Author Topic: [Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]  (Read 195500 times)

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #350 on: November 27, 2018, 11:28:51 vorm. »
Quote
[...] Seyran Ates (55) ist in Istanbul geboren und lebt seit 1969 in Deutschland. Sie ist Autorin, Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin. 2017 hat sie die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin gegründet und ist dafür mit dem Marion-Dönhoff-Preis ausgezeichnet worden. 1984 erschoss ein Mann, der Mitglied der Grauen Wölfe war, eine ihrer Klientinnen und verletzte Ates lebensgefährlich. Am 13. November war sie Hauptrednerin beim FPÖ-Vortragsabend "Der politische Islam und seine Gefahren für Europa". Kurz darauf war sie Gast bei der Konferenz über "Europäische Werte, Herrschaft des Rechts und Sicherheit" vom FPÖ geführten Innenministerium.


...

STANDARD: Für diese Kritik an konservativen Muslimen werden Sie aus einem linken Spektrum und von Feministinnen kritisiert. Was antworten Sie darauf?

Ates: Linken und vor allem Feministinnen attestiere ich, dass sie ihren politischen Verstand abgegeben haben, wenn es um den Islam und die Integration von Migranten geht. Die Gleichberechtigung der Geschlechter, LGBTQ, also die Anerkennung aller legalen sexuellen Orientierungen, und Religionsfreiheit sind die drei Themen, um die ich mich kümmere. Bei diesen Themen kämpfen Feministinnen gegen alle reaktionären Kräfte innerhalb ihres Lagers – also gegen die Rechten, Konservativen oder die katholische Kirche. Da sind sie gnadenlos konsequent. Aber sobald es um diese Themen im Lager der Muslime geht, arbeiten sie mit Organisationen zusammen, die nicht bereit sind, diese Themen anzusprechen. Die Feministinnen fallen uns liberalen und progressiven Muslimen in den Rücken, wenn es um die Gleichberechtigung der Frauen und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung geht.

... STANDARD: Haben durch das Nichteinfordern der eigenen demokratischen Werte die fundamentalistischen Muslime so einen Aufschwung erfahren?

Ates: Die fundamentalistischen Strömungen sind vom Ausland finanziert. Während wir hier Diskussionen führen, ob das Kopftuch fremd- oder selbstbestimmt ist, agieren die Radikalen im Hintergrund und haben unzählige Bildungseinrichtungen eingerichtet, sodass sogar schon Kindergartenkinder von Kopftüchern betroffen sind. Das ist absurd und hat nichts mit dem Islam zu tun. In keiner Auslegung finden Sie eine Berechtigung für ein Kinderkopftuch. Der fundamentalistische Islam, der hier eingeführt wird über die Muslimbrüder, die Türkei oder Staaten der Arabischen Halbinsel, der ist so unübersehbar. Wir laufen wie Schnecken hinterher und sagen: "Entschuldige bitte, darf ich das kritisieren, dass bei euch Frauen und Männer in der Moschee getrennt sein müssen?"

STANDARD: Sie werden von Personenschützern begleitet. Mit welchen Anfeindungen aus welchem politischen Spektrum haben Sie zu kämpfen? Ates: Ich kämpfe gegen die konservativen Muslime, die keine andere Art der Religionsausübung akzeptieren als die eigene. Und vor allem gegen das Patriarchat. Es ist nicht so, dass mir der "Islamische Staat" oder die Boko Haram gedroht hätten. Die Beschimpfungen oder Presseerklärungen kommen von einfachen Leuten aus den sozialen Medien oder auch aus dem Iran, etwa über das Islamische Zentrum Hamburg, aus der Türkei oder von den Muslimbrüdern. Personenschutz bekomme ich, weil ich mich für Frauen- und Menschenrechte einsetze. Manche reagieren darauf so aggressiv, dass sie bereit wären, mich dafür zu töten.



Aus: "Seyran Ates: "Es gibt ein Versagen der Toleranz bei der Integration"" Stefanie Ruep (27.11.2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000092357552/Seyran-Ates-Es-gibt-ein-Versagen-der-Toleranz-bei-der


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #351 on: November 27, 2018, 12:52:26 nachm. »
Quote
[...] Die Zahl der Opfer sogenannter Partnerschaftsgewalt oder häuslicher Gewalt stieg zwischen 2013 und 2017 von mehr als 121.000 auf knapp 140.000 Fälle. Besonders schockierend: An jedem zweiten bis dritten Tag wurde im vergangenen Jahr eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. "Das Problem ist aber definitiv größer als die Zahlen das wiederspiegeln", sagt Dominic Schreiner im DW-Gespräch. Nach Angaben des Pressesprechers der Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer Weißer Ring sind Frauen von häuslicher Gewalt generell mehr bedroht als durch andere Gewaltdelikte wie allgemeine Körperverletzung oder Raub.

Dabei gibt es nach Behörden-Angaben eine hohe Dunkelziffer. Viele Taten kommen gar nicht erst ans Licht. "Maximal 20 Prozent der Betroffenen holen sich überhaupt Hilfe, so dass von weitaus mehr Opfern auszugehen ist", erläutert Schreiner. Die Justizministerin und ehemalige Familien- und Frauenministerin Katarina Barley erklärte im Ersten Deutschen Fernsehen, dies läge daran, dass Gewalt gegen Frauen immer noch sehr Scham besetzt sei, "dass den Frauen oft eingeredet wird, sie seien selbst schuld an diesem Zustand."...

... Wenn Frauen Gewalt erfahren, können Sie sich an Organisationen wie den Weißen Ring oder das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben wenden. Das Hilfetelefon bietet ihnen eine erste Unterstützung: rund um die Uhr, anonym, in 17 Sprachen. Die Anruferinnen kommen aus allen Bildungs- und Einkommensschichten, Nationalitäten und Religionen. "Uns erreichen Frauen jeden Alters, uns kontaktieren Frauen mit und ohne Migrationshintergrund", sagt Petra Söchting, die Leiterin der telefonischen Hilfe. "Es bildet sich genau das Phänomen ab, was wir auch überall anders sehen: Gewalt gegen Frauen kann jede Frau betreffen."

Allein im letzten Jahr verzeichnete ihre Organisation 38.000 Beratungs-Anfragen. In 60 Prozent der Anrufe ging es um häusliche Gewalt. Darunter gebe es immer wieder Fälle, "die auch für die Beraterinnen besonders sind. Die ihnen noch länger nachgehen." Seit Jahren nehmen die Anrufe zu. Söchting begründet das im Gespräch mit der Deutschen Welle mit der wachsenden Bekanntheit ihrer Organisation und Kampagnen wie der Me-Too-Debatte, die geholfen hätten, "das Thema Gewalt gegen Frauen in die Öffentlichkeit zu bringen und es zu enttabuisieren." Solche Kampagnen zeigten, wie alltäglich Gewalt gegen Frauen sei. "Ich denke, dass es Betroffenen dadurch leichter fällt, sich zu melden."

Einig sind sich die Experten weitgehend, dass man zum Schutz von Frauen noch an einigen Stellschrauben drehen kann. Immerhin seien aber in den letzten Jahren einige Verbesserungen im Strafrecht erreicht worden, erklärte Justizministerin Barley. "Man kann sich kaum noch vorstellen: Bis vor gut 20 Jahren war Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar. Wir haben jetzt den Grundsatz 'Nein heißt Nein' eingeführt beim Sexualstrafrecht." Allerdings dürfe man es Frauen im Verfahren nicht so schwer machen. "Wir wissen, dass viele Frauen nicht anzeigen, weil sie so oft aussagen müssen." Dies sei ein quälender Prozess. Barleys Vorschlag: Eine einmalige Videovernehmung, die man immer wieder verwerten kann.

Als eine weitere zentrale Stellschraube gelten die in Deutschland tradierten Geschlechterrollen. "Dieses hohe Ausmaß von Gewalt gegen Frauen, das wir hier zu verzeichnen haben, ist ein Ausdruck davon, dass es nach wie vor eine Ungleichheit zwischen Männern und Frauen gibt", sagt Petra Söchting. Man habe es bisher nicht geschafft, dass Frauen gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Belangen Teil hätten.

Dominic Schreiner von der Hilfsorganisation Weißer Ring spricht sogar von einer gesellschaftlichen Prägung, "die dem Mann nach wie vor eine Art Herrscherrolle in den eigenen vier Wänden zuschreibt." Dies begünstige die Gefahr, dass er seine Macht unter Umständen mit Gewalt ausübe. Also Deutschland ein Macholand? Schreiners entlarvende Bewertung: "Vielleicht ist Deutschland überhaut nicht so modern was Rollenverständnis und tradierte Rollenklischees betrifft."


Aus: "Gewalt gegen Frauen: Zuhause droht die Gefahr" Autor Ralf Bosen (25.11.2018)
Quelle: https://www.dw.com/de/gewalt-gegen-frauen-zuhause-droht-die-gefahr/a-46408768

-

Quote
[....]  Gerade hat die Familienministerin die Zahlen häuslicher Gewalt als "schockierend" bezeichnet: Fast 140.000 Opfer sind im vergangenen Jahr von der Polizei registriert geworden, 82 Prozent davon Frauen. 147 von ihnen haben nicht überlebt - im Schnitt alle zweieinhalb Tage stirbt eine Frau durch einen gewalttätigen Ehemann, Lebensgefährten oder Ex-Partner.

Die Dunkelziffer betroffener Frauen ist hoch: Jede vierte erlebt mindestens einmal im Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt durch den Partner - das hat eine Studie im Auftrag des Familienministeriums schon 2004 belegt. Ebenso wie die Tatsache, dass häusliche Gewalt in allen Schichten, Alters- und Bevölkerungsgruppen vorkommt. Ja, die jüngsten Zahlen sind schockierend - aber kein bisschen neu.

... Und, ja, in die Frauenhäuser flüchten überdurchschnittlich viele Betroffene mit Migrationshintergrund. Warum? Unter anderem, weil sie weniger Einkommen haben und weniger unterstützende Netzwerke.

Und, ja, Frauen mit Migrationshintergrund erleiden öfter Partnergewalt - statt jede vierte ist es rund jede dritte Frau. Auch das belegt die Studie des Familienministeriums. Liegt es an der ethnischen Herkunft, gar am Islam? Vergewaltigt ein Mann aus Aachen eine Frau, weil er ein Arschloch ist - ein Mann aus Aleppo aber, weil er Muslim ist?

... Männer teilen Tritte, Schläge, Demütigungen eher aus, wenn sie arbeitslos sind, wenn das Geld vorne und hinten nicht reicht, wenn die Wohnung klein ist und die Zukunftsaussichten mäßig sind. Unter solchen Bedingungen leben Einwanderer öfter als die Durchschnittsbevölkerung. Das entschuldigt die Täter nicht - niemals! Aber es erklärt, dass die Gründe keine kulturellen sind. Fakt ist: Patriarchale Gewalt gibt es überall - und bei gleichen Lebensbedingungen kommt sie etwa gleich oft vor.

... Und die "Ehrenmorde"? Sind schwerwiegende Verbrechen. Aber extrem selten, wie eine Studie des Max-Planck-Instituts zeigt: Sie verzeichnet pro Jahr etwa zwölf solche Tötungen, die aus Gründen der "Ehre" oder schlicht aus Eifersucht oder Rache begangen werden - von insgesamt 700 Tötungsdelikten pro Jahr in Deutschland.

Fakten, die unsere Medien ignorieren: Denn wenn ein Türke in Deutschland seine Frau umbringt, heißt die fette Schlagzeile "Ehrenmord". Ist der Täter Deutscher, gibt es (wenn überhaupt) eine kleine Meldung unter der Überschrift "Familiendrama". Statt beides zu nennen, was es ist: häusliche Gewalt. Männergewalt gegen Frauen.

Aber es ist ja so viel bequemer, die Täter als "die anderen" zu definieren, die nicht "zu uns" gehören - statt uns einzugestehen, dass der Gewalttäter auch der nette deutsche Nachbar sein kann, "einer von uns".

...


Aus: "Kommentar: Keine Frage der Kultur" Beate Hinrichs (25.11.2018)
Quelle: https://www.dw.com/de/kommentar-gewalt-gegen-frauen-keine-frage-der-kultur/a-46418952

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #352 on: Januar 04, 2019, 01:53:13 nachm. »
Quote
[...] Die deutsche Kolonialgeschichte muss heute auch als Fantasiegeschichte des Kolonialen beschrieben werden. Warum? Das Wissen der Kolonisatoren war aus einem Mix an Überlieferungen und neuen Erkenntnissen zusammengesetzt. Sie besaßen ein Eigenleben und spielten bei der Konfrontation zwischen „Eigenem“ und „Fremdem“ jeweils eine entscheidende Rolle. Denn Vorwissen, das von vornherein kulturell und emotional hoch codiert war – etwa die Vorstellungen von „edlen Wilden“ oder spiegelbildlich von „gefährlichen Kannibalen“ –, wurde mit den vermeintlichen Realitäten in den Kolonien fortlaufend abgeglichen. Dabei wurden tatsächliche oder „gefühlte“ Abweichungen in neue Bilder übersetzt.

Deutschland erlebte zwischen den 1880er-Jahren und dem Ersten Weltkrieg eine Phase aktiver Kolonialpolitik. Sie war länger, als man gemeinhin glaubt, jedoch kürzer als die vieler kolonialer Konkurrenznationen. Als „Weltaneignung“ hat die Kolonialisierung jedoch eine lange vor- und außerstaatliche Geschichte. Sie reicht von der Sammlung von Wissen über die Erforschung, die Benennung und die Kartierung bis zu dem, was man mit „Erschließung“ umschrieben hat, also die überwiegend ökonomische Nutzbarmachung fremder Gebiete.

 Der Wettlauf um die Erforschung der letzten weißen Flecken auf den Landkarten war im 19. Jahrhundert mit dem Ehrgeiz einer Totalerfassung der „Welt“ verknüpft. Dieser Begriff wurde insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für viele Deutsche zu einem zentralen Referenzpunkt. Die imperialistisch Imprägnierten wollten deutsche „Weltpolitik“ betreiben und musterten infolgedessen alles auf einer globalen Ebene ab, um für Deutschland einen „Platz an der Sonne“ zu fordern.

Politisch relevant wurde dies erst, als sich das Wissen mit konkreten Handels- und Machtinteressen verband und die koloniale Agitation über Vereine und Organisationen begann, bestimmenden Einfluss auf die Politik des jungen Deutschen Kaiserreiches zu nehmen. Hieraus entwickelte sich eine „imperialistische Imagination“, die nicht immer mit Fantasien der Unterwerfung einhergehen musste, sondern ein breites Spektrum an Antrieben und Motivationen umfasste: originäre Neugier gegenüber dem Unbekannten, eine Faszination für das Neue und das „Exotische“, bisweilen auch für das Erotische. Einige der von Fernweh Geplagten sprachen sogar von einer „Tropensehnsucht“.

Zur imperialistischen Grundüberzeugung gehörte es aber auch, zwischen höher- und minderwertigen, stärker oder weniger entwickelten, fortschrittlichen und rückschrittlichen Völkern zu unterscheiden. Das dichotomische Denken des christlichen Abendlandes prägte den Denkstil des modernen Imperialismus grundlegend, nur dass sich der Missionsgedanke im Laufe der Zeit immer stärker von der christlichen Bekehrung ablöste und auf die „Segnungen“ der westlichen Zivilisation übertrug.

 Diejenigen Forscher, die im 19. Jahrhundert unter großer Anteilnahme einer weltweiten Öffentlichkeit Erkundungen ins Landesinnere Afrikas oder Asiens vornahmen, hatten ihrerseits nicht von vornherein zu einem rationalen Verständnis von Land und Leuten beigetragen. Vielmehr waren auch sie Irrtümern und Wahrnehmungsverzerrungen ausgesetzt, weil sie nicht selten „im Tropenfieber“ reisten und oft auf eine unkontrollierte Weise berichten konnten, die eher den medialen Sensationsgelüsten entgegenkam als einer nüchternen Erkenntnis.

Aus solchen Fantasieräumen in der Ferne entstanden nach und nach populärkulturelle Geschäftsmodelle. Namentlich die Völkerschauen haben hierauf aufgesattelt und die Schaulust eines Publikums befriedigt, das durch Hörensagen neugierig geworden war. Alle populären Bildmedien haben hieran angeknüpft und über exotisierende Darstellungen ein Interesse hervorgerufen, das sich oft oberflächlich als ein dokumentarisches darstellte, meist aber die immer gleichen Stereotypen aufrief. Diese koloniale Bilderwelt war weit über das Ende der deutschen Kolonialzeit, ja sogar weit über 1945 hinaus wirksam.

 Es erscheint paradox, aber mit großer Wahrscheinlichkeit hat Deutschland die größte Zahl an Kolonialbegeisterten in genau dem Moment besessen, in dem das offizielle Ende der deutschen Herrschaft über „seine“ Kolonien besiegelt wurde. 1919 war jedenfalls eine große Empörung gegen diejenigen Bestimmungen des Versailler Vertrags zu mobilisieren, welche die vormals von Deutschen beherrschten Regionen in Übersee betrafen.

Dies führte zu einer Art von „Phantomschmerz“, vorhandene koloniale Fantasien wurden weiter geschürt, der „koloniale Gedanke“ in der deutschen Bevölkerung wachgehalten. Dazu wurden weiterhin Völkerschauen veranstaltet, Kolonialausstellungen organisiert, zahlreiche Broschüren und Bücher geschrieben, deren bekanntestes der voluminöse Roman „Volk ohne Raum“ des vormaligen „Deutsch-Südwesters“ Hans Grimm war. Dessen Titel missbrauchten die Nationalsozialisten dann als Schlachtruf, um kontinentale Expansionsansprüche in Osteuropa zu begründen.

 Die Gewinnung von deutschem „Lebensraum“ im Osten, also in Polen und dem Gebiet der Sowjetunion, war nach 1933 zunächst eine Minderheitenposition. Doch unter dem Einfluss namhafter Nationalsozialisten, nicht zuletzt Adolf Hitler selbst, geriet der koloniale Revisionismus immer stärker in die politische Defensive. Spätestens 1943 wurden alle kolonialen Planungen regierungsseitig untersagt. Der berühmte Afrika-Feldzug des Generals Erwin Rommel hatte nicht der Wiedergewinnung von Kolonien gegolten, sondern der strategischen Schwächung der alliierten Gegner.

Die Ideologie der Ostexpansion war deutlich radikaler und brutaler als die der Kolonialzeit. Sie nahm auf einheimische Bevölkerungen keine Rücksicht, sondern entledigte sich ihrer in einem vorgeblichen Lebenskampf der Rassen. Was den kaiserzeitlichen Imperialismus stets begleitet hatte, nämlich mehr oder weniger subtile Formen von Angeboten an andere Länder und Regionen, sich von deutscher Kultur und deutschem „Wesen“ positiv beeinflussen zu lassen, spielte hier keine Rolle mehr.

Die deutschen Ziele der Zwischenkriegs- und der Kriegszeit für eine Ausweitung des „Lebensraums“ schlugen letztlich in ihr Gegenteil um, sodass Deutschland nach 1945 nicht nur auf den kleinsten Raum seiner nationalen Existenz zusammenschrumpfte, sondern zusätzlich noch geteilt und besetzt wurde.

 Die ersten zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man in Deutschland so tun, als ginge einen die Kolonialzeit nichts (mehr) an. Fixierungen auf das „Andere“ waren von den Vorgängen jenseits des Eisernen Vorhangs fast vollständig absorbiert. Die Unterstellung von Imperialismus und Kolonialismus erfolgte durch den jeweiligen Gegner im Kalten Krieg, worin erneut viele Fantasien eingewoben waren. Zudem waren in Deutschland nun bestimmte Redeweisen, mit denen man sich zu anderen Völkern in Bezug setzte, diskreditiert. Offen rassistische oder kolonialistische Forderungen zu stellen, war nicht mehr die Situation der Deutschen. Stärker noch als nach dem Ersten Weltkrieg nährten sie vielmehr die Fantasie, nun selbst Objekt von kolonisatorischen Bemühungen von außen zu sein, also „amerikanisiert“ oder „sowjetisiert“ zu werden.

Dabei kam Deutschland der frühe Verlust der Kolonien durchaus zugute, denn es galt inzwischen in vielen derjenigen Länder, die einer Dekolonisation zustrebten, als „kolonial unbelastet“. Nach dem Muster des eigenen Wiederaufbaus und der ökonomischen Integrationspolitik des Marshallplans konnte die Bundesrepublik im Windschatten der Weltpolitik und ausgestattet mit dem Nimbus eines „Wirtschaftswunderlandes“ in Ländern der „Dritten Welt“ daher eine erfolgreiche außenwirtschaftliche Angebotspolitik verfolgen.

Dennoch brachte der Versuch, den Kolonialimperialismus durch eine beherzte Entwicklungspolitik zu ersetzen, das Problem neu entstehender Abhängigkeiten nicht aus der Welt. Zu den nachhaltigen Kolonial-Fantasien gehört es bis heute, die Bevölkerungen des „Globalen Südens“ als grundlegend defizitär und rückständig zu kennzeichnen.

 Die Bundesbürger selbst konnten sich durch das Radio, das Fernsehen, die Illustrierten und die Fernreisen nach 1945 der entferntesten Regionen, Völker und Ereignisse bemächtigen. Ferien im Ausland erlaubten nicht nur eine teilnehmende Beobachtung des Anderen, sondern auch eine Aneignung des Exotischen, seinen individuellen Rückimport nach Deutschland sowie eine umfassende Erweiterung der persönlichen Horizonte. Die Deutschen wurden – auch hierbei extrem – bald zu Reiseweltmeistern. Nicht immer ist dabei die Bereitschaft, sich auf das Fremde einzulassen, besonders ausgeprägt: Wie die Eroberer und Kolonisatoren bringen natürlich auch Urlauber ihre Vorstellungen und Voreinstellungen mit. Bisweilen suchen sie auf Reisen gar nicht das Fremde, sondern einen Platz an der Sonne, der Deutschland dennoch möglichst gleicht.

Der Kolonialismus schlich sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert in die Wahrnehmungsmuster von „Welt“ ein, und er prägt unser Denken in Teilen bis in die Gegenwart. Seit einigen Jahren sind immer mehr (post)koloniale Relikte erforscht und aufgedeckt worden, sodass man sich heute ein weitaus umfassenderes Bild davon machen kann, wie stark und in wie vielen Verästelungen sich koloniale Fantasien über lange Zeiträume hinweg niedergeschlagen haben. Der deutsche Kolonialismus wird seit vielen Jahren zu einem überwiegend selbstkritischen bis negativen Bezugspunkt der deutschen und europäischen Geschichte umcodiert. Dabei ist nicht auszuschließen, dass erneut Fantasien und Projektionen eine Rolle spielen.

Der Autor Dirk van Laak ist Professor für deutsche und europäische Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts an der Universität Leipzig. Sein Artikel beruht auf einem Beitrag zum Sammelband „Deutschland Postkolonial? Die Gegenwart der imperialen Vergangenheit“ (hrsg. von Marianne Bechhaus-Gerst und Joachim Zeller), der soeben im Berliner Metropol Verlag erschienen ist.


Aus: "Der lange Schatten der Tropensehnsucht" Dirk van Laak (04.01.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/deutscher-kolonialismus-der-lange-schatten-der-tropensehnsucht/23825568.html

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #353 on: Januar 04, 2019, 02:35:08 nachm. »
Quote
[…] Am 2. Januar legte Patrick Bahners in der FAZ nach. Er hatte mit Hans-Joachim Lang gesprochen, ein Experte für die Geschichte der NS-Medizinverbrechen. Laut Lang hatte Menasse auf einem Vortrag in Tübingen im Dezember 2017 erwähnt, dass Hallstein seine Antrittsrede als EWG-Chef in Auschwitz hielt. Lang ließ sich den Band „Europäische Reden“ Hallsteins aus der Universitätsbibliothek kommen. Dort war sie nicht verzeichnet. Es gibt sie wohl nicht – und sie wäre auch ungewöhnlich gewesen: Hätte der oberste Beamte der EWG seine Antrittsrede ausgerechnet in der Volksrepublik Polen gehalten? Auschwitz als Gründungsmythos der EU passt perfekt in die Argumentation Menasses eines postnationalen Europa, das die Grenzen überwinden muss, um Frieden und Menschenrechte zu sichern.

Am 18. Januar wollte Malu Dreyer (SPD) Menasse in Mainz die Carl-Zuckmayer-Medaille verleihen. Menasse trete „für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“ ein, äußerte die rheinland-pfälzische Landeschefin, als sie die Preisverleihung im August bekanntgab. Der Preisträger erhält neben der Medaille auch ein 30-Liter-Fass Nackenheimer Wein, der Lieblingswein Zuckmayers. Die Staatskanzlei will jetzt die Verleihung der Medaille prüfen und das Gespräch mit Menasse suchen. ...


Aus: "Wie der Fall Menasse ins Rollen kam" Martin Reeh (3.1 .2019)
Quelle: https://www.taz.de/Schriftsteller-erfand-Politiker-Zitate/!5560166/

-

Quote
[...] Nun also Robert Menasse. Nur wenige Wochen nach Claas Relotius haben liberale Linke und Medien ihren nächsten Fälschungsfall. Der österreichische Schriftsteller hat über Jahre hinweg Zitate des ersten EWG-Kommissionschefs gefälscht, die Menasses Vision der Vereinigten Staaten von Europa besser legtimierten. Sogar eine Antrittsrede von Hallstein in Auschwitz hat Menasse erfunden.

In beiden Fällen haben die Sicherungsmechanismen versagt. Im Fall Relotius musste sein Kollege Juan Moreno auf eigene Faust recherchieren, weil seine Chefs zunächst Relotius und nicht ihm glaubten. Bei Menasse ist das Versagen noch eklatanter: Der Historiker Heinrich August Winkler begründete schon im Oktober 2017 in einem Spiegel-Essay, warum er die Hallstein-Zitate für falsch hielt. Niemand reagierte. Weder Menasse noch seine zeitweilige Co-Autorin Ulrike Guérot, weder der „Spiegel“ selbst noch andere Medien oder andere Institutionen im Kulturbetrieb.

Menasse hielt weiter Lesungen, schrieb Essays, nahm Ehrungen entgegen, ohne dass er auf die falschen Zitate angesprochen wurde. Weite Teile des linksliberalen Betriebs fühlen sich derzeit im Kulturkampf gegen Rechts – seine Antennen sind darauf gerichtet, rassistische Äußerungen von Provinzverwaltungen aufzuspüren. Fälschungen im eigenen Lager erkennen sie nicht.

Ebenso wie Relotius' hat auch Menasse das Schwarz-Weiß-Denken des Kulturkampfs bedient. Bei Menasse ist es die Position, dass die Nationalstaaten obsolet seien und die Vereinigten Staaten von Europa kommen müssten. Erst das hat den Österreicher in Deutschland richtig bekannt gemacht.

Dabei hat gerade diese sich selbst als pro-europäisch verstehende Position etwas sehr Deutsches: Es ist die Sehnsucht nach absoluten Lösungen statt mühsam Kompromisse auszuhandeln oder sich durchzumogeln. Und es ist zugleich eine Bewältigung der deutschen und österreichischen Geschichte: Weil Deutschland (und Österreich) mit Auschwitz ein einmaliges Verbrechen in der europäischen Geschichte begangen haben, sollen auch alle anderen ihre Nationalstaatlichkeit aufgeben. In Deutschland hat man nur wenig Verständnis dafür, dass Länder, die einmal Opfer der deutschen Geschichte wurden, schon wieder anders denken als man selbst.

Kann man etwas aus dem Fall Menasse lernen? Zumindest soviel: Es tut der liberalen Linken nicht gut, in Schwarz-Weiß-Mustern zu denken. Die fehlende Lust an differenziertem Denken führt auch zum Verlust, offenkundige Fälschungen zu erkennen oder wahrzunehmen. Menasse selbst fühlte sich berufen, Auschwitz für seine politischen Vorstellungen zu instrumentalisieren und Zitate zu erfinden – und dies auch noch als legitimes Mittel zu rechtfertigen. Dabei gewinnt man politisch so nichts: Der FPÖ wird es von jetzt an eine Freude sein, Menasse als Fälscher vorzuführen.


Aus: "Kommentar Journalismus und Fakezitate - Fälschen für Europa" Kommentar von Martin Reeh (3.1.2019)
Quelle: https://www.taz.de/Kommentar-Journalismus-und-Fakezitate/!5562629/

Quote
nutzer, 12:04

"In Deutschland hat man nur wenig Verständnis dafür, dass Länder, die einmal Opfer der deutschen Geschichte wurden, schon wieder anders denken als man selbst."

schließlich machen wir es nun ja alles richtig....

Ein sehr guter Satz, der den selbstgerechten Blick in Deutschland auf sich selbst auf den Punkt bringt.


Quote
ecox lucius, 12:03

"Es tut der liberalen Linken nicht gut, in Schwarz-Weiß-Mustern zu denken. "

Es tut niemandem gut in Schwarz-Weiß-Mustern zu denken.

« Last Edit: Januar 04, 2019, 02:40:12 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #354 on: Januar 04, 2019, 03:07:09 nachm. »
Quote
...

Moritz Moritz
@Moritzzz_
In der Zwischenzeit erklärt Herbert Kickl, dass Whiskey-Cola ein Kultgetränk der Ultras sei. Dieser Alptraum muss endlich aufhören. #rapidkessel

schütten für leutzsch
@Phil77943462
·
21. Dez.
Whisky cola
🤔
 nur ein wahrer okktra trinkt whisky pur !!!

Paul
Paul
@Paul29293557
·
20. Dez.
Antwort an @Moritzzz_
 und @ChrBruckner
Acht Colawhisky Acht Bier vor jedem Match san sicher drin

ivo.exe (halal) 🌐
ivo.exe (halal)
🌐
@ivo815
·
20. Dez.
Antwort an @Moritzzz_
 und @nona_christine
Was hatte eigentlich sein Mentor der Haider Jörgl intus, Allah hab ihn selig, als er in einer Rechtskurve von Kärnten Richtung Hades driftete?

Heribert Berger
Heribert Berger
@HeribertBerger
·
20. Dez.
Wasser

ivo.exe (halal) 🌐
ivo.exe (halal)
🌐
@ivo815
·
20. Dez.
Feuerwasser...
🔥

KaNoNym
KaNoNym
@KamNoNym
·
20. Dez.
Kann mir jemand von euch 2 die Ahnung von Fussball haben bitte erklären, weshalb es Kickl so enorm darauf anlegt Fans zu kriminalisieren?
Verärgert dieses Verhalten nicht auch den durchschnittlichen FPÖ-Wähler?
Was hat er davon?

Floč Bohin
@floboing
·
20. Dez.
Na immer gegen Leute mit schwacher Lobby, kriminelle Zuwanderer, Tierquäler, Sexualverbrecher, Avantgardekünstler usw

Frank Rauschenberg
@FrankRauschenb3
·
31. Dez.
Antwort an @Moritzzz_
 und @ana_nym
Ah, Herr Kickl unterscheidet Verkehrsteilnehmer also nach Whiskey-Cola Trinkern und Schwangeren? In welche Rubrik fällt er denn persönlich?

IchFickeMeineHand
@FickeHand
·
20. Dez.
Antwort an @Moritzzz_
 und @zarkojank
Wie aufregend


https://twitter.com/Moritzzz_/status/1075773144357527557

-

Quote
brutalheim-كريم
@brutalheim
grad haben welche diskutiert ob man elmex morgens oder abends benutzt es ist so deutsch


brotlose kunst
@just_write_it
·
16 Std.
Antwort an @brutalheim
abends
🙃


Hei Hei
@__randoom__
·
15 Std.
next level: elmex Kids geht morgens und abends, aber nur für Milchzähne.


https://twitter.com/brutalheim/status/1080944163825291264

...

Quote
redcat hat retweetet
happyfeet

@12happyfeet12
Ich führe grundsätzlich keine Impfdebatten mehr, seit ich Patienten im Alter von 20 und 50 Jahren an Windpocken und Masern habe sterben sehen. Wir können über Wurstsorten oder Handytarife diskutieren, aber definitiv nicht über Impfungen! Da gibt es nichts zu diskutieren!


Voland
@VolandMephisto
·
19 Std.
Antwort an @12happyfeet12
ich mag ungarische Salami

Wasdnedsagsd?!
@ShadowchildN
·
22 Std.
Mehr Leberwurst für mich.

Andreas Kubasik
@AndiWug
·
16 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Jeder hat seine Meinung. Pro und Contra. Wie haben die Leute das alles vor dem Impfgeschäft überlebt???

Pfannkuchenprinzessin
@melli_meter
·
22 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Ich bin absolut kein Impfgegner & finde es auch schlimm, dennoch kenne ich auch 2 Fälle, da ist das Kind an einer Impfung gestorben und das andere Schwerbehindert. Kann bei solchen Leuten nachvollziehen warum sie dagegen sind. Aber, ja die meisten Impfgegner habe keine Argumente

Roland Frisch
@rofrisch
·
7 Std.
Da sind 2 Fälle, wo Leute trotz Rettungsboot gestorben sind. Trotzdem würde ich im Ernstfall nicht auf nen Platz im Rettungsboot verzichten.

Omnimodo Facturus
@OmniFactu
·
21 Std.
Antwort an @12happyfeet12
 und @JensFiege
Mit Paprikalyonern diskutiere ich nicht.

Dirk Rauen
@DirkRauen
·
1 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Wie schaffen es Leute mit dieser Argumentation (kenne zwei....) sich tatsächlich als wissenschaftlich zu verkaufen?? Propaganda läuft!

paulii.mnk
@MnkPaulii
·
6 Std.
Antwort an @12happyfeet12
 und @mrs_prongs
Wusste gar nicht dass man sich gegen Windpocken impfen lassen kann. Ich dachte immer das hat man als Kind halt einmal und gut ist.

Der Pendler
@ArdbegForever
·
6 Std.
Antwort an @12happyfeet12
 und @perlenmarmelade
Das ist so eine Diskussion, die ich mit ner bekannten  zum Thema "Gurt" führen musste. Sie wollte sich nie anschnallen, weil ein Bekannter überlebt hätte, wenn er bei einem speziellen Unfall nicht angeschnallt gewesen wäre.

Prokrastinateur
@Prokrastinateu1
·
4 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Wow, starkes Statement!
Und jetzt bitte noch ein Beitrag zum Thema #Homöopathie

🎃👻🦇🦇Störsender 🦇🦇👻🎃
Störsender
@KatiPierson
·
5 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Wurst grundsätzlich nur aus ganzen Fleischstücke wie Schinken, kein durchgedrehtes Zeug. Wenn das rauskommt, was da reinkommt, dann kommen die Wursthersteller irgendwo rein, wo sie nie wieder rauskommen.
😉

Christian Steifen
@ChristianBloomy
·
20 Std.
Können wir dann nicht erstmal über ein Rauchverbot debattieren? ;)

o. timmermann
@oti28908737
·
4 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Impfgegner sind nur gegen Argumente von Impfbefürwortern immun.

Signal77
@Signal77
·
20 Std.
Antwort an @12happyfeet12
Ich bin gegen Impfen. Dennoch sind meine Kinder durchgeimpft. Weil ich das Wohl der Gesellschaft über meine subjektive Meinung stelle.
Und ich steh eher auf Leberwurst. Die feine, im Naturdarm.

Allyouneed
@needfull_
·
22 Std.
Antwort an @12happyfeet12
 und @ausserirdischer
Aber Autismus. Und Spätfolgen. Und überhaupt. Impfen ist böse. Besser Globuli....
Sorry. Mit Impfgegnern diskutieren... Jedesmal so

Black Ace
@Bl4ck_4c3
·
22 Std.
Globuli helfen ja auch nur, wenn man sie mit nach links gedrehtem Granderwasser runterspült. Weiss doch jeder.
🤪

Allyouneed
@needfull_
·
22 Std.
Dank Twitter weiß ich sowas.


https://twitter.com/12happyfeet12/status/1080850067156856832
« Last Edit: Januar 04, 2019, 03:31:35 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #355 on: Januar 06, 2019, 01:03:57 nachm. »
Quote
[...] Und wer will bestreiten, dass Menschen Kultur­wesen seien, die in ihre Kultur ‚verstrickt‘ sind, welche sie prägt und sie in viel­fäl­tiger Weise „unter­schied­lich“ macht? Daran ist nichts auszu­setzen, die Frage ist nur: Welche Geschichte, und welche Kultur? Histo­ri­sches Denken und histo­ri­sche Forschung sind in dem Masse Produkte der Aufklä­ung, wie sie versu­chen, Legenden von angeb­li­chen „Ursprüngen“ und behaup­tete „Tradi­tionen“ durch histo­ri­sches Wissen zu ersetzen. Auf dieses kann man sich zwei­fellos beziehen – aber es bietet nicht mehr die tröst­liche Gewiss­heit von Ursprungs­my­then. Dasselbe gilt für die Kultur: Dass diese immer „ethnisch“ sei, kann mit guten Gründen bestritten werden. Denn Kultur entsteht, wie Gene­ra­tionen von Geis­tes­wis­sen­schaft­lern gezeigt haben, durch Kontakt, Austausch und Über­la­ge­rung mit anderen „Kulturen“ (die ihrer­seits nichts Stabiles sind) und verän­dert sich dabei ständig. ...


Aus: "Der alte Hass auf die Aufklä­rung. Die Neue Rechte von Arnold Gehlen bis Botho Strauß" Philipp Sarasin (2019)
Quelle: https://geschichtedergegenwart.ch/der-alte-hass-auf-die-aufklaerung-die-neue-rechte-von-arnold-gehlen-bis-botho-strauss/

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #356 on: Januar 12, 2019, 02:35:25 nachm. »
Quote
ARTE gefällt das

Nico

@ncolnz
Ich liebe arte.

Tweet zitieren
ARTE
@ARTEde
Für jeden Menschen, der heute (nachweislich!) anstelle von @RTLde ARTE einschaltet, zeigen wir dieses Jahr einen schlüpfrigen französischen "Autorenfilm" aus den 60ern
😏

#IBES #Dschungelcamp


Quelle: https://twitter.com/ncolnz/status/1083838943802609665

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #357 on: Januar 16, 2019, 07:42:42 nachm. »
Quote
ClaudiaZettel
@ClaudiaZettel
Gillette weist in einem Spot auf Sexismus hin und wird von rechts geshitstormt. Es ist alles wie immer

Gillette erntet rechten Shitstorm für „Angriff auf die Männlichkeit“
Gillette wird von rechten Medien und sogenannten Vertretern von Männerrechten hart für eine neue Kampagne attackiert.

https://futurezone.at/digital-life/gillette-erntet-rechten-shitstorm-fuer-angriff-auf-die-maennlichkeit/400378775


https://twitter.com/ClaudiaZettel/status/1085232394087645184

-

Quote
[...] Der Rasiererhersteller Gillette hat eine neue Kampagne gestartet, mit der Sexismus im Alltag und ein falsches Verständnis von Männlichkeit angesprochen wird. Der klassische Gillette-Slogan „The best a man can get“ (das Beste, was ein Mann bekommen kann) wird dafür in „the best men can be“ (das beste was Männer sein können) umgewandelt.

