Author Topic: [Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]  (Read 178983 times)

0 Members and 2 Guests are viewing this topic.

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9693
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #375 on: August 13, 2019, 03:53:01 PM »
Quote
[...] In Paris tobt eine hart geführte Diskussion um die Rekonstruktion von Notre-Dame. Traditionalisten und Identitäre fordern die Wiederherstellung in alter Form, Modernisten wollen ihr lieber ein neues Dach aufsetzen.


Aus: "Kulturkampf um Notre-Dame" Marcus Woeller (13.08.2019)
Quelle: https://www.welt.de/kultur/architektur/plus198449309/Kulturkampf-in-Paris-Wer-den-Streit-um-Notre-Dame-gewinnt.html


Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9693
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #376 on: August 14, 2019, 03:37:47 PM »
Quote
[...] Ich liebe Fleisch, ich bin verrückt nach Fleisch, ich esse Fleisch für mein Leben gern und werde niemals darauf verzichten, auch wenn meine beiden Töchter überzeugte Vegetarierinnen glücklicherweise ohne missionarischen Eifer sind. Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehört der Duft der Lammkeulen, gespickt mit Knoblauch, Thymian und Rosmarin, die meine spanischen Tanten über dem offenen Feuer unseres Sommerhauses in Katalonien grillten. Zu meinen kulinarischen Offenbarungen gehörte mein erstes Bresse-Huhn, das ich mir als armer Student in Bourg-en-Bresse vom Mund absparte, um dann mit einem so unfassbar intensiven, so überwältigend delikaten Geschmack belohnt zu werden, wie ich ihn zuvor noch nie bei einem Huhn schmecken durfte. Und bis heute ist für mich ein Leben als Feinschmecker ohne Fleisch undenkbar, weil mein Himmeltellerreich auf Erden ein kurz gebratener Rehrücken mit Morcheln ist oder ein pochiertes Kalbsfilet im Kräutermantel oder ein Kotelett vom Ibérico-Schwein, das sein ganzes Leben frei wie der Wind in den Eichenhainen Andalusiens verbracht hat.

Genau aus diesem Grund habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich Fleisch esse: Ich kaufe niemals Billighack oder Tiefkühlbroiler beim Discounter, zu denen ich ohnehin aus Prinzip nicht gehe. Ich esse niemals den Plastik-Fast Food-Ramsch amerikanischer Imbissketten, verweigere mich allen Arten von Würsten aus Fleischabfällen, boykottiere die Massentierhaltung und finde die Industrialisierung der Viehzucht so verwerflich wie ihre Preise obszön. Ich bin kein Snob, sondern ein Gourmet. Deswegen esse ich Charolais-Rinder und Schwarzfederhühner, Lämmer von der Müritz und Schweine aus Jabugo, und ich gebe dafür mit Vergnügen viel Geld aus, für viele Menschen viel zu viel Geld. Doch das ist der Preis, den ich dafür zahle, dass die Tiere ein gutes Leben hatten und es mir mit ihrem wunderbaren Geschmack danken. Der hohe Preis ist für mich auch kein Ablasshandel, mit dem ich mein schlechtes Gewissen, den Tod eines Lebewesens verursacht zu haben, beruhigen müsste. Denn ich handele mit meinem Fleischkonsum – anders, als es viele Moralisten der Fleischfeindlichkeit behaupten – nicht wider die menschliche Natur.

Ohne Fleisch wäre der Mensch gar kein Mensch. Die These ist in der Anthropologie längst fest verankert. Die enorme Energie von Fleisch und Knochenmark hat es den Menschenaffen überhaupt erst ermöglicht, ihr Gehirn so sehr zu vergrößern und weiterzuentwickeln, dass Menschen aus ihnen werden konnten. Mit schwer verdaulicher Pflanzennahrung wäre das nie gelungen. Hätten wir unsere Ernährung vor hunderttausend Jahren nicht radikal umgestellt, säßen wir immer noch in der Höhle und kauten auf Wurzeln. Fleisch aber gab und gibt uns große, leicht zu absorbierende Mengen an Proteinen, Eisen und Vitamin B und damit den entscheidenden evolutionären Vorteil, um unser Gehirn zu versorgen, das zwar nur zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, aber zwanzig Prozent unserer Energie verbraucht.

