den klammheimlichen Neid. Was wäre Antisemitismus ohne "Judenwitze" – sogar der kultivierte Post-Antisemit pflegt eine Vorliebe für diesen "typisch jüdischen Humor", nicht wahr? Und der neofaschistische Terror bereitet seine Untaten nur zu gern mit "Satire" vor.

Wo lacht man über Rassismus, und wo lacht man rassistisch? Die Satireserie 30 Rock war sicherlich nie rassistisch, trotzdem tat Tina Fey, Hauptdarstellerin und Showrunner, recht daran, die Ausstrahlung von Folgen zu verhindern, in denen es um Blackfacing ging: Der kulturelle Code dieser Inszenierung ist an sich schon kontaminiert, unabhängig vom Inhalt der jeweiligen Szenen. In der amerikanischen Anwaltserie The Good Wife kommt es zu Auseinandersetzungen einerseits über die Identität des Unternehmens (man hat das Image einer "schwarzen Kanzlei", deswegen müssen die weißen Mitarbeiter gelegentlich in den Hintergrund treten) und andererseits über die reale Gleichheit (verdienen People of Color wirklich weniger als Weiße?) und mediale Restriktionen. "Sagen Sie doch einfach N…, wer hindert Sie", versucht ein schwarzer Rechtsanwalt seinen weißen Kontrahenten in einer Talkshow aus der Reserve zu locken, nachdem der sich über Restriktionen beklagt hat.

Die Komik solcher Szenen ist, wie man so sagt, quälend. Und das gilt wohl auch für entsprechende Szenen in Family Guy, wo der typische Vorstadtbürger Peter Griffin mit seinem schwarzen Freund und Nachbarn immer wieder in Konflikte gerät, weil der eine denkt, der andere denkt, man denke, dass der andere denkt, irgendetwas sei rassistisch gemeint. Den Meta-Humor über Rassismus gibt es auch hierzulande, zum Beispiel in einer Folge der Heimatkrimiserie Mord mit Aussicht, wo ein schwarzer Kriminalpolizist sich seufzend gegenüber der Protagonistin über die Empfindlichkeit seiner Chefin in Sachen rassistischer Kommentare äußert (ein "schwarzer Mann", aha, die eine meint die Kleidung, die andere argwöhnt die Hautfarbe).

Diese mehr oder weniger komischen Szenen gewöhnen uns an einen Alltag, in dem wir lernen müssen, mit der Allgegenwärtigkeit des Rassismus, hier als Realität und da als Projektion, umzugehen. Eine einfache Lösung gibt es nicht in den drei großen Problemfeldern des kulturellen Post-Rassismus – der kritischen Revision des rassistischen Erbes, des Umgangs mit der kolonialen und postkolonialen kulturellen Beute und mit dem Humor als Ventil für die verschiedensten Formen der Spannungen.

Es gibt jedoch eine sehr einfache, sehr strikte Grenze zum realen, expliziten und ideologischen Rassismus. Alles diesseits dieser Grenze zu ordnen und aufzuarbeiten, ist kompliziert. Der Rassismus, der keiner mehr sein will, hat noch viel zu tun.


Aus: "Cancel Culture: Es wird schmerzhaft" Ein Essay von Georg Seeßlen (30. Juni 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-06/cancel-culture-struktureller-rassismus-kolonialismus-popkultur/komplettansicht

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------ #1

Irgendwann wird es albern. ...


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Christoph Breer #1.15

Ich vermute mal, dass Sie das als Weißer sagen.


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Angus_Parvis #1.20

Und "natürlich" definieren weisse Westeuropäer, wann es albern wird? ;)


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Naturliebe #1.4

"Irgendwann wird es albern."

Es ist erst dann albern, wenn alle darüber lachen können.


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WirhabenkeinPlatz #16

Biologisch-evolutionär betrachtet ist der Rassissmus Teil der Überlebensstrategie von Gruppen. Das kann man nun gut oder schlecht finden. Ist aber ein Faktum.


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Tobias87 #16.1

Biologisch-evolutionär betrachtet ist auch die Fortpflanzung durch Vergewaltigung ein Teil einer Überlebensstrategie, werden dadurch doch Gene weitergegeben.
Ob etwas biologisch-evolutionär betrachtet Teil einer Überlebensstrategie ist, sagt also null komma nichts darüber aus, ob es richtig ist.


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Maxxee #26

Ich befürchte, Ausführungen wie in diesem Artikel stürzt viele Normalbürger in Verzweiflung. ...


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Zeitig19 #34

Wenn man wirklich einen pluralistischen und demokratischen Staat mit selbstverantwortlichen Staatsbürgern anstrebt, bleibt sicher nur die unter 1. beschriebene und im späteren Text salopp als "Laissez-Faire-Solution" bezeichnete Möglichkeit in Frage. Alles andere führt zu mindestens teilweiser (Meinungs-)Diktatur. Jeder sollte das mit etwas Nachdenken erkennen.


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Jens B #51

Bin 1961 geboren. Habe Pippi Langstrumpf, Jim Knopf, Tarzan, Flash Gordon oder Prinz Eisenherz geliebt oder verschlungen. Im Fasching habe ich mich am liebsten als "Rothaut" verkleidet, weil ich den Bogen, mit dem man echte Pfeile verschießen konnte, viel besser fand, als die olle Käpselespistole, die nur ein bisschen geknallt hat. Im Kino habe ich mich gefreut, wenn Winnetou gegen die bösen, alten, weißen Schurken gewonnen hat. Meine italienische Mitschülerin habe ich glühend beneidet, weil ihr Vater die größte Eisdiele am Ort besessen hat. Sie hat übrigens auch Abitur gemacht und studiert. Der Schlager "Zwei kleine Italiener" hat also die Lehrer nicht davon abgehalten, sie gerecht zu benoten.
Noch schlimmer. Die genannten Bücher habe ich auch meinen eigenen Kindern zu lesen gegeben.
Dieser Artikel hat mir erstmals die Augen geöffnet, wie rassistisch vergiftet meine Seele doch ist. Ich werde mir sofort auf Amazon die ganze Karl-May-DVD-Edition bestellen, solange die noch nicht auf dem Index steht. Und dann gabs da noch ein Buch von Otfried Preußler von einem kleinen weißen Nachtgespenst, das durch einen Sonnenstrahl zu einem schwarzen Taggespenst wurde.


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violettagetyourgun #51.1

Ich bin auch 1961 geboren.
Ich habe die gleichen Bücher gelesen, die gleichen Filme gesehen wie sie.
Ich hatte dunkelhäutige Puppen und liebte den Sarottimohren.
Mein Vater war ein großer Fan von Mohamed Ali.
Meine Mutter hört immer noch gerne Louis Armstrong und Otello.
Vor einigen Jahren habe ich Vom Winde verweht gesehen und fast die ganze Zeit über geweint.
Würde ich der Definition des Autors folgen, müssten wir eine Familie von Rassisten sein.

Absurder Gedanke.


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wandalina #53

Es fängt doch schon beim "Nachbar" an. Ist er nicht unserer Meinung und vertritt er nicht unsere Werte dann wird er ausgegrenzt. Ob er Schwarz, weiss, braun, Gelb oder einfach Pole ist, das "wir" wird es nie geben, da kann man die ganze Geschichte ausblenden und vernichten, das ändert den Menschen nicht. Wir werden immer "andere" nicht gerecht oder gleichwertig behandeln, außer sie sind wie "wir".


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Bluto Blutarski #73

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich ein schwarzer Millionär von einem weißen Obdachlosen nicht wirklich wirksam diskriminieren lässt.
Mich beschleicht mehr und mehr die Vermutung, all diese Diskussionen um Minderheiten aller Art dienen im Wesentlichen einem einzigen Ziel: Davon abzulenken, dass der wahre und ewige Graben zwischen den Habenden und den Nicht-Habenden verläuft.


Quote
------ #73.1

Der Graben verläuft zwischen den Was im Kopf-Habenden und den Nichts im Kopf-Habenden.


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multiply #74

Nationalisten fordern die Reinheit des Volkes. Rassisten die Reinheit der Rasse. Wohin das führt oder geführt hat hat die Geschichte gezeigt.
Jetzt kommen Anhänger des Woke-ism mit dem Ziel die Reinheit der Sprache und des Denkens zu etablieren. Was soll schon schiefgehen?


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WerSchreibtDa #79

Ist es heute bei einem gebildeten, durchschnittlichen Menschen wirklich Rassismus? Ich habe einen deutschen Nachbarn, den ich nicht mag. Bei einem Nachbarn aus Serbien hege ich das gleiche Empfinden. Ist es jetzt beim deutschen Nachbarn normale Abneigung und beim Serben Rassismus? Die Bayern mögen ja die Preussen auch nicht aber mögen (manche) Roberto Blanco ...
Sind Ablehnung und Sympathie nicht menschliche Eigenschaften? ...


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tonart #81

viele Beträge zeigen wie wichtig und richtig und überfällig die Debatte ist! ... und ja, es wird unserer Selbstherrlichkeit und Bequemlichkeit weh tun - jedoch ist dieser Schmerz nicht annähernd mit dem Leid der permanenten Herabsetzung als Folge des Kolonialismus vergleichbar.

Danke für den Artikel.


Quote
hansmaier2 #98

aus dem Artikel: "Nein, ich bin Rassist, weil ich in einer Gesellschaft lebe, in der immer noch struktureller Rassismus parallel zur sozialen Ungerechtigkeit verläuft, und in der jemand mit heller Hautfarbe, ob er oder sie es will oder nicht, Privilegien erfährt oder wenigstens Gefährdungen und Benachteiligungen vermeiden kann. "

Ich bin also Rassist, nur weil ich in dieser Gesellschaft lebe?
Wenn das mal kein Rassismus ist.
Ich fasse es nicht.



Quote
vincentvision #100

Denkfaule, wenig differenzierende Menschen haben Vorurteile, gerne auch rassistische Vorurteile - und finden das auch ganz in Ordnung so...
Sie sind selten bereit, ihre Wahrnehmungen zu überprüfen, warum auch, so ist es viel leichter - und es hebt das Ego, wenn man sich der vermeintlich überlegenen Gruppe zugehörig fühlt.
Intelligente Menschen wissen, wie fehlbar unsere Wahrnehmung ist, wie sehr wir uns täuschen lassen, generalisieren und dadurch Vorurteilen schnell erliegen.
Sie bemühen sich, Einzelbetrachtungen anzustellen, ihre Vorerfahrungen nicht zu dominant werden zu lassen und dadurch nicht zu vorschnell zu urteilen.

Ganz einfach.

Und das sollte selbstverständlich sein - denn schließlich erwartet umgekehrt auch jeder, dass man ihn individuell beurteilt (und als Deutschen nicht pauschal mit Nazis, Fremdenfeinden, Spaßbremsen und Nörglern gleichsetzt).

Oder?


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #391 on: July 07, 2020, 01:18:01 PM »

Quote
[...] Mehrere Tausend Motorradfahrer haben gegen mögliche Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen demonstriert. In Friedrichshafen kamen rund 5.000 Motorradfans zu einem Korso entlang des Bodensees zusammen. In Stuttgart trafen sich bis zu 8.000 Motorradfahrer, was zu erheblichen Verkehrsbehinderungen führte. In München war die geplante Demonstration verboten worden, dennoch waren nach Angaben der Polizei 6.000 Biker in der Stadt unterwegs. Auch in Dresden, Düsseldorf, Schwerin und Wiesbaden trafen sich jeweils tausende Motorradfahrer.

Der Protest richtete sich gegen eine Initiative des Bundesrats zur Reduzierung von Motorradlärm. So sollen die zulässigen Geräuschemissionen auf einen Wert begrenzt werden, der in etwa der Lautstärke eines vorbeifahrenden Lkw oder eines Rasenmähers entspricht. Der Bundesrat will zudem beschränkte Motorrad-Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen ermöglichen.

In Baden-Württemberg haben sich mehr als 100 Städte, Gemeinden und Landkreise zur Initiative Motorradlärm zusammengeschlossen. Ihr Forderungskatalog umfasst geänderte Zulassungsregelungen für Motorräder und drastischere Strafen für Manipulationen an Motoren, Verkehrsverbote sowie stärkere Kontrollen. Im Südwesten gelten vor allem landschaftlich reizvolle und kurvige Strecken als Lärm-Hotspots. Anwohner klagen dort über Raser und Wettfahrten.

Er verstehe den Ärger über den Lärm durchaus, sagte Jörg Brucker von der Gruppe Biker for Freedom, der die Demonstration am Bodensee organisiert hatte. Man dürfe die Motorradfahrer aber nicht unter Generalverdacht stellen.

Ob die Anregung der Länderkammer für weniger Motorradlärm umgesetzt wird, hängt jedoch von der Bundesregierung ab. Das Verkehrsministerium verwies am Samstag auf Aussagen von Minister Andreas Scheuer (CSU), dass er den Beschluss des Bundesrats von Mitte Mai kritisch sehe und keine "weiteren Verbote und Verschärfungen" für Motorradfahrer wolle.

Außerdem könnten die Straßenverkehrsbehörden laut dem Ministerium die Lage vor Ort am besten einschätzen und aus Lärmschutzgründen entsprechende Maßnahmen anordnen. Sie hätten zum Beispiel bereits jetzt die Möglichkeit, die Benutzung bestimmter Straßen oder Straßenstrecken zu beschränken oder den Verkehr umzuleiten.

"Wir haben ausreichende geltende Regeln", sagte Scheuer am Samstag. "Die Biker zeigen bei den Protesten ihre Haltung gegen Verschärfungen und Verbote. Das ist auch meine Haltung. Ich werde die Beschlüsse des Bundesrates, also der Bundesländer, nicht umsetzen."




Aus: "Biker protestieren gegen Anti-Lärm-Initiative" (4. Juli 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/mobilitaet/2020-07/motorrad-demo-motorradlaerm-bundesrat-regulierungen-fahrverbote

Quote
nucleolus #71

"Biker protestieren gegen Anti-Lärm-Initiative"

Und das machen sie, indem sie mit jenseitsmäßigem Gedröhn, Gestank und Krach durch die Innenstadt kesseln.
Genau mein Humor. ...


Quote
Lykaner42 #1

Krad Fahrer und Fahrerinnen haben trotz aller Unterschiede eben etwas das sie eint. Die Liebe zu den unbeschreiblichen Gefühl Motorrad zu fahren.
Schön das wenigstens eine Gruppe über alle Schichten der Bevölkerung hinweg zusammenhält.


Quote
wozie #1.2

Dass mit "allen Schichten" ist ne steile These, Motorradfahren ist ein sehr teures "Hobby".


Quote
Südstern 9 #1.10

Mich macht es einfach nur fassungslos und auch wütend,
wenn bspw. im Oberharz kilometerweit die Landschaft durchbrüllt wird von den Maschinen dieser Motorradfahrer. Mir fehlen gerade die Worte um meinen Abscheu vor dieser selbstsüchtig dekadenten Egomanie zum Ausdruck zu bringen. Haben diese Menschen wirklich nicht mehr drauf als sich und andere zu gefährden und mit die schönsten Landschaften mit ihrem Lärm zu terrorisieren, sowie der Tierwelt schweren Schaden zuzufügen?


Quote
jgbk #1.13

Motorradfahren ist kein teures Hobby.
Ich fahre seit 7 Jahren eine Suzuki GS 500 BJ 94, für 1500 Euro gekauft.
Die Karre kostet 36 Euro Versicherung und ähnlich viel Steuer.
und braucht 3,5 l auf 100 km.
Die Grundkosten im Jahr sind geringer als manche in einer Woche verrauchen
Es kommt einem mit dem Motorrad ein Motorrad entgegen und die Linke zum Gruß.
Wie eine große Familie.


Quote
Volker B. #8

Ich lebe in einem, von Motorrad begeisterten Menschen regelmäßig und exzessiv heimgesuchten Mittelgebirge. Neulich habe ich darüber nachgedacht Haus und Hof zu verkaufen. Mir gehen die Krad Fahrer\innen so auf den Sack. In großen Gruppen oder auch einzeln belästigen sie Mensch und Tier ohne Rücksicht auf irgend etwas. Ja, lasst uns diese Fortbewegungsmittel, die längst nur noch Sportgerät sind, auf den Schrottplatz der Geschichte schicken. Oder kontrolliert auf die diversen Rennstrecken der Nation verbannen. Dort kann man sich dann das ganze Wochenende austoben.
Das kuriose ist, sie suchen die kleinsten Täler und Dörfer heim, weil es dort so romantisch und kurvenreich ist.
Ich kann leider nicht so viel fressen wie ich brechen muß.


Quote
hansmaier2 #17

Was sind wir für ein freiheitsliebendes Volk, tolerant, bunt und weltoffen
aber wenn ich was nicht will: weg damit


Quote
2b∫2b #17.1

Die Freiheit ist halt auch immer die Freiheit der vielen anderen Menschen, ...


Quote
  jolande9 #8.7 

Motorräder können sehr leise sein - wenn sie laut sind, ist das meist reines Posing und meist künstlich erzeugt - "Sound Design" - voll männlich ey!
Jeder, der röhrt, ist aus meiner Sicht ein präpubertärer, rücksichtsloser D*pp. Und damit meine ich nicht das organische Gölpern einer alten Harley, sondern das künstlich erzeugte Geröhre.
Und nein, man muss auch nicht zu zwanzigst im Konvoi fahren wenn man weiß, dass das für das Umfeld unerträglich ist.
Ich frage mich, ob das den Leuten eigentlich nicht peinlich ist...


Quote
Hab da so meine Zweifel #18

Lasst den vernünftigen Leuten doch Ihren Spass und dafür richtig harte Sanktionen bei den Prolltypen, die mit kreischendem und jaulenden Motor durch die Gegend fahren.
Am besten Maschine kassieren und beim nächsten Mal Tschüss Führerschein.

Wir wohnen ca. 300 m nach Ortseingang.
Da nehmen die manchmal vorher nochmal richtig Anlauf. Da klingeln hinterher die Ohren...


Quote
BikersLives Matter #20

ja es ist eine tolle Erfahrung, die Freiheit auf einem Motorrad zu genießen. Beschleunigung, Dynamik..einfach Großartig..

Niemand will dies den Bikern wegnehmen. Bei den momentanen Auseinandersetzungen geht es auch nicht darum. Es geht um den Höllenlärm den ein signifikanter Teil der Bikes verursacht. Dieser von den Bikern gewünschte sog "satte Sound" ist dafür aber gar nicht nötig. Es geht offensichtlich um etwas Anderes: offenbar handelt es sich um irgendeine Art von Potenzgebaren.

Und liebe Biker, ihr müßt jetzt ganz tapfer sein: wir also die große Mehrheit der Menschen finden euren Sound überhaupt nicht cool, sondern ihr geht uns damit tierisch auf den Sack, manche Leute finden das asozial.. Ich befürchte, was Ihr damit in Wahrheit bezwecken wollt, ist nichts anderes als eine Form von Krawall.

Bitte verschont uns damit


Quote
Erbauer2 #32

Ja, da kommen ganz dunkle Zeiten auf Biker zu, wenn sie statt mit lauten Motorrädern dann aus Rücksicht mit leisen Motorrädern fahren müssen. Un-zu-mut-bar.


Quote
LiberteDetZim #42

Es hat kein Mensch wirklich etwas gegen Biker, sind ja in aller Regel nette Typen die sich freundlich grüßen. Dennoch: wenn ein einziger Motor mir 5 Minuten den Nerv raubt, weil er gefühlt mindestens 10 km zu hören ist, dann frage ich mich, ob der Geselle noch alle Latten am Zaun hat. Da geben sich Ingenieure die größten Mühen, Fahrzeuge so leise wie nur möglich zu machen und die Damen und Herren schrauben einen "Sportauspuff" an, damit wirklich alle etwas von ihrem Hobby haben. Für diesen Egoismus fehlt mir jegliches Verständnis. ...


Quote
brises9 #63

bin heute mitm Rennrad von München über Kochel zum Walchensee und zurück. Meine Haltung zu Gestank und Lärm zum Eigenspaß muss ich jetzt nicht aussprechen. Oder?


Quote
Aron Silberstein #59

Den protestierenden Damen und Herren Motorradfahrer fehlt schlichtweg Empathie. Es gibt kein Grundrecht auf Lärm und Krach. ...


Quote
PeterKai #79

Lasst den Bikern ihren Spaß. Wir haben genug Verbote.


Quote
Reinbott #87

Wer aus Protest gegen Lärmbeschränkungen Lärm macht, hat es nicht verstanden.


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #392 on: July 18, 2020, 04:27:29 PM »

Quote
[...] "Während wir dies von der radikalen Rechten nicht anders erwarten, breitet sich auch in unserer Kultur zunehmend eine Atmosphäre von Zensur aus", hieß es jüngst in einem offenen Brief von 153 Intellektuellen (darunter auch Noam Chomsky, Margaret Atwood oder Salman Rushdie), der gleichzeitig in Harper’s Magazine, Le Monde, La Repubblica und der ZEIT erschien.

Seine Botschaft in einem Satz: "mehr Toleranz" für abweichende Meinungen. Der Aufruf ist bedenkenswert: Ein "Klima der Intoleranz" greife nicht nur in radikal rechten Kreisen um sich, die ohnehin intolerant seien, sondern vielmehr "in allen Lagern". Auch die politischen Gegner der radikalen Rechten müssten aufhören, weiter in "ideologischer Konformität" zu verharren, die eigene Kritik zum "Dogma" verkommen zu lassen und der verbreiteten Tendenz zu frönen, "komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen".

Dass sich über diesen Aufruf gerade diejenigen Linken empörten, die sich hiervon nicht zu Unrecht angesprochen fühlen durften, war ebenso wenig überraschend wie der Umstand, dass viele ihrer Empörung in kurzen Tweets Ausdruck verliehen. Natürlich entging ihnen die Ironie, dass sie ihre Kritik an dem Aufruf in eben jenem Duktus der "moralischen Gewissheit" formulierten, den der Brief zuvor problematisiert hatte. Doch auch damit war zu rechnen, denn tatsächlich wird unsere Zeit zunehmend und in nicht unerheblichem Maße von "linken" Gestalten geprägt, die alle genannten Momente in sich bündeln: einen Hang zu Konformität, krasser Komplexitätsreduktion und moralistischer Dogmatik.

Wie der Philosoph E.M. Cioran einmal hellsichtig bemerkt hat, kann es geschehen, "daß die Linke, die in die Mechanik der Macht verstrickt … ist, ihre Tugenden verliert, daß sie erstarrt und die Übel erbt, die gewöhnlich der Rechten eignen". Diese Beschreibung trifft unsere kulturelle Situation sehr genau.

Eine erstarrte und ins Pädagogische abgedriftete Linke, die sich durch ihre Weigerung bestimmt, "ihr eigenes Machtstreben zu reflektieren, ihren Aufstieg in den akademischen und kulturellen Institutionen" (Michael Hampe), ein dergestalt zur Karikatur verkommener Linksliberalismus, der vergessen hat, dass er nicht mehr unter allen Umständen subversiver Underdog ist, sondern sich an Universitäten oder in Social-Media-Kontexten explizite Machtzentren geschaffen hat, bringt einen epochalen Menschenschlag hervor: den digitalen linken Spießer.

Dieser droht die Linke leider für Leute von außerhalb dieser Blasen mittelfristig noch unattraktiver zu machen, als sie es ohnehin schon ist, denn auch und gerade für politische Bewegungen gilt: An ihren Langweilern sollst du sie erkennen. Der neue linke Spießer betrachtet Gegenwart und Vergangenheit mit puritanischem und polizeilichem Blick und genießt es, unablässig den Wuchs der Diskurshecken zu prüfen, mit der Gartenschere in der Hand.

Wahlweise stört er sich an den Scherzen von John Cleese oder Terry Gilliam, an einer Zeile von Nick Cave oder Steely Dan, an einer Karikatur von Ralf König oder an den Witzchen des Theoretikers Slavoj Žižek, von dem sein konservativer Freund Tylor Cowen behauptet, er habe den Humor eines "moderate right-winger", worauf sich Žižek gegenüber Cowen empört verteidigt: "Als ich jung war, war das noch linker Humor!"

Die linken Spießer begegnen allen unsensibel scherzenden oder gar andersdenkenden Zeitgenossen mit offener Verachtung, beweisen aber eine hohe Sensibilität, sobald man ihre eigene progressive Rolle in Zweifel zieht. Dies zu tun, ist jedoch nötig, denn ihr Zorn trifft in jüngerer Zeit sogar historische Figuren, auf deren Schultern sie stehen könnten, wenn sie deren Erbe nicht verspielten. Die Folge jener "ungeheuren Herablassung der Nachwelt" (eine Wendung von E.P. Thompson, die immer wahrer wird) ist ein äußerst abgeflachtes Verhältnis zur großen Andersheit namens Geschichte, die neuerdings ebenfalls von allen krummen Zweigen, von allen Irritationsmomenten bereinigt werden soll – jedenfalls sind es deftige Werturteile, die gegenwärtig geistesgeschichtliche Verdienste überschatten.

Zuletzt teilten bekannte italienische Linksintellektuelle, Politikerinnen und Aktivisten in den sozialen Netzwerken, anknüpfend an den alten Slogan von Lonzi, mannigfach ein Bild mit der Aufschrift "Sputiamo su Hegel" ("Wir spucken auf Hegel"): Der deutsche Philosoph – so  der sozial-mediale Tenor – sei letztlich nämlich nichts weiter als ein bösartiger Sexist gewesen. In der Verkürzung abstrus, aber ein exemplarischer Fall, finden doch in Deutschland längst vergleichbare "Debatten" statt (wobei hierzulande zufälligerweise Kant unter Beschuss gerät).

Es ist bedauerlich, dass ein Teil der Linken nicht mehr liest und wenn doch, dann bestenfalls Memes und Twitterbotschaften, zumindest ist das der Referenzrahmen, in dem dann die weitere Auseinandersetzung stattfindet. Aber spuckt nicht, wer auf Hegel spucken möchte, zugleich auch auf die bedeutende Rolle, die dieser für die Entwicklung des emanzipatorischen Denkens gespielt hat – und noch immer spielt: bei Judith Butler, Axel Honneth oder Jacques Rancière? Kennen die neuen linken Militanten die feministische Hegellektüre von Simone de Beauvoir, in der die Dialektik von Herr und Knecht analog zum Emanzipationsverhältnis von Mann und Frau gedacht wird? (Von den zahlreichen feministischen Lektüren der Antigone-Diskussion bei Hegel ganz zu schweigen...)

Gewiss: Der Hinweis darauf, dass die Beziehung zwischen Hegel und dem Feminismus auch gegenwärtig im Zentrum ernsthafter internationaler Debatten steht, ist für diejenigen, die den Autor der Phänomenologie des Geistes auf stumpfsinnige Weise abtun möchten, vollkommen uninteressant: Er lässt sich nämlich kaum für die eigene mediale Selbstinszenierung verwerten, die ja auch und gerade die Nicht-Leser unter den Linken motiviert. Aus demselben Grund geht sie auch jene Ambivalenz buchstäblich nichts an, die darin liegt, dass Hume, Kant oder Hegel zweifelsfrei rassistisch oder sexistisch schrieben und trotzdem ein unverzichtbarer Teil der europäischen Geistestradition sind, welche die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei, die Erklärung der Menschenrechte oder die gesetzliche Gleichberechtigung der Geschlechter hervorbracht hat.

Ganz unbestreitbar haben sie die Geschichte der Emanzipation mitgeprägt. Ob die neuen Linken ernstlich dem Aberglauben anhängen, wonach sich ein historischer Akteur jederzeit am eigenen Schopf aus der Geschichte ziehen könnte, um aus dem ahistorischen Ideenhimmel das moralisch Richtige zu deduzieren, ist am Ende schwer zu sagen. Sicher ist nur, dass es sie unablässig danach drängt, sich öffentlichkeitswirksam als moralische Instanz zu präsentieren, und dass sich jeder echte Spießer – auch der linke und digitale – durch sein Bedürfnis verrät, permanent als besonders tadelloses oder moralisch sattelfestes Exemplar unserer denkwürdigen Spezies wahrgenommen zu werden.

