Author Topic: [Charakteristikum des Fühlens... (Notizen)]  (Read 5430 times)

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[Charakteristikum des Fühlens... (Notizen)]
« on: February 22, 2007, 12:28:10 PM »
Quote
[...] Bereits im Altertum bezeichneten die Philosophen Aristippos (435-366 v. Chr.) und Epikur (341-270 v.Chr.) „Lust“, bzw. (je nach Übersetzung Epikurs) auch „Freude“, „Vergnügen“ (hêdonê) als wesentliches Charakteristikum des Fühlens. Als „unklare Erkenntnisse“ und vernunftlose und naturwidrige Gemütsbewegungen wurden die Gefühle von den Stoikern (etwa 350-258) bestimmt; das Lustprinzip der Epikureer wird in Frage gestellt. Die ältere Philosophie und Psychologie behandelt das Thema Emotionen und Gefühle vorzugsweise unter dem Begriff der „Affekte“ (lat. affectus: Zustand des Gemüts, griech.: pathos; vergl. Affekt), bzw. auch der „Leidenschaften“ und hier vor allem unter dem Gesichtspunkt der Ethik und Lebensbewältigung. „Die Bestimmung des Begriffs der Affekte hat vielfach geschwankt. Bald sind die Affekte enger nur als Gemütsbewegungen gefasst worden, bald sind sie weiter auch als Willensvorgänge gedacht, bald sind sie als vorübergehende Zustände, bald auch als dauernde Zustände definiert und dann mit den Leidenschaften vermischt worden.“ (Friedrich Kirchner, 1848-1900). Für die Kyrenaiker (4. Jahrh. v. Chr.) sind zwei Affekte wesentlich: Unlust und Lust (ponos und hêdonê). Auch Aristoteles (384-322) versteht unter Affekten seelisches Erleben, dessen wesentliche Kennzeichen Lust und Unlust sind.

Descartes (1596-1650) unterscheidet sechs Grundaffekte: Liebe, Hass, Verlangen, Freude, Traurigkeit, Bewunderung. Für Spinoza (1632-1677) sind es dagegen drei Grundaffekte: Freude, Traurigkeit und Verlangen. Auch Immanuel Kant (1724-1804) sah das Fühlen als seelisches Grundvermögen der Lust und Unlust: „Denn alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können auf die drei zurückgeführt werden, welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaftlichen Grunde ableiten lassen: das Erkenntnisvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust und das Begehrungsvermögen“.

Friedrich Nietzsche (1844-1900) trennte nicht zwischen emotionalem und kognitivem Aspekt: „Hinter den Gefühlen stehen Urteile und Wertschätzungen, welche in der Form von Gefühlen (Neigungen, Abneigungen) uns vererbt sind.“

Ein viel beachteter Versuch der Gegenwart war die mehrgliedrige Begründung der wesentlichen Faktoren des Gefühls von Wilhelm Wundt (1832–1920) durch Lust / Unlust, Erregung / Beruhigung, Spannung / Lösung. Ein anderer, einflussreicher Erklärungsversuch stammt von dem amerikanischen Psychologen und Philosophen William James (1842–1910). James glaubte, ohne starke körperliche Reaktionen seien keine Gefühle bzw. Emotionen wahrnehmbar. Emotionen sind für ihn nichts anderes als das Empfinden körperlicher Veränderungen. Nach James weinen wir nicht, weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen. Wir laufen nicht vor dem Bären weg, weil wir uns fürchten, sondern wir fürchten uns, weil wir weglaufen.

Psychologen wie Hermann Ebbinghaus (1850–1909) und Oswald Külpe (1862–1915) vertraten das eindimensionales Modell aus Lust und Unlust. Der Psychologe Philipp Lersch (1898–1972) argumentierte dagegen: „Dass dieser Gesichtspunkt zur Banalität wird, wenn wir ihn etwa auf das Phänomen der künstlerischen Ergriffenheit anwenden, liegt auf der Hand. Die künstlerische Ergriffenheit wäre dann ebenso ein Gefühl der Lust wie das Vergnügen am Kartenspiel oder der Genuss eines guten Glases Wein. Andererseits würden Regungen wie Ärger und Reue in den einen Topf der Unlustgefühle geworfen. Beim religiösen Gefühl aber – ebenso auch bei Gefühlen wie Achtung und Verehrung – wird die Bestimmung nach Lust und Unlust überhaupt unmöglich.“

Franz Brentano (1838–1917) nahm an, die Zuordnung von Gefühl und Objekt sei nicht kontingent, sondern könne richtig sein („als richtig erkannte Liebe“). Ähnlich sahen Max Scheler (1874 – 1928) und Nicolai Hartmann (1852 – 1950) Gefühle im so genannten „Wertfühlen“ als zutreffende Charakterisierungen von Werterfahrungen an (vergl. „Materiale Wertethik“, „Werte als ideales Ansichsein“).

Auch für Sigmund Freud (1856-1939) sind Gefühle im Wesentlichen gleichzusetzen mit Lust und Unlust („Lust-Unlust-Prinzip“), mit der Variante, dass jede Lustempfindung im Kern sexuell ist. Freud war der Meinung: „Es ist einfach das Programm des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt – an seiner Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen Welt.“

Carl Gustav Jung (1875–1961) betonte ebenfalls die Rolle von Lust und Unlust, bezweifelte jedoch, dass jemals eine Definition „in der Lage sein wird, das Spezifische des Gefühls in einer nur einigermaßen genügenden Weise wiederzugeben“. Der amerikanische Hirnforscher Damasio (geb. 1944) definiert Gefühle und Emotionen vorwiegend kognitiv und als Körperzustände: „Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Gefühl sich zusammensetzt aus einem geistigen Bewertungsprozess, der einfach oder komplex sein kann, und dispositionellen Reaktionen auf diesen Prozess“ (...). - „Nach meiner Ansicht liegt das Wesen des Gefühls in zahlreichen Veränderungen von Körperzuständen, die in unzähligen Organen durch Nervenendigungen hervorgerufen werden.“

In der Gegenwart ist die Situation hinsichtlich des Gefühls- und Emotionsbegriffs eher unübersichtlich: Zahlreiche Ansätze versuchen Charakter und Gesetzmäßigkeiten des Fühlens zu bestimmen, allerdings ohne eine Übereinkunft zu erzielen: z.B. Marañón 1924, Walter Cannon (1927), Woodworth (1938), Schlosberg (1954), Schachter und Singer (1962), Valins 1966, Burns und Beier (1973), Graham (1975), Marshall u. Philip Zimbardo 1979, Rosenthal (1979), Schmidt-Atzert (1981), Lange (1998). Der amerikanische Philosoph Robert C. Solomon stellte angesichts der Verschiedenartigkeit der Deutungen unlängst fest: „Was ist ein Gefühl? Man sollte vermuten, dass die Wissenschaft darauf längst eine Antwort gefunden hat, aber dem ist nicht so, wie die umfangreiche psychologische Fachliteratur zum Thema zeigt.“ (Robert C. Solomon: Gefühle und der Sinn des Lebens, Frankfurt am Main 2000, S. 109).


Aus: "Emotion >> Geschichte des Gefühlsbegriffs" (01/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Emotion


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[Pseudogefühle... ]
« Reply #1 on: February 22, 2007, 12:44:28 PM »
Quote
[...] Erkennen lassen sich Pseudogefühle an der Formulierung "Ich habe das Gefühl, dass..." während echte Gefühle in der deutschen Sprache immer auch mit "Ich bin..." anstatt "Ich fühle..." ausgedrückt werden können.