Natürlich sind wir heute in der Lage, Fleisch zu ersetzen, ohne unsere Ernährung und Gesundheit zu gefährden, aber ich will das nicht – und ich muss es auch nicht. Denn wir müssen etwas anderes tun: Wir müssen aufhören, jeden Tag billiges Fleisch mit dem Geschmack von Styroporverpackungen in uns hineinzustopfen und uns dabei auch noch einzureden, dass dieser Unfug ein Menschenrecht sei. Wir müssen uns endlich dafür interessieren, wie die Tiere auf unserem Teller gelebt haben und gestorben sind. Wir dürfen nicht länger tolerieren, dass Fleisch wie ein anorganisches Industrieprodukt behandelt wird – von den Großmästern ebenso wie von gedankenlosen Konsumenten. Wir müssen begreifen, dass nicht das Fleisch an sich, sondern allein der Exzess seines Konsums die Regenwälder zerstört und das Klima ruiniert.

Wir müssen also verstehen, dass die Lösung des Problems, das falsche Fleisch zu essen, nicht lauten kann, überhaupt kein Fleisch mehr zu essen. Stattdessen müssen wir wieder lernen, wie gut gutes Fleisch schmeckt, wie zart und zugleich kraftvoll, wie fein und zugleich intensiv, wie unvergleichlich und unersetzlich. Fleisch ist ein ganz besonderes, vielleicht sogar das kostbarste, das köstlichste Geschenk der Natur an uns. Lasst es uns endlich schätzen, anstatt es zu verdammen! Lasst es uns genießen!


Aus: "Bekenntnisse eines Fleischessers" Ein Kommentar von Jakob Strobel y Serra, stellvertretender Leiter des Feuilletons (14.08.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wissen/klimawandel-die-auswirkung-des-hohen-fleischkonsums-16331451.html

Quote
Belügen wir (Fleischesser) uns nicht ein bisschen selbst, Herr Strobel y Serra

Horst Schmidt (Legastheniker), 14.08.2019 - 14:14

Auch ich esse sehr gerne Fleisch. Als Angehöriger einer Generation, der Fleisch als gut und gesund galt, hat es meine Essgewohnheiten nachhaltig geprägt. Ich kann viel leichter aufs Auto verzichten als auf Fisch oder Fleisch. Aber ich weiß eben auch, dass es falsch ist. Moralisch falsch! Mit jedem Steak beschädige ich die Lebensgrundlagen meiner Kinder und Enkel. Das kann so nicht weitergehen. Nur weil man etwas (straffrei) tun kann, ist es noch lange nicht richtig. Mag sein, dass ein oder zwei Fleischgerichte in der Woche gerade noch tolerabel sind. Aber da müssen wir (Fleischesser) erst mal hinkommen. Selbstbetrug ist dazu nicht dienlich.


Quote
"Discounter, zu denen ich ohnehin aus Prinzip nicht gehe"

    Artus Daniel-Hoerfeld (ArtusDanielHoerfeld), 14.08.2019 - 14:12

Zu Anfang konnte ich Jakob Strobel y Serra noch zustimmen, doch dann folgte mal wieder die Verdammung der Armen.
Muss das immer sein? Ich weiß, zwischen dem Autor und mir liegen wirtschaftlich gesehen gewiss Lichtjahre, und so mancher mag darüber hämisch grinsen, doch man stelle sich vor: Auch die da unten wollen Fleisch essen!
Und ob das "glückliche" Tier in der Blüte seines Lebens den Weg auf den Teller wirklich freudig beschritten hat, oder das Mastvieh nicht doch eher dankbar war, durch Metzgers Hand aus seinem Elend befreit zu werden, lasse ich einmal dahingestellt.
Ob das Fleisch ersterer besser schmeckt? Das mag sein, aber noch besser wird es mit Goldüberzug, wie wir erst kürzlich erfahren durften.
Der kulinarische Anspruch des Autors hat also noch Luft nach oben...


Quote

Werter H. Strobel

    Harald HEINZ (willer3), 14.08.2019 - 14:11

Ihre Meinung ist eher unerheblich für diese Welt und zeigt eher Überheblichkeit über die Dinge, wie sie sind.
Ich habe mich nach wiederholter Lektüre der Misere bei der Fleischerzeugung - damals im Stern im Juni 2017 - entschlossen, konsequent keine Schweinefleischprodukte mehr zu essen, bis Besserung eingekehrt ist. Das habe ich bis heute durchgehalten und meine Gesundheit und mein Gewicht haben schnell Fortschritt gemacht.
Wenn wir herumdiskutieren, ändert sich garnix. Wir haben Regierungen in Europa, die sich nicht um die Welt scheren - speziell in Brüssel. Der schwarze Lobbyismus bringt die Natur noch hin. Sich da in den Elfenbeinturm des Genusses zu verkriechen und zu jubilieren, ist wahrhaft schändlich.
Und zur Vergangenheit: Ich kann mich noch an den Geschmack von Koteletts aus kleinster Nebenerwerbslandwirtschaft meines Schwiegervaters in den 70ern erinnern. Dabei belassen wir es. ...