Das Schlimmste an den gegenwärtigen Spießern ist nun aber nicht, dass sie ahistorisch denken, jedes (vermeintlich) verunglückte Wort zur Würde des Skandals erheben, ständig Situationen des Verdachts organisieren (Wer hat was zu wem gesagt?) oder aus den Menschen wieder reumütige Geständnistiere zu machen versuchen. Das alles ist bloß schlimm. Schlimmer als schlimm ist, dass sie sich immer noch widerständig und "alternativ" fühlen, obwohl sie längst einem kulturell tonangebenden Milieu angehören. Eine unerlässliche Voraussetzung von Toleranz – und dieser Satz steht fest – liegt im ehrlichen Selbsteingeständnis von eigener Macht, auch diskursiver Macht (zum Beispiel an den Universitäten).

Nur die, die wissen, dass sie über Macht verfügen, können sich überhaupt die Frage stellen, ob sie andere tolerieren, das heißt: aushalten, erdulden möchten – oder eben nicht. Hieraus folgt: Die neopuritanische Linke muss sich darüber ehrlich machen, dass ihre Adepten in vielen politisch-kulturellen Konstellationen mittlerweile zu nichts anderem als Figuren der Macht geworden sind. Bislang versuchen sie es wortreich zu vermeiden, doch gerade sie hätten es nötig, sich ein Mantra von Adorno, einem maßgeblichen Vertreter der lesenden Linken, in Erinnerung zu rufen: "Wer innerhalb der Demokratie Erziehungsideale verficht" – mahnte dieser nämlich streng – "ist antidemokratisch, auch wenn er seine Wunschvorstellungen im formalen Rahmen der Demokratie propagiert."

Dass eine solche demokratische Gesinnung derzeit bei vielen Linken wenig praktische Würdigung erfährt, mag auch von der althergebrachten Arroganz herrühren, mit der insbesondere die einflussreichen französischen Linksintellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – vor und nach 1968 – über liberale Demokratien nachgedacht haben. Denn be­zeich­nen­derweise interessiert sich etwa Deleuze noch in den Neunzigerjahren gerade für ein "Demokratisch-Werden, das nicht mit den faktischen Rechtsstaaten zusammenfällt", während bei Barthes, Foucault, Lacan oder Kristeva demokratietheoretische Reflexionen fast gänzlich ausgespart werden. Anders als in früheren Zeiten, in denen der vielerorts immer abwegiger wirkende Terminus "linksalternativ" einen realen Sinngehalt hatte, fällt es indessen heute ins Gewicht, wenn diskursmächtige Linke immer noch in Begriffen wie "Subversion", "Aufstand", "Ereignis", "Unterlaufen", "Rebellion", "Widerstand" oder "Ungehorsam" denken, statt sich über die ganz konkrete demokratische Vermittlung progressiver Ideen den Kopf zu zerbrechen. Am Ende dieses Gedankens wird eine Linke, die ihre reale Diskursmacht leugnet, zwangsläufig moralisch totalitär. Sie duldet eben keinen Widerspruch, weil Widerspruch per se falsch ist. Die Macht, die sie hat, reicht ihr nicht, sie möchte sie weitestmöglich ausdehnen. Das aber zielt dann weder in faktischen Rechtsstaaten noch in anderen Gebilden auf einen demokratisch organisierten Diskurs.

Was die alte poststrukturalistische linke Avantgarde angeht, so bestach sie aus heutiger Sicht freilich durch ihren – für die linken Spießer der Gegenwart empörenden – Mangel an moralistischer Dogmatik. Sie verehrte de Sade, studierte Heidegger und rehabilitierte mit Nietzsche einen der politisch unkorrektesten Autoren der Geistesge­schichte. Im Übrigen betonte etwa Foucault, dass sich Fragen der Ent-Unterwerfung niemals dogmatisch, systematisch oder gar verwaltungstechnisch entscheiden ließen; vielmehr zähle der subversive Umgang mit Einzelfällen. Und auch Richard Rorty – der ein zentraler Vertreter der sogenannten postmodernen amerikanischen Linken war – glaubte nicht daran, dass sich gesellschaftliche Wirklichkeiten mit starren sprachlichen Regeln verändern ließen. Vielmehr brauche es idiosynkratische Einbildungskraft – "kreativen Sprachmissbrauch" –, eine Position, zu der sich auch Judith Butler einmal bekannt hat.

Den dominanten Strang der gegenwärtigen Linken, die mit dogmatischen Lösungen flirtet, ohne ihren Underdog-Status aufgeben zu wollen, vermag dies ebenso wenig zu beunruhigen wie der Umstand, dass sie keine funktionierenden ökonomischen Konzepte hat, um der sozialen Frage zu begegnen – man denke etwa an die exorbitanten Mietpreise oder an die prekären Lebensbedingungen des neuen Dienstleistungsproletariats. Aber auch das ist nicht verwunderlich, kann doch ökonomische Konzeptlosigkeit überhaupt als ein Grund dafür angesehen werden, sich mit derart verbissenem pädagogischen Eifer auf das Feld der Kultur zu stürzen.

Es geht nicht darum, jedes Interesse für Begriffe oder jede differenziertere Bewertung historischer Persönlichkeit zu diskreditieren. Die Verbissenheit aber, mit der man Debatten mit zugleich geleugneter diskursiver Macht moralistisch zu dominieren versucht, führt letztlich zu populistischer Reaktanz und schwächt die Linke noch dort, wo sie reale Probleme bekämpft. Denn natürlich gibt es, anders als es die politische Rechte behauptet, tatsächlich strukturellen Sexismus und Rassismus in Deutschland, und unter denen, die in universitären oder sozial-medialen Kontexten diskursmächtig sind, finden sich auch Menschen, die in anderen gesellschaftlichen Kontexten benachteiligt oder marginalisiert werden. Das Problem der Linken besteht offenkundig nicht darin, dass sie sich den Reaktionären entgegenstellt, die sich das kulturelle Zeichensystem der Fünfzigerjahre zurückwünschen und auf alle Ewigkeit stillstellen möchten. Sondern darin, dass sie diesen Kampf mit den zensorischen Instinkten führen möchte, die lange Zeit der politischen Rechten gehörten (anstatt an das selbstständige Urteil mündiger Menschen zu appellieren) und dass sie noch dazu die Klassendimension unterschlägt, die allen diesen Kämpfen inhärent ist.

Dass heute die AfD bei manchen Wahlen mehr Arbeiter-Stimmen erhält als jede andere Partei, ist in jedem Fall auch ein trauriges Zeugnis für die naserümpfende, spießig gewordene Linke, die in ihren schlechtesten Momenten zugleich den Eindruck erweckt, einen Klassenkampf "von oben" zu betreiben: eine Rebellion der tadellosen Vier-Zimmer-Altbau-Bourgeoisie gegen das schrecklich vulgäre, unaufgeklärte und politisch unkorrekte Proletariat. Solange die Linke das nicht begreift, werden sich ihre politischen Gegner die Hände reiben.



Aus: "Identitätspolitik: Die digitalen linken Spießer" Ein Gastbeitrag von Jan Freyn (18. Juli 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-07/identitaetspolitik-linke-intoleranz-zensur-demokratie-meinungsfreiheit/komplettansicht

Kontext: https://www.zeit.de/2020/29/cancel-culture-liberalismus-rassismus-soziale-gerechtigkeit

Quote
EinHistoriker #23

"Wie der Philosoph E.M. Cioran einmal hellsichtig bemerkt hat..."
Vielleicht bin ich ja auch nur ein moralisierender Linker, aber ich bezweifle, dass Cioran, ein Antisemit, Anhänger der rumänischen Eisernen Garde und Bewunderer Hitlers ein geeigneter Zeuge gegen die echte oder angebliche Linke ist.



Quote
kosmokrator #23.1

Sie bestätigen genau den Artikel. Welch verachtenswerte Anschauungen auch immer Cioran (oder jeder Mensch) hatte, dies diskreditiert nicht automatisch alle Aussagen.

Luther als Antisemit hat durchaus treffende Kritik am Katholizismus geäußert.

Che Guevara hat trotzdem dass er ein skrupelloser Mörder war manche sozialen Misstände korrekt angeprangert.

Die amerikanischen Gründerväter haben mit der amerikanischen Verfassung ein wunderbares Meisterwerk vollbracht obwohl sie zum Teil Sklaven hatten.

Usw.usf.

Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Hauptsächlich besteht sie aus Grautönen.
Und eine infantile Vereinfachung aller Zusammenhänge ist auch ein merkmal der regressiven Linken. Genau wie der extremen Rechten.


Quote
Thore-lk #58

Bravo!

Leonardo da Vinci: "Jede kleine Ehrlichkeit ist besser als eine große Lüge."


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #393 on: August 13, 2020, 03:06:33 PM »

Quote
[...] Review by ScreeningNotes (Date ????): “ … The Searchers gives the lie to the supposed heroism of the Wild West mythos. John Wayne plays the same Indian-killing cowboy we’ve seen him play since the early 1930’s, the image of a valiant savior come to rescue a bunch of white folks from the Native American menace, but here he plays it as explicitly racist, calling out the pathological nature of the traditional cowboy’s racialized violence. Our heroes of the West were always outlaws who had to ride off into the sunset, but they were glorified outcasts, they were getting rid of the „real“ bad guys. The Searchers shows this hero not as an altruistic warrior, but as a murderer whose positive effects on society are less purposeful, more of a coincidental afterthought. …“


Source: https://letterboxd.com/screeningnotes/film/the-searchers/

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Quote
[...] Nolan Moore (June 5, 2015) “ … Ethan is trapped between two worlds: the outlaw West and civilization. Like many cowboy protagonists — think Pike Bishop in The Wild Bunch (1969), John W. Burns in Lonely Are the Brave (1962) and Tom Doniphon in The Man Who Shot Liberty Valance (1962) — Ethan Edwards is a throwback to an older time …“

http://screenprism.com/insights/article/what-does-the-final-shot-of-the-searchers-mean | https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Schwarze_Falke

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Quote
“ … Joseph Campbell wies darauf hin, dass aus religiöser Sicht Mythos als „die Religion anderer Leute“ definiert werden kann. Insofern sei Religion „missverstandene Mythologie“. Das Missverständnis bestehe darin, dass „mythische Metaphern als Hinweise auf unumstößliche Tatsachen interpretiert werden“. …“


https://de.wikipedia.org/wiki/Mythologie (2. März 2018)

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Quote
[...] Ertuğrul war ein echter Held des 13. Jahrhunderts: ein furchtloser Krieger, bedingungslos loyal gegenüber seinem Fürsten, gefürchtet bei seinen Untertanen, aber noch mehr bei seinen Feinden. Nun gut, die zeitgenössischen historischen Quellen sind dürftig, das meiste wurde post mortem verfasst, denn es war sein Sohn, der Ertuğrul weit über seinen Clan hinaus bekannt gemacht hat: Osman, der Gründer der osmanischen Dynastie, die das größte islamische Reich der Weltgeschichte schaffen sollte.

Dennoch ist das, was über Ertuğrul bekannt ist, nicht nur Legende. Er entstammt einem Clan der zentralasiatischen Turkmenen, der unter dem Druck der Mongolen nach Anatolien in das Herrschaftsgebiet der Seldschuken wanderte. Im Grenzgebiet zum byzantinischen Reich ließ er sich nieder und verbreitete mit Überfällen auf die nichtmuslimische Zivilbevölkerung Angst und Schrecken.

Als der damalige byzantinische Kaiser Laskaris Truppen zur Sicherung der Grenze entsandte, wurden die Byzantiner vernichtend geschlagen, was maßgeblich auch Ertuğrul zuzuschreiben war. Aus Dankbarkeit schenkte ihm der Sultan erhebliche Ländereien. Wie zumeist bei Warlords machten die Siege Lust auf mehr, und sie führten ihm neue Verbündete zu. Tatsächlich wurde Ertuğrul nach dem Sieg über Kaiser Laskaris Truppen einer der erfolgreichsten Kriegsherren des Sultans.

Hätte Ertuğrul seine Raubzüge für die spanische Krone oder andere europäische Kolonialmächte getätigt, stünde es heute schlecht um seine Reputation. In der Debatte über Kolonialisierung, Sklaverei und Rassismus wäre auch manches Ertuğrul-Standbild gefallen. Doch Ertuğruls Nachfahren wollen von alldem nichts wissen; im Gegenteil, der brutale mittelalterliche Warlord ist Pate einer der erfolgreichsten türkischen Fernsehserien, „Diriliş: Ertuğrul“, häufig als „islamisches Game of Thrones“ bezeichnet.

Die Serie – auf Deutsch „Ertuğruls Auferstehung“ – bringt alles, was Legendenbildung ausmacht: Spannung, Kampf, schöne Frauen, die beschützt werden müssen – und bedient ein simples schwarz-weißes Weltbild: Hier die frühen Türken, die Rechtgläubigen, die Ehrenvollen, die Tapferen, kurz die Guten. Dort die Feinde, die ungläubigen Mongolen, die blutrünstigen Christen – Lieblingsfeindbild die Tempelritter – kurz: die Bösen.

Wer den Kampf zwischen Gut und Böse gewinnt, weiß man aus den Hollywoodwestern mit John Wayne. Das Skript von „Diriliş: Ertuğrul“ unterscheidet sich in nichts davon; außer dass John Wayne wegen seiner rassistischen Äußerungen über die indigene Bevölkerung inzwischen entzaubert ist. Ganz anders „Diriliş: Ertuğrul“.

Das Heldenepos über die türkische Frühgeschichte ist zu einem Verkaufsschlager in weiten Teilen der islamischen Welt geworden, auch in solchen, die ethnisch und kulturell nichts mit der Türkei zu tun haben, wie Malaysia oder Pakistan. Dort ist das Bekenntnis zur „Diriliş: Ertuğrul“ inzwischen ein Politikum, denn sogar die Staatschefs werben dafür. Die seit 2014 produzierte Serie wurde in 65 Staaten verkauft.

Pakistans Ministerpräsident Imran Khan, der den Anspruch erhebt, einen idealen Muslimstaat nach dem Vorbild von Mohammeds erster Gemeinschaft in Medina zu errichten, ist der Überzeugung, die Serie trage dazu bei, die Bedeutung der islamischen Zivilisation zu verstehen. Zudem werde damit „der weltweiten Islamophobie entgegengetreten“. Das bezweifeln Kritiker auch in der islamischen Welt. Der politische Aktivist Pervez Hoodbhoy hält dagegen:

„Wenn die Serie den Islam als friedliebende Religion darstellen und Islamophobie bekämpfen will, dann erreicht sie angesichts der weit verbreiteten Gewaltdarstellungen genau das Gegenteil“. Die populäre Glorifizierung der türkisch-islamischen Frühgeschichte zu einem Zeitpunkt, da anderswo auf der Welt fragwürdige Helden von den Sockeln geholt werden, passt zu einem Verständnis von „Antirassismus“, das nur auf andere gerichtet ist, ohne die eigenen Schattenseiten wahrzunehmen. Das treibt in der Türkei extreme Blüten.

Als Mesut Özil wegen seiner demonstrativen Nähe zu Staatspräsident Erdoğan im Umfeld der letzten Fußball-WM kritisiert wurde, initiierten türkische Sportverbände imposante Kampagnen gegen Rassismus. Sport spielt in der türkischen Gesellschaft eine wichtige Rolle, Erdoğan selbst gilt als großer Fan. Um internationale Erfolge zu feiern, hat die Türkei LäuferInnen aus Kenia und Äthiopien mit finanziellen Verlockungen eingebürgert.

Sie haben zahlreiche Medaillen bei Europameisterschaften erlaufen – nicht ohne zuvor turkisiert worden zu sein. So wurde aus der zweifachen Goldmedaillengewinnerin von 2016, Vivian Jemutai,Yasemin Can; aus Kiprotich Mukche wurde Ali Kaya, aus Kipruto Kigen wurde Kaan Özbilen. Man stelle sich den „antirassistischen Aufschrei“ vor, wenn Mesut Özil als Meinrad Oswald in der deutschen Fußballnationalmannschaft hätte auflaufen müssen.

Die Liste viel schwerwiegenderer Beispiele, die eine erschreckende Einseitigkeit im Kampf gegen Rassismus, Kolonialismus, Gewalt und ­Sklaverei zeigen, ist lang:

Der Völkermord an den Armeniern und Assyrern/Aramäern; die brutale Praxis des Kinderraubs aus christlichen Familien, die zur osmanischen Elitetruppe der Janitscharen gedrillt wurden; der über Jahrhunderte weltweit größte Sklavenmarkt im nordafrikanischen Tunis; oder die arabischen Sklavenjäger, die zu Beginn der Sklaverei in Nordamerika Zehntausende Männer, Frauen und Kinder an Sklavenhändler verkauften, geraten dabei aus dem Blick.

Wenn dann noch Vertreter islamischer Staaten oder ­Organisationen den Opferstatus beanspruchen, wird die Kampagne heuchlerisch. Nicht nur die christ­liche Tradition hat ihre Leichenberge und ihre ­falschen Helden; auch die islamische. Es gibt keinen Grund, das zu tabuisieren oder gar zu heroisieren.


Aus: "Türkische Netflix-Serie „Diriliş: Ertuğrul“: Falsche Helden" Kommentar von Klemens Ludwig (13.8.2020)
Quelle: https://taz.de/Tuerkische-Netflix-Serie-Dirili-Erturul/!5702236/
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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #394 on: August 19, 2020, 03:29:27 PM »

" ... Im heutigen französischen Verständnis ist Laizismus zu einem politischen Ideal geworden, das die Grundsätze der Neutralität des Staates gegenüber den Religionen, deren Gleichbehandlung sowie die Glaubensfreiheit zum Ziel hat. Laizismus ist ein Verfassungsprinzip. Religion ist ausschließlich Privatangelegenheit, woraus folgt, dass Religion nicht nur keine staatliche, sondern auch keine öffentliche Funktion hat. ..." (26. Februar 2020)
https://de.wikipedia.org/wiki/Laizismus

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" ... Multikulturalismus (zumeist abwertend auch Multi-Kulti oder Multikulti) ist der Oberbegriff für eine Reihe sozialphilosophischer Theorieansätze mit Handlungsimplikationen für die Gesellschaftspolitik eines Staates. ... Ziel des Multikulturalismus ist die multikulturelle Gesellschaft, in der es keinen staatlichen oder auch nichtstaatlichen Anreiz oder „Druck“ zur Assimilation geben soll. Die ethnischen und kulturellen Gruppen sollen hingegen einzeln existieren. Dabei beruht dieses Modell auf dem Postulat, dass die (Angehörigen der) jeweiligen Ethnien sich gegenseitig Verständnis, Respekt, Toleranz entgegenbringen und einander als gleichberechtigt ansehen können. Kanada wird des öfteren als positives Beispiel für die Umsetzung des Multikulturalismus angeführt. ... "
https://de.wikipedia.org/wiki/Multikulturalismus (7. Juli 2020)

-

Quote
[...] Multikulturalismus ist ein trügerisches Wort, weil es viel weitreichendere Implikationen hat, als man auf den ersten Blick vermutet. Wenn wir an Multikulturalismus denken, denken wir meistens an die bunte Begegnung zwischen vielfältigen Traditionen, Bräuchen, Speisen, Kleidung, Musik usw. Aber der Multikulturalismus hat auch politische Konsequenzen und kann aus der Pluralität der Traditionen zu einer Pluralität der Rechte führen, was problematisch ist.

Nach dem Multikulturalismus sollten die verschiedenen Kulturen so, wie sie sind, akzeptiert werden und dürfen nicht infrage gestellt werden. Das Problem dabei ist, dass die Kulturen keine unveränderlichen und beschlossenen Objekte sind, sondern vielmehr soziale Prozesse, die ständig in Bewegung sind und die letztendlich vom Austausch einzelner Menschen leben – jeder mit seinen eigenen Erfahrungen, Gedanken, politischen und ethischen Überzeugungen, die nicht völlig von der Herkunft oder der religiösen Zugehörigkeit bestimmt sind.

Die Falle des Multikulturalismus ist die, dass man vor lauter Respekt vor den Kulturen Gefahr läuft, die Verletzungen der Menschenrechte der einzelnen Individuen zu übersehen oder sogar zu fördern.

Im Jahr 1972 hat eine Amish-Familie in den USA gefordert, dass ihre Kinder von der Schulpflicht befreit werden, weil nach ihren eigenen religiösen Überzeugungen die Grundschule für die Kinder ausreichte und weiter in die Schule zu gehen, ihre Erlösung gefährdet hätte. Der oberste Gerichtshof der USA hat diese Anfrage angenommen, weil sie auf religiösen Gründen basiert.

Ein solches Sonderrecht den Amish anzuerkennen bringt die Verletzung des Rechts der Kinder auf Bildung mit sich und stellt eine Diskriminierung im Vergleich zu den anderen Kindern dar. Eine Verletzung mit großen Folgen: Da die Amish-Kinder keine Möglichkeit hatten, weiter in die Schule zu gehen, hatten sie auch keine Freiheit, ihr Leben selbstbestimmt zu führen.

Um Menschenrechte immer und überall zu schützen, brauchen wir eine strenge Laizität, die die Menschenrechte in den Mittelpunkt stellt und ihnen alles andere unterordnet. Überall wo Religionen eine große Rolle im öffentlichen Leben spielen, werden Menschenrechte (und insbesondere Frauenrechte) verletzt. Wir brauchen nicht weit umherzuschauen, um das zu beweisen: In Polen will die Regierung, die tief von der katholische Kirche beeinflusst ist, aus der Istanbul-Konvention gegen Gewalt gegen Frauen austreten.

Aber was heißt Laizität? Laizität ist das politische Prinzip, das sich ausgehend vom historischen Prozess der Trennung von Kirche und Staat durchgesetzt hat und das heute noch einen Schritt weitergehen muss. Bisher stellte sich das Problem nämlich rein als eine Frage der Macht dar (der Staat gegen eine Kirche, die säkulare Ambitionen hatte) – ein Problem, das man durch die Aufteilung der Machtbereiche lösen konnte, indem man dem Kaiser gab, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.

Heutzutage reicht das nicht mehr und der „Kaiser“ muss einerseits dafür sorgen, dass „Gott“ nicht gegen die Grundprinzipien des demokratischen Staates verstößt, angefangen bei den Grundrechten des Einzelnen; und andererseits muss der „Kaiser“ die kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und materiellen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die ­einzelnen Bürger tatsächlich in die Lage versetzt werden, ihre eigenes Leben selbst zu bestimmen.

Seit rund 20 Jahren umgibt uns ein Narrativ, das uns in ein „wir“ und ein „die anderen“ aufteilen will und uns in einen fatalen „Konflikt der Kulturen“ zwingt. In Wahrheit gibt es aber keinen Kulturenkonflikt, was es allerdings tatsächlich gibt, ist ein ganz und gar politischer Konflikt, der jeder Kultur der Welt inhärent ist: ein Konflikt zwischen reaktionären und fundamentalistischen Kräften auf der einen Seite und progressiven Kräften und Verfechtern der Menschenrechte auf der anderen. Ganz oft, und oft ohne Absicht, rutschen die Multikulturalisten auf die Seite der Reaktionäre.

Das Folgende ist der Bericht einer Mutter, deren Tochter, eine muslimische in Großbritannien lebende Frau, sich zivilrechtlich von ihrem Mann hatte scheiden lassen: „Mein Exschwiegersohn tauchte in unserer örtlichen Moschee auf und verkündete den Betenden, dass ich eine ‚unmoralische Frau‘ sei und meine Töchter zwinge, sich zu prostituieren. Er bat die Ältesten, ihm zu helfen, sich seine Frau und die gemeinsamen Kinder zurückzuholen, um ihre Seelen zu retten. Die Moschee (in East London) schickte eine Delegation zu mir nach Hause. Fünf Männer tauchten an meiner Haustür auf. Sie sagten mir, ich müsse meine Tochter zwingen, zu ihrem Mann zurückzukehren. Ich sagte ihnen, dass Lubna sich hatte scheiden lassen, doch sie antworteten, die englische Scheidung sei nichts wert und gelte nicht vor dem islamischen Gesetz.“

Deswegen musste am Ende diese Frau vor ein „Scharia-Gericht“ gehen, um eine muslimische Ehescheidung zu bekommen und endlich in Ruhe gelassen zu werden.

Ein Bericht der britischen Regierung schätzt, dass in Großbritannien Dutzende solcher Scharia-Gerichte aktiv sind, die über die Ehescheidungen entscheiden. Das Problem betrifft nur Frauen, weil Männer, laut der Scharia, über das Recht der Verstoßung verfügen, den sogenannten Talāq. Der Bericht wurde heftig kritisiert, weil er diese Gerichte nicht als illegal erklärt. Die Begründung dafür lautet „die Scharia-Räte decken in manchen muslimischen Gemeinschaften einen Bedarf ab. Es besteht ein Bedarf an religiöser Scheidung, dem aktuell die Scharia-Räte entgegenkommen.“

Ich frage mich: Wessen Bedürfnissen kommen diese Gerichte entgegen? Denen der Frau, die einfach in Ruhe ihr Leben führen möchte, oder denen der Männer der Community, die die Freiheit der Frau nicht akzeptieren?

Wenn wir in dieser Geschichte das religiöse Element entfernen, wären wir mit einem klassischen Fall von Stalking konfrontiert und hätten keine Zweifel, auf welche Seite wir uns stellen sollen. Wenn wir aber wieder das religiöse Element einfügen, scheint es plötzlich nicht mehr ein Fall von Stalking, sondern eine religiöse und kulturelle Frage zu sein, die mit Samthandschuhen und gebührendem „Respekt“ behandelt werden muss.

Die Rhetorik vom „Respekt vor den Kulturen“ ist für die Menschenrechte brandgefährlich. Das lässt sich mit der Geschichte von Rita Atria ­illustrieren, die wie ich aus Sizilien stammt. Rita war die Tochter eines Mafiosos, der, als sie elf Jahre alt war, getötet wurde. Nach dem Tod des Vaters nahm Ritas älterer Bruder seinen Platz in der mafiösen Organisation ein. Im Juni 1991 wurde auch der Bruder getötet. Die erst 17-jährige Rita ­beschloss, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, und wandte sich an den Richter Paolo Borsellino.

Rita wurde sofort ins Schutzprogramm aufgenommen: Neue Identität, geheimer Wohnort. Im Juli 1992 wurde der Richter Borsellino in der sogenannten Strage di Via d’Amelio in Palermo ermordet. Rita ertrug die Situation nicht länger und stürzte sich eine Woche danach aus dem siebten Stock der Wohnung in Rom, in der sie unter Polizeischutz lebte.

Ritas Familie hat sie immer verleugnet, ihre Mutter ist nicht zu ihrer Beerdigung gegangen, und sie hat sogar den Grabstein ihrer eigenen Tochter mit Hammerschlägen zerstört.

Warum? Weil Rita die Familie „verraten“ hatte, weil sie der Gemeinschaft „den Respekt verweigert“ hatte. Aber welchen Respekt war Rita ihrer Kultur schuldig? Sie entstammte dieser Kultur, dennoch besaß sie den Mut, ihre eigene Kultur infrage zu stellen, ihr im Namen der Gerechtigkeit und der Freiheit „den Respekt zu verweigern“, wofür sie einen sehr hohen Preis zahlen musste.

Ritas Geschichte ist die Geschichte all jener, die in jedem Winkel dieses Planeten, in jedem kulturellen Kontext patriarchalische und autoritäre Muster infrage stellen und die beschuldigt werden, den Traditionen, der Kultur und der Gemeinschaft den Respekt zu verweigern, beschuldigt von denen, die den Status quo aufrechterhalten wollen.


Aus: "Debatte um Identitäten und Multikulti: Die gewollte Spaltung" Cinzia Sciuto (19. 8. 2020)
Quelle: https://taz.de/Debatte-um-Identitaeten-und-Multikulti/!5702485/

-

Quote
[...] Die Gesellschaften Europas, in denen wir heute ­leben, werden zunehmend komplex. Ethnische, religiöse und kulturelle Konflikte durchziehen sie und machen eine Suche nach neuen Entwürfen des Zusammenlebens erforderlich. Will eine Gesellschaft kulturelle Vielfalt und Persönlichkeitsrechte unter ­einen Hut bringen, das zeigt Cinzia Sciuto in ihrem Buch, muss sie zwischen Staat und Religion unterscheiden. Sie muss laizistisch sein. Laizität ermöglicht den diversen Spielarten von Religionen und Weltsichten erst, in einer pluralistischen Gesellschaft nebeneinander zu existieren. Sie garantiert auf der einen Seite die Religionsfreiheit, gleichzeitig legt sie jedoch Prinzipien fest, von denen nicht abgewichen werden darf, auch nicht im Namen irgend­einer Gottheit. Laizität ist die vorpolitische Voraus­setzung für ein ziviles Zusammenleben in einer komplexen Gesellschaft, in dem die Freiheiten und Menschenrechte von allen respektiert werden.
Dieser politische Essay in der Art wie die von Carolin Emcke oder Hamed Abdel-Samad zeigt die problematische Kehrseite des Multikulturalismus. Wo Anerkennung und Respekt für die Identitäten der diversen ethnischen, religiösen und kulturellen Bestandteile einer Gesellschaft eingefordert werden, läuft man Gefahr zu vergessen, dass jeder Einzelne Träger seiner subjektiven Rechte ist und keine Gruppenzugehörigkeit diese ihm streitig machen kann. Cinzia Sciuto stellt die Prioritäten wieder auf die Füße: Das Individuum ist Träger von Identitäten und Zugehörigkeiten, anstatt dass es von seiner Zugehörigkeit definiert wird.