In dem Video ist zu sehen, wie Sexismus im Büro zum Alltag gehört und über mehrere Jahrzehnte hinweg in Filmen und TV-Serien verharmlost und zur Lachnummer gemacht wurde. Mobbing und #MeToo wird ebenso angesprochen, wie die stereotypische Aussage, die bei unartigen Buben oftmals zu hören ist: „Jungs sind nun mal Jungs.“ In dem Video wird aufgefordert mehr als dieses Klischee zu sein und aktiv gegen Sexismus, Mobbing und dieses veraltete Bild von Männlichkeit vorzugehen.

Die Reaktion auf die Kampagne fällt erwartungsgemäß heftig aus. Auf YouTube hat das Video über 300.000 Dislikes, bei nur 60.000 Likes. In den sozialen Medien verkünden viele User nie wieder Gillette-Produkte kaufen zu wollen – meist in Kombination mit diversen Beleidigungen und Parolen, die man auch von sogenannten Verfechtern für Männerrechte immer wieder hört.

Das rechtspopulistische Magazin The New American wirft Gillette vor, viele falsche Annahmen zu reflektieren. Die Männer seien das wildere Geschlecht, weshalb sie gefährlicher aber auch dynamischer seien. Auch Prominente schließen sich dem Shitstorm gegen Gillette an. Der Schauspieler James Woods wirft Gillette vor, auf den „Männer sind schrecklich“-Zug aufgesprungen zu sein.

Andere versuchen die Kampagne herunterzuspielen. So fragt etwa ein User, wie sich wohl die Männer fühlen würden, die die Strände der Normandie gestürmt haben, um die Welt vom puren Bösen zu befreien, wenn sie das Video sehen. Viele sprechen auch von einem „globalen Angriff auf die Männlichkeit“ und dass Gillette alle Männer zu potenzielle Vergewaltigern erklärt.


Aus: "Gillette erntet rechten Shitstorm für „Angriff auf die Männlichkeit“" (15.01.2019)
Quelle: https://futurezone.at/digital-life/gillette-erntet-rechten-shitstorm-fuer-angriff-auf-die-maennlichkeit/400378775

-

We Believe: The Best Men Can Be | Gillette (Short Film)
Bullying. Harassment. Is this the best a man can get? It's only by challenging ourselves to do more, that we can get closer to our best. To say the right thing, to act the right way. We are taking action at http://www.thebestmencanbe.org. Join us.
https://youtu.be/koPmuEyP3a0

194.257 Kommentare (Stand: 16.01.2019)

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #358 on: Januar 18, 2019, 12:23:08 nachm. »
Quote
[...] Als Reservat seiner Verfechter diente die „ZDF-Hitparade“, in der nur deutsch singende Sänger auftreten durften. Dass sie sich als Bollwerk gegen „Überfremdung“ verstand, als der Siegeszug des angloamerikanischen Pops nicht mehr aufzuhalten war, lag an ihrem ersten Moderator Dieter Thomas Heck. Dieser hatte zuvor seine Brötchen als Autoverkäufer, Radiomoderator und (wenig erfolgreicher) Sänger verdient, ehe das ZDF und Regisseur Truck Branss ihn als Promoter und Retter deutschsprachigen Liedguts einsetzten. Interpreten wie Chris Roberts, Lena Valaitis, Jürgen Marcus, Mary Roos, Paola, Heino, Tony Marshall oder Howard Carpendale bevölkerten fortan das Berliner Studio, brauchten die Auftritte auch, um ihre Karrieren voranzubringen.

Heck, der aus seinen konservativen Anschauungen nie einen Hehl machte, avancierte zum engagiertesten Fürsprecher des Schlagers. Er wurde zum Sprachrohr jener, die eine sich überlegen fühlende Medienwelt als naive Heile-Welt-Liebhaber abtat und die ein englisch gesungenes „My Baby Baby Balla Balla“ nicht automatisch für klüger als ein deutsch gesungenes „Der Junge mit der Mundharmonika“ hielten. Die schweigende Minderheit, die wohl immer eine Mehrheit war, liebte Heck und hatte in ihm ein eloquentes Sprachrohr gefunden. ...


Aus: "Wir lassen uns das Singen nicht verbieten" Rainer Moritz (17.01.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/start-der-zdf-hitparade-1969-wir-lassen-uns-das-singen-nicht-verbieten/23879898.html

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #359 on: Februar 25, 2019, 04:15:32 nachm. »
Quote
[...] James D. Hunter schrieb schon lange vor Donald Trumps Präsidentschaft vom Kulturkampf in der US-Gesellschaft

Die Gesellschaft ist gespalten, so lautet seit einigen Jahren der immer wiederkehrende Befund von Analysen zur Lage der Welt. Die Rede ist von der Polarisierung zwischen rechtskonservativen und populistischen Weltsichten auf der einen und liberalen Vorstellungen von Demokratie auf der anderen. Unter dem Titel "European Culture Wars?" veranstaltete die Akademie der Wissenschaften (ÖAW) kürzlich ein Expertenforum zu dem Thema. Gast war der US-amerikanische Soziologe James D. Hunter, der mit dem 1992 veröffentlichen Buch Culture Wars: The Struggle to Define America bekannt wurde, in dem er eine Polarisierung in der amerikanischen Politik und Kultur beschrieb.

STANDARD: Sie wurden mit dem Buch "Culture Wars" bekannt, das Bruchlinien in der Gesellschaft beschreibt, und zwar zu einem Zeitpunkt, als noch nicht jeder davon sprach. Wie kam es dazu?

Hunter: Was mich damals beschäftigte, war ein Wandel in der Debatte zwischen Konservativen und Progressiven, zwischen rechts und links. Während des 20. Jahrhunderts diskutierte man in der Gesellschaft hauptsächlich Fragen des Wohlstands: Warum er zum Beispiel nicht gleich verteilt ist? Soziale Fragen standen im Mittelpunkt, die Gesundheitsversorgung zum Beispiel. Aber im letzten Drittel des Jahrhunderts wandelte sich der Diskurs – der Fokus ging von Ökonomie und Politik auf kulturelle Fragen im Zusammenleben über. Die Konservativen unter den Katholiken, Protestanten und jüdischen Bevölkerungsgruppen hatten da mehr miteinander gemeinsam als mit dem progressiven Teil ihrer eigenen religiösen Gemeinschaft. Sie waren einander einig über Geschlecht, Sexualität und Familie. Genauso die progressiven Mitglieder dieser Gemeinden.

STANDARD: War das der ideale Boden für US-Präsident Trump?

Hunter: Seine Wahl hatte mehrere Gründe. Durch die Wirtschaftskrise 2008/2009 kam ein neuer Faktor dazu: Die sozialen Klassen wurden wieder verstärkt spürbar. Die konservativen Kräfte in der US-Bevölkerung haben wenig Zugang zu Bildung, in der Krise blieben sie auf der Strecke und wurden zu den Verlierern. Sie fühlten sich lange vor der Wahl Trumps als Loser. Dann kam der Millionär, der zwar zum Establishment zählte, ihnen aber versprach, dass er ihnen in ihrem Lebenskampf gegen Ungerechtigkeiten helfen würde. Er gab ihrem Hass auf die anderen, die es sich ihrer Ansicht nach gerichtet haben, eine Stimme. Er wurde zu einem Symbol.

STANDARD: Ist er und die Tatsache, dass jemand mit diesem Stil Präsident werden konnte, nicht auch ein Symptom?

Hunter: Das ist er zweifelsohne. Die kulturellen Bedingungen waren ideal für ihn. Hätte es Trump nicht gegeben, man hätte ihn erfinden müssen. Er artikulierte eigentlich nur den Zorn jener, die auf der Verliererstraße waren. Sie wüssten, dass sie "deplorables", Beklagenswerte, waren, lange bevor Hillary Clinton im September 2016 die Hälfte der Trump-Unterstützer als "basket of deplorables" bezeichnete. "Xenophob, homophob, sexistisch und rassistisch" nannte die demokratische Präsidentschaftskandidatin die Wähler ihres politischen Gegners.

STANDARD: Am Ende der Wirtschaftskrise begann die Amtszeit von Barack Obama. Hat seine Administration Fehler gemacht? Hunter: Die Demokraten haben unter seiner Präsidentschaft an Boden verloren. Die Verlierer der Wirtschaftskrise haben sich kaum von ihm angesprochen gefühlt. Dadurch wurde eigentlich klar, dass sich politische Leader abseits des Establishments durchsetzen werden. Man ging ja allgemein davon aus, dass das Duell um die aktuelle US-Präsidentschaft Clinton gegen Jeb Bush heißen würde. Aber der Sohn des verstorbenen Expräsidenten wurde von den extrem rechten Gruppierungen in seiner Partei aus dem Rennen geworfen. Auch Bernie Sanders, eigentlich Sozialist, war ein Symbol für jene, die die Politik der Etablierten nicht mehr mittragen wollten. Er verlor nur gegen Hillary Clinton in den demokratischen Vorwahlen.

STANDARD: Was geschah mit der zuvor besprochenen Kultur im Zusammenleben, dass das passieren konnte? Hunter: Sie war in Unordnung geraten, dadurch wurde die Politik zum Spiegelbild. Politische Gegner wurden zu Feinden. Viele sagen, dass die Gesellschaft hoffnungslos gespalten sei, dass die Aufklärung am Ende sei, weil Fakten angezweifelt würden, weil für viele nicht mehr klar sei, was wahr ist und was nicht. Ich glaube aber, dass es wieder eine Gegenbewegung geben wird. Das begann schon mit Ronald Reagan und George Bush senior. Danach kam Bill Clinton, nach ihm wieder ein Republikaner, Bushs Sohn George W., danach Obama und nun Trump. Immer hat eine Gegenbewegung das Ende der Präsidentschaft begleitet, die Leute hatten auf die aktuelle Administration ihren Hass entwickelt. Wobei ich denke, dass der Hass auf Trumps Führung universeller ist.

STANDARD: Welche Rolle kann die Wissenschaft dabei spielen? Hunter: Das Problem ist: Die Wissenschaften haben nicht die Autorität in der Erklärung der Welt, die ihr die Aufklärung beigemessen hat. Das hat viele Gründe, unter anderem auch den, dass Wissenschafter unter Zeit- und Publikationsdruck Ergebnisse publiziert haben, die man nicht wiederholen konnte. Öffentliche Institutionen haben in den USA insgesamt an öffentlichem Vertrauen verloren, das bezieht sich auch auf den Kongress. Die einzige Institution, die gewonnen hat, ist das Militär. In dieser Stimmung und weil viele Menschen gegenwärtig lieber glauben, was ihnen politische Köpfe sagen, haben es die Zweifler an wissenschaftlicher Evidenz richtig weit gebracht. Aus dieser Situation können wir nur wieder rauskommen, wenn wir sachlich bleiben und faktenorientiert argumentieren. (24.2.2019, Peter Illetschko)

Zur Person: James D. Hunter, Jahrgang 1955, ist Soziologe und Buchautor. Er lehrt an der University of Virginia und ist Gründer und Direktor des Institute for Advanced Studies in Culture.


Aus: "US-Soziologe Hunter: "Trump gab Losern eine Stimme"" Interview Peter Illetschko (25. Februar 2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000098459895-629/US-Soziologe-Hunter-Trump-gab-Losern-eine-Stimme

Quote
benevolent dictator

So wird das nichts. Wählerbeschimpfung wird nicht zum Ziel führen. Trump ist natürlich ein Idiot, ein gefährlicher Narzisst. Nur wissen auch viele seiner Wähler, dass er nicht das Gelbe vom Ei ist, sie haben ihn halt Clinton vorgezogen.
Die Demokraten sollten sich selbst fragen, was sie besser machen können. Mit dem Finger auf andere zeigen ist zu wenig.


Quote
Filippos Bzahlnixos

Die Arbeiter-Klasser wird jetzt von den Links-Liberalen als "Loser" bezeichnet und wird von den einschlägigen Eliten ständig diffamiert und angegriffen. Dann dann wundert man sich über Wahlergebnisse. ...


Quote
Tellur

Er bezeichnet Trump Wähler als Loser, und beklagt zeitgleich die Spaltung der Gesellschaft.. Schon a bisserl unklug dieser """Experte"""


Quote
harmoniebedürftiger Kampfrhetoriker

Laut Nachwahlanalyse war Trump bei Wählern mit höherem Haushaltseinkommen erfolgreicher als Clinton.
https://en.m.wikipedia.org/wiki/2016_United_States_presidential_election#Voter_demographics

Also sind längst nicht alle Hillbillys im Trailerpark


Quote
humanökologische Pyramide

Faktenorientiert zu argumentieren kommt leider nicht mehr an. Die Rechte Fraktion spricht nur mehr die Gefühlsebene an. Via digitaler Medien bringen die binnen Sekunden ihren Dreck unter die Leute. Und die Rechten wissen die digitalen Medien wesentlich besser zu nutzen.
Wo das enden wird? Ich möchte es lieber nicht aussprechen. Die Zeichen sind eindeutig.


Quote
Mittelinks liegengelassen

Oh ja. In den nächsten Jahren werden sehr sehr viele Leute durch die Automatisierung zu Losern gemacht werden. Da schlittern wir gerade ebenso konzeptlos hinein wie in die Globalisierung in den 80ern. Beides sind Prozesse, die von der Politik vehement beschleunigt werden, und für die sie nicht die geringsten sozialen Lösungen hat. [ ... Ich sag einmal so: Diese Loser sind jene Leute gewesen, die in den 80ern vom gewerkschaftlich geschützten, gut bezahlten Job in der Produktion zum schlecht bezahlten, unsicheren Dienstleistungsjob wechseln mussten, weil das Kapital und Washington beschlossen, jetzt mal Globalisierung zu machen. ...]


Quote
Aruanda

Genau diese Überheblichkeit - Unterstützer von Trump sind "Loser", primitiv, lächerlich usw - wird für seine Wiederwahl sorgen ....


Quote
sirius buzinez

Obwohl der gute Herr auf dem richtigen Weg ist, checkt er es immer noch nicht. Ich hab' wirklich schon Angst, wieviel ich korrigieren muss, wenn meine Kinder in 15 Jahren die Geschichte der 2010er lernen...

Wie dem auch sei, wenigstens gibt er - zwischen den Zeilen - folgendes zu: Es gibt tastsächlich eine überparteiliche Elite, welche es als ihr gottgegebenes Recht sieht, uns zu regieren und zu entscheiden, was wir dürfen und was nicht. Wer "deplorable" ist, und wer nicht. Welche sich auf der "richtigen" Seite der Geschichte sieht.

Und es gibt einen ganzen Haufen von uns, denen diese neue "softe" Aristokratie suspekt ist, und die nicht einfach leise aufgeben werden.


Quote
woifee 0.0

Und dann wählt man Trump als Teil dieser Aristokratie ins höchste Amt.

Gut durchdacht.


Quote
el pollo diablo


Ganz ehrlich ich interessiere mich nicht viel für Politik aber den überheblichen Linken die meinen das jeder der eine andere Meinung hat dumm ist,ein Loser, oder. das die Stimme weniger wert sein sollte. Den Leuten wünsche ich echt noch einmal 4 weitere Jahre Trump.


Quote
CamshotDave

Eine schöne Blase in der sie da stecken
Tag täglich wird von der rechtskonservativen Seite der gesellschaftliche Konsens sich nicht stündlich zu beschimpfen und den tot zu wünschen ignoriert und ruiniert.
Tag täglich wird von der rechtskonservativen Seite daran gearbeitet die Idee der Aufklärung und der Demokratie zu untermauern und zu diskreditieren.
Tag täglich muss man sich anhören wie die bösen Intellektuellen und Linken das Vaterland verraten weil sie alle Ausländer ins Land geholt haben, eigenhändig natürlich.
Währenddessen werden diese wertefreien, wohlstandverwahrlosten Loser immer weinerlicher, arroganter und wertloser. Ruinieren alles was unsere Großeltern und Eltern nach dem Krieg aufgebaut haben. Aber die "Linken" sind arrogant ... alles klar.


Quote
el pollo diablo

Ich halte weder etwas von den extrem Rechten noch von den extrem Linken, beides gleich peinlich auf seine eigene art und weise.
Auserdem will ich eher darauf eingehen das die meisten Personen die rechts wählen vermutlich dazu zu bringen sind Links zu wählen.
Aber wenn man nie auch nur den Ansatz eines Versuches startet die Probleme dieser Menschen zu verstehen und sie immer nur mit dem "sind e alles idioten" Argument drüberfährt darf man sich halt nicht wundern wenn man Wahlen verliert.
Weil ich glaube nicht das jeder Mensch der Trump gewählt hat ein Idiot ist.


Quote
Klassenbester

Naja, dumm vielleicht nicht zwingend aber trotzig, beleidigt und destruktiv wie ein Volksschulkind in einer verspäteten Trotzphase.
Oder gibt es irgendwelche rationalen Argumente für Trump? Aber das haben Sie in Ihrem Posting eh schon beantwortet.
Dieser Typ Trump Wähler wäre eigentlich ein Fall für den Psychotherapeut.


Quote
Kreisler_1583

Die kapitalistische Gesellschaft produziert zwangsläufig Gescheiterte in großer Zahl; am Ende kann in einem scharfen Wettbewerb nur einer gewinnen. Einerseits tragen die Loser immer noch die Gesellschaft, andererseits werden sie, wie in der Wirtschaftskrise geschehen, gnadenlos über den Tisch gezogen. Im politischen Diskurs fühlen sie Ohnmacht und werden verspottet (Clintons "Deplorables"). Da hilft es wohl, wenn ein Präsident zumindest vorgibt, diese Leute im Fokus zu haben. Das ist natürlich eine Lüge, aber sie wird noch immer geglaubt; man klammert sich an jeden Strohhalm. ...


Quote
echtschlecht

So geht kritik

Die Wähler sind entweder Loser oder von Putin gesteuert.


...

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #360 on: Februar 25, 2019, 05:02:01 nachm. »
Quote
[...] Karin Krichmayr: Österreich ist auf Zuwanderung angewiesen. Dennoch ist ein großer Teil der österreichischen Bevölkerung Migrantinnen und Migranten gegenüber kritisch eingestellt. Sei es die berüchtigte "Ausländerkriminalität", sexuelle Gewalt, die besonders von Migranten ausgehe, oder die Angst, dass Muslime das christliche Abendland überrollen: In der öffentlichen Debatte haben sich eine Menge Botschaften ausgebreitet, die von Stereotypen geprägt sind und sich mitunter als schlicht falsch herausstellen, sobald sie auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft werden. Der Kulturanthropologe Klaus Schönberger ist überzeugt: Allein auf Fakten zu beharren ist nicht genug, der Mythos braucht einen Gegenmythos. Warum glauben so viele Menschen an Mythen, die sich bei genauerer Betrachtung als unrichtig herausstellen?

Schönberger: Diese Erzählungen und Narrationen, manche nennen sie Mythen, fallen nicht einfach vom Himmel, sondern haben oft eine lange Geschichte. Waren es in der Vergangenheit antisemitische Ressentiments, ist jetzt auch noch der Islam in das Fadenkreuz des Rassismus geraten. Menschen greifen diese Erzählungen nicht auf, weil sie dumm oder ungebildet sind. Sie wissen zum Teil sehr genau, dass diese Behauptungen ins Reich der Fabeln gehören und keinem Faktencheck standhalten können. Oft handelt es sich um eine Verschiebung von Problemen, über die nicht gesprochen werden soll. Insofern haben diese Erzählungen durchaus eine Funktion, einen rationalen Kern.

STANDARD: Was meinen Sie damit?

Schönberger: Menschen haben unterschiedliche Gründe, warum sie an solche Erzählungen glauben möchten. Einer ist, dass sie Teil einer Maschinerie sind, in der sie sich ohnmächtig fühlen. Die Vorstellung, dass da jemand ist, den ich ausgrenzen kann, dem ich sagen kann, er muss sich integrieren, suggeriert mir Handlungsfähigkeit. Das ist ein ganz rationales Interesse, um mich wieder handlungsfähig zu fühlen, indem ich nach unten trete und mich in der sozialen Hierarchie über andere erhebe.

STANDARD: Es geht also in Wahrheit um andere Probleme?

Schönberger: In einer komplexen Welt mit vielen Unsicherheiten, die ja real sind, treffen diese Erzählungen auf einen fruchtbaren Boden. Wer möchte sich schon grundsätzlich damit auseinandersetzen, warum seine Pension unsicher ist, warum private Aktiengesellschaften darüber bestimmen, ob man morgen noch seinen Job hat? In Kombination mit einer gewissen Medienpräsenz dieser Mythen kann man alle Probleme der Welt auf einen bestimmten Bereich fokussieren, in dem Fall auf Zuwanderer. Es ist mehr als die Suche nach einem Sündenbock, sondern eine Verschiebung der eigenen Probleme. Wir müssen allerdings aufhören, von den "berechtigten Ängsten" derjenigen, die andere drangsalieren, zu schwadronieren. Sie haben keine Angst vor Migranten, sie möchten sie herumkommandieren und sie verachten sie.

STANDARD: Üblicherweise erscheint die Migrationsdebatte eher von Ängsten getrieben. Wie lässt sich das erklären?

Schönberger: Es ist aberwitzig, welcher Aufwand betrieben wird, um die Burka zu verhindern, obwohl es nur eine Handvoll Fälle in ganz Österreich gibt. Wenn man aber eine kulturelle Ordnung und Unterordnung haben möchte, dann ist es rational, sich so zu echauffieren. Die Instrumentalisierung der Migrations- und Flüchtlingsfrage ist nichts anders als der Versuch, die gegenwärtige Demokratiekrise und gewisse Verarmungstendenzen zu dethematisieren.

STANDARD: Die Migrationsmythen sind also Teil der politischen Strategie?

Schönberger: Österreich braucht Einwanderung, das ist bekannt. Die Behauptung, dass Migranten Arbeitsplätze wegnehmen und den Sozialstaat gefährden, passt gut zu dem, was die Regierung vorhat, also einen ökonomischen Umbau und den Abbau von sozialen Sicherungssystemen. Diese Instrumentalisierung ist aus Sicht der ÖVP nachvollziehbar. Aus universitärer Perspektive verstehen viele aber nicht, warum der gerade in Migrationsfragen anerkannte Bildungsminister Heinz Faßmann entgegen der wissenschaftlichen Faktenlage Maßnahmen vertritt, die von Hasspredigern zur Regierungslinie erhoben wurden.

STANDARD: Warum ist es so leicht, sich auf Migration zu stürzen?

Schönberger: Es gibt Traditionen dieser Erzählungen, etwa die von der angeblich besonders hohen Kriminalität der "Ausländer". Oder das Beispiel sexuelle Gewalt. Man könnte das als Problem von toxischer Männlichkeit verhandeln. Die meiste Gefahr für Frauen geht von den Männern in den eigenen vier Wänden aus. Das ist also kein Problem der Migration, sondern eines der Männlichkeit. Dazu kommt, dass die Debatte um "Genderismus", die auch von der FPÖ geführt wird, eine Ermutigung ist für Männer, die eine Legitimation für ihren Besitzanspruch über Frauen suchen. Die komplexen sozialen Beziehungen und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern können nicht von heute auf morgen aufgelöst werden, müssen aber jenseits der Migration angegangen werden, wenn es wirklich ein Interesse gibt an einer demokratischeren und gewaltfreieren Gesellschaft.

STANDARD: Wie kann man gegensteuern? Mit Gegenaufklärung und Fakten?

Schönberger: Man muss auf verschiedenen Ebenen agieren. Bei direkten Auseinandersetzungen muss man mit rationalen Fakten widersprechen. Die nächste Strategie ist die Dethematisierung, also die realen Probleme anzusprechen, die mittels Mythen weggeschoben werden. Und das Dritte ist: Der Mythos braucht einen Gegenmythos. Die Leute werden nicht überzeugt, weil sie die richtigen Fakten haben, sondern es muss ihnen etwas angeboten werden, wo sie ihre Hoffnungen hinprojizieren können.

STANDARD: Was könnte so ein Gegenmythos sein?

Schönberger: Es muss eine attraktivere soziale Praxis sein, von der niemand ausgeschlossen ist. Es geht um einen emanzipatorischen Mythos, in dem Herkunft keine Rolle spielt. Ich denke, man muss beim Klimawandel ansetzen, um die Jungen einzubeziehen. Die Forderung nach einem besseren Leben, besseren Partys und ökologisches Bewusstsein müssen sich nicht ausschließen. Es geht nicht darum, die alten Mythen von Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus wieder aufzuwärmen, das ist gegessen. Nicht gegessen sind die damit verbundenen Versprechen von einer gerechteren und freieren Gesellschaft für alle. Die müssen wir anders artikulieren und neu formulieren.

(Karin Krichmayr, 24.2.2019)

Klaus Schönberger ist Professor für Kulturanthropologie am Institut für Kulturanalyse der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Er betreibt im STANDARD den Blog "Kulturanalyse des Alltags".


Aus: "Kulturanthropologe: "Es ist rational, nach unten zu treten" InterviewKarin Krichmayr" (24. Februar 2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000098441426/Kulturanthropologie-Schoenberger-Es-ist-rational-nach-unten-zu-treten

Quote
Freigeist78

Auch wer Antifaschismus ernst nimmt muss mit gängigen Auslegungen des Islam ein Problem bekommen. Ich kann an diesen kulturrelativistisch verwirrten Ansätzen auch nichts Linkes erkennen.


Quote
Hibiskus

Wieder einer, der glaubt, seine Mitmenschen wüssten nicht, was sie tun, können nicht denken und eine eigene Meinung bilden, strampeln nur (nach unten) und glauben an "Mythen".


Quote
Querschädl

haha
schon wieder so ein "Studierter". Brauchen wir nicht, diese reflektierten Menschen, die statt billigem Populismus wissenschaftlich fundierte Ursachenforschung betreiben.
Wie heißt es so schön im heutigen Einserkastl: "Basti, der Schutzpatron der Unstudierten" wirds schon richten!


Quote
Paul Stanley

Was Mythos ist und was nicht, wird hier ganz schlicht nach Weltanschauung sortiert, Fakten kommen in dem ganzen Gespräch nicht vor.


Quote
Norm MacDonald

Ich möchte Herrn Schönberger gern für das Brett vorm Kopf des Jahres nominieren.


Quote
Lupus C. Cornu

Sie beleidigen Herrn Schönberger! UNFASSBAR - wie kommen Sie dazu???


Quote
k.u.k hofquerflötendepotverwalter

Entspann dich mal a bissi ... Versuch es mit cordhosenbügeln auf dem fliesentisch.


Quote
Little Green Man

recht hat er - er bleibt aber ein rufer in der wüste, wie man hier im forum sehen kann. leute, die nicht bereit sind, sich die situation aus einer anderen perspektive ansehen zu wollen. der beissreflex hier im forum beweist genau die thesen des arktikels.


Quote
Barbarus hic ergo sum ....

der beissreflex hier im forum beweist genau die thesen des arktikels.
GENAU! der beißreflex gegen die katholische kirche beweist, dass sie recht hat!

gell?


Quote
Canonista66

"Nicht gegessen sind die damit verbundenen Versprechen von einer gerechteren und freieren Gesellschaft für alle."

Das ist doch auch wieder nur eine Plattitüde. Was für einen politischen Plan kann man daraus destillieren?
Wenn es um materielle Gerechtigkeit geht, dann wird es immer noch zu akzeptieren sein, dass nicht alle für ihre Arbeit gleich viel bezahlt bekommen. Wenn es um Freiheit geht weiß ich nicht, wo die Unfreiheiten sind.

Zuwanderung ist ein Faktum, meine Großeltern sind aus der Böhmei zugewandert, aber müssen es unbedingt völlig un(aus)gebildete Problembären aus vollkommen fremden Kulturkreisen vom anderen Ende der Welt sein?


Quote
Gigantopithecus Rex

das radfahrer-verhalten:
nach oben buckeln, nach unten treten.

wenn "der Mythos einen Gegenmythos braucht", wie wär es mit diesem:
wenn du nach unten trittst, dann darfst du dich auch nicht beschweren, wenn du von einem 'höheren' getreten wirst!

dieser gegenmythos sollte jedem bekannt sein. JEDE mutter/vater bringt dem kind bei "was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!"
vielleicht ist es zeit, verstärkt daran zu erinnern, durch die realität.


Quote
Herr und Frau Österreicher

Was hier fehlt, ist die Rolle der Propaganda und Negativberichterstattung. Liest man Klatschblätter, tummelt man sich in den einschlägigen Bubbles (die ja mittlerweile im Mainstream angekommen sind) und hört man der Regierung zu, glaubt man ja wirklich, hinter jeder Ecke lauert ein 'Auslända", der einem nach dem Leben trachtet.


Quote
GWS

"Es ist aberwitzig, welcher Aufwand betrieben wird, um die Burka zu verhindern, obwohl es nur eine Handvoll Fälle in ganz Österreich gibt."

Gilt dieser Satz äquivalent auch, wenn es um die Einführung von Toiletten für Menschen mit "alternativem" Geschlecht geht?

Es gibt übrigens in Ö so +/- 50 Morde im Jahr (heuer womöglich ein bisserl mehr). Bei über 8 Mio. Einwohnern eigentlich vernachlässigbar. Sollen wir deshalb - mit obigem Argument - Mord aus dem StGB streichen und die Mordkommissionen auflösen?


Quote
Korinthenkacker

Ich gebe ihm Recht in dem Punkt, dass die Regierung versucht davon abzulenken, dass sie den Sozialstaat abbaut.


Quote
Achsel-des-Boesen

Wissen Sie, ich habe als Trainerin in einer AMS-Maßnahme für junge Erwachsene ohne Bildungsabschluss gearbeitet
In Wien bedeutet das: Über 80% Muslime.
Einmal habe ich es gewagt, weil in einen Text der Begriff "fossile Brennstoffe" vorkam,den Leuten erklären zu wollen, was eine "Fossilie" ist. Worauf mir ein Teilnehmer sagt: "Das ist eine politische Frage" Ich,völlig konsterniert:"Nein, eine wissenschaftliche". Ein anderer Teilnehmer erklärt mir nun, es stehe nicht im Koran, dass der Mensch vom Affen abstammt, deswegen glaube er das nicht. Und ein anderer meint, alle Wissenschaftler würden lügen und ließen sich dafür gut bezahlen. Die ganze Gruppe hat zugestimmt mit einer Ausnahme.Die Ausnahme war ein junger Afghane, dessen Vater Astronom war.
Das war nur eine von vielen Geschichten, bei denen mir ganz anders wurde.


Quote
gnadevorrecht
 ... Wer hierzulande als Frau leben muss, weiß auch von den allgegenwärtigen - oft subtilen - sexuellen Angriffen, denen frau ausgesetzt ist. "Zufällige" Blicke von Inländern(!), von denen frau in den Öffis "gestreift" wird, sind zum Beispiel an der Tagesordnung, die jedoch von den Opfern berechtigterweise als stare rape empfunden werden, welcher in Österreich dank einer untätigen Regierung (noch) nicht strafbar ist. Und jetzt sind es - typisch für uns - wieder die Ausländer, die als Sündenböcke herhalten müssen, dabei wird hier - wie oben treffend beschrieben - nur durch xenophobe Kräfte projiziert.


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Pinackel

Sie Schlingelin!
Fast wäre ich Ihnen auf den Leim gegangen.
Knochentrockener Humor, Kompliment!


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Mills

Ist das Satire oder fordern Sie hier ernsthaft dass flüchtige Blicke strafbar sein sollen?


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Dr. Lefotrak

Spätestens wo "Linksliberale" solchen Leuten wie Abdel-Samad, Necla Kelek, Hirsi Ali oder Seyran Ates in den Rücken gefallen sind, um sich bei erzkonservativen Religionsvereinen anzubiedern, habe ich diese politische Ecke für immer wegen akutem Realitätsverlust abgeschrieben. Das war für mich der entgültige mentale Zusammenbruch der linksliberalen Bewegung, und diese ideologischen Sonntagsreden werden mich nicht zurückholen.


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moustérien

Wenn man nur ein bisschen über diese ganzen echauffierten "Rationalitäten" der rechten Trollarmee im Forum drüberliest [1388 Postings/Kommentare, Stand 25.02.201817:00], leuchtet am Ende dieses luziden Interviews auch noch ein dickes fettes Q.E.D auf ...

([Die Wendung quod erat demonstrandum (lat. für „was zu beweisen war“) bindet das Ergebnis einer logischen oder mathematischen Beweisführung an den vorangestellten Zweck zurück und schließt damit die Beweisführung ab])


...


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #361 on: M?RZ 07, 2019, 09:29:37 vorm. »
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[...] In einer Hamburger Kita sind sogenannte Indianer- und Scheichkostüme an Karneval unerwünscht. Nun empören sich viele über eine Verbotskultur, dabei bräuchte es viel mehr Kitas wie diese. Ein Kommentar

Aktuell herrscht Empörung über eine Entscheidung einer Kitas in Hamburg. Sie wünschte sich von den Kindern, nicht im „Indianer- oder Scheichkostum“ zu erscheinen. Der Grund: Sie würden Stereotype und Vorurteile bedienen. „Wir achten im Kitaalltag sehr auf eine kultursensible, diskriminierungsfreie und vorurteilsbewusste Erziehung“, schrieb eine Kita vor dem Faschingsfest an die Eltern. Eine Kita möchte Kinder für verschiedene Kulturen sensibilisieren? Ist eigentlich erstrebenswert.

Das finden nicht alle. Viele Medien berichten über ein Verbot oder fragen: „Muss man denn auf alles Rücksicht nehmen?“ Dabei hat es gar kein Verbot gegeben. Die Kita-Leitung hatte lediglich einen Wunsch geäußert, keine verpflichtende Vorgabe gemacht. In den sozialen Netzwerken halten sich Postende die Waage zischen teils harter Kritik und Lob für die Entscheidung. Selbst Politiker*innen haben nun etwas zu sagen. Die CDU Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel würde etwa ihre Kinder aus der Kita nehmen, weil ihr die Vorstöße der Erzieher*innen zu weit gegangen seien. Grigorios Aggelidis, familienpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, befindet den Wunsch der Kita als weltfremd und absurd.

Wer so denkt, sollte sich zuerst mit dem eigenen privilegierten Weltbild auseinandersetzen. Was ist falsch daran, inklusiv zu sein und nicht durch Stereotype Menschen verletzen zu wollen? Denn Kostüme sind nicht nur harmlose Kostüme, egal warum man sich als Pocahontas, Inuit oder sogenannter Ureinwohner verkleidet. Derartige Kostüme ethnifizieren.

Kostüme anderer Kulturen basieren auf Stereotypen, auf pauschalisierenden Vereinfachungen, und ignorieren damit eine vielleicht problematische Geschichte, die oft mit Enteignung, Kolonialisierung, Versklavung oder sogar Ausrottung einhergeht. Nur weil manche Kulturen zum Glück davon verschont blieben, heißt das noch lange nicht, dass naives Verkleiden angebracht ist. Menschen können sich dadurch gekränkt und reduziert fühlen. Auch wenn man mit einer derartigen Verkleidung nicht unbedingt selbst zu einem rassistischen Menschen wird, sind es trotzdem rassistische Verkleidungen.

Die Empörung um die Entscheidung der Kita teilen übrigens die wirklich Betroffenen nicht, nämlich die Eltern der Kinder. Im Gegenteil: „Es haben sich bei der Leitung nur Eltern gemeldet, die das total gut fanden. Die haben sich gefreut, dass dafür eine Sensibilität geschaffen wurde“, sagt die pädagogische Geschäftsführerin Franziska Larrá der Deutschen Presse-Agentur. Das ist richtig. Schließlich kann man nicht früh genug damit beginnen, Menschen für andere Kulturen und deren Historie zu sensibilisieren. Die Empörer*innen wurden es offensichtlich nicht.

Selten werden so viele rassistische Klischees bedient wie im Fasching. Der harmlose Wunsch der Hamburger Kita ist daher ein Schritt in die richtige Richtung und hat hoffentlich Vorbildwirkung für andere Kitas und Eltern. Denn wer Bescheid weiß, ist klüger. Fasching macht nämlich noch mehr Spaß, wenn man ihn nicht auf Kosten anderer Kulturen begeht.



Aus: "Warum es richtig ist, schon in der Kita auf Cultural Appropriation aufmerksam zu machen" Philipp Kienzl (06. März 2019)
Quelle: https://ze.tt/warum-es-richtig-ist-schon-in-der-kita-auf-cultural-appropriation-aufmerksam-zu-machen/

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Eberhard Schorr
Als Kind habe ich mich am liebsten als Indianer verkleidet. Ich fand es super, wie sich Indianer lautlos anschleichen konnten, mit Pfeil und Bogen zielgenau schießen konnten und überhaupt ihr Haltung hat mich begeistert. Geliebt habe ich die Lederstrumpf Geschichten, Held war Chingachgook. Und ich war wütend auf die Weißen Siedler und Soldaten, die den Indianern ihr Land wegnahmen.
Aus Solidarität und weil ich sie und ihre Lebensweise so cool fand habe ich mich wie einer angezogen - nicht nur zum Fasching.


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Thomas Melber
Wie sieht es dann aus mit Verkleidungen als Cowboy oder Wikinger? Oder Ninja? Hexe geht dann wohl auch nicht ^^


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Petr Meyer
Als notorischer Diskriminierungsallergiker weise darauf hin, dass reale Dikriminierung zu bekämpfen schwerer ist als Hineininterpretierte und bei aller Berechtigung der Argumentation, den Teilsatz des Textes ´naives Verkleiden angebracht´, reiße ich aus dem Kontext und mache ihn mir genauso zu Eigen, wie kindliches Verkleiden hier aus seinem eigenen Kontext herausgerissen wurde: Um Kinder nicht zu diskriminieren, muss man ihnen dass Recht zubilligen, sich naiv zu verkleiden. Es wird ja nicht verkleidet, um fröhliches Diskrimineren zu spielen. Es ist das Privileg der Kindheit naiv und ungebildet, unaufgeklärt und unvoreingenommen zu sein. Und ja, Kinder sollen ihre Vorstellungen von Identitätswechselmöglichkeiten ausleben, diese Illusionen werden ihnen ohnehin sehr bald ausgetrieben und sie werden auf ihr reales gesellschaftliches Ich reduziert. Was soll das Geschwätz von ´du kannst alles werden´ wenn sogar zu Karnevall sofort gesellschaftrelevante Einschränkungen hinterher geworfen werden? Kleine Kinder haben meist ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, Schaden nimmt es nicht durch Kostüme, sondern durchs Leben.


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Uwe Wuschick
Vielleicht bin ich ja zu doof dafür, aber ich hab immer noch nicht gecheckt, was am Indianer- oder Scheich-Kostüm diskriminierend sein soll. Es mag ja "ethnisierend" sein, na und ? Sollen am besten alle in den selben Kostümen kommen, damit nur ja keine eventuelle Sensibilität verletzt wird? Werden jetzt die Bayern diskriminiert, wenn das Kind in Lederhosen zum Fasching kommt?