Da Pseudogefühle Gedanken sind, können dahinter unterschiedliche Gefühle und Bedürfnisse stehen, die sich nicht unbedingt aus der ursprünglichen Formulierung ergeben. Im Folgenden ein paar Beispiele und mögliche Übersetzungen:

    * "du gibst mir das Gefühl, ich sei nichts wert" = "ich bin deprimiert und ängstlich, weil mir Wertschätzung wichtig ist"
    * "du vernachlässigst mich" = "ich fühle mich einsam und brauche etwas Gesellschaft"
    * "ich fühle mich provoziert" = "ich bin wütend, weil ich Respekt brauche"
    * "ich habe das Gefühl, du willst dich drücken" = "ich bin beunruhigt, weil mir Unterstützung wichtig ist."
    * "ich fühle mich ausgenutzt" = "ich bin zornig, weil ich Respekt und Rücksicht brauche!"
    * "ich fühle mich total unter Druck gesetzt" = "ich bin sehr angespannt, weil ich meine Entscheidung gerne selbst und in meinem Tempo treffen möchte"


Aus: "Pseudogefühl" (02/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Pseudogef%C3%BChl


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[12 Arten, Gefühle zu kontrollieren... (Notiz, Prioritätenwechsel)]
« Reply #2 on: February 02, 2008, 11:07:39 AM »
Quote
[...] 1. Permanenter Gebrauch des Wörtchens „man“: "Man hat ja schon so seine Vorstellungen von einer Partnerschaft" und "man wollte ja auch nicht, dass...“

2. Verschachtelungen und Abschweifungen: „Ich habe gewisse Schwierigkeiten in der Partnerschaft, also mit meiner Frau, aber auch bei der Arbeit, da ist eigentlich der Hintergrund für die ganze Geschichte zu finden, und da spielen natürlich auch die Kinder mit rein, zwei Kinder haben wir, der eine ist jetzt sieben Jahre alt und ist gerade in die Schule...“

3. Begriffs-Okkupation: Es werden emotionale oder psychologische Begrifflichkeiten verwendet wie zum Beispiel „Nähe-Distanz-Probleme“, „Angst, mich einzulassen“ oder „Unsicherheit“. Letztlich sagen solche sehr allgemeinen Begriffe, obwohl sie weit verbreitet sind, überhaupt nichts aus. Wegen ihres „psychologischen Anscheins“ lösen sie aber beim Gegenüber ein verstehendes Kopfnicken und den Verzicht auf vertiefende Nachfragen aus. „Angst, mich einzulassen“ oder „Unsicherheit“. Letztlich sagen solche sehr allgemeinen Begriffe, obwohl sie weit verbreitet sind, überhaupt nichts aus. Wegen ihres „psychologischen Anscheins“ lösen sie aber beim Gegenüber ein verstehendes Kopfnicken und den Verzicht auf vertiefende Nachfragen aus.

4. Differenzierungs- und Spezifizierungswahn: Die entgegengesetzte Rationalisierungsstrategie ist ebenfalls populär, nämlich das Ablehnen einer jeden Gefühlsverbalisierung mit dem Hinweis, dass es das „nicht ganz trifft“ oder dass es da „noch diesen und jenen weiteren Aspekt zu berücksichtigen“ gilt.

5. Aussitzen: Ein langes Schweigen nach jeder Anmerkung oder Frage des Gesprächspartners lässt die Zeit schneller vergehen und wird wohlwollend als intensives Nachdenken interpretiert.

6. Monologisieren: Die entgegengesetzte Strategie verhindert ebenfalls jegliche produktive Auseinandersetzung. Das Bombardieren des Gegenübers mit gefühlsentleerten Nichtigkeiten und Details schläfert diesen ein, besonders wenn Blickkontakt vermieden wird.

7. Ausweichen: Von Politikern erfunden und von Call-Center-Mitarbeitern perfektioniert, ist diese Methode die Option Nummer 1, wenn man einfach keine Antwort auf eine Frage hat. Warum sollte sie nicht von Männern verwendet werden, wenn diese nach Gefühlen gefragt werden?

8. Floskeln: „In manchen Situationen wäre es sicherlich angebracht gewesen, anders zu handeln, und wenn einige Dinge anders gelaufen wären, hätte man bestimmt auch nicht so reagiert.“

9. Prioritätenwechsel: Immer wenn man sich bei einem Thema einem kritischen (Gefühls-)Punkt nähert, wird ein anderer Problembereich entdeckt, der angeblich noch schwerwiegender ist.

10. Ironisieren: Eine gute Art, sich von schmerzlichen oder sehnsüchtigen Gefühlen zu distanzieren, ist es, irgendeinen Aspekt der Situation spöttisch oder ironisch zu kommentieren. Wer einmal Männern zuhört, die soeben einen sehr emotionalen und berührenden Film gesehen haben, weiß genau, was ich meine!

11. Meta-Ebene (und Meta-Meta-Ebene etc.): Besonders elegant, weil intellektuell anspruchsvoll und interessant, ist das Ausweichen auf die Meta-Ebene, also die Ebene des Kommentierens der momentanen (Gesprächs-)Situation. Man könnte zum Beispiel auf eine gefühlsbezogene Frage wie folgt reagieren: „Gute Frage! Sie stellen wirklich gute Fragen, über die ich sonst gar nicht nachdenke!“ Mit etwas Glück geht der andere auf diesen Köder ein. Oder er verknotet sich in abermaligen Meta-Ebenen-Aufstiegen: „Was denken Sie, wie es Ihrem Sohn mit Ihrer Scheidung geht?“ - „Wie meinen Sie das, was ich denke, wie es ihm geht?“ - „Was glauben Sie, was ich damit meine, wenn ich frage, was Sie denken, wie es ihm geht?“

12. Last, not least die hohe Kunst des Theoretisierens: „Sie werden jetzt sicher denken, dass die Parallelität der heutigen und früheren Ereignisse einen Rückschluss auf die Entstehungsgeschichte meiner heutigen Problematik nahelegen, aber ich denke, dass es schon immer eine der fatalsten Tautologien der Psychotherapie war, dass. . .“ (in diesem Fall inklusive Punkt 11: Aufstieg zur Meta-Ebene sowie Punkt 6: Überflüssig-Machen des Gesprächspartners durch Monologisieren).


Aus: "12 Arten, Gefühle zu kontrollieren" Kölner Stadt-Anzeiger (Autor ?, 01.02.08)
Quelle: http://www.ksta.de/html/artikel/1201184415370.shtml


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[Menschen glauben etwas wegen eines Gefühls... (Peter Goldie)]
« Reply #3 on: June 02, 2008, 09:57:01 AM »
Quote
[...] Peter Goldie: Gefühle können sehr nützlich sein. Wenn man bei einem Spaziergang plötzlich Angst vor einer giftigen Schlange am Wegesrand hat, löst das automatisch bestimmte Mechanismen aus, die das Überleben sichern: anhalten, anspannen, zurückziehen. Natürlich käme man auch durch Nachdenken darauf, dass man besser den Rückzug antreten sollte – aber da könnte es dann schon zu spät sein. Dennoch sollten wir nicht aus den Augen verlieren, dass Gefühle uns sehr in die Irre führen können. Gefühle sind nicht nur schnell, sondern auch schlicht. Sie können den Laden durcheinanderbringen, bevor der Verstand ankommt. Man sieht dann die Welt anders, verzerrt durch die Gefühle.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das – wenn ich etwas fühle, sehe ich die Welt anders, als sie ist?