Laizität und Menschenrechte in einer vielfältigen Gesellschaft
Originaltitel: Non c'è fede che tenga
Übersetzung: Johannes von Vacano
Rotpunktverlag, 08/2020
Einband: Gebunden
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 9783858698865
Umfang: 180 Seiten



Aus: "Buch  - Cinzia Sciuto: Die Fallen des Multikulturalismus" (2020)
Quelle: https://www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/cinzia-sciuto-die-fallen-des-multikulturalismus/hnum/9870542
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« Reply #395 on: August 27, 2020, 03:29:44 PM »

Quote
[...] In großangelegten Werbekampagnen von Handel und Industrie sind sexistische Motive immer weniger zu finden. Dagegen werben Handwerksfirmen und kleinere Dienstleistungsunternehmen immer aggressiver mit geschlechtsdiskriminierenden Bildern und Slogans. „Werf‘ deine Alte raus“, heißt es bei einem Sanitärunternehmen, das eine halbnackte Blondine in der neuen Badewanne zeigt. Ein anderes Beispiel: Eine Frau mit gespreizten Beinen auf dem Auto einer Rohrreinigungsfirma mit dem Werbespruch: „Wir kommen überall durch“.

Rund 5000 solcher Beispiele hat die Frauenrechtsorganisation Pinkstinks im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend über zwei Jahre hinweg gesammelt und bewertet. Das „Monitoring sexistischer Werbung“ hat die Hamburger Organisation im September 2019 vorgelegt. Doch fast ein Jahr danach habe Pinkstinks keinerlei Reaktion erhalten von Seiten des Ministeriums.

„Das sind 400.000 Euro, die uns gegeben wurden für zwei Jahre, um die Studie zu machen", erklärt Stevie Schmiedel, Geschäftsführerin von Pinkstinks. "Und jetzt interessiert sie niemanden. Wir haben überhaupt keine Rückmeldung von den PolitikerInnen bekommen, die letztendlich die Studie beauftragt haben. Das ist eigentlich nicht fair, den SteuerzahlerInnen gegenüber“, beklagt sie.

Auch die Wirtschaftsjuristin Susanne Engelsing, Professorin an der Hochschule Konstanz, bedauert, „gegen frauenfeindliche Werbung wird zu wenig getan". Sie fordert schärfere Gesetze, weil die Selbstkontrolle der Werbewirtschaft durch den Deutschen Werberat leider nicht funktioniere. „Der Deutsche Werberat ist selbst Partei und hat die alleinige Deutungshoheit über das, was menschenverachtende Werbung ist", so Engelsing. "Man darf es aber nicht in den Händen der Werbewirtschaft lassen, sondern es müssen Gerichte eingeschaltet werden können.“

...


Aus: "Sexistische Werbung: Nackte Haut für den Profit" (Frontal 21 vom 11. August 2020)
Quelle: https://www.zdf.de/politik/frontal-21/sexistische-werbung-100.html

-

Quote
[...] Die Moral hat es dieser Tage nicht leicht. Sie ist zum Ismus verkommen und damit zum Schimpfwort. Ganz neu ist die Debatte nicht, doch im Zuge der Migrationshysterie wurde aus dem augenzwinkernden „Moralin“ der spaßbefreite „Moralismus“. Die rechte Publizistik hyperventiliert sogar von einer „Moralismus-Diktatur“ – und rückt so Moral sprachlich in die Nähe von NS-Regime oder DDR. Aber Moral, war das nicht eigentlich mal was Gutes?

„Moral ist im Prinzip erst mal etwas Gutes. Also Moral brauchen wir ja auch, um den Gang der Gesellschaft irgendwie zu ordnen. Aber sobald Moral sich selbstständig macht, dann wird es eben schnell zum Moralisieren.“

Die finnisch-deutsche Schriftstellerin Beile Ratut sprach sich deshalb im Deutschlandfunk für einen kritischen Blick auf moralische Belehrungen aus. Der Philosoph Alexander Grau diagnostizierte ebenfalls im Deutschlandfunk einen „Moralismus mit totalitären Zügen“. Der verlangt dann auch nach einem neuen Superlativ, beziehungsweise Hyperlativ: dem Hypermoralismus.

„Der Hypermoralismus ist ja nicht politisch neutral, sondern wir kennen ihn vor allem eigentlich aus dem linken oder linksliberalen Lager. Er ist der Versuch, die Gesellschaft anhand linker Ordnungsvorstellungen und eines weitestgehend links konnotierten Menschenbildes auszurichten und hat seine Wurzeln in der 68er-Bewegung und in der kulturellen Hegemonie, die in einigen Teilen der Gesellschaft zumindest dieser Linksliberalismus inzwischen erlangt hat.“

Die viel gescholtenen „alten weißen Männer“ scheinen besonders stark unter der vermeintlichen linken Moraldiktatur zu leiden: Broder, Hahne, Tichy und so weiter haben dem Moralismus den Kampf angesagt (Der Vorwurf des „links-grünen Moralismus“).  ...


Aus: "Moralismus-Debatte: Hype um die Hypermoral" Christian Röther (10.08.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/moralismus-debatte-hype-um-die-hypermoral.886.de.html?dram:article_id=422221
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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #396 on: August 29, 2020, 01:17:06 PM »

Quote
[...] Kein geringerer als John Wayne soll über Fred Zinnemanns klassischen Western „High Noon“ (1952) geäussert haben, das Ende dieses Films sei „unamerikanisch“. Tatsächlich setzte Zinnemann – zudem in einer Zeit, in der ein gewisser McCarthy einen Ausschuss zur Bekämpfung „unamerikanischer Umtriebe“ führte, mit dem auch Drehbuchautor Carl Foreman, Kameramann Floyd Crosby und Lloyd Bridges konfrontiert wurden – mit „High Noon“ neue Massstäbe dieses uramerikanischen Genres Western. Die insgesamt düstere Stimmung des Films, die Bitterkeit eines Marshalls (Gary Cooper), der gerade geheiratet hatte (Grace Kelly), über die Feigheit der Menschen in seiner Stadt, die ihm viel zu verdanken haben und in dem Moment zurückweichen, als er Hilfe braucht, um Gangster zu bekämpfen, die sich an ihm rächen wollen – all das konterkarierte das Genre mit den eigenen Mitteln. Da gab es nicht den stilisierten Helden, der glorreich seine amerikanische Stadt zu Ruhm und Ehre führt.

So nimmt es nicht Wunder, dass „High Noon“ in manchen amerikanischen Reviews als Prototyp des „linken“, des liberalen Amerika charakterisiert wurde, während Howard Hawks „Rio Bravo“ sozusagen als Gegenschlag der „Rechten“, der Konservativen eingeschätzt wird. Hawks selbst wollte einen starken, männlich-heldenhaft geprägten, vor Selbstvertrauen strotzenden Film drehen, in dem die nach seiner Sicht uramerikanischen Werte wieder zum Ausdruck kommen. John Wayne, mit dem Hawks bereits in „Red River“ elf Jahre zuvor zusammengearbeitet hatte, war nicht nur in dieser Hinsicht der geeignete Schauspieler, um Hawks Anliegen zu realisieren. Mit Dean Martin, dem Sänger Ricky Nelson, Angie Dickinson und Walter Brennan ergänzte er die Crew um Schauspieler, die hervorragend miteinander harmonieren.

Sheriff John Chance (John Wayne) verhaftet Joe Burdette (Claude Akins) wegen Mordes an einem Mann im Saloon der kleinen Stadt Rio Bravo. Chance ist sich darüber im klaren, welche Folgen diese Verhaftung hat. Denn Joes Bruder Nathan (John Russell) wird nicht eher ruhen, bis er seinen Bruder aus dem Gefängnis befreit hat. Sechs Tage muss Chance warten, bis der zuständige Marshall Burdette unter seine Fittiche nimmt und dem Richter vorführt. Chance lehnt die Hilfe der Einwohner von Rio Bravo ab; er will nicht, dass irgendein friedliebender Bürger Opfer Nathan Burdettes und seiner Bande wird. Ihm zur Seite stehen lediglich der alte Stumpy (Walter Brennan), der auf einem Bein humpelt, und der Ex-Hilfssheriff Dude (Dean Martin), der dem Whisky verfallen ist, weil er vor Jahren einer Frau gefolgt war, die er liebte, die ihn aber nicht liebte.

Dude hat kein Geld, wartet darauf, dass irgend jemand ihm einen Dollar spendiert, um an ein Glas Whisky zu kommen. Andererseits kämpft er innerlich gegen das Teufelszeug. Dude und Stumpy sind die einzigen, die Chance als Helfer gegen die Burdettes akzeptiert – bis der junge Colorado Ryan (Ricky Nelson) erscheint, der nicht nur mit dem Revolver gut umzugehen weiss, sondern hell im Kopf ist. Doch Colorado, der für den Händler Pat Wheeler (Ward Bond) arbeitet und den Chance als Hilfssheriff akzeptieren würde, will sich jedenfalls zunächst aus der Sache heraushalten.

Zu allem Überfluss erscheint in Rio Bravo dann auch noch die schöne Feathers (Angie Dickinson), von der Chance zunächst annimmt, sie seine eine Falschspielerin, die steckbrieflich gesucht wird. Tatsächlich pokert Feathers besser als so mancher Mann. Eigentlich ist Rio Bravo für sie nur eine von vielen Durchgangsstationen. Doch der selbstbewusste Sheriff lässt Feathers länger bleiben als geplant. Sie verliebt sich in Chance.

Als Nathan Burdettes Leute, die wissen, dass sie Joe nicht direkt aus dem Gefängnis befreien können, beginnen, aus dem Hinterhalt auf Chance und Dude zu schiessen und dabei Wheeler ermorden, ist es Dude, der den Mörder im Saloon dingfest machen kann. Das gibt ihm Auftrieb. Und obwohl Chance niemanden aus Rio Bravo in die Auseinandersetzung mit der Burdette-Bande hineinziehen will, helfen ihm fast alle: Colorado, Feathers – und sogar der Besitzer des Alamo-Hotels Pedro (Carlos Robante) und seine Frau Consuela (Estelita Rodriguez) ...

Obwohl John Wayne in seiner gewohnten Art und Weise als selbstbewusster Held mit Durchblick, der nie die Ruhe verliert, erneut eine Paraderolle spielt, eine Rolle, die auf ihn zugeschnitten ist, sind es vor allem Walter Brennan als ewig quengelnder alter Haudegen Stumpy und Dean Martin als Mann, der versucht, dem Geist der Flasche zu entkommen, die zum Humor und zur Dramatik des Films beitragen. Angie Dickinson als intelligente, liebende Frau und der junge Ricky Nelson als zurückhaltender, schlauer Fuchs tragen zu einer exzellenten Besetzung bei, die kaum etwas zu wünschen übrig lässt.

Im Gegensatz zu anderen Beispielen des Genres erstaunt, dass Hawks weitgehend auf eine allzu pathetische Inszenierung des Heldentums verzichtet. Die Handlung verläuft eher in ruhigen Bahnen und Hawks setzt vor allem auf eine detaillierte Beschreibung seiner Hauptfiguren. Tatsächlich kann man in „Rio Bravo“ eine Art Gegenstück zu Zinnemanns „High Noon“ sehen. Während dort Gary Coopers Marshall verzweifelt nach Hilfe in der Bevölkerung sucht, um die Verbrecher zu bekämpfen, lehnt Sheriff Chance es kategorisch ab, dass sich ausser Stumpy und Dude irgend jemand der Gefahr im Kampf gegen Burdette aussetzt. Während die Leute in „High Noon“ aus Feigheit Marshall Kane alleine lassen, reissen sich in „Rio Bravo“ die Leute geradezu darum, Chance zu unterstützen.

Während „High Noon“ dem amerikanischen Publikum den Spiegel vorhält und – man kann schon sagen: fast gnadenlos – die Feigheit vor Heldentum und Zusammenhalt „siegen“ lässt (auch wenn Coopers Marshall am Schluss die Verbrecher besiegt), feiert Hawks alles, was den american dream ausmacht: einen ausgeprägten Individualismus ebenso wie den Zusammenhalt der „Sippe“. In „Rio Bravo“ „entsteht“ Familie. Nicht nur, dass Chance und Feathers ein Paar werden. Die Gefahrensituation schweisst die örtliche Gemeinschaft zusammen. Dude führen Risiko und Bedrohung durch Burdette zur Abkehr vom Alkohol. In Colorado gewinnt der Ort einen neuen Freund. Chance beweist sich als geeigneter Sheriff. Und selbst die Mexikaner Carlos und Consuela tragen ihren Part dazu bei, um die Gemeinschaft auf höherer Stufe zusammenzuschweissen. Aus der heimatlosen Feathers, die einem Spieler zum Opfer gefallen war, wird eine liebende Ehefrau (in „High Noon“ wirft Marshall Kane am Schluss seinen Stern auf den Boden und verlässt mit seiner jungen Frau die Stadt).

Trotz dieser mehr als eindeutigen Feier des Heldentums wirkt „Rio Bravo“ jedoch nicht übertrieben oder unglaubwürdig. Hawks, ein Erfahrener auf dem Gebiet des Westerns (mit John Wayne in der Hauptrolle u.a. „Rio Lobo“, 1970; „El Dorado“, 1967; „Red River“, 1948 – um nur einige zu nennen), hütet sich davor, dem Pathos Tür und Tor zu öffnen. Seine Figuren „bleiben auf dem Teppich“, und gerade die Konzentration auf Charaktere und ihre Beziehungen zueinander machen „Rio Bravo“ zu einem der spannendsten Western aller Zeiten.


Aus: "Rio Bravo Kontra „High Noon“ ?!" Ulrich Behrens (26. August 2020)
Quelle: https://www.untergrund-blättle.ch/kultur/film/rio-bravo-1388.html
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« Reply #397 on: September 03, 2020, 10:14:07 AM »

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[...] Udo Wachtveitl und sein Schauspielerkollege Miroslav Nemec hatten als das Münchner Duo Batic und Leitmayr die meisten Einsätze in der Geschichte des „Tatorts“.

Im Gespräch mit der „Zeit“ zieht Wachtveitl nun eine durchaus kritische Bilanz der Krimireihe. Ihm sei der „Tatort“ moralisch zu erwartbar geworden, so der 61-Jährige. Der Unterprivilegierte sei in der Krimiserie mit öder Regelmäßigkeit der bessere Mensch, wird der Darsteller von Kommissar Franz Leitmayr in der Wochenzeitung zitiert.

„Neulich hat mich ein Freund gefragt: Wie viele moralisch gute Charaktere gibt es eigentlich im ‚Tatort‘, die reich waren? Gute Frage“, sagte er demnach.

Wachtveitl vermutet, dass das eine Generationenfrage sei: „Ich glaube, da ist ein bisschen 1968er-Kitsch dabei. Diese Leute sind jetzt alle in den Redaktionen in den entsprechenden Positionen. Bei denen darf der hart arbeitende Ausländer unter den drei Verdächtigen sicher nicht der Täter sein.“

Auch Regisseur und Drehbuchautor Dominik Graf würde sich wünschen, dass der „Tatort“ weniger erwartbar wäre und seine Zuschauer auch mal überfordern würde.

...


Aus: "Schauspieler: Wachtveitl kritisiert zu viel „68er-Kitsch“ im „Tatort“" (12.08.2020)
Quelle: https://www.welt.de/kultur/article213375856/Udo-Wachtveitl-sieht-zu-viel-68er-Kitsch-im-Tatort.html

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Orthograf

 Es sind ja nicht nur die Alt-68er in den Redaktionen. Nachgerückt ist eine junge Journalisten-Generation, deren Angehörige scheinbar ganz offen Aktivismus als elementaren Bestandteil ihres Berufs sehen. Der Leser, Zuschauer, Hörer muss offenbar von der "richtigen" Meinung überzeugt werden. ...


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Dirk A.

 Deutschland produziert nun auch in Sachen Film und Fernsehen nur noch hypermoralisierten Müll. ...


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Gunter P.

 Nicht nur manchmal zu viel 68er Kitsch.
Insgesamt (!) sind die Filme zu "pädagogisch" und damit langweilig.
Genau das braucht ein guter Kriminalfilm nicht:
Langeweile und Belehrungen.

Dabei gibt es genügend wirklich hervorragende und inspirierende Vorbilder: Französische Kriminalfilme der 60er oder frühen 70er Jahre.
Amerikanische Kriminalfilme der "goldenen Ära" bis etwa 1980.
Nur Mut!


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Karl W.

 Beim letzten Tatort, den ich vollständig geschaut habe, hieß der Kommissar noch Schimanski. ...

« Last Edit: October 15, 2020, 02:01:01 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #398 on: September 03, 2020, 11:17:20 AM »

Quote
[...] Aufbauschen, skandalisieren, beschimpfen: Unsere Gesprächskultur verkommt immer öfter zu strategischer Kommunikation. Das funktioniert, indem gezieltes Falschverstehen zur Taktik wird ...

Kein kommunikativer Trend ist so auffällig wie der sich in den sozialen Medien, in Talkshows und auf Demos austobende Hang zur rechthaberischen Fehlinterpretation. Zum Einsatz kommen dabei vor allem drei rhetorische Kampftechniken.

Die erste ist die Strategie der Nicht-Interpretation: Man weigert sich, „zwischen den Zeilen“ zu lesen, nimmt jedes Wort für bare Münze. Damit geht jegliche Doppelbödigkeit des Gesprächs verloren, auch alles Hintergründige und vor allem jede Ironie.

... Die zweite Taktik ist die gezielte Falschinterpretation.

... Die dritte Technik ist die Überinterpretation. Was sonst nur Karikaturen können, ist auf Twitter Modus Vivendi: Wer die Absage einer Hygiene-Demo begrüßt, ist Anhängerin der Merkel-Diktatur, wer auf die Demonstrationsfreiheit pocht, ist ein „Covidiot“. Und wer Kant gegen den Vorwurf des Rassismus verteidigt, verteidigt zugleich auch den Rassismus ...

Traurig ist, dass die Tugend hermeneutischen Wohlwollens dem Laster des hermeneutischen Generalverdachts weicht: Man ist sich stets sicher, und zwar rechts wie links, dass das Gegenüber ein viel schlechterer Mensch ist, als das aus seinen manifesten Äußerungen hervorgeht. Deshalb will man ihn nicht mehr verstehen. ... Verweigertes Verstehen macht freudlos und verbissen.  ...


Aus: "Verrohte Gesprächskultur: Der Wille zum Missverständnis" Arnd Pollmann (30.08.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/verrohte-gespraechskultur-der-wille-zum-missverstaendnis.2162.de.html?dram:article_id=483182
« Last Edit: September 03, 2020, 11:21:49 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #399 on: October 15, 2020, 02:00:22 PM »

Quote
[...] Vor 50 Jahren Auf dem Laufsteg wird er als Lieblingskind der Mode gefeiert, Boutiquen und gutbürgerliche Bekleidungshäuser räumen ihm bereitwillig Platz in der Vitrine ein. Und auch im modischen Straßenbild bedeutet er längst eine Selbstverständlichkeit. Im Büro, am Arbeitsplatz aber ist der Hosenanzug als „korrekte Kleidung“ noch umstritten, um nicht zu sagen, verpönt. Während Miniröcke den durchaus wohlwollenden Blick vieler Chefs ernten, sind die durch lange Hosen züchtig bedeckten Beine – sofern sie überhaupt im Büro aufmarschieren – auch im Jahr 1970 bei einigen Firmen Stein des Anstoßes. Für das Mißfallen, das Hosen an Damenbeinen bei Personalchefs offenbar auch im Zeitalter der Frauenemanzipation manchmal noch erregen können, gibt es ein verblüffendes Beispiel: Vor kurzem wurde bei einer Bremer Filiale einer Weltfirma eine Kontoristin entlassen. Der Kündigungsgrund: eine rote lange Hose und die Weigerung der Trägerin, in Zukunft auf diese „nicht passende Aufmachung“ zu verzichten. (30./31. Mai 1970)   

Hintergrund Man mag es kaum für möglich halten, aber das Thema Hosenanzug rief im Frühjahr 1970 einen handfesten Skandal hervor. Dafür sorgte eine gebürtige Bremerin, die frisch gewählte SPD-Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer (1915-1997) aus Isernhagen bei Hannover. Bis dahin hatte es noch keine Frau gewagt, das Parlament in Hosen statt mit Rock zu betreten und damit gegen die ungeschriebene Kleiderordnung zu verstoßen.

Doch als der damalige Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger (CSU) kundtat, er werde keiner Frau erlauben, mit Hosen im Plenum zu erscheinen und erst recht nicht, in einer solchen Aufmachung auch noch das Wort zu ergreifen, stachelte das den Widerstand einer kleinen Gruppe gewählter Volksvertreterinnen an. Dabei konnte die Sozialdemokratin keineswegs als junge Wilde durchgehen, im Gegenteil: Die damals 54-Jährige musste sich ihren beigen Hosenanzug extra kaufen, eigentlich bevorzugte sie den Rock. Aber die patriarchalische Haltung Jaegers entfachte nun einmal ihren Zorn, es ging ums Prinzip.

Als Lenelotte von Bothmer sich im April 1970 erstmals in Hosen im Bundestag blicken ließ, ging ein Raunen durch die Reihen, etliche Stimmen fürchteten um die Würde des Hohen Hauses. Dass sie bei dieser Gelegenheit noch nicht einmal eine Rede hielt, spielte keine Rolle. Ein mächtiges Rauschen durchzog den medialen Blätterwald, alarmierte Bürger ergingen sich in wüsten Beschimpfungen. „Armes Deutschland, so tief bist du gesunken mit den roten Parteiweibern“, hieß es in einer anonymen Zuschrift. Freilich beruhigten sich die Gemüter auch bald wieder. Entgegen gern kolportierter Ansicht tobte der Saal keineswegs, als die unerschrockene Politikern am 14. Oktober 1970 ihr Rededebüt im Hosenanzug gab. Das Protokoll vermerkt nur einen einzigen, vergleichsweise harmlosen Zwischenruf des CDU-Abgeordneten Berthold Martin: „Die erste Hose am Pult!“

Bereits in den 1930er-Jahren hatten Schauspielerinnen wie Marlene Dietrich einen Hosenanzug getragen. In breiteren Schichten setzte sich die Kombination aus Jacke und Hose aber erst in den 1960er-Jahren durch, ironischerweise erregten die doch eigentlich untadeligen Hosenanzüge fast noch mehr gesellschaftlichen Disput als die zeitgleich aufkommenden Miniröcke. Das Beispiel der angefeindeten Bremer Kontoristin zeigt, wie schwer sich manche Firmen taten, den Hosenanzug als Alternative zum Rock zu akzeptieren. Dazu der WESER-KURIER: „Was im Bonner Bundestag möglich ist, sollte in einem Bremer Büro eigentlich nicht unmöglich sein.“ Inzwischen sind Hosenanzüge längst salonfähig, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sogar eine ausgesprochene Vorliebe dafür.

Aus: "Vor 50 Jahren - „Der Kündigungsgrund: eine rote lange Hose“" Frank Hethey (30.05.2020)
Quelle: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-der-kuendigungsgrund-eine-rote-lange-hose-_arid,1915827.html

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« Reply #400 on: October 27, 2020, 10:46:01 AM »

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[...] KAIRO taz | Es sind die üblichen Verdächtigen, die aus den Äußerungen des französischen Präsidenten zu den Mohammed-Karikaturen versuchen in der islamischen Welt Nutzen zu ziehen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan rief seine Landsleute dazu auf, keine französisch gekennzeichneten Waren zu kaufen. Muslime seien einer ähnlichen Lynchkampagne ausgeliefert wie früher die Juden in Europa, behauptete er. Erdoğan bezeichnete Emmanuel Macron als „Krankheitsfall“, dessen geistiger Zustand überprüft werden müsse.

... Hintergrund sind Aussagen Macrons vom Mittwoch als Reaktion auf den Mord an dem Lehrer Samuel Paty, in denen er die kontroversen Mohammed-Karikaturen und die säkularen Werte Frankreichs verteidigte. Er forderte, gegen radikale Formen des Islam vorzugehen.

Erdoğan nutzte die Gunst der Stunde, um viele offene Rechnungen mit Macron zu begleichen, wie etwa den Streit um die Öl- und Gasvorkommen im Mittelmeer. Bei diesem Konflikt hatte sich Frankreich am vehementesten gegen die Türkei auf die Seite Griechenlands gestellt.

Andere muslimische Länder reagierten zwar nicht mit Boykottaufrufen, aber sie verurteilten die Worte Macrons. Pakistans Premierminister Imran Khan warf ihm Islamophobie vor. „Präsident Macron hat die Gefühle von Millionen von Muslimen in Europa und auf der ganzen Welt angegriffen und verletzt“, twitterte er und forderte ein Verbot islamophober Inhalte auf Facebook. Die Organisation Islamischer Staaten hat die „französischen Attacken gegen Muslime“ und „beleidigende Karikaturen“ gegen sie verurteilt.

Ahmed al-Tajib, der Großscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, eine der wichtigsten Rechtsautoritäten des sunnitischen Islam, sprach von einer systematischen Kampagne, die den Islam in politische Kämpfe drängen solle. Zuvor hatte die Al-Azhar den Mord an dem französischen Lehrer Paty verurteilt, aber hinzugefügt, dass die Beleidigung von Religio­nen im Namen der freien Meinungsäußerung eine Einladung zum Hass darstelle. Die meisten dieser Erklärungen sind Verurteilungen der Karikaturen und deren Verteidigung.

Der Rest des neu heraufbeschworenen Kulturkampfes findet vor allem in der Blase der sozialen Medien statt. Es ist sozusagen ein Sturm im Twitter-Glas, um präzise zu sein: im islamistischen Twitter-Glas. Da werden fleißig französische Flaggen durchkreuzt und zum Boykott der französischen Supermarktkette Carre­four aufgerufen. Irgendwo in Katar oder in Kuwait werden Videos gezeigt, in denen französische Käsesorten mit lachenden Kühen aus dem Regal genommen und Boykott-Zeichen am Regal angebracht werden.

So wie westliche Medien gerne einen erneuten Kulturkampf an die Wand malen, wird dieses Bild von islamistischen Blasen in den sozialen Medien freundlich bedient. Ein kurzer Blick auf den vollen Parkplatz von Carrefour zeigt, dass das mit dem Leben der meisten Menschen in der arabischen Welt wenig zu tun hat. Da ist es wichtiger, dass die französische Kette billigere Produkte verkauft als die benachbarte amerikanische. Laut UN-Statistiken leben zwei Drittel der Araber unter der Armutsgrenze oder sind kurz davor, in diese abzustürzen. Sonderangebote sind allemal attraktiver als ein Kulturkampf.

Und wenn es dann unter den gläubigen Muslimen immer noch wen kümmert, gibt es Stimmen wie die der Muslim World League, die das Pferd anders aufzäumen. „Karikaturen können den Propheten weder verletzen noch beleidigen, denn er ist größer und heiliger, als dass er beleidigt werden kann.“ Das Sekretariat hochrangiger saudischer islamischer Rechtsgelehrter hat eine Erklärung veröffentlicht, laut der „eine Beleidigung von Propheten diese nicht verletzen kann, sondern einzig und allein als Aufruf zur Radikalisierung dient“.

„Macrons ‚Krise des Islam‘ ist langweilig“, twittert der ägyptische Soziologe Amro Ali. Die wirkliche Krise der muslimischen Welt werde dadurch verstärkt, „dass Macron den dortigen Diktatoren seine Waffen verkauft“, schreibt er. Tatsächlich gehörten die arabischen Autokraten in Katar, Saudi-Arabien und Ägypten im letzten Jahr zu den größten Kunden der französischen Waffenindustrie. Das gebe ihnen grünes Licht.