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Jürg Wanda
Ich kann nicht einmal sagen das es eine kranke entscheidung ist, Kostümierungen für Kinder zu verbieten! Es ist schrecklich was wir in kurzer Zeit an Kultur alles vernichten! Man lässt Zombis und Blutrünstige maskierungen bei Kinder zu, aber Indianer werden verboten! Ich bin so froh das ich als Kind eine ruhigere und natürlichere Kindheit erleben durfte! Was wird aus uns mit all diesen Verboten und wo soll das enden!


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Kingston Spirit
Hintergrundwissen ist mir wichtig, ich studiere die Geschichte und möchte wissen, wie es zu einem bestehenden politischen oder gesellschaftlichen Konflikt gekommen ist.
Aber die Kostüm-Diskussion geht selbst mir zu weit. Klitsches und kulturelle Missverständnisse werden sich in den nächsten Jahrhunderten nicht ausräumen lassen.
Sollen sich die Bayern jetzt beispielsweise diskriminiert fühlen, wenn Australier oder Asiaten in klischeehaften und authentizitätsfremden Trachten beim Oktoberfest erscheinen?
Da finde ich den schießwütigen, Marlboro rauchenden Cowboy verwerflicher als den stolzen Indianer. In jede Verkleidung kann etwas Anstößiges interpretiert werden.


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Beri Kristina
Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb es respektlos oder gar rassistisch sein soll, sich als Indianer oder Inuit zu verkleiden. Kinder wollen doch in die Rolle eines Wesens schlüpfem, das sie bewundern. Im Fasching haben sie die Möglichkeit dazu. Es findet eine hohe Identifiaktion statt, auch im Herzen. Problematischer würde ich es finden, wenn sich plötzlich kein Kind mehr als Indianer verkleiden wollte. Und als Scheich? Why not? Gäste der arabischen Emirate bekommen oft selbst eine halbe Scheich-Ausstattung für ein Foto. Natürlich zielt eine Verkleidung auf das Exotische, Fremdländische und ganz sicher auch in Stereotypen, die zumeist durch die klimatischen Bedingungen in den jeweiligen Ländern begründet sind. Ist doch schön, wenn Fasching alles multikulti ist. Außerdem: was sich liebt, das neckt sich. Ich habe weder als Kind noch als Erwachsene Kinderkostüme als abwertend empfunden. Und genau@Uwe Wuschick: würde sich anderswo auf der Welt jemand als Bayer verkleiden - wir wären geschmeichelt! Ein schönes Kompliment.


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Angelina Kitsche Dembek
Geboren Ende 1972.
Zu Karneval als Kind war ich
Indianer(männlich, nicht Pocahontas),
Cowboy(männlich),
Ungarin(die Veruschka, die Veruschka aus Buda-, Budapest).
Niemals hat sich ein amerikanischer Ureinwohner, Nachkomme eines Auswanderers oder Ungar bei meinen Eltern beschwert.
Wie auch?
Ein Kindergarten-Karneval im Norden von Dortmund ist einfach nicht deren Problem(zone).

Das Gleiche bei meinen Jungs.
Wikinger, Dracula, Pirat ...
Kein Nordmann, Siebenbürgener, Freibeuter hat interveniert.
Warum auch?

Statt den Kindern ihre Kostüme madig zu machen, könnten Eltern und Erzieher* doch einfach die Gelegenheit nutzen, altersentsprechend Geschichten über die jeweilige Kultur zu erzählen.
Haben meine Eltern so gemacht, hab ich gemacht.

*-innen und Xe sind mitgemeint.


Quote
Mariella Wilcke
Als ich als 10-Jährige mal als inuit ging, waren im Dorf meines Onkels in nordkanada, in dem 95% der bewohner inuit sind, alle, denen er das erzählt oder die Bilder gezeigt hat, stolz darauf und haben sich gefreut, dass sich im fernen fernen Deutschland ein Kind in ihrer traditionellen Tracht verkleidet.
Genau wie viele Bayern sich freuen, wenn menschen auf anderen kontinenten sich mit Lederhose verkleiden.
(Und nein, mein Onkel ist kein böser Kolonialist, sondern Krankenpfleger und selbst Immigrant (mit 20 als einer der so gefürchteten alleinstehenden jungen männlichen immigranten nach kanada eingewandert), der durch ein jobangebot in dem Dorf gelandet ist, und mittlerweile seit über 40 Jahren dort lebt.)
Ja, die Geschichte der inuit beinhaltet viele der im Artikel angesprochenen dunklen Kapitel... vieles davon wird durch Engagement von Menschen, Organisationen, Behörden gemildert und gebessert. Vieles wird noch ewig als Trauma bleiben. Helfen tut z.b. mein Onkel, der -inzwischen in rente- eine traumaklinik aufbaut. Nicht helfen tun kostümverbote.


Quote
Hänning Fischä
Ich könnte Gefühlte verletzen, ich glaube ich bleibe heute lieber im Bett.


...

---

Quote
[....] Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer kann die Empörung über ihren vermeintlichen Fastnachtwitz nicht nachvollziehen. "Manchmal muss man genau hinschauen, bevor man sich künstlich aufregt", sagte Kramp-Karrenbauer auf dem politischen Aschermittwoch ihrer Partei im mecklenburgischen Demmin. Wer sich ihre Rede vor dem Stockacher Narrengericht in voller Länge angehört habe, verstehe, dass sie keinen Witz auf Kosten von Intersexuellen gemacht habe. Sie habe vielmehr versucht, sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, eine "Emanze" zu sein. "Es ging um die Klage von Machos, um das Verhältnis von Mann und Frau."

Grünenchef Robert Habeck hatte die Saarländerin auf dem politischen Aschermittwoch seiner Partei in Biberach zuvor aufgefordert, sich für ihre umstrittene Äußerung über die Einführung von Toiletten für das dritte Geschlecht zu entschuldigen. Es sei immer billig, auf Minderheiten herumzureiten, sagte Habeck. Für ihren Witz hatte Kramp-Karrenbauer auch von anderen Seiten viel Kritik einstecken müssen.

In Stockach am Bodensee hatte die CDU-Politikerin gesagt: "Wer war denn von euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen." Wer nicht wisse, ob er beim Pinkeln noch stehen dürfe oder schon sitzen müsse, für den gebe es nun eben eine weitere Option.

Dass in Deutschland über "so einen Blödsinn" diskutiert werde, zeige, "dass wir keine anderen Probleme haben", sagte Kramp-Karrenbauer in Demmin. Die Deutschen könnten heute nicht mehr glücklich sein. Im Gegenteil: "Wir sind das verkrampfteste Volk, das auf der ganzen Welt herumläuft." Die Parteichefin warnte: "Wenn wir so weitermachen, laufen wir Gefahr, die Tradition von Karneval und Fastnacht kaputtzumachen."

...


Aus: "Annegret Kramp-Karrenbauer: "Wir sind das verkrampfteste Volk, das auf der ganzen Welt herumläuft"" (6. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-03/annegret-kramp-karrenbauer-fastnachtswitz-politischer-aschermittwoch

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Andreas71 #1

Ein bisschen hat sie ja Recht.


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Nö zur Komfortzone #10


... Sehe ich mit meinen vielen Auslandaufenthalten genauso: Entspannt euch mal, keiner braucht Moralaposteln. Wir brauchen selbstständig denkende, ethisch gebildete Menschen. Und zur Ethik, meine ich, gehört auch das Wissen, zu unterscheiden, was Lachen auf Kosten anderer ist - und was Fasching und Karneval im weiten Kontext nun mal bedeutet. ...


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So ist das eben #23


"Wir sind das verkrampfteste Volk, das auf der ganzen Welt herumläuft"

Sagt jene Frau, für die die Schwulenehe ein absolutes No-Go ist und § 219a der schützens- und verteidungswürdigste Paragraf des StGB darstellt.
Verkrampft sind also jene, die sich sich für Minderheiten- und Frauenrechte einsetzen. Ist schon klar, Frau AKK...


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Scholae Palatinae #23.1

"Verkrampft sind also jene, die sich sich für Minderheiten- und Frauenrechte einsetzen. Ist schon klar, Frau AKK..."

Sie missverstehen. Verkrampft sind diejenigen, die sich als professionelle Minderheitenaktivisten betätigen und keinen Humor zulassen.


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Grundgesetz-Gutmensch #25

Ich glaube mittlerweile, dass das Absicht war:
Sie provoziert mit einem bewusst sensiblen Thema als harmlosen Klamauk, um Empörung zu ernten und sich anschließend als Anti-Empörungsbeauftragte zu inszenieren und so im konservativen Lager zu punkten.

Oder glaubt irgendjemand ernsthaft, die CDU-Bundesvorsitzende geht ohne sorgfältige Public Relations-Beratung zum Witze-Reißen auf eine Karnevals-Bühne?

Natürlich war und ist die Empörung übertrieben; unzählige Komiker machen ständig Witze aufkosten von Minderheiten und mithilfe von Klischees - so funktioniert Humor halt oft. Und keiner unterstellt Ressentiments.
Hier aber macht es eine künftige Kanzlerkandidatin, die genau weiß, für welche geschlechterpolitischen Ansichten sie bekannt ist und dass es Empörung geben wird. Die wird provoziert und sie kann sich grundsätzlich und vordergründig zu Recht als Gegnerin einer übertriebenen Empörungskultur inszenieren.

Alles peinlich: das Kalkül, der Witz, die Reaktionen.


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #362 on: M?RZ 07, 2019, 01:58:27 nachm. »
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Berlin (dpo) - ES IST DER WOHL SKANDALÖSESTE SKANDAL DER DEUTSCHEN NACHKRIEGSZEIT! Soeben wurde der muslimische Bundeskanzler Tufan Bilgin-Lehmann (CDU) auf einer Berliner Toilette für Intersexuelle von einer Horde kostümierter Indianer überfallen und beinahe skalpiert. In Deutschlands Zeitungs-Redaktionen geht es seitdem drunter und drüber.
"Ich war gerade dabei, mein drittes Geschlecht auszupacken, da kamen diese Wilden hereingestürmt", so der Bundeskanzler, der immer noch sichtlich unter Schock stand. "Ich danke Allah, dass ich mit dem Leben davongekommen bin." Zum Glück habe es sich bei den Indianern wohl nur um rassistische Kinder in Verkleidung gehandelt. "Entsprechend stumpf waren auch ihre Waffen", so der CDU-Politiker, der sich inzwischen an einem sicheren Ort befindet.
Woher die kostümierten Indianer kamen, ist unklar. Es wird allerdings vermutet, dass sie aus einer Hamburger Kita geflohen sind und nun Jagd auf Menschen mit Doppelnamen machen. Die Sprachpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen.
Medienexperten sind sich einig, dass dieser denkwürdige Vorfall derart skandalträchtig ist, dass er die Schlagzeilen der nächsten 200 Jahre dominieren dürfte – es sei denn, morgen passiert irgendwo irgendetwas anderes, worüber man streiten kann.


Aus: "SKANDAL! Muslimischer CDU-Kanzler auf Intersex-Toilette von kostümierten Indianern überfallen" (Mittwoch, 6. März 2019)
Quelle: https://www.der-postillon.com/2019/03/skandal.html

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Hubert

Schon wieder der pure Seximus hier! Bitte ändern Sie im Artikel "Indianer" in "Indianerinnen und Indianer".
Danke.


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Swen Ekaf

echt ein Skandal! Schon wieder eine Nichtfrau als CDU–Bundeskanzlerin.... Typisch 50er Jahre Machopartei!


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Red Hirsching

Das rassistische Hetzblatt hier musste natürlich gleich die Ethnie der Täter nennen. Ekelhaft.


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Anke

Indianer? INDIANER?!?? Das heißt Indigene Völker Nordamerikas! Ich bin empört !!


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Swen Ekaf

ich dachte die Grünen hätten die Indigene schon lange verboten?


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Zum Glück lese ich nur Qualitätsmedien, die solche Vorfälle nicht unüberlegt skandalisieren. Ich bin doch hier bei der Apothekenrundschau, oder?


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Zwölf Olf

Der Bürgermeister von Stuttgart hätte diese Rotzlöffel wegen Majestätsbeleidigung verklagt.


Quote
idiotanumerouno

Ich würde lieber etwas über Welpen lesen...


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Boris Bogunovic

Der soll froh sein, dass er hier auf ein anständiges Klo kann. In der Türkei müsste er im Stehen pinkeln.



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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #363 on: M?RZ 16, 2019, 06:37:14 nachm. »
Bei einem Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch (Neuseeland) sind am 15. März 2019 mindestens 49 Menschen getötet und weitere 40 Menschen verletzt worden. Die Tat ist nach Zahl der Todesopfer das schwerste Verbrechen in der Geschichte Neuseelands. ... (Stand: 16.03.2019)
https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_auf_zwei_Moscheen_in_Christchurch

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[...] In seinem 87-seitigen Manifest spottet der möglicherweise gleiche Täter: Spyro, ein kleiner violetter Videospieldrache, habe ihn zum Ethnonationalismus konvertiert. Er bedroht auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Tod. Sie sei "die Mutter aller anti-weißen und anti-germanischen Dinge, ganz oben auf der Liste". Wenige hätten so viel getan, um Europa zu schädigen. Die Passage endet mit den Worten: "KILL ANGELA MERKEL, KILL ERDOGAN, KILL SADIQ KHAN."

Mit Ironie und bewusster Provokation will er offenbar emotionale Reaktionen beim Publikum auslösen. So wird es fast unmöglich, sein Weltbild aus seinem Pamphlet zu rekonstruieren. Darüber hinaus will sich T. keiner bestimmten rechtsextremen Gruppe zuordnen. Lediglich gegenüber anderen Attentätern, darunter Dylann Roof und Anders Breivik, empfindet er eine Art ideologische Verbundenheit. Das Manifest des norwegischen Massenschützen sei seine "wahre Inspiration" gewesen.


Aus: "Rechtsextremismus: Was trieb den Attentäter von Christchurch an?" Patricia Zhubi (15. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-03/rechtsextremismus-terrorattentat-christchurch-pewdiepie-youtuber

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spiegelwechsler #4

Was trieb ihn an?
Der Attentäter ist nicht richtig im Kopf.
Für sowas gibt es keine Rechtfertigungen.


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ah-jun #4.1

"Der Attentäter ist nicht richtig im Kopf"

Also straffrei ab in die Klappse?


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Best Friend Tabitha #4.5

Ach die Rechten sind ja nie richtig im Kopf, wenn sie Leute umbringen. Alle anderen natürlich schon. ...


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Der freundliche Waran #4.16

Weil vom Standpunkt eines normalen Menschen aus "schlicht und einfach irre" zu sein keine geeignete Kategorisierung ist, um schwerste Verbrechen richtig einordnen zu können. Gut ein Drittel der Bevölkerung erkrankt irgendwann im Laufe des Lebens psychisch, kaum jemand begeht deswegen dann Straftaten. Umgekehrt gibts kaum Mordfälle, in denen eine psychische Erkrankung juristisch relevant ist - das ist sie nur dann, wenn jemand durch die Erkrankung die Fähigkeit verliert, seine Taten steuern zu können. Das passiert nur durch schwerste Wahnvorstellungen, "die Stimmen haben es befohlen" usw.
Bei den meisten Mördern ist das nicht der Fall und auch hier gingen die Täter wohl zu planvoll und systematisch vor, um davon auszugehen, dass es zutreffen könnte.

Was machen wir dann mit der Mehrheit der Mörder, die zwar irgendwie nicht mehr ganz sauber ticken, deren Taten sich aber nicht durch einen Verlust ihrer Steuerungsfähigkeit erklären lassen? Nun, wir sehen uns an, was sie sonst noch für Motive haben. Denn nur so finden wir heraus, warum sie nicht z.B. wie andere narzisstisch Gestörte ein unauffälliges Leben führen, in dem sie nur gelegentlich mal rumbrüllen, wenn man sie kränkt.

Nur außerhalb des pathologischen Teils ihrer Persönlichkeit finden wir den wahren Grund, warum sie Täter geworden sind. Am Ende steht bei einem steuerungsfähigen Menschen immer die Entscheidung, Täter zu werden. Die Frage ist, was zu dieser Entscheidung führt.

In diesem Fall ist es übrigens Faschismus.


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mineyanoor #4.24

Der ist genau so wenig verrückt wie alle anderen Fanatiker. ...


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vincentvision #9

Menschen wurden bewusst getötet und verletzt, nur weil sie eine andere Religion leben - damit unterscheiden sich solche Taten nicht im Mindesten von denen islamistischer Attentäter, die angeblich Ungläubige töten wollen.

Und damit geht einmal mehr die Saat derjenigen auf, die täglich gegen Menschen hetzen und sie ausgrenzen.

Und deren Hetze man größtenteils unwidersprochen lässt.

Dass es dann zu solchen Taten führt, ist keine Überraschung.

Denn seit den alltäglichen Salonrassisten ist aber genau diese Hetze unter bürgerlich-braunem Mäntelchen normal und intelligente Differenzierung bei gewissen Mitbürgern nicht mehr en vogue. ...


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AH-JA #19

Dummheit, abgrundtiefer Hass, politische Verblendung, Selbstüberschätzung und Gewaltbereitschaft werden zusammengerührt und führen zu diesen terroristischen Mordexzessen. Ein unheilvolles Gebräu von Menschenverachtung.


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GrosMorse #24

Habe das Manifest gelesen. Das ist so ein Haufen Mist, da weiß man gar nicht wo man anfangen soll. Der Mann feiert darin andere Massenmörder wie den Quebec Mosque Shooter oder den Killer von Charleston. Er schreibt außerdem, dass er Europa mit der Tat einen Gefallen getan hat und tut dies im Namen von Millionen Europäern. Er ist überzeugt, er sollte außerdem für den Friedensnobelpreis nominiert werden.
Im Manifest sind außerdem Bilder von Blonden Frauen und Kindern enthalten, die völlig verquert mit Bildern von martialischen Soldaten gemischt sind. Nordische Mythologie ist natürlich auch mit dabei.

Er nutzt die gleiche Rhetorik die die Identitäre Bewegung, Front National, Britain First und andere Rechte Bewegungen in Europa nutzen. Außerdem redet er von einem Völkermord in Europa an der weissen Bevölkerung durch die niedrigen Geburtenraten. Daher ruft er zum Mord an allen Nicht-Europäern in Australien, Europa, Argentinien, Nordamerika und Neuseeland auf. Das sind ihm zu Folge nach Bruderländer.
Die Kapitalisten sollen außerdem Millionen billig Arbeitskräfte importieren um die Kultur zu zerstören und Gewinn zu machen.
Außerdem müssen wir die Umwelt schützen um unseren ethnisch reinen Staat zu bewahren und die Kultur, die mit der Natur verbunden ist, mehr schätzen.

Das ganze Manifest ist so unfassbar rassistisch, menschenverachtend und lehnt alle Werte und Normen der westlichen Zivilisation ab.


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HelloDarknessMyOldFriend #30

Hat sich der Autor mit dem "Manifest" eigentlich überhaupt beschäftigt? Es ist wirklich eckelhaft das so vor diesen Hintergrund zu schreiben, aber das meiste davon ist ein Witz. Was aber daraus klar wird sind die Intentionen des Mörderers. Er will den "Culture War" beschleunigen. ...


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #364 on: Mai 02, 2019, 02:33:13 nachm. »
Quote
[...] Vor dem S-Bahnhof Berlin-Grunewald herrscht beinahe Partystimmung. Technobässe wummern über den Platz, auf dem mehrere Tausend Menschen in der Sonne stehen.

Bands spielen, Väter tragen ihre Kinder auf den Schultern. Plakate mit Sprüchen wie „Deine Geldanlage ist unser Zuhause“ oder „Heuschrecken grillen“ verraten jedoch, dass es um mehr als ums Feiern geht.

Auf einer Bühne steht ein Mann, auf seinem T-Shirt „Deserteur“. Er stellt sich als Breatt vor und erklärt, worum es hier geht: Berlins Nobelviertel Grunewald sei ein „Problembezirk“.

Man habe sich heute versammelt, um den reichen Villenbesitzern am Gartenzaun beizubringen, welche gesellschaftlichen Verwerfungen sie auslösen: Vielen sei ja offenbar gar nicht klar, wie sie mit ihrem „stetig wachsenden Immobilienportfolio und Renditeerwartungen Leute in ärmeren Bezirken aus ihrem Zuhause rausschmeißen“.

Es ist das zweite Jahr in Folge, dass das linke Bündnis Hedonistische Internationale am 1. Mai zum „Kiezspaziergang“ durch den Grunewald eingeladen hat. 2018 kamen rund 3000 Teilnehmer, in diesem Jahr dürften es noch mehr gewesen sein. Die Veranstalter sprechen von mehr als einer Verdoppelung. Eine offizielle Zahl gibt es zunächst aber nicht.

In der deutschen Hauptstadt, einst arm, sexy und billig, gibt es kaum ein Thema, das so viele Menschen bewegt wie der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Wohl auch deswegen diskutiert Berlin ernsthaft darüber, ob die Stadt Wohnungsbaugesellschaften wie die Deutsche Wohnen SE enteignen sollte.

Weil die Sache so wichtig sei, sei es auch wichtig, friedlich zu bleiben, sagt Organisator Breatt. Im vergangenen Jahr hatte es hier rund 100 Strafanzeigen gegeben, die meisten wegen Sachbeschädigung, weil die Demonstranten Fassaden besprüht oder Sticker auf Autos geklebt hatten. An diesem 1. Mai verlief die Demonstration bis zum späten Nachmittag gewaltfrei.

Lustig machen über die „Bonzen“ wollte man sich natürlich trotzdem. Zum Beispiel über den CDU-Bundestagsabgeordneten Klaus-Dieter Gröhler: Der habe in einem Schreiben den Anwohnern empfohlen, „hochpreisige Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen und ihre Toranlagen geschlossen zu halten“. Im Publikum höhnisches Gelächter. „Toranlage! Jeder Bezirk hat eben seine eigenen Probleme“, sagt Breatt.

Doch auch unter den vermeintlichen Bonzen gibt es Sympathisanten. Eine davon ist Birgit Huber, eine Dame um die 50, die mit ihrer teuer wirkenden Kleidung in der Masse auffällt.

Sie lebe in Charlottenburg, verdiene als Geschäftsführerin eines Krankenhauses sehr gut und zähle sich selbst zu den oberen Zehntausend. „Vor anderthalb Jahren habe ich beschlossen, wieder demonstrieren zu gehen“, sagt sie. Weil sie das Gefühl habe, in der Gesellschaft sei etwas ins Rutschen geraten.

„Die Ungleichheit in unserer Gesellschaft gefährdet die Demokratie.“ Sie sei heute hier, um die Eliten daran zu erinnern, dass mit Geld auch eine besondere gesamtgesellschaftliche Verantwortung komme.

„Ich habe das Gefühl, viele reiche Menschen in Deutschland haben die Bodenhaftung verloren.“ Insofern ergebe es Sinn, im Grunewald und nicht, wie früher, in Kreuzberg zu demonstrieren.

Weniger optimistisch, dass die Demonstration die Menschen hinter ihren Villenzäunen wachrütteln kann, ist dagegen der Kneipenbesitzer Christian, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte.

Er hält ein großes Plakat in die Höhe: „Syndikat bleibt“, steht darauf geschrieben. Die Eckkneipe „Syndikat“ ist eine Institution in Berlin-Neukölln.

Vor einigen Monaten wurde Christian und den anderen Kneipenbetreibern nach 33 Jahren der Pachtvertrag gekündigt. „Ohne jede Begründung“, sagt er.

Der Eigentümer sei eine Briefkastenfirma, und hinter der steckten Investoren, die irgendwo in Grunewald wohnten. „Die verschanzen sich hier in ihrem Villenviertel und zerstören unsere Existenz.“

Verdrängung, Zwangsräumung, Wohnungsnot und hohe Mieten sorgen in Berlin sehr viele Menschen. Weniger als ein Prozent der Wohnungen steht in der deutschen Hauptstadt leer.

In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Mietpreise verdoppelt – nirgendwo sonst im Land steigen sie so rasant.

Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft dürfte sich die Lage in den kommenden Jahren sogar noch verschärfen, denn Berlins Bevölkerung wächst schneller als die jeder anderen Stadt im Land.

Die Berliner Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen sammelt derzeit Unterschriften, um ein Volksbegehren zu beantragen. Sie verlangt, Unternehmen, denen mehr als 3000 Wohnungen gehören, gegen Entschädigung zu „vergesellschaften“.

Eine der Organisatoren ist Susanna Raab, eine kleine blonde Frau, die mit einem Unterschriftenzettel in der Menge steht. Die Soziologin setzt sich seit Jahren in verschiedenen Projekten für mehr bezahlbaren Wohnraum in der Stadt ein. Berlin steuere geradewegs auf eine Katastrophe zu, wenn die Stadt jetzt nicht schnell handele.

Ihre Forderung nach Enteignungen sei schon radikal, sagt sie selbst. Die Stadt sei aber an einem Punkt, an dem nur noch radikale Lösungen helfen könnten.

In Berlin würde zwar neuer Wohnraum gebaut, aber viel zu teuer und damit völlig am Bedarf vorbei. „Zwei Drittel aller Berliner verdienen so wenig, dass sie Anrecht auf einen Wohnberechtigungsschein haben“, sagt Raab.

Die Stadt müsse ihren Bestand an bezahlbaren Mietwohnungen daher deutlich erhöhen – das ginge kurzfristig am besten über Enteignung: „Wir sind überzeugt, dass das eine mietpreisbremsende Wirkung auf die gesamte Stadt hätte.“

Offenbar gibt es eine ganze Menge Menschen in Berlin, die ihrer Meinung sind. Der Unterschriftenblock von Susanna Raab füllt sich schnell. Um ein Volksbegehren zu beantragen, braucht die Initiative 20.000 Unterstützer. Raab sagt, die nötigen Unterzeichner hätten sie schon locker zusammen.


Aus: "Enteignungsdemo im Villenviertel" Tina Kaiser (02.05.2019)
Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article192790071/1-Mai-in-Berlin-Enteignungsdemo-im-Villenviertel.html

Quote
jobst v.

 Ich würde es mal mit Arbeit probieren. Arm und sexy war Euer Motto, jetzt kommen die Konsequenzen.


Quote
Graf Krollock

 Bei Demonstrationen schau ich immer gerne in die Gesichter der Demonstranten. Kann ich mich mit den Teilnehmer identifizieren?
Schau ich mir die Gesichter dieser Leute an, ganz sicher nicht: Alle Wohlstandskinder ohne jegliche Leistungsbereitschaft.


Quote
Günter F.

 Wird es Zeit dieses Land zu verlassen ? Klima Greta, Enteignungs- Fetischisten und die Antifa, die auch bei dieser Demo fleissig mitläuft, sorgen bei mir für ein flaues Gefühl.  Ich bin wahrlich kein Freund von Turbokapitalismus, aber ohne klare Differenzierung geht es auch nicht. Ich als normaler Arbeiter und Steuerzahler sage es einmal so, es gibt auch und das ist die klare Mehrheit, auch anständige Geldsäcke !

Quote
Fingerinderwunde F.

 Die leute die enteignen wollen, haben selber nichts auf die reihe bekommen.
Wollen aber das haben was den anderen gehört.
Kommt mir bekannt vor.


Quote
Marcus W.

 Und wenn man den Bestand an bezahlbarem Wohnraum dann erhöht hat, kommen wieder doppelt so viele neue Hipster nach Berlin, wie es Wohnungen gibt ....


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Carl T.

 Allein schon die Debatte um Enteignungen wird Deutschland weiter runterziehen und ärmer machen.
Investitionen werden zurückgestellt, nicht nur bei Immobilien, dank SPD Kühnert auch in der Industrie.
Vermögende machen sich aus dem Staub und der Kuchen wird noch kleiner werden. ...


Quote
Betty B.

 Aus diesen Demonstranten und ihren Forderungen spricht der pure Neid.
Sie haben es zu nichts gebracht und machen andere dafür verantwortlich.


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Susanne S.

 Ich bin wirklich geschockt ueber diese meiner Ansicht nach dumme Kurzsichtigkeit dieser sogenannten
Demonstranten. Denken diese wirklich das den Eigentuemern dieser Grundstuecke  nichts dafuer getan
haben um diese zu besitzen? Also muessen diese enteignet werden um ihnen einen besseren Lebensstandard zu bescheren?
Zusaetzlich bin ich geschockt ueber den Stil der Berichterstattung von Welt!


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Uwe T.

 Stimmt, der Inhaber von KIK bezahlt Mindestlohn an seine Mitarbeiter und wohnt selbst in einer Villa.


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Monika S.

 Ich wohne am Stadtrand von München und war kürzlich in Berlin....für was protestieren die eigentlich? Noch billiger als dort gehts ja schon fast nicht mehr....


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Arne D.

 Naja, aus Sicht der sozialistischen Träumer in Berlin ist es eine Zumutung, überhaupt für etwas zahlen zu müssen, das ja schon da ist.


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Heiko T.

 Sind diejenigen, die die Wohnungsknappheit beklagen, nicht dieselben, die für  offene Grenzen sind und am liebsten ganz Afrika nach Deutschland holen wollen ?
Über 2 Millionen illegale Migranten in den letzten Jahren, dazu jährlich noch 2,3 Großstädte zusätzlich - die wandern nicht nur in unsere Sozialsysteme ein, die benötigen auch hunderttausende Wohnungen !


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Udo G.

 Die einfachen kausalen Zusammenhänge zu erkennen ist halt nicht die Stärke der linksorientierten Gesellschaft in Berlin.


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Carlos T.

 Wenn ich mir ansehe wer da so mitläuft, wird mir ganz anders. Menschen die ihre Kinder instrumentalisieren. Oder welche die überhaupt keine Lust haben für ihr Geld zu arbeiten. Bzw. sich den gesellschaftlichen Normen nicht anpassen wollen. ...


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Pina L.

 Ja haben wir denn wieder Sozialismus?


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A. W.

 Wahrscheinlich sind die Mieten noch nicht hoch genug, da es Leute immer mehr nach Berlin, Hamburg oder München zieht. Warum soll ich die Miete nach den Wünschen der Mieter anpassen.  ...


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luka p.

 Die Sonnenbrille für 400 Euro, aber dem russischen Kindermädchen 1,50 Euro zahlen, das sind diese Dauerdemonstranten, man hat wichtigeres zutun als auf seine Kinder aufzupassen. Und was mich persönlich aufregt, es ist immer Berlin, man hat es ja. Man sollte diese Stadt den 4 Siegermächten zurückgeben.


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John L.

 Das lustige, oder traurige - je nachdem wie man es sehen will - an der Sache ist das es wahrscheinlich gerade die Wähler von SPD und Grüne sind die auf die Straße gehen und nach Enteignung schreien und dabei vergessen haben das es genau diese Parteien waren die vor 15 Jahren dafür verantwortlich waren das über 50000 Wohnungen zu einem Spottpreis verscherbelt worden sind. An wen? An genau jene die man jetzt enteignen will...


Quote
Mark B.

 vielleicht sollten wir denen allen mal eine Woche Venezuela / Cuba Urlaub schenken, dann können sie sich ja selber ein Bild davon machen, wie gut Sozialismus und Enteignungen funktionieren. Und zum Thema "günstiger" Wohnraum, sollen sie mal mit ihrer Wunschpartei den Grünen sprechen, die durch ihre Auflagen größtenteils dafür verantwortlich sind, dass man unter €3.000 / qm nicht mehr bauen kann und die vor allem in Berlin kaum noch Flächen freigeben..


Quote
Primus V.

 Die Neidgesellschafft geht auf die Strasse.
Schon bedrückend, dass die Menschen die Konsequenzen ihrer Wahlentscheidungen nicht verstehen.
Selbst wenn sie von der Realität eingeholt werden und soviel Leidensdruck verspüren, dass sie auf die Strasse gehen, können sie Ursachen und Wirkung nicht einschätzen.


Quote
Uwe H.

 Wie sehen eigentlich die Antworten der AFD zu diesem Thema aus oder ist das noch wichtig?


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Christan M.

 Bitte uns hängen deren Plakate: keine Enteignung!

Soweit eindeutig..


Quote
Christiane B.

 Nicht alle Wohlhabenden sind Mietspekulanten oder Lottogewinner. Viele arbeiten jahrzehntelang 60 bis 70 Stunden die Woche. Danach sehen die meisten Demonstranten nicht aus. ...


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Stefan U.

 Warum demonstrieren die eigentlich nicht vorm Abgeordnetenhaus oder der EZB? Da sitzen die eigentlichen Verursacher der Misere...aber billiges Ressentiment gegen Bonzen ist halt einfacher. Und endet, wie Kollege Don schon richtig festgestellt hat, bei aller Konsequenz im Gulag.


Quote
Alexander G.

 Bei "Enteignung" denken jetzt viele, dass tatsächlich die"Grossen" dran wären. Wobei fast Niemand etwas mit Namen wie BlackRock, Norges, Lansdowne Partners, Massachusetts Financial Services anfangen kann. Diese Gesellschaften haben ihren Sitz gar nicht in Deutschland. Ob ein paar Naivlinge im Grunewald runtorkeln ist denen egal. Diese Unternehmen sind rechtlich nicht erreichbar. Was die Leute nicht verstehen ist, dass die "Grossen" die Politik machen. ...


Quote
Paul O.

 Soso, die Bösen wohnen also im Grunewald. ...


Quote
Frank P.

 Solche Enteignungs-Phantsien schrecken alle ab, die bereit sind in Deutschland zu investieren. Man sollte sich darüber klar werden, welch ein Bild hier nach außen getragen wird. ...


Quote
Wolfgang E.

 Hässliche Bilder mitten aus Deutschlands sog. Mitte der Gesellschaft.


Quote
Thomas H.

 Wie lange schauen wir uns schon die linksgrüne Versuchsanstalt „Berlin“ an, pumpen Jahr für Jahr Milliarden Hart verdienter Steuergelder dorthin, damit sie dort ihren marxistischen Fasching feiern können?? ... Vermutlich versorgen wir die Leistungsverweigerer inzwischen zu gut. Verbunden mit zuviel Freizeit steigt das einigen wohl zu Kopf.

Und Kevin, Du der das Berufsleben nur aus der Theorie kennst, willst hier den grossen intellektuellen Zampano spielen und den Leistungsträgern erklären die Welt funktionieren sollte. Das war Anfangs ganz amüsant. Doch Du solltest Dir langsam mal einen richtigen Job besorgen.


Quote
Kalle

 Natürlich, sie Neiddebatte wird weiter gepflegt. Ich wohne auch zur Miete, bin abhängig Beschäftigter. Wenigstens gehe ich einer Tätigkeit nach, das lässt sich bei den "Aktivist$€¥¢×#*... Innen" vom "Syndikat" nicht so einfach vermuten.
Und ich habe den Mut zu zugeben, dass ich nicht mein Geld einem unternehmerischen Risiko aussetze, um zu investieren. So bin ich nicht der Verwirklicher von Geschäftsideen, sondern eher meiner egoistischen Konsumwünsche.
Daher kann ich auch nicht Eigentum schaffen, dass andere beneiden und ohne eigene Leistung begehren.
Vor meiner Toreinfahrt im Wohnhaus hat übrigens keiner demonstriert.


Quote
Benis Johnson

 Das ist ehrenhaft, schön den Gratismut zur Schau zu stellen!


Quote
Rantamplan

 Die Mieten in Berlin sind weder im nationalen, noch im internationalen Vergleich hoch. Sie bewegen sich lediglich ausgehend von sehr niedrigem Anfangsniveau Richtung Normalität. ...


Quote
Andres A.

 Wir werden erleben, dass die Leute sich einzäunen werden. Dann fährt nur noch der rein, der darf. Die anderen beissen die Hunde, später dann (so in 10-15 Jahren, wenn wir nochmal 3 Mio Kulturfremde mehr hier haben) wird scharf geschossen.


Quote
Nordlicht

 Vor 30 Jharen gingen die Bürger der DDR auf die Straße um das System des real existierenden Sozialismus abzuschaffen. Heute wird für die Wiedereinführung der DDR demonstriert. ...


Quote
Conrad L.

 Vor einigen Jahren habe ich nah einer Wohnung in Berlin zur Geldanlage gesucht - ich bin ja selbstständig und muss mich für die Rentenzeit irgendwie aufstellen und absichern.
Der Invest fand dann aber in Rostock statt.
Den Mietern der vermieteten Wohnung, die ich kaufte, sagte ich mit dem Kauf (sozusagen zur Beruhigung) zu, die Miete 5 Jahre nicht erhöhem zu wollen - obwohl diese zum Kaufzeitpunkt eher niedrig war.
Warum ich in Berlin nicht investierte: Misstrauen gegen die linke Regierung und gegen Teile der Stimmung in der Stadt.
Ich glaube, die Rostocker hats gefreut.


Quote
Lothar R.

 Das ist doch Prima, was die Geschäftsführerin des Krankenhauses sagt, ich hoffe doch, dass sie ein Wohnhaus baut und es deutlich unter Marktwert an die mit Demonstranten vermietet. 


Quote
Birgit D.

 Die Enteignugsfantasien linker und grüner Politiker sind verfassungswidrig und gefährden den sozialen Frieden in Deutschland ...


Quote
MaKiLu

 Wurden auf der Demo auch "Refugees Welcome" Banner herumgetragen?

Das hätte die Schizophrenie und das völlige Fehlen von wirtschaftlichem Basisverständnis besonders schön gezeigt. "Links" in Deutschland ist nur noch ein "Lifestyle" - unreflektiert, einseitig und ohne den Anspruch, noch irgendetwas mit der Realität zu tun zu haben.


Quote
Dr. M.

 Als "Irgendwas-mit-sozial"-Student wird man sich nie ein Haus in Grunewald leisten können. Da hilft auch kein Trommeln am Tag der Arbeit.


Quote
Nadja S.

 Es geht auch nicht drum, sich ein Haus in Grunewald leisten zu können. Das Schlimme ist ja, dass man sich als Normalverdiener auch eine normale Wohnung in Kreuzberg nicht mehr leisten, wenn die Mieten ständig steigen und man aus seinem Zuhause vertrieben wird. ...


Quote
Gerhard B.

 Wenn das so weitergeht werden „die Reichen“ Berlin und Deutschland verlassen und ihr Geld und Vermögen z.B. in der Schweiz anlegen, dort ist es sicher vor Enteignung und linksgrüner Verleumdung.
Das tut sich auf Dauer niemand an. ...


Quote
Daniel D.

 Alle reden von der braunen Suppe, rechter Rand, Nazis, Populisten...
Aber was ist mit der Linken und Grünen Gefahr für Deutschland? ...


Quote
Hans K.

 Naja auch wenn ich die Meinung der Demonstranten nicht teile, sind Soziologinnen und Kneippenbesitzer weniger beängstigend als eine Horde Glatzen.


Quote
albin h.

 Es geht hier nicht um Arm und Reich.  Es geht hier darum wer fuer die billigen Mieten zahlen soll.  Der Mieter, der Vermieter, Steuerzahler oder der liebe Gott? 