Goldie: Nehmen wir die sexuelle Eifersucht von Männern. Das ist nicht nur eine sehr mächtige Emotion, wie ich Ihnen versichern kann, sondern auch eine, die evolutionär besonders wichtig ist für die Erhaltung der Art. Wenn Männer eifersüchtig sind, meinen sie oft zu sehen, dass ihre Partnerin mit den Gedanken bei einem anderen ist. Das Problem ist: Manchmal gibt es dafür überhaupt keine Rechtfertigung! Das ist genauso, als wenn man sich vor der Schlange auf dem Weg fürchtet, obwohl man bloß einen Zweig gesehen hat. Wenn man einmal so weit ist, hat die Eifersucht einen im Griff, und auf einmal beginnt man, nach Gründen zu suchen für das, was einem das Gefühl einflüstert. Die komplette Wahrnehmung wird verzerrt.

ZEIT Campus: Wieso können Gefühle unsere Wahrnehmung derart beeinflussen?

Goldie: Wahrnehmung ist nie neutral. Nehmen wir an, wir sind gemeinsam auf einer Party und sehen uns die Gäste und das Treiben an. Was wir sehen, ist bei uns beiden jeweils auf eigene Weise durch unsere Gefühle geprägt und auch durch unsere Interessen. Ich sehe besonders deutlich, wie meine Frau ihren Gesprächspartner anblickt, weil ich eifersüchtig bin; Ihnen fällt vielleicht besonders die Farbe des Kleides meiner Frau auf, weil Sie sich in diesen Tagen unbedingt ein neues Kleid kaufen wollen und noch nicht wissen, welches.

ZEIT Campus: Jetzt stellen Sie Interessen und Gefühle einfach auf die gleiche Stufe, obwohl es doch sehr wohl einen Unterschied gibt!

Goldie: Stimmt. Emotionen sind sehr komplexe Zustände: Das Herz klopft einem bis zum Hals, man reißt entsetzt die Augen auf, man will wegrennen. Emotionen sind qualitativ, sie fühlen sich auf bestimmte Weise an; Gedanken und Interessen tun das nicht. Außerdem sind sie immer persönlich wertend: Eine Emotion in Bezug auf etwas zu haben heißt, dieses Ding als etwas zu sehen, das mich angeht. Die Furcht vor der Schlange auf dem Weg bedeutet, dass ich sie als gefährlich für mein Leben ansehe.

ZEIT Campus: Und wie unterscheiden Sie Gefühle von der »Intuition«, über die sich derzeit so viele Ratgeber begeistern?

Goldie: Der Philosoph David Lewis sagt, Intuitionen sind etwas Kognitives, einfach etwas, was man denkt, ohne viele Begründungen dafür zu haben. Also eine Art Vermutung. Aber tatsächlich reden wir von Intuitionen auch in Fällen, die mehr mit Gefühlen zu tun haben. Etwa wenn man jemandem nicht vertraut und – gefragt, warum – nur sagt: Ich weiß nicht, etwas an ihm ist mir unheimlich. Intuitionen können also auf Gefühlen basieren.

ZEIT Campus: Ihr Beispiel klingt, als hätten Gefühle sehr viel mit Vorurteilen zu tun, etwa bei Fremdenfeindlichkeit.

Goldie: Das ist richtig. Um gegen Vorurteile anzugehen, hilft in den seltensten Fällen rationale Argumentation. Dazu haben Psychologen sehr interessante Erkenntnisse vorgelegt. Wenn ein Mensch in seiner eigenen Straße überfallen wurde, dann hat das einen enormen Einfluss auf seinen Glauben, wie groß die Kriminalität in der Stadt ist. Da kann man Ihnen so viele Statistiken vorlegen, wie man will, Sie werden sich nicht vom Gegenteil überzeugen lassen, weil da dieses persönliche Bedrohungsgefühl ist, ausgelöst durch einen Einzelfall. Um manche Vorurteile zu beheben, müsste man die emotionale Struktur der Leute ändern. Denn sonst geht es wieder so, wie wir vorhin gesehen haben: Die Menschen glauben etwas wegen eines Gefühls – und suchen dann nach den passenden Argumenten dafür.

ZEIT Campus: Wissenschaftsthemen wie »Die Macht der Gefühle« sind derzeit sehr populär, vor allem wegen vieler neuer Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Psychologie. Was hat die Philosophie zu diesem Thema überhaupt beizutragen?

Goldie: Ein Beispiel dafür, wo eine philosophische Frage einsetzt: Der Psychologe Paul Slovic forscht zu unseren Einstellungen gegenüber Genoziden. Er zeigt, dass wir sehr viel eher bereit sind zu helfen, wenn es um eine kleine Anzahl Leidender geht als um eine große. Er begründet das damit, dass wir für die große Anzahl Menschen kein Gefühl empfinden würden, und behauptet: Wo kein Gefühl, da keine Handlung. Doch das folgt keineswegs so einfach daraus. Ich könnte auch ganz ohne Gefühl einen Scheck ausfüllen und etwas für die Opfer von Darfur spenden. Es ist nicht einzusehen, weshalb dabei unbedingt Gefühle eine Rolle spielen sollten. Es sei denn, man hat einen sehr engen Begriff von Gefühl, nämlich einen, nach dem Gefühl nicht viel mehr als eben Motivation ist. Das aber hieße, das zu Beweisende von vornherein vorauszusetzen. Solche Denkfehler aufzuzeigen, Fragen zu stellen über etwas, das einfach als sicher angenommen wird, das ist unter anderem Aufgabe der Philosophie.



...


Aus: "Falsch gefühlt" Das Interview führte Eva Weber-Guskar (ZEIT Campus 03/ 2008)
Peter Goldie, 61, war 25 Jahre lang Banker in London. Dann zwang ihn ein Finanzcrash zum Neuanfang. Jetzt ist er Professor für Philosophie in Manchester ...
Quelle: http://www.zeit.de/campus/2008/03/interview-verstand



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[Eigene Gefühle und die von anderen nur eingeschränkt wahrnehmen... ]
« Reply #4 on: March 03, 2009, 03:44:06 PM »
Quote
[...] Es gebe bei dem 35-Jährigen keine Hinweise auf eine seelische Störung, sagte eine Sachverständige am Landgericht Gießen.

[...] Die psychiatrische Sachverständige bescheinigte dem Angeklagten eine „relative Interesselosigkeit“. Er sei konfliktscheu, passiv und könne eigene Gefühle und die von anderen nur eingeschränkt wahrnehmen. Zwischen dem 35-Jährigen und seiner Frau habe es zudem keine „aktive Beziehungsgestaltung“ gegeben, die Familie habe ohne Strukturen, Rhythmus und Verantwortung gelebt. In so einer Umgebung „kann ein Kind nicht überleben“, sagte die Gutachterin.

...


Aus: "Revisionsprozess: Vater der verhungerten Jacqueline „schuldfähig“" (03. März 2009)
Quelle: http://www.faz.net/s/Rub5785324EF29440359B02AF69CB1BB8CC/Doc~ED135A23A3A854D96971D84AF47631DB6~ATpl~Ecommon~Scontent.html


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[Charakteristikum des Fühlens (Melancholie)... ]
« Reply #5 on: October 24, 2015, 02:08:47 PM »
Quote
[...] Im November hört die Liebe auf, die Liebe zum Herbst, die Liebe zur Gemütlichkeit, bei manchen sogar die Liebe zu sich selbst und die schlechte Laune kippt sacht in eine Winterdepression. Draußen ist es so dunkel, als sei das Tageslicht nur eine vorübergehende Flause des Sommers gewesen, es ist nasskalt, windig und die Weihnachtsbeleuchtung hängt noch ausgeschaltet an den Balkonen der Nachbarn.