Aus: "Boykott französischer Produkte: Kulturkampf in den sozialen Medien" Karim El-Gawhary - Auslandskorrespondent Ägypten (26. 10. 2020)
Quelle: https://taz.de/Boykott-franzoesischer-Produkte/!5720819/

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[...] Erstaunlich: Da ermordet ein islamistischer Terrorist einen Menschen in Frankreich, und wenig später wird zum Boykott französischer Waren aufgerufen. Wer die Aufrufe liest und die Wut zu verstehen versucht, wird stutzig: Präsident Macron dient als Feindbild, von Beleidigung des Islam ist die Rede und einer Verletzung von Gefühlen. Aber: Was genau soll Macron eigentlich getan haben?

Um Missverständnisse zu vermeiden: Nicht „die islamische Welt“ ruft jetzt aus herbeifantasierten Motiven zum Boykott Frankreichs auf. Die meisten Gläubigen weltweit dürften von dem Streit bislang nichts mitbekommen haben oder nehmen ihn schulterzuckend zur Kenntnis. Es sind Einzelne, die Stimmung machen.

Doch in den antifranzösischen Chor reihen sich gewichtige Stimmen ein wie die Al-Azhar-Universtität in Kairo, die nicht zum Boykott aufruft, aber von einer „Kampage gegen den Islam“ faselt; Groß-Imam Ahmed al-Tajib sieht eine „systematische Kampagne“ am Werk, und die Organisation für Islamische Zusammenarbeit spricht von einem Angriff auf Muslime.

Islamophobie ist ein ernstes Problem, in Frankreich wie in anderen Ländern. Aber Macrons „Kampagne“ ist ein Phantom. Nach dem Mord an Samuel Paty hat sich Macron gegen Radikalismus ausgesprochen und die Meinungsfreiheit verteidigt, von der er auch Mohammed-Karikaturen gedeckt sieht. Mehr nicht.

Selbst in Deutschland gibt es vereinzelte Stimmen, die den Boykott unterstützen. „Wir dürfen nicht zurückbeleidigen. Beleidigungen gehören nicht zur islamischen Erziehung“, schrieb am Montag der unabhängige Prediger Abdul Adhim Kamouss, der den Anschlag in Paris zuvor deutlich verurteilt hatte. Dann folgt das Aber: „Aber wir sind sauer und traurig.“ Deshalb boykottiere er nun französische Waren.

Auffällig ist, dass die Empörung erst jetzt kommt, nach den Hetzreden Erdoğans am Samstag. Der Populist, der sich an die Spitze der islamisch Konservativen und Islamisten weltweit zu setzen versucht, hatte Macron angegriffen und einen Kulturkampf heraufbeschworen, der an den Karikaturenstreit von 2005/06 erinnert. Am Montag rief er offiziell zum Boykott auf. Spätestens jetzt sollten sich die Boykottierer*innen fragen: Will uns da jemand instrumentalisieren?

Nachdem IS-Terroristen die Welt jahrelang im Namen des Islam in Atem hielten und nun erneut einer ihrer Freunde im Geiste gemordet hat, sollte allen klar sein, wie falsch der Boykott ist. Nach dem Mord an Paty ist Zeit für Solidarität, nichts anderes.


Aus: "Boykottaufrufe gegen Frankreich: Macrons Phantom-Kampagne" Kommentar von Jannis Hagmann (27. 10. 2020)
Quelle: https://taz.de/Boykottaufrufe-gegen-Frankreich/!5720709/

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[...] die These vom verwirrten Einzeltäter gilt schon lange nicht mehr: Der Mord an Samuel Paty hat noch einmal fast lehrbuchartig vor Augen geführt, dass es ohne ein breites ideologisches Umfeld solche Taten nicht geben kann: Ein Vater, der mit Unterstützung eines landesweit bekannten Islamisten in der Schule seiner Tochter die Strafversetzung eines Lehrers fordert und im Internet gegen ihn hetzt – obwohl die Tochter in besagter Geschichtsstunde gar nicht anwesend war.

Ein islamistischer Prediger, der in der Großen Moschee von Pantin walten darf, auf deren Facebook-Seite das Hetzvideo des Vaters gegen den Lehrer verbreitet wird. Ein Video, das den Täter erst auf den Lehrer aufmerksam macht. Bis hin zu einer Studentin, die in den sozialen Medien die Tötung Patys gutheißt. Sie wurde zu drei Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Ja, das mag symbolisch sein; ja, nur mit Verboten lässt sich dem Problem nicht beikommen, das seine Wurzeln auch darin hat, dass viele junge Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich sozial abgeschlagen sind.

...


Aus: "Macron nimmt den Kampf mit den geistigen Brandstiftern auf" Aus einer Kolumne von Andrea Nüsse (27.10.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/mehr-solidaritaet-mit-frankreich-macron-nimmt-den-kampf-mit-den-geistigen-brandstiftern-auf/26309512.html

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[...] Murat Kayman ist Jurist und war von 2014 bis 2017 Koordinator der Landesverbände des islamischen Dachverbands Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib). Nach der Affäre um die Spitzeltätigkeit von Imamen in Deutschland legte er sein Amt nieder. In diesem Gastbeitrag, der auf einem längeren Blogeintrag basiert, setzt er sich nach dem Attentat auf den Pariser Lehrer Samuel Paty kritisch mit der Haltung muslimischer Verbände und vieler Muslime zur Gewalt auseinander. Kayman ist Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft, einem Zusammenschluss von Musliminnen und Muslimen, die sich als Europäer begreifen, und Mitglied des Podcasts "Dauernörgler".

Der Lehrer Samuel Paty wurde nur 47 Jahre alt. Er war damit in meinem Alter. Er musste sterben, weil er seinen Schülern am Beispiel der Mohammed-Karikaturen die Bedeutung von Meinungsfreiheit erklären wollte.

"Musste sterben" ist angesichts der tatsächlichen Umstände der Mordtat eine Verharmlosung. Wir müssen, gerade als Muslime, deutlicher beschreiben, wie er umgebracht wurde. Samuel Paty wurde nicht erschlagen oder erstochen. Er wurde nicht erdrosselt oder erschossen. Die Art und Weise seiner Ermordung haben muslimische Extremisten bei ähnlichen Taten in der Vergangenheit als "Schlachtung" ihres Opfers bezeichnet. Die Täter vollziehen ihre Tat dabei unter Anrufung Gottes. Es ist zu vermuten, dass auch der Mörder Samuel Patys seinem Motiv und seiner Tat die Bedeutung einer religiösen Rache oder einer stellvertretend vollzogenen göttlichen Strafe verleihen wollte.

Lehrer. Meinungsfreiheit. "Schlachtung". Aufgrund dieser besonderen Konstellation habe ich gewartet und mich gefragt, was die muslimischen Gemeinschaften und Dachverbände in Deutschland zu diesem Mordanschlag in Paris sagen werden.

Als Muslim meint und hofft man, die öffentlich präsenten muslimischen Dachverbände auf Bundesebene, wie die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) oder der Islamrat, hätten gerade wegen dieser Konstellation das Bedürfnis, in diesem Fall nicht zu schweigen, so wie oft. Denn welchen Wert hat es, zu behaupten, man erfülle die Merkmale einer Religionsgemeinschaft, als die man vom deutschen Staat anerkannt werden will, wenn in den entscheidenden Momenten unseres Zusammenlebens diese Behauptung nicht mit Wort und Tat bestätigt wird?   

Doch außer ein paar spärlichen Tweets oder Einträgen auf Facebook war nichts zu lesen oder zu hören. Selbst das wenige, das gesagt wurde, folgte einer Dramaturgie, die mittlerweile wie eine ritualisierte Betroffenheitsfolklore wirkt. Fast schon genervt klangen diese Erklärungen. Man habe doch all die Jahre immer und immer wieder erklärt, dass solche Taten nichts mit dem Islam zu tun haben! Am Ende des Tages bedeutet Islam Frieden und Allah allein weiß, weshalb Menschen plötzlich auf die Idee kommen, anderen die Kehle durchzuschneiden. Ich kann diesen öffentlich reproduzierten ignoranten Fatalismus der muslimischen Dachverbände nicht mehr hören.

Dabei gäbe es nach einem solchen Anschlag vieles zu bereden. Und viele Fragen. Ob etwa ein Zusammenhang zwischen einem solchen Mord und dem islamischen Opferritus bestehen könnte. Das jährliche Opferfest wird als Pflichterfüllung und Segen angepriesen. Kaum jemand stellt dies infrage oder fordert, die Schlachtung vielmehr als mahnende Erinnerung an das menschliche Gewaltpotenzial wahrzunehmen; als einen Tabubruch, nämlich der Tötung eines von Gott erschaffenen Wesens, das an die Anmaßung des Menschen erinnern und ihm Demut abverlangen soll.

Stattdessen wird der Akt des Tötens, konkret des Schlachtens eines dem Menschen hilflos ausgelieferten Lebewesens mittels Kehlschnitt als Normalität der Dominanz des Überlegenen gegenüber dem Unterlegenen – dem vielleicht Minderwertigen? – etabliert. Eine Dominanz, die sich in den eingangs geschilderten extremistischen Morden als Tathergang wiederholt.

In Freitagspredigten mag noch so häufig wiederholt werden, dass Islam Frieden bedeutet. Aber es gibt im religiösen Alltag der Muslime, in den Verbänden und Gemeinschaften bis ins unterste Glied strukturelle Probleme und jene, die vorgeben, uns Muslime zu vertreten und sich gerne als "Großverbände" präsentieren, sind mit ihrer Verdrängungshaltung ein gewichtiger Teil dieser Probleme. Es geht um ein Vorleben, um Denk- und Handlungsmuster, die von den Dachverbänden bis in die Gemeinden hinein ein Klima der Abwertung und Hierarchisierung schaffen. Es herrschen Bedingungen, in denen sich der Einzelne mit seinem individuellen Verhalten stets einer kollektiven Akzeptanz unterordnet und sich einer widerspruchslosen Duldung und Befürwortung durch die religiöse Gemeinschaft vergewissert.

Alle Religionen, so auch der Islam, tragen ein Friedenspotenzial und ein Gewaltpotenzial in sich. Das, was die Glaubensgemeinschaften als religiös konforme Haltung vorleben und tradieren, prägt ganz wesentlich die Frage, in welche Richtung sich insbesondere junge Muslime entwickeln.

Wenn also die muslimischen Verbandsvertreter frustriert und desinteressiert darauf hinweisen, dass das alles nichts mit dem Islam zu tun hat, müssen wir ihnen entgegnen: Es hat was mit uns Muslimen zu tun. Die von Muslimen verübte Gewalt hat sehr viel mit dem zu tun, was Muslime in ihren Gemeinschaften als akzeptabel dulden, was sie unterstützen, was sie nicht zum Anlass für Widerspruch nehmen, was sogar eine gemeinsame Identität fördert und was das Gefühl von Zugehörigkeit festigt. Denn auch der Mörder Samuel Patys wird für sich in Anspruch genommen haben, als "guter Muslim" zu handeln. Die muslimischen Dachverbände schulden uns Muslimen und der gesamten Gesellschaft eine Antwort auf die Frage, warum er seine Tat nicht als Widerspruch zu diesem Anspruch erlebt hat.

Dabei kann ich nicht die Augen davor verschließen, was wir in unseren muslimischen Gemeinschaften unwidersprochen hinnehmen und als wiederkehrende Verhaltensmuster akzeptieren. Es geht nicht darum, dass Gewalt ausdrücklich befürwortet wird, aber sehr wohl gibt es unter Muslimen eine unkritische Haltung zur Gewalt und eine Militanz des Denkens und Glaubens, die nicht mehr hinterfragt wird und nicht als Widerspruch zum Islam wahrgenommen wird.

In unseren muslimischen Gemeinschaften hat Gewalt einen viel zu häufig akzeptierten, als gesellschaftliche Normalität hingenommenen Platz. In der Kindererziehung, im Verhältnis von Mann und Frau oder als Muster kollektiver, politischer oder identitärer Auseinandersetzungen.

Weit verbreitet ist zum Beispiel in der religiösen Pädagogik noch die Vorstellung von Autorität und Unterordnung, die im Zweifel auch mit körperlicher Züchtigung einhergehen kann – die körperliche Herrschaft über das physisch unterlegene Kind wird als legitim angesehen. Oder suchen muslimische Frauen, die seelische oder körperliche Gewalt in der Ehe erfahren, Rat bei muslimischen Gemeinden und Verbänden, kommt es nicht selten vor, dass ihnen Geduld und stillschweigendes Ausharren empfohlen wird. Nicht die Gewalt des Mannes gilt als religiöse Verfehlung oder gesellschaftliches Stigma, sondern vielmehr der Status einer geschiedenen Frau.

In den muslimischen Dachverbänden ist nicht selten die Vorstellung verbreitet, die eigenen Gemeinschaften seien Festungen des Islam in einem antimuslimischen Europa; seien wehrhafte Wagenburgen des Anstandes und der Moral in einer ethisch verderbten Gesellschaft, die sich dem Hedonismus, der Promiskuität, der Homosexualität und ganz allgemein der Lasterhaftigkeit hingegeben hat. Weil die Außenwelt derart schädlich ist, ist der innere Zusammenhalt besonders wichtig.

Zur Rhetorik gehört deshalb häufig die Reminiszenz an die Schlacht von Uhud im Jahre 625. Sie gilt als metaphorische Warnung vor Pflichtvergessenheit und Leichtsinn. In dieser historischen Schlacht standen die muslimischen Kämpfer in Medina kurz vor einem Sieg gegen ihre Angreifer. Jedoch verließen die muslimischen Bogenschützen, getrieben von der Aussicht auf reiche Beute, eine strategisch wichtige Anhöhe und verloren damit den sicher geglaubten Sieg. Die Verbandsfunktionäre werden nicht müde, das Bild der Uhud-Bogenschützen zu beschwören, wenn sie die eigenen Reihen schließen und zur bedingungslosen Loyalität aufrufen wollen.

Wenn eine solch militarisierte Sprache gepflegt und historische Schlachten zitiert werden, um zu demonstrieren, dass man bald auch in Deutschland siegreich sein werde, dann muss man sich nicht wundern, dass es in hiesigen Moscheegemeinden nicht als pädagogische Entgleisung wahrgenommen wird, wenn Kleinkinder mit Uniform und Spielzeuggewehr unter dem Applaus ihrer begeisterten Eltern an Inszenierungen von historischen Kriegen und Tod teilnehmen.

Bis heute ist das Verständnis von Erfolg und Macht mit der Eroberung ehemals muslimisch beherrschter Gebiete oder Symbolbauten verwoben. Eine besondere Funktion erfüllt dabei die al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Ihre regelmäßig geforderte "Befreiung" richtet sich gegen Juden, die im Rahmen antisemitischer Stereotype als übermächtiger Feind und Ränkeschmied imaginiert werden.

Die Rollenverteilung im Nahostkonflikt hat mittlerweile eine quasireligiöse Ersatzfunktion eingenommen: Die Haltung zu diesem Konflikt gilt als Nachweis der eigenen Frömmigkeit. Als "guter Muslim" ist es völlig klar, wie die Antwort auf die Gretchenfrage kollektiver muslimischer Identität "Wie hältst du es mit Israel?" lauten muss. Der Antisemitismus unter Muslimen ebnet damit den Weg zur Wahrnehmung und letztlich auch zur Legitimation von Gewalt als Reaktion auf erlittenes Unrecht. Er gilt als gegenwärtiger Vergewisserungsanker für historische Gewalt an Muslimen – und damit als moralische Entschuldigung eines religiösen Tabubruchs: der Tötung eines anderen Menschen.

Es gehört zum Wesen einer jeden Religion, dass sie exklusivistische Züge trägt. Wir halten unsere eigene Erzählung von Gott und der Schöpfung nur deshalb für glaubwürdiger als die vieler anderer alternativer Erzählungen, weil wir mit ihr aufgewachsen sind. Jede Religion hält jedoch für ihre Angehörigen auch die Zumutung von Irrationalität bereit. Diese Bruchstellen sorgen im Idealfall dafür, dass der Wahrheitsanspruch der eigenen Religion stets einen Hauch des Selbstzweifels erhält. Unser Glaube fordert uns dazu heraus, den eigenen Wahrheitsanspruch nicht nur zu behaupten, sondern durch gute Taten für alle unter Beweis zu stellen.

Jemand, der Gewalt gegen andere ausübt, will diesen mittelbaren Wahrheitsbeweis nicht antreten. Er will der Herausforderung, in einer widersprüchlichen Welt gläubig zu sein, durch die Vernichtung des anderen ausweichen. Ein wahrhaft gläubiger Mensch kann sich indes nie im Besitz einer vollständigen Wahrheit– und damit im Zustand der Vollkommenheit – wähnen. Vollkommenheit ist ein göttliches, kein menschliches Attribut.

Wer sich als Muslim im täglichen Gebet nur Gott hingibt und sich nur vor ihm beugt, im Gebet geradezu körperlich, darf eigentlich von keinem anderen Menschen erwarten, dass dieser sich der Glaubensüberzeugung und der Meinung eines Muslims zu beugen habe.

Wer aber in Kategorien von Überlegenheit und Unterordnung glaubt, ist anfällig dafür, andere Menschen abzuwerten. Jene, die einen solchen Weg einschlagen, können irgendwann auch zu der Überzeugung gelangen, dass menschliches Leben unterschiedlich viel wert ist, je nachdem, was einer denkt und meint.

Wir müssen als Muslime deshalb aufhören, andere Lebensweisen und Glaubensauffassungen in eine Rangfolge der Glaubwürdigkeit oder Werthaltigkeit einzuordnen. Wir müssen aufhören, solche Abwertungs- und Ausgrenzungserzählungen in unseren Gemeinschaften zu dulden. Wir müssen aufhören, Rassismus, Antisemitismus und Misogynie als hinnehmbare Haltung, ja gar als kollektive Identitäten stiftende Merkmale eines "normalen" oder "guten" Muslims wahrzunehmen.

Der Islam ist eine Idee davon, was Gott und was der Zweck seiner Schöpfung sein mögen. Wir Muslime entscheiden täglich darüber, wie wir diese Idee leben und damit auch darüber, ob sie uns zur Gewalt oder zum Frieden führt.


Aus: "Mord an Samuel Paty: Das hat was mit uns Muslimen zu tun" Ein Gastbeitrag von Murat Kayman (26. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-10/samuel-paty-mord-islamismus-islam/komplettansicht

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Now we have the salad #9

Nur ein Satz: Danke für diesen wichtigen und aus meiner Sicht längst überfälligen Beitrag, Herr Kayman.


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Dialog 2.0 #1.2

Finde den Text [ ] sehr gut. Er könnte sogar als Paradetext im Ethikunterricht für alle großen Religionen sinnvoll sein. Wenn man die richtigen Stellen ersetzt so passt vieles ebenso auf das Christentum oder das Judentum...


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A dream within a dream #1.7

Und da man als nichtgläubiger Mensch bei Gläubigen oft auf taube Ohren stößt hat man vor allem auch die Hoffnung dass Argumente aus deren eigenen Reihen besser wirken.
Es lässt mich z.B. auch leise hoffen dass der Papst mit seinen kürzlichen Aussagen zu Homosexuellen in LGBT-feindlichen, katholischen EU Ländern eher ankommt als die Kritik aus nichtgläubigen oder andersgläubigen Kreisen. Er wird zwar selbst in seinem Amt nicht zu allen durchdringen (angeblich wird er von den Hardlinern als zu liberal kritisiert) aber ich denke doch eher als jemand der komplett außerhalb der Kirche steht.
Von daher freue ich mich besonders über solche guten Texte die aus der gläubigen Community selbst kommen, sei es die muslimische, christliche oder sonstige. Es steigert die Hoffnung dass es doch einige zum Nachdenken bringt.
Es empfiehlt sich z.B. auch immer wieder bei Reizthemen wie dem Urknall oder der Evolution usw. auf gläubige Wissenschaftler zu verweisen - ansonsten hat man bei einigen überhaupt keine Chance bei dem Thema überhaupt durchzuringen. Gibt leider immer noch zu viele die aus Glaubensgründen Wissenschaft verleugnen.


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NormanRae #7

Ein guter und wichtiger Kommentar gegen den Chor der Relativierung dieses scheußlichen Verbrechens, der in den letzten Tagen auf verschiedensten Ebenen bereits angestimmt wurde.


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fiete.hansen #10

"Der Islam ist eine Idee davon, was Gott und was der Zweck seiner Schöpfung sein mögen. Wir Muslime entscheiden täglich darüber, wie wir diese Idee leben und damit auch darüber, ob sie uns zur Gewalt oder zum Frieden führt."

Ein klarer und betont unpolemischer Artikel mit einer Zusammenfassung, die für alle fundamentalistischen Religionen und deren Angehörigen gelten sollte.

Nur befürchte ich, dass die Ratio nicht bei Fanatisten ankommt.


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mcurmel #12

Ein sehr guter Beitrag.
Leider dürfte Herr Kaymann aber der sprichwörtlich einsame Rufer in der Wüste sein.


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Carina Si-Fi #12.1

...so einsam ist er nicht, nur das Problem - Muslime, die es so sehen wie Kayman werden diffamiert und bedroht, brauchen nicht selten Personenschutz.


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olaola #20

Danke für den Artikel. Zwischen Rechten die so gerne "Murat den Messerstecher" heraufbeschwören und Linken bei welchen Islamophobie einzig ein politisches Kampfwort ist, brauchen wir mehr Debatte über dieses Thema!


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« Reply #401 on: November 19, 2020, 03:55:33 PM »

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.11.2020
Überzeugend findet Rezensent Nico Hoppe die Kritik der französischen Feministin Caroline Fourest an der postmodernen Linken. In "Generation Beleidigt" legt sie dar, wie die linke Identitätspolitik mit dem Verweis auf die Herkunft Radikalismus verharmlost und zudem einen Opferkult aufbaut, der als lebenserhaltende Maßnahme für jene Diskriminierung und Privilegierung funktioniert, die von ihr eigentlich angeprangert wird. Wie genau es aber dazu kommen konnte, dass ursprünglich linke Ideale wie Diversität und Aufgeschlossenheit sich in ihr Gegenteil verkehrten, schafft sie leider nicht einleuchtend zu erklären, so der abwägende Rezensent.


Aus: "Caroline Fourest: Generation Beleidigt - Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei" (2020)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/caroline-fourest/generation-beleidigt.html

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Quote
[...] Will man in den USA einen Film machen, ist „Sensitivity Counselor“ fast so wichtig wie der Drehbuchautor, der Kameramann oder der Regisseur. Wie durch ein Minensucher leitet der Sensitivity Counselor das Filmteam über das Feld der Befindlichkeiten. Wird die Rolle des Transsexuellen auch durch einen Transsexuellen verletzt? Könnten Text oder Teile der Ausstattung eine Minderheit beleidigen? Darf der Regisseur überhaupt diesen Film drehen? Nehmen sich Weiße eines Thema wie Rassismus an, ist das schon einmal schwierig. Aber als Spike Lee den in Chicago spielenden Film Chi-Raq drehte gab es Kritik, dass Lee ja gar nicht aus Chicago kommt, sondern, in Atlanta geboren, in Brooklyn aufwuchs. Der Koch Jamie Oliver bekam Probleme, weil er ein Reisgericht mit einer jamaikanischen Gewürzmischung vorstelle – die in Jamaika allerdings nur für Hähnchengerichte genutzt wird.
Caroline Fourest Buch „Generation Beleidigt – Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei“ ist voll solcher Beispiele. Sind Yoga-Kurse kulturelle Aneignung?  Warum werden die Rollen von Indigenen beim Théâtre du Soleil nicht ausschließlich mit Indigenen besetzt? Mit der Frage, ob eine französische, feministische Laizistin sich über das Kopftuch äußern darf, wurde Fourest während ihrer Arbeit an einer amerikanischen Universität selbst konfrontiert. Und das sind noch die harmlosesten Beispiele, die sie beschreibt. Als der Biologieprofessor Bret Weinstein, ein engagierter Bürgerrechtler und Vorkämpfer gegen Diskriminierung jeder Art, sich an der Evergreen Universität dagegen aussprach, dass Weißen an einem Tag der Zugang zur Hochschule untersagt werden sollte, weil dies für ihn als „Bürgerrechtler – vielleicht sollte ich sagen, auch als Jude – inakzeptable (ist). Wenn die Leute anfangen, mir zu sagen, wohin ich gehen kann und wohin nicht, klingt das für mich wie ein Warnsignal.“ Studenten forderten daraufhin die Entlassung Weinsteins, bedrängten und bedrohten ihn. Auf Hilfe seiner Universität konnte er nicht setzen. Schließlich verließ er den Campus.

Es solche Vorfälle, um die es geht, wenn auch in Kontinentaleuropa über Cancel Culture diskutiert wird. Und nach der Lektüre des Buchs ist klar, dass solche Zustände verhindert werden müssen. Es geht darum, dass Gruppen an den Hochschulen und auch immer mehr in den Medien jeder Freiheit der Debatte einschränken, keine Diskussion mehr wollen und die Identität in das Zentrum rückt. Dürfen sich Weiße zu Rassismus reden? Laizisten zum Islam? In den USA, sagt die Autorin, hätten Professoren Angst, Themen anzusprechen, über die sich ihre Studenten aufregen. Zum Beispiel, wenn ihnen die Lektüre von Ovid zugemutet wird. Es droht Jobverlust. Braucht nicht jede Gruppe einen Safe-Space, in dem sie vor allen sie vielleicht irritierenden Ansichten geschützt ist? Fourest meint nein: Die Identitätspolitik, ein weitere Ausdruck der sich gegen den Universalismus und die Aufklärung stellenden Postmodernen, beschreibt sie als ein repressives System, dessen Protagonisten sich nicht gegen die Unterdrückung der Frau oder die Verfolgung von Homosexuellen stellen, sondern gegen Meinungs- und Kunstfreiheit. Profitieren von all dem nur die politische Rechte, denn der postmoderne Wahn schwäche die Linke. „Es ist Zeit, Luft zu holen und von neuem zu lernen, die Gleichheit neu zu denken, ohne der Freiheit zu schaden.“

Caroline Fourest "Generation Beleidigt: Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei", Edition Tiamat


Aus: "Im Fegefeuer der Befindlichkeiten" Stefan Laurin (19. November 2020)
Quelle: https://www.ruhrbarone.de/im-fegefeuer-der-befindlichkeiten/193166
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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #402 on: November 22, 2020, 12:22:45 PM »

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[...] Was haben Katja Krasavice und Andrew Onuegbu gemein? Sie sind Opfer von Zwangsbeglückern geworden. Zwangsbeglücker sind Menschen, die anderen auf den richtigen Weg helfen wollen. Klingt gut, hat aber einen Haken: Was der richtige Weg ist, entscheiden sie.

Onuegbu ist aus Nigeria und Wirt. In Kiel betreibt er das Restaurant „Zum Mohrenkopf“. Er hat sich den Namen selbst ausgesucht und kein Problem damit. Andere haben jedoch eins. Der Name seines Lokals sei rassistisch und müsse weg, bekommt er immer wieder zu hören. Seine Antwort: „Nö, der Name gefällt mir.“

Kürzlich trat der Nigerianer im Fernsehen auf, bei „hart aber fair“. Der Mohrenkopf stehe für Qualität, sagte er, das sei schon im Mittelalter so gewesen, deswegen habe er den Namen gewählt. Im Übrigen brauche er keine Weißen, die ihm erklären, wann er sich gekränkt fühlen soll.

Onuegbu möchte nicht zwangsbeglückt werden: „Ich finde es schlimm, wenn Menschen mir sagen, wann meine Gefühle verletzt sind. Ich bin alt genug und habe genug Verstand, um selbst zu wissen, wann mich jemand verletzt.“

Katja Krasavice ist eine Internetberühmtheit kurz vor der Grenze zum Pornostar, mehrfach operiert, schmales Näschen, dicke Lippen, falsche Brüste, von allem zu viel, zu blond, zu geschminkt, eine lebende Kunstfigur, eigentlich heißt sie Katrin Vogel und kommt aus Sachsen. Sie ist erfolgreich, hat mit ihren 24 Jahren schon ihre Autobiografie veröffentlicht, „Die Bitch Bibel“ erreichte Platz 2 der „Spiegel“-Sachbuchbestsellerliste.