... Ich empfehle die Lektüre von ein paar gescheiten Leuten und dann hätte ich gerne die Kommentare nochmals neu: "Die Kunst kein Egoist zu sein" und "Tiere denken" von Richard David Precht - im Gegensatz zu anderen Philosophen einfach zu lesen und gut verständlich / unterhaltsam. "Das Schweinesystem" von Dr. Matthias Wolfschmidt. Beides hilft Mensch und Tier besser zu verstehen. Den Egoismus und das Verhalten des Menschen werden diese sicherlich in der Masse wenig verändern.


Quote
Wo ist die Ethik und der IPCC Bericht?

    Jan Felix Walther (JanW93), 14.08.2019 - 14:02

Sehr geehrter Herr Strobel y Serra,

sie haben in Ihrem Artikel schön beschrieben, warum sie Fleisch so lieben. Dass Ihnen Fleisch schmeckt, glaube ich Ihnen. Mehr Argumente haben Sie leider nicht genannt. Was ist mit der Ethik? Warum ist es aus Ihrer Sicht ethisch vertretbar, ein Tier zu züchten und dann – in Ihrer Welt – "human" zu töten? Ab wann ist ein Lebewesen so wenig wert, dass der Mensch es töten darf?
Jeder muss selber wissen, ob ein Geschmack Tier- und Umwelt-Leid wert ist. Dass Tiere Ihnen aber mit ihrem Geschmack danken, weil Sie sie töten ließen, ist makaberer kaum vorstellbar.


Quote
Bravo

    Andreas Bartsch (bartsan1), 14.08.2019 - 13:36

Dem Artikel stimme ich voll und ganz zu! Ich werde nie auf Fleisch verzichten und auch ich werde nie Billigfleisch in mich hineinstopfen!


...

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9693
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #377 on: August 19, 2019, 10:22:46 AM »
Quote
[...] Berlin/Zagreb – Rassistische Äußerungen, die auf der Facebook-Seite einer in Berlin tätigen kroatischen Diplomatin gepostet wurden, haben in Kroatien für Aufregung gesorgt. Wie das Nachrichtenportal "index.hr" am Freitag berichtete, stellte Elizabeta Mađarević, eine Erste Sekretärin der kroatischen Botschaft in Berlin, am 8. August Fotos von der kroatischen Adriaküste auf ihre Facebook-Seite.

Auf Englisch schrieb sie darunter: "Reines und authentisches Europa. Nur weiße Europäer, so wie es vor noch 30 Jahren in ganz Europa der Fall war. Das sollte gute Werbung für Reisen sein. Man würde denken, dass das heute nicht mehr möglich ist, aber Gott sei dank ist es das."

Das kroatische Außenministerium distanzierte sich aufs Schärfste von den Äußerungen der Diplomatin und bestellte sie zu einem Gespräch ins Ministerium in Zagreb ein.

... In einer ihrer Ausfälligkeiten beschimpfte [Mađarević] auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wegen deren Äußerung, dass der Islam zu Deutschland gehöre, bescheinigte sie ihr, dass es ihr "an eigener Kultur mangelt". ...


Aus: "Aufregung um rassistische Äußerungen kroatischer Diplomatin in Berlin" (18. August 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000107531363/aufregung-um-rassistische-aeusserungen-kroatischer-diplomatin-in-berlin

Quote
sriver

Wahrscheinlich nur eine Privatmeinung in betrunkenen Zustand


Quote
Luccci

wir echte Weiße dürfen ja wenigstens zum Alk greifen beim Feiern


-

Quote
[...] Arnstadt – Bei der Präsentation des AfD-Wahlprogramms für die anstehenden Landtagswahlen in Thüringen am 27. Oktober forderte der Parteisprecher und Landtagsfraktionsvorsitzende Björn Höcke eine "Verabschiedungskultur" für "illegale Einwanderer". ...


Aus: "Deutschland: AfD-Höcke fordert eine "Verabschiedungskultur"" (18. August 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000107528401/afd-hoecke-fordert-eine-verabschiedungskultur

Quote
Walters Sachwalter

Sieht man ja bei den Hugenotten! Die sitzen heute noch in Deutschland rum, statt wieder nach Frankreich zu gehen. So weit ist es gekommen!


Quote
Kvik_mig_op

Und die ganzen Mischrassen im Rheinland!


...