Auf dem Schreibtisch sieht es nicht besser aus, dort liegen die Unterlagen für den Steuerberater. Philanthropie nirgends, stattdessen Steuerklassen und Zettelwirtschaft. Es gibt nichts Novembrigeres, nichts, was den Unterschied zwischen schwarzer und weißer Galle besser fassen könnte, zwischen der alles abschnürenden Tristesse und der die Wahrnehmung schmerzlich und mitunter genialisch verfeinernden Melancholie.

Was jetzt bleibt, ist zu entscheiden, welches von beiden man mit dem anderen überdecken will: Trauern wir lieber um das zu geringe Einkommen, das wir uns am Schreibtisch ins Bewusstsein rechnen oder um das Zuwenig an Leben, das uns die immer früher hereinbrechende Dämmerung vor Augen führt? Möchten wir lieber an einer Reduzierung des Bruttoeinkommens verzweifeln oder am Verlust von Welt? Das eine weiß um Zahlen und Wert, das andere um Symbole und Sinn. Beides schrumpft vor uns weg. Beides vermögen wir nicht zu halten. Auf das eine folgt sackleinener Kummer, auf das andere caspardavidfriedrichblaue Schwermut.

Wenn wir leiden, soll es sich auch lohnen, wissen die Gefühlsaristokraten und die Stimmungssnobisten unter uns, all jene, die sich immer ein bisschen zu gut gefühlt haben für das schnöde Mittelmaß, für die Sorge, den Kummer, für die kleinkrämerischen unter den dunklen Gefühlen. All jene, die sich gleichwohl auch entscheiden können. Melancholie in ihrer schönsten Form ist eine schöpferische, schwelgende Lust am Leiden. Ein Leiden, dem man sich aber immer noch entziehen, zu dem man sich ins Verhältnis setzen kann. Ein Leiden, das man wie eine Aufführung betrachtet, wie ein Buch liest, das einen zwar tatsächlich berührt und bis ins Innerste reicht, gleichwohl lässt sich die Vorstellung verlassen, das Buch zuklappen. Es ist nicht das eigene. Oder genauer: Man ist es nicht selbst. Es ist die Welt. Laut Theoprast sind übrigens die meisten Melancholiker wollüstig. Es hat angeblich mit Luft zu tun, und die wiederum bläst, Prinzip Schlauchboot, das männliche Glied auf. So stellte man es sich zur Zeit der Viersäftelehre vor. Anatomie hin oder her, wer von der Trauer gänzlich zerstört ist, wird zu schwach atmen für derlei. Der Melancholiker scheint eher der Voyeur zu sein, dem das, was dort an dunkler Tiefe im menschlichen Inneren liegt, einen lustvollen Schauer über den Rücken jagt. Er ist Beobachter mit Höhenangst: Derjenige, den es hinabzieht und der doch nicht springt.

Es gibt Menschen, die für die Melancholie ganz und gar unempfindlich sind, deren Gefühlskurven nur eine schwache Wellenbewegung formen und die für die nun so rasch hereinbrechende Dämmerung nur ein Achselzucken übrighaben, und allenfalls die pragmatische Anmerkung, Strom würden die in Brüssel durch die Zeitumstellung auch nicht sparen. Die sitzen über der Steuererklärung, ärgern sich über die Höhe ihrer Abgaben und dass der Staat wieder einmal das Falsche damit anstellen wird, und sehen nicht hinaus, wo die sich entlaubenden Blätter kostenlose Vanitas-Darbietungen geben während es dunkel wird. Irgendwann schalten sie ihre Halogen-Schreibtischlampe ein. Und dann gibt es jene, denen das Geländer abhandengekommen ist und die von ihrem Aussichtspunkt dort am Abgrund, von der Melancholie aus hinabstürzen in eine vollkommene Leere, die weder traurig noch fröhlich ist, sondern einfach: Nichts.

Wahnsinn ist Kummer, der sich nicht mehr weiterentwickelt, schreibt E. M. Cioran. Melancholie, könnte man hinzufügen, ist Kummer, der seine Schönheit entfaltet. Der Sinn für Melancholie befähigt uns zu etwas, das vielen Menschen verschlossen bleibt: Der Trauer, dem Leiden, dem Verfall einen Genuss abzugewinnen, jenem doch großen Teil des Lebens, den die Einen leugnen, vor dem die Anderen davonlaufen, dem die Dritten vollkommen ausgeliefert sind, all jene, deren Kummer sich nicht weiterentwickelt, der nicht mehr atmet und alsbald versteinert, während die Melancholiker gelernt haben, mit ihm zu tanzen.

Was für eine sanfte Rebellion in einer Welt, in der uns das Streben nach Glück geradezu abgenötigt wird.


Aus: "Das novembrigste aller Gefühle" Nora Bossong (21. November 2014)
Quelle: http://www.zeit.de/freitext/2014/11/21/melancholie-herbst-november/


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[Fühlen (Notizen) ... ]
« Reply #6 on: October 27, 2016, 04:25:20 PM »
"Ein Glück für die Despoten, daß die eine Hälfte der Menschen nicht denkt und die andere nicht fühlt." - Johann Gottfried Seume, Prosaschriften. Mit einer Einleitung von Werner Kraft, Köln: Melzer, 1962. Apokryphen. S. 1378

"Allzu große Zartheit der Gefühle ist ein wahres Unglück." - Karl Julius Weber, Demokritos, 3,3: Das Modetemperament

"Der heutige Stadtmensch hat seine Gefühlswelt gleichsam mit einem Panzer umgeben, trägt seine Zärtlichkeit darin wie eine samtene Hand unter eiserner Faust." - Desmond Morris, Liebe geht durch die Haut

"Die Musik ist die Stenographie des Gefühls." - Leo Tolstoi, Rede, 12. Juni 1905

"Ein Gefühl, das wir nicht erlebt haben, können wir in einem anderen nicht wiederfinden." - Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, 1910

"Für das Kind ist es nicht halb so bedeutsam zu wissen als zu fühlen." - Rachel Carson: The Sense of Wonder, Harper, New York 1965, S. 45; zitiert von Andreas Weber: Mehr Matsch! - Kinder brauchen Natur, Ullstein, Berlin 2011, S. 7

„Gefühlsarme Menschen, die Ärmsten der Armen.“  - Gerhard Uhlenbruck "Weit Verbreitetes kurzgefasst" 2003

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Quote
... Zu groß ist die Furcht vor nackter Konfrontation und viel zu weit reicht der unkonventionelle Ruf des offenen und öffentlichen Erlebens. Die Gesellschaft scheut sich vor Gefühlen und noch mehr vor den echten. ...