Musik macht sie auch: Ihr Debütalbum „Boss Bitch“ stieg in diesem Jahr auf Platz 1 der Albumcharts. Das Lied „Doggy“, in dem sie trällert, wie gerne sie von hinten genommen wird, wurde auf Youtube 31 Millionen Mal angesehen. An Krasavice stören sich – was sonst – Feministinnen. Schließlich stellt sie sich als Sexobjekt dar. Krasavice selbst findet das prima.

Die „Zeit“ widmete ihr im September ein ganzseitiges Interview, in dem sie ähnlich entwaffnend wie der Kieler Wirt einfach nicht sieht, was das Problem ist. Na klar sei sie ein Sexobjekt, bestätigt sie, sie sei aber völlig selbstbestimmt.

„Wenn ich zum Beispiel rausgehe, wird mich kein einziger Typ klarmachen, denn ich suche mir den Typen aus“, sagt sie in dem Interview. In ihrem Buch findet sich der Satz: „Eine emanzipierte Gesellschaft muss es ertragen können, wenn eine Frau über Sex redet, Künstlichkeit feiert und sich der Klischees bedient, die andere als Zeichen männlicher Unterdrückung verstehen.“

 Wer hat jetzt das Problem? Schadet sie damit dem Feminismus? Oder hat sie nicht eher dessen Ziele perfekt umgesetzt, nämlich die Emanzipation der Frau, bloß anders, als die Vertreterinnen des Feminismus sich das vorgestellt haben?

Die eigene Position infrage zu stellen, kommt den Zwangsbeglückern nicht in den Sinn. Aber was bringt es ihnen eigentlich, Leute disziplinieren zu wollen, die sie für „unterdrückt“ halten, die sich blöderweise aber gar nicht so fühlen?

Man kann annehmen, dass es ihnen um die Sache gar nicht geht – sondern um das eigene Gefühl der moralischen Überlegenheit. Sie brauchen die „Unterdrückten“ mehr als diese sie – denn ohne sie hätten die Zwangsbeglücker keine Mission mehr und müssten verstummen. Oder in den Worten von Krasavice: „Meine Seele fühlt sich gut, wenn sie Silikonbrüste hat.“



Aus: "Sexobjekt und zufrieden damit Eine Gesellschaft muss auch Silikonbrüste aushalten können" Fatina Keilani (20.11.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/sexobjekt-und-zufrieden-damit-eine-gesellschaft-muss-auch-silikonbrueste-aushalten-koennen/26640966.html

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CharlyBrensberger 21.11.2020, 17:25 Uhr

Sehr schöner Artikel. Und ja, jede(r) Angehörige einer Minderheit kennt das: Die selbsternannten Lobbyisten und "Kümmerer" drängen einem auf (vorschreiben wäre zuviel gesagt), worüber man sich bitteschön aufzuregen und wogegen man zu protestieren habe. Will ich mich aber tatsächlich zu selber wahrgenommenen postiven oder negativen Umständen äußern, kann es passieren dass die Lobbyisten mir über den Mund fahren. Der Duktus ist dann: Du als Betroffene(r) hast ja keine Ahnung, wir können das besser beurteilen.

Das war jetzt bewusst sehr allgemein formuliert, weil auch dieses Phänomen leider omnipräsent ist.

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dorfler 20.11.2020, 19:16 Uhr

Das Selbstbestimmungsrecht von Frauen wird, so sieht man, von verschiedenen Seiten auf unterschiedliche Art bedroht. Will eine Frau ein Kopftuch tragen, wird sie von der AfD angegangen, will sie Ihr Geld in der Sexarbeit verdienen, wird Herr Lauterbach sie in die Illegalität treiben wollen, entscheidet sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch, machen sog. "Lebensschützer" daher Stress. Silikonbrüste - wo kommen wir denn dahin?

Immerhin sind die Silikonbrüste Frau Krasavices legal, während Abtreibung, Sexarbeit und Kopftuch entweder verboten sind oder das Verbot von bestimmten Leuten gefordert wird.

Vorschlag: Kann wenigstens der Staat bitte allen geschäftsfähigen Menschen das Recht zugestehen, mit ihrem Körper zu machen was sie wollen? Ob "body modification", Sexarbeit, Abtreibung, diese oder jene Kleidung, ob nun Kopftuch oder FKK?


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SchartinMulz 20.11.2020, 20:08 Uhr
Antwort auf den Beitrag von dorfler 20.11.2020, 19:16 Uhr

Sie wollen im Ernst, dass demnächst auf den Straßen Nackte herumlaufen?


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Partypapst 21.11.2020, 12:11 Uhr
Antwort auf den Beitrag von SchartinMulz 20.11.2020, 20:08 Uhr

Welche negativen Konsequenzen hätte es denn? Wer es nicht sehen will, der kann wegschauen...


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alleswirdbesser 21.11.2020, 17:31 Uhr
Antwort auf den Beitrag von dorfler 20.11.2020, 19:16 Uhr

Ich glaube Sie bringen da ganz schön was durcheinander. Das z.B. mit dem Kopftuch haben Sie auch nicht verstanden. Ich habe noch nie gehört das Eltern ihre 13-14 jährigen Mädchen dazu drängen jetzt FKK zu machen. Das mit dem FKK ist nämlich 100% freiwillig im Gegensatz dazu das Kopftuch tragen.


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der_vom_storch 20.11.2020, 18:03 Uhr

In meinen Augen sind diese ganze Zwangsbeglücker, Meinungs- und Deutungshoheitler einfach nur mit sich selbst unzufriedene Menschen.


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berlinonzin 20.11.2020, 17:28 Uhr

Ein Plädoyer für Liberalität, Selbstbestimmung und Freiheit.
Früher hielt ich sowas tatsächlich für links. Wie naiv.


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #403 on: November 24, 2020, 09:22:57 AM »

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[...] Das Mantra von der „Krise als Chance“ kann wahrscheinlich mittlerweile niemand mehr hören. Der Berliner Senat aber scheint auch nach Monaten des Lebens mit dem Virus die Coronakrise noch als Chance zu betrachten. Zum Beispiel, um endlich ein Böllerverbot zu erwirken. Treiber der Initiative sind vor allem die Grünen. Das Verbot steht seit langem auf ihrer Agenda. Nun wird es als Coronamaßnahme verkauft und soll am Mittwoch im Kreis der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin abgestimmt werden.

Jeder kann zum privaten Feuerwerk stehen, wie er mag. Die Attacken auf Rettungskräfte und regelrechte Böllerschlachten zwischen Jugendlichen haben die Ablehnung in den vergangenen Jahren befördert. Neue Böllerverbotszonen ermöglichten friedliches Feiern, der Erfolg war durchwachsen, der Aufwand enorm.

... Es gibt eben Unterschiede: Zwischen der Großstadt, ihren Raketenkriegern und ihrem Nase rümpfenden urbanen Bürgertum, das mit Abscheu auf die banalen Knallerfreuden herabblickt, und den Familien in den Dörfern und Kleinstädten ein paar Kilometer weiter in Brandenburg liegen Welten.

...


Aus: "Diskussion um Böllerverbot zeigt die Arroganz der Großstädter" Alexander Fröhlich (23.11.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/vorstoss-des-berliner-senats-diskussion-um-boellerverbot-zeigt-die-arroganz-der-grossstaedter/26651452.html

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Wind10 23.11.2020, 19:19 Uhr

Herr Fröhlich hat eine romantische Vorstellung von der Einfamilienhaussiedlung nach dem Motto, Eltern mit Kindern gehen nach draußen, um ein paar Raketen in den Himmel zu schicken. Ich wohne in solch einer Siedlung. Da werden stundenlang Kracher und Raketen abgeschossen. Die Luft stinkt, und am nächsten Morgen ist alles vermüllt, weil die Böllerfans meinen, irgendjemand wird ihren Dreck schon wegmachen. ...


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oldie2020 23.11.2020, 19:24 Uhr

... Ich böllere schon lange nicht mehr, aber mein Sohn und ein guter Freund haben einen Heidenspaß daran, und diesen Spaß gönne ich ihnen von Herzen. ...


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kath11 23.11.2020, 19:15 Uhr

Ich kann gut verstehen, dass es Menschen gibt, für die Knallerei und Raketen dazu gehören - ist eben ein Ritual (ich meine damit die Maßvollen, nicht die Hirnlosen, die andere gefährden). Ich kann auch die Menschen verstehen, die das trotzdem überhaupt nicht mögen, für die ist das Krach, Gestank und Müll. ...


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rfi2k 23.11.2020, 19:02 Uhr

Da in Berlin während der Stunden um den Jahreswechel herum teilweise bürgerkriegsartige Zustände herschen, bin deswegen samt Familie auch schon an Silvester nach Dublin geflüchtet, weil dort Knallerei verboten ist.
Geht auch ganz wunderbar einen Jahreswechsel zu feiern, ohne das man dabei von allen Seiten bombadiert wird!


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #404 on: November 24, 2020, 10:55:14 AM »

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[...] Für einiges Aufsehen sorgte am Donnerstagabend ein Polizeieinsatz im achten Wiener Gemeindebezirk. 60 bis 70 Personen hatten sich im Kellerlokal des Wiener Akademikerbundes zusammengefunden – mitten im Lockdown. Draußen wurden Straßenzüge abgesperrt, mehrere Mannschaftswägen und teils schwer bewaffnete Polizisten wurden in Stellung gebracht. Unten im Keller bekam man davon angeblich nichts mit.

Der Wiener Akademikerbund war einst eine Art Vorfeldorganisation der ÖVP, allerdings wurden der damalige Obmann Josef Müller und Christian Zeitz aus der ÖVP ausgeschlossen, nachdem Müller in einem Brief an Politiker die Abschaffung des NS-Verbotsgesetzes, die Streichung des Gleichbehandlungsgesetzes und die Zurücknahme der Fristenlösung bei Schwangerschaftsabbrüchen vorgeschlagen hatte.

Seither machte man mit guten Kontakten zu rechts außen, zu Burschenschaften und regelmäßigen Veranstaltungen mit Gastvorträgen ohne ÖVP weiter. Ein Gastvortrag war auch Teil der Zusammenkunft am Donnerstag, die Obmann Zeitz dem STANDARD als "außerordentliche Generalversammlung" beschreibt. Der Molekularbiologe Jaroslav Belsky war gekommen, um den Anwesenden etwas über Corona zu erzählen. Zudem habe man "dringliche juristische und politische Dinge zu beratschlagen gehabt", sagt Zeitz.

Bewohnern des Hauses war das Treiben nicht ganz geheuer, wie sie dem STANDARD erzählen, zumal niemand einen Mund-Nasen-Schutz trug. Die Polizei rückte zunächst mit drei Beamten an. Diese verließen aber nach einem Gespräch, das laut Zeitz höchstens 15 Minuten gedauert hatte, den Keller wieder. Er habe ihnen gesagt, dass die Versammlung laut Paragraf 12 in der am 15. November ausgegebenen Covid-19-Notmaßnahmenverordnung rechtens sei. Dort steht unter Paragraf 12, Absatz 5, dass "unaufschiebbare Zusammenkünfte von statutarisch notwendigen Organen juristischer Personen, sofern eine Abhaltung in digitaler Form nicht möglich ist", zu den Ausnahmen der Verordnung zählen.

Auf die STANDARD-Frage, ob man sich nicht, wie andere auch, digital versammeln könnte, sagt Zeitz: "Nein, das ist in unseren Statuten gar nicht vorgesehen." Die drei Beamten schickte Zeitz jedenfalls mit dieser Auskunft zu ihrem Vorgesetzten zurück. "Wir konnten unsere Veranstaltung planmäßig mit allen Nachfragen und Beratungen nach ungefähr eineinhalb Stunden beenden", sagt Zeitz zufrieden. Nachsatz: "Der Polizeijurist hat das wohl so gesehen wie wir."

Eine Frau, die auch zur Versammlung wollte und spät dran war, sah dann etwa eine Stunde später das Polizeiaufgebot, das freilich auch Anrainern aufgefallen war. Sie wurde nicht mehr durchgelassen. Im Keller blieb man davon unbehelligt.

Die Landespolizeidirektion Wien ließ den STANDARD auf genaue Nachfrage über den Ablauf des Einsatzes lediglich wissen, dass es einen Einsatz der "Wiener Polizei und der Magistratsdirektion der Stadt Wien" gab: "Im Zuge einer nicht angezeigten Versammlung in Wien 8 haben sich circa 60–70 Personen in einem geschlossenen Raum versammelt. Der Veranstalter (Privatperson) wurde nach dem Versammlungsgesetz und dem Epidemiegesetz angezeigt: Unterlassen der Versammlungsanzeige, Veranstaltung ohne zugewiesene und gekennzeichnete Sitzplätze, Veranstaltung mit mehr als sechs Personen, Nichteinhalten des Mindestabstandes, fehlender Mund-Nasen-Schutz", heißt es in der schriftlichen Antwort.

Zeitz geht davon aus, dass er die angezeigte Person ist, da sonst von niemandem die Personalien aufgenommen wurden. Abgesehen von den ersten drei Beamten habe sich niemand in den Keller begeben.

"Ich sehe der Anzeige mit großer Gelassenheit entgegen, ich würde mich sogar freuen, sie bis zum Obersten Gerichtshof durchzukämpfen", meint Zeitz. Man werde sich auch weiter "intensiv mit dem Corona-Regime der Bundesregierung, das unsere Verfassung zerstört, beschäftigen". In welchem Rahmen man das mache, wisse er nicht: "Eine für 1. Dezember geplante Veranstaltung, die unter diesem Maßnahmenregime nicht möglich wäre, werden wir verschieben."

Ob Zeitz die Pandemie nicht ernst nehme? "Ich bin nicht der Meinung, dass das keine Krankheit ist und dass es nicht zu gefährlichen Verläufen kommen kann, aber es ist nicht weit von einer herkömmlichen Influenza entfernt. Was behauptet wird, ist eine Verzerrung der Wirklichkeit." Es gebe auch genug Betten in Spitälern. Gefragt, ob er selbst Mediziner sei, verneint Zeitz, er habe aber einst seinen schwer kranken Vater gepflegt und daher "Einblick in die Intensivmedizin".

Anrainer des Lokals des Akademikerbundes sehen das Kommen und Gehen, das auch im Lockdown dort herrscht, jedenfalls mit Besorgnis. "Für die müssen doch die Gesetze genauso gelten wie für alle anderen", so ein Nachbar zum STANDARD. (Colette M. Schmidt, 23.11.2020)


Aus: "Pandemiegesetz: Polizei löste Akademikerbund-Treffen in Wien-Josefstadt nicht auf" Colette M. Schmidt (23. November 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000121930368/rechte-versammlung-mitten-im-lockdown

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Gerald Ruschka

Akademikerbund? ...


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L'eu El-Rühb

Die ÖVP, eine gefährliche Parallelgesellschaft.


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Suspicious Koala

Als jemand, der sich an die Maßnahmen hält, soziale Kontakte meidet und mit 2er Maske einkaufen geht, fühle ich mich ein bissl verarscht.


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EvangelikalerChrist

Selber schuld. Es teilen eben nicht alle Ihren kriecherischen Untertanengeist. Im Übrigen können auch Sie unaufschiebbare Vereinstreffen organisieren. Der Verein hat hier kein Privileg in Anspruch genommen, sondern ein Recht (Ausnahmetatbestand), das unter den entsprechenden Voraussetzungen jedermann zusteht...


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GRohnePunkte

Eine Generalversammlung ist keine Generalversammlung wenn sie nicht formal korrekt angezeigt wurde. Und alles Andere dürfen auch due rechtsrechten Recken nicht. Gut zu wissen, dass ab sofort auch Gastronomiebetriebe, Shisha Bars uvm ihre regelmässigen Generalversammlungen ihres Vereins mit 70 Leuten ohne MNS abhalten dürfen. Ob da die Polizei auch wieder unverrichteter Dinge weggeht?

Übrugens kann dann auch eine Hochzeitsfeier offenbar unter dem Titel "Generalversammlung" des dafür extra gegründeten Hochzeitsvereins mit 70 Personen ohne MNS problemlos abgehalten werden. "SIE FEIERN EINE ILLEGALE HOCHZEIT"

"Nein, wir haben nur das zufällig anwesende Brautpaar in den Vorstand gewählt".


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« Reply #405 on: December 17, 2020, 07:43:03 PM »

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[...] EU-Staaten dürfen nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs auch für rituelle Schlachtungen eine Betäubung des Tieres vorschreiben. Rituelle Schlachtungen als solche würden nicht verboten und damit werde die Religionsfreiheit geachtet, befanden die Richter des höchsten EU-Gerichts am Donnerstag. Das Urteil kommt überraschend, da ein EuGH-Gutachter kürzlich noch zu dem Schluss gekommen war, derartige Vorschriften widersprächen dem Recht auf Religionsfreiheit. Religionsvertreter kritisierten das Urteil scharf, Tierschützer begrüßten es.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sprach von einem Angriff auf die Religionsfreiheit. Man hoffe, dass es keine Nachahmer in Europa finde und andere EU-Staaten die religiöse Schlachtung weiterhin ermöglichten. Bini Guttmann, Präsident der Europäischen Union jüdischer Studenten, warnte gar, die Ermöglichung eines Schächt-Verbots „könnte jüdisches Leben, so wie wir es kennen, langfristig unmöglich machen“.

Verhandelt wurde ein Rechtsstreit aus Belgien. Dort hatte die Region Flandern die Schlachtung ohne Betäubung 2017 aus Tierschutzgründen verboten. Jüdische und muslimische Verbände klagten dagegen. In beiden Religionen gibt es Vorschriften zum Schlachten ohne Betäubung – dem Schächten, um Fleisch koscher beziehungsweise halal herzustellen. Den Tieren wird dabei mit einem Schnitt Speiseröhre, Luftröhre und Halsschlagader durchtrennt; sie bluten dann aus.

Der Deutsche Tierschutzbund begrüßte das EuGH-Urteil: Es sei gut, dass daraus hervorgehe, dass es Wege gebe, sowohl der Religionsfreiheit als auch dem Tierschutz gerecht zu werden. Oftmals werde es so dargestellt, „dass beides nicht in Einklang zu bringen ist“. In ihrem Statement verwiesen die Tierschützer auf Betäubungsarten, die bereits von vielen Muslimen akzeptiert würden.

Dem Urteil vom Donnerstag zufolge lässt das EU-Recht zwar in Ausnahmefällen und im Sinne der Religionsfreiheit die rituelle Schlachtung ohne vorherige Betäubung zu. Die EU-Staaten könnten aber dennoch dazu verpflichten, die Tiere zu betäuben.

Die Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER) zeigte sich empört über die Entscheidung. Ihr Präsident, Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, teilte mit, die Entscheidung stehe „im Widerspruch zu den jüngsten Erklärungen der europäischen Institutionen, dass jüdisches Leben geschützt werden soll“. Der Versuch der Richter, das religiöse Schlachten zu definieren, sei „absurd“. Das Verbot werde „nachhaltige Auswirkungen auf die jüdische Gemeinde in Europa haben“.

In anderen EU-Staaten wie Schweden oder Dänemark ist es hingegen verboten. In Deutschland können aus religiösen Gründen zwar Ausnahmen erteilt werden. Dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) zufolge seien solche Ausnahmeregelungen in einigen Teilen der Bundesrepublik aber schon nahezu unmöglich. Grund sei eine Zunahme an Auflagen, da hierzulande Tierschutz schon länger stärker berücksichtigt werde.

ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek beobachte deswegen, dass einerseits immer mehr geschächtetes Fleisch importiert und andererseits immer wieder inoffiziell geschächtet werde. „Und das wollen wir eigentlich nicht.“ Dass ein Urteil bewerte, was als Teil eines religiösen Ritus möglich ist oder nicht, sei „der falsche Weg“, kritisierte Mazyek. Veränderungen sollten durch die Religionsgemeinschaften selbst und nicht von außen erfolgen. „Der Ritus ist jahrtausendalter Teil jüdischen und muslimischen Lebens.“


Aus: "EuGH-Urteil : Juden und Muslime kritisieren Einschränkung des rituellen Schlachtens" (17.12.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/juden-und-muslime-kritisieren-einschraenkung-des-schlachtens-17107115.html
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« Reply #406 on: June 13, 2021, 12:11:01 PM »

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[...] Pjönjang – Kim Jong-un ist kein Fan südkoreanischer Popmusik. Im Gegenteil unternimmt sein Regime in Nordkorea alles, um jeden popkulturellen Einfluss aus dem kapitalistischen Nachbarstaat zu unterbinden. Und doch fällt es der Diktatur trotz aller Restriktionen und Strafandrohungen immer schwerer, die eigene Jugend von Musik, Filmen und Dramen aus Südkorea fernzuhalten.

Nach Meinung von Kim Jong-un ist es schlicht ein „bösartiger Krebs“, der aus dem Süden ins Land dringt. Seine Staatsmedien lässt er verkünden, dass dieser „Tumor“ die „Kleidung, Frisuren, Sprache und Verhaltensweisen“ junger Nordkoreaner:innen „korrumpiere“. Apokalyptisch heißt es dort auf allen Kanälen, dass die „Volksrepublik wie eine feuchte Mauer zerbröckeln“ würde, wenn der kulturelle südkoreanische Einfluss nicht „kontrolliert“ werde.

Das Wort „kontrolliert“ ist wie so viel aus dem Vokabular der Kim-Diktatur als Euphemismus zu verstehen. Tatsächlich heißt es: auf jeden Fall und unter der Androhung drakonischer Strafen verboten. Erst kürzlich berichteten nordkoreanische Quellen dem Internetmagazin NK News von einer öffentlichkeitswirksamen Hinrichtung. Das Medium, das als wichtigstes Sprachrohr der nordkoreanischen Exil-Opposition gilt, erzählte die Exekution eines Mannes vor den Augen seiner engsten Familie nach. https://www.fr.de/politik/nordkorea-mann-hingerichtet-kim-jong-un-antisozialistische-handlung-90781356.html

Sein Verbrechen: Er soll dabei erwischt worden sein, wie er USB-Sticks mit südkoreanischen Medieninhalten in der nordkoreanischen Provinz verkauft haben soll. Zum Verhängnis wurde ihm das neue „anti-reaktionären Gedankengesetz“, wonach bereits eine unterlassene Meldung solcher „antisozialistischer“ Aktivitäten sieben Jahre Straflager nach sich ziehen kann.

Und doch hat die südkoreanische Popkultur, die weltweit immer mehr Fans für sich gewinnt, nun auch die letzte Grenze erreicht: Nordkorea. Der wachsende Einfluss der nur im geheimen gehandelten und konsumierten südkoreanischen Popkultur hat Kim Jong-un und seine Machtzirkel in einen „Kulturkampf“ gezwungen. An dessen Ende könnte es tatsächlich darum gehen, ob die Kim-Diktatur auch zukünftig einen de facto uneingeschränkten Zugriff auf die Menschen im Land behält.

Kims Problem besteht in der schieren Menge der über die südliche Grenze ins Land gelangenden Kulturerzeugnisse. Selbst eine dermaßen straffe und penibel organisierte Diktatur wie die des Kim-Clans kann kaum garantieren, jederzeit und überall im gut 120.000 Quadratkilometer umfassenden Staat ein Auge auf die Endgeräte seiner Jugend zu haben. Erst recht dann, wenn die Inhalte nicht über das staatlich zensierte Internet, sondern mittels Datenträgern wie CDs, USB-Sticks und externe Festplatten gehandelt werden.

Und so ist in den letzten Monaten in Nordkorea kaum ein Tag vergangen, an dem Kim oder seine staatlichen Medien, die sich in seinem Land ausbreitenden „antisozialistischen und nichtsozialistischen“ Einflüsse nicht verteufelt hätten. Im Fokus der staatlichen Zensur stehen vor allem südkoreanische Filme, sogenannte K-Dramen und K-Pop-Videos. Im Zuge eines zunehmend als verzweifelt wahrgenommenen Bestrebens, diese Einflüsse zurückzudrängen, soll Kim Jong-un seinem Staatsapparat befohlen haben, die laut New York Times „kulturelle Invasion auszurotten“.

Kims Zensur ist mithin alles andere als das Wüten eines verstimmten Diktators. Sie fällt in eine Zeit, in der sich der Zustand der seit langem maroden nordkoreanischen Wirtschaft weiter verschärft. Die Gründe für diesen Zustand sind so vielfältig wie in ihrer Zusammenstellung giftig für die Dynastie der Kims. Die Corona-Pandemie, eine konsequente Abriegelung des Landes, eine kaum noch stattfindende Diplomatie mit westlichen Nationen: Der jüngsten nordkoreanischen Generation werden genügend Gründe geboten, empfänglich für Einflüsse von außen zu sein.

„Die jungen Menschen in Nordkorea finden nicht, dass sie Kim Jong-un etwas schulden“, erklärt Jung Gwang-il. Jung, ein in Südkorea ansässiger Exil-Nordkoreaner, betreibt ein Netzwerk zum Schmuggel von K-Pop in seine alte Heimat. „Er ist jetzt gezwungen, seine ideologische Kontrolle über die Jugend wieder geltend zu machen, wenn er die Zukunft der dynastischen Herrschaft seiner Familie nicht aufs Spiel setzen will.“

Die Loyalität der Millennials im Land gegenüber der seit drei Generationen herrschenden Kim-Dynastie wurde mehr als einmal auf die Probe gestellt. Sie wurden während einer Hungersnot in den späten 1990er Jahren erwachsen. Sie erlebten mit, wie das Regime keine Nahrungsrationen bereitstellen konnte und Millionen Menschen starben. Sie wurden von klein auf mit einem System vertraut, in dem Familien nur überlebten, indem sie ihre Lebensmittel auf inoffiziellen Märkten erstanden.

Neben den aus dem kommunistischen Schwesterstaat China ins Land geschmuggelten Nahrungsmitteln, kamen die heranwachsenden Leistungsträger:innen der „Volksrepublik“ so schon früh in Kontakt mit unter dem Tisch gehandelten Unterhaltungsmedien aus südkoranischer Produktion. Für das Narrativ des Regimes, wonach Südkorea ein verarmter Staat von Bettler:innen sei, ist diese Entwicklung brandgefährlich. Setzt sich die Überzeugung durch, dass diese vom Nachbarn behauptete Armut tatsächlich zwischen den eigenen Landesgrenzen beheimatet ist, muss Kim Jong-un ein zunehmendes Aufbegehren seiner Bevölkerung fürchten.

Und genau diese Wahrheit erzählen die über die südliche Landesgrenze geschmuggelten Dramen. Die nordkoreanischen Millennials sehen Geschichten von Südkoreaner:innen, die freiwillig Diät halten, um Schönheitsansprüchen zu genügen, während sie selbst im täglichen Kampf ums Überleben und inmitten eines ständigen Nahrungsmangels aufwuchsen. Um eine flächenbrandartige Verbreitung dieser Anschauung zu verbreiten, reagiert die Kim-Diktatur mit Gesetzen, die beispielsweise zwei Jahre Zwangsarbeit für jene bereithalten, die „im südkoreanischen Stil sprechen, schreiben oder singen“.

„Für Kim Jong-un hat die kulturelle Invasion Südkoreas ein erträgliches Maß überschritten“, sagte Jiro Ishimaru, Chefredakteur von Asia Press International. Seine Webseite wirft von Japan aus einen kritischen journalistischen Blick auf Nordkorea. „Er befürchtet, dass sein Volk anfangen könnte, den Süden als alternatives Korea zu betrachten, wenn es nicht mit harter Hand handelt.“

Und so lässt er seine Behörden nun auch nicht mit dem Internet verbundene Datenträger nach Inhalten und gar Akzenten durchsuchen, die auf einen Konsum südkoreanischer Medien hinweisen. Die jungen Frauen im Land sind angewiesen, von ihren männlichen Bekanntschaften als „Genossen“ zu reden. Finden sich Formulierungen wie „Honey“, einer in Südkorea üblichen Bezeichnung für den eigenen Liebhaber, folgen Verhöre und unangenehme Fragen. Dies kann so weit führen, dass die gesamten Familien derjenigen, die den „Marionettenakzent“ des Südens „nachahmen“, aus ihren Städten vertrieben und in die äußerste Provinz geschickt werden.