Offline Textaris(txt*bot)

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 9693
  • Subfrequenz Board Quotation Robot
[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #378 on: Yesterday at 11:46:26 AM »
Quote
[...] Cécile Calla,1977 geboren, war Korrespondentin der französischen Tageszeitung "Le Monde "und Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins "ParisBerlin". Sie hat den Blog "Medusablätter" über Frauen und Feminismus gegründet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8"

Ich habe entschieden, meine Kinder nicht zu schlagen. Die meisten Leserinnen und Leser wird diese Aussage sicherlich nicht überraschen; denn in Deutschland gibt es einen breiten Konsens, Kinder nicht zu schlagen – es ist seit dem Jahr 2000 verboten. In Frankreich, wo ich aufgewachsen bin, ist körperliche Züchtigung hingegen noch weit verbreitet: Drei Viertel der französischen Eltern betrachten die "kleine Ohrfeige", die fessée – auf Deutsch: den Klaps auf den Po – als legitime Erziehungsmethode. Sie scheuen auch in der Öffentlichkeit nicht davor zurück, sie anzuwenden, und geben es in Gesprächen ohne Scham zu. Seit dem 10. Juli ist der Klaps nun auch in Frankreich offiziell verboten. Das Gesetz hat aber nur symbolischen Charakter: Der Gesetzestext fordert, dass "die elterliche Autorität ohne körperliche und psychologische Gewalt ausgeübt wird". Väter oder Mütter, denen die Hand ausrutscht, werden allerdings nicht bestraft. Die Regierung setzt stattdessen darauf, einen Kulturwandel durch Informationskampagnen einzuleiten.

Als Kind hörte ich oft den beliebten Spruch "qui aime bien, châtie bien": Wer liebt, züchtigt gern. Ohrfeigen und Klapse von meinen Eltern waren zwar nicht alltäglich, aber sie kamen vor. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die elterlichen Schläge mich sonderlich verunsichert hätten. Ich weiß noch sehr gut, dass ich mich im Vergleich zu anderen Spielkameraden oder Cousinen, die manchmal eine ordentliche Tracht Prügel bekamen, glücklich schätzte. Die Nachbarskinder, mit denen ich jeden Tag spielte, hatten zu Hause einen martinet – eine kleine Peitsche aus Lederriemen, die man früher in allen Drogerien Frankreichs kaufen konnte. Den martinet kannten damals fast alle Kinder; er gehörte bis in die Achtzigerjahre bei vielen französischen Familien zum festen Haushaltsinventar, auch wenn er meist nur als Drohung eingesetzt wurde. Im Jahr 1984, ich war damals sechs Jahre alt, hat der Gesetzgeber seinen Einsatz als ungesetzlich erklärt. Einige Familien kauften ihn jedoch weiterhin und verwendeten ihn, wenn der liebe Nachwuchs aus ihrer Sicht übertrieb.

Aus meiner kindlichen Perspektive viel schockierender waren die Schläge in der Schule oder in den Vorschulen. Sie waren zwar eigentlich nicht gestattet. Körperliche Züchtigung in Grundschulen wurde erstmals in einer Schulverordnung von 1795, und nochmals 1887, kurz nach der Gründung der kostenlosen und laizistischen öffentlichen Schule, formell verboten. In der Praxis konnten jedoch viele Lehrer ihr droit de correction, ihr Züchtigungsrecht, bis Ende der Achtzigerjahre ziemlich ungestört ausüben. Erst 1991 verbot eine Richtlinie des Kultusministeriums ausdrücklich jegliche Strafe in den Vorschulen und jede Form körperlicher Züchtigung in den Grundschulen – und selbst danach gab es laut einem Bericht aus dem Jahr 2004 noch 81 registrierte Fälle körperlicher Züchtigung.

Meine Schwester und ich wurden nach heutigen Gesichtspunkten jedenfalls – wie nicht wenige französische Kinder – noch in den Achtzigerjahren von Lehrern psychisch und körperlich misshandelt. Die Bestrafungen nahmen alle möglichen Formen an: von Demütigungen bis hin zum Klaps auf den Po, von Ohrziehen bis hin zu Ohrfeigen. Wir Kinder erzählten unseren Eltern diese Vorgänge nicht. Einerseits, weil wir weiteren Ärger befürchteten, und andererseits, weil wir sie irgendwie als normal ansahen. Ich weiß allerdings noch, dass ich in der ersten Klasse einen wiederkehrenden Alptraum mit schwarz-weißen Bleistiften hatte, die ein Rennen in einer Art Stadion liefen. Ich war wohl einer dieser Stifte und verlor das Rennen ständig, was mich in tiefe Verzweiflung stürzte. Das war der Moment, in dem ich schweißnass und in Tränen aufwachte.   