Quote
Moritz L.

 Berlin muss aufpassen mit allem. Wäre ich Investor, ich würde nicht in Berlin sondern woanders investieren. Diese Demos will kein Investor hören oder sehen.


Quote
Dominik R.

... Arbeit muss sich lohnen das bedeutet nicht dass jeder 100.000€ verdienen muss denn das wäre nur weitere Geldentwertung. Andersherum wird ein Schuh daraus, wer nicht arbeitet der muss nicht alles haben können. ...


Quote
Claudia M

 Berlin, das Mekka der Leistungsempfänger, möchte noch mehr Multi und Kulti, noch mehr Menschen und wundert sich über Probleme. ...


Quote
Peter R.

 Unser Land verkommt total. Gibt es nur noch Irre? ...


Quote
christian h.

... Weniger Sozialismus wagen!


Quote
Homunkulus

 Sozialismus funktioniert nicht. Mehr ist dazu nicht zu sagen.


Quote
Christopher Marlowe

 Spielen die '68?


Quote
Renate S.

 Mir riechen diese "Spaziergänge" nach beginnendem Progrom. ...


Quote
Piepengrün

... Verwelkte, Verkrampfte, Verhetzte.
Geisterstunde in Deutschland.


Quote
Morpheus

 Diese Leute tun nichts für die Allgemeinheit. Denen geht's nur ums eigene Süppchen. Sie wollten vor allem sich selber schützen.
Gentrifizierer der ersten Stunde sind das, die jetzt durchdrehen.


Quote
Niko L.

 Dann lasst uns die enteignen, die das fordern: Grüne, Linke und Teile der SPD, sowie ihre Wähler. Damit wäre ich vollkommen einverstanden. ...


Quote
Uwe M.

 Einfach nur peinlich.
Was ist aus der Leistungsgesellschaft geworden?
Was haben wir da groß gezogen?


Quote
Teetrinker

 "die mit ihrer teuer wirkenden Kleidung in der Masse auffällt."

Ein. Brüller!


Quote
Köln GD

 Kommunisten, Spinner und Individuen, die weder eigene noch gesellschaftliche Werte geschafft bzw. schaffen werden.

Über Generationen staatlich versorgter 68er Bildungsplebs.


Quote
Michael Z.

 Die Leute auf den Abbildungen sehen nicht so aus, als hätten diese jemals einen Stein bewegt. Das überlässt man gerne anderen.


Quote
Feli citas

 Mein Papa (Diplom-Mathematiker) ist sein Leben lang 1.5h mit der Bahn nach München hin und 1.5h wieder zurück gependelt. Eine Wohnung hätten wir uns dort auch noch leisten können. Stattdessen hat er seiner Familie ein Kleinstadtleben ermöglicht und ich erbe 3 Häuser. Seine Kindheit verbrachte er übrigens mit Ochsenpflug auf dem Feld! Von nichts kommt nichts, liebe Linken.


Quote
DerDreisatz

 Richtig, nichts wertvolles fällt einem einfach so zu. Wer erfolgreich sein oder reich werden will, hat zwangsläufig eine Zeit der Entbehrungen. Das kann sogar über Jahrzente gehen, ohne Garantie auf Erfolg.

Und wer Kinder hat, wird ohnehin versuchen, dass es ihnen besser geht und wenn es auch nur drei Häuser auf dem Land sind.


usw.

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #365 on: Mai 07, 2019, 02:30:53 nachm. »
Quote
[...] Sama Maani Sama Maani, Schriftsteller und Psychoanalytiker. Publikationen (u.a.): "Ungläubig" (Roman), "Der Heiligenscheinorgasmus und andere Erzählungen". 2018 erscheint der Roman "Teheran Wunderland" bei Drava.


 Bis in die 1990er-Jahre behauptete der Diskurs der Rassisten und "Ausländerfeinde" in Österreich und in Deutschland, die Türken würden "uns" deshalb Probleme bereiten, weil sie Türken seien. Seit dem Erstarken des sogenannten politischen Islam, vor allem seit den Anschlägen von 9/11, behauptet der neue rassistische Diskurs, die Türken (die Araber, die Nordafrikaner, die Iraner ...) würden "uns" Probleme bereiten, weil sie Muslime seien. Seither gilt der Islam als eine – mit Marx zu sprechen – den Türken (den Arabern, den Nordafrikanern ...) "an und für sich selbst zukommende Eigenschaft". Die Kategorie "Islam" funktioniert hier als Fetisch im Marx'schen Sinn: Eine gesellschaftlich (sprich durch das Sich-Bekennen gläubiger Muslime oder durch die Fremdzuschreibung an die Adresse tatsächlicher oder vermeintlicher Muslime) hergestellte Verknüpfung zwischen einzelnen Subjekten und dem Islam erscheint als eine naturgegebene. Der Zusammenhang zwischen dem Islam und den Türken (den Arabern, den Iranern ...) wird als ein unauflöslicher, quasi genetischer aufgefasst. -

Diese "volle Identifizierung" von real existierenden Individuen mit der imaginären Kategorie Islam (imaginär, weil es sich hier um Glaubensvorstellungen handelt) ist unabdingbare Voraussetzung des neuen Rassismus. Voraussetzung für die Kritik dieses Rassismus wäre daher die Kritik dieser Voraussetzung. Der sich selbst als "antirassistisch" missverstehende Diskurs des linken und liberalen Mainstreams kann diese Kritik aber schon deshalb nicht leisten, weil er mit den Hetzern von FPÖ, AfD und Co die Grundvoraussetzung ihres Diskurses teilt – ebenjene Ideologie der "vollen Identität" (Isolde Charim)¹ zwischen Individuen aus bestimmten Ländern und dem Islam, was sich deutlich an Kampfbegriffen wie "Islamophobie" ablesen lässt: Wer nicht müde wird, die Angst vor dem Islam beziehungsweise die Feindschaft gegen den Islam als "rassistisch" zu bezeichnen, für den existiert ein unauflöslicher Zusammenhang zwischen der imaginären Kategorie "Rasse" und – einem Glaubensbekenntnis. "Rassistisch" wäre "Islamophobie" dann (und nur dann), wenn wir den Islam zur unauflöslichen, "rassischen" Eigenschaft von Türken, Arabern oder Iranern erklärten – eine ihrerseits zutiefst rassistische Position. Denn: Rassistisch ist selbstverständlich nicht die Angst vor einem – oder die Ablehnung eines – Glaubensbekenntnis(ses), sondern einzig die falsche – und fixe – Verknüpfung von Herkunft und Religion.

Für "Antirassisten" des linken und liberalen Mainstreams hat – genauso wie für die Rassisten von FPÖ, AfD und Co – die Beziehung vermeintlicher oder tatsächlicher Muslime zum Islam einen buchstäblich existenziellen Charakter. Menschen, die aus Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit stammen oder einen entsprechenden "Migrationshintergrund" haben, kommt aus dieser Perspektive außerhalb der Sphäre des Islam kein Existenzrecht zu. Der vermeintliche oder tatsächliche Muslim ist aus dieser Sicht durch und durch Muslim, scheint mit dem Islam nicht bloß identifiziert, sondern identisch zu sein. Was hier (meist unbemerkt) auf der symbolischen Ebene des Diskurses passiert, hat im Umgang vieler islamischer Gesellschaften mit dem Phänomen der Apostasie (des Abfalls vom Islam) eine unheimliche reale Entsprechung: In Saudi-Arabien, dem Sudan, dem Jemen, dem Iran, Katar, Pakistan, Afghanistan, Somalia und Mauretanien kann der Abfall vom Islam mit dem Tod bestraft werden.

Was würde es aber bedeuten, diese weitverbreitete Ideologie der "vollen Identität" zu brechen, jene falsche fixe Verknüpfung zwischen dem Islam und Individuen aus Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit aufzulösen? Es würde zum einen dem trivialen Umstand Rechnung tragen, dass Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit selbstverständlich nicht nur aus bekennenden Muslimen bestehen, sondern auch aus Christen, Juden, Atheisten, Agnostikern et cetera, und dass das natürlich auch für aus diesen Ländern stammende Migranten gilt: jene vermeintlichen – aus Sicht der FPÖ und der Pegida-Rassisten "optischen" – Muslime, denen häufig dieselben Ressentiments entgegengebracht werden wie ihren muslimischen Landsleuten. Entscheidender ist aber, dass ein erstaunlich großer Teil der in Deutschland lebenden Migranten oder der Menschen mit "Migrationshintergrund", die aus Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit (und auch tatsächlich aus muslimischen Familien) stammen, in Umfragen angibt, nicht Muslim zu sein – so etwa 50 Prozent der aus dem Iran, 63 Prozent der aus Südosteuropa und 36 Prozent der aus dem "Nahen Osten" stammenden Befragten. Für die deutsche Bundesregierung hingegen zählen all jene Migranten, die aus einem "mehrheitlich muslimischen Land" stammen, sowie alle deutschen Staatsbürger mit einem entsprechenden "Migrationshintergrund" als Muslime – cuius regio, eius religio (wes der Fürst, des der Glaub').


Aus: "Warum wir Linken über den Islam nicht reden können" Sama Maani (10. Jänner 2017)
Quelle: https://derstandard.at/2000050315751/Warum-wir-Linke-ueber-den-Islam-nicht-reden-koennen-1

Quote
Larporello, 15. Jänner 2017, 19:14:15

"Warum wir Linken über den Islam nicht reden können"
Der Grund ist eigentlich ganz einfach, da muss man gar nicht viele Wort verlieren: Der Islam steht aus westlicher Perspektive für das Andere und das Fremde. Außerdem wird er als Religion von unterprivilegierten 'People of Color' wahrgenommen (auch wenn er das in der Praxis häufig nicht ist).
Deshalb triggert Kritik am Islam bei vielen Linken die gleichen psychologischen und moralischen Reflexe wie wenn jemand schlecht über Schwarze redet oder über Homosexuelle herzieht.


Quote
standardposting 24. Jänner 2017, 21:37:34

Da werden "Linke" genauso rassistisch-ideologisch diskriminiert, wie das im Artikel der Fall für Angehörige aus mehrheitlich islamischen Ländern der Fall ist! Natürlich dürfen Linke genauso über den Islam reden und ihn kritisieren, wie alle anderen! Genauso wie über alle anderen Religionen. Die Diskussion über eine Religion per se als rassistisch unterbinden zu wollen, ist abstrus.


Quote
Strellnikow, 15. Jänner 2017, 15:38:28

die Linke?
fühle mich als Linker hier nicht angesprochen und rede offen und kritisch über den Islam sowie über alle anderen Religionen, auch über Linke die aus falsch verstandener Toleranz Intoleranz akzeptieren wollen...


Quote
Nörgler, 14. Jänner 2017, 07:51:41

Einfluss der Sozialisierung
Schön und gut, aber Menschen, die in einem islamischen Staat sozialisiert wurden, ticken einfach anders als Menschen, die nach dem WK2 in unseren Breiten sozialisiert wurden. Diesen Aspekt vermisse ich in dem Artikal, und Marx ist schon lange tot.


Quote
lesmuts

13. Jänner 2017, 15:02:50

Der Islam ist heute mehrheitlich eine Proletarierbewegung, die sich sowohl in vielen muslimischen Ländern (siehe z.B. Muslimbrüder oder AKP) wie in den europäischen Einwanderungsländern mit postkolonialem Pathos und Leberwurstbeleidigtheit gegen den "bösen Westen" und die "verderbten Eliten" wendet - dramaturgisch ganz ähnlich dem europäischen Faschismus des 20 Jhdt.
In der Türkei funktioniert dieser Schmäh heute so gut, dass dort ein pseudoislamischer Diktator unter tosendem Beifall der schadenfrohen Massen die Macht an sich reißt und der Opposition zu Leibe rückt, im Iran dasselbe 40 Jahre früher.
Hierzulande schaut es eher noch schlimmer aus unter den Migraten, v.a. den Türken, der Autor möge aber gerne jene selber zum Islam befragen.


Quote
gelöschter User
12. Jänner 2017, 21:26:29

Die Sorgen der Linken erschöpfen sich meist in
endlos langen Diskussionen über Herkunft, Rasse, Ethnie oder Religion von meist armen Menschen - und wie kann man als Linker, aus dieser eigentlich unlösbaren Gemengelage, moralisch erhaben, seinen Nimbus als P.C. Charakter bewahren.
Solche unlösbaren Problemfelder wird es solange geben, solange es Religionen und verschiedene Kulturen auf diesem Planeten gibt.
Lieber sollten sich Linke, mit der gleichen Energie, den wirklichen Gefahren für Staaten und Gesellschaften zuwenden - und die kommen aus der Wall Street, der City of London oder Hongkong - dort fragt keiner nach der Herkunft, der Rasse oder der Religion der Akteure;
und der Götze, dem sie sich alle unterworfen haben, könnte irgendwann einmal alle Religionen dieser Welt ersetzen...


Quote
Ausgeflippter Lodenfreak

12. Jänner 2017, 17:03:31

In Wirklichkeit ist ja "Islam" bei uns in der Zuwanderungsdiskussion nicht einfach die Religion sondern ein Code für Fremdheit. Religion und Herkunft werden nicht miteinander verknüpft, sondern sind Codes für eine besonders große Fremdheit die bei uns Probleme verursacht.
Ab einem gewissen Ausmaß an Fremdheit wird diese von vielen als Problem empfunden, weil sie einen Gegensatz und keine Ähnlichkeit darstellt und die größte Gemeinsamkeit vieler großer und sehr großer Gruppen welche diese Schwelle der Fremdheit überschreiten, ist nun einmal in der Österreichischen und Europäischen Realität der Islam.


Quote
Bankert

12. Jänner 2017, 08:55:26

aufs Simpelste ausgedrückt: Die Linken haben Angst als Rassisten zu gelten, obwohl Religion keine Ethnie ist. Dabei waren die alten Linken religionskritisch.


Quote
früherhättsdesnetgeben

11. Jänner 2017, 16:54:23

Ein langer Artikel für einen einfachen Zusammenhang: Religionskritik hat nichts mit Rassismus zu tun.

Was wir bei unserer eigenen Religion täglich leben, die Sozis allen voran, sollten wir endlich einmal auch auf andere Religionen anwenden. Kritik am Papst ist ja auch keine Kritik an den (mehrheitlich katholischen) Österreichern, also warum sollte das beim Islam anders sein? Wenn der Papst Frauen das Priestertum verwehrt gibt es einen Aufschrei, beim Islam kräht kein Hahn danach.


Quote
cba

11. Jänner 2017, 17:27:36

> Religionskritik hat nichts mit Rassismus zu tun

zeitgenössischer rassimus tarnt sich häufig als 'religionskritik'


Quote
Hans Müller1

11. Jänner 2017, 16:39:21

naja, ist schwierig zu trennen, denn im Islam gibt's keine Glaubens- und Gewissensfreiheit. Man braucht nur mit einem Türken mal drüber reden warum er nicht x oder y macht (gegen den Willen der Familie) - die Antwort ist meistens einfach nur: "Du hast keine Ahnung wie das bei uns ist".  ...


...

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #366 on: Mai 16, 2019, 09:03:26 vorm. »
Quote
[...] In den USA scheint derzeit ein Wettstreit abzulaufen, wer das schärfste Abtreibungsrecht verabschieden kann. Genauer gesagt sind es die republikanischen Hochburgen, die sich hier zu überbieten versuchen. Jüngstes Beispiel ist Alabama, jener Bundesstaat im amerikanischen Süden, in dem die Zustimmung zu US-Präsident Donald Trump regelmäßig einen landesweiten Spitzenwert einnimmt.

Mit einer Mehrheit von 25 zu sechs Stimmen verabschiedete der Senat von Alabama am späten Dienstagabend (Ortszeit) das wohl schärfste Abtreibungsgesetz des Landes. Wohlgemerkt: mit 25 Stimmen ausschließlich weißer Männer. Es gibt dort überhaupt nur vier Senatorinnen, und diese gehören alle der Demokratischen Partei an.

Das Gesetz, so es denn wie erwartet von der republikanischen Gouverneurin Kay Ivey unterzeichnet wird, würde fast alle Schwangerschaftsabbrüche untersagen. Ausnahmen gäbe es nur noch, wenn das Leben der Mutter in Gefahr oder das Kind nicht lebensfähig wäre. Nach einer Vergewaltigung oder in einem Fall von Inzest müsste eine Frau dagegen das Kind zur Welt bringen. Ärzten, die Frauen in einer solchen Notlage helfen wollen, drohen zwischen zehn und 99 Jahren Haft.

Der Aufschrei ist riesig – und prallt doch an der republikanischen Mehrheit ab. Der Oppositionschef Bobby Singleton warf den Unterstützern des neuen Gesetzes vor, sie hätten „den Staat Alabama gerade selbst vergewaltigt“. Planned Parenthood, eine auf Familienplanung spezialisierte Organisation, sprach von einem „dunklen Tag für Frauen in Alabama und dem ganzen Land“. Die Politiker des Bundesstaates würden wegen ihrer Entscheidung „für immer in Schande leben“. Für die Nationale Frauen-Organisation ist das Gesetz schlicht „verfassungswidrig“.

Welches Leid entsprechende Gesetze mit sich bringen können, zeigt ein aktueller Vorfall in einem anderen Bundesstaat. In Ohio wurde ein elfjähriges Mädchen entführt und vergewaltigt. Sie ist schwanger – und muss das Baby behalten, obwohl sie selbst eigentlich noch zu jung zum Kinderkriegen ist. Dabei ist die Begründung für die Gesetzesverschärfung eigentlich, dass damit die Rechte derjenigen geschützt werden sollen, die „am meisten verwundbar“ seien.

Solche Extremsituationen drohen nicht nur in Ohio. Auch in Mississippi, Georgia und Kentucky sollen nach dem Willen der Gesetzgeber Frauen nicht mehr abtreiben dürfen, wenn der Herzschlag des Embryos zu hören ist, darum heißen diese Gesetze „Heartbeat Bill“. Das kann bereits ab der sechsten Woche der Schwangerschaft der Fall sein, zu einem Zeitpunkt, an dem vielen Frauen noch gar nicht klar ist, was sich in ihrem Körper entwickelt. Georgia geht sogar so weit, dass einer werdenden Mutter bei einer Fehlgeburt Ermittlungen und eine Anklage drohen. Hier immerhin sind Vergewaltigung und Inzest Ausnahmen.

Nun ist es so, dass Frauen in den USA seit 1973 grundsätzlich das Recht haben abzutreiben. Diese Entscheidung fällte der Supreme Court in dem Präzedenzfall „Roe versus Wade“. Alle diese harten Gesetze, die derzeit verabschiedet werden, können daher zunächst auch gar nicht in Kraft treten.

Ihren Befürwortern geht es aber ohnehin um Größeres. Das hat die Republikanerin Terri Collins, die das Gesetz in Alabama eingebracht hat, im Vorfeld deutlich gemacht: „Wir wollen ,Roe versus Wade’ kippen und den Staaten erlauben vorzugehen, wie sie wollen.“ Wenn nun Frauen- und Bürgerrechtsgruppen gegen die neuen Gesetze klagen, so das Kalkül, dann steht die Grundsatzentscheidung auf einmal wieder zur Debatte. Und diese Debatte könnte im Supreme Court anders ausgehen als noch vor 46 Jahren.

Dafür hat Trump gesorgt. Gleich zwei konservative Oberste Richter konnte der Präsident in seiner bisherigen Amtszeit bereits nach Washington schicken: Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh. Personalentscheidungen, die gerade seine erzkonservativen Anhänger bejubelten – und die Liberalen erbittert bekämpften; sie ahnten, was diese Richterbesetzungen für Folgen haben könnten. Denn auf einmal haben die Anhänger der „Pro Life“-Bewegung Grund zur Hoffnung, dass „Roe versus Wade“ in naher Zukunft doch noch gekippt werden könnte.

Der Präsident weiß, wie wichtig die Evangelikalen für seine Wiederwahl sind. Gerade erst hat er ihnen am „Nationalen Gebetstag“ Anfang Mai versprochen, er werde eine „Kultur des Lebens“ aufbauen. Dabei kündigte er an, die Rechte von Ärzten und anderen Gesundheitsmitarbeitern zu stärken, die aus Glaubensgründen keine Abtreibungen oder andere medizinische Eingriffe wie Sterilisation und Sterbehilfe durchführen wollen. Schon jetzt haben Frauen in manchen Staaten Schwierigkeiten, überhaupt noch einen Arzt zu finden, der Abtreibungen durchführt.


Aus: "Abtreibungsgegner machen mobil" (15.05.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/kulturkampf-in-den-usa-abtreibungsgegner-machen-mobil/24345630.html

Quote
wilhelm 15.05.2019, 17:31 Uhr
Kulturkampf?

[Politiker beugen sich sich den Evangelikalen, die sich an einem Buch aus vorwissenschaftlicher Zeit festgebissen haben, die dieses Buch wörtlich auslegen bis hin zum Kreationismus. Diese Leute glauben, allein durch Berufung auf ihren Gott anderen Menschen Vorschriften machen zu dürfen. Diesen Leuten muss einmal klipp und klar gesagt werden, dass die Zeit, und mit ihr Wissenschaft und Philosophie, nicht bei Abraham und nicht bei Jesus stehen geblieben sind, dass sie zwar glauben können was immer sie wollen, aber mit ihrem Gott und ihrem Glauben keine anderen Menschen zu behelligen haben.]

Ein Kampf archaischer Postulate und Dogmen gegen Wissenschaft und Vernunft. Wären diese Leute nicht in den USA sondern in den Hindu-Regionen Indiens geboren, würden sie mit dem gleichen Eifer und mit der gleichen Inbrunst und mit der gleichen Überzeugen die dort geltende Götter, Dogmen und Rituale verfechten.

Zufall von Zeit und Ort der Geburt als Fundament des Götterglaubens: Dagegen ist selbst Treibsand weit tragfähiger.


...

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #367 on: Juni 03, 2019, 12:06:02 nachm. »
Quote
[...] Die Ibiza-Affäre, auch Strache-Affäre oder Ibizagate genannt, ist ein politischer Skandal in Österreich, der im Mai 2019 zum Bruch der Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ führte. ... Strache und Gudenus unterhalten sich in den bisher bekannten Videoausschnitten mit den beiden anderen Personen über mögliche Großinvestitionen der vermeintlichen Russin in Österreich, mögliche Spenden an die Freiheitliche Partei sowie über eventuelle Gegengeschäfte für solche Investitionen und Spenden. Sie selbst gibt an, mehrere hundert Millionen Euro ihres Vermögens für solche Investitionen bereitstellen zu können.

Strache spricht im Video von einer möglichen Übernahme der Kronen Zeitung, der größten Tageszeitung Österreichs, durch die „Russin“. In diesem Fall müsse man „ganz offen reden“. Strache deutet indirekte Beeinflussung der Berichterstattung dadurch an, „drei, vier Leute […] pushen“ und „drei, vier Leute […] abservieren“ sowie „gleich nochmal fünf neue aufbauen“ zu wollen. Weiter gibt Strache an, würde die Kronen Zeitung „zwei, drei Wochen vor der Wahl“ plötzlich die Freiheitliche Partei „pushen“, wäre bei der Nationalratswahl ein Stimmenanteil von 34 Prozent möglich. Er schlägt auch vor, die Frau könne zur Unterstützung der Freiheitlichen Partei an einen gemeinnützigen Verein spenden, da auf diesem Weg auch bei größeren Geldbeträgen eine Meldung an den Rechnungshof sowie die Gesetze zur Parteienfinanzierung umgangen werden könnten ...

... Der Eurodance-Hit We’re Going to Ibiza aus dem Jahr 1999 von der niederländischen Musikgruppe Vengaboys etablierte sich als Protestlied der Affäre und stieg in der Woche, nachdem das Video mit Strache veröffentlicht worden war, in Österreich auf die obersten Chart-Plätze der Streamingdienste. Den Anstoß gab Jan Böhmermann, der das Musikvideo am Tag der Veröffentlichung des Skandalvideos kommentarlos auf Twitter veröffentlicht hat. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ibiza-Aff%C3%A4re (Ibiza-Affäre, Stand:  3. Juni 2019)

Quote
[...] Als Hannes Androsch 1981, auf dem Höhepunkt des Consultatio-Skandals, ein Praterlokal betrat, gaben ihm die Gäste, größtenteils Arbeiter, stehende Ovationen. Seine Unschuld war damals noch nicht bewiesen, andernfalls sie wohl nicht applaudiert hätten. Plebejer, die sich keine andere Welt als die verkehrte vorstellen können, mögen den Gauner oder Lottogewinner lieber als den Idealisten, der den Kuchen gerecht verteilen will. Erstere könnte man ja selber sein, und wie sie würde man nichts abgeben davon.

Wer meint, Ibiza-Gate diskreditiere Strache und Spießgesellen, hat bereits bei den EU-Wahlen letzten Sonntag den Beginn einer Kette blauer Wunder erleben können. Wer so denkt, liegt einem größeren Selbstbetrug auf als die FPÖ-Wähler, die nach linker Lesart noch immer verirrte Schäfchen seien, welche in der Verzweiflung darüber, von der Sozialdemokratie rechts liegengelassen worden zu sein, den Rechten in die Arme gelaufen seien.

Alsbald würden sie einsehen, dass die FPÖler keine Sozialisten für unsere Leut' sind, sondern Steigbügelhalter westlichen und östlichen Kapitals. So sieht ein linker Selbstbetrug aus, der liberale aber im Glauben, die rechtsstaatlichen Institutionen seien heilige Tempel, vor denen das Volk erschaudert.

Dem politisch verwaisten FPÖ-Fan haben sich auf Ibiza Ocean Eleven-hafte, coole Jungs dargeboten, die wild und gefährlich leben, auf Augenhöhe mit verhängnisvoll schönen russischen Oligarchinnen pokern und sich stellvertretend für ihn den Anteil am Kuchen, von dem man ihn fernhält, nehmen.

Und zwar mit den Methoden des Gangsterfilms, mit dem man sozialisiert wurde und der weitaus spannender ist als das Streberspiel namens parlamentarische Demokratie. Zum Leidwesen poststrukturalistischer Politologen hat das Ibiza-Video zudem enthüllt, wie primitiv und simpel die Spiele der Macht ablaufen, bei denen es dann doch zugeht wie bei Bertolt Brecht oder im Mobster-Movie: Zack, zack, zack, wer zahlt, schafft an, Glock, Glock, Glock, Kohle her, Redaktionen stürmen, Staat übernehmen, liberaler Konkurrenzunternehmer, missliebiger Journalist – ihr seid so was von tot.

Der Ethnologe und Psychoanalytiker Mario Erdheim hat die Funktionabilität von Soldaten in der institutionellen Verlängerung ihrer Adoleszenz erkannt, im Stoppen ihres Reifungsprozesses, ihrer Individuation.

Dieser Corpsgeist der ihren Offizieren oder "Leibfüchsen" ergebenen großen Jungs überträgt sich – mit allen homoerotischen Implikationen – auf die rechte Bewegung, als Sammelbecken für Männer, die nicht mehr erwachsen werden können.

Rechtes Ressentiment war zunächst der Reaktionsmodus des unteren Mittelstands, der sich schon von politischer Reflexion abgehängt hatte, bevor er sich einbildete, auch sozial abgehängt zu werden. Es übertrug sich wie ein schleichendes Gift auf das Gros der werktätigen Massen.

Diese Menschen, denen man mit einem mannigfaltigen Unterhaltungs- und Freizeitangebot die Fähigkeit ausgetrieben hatte, ihre politischen Rechte wahrzunehmen, zu erkämpfen oder zu verteidigen, nahmen die politische Welt nur noch so wahr wie ihre Vorabendserien, Talkshows und Computerspiele: individualisierend, psychologisierend und durch die Emotionen, welche die sogenannten Kandidaten bei ihnen auslösten.

Diese wiederum designten das politische Spiel den Konsumentenwünschen entgegen. Und inszenierten den rebellischen Bruch mit einer völlig richtig als falsch empfundenen, aber falsch gedeuteten Welt.

Wenn die Rechtswähler etwas verstehen, dann, dass sie von der alten liberalen Ordnung nichts mehr zu erwarten haben – sie spüren den postdemokratischen Schein der riesigen Umverteilungsmaschinerie, richten ihre Aggression aber nicht auf die Lüge der Vernünftigkeit dieser Ordnung, sondern auf die Vernunft selbst: die richtige Grammatik, die Menschenrechte, den Rechtsstaat, die Humanität.

Rechte Agitation ist der ständig in den Startlöchern scharrende Zivilisationsbruch, der die kollektive Enthemmung, kollektiven Sadismus mit der Erzählung von Law and Order und alten emotionalen und territorialen Rechten legitimieren soll.

Die Rechtschreibfehler auf FPÖ-Plakaten, eine beliebte Lachnummer fürs Bildungsbürgertum, waren dessen bewusst gesetzte Provokation, sie sagten nichts als: Diese Sprache gehört uns, und wir werden mit ihr machen, was wir wollen, und so wie der Orthografie wird es euch und euren ausländischen Freunden auch ergehen.

Rechte Bewegungen waren stets nicht nur Magnete und Sammelbecken für Kriminelle, Kriminalität ist ihr Bodensatz und Teil ihres Wesens. Sie sind für alle, die sich halb fühlen in der Welt, das Angebot, über die Halbwelt gesellschaftliche Ohnmacht in Macht weißzuwaschen. Wenn das falsche Ganze schon nicht begriffen wird, muss es in Trümmer geschlagen werden, damit die Halbwelt dessen Platz einnehmen kann.

Der Polizist mit einem Bein im Dealer- und Rotlichtmilieu, Schieber, Psychopathen, Fremdenlegionäre, Provinzspekulanten, Heimatschützer ... die rechte Bewegung ist die Bewegungszone, wo schwere Jungs sich in angesehene Bürger und langweilige bürgerliche Leichtgewichte sich in schwere Jungs verwandeln dürfen.

Die Dreieinigkeit von Warlord, Plünderer und Raubtierunternehmer, der als nationalpopulistischer Commandante oder Cavaliere ins Parlament einzieht, um dieses zu unterwandern, ist das permanente Ideal der vaterlosen Buberlpartien. Daher die Begeisterung für den serbischen Nationalismus.

All das vereint die Ikonografie auf dem Cover von Straches Propagandabiografie mit dem bezeichnenden Titel Vom Rebell zum Staatsmann, worauf er posiert als – Staatsmann, Rapper und Soldat, der eindeutig Assoziationen mit der Fremdenlegion und Fallschirmeinsätzen wecken will.

Dieser Wandel will sich als Bruch verkaufen, vom faschistischen Rabauken zum würdigen Patrioten. Doch Volksnähe und Nation, Ehre und Anstand sind bloß die Etiketten, an denen das Rudel untereinander sich als tiefverwurzelte Dazugehörige erkennt, wenn es in der permanenten Bartholomäusnacht darum gehen wird, Flachwurzler und fremdes Kraut zu jäten.

"Wien darf nicht Chicago werden", dekretierte einst jene Partei, die wie keine andere dafür steht, das zivilisatorische Niveau jenes demokratisch abgesicherten, subtileren Gangstertums, das die Enteignung der Massen zugunsten von Konzernen und Banken managt, auf das von Chicago 1927 und vielmehr Moskau 1993 zu senken.

Wie östliche Oligarchen nach ihren Gangsterkriegen um die postsowjetische Verschubmasse als Feudalherren, Nationalfaschisten und richtige Kerle und "richtig schoafe Weiber" posieren, fungiert als das große romantisierte Vorbild der kleinen Jungs, die mit ihren Glocks und ersehnten Mehrheiten an einflussreichen Zeitungen spielen.

Richtige FPÖ-Wähler schrecken Kriminalität und Peinlichkeit nicht ab. Darum haben sie die Partei ja gewählt. Sie wählten ihre eigene Peinlichkeit an die Macht, eine Peinlichkeit, mit der sie sich identifizieren können, um den Preis, sich das letzte Hemd ausziehen zu lassen, und den Deal, dass wenigstens Migranten sich nicht einmal ihrer Haut sicher sein dürfen.

Und wenn sie sich von ihren chronisch adoleszenten Über-Ichs vorübergehend abwenden, dann nicht aus staatsbürgerlicher Einsicht, sondern weil andere Über-Ichs, z. B. Kronen Zeitung und Kurz, sich in dieser Universum-Folge einstweilen durchgesetzt haben.

Kein Grund, sich ihnen überlegen zu fühlen. Denn die kognitive Verzerrung in der politischen Wahrnehmung geht durch alle Bevölkerungs- und Bildungsschichten. Das merkt man vor allem am Wunschdenken, die liberalen Besitzstandwahrer des Kapitals gäben ein zivilisatorisches Bollwerk gegen die rechten Horden ab. Sie sind es, welche die sozialen Flurschäden verantworten, die nun von der braunen Suppe geflutet werden.



Aus: "Die Freiheitlichen: Kleinspurganoven und ihr großes Ding" Essay Richard Schuberth (1.6.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000104117573/Kleinspurganoven-und-ihr-grosses-Ding

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submarino

Gute Analyse. Leider.


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plainberg

wie hat es einmal geheissen, die fpö ist die partei der anständigen und tüchtigen


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Wolfxxi

Dieser Artikel bedient die Vorstellungen der Menschen, meist Maturanten und Akademiker, welche weit weg von den Problemen der breiten Masse ihr Leben genießen dürfen.
Mit den wahren Gefühlen und Überlegungen der angesprochenen Wähler hat dies kaum zu tun.
Quasi gutmenschliche Kundenbindungsstrategie damit der Teil der Wählerschaft welcher auf den "einfachen" FPÖ Wähler herabsieht bestätigt wird.
Für mich eine Art intellektuelle Variante eines Rattengedichtes.


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Cicero22

"Der Ethnologe und Psychoanalytiker Mario Erdheim hat die Funktionabilität von Soldaten in der institutionellen Verlängerung ihrer Adoleszenz erkannt, im Stoppen ihres Reifungsprozesses, ihrer Individuation. Dieser Corpsgeist der ihren Offizieren oder "Leibfüchsen" ergebenen großen Jungs überträgt sich – mit allen homoerotischen Implikationen – auf die rechte Bewegung, als Sammelbecken für Männer, die nicht mehr erwachsen werden können."

Interessant. Ich habe mir auch schon überlegt, weshalb der 43-jährige Gudenus oder der 50-jährige Strache sich in dem Video kaum von meinem 13 jährigen Sohn unterscheiden. Das Ganze wirkt wirklich stark pubertär und die Protagonisten als extrem unreif. Wie halbstarke Jungs mit Entwicklungsverzögerung.


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Joseph Yossarian

Rechtspopulistische Parteien wie die FPÖ wurden immer als merkwürdige Allianz von Täuschern und Getäuschten gesehen. Der Essay nimmt diese These auseinander und zeigt auf, dass der Getäuschte eigentlich davon träumt zu den Täuschern zu gehören. Ibiza als Wichsvorlage. Macht Sinn.


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Aruanda

Apropos kriminelle Energie: Wie stehts mit der Aufklärung der strafrechtswidrigen Auspioniererei und Veröffentlichung? In anderen Ländern weiss man offenbar schon einiges ("Russische Oligarchenichte" ist bosnische Studentin). In Österreich wird offen
bar nicht sonderlicher Wert auf die Aufklärung gelegt, man ist mehr dabei, die Ausspionierten medial zu erledigen. ...


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mir wird schlecht

den vorfall als spionage zu bezeichnen, bestätigt nur die obige zusammenfassung!


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Hey Hey, My My

Selbst Sonderschüler verstehen, dass sich die beiden "Helden" selbst erledigt haben. Die Nichte ist ziemlich irrelvant.

Aber anderer Frage: Habe gerade einen interessanten Essay gelesen und möchte die Probe aufs Exempel machen: Schlägt dein kleinkriminelles Herz nicht höher, wenn zwei du..e Kleinkriminelle von anderen Kleinkriminellen übers Ohr gehauen werden?


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Gerichtlich beeideter Deutschprofessor

Das ist eben die Infantilisierung der Politik.
Findet schon seit Jahrzehnten statt. Haider war einer der ersten, die erkannt haben, dass es sinnlos ist, die Wähler als Erwachsene anzusprechen und zu behandeln. Wer das erwartet, findet heute in Österreich praktisch keine Partei und keinen Politiker mehr, die ihm wählbar erscheinen.


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mowox

Berlusconi - Syndrom
ich will auch so ein Gauner sein der die Puppen tanzen lässt .....


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hotzenplotz1

Schon als Berlusconi Anfang 1990-er zum ersten Mal kandidierte, lobten ihn viele Italiener nicht trotz - sondern wegen - seiner Mafia-Kontakte.


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madeingermany

Die FPÖ macht mit ihren Wählern das, was Zuhälter mit Prostituierten machen: das Angstmachen-Beschützer-Spielchen. ...


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« Last Edit: Juni 03, 2019, 12:15:46 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #368 on: Juni 11, 2019, 10:02:30 vorm. »
Quote
[...] Eine Soziologie-Professorin und Islam-Expertin kündigte kürzlich eine Podiumsdiskussion über "Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" an. Dazu lud sie streitbare Kontrahentinnen ein, die von einer Befürworterin des Kopftuchs als "Schleier der Freiheit" bis zu dezidierten Islam-Kritikerinnen reichten, darunter auch die stets polarisierende Krawallschachtel Alice Schwarzer.

Eine studentische "Initiative gegen anti-muslimischen Rassismus" warf der Professorin daraufhin sogleich Rassismus vor, forderte ein Verbot der Veranstaltung und - ihre Entlassung. Der Asta der Universität nannte dies eine "Hetzkampagne" und stellte sich hinter die Veranstaltung; eine solche Diskussion müsse möglich sein. Die Universitätsleitung unterstützte die Professorin ebenfalls und wies die vorgetragenen Ansinnen zurück.

Die Veranstaltung fand schließlich statt; dabei wurden die bekannten Standpunkte ausgetauscht, die von der Charakterisierung des Kopftuchs "als Flagge des politischen Islam" (Alice Schwarzer) bis zur von der Theologin Dina El Omari vorgetragenen Position reichten, es als "Zeichen einer selbstbestimmten Spiritualität" zu interpretieren. Vor dem Veranstaltungssaal hatten sich parallel die Kritiker*innen lautstark versammelt. Andere Podiumsteilnehmer*innen stellten das Kopftuch als Zwang dar, von dem die Frauen befreit werden müssten (Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi) oder bezeichneten es als Symbol der "sexuellen Apartheid", wie die Publizistin Nekla Kelec.