Und doch könnte es für Kim Jong-un und seine Staatspropaganda bereits zu spät sein, die entstandenen Risse zu kitten. Pop-Schmuggler Jung Gwang-il beispielsweise nennt den südkoreanischen Film „Eifersucht“ als einen Grund für seine Flucht aus dem Norden. Das K-Drama über junge Liebe sei ein „Kulturschock“ für ihn gewesen: „Im nordkoreanischen Fernsehen drehte sich alles um die Partei und den Führer“, erinnert er sich. „Wir haben dort nie eine so natürliche Darstellung menschlicher Emotionen gesehen. Nicht einmal einen Mann und eine Frau, die sich auch nur küssen.“

Mit seiner Erfahrung steht Jung nicht allein. Im Rahmen einer Umfrage der Seoul National University wurden 116 Menschen befragt, die in den Jahren 2018 und 2019 aus Nordkorea geflohen waren. Fast die Hälfte gab an, im Norden „häufig“ südkoreanische Unterhaltung gesehen zu haben. Im Moment besonders beliebt, so erzählt es Jung, sei die Serie „Crash Landing on You“. Dort dreht es sich um eine südkoreanische Erbin, die beim Paragleiten von einem Windstoß über die Grenze getragen wird und sich in einen nordkoreanischen Armeeoffizier verliebt.


Aus: "Südkoreanische Einflüsse: Feindbild K-Pop: Kim Jong-un führt Kulturkrieg um die nordkoreanische Jugend" Mirko Schmid (13.06.2021)
Quelle: https://www.fr.de/politik/nordkorea-kim-jong-un-kpop-kulturkrieg-nordkoreanische-jugend-suedkorea-90800619.html

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Thomas Ortlauf

Ergaenzend zum Girl Band Titel-Foto: Die "Gefahr" duerfte meiner Einschaetzung nach eher von den suedkoreanischen Boy Bands (fuer die z.B. meine Tochter auch sehr schwaermt) auf die WEIBLICHE nordkoreanische Jugend ausgehen (Untergrabung des martialischen Maennerbildes, "subversive" Zersetzung der "Kampfkraft" der nordkoreanischen "Volksgemeinschaft").


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Detlefvon Seggern

Auch Kim Jong wird im Zeitalter des weltweiten Internets, den Wandel der Zeit nicht aufhalten können, wo junge Menschen wie auch immer, mehr mitbekommen, das es auch ein anderes Leben gibt, als jenes, was ihnen Kim Jong vorschreiben will. Russland und China lassen diesbezüglich grüßen. Auch in der ehemalige DDR, ist dies durch noch so alle Abschottungsversuche des Staates, nicht gelungen ...


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #407 on: September 09, 2021, 03:41:57 PM »

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[...] Peking verbannt Schauspiel-Stars aus dem Fernsehen, die dem gewünschten Macho-Image nicht entsprechen. Man fürchte um die nationale Sicherheit.

China ist längst zur politischen und wirtschaftlichen Weltmacht aufgestiegen. Doch gleichzeitig hat die derzeitige Staatsführung in Peking niemals ihre allumfassende Paranoia abgelegt. Diese Fragilität zeigt sich aktuell besonders deutlich: Pekings Regierung fürchtet, die Jugend des Landes könne nicht „männlich“ genug sein.

Vor einer Woche ordnete die staatliche Fernsehbehörde einen Boykott androgyner Stars aus dem Showgeschäft an, die seit Jahren zu den bestbezahlten Sängern und Schauspielern zählen. Sämtliche Männer „mit weiblichem Stil und anderer abnormaler Ästhetik“ sollen aus dem TV verbannt werden. In der offiziellen Ankündigung verwendeten die Regierungsvertreter auch den überaus vulgären Begriff „Niang Pao“: eine beleidigende Abwertung für feminine Männer.

Wer die soziokulturellen Zusammenhänge des Phänomens verstehen möchte, muss ein wenig im Archiv kramen. Die androgyne Ästhetik, die der Kommunistischen Partei ein Dorn im Auge ist, lässt sich zu den japanischen Manga-Comics der 1990er Jahre zurückverfolgen. Internationale Popularität erlangte der neue Look vor allem im benachbarten Südkorea, wo nach der Jahrtausendwende erstmals die sogenannten „Kkonminam“ auftauchten: wortwörtlich „schöne Blumen-Jungen“.

Deren exaltierte Mode, sorgsam gestylte Haare und geschminkte Gesichter waren damals durchaus auch ein rebellisches Statement. Zumindest grenzte sich die Jugend zur älteren Generation an Männern ab, die sich – geprägt durch den in Südkorea verpflichtenden Militärdienst – als harte Machos präsentierten: kalte Miene, keine Emotionen und stets eine verspiegelte Pilotenbrille im Gesicht. Das Schönheitsideal in Seoul hingegen könnte gegensätzlicher nicht sein: weiche Gesichtszüge, „niedlicher“ Habitus und Skinny Jeans zur geschminkt blassen Haut.

Trotz der genderneutralen Ästhetik blieb diese zunächst reine Oberfläche: Zwar spielten die aufkommenden koreanischen Boy Bands äußerlich mit Geschlechter-Stereotypen, doch bedeutete dies nicht im Umkehrschluss, dass sich hinter dem Milchbubi-Gesicht nicht ein waschechter Chauvinist versteckt.

Mit der koreanischen Welle, dem Kulturexport der Popmusik und Fernsehserien schwappten die „Blumen-Jungs“ auch in die Volksrepublik. Für die konservative Staatsführung Pekings war der K-Pop-Hype schon damals ein Dorn im Auge. Sie fürchteten um den Einfluss auf die heimische Jugend. Diese Paranoia hat wohl auch vor allem damit zu tun, dass sämtliche Parteikader mit nennenswerter Macht in China mindestens 60 Jahre alt und fast ausschließlich männlich sind.

Etliche Politiker machten in den letzten Jahren die „Feminisierung“ der Jugend für alle möglichen gesellschaftlichen Probleme verantwortlich: Mal hieß es, dass die angebliche Verweichlichung für einen Anstieg an Homosexualität sorgen würde. An anderer Stelle kritisierten vermeintliche Experten, dass die Androgynität der männlichen Jugend deren mangelnde Körperfitness widerspiegele. Nicht selten wurde gar ein Zusammenhang zu der nationalen Sicherheit des Landes hergestellt: Wer sich die Haare stylt und die Gesichtshaut schminkt, könne unmöglich sein Heimatland im Ernstfall verteidigen.

Für die Tattoo-tragenden Celebrities mit den gefärbten Haaren hat sich auf sozialen Medien längst ein abwertender Begriff durchgesetzt: „xiao xian rou“, was sich in etwa mit „jungem Frischfleisch“ übersetzen lässt.

Vor Jahren bereits sorgte ein Pekinger Lehrer für mediale Schlagzeilen, als er die durch „K-Pop korrumpierte Jugend“ mit einem eigens gegründeten Bootcamp wieder zu Alpha-Männern umerziehen wollte – mit Box-Training und Marschgesängen inklusive. Bislang jedoch konnte noch keine staatliche Erziehungsmaßnahme der Attraktivität der neuen Männlichkeit etwas anhaben.


Aus: "Zensur im chinesischen TV: Die alte Paranoia" Fabian Kretschmer, Korrespondent China (9. 9. 2021)
Quelle: https://taz.de/Zensur-im-chinesischen-TV/!5795697/

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #408 on: October 10, 2021, 09:30:17 PM »

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[...] In den USA ist ein Kulturkampf über die Frage ausgebrochen, wie bunt die Antike war. Der Altphilologe Jonas Grethlein von der Universität Heidelberg wies im vergangenen Dezember in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" darauf hin, dass in den Vereinigten Staaten "ein weites Spektrum rechter Intellektueller Anspruch auf das Erbe der Antike" erhebe. Vor allem weiße Suprematisten würden die antike Literatur und Philosophie als Beleg für eine Überlegenheit "weißer Kultur" heranziehen. ...

Nicht nur Philosophie und Literatur, auch die Bemalung der antiken Statuen können Empörung in entsprechenden Ecken auslösen. Das musste Sarah Bond, Professorin für alte Sprachen am Institut für Alte Geschichte an der Universität Iowa, feststellen. Um die Antike für ein breites Publikum zugänglich zu machen, schreibt sie Blog-Beiträge und engagiert sich auf Twitter.

Als sie vor zwei Jahren mehrere Beiträge veröffentlichte, in denen sie erklärte, warum antike Marmorstatuen ursprünglich bunt bemalt waren, erntete sie erst Spott von konservativen Webseiten. Dann kam der Shitstorm in den Sozialen Medien. Von ihren Aussagen fühlten sich alle bedroht, die ihr weißes Geschichtsbild angegriffen sahen. Sie sahen und sehen die Tradition einer weißen westlichen Kultur bis hin zurück zur Antike in Gefahr.

Der Grund, warum die Statuen heute keine Farbe mehr aufweisen, bestenfalls noch Reste, ist indes banal: Weil die Statuen entweder im Wasser oder aber in der Erde gelegen hatten, löste sich die Farbe - und es blieb nur der weiße Marmor. Spätestens seit der Archäologe und Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) die weißen Marmorstatuen der römischen und griechischen Antike zum höchstes Ideal der Schönheit erklärte, sah man über die Farbspuren einfach hinweg. So entstand ein Bild von einer weißen antiken Gesellschaft, das mit der Realität nur wenig zu tun hat.

Die Statuen der griechischen und römischen Antike waren also so bunt wie die Bevölkerung des römischen Stadtstaates von der Steinzeit bis zum Mittelalter. Das, was Wissenschaftler aus historischen Quellen wussten, unterstützt seit kurzem auch eine Genanalyse: Eine im November 2019 veröffentlichte Studie zeigt, dass die Stadt - wenig verwunderlich - ein Schmelztiegel für Menschen unterschiedlichster Herkunft war. Forscher von der US-amerikanischen Stanford University, der Universität Wien und der Sapienza Universität in Rom stellten fest, dass sich mit der Expansion des Römischen Reiches im Mittelmeerraum Menschen aus dem Nahen Osten, Nordafrika und Europa in der Stadt am Tiber niederließen.

Jonathan Pritchard, einer der Autoren der Studie, betont, dass die antike Welt ständig in Bewegung war - sowohl was die Kultur anging als auch die Migration. "Diese Studie zeigt, wie dynamisch die Vergangenheit war. Menschen von überall her kamen nach Rom, und das korrespondiert mit den historischen und politischen Ereignissen", stellte Hannah Moots fest, ebenfalls als Autorin an der Studie beteiligt. Die antike Welt war also keineswegs uniform, sondern bunt wie das Leben.


Aus: "Um die Antike ist ein Kulturkampf ausgebrochen: Bunte Statuen und Weiße Suprematisten " Christiane Laudage (11.01.2020)
Quelle: https://www.domradio.de/themen/kultur/2020-01-11/bunte-statuen-und-weisse-suprematisten-um-die-antike-ist-ein-kulturkampf-ausgebrochen

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[...] Mal ist es Robert E. Lee hoch zu Ross. Mal ist es Thomas "Stonewall" Jackson. Mal ist es nur ein einfacher Infanterist mit Vorderlader. Doch die Statuen von Generälen und Soldaten der konföderierten Armee - des Heeres der Südstaaten also, die im amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 gegen den Norden kämpften - stehen überall im Süden der USA. Kaum eine Stadt kommt dort ohne ein Monument aus, das an den brutalen Krieg und die vielen Toten erinnert.

Die Befürworter sehen die Monumente als Zeichen der Mahnung, die vor allem an soldatische Tugenden wie Ehre oder Pflichterfüllung erinnere. Für viele Kritiker jedoch erinnern diese Statuen an etwas ganz anderes: an eine finstere Zeit, in der Rassismus Staatsdoktrin war, eine ganze Gesellschaft auf dem Fundament der Sklaverei ruhte und schwarze Menschen eine Ware ohne Rechte waren, die nach Belieben gehandelt werden konnte.

Seit einigen Jahren gibt es daher vermehrt Initiativen, die den Abbau der Monumente durchsetzen wollen, zumindest der Statuen der führenden Südstaaten-Generäle wie Lee und Jackson. Vergleichbar ist das vielleicht mit der Forderung nach der Umbenennung von Kasernen in Deutschland, an denen auch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg noch die Namen von Wehrmachtsgenerälen prangten, die willige Helfer bei Adolf Hitlers Vernichtungskrieg waren. In Charlottesville, wo es nun zu tödlichen Auseinandersetzungen um die Lee-Statue kam, wird schon lange über dieses Monument gestritten. Auch in New Orleans gab es in den vergangenen Monaten heftige Konflikte, weil die Stadtverwaltung vier Statuen von Südstaaten-Generälen entfernen ließ.

Dass es jetzt um Reiterstandbilder geht, mag neu sein. Im Grunde aber tobt der Kulturkampf um die Symbole der Konföderation seit Jahrzehnten. Vor den Statuen ging es dabei vor allem um die alte Kriegsflagge der Südstaaten, jene auch bei Rechtsextremen und Rassisten beliebte Fahne mit den schräg gekreuzten blauen Balken auf rotem Grund. Etliche US-Bundesstaaten im Süden hissten diese Flagge noch bis in die jüngste Vergangenheit über ihren Parlamenten, in Mississippi zum Beispiel ist das Balkenkreuz immer noch Teil der Fahne des Bundesstaates. In North Carolina wurde die Südstaaten-Flagge erst 2015 abgehängt, nachdem ein weißer Rassist in einer schwarzen Kirche mehrere Menschen erschossen hatte.

Für die linksliberale Ostküstenelite sind die Südstaatler, die an ihren Generälen hängen, nur bigotte Hinterwäldler. Da ist freilich eine gehörige Portion Heuchelei dabei. Denn in jedem Januar versammeln sich Washingtons Reiche und Mächtige zu einem Festbankett, dem sogenannten Alfalfa-Dinner. Es ist das größte gesellschaftliche Ereignis des Jahres und findet seit 1913 statt - zu Ehren des Südstaaten-Generals Robert E. Lee.


Aus: "In Amerika tobt ein Kulturkampf um Reiterstandbilder" Hubert Wetzel, Washington (13. August 2017)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/politik/gewalt-in-charlottesville-in-amerika-tobt-ein-kulturkampf-um-reiterstandbilder-1.3626668

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[...] „Hauptstadt der extremen Rechten“, nannte El Plural unlängst Madrid. Die Online-Zeitung beschäftigte sich mit dem Umgang des seit zwei Jahren regierenden Bürgermeisters Madrids José Luis Martínez-Almeida mit der spanischen Vergangenheit.

Der Politiker aus den Reihen der konservativen Partido Popular (PP), der mit der Unterstützung der rechtsliberalen Ciudadanos und den Stimmen der rechtsextremen Vox die Geschicke der spanischen Hauptstadt lenkt, schickte vergangenen Herbst städtische Angestellte mit Hammer und Meißel los, um eine Tafel zu Ehren des ehemaligen Premierministers der spanischen Republik, des Sozialisten und Gewerkschafters Francisco Largo Caballero (1869–1946) zu entfernen. Zurück blieben Trümmer.

Den Steintafeln mit 3.000 Namen von standrechtlich Erschossenen aus den ersten Jahren der Franco-Diktatur, die eine Gedenkstätte auf dem hauptstädtischen Friedhof zieren sollten, erging es ähnlich. Verse des Dichters Miguel Hernández, der in einem faschistischen Gefängnis verstarb, wurden ebenfalls entfernt.

Es ist eine 180-Grad-Wende in der Politik des Erinnerns. Almeidas Vorgängerin, die linksalternative Manuela Carmena nutzte das Gesetz zum historischen Erinnern aus dem Jahr 2007, um 52 Straßen, die Namen von Persönlichkeiten oder Institutionen der Diktatur trugen, gegen demokratische auszutauschen. Kläger dagegen bekamen teilweise recht.

Almeida nutzt das Urteil jetzt, um sechs Straßen wieder ihre alten, franquistischen Namen zurückzugeben. So wird etwa die Straße „Barco Sinaia“, benannt nach dem Schiff, das am Ende des spanischen Bürgerkriegs republikanische Flüchtlinge ins Exil nach Mexiko brachte, künftig wieder „Crucero Baleares“ heißen. Der Kreuzer bombardierte 1937 die Zivilbevölkerung in Málaga.

Und die Straße, die nach der Lehrerin Justa Freire, pädagogische Erneuererin aus den Jahren der Republik, benannt wurde, trägt erneut den Namen des faschistischen Generals Millán Astray. Dieser wurde durch den Ruf „Es sterbe die Intelligenz! Es lebe der Tod“ während eines Vortrags des Philosophen Miguel de Unamuno an der Universität in Salamanca bekannt.

„Namen schaffen Bewusstsein“, sagt die Historikern María del Mar del Pozo. „Jeder weiß, wie seine Schule oder die Straße hieß, in der er oder sie aufgewachsen ist. Es macht einen Unterschied, ob sie den Namen einer Lehrerin oder den eines faschistischen Generals trägt“, so die Professorin von der Universität Alcalá. Sie ist Autorin mehrerer Studien und Bücher über die pädagogische Reformbewegung in den Jahren der frühen Republik. „Justa Freire glaubte fest daran, dass der Zugang zu Bildung die soziale Lage der Kinder aus armen Verhältnissen verbessern könne.“

Und was macht Bürgermeister Almeida? Er will jetzt gar eine sechs Meter hohe Soldatenstatue errichten lassen. Sie soll an die Spanischen Legion erinnern. 1920 als Fremdenlegion gegründet, gelangte die Legión Española vor allem durch Kriegsverbrechen in Nordafrika und während des spanischen Bürgerkrieges zu Berühmtheit. Das Denkmal soll ausgerechnet auf dem Platz vor dem Königlichen Palast in Madrid stehen. Dort also, wo Diktator Francisco Franco (1892–1975) gerne seine Ansprachen an die Massen hielt.

Die Symbole der Diktatur sind in der Hauptstadt heute nach wie vor sehr präsent. Am Verteidigungsministerium prangen die Wappen der Diktatur. Auf dem Uni-Campus steht eine Büste des Ministers, der die demokratischen Akademiker verfolgen ließ. In einem der städtischen Parks steht ein Denkmal für die Putschisten von 1936. Und den Eingang der Stadt vom Nordwesten her ziert ein Triumphbogen zu Ehren des Sieges der Faschisten über die Demokratie im Jahre 1939.

„Der Regierungspalast ist nur wenige Meter entfernt. Alle Regierungschefs, egal welcher Couleur, fuhren dort täglich vorbei. Gestört hat es scheinbar keinen“, beschwert sich Emilio Silva, Vorsitzender und Gründer der Vereinigung zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung (ARMH). Er streitet seit Jahren für Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die Opfer der Diktatur. Für ihn ist die Politik von Bürgermeister Almeida „eine neuerliche Erniedrigung der damaligen Opfer“. Die Überreste von 100.000 von ihnen liegen bis heute in Spanien irgendwo in anonymen Massengräbern verscharrt.

Almeida führt, so Silva, einen „Krieg um die Deutung der Geschichte und um den Begriffe der Freiheit“ fort, den die Rechte vor Jahren bereits unter dem einstigen spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar begann.

„Die PP hat Bürgerkrieg und Diktatur nie verurteilt. Anders als in Deutschland hat die spanische Rechte nie ganz mit dem faschistischen Erbe, dem Franquismus gebrochen“, meint auch Clara Ramas San Miguel. Für die Philosophieprofessorin von der hauptstädtischen Universität Complutense hat die PP zwei Seelen: „Eine staatstragende, die regiert und verwaltet, und eine ideologische“. Mit der neuen Generation rund um den jungen Parteichef Pablo Casado sei die ideologische Rechte am Drücker.

Casado diskreditiert den Antifaschismus mit Behauptungen wie: „Links sein kann nicht modern sein. Sie sind Ewiggestrige, die den ganzen Tag von Großvaters Krieg und von den Massengräbern von was weiß ich wem reden.“ Almeida ist einer seiner engsten Vertrauten, Sprecher des Parteivorstandes.

„Die rechtsextreme Vox treibt die PP vor sich her“, sagt Professorin Ramas. Die PP dominierte jahrzehntelang das gesamte rechte Spek­trum. Dann brach Vox die Hegemonie vom rechten Rand her auf. Die von Ex-PPlern gegründete Partei wurde bei den letzten spanischen Parlamentswahlen 2019 auf Anhieb drittstärkste Kraft.

Für Vox steht neben der nationalen Einheit Spaniens die Ablehnung der „Genderdiktatur“ ganz oben auf der Liste ihrer Themen. Feminismus ist das Feindbild schlechthin. „Almeida ist auf die Unterstützung von Vox im Rathaus angewiesen. Deshalb geht er immer wieder auf deren Forderungen ein“, sagt Ramas. So etwa, als die Rechtsextremen die Entfernung einer großflächigen feministischen Wandmalerei verlangten.

Es zeigt herausragende Persönlichkeiten wie Rosa Parks, Angela Davis, Rigoberta Menchu, Emma Goldman oder Frida Kahlo. Almeida nahm schließlich von dem Vorhaben Abstand. Das Gemälde blieb, wurde aber kurz darauf geschändet. Den Frauen wurden Fadenkreuze auf die Stirn gesprüht.

„Almeida versucht, der Linken die Interpretation der Geschichte der letzten 100 Jahre in Spanien streitig zu machen, sie neu zu definieren“, sagt Guillermo Fernández. Die Strate­gie des Bürgermeisters sei eine der extremen Rechten weltweit, erklärt der Dozent an der Madrider Universität Carlos III. „Die Rechte beklagt, dass die Linke eine vermeintliche kulturelle Hegemonie besitze“, sagt Fernández, der über die europäische radikale Rechte forscht.

„Deshalb gestalten sie den politischen Kampf nicht nur in Parlamenten, oder auf den Straßen und in sozialen Bewegungen. Sie kämpfen auch um die Kultur und die Weltbilder.“ Der „metapolitische Kampf“ richte sich gegen die vermeintliche intellektuelle Vorherrschaft des fortschrittlichen Lagers, gegen eine demokratisch orientierte Erinnerungspolitik, gegen Feminismus und gegen eine Toleranz für verschiedene Lebensformen.

Jorge Lago, Verleger und Politikdozent an der gleichen Universität wie Fernández, benennt noch einen weiteren Aspekt. „Almeida spielt mit der Linken. In dem die Linke gezwungen wird, Symbole und Name aus der Vergangenheit zu verteidigen, erscheint sie linker als sie ist. Die Linke verliert so die Initiative, sie reagiert nur noch“, so Lago. „Das hinterlässt bei vielen den Eindruck: Die Linke handelt nicht aus einem gesunden Menschenverstand der Gegenwart, sondern sie ist parteiisch und nostalgisch und kümmert sich nur um rückwärtsgewandte Themen und um bestimmte Minderheiten.“

Selbst die sozialdemokratische PSOE, die wirtschaftspolitisch längst so neoliberal sei wie die PP, werde in diesen Debatten um Vergangenheit und Werte zur Linken alten Stiles deklariert. Während sich die PP gleichzeitig als Partei der Zukunft inszeniert, die sich auf gutes Verwalten und erfolgreiche Wirtschaftspolitik verstehe. „Eine intelligente Strategie. Die Rechte drängt die Linke dorthin, wo sie nur verlieren kann“, schlussfolgert der Spe­zialist für politische Diskurse.


Aus: "Kulturkampf in Spaniens Hauptstadt: „Es sterbe die Intelligenz!“" Reiner Wandler, Auslandskorrespondent Spanien (1.10.2021)
Quelle: https://taz.de/Kulturkampf-in-Spaniens-Hauptstadt/!5801087/

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fritz
1. Okt, 10:40

Spanien. Die Autobiographie von Bunuel öffnet die Augen. Da bleibt von der Republik nicht nicht übrig.


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[...] Am letzten Sonntag spielten sich in der englischen Hafenstadt Bristol Szenen ab, die an den Sturz der Statue Saddam Husseins in Bagdad im Jahr 2003 erinnerten. Eine wütende Menschenmenge versammelte sich vor dem Denkmal des Sklavenhändlers und Stadtvaters Edward Colston. Mit Seilen rissen die «Black Lives Matter»-Aktivisten die Statue vom Sockel, rollten sie unter Jubelrufen zum Hafenbecken und versenkten sie im Wasser. Nach Jahren ergebnisloser Debatten über die Zukunft des Denkmals schufen die Demonstranten Fakten und lösten im ganzen Land einen Dominoeffekt von Initiativen zur Entfernung von Monumenten von Sklavenhändlern und Kolonisatoren aus. Selbst zur Rolle bedeutender Staatsmänner wurden plötzlich Fragen laut – vom brutalen Regime in Irland unter Oliver Cromwell im 17. Jahrhundert bis zur Hungersnot in Bengalen im Jahr 1943 unter dem als Antifaschisten verehrten Winston Churchill.

Dass sich die vom Tod von George Floyd in den USA ausgelöste Rassismus-Debatte im britischen Kontext an Denkmälern und an der Kolonialgeschichte entzündet, ist kein Zufall. Denn der Streit um die Bewertung des britischen Empires trägt schon seit längerem kulturkämpferische Züge. Konservative Historiker wie der bekannte Brexit-Anhänger und emeritierte Cambridge-Professor Robert Tombs kritisieren dabei die «antikolonialistische Orthodoxie» der letzten Jahrzehnte, die das Empire nur als System von Sklaverei, Rassismus und Ausbeutung darstelle.

Tombs betont im Gespräch, dass er den Aufbau des Weltreichs aus heutiger Perspektive nicht rechtfertigen würde, doch wirbt er für eine differenzierte historische Betrachtung. So habe das Empire teilweise auch Frieden, staatliche Ordnung und über Infrastrukturprojekte wirtschaftliche Entwicklung gestiftet. Tombs räumt zwar ökonomische Ungleichheiten ein, betont aber, dass das Empire für das Mutterland nicht nur profitabel, sondern auch kostspielig gewesen sei. Die britische Arbeiterklasse sei dem Imperium gleichgültig bis ablehnend gegenübergestanden, während die Verwaltung der Kolonien ohne die Unterstützung weiter Teile der Lokalbevölkerung gar nicht funktioniert hätte. Er wolle damit nicht bestreiten, dass das Empire Leid und Unrecht verursacht habe, betont Tombs. «Aber müssen wir uns deswegen ewig schuldig fühlen?»

Tatsächlich war das Empire, das 1922 knapp einen Viertel der globalen Landfläche und rund einen Fünftel der damaligen Weltbevölkerung umfasste, ein vielschichtiges Gebilde. Die vom Würgegriff Pekings bedrohte Protestbewegung in Hongkong blickt gerade in diesen Tagen mit Wehmut auf die britische Herrschaft zurück, unter der es Rechtsstaatlichkeit und Freiheit, jedoch keine demokratische Mitbestimmung gab. Insgesamt aber wirken Hinweise auf die positive Rolle bei der Abschaffung der Sklaverei oder auf Verdienste des Empires allzu oft wie ein Versuch, kolonisatorische Arroganz und brutale Herrschaftsmethoden zu relativieren. Und dass Konservative glauben, das Empire verteidigen zu müssen, sehen linke Akademiker wie der Kulturwissenschafter Paul Gilroy gerade als Beweis für ihre These, dass Grossbritannien seinen imperialen Niedergang noch nicht überwunden hat.

Der am Londoner University College lehrende Gilroy ist ein renommierter Experte für Rassismus und die Kultur der afrikanischen Diaspora, greift aber im Gespräch auf das Vokabular der Psychologie zurück. Die Briten blickten bis heute mit Wehmut auf den Verlust ihres Weltreiches, anstatt diesen Verlust proaktiv zu verarbeiten, erklärt Gilroy. Diese Verweigerungshaltung sei verständlich, denn es sei unangenehm und führe zu Schuldgefühlen, historischen Tatsachen ins Auge zu blicken und die eigene Rolle als Befreier und Zivilisator zu hinterfragen. «Ich denke nicht, dass sich heute jemand schuldig fühlen muss, denn niemand von uns war zur Kolonialzeit dabei», meint der Brite mit guayanischen Wurzeln. «Aber angesichts von Mord, Brutalität, Folter und Hungersnöten ist ein gewisses Schamgefühl durchaus angebracht.»

Gilroy interpretiert den Brexit als Versuch, die verlorene Grösse des alten Kolonialreichs wieder herzustellen. Tatsächlich strebt die Regierung von Boris Johnson ein weltumspannendes Netz neuer Freihandelsverträge an – namentlich mit den Ländern des Commonwealth, dem Überbleibsel des Empires, wobei der Enthusiasmus in den ehemaligen Kolonien kleiner ist als in London. Tombs wiederum wittert hinter den Angriffen auf das Empire einen Versuch, den Brexit zu diskreditieren.