Inzwischen ist solches Verhalten in der Schule Vergangenheit. Aber die Kultur der Gewalt ist – wie die Diskussionen um ein Verbot der erzieherischen Gewalt in Familien belegen – längst nicht verschwunden. Weil Frankreich sich viele Jahre lang dagegen sträubte, den Eltern körperliche Züchtigung per Gesetz zu verbieten, wurde es regelmäßig vom Europarat gerügt. Trotzdem trauten sich die verschiedenen Regierungen nicht, das Thema voranzubringen. Sprach man Franzosen darauf an, erntete man meist nur Spott.

Als im Jahr 2016 eine Abgeordnete den Gesetzentwurf für ein Verbot auf den Weg brachte, dauerte es mehr als zwei Jahre, bis er von den beiden Parlamentskammern verabschiedet wurde. Das Thema spaltete die Gesellschaft. Die Gegner erklärten, dass ein Klaps auf den Po noch niemanden getötet habe und dass uns im Falle eines Verbots eine Gesellschaft von kleinen Tyrannen erwarte. Die meisten Franzosen sprachen sich gegen ein Verbot aus – 2015 etwa waren 70 Prozent der Befragten dagegen.

Die Befürworter eines Verbots sahen darin eine demokratische Notwendigkeit. Aus ihrer Sicht ermöglicht ein solches Verbot, die Wurzeln der Gewalt in der Gesellschaft zu bekämpfen. Viele Studien belegen, dass in der Kindheit erfahrene Gewalt oft im Erwachsenenalter reproduziert wird. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster behauptet sogar eine Korrelation zwischen körperlicher Züchtigung bei Kindern und rechtsextremer Gesinnung. In seinem vor Kurzem erschienenen Buch Erziehung prägt Gesinnung widmet er der strengen französischen Erziehung eine lange Passage und erinnert daran, wie stark die Rechten, insbesondere Marine Le Pens Partei Rassemblement National in Frankreich sind. Dass die rechtsextreme Gesinnung seit Jahren an Einfluss gewonnen hat, ist unbestreitbar. Dass dies hauptsächlich mit einem "homogenen, strengen" Umgang mit Kindern, mit dem Klaps auf den Po und der kürzeren Stillzeit, zusammenhängt, bezweifle ich. Denn ein Erstarken des Rechtspopulismus erleben wir auch in Deutschland und in anderen Ländern.

Allerdings stimme ich Herbert Renz-Polster in einem Punkt zu: Es gibt diesen Konsens über strenge Erziehung und französische Kinder stehen, gerade im Vergleich zu deutschen Kindern, oft unter hohem Druck. Meistens – und weit häufiger als in Deutschland – arbeiten beide Eltern in Vollzeit. Viele kämpfen auch mit Arbeitslosigkeit oder unsicheren Arbeitsverhältnissen. Die Bindungsforschung konnte sich nie wirklich etablieren, die Schule ist durch den Zentralstaat sehr normiert und alternative Bildungskonzepte sind weit weniger verbreitet.

Dass elterliche Schläge so spät erst gesetzlich verboten wurden, zeigt auch, wie lange diese alltägliche Gewalt banalisiert, schöngeredet oder einfach ignoriert wurde. Bis heute spricht übrigens die Gesetzgebung von "autorité parentale", deutsch: "elterlicher Autorität", während man in Deutschland seit 1980 von "elterlicher Sorge" spricht. 

Recht ähnlich verlief es auch im Umgang mit sexuellen Übergriffen. Sexismus und sexuelle Belästigung wurden lange als Kollateralschaden der "französischen Verführungskultur" kleingeredet. Die #MeToo-Welle wirkte in Frankreich wie die Offenbarung eines Familiengeheimnisses: Der Clan spaltete sich. Die einen – das war der Brief der 100 Französinnen um Catherine Deneuve – verteidigten die Tradition der Galanterie, die anderen forderten einen anderen Umgang zwischen den Geschlechtern. Plötzlich erschienen auch Themen wie sexuelle Belästigung auf der Straße oder Gewalt im Kreißsaal, die eher Gleichgültigkeit hervorgerufen hatten, auf dem vordersten Platz in den Medien. Auch alltägliche Gewalt am Arbeitsplatz gewinnt zunehmend an Aufmerksamkeit. Im europäischen Vergleich gehört Frankreich zu den Ländern, in denen häufiger Erfahrungen körperlicher Gewalt gemacht werden.