Was ist von der Kritik an der Veranstaltung als Forum, Ausdruck eines anti-muslimischen Rassismus zu halten? Wie immer muss man genau hinschauen und differenzieren:

1. Anti-muslimischen Rassismus gibt es bekanntermaßen auf Seiten insbesondere der völkischen Rechten durchaus: Der Islam gerät hier zum Sinn- und Zerrbild "fremdartiger" religiöser und kultureller Praktiken, die nicht zur Kultur und modernen Sichtweise des "abendländischen" Christentums passen würden - wie wenn in dessen Rahmen nicht fast zwei Jahrtausende lang ähnlicher Unsinn verzapft und nicht weniger vernunftfreie Ge- und Verbote praktiziert worden wären; erst die "Aufklärung" und der moderne Staat haben das religiöse Regelwerk ein Stück weit ins Privatleben zurückgestutzt; und auch dies (gerade in Deutschland) nur unvollständig. Mit Frauen hat der Katholizismus bekanntlich auch heute noch ein Problem und Kopftücher wurden von diesen bis in die 50er Jahre hinein gerade in den katholischen Landgemeinden ganz selbstverständlich getragen - wie heute noch in Polen und im christlich-orthodoxen Russland.

2. Die Religion dient hier als Sinnbild für das identitär Fremde, das nicht Integrierbare, was in praktischer Perspektive unsinnig ist: Können sich Zuwanderer ins alltägliche Leben integrieren, passen sie erfahrungsgemäß auch ihre religiösen Praktiken an diesen Integrationserfolg an. Gelingt die Integration nicht bzw. wird sie verweigert, kann eine mögliche Reaktion darin bestehen, dass nun trotzig die eigene "Identität" hochgehalten wird - mehr hat man ja nicht mehr vorzuweisen ....

3. Aber: Rechtfertigt dies die Zurückweisung jeglicher kritischen Diskussion über (zumindest von Teilen der Flüchtlinge praktizierten) den Islam, dessen Frauenbild und seine Geboten? Besteht die Akzeptanz islamischer Personen darin, dass man ihre Auffassungen für sakrosankt erklärt und sich nicht mehr kritisch damit auseinandersetzt?

Das kann nicht sein und führt zu einem "umgekehrten" Rassismus: Der religiöse Glaube oder bestimmte kulturell-soziale Praktiken werden zu qua regionaler Herkunft oder kultureller Zugehörigkeit untrennbar mit bestimmten Individuen verbundenen Wesensmerkmalen erklärt, so dass die Kritik daran gleich als unzulässige Infragestellung der Person, ihrer ominösen "Identität" erscheint. Eine derartige Identitätsbestimmung naturalisiert veränderliche Ideen, Glaubensvorstellungen, Positionen und Handlungsweisen und stellt insofern eine Elementarform eines modernisierten, kulturellen Rassismus dar.

4. Boris Palmer hat in einer SPIEGEL-Diskussion mit Hasnain Kazim eine rationelle Unterscheidung dazu getroffen - und dies gilt unabhängig davon, wie man Palmers Äußerungen zu manchen anderen Themen beurteilen mag!

Wer z.B. als Jude antisemitisch angegriffen wird, kann sich als Jude betroffen fühlen (und selbst das ist nicht selbstverständlich - vielleicht sieht er sich trotz Herkunft gar nicht mehr als Jude, sondern ist religionsfrei in Alltagspraxis und Denkweise!). Aber sich als Jude betroffen zu fühlen, wenn z.B. die Politik Netanjahus oder der israelische Umgang mit den Palästinensern kritisiert wird, stellt eine krasse Themaverfehlung dar: Israelische Politik, eine zionistische Staatsauffassung oder politische Konzepte bezüglich des Umgangs mit den arabischen Nachbarn sind kein natürlicher Bestandteil einer wie auch immer modellierten "jüdischen Identität", sondern der allgemeinen Diskussion und Beurteilung zugängliche politische Positionen, die objektiviert, als frei flottierende Standpunkte existieren und von vielen geteilt oder verworfen werden können, ohne dass diese dadurch ihre "Persönlichkeit" aufgeben müssen.

Eine "Opferidentität" für sich zu reklamieren, heißt, eine Eigenschaft wie die Religionszugehörigkeit und das Festhalten am damit verbundenen Regelwerk als Freibrief für eine Generalabsolution zu missbrauchen: Die reklamierte "Identität" begründet eine schützenswerte Sonderrolle als diskursfreien Raum, in dem die Auffassungen und Handlungsweisen des "identitären" Opfers keiner kritischen Analyse und begründeten Zurückweisung mehr unterzogen werden dürfen.

Derartige Zurückweisungen können in aufgeklärten Diskussionszusammenhängen natürlich nur in Gegenargumenten, also argumentativen Denkangeboten, bestehen, die bei Annahme eine neue Sicht auf das eigene Leben, Denken und Meinen ermöglichen. Damit muss keineswegs schon feststehen, dass man zufällig in eine muslimische oder katholische Familie hineingeboren wurde. Die Identität macht aus diesem Zufall eine Notwendigkeit, die sich auf liebgewonnene Denk- und Verhaltensgewohnheiten beruft, die qua schierer Existenz der kritischen Betrachtung entzogen sind, da sich das jeweilige Individuum als damit untrennbar verwachsen ansieht - eine zutiefst diskursfeindliche, strukturkonservative Grundhaltung.


Aus: "Zur Kritik der Identitätspolitik" Rainer Schreiber (10. Juni 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Zur-Kritik-der-Identitaetspolitik-4437188.html

Quote
     medienskeptiker, 10.06.2019 16:25

Ein Kopftuch zu tragen,ist eine veraltete Tradition.So wie Männer mit Krawatten

Oder noch bizarrer Juden mit Hut und Haargeflechten. Eine Gesellschaft die auf Menschen in veralteten Kleidungsstilen losgeht ist halt ebenso verknöchert und verschlossen.
Die Behauptung jede Frau die ein Kopftuch trägt-oder Muslima-Nonne oder bäuerliche Frau in Osteuropa wäre an sich schon unterdrückt - ist möglih aber als generelle Beschuldigung natürlich völlig unsinnig und abzulehnen.
Die Intensität und Emotionalität die dieser Frage zugeordnet wird - ist ein klares Zeichen wie hinterwäldlerisch unsere Gesellschaft in Wirklichkeit tatsächlich noch sind.


Quote

    zimmet, 10.06.2019 16:32

Identitätspolitik in 50 Sekunden

"Life of Brian", "Ihr seid alle völlig verschieden!"

https://www.youtube.com/watch?v=rhJCQCk3sO0


Quote
     cybergorf, 10.06.2019 18:33

leider ist die deutsche Übersetzung hier Mist

Es kommt der Satz: "think for yourselves!"

Was dann aber falsch mit "ihr müsst nur an euch selbst denken!" übersetzt wird.

Gemeint ist aber "fangt an selbst zu denken!"


Quote
     Schlafender Drache, 10.06.2019 19:20

Und was ist mit Bärten?

Damit kann man mittlerweile auch als BIO-Deutscher schon mal aus dem Kirmeszelt fliegen. ...


...

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #369 on: Juni 26, 2019, 09:34:17 vorm. »
Quote
[...] Der Innenausschuss des Bundestages hat eine Gesetzesvorlage beschlossen, die strengere Regeln für die Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft vorsieht. Das gab die Pressestelle des Bundestages bekannt. Mit den Stimmen von Union und SPD sprach sich eine Mehrheit des Ausschusses für die Änderungen aus. In dem Entwurf heißt es unter anderem, die Einbürgerung werde von der "Einordnung in die deutschen Lebensverhältnisse" abhängig gemacht.

Nach eigener Aussage zielt die große Koalition mit dieser Klausel auf Vielehen ab: Wer mehr als einen Ehepartner habe, soll von der Einbürgerung ausgeschlossen sein. In einer Stellungnahme der Bundesregierung heißt es dazu: "Der über die Einbürgerung bewirkte Zugang zum Staatsvolk stellt bestimmte Anforderungen an die Identifikation mit dem bestehenden Gemeinwesen auf, die nicht erfüllt sind, wenn der Einbürgerungsbewerber mit einem weiteren oder mehreren Ehegatten verheiratet ist. Der Grundsatz der Einehe ist in der Bundesrepublik Deutschland verfassungs- und strafrechtlich verankert." Das gelte auch dann, wenn die Doppelehe nach ausländischem Recht wirksam geschlossen worden sei und nicht gegen deutsches Strafrecht verstoße.

Im Prozess der Einbürgerung könne es von einem Einbürgerungskandidaten allerdings nicht verlangt werden, mit Dokumenten zu bezeugen, dass er nicht in mehr als einer Ehe lebe. Die Forderung derartiger Nachweise würde "mit praktischen und regelmäßig unzumutbaren Schwierigkeiten einhergehen", heißt es in dem Papier.

Die Opposition kritisierte die Formulierung zur "Einordnung in die deutschen Lebensverhältnisse": Die Grünen-Abgeordnete Filiz Polat nannte den Passus ein "schwammiges Kriterium", das in der Praxis weitreichende Auswirkungen auf das Leben aller Migrantinnen und Migranten in Deutschland haben werde. "Mit diesem Gesetz versucht die Union ohne Not, das Leitkulturprinzip im Staatsangehörigkeitsrecht zu verankern", sagte Polat.

Zustimmend äußerte sich hingegen die FDP: Es sei richtig, "klarzustellen, dass eine Einordnung in die deutschen Lebensverhältnisse die Voraussetzung für eine Einbürgerung ist – und das insbesondere eine Mehrehe ausschließt", sagte die Generalsekretärin der Liberalen, Linda Teuteberg. Der Gesetzesentwurf leiste einen wichtigen Beitrag, "um die Werte unserer offenen, liberalen Gesellschaft konkret zu verteidigen".

Der Gesetzesentwurf, der dem Bundestag am Donnerstag vorgelegt werden soll, führt noch weitere Regeln zum Umgang mit der deutschen Staatsbürgerschaft an: So soll es etwa möglich sein, Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft den deutschen Pass zu entziehen, wenn sie einer Terrorgruppe – etwa dem sogenannten "Islamischen Staat" (IS) – angehörten.

Die Änderungen des Staatsangehörigkeitsrechts sollen demnach veranlassen, dass Deutsche, "die sich ins Ausland begeben und dort an Kampfhandlungen für eine Terrormiliz konkret beteiligt haben und dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie sich von Deutschland und seinen grundlegenden Werten ab- und einer anderen ausländischen Macht in Gestalt einer Terrormiliz zugewandt haben", die deutsche Staatsangehörigkeit kraft Gesetzes verlieren, wenn sie noch eine andere Staatsangehörigkeit besitzen. Nicht möglich sei es auch in Zukunft, einem Mitglied einer ausländischen Terrorgruppe die deutsche Staatsangehörigkeit zu entziehen, wenn der Betroffene dadurch staatenlos werden würde.

Diese Regelung dürfe jedoch nicht rückwirkend angewendet werden. Menschen mit deutschem Pass, die sich dem IS angeschlossen hätten, aber bereits zurückgekehrt seien, seien nicht betroffen. Für Fälle von Kämpfern der Terrormiliz, die die deutsche und eine weitere Staatsangehörigkeit hätten und sich weiterhin in den verbleibenden Rückzugsgebieten der IS-Miliz aufhielten, könne die Neuregelung aber angewendet werden.

Des Weiteren sei es mit dem neuen Gesetz möglich, Menschen, die sich die Einbürgerung durch falsche Angaben erschlichen hätten, auch noch zehn Jahre nach Verleihung der Staatsbürgerschaft den deutschen Pass zu entziehen. Bislang konnte die deutsche Staatsbürgerschaft in solchen Fällen höchstens fünf Jahre nach der Einbürgerung wieder aberkannt werden.


Aus: "Deutsche Staatsangehörigkeit: Menschen in Vielehe soll Staatsbürgerschaft verwehrt werden" (25. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-06/deutsche-staatsangehoerigkeit-staatsbuergerschaft-gesetzesentwurf-grosse-koalition

Quote
übermüdete Stationsärztin #4

"Der Grundsatz der Einehe ist in der Bundesrepublik Deutschland verfassungs- und strafrechtlich verankert."

In anderen Kulturen ist das anders. ...


Quote
ke1ner #4.12

Die Einehe ist vor allem eine christliche Tradition, und sehr leicht identifizierbar ist, dass sich hier auch ganz ohne Einfluss von außen etwas ändert.

Bis vor kurzem nämlich war der höchste Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland der protestantische Pfarrer Joachim Gauck, 'mehr Toleranz für Rechte'.

Gauck ist seit Jahrzehnten verheiratet, an seiner Seite allerdings hat ihn z.B. bei seinen Reisen ins Ausland seine faktische 'Zweitfrau', die Journalistin Daniela Schadt - >>Sie war, wie vor ihr die Ehefrauen aller vorheriger Bundespräsidenten, Schirmherrin von UNICEF [6] und des Müttergenesungswerkes. [7]<< (Wikipedia) - begleitet, die auch sonst repräsentative und karitative Aufgaben an seiner Seite wahrgenommen hat.

Gauck war Kandidat der GroKo, durchgesetzt seinerzeit von Sigmar Gabriel - wie war's denn um Gaucks "Einordnung in deutsche Lebensverhältnisse" bestellt?

Doppelmoral und Kleingeistigkeit, heuchlerisches Fischen am rechten Rand - viel mehr fällt mir zu sowas nicht mehr ein


Quote
Kiretep #4.51

Ihr Kommentar träfe ins schwarze, wenn Gauck darauf bestünde seine "Zweitfrau" rechtlich zusätzlich zur "Erstfrau"privilegieren zu lassen. Was bei der unterkomplexen Argumentation; "Viele andere haben auch Frau und Freundin" offenbar absichtlich ausgeblendet wird, ist die einfach Tatsache das die Freundin im Gegensatz zur Ehefrau/Mann/o.Ä. keinerlei rechtliche Privilegien genießt.
Also in einfach: Jeder, egal ob Moslem,Bundespräsident, oder Busfahrer kann sich beliebige Anzahl an Partnern suchen, ehelichen, und damit rechtlich privilegieren lassen aber nur einen von ihnen. Warum sollte hier für Migranten eine Ausnahme gemacht werden?


Quote
Tanja Gönner #4.14

Art. 6 Absatz 1 GG garantiert den rechtlichen Bestand der Ehe und spricht ihr und der Familie einen besonderen Schutz zu.
Die legal in anderen Ländern geschlossene Ehe hier willkürlich auflösen zu wollen dürfte Art. 6 widersprechen.
Wo lesen sie im GG ab, dass nur Homo- und Hetero Einehen mit dem GG vereinbar wären?


Quote
Und_die Sintflut gab es doch #4.24

Man fragt sich, was der nächste Schritt sein wird.
Auch verblüfft die Vehemenz, mit der hier viele gegen Kultur und Werte sowie gegen womögliche Pflichten von ungebetenen Gästen agitieren.
Wird bald auch die körperliche Züchtigung von Frauen diskutiert werden?
Das Problem von Zwangsehen gerade auch minderjähriger Wirtschaftsmigrantinnen ist an Berliner Schulen jetzt schon virulent.
https://www.morgenpost.de/berlin/article226179953/Sommerferien-Risiko-fuer-Teenager-Zwangsehen.html
Wo ist nur das Problem, das bviele mit Kultur haben?
Das "Hausrecht" ist doch sonst so heilig.


Quote
EddaSchwarz #4.27

Kultur entwickelt sich fast mit jeder neuen Generation ein bisschen weiter. Warum wohl musste meine Mutter um ihre erste Jeanshose kämpfen, während ich selbstverständlich als Mädchen mehr Hosen wie Röcke getragen habe? Warum durfte meine Mutter früher nur auf eine Party wenn ihr Zwillingsbruder auch dort war, mir aber lediglich Geld fürs Taxi in die Hand gedrückt wurde? Das Handbuch für Ehefrauen gibt es heute auch nicht mehr.


Quote
Philosoph77 #4.52

Die Kommune und Vielweiberei sind bei uns auch bekannt, nur eben in wilder Ehe und nicht im Rahmen einer offiziellen Familie. Ich Waage zu behaupten, das in Deutschland mehr nichtreligiöse Polyamoristen leben, welche in einer Gemeinschaft zusammen leben, als irgendwelche religiösen mit 2 oder mehr Frauen.


Quote
Tobilerone #4.53

in manch anderen Kulturen heiratet man auch oft Blutsverwandte, wollen wir das dann auch?


Quote
spiegelwechsler #5

Deutsche Verhältnisse.
Also Frau und Geliebte statt 2 Frauen.


Quote
OestlichsterDeutscher #7

Hab mal gehört einige Menschen in Deutschland haben neben ihren Ehepartner, noch jemand anderen für Intimitäten. Es soll ja sogar in diesem digitalen Neuland ganze Portale geben, wo verheiratete Menschen, jemand anderen kennenlernen können.


Quote
Snake Plissken #7.1

Daraus leiten sich aber keine Pflichten für die Gesellschaft, sprich den Steuerzahler ab. Daher ist mir das egal.


Quote
OestlichsterDeutscher #7.2

Ob das so einfach ist? Wer zahlt z.B. für uneheliche Babys, die in der Babyklappe landen? Oder für Partnerinnen, die sich aufgrund eines aufgedeckten Seitensprunges trennen und auf finanzielle Hilfe angewiesen sind? [Die Aussage, dass die Konsequenz eines Seitensprunges, keine gesellschaftlichen Pflichten mit sich ziehen ist eindeutig falsch.]


Quote
Black Rose #7.6

Aussereheliche Geliebte haben aber keinen Anspruch auf Familienversicherung, Steuervergünstigungen, Ehegattensplitting etc. [In Ländern, in denen die Vielehe erlaubt ist, gibt es in der Regel keine Sozialhilfe - das ist ein Grund, warum ein Mann mehrere Frauen heiraten darf.]


Quote
Binane #18

Die Grünen haben hier recht, dieser schwammige Begriff "Einordnung in deutsche Lebensverhältnisse" kann durchaus zu Missbrauch führen. Was sind deutsche Lebensverhältnisse und in wie weit darf man abweichen? Zur Vielehe, das wäre doch einfach anders zu regeln. Wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat und mit mehreren Frauen oder Männern verheiratet ist macht sich strafbar. Die Annullierung nach deutschem Recht sollte doch dann problemlos möglich sein. Somit findet dann auch kein Sozialmissbrauch, Nachzug etc. mehr statt.


Quote
123Valentino #20

Ich halte die Polygamie noch unerträglicher als die Monogamie, das bringt mich zur Frage was machen wir mit mehrfach Geschiedenen?
Ich denke da an Herrn Schroeder und an Herrn Matthäus.


Quote
fritzmario #20.1

Zustimmung. Ich habe schon Probleme damit, mir nur einen Hochzeitstag zu merken.


...

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #370 on: Juli 24, 2019, 12:37:19 nachm. »
Quote
[...] Ein Vierteljahrhundert nach dem Erscheinen von Samuel P. Huntingtons "Kampf der Kulturen" (im Original unter dem weniger reißerischen Titel "Clash of Cultures") ist dieser vermeintliche Kampf in aller Munde. Und auf den ersten oberflächlichen Blick kann es tatsächlich scheinen, als habe Huntington Recht behalten: Dass globale Konflikte entlang kultureller "Bruchlinien" entstehen, dass die großen politischen Machtkämpfe zwischen den Blöcken der westlichen Welt, China und dem islamischen Kulturraum ausgetragen werden.

Doch das war schon Mitte der Neunziger falsch und vor allem grob vereinfachend. Kulturelle und nationalstaatliche Grenzen waren für Huntington mehr oder weniger absolut. Eine auch durch das Internet globalisierte Welt, in der kulturelle Übergänge fließend sind, war für ihn allenfalls in Ansätzen vorstellbar - und das wurde auch damals schon kenntnisreich kritisiert, von den logischen Brüchen und anderen Unzulänglichkeiten seines Theoriegebildes ganz zu schweigen.

In einem anderen Punkt kam er der Wahrheit deutlich näher: Dem Niedergang der westlichen Vorherrschaft in der Welt, die nie auf den moralischen Ansprüchen von Werten sowie der theoretischen Überlegenheit des demokratisch-parlamentarischen Systems bestand, sondern auf militärischer und ökonomischer Gewalt sowie einem hegemonialen kulturellen Anspruch.

Bahman Nirumand sprach von "Menschenrechten als Alibi": Der Westen wird im Osten vor allem deshalb nicht ernstgenommen und anerkannt, weil das Gerede von Menschenrechten und Demokratie regelmäßig mit Ausbeutung, Bomben und der Unterstützung von Autokraten konterkariert wird.

Dass Kultur eine bestenfalls geringe Rolle im globalpolitischen Theater spielt, sobald es um Geld, Macht, Einfluss und geostrategische Interessen geht, zeigt das Verhältnis zu zwei Ländern im Nahen Osten. Das saudische Regime, das eines der repressivsten der Welt ist, wird von den USA und Europa hofiert.

Zugleich steht Iran immer wieder in der Schusslinie, wird mit Sanktionen überzogen und mit Krieg bedroht - was nicht zuletzt daran liegt, dass die iranischen den saudischen Interessen zuwiderlaufen. Dass Iran einst auf einem ziemlich guten Weg hin zu einer parlamentarischen Demokratie war und dass diese vom Westen zugunsten eines Militärregimes im Jahr 1953 weggeputscht wurde, hat man dort keineswegs vergessen.

Es ist eher so, dass Huntingtons Theorien zur selbsterfüllenden Prophezeiung wurden, was die weltpolitischen Konfliktlinien betrifft - weil sie so praktisch waren und sich nach dem Ende des Kalten Krieges eine ganze Menge westlicher Politiker und Thinktanks daran orientierten. Das führte dazu, dass heute, im Jahr 2019, nicht nur denkfaule Journalisten, sondern auch zahllose Menschen in aller Welt - und keineswegs nur die Rechtsradikalen mit ihrem identitären Gewäsch - den Kampf der Kulturen im Munde führen schon auf der simplen Ebene des Privaten.

Wenn es zum Beispiel um die hanebüchene Erkenntnis gehen soll, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen nicht miteinander können (in der Regel sind der "westliche" und der "islamische" gemeint, womit schon vom Ansatz her zwei Dinge in einen Topf geworfen werden, die darin nichts zu suchen haben - eine geografische Verortung und eine religiöse).

Bevor man auf so einen Zug aufspringt, sollte man die Frage stellen, was eigentlich kulturelle Unterschiede ausmacht, und weshalb diese nicht genauso viel Gemeinsames wie Trennendes haben könnten. Man muss dafür nicht Philosophie und Kulturwissenschaft bemühen. Es genügt schon, den Blick auf den Alltag zu werfen.

Es gibt Erfahrungen, die wohl jeder kennt, der längere Zeit im Ausland gelebt hat. Mal fällt es schwer, sich einzuleben, mal kommt man sofort an und fühlt sich wohl. So ging es mir mit der Türkei. Istanbul wurde für mich rasch zu einer Stadt, in der ich mich ebensosehr heimisch fühlte wie in Köln.

Der Übergang war nahtlos, schon beim ersten Besuch vor vielen Jahren. Kulturelle Unterschiede, die Probleme bereitet hätten? Nicht vorhanden. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ja, natürlich läuft das Leben in der Türkei anders als in Deutschland. Aber das bedeutet nicht, dass es (für mich) nennenswert schwieriger war, mich zurechtzufinden und gut zu leben. Das vermeintlich kulturell Trennende hat nie eine nennenswerte Rolle gespielt.

Wer nun einwendet, dass Istanbul nicht die Türkei ist und es beträchtliche Unterschiede zum anatolischen Kernland gibt, der hat durchaus Recht. Allerdings werden diese Unterschiede kleiner. Zwar gibt es in Istanbul die sehr offenen, multikulturell geprägten Stadtviertel, in denen sich vielfach auf den ersten Blick auch das findet, was vereinfachend als "westliche Einflüsse" gelabelt wird.

Es gibt aber neben Taksim, Cihangir oder Kadiköy auch noch Üsküdar oder Fatih oder Eyüp - die konservativen, islamisch und anatolisch geprägten Ecken, in denen Alltag und Atmosphäre anders sind. Und auch die Kommunikation. Ich habe Istanbuler aus den ersten Vierteln erlebt, die sich geweigert haben, in letztere einen Fuß zu setzen. Aufgrund vermeintlich kultureller Differenzen.

Bei genauerem Nachfragen waren es dann doch oft eher Wahlzettel-Differenzen, die sich inzwischen auch wieder nivellieren - so hat Üsküdar, das eigentlich traditionelles AKP-Gebiet ist, der AKP zuletzt im Wahllokal die Unterstützung versagt. Die Kulturbruchlinien existieren mehr in den Köpfen als in der Realität.

Mitunter erscheinen mir die kulturellen und Mentalitätsunterschiede zwischen innerdeutschen Städten und Bundesländern größer als zwischen Rhein und Goldenem Horn. Die Rheinländer ticken anders als die Hamburger, die Kölner anders als die Düsseldorfer, die Frankfurter anders als die Berliner. Wer aus Köln daran gewohnt ist, dass auch Fremde einen mitunter verkumpelten, direkt duzenden Umgang pflegen, wird in Hamburg erstmal vor eine Wand rennen.

Aber beide Mentalitäten haben ihren ganz eigenen Charme. Natürlich kann der auch mal zu viel werden. Der Kölner Karneval, dieses enthemmte Saufgelage der Biedermeier, gilt ja gemeinhin auch als Kultur. Trotzdem fühle ich mich darin fremder als in der anatolischsten Ecke Istanbuls - und flüchte daher jedes Jahr vor dem Frohsinn in den Norden und genieße dort die Zurückhaltung und höfliche Reserviertheit.

Am Ende scheint mir die Bruchlinie zwischen den sozialen- und Bildungsschichten deutlich größer und auch relevanter als die zwischen westlicher und östlicher, christlicher und islamischer Kultur. Der amerikanische Schriftsteller Dan Simmons sagte einmal: "Being a reader or non-reader, I've long thought, is a far greater (but less visible) divide than being black or white, Christian or atheist or Jewish, or man or woman."

Und ich glaube, er hat da nicht ganz Unrecht. Der kulturelle Unterschied zwischen jenen, die abends ein Buch lesen und jenen, die vor dem Fernseher sitzen, scheint mir mitunter um Längen größer als all die beschworenen Kulturkonflikte über Länder- und Kontinentalgrenzen.

Das zeigt sich auch an einem anderen Beispiel: Wohlhabenden Grünen-Wählern wird regelmäßig vorgeworfen, dass sie zwar für Zuwanderung und Aufnahme von Geflüchteten sind, zugleich aber Petitionen unterschreiben, wenn in dem Nobelviertel, in dem sie Wohnen, eine Flüchtlingsunterkunft gebaut werden soll.

Ähnliche Fälle gibt es bei Plänen für Sozialwohnungen. Und dabei sind das in der Regel Menschen, deren Communities interkulturell sind, deren Kollegen und Freunde aus unterschiedlichsten Ländern stammen. Was sich hier zeigt, ist eine Art von sozialem Rassismus. Es geht ihnen nicht um Herkunft, Hautfarbe oder Religion der potentiellen neuen Nachbarn. Sondern um die Unterschiede der sozialen Schicht.

In Deutschland scheint das Phänomen, dass soziale und Bildungsschichten unter sich bleiben und sich nach unten wie oben abgrenzen, stärker etabliert zu sein als in anderen Ländern. Es handelt sich dabei nicht zuletzt um eine Status-Selbstvergewisserung, die möglicherweise an die Angst vor sozialem Abstieg gekoppelt ist (was keineswegs verallgemeinernd sein soll - selbstredend gibt es auch innerhalb sozialer Gruppen Ausnahmen und Abweichungen, und Menschen, die versuchen, eben diese Fronten aufzubrechen).

Letztlich ist es eine nicht nur im Ausland, sondern im eigenen privaten Umfeld täglich zu erlebende Tatsache, dass Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen problemlos in der Lage sind, gut miteinander auszukommen und einander zu ergänzen, voneinander zu lernen, wenn sie nur dafür offen, wenn sie interessiert sind und ihre Grundhaltung ist, den Anderen zu akzeptieren wie er ist, anstatt ihn anhand willkürlicher Merkmale abzulehnen. Eine Erkenntnis, die so banal ist, dass man sich wundert, sie im Jahr 2019 überhaupt noch darlegen zu müssen.

Hinter den aus rechten bis rechtsradikalen Kreisen in die Mitte der Gesellschaft dringenden Kulturvorbehalten verbirgt sich in aller Regel nichts weiter als dumpfer Rassismus. Das zeigt sich wiederholt auch daran, dass die Ablehnung von Menschen aus anderen Kulturkreisen dort am höchsten ist, wo kaum Menschen mit ausländischen Wurzeln leben.

Die Rechten haben hierfür in den letzten Jahren eine neue Rechtfertigung gefunden: Man wolle ja eben verhindern, dass es in Deutsch-Hintertupfingen irgendwann so "schlimm" wird wie in Berlin, Köln oder Frankfurt. Ein "Argument", das allenfalls bei jenen verfängt, die noch nie in diesen Städten gelebt und erlebt haben, dass Diversität und Multikulturalität dort in der Regel weitgehend problemlos funktionieren.

Die ständige Forderung an Zuwanderer, sich zu "integrieren" ist vor diesem Hintergrund einigermaßen dreist - weil auch hier oft genug Rassismus mitschwingt: Eine Ablehnung von anderen Lebensweisen. Dabei gibt es in Deutschland nur eine einzige notwendige Integrationsgrundlage, und die ist das Grundgesetz.

Darüber hinaus kann und soll jeder so leben, wie er oder sie es möchte, solange die Freiheiten anderer nicht beeinträchtigt werden. Genau dieser Grundkonsens ist es, der dieses Land heute ausmacht. Und in diesem Aspekt sind es die rechtsradikalen fünfzehn Prozent, die am integrationsresistentesten sind und sich (man kann es nicht oft genug feststellen) mit der radikalislamistischen Minderheit die Pranke reichen dürfen.

Wenn aber die kulturellen Differenzen bloß ideologisch und vorgeschoben sind und die wesentlicheren Probleme in den Differenzen zwischen den sozialen Schichten liegen, offenbart sich das Problem, dass die eigentlichen Debatten sich viel stärker um die Verwerfungen drehen müssten, die Radikalkapitalismus und Neoliberalismus in der Welt anrichten.

Denn sie sind es, die zu den Verwerfungen und Spaltungen führen, die aufzulösen die vielleicht größte globale Aufgabe der kommenden Jahrzehnte ist. Neben dem Kampf gegen Klimawandel - der denselben Ursprung hat.



Aus: "Kampf der Kulturen: Echt jetzt?" Gerrit Wustmann (24. Juli 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Kampf-der-Kulturen-Echt-jetzt-4476769.html

Quote

    Verdummnix, 24.07.2019 08:41

Istanbul

    Kulturelle Unterschiede, die Probleme bereitet hätten? Nicht vorhanden.

Und dann aber doch:

    Es gibt aber neben Taksim, Cihangir oder Kadiköy auch noch Üsküdar oder Fatih oder Eyüp - die konservativen, islamisch und anatolisch geprägten Ecken, in denen Alltag und Atmosphäre anders sind. Und auch die Kommunikation. Ich habe Istanbuler aus den ersten Vierteln erlebt, die sich geweigert haben, in letztere einen Fuß zu setzen. Aufgrund vermeintlich kultureller Differenzen.

Es gibt einen interessanten Artikel dazu in der ZEIT:
https://www.zeit.de/politik/2015-11/neue-anschrift-bosporus-buch-reisebericht-istanbul-susanne-landwehr-michael-thumann/komplettansicht

Da heißt das dann so: Ein Hindernis, uns in Istanbul zu Hause zu fühlen, wuchs mit der Zeit. Es waren die polarisierten Debatten in der Gesellschaft, die zunehmende Feindschaft der Türken untereinander. Erst ging sie von den Säkularen und Kemalisten aus. Säkulare Eliten fürchteten die Konkurrenz der aufsteigenden gläubigen Mittelklasse, sie verabscheuten den Anblick von Kopftüchern in den ehemals kopftuchfreien schicken Vierteln der Stadt.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (24.07.2019 08:42).


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #371 on: Juli 25, 2019, 09:54:49 vorm. »
Quote
[...] In Leipzig hatte die Leitung zweier Kindertagesstätten entschieden, künftig auf Schweinefleisch und Gelatine zu verzichten, mit Rücksicht auf die muslimischen Kinder in der Einrichtung. Das Schreiben, mit dem der Leiter die Eltern der rund 300 Kinder darüber informierte, geriet in die Hände der „Bild“-Zeitung, die sich offenbar dachte: „Geil, das klickt“ und damit wucherte, in der Zeitung sogar auf der ersten Seite. Focus Online zog nach.

Am Dienstagnachmittag trendete das Schlagwort #Schweinefleisch auf Twitter.

Die AfD stieg ein. Beatrix von Storch sprach von „kultureller Unterwerfung“. Der Landesgeneralsekretär der CDU Sachsen, Alexander Dierks, sagte, ein „Verbot“ sei nicht der richtige Weg. Die Bundestagsfraktion der CSU twitterte: „Einmal mehr überdrehen die Vertreter linker Political Correctness!“ Die Katholische Nachrichtenagentur rief bei Heinz-Peter Meidinger an, dem Chef des deutschen Lehrerverbandes, der sagte, viele Schulen verzichteten mittlerweile auf Schweinefleisch, was er für problematisch halte, wenn „sich dann die nichtmuslimische Minderheit dieser Vorgabe komplett unterwerfen muss“.

Auf der Facebook-Seite von Focus Online ergingen sich die Kulturkämpfer derweil in Subversionsfantasien: Katrin K. schrieb, wäre ihr Enkel betroffen, bekäme er zu Hause jeden Tag Schweinebraten, „schon aus Prinzip“. Am Mittwoch dann verbreitete eine Nachrichtenagentur die Meldung, die Leipziger Polizei habe Streifenwagen vor den Kitas postiert. Das dementierte ein Polizeisprecher später am Telefon genervt.

Man habe die Bildzeitungsnachricht gesehen und sei daraufhin am Dienstag zwei Mal zur Kita gefahren, um zu fragen, ob man wegen des erhöhten Medieninteresses Hilfe brauche – der Leiter sei nämlich nicht ans Telefon gegangen. Das tut er auch am Mittwochnachmittag nicht, verständlicherweise. In einem Schreiben an die Eltern hatte er schon am Dienstagabend auf den Verzicht vorerst wieder verzichtet.

...



Aus: "Deutschland, du bist crazy!" Anna Sauerbrey (25.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/debatte-um-schweinefleisch-in-kitas-deutschland-du-bist-crazy/24696364.html

Quote
einliberaler 08:56 Uhr
Liebe Frau Sauerbrey, wie viele vor Ihnen wollen Sie offenbar das Grundproblem nicht verstehen: Hier wird ausdrücklich mit der religiösen Befindlichkeit von 2 (!) muslimischen Kindern (oder genauer: deren Eltern) begründet, dass die übrigen 298 (!) Kinder kein Schweinefleisch mehr essen sollen. Es geht eben nicht darum, ob Sie oder irgendwer Schweinefleisch gesund oder ethisch vertretbar findet! Vor diesem Hintergrund ist es sehr wohl nachvollziehbar, dass daraus eine Grundsatzdiskussion erwächst.



Quote
klausbork 07:24 Uhr
ich denke, die kinder in den kitas sehen das nicht so dramatisch. ...


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CeHaDe 09:31 Uhr

Man muss das nur zuende denken: Die Eltern von 298 Kindern lehnen aus Tierschutzgründen geschächtetes Fleisch ab. damit haben wir eine vegetarische Kita.
2 Kinder haben eine Nussallergie, eines ist gegen Hülsenfrüchte allergisch, also sind diese Nahrungsmittel auch für alle Kinder zu verbannen.
80 Bestehen auf Bio-Qualität, 40 lehen Bio aus Kostengründen ab.
Einzige mögliche Lösung: Alle bringen ihr essen selber mit und das Mitagessen findet nicht in der Gruppe statt, sondern es gibt einen schweinefleischfreien Raum, einen vegetarischen Raum usw.


Quote
Firebird 09:22 Uhr
Crazy ist eigentlich nur die Art der Berichterstattung zu diesem Thema. Während n-tv, absolut belegfrei, von "Polizeischutz" schrieb, die Berliner Morgenpost, ebenfalls belegfrei von einem "ausuferndem Streit" fabulierte, der Merkur eine "Gefahrenabwehr" erkannt haben will (was der SPIEGEL dann, na klar - belegfrei - übernahm) und die SZ, wie inzwischen anscheinend üblich, belegfrei,  twitterte, der Kita-Leiter hätte aufgrund der Polizeipräsenz seine Entscheidung revidiert, fragt man sich, wer hier eigentlich noch Journalismus betreibt oder eher politische Stimmungen anheizen will.
Die Entscheidung des Kita-Leiters, aufgrund "einer sich verändernden Welt" allen Kindern der Einrichtung Schweinefleisch zu verbieten, halte ich persönlich für falsch, heuchlerisch, unterwürfig und auch dumm. Nach Elternprotesten ist diese Entscheidung revidiert. Vielleicht auch eine Lehre für den SPD-Bürgermeister dieser Stadt.
Daß die Medien daraus lernen, glaube ich eher nicht.


Quote
Al.Dente 08:52 Uhr
Ich habe in den 70er Jahren mangels Alternative regelmäßig in einer Kantine gegessen. Dort wurde "typisch deutsches Essen" angeboten. Häufig auch Schweinefleisch. Nach meiner Erinnerung haben alle Mitarbeiter das Essen akzeptiert. Auch die muslimischen aus der Türkei und vom Balkan. Ein Türke sagte einmal zu einem Kollegen, auf die Frage ob er denn das Schweinefleisch überhaupt essen dürfe: "Allah ist weit weg. Den habe ich in der Türkei gelassen"


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torsten379 08:50 Uhr
Hysterie ist fehl am Platz. Allerdings würde ich das Streichen von Schweinefleisch und Gummibärchen auch nicht als Belanglosigkeit abtun. Den muslimischen Kindern sollte natürlich ein den Vorschriften ihrer Religion entsprechendes Essen angeboten werden. Deshalb den anderen ein gelegentliches Schnitzel oder Bouletten und Bratwürste  zu verwehren, ist unverhältnismäßig und intolerant. Mich ärgert die ignorante Haltung des Kita - Leiters, der mit seiner überzogenen Maßnahme unnötigerweise Ressentiments schürt. Zum Glück waren in der Öffentlichkeit schon Reaktionen von Muslimen zu lesen, die sich von seinem nur scheinbar liberalen Aktionismus distanzierten.


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Magerquark 08:42 Uhr
Es geht darum, dass Deutschland sich verändert durch falsch verstandene Rücksichtnahem auf religiösen Aberglauben. ...


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KM70 08:14 Uhr
ZItat: "Schweinefleisch gilt nicht als besonders gesundes Lebensmittel. Trotzdem darf es natürlich jeder weiter essen."

Toll!

...


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santacruz 07:36 Uhr
Nun, meine Nachbarin arbeitet seit Jahrzehnten in Kitas in und rund um Kreuzberg. Sie meinte bereits vor einiger Zeit, dass viele muslimische Eltern auf den Verzicht von Schweinefleisch in der Kita bestehen und dies auch unbedingt durchsetzen wollen. So geht's natürlich auch nicht. Ich kann mir aber auch vorstellen dass deutsche Helikoptereltern diesbez. auch nicht toleranter sind und auf makriobiotisch -erodynamisches , veganes Essen bestehen.Ganz ehrlich: ich würde als Kitaleitung schauen , dass das Essensangebot frisch und gesund ist und anonsten: es wird gegessen was auf den Tisch kommt. Wenn jeder versucht seine individuellen Befindlichkeiten in einer Gemeinschaft durchzusetzen, dann wird das nichts.