... Das Erbe des Empires zeigt sich auch in der ethnischen Diversität der britischen Gesellschaft. Tombs wagt gar die These, Einwanderer aus dem alten Empire hätten weniger Integrationsprobleme als andere Migranten, da sie mit der englischen Sprache und Kultur vertraut seien. Unübersehbar sind im multikulturellen London aber auch die sozialen Ungleichheiten, von denen gerade Menschen mit Wurzeln in den ehemaligen Kolonien besonders stark betroffen sind.

Wer mit jugendlichen «Black Lives Matter»-Demonstranten spricht, hört oft die Forderung nach einem kritischeren Umgang mit der Kolonialzeit in der Schule – Statuen von Sklavenhändlern im öffentlichen Raum symbolisieren dieses gefühlte Manko. Während Tombs Statuen nicht für sakrosankt hält, ortet Gilroy die Gefahr, dass der alleinige Fokus auf historische Monumente von heutigen strukturellen Diskriminierungen ablenke. Gilroy plädiert eher dafür, problematische Statuen nicht zu entfernen, sondern durch zeitgenössische Künstler in einen neuen Kontext stellen zu lassen. In Bristol haben die Behörden die Colston-Statue mittlerweile aus dem Wasser gefischt – und entschieden, sie künftig in einem Museum auszustellen.


Aus: "Denkmalsturz in Bristol: In Grossbritannien tobt ein Kulturkampf um das verlorene Empire" Niklaus Nuspliger, London (13.06.2020)
Quelle: https://www.nzz.ch/international/grossbritannien-kulturkampf-um-das-verlorene-empire-ld.1560568
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« Reply #409 on: November 22, 2021, 03:38:07 PM »

Quote
[...] In Afghanistan haben die regierenden militant-islamistischen Taliban weitreichende Einschränkungen für Fernsehinhalte verhängt. TV-Sender dürften keine Filme oder Serien mehr zeigen, in denen Frauen eine Rolle spielen oder die der islamischen Scharia oder afghanischen Werten widersprächen, heißt es in einer Anweisung des Ministeriums für die Förderung der Tugend und Verhütung des Lasters, die am Sonntag an Fernsehsender ausgegeben wurde. Der Sprecher des Ministeriums, Mohammed Sadik Asif, bestätigte die Direktive.

Die Ausstrahlung heimischer oder ausländischer Filme, die fremde Kulturen und Traditionen in der afghanischen Gesellschaft verbreiteten und Sittenlosigkeit verursachten, müssten gestoppt werden, heißt es in der Anweisung. In Unterhaltungsprogrammen solle zudem niemand beleidigt werden. Weiter erlaubt ist der Auftritt von Moderatorinnen oder Reporterinnen, allerdings müssten diese den islamischen Hidschab tragen.

In Afghanistan sind vor allem türkische, indische und iranische Seifenopern beliebt, seltener wurden US-Serien oder Filme gezeigt. Bereits zuvor gab es von Konservativen oder Klerikern in dem Land immer wieder Kritik an diesen Programmen, in denen etwa Frauen ihre Ehepartner selbst wählten. Die Serien verführten die Jugend, hieß es.

Auch Satireprogramme sind in Afghanistan sehr beliebt. Wöchentliche Sendungen verunglimpften die ehemalige Regierung von Aschraf Ghani, korrupte Beamte oder das Militär.

Quelle: ntv.de, mbu/dpa



Aus: "Hidschab-Pflicht bei Moderation Taliban verbieten Filme mit Frauen" (Montag, 22. November 2021)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Taliban-verbieten-Filme-mit-Frauen-article22946397.html

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« Reply #410 on: December 01, 2021, 05:30:21 PM »

... Also kulturell abrüsten im Status-Wettkampf. ...

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Zu: "OECD-Studie: Immer mehr Deutsche verlieren Anschluss an Mittelschicht" (1. Dezember 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-12/oecd-studie-mittelschicht-deutschland-abstieg-pandemie-bertelsmann


Quote
Dr. Econ #41

Alle paar Monate kommt eine neue Studie, dass sich innerhalb der wohlhabenden, westlichen Leistungsgesellschaften die finanziellen und sozialen Ungleichgewichte bei Einkommen und Vermögen verstärken.

Und immer gibt es zwei vorhersehbare Reaktionen, ja fast Reflexe, die beide wie stumpfe Messer keinen Stich gegen das Problem haben:

1. Noch mehr davon. Mehr Konkurrenz, mehr Leistungsprinzip. Der Staat ist schuld, er soll weniger versuchen, die Ungleichgewichte abzumildern. Die Bürger sollen härter konkurrieren, mehr in ihr Humankapital investieren, um es dann später besser ausbeuten zu können.

Quintessenz: Die Religion verkündet die Wahrheit und bringt die Erlösung, du musst nur frommer werden und fester im Glauben. Umarme, lebe ihre Prinzipien - und so sollst auch du eines Tages ins Paradies geführt werden. Versprochen.

Das Problem ist nur: Auch die Nationen mit der niedrigsten Staatsquote und der konsequentesten Durchsetzung eines unerbittlichen Leistungsprinzips sehen Jahr um Jahr sich verschärfende soziale Umwuchten. Bis zu völlig entkoppelten Lebenswelten wo sich eine in Status, Selbstwert und wirtschaftlich völlig entkoppelte Mittelschicht nativistischen Populisten zuwendet - weil ihnen die Leistungsreligion sonst nichts mehr lässt, auch moralisch. Denn du bist ja selber schuld.

2. Wir brauchen mehr Sozialstaat. Mehr Almosen für die Armen und Abgehängten. Sonderrente, Sonderkindergeld, Sozialaufschlag, 50€ Bildungsgutscheine, sozialen Wohnungsbau etc.

Das Problem: Hier akzeptiert man schon, dass die Abgehängten abgehängt sind - man will es ihnen nur ein bisschen netter machen. Das hilft aber nicht dem Selbstwertgefühl. Das wahre Problem ist nicht die Umverteilung nach Almosenprinzip, sondern die Exklusivität der Leistungsgesellschaft.

Und daran rüttelt man nicht mit sozialem Wohnungsbau und Sondergeldern.

...

Wir müssen erst mal mit den Reflexen aus der Mottenkiste aufhören. Mit den vorbereiteten Antworten aus der jeweiligen ideologischen Schublade.

Und erkennen, dass weder "mehr davon", noch staatliche Alimentierung das Problem lösen. Wir haben beide Extreme in verschiedenen Nationen über Jahrzehnte ausprobiert aber sehen ähnliche strukturelle Entkopplungen und den Aufstieg des populistischen Nativismus.

Ich sehe in einer Zeit zunehmender Spreizung und Exklusivität die Leistungsreligion selbst als problematisch an.
Die Elite und die Mittelschicht kämpfen im Statuskampf mit ungleichen Waffen.

Das Versprechen des sozialen Aufstiegs durch Leistung ist daher bedroht.
Es galt am ehesten in der Phase der Nachkriegsjahre bis Ende der 70er - seitdem hat sich die wachsende Produktivität aller westlichen Volkswirtschaften von den Medianeinkommen immer weiter entkoppelt.

... Wir brauchen einen Kulturwandel: Wenn Karriereerfolg allein den sozialen Status bestimmt, der für viele aber immer öfter unerreichbar wird - die 60er sind vorbei - dann suchen sich die Leute ihr Selbstwertgefühl woanders. Deutsch zu sein, weiß zu sein, über den Zugewanderten zu stehen, einer wissenden Minderheit anzugehören, die die "wahren Pläne" der bösen Elite kennt, etc.
Das Problem wächst und wächst.

... Die Leistungsgesellschaft muss deutlich inklusiver werden. Muss immer lachen wenn die FDP von Chancengleichheit spricht: Echte Chancengleichheit wäre eine Revolution, die massivste Investitionen erfordern würd

Also kulturell abrüsten im Status-Wettkampf.

Das ist eine große Aufgabe und passt nicht zur derzeitigen Fetischisierung von Status, Erfolg und Berühmtheit auf Instagram, in Casting-Shows, in der Popkultur.

Und auch nicht zu den leeren Versprechen die wir schon unseren Kindern eintrichtern - du musst nur härter gegen die anderen konkurrieren, dann schaffst du den Aufstieg. Weil es nicht mehr so zutrifft wie vor 40, 50 Jahren und dann hast 95% die sich schuldig fühlen nicht genug getan zu haben obwohl sie in Wahrheit nie eine echte Chance hatten.

Oder anders gesagt: Endlich kapieren dass nicht alle Läufer eine Medaille bekommen, wenn alle 20% schneller laufen. Die Rangfolge bleibt gleich aber alle sind kaputter - auch die Gewinner. Nur gehts hier um mehr als nur einen Sprint. Um alles, die Identität, das Selbstwertgefühl, das Einkommen. Lebenslang.

Und dazu echte Chancengleichheit schaffen.

Was die FDP immer fordert aber eigentlich nicht wirklich zuende gedacht haben kann.

Denn das wäre ein gewaltiges Projekt, von dem ihre Wählerklientel definitiv nicht profitieren würde, sondern im Gegenteil.



...
« Last Edit: December 01, 2021, 05:32:28 PM by Textaris(txt*bot) »
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Textaris(txt*bot)

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #411 on: December 02, 2021, 10:43:10 AM »

Der Anteil derjenigen, die glauben, dass der kulturelle Hintergrund der Erziehungsberechtigten einen großen Einfluss auf die Bildungschancen der Kinder hat, ist laut Forsa sehr deutlich auf 51 Prozent gestiegen ...

Quote
[...] Eine Mehrheit  der 14- bis 21-Jährigen glaubt nicht, dass alle Kinder unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft die gleichen Chancen auf eine gute Bildung haben. Eine repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Initiative "Tag der Bildung" (8. Dezember) ergab, dass 59 Prozent der befragten jungen Menschen an der Chancengerechtigkeit im Bildungssystem zweifeln. 

... Der Anteil derjenigen, die glauben, dass der kulturelle Hintergrund der Erziehungsberechtigten einen großen Einfluss auf die Bildungschancen der Kinder hat, ist laut Forsa sehr deutlich auf 51 Prozent gestiegen - das sind 20 Prozentpunkte mehr als bei der ersten Abfrage dieses Faktors im Jahr 2016. 73 Prozent der Befragten sehen auch einen großen Einfluss beim Freundeskreis der Kinder und Jugendlichen und 67 Prozent bei der Bildung der Eltern.

... Für die Umfrage wurde von der Forsa Politik- und Sozialforschung im September und Oktober 2021 rund 1000 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 21 Jahren befragt.


Aus: "Deutsche Jugend zweifelt an Chancengleichheit" Jan Kixmüller (02.12.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/bildungsgerechtigkeit-deutsche-jugend-zweifelt-an-chancengleichheit/27852896.html
« Last Edit: Today at 10:58:39 AM by Textaris(txt*bot) »
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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #412 on: Today at 01:47:10 PM »

Wie eine lebensrettende medizinische Maßnahme – Impfen – zum Teil eines Kulturkampfs werden konnte, werde ich nie verstehen. Wir leben in gegenaufklärerischen Zeiten.

post-truth adjective relating to a situation in which people are more likely to accept an argument based on their emotions and beliefs, rather than one based on facts
https://dictionary.cambridge.org/dictionary/english/post-truth

Quote
... Der Begriff Obskurantismus findet sich insbesondere als Terminus in Texten, die unmittelbar mit der Epoche der Aufklärung oder dem damit verbundenen Gedankengut im Zusammenhang stehen. Im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch galt er – anders als das Adjektiv obskur – zwischenzeitlich bereits als ungebräuchlich. In aktuellen Wörterbüchern und Lexika ist der Begriff Obskurantismus jedoch weiterhin präsent, als Bestreben, andere Menschen absichtlich „in Unwissenheit zu halten, ihr selbstständiges Denken zu verhindern und sie an Übernatürliches glauben zu lassen ... "


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Obskurit%C3%A4t (28. November 2021)

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[...] Erneut nahmen organisierte Rechtsextreme eine prominente Rolle bei den Versammlungen ein. Es kam zum Teil zu unübersichtlichen Situationen.  ... Von FPÖ-Chef Herbert Kickl gab es nach der Demo Lob: "Auch heute gelang es wieder gemeinsam mit zigtausenden Menschen ein friedliches aber sehr lautes und enorm starkes Zeichen gegen den bevorstehenden Impfzwang zu setzen", postete er auf Facebook. Für kommende Woche ist erneut eine Demonstration in der Bundeshauptstadt angesagt. Die FPÖ kündigte bereits eine "Großkundgebung" an. (Vanessa Gaigg, 4.12.2021)


Aus: "Zehntausende demonstrierten in Wien gegen Impfpflicht und gegen Lockdown" (5. Dezember 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000131674525/zehntausende-demonstrierten-in-wien-gegen-impfpflicht-und-gegen-lockdown?ref=rss

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Il_Serpente, 5. Dezember 2021, 10:29:14

Wenn sie 'das Volk' sind, dann möchte ich nicht dazugehören. Ich habe Verständnis für Demos, die zu den demokratischen Grundrechten gehören, aber wenn 'das Volk' sich an keine Coronaregeln hält, dann hört mein Verständnis echt auf.


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gigawatts

Liebe FPÖ, liebe MFG, liebe Identitäre, lieber Küssel, lieber Kickl, lieber Rutter und wie ihr heldenhaften Rebellen gegen den "Gesundheitsfaschismus" alle heißt
Ich hätte da ein Rechenbeispiel für Euch:
Inzidenz von 700 momentan. Heißt: 700 von 100.000 oder 0.7% der Bevölkerung sind momentan aktiv infiziert. Von den 40.000 Demo-Teilnehmern waren dann ca. 300 infiziert. So eng, wie ihr da ohne Masken zusammensteht und dann mit Bussen oder im Zug maskenlos heimfährt, steckt jeder von Euch wohl 5 weitere an. Also 1500 Neu-Infektionen. Gehen wir von 1% Letalitätsrate bei Ungeimpften aus. Das heißt: 15 Menschen werden direkt infolge dieser Demo sterben. Und 150 Long Covid-Fälle. Zusammenfassung: Ihr bringt eure eigenen Wähler um.


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Nachdenklich

Was der Pferdewurmführer dazu sagt, ist unter aller Sau. Kann den bitte jemand auf den Mond schießen?
Ich wollte es zuerst hier verlinken, aber das ist es mir nicht wert. Kann jeder selbst auf orf.at nachlesen.
Nein, diese 42000 Demonstranten sind NICHT ÖSTERREICH, sondern ein kleiner verblendeter Teil, Sie and NICHT DAS VOLK, sondern 0,5% davon.
Der Großteil Österreichs geht impfen, mehr als 50% befürworten auch die Impfpflicht, weil sie nicht verstehen, dass sie von der lauten Minderheit unterdrückt wird.
So schauts aus. Mehr Menschen gehen an einem Tag zur Impfung als zur Demo. Und zur Impfung gehen nicht immer die gleichen


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grashopper

Die Demoteilnemer aus den Bundesländern
sind für die Wiener eine Belastung. Sie bringen die höheren Infektionszahlen in die Stadt. Tragen keine Masken in den öffentlichen Verlehrsmitteln und benehmen sich wie Wilde. Das brauchen wir in Wien nicht, hier können sich die Leute im öffentlichen Raum besser benehmen.


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FUMUS

Das ist erst der Anfang! In wenigen Jahren werden sich die Klimaretter und die Klimaleugner ebenso unversöhnlich gegenüber stehen! ...


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Nachteule99

Man sollte diesen Herrschaften geben, was sie wollen, sprich:
- testen, wer will
- impfen, wer will
- maskieren, wer will
- alles öffnen
- nur medizinische Grundversorgung für Ungeimpfte
- bei Triage Vorzug für Geimpfte


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Coolidge

Jo eh, aber auch dann sind sie die Opfer. Man kann es drehen wie man will, das sind die geborenen Opfer.


...

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[...] In den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen schließen sich unterschiedliche Milieus gegen „die da oben“ zusammen, beobachtet der Religionswissenschaftler Andreas Grünschloß. Der Glaube an eine „alternative Weltsicht“ verbinde Esoteriker, Fundamentalisten und Rechtsextreme, sagte er im Dlf.

Christian Röther: Herr Grünschloß, was verstehen Sie als Religionswissenschaftler unter dem Begriff „Esoterik“?

Andreas Grünschloß: Der Begriff Esoterik ist etwas schwammig, wird auch meistens heute etwas breiig gebraucht. Zunächst mal bezeichnet er das Innere – oder auch dann in seiner Verwendung häufig das Geheime. Also gerade im religiösen Zusammenhang spricht man von esoterischen religiösen Traditionen, also solche Traditionen, wo der Zugang zu dem eigentlichen wichtigeren religiösen Wissen nicht allen zugänglich ist, sondern nur einem Kreis von Eingeweihten. Also religiöse Traditionen, die so eine Art Initiation brauchen, um die Leute eben in bestimmten Stufen eventuell auch an die inneren Geheimnisse heranzuführen. Man könnte sagen: Esoterische Religiosität ist eigentlich eine Geheimreligiosität.

Das Ganze ist dann so ein bisschen ein Widerspruch, weil eigentlich bezeichnen wir mit Esoterik heute alle die nicht in großen, verfassten religiösen Traditionen operierenden Diskurse, sondern Gruppierungen oder auch Einzelakteure, die eine modernere, alternative Weltsicht, häufig auch eben durch Inputs aus verschiedenen religiösen Traditionen, betreiben.

Und wenn man versuchen möchte, zusammenzustellen, was charakterisiert das, was wir mit Esoterik meinen, dann meinen wir damit eben religiöse Weltdeutungen, die zum einen eine Art von einem spirituellen höheren Selbst im Menschen annehmen – also, wenn man mit einem indischen Begriff arbeiten möchte, eine „Atman“-artige Seelensubstanz, die den Kern der eigentlichen Person bildet.

Daher finden Sie eigentlich auch fast durchgängig in den esoterischen Traditionen die Vorstellung von Wiedergeburt beziehungsweise Reinkarnation, dass eben genau dieser Seelenkern sich immer wieder verkörpert. Teilweise ist das auch weltbildartig dann ausgeweitet, dass eben auch das gesamte Universum, die gesamte Welt lebendig ist – also die Gaia-Hypothese, dass auch die Erde ein Organismus ist, eben auch so eine Atman-artige Seelensubstanz besitzt. Also das wäre so der eine Punkt, der sehr häufig anzutreffen ist.

Dann Entsprechungen zwischen dem, was im Mikrokosmischen und im Makrokosmischen vorgeht. Also ein bestimmter Laut, so wie in der indischen Mantra-Meditation, hat eine Auswirkung nicht nur auf meine Psyche und auf meine Seele, sondern setzt in der Umgebung auch makrokosmische Entsprechungen heraus. Das Paradebeispiel wäre etwa die Transzendentale Meditation des Maharishi Mahesh Yogi, der gesagt hat, wenn ein bestimmter Prozentsatz von Meditierenden in einer Stadt sind, dann wird die Kriminalitätsrate runtergehen, wird das sofort eine Auswirkung auf den Makrokosmos haben. Und solche Thesen gab es dann jetzt auch in der Coronazeit, dass eben durch den Einsatz von Meditation tatsächlich auch das Virus wegmeditiert, eingedämmt werden könne.

Röther: Und jetzt fällt der Begriff Esoterik eben öfters in Zusammenhang mit den Corona-Protesten in Berlin jetzt am Wochenende, aber auch schon vorher. Inwiefern passt dieser Begriff Esoterik auf die Menschen dort, oder auf Teile der Menschen dort, die da gegen die Anti-Corona-Maßnahmen protestiert haben?

Grünschloß: Also in dem Falle, wo es um eine religiös motivierte – die Menschen, die so was vertreten, nutzen nicht so gerne den Begriff Esoterik für sich, zumindest nicht mehr, das war in den 80er- und 90er-Jahren noch ein bisschen anders, häufig ist heute der Esoterik-Begriff so mit Dubiosität und „spinnerter“ Weltsicht verbunden im öffentlichen Sprachraum.

Aber was wir häufig haben, die Idee oder die Sehnsucht danach, den Graben zwischen einer materialistisch ausgerichteten Naturwissenschaft und der spirituell-religiösen, geisteswissenschaftlichen Dimension des Menschen zu überbrücken. Das findet sich seit dem 19. Jahrhundert als durchgehender Tenor bis heute, eine holistische, neue, integrale Wissenschaft zu entwickeln, die beides überbrückt. Deswegen eben auch Offenheit für alternative Heilverfahren, alternative Wissenschaftskonzeptionen.

Und gerade im Bereich von Corona kann man dann natürlich zu Thesen kommen, dass hier eine andere Form von Heilung möglich sein muss als das, was die Autoritäten sagen. Dass vielleicht das, was vorgeschoben wird vor Corona, was ganz anderes ist, dass ganz andere Akteure im Hintergrund virulent sind. Also die Affinität zu Verschwörungstheorien, weil man eben an eine integralere, umfassendere Weltsicht glauben möchte, das ist ein Motiv, das nun Verschwörungstheoretiker, esoterisch gestimmte Menschen, aber auch zum Teil eher rechtslastige Leute oder auf der anderen Seite auch fundamentalistisch-christlich orientierte Leute wieder miteinander vereinen kann bei so einer Demonstration, weil sie sagen, wir kämpfen im Prinzip gegen denselben Feind. Das, was die da oben uns erzählen wollen, ist nicht die wahre Sache, wir haben hier eine alternative Weltsicht. Das wäre so ein vager Anlaufversuch, wo gibt es da Affinitäten.

Röther: Jetzt gibt es Aufnahmen vom Wochenende, wo Menschen dort „Hare Krishna, Hare Rama“ singen am Brandenburger Tor im Kontext dieser Proteste. Also ein Mantra aus dem Hinduismus, das auch aus neuen religiösen Bewegungen, aus der Hare Krishna-Bewegung eben, ISKCON, bekannt ist. Es verwundert auf den ersten Blick trotzdem, dass es jetzt da in Berlin am Wochenende zu hören war. Hat es Sie auch verwundert?

Grünschloß: Natürlich, klar. Ich hätte gedacht, wenn das jetzt eine Demo gewesen wäre in den 70er-Jahren, dann ist das klar, dann haben alle noch irgendwie George Harrison „My Sweet Lord“ im Kopf und haben auch die Bilder von missionierenden Hare Krishna-Anhängern, also die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein, die ihre Büchlein verteilen auf den Straßen. In der Spät-Hippie-Zeit war das immer noch so im Diskurs. Das ist es ja heute eigentlich nicht mehr, auch die Hare-Krishna-Gemeinschaft ist ja weitestgehend aus der sichtbaren Oberfläche vielfach verschwunden.

Aber da war offenbar eine Gruppe dabei, die eben typisch da mit ihren Trommeln unterwegs waren und dieses Mantra gechantet haben. Das ist eben eine neo-hinduistische Bewegung, die in den 60er-Jahren entstanden ist in New York durch Swami Prabhupada, der als neo-hinduistischer Missionar in den Westen kam, um eben die Gottesliebe in Gestalt der Krishna-Verehrung unter die Menschen im Westen zu bringen. Aber das ist eher, würde ich sagen, ein Zufall, dass die halt auch dort waren und dass dann andere da miteinstimmen in den Gesang.

Wie der eine Reporter, der es dann nicht mal identifizieren konnte, was singen die da, was ist das, kenne ich gar nicht. Das ist eigentlich eher anachronistisch fast und eher ein Zufallsprodukt, dass hier nun, weil da eben ein paar Hare Krishna-Anhänger eben das gesungen haben, dann auch mehrere da miteingestimmt haben. Das würde ich jetzt erst mal aus der Ferne versuchen so zu diagnostizieren – so wäre mein Eindruck zumindest.

Röther: Aber, was Sie auch schon sagten, es ist dann ja wiederum kein Zufall, dass eben Menschen, die dieses Mantra kennen, weil sie eben in esoterischen Kontexten unterwegs sind, dort anzutreffen sind. Um das noch mal aufzugreifen, Sie haben es eben schon angedeutet, weil die durchaus eben, ich sage mal weltanschauliche Berührungspunkte haben eben mit Reichsbürgern, Menschen, die an Verschwörungen glauben, Rechtsextremisten. Trifft man sich da in dieser gemeinsamen Ablehnung der bestehenden Ordnung oder in der Esoterik, was Sie genannt haben, dass man sich im Besitz einer höheren Wahrheit eben wähnt?

Grünschloß: Ja, das wäre schon so eine Gemeinsamkeit, das man sagt, die Welt ist hintergründiger als das, was uns die etablierten Medien, die etablierten Wissenschaften und natürlich auch die etablierten politischen Autoritäten weismachen wollen. Dieser Vorbehalt gegenüber der, ich sage mal Oberfläche der etablierten Diskurse, das wäre etwas, was sie alle gemeinsam haben.

Es kommt noch meines Erachtens ein wichtiger Punkt mit hinzu: Das ist, dass aufgrund der – trotz allen kleineren Fehlern, die man gemacht hat, aber doch auch aufgrund der relativ umsichtigen Corona-Politik, die in Deutschland relativ schnell dann ja begonnen hat als es klar wurde, die Pandemie droht, kennen die meisten von uns hier in Deutschland das Virus eigentlich nur vom Hörensagen. Und von daher ist es relativ leicht, zu behaupten, das ist unplausibel und der Lockdown, das alles ist überzogen, da ist eine andere Motivation dahinter als das, um diese angebliche Krankheit zu verhindern.

Gerade in der Anfangsphase der Corona-Pandemie gab es ja eine Fülle von esoterischen oder sagen wir mal „alternativen“ Deutungen dessen, was hier im Gange ist: Dass es sich hier gar nicht um ein Virus handelt, sondern das sind Strahlen der Übertragungsmasten und what have you. Also eine ganze Reihe von alternativen Deutungsmustern.

Und das ist, glaube ich, ein wichtiger Punkt. Wir kennen es nur vom Hörensagen – und wenn man dann mit Beeinträchtigungen leben muss, dann kann man sich natürlich relativ leicht darüber hinwegsetzen und behaupten, diese ganzen Reduzierungsvorschriften, die sind unplausibel, ich kenne überhaupt niemanden, der das Virus gehabt haben soll. Das kommt auch noch mit hinzu.

Und dann eben das gepaart, sei es nun aus einer alternativen politischen Utopie, also ich sage mal einer Reichsbürger-affinen Ideologie heraus oder sei es aus einer esoterischen Weltdeutung heraus, wo man sagt, hier sind gewisse Mächte im Gange, die im Hintergrund ihre Fäden ziehen, auch in der esoterischen Weltdeutung gibt es ja Verschwörungstheorien, es muss nicht, aber es gibt sie, und so können dann natürlich so bestimmte Argumentationsmuster sich ergänzen. Und dass man zumindest da dann sich auf einer Demo zusammenfinden kann und sagen, wir haben einen gemeinsamen Feind, und das sind die etablierten, diskursmächtigen Größen, die uns hier was weismachen wollen.


Aus: "Esoterik, Rechtsextreme und Proteste gegen Corona-Maßnahmen „Gegen denselben Feind“" Andreas Grünschloß im Gespräch mit Christian Röther (02.09.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/esoterik-rechtsextreme-und-proteste-gegen-corona-massnahmen.886.de.html?dram:article_id=483421

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[...] Als am 28. Februar 1933 der Reichstag brannte, wurden die Flammen zum Fanal des Untergangs. Sie markieren das Ende der ersten deutschen Demokratie. Hitler, vier Wochen zuvor zum Reichskanzler ernannt, nutzte das Ereignis, um mittels der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ seine Macht auszubauen. Am vergangenen Wochenende war das Reichstagsgebäude wieder Schauplatz einer bizarren Versammlung. Antidemokraten versuchten, ein Zeichen zu setzen.