Wie Politik und Gesellschaft den Körper und die Psyche eines Menschen brechen können, beschreibt Edouard Louis in seinem jüngsten Buch Wer hat meinen Vater umgebracht. Er zeigt ein Kontinuum zwischen der politischen Gewalt und der alltäglichen Gewalt im Privaten auf. Diese Erzählung kann sich auch im Nachhinein wie ein Vorzeichen der Gelbwestenproteste lesen: Die Gewalt, die – auf beiden Seiten übrigens – bei diesen Protesten zum Vorschein trat, schockierte nicht nur Deutschland, sondern auch Frankreich. Dort hat jeder die Bilder der Verwüstung des Arc de Triomphe durch die Gelbwesten im vergangenen Dezember in Erinnerung. Aber inzwischen wird eben auch Polizeigewalt in Frankreich zunehmend thematisiert. 

Autorität ist allerdings auf der anderen Seite des Rheins grundsätzlich sehr en vogue. Umfragen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Franzosen, zuletzt 41 Prozent in einer Befragung von Oktober 2018, sich ein autoritäres Regime wünschen, um den "Niedergang abzuwenden" und "das Land tiefgreifend zu reformieren". Die Verfassung der IV. Republik, die bis 1958 galt und dem Staatspräsidenten eine eher repräsentative Funktion zuschrieb, hat bis heute einen sehr schlechten Ruf in Frankreich. Die Regierung galt und gilt als führungsschwach und instabil. Im Vergleich dazu wird das Machtsystem der V. Republik von der Mehrheit der Bevölkerung – selbst von den Gelbwesten – nicht infrage gestellt und Emmanuel Macron weiß sich seine umfangreichen Machtbefugnisse zunutze zu machen.

Ich selbst brauchte eine gewisse Zeit, um mich von dieser autoritären Kultur zu distanzieren. Erst der Umzug nach Deutschland und die Auseinandersetzung mit der hiesigen Streitkultur brachte mich zum Umdenken. Zwar empfand ich – und empfinde manchmal noch heute – viele Menschen hierzulande als allzu kontrolliert und korrekt und deren Kinder oft als wild, tyrannisch und schlecht erzogen. Mich ärgert es, wenn so getan wird, als ob Gewalt gar nicht zu unserer menschlichen Existenz dazugehöre. Gleichzeitig begriff ich, dass die französische Familienidylle mit Supermüttern und höflichen Kindern, die so viele Autoren loben, oft mit Druck und einer Portion Gewalt einhergeht. Also entschied ich mich, es ein bisschen anders zu machen und auf körperliche Züchtigung bei meinen Kindern zu verzichten. Ich schreibe bewusst "ein bisschen anders"; denn ich bin sicherlich strenger als viele deutsche Eltern und empfinde nach wie vor wenig Scham, meine Kinder anzubrüllen. Ganz aus meiner französischen Haut kann ich wohl nicht heraus.


Aus: "Gewalt in der Erziehung: Klaps auf den Po?" Cécile Calla (21. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-08/gewalt-erziehung-fessee-autoritaet-kinder-frankreich/komplettansicht

Quote
Aufs Ergebnis kommts an #2

Ein Mittelweg ist hier angemessen.


Quote
Grundgesetz-Gutmensch #2.1

Eine halbe Ohrfeige??


Quote
Linksrechtsobenunten #2.2

Ein Mittelweg zwischen "dem Kind eine geordnete Umgebung durch klare Regeln schaffen" und "dabei trotzdem eine möglichst freie Entfaltung gewährleisten"?

Gerne.

Bei physischer Gewalt darf es keinen s.g. Mittelweg geben. Da bin Ich radikal dagegen. Im Artikel werden die -auch aus meiner Sicht- weit überzeugerenden Argumente dagegen genannt. Mal ganz abgesehen davon, dass ich den Gedanken (m)ein Kind zu schlagen, genauso selbstverständlich "extrem verstörend" finde, wie wohl manche Franzosen und Französinnen es als "normale Erziehungsmethode" sehen.

Psychische Gewalt ebensowenig, auch wenn ich da natürlich verstehe, dass es da in den verschiedenen Ansichten verschobene Grauzonen zu einer "einfach" stregeren Erziehung gibt.


Quote
Robert Nozick #2.5

Das Problem ist, das die geordnete Umgebung und die Durchsetzung klarer Regeln ohne körperliche Gewalt offenbar für sehr viele Erziehungsberechtigte ein großes Problem ist.