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Brotkrume 09:04 Uhr
Antwort auf den Beitrag von santacruz 07:36 Uhr
Da ich in meinem Umfeld gleich mehrere Personen habe, die in den Kochprozess an Schulen / Kitas eingebunden sind (sei es als Koch an einer Schule oder im Catering), kann ich das teilweise bestätigen. Allerdings sind das nicht viele muslimische Eltern, sondern einige. Genauso wie es einige deutsche Eltern sind, die darauf bestehen, dass das Essen vegetarisch sein soll.  ...


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gunnarqr 07:11 Uhr

Aufgebauschter Mist! Was soll das ganze Getöse? Schwein in welcher Form auch immer vom Speiseplan zu nehmen ist echt übertrieben, aber es könnten ja Alternativen geboten werden! Geht's auch mal pragmatisch ohne Kultur/Religionskampf?


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #372 on: August 08, 2019, 12:32:53 nachm. »
Quote
[...] In aktuellen Debatten wird oft einem öffentlichen Streitgegenstand – etwa einer Karikatur, einem Film, einer Äußerung oder auch einer Geste – ein persönliches Empfinden, zum Beispiel religiöser Art, oder ein persönliches Gefühl, etwa verletzter Intimität, gegenübergestellt. Aber das ist eine irreführende Gegenüberstellung. Sie reduziert religiöse Menschen, Frauen oder Angehörige von Minderheiten lediglich auf deren Empfindung. Damit macht man sie zu bloßen Empfindungsmaschinen, die zu keinem reflektierten Urteil fähig sind. Doch jeder und jede, egal, woher sie kommen und was sie glauben, können mehr als nur empfinden. Sie können auch ihre Empfindungen kritisch reflektieren, sie unter Umständen auch revidieren – denn Empfindungen sind bekanntlich das Trügerischste – und zu einem Urteil gelangen. ... Es ist unzureichend, zu sagen: »Ich fühle mich verletzt«; man kann aber sehr wohl sagen: »Ich beurteile das als verletzend.« Dabei kann man sich dann allerdings auch irren und den Irrtum nachgewiesen bekommen. Diese Urteilsfähigkeit ist das Allgemeine an uns, und das Einzige, was Anerkennung ermöglicht und verdient. Diese Fähigkeit darf man von jedem und jeder verlangen. Diskriminierung hingegen beginnt genau damit, dass man – meist in wohlmeinender Absicht – bestimmten Leuten diese Fähigkeit abspricht und aufhört, sie ihnen abzuverlangen.

...

ROBERT PFALLER ist Philosophieprofessor. Lehrt an der Kunstuniversität Linz. Geboren 1962 in Wien. Radikaler Gegner von Rauchverboten, obwohl er wegen Nebenhöhlenproblemen kaum raucht. Seine Aphorismen sind legendär, etwa: »Wir sollten nicht den Tod fürchten, sondern das schlechte Leben« oder »Statt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben«. Lebt in Wien.

Das Werk (u. a.)
Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie. S. Fischer 2011
Kurze Sätze über gutes Leben. S. Fischer 2015
Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. S. Fischer 2017




Aus: "Robert Pfaller im Interview: Was sind für Sie Pseudolinke?" Stefanie Mooshammer, Peter Unfried (2019)
Quelle: https://taz.de/Robert-Pfaller-im-Interview/!169159/

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #373 on: August 13, 2019, 09:38:57 vorm. »
Quote
[...] Seyran Ates ist gläubige Muslimin, Rechtsanwältin und Mitbegründerin der liberalen Ibn-Rushd- Goethe-Moschee in Moabit, in der auch Frauen die Predigt halten dürfen. Mit ihr sprach Frank Bachner.

Frank Bachner: Frau Ates, Tausende Muslime sind am Sonntag zum „Gebet im Freien“ auf das Tempelhofer Feld gekommen. Eingeladen hat der Verein „Neuköllner Begegnungsstätte“, dem Verbindungen zur militanten Muslimbruderschaft vorgehalten wird. Wie groß waren Ihre Bauchschmerzen bei diesem Gebet?

Seyran Ates: Relativ groß, weil dort die Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum zelebriert wurde. Die Verantwortlichen, die das Gebet genehmigt haben, müssen sich die Frage stellen lassen, ob sie rechten Identitären auch so viel Raum gegeben hätten. Für mich handelt es sich bei Muslimen, die Geschlechtertrennung so massiv betreiben, um muslimische Identitäre. Mit diesem Thema sollte die offene demokratische Gesellschaft doch bitte kritischer umgehen, auch wenn die Thematik aus der muslimischen Community kommt, die von deutschen Rechten rassistisch und islamfeindlich verfolgt wird.

Welchen Unterschied macht es, dass diese Geschlechtertrennung beim Gebet nicht in einer Moschee, sondern in der Öffentlichkeit stattgefunden hat?

Die Tatsache, dass in den vergangenen 20 Jahren immer mehr patriarchalisch-archaische Praktiken zunehmend aus den privaten in öffentliche Räume gebracht wurde, führt dazu, dass sich eine Gesellschaft mit diesem Bild – in Anführungszeichen – immer mehr anfreundet und solche Praktiken als selbstverständlich betrachtet.
Diese Idee der Geschlechtertrennung wird immer massiver in den öffentlichen Alltag getragen. Der Rest der Bevölkerung soll sich daran gewöhnen, dass Geschlechtertrennung Identität dieser Menschen sei und dass sie als wichtig empfänden, so zu leben. Das ist absurd, da wir ja auch der anderen Seite für mehr Geschlechter-Gerechtigkeit kämpfen.

Betrachten Sie dieses Gebet im Freien als Pilotprojekt, als Versuch, zu schauen, was allgemein akzeptiert wird, um dann diese Form der religiösen Demonstration auszuweiten?

Ja, für mich ist es ein Pilotprojekt und Anreiz für andere, sich ihm anzuschließen. Nehmen wir doch als Beispiel das Kopftuch. Vor 20 Jahren trugen es noch vereinzelt erwachsene Frauen. Dann immer jüngere Frauen, und heute ist es für viele Menschen nichts Besonderes mehr, wenn sogar kleine Kinder ein Kopftuch tragen.
Schritt für Schritt wird etwas visualisiert, an das sich die Menschen gewöhnen sollen. Es gibt aus diesen Kreisen – die Muslimbrüder oder die Verbände, die aus der Türkei oder aus Katar gelenkt werden – immer wieder Stimmen, die sagen: Ihr müsst mutiger werden, ihr müsst mehr einfordern, ihr müsst Euch mehr Rechte nehmen.
Man bekämpft sehr berechtigt den wachsenden Rassismus und die Islamfeindlichkeit der Identitären. Aber man übersieht leicht, dass es sich bei diesen Menschen, die solche Sonderrechte einfordern, um muslimische Identitäre handelt. Diese Leute sehe ich sogar noch rechts neben der AfD.

Die Verantwortlichen, die dieses Gebet erlaubt haben, sitzen beim Landesunternehmen Grün Berlin. Was werfen Sie ihnen vor, was hätten sie Ihrer Meinung nach besser machen sollen?

Die Verantwortlichen bei Grün Berlin müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie kritisch genug waren, als sie das Feld dem Neuköllner Verein überlassen haben. Und ob sie die gleiche Offenheit gezeigt hätten, wenn eine rechte deutsche Gruppierung eine ähnliche Veranstaltung beantragt hätte.

Es gibt das Argument Religionsfreiheit.

Aber Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass wir über die Grenzen der Grundrechte gehen und andere Grundrechte wie die Gleichberechtigung der Geschlechter übersehen. Grün Berlin muss sich auch die Frage stellen lassen, ob es einer christlichen Gruppierung ein Teil des Feld überließe, wenn die dort eine massive Geschlechtertrennung praktizieren und dies als Ideal für die gesamte Gesellschaft postulieren würde.

Eine Kita in Leipzig wollte vor kurzem für die ganze Einrichtung Schweinefleisch und Gummibärchen abschaffen, mit dem Hinweise, man wolle religiöse Gefühle von zwei muslimischen Kindern nicht verletzen. Sehen Sie Parallelen zur Problematik beim Gebet auf der Tempelhofer Feld.

Ja natürlich. Die Aufforderung zur Sensibilität gilt ja nicht bloß für Grün Berlin, sondern für alle Verantwortlichen, die meinen, man könne und müsse alles unter das Dach der Religionsfreiheit packen. In Leipzig können dann plötzlich zwei Kinder, drei Jahre alt, die von Erwachsenen instrumentalisiert werden, darüber bestimmen, was 298 andere Kinder essen beziehungsweise nicht mehr essen dürfen. Hier gibt es eine Schräglage im Hinblick auf das friedliche Zusammenleben. Es kann nicht sein, dass die Dominanz einer Minderheit mit all ihren archaischen und patriarchalischen Strukturen gefeiert wird.


Aus: "Seyran Ates zum Gebet auf dem Tempelhofer Feld: „Das sind muslimische Identitäre“" (12.08.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/seyran-ates-zum-gebet-auf-dem-tempelhofer-feld-das-sind-muslimische-identitaere/24895706.html

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #374 on: August 13, 2019, 03:18:51 nachm. »
Quote
[...] Es sind nicht mehr viele Tage bis zur ersten Gay-Pride-Parade in Sarajevo. Was eigentlich ein Grund zum Feiern wäre, noch nie hat die Parade in der bosnischen Hauptstadt stattgefunden. Das Motto am 8. September wird "Ima izać'!" ("Kommt heraus!") heißen. Und als Anfang April von LGBTIQ-Aktivistinnen in Sarajevo das Datum und das Motto angekündigt wurde, gab es viele Reaktionen aus allen Lagern und Ideologien, unterstützende und homophobe gleichermaßen.

Doch die medienwirksamste Gelegenheit bat sich ein paar Tage später beim großen Fußballderby zwischen FK Želježničar Sarajevo und FK Sarajevo. Diese Chance ließen sich die organisierten Fans des FK Želježničar, die "Manijaci" (die "Wahnsinnigen"), nicht entgehen. Als Reaktion auf die Gay Pride wurde vor ihrer Kurve ein homophobes Banner angebracht. Dort stand deutlich geschrieben "Ima zabranit'!" ("Es soll verboten werden!"). Die wohl kalkulierte Grenzüberschreitung ging auf, das Bild wurde durch soziale Medien und die folgende Berichterstattung tausendfach geteilt.

Während das noch vielleicht als erlaubte Meinungsäußerung zählte, so war die Flagge des Königreichs Brunei neben dem Banner weitaus weniger missverständlich. In Brunei wurde kurz zuvor unter weltweitem Protest ein neues Gesetz verabschiedet, durch das homosexueller Geschlechtsverkehr und Ehebruch mit dem Tod durch Steinigung strafbar gemacht wurden.

Der Vorfall beim Stadtderby von Sarajevo wurde in der postjugoslawischen Region kaum als solcher wahrgenommen oder kritisch diskutiert. Dabei steht er symptomatisch für das Problem mit Homophobie im balkanischen Fußball. Es ist weitverbreitet und bleibt fast immer unwidersprochen. Alltagshomophobie ist auf dem Balkan gesellschaftlich akzeptiert.

Zum Beispiel stellte eine 2017 von der Equal Rights Association (ERA) und der Weltbank durchgeführte Studie für den Westbalkan fest, dass ein Drittel der LGBTIQ-Community aufgrund ihrer sexuellen Orientierung schon mindestens einmal physische Gewalt erfahren hatte. "Schwuler" wird in der Alltagssprache fast ausschließlich abwertend gebraucht, im Fußball natürlich noch inflationärer als ohnehin schon.

Der Vorfall in Sarajevo in diesem Frühjahr war auch nicht der erste, bei dem ein Stadion in Bosnien und Herzegowina von Fangruppierungen benutzt wurde, um Hass zu streuen. Die "Horde Zla" (die "Horden des Bösen"), eine Fangruppierung des FK Sarajevo, nahm 2015 am Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie ein Banner ins Stadion, auf dem stand: "Der 17. Mai ist euer Feiertag und wir wünschen, dass ihr uns deshalb die Schwänze lutscht."

Vorfälle wie diesen gibt es zuhauf. In Kroatien werden der Fußballverband und seine Vertreter von organisierten Fangruppen oft zu "Schwulen" degradiert, die "den Fußball gef*ckt haben". Die Regenbogenfahne ist dabei ein Symbol, um zu beleidigen. Fans von Roter Stern Belgrad, die "Delije" (die "Helden"), sind gegen die offizielle serbische Kosovopolitik. Zum Ausdruck bringen sie das mit einem weit über Fankreise hinaus populären "Kampfschrei". Der serbische Präsident Aleksandar Vučić wird mit "Vučić, Schwuler!", bedacht, oftmals gefolgt von einem "Du hast Serbien verraten".

Und ganz besonders haben sie sich auf die amtierende serbische Premierministerin Ana Brnabić eingeschossen. Sie ist offen lesbisch und hat vor Kurzem mit ihrer Partnerin einen Jungen adoptiert. Seither und vor allem, weil sie es gewagt hatte, Nationalismus und Xenophobie bei den Delije zu kritisieren, wird sie regelmäßig besungen: "Werde schwanger, Ana Brnaba" und "Es ist nicht deines, Brnaba, vielleicht ist es unseres, Brnaba" sind nur zwei Beispiele. Der Höhepunkt der homophoben Gesänge war der Vers: "Es sollen Babys geboren werden, das ist die Nachricht der Nordkurve, denn wir wollen nicht, dass Serbien ein Land von Schwulen wird." Mittlerweile existiert eine abgeschwächte Variante ohne den homophoben Part.

Dennoch: Von Fußballfunktionären hört man dazu wenig bis gar nichts. Ab und zu ringt man sich eine halbherzig gemeinte Stellungnahme ab, in der jeglicher Diskriminierung im Fußball abgeschworen wird, darüber hinaus passiert sehr wenig. Der mittlerweile verstorbene langjährige Präsident des kroatischen Fußballverbandes, Vlatko Marković, hatte seinerzeit sogar von der Uefa eine Geldstrafe wegen homophober Äußerungen bekommen. Für ihn sollten keine schwulen Spieler in einem Nationalteam spielen, aber das würde ja ohnehin kein großes Problem darstellen, da "glücklicherweise nur normale Menschen Fußball spielen".

Ein anderer kroatischer Fußballtrainer, Otto Barić, behauptete, bloß auszusprechen, "was viele denken", nämlich dass er "niemals einen Homosexuellen erlauben würde, in seiner Mannschaft zu spielen".

Auch die meisten Spieler schweigen dazu. Nur von Josip Brekalo, dem kroatischen Nationalspieler vom VfL Wolfsburg, hat man gehört, dass er aufgrund seiner christlichen Überzeugung nicht hinter einer Kapitänsbinde in Regenbogenfarben stehen könne, mit der der VfL seit einem Jahr aufläuft. Ivan Rakitić vom FC Barcelona sagte in einem Interview, das schon sieben Jahre zurückliegt, aber dessen Zitate in diesem Frühjahr wiederaufkamen, dass er Homosexuelle zwar respektiere, sie aber nicht in der Kabine haben wollen würde. Er wollte sich in diesem Jahr dazu nicht weiter äußern.

So wie auch beim bislang letzten Vorfall in Sarajevo: Sowohl der Verein als auch der bosnische Fußballverband blieben nach den Bannern gegen die Gay Pride stumm. Bosnien und Herzegowina ist das einzige Land der postjugoslawischen Region, in dem bisher noch keine Pride-Parade stattgefunden hat, sie soll das bislang unsichtbare Leben der LGBTIQ-Community sichtbar machen. Dementsprechend geht die gesellschaftliche Debatte weit über das Fußballfeld hinaus.

Die Parlamentsabgeordnete des Kantons Sarajevo Samra Ćosović-Hajdarević von der islamisch-nationalistischen SDA veröffentlichte auf Facebook einen Kommentar, der mittlerweile wieder gelöscht wurde. Dort attestierte sie der Parade und ihren Teilnehmern, dass sie "Volk und Land zersetzen" würden. Schüler der Polizeiakademie Bosnien und Herzegowina veröffentlichten eine Umfrage, in der sie fragten, ob die Gay-Pride-Parade beschützt werden sollte oder ob man die Teilnehmerinnen und Teilnehmer "inhaftieren" sollte.

In den Post eingebaut war auch eine Petition, die zu einem Verbot der Parade aufruft. Die Gefahr von physischer Gewalt ist also sehr real. Denn es bleibt nicht nur bei Gewaltfantasien und Aufrufen. Schon zweimal wurden andere LGBTIQ-Veranstaltungen in Sarajevo wegen gewaltsamer Übergriffe abgebrochen. Und es ist nicht lange her, als die Pride-Paraden in Belgrad und in Split von gewaltbereiten Fußballhooligans attackiert wurden. Homophobie ist also kein fußballspezifisches Problem auf dem Balkan, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Nur hat der Hass im Fußball keine Konsequenzen.


Aus: "Sarajevo: Wo Homophobie der Alltag ist" Dario Brentin (13. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/sport/2019-08/sarajevo-gay-pride-fussball-homophobie-balkan/komplettansicht

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hermannheilner #12

“Postjugoslawisch” in Tirana... Albanien war nicht Teil Jugoslawiens


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Nista77 #18

"Ima izać" bedeutet nicht "Kommt heraus" sondern eher "Es gibt einen Ausgang/Ausweg"

Izlazite ist die Aufforderung herauszukommen


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violettagetyourgun #20

Beim Lesen kamen mir die Tränen.
Immer neue Horrormeldungen aus dem Osten.
Auch in Polen und Russland ist Homophobie weit verbreitet.
Warum dieser furchtbare Hass auf die Liebe ?


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Nachbohrer #21

Toleranz gegenüber der LGBTIQ-Community scheint immer dann ein Problem zu sein, wenn Gesellschaften zu stark von orthodoxen religiösen Einstellungen beeinflußt werden...


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Ölsparer #22

Soo krass, wie rückständig und intolerant derartige viele Menschen in Europa noch immer sind. Nein, das ist nicht Arabien, nicht Nordafrika. Es sind mehrheitlich selbsternannte Christen...
Würde mich interessieren, wieviel da der eiserne Vorhang seinen Anteil daran hat...
Ich vermute, in Polen und Ungarn sieht es nicht viel anders aus...
Nein, Europa hat diese Teilung noch längst nicht überwunden - wohlwissend, dass auch im "freien Westen" noch viel von diesem Gedankengut herumschwirrt...


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xelaq #23

Ich frage mich woher diese Homophobie im Kern stammt. Viele der Balkanländer bzw. osteuropäischen Ländern waren ja Teil des Ostblocks - evtl. stammt das noch aus der Zeit?

Andererseits ist die Kirche in diesen Ländern noch stärker vertreten als bei uns. Ich habe leider selber in Rumänien miterleben müssen, wie der Pfarrer während der Predigt gegen Minderheiten gehetzt hat. O-Ton: "Wenn wir alle mit anpacken, können wir diesen Makel ausrotten." Er bezog sich in diesem Fall zwar auf Sinti & Roma, ich habe aber keinen Zweifel dass es solche Ansprachen auch gegen Homosexuelle gab.


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SidesshowBob3526 #26

Was für ängstliche Kleingeister müssen sich eigentlich hinter diesen homophoben Hools verstecken, da scheint die eigene männliche Identität ja sehr fragil zu sein wenn sie nur in Abgrenzung (nicht schwul) funktioniert. ...


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Theraphosis #27

Die Gefahr ist sehr real, allerdings.

Ich war vor Jahren in der Nähe von Belgrad, als dort eine der Paraden stattfand.
Es ist unglaublich, mit welcher Verachtung quer durch alle Bevölkerungsschichten über Homosexuelle gesprochen wird.

Man muss dabei berücksichtigen, dass die Mentalität einer Toleranz sehr entgegensteht. Das geschlechtspezifische Rollendenken ist sehr viel stärker ausgeprägt als hier, Männer und Frauen definieren sich sehr stark über das Geschlecht.

Gerade deswegen ist jede Abweichung suspekt, eine Diskussion so gut wie unmöglich.
Vorurteile und Fehlinformationen bestärken das noch.
Ein Schwuler wird "peder" genannt, was meines Wissens von "Päderast" kommt.
Homosexualität wird in de Köpfen der Menschen mit Kindesmissbrauch gleichgesetzt.


...

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #375 on: August 13, 2019, 03:53:01 nachm. »
Quote
[...] In Paris tobt eine hart geführte Diskussion um die Rekonstruktion von Notre-Dame. Traditionalisten und Identitäre fordern die Wiederherstellung in alter Form, Modernisten wollen ihr lieber ein neues Dach aufsetzen.


Aus: "Kulturkampf um Notre-Dame" Marcus Woeller (13.08.2019)
Quelle: https://www.welt.de/kultur/architektur/plus198449309/Kulturkampf-in-Paris-Wer-den-Streit-um-Notre-Dame-gewinnt.html


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #376 on: August 14, 2019, 03:37:47 nachm. »
Quote
[...] Ich liebe Fleisch, ich bin verrückt nach Fleisch, ich esse Fleisch für mein Leben gern und werde niemals darauf verzichten, auch wenn meine beiden Töchter überzeugte Vegetarierinnen glücklicherweise ohne missionarischen Eifer sind. Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehört der Duft der Lammkeulen, gespickt mit Knoblauch, Thymian und Rosmarin, die meine spanischen Tanten über dem offenen Feuer unseres Sommerhauses in Katalonien grillten. Zu meinen kulinarischen Offenbarungen gehörte mein erstes Bresse-Huhn, das ich mir als armer Student in Bourg-en-Bresse vom Mund absparte, um dann mit einem so unfassbar intensiven, so überwältigend delikaten Geschmack belohnt zu werden, wie ich ihn zuvor noch nie bei einem Huhn schmecken durfte. Und bis heute ist für mich ein Leben als Feinschmecker ohne Fleisch undenkbar, weil mein Himmeltellerreich auf Erden ein kurz gebratener Rehrücken mit Morcheln ist oder ein pochiertes Kalbsfilet im Kräutermantel oder ein Kotelett vom Ibérico-Schwein, das sein ganzes Leben frei wie der Wind in den Eichenhainen Andalusiens verbracht hat.

Genau aus diesem Grund habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich Fleisch esse: Ich kaufe niemals Billighack oder Tiefkühlbroiler beim Discounter, zu denen ich ohnehin aus Prinzip nicht gehe. Ich esse niemals den Plastik-Fast Food-Ramsch amerikanischer Imbissketten, verweigere mich allen Arten von Würsten aus Fleischabfällen, boykottiere die Massentierhaltung und finde die Industrialisierung der Viehzucht so verwerflich wie ihre Preise obszön. Ich bin kein Snob, sondern ein Gourmet. Deswegen esse ich Charolais-Rinder und Schwarzfederhühner, Lämmer von der Müritz und Schweine aus Jabugo, und ich gebe dafür mit Vergnügen viel Geld aus, für viele Menschen viel zu viel Geld. Doch das ist der Preis, den ich dafür zahle, dass die Tiere ein gutes Leben hatten und es mir mit ihrem wunderbaren Geschmack danken. Der hohe Preis ist für mich auch kein Ablasshandel, mit dem ich mein schlechtes Gewissen, den Tod eines Lebewesens verursacht zu haben, beruhigen müsste. Denn ich handele mit meinem Fleischkonsum – anders, als es viele Moralisten der Fleischfeindlichkeit behaupten – nicht wider die menschliche Natur.

Ohne Fleisch wäre der Mensch gar kein Mensch. Die These ist in der Anthropologie längst fest verankert. Die enorme Energie von Fleisch und Knochenmark hat es den Menschenaffen überhaupt erst ermöglicht, ihr Gehirn so sehr zu vergrößern und weiterzuentwickeln, dass Menschen aus ihnen werden konnten. Mit schwer verdaulicher Pflanzennahrung wäre das nie gelungen. Hätten wir unsere Ernährung vor hunderttausend Jahren nicht radikal umgestellt, säßen wir immer noch in der Höhle und kauten auf Wurzeln. Fleisch aber gab und gibt uns große, leicht zu absorbierende Mengen an Proteinen, Eisen und Vitamin B und damit den entscheidenden evolutionären Vorteil, um unser Gehirn zu versorgen, das zwar nur zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, aber zwanzig Prozent unserer Energie verbraucht.

Natürlich sind wir heute in der Lage, Fleisch zu ersetzen, ohne unsere Ernährung und Gesundheit zu gefährden, aber ich will das nicht – und ich muss es auch nicht. Denn wir müssen etwas anderes tun: Wir müssen aufhören, jeden Tag billiges Fleisch mit dem Geschmack von Styroporverpackungen in uns hineinzustopfen und uns dabei auch noch einzureden, dass dieser Unfug ein Menschenrecht sei. Wir müssen uns endlich dafür interessieren, wie die Tiere auf unserem Teller gelebt haben und gestorben sind. Wir dürfen nicht länger tolerieren, dass Fleisch wie ein anorganisches Industrieprodukt behandelt wird – von den Großmästern ebenso wie von gedankenlosen Konsumenten. Wir müssen begreifen, dass nicht das Fleisch an sich, sondern allein der Exzess seines Konsums die Regenwälder zerstört und das Klima ruiniert.

Wir müssen also verstehen, dass die Lösung des Problems, das falsche Fleisch zu essen, nicht lauten kann, überhaupt kein Fleisch mehr zu essen. Stattdessen müssen wir wieder lernen, wie gut gutes Fleisch schmeckt, wie zart und zugleich kraftvoll, wie fein und zugleich intensiv, wie unvergleichlich und unersetzlich. Fleisch ist ein ganz besonderes, vielleicht sogar das kostbarste, das köstlichste Geschenk der Natur an uns. Lasst es uns endlich schätzen, anstatt es zu verdammen! Lasst es uns genießen!


Aus: "Bekenntnisse eines Fleischessers" Ein Kommentar von Jakob Strobel y Serra, stellvertretender Leiter des Feuilletons (14.08.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wissen/klimawandel-die-auswirkung-des-hohen-fleischkonsums-16331451.html

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Belügen wir (Fleischesser) uns nicht ein bisschen selbst, Herr Strobel y Serra

Horst Schmidt (Legastheniker), 14.08.2019 - 14:14

Auch ich esse sehr gerne Fleisch. Als Angehöriger einer Generation, der Fleisch als gut und gesund galt, hat es meine Essgewohnheiten nachhaltig geprägt. Ich kann viel leichter aufs Auto verzichten als auf Fisch oder Fleisch. Aber ich weiß eben auch, dass es falsch ist. Moralisch falsch! Mit jedem Steak beschädige ich die Lebensgrundlagen meiner Kinder und Enkel. Das kann so nicht weitergehen. Nur weil man etwas (straffrei) tun kann, ist es noch lange nicht richtig. Mag sein, dass ein oder zwei Fleischgerichte in der Woche gerade noch tolerabel sind. Aber da müssen wir (Fleischesser) erst mal hinkommen. Selbstbetrug ist dazu nicht dienlich.


Quote
"Discounter, zu denen ich ohnehin aus Prinzip nicht gehe"

    Artus Daniel-Hoerfeld (ArtusDanielHoerfeld), 14.08.2019 - 14:12

Zu Anfang konnte ich Jakob Strobel y Serra noch zustimmen, doch dann folgte mal wieder die Verdammung der Armen.
Muss das immer sein? Ich weiß, zwischen dem Autor und mir liegen wirtschaftlich gesehen gewiss Lichtjahre, und so mancher mag darüber hämisch grinsen, doch man stelle sich vor: Auch die da unten wollen Fleisch essen!
Und ob das "glückliche" Tier in der Blüte seines Lebens den Weg auf den Teller wirklich freudig beschritten hat, oder das Mastvieh nicht doch eher dankbar war, durch Metzgers Hand aus seinem Elend befreit zu werden, lasse ich einmal dahingestellt.
Ob das Fleisch ersterer besser schmeckt? Das mag sein, aber noch besser wird es mit Goldüberzug, wie wir erst kürzlich erfahren durften.
Der kulinarische Anspruch des Autors hat also noch Luft nach oben...


Quote

Werter H. Strobel

    Harald HEINZ (willer3), 14.08.2019 - 14:11

Ihre Meinung ist eher unerheblich für diese Welt und zeigt eher Überheblichkeit über die Dinge, wie sie sind.
Ich habe mich nach wiederholter Lektüre der Misere bei der Fleischerzeugung - damals im Stern im Juni 2017 - entschlossen, konsequent keine Schweinefleischprodukte mehr zu essen, bis Besserung eingekehrt ist. Das habe ich bis heute durchgehalten und meine Gesundheit und mein Gewicht haben schnell Fortschritt gemacht.
Wenn wir herumdiskutieren, ändert sich garnix. Wir haben Regierungen in Europa, die sich nicht um die Welt scheren - speziell in Brüssel. Der schwarze Lobbyismus bringt die Natur noch hin. Sich da in den Elfenbeinturm des Genusses zu verkriechen und zu jubilieren, ist wahrhaft schändlich.
Und zur Vergangenheit: Ich kann mich noch an den Geschmack von Koteletts aus kleinster Nebenerwerbslandwirtschaft meines Schwiegervaters in den 70ern erinnern. Dabei belassen wir es. ...

... Ich empfehle die Lektüre von ein paar gescheiten Leuten und dann hätte ich gerne die Kommentare nochmals neu: "Die Kunst kein Egoist zu sein" und "Tiere denken" von Richard David Precht - im Gegensatz zu anderen Philosophen einfach zu lesen und gut verständlich / unterhaltsam. "Das Schweinesystem" von Dr. Matthias Wolfschmidt. Beides hilft Mensch und Tier besser zu verstehen. Den Egoismus und das Verhalten des Menschen werden diese sicherlich in der Masse wenig verändern.


Quote
Wo ist die Ethik und der IPCC Bericht?

    Jan Felix Walther (JanW93), 14.08.2019 - 14:02

Sehr geehrter Herr Strobel y Serra,

sie haben in Ihrem Artikel schön beschrieben, warum sie Fleisch so lieben. Dass Ihnen Fleisch schmeckt, glaube ich Ihnen. Mehr Argumente haben Sie leider nicht genannt. Was ist mit der Ethik? Warum ist es aus Ihrer Sicht ethisch vertretbar, ein Tier zu züchten und dann – in Ihrer Welt – "human" zu töten? Ab wann ist ein Lebewesen so wenig wert, dass der Mensch es töten darf?
Jeder muss selber wissen, ob ein Geschmack Tier- und Umwelt-Leid wert ist. Dass Tiere Ihnen aber mit ihrem Geschmack danken, weil Sie sie töten ließen, ist makaberer kaum vorstellbar.


Quote
Bravo

    Andreas Bartsch (bartsan1), 14.08.2019 - 13:36

Dem Artikel stimme ich voll und ganz zu! Ich werde nie auf Fleisch verzichten und auch ich werde nie Billigfleisch in mich hineinstopfen!


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #377 on: August 19, 2019, 10:22:46 vorm. »
Quote
[...] Berlin/Zagreb – Rassistische Äußerungen, die auf der Facebook-Seite einer in Berlin tätigen kroatischen Diplomatin gepostet wurden, haben in Kroatien für Aufregung gesorgt. Wie das Nachrichtenportal "index.hr" am Freitag berichtete, stellte Elizabeta Mađarević, eine Erste Sekretärin der kroatischen Botschaft in Berlin, am 8. August Fotos von der kroatischen Adriaküste auf ihre Facebook-Seite.

Auf Englisch schrieb sie darunter: "Reines und authentisches Europa. Nur weiße Europäer, so wie es vor noch 30 Jahren in ganz Europa der Fall war. Das sollte gute Werbung für Reisen sein. Man würde denken, dass das heute nicht mehr möglich ist, aber Gott sei dank ist es das."

Das kroatische Außenministerium distanzierte sich aufs Schärfste von den Äußerungen der Diplomatin und bestellte sie zu einem Gespräch ins Ministerium in Zagreb ein.

... In einer ihrer Ausfälligkeiten beschimpfte [Mađarević] auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wegen deren Äußerung, dass der Islam zu Deutschland gehöre, bescheinigte sie ihr, dass es ihr "an eigener Kultur mangelt". ...


Aus: "Aufregung um rassistische Äußerungen kroatischer Diplomatin in Berlin" (18. August 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000107531363/aufregung-um-rassistische-aeusserungen-kroatischer-diplomatin-in-berlin

Quote
sriver

Wahrscheinlich nur eine Privatmeinung in betrunkenen Zustand


Quote
Luccci

wir echte Weiße dürfen ja wenigstens zum Alk greifen beim Feiern


-

Quote
[...] Arnstadt – Bei der Präsentation des AfD-Wahlprogramms für die anstehenden Landtagswahlen in Thüringen am 27. Oktober forderte der Parteisprecher und Landtagsfraktionsvorsitzende Björn Höcke eine "Verabschiedungskultur" für "illegale Einwanderer". ...


Aus: "Deutschland: AfD-Höcke fordert eine "Verabschiedungskultur"" (18. August 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000107528401/afd-hoecke-fordert-eine-verabschiedungskultur

Quote
Walters Sachwalter

Sieht man ja bei den Hugenotten! Die sitzen heute noch in Deutschland rum, statt wieder nach Frankreich zu gehen. So weit ist es gekommen!


Quote
Kvik_mig_op

Und die ganzen Mischrassen im Rheinland!


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #378 on: August 22, 2019, 11:46:26 vorm. »
Quote
[...] Cécile Calla,1977 geboren, war Korrespondentin der französischen Tageszeitung "Le Monde "und Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins "ParisBerlin". Sie hat den Blog "Medusablätter" über Frauen und Feminismus gegründet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8"

Ich habe entschieden, meine Kinder nicht zu schlagen. Die meisten Leserinnen und Leser wird diese Aussage sicherlich nicht überraschen; denn in Deutschland gibt es einen breiten Konsens, Kinder nicht zu schlagen – es ist seit dem Jahr 2000 verboten. In Frankreich, wo ich aufgewachsen bin, ist körperliche Züchtigung hingegen noch weit verbreitet: Drei Viertel der französischen Eltern betrachten die "kleine Ohrfeige", die fessée – auf Deutsch: den Klaps auf den Po – als legitime Erziehungsmethode. Sie scheuen auch in der Öffentlichkeit nicht davor zurück, sie anzuwenden, und geben es in Gesprächen ohne Scham zu. Seit dem 10. Juli ist der Klaps nun auch in Frankreich offiziell verboten. Das Gesetz hat aber nur symbolischen Charakter: Der Gesetzestext fordert, dass "die elterliche Autorität ohne körperliche und psychologische Gewalt ausgeübt wird". Väter oder Mütter, denen die Hand ausrutscht, werden allerdings nicht bestraft. Die Regierung setzt stattdessen darauf, einen Kulturwandel durch Informationskampagnen einzuleiten.

Als Kind hörte ich oft den beliebten Spruch "qui aime bien, châtie bien": Wer liebt, züchtigt gern. Ohrfeigen und Klapse von meinen Eltern waren zwar nicht alltäglich, aber sie kamen vor. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die elterlichen Schläge mich sonderlich verunsichert hätten. Ich weiß noch sehr gut, dass ich mich im Vergleich zu anderen Spielkameraden oder Cousinen, die manchmal eine ordentliche Tracht Prügel bekamen, glücklich schätzte. Die Nachbarskinder, mit denen ich jeden Tag spielte, hatten zu Hause einen martinet – eine kleine Peitsche aus Lederriemen, die man früher in allen Drogerien Frankreichs kaufen konnte. Den martinet kannten damals fast alle Kinder; er gehörte bis in die Achtzigerjahre bei vielen französischen Familien zum festen Haushaltsinventar, auch wenn er meist nur als Drohung eingesetzt wurde. Im Jahr 1984, ich war damals sechs Jahre alt, hat der Gesetzgeber seinen Einsatz als ungesetzlich erklärt. Einige Familien kauften ihn jedoch weiterhin und verwendeten ihn, wenn der liebe Nachwuchs aus ihrer Sicht übertrieb.

Aus meiner kindlichen Perspektive viel schockierender waren die Schläge in der Schule oder in den Vorschulen. Sie waren zwar eigentlich nicht gestattet. Körperliche Züchtigung in Grundschulen wurde erstmals in einer Schulverordnung von 1795, und nochmals 1887, kurz nach der Gründung der kostenlosen und laizistischen öffentlichen Schule, formell verboten. In der Praxis konnten jedoch viele Lehrer ihr droit de correction, ihr Züchtigungsrecht, bis Ende der Achtzigerjahre ziemlich ungestört ausüben. Erst 1991 verbot eine Richtlinie des Kultusministeriums ausdrücklich jegliche Strafe in den Vorschulen und jede Form körperlicher Züchtigung in den Grundschulen – und selbst danach gab es laut einem Bericht aus dem Jahr 2004 noch 81 registrierte Fälle körperlicher Züchtigung.

Meine Schwester und ich wurden nach heutigen Gesichtspunkten jedenfalls – wie nicht wenige französische Kinder – noch in den Achtzigerjahren von Lehrern psychisch und körperlich misshandelt. Die Bestrafungen nahmen alle möglichen Formen an: von Demütigungen bis hin zum Klaps auf den Po, von Ohrziehen bis hin zu Ohrfeigen. Wir Kinder erzählten unseren Eltern diese Vorgänge nicht. Einerseits, weil wir weiteren Ärger befürchteten, und andererseits, weil wir sie irgendwie als normal ansahen. Ich weiß allerdings noch, dass ich in der ersten Klasse einen wiederkehrenden Alptraum mit schwarz-weißen Bleistiften hatte, die ein Rennen in einer Art Stadion liefen. Ich war wohl einer dieser Stifte und verlor das Rennen ständig, was mich in tiefe Verzweiflung stürzte. Das war der Moment, in dem ich schweißnass und in Tränen aufwachte.   

Inzwischen ist solches Verhalten in der Schule Vergangenheit. Aber die Kultur der Gewalt ist – wie die Diskussionen um ein Verbot der erzieherischen Gewalt in Familien belegen – längst nicht verschwunden. Weil Frankreich sich viele Jahre lang dagegen sträubte, den Eltern körperliche Züchtigung per Gesetz zu verbieten, wurde es regelmäßig vom Europarat gerügt. Trotzdem trauten sich die verschiedenen Regierungen nicht, das Thema voranzubringen. Sprach man Franzosen darauf an, erntete man meist nur Spott.

Als im Jahr 2016 eine Abgeordnete den Gesetzentwurf für ein Verbot auf den Weg brachte, dauerte es mehr als zwei Jahre, bis er von den beiden Parlamentskammern verabschiedet wurde. Das Thema spaltete die Gesellschaft. Die Gegner erklärten, dass ein Klaps auf den Po noch niemanden getötet habe und dass uns im Falle eines Verbots eine Gesellschaft von kleinen Tyrannen erwarte. Die meisten Franzosen sprachen sich gegen ein Verbot aus – 2015 etwa waren 70 Prozent der Befragten dagegen.