Aus: "Tarn der Trauer" buesradelikaya (23. April 2016)
Quelle: https://buesradelikaya.wordpress.com/2016/04/23/tarn-trauer/

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Quote
[...] Der Begriff Gefühl wird meist synonym mit dem älteren Begriff Gemüt verwendet. Die Bezeichnungen Affekt, Gefühl, Emotion werden sowohl im allgemeinen Sprachgebrauch als auch bei den verschiedenen Autoren zum Teil übereinstimmend als auch unterschiedlich definiert und benutzt. Übereinstimmung besteht darin, dass es bei Gefühlen fast ausnahmslos um Organfunktionen geht, die der Steuerung durch das autonome Nervensystem unterliegen. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BChlen_(Psychologie) (4. Juli 2016)

« Last Edit: October 27, 2016, 04:33:35 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Fühlen (Notizen) ... ]
« Reply #7 on: October 27, 2016, 04:30:23 PM »
Quote
abgeneigt
abgestellt
Abscheu
abwehrend
abwesend
aggressiv
ahnungslos
alarmiert
allein
ambivalent
angeekelt
angespannt
ängstlich
angstvoll
antriebsarm
apathisch
ärgerlich
atemlos
aufgeregt
ausgelaugt
bedrückt
beklommen
beladen
belastet
benebelt
besorgt
bestürzt
betroffen
betrübt
beunruhigt
bewegungslos
bitter
blockiert
deprimiert
desinteressiert
distanziert
dumpf
durcheinander
durchwühlt
durstig
düster
eifersüchtig
eingeengt
einsam
ekelerregt
ekelhaft
elend
empört
energielos
entrüstet
enttäuscht
ermüdet
ernüchtert
erregt
erschlagen
erschöpft
erschreckt
erschrocken
erschüttert
erstarrt
explosiv
fade
fassungslos
faul
feindselig
freudlos
friedlos
frustriert
fürchterlich
furchtsam
gehemmt
gedankenlos
gedrängt
gefangen
gehässig
gehemmt
geistesabwesend
geladen
gelähmt
gelangweilt
genervt
genusslos
gequält
gestresst
gleichgültig
grausam
handlungsunfähig
hart
hasserfüllt
hektisch
hilflos
hin- und her gerissen
hoffnungslos
hungrig
in Panik
instabil
interesselos
introvertiert
irritiert
jämmerlich
kalt
kaputt
konfliktgeladen
konfus
kraftlos
kribbelig
kühl
kummervoll
labil
lahm
lasch
leblos
leer
lethargisch
lieblos
lustlos
matt
melancholisch
miserabel
missmutig
mitgenommen
müde
mutlos
neidisch
nervös
niedergeschlagen
ohnmächtig
orientierungslos
panisch
passiv
peinlich
perplex
pessimistisch
phlegmatisch
rasend
rastlos
ratlos
resigniert
ruhelos
sauer
scheu
schlaff
schläfrig
schlapp
schlecht
Schmerz
schrecklich
schüchtern
schockiert
schutzlos
schwach
schwer
sehnsüchtig
sentimental
skeptisch
sorgenvoll
starr
streitlustig
teilnahmslos
todtraurig
tot
träge
traurig
trostlos
trotzig
trübsinnig
überlastet
überrascht
überwältigt
unangenehm
unausgeglichen
unbehaglich
unbequem
unentschlossen
unerfüllt
ungeduldig
ungemütlich
unglücklich
unruhig
unsicher
unter Druck
unwillig
unwohl
unzufrieden
verärgert
verbittert
verkrampft
verlegen
verletzlich
verletzt
verloren
verrückt
verschlossen
verspannt
verstimmt
verstört
verwirrt
verzagt
verzweifelt
voller Angst
widerstrebend
widerwillig
wortkarg
wütend
zaghaft
zappelig
zermürbt
zerrissen
zerstreut
ziellos
zitternd
zittrig
zögerlich
zornig
zurückgezogen
zwiespältig


Aus: "Gefühle-Liste (Beispiele)" von "Philipp Kurth" (26.10.2006)
Quelle: http://mosaik.homepage.t-online.de/gfkgef.htm


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[Der Appell an das Gefühl... ("postfaktisch")]
« Reply #8 on: November 17, 2016, 11:35:08 AM »
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[...] Eine neue Vokabel ist in Mode gekommen: "postfaktisch". Das Wort charakterisiert eine von Tatsachen befreite, auf das Gefühl zielende Rhetorik. Politikwissenschaftler Peter Widmann denkt über den Begriff nach und erläutert, was sich diesem Trend entgegensetzen ließe.

Der Appell an das Gefühl ist so alt wie die Massenpolitik und keineswegs nur eine Spezialität der Populisten. Dass Politik auch von Gefühlen lebt und Gefühle weckt, ist nicht schon an sich gefährlich. Gefährlich sind Gefühle, die gesellschaftliche Spaltungen vertiefen. Vielleicht bräuchten die verschieden Gesellschaftsgruppen Übersetzungsdienste, um wieder miteinander sprechen zu können.

Vor den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im vergangenen September plädierte der Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland dafür, bei der Beurteilung der Kriminalität nicht nur die Statistik zu betrachten. Es gehe darum, was der Bürger fühlt.

Auch in anderen Ländern erkennen Journalisten und Wissenschaftler die Tendenz, an den Affekt zu appellieren und die Komplexität der Wirklichkeit zu leugnen. Als "post-truth politics" beschreiben sie in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien Phänomene wie Donald Trumps Wahlkampf oder die Brexit-Kampagne. Tatsächlich kann man über den republikanischen Präsidentschaftskandidaten und die britischen EU-Gegner manches sagen, aber bestimmt nicht, dass sie sich in ihren Reden auf belegbare Zahlen und Zusammenhänge konzentrieren.

Sind Fakten irrelevant geworden? Zählt nur noch gefühlte Wirklichkeit? Oder ist der Eindruck, dass die Politik ins postfaktische Zeitalter eintritt, auch nur ein Gefühl?

Eine Antwort fällt auch deswegen schwer, weil Gefühle seit jeher zur Politik gehören. Die Arbeiterbewegung etwa war keine Seminarveranstaltung, sie lebte auch von Emotionen, von der Empörung über die Lebensverhältnisse des städtischen Proletariats.

Die Angst vor dem Krieg war ein Antrieb der Friedensbewegung, das Misstrauen gegen eine Technologie Hauptmotiv der Kernkraftgegner. Demokratien brauchen Gefühle, etwa das Vertrauen in ihre Institutionen. Gesellschaften müssen ein Mindestmaß an Zusammengehörigkeit empfinden, sonst würden die Bürger Steuer- und Sozialversicherungssysteme kaum akzeptieren.

Der Appell an das Gefühl ist so alt wie die Massenpolitik und keineswegs nur eine Spezialität der Populisten. Dass Politik auch von Gefühlen lebt und Gefühle weckt, ist nicht schon an sich gefährlich. Gefährlich sind Gefühle, die gesellschaftliche Spaltungen vertiefen.

Das Wecken solcher Gefühle fällt Rechtspopulisten deshalb so leicht, weil sie vor allem Identitätspolitik betreiben. "Wir" und "die Anderen" sind die Kernkategorien ihrer Politik. Ihre Parolen – "Wir sind das Volk", "Lügenpresse", "Islamisierung" - reflektieren die Grundelemente vieler Gruppenkonflikte: Sie idealisieren die Wir-Gruppe und dämonisieren "die Anderen".

Wo es um Identität geht, geht es ans Eingemachte, an das menschliche Grundbedürfnis, als Einzelner und als Mitglied einer Gemeinschaft etwas wert zu sein und auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Darum ist die Temperatur der Auseinandersetzungen hoch. Darum dominiert das Gefühl über die Fakten.

Identitätspolitik findet ihren fruchtbarsten Boden in einer bereits gespaltenen Gesellschaft, der ein Mindestkonsens und gemeinsame Bezüge abhandengekommen sind. Die Gewinner der Globalisierung und des gesellschaftlichen Wandels der vergangenen Jahrzehnte bleiben so unter sich wie die Verlierer. In dem Maß, in dem sich Teile der Gesellschaft voneinander abschotten, driften die Wirklichkeiten auseinander. Die Post-Fakten-Politik ist die Politik der desintegrierten Gesellschaft.

Vielleicht bräuchten die verschieden Gesellschaftsgruppen Übersetzungsdienste, um wieder miteinander sprechen zu können. Das Führungspersonal der Populisten wird man damit kaum erreichen, wohl aber die Schwankenden unter ihren Anhängern.