Viele kapitulieren und produzieren eine Generation völlig grenzenloser Egoisten, denen in der KITA elemetarste Regeln des Miteinanders nicht mehr beizubringen sind, wenn in den übrigen 16 -20 Stunden des Tages alles anders gelehrt wird. Meine Lebensgefährtin ist Erzieherin.

Auch wenn ich selbst nie schlagen würde, weiss ich manchmal nicht, ob mir die Zeiten, in denen diese überforderten Eltern sich wenigstens noch per Watschn durchsetzen konnten und in ihnen nichnt gesellschaftlich suggeriert wurden, sie müssten ihren kleinen Prinzen auf Händen tragen, lieber waren.


Quote
Hühnerhabicht78 #2.11

Körperliche Gewalt gegenüber Kindern aus Wut auf Fehlverhalten ist unverzeihlich. Einen Klaps in bestimmten Situationen, als Mittel der Erziehung, ohne Wut und anschließendem Liebesentzug, halte ich dagegen für gerechtfertigt in bestimmten Situationen.
Ich gebe Ihnen sogar noch ein Beispiel:
Unsere 20 Monate alte Tochter wollte dem 3 Monate alten Nachbarsjungen ihre Kuchengabel ins Auge stechen. Wahrscheinlich um zu sehen, was passiert, wer weiß das schon. Konnte gerade noch eingreifen. Dafür gab es auf die Finger und eine beherzte Ansprache. Eine Woche später hat sie es erneut versucht, gleiche Reaktion meinerseits.
Danach hat sie es verstanden und nie mehr versucht.
Also los verurteilen Sie mich in Gutmenschen-Manier.


Quote
Grundgesetz-Gutmensch #2.19

Sie werden es nicht glauben, aber die meisten Eltern schaffen es ohne Gewalt Kinder großzuziehen, auf die man stolz sein und die man Liebhaben kann ohne sich für sie schämen oder rechtfertigen zu müssen. [ ... Es geht um das Prinzip: Gewalt ist Gewalt, und Gewalt als Mittel der Erziehung ist ein Zeichen von Schwäche, Grobschlächtigkeit und erzieherischer Armut. Es geht immer anders. Immer.]


Quote
Hühnerhabicht78 #2.30

Obwohl ich anerkenne, dass Ihre Antwort wesentlich differenzierter ist, als die manch anderer Kommentatoren, bin ich anderer Meinung.

Wenn Sie jedoch wissenschaftliche Erkenntnisse verlinken können, die Ihre These stützen, werde ich das unvoreingenommen lesen.

Aus eigener Erfahrung, muss ich sagen, dass wütendes Rumgeschreie durch die Mutter, mir als kleinen Jungen eher in Erinnerung geblieben ist, als ein Klaps vom Vater, der sowieso eine absolute Ausnahme, reserviert für außergewöhnliche Frechheiten meinerseits, war. ...


Quote
Friedlicher Kampfradler #2.32

Interessant, ich habe ähnliche Situationen meistern können, ohne meine Kinder dabei dann körperlich zu misshandeln. Und ich musste dies dann auch nicht immer und immer wiederholen. Wenn das Kind sich nämlich auf die Ansprache konzentrieren kann, ohne dabei von den Schmerzen der elterlichen Brutalität abgelenkt zu werden, sitzt es einfach leichter.

Wie häufig haben Sie Ihre Kleinkinder bislang insgesamt unterm Strich prügeln müssen?


Quote
In die Hutze integrierter Holm #2.34

Ich kenne Einzelmeinungen von Leuten die grob gesagt in der Neurologie forschen und arbeiten und die sind offenbar radikaler als alle Antworten hier im Forum. Bereits das Anschreien, ja die Stimme aggressiv zu erheben sei bereits einer gesunden Hirnentwicklung abträglich. Überhaupt sei das Anschreien in seiner Auswirkung nicht von Schlägen zu unterscheiden.

Unter dieser Annahme kann das wütende Geschrei Ihrer Mutter in der Summe wirklich schlimmer gewesen sein als die seltenen Schläge Ihres Vaters, für die Sie immerhin eine Erklärung gefunden haben.
Einlesen müssen Sie sich aber selbst, ich bin nicht qualifiziert und es ist wohl auch sinnlos jetzt einzelne Studien rauszusuchen.
Das werde ich im nächsten Sabbatical nachholen.