Die Befürworter eines Verbots sahen darin eine demokratische Notwendigkeit. Aus ihrer Sicht ermöglicht ein solches Verbot, die Wurzeln der Gewalt in der Gesellschaft zu bekämpfen. Viele Studien belegen, dass in der Kindheit erfahrene Gewalt oft im Erwachsenenalter reproduziert wird. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster behauptet sogar eine Korrelation zwischen körperlicher Züchtigung bei Kindern und rechtsextremer Gesinnung. In seinem vor Kurzem erschienenen Buch Erziehung prägt Gesinnung widmet er der strengen französischen Erziehung eine lange Passage und erinnert daran, wie stark die Rechten, insbesondere Marine Le Pens Partei Rassemblement National in Frankreich sind. Dass die rechtsextreme Gesinnung seit Jahren an Einfluss gewonnen hat, ist unbestreitbar. Dass dies hauptsächlich mit einem "homogenen, strengen" Umgang mit Kindern, mit dem Klaps auf den Po und der kürzeren Stillzeit, zusammenhängt, bezweifle ich. Denn ein Erstarken des Rechtspopulismus erleben wir auch in Deutschland und in anderen Ländern.

Allerdings stimme ich Herbert Renz-Polster in einem Punkt zu: Es gibt diesen Konsens über strenge Erziehung und französische Kinder stehen, gerade im Vergleich zu deutschen Kindern, oft unter hohem Druck. Meistens – und weit häufiger als in Deutschland – arbeiten beide Eltern in Vollzeit. Viele kämpfen auch mit Arbeitslosigkeit oder unsicheren Arbeitsverhältnissen. Die Bindungsforschung konnte sich nie wirklich etablieren, die Schule ist durch den Zentralstaat sehr normiert und alternative Bildungskonzepte sind weit weniger verbreitet.

Dass elterliche Schläge so spät erst gesetzlich verboten wurden, zeigt auch, wie lange diese alltägliche Gewalt banalisiert, schöngeredet oder einfach ignoriert wurde. Bis heute spricht übrigens die Gesetzgebung von "autorité parentale", deutsch: "elterlicher Autorität", während man in Deutschland seit 1980 von "elterlicher Sorge" spricht. 

Recht ähnlich verlief es auch im Umgang mit sexuellen Übergriffen. Sexismus und sexuelle Belästigung wurden lange als Kollateralschaden der "französischen Verführungskultur" kleingeredet. Die #MeToo-Welle wirkte in Frankreich wie die Offenbarung eines Familiengeheimnisses: Der Clan spaltete sich. Die einen – das war der Brief der 100 Französinnen um Catherine Deneuve – verteidigten die Tradition der Galanterie, die anderen forderten einen anderen Umgang zwischen den Geschlechtern. Plötzlich erschienen auch Themen wie sexuelle Belästigung auf der Straße oder Gewalt im Kreißsaal, die eher Gleichgültigkeit hervorgerufen hatten, auf dem vordersten Platz in den Medien. Auch alltägliche Gewalt am Arbeitsplatz gewinnt zunehmend an Aufmerksamkeit. Im europäischen Vergleich gehört Frankreich zu den Ländern, in denen häufiger Erfahrungen körperlicher Gewalt gemacht werden.

Wie Politik und Gesellschaft den Körper und die Psyche eines Menschen brechen können, beschreibt Edouard Louis in seinem jüngsten Buch Wer hat meinen Vater umgebracht. Er zeigt ein Kontinuum zwischen der politischen Gewalt und der alltäglichen Gewalt im Privaten auf. Diese Erzählung kann sich auch im Nachhinein wie ein Vorzeichen der Gelbwestenproteste lesen: Die Gewalt, die – auf beiden Seiten übrigens – bei diesen Protesten zum Vorschein trat, schockierte nicht nur Deutschland, sondern auch Frankreich. Dort hat jeder die Bilder der Verwüstung des Arc de Triomphe durch die Gelbwesten im vergangenen Dezember in Erinnerung. Aber inzwischen wird eben auch Polizeigewalt in Frankreich zunehmend thematisiert. 

Autorität ist allerdings auf der anderen Seite des Rheins grundsätzlich sehr en vogue. Umfragen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Franzosen, zuletzt 41 Prozent in einer Befragung von Oktober 2018, sich ein autoritäres Regime wünschen, um den "Niedergang abzuwenden" und "das Land tiefgreifend zu reformieren". Die Verfassung der IV. Republik, die bis 1958 galt und dem Staatspräsidenten eine eher repräsentative Funktion zuschrieb, hat bis heute einen sehr schlechten Ruf in Frankreich. Die Regierung galt und gilt als führungsschwach und instabil. Im Vergleich dazu wird das Machtsystem der V. Republik von der Mehrheit der Bevölkerung – selbst von den Gelbwesten – nicht infrage gestellt und Emmanuel Macron weiß sich seine umfangreichen Machtbefugnisse zunutze zu machen.

Ich selbst brauchte eine gewisse Zeit, um mich von dieser autoritären Kultur zu distanzieren. Erst der Umzug nach Deutschland und die Auseinandersetzung mit der hiesigen Streitkultur brachte mich zum Umdenken. Zwar empfand ich – und empfinde manchmal noch heute – viele Menschen hierzulande als allzu kontrolliert und korrekt und deren Kinder oft als wild, tyrannisch und schlecht erzogen. Mich ärgert es, wenn so getan wird, als ob Gewalt gar nicht zu unserer menschlichen Existenz dazugehöre. Gleichzeitig begriff ich, dass die französische Familienidylle mit Supermüttern und höflichen Kindern, die so viele Autoren loben, oft mit Druck und einer Portion Gewalt einhergeht. Also entschied ich mich, es ein bisschen anders zu machen und auf körperliche Züchtigung bei meinen Kindern zu verzichten. Ich schreibe bewusst "ein bisschen anders"; denn ich bin sicherlich strenger als viele deutsche Eltern und empfinde nach wie vor wenig Scham, meine Kinder anzubrüllen. Ganz aus meiner französischen Haut kann ich wohl nicht heraus.


Aus: "Gewalt in der Erziehung: Klaps auf den Po?" Cécile Calla (21. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-08/gewalt-erziehung-fessee-autoritaet-kinder-frankreich/komplettansicht

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Aufs Ergebnis kommts an #2

Ein Mittelweg ist hier angemessen.


Quote
Grundgesetz-Gutmensch #2.1

Eine halbe Ohrfeige??


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Linksrechtsobenunten #2.2

Ein Mittelweg zwischen "dem Kind eine geordnete Umgebung durch klare Regeln schaffen" und "dabei trotzdem eine möglichst freie Entfaltung gewährleisten"?

Gerne.

Bei physischer Gewalt darf es keinen s.g. Mittelweg geben. Da bin Ich radikal dagegen. Im Artikel werden die -auch aus meiner Sicht- weit überzeugerenden Argumente dagegen genannt. Mal ganz abgesehen davon, dass ich den Gedanken (m)ein Kind zu schlagen, genauso selbstverständlich "extrem verstörend" finde, wie wohl manche Franzosen und Französinnen es als "normale Erziehungsmethode" sehen.

Psychische Gewalt ebensowenig, auch wenn ich da natürlich verstehe, dass es da in den verschiedenen Ansichten verschobene Grauzonen zu einer "einfach" stregeren Erziehung gibt.


Quote
Robert Nozick #2.5

Das Problem ist, das die geordnete Umgebung und die Durchsetzung klarer Regeln ohne körperliche Gewalt offenbar für sehr viele Erziehungsberechtigte ein großes Problem ist.

Viele kapitulieren und produzieren eine Generation völlig grenzenloser Egoisten, denen in der KITA elemetarste Regeln des Miteinanders nicht mehr beizubringen sind, wenn in den übrigen 16 -20 Stunden des Tages alles anders gelehrt wird. Meine Lebensgefährtin ist Erzieherin.

Auch wenn ich selbst nie schlagen würde, weiss ich manchmal nicht, ob mir die Zeiten, in denen diese überforderten Eltern sich wenigstens noch per Watschn durchsetzen konnten und in ihnen nichnt gesellschaftlich suggeriert wurden, sie müssten ihren kleinen Prinzen auf Händen tragen, lieber waren.


Quote
Hühnerhabicht78 #2.11

Körperliche Gewalt gegenüber Kindern aus Wut auf Fehlverhalten ist unverzeihlich. Einen Klaps in bestimmten Situationen, als Mittel der Erziehung, ohne Wut und anschließendem Liebesentzug, halte ich dagegen für gerechtfertigt in bestimmten Situationen.
Ich gebe Ihnen sogar noch ein Beispiel:
Unsere 20 Monate alte Tochter wollte dem 3 Monate alten Nachbarsjungen ihre Kuchengabel ins Auge stechen. Wahrscheinlich um zu sehen, was passiert, wer weiß das schon. Konnte gerade noch eingreifen. Dafür gab es auf die Finger und eine beherzte Ansprache. Eine Woche später hat sie es erneut versucht, gleiche Reaktion meinerseits.
Danach hat sie es verstanden und nie mehr versucht.
Also los verurteilen Sie mich in Gutmenschen-Manier.


Quote
Grundgesetz-Gutmensch #2.19

Sie werden es nicht glauben, aber die meisten Eltern schaffen es ohne Gewalt Kinder großzuziehen, auf die man stolz sein und die man Liebhaben kann ohne sich für sie schämen oder rechtfertigen zu müssen. [ ... Es geht um das Prinzip: Gewalt ist Gewalt, und Gewalt als Mittel der Erziehung ist ein Zeichen von Schwäche, Grobschlächtigkeit und erzieherischer Armut. Es geht immer anders. Immer.]


Quote
Hühnerhabicht78 #2.30

Obwohl ich anerkenne, dass Ihre Antwort wesentlich differenzierter ist, als die manch anderer Kommentatoren, bin ich anderer Meinung.

Wenn Sie jedoch wissenschaftliche Erkenntnisse verlinken können, die Ihre These stützen, werde ich das unvoreingenommen lesen.

Aus eigener Erfahrung, muss ich sagen, dass wütendes Rumgeschreie durch die Mutter, mir als kleinen Jungen eher in Erinnerung geblieben ist, als ein Klaps vom Vater, der sowieso eine absolute Ausnahme, reserviert für außergewöhnliche Frechheiten meinerseits, war. ...


Quote
Friedlicher Kampfradler #2.32

Interessant, ich habe ähnliche Situationen meistern können, ohne meine Kinder dabei dann körperlich zu misshandeln. Und ich musste dies dann auch nicht immer und immer wiederholen. Wenn das Kind sich nämlich auf die Ansprache konzentrieren kann, ohne dabei von den Schmerzen der elterlichen Brutalität abgelenkt zu werden, sitzt es einfach leichter.

Wie häufig haben Sie Ihre Kleinkinder bislang insgesamt unterm Strich prügeln müssen?


Quote
In die Hutze integrierter Holm #2.34

Ich kenne Einzelmeinungen von Leuten die grob gesagt in der Neurologie forschen und arbeiten und die sind offenbar radikaler als alle Antworten hier im Forum. Bereits das Anschreien, ja die Stimme aggressiv zu erheben sei bereits einer gesunden Hirnentwicklung abträglich. Überhaupt sei das Anschreien in seiner Auswirkung nicht von Schlägen zu unterscheiden.

Unter dieser Annahme kann das wütende Geschrei Ihrer Mutter in der Summe wirklich schlimmer gewesen sein als die seltenen Schläge Ihres Vaters, für die Sie immerhin eine Erklärung gefunden haben.
Einlesen müssen Sie sich aber selbst, ich bin nicht qualifiziert und es ist wohl auch sinnlos jetzt einzelne Studien rauszusuchen.
Das werde ich im nächsten Sabbatical nachholen.


Quote
Hühnerhabicht78 #2.38

Natürlich, ich bin Arbeitnehmer und gehe gleich arbeiten unterwürfig arbeiten, um auch weiterhin die Steuern zu zahlen, die der Staat heute so für seine gesellschaftlichen Experimente benötigt.
Sie dagegen sind vermutlich Mitglied der linksalternativlosen Szene und bereiten gerade im Stillen die Revolution vor.
Um ihre Versorgung brauchen Sie sich derweil nicht zu sorgen, dass übernehmen Ihre wohlmeinenden Eltern für Ihren Junior doch gerne :)

Und das alles nur weil ich als Kind ab und zu mal angeschnauzt wurde, wenn ich mal wieder Rebellion geübt habe...
Deutschland könnte so schön sein, mit 80 Millionen selbstverwirklichten Guevaras. Da muss ich mich jetzt wirklich bei meinen Eltern beschweren, wenn ich die das nächste mal sehe.



Neurologen, die anhand von Hirnuntersuchungen verhaltenspsychologische Zusammenhänge erklären wollen und dabei Dogmen formulieren, laufen Gefahr ungewollt einem Druiden, der aus Vogelinnereien liest, zu ähneln.

Unter den Verhaltenspsychologen selbst gibt es nämlich auch jene, die davon ausgehen, dass ein Kind dadurch massive Fehlentwicklungen erleiden kann, wenn die Eltern immer beherrscht und frei von negativen Emotionen erziehen. Es hat dann keine Chance Empathie zu entwickeln (bis hin zu soziopathischen Zügen) und ist völlig überfordert, wenn später in Schule und Gesellschaft auf einmal deutlich negative Reaktionen auf das eigene Verhalten erfolgen.

Als Laie müssen Sie dann entscheiden, wie Sie ihr Kind erziehen. Nicht immer so einfach, wie es dem ein oder anderen hier scheint.

Vermutlich haben Sie es noch nie geschafft, Ihre ideologische, rosarote Brille kurz abzulegen, um die Welt in allen ihren Facetten und Zwischentönen wahrzunehmen.
Vielleicht klappt das ja noch zu einem späteren Zeitpunkt


Quote
Kapaster d.J. #4

Ich bin in der DDR aufgewachsen und ich war einer der wenigen männlichen Kinder in meinem Umkreis, der nicht von häuslicher Gewalt betroffen war.
Lehrer durften nicht schlagen, aber in den Familien wurde teils hemmungslos geprügelt. Für mich steht der Zusammenhang zwischen autoritärer Weltanschauung und Gewalt ausser Zweifel.


Quote
Alemannischschwäbisch #4.4

Psychische Gewalt war dort Staatsräson
Wie auch im 3. Reich.
Sollten ja alle Staatstreue Kommunisten werden.


Quote
Er_ist_wieder_da. #4.12

Antiautoritäre Eltern haben oft Gewalt erlebt und dadurch ist Aggression oft Tabu und verdrängt. Das geht dann Richtung Gutmensch und irgendwann entwickeln die Kinder Probleme weil sie nicht mit den eigenen Wutgefühlen umgehen können.

Oder passiv aggressive Menschen treiben ihr Umfeld in die Wut. Gesellschaftlich wäre das dann Gutmensch vs. Wutbürger.


Quote
Sichersucher #2.45

... Was ich bedrückend finde, ist die Ansicht, jemand könnte Schläge oder andere Gewaltformen verdient haben. Dass wir brüllen oder schlagen, wenn wir hilflos sind, wird wohl (noch lange) so bleiben. Aber es richtig zu finden... Wann ist Gewalt gegen Schwächere uns Abhängige logisch (ohne Wut) oder gesellschaftlich wünschenswert? Wie kann es richtig sein, jemanden anders so zu bahandeln, wie man selbst nicht möchte - und er auch nicht? Übrigens führt dieser Ansatz (auch meine Erfahrung) zu einem Gegenteil von Rücksichtslosigkeit oder Gewalt, weil die Frage gelernt wird, wie sich der andere fühlt. Ich sehe eher das Problem, dass diese empatischen Kinder dann von Kindern, die Gewalt als normal empfinden, als schwach wahrgenommen werden. Da hängt wieder ein ganzer Rattenschwanz dran, aber der offensichtliche Hebel scheint mir, dass aus Gewalt gegen Schwächere verzichtet und als feige betrachtet wird. Wer schlägt heute in Deutschland schon seine Frau/seinen Mann und spricht offen darüber und bezeichnet das als richtig? Und nach oben? Schon mal den Chef/die Chefin geschlagen und erwartet, dass sich daraufhin die Arbeit wünschenswert entwickelt? Nein? Sicher, dass noch nie ein Chef einen anderen so zur Weißglut getrieben hat, wie ein Kind? Ich glaube, wir haben gelernt, entlang des Machtgefälles Gewalt als normal zu empfinden.


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« Reply #379 on: August 24, 2019, 09:26:37 nachm. »
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[...] Den Trend "Gemüse aufessen" habe ich nicht kommen sehen. Hätte man mir als Sechsjähriger gesagt, dass der Tag kommen wird, an dem alle Leute ganz verrückt sind nach Brokkoli, Radieschen und Grünkernbratlingen, so verrückt, dass sie sogar ihr Gemüse fotografieren, ich hätte demjenigen einen Vogel gezeigt. 1981 wohnte ich mit meinen Eltern in einer großen Hausgemeinschaft in der westdeutschen Provinz. Mitbewohnerin Bine* hatte sich gerade eine Körnermühle gekauft. Bei Gudrun* nebenan gab es mittags Vollkornnudeln und Möhren, die nicht aus der Dose kamen. (Für alle, die nicht dabei gewesen sind: In den Siebzigern kannte man Gemüse – also Erbsen und Möhren – nur aus der Dose, und wer sich die Arbeit machte, frisches zu kochen, musste fanatisch sein. So wie Gudrun, die in der Clique meiner Eltern den Ruf einer Hardlinerin hatte.) Meine Mutter hingegen kochte weiterhin weiße Spaghetti mit roter Soße aus Dosentomaten. Was zur Folge hatte, dass alle WG-Kinder bei uns mitessen wollten und Bine auf ihren Grünkernbratlingen und Gudrun auf ihren Vollkornnudeln sitzen blieb. Als Sechsjährige hätte ich daraus folgern können, dass der Markt sich selbst reguliert. Doch es sollte anders kommen.

Knapp vierzig Jahre später. Es ist wie in einem schrägen Science-Fiction-Thriller: Stell dir vor, du trittst eines Morgens auf die Straße, und alle sehen aus wie deine Eltern. Alle tragen die gleichen Jeans wie deine Eltern und die gleichen Vollbärte, alle essen die gleiche Vollwertkost, fahren die gleichen Lastenfahrräder, die gleichen VW-Busse und haben sogar die gleichen fucking Fjällräven-Rucksäcke dabei. Damals waren diese Rucksäcke Trophäen aus einem überstandenen Skandinavien-Zelturlaub; heute kannst du sie bei Zalando bestellen.

Und gerade als du denkst, dass darin irgendwo ein Hinweis versteckt sein könnte, zündet der Grusel die zweite Eskalationsstufe: Diejenigen, die nicht aussehen wie deine Eltern, sehen aus wie du selbst! Sie tragen dieselben Bomberjacken, die du als Vierzehnjährige angezogen hast, nachdem du den kratzigen Wollpulli deiner Kindheit den Eltern vor die Füße geworfen hast. Alle hören halb ironisch Hip-Hop und tragen die entsprechenden Turnschuhe dazu. Auf diesen berufsjugendlichen Einheitslook können sich erschreckend viele Leute einigen, ob Teenagertochter türkischer Einwanderer oder ergrauter Rechtsanwalt. Dazu wollen alle plötzlich selbstbestimmt arbeiten und hängen mittags im Café und abends mit einer Flasche Bier auf den Bordsteinkanten rum. Alle!

Das ist der schräge Albtraum, in dem ich mich gerade wiederfinde.

Es sind nicht alle so, komm mal raus aus deiner linksgrün versifften Blase!, hör ich da rufen. Und ihr habt recht, ich lebe in einer Blase, und das schon lange: Kindheit in dieser Wohngemeinschaft, Jugend in den unzähligen linksalternativen Kulturzentren in Bremen, ab Mitte der Neunziger habe ich dann das Epizentrum dieser Blase als Wohnort gewählt, Berlin-Kreuzberg. Da lebe ich bis heute. Problem nur: Ich finde den Ausgang nicht mehr, so sehr hat sich diese Blase aufgebläht. Der grün-individualistisch-hedonistische Lebensstil scheint eine immense Sogwirkung zu haben. Sicherlich nicht auf alle, aber eben auf viele. Die Ergebnisse der Europawahl nähren meinen Wahn.

Ist doch schön, könnte man sagen. Alles wird ein bisschen gesünder, selbstbestimmter, umweltbewusster, das tut auch dem Klima gut. Und sogar der junge BWL-Student, der vor Jahren noch von seinem Schlips drangsaliert, von seiner Aktentasche gebeugt und vom Familienjoch geknechtet wurde, dieser BWL-Student sitzt jetzt mit seinem Fjällräven-Rucksack und einem Bierchen auf dem Bordstein vor meiner Haustür in der Abendsonne und fragt fröhlich: So what?

Wenn du aus dem Haus trittst, und plötzlich sehen alle aus wie du und deine Eltern, scheint das zunächst nicht mehr zu sein als ein crazy Selbsterfahrungstrip. Was ist, wenn plötzlich alle Welt im Straßencafé draußen Cappuccino trinken will, wie meine Eltern 1977 in der ersten italienischen Eisdiele im Ort? Was ist, wenn plötzlich alle das kalt gepresste Olivenöl haben wollen, das 1983 aus dem Italienurlaub mitgebracht wurde? Was ist, wenn plötzlich alle Avocados essen wollen? Was ist, wenn alle Bulli fahren wollen? Was ist, wenn sogar alle diese scheußlichen Outdoorklamotten haben wollen, die meine Eltern in den Neunzigern für sich entdeckten? Die beige Rentnerkleidung, die davor Standard war, war wenigstens kompostierbar, weil nicht aus Multifunktions-Kunstfasern.

Das ist immer noch kein Problem, nur ein lustiges Gedankenspiel. Genauso lustig wäre es, wenn plötzlich alle Welt aussehen würde wie die Eltern anderer Leute. Alle würden Kaffee mit Dosenmilch trinken oder Dujardin im Cognacschwenker und dann besoffen auf den Tennisplatz gehen oder so. (So was machen zurzeit nur Mittzwanziger, und das auch nur ironisch und nur in Musikvideos.)

Aber wieso find ich’s nicht lustig? Was brodelt da in mir, wenn ich beobachte, wie eine Mutter im Berliner Graefekiez oder in Hamburg-Ottensen, eine Mutter mit Birkenstocks, ihrem Kind das Dinkelbrötchen in den Kinderwagen reicht? Ich könnte doch auch einfach denken: Süß, guck mal, genau wie Gudrun früher. Doch ich muss gestehen, wenn ich tief in mich reinhorche: Da ist nicht nur Liebe in mir. Irgendwas in mir will dieser Frau vors Schienbein treten. Würd ich nie machen, siehe pazifistische Erziehung. Ich atme schwer und gehe weiter.

Vielleicht ärgert mich, dass die Versprechen meiner Kindheit gebrochen wurden. Damals, als meine Eltern jung waren, und neulich, als ich jung war, durften noch alle mitmachen, die Lust dazu hatten. In den Wohngemeinschaften meiner Eltern gingen die unterschiedlichsten Leute ein und aus. Es galt die stille Übereinkunft: Solange du dich von deinen Nazi-Eltern distanzierst, solange du die richtigen Jeans trägst und den richtigen Parka, solange du die richtige Musik hörst und solange du die richtigen drei, vier Bücher im Regal stehen hast, darfst du dabei sein. (Du musst sie nicht gelesen haben, das kann ich bezeugen. Ich habe meinen Vater so gut wie nie lesen sehen, und er durfte trotzdem dabei sein. Vielleicht weil er tolle Kindermöbel bauen und Autos reparieren konnte.)

Und sogar was diese kulturellen Codes betraf, wurde oft ein Auge zugedrückt. Bei uns wohnte jahrelang eine Frau, die definitiv die falschen Hosen trug und mit ihrer falschen Frisur an der Supermarktkasse saß, selbst gestochene Unterarmtattoos hatte und mit ihren zwei Kindern vor ihrem prügelnden Mann geflohen war. Alle durften mitmachen, auch die Türkin mit Kopftuch von nebenan saß im Sommer mit am WG-Gartentisch, weil meine Mutter auf ihre kleine Tochter aufpasste, während sie arbeiten ging. Wie gesagt, das war 1981 in der ostwestfälischen Provinz.

Und das ist der entscheidende Unterschied zu damals: Das Versprechen "Alle dürfen mitmachen" gilt nicht mehr. Die Birkenstocks von der Frau mit dem Kinderwagen und dem Dinkelbrötchen sind nur ein Paar von vielleicht dreißig Paar Schuhen, die sie zu Hause hat, und ihr Kinderwagen kostet so viel wie das gebrauchte WG-Auto meiner Eltern. Früher wurden wir Kinder in selbst gestrickte Pullover und billige Gummistiefel gesteckt. Heute tragen die Kleinkinder in den linksalternativen Stadtteilen dieser Republik Outdoorklamotten, Wollwalk-Overalls und skandinavische Schuhe im Wert eines Hartz-IV-Monatssatzes. Damals fuhr man Bulli, weil acht Personen mitfahren konnten, und man wohnte mit fünf Erwachsenen und vier Kindern in einer Sechszimmerwohnung. Heute wohnt in der gleichen Wohnung eine Kleinfamilie, und der Multivan-Bulli ist teurer als ein Mercedes S-Klasse. Damals durfte jeder in Kreuzberg wohnen, der keine Angst vor Klo auf dem Gang, Ofenheizung und Türken hatte. Heute dürfen nur noch diejenigen in Kreuzberg wohnen, die das Geld dafür haben.

Ich heule nicht dem Ausverkauf eines Lebensstils hinterher. So was passiert. Was mich allerdings ankotzt, ist, dass er äußerlich nachgeahmt, aber innerlich ausgehöhlt wird. Es ist, als ob die Neo-Kreuzberger sagen: Euren Lifestyle, den finden wir ganz fancy, nur die Sache mit dieser Solidarität, das haben wir noch nie verstanden, das lassen wir mal lieber weg. Die Dinkelmütter von damals haben Kinderläden und freie Schulen gegründet, die Dinkelmütter von heute pirschen sich am Kuchenstand auf dem Schulfest an die Direktorin ran, damit ihr Kind nicht nur auf die beste Schule, sondern auch in die beste Klasse mit der besten Lehrerin kommt. Damals warf man mit drei, vier Familien die Miete für einen baufälligen Bauernhof auf dem Land zusammen, als Wochenendhaus. Heute stehen sich Familien, die genauso aussehen wie die von damals, als erbitterte Konkurrenten gegenüber, im Kampf um eine Datsche in der Kleingartensiedlung.

Dass der Wind sich dreht, habe ich zum ersten Mal vor ungefähr zwölf Jahren auf einem Kreuzberger Spielplatz bemerkt. Mein damals einjähriges Kind stritt sich mit einem anderen Kind um ein Sandkasten-Förmchen. Die Reflexe meiner eigenen Erziehung funktionierten einwandfrei, doch ehe ich sagen konnte: "Guckt mal, ihr könnt doch zusammen damit ...", rief die andere Mutter (die genauso aussah wie ich) ihrem Kind schon zu: "Jetzt lass dir doch nicht immer jedes Spielzeug abnehmen! Setz dich mal durch!" Ich blieb bestimmt zehn Minuten mauloffen im Sand stehen.

Dass Durchsetzungsvermögen der neue Kreuzberger Soft Skill ist, wurde mir in den nächsten Jahren klar, als der Run auf bezahlbare Altbauwohnungen, auf Kindergartenplätze, Schulplätze, Parkplätze, Plätze im Fußballverein, Plätze in der Musikschule und so weiter begann. Glück für alle, die rechtzeitig ihr Durchsetzungsvermögen trainiert haben. Für alle anderen ist das Leben eine Warteliste.

Kann sein, dass ich die Vergangenheit in nostalgischem Licht sehe. Meine Mutter erinnert mich immer wieder daran, dass in unseren WGs auch viel gestritten wurde. Doch ich glaube, dass das bisschen Streit um Abwasch und Rasenmähen nicht halb so schlimm für den Seelenfrieden war, wie es das nagende Gift eines Lebens in chronischer Wettbewerbsvorteilsverschaffung ist.

Mit grün im Sinne von umweltverträglich hat das, was wir in Kreuzberg veranstalten, ohnehin schon länger nichts mehr zu tun. Während Bine und ihre Freundinnen damals Yoga in der Volkshochschule gemacht haben, fliegen Julia und ihre Freundinnen ins Yoga-Retreat nach Thailand. Und was ist an einem VW-Bus eigentlich grüner als an einem SUV? Einfach mal Maße und Spritverbrauch vergleichen, schon bröselt einem das Selbstbild unter den Fingern weg.

Wahrscheinlich hätte ich gar nichts bemerkt von diesen Widersprüchen, wenn die Reichen brav auf ihren Golf- und Tennisplätzen geblieben wären und nicht auf Birkenstocks in meine Blase reingelatscht wären. Beim Nächsten, der bei mir im Hof steht, um einen unverbindlichen Small Talk über Immobilienpreise anzufangen, vergesse ich meine pazifistische Erziehung.

Ich werde wahrscheinlich noch eine Weile in diesem schrägen Science-Fiction-Thriller leben. So lange, bis ich mir die steigende Miete wirklich nicht mehr leisten kann. Wenn dann die deutschen Innenstädte für Normalverdiener unbezahlbar werden, so wie in London oder San Francisco, wenn der Verteilungskampf noch verschärft wird, weil Firmen wie Google oder Zalando oder irgendeine KI-Klitsche ihre Mitarbeiter ganz dringend in den "angesagten Trendbezirken" unterbringen wollen, haben all diejenigen Glück, die sich rechtzeitig eine Immobilie gesichert haben. Alle anderen können gehen. Das Kreuzberger Kreativprekariat hätte zumindest noch die Möglichkeit, einen Deal mit den neuen Platzhirschen einzugehen und seine herrlich unkonventionelle Kreativität zur Verfügung zu stellen, damit die ganze Sache authentischer, rougher und auch: grüner rüberkommt.

Hab ich behauptet, ich wisse nicht, wo der Ausgang aus der Blase sei? Vielleicht weiß ich’s doch. Vielleicht bau ich mir eine Holzhütte auf dem Golfplatz, da ist ja keiner mehr. Oder ich ziehe in einen verwaisten Bungalow, den die Erben nicht wollen und für den sie wegen Asbest keinen Käufer finden. Angst vor Ungesundem hatte ich noch nie. Ich koche weiße Nudeln mit roter Soße, vielleicht kommt ja jemand zum Essen vorbei. In der Hausbar finden wir Dujardin. Den Rasen mähen wir morgen.

* Name von der Redaktion geändert


Aus: "Früher war mehr Öko" Tina Thoene (21. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/35/oekologischer-lebensstil-solidaritaet-hippie-zugehoerigkeit-mainstream/komplettansicht

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Trümmerlotte #22

Sehr unterhaltsamer Artikel.
Und das es so kommen könnte, hätte man aber doch ahnen können.
Und zwar frühzeitig... als in den 80ern Punk-Klamotten bei Karstadt vertickert wurden und seit man bei Che Guevara eher an den T-Shirt-Kauf denkt statt an die Gründung ner handfesten Stadt-Guerilla, spätestens da muß einem doch klar gewesen sein: es gibt keine Überzeugung oder Lebensstil, die sich nicht auch als Konsumprodukt mit entsprechendem Kolateralschaden eignet...
jetzt hat es halt die Ökos erwischt, shit happens :-)


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Eigenverantwortung #24

Grüne und Ökos können mich Mal ganz gepflegt.


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Watzinger #24.1

Schlüssige Argumentation, flüssig formuliert, höfliche Sprache und für die vielen Wörter nur wenige Fehler. Glückwunsch.


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Offline Textaris(txt*bot)

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #380 on: September 12, 2019, 01:11:41 nachm. »
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[...] Mit einem Klimaschutz mit Askese, Verbot und Verzicht werde Deutschland vielleicht „Moral-Weltmeister“, sagte FDP-Chef und -Fraktionsvorsitzender Christian Lindner: „Aber niemand wird uns auf der Welt folgen.“ ...


Aus: "Lindner warnt vor „Moral-Weltmeister“ Deutschland" (11.09.2019)
Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article200107024/Generaldebatte-im-Bundestag-Lindner-warnt-vor-Moral-Weltmeister-Deutschland.html?wtrid=onsite.onsitesearch

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[...] Moralinsaure Moralisten überall. Aktivisten wollen dies. Aktivisten wollen das. Hin. Her. Hoch. Runter. Ding. Dong. Und ich stehe amüsiert im Raum. Es ist ein Fest für Trolle. Ein Galadinner für Stresser. Ein innerer Scheißparteitag für an die Schienbeine Pisser. Wenn Sie hypereifrige Aktivisten ärgern wollen, dann geht das inzwischen ganz einfach. Malen Sie Geschlechtsorgane irgendwo hin [ https://werberat.de/werberat-spricht-nachtragliche-beanstandung-aus-social-media-werbung-von-true-fruits-uberschreitet ]. Wie früher in der Schule auf die Bank. Oder auf das Klo. Penis. Penis. Titten. Noch mehr Titten. Und alle rasten aus. Inzwischen reichen sogar freie Oberkörper irgendwo auf einem Plakat und Twitter dreht durch. Alerta Alerta, da hat einer Penis gesagt. PENIS! Hashtag! Retweet!

Ich dachte vor ein paar Jahren mal, die Welt könne nicht bekloppter werden, doch das war ein Irrtum. Ein Trugschluss. Ich habe das nicht zu Ende gedacht und angenommen, die menschliche Blödheit sei auf einen bestimmten unverrückbaren Sockel limitiert und könne nicht ins Unendliche gesteigert werden, aber das stimmt nicht. Sie werden von Jahr zu Jahr blöder. Lauter. Kreischender. Und verrückter.

Was da mit erhobenem Zeigefinger dasteht und krakeelt, ist nicht weniger als der neue Klerus. Viktorianisch. Prüde. Bitterernst. Sie haben die alten, lahmenden Presseorgane in ihrem Bataillon, die öffentlich-rechtlichen Anstalten, aus dem Gebührenaufkommen querfinanzierte YouTube-Kanäle, lassen ihre Kritiker blocken und haben sich, damit das einfacher geht, dafür sogar ein Gesetz zimmern lassen. Und bis zum Zäpfchen privilegierte Premiumautorinnen mit Fangirls im Kometenschweif rennen medienwirksam in den Supermarkt und räumen Regale um, auf dass ich mein ejakulatartiges sexistisches Fruchtpüree nicht mehr finde und doch bitte auf das turbokapitalistische Konkurrenzprodukt von Coca Cola umsteige, was quer durch die etablierten Portale fürsorglich beklatscht wird.

Ihr seid so doof.

Ihr seid alle so doof.

Meine Güte was seid ihr doof.

Jedem mit einem Funken rebellischem Geist macht es im Moment reinste ehrliche klammheimliche Freude, euch zu stressen, zu nerven, zu trollen, die Dinge, die man nicht tut, extra zu machen. Ja, bitte, nehmt euch die Zeit und räumt die Flaschen der kleinen Bonner Fruchtsaftklitsche rüber zu den Eiweißriegeln oder unter die Bananen, weil ihr nicht wollt, dass ich das trinke, doch ich werde das Zeug auf jeden Fall finden und damit hinter euch an der Kasse stehen und euch ins Gesicht strahlen, ihr Nixblicker, denn wenn ich etwas mehr als alles andere hasse, ist es, wenn mir jemand vorschreibt was ich zu tun habe, ohne mich dafür mit einem Monatsgehalt zu bezahlen. Was ihr da tut weckt unmittelbar, vollkommen automatisch und ohne dass ich das irgendwie steuern könnte meinen Widerwillen. Es ist absolut unvermeidbar, dass ich genau das tue, von dem die Moralapostel, Kleriker und diese neue superkorrekte elitäre Medienblase nicht wollen, dass ich es tue. Einfach aus Spaß. Und nur aus Spaß. Nicht um zu zeigen, dass das hier immer noch ein freies Land ist, in dem Eiferer eben nicht die private Agenda des Einzelnen bestimmt dürfen, gut, das ist ein Nebeneffekt und auch vollkommen folgerichtig, sondern ich mache das nur aus Spaß. Immer anders als die da von mir wollen. Weil ich es kann. Und darf. Und will. Weil ihr den Stinkefinger so sehr hasst und ich den so mag.

In meinem Büro läuft gerne mal Minderheitenmusik aus der Bluetoothbox. Coldwave. Gothicrock. Neofolk. Brandenburger Punk. Oi. Satyricon. Amon Amarth. Die guten alten Jungs von Slayer. Und Böhse Onkelz. Said what? Huhu. Aber doch nicht die. Darf man nicht hören. Geht gar nicht. Haben mir die letzten knapp 20 Jahre verschiedene Leute gesagt. Geht nicht. Weil die rechts bedienen. Auch wenn ich von denen noch nicht ein rechtes Statement zu irgendwas gehört habe. Aber das spielt keine Rolle, es reicht, dass sie mit süßen 17 Jahren in der Szene waren und da helfen auch satte 30 Jahre an Distanzierungen nicht mehr. Man darf die nicht hören. Die gehen gar nicht. Sagen mir Leute. Seit der Schule schon. Unaufgefordert. Ohne dass ich sie vorher gefragt habe, ob ich diese Band hören darf. Oder sie zu Bewertungen meiner Angelegenheiten aufgefordert habe. Und ohne dass ich ihren Senf zu irgendwas überhaupt generell haben möchte. Nein. Sie kommen einfach daher und sagen, was zu tun ist. Was man tut und was nicht. Andere Musik hören. Anderen Fruchtsaft trinken. Auto abschaffen. Vegan essen. Nicht mehr fliegen. Zu Alnatura statt zu Lidl gehen. Dieter Nuhr nicht mehr schauen. Keine Drogen nehmen. Keinen Alkohol mehr trinken. Ursula von der Leyen toll finden. Und bitte meine Sprache gendern. Wegen, keine Ahnung, Awareness.

Ich höre meine Musik natürlich trotzdem. Weil ihr mich – na klar – alle am Arsch lecken könnt. Das ist doch nur logisch. Wie sieht das denn aus, wenn ich einknicke und die Musik nicht mehr höre, die ich mag, nur weil ihr das wollt. Echt jetzt. Würdet ihr das tun? Nicht mehr Max Giesinger, Jennifer Rostock oder Bosse hören, nur weil ich die alle eine grässliche Zumutung finde?

Was seid ihr doof. Unendlich doof. Ihr erreicht mit diesem ständigen penetrierenden dauerempörten unendlich abgehobenen Geblöke genau das Gegenteil: Euch eigentlich grundsätzlich mal zugeneigte Leute wenden sich ab, wählen eure Parteien nicht mehr, lachen beim Bier über euren verkopften Scheiß, feixende Trolle stressen euch in die Schnappatmung und die vollkommen Frustrierten wählen seit Neuestem sogar rechts, weil das offenbar das ist, mit dem man euch am allermeisten ärgern kann und ihr merkt das alles nicht, sondern twittert munter weiter eure Moralinsäure in die Welt als gingen die Zehnerjahre, in denen ihr die uneingeschränkte Lufthoheit über alle Ressourcen hattet, nicht bereits in ein paar Monaten schon zuende.