Einen der Übersetzungsdienste könnte die Sozialwissenschaft stellen, besonders dort, wo sie hinausginge über Statistiken und quantitative Studien auf der einen Seite und Diskursanalysen auf der anderen. Nötig wären mehr Nahbeobachtungen unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen, ihres Lebens vor Ort, ihrer Erfahrungen und Wahrnehmungen im Detail. Aus der Mühe solcher Feldstudien entstünde eine Ethnologie des Inlands in einer Gesellschaft, in denen die Milieus einander zum Exotikum geworden sind.

Peter Widmann, geboren 1968, ist Politikwissenschaftler und koordiniert das Projekt "Marburg International Doctorate" an der Philipps-Universität Marburg. Er hat an der Technischen Universität Berlin über die Integrationspolitik deutscher Kommunen promoviert und war Mitarbeiter am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. Vor 2010 bis 2015 lehrte und forschte er als DAAD-Lektor am Europa-Institut der Istanbul Bilgi University.

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Zoellner-Michael, 2016

Das mit der Identität ist so eine Sache! in der marktgerechten Demokratie sind Identitätskämpfe doch vergleichbar mit den Marktmechanismen....Volk , Kultur Hautfarbe grenzen dann die Teilnehmer auf dem Markt ab. Märkte sind populistisch und irrational! ... Meine These ist das die Postfaktisches Argumentationen inzwischen inflationär eingesetzt werden! Und das anerkannte Postfaktische (REGIERUNGSPOLITIK) und das zur Macht drängende postfaktische AF-xit einfach nur noch konkurrierende Glaubenssysteme sind!
Betrachten wir doch mal das Mantra "Sozial ist was Arbeit schaft". "Arbeit die Armut schafft ist asozial!" Mantren denen keiner widersprechen kann! Selbst die Verursacher von Altersarmut würden für sich beanspruchen das sie doch nach diesen Grundsätzen verfahren! Postfaktisch ist ein aufgeblasenes Wort für Beliebigkeit. Und Regierungen die ihre Wirtschaftsjustiz geheim und im Interesse der Privatwirtschaft organisieren wollen sind beliebig willfährig und schaffen Fakten für die sie sich nicht verantwortlich zeigen wollen. ...


...



Aus: "Postfaktisch Die Politik der Gefühle" Peter Widmann (10.10.2016)
Quelle: http://www.deutschlandradiokultur.de/postfaktisch-die-politik-der-gefuehle.1005.de.html?dram:article_id=368022

Offline Textaris(txt*bot)

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« Reply #9 on: November 22, 2017, 12:26:51 PM »
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[...] Wer "besorgt" ist, muss sich nicht für sein Kreuz bei der AfD schämen, wer beim Impfen ein "irgendwie ungutes Gefühl" hat, darf Kinderleben riskieren. Wer sich betroffen fühlt, hat recht. Gefühle sind noch geiler als Follower!  ... Noch mehr Gefühle als ich hat zum Beispiel der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård, sie reichen für 3.600 Buchseiten. Seine Gefühle sind, wie Gefühle meist, nicht besonders originell: Vatersein irgendwie krass, die Liebe schwierig, das Life hart. Wie so ein ganz normaler Mensch also, nur dass sich Knausgårds Leben weltweit als Bestseller durchgesetzt hat. Das mag erstens daran liegen, dass er hypnotisch schreibt, vor allem aber daran, dass Gefühle gerade Hochkonjunktur haben. Dafür hab ich jetzt gerade kein passendes Argument, aber hören Sie doch einfach mal in sich hinein, machen Sie ein paar Atemübungen oder so.

Gefühle sind an sich ja interessante Tierchen, manche davon etwas anhänglich, andere, wie das Glück, eher Streuner, die nur ab und an vorbeischauen. Dass es sie gibt, ist nichts Neues. Dass sie so glorifiziert werden, aber doch. Früher hatte man Gefühle bitte schön in den eigenen vier Wänden, mittlerweile sind sie zum Richter moralischer und ästhetischer Urteile avanciert. Bei Galerieeröffnungen fragen Künstler die Besucher, was die Werke "mit ihnen machen", Donald Trump begründet seine ganze Politik mit einer Mischung aus Wut, Ignoranz, und dem vagen Gefühl, dass alle gegen ihn seien.

... Schuld ist wahrscheinlich das Internet, das ist es ja im Zweifelsfalle immer. Dort funktionieren Gefühle besser als Fakten, Bilder besser als Analysen, der zynische Tweet besser als die Langstreckenreportage. Vor allem aber wirken Gefühle in Zeiten von Fake-News einfach glaubwürdiger. Man kann einem "Merkel muss weg"-Brüller vielleicht den moralischen Kompass absprechen, nicht aber seine Authentizität. Der ist wirklich wütend, enttäuscht, frustriert. Und irgendeinen Grund muss er ja dafür haben. Wenn aber Gefühle zum Richter werden, manövriert sich die Gesellschaft in eine unlösbare Pattsituation. Denn die eine Wut hat nicht mehr recht als die andere, wohl aber ein Argument mehr Gewicht als das andere. ...

... Niemand mag es, wenn ihm gesagt wird, wie er sich fühlen soll. Ganz besonders nicht, wenn es ihm Medien oder Politiker vorschreiben. Sehr viele Menschen fühlen nicht nur Freude über große Veränderungen und fühlen sich in dem Moment im Stich gelassen, wenn ihr eigenes Empfinden plötzlich als falsch disqualifiziert wird.

Dabei liegt das Empfinden niemals falsch. Oder richtig. Erst die darauffolgende Handlung ist ausschlaggebend. Mehr als zur Kenntnis nehmen kann man Gefühle ohnehin nicht. Im Gegensatz zu Meinungen lassen sich nämlich, aller Meditationscoaches zum Trotz, Gefühle nicht so leicht verändern, und schon gar nicht von anderen umerziehen, das weiß jeder, der mal unerwidert geliebt hat.

Wer auf einer Gefühlsebene diskutiert, nimmt den Gesprächspartner nicht ernst, sondern benutzt ihn als Leinwand, egal wie gravierend das Thema ist: projizieren statt diskutieren. Gegen Gefühle gibt es kein Argument. Weil sie selbst keines sind.

... Einst war der Verstand, nicht die Gefühlsäußerung, das erstrebenswerte Ziel. Die Ratio, nicht der Impuls, schaffte es, alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Diese Zeit hieß Aufklärung.




Aus: "Heute ist leider schlecht / Emotionen: Gegen Gefühle" Eine Kolumne von Ronja von Rönne (21. November 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2017-11/emotionen-gefuehle-gefuehlspolitik-wut
« Last Edit: September 26, 2019, 09:10:53 AM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #10 on: September 26, 2019, 09:30:44 AM »
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[...] Je näher man dem Bösen kommt, desto unsichtbarer wird es. Jeder weiß, dass es Verbrecher gibt, aber kaum einer kennt einen brutalen, aggressiven, schlechten Menschen. Nähe verblendet. Nähe kann auch korrumpieren. Beim Stockholm-Syndrom etwa entwickelt die Geisel ein positives Verhältnis zum Geiselnehmer.

In ihrem Buch „Beim nächsten Date wird alles anders“ („Women Who Love Psychopaths“) analysiert die amerikanische Psychologin Sandra L. Brown die Struktur pathologischer Beziehungen.

Offenbar hält ein Übermaß an Empathie, die sogenannte Hyperempathie, einige Frauen davon ab, in ihrem Partner den Gewalttäter, Narzissten, Süchtigen oder gar Mörder zu sehen. Weil sie sich ihrem Partner nahe fühlen, rechtfertigen sie dessen Verhalten.