Quote
Hühnerhabicht78 #2.38

Natürlich, ich bin Arbeitnehmer und gehe gleich arbeiten unterwürfig arbeiten, um auch weiterhin die Steuern zu zahlen, die der Staat heute so für seine gesellschaftlichen Experimente benötigt.
Sie dagegen sind vermutlich Mitglied der linksalternativlosen Szene und bereiten gerade im Stillen die Revolution vor.
Um ihre Versorgung brauchen Sie sich derweil nicht zu sorgen, dass übernehmen Ihre wohlmeinenden Eltern für Ihren Junior doch gerne :)

Und das alles nur weil ich als Kind ab und zu mal angeschnauzt wurde, wenn ich mal wieder Rebellion geübt habe...
Deutschland könnte so schön sein, mit 80 Millionen selbstverwirklichten Guevaras. Da muss ich mich jetzt wirklich bei meinen Eltern beschweren, wenn ich die das nächste mal sehe.



Neurologen, die anhand von Hirnuntersuchungen verhaltenspsychologische Zusammenhänge erklären wollen und dabei Dogmen formulieren, laufen Gefahr ungewollt einem Druiden, der aus Vogelinnereien liest, zu ähneln.

Unter den Verhaltenspsychologen selbst gibt es nämlich auch jene, die davon ausgehen, dass ein Kind dadurch massive Fehlentwicklungen erleiden kann, wenn die Eltern immer beherrscht und frei von negativen Emotionen erziehen. Es hat dann keine Chance Empathie zu entwickeln (bis hin zu soziopathischen Zügen) und ist völlig überfordert, wenn später in Schule und Gesellschaft auf einmal deutlich negative Reaktionen auf das eigene Verhalten erfolgen.

Als Laie müssen Sie dann entscheiden, wie Sie ihr Kind erziehen. Nicht immer so einfach, wie es dem ein oder anderen hier scheint.

Vermutlich haben Sie es noch nie geschafft, Ihre ideologische, rosarote Brille kurz abzulegen, um die Welt in allen ihren Facetten und Zwischentönen wahrzunehmen.
Vielleicht klappt das ja noch zu einem späteren Zeitpunkt


Quote
Kapaster d.J. #4

Ich bin in der DDR aufgewachsen und ich war einer der wenigen männlichen Kinder in meinem Umkreis, der nicht von häuslicher Gewalt betroffen war.
Lehrer durften nicht schlagen, aber in den Familien wurde teils hemmungslos geprügelt. Für mich steht der Zusammenhang zwischen autoritärer Weltanschauung und Gewalt ausser Zweifel.


Quote
Alemannischschwäbisch #4.4

Psychische Gewalt war dort Staatsräson
Wie auch im 3. Reich.
Sollten ja alle Staatstreue Kommunisten werden.


Quote
Er_ist_wieder_da. #4.12

Antiautoritäre Eltern haben oft Gewalt erlebt und dadurch ist Aggression oft Tabu und verdrängt. Das geht dann Richtung Gutmensch und irgendwann entwickeln die Kinder Probleme weil sie nicht mit den eigenen Wutgefühlen umgehen können.

Oder passiv aggressive Menschen treiben ihr Umfeld in die Wut. Gesellschaftlich wäre das dann Gutmensch vs. Wutbürger.


Quote
Sichersucher #2.45

... Was ich bedrückend finde, ist die Ansicht, jemand könnte Schläge oder andere Gewaltformen verdient haben. Dass wir brüllen oder schlagen, wenn wir hilflos sind, wird wohl (noch lange) so bleiben. Aber es richtig zu finden... Wann ist Gewalt gegen Schwächere uns Abhängige logisch (ohne Wut) oder gesellschaftlich wünschenswert? Wie kann es richtig sein, jemanden anders so zu bahandeln, wie man selbst nicht möchte - und er auch nicht? Übrigens führt dieser Ansatz (auch meine Erfahrung) zu einem Gegenteil von Rücksichtslosigkeit oder Gewalt, weil die Frage gelernt wird, wie sich der andere fühlt. Ich sehe eher das Problem, dass diese empatischen Kinder dann von Kindern, die Gewalt als normal empfinden, als schwach wahrgenommen werden. Da hängt wieder ein ganzer Rattenschwanz dran, aber der offensichtliche Hebel scheint mir, dass aus Gewalt gegen Schwächere verzichtet und als feige betrachtet wird. Wer schlägt heute in Deutschland schon seine Frau/seinen Mann und spricht offen darüber und bezeichnet das als richtig? Und nach oben? Schon mal den Chef/die Chefin geschlagen und erwartet, dass sich daraufhin die Arbeit wünschenswert entwickelt? Nein? Sicher, dass noch nie ein Chef einen anderen so zur Weißglut getrieben hat, wie ein Kind? Ich glaube, wir haben gelernt, entlang des Machtgefälles Gewalt als normal zu empfinden.


...