Inzwischen ist plakativ kalkulierte Unkorrektheit ein Stilmittel in der Werbung, mit dem sich unter Verwendung der Social-Media-Empörungskloake in kürzester Zeit die Zuneigung der angekotzten Mehrheitsgesellschaft gegen die pikierte Moralelite gesichert werden kann. Sie wollen mehr Produkte verkaufen? Das geht ganz einfach. Drücken Sie ein paar Knöpfe, bei denen die üblichen blasierten Twitterinfluencer sofort an die Decke gehen. Daraufhin berichten alle gängigen Onlineportale mit Reichweite darüber, wie schlimm Ihr Produkt ist und nennen dabei Ihren Namen. Kostenlos. Über Tage. Das steigert Ihren Umsatz. Sofort. Weil Ihr Produkt plötzlich irrwitzigerweise zu einem Symbol gegen die da oben geworden ist, die ihre limitierenden Moralvorstellungen in die Alltage drücken wollen und damit gerade im letzten Jahrzehnt so erfolgreich waren, dass diese Gestalten und ihren Kodex jetzt kein normaler Mensch mehr sehen kann.

Ihr seid so doof. Was ihr nicht merkt ist, dass die Dinge bröckeln. Auf die Gängelung durch eine selbstherrliche Obrigkeit hat die Mehrheit nicht den Hauch von Bock und reagiert darauf im Moment mit vielen Dingen, die ihr gar nicht seht. Geht doch mal wieder in eine verrauchte Kneipe, hinten am Bahnhof zum Späti auf ein Bier an eine dieser speckigen Stehtonnen oder auf so ein garantiert unveganes Dorfest außerhalb des S-Bahn-Rings, auf dem der Pöbel feiert, dessen Lebensstil ihr so leidenschaftlich verachtet, aber das könnt ihr gar nicht, weil ihr gar nicht wisst wo der Pöbel überhaupt zu finden ist. Lieber sitzt ihr feist und satt auf eurem begrünten Balkon über Berlin-Friedrichshain, Ingwer-Zitronengrastee auf dem Tisch und einen getrockneten Apfelschnitz in der Hand, während der Pöbel unten bei 32 Grad die Straße neu teert. Euren Bürgersteig pflastert. Eure Couscousbrösel für euer Taboulé in den Bioladen liefert. Und euren Wohlstandsmüll zur Deponie fährt. Um danach mit dem Regionalexpress wieder raus nach Brandenburg zu fahren. Sprecht doch mal mit einem von denen. Die hassen euch alle inzwischen. Und ihr merkt nichts da oben auf eurem Balkon, auf dem ihr alt werdenden Vetteln vor dem Macbook immer noch wie 2010 über dem nächsten Hashtag für die neueste Empörung brütet. Und von wo aus ihr nicht seht wie sich der Wind dreht, wie eure Onlinekampagnen nicht mehr verfangen, die Leute sich ermüdet bis angewidert abwenden nach der hunderttausendsten beliebigen Empörungswelle, die aus irgendeinem Grund immer noch jedes Mal tagelang durch eure angeschlossenen Funkhäuser genudelt wird.

Als wäre immer noch 2010.

Was ihr auch nicht merkt, weil ihr die alle geblockt habt: Unter eurem Radar hat Rechts dazugelernt. Massiv. Erfolgreich. Professionell. Und seit neuestem reichweitenstark. In kürzester Zeit. Kommt jetzt young, fresh, urban, hip daher. Ist frech. Naseweis. Bärtig. Trägt Hoodie. Und verarscht euch. Macht sich lustig. Über die Bräsigkeit. Das Superkorrekte. Klerikale. Glückwunsch. Alles falsch gemacht. Da habt ihr sie. Das ist jetzt eure Opposition. Der Protest gegen euch. Da nutzt auch euer Löschen nix. Die laden das einfach neu hoch, vernetzen sich über Telegram, vk, dtube, reddit, alles Orte, an die ihr nicht rankommt, während ihr immer noch emsig Löschanträge bei YouTube stellt, als würde das Löschen irgendwas bringen, außer sie zu Zensurmärtyrern zu machen, was ihnen jedes Mal noch eine Schippe mehr Anhänger sichert, die inzwischen nicht mal halb so alt sind wie ihr und Oberlehrer samt Bräsigkeit schon seit der Schulzeit nicht leiden können.

Und sonst? Ideen? Neues? Nein, ihr seid wie immer. Eure Kanäle sind fad, eure Stellungnahmen in eurem Verwaltungsgenderdeutsch ein Elend und eure immergleichen hysterischen Choreographien abstoßend routiniert, alles nur wohlfeile Empörungsrituale, für die sich außerhalb eurer Blase niemand mehr interessiert. Ihr schmeckt säuerlich. Vergoren. Giftig oft. Ihr seid nicht hip. Nicht frech. Und schon gar nicht mehr jung. Ihr seid lame. Spießig. Öde. Ihr seid der Klerus auf dem goldenen Balkon, der jede kleine Frechheit übel nimmt, weil Frechheit gegen die Linie verstößt. Wie konnte es passieren, dass sich die Dinge so umkehren? Wann ist euch das entglitten? Und warum verkauft sich Rechts jetzt als der hippe Protest gegen euch, die ihr in den Clubsesseln der Schaltstellen sitzt? Und warum fällt ihnen das so leicht? Und euch nichts dagegen ein?

Ach, egal. Ihr macht eh so weiter wie ihr es immer gemacht habt und schießt euch sukzessive selbst auf die Auswechselbank, was rege ich mich eigentlich auf. Trullala. Ich sitze in meinem Kasperlebezirk und habe besseres zu tun. Ich muss mir mal wieder ein schönes Stück fette alte Kuh auf den Balkongrill legen. Es hat knapp ein Kilo und wurde mir aus Spanien geliefert. Mit dem Flugzeug. Oder dem Laster. Mir egal. Und das muss heute auf den Grill, weil mich meine dämliche sauerkrautköpfige Nachbarin, die uns vor einiger Zeit das Fridays for Future-Plakat ins Treppenhaus gehängt hat, gestern in jenem Treppenhaus schon wieder ungefragt darüber informiert hat, dass vegane Ernährung mir helfen würde, im Laufsport bessere Ergebnisse zu erzielen. Weil Fleisch meine Arterien verstopft, was zu einer schlechteren Versorgung des Hirns und der Lunge führen würde, so dass ich nicht so schnell rennen kann wie ich könnte. Sie sehen: Sie gibt nicht auf. Missioniert mein Hirn zu Brei. Fängt immer wieder davon an. Und ich finde sie immer noch so kacke, dass es quietscht. Lieber sterbe ich ein paar Jahre früher als ihren superkorrekten faden Seitanscheiß zu fressen.

Zum Fleisch werde ich mir ein Bier aufmachen. Ich habe mir ein paar Kästen davon auf den Balkon gestellt, bevor aktivistische Autorinnen, Dozentinnen, Journalistinnen und Regisseurinnen aus dem Elfenbeinturm eine neue Empörung ausrufen und bei Rewe die Bierflaschen unter den Kohlköpfen verstecken, auf dass die Schäfchen lieber ChariTea kaufen. Weil das viel gesünder ist als Bier. Und so superkorrekt. ...


Aus: "Die Aktivisten sind wieder empört" Der Maschinist (08/09/2019)
Quelle: https://pestarzt.blog/2019/09/08/die-aktivisten-sind-wieder-empoert/

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #381 on: Oktober 15, 2019, 11:06:46 vorm. »
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[...] „Es besteht kein Konflikt, keine Meinungsverschiedenheit zwischen der Kirche, dem Heiligen Stuhl, und den Vereinten Nationen in Sachen Menschenrechten, vor allem nicht wenn es um den Frieden und den Wohlstand für alle Menschen geht.“

Silvano Maria Tomasi ist katholischer Erzbischof und ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, der UNO. Allerdings hat der Vatikanstaat die Menschenrechtscharta der UNO nicht unterzeichnet. Die Menschenrechte stellen jene Rechte dar, die einzelne Personen vom Staat einfordern können. Der Heilige Stuhl ist einer der wenigen Staaten, die diese Rechtsforderungen der Vereinten Nationen nach wie vor ablehnen. Auch die Europäische Menschenrechtskonvention wurde bisher vom Heiligen Stuhl nicht unterzeichnet.

Aus einem präzisen Grund hat der Vatikan immer noch Probleme damit, solche internationalen Dokumente zu unterzeichnen, erklärt Daniele Menozzi, Historiker an der Universität Scuola Normale Superione in Pisa und Autor eines 2012 erschienen Buches zum Thema Kirche und Menschenrechte:
„Gegen das Recht des Menschen über sich selbst zu bestimmen argumentieren die Päpste mit dem Naturrecht, dem sich der Kirche nach die Menschen unterzuordnen haben.“

Die Kirche und die Menschenrechte: ein Thema, das die Päpste seit 1789 beschäftigt. Die Ausrufung der Menschenrechte während der Französischen Revolution überraschte die Kirche. Vor allem war Papst Pius VI. über das Verhalten des französischen Klerus angesichts der Menschenrechtserklärung überrascht.

„Die französische Kirche beteiligte sich an der Verfassung dieser Erklärung. Sie war nicht mit allen Artikeln der Erklärung einverstanden, gab aber Empfehlungen, die beim Abfassen des Textes berücksichtigt wurden. Als Rom davon erfuhr, reagierte der Papst sofort: Pius VI. verurteilte die Menschenrechtserklärung offiziell, mit dem Hinweis, dass diese Rechte der kirchlichen Lehre widersprächen.“
Die Mehrheit des französischen Klerus gehorcht dem römischen Diktat.

Mit der entschiedenen Ablehnung dieser ersten Menschenrechtserklärung beginnt Historiker Menozzi zufolge die konfliktreiche Geschichte zwischen dem Vatikan und den verschiedenen späteren Menschenrechtserklärungen:

„Das Motiv der Ablehnung solcher Erklärungen seitens der Kirche liegt in der Überzeugung der Päpste, dass sich eine menschliche Gesellschaft nach den Prinzipien Gottes und nicht der Menschen zu organisieren habe.

Und so kommt es vor allem im 19. Jahrhundert zu scharfer Kritik seitens der Päpste allen Versuchen gegenüber Menschenrechte zu deklarieren. Ende der 1870er-Jahre schließlich erklärt Papst Leo XIII., dass es innerhalb des göttlichen Naturrechts gewisse Menschenrechte gebe.“

Die Rede ist vom Sogenannten „ius divinum naturale“. Das ist jenes göttliche Recht, das aus den Hinordnungen, den inclinationes, der menschlichen Natur abgeleitet werden kann und somit dem Naturrecht vergleichbar ist. Das „ius divinum“ wird unmittelbar auf den Willen Gottes zurückgeführt. Es ist im Verständnis der Kirche überzeitlich, dem übrigen kirchlichen und menschlichen Recht übergeordnet. Es kann somit weder von weltlichen noch von kirchlichen Gesetzgebern verändert und aufgehoben werden. Aus diesem Grund tat sich vor allem die Kirche des 19. und der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schwer damit, Menschenrechtserklärungen anzuerkennen. Schon allein deshalb, weil jede solche Erklärung den päpstlichen Primat nicht nur infrage stellt, sondern negiert. Der päpstliche Primat gilt allerdings als eine dem Willen des menschlichen Gesetzgebers entzogene weil von Gott verliehene Rechtstatsache.

Die Einstellung der Kirche den Menschenrechten gegenüber änderte sich, so Historiker Menozzi, zum ersten Mal mit Papst Johannes XXIII.:
„Vor allem mit seiner Enzyklika ‚Pacem in terris‘ von 1963 vollzog die Kirche eine tief greifende Wende. Zum ersten Mal überhaupt wurde das Wort ‚Menschenrechtserklärung‘ positiv in einem päpstlichen Dokument erwähnt. Dieser Papst war davon überzeugt, dass diese Erklärung die Basis für alle menschlichen Organisationen sein sollte.“

Johannes XXIII. eröffnete damit einen Dialog innerhalb seiner Kirche. Die bis dato hohe Barriere zwischen Menschenrechten und göttlichem Naturrecht war entschieden niedriger geworden.

Das Abschlussdokument des Zweiten Vatikanischen Konzils sprach sich aber weitaus vorsichtiger gegenüber dem Thema der Menschenrechte aus als Papst Johannes XXIII. Dort war, wenn auch mit weitreichenden Zugeständnissen der modernen Gesellschaft gegenüber, wieder vom Primat des göttlichen Naturrechts die Rede.

Mit dem Pontifikat von Johannes Paul II., vor allem aber von Benedikt XVI. setzte sich innerhalb der Amtskirche wieder jene orthodoxe Konzeption des göttlichen Naturrechts als allem menschlichen Recht übergeordnet durch.

Und jetzt, mit Papst Franziskus? Wird sich mit ihm in Sachen Kirche und Menschenrechten etwas ändern? Katholiken weltweit erwarten sich, so Historiker Daniele Menozzi, auch in diesem Punkt Veränderungen durch den Papst aus Argentinien:

„Während des Pontifikats von Benedikt XVI. kann man von einer Obsession bezüglich des göttlichen Naturrechts sprechen. Franziskus hat deutlich gemacht, das unter seinem Pontifikat diese Fixierung nicht mehr so wichtig ist. Er sagte es klar: Die Kirche darf nicht wollen, dass sich die Menschen ihrem Recht unterordnen, sondern sie muss die Frohe Botschaft verbreiten.“

Aber Menozzi glaubt nicht, dass der Vatikan bald schon UNO- und EU-Menschenrechtserklärungen unterzeichnen wird. Mit Papst Franziskus, so der Historiker, wird das Dogma des göttlichen Naturrechts als allem menschlichen Recht übergeordnet nicht etwa abgeschafft, sondern nur weniger wichtig.


Aus: "Staat und Religion: Der Vatikan und die Menschenrechte" Thomas Migge (09.01.2015)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/staat-und-religion-der-vatikan-und-die-menschenrechte.886.de.html?dram:article_id=308219

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[...] Markus Tiedemann (Jg. 1970) ist Professor für Didaktik der Philosophie und Ethik an der TU Dresden. Publikationen unter anderem: "'Liebe Fanatiker!' Philosophische Briefe an Menschen extremer Glaubensrichtungen" und "'In Auschwitz wurde niemand vergast'. 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt".

Er referiert am 16. Oktober (17 Uhr, NIG, Hörsaal 3D) im Rahmen der von Philosoph Konrad Paul Liessmann, Niklas Gyalpo, Bernadette Reisinger und Elisabeth Widmer in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe "Fachdidaktik kontrovers" zum Thema "Weder Tugendterror noch Nihilismus. Das Konzept der Transzendentalen Toleranzerziehung". Das Generalthema im Wintersemester 2019/20 lautet: "Erziehung zum Guten? Ethikunterricht zwischen Reflexion & Indoktrination".


STANDARD: Was halten Sie vom österreichischen Plan, Ethikunterricht nur für jene verpflichtend zu machen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht haben?

Tiedemann: Ich finde es grundsätzlich wünschenswert, dass Ethik in Österreich nun breiter eingeführt wird, gleichwohl ist das Modell alles andere als ambitioniert. Meines Erachtens braucht die pluralistische, multikulturelle Gesellschaft ein Pflichtfach Ethik für alle, und wer dann möchte, kann zusätzlich Religion wählen. Denn diese beiden Fächer sind sehr unterschiedlich. Eine ethische oder philosophische Reflexion ist per Definition ergebnisoffen, während eine religiöse Perspektive notwendig an Dogmen gebunden ist.

STANDARD: "Ethikunterricht ist nicht religionsfeindlich", sagen Sie. Viele Kritiker des Ethikunterrichts sagen, genau das ist er.

Tiedemann: Wer sich für Ethikunterricht ausspricht, geht davon aus, dass die wesentliche Grundlage unserer Gesellschaft auf einem gemeinsamen Diskurs beruht, zu dem Menschen unterschiedlichster sozialer Prägung oder religiöser Tradition versammelt werden. Schulunterricht sollte genau das befördern. Das kann er aber nicht, wenn er junge Menschen in unterschiedlichen, kulturell homogenen Schubladen unterbringt. Vor allem gilt ein wichtiger Grundsatz: Die entscheidenden Werte unserer Gesellschaft beruhen nicht auf religiösen Überzeugungen. Die Menschenrechte sind gegen und nicht durch die Religionen erkämpft worden. Das kann gar nicht oft genug betont werden. Der Vatikan hat bis heute die Menschenrechte nicht anerkannt. Insofern darf betont werden: Wenn wir die humanistischen Grundlagen unserer Gesellschaft pflegen wollen, dann sind diese zunächst einmal areligiös. Das heißt nicht, dass man religionsfeindlich ist.

STANDARD: Eine der Befürchtungen der Kritiker eines Ethikunterrichts lautet: Da werden die Schülerinnen und Schüler einfach nur anders, eben nichtreligiös indoktriniert ... quasi Gesinnungsunterricht auf andere Art oder Political Correctness als Schulfach. Was entgegnen Sie diesem Vorwurf?

Tiedemann: Zunächst würde ich sagen: Ja, Sie benennen eine große Gefahr. Das ist die Gefahr, die in jeder Pädagogik steckt, und wir Didaktiker zerbrechen uns darüber den Kopf unter dem Stichwort Wertevermittlungsdilemma. Wie kriegen wir es hin, dass Menschen moralisch wertvolle Grundsätze entwickeln, aber gleichzeitig dem Prinzip des Selbstdenkens und der freien Urteilskraft treu bleiben? Wir können ja nicht sagen: Ich möchte, dass du deine autonome Urteilskraft schulst, aber am Ende musst du ein Vertreter von Menschenrechten, Toleranz und Demokratie sein. Wir können diese Ergebnisse nicht vorgeben ohne die philosophische Essenz des Selbstdenkens zu verraten. Es geht nicht um Wertevermittlung, sondern Werte-Entwicklung, die von Generation zu Generation neu ausgetragen werden muss.

STANDARD: Wie gehen Sie mit diesem Dilemma im Unterricht um?

Tiedemann: Die philosophische Auseinandersetzung hat ein formales Dogma: Argumentiere kohärent, nicht willkürlich. Nur die Argumente werden anerkannt, die von jedem vernunftbegabten Wesen als Argument zumindest nachvollzogen werden können. Was die Pflege der humanistischen Werte angeht, gibt es das Vertrauen auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments nach Jürgen Habermas. Das heißt, in einem freien, rationalen Diskurs, so die – wie ich finde, auch begründete – Hoffnung, werden sich auch die Argumente durchsetzen, die ein starkes Primat für Menschenrechte, Toleranz und Demokratie vertreten.

STANDARD: Sie haben eine Studie über kulturell-religiöse Konflikte in Schulen durchgeführt. Sind sie mehr geworden, welche sind es, und wie sollen Schulen damit umgehen?

Tiedemann: Immer dann, wenn in ein System, hier die Schule, mehr Menschen unterschiedlicher Prägung hineinkommen, steigt die Konflikthäufigkeit. Die Lehrerinnen und Lehrer berichten, dass die Organisation, der Alltag und der Unterricht formal durch mehr Konflikte belastet sind und sie auch inhaltlich vor neuen Orientierungsfragen stehen. Vor 50 Jahren hätte wohl kaum eine Lehrerin oder ein Lehrer über Ernährung bei Schulfesten nachdenken müssen. Heute muss das organisatorisch geklärt werden. Aber auch inhaltliche Fragen wie die Gleichberechtigung der Geschlechter stehen erneut auf der Agenda und müssen neu ausgehandelt werden. Religions- und Kulturkunde sind hier hilfreiche, vielleicht sogar notwendige Bestandteile des Diskurses. Sie sind aber nicht hinreichend, um entsprechende Konflikte zu lösen. Dafür bedarf es des gemeinsamen Ringens um Argumente höherer Ordnung.

STANDARD: Diese Konflikte sind lauter Beispiele, wo Schulen oder die Gesellschaft entscheiden müssen, was tolerieren wir und was nicht. Wie und wo sollen Integrationsgesellschaften da die Grenze ziehen?

Tiedemann: Wir haben eine relativ gut begründete Grenze: die Menschenrechte. Wenn Menschenrechte zur Disposition stehen, haben wir gute Gründe zu sagen: Bis hierher und nicht weiter! Prinzipiell müssen wird uns des Begriffs Toleranz bewusster werden. In der Alltagssprache herrscht ein inflationärer Gebrauch: Wenn du mich gut findest, bist du tolerant. Und wenn du mich nicht gut findest, bist du intolerant. Das hat mit Toleranz nichts zu tun. Tolerare heißt ja erleiden, erdulden. Wir müssen etwas schlecht finden, um überhaupt tolerant sein zu können. Wenn es mir egal ist, bin ich nicht tolerant, und wenn ich es gut finde, auch nicht. Ich muss es ablehnen. Ablehnen und dennoch akzeptieren, das ist die Herausforderung echter Toleranz.

STANDARD: Warum soll ich etwas, das ich schlecht finde, akzeptieren?

Tiedemann: Weil es Argumente höherer Ordnung gibt. Ein Beispiel: Mein Nachbar spielt Trompete, und ich hasse es. Ich finde es schlecht und toleriere es dennoch, weil es Argumente höherer Ordnung gibt: die Freiheit der Lebensgestaltung, Gesetzestreue, Solidarität und so weiter. Oder: Ich mag es nicht, wenn Karikaturen über meinen Propheten gemacht werden. Dennoch toleriere ich es, weil die Rechtfertigung auf Werte wie Meinungs- und Pressefreiheit verweist, die über meine subjektive Empfindung hinausweisen. Deswegen darf ich die Karikaturen nach wie vor ablehnen und schlecht finden. Niemand zwingt mich, sie zu begrüßen, aber solange ich meine Ablehnung nicht selbst mit Argumenten höherer Ordnung rechtfertigen kann, muss ich mich fügen. Rainer Forst nennt dies das Recht und die Pflicht auf allgemeine und reziproke Rechtfertigung. Die Tugend echter Toleranz muss sehr intensiv trainiert werden. Meine Hoffnung ist, dass der Ethikunterricht zum expliziten Ort für dieses Training wird.

STANDARD: Warum ist philosophisch-ethische Bildung "eine wichtige Radikalisierungsprophylaxe", wie Sie sagen?

Tiedemann: Weil mir selbstkritische Reflexion die Endlichkeit meiner eigenen Vernunft vor Augen führt. Ein Beispiel: "Kann Gott einen Stein erschaffen, den er selbst nicht heben kann?" Fragen wie diese setzen einen Reflexionsprozess in Gang, der sich mäßigend auf religiösen Fundamentalismus auswirkt. Wie kann ich blind den Geboten eines angeblich allmächtigen Gottes folgen, wenn ich diese Allmacht nicht einmal widerspruchsfrei denken kann? Ein zweites Beispiel: "Wie kann ich eine politische Bewegung auf den Begriff einer nationalen Identität gründen, wenn ich gleichzeitig nicht in der Lage bin, diesen essenziell oder historisch zu definieren?" Wo meine Rechtfertigungen inkohärent werden, ist für meine Forderungen Bescheidenheit geboten. Das zu verstehen ist eine wirkungsmächtige Dogmatismusprophylaxe. (Lisa Nimmervoll, 14.10.2019)


Aus: "Fachdidaktik kontrovers: Philosoph zum Ethikunterricht: "Menschenrechte wurden gegen Religionen erkämpft""
Interview Lisa Nimmervoll (15. Oktober 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000109862955/philosoph-zum-ethikunterricht-menschenrechte-wurden-gegen-religionen-erkaempft

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Jakob Stainer

Sehr gutes Interview! - Ich befürchte, dass viele, welchen es gut stehen würde das durchzudenken, nicht lesen werden.


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Kilian Schirrhackl

"Wenn die Welt erst ehrlich genug geworden sein wird, um Kindern vor dem 15ten Jahr keinen Religionsunterricht zu erteilen; dann wird etwas von ihr zu hoffen sein."
Arthur Schopenhauer (1788 - 1860), deutscher Philosoph


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jumpingjack flash

einen stein erschaffen den man nicht heben kann also der christliche Gott kann das - der schreibt auch auf krummen Linien gerade...
sprich da ist klar dass es um Dimension geht die NICHT mit unserem menschlichen verstand greifbar sind. ...


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Pater W1

Wenn Gott einen Stein erschaffen kann, den er nicht heben kann ist er nicht allmächtig - er hat zwar den Stein geschaffen, kann ihn aber trotz seiner Allmacht nicht heben. Oder er kann ihn heben, dann ist es aber kein Stein, den nicht mal er heben kann. Insofern gibt es keine Allmacht. Jetzt verstanden?


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jumpingjack flash

ja, nur entzieht sich das Verständnis dieser "Logik" völlig dem allmächtig und ungreifbaren bild des christlichen gottes (wie das bei Mohammed ist weiß ich nicht) - solche Fangfragen sind schlicht sinnlos - wie gesagt er kann auf krummen Linien gerade schreiben.
auch die Unendlichkeit ist ein begriff wo sich viele schwer tun - den zu vermitteln ist nicht leicht bis unmöglich.


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VHRedhunter

Immer wieder beeindruckend, wie sehr Rel. das Denkvermögen schädigt.


...
« Last Edit: Oktober 15, 2019, 11:14:47 vorm. by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #382 on: Oktober 17, 2019, 04:24:46 nachm. »
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[...] Christian Schüle, 48, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert, war Redakteur der „Zeit“ und lebt als freier Essayist, Schriftsteller und Publizist in Hamburg. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den Roman „Das Ende unserer Tage“ (Klett-Cotta) und zuletzt die Essays „Heimat. Ein Phantomschmerz“ (Droemer) sowie „Wir haben die Zeit. Denkanstöße für ein gutes Leben“ (Edition Körber-Stiftung). Seit 2015 ist er Lehrbeauftragter im Bereich Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.

Eine verhängnisvolle Idee des Politischen geistert durch den Raum und besetzt mehr und mehr Köpfe: Identität. Die explizite Identitätspolitik psychischer, kultureller, sozialer oder geschlechtlicher Bedürfnisse und Anliegen führt zu einer weitgehend fragmentierten Gesellschaft, der peu à peu die Idee des Allgemeinen, der res publica, abhanden zu kommen scheint.

Wir haben es mit einer ständigen Ausweitung gruppenspezifischer Ansprüche an den Staat und die Gesellschaft zu tun, woraus eine Zersplitterung in Parzellen und Reviere, Communities und Lobbies folgt, die ihre jeweiligen Interessen zum Maß der Dinge erheben und sich – als Opfer struktureller Benachteiligung – gegebenenfalls beleidigt, gekränkt und in ihrem Selbstwert verletzt fühlen.

Geschlechter-Präferenzen, religiöse Gefühle, nationale Abstammung und lebensweltliche Befindlichkeiten sind für sich genommen aller Ehren wert, und jede und jeder hat das unbedingte Recht, nach ihrer und seiner Fasson glücklich zu werden. Aber wenn jede soziale Gruppe ihre Bedürfnisse moralisch verabsolutiert, um – durch rhetorisches Framing – die höchst erregbare öffentliche Wahrnehmung auf sich zu lenken, führt das im Furor von Empörungs-Hysterie und Shitstorm-Schwachsinn zunehmend in eine unübersichtliche Kampfzone. Vor lauter aufwertungsbedürftigen Minderheiten lässt sich schließlich gar nicht mehr von der Mehrheit sprechen. Bald könnte es, überspitzt gesagt, eine Multigender-, Polyamorien-, Bioveganer-, Animisten- und National-Anarchistenquote für Politik und Wirtschaft geben, weil jeder im öffentlichen Raum Geltung haben will.

Letztlich geht es dabei um zahllose in sich geschlossene Schutzräume, die weder ineinander übersetzbar noch anschlussfähig sind und vor allem Homogenität fördern, die – mit ihrer Neigung zu fundamentalistischer Selbst-Offenbarung – in einer offenen Gesellschaft ja ausdrücklich verhindert werden soll.

Identitätspolitik ist per se spalterisch und verstößt in einer ohnehin von Spaltungen aller Art zerklüfteten Gemeinschaft gegen das Grundprinzip einer liberalen Demokratie: die Bewältigung von Ambivalenz durch Prozesse.

Pluralismus produziert permanent Widersprüche und Mehrdeutigkeiten – das eine gilt so wenig oder viel wie das andere. Wenn die Ausdifferenzierung der Lebensentwürfe weiter voranschreitet, wird es bald mehr als 60 kulturell codierte Geschlechter und durch zunehmende Migration weit mehr als 200 Nationalitäten auf engem Raum geben. Dann wird es permanent zu Konflikten zwischen widerstreitenden Wert- und Normvorstellungen kommen, dann wird jede gestopfte Gerechtigkeitslücke für die eine Gruppe mindestens eine neue für andere Gruppen aufreißen. Und dann wird der diffuse Begriff der Würde ständig neue Forderungen nach dem spezifischen Respekt für sich aufs neue benachteiligt fühlende Minoritäten hervorbringen.

In einer superdiversen Gesellschaft – und auf eine solche wird es hinaus laufen – wird der einzelne Bürger nicht umhin kommen, Kränkungen zu ertragen und mit Neid und Ressentiment leben zu lernen. Wem es nicht nur in wohlfeilen Sonntagsreden, sondern aus Einsicht in die Notwendigkeit um gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten sozialer Isolierung und digitaler Echokammern geht, der muss die Bewältigung der Ambivalenzen zur Kulturtechnik erklären, deren Beherrschung jeder Einzelne künftig einzuüben hat. Eine auf Dauer garantierte Ordnung der Freiheit für alle findet nur dann allseitige Zustimmung, wenn sie nicht der Durchsetzung besonderer moralischer, ethischer oder religiöser Vorstellungen und Interessen dient, sondern ausschließlich eine Ordnung der individuellen Handlungsfreiheit ist.

Ambivalenzbewältigung wird also eine neue Schule der sozialen Ethik erfordern. Man sollte schon jetzt die Lehrpläne erweitern und die besten Pädagogen suchen, sonst brauchen wir in Kürze ein Heer von Therapeuten.


Aus: "Zersplitterung der Gesellschaft Lob der Ambivalenz - Ein Standpunkt von Christian Schüle" (26.02.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/zersplitterung-der-gesellschaft-lob-der-ambivalenz.1005.de.html?dram:article_id=441961


Offline Textaris(txt*bot)

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #383 on: Oktober 20, 2019, 09:30:55 nachm. »
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[...] Der Medienwandel ist längst auch zu einem Kulturkampf geworden, zwischen den Modernisierungsgewinnern und den Modernisierungsverlierern: Kosmopoliten gegen die Sesshaften, Veganer gegen die Fleischesser, Netflix-Nutzer gegen die Tagesschau-Seher, Smartphone-Junckies gegen Festnetz-Telefonierer. ...


Aus: "Smartphone-Junkies gegen Festnetz-Telefonierer oder Die Verzwergung der Kultur" Rudolf Stumberger (20. Oktober 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Smartphone-Junkies-gegen-Festnetz-Telefonierer-oder-Die-Verzwergung-der-Kultur-4532597.html

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #384 on: Januar 07, 2020, 10:44:52 vorm. »
Quote
[...] Als der Bikini 1946 das erste Mal der Öffentlichkeit gezeigt wird, sind die Leute empört. So wenig Stoff am Körper zu tragen, empfinden sie als schamlos und unsittlich. Keine große Überraschung, wenn man bedenkt, dass Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts beim Baden noch Schuhe, Wollstrümpfe und Beinkleider tragen müssen, um nicht zu viel Haut zu zeigen. Mitunter ist die Kleidung an Badeorten sogar gesetzlich geregelt, samt zentimetergenauen Vorgaben, welche Körperstelle bedeckt sein muss. Im Jahr 1922 werden Berichten zufolge in Chicago noch Frauen am Strand verhaftet, wenn der Abstand zwischen Badeanzug und Knie größer als 15 Zentimeter ist. Auch in Deutschland ist die Bademode Regeln unterworfen: Der Berliner Beamte Franz Bracht versucht 1932, mittels des sogenannten Zwickelerlass die Freizügigkeit an den Stränden Preußens per Gesetz zu verbieten.

Trotz der anfänglichen Empörung lässt sich in den kommenden Jahren die Entwicklung des Bikini zur normalen Strand- und Freibadbekleidung nicht aufhalten. Der „kleinste Zweiteiler der Welt“ gilt heute als Zäsur in der Geschichte der Mode. Sein Name ist in fast alle Sprachen ohne Übersetzung übernommen worden und ist heute Sammelbegriff aller Zweiteiler. Die Geschichte des Bikinis ist eine Geschichte der Emanzipation, verbunden mit viel Aufregung und Furor.

Die Geschichte des Bikinis beginnt im Jahr 1946, in einer Zeit, die nicht gerade von einer joie de vivre geprägt ist. Die Nationen erholen sich von den grauenhaften Folgen des Zweiten Weltkriegs. Wenige Monate zuvor töten die ersten und bisher einzigen Atombombenabwürfe in einem Krieg Hunderttausende Menschen und zwingen Japan zur Kapitulation. Der Krieg ist zu Ende – und trotzdem noch allgegenwärtig. Die unfassbare Zerstörungswut der Atombombe verändert die Welt. US-Präsident Harry S. Truman ordnet an, weitere Kernwaffentests durchzuführen. Auf kleinen Atollen im Pazifischen Ozean sollen sie stattfinden, ihr volles Zerstörungspotenzial soll untersucht werden. Als Testgebiete suchen die Verantwortlichen das Eniwetok-Atoll und das benachbarte Bikini-Atoll aus. Ihre Bewohner*innen lässt Truman umsiedeln.

Die USA ziehen die Tests als internationales Medienspektakel auf, die Öffentlichkeit soll bei den Experimenten zuschauen. Atomtests bedeuten Fortschritt, Überlegenheit und Sensation, so die Propaganda. Der bis dahin weitgehend unbekannte Name Bikini taucht nun weltweit in den Schlagzeilen der Tageszeitungen auf, als am 1. Juli 1946 die vierte Atombombe der Weltgeschichte auf dem Atoll zündet.

Vier Tage vergehen. Das Wort Bikini bleibt in den Schlagzeilen – und ein französischer Bademodendesigner beschließt, es für eine Provokation zu nutzen. Louis Réard lädt zum 5. Juli zu einer Misswahl im öffentlichen Freibad Molitor in Paris ein. Dort stellt er ein Kleidungsstück vor, das für die damalige Zeit dermaßen skandalös ist, dass sich die Erfindung binnen weniger Tagen über die ganze Welt verbreitet: der Bikini, benannt nach dem Ort, an dem Truman insgesamt 67 Atombombentests durchführen lässt. Réards Überlegung: Eine Atomwaffen-Inszenierung ist skandalös und provokant, warum kann es nicht auch ein Kleidungsstück sein? Und sei es alleine für Marketingzwecke.

Der Aufdruck des ersten Bikinis ist eine Collage aus verschiedenen Zeitungsausschnitten. Vorgeführt von Micheline Bernardini, hauptberuflich Nackttänzerin im Casino de Paris. Réard wählt sie zur Präsentation seines neuen Kleidungsstücks, weil sich professionelle Models weigern, eine derartig entblößende Klamotte zu tragen. Die Zuschauer*innen im Freibad Molitor sind entrüstet. Aus dem Badeanzug sind zwei Teile geworden, die nur noch die intimsten Körperstellen bedecken. Réard bestärkt die Aufregung, etwas Großes geschaffen zu haben. Zwei Wochen später lässt er sich den Bikini patentieren.

Der Bikini hat Startschwierigkeiten im Verkauf, weil er die gesetzten Moralvorstellungen sprengt. In Badeorten in Italien, Spanien und Portugal wird der Zweiteiler verboten, in den USA zusätzlich bei Schönheitswettbewerben und in Hollywoodfilmen. 1949 ist sich sogar sein Herkunftsland uneins darüber, ob Bikini-Tragen in Ordnung ist. Die französische Polizeipräfektur erlaubt ihn am Mittelmeer, verbietet ihn aber weiterhin an der französischen Atlantikküste.

Der Bikini bleibt tabu – bis er Gegenstand einer Emanzipationsbewegung wird. Der Bikini etabliert sich, wie auch der Minirock, als weiterer Baustein beim Kampf der Frauen um ihr Recht auf Selbstbestimmung. In den 1960er Jahren, in der Zeit der sexuellen Befreiung, tragen Frauen ihn als Kampfmittel. Er wird zum Symbol der Freiheit.

Die Verbote fallen, die Akzeptanz steigt. Nach und nach entdeckt der Mainstream den Bikini für sich, er verliert seine emotionale Aufgeregtheit. Die Modeindustrie schafft freizügige und ausgefallene Modelle, die symbolisch die Selbstverwirklichung unterstützen sollten. Die Szene aus dem ersten James-Bond-Film, 007 jagt Dr. No aus dem Jahr 1962, bei der Ursula Andress als Bond-Girl aus dem Wasser auftaucht, gilt nach wie vor als legendäre Bikini-Inszenierung. Andress‘ beigefarbener Zweiteiler wird 2011 sogar für umgerechnet 60.000 Euro versteigert und gilt seitdem als das teuerste Stück Badebekleidung. Marilyn Monroe trägt ihn, Brigitte Bardot trägt ihn, Romy Schneider genauso. Der Bikini ist nach all der Zeit der Aufregung en vogue.

Jetzt bekommt der Bikini schließlich ein eigenes Museum. Anfang 2020 wird in Bad Rappenau in Baden-Württemberg das weltweit erste Bademodenmuseum, das BikiniARTMuseum, öffnen. Der Bikini hat trotz der großen Aufregung überlebt und ist Ergebnis einer emanzipatorischen Bademodenentwicklung. Und so entstehen nach wie vor neue Modelle. Die Säume werden höher, Shorts werden von Höschen und Riemen durch Schnüre ersetzt. Neue Stoffe ersetzen die alten. Viskose, Baumwolle, Nylon, Elasthan, es folgen Tanga- und String-Bikinis, dann Mono-, Mini- und Mikrokinis, teils mit sonnendurchlässigen Stoffen. Mittlerweile gibt es sogar ein außergewöhnliches Hightech-Modell, bei dem ein sogenannter Tan-Timer mithilfe eines Piepstons signalisiert, dass sich die Trägerin doch nach 15 Minuten bitte umdrehen sollte, damit sie gleichmäßig gebräunt wird. Mit Blick auf das vergangene Jahrhundert, als Frauen noch mit Beinkleidern oder Wollstrümpfen ins Wasser mussten, ist das jedenfalls ein Fortschritt.




Aus: "Warum der Bikini das wohl skandalöseste Kleidungsstück der Geschichte ist" Philipp Kienzl (05. Juli 2019)
Quelle: https://ze.tt/warum-der-bikini-das-wohl-skandaloeseste-kleidungsstueck-der-geschichte-ist/