Hyperempathisch veranlagte Menschen sind wie eine hochsensible Antenne, die jedes Gefühl aufnimmt und widerspiegelt. Die Gefühle anderer sind ihre Gefühle.

Das Fremde wird zum Eigenen, aus zwei Menschen einer. An dem Leid, das andere erfahren, fühlen sich diese Menschen mitschuldig. Sie fangen zu weinen an, wenn sie jemanden sehen, der traurig ist. Und sie fühlen mit, wenn jemand aufsteht und laut Nein sagt, zur Umkehr aufruft, Einsicht anmahnt.

Wie beispielsweise Greta Thunberg, das damals noch 15-jährige schwedische Schulkind, das nach dem heißesten Sommer, den Teile Schweden je erlebt hatten, sich am 20. August 2018 wütend mit einem Schild auf den Steinboden vor dem Reichstag in Stockholm setzte, worauf stand: „Skolstrejk for Klimatet“ – „Schulstreik für das Klima“. Aus Thunbergs Respekt einflößender Beharrlichkeit wurde eine globale Bewegung, für das Gelingen ihrer Segelfahrt über den Atlantik wurde in Kirchen gebetet.

Der römische Philosoph Seneca stand solch tief empfundenem Mitleid skeptisch gegenüber. In seinem Essay „Über die Milde“ schreibt er: „Der Weise fühlt kein Mitleid, weil dies ohne Leiden der Seele nicht geschehen kann. Alles andere, das meiner Ansicht nach die Mitleidigen tun sollten, wird er gern und hochgemut tun: zu Hilfe kommen wird er fremden Tränen, aber sich ihnen nicht anschließen.“ Bei Immanuel Kant liest sich das ähnlich. Nicht Gefühle sollten Grundlage der Moral sein, sondern die Vernunft.

Nun ist Empathie an sich nichts Negatives. Aus Einfühlung, dem Wir-Gefühl, der emotionalen Anteilnahme, kann moralisch wertvolles Handeln entstehen. Christen orientieren sich am Gleichnis des barmherzigen Samariters. „Verletze niemanden und hilf allen, so viel du kannst“: Das ist auch der Kern der Mitleidsethik des Philosophen Arthur Schopenhauer.

Aber was heißt das in der Praxis? Kein Leiden, ob fern oder nah, geht den Menschen heute gar nichts mehr an. Er erfährt davon, weil die Welt unvermittelter, unmittelbarer geworden ist. Mit wachsender Wucht drängt sich das globale Dorf in die Alltags-Wahrnehmungen.

Per Handy, Internet und Satellitenfernsehen hämmern sich die Bilder in die Seelen. Vor der allgegenwärtigen Unfall-, Katastrophen- und Verbrechenspräsenz gibt es kein Entrinnen.

Da waren die Bilder der Hungernden in Somalia. Sie wurden Anfang der neunziger Jahre von CNN in alle Wohnzimmer übertragen, Abend für Abend. Fliegen umschwirrten ausdruckslose Kinderköpfe. Das führte zur ersten humanitären Intervention der Vereinten Nationen.

Die Operation „Restore Hope“ begann. Aus Mitleid war Eingreifen geworden. Ein knappes Jahr später, in der „Schlacht von Mogadischu“, töteten somalische Milizen 18 US-Soldaten und schleiften deren Körper durch die Straßen der Stadt. Das war das Ende von „Restore Hope“.

Im September 2015 ertrank der dreijährige Aylan Kurdi im Mittelmeer. Seine Familie und er waren vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Das Bild des Jungen, dessen Leichnam an den Strand gespült worden war, ging um die Welt.

In Deutschland trug es zu einer beispiellosen Willkommenskultur bei. Zehntausende standen in den kommenden Wochen an Bahnhöfen, um die Flüchtlinge zu begrüßen. Bundespräsident Joachim Gauck sagte: „Es gibt ein helles Deutschland, das sich leuchtend darstellt gegenüber dem Dunkeldeutschland.“ Aus Mitleid war Flüchtlingshilfe entstanden.

Zwei Jahre zuvor war in Bangladesch, in der Nähe der Hauptstadt Dhaka, ein Gebäude mit fünf Textilfabriken eingestürzt. Mehr als 1100 Menschen starben. Mitverantwortlich für das Unglück seien deutsche Verbraucher, die billige T-Shirts kauften, hieß es. Textilunternehmen wie KiK, Primark, Mango oder Benetton hatten ihre Waren dort produzieren lassen. Aus Mitleid war kritischer Konsumgeist entstanden.

Bei einem Verkehrsunfall in Berlin, an der Kreuzung Invaliden-, Ecke Ackerstraße, starben am Abend des 6. September eine 64-jährige Frau, ihr drei Jahre alter Enkel und zwei Männer.

Verursacht worden war der Unfall von einem SUV-Fahrer, der möglicherweise einen epileptischen Anfall gehabt hatte. Seitdem wird intensiv über die Notwendigkeit des Fahrens schwerer Autos in Großstädten sowie über deren Kohlendioxid-Bilanz diskutiert. Aus Mitleid war eine verkehrs- und klimapolitische Debatte entstanden.

Mitleid geht unter die Haut. Es schmerzt. Die gefühlte Anteilnahme gilt als Grundlage von Fairness und Hilfsbereitschaft.

Das Vermögen, sich in das Leid anderer hineinzuversetzen, zeigt die charakterliche Reife eines Menschen. Es bewegt ihn, aktiv zu werden, um das Leiden zu lindern. Wer Mitleid empfindet, hat ein warmes, wer es nicht empfindet, ein kaltes Herz. Aber die Empathie, also das spontane Mitvollziehen dessen, was ein anderer fühlt, hat Kehrseiten.

Der Psychologe und Kognitionswissenschaftler Paul Bloom von der Yale University in New Haven (USA) hat Ende 2016 ein Buch mit dem Titel „Against Empathy“ („Wider die Empathie“) verfasst. Darin warnt er vor einem unreflektiert positiven Image des Mit-Leidens, das sich wie ein Scheinwerfer auf zufällig gerade ins Blickfeld geratene Menschen und Situationen richte. Dabei würden die langfristigen Konsequenzen von Hilfshandlungen oft ausgeblendet.

Bloom skizziert ein Beispiel. Ein kleines Mädchen leidet an einer lebensbedrohlichen Krankheit und steht auf einer langen Warteliste für eine neuartige Behandlung, die Heilung verspricht. Sie kennen das Mädchen gut und haben die Möglichkeit, dessen Namen auf der Warteliste ganz nach oben zu rücken.

In dem Experiment taten genau das zwei Drittel der Teilnehmer, die sich selbst als besonders empathisch charakterisiert hatten. Ist ein solches Verhalten fair? Was ist mit den anderen Patienten, die nun länger auf ihre Behandlung warten müssen und deshalb womöglich sterben?

Dass ein aus Mitleid und Nächstenliebe resultierender Hilfswille moralisch äußerst verwerfliche Folgen haben kann, findet sich bereits in den Schriften des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin.

In seiner „Summa Theologica“ disputiert er die Frage, ob Irrlehrer getötet werden sollen. Thomas von Aquin bejaht das.

Durch Irrlehrer würden einfache Menschen zu einem falschen Glauben verführt und kämen deshalb in die Hölle. Weil die Nächstenliebe uns zwingt, sie vor diesem Schicksal zu bewahren, müsse das gefährliche Wirken der Irrlehrer verhindert und diese müssten notfalls getötet werden.

Der von Empathie gesteuerte Mensch nimmt Leidende und potenziell Leidende in den Blick. Er charakterisiert sich selbst als mitfühlend und den politischen Gegner als kalt. Aber bezieht sich die Empathie oft nicht vor allem auf verschiedene Gruppen?