Die Grundrechte der Weimarer Verfassung galten nicht länger. Gegner des Nationalsozialismus, unter ihnen viele kommunistische Abgeordnete, wurden inhaftiert. Erste Konzentrationslager entstanden. Angst regierte. Wer konnte, floh. Der Theaterkritiker Alfred Kerr tauchte unter und rettete sich nach Prag. Seine Tochter Judith Kerr beschreibt den Abschied in ihrem Erinnerungsbuch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

Vorhergesagt worden war der Reichstagsbrand von Erik Jan Hanussen. Der „Hellseher“ hatte das Übernatürliche zum erfolgreichen Geschäftsmodell gemacht. In seiner „bunten Wochenschau“, einer astrologischen Zeitschrift mit einer sagenhaften Auflage von 140 000 Exemplaren, schrieb er von einem bevorstehenden kommunistischen Anschlag. Als er am 26. Februar 1933 in der Lietzenburger Straße einen „Palast des Okkultismus“ eröffnete, orakelte er über einen Großbrand.

Hanussen hieß in Wirklichkeit Hermann Chajm Steinschneider, er war auch kein Däne – wie er behauptete –, sondern Österreicher und hatte seine Karriere als Zauberkünstler begonnen. Obwohl er Jude war, begeisterte er sich für Hitler. Hanussen/Steinschneider ist im März 1933 von einem SA-Kommando verhaftet und „auf der Flucht“ erschossen worden. Lion Feuchtwanger diente er als Vorbild für den Telepathen Oskar Lautensack in seinem Gesellschaftsroman „Die Brüder Lautersack“.

Die Verbindung von Esoterik, Verschwörungstheorien und Rechtsextremismus, wie sie sich bei der von der Initiative Querdenken 711 veranstaltete Berliner Corona-Demonstration zeigte, hat eine lange Tradition. Sie reicht mindestens ins 19. Jahrhundert zurück, im Kern handelt es sich bei dem ideologischen Amalgam um eine Gegenbewegung zur Moderne und ihren Zumutungen. Dabei flossen Heilserwartungen und Fortschrittsskepsis ineinander, immer schon ging es um alternative Wahrheiten. Auf komplizierte Fragen mussten einfache Antworten gefunden werden. Manchmal wurden sie auch von Toten gegeben, die bei spiritistischen Sitzungen zu reden begannen.

Esoterik, im Altgriechischen der Begriff für Innerlichkeit, bezeichnet einen anti-intellektuellen Weg zur Erkenntnis, der nur demjenigen zugänglich ist, der sich spirituell öffnet. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, von dem Historiker Joachim Radkau „Zeitalter der Nervosität“ genannt, war eine Ära rasanten technischen Aufschwungs, boomender Industrialisierung und mäandernder Sinnsuche. Zwar waren Dampflok, Telegraf und das elektrische Licht erfunden worden. Doch was fehlte, war Orientierung.

 In seinem Roman „Der Zauberberg“ beschreibt Thomas Mann gleich zwei Wunder. Die in einem Schweizer Sanatorium versammelte Gesellschaft von Kranken und Genesenden lauscht staunend der aus einem Grammophon klingenden Musik, „es war ein strömendes Füllhorn heiteren und seelenschweren künstlerischen Genusses“.

Kurz danach werden tischerückend Geister angerufen. „Ist eine Intelligenz zugegen?“, wollen die Patienten wissen. Nach kurzem Zögern kippt das Glas auf dem Tisch, was heißt: Der Geist bejaht. Thomas Mann hatte selbst an einer spiritistischen Sitzung teilgenommen, bei der ein Taschentuch zum Schweben gebracht wurde. Eine Erfahrung, über die er später spottete.

Man mag den wilhelminischen Spuk für Hokuspokus halten, aber unterscheidet ihn wirklich so viel von den Methoden heutiger Kryptoaktivisten und Parawissenschaftler? „Mainstream“-Bezweifler erkennen in den Kondensstreifen von Flugzeugen („Chemtrails“) Bedrohungslagen oder besitzen Geheimwissen über unterirdische Menschenexperimente („QAnon“). Und ist tatsächlich sicher, dass die Erde eine Kugel ist und keine Scheibe? In den Tiefen des Internets lassen sich die wildesten Thesen finden.

 Esoterik ist eine Form der Gegenaufklärung. Sie unterliegt Moden, alles kehrt irgendwann wieder. Um 1900 war der Wunsch nach einem radikalen Neuanfang, nach Umdenken und Alternativen besonders groß. In der Lebensreformbewegung bündelten sich Sehnsüchte. Zu ihrem Symbol wurde der Monte Verità, Berg der Wahrheit, im Schweizer Kanton Tessin.

Dort trafen sich Pazifisten, Vegetarier, Aussteiger, Theosophen und Sonnenanbeter und schufen eine modellhafte, auf Partizipation und Gleichheit beruhende Kommune. Der Wunsch, zur Natur zurückzukehren, war groß. Nietzsche hatte in seinem Buch „Jenseits von Gut und Böse“ den „homo natura“ zum Vorbild ausgerufen.

Hermann Hesse kletterte nackt über Felsen, schlief in einer Holzhütte und ernährte sich von Beeren. Er hoffte, wie in seinem autobiografisch grundierten Roman „Peter Camenzind“ formuliert, „auf den Herzschlag der Erde zu hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen“. Auch Erich Mühsam reiste an, sah sich aber von seiner Vision eines „großen sozialen Versuchs“ enttäuscht.

Den Ernährungsregeln widmete er ein Schmähgedicht: „Wir essen Salat, ja wir essen Salat / Und essen Gemüse von früh bis spat. / Auch Früchte gehören zu unsrer Diät./ Was sonst noch wächst, wird alles verschmäht.“

 Am Ende zerstritten sich die Gründer der Bergbehausung, wobei es auch um die Frage ging, wie sehr die Unterkunft kommerzialisiert werden solle. Doch die Ideen, die dort den Schritt von der Theorie in die Praxis schaffen sollten, leben weiter. Sie finden sich noch bei den Grünen, die sich 1980 in ihrem ersten Parteiprogramm gegen eine „eindimensionale Produktionssteigerungspolitik“ wandten und forderten, „uns selbst und unsere Umwelt als Teil der Natur zu begreifen“. Die Lebensreformbewegung, zu der auch Rudolf Steiners Anthroposophie gehört, verzweigte sich in sozialistische, anarchistische und völkische Stränge.

Verzicht zu üben, aufs Land zu ziehen und sich selbst zu ernähren, das blieb der Versuch, eine Utopie im Kleinen zu verwirklichen. Während der Weimarer Republik ließen sich mitunter linke gleich neben rechten Projekten nieder. „Heimland“ nannte sich eine völkische Siedlung bei Rheinsberg, ins Leben gerufen von einem antisemitischen Publizisten. Nur wenige Kilometer weiter bei Neuruppin orientierte sich die Handwerkerkommune Gildenhall an sowjetischen Wirtschaftsformen und der Bauhaus-Ästhetik.

War der Nationalsozialismus nicht auch eine anti-rationale Bewegung, vielleicht die größte, die Deutschland hervorgebracht hat? Ihre Ideologie entwickelte sich aus rassistischen, sozialdarwinistischen und pseudoreligiösen Versatzstücken. 1943 – dem letzten Jahr, aus dem gesicherte Zahlen vorliegen – hatte die NSDAP 7,7 Millionen Mitglieder.


Aus: "Esoterik und Extremismus: Geister, die sie rufen" Christian Schröder (02.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/esoterik-und-extremismus-geister-die-sie-rufen/26144918.html

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[...] Sie sprechen von "Menschlichkeit" und der "Harmonie des Universums", doch ihre Ideologie ist rassistisch. Sie halten sich für unpolitisch, aber bejubeln Holocaustleugner und besuchen Seminare von Rechtsextremen. Seit Monaten versuchen Anhänger der sogenannten "Anastasia-Bewegung", im Großraum Berlin Fuß zu fassen. An diesem Montag wollen sie sich auf einem Hof im Nordwesten Brandenburgs zur gemeinsamen Feier der Wintersonnenwende treffen.

Die Veranstaltung findet auf einem Hof bei Putlitz im Landkreis Prignitz statt. Organisiert wird sie von den Gründern des geheimen Telegram-Kanals „Familienlandsitz & Siedlungsforum“, in dem sich derzeit 3300 Anhänger vernetzen.

Bei der Anastasia-Bewegung handelt es sich um einen ökoesoterischen Kult, der Menschen verspricht, sie könnten übersinnliche Fähigkeiten wie Hellsicht und Telepathie erlangen, wenn sie nur als Selbstversorger in die Natur ziehen . Sektenbeauftragte und Experten warnen, die Bewegung sei eine "Rutschbahn in den Rechtsextremismus". Neugierige, die lediglich im Einklang mit der Natur leben wollten, würden mit Ideen der Rassenlehre und brauner Esoterik indoktriniert.

Geistiges Idol der Bewegung ist eine Romanfigur: eine junge Frau namens Anastasia, die angeblich  in der Wildnis Sibiriens lebt. Erschaffen wurde sie vom russischen Autor Wladimir Megre, 70.

Sehr aktiv in der Gruppe ist der Rechtsextremist Frank Willy Ludwig aus Liepe bei Eberswalde. Er berät und belehrt Neuankömmlinge im Forum, klärt über die Bedeutung von Runen und Hexagrammen auf, möchte nach eigener Auskunft mit seinen "Erfahrungen dienen". 

Frank Willy Ludwig sagt, sein Auftrag sei, „das arische Wissen in den Stämmen wieder zu erwecken“. Ludwig hält deutschlandweit Vorträge, in denen er etwa über die „Gesetze der Reinheit des Blutes“ spricht und erläutert, warum die Menschenrassen unter sich bleiben sollten: Mischlinge hätten das Problem, nicht zu wissen, zu welchen Ahnen sie Kontakt halten sollten.

Zudem besitze jede Rasse ihre „eigenen Wahrnehmungskanäle“. Arier hätten 16, Asiaten zwölf, Schwarze sechs.  Arier seien eigentlich Außerirdische und kämen vom Sternbild des Kleinen Wagens. Einmal sei versucht worden, „den Schwarzen ein Gewissen einzupflanzen“, doch dann habe „man gemerkt, an den Genen darf man nicht rumpfuschen“.

In der Telegram-Gruppe, die zur Feier am Montag einlädt, ist Ludwig eine Respektsperson.  Andere Mitglieder loben ihn für sein Wissen und seine Erklärkünste. Er selbst sieht sich als "göttliches Wesen bedingungsloser Liebe". Ludwig wirbt in der Gruppe auch für eine mehrtägige Reise nach Rügen, die er für Interessierte organisieren will. Dort könne er, gegen einen Unkostenbeitrag von 360 Euro, über wichtige Zusammenhänge aufklären.

In der Gruppe werden Tipps zur Verwendung von Heilkräutern geteilt, aber auch Holocaustleugner wie Ursula Haverbeck und Horst Mahler bejubelt. Nicht alle Forenteilnehmer haben die Anastasia-Bücher gelesen, einige wissen daher nichts von dem dort gepredigten Antisemitismus. Der Anastasia-Erfinder  Wladimir Megre schreibt  in einem Band etwa, Juden seien programmierte „Bio-Roboter“. Sie hätten „die Presse verschiedener Länder unter ihre Kontrolle gebracht“, die globalen Geldströme würden „zum größten Teil von Juden kontrolliert“. Seit Jahrtausenden versuchten sie, „mit allen Mitteln so viel Geld wie nur möglich in ihren Händen zu konzentrieren“.

Einer, der die Umtriebe der Anastasia-Bewegung seit längerem verfolgt, ist der FDP-Bundestagsabgeordnete Jürgen Martens. Im November hat er der Bundesregierung die Frage gestellt, ob die Anastasia-Bewegung inzwischen vom Bundesamt für Verfassungsschutz oder anderen Diensten beobachtet werde - und eine bemerkenswerte Auskunft erhalten.  Zum Beobachtungsstatus der Bewegung könne man keine Antwort geben, heißt es in der Antwort des Innenministeriums.  Und weiter: "Die angefragten Informationen sind so sensibel, dass auch die geringfügige Gefahr eines Bekanntwerdens nicht hingenommen werden kann."

Dies ist erstaunlich, denn erst im vergangenen Jahr hatte die Bundestagsabgeordnete Martina Renner (Linke) eine ähnliche Anfrage zur Anastasia-Bewegung gestellt. Damals wurde eine Beobachtung noch eindeutig ausgeschlossen.

Wo genau die Feier zur Wintersonnenwende stattfindet,  haben die Organisatoren lange geheim gehalten. Die exakten Koordinaten, die zu einem Hof am Rand  von Lütkendorf, einem Ortsteil der Stadt Putlitz, führen, wurden erst an diesem Wochenende verschickt. Ob der Betreiber der Hofs von der Gesinnung der Feiernden weiß, ist unklar. Für den Tagesspiegel war er am Sonntag nicht zu erreichen.

Dass die Feier wegen der hohen Infektionszahlen sowieso nicht stattfinden dürfte, ist den Anastasianern egal. Viele von ihnen leugnen die Existenz des Virus. Frank Willy Ludwig warnt allerdings davor, sich  auf Corona testen zu lassen. Diese Gelegenheit würde von den Herrschenden zur Zwangsimpfung genutzt.


Aus: "Rechte Öko-Sekte „Anastasia-Bewegung“: Wo die Anhänger der Rassenlehre am Lagerfeuer feiern" Sebastian Leber (20.12.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/rechte-oeko-sekte-anastasia-bewegung-wo-die-anhaenger-der-rassenlehre-am-lagerfeuer-feiern/26735250.html

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[...] Eine Mehrheit der AfD-Anhänger hält eine "Corona-Verschwörung" einer Umfrage zufolge mindestens für wahrscheinlich. In der von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegebenen Umfrage gaben 24 Prozent der AfD-Anhänger an, "es handele sich bei der Corona-Pandemie um eine Verschwörung zur Unterdrückung der Menschen", berichtete die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). Weitere 41 halten dies demnach für wahrscheinlich.

Auch jenseits der AfD finden sich Anhänger von Corona-Verschwörungstheorien. Jeder Elfte - neun Prozent - hält es für wahrscheinlich, dass die Pandemie nur ein Vorwand zur Unterdrückung der Menschen ist. Weitere fünf Prozent sind sich da sogar sicher. Nach Parteien unterschieden sind bei Anhängern von Union, SPD und Linken neun bis zwölf Prozent sicher oder halten es für wahrscheinlich, dass es sich bei der Pandemie um eine Unterdrückung handelt, so die "FAS".

Trotz dieser Zahlen hat der Glaube an eine Weltverschwörung insgesamt aber abgenommen, heißt es dem Bericht zufolge in der Studie weiter. Vor der Corona-Krise seien elf Prozent der Deutschen sicher gewesen, die Welt werde durch geheime Mächte gesteuert - nun sind es noch acht Prozent. Vor Corona hielten weitere 19 Prozent es für wahrscheinlich richtig, dass geheime Mächte die Welt steuern - jetzt seien es mit 16 Prozent ebenfalls weniger. Nur bei AfD-Anhängern sei der Glaube an eine Weltverschwörung weiter gestiegen.

Quelle: ntv.de, jhe/AFP


Aus: "Umfrage zu Verschwörungstheorien Viele AfD-Wähler halten Corona für Erfindung" (Sonntag, 20. Dezember 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Viele-AfD-Waehler-halten-Corona-fuer-Erfindung-article22247897.html


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[...] So unerfreulich das Coronavirus insgesamt ist, für eines muss man ihm regelrecht dankbar sein: Es hat einigermaßen schonungslos eine echte strukturelle Schwachstelle dieses Landes und seiner Bewohner sichtbar gemacht, die dringend der Reparatur harrt, auch wenn Corona irgendwann längst überwunden sein wird: eine besonders ausgeprägte Skepsis nicht nur gegenüber der Covid-Impfung, sondern bis zu einem gewissen Grad auch der Wissenschaft und Technik insgesamt gegenüber.

...Wo sind wir da eigentlich falsch abgebogen? Ein Teil der Erklärung mag in der Geschichte des Landes liegen. Denn Österreich vertrieb oder vernichtete nach 1938 einen erheblichen Teil jenes - oft jüdischen - Bildungsbürgertums, das gemeinhin die gesellschaftliche Basis aufklärerischen, rationalen Denkens bildet. Nach dem Krieg konnte diese intellektuelle Leere nicht gefüllt werden, davon habe sich Österreich teils bis heute nicht erholt, analysierte jüngst der Ökonom Ulrich Berger von der WU Wien im "Standard".

Gefüllt haben sie zunehmend unwissenschaftliche und irrationale Methoden und vermeintliche Therapien wie Homöopathie, anthroposophische Medizin, Steinheilung, Irisdiagnostik, Kinesiologie, Ayurveda oder die Verwendung von Bachblüten, Schüßler-Salzen und Grander-Wasser - um nur einige zu nennen. (Einen guten Überblick über die traditionelle Schwurblerszene bietet das gerade erschienene Buch "Geschäfte mit dem Nichts - Risiko Scheinmedizin" von Theodor Much und Edmund Berndt.).

Es ist wohl einer an sich sympathischen österreichischen Variante von "Leben und leben lassen" geschuldet, dass die Vertreter von Vernunft und Aufklärung diesem intellektuellen Tumor zu lange zu wenig Beachtung schenkten. Dass zahllose Apotheken heute Globuli verkaufen und auch die Ärztekammer nicht frei von Vertretern der Quack-Fraktion ist, passt leider in dieses Bild - und verleiht der Gegenaufklärung eine Aura von Legitimität.

Einen Booster für die Unvernunft in diesem Kontext stellte der politische Kampf der Grünen gegen Technologien wie die Gentechnik dar; dass in den grün-affinen Ländern Deutschland und Österreich vor allem die neuen mRNA-Impfstoffe auf Skepsis stoßen, überrascht da wenig. Dass heute vor allem rechtsextreme Corona-Skeptiker die Früchte dieser Gegenaufklärung ernten können, ist eine subtile Pointe der Geschichte. Gelingt es nicht, der Aufklärung wieder mehr Gehör und Gewicht zu verschaffen, wird Corona nicht die letzte Krise sein, an der wir weitgehend scheitern.


Aus: "Wo sind wir falsch abgebogen?" Christian Ortner (03.12.2021)
Quelle: https://www.wienerzeitung.at/meinung/gastkommentare/2129984-Wo-sind-wir-falsch-abgebogen.html

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Ralf-Raigo Schrader 03.12.2021, 08:04 Uhr

'...zunehmend unwissenschaftliche und irrationale Methoden und vermeintliche Therapien wie Homöopathie ...'
Bei so viel Ahnungslosigkeit muss man sich nicht wundern, wenn ein grosser Teil der Bevölkerung dem im Artikel benutzten positivistischen Medizin- und Gesundheitsverständnis nicht folgen will. Ich erkläre es gern noch einmal: Medizin ist keine Wissenschaft, sondern eine Sammlung von Kulturtechniken, welche das Ziel haben, Krankheiten und Gesundheitsstörungen zu heilen. Die objektiven Krankheiten heilt man, wenn vorhanden mit pathogenetischen, also naturwissenschaftlichen Therapien. Die subjektiven Gesundheitsstörungen, welche 2/3 der Gründe ausmachen, eine Hausarztpraxis zu besuchen, heilt man ohne naturwissenschaftliche Methoden. Es ist sogar sträflich, Leiden ohne körperliches Substrat, z.B. Persönlichkeitsstörungen biologisch zu behandeln.
Homöopathie ist salutogene, d.h. Psychotherapie, in der das Homöopathikum die Rolle z.B. der Musik in der Kunsttherapie einnimmt.


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Philip Steger @philister1123

... "The strain of anti-intellectualism has been a constant thread winding its way through our political and cultural life, nurtured by the false notion that democracy means that 'my ignorance is just as good as your knowledge.'” - Isaac Asimov


https://twitter.com/philister1123/status/1467217453130338305


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Mathieu von Rohr@mathieuvonrohr

Wie eine lebensrettende medizinische Maßnahme – Impfen – zum Teil eines Kulturkampfs werden konnte, werde ich nie verstehen. Wir leben in gegenaufklärerischen Zeiten.

10:23 vorm. · 4. Dez. 2021


https://twitter.com/mathieuvonrohr/status/1467061968456593408

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Markus Wachshofer @MWachshofer @mathieuvonrohr

Kaum jemand ist gegen die Impfung. Aber viele sind für die freie Impfentscheidung, ohne Druck, zumal es eine persönliche Entscheidung sein muss.
Genau darum geht es in diesem Kulturkampf, nicht um die Impfung!


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Bernhard Huss@HussProf

Antwort an @mathieuvonrohr und @Morgenschwester

Hat wohl leider einen gewaltigen historischen Vorlauf und ist schon im 19. Jahrhundert zu beobachten. Offenbar haben wir den Franzosen während der Aufklärung nicht gut genug zugehört ...


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Dr. Almamartha @DrAlmamartha5
@mathieuvonrohr

Ja. Post-faktisch. Contra-Vernunft. Verdunkelt sind allzu viele Hirne.


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Pero@peroberlin Antwort an @mathieuvonrohr

Wer ist einer der mächtigsten Akteure in diesem "Kulturkampf"? Die Medien ...


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Fridolin Formfleisch
@FridolinFormfl1@mathieuvonrohr

Ja, wir erleben gerade eine Lektion in Sachen Dialektik. Aufklärung schlägt wieder um in Mythos — aus Mut wird Wut, aus Zweifel wird Paranoia, aus Emanzipation wird Renitenz.


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Thomas Lippert @tlnue
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4. Dez. Antwort an @mathieuvonrohr

Um ehrlich zu sein, die Gegenaufklärung kam aber auch aus der grün-ökologischen Ecke. (Gefahr durch Gentechnik, Mobilfunk, etc. etc.)


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Tom@TomC25
@mathieuvonrohr

Diese anti-Sciences Welle haben viele Jahre die Grünen geritten. Als die Grünen pragmatischer werden mussten, weil sie mehr und mehr Regierungsverantwortung übernahmen, ist diese Klientel teilweise zur AfD abgewandert.


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Thomas Lippert @tlnue
·
4. Dez.

... Es gab immer ideologische Schnittmengen zwischen "Blut und Boden" und der esoterischen Ökoszene.


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Livia Clauss
@LiviaClauss
·
4. Dez.Antwort an @mathieuvonrohr

Aber das gibt es doch schon lange. Gerade in den gentrifizierten Stadtteilen mit ihren Öko-Bewohnern war und ist die Impfquote bei ihren Kindern besonders niedrig. ...


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HBS
@SchmitzHannes

Gibt es hier tatsächlich eine so große Schnittmenge mit Corona-Impfgegnern? Mein Eindruck ist, dass sich insb. durch Fehlinformationen und Polarisierung auf Social Media eine ganz neue Gruppe an Impfgegnern entwickelt hat.


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Oft ganz nett Zwinkerndes Gesicht mit Zunge @Liebeleiny

Die Dummen gab es schon immer, aber das oben Beschriebene bezieht sich auf vermeintlich gebildete Schichten und Akademiker, die es bisher schick fanden gegen die wissenschaftliche Welle zu schwimmen. Und das fliegt denen jetzt intellektuell um die Ohren.


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Gabriele Lange @Frau_Lange
·
@mathieuvonrohr

Wer sich interessiert auf Esoterikmessen herumgetrieben, mit Anthroposophen, Homöopathie-, Bachblüten-, Heilpraktiker-, Osteopathie- oder TCM-Fans diskutiert hat, mal in einem Yoga-Kurs war, mit Hebammen zu tun hatte... wundert sich kein bisschen. ...


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Jan Schnorrenberg
@spektrallinie
·
@mathieuvonrohr

Hinter vielen Narrativen der Gegenaufklärung steckt meist ein Geschäftsmodell, welches aus Angst Geld macht. Die Ursprünge der modernen Impfkritik basieren genau auf dieser Logik ...


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Reinhard Schulze
@SchulzeRein
·
@mathieuvonrohr

Gegenaufklärung war der Aufklärung immer inhärent. Was wir seit einigen Jahren erleben ist ihre Verdichtung in einem ziemlich hartnäckigen, v Medien u Interessensgruppen bedienten sozialmoralischen Milieu, was auch mit einer Radikalisierung nach Rechts verkoppelt ist.

Und wenn ich es richtig sehe, wird in diesem Milieu die Idee der „Freiheit“ zu einem radikalen gegenaufklärerischen Konzept umgemünzt. Allgemeiner ausgedrückt: Der Liberalismus droht in die Gegenaufklärung abzudriften.


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Jonathan Winkler @___jdw___
@mathieuvonrohr

Man kann die Menschen aus dem Mittelalter holen aber das Mittelalter nicht aus den Menschen…


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Dennis Kazooba @d_kazooba
·
@mathieuvonrohr

Die rechten weltweit ziehen alle in den abgrund. Sie merken, dass es in der moderne keinen platz für ihr primitives gefühlsleben gibt, dass die menschheit einen schritt weitergeht, also haben sie sich auf sabotage und destruktivität verlegt.


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Maren B. - innoviva consulting - #KLIMAvor8 @innoviva @mathieuvonrohr

wir leben also quasi in der „Obskuration“ (wäre doch ein passendes Pendant zur „Aufklärung“?), in welcher Verzerrung von Tatsachen und gezielte Falschinformation sich für Macht-getriebene (Lobby)Gruppen wieder auszahlen. wie im Mittelalter- nur krasser!


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DarthStitch@StitchDarth
@mathieuvonrohr und @kulturbolschewi

20 Jahre Globuli und die Menschen glauben jeden Scheiss bloss nichts was wissenschaftlich belegt ist....


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Johannes Kapfer ☘ Ιωάννης
@JohannesKapfer@mathieuvonrohr und @oliverdasgupta

Die Zeugen Jehovas sind auch gegen Blutspenden. Irre.


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ebbi @eb_ebbi @mathieuvonrohr

ja aber die letzten Jahre haben Sendungen wie Dschungelcamp, Bauer sucht Frau, Familien im Brennpunkt und alles, was da noch zu bieten gibt doch gezeigt, auf welchem Niveau wir uns befinden...


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Alex
@cerritus_caput @mathieuvonrohr

Naja, wer sich mit der Verschwörerszene  beschäftigt wusste schon zu Beginn der Pandemie was da kommen wird


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Antje Kuffner @GabiStapler

@mathieuvonrohr

Ich denke im Moment darüber nach, ob Verschwörungstheoretiker und Querdenker einfach nur Ersatz für Religion suchen. Offensichtlich ist die Sehnsucht nach Glauben statt Wissen immer noch genauso da, wie vor der Aufklärung. Gruselig…


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Petition NP Kalkalpen @kalkalpen
Antwort an @mathieuvonrohr

In vielen Themenfeldern hat man das Gefühl, das es eher wieder Rückschritte statt Weiterentwicklung gibt. Rollenbilder von vorvorgestern werden wieder gesellschaftsfähig. Eine Autoritäre Geisteshaltung kehrt zurück. Emphatiefähigkeit und faktenbasierter Diskurs waren einmal.


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Simon Weiß@SimonWe59594122

Antwort an @mathieuvonrohr

Doch, ich verstehe es! Es hängt am Misstrauen der Bevölker der Regierung gegenüber. Es wird keine Politik auf Augenhöhe betrieben. Die Kommunikation unserer Regierung ist unterirdisch und misstrauenderweckend. Bevormundung und Zwang ist kontraproduktiv!


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Thomas Haemmerli
@HaemmerliT

Antwort an @mathieuvonrohr

Helvetien stimmte 2009 mit rund 70% Ja dafür, dass "Komplementär Medizin" i.e. Nichtschulmedizin u meist Humbug & Hokuspokus via Krankenkassen vergütet wird. Das war schon eine softe Kapitulation vor dem Schwurblertum, das man mit Geld zu besänftigen hoffte.


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Alex Cio @alexcio_

@mathieuvonrohr

Das Problem ist doch mehr die Art wie heutzutage Aufklärung stattfindet. Wir sitzen heute alle in unseren eigens geschaffenen Blasen die das verstärken was wir glauben. Jeder für sich, während wir nie gelernt haben sie sinnvoll zu nutzen. Und jeder hat seine eigene Realität. Vielleicht ist das schon die Art Matrix, nur dass man sie als solches nicht erkennt. Es gilt viel mehr hier wieder eine Aufklärung zu starten, weil wir sonst auch die nächsten Katastrophen verbocken werden.



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hexaOrthorexia @hexaOrthorexia Antwort an @mathieuvonrohr

Es fühlt sich an wie eine zweite Frühneuzeit. Ob auch eine zweite Aufklärung kommt?


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Unlogiker @unlogiker

Antwort an @mathieuvonrohr
 und @RockYourIdea

2000 Jahre Wissenschaftsfeindlichkeit und Verblödung durch christliche Kirchen hinterlassen eben ihre deutlichen Spuren.


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