Die einen fühlen mit Flüchtlingen, die anderen mit jenen, die wegen offener Grenzen womöglich Opfer von vermeintlich höherer Kriminalität werden. Die einen fühlen mit den künftigen Opfern der Erderwärmung, die anderen mit den gegenwärtig Armen, die aufgrund der Lenkungseffekte einer ambitionierten Klimapolitik sich bald kein Fleisch, kein Auto und keine billigen Flüge mehr leisten können. Empathie fördert offenbar das Ausgrenzen und Abwerten von Menschen, die die Werte der eigenen Gruppe nicht teilen.

Daher warnt Bloom davor, Empathie zum politischen Argument zu machen. Er plädiert sogar dafür, ihr zu misstrauen.

Donald Trump etwa inszenierte sich im Präsidentschaftswahlkampf 2016 als Underdog. Einer gegen alle - gegen die korrupten Politiker, gegen die korrupten Parteien, gegen die korrupten Medien, gegen das korrupte Establishment.

Dafür wurde er entsprechend hart angegangen. Die Massivität der Gegenangriffe hatte zur Folge, was im Englischen „pity voting“ genannt wird: Durch einen Reflex der ausgleichenden Gerechtigkeit schlägt sich der Wähler auf die Seite einer Minderheit, die von der Mehrheit angeblich unfair behandelt wird.

Empathische Menschen sind nicht an sich bessere Menschen. Ein Sadist kann sich nur deshalb an den Qualen seines Opfers laben, weil er sich gut in dieses einfühlen kann.

Im Film „Das Schweigen der Lämmer“ spielt Anthony Hopkins den inhaftierten Serienmörder Hannibal Lecter, der mit Vorliebe die Innereien seiner Opfer verspeist. Er hilft der jungen FBI-Anwärterin Clarice Starling (Jodie Foster) dabei, einen anderen Serienmörder zu jagen, der seinen Opfern die Haut abzieht.

Wie kein anderer kann sich Hannibal Lecter in die Gedanken des Täters hineinversetzen und seine nächsten Schritte voraussehen. Das ist Empathie vom Gruseligsten.

Hungernde, Textilarbeiter, Flüchtlinge, Klima: Je öfter die weltweit Leidenden, meist medial vermittelt, in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, desto wichtiger ist es, die Grenzen globaler Empathie zu kennen. Kein Einzelner kann mit jeder geschundenen Kreatur überall und jederzeit mitleiden. Das überfordert den Seelenhaushalt.

Hyperempathie hat empathischen Stress zur Folge, der als Handlungsbasis zu fragil ist, um dauerhaft sein zu können. Wer sich von der Not anderer vollkommen einnehmen lässt, verliert den Sinn für das Machbare – und für sich selbst.

Gefühl muss sich mit Vernunft und Folgenabschätzung paaren, das Maß an Empathie muss wohldosiert verteilt werden. Wer das Mitgefühl idealisiert, gerät in Gefahr, die Welt zu verschlimmbessern.


Aus: "Emotionen in der Politik Vorsicht vor dem Mitgefühl!" Malte Lehming (24.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/emotionen-in-der-politik-vorsicht-vor-dem-mitgefuehl/25045026.html

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sabinehanna 25.09.2019, 16:03 Uhr
Spätestens seit der Veröffentlichung der Studien vom Max-Planck-Institut zu Mitgefühl sollte doch auch langsam im deutschen Sprachgebrauch der wichtige Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl geläufiger werden. Wenn schon so eine ausführliche Beschäftigung mit der wichtigen Thematik, dann doch bitte auch genau und auf dem Stand der Wissenschaft. Mitgefühl und Empathie sind nicht das Gleiche und Mitleid ist wieder etwas anderes. Empathie kan zu Stress führen, Mitgefühl ist eine Ressource... es gibt inzwischen viel Literatur dazu und auch in der Fachliteratur werden dire Begriffe nicht mehr sysnonym verwendet.
Bitte besser recherchieren.

Herzliche Grüße
SH Witte


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heureka47 25.09.2019, 16:29 Uhr

Der typische - mehrheitlich ungeheilt-neurotische - zivilisierte Mensch ist von seinen echten Gefühlen relativ abgetrennt, weil er von seinem Wesenskern, der Seele, durch seel. Verletzung / Trauma / Deprivation usw. abgetrennt ist. ...


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annoyed 25.09.2019, 16:03 Uhr
Nicht zuende gedacht...

1. Wer jemanden, den er persönlich kennt, oder der gerade besonders in seine Aufmerksamkeit kommt, ohne medizinische Gründe auf einer Warteliste nach oben setzt, der hat nicht zuviel Empathie für diese Person, sondern zu wenig Empathie für alle anderen auf dieser Liste.

2. Wer betrügerischen Milliardären Mitleidsstimmen gibt, der hat nicht zuviel Empathie, sondern ist denkfaul und leicht zu manipulieren. Das hängt nicht mit der Empathie zusammen, sondern mit intuitivem, manipulationsanfälligem Denken statt mit rationalen Erwägungen.

3. Tomas von Aquin, ein schönes Beispiel, fordert  die Ermordung von "Irrlehrern". Völlig emathiefrei, statt mit schnödem Mitleid argumentiert er ganz rational mit religiöser Kirchenlogik.
Wer macht das heute sonst noch? Ach ja, richtig: Islamistische Terroristen beim Köpfen, evangelikale amerikanische Hardliner wenn sie vergewaltigten 13-jährigen eine Abtreibung verweigern, und buddhistische Soldaten wenn sie Rohingya-Familien hinrichten.
Das ist die Gefahr dabei. Empathie als einzige Entscheidungsgrundlage mag nicht immer perfekt sein. Auch sie kann zu Fehlentscheidungen führen. Aber sie ist weniger gefährlich als andere alleinige Entscheidungsgrundlagen. Religiöse Logik, offensichtlich. Aber auch Märkte und Aktienkurse. Es sei nur an Dennis Muilenburg erinnert, den Boeing-CEO, der aus finanziellen Erwägungen ein so unsicheres Flugzeug auf den Markt geworfen hat, dass zwei Abstürze, über 300 Tote, und Tausende mit Startverbot versehene Maschinen auf sein Konto gehen.

Ja, man mag aus Empathie vielleicht Ernährungsprogramme für Hungernde starten, und damit versehentlich auch der Wirtschaft der Empfängerländer schaden. Aber eben keine Menschen ermorden, fliegende Todesfallen auf den Markt werfen, seine Umwelt und Mitmenschen vergiften...

Es sollte also keine Entscheidung ohne Empathie getroffen werden. Und es sollte keine Entscheidung ohne Vernunft und Rationalität getroffen werden.


Quote
nietzschewo 25.09.2019, 17:20 Uhr
Antwort auf den Beitrag von annoyed 25.09.2019, 16:03 Uhr

... Ihr Post ist klarer als der Artikel.


Quote
MaxMustermann1 24.09.2019, 15:08 Uhr

Ein ungewohnt durchdachter Artikel. Zumal Emotionen in der Regel zu Gesinnungsethik führen, und die Nebenwirkungen des Handelns ignorieren.


...


"Mitgefühl: Das süße Gift der Empathie" Carolin Würfel (2. März 2018)
In politisch unruhigen Zeiten soll Einfühlungsvermögen gegen Radikalität schützen. Was für ein Unsinn. Ein Plädoyer für weniger Bauch und mehr Verstand
https://www.zeit.de/2018/10/mitgefuehl-empathie-politik-verstand/komplettansicht
« Last Edit: September 26, 2019, 09:33:05 AM by Textaris(txt*bot) »