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Author Topic: [Charakteristikum des Fühlens... (Notizen)]  (Read 8189 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Charakteristikum des Fühlens... (Notizen)]
« on: February 22, 2007, 12:28:10 PM »

Quote
[...] Wo steht die Emotionsgeschichte – heute? Die Antwort fällt nicht leicht: Einigen erscheint sie bestenfalls als marginal, andere erkennen in ihr bereits den vorerst letzten in einer langen Reihe von „turns“ in den Kulturwissenschaften.

... Ein etwas anderes Verständnis von Gefühl und Gefühlsausdruck vertritt William Reddy, der zu den wichtigsten Theoretikern der Emotionsgeschichte heute zählt und der versucht hat, die Französische Revolution aus dem Blickwinkel einer Geschichte der Gefühle zu erklären. Reddy nimmt an, dass die Art und Weise, in der wir über unsere Gefühle sprechen bzw. ihnen Ausdruck verleihen, entscheidend dafür ist, wie wir unsere Gefühle wahrnehmen.

...


Aus: "Emotionsgeschichte – ein Anfang mit Folgen" Bettina Hitzer (23.11.2011)
Quelle: https://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1221

-

Die Emotionsgeschichte (oder auch: Geschichte der Gefühle) hat sich in den 2000er Jahren zu einem neuen Forschungsgebiet der Geschichtswissenschaft entwickelt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Emotionsgeschichte

Quote
[...] Bereits im Altertum bezeichneten die Philosophen Aristippos (435-366 v. Chr.) und Epikur (341-270 v.Chr.) „Lust“, bzw. (je nach Übersetzung Epikurs) auch „Freude“, „Vergnügen“ (hêdonê) als wesentliches Charakteristikum des Fühlens. Als „unklare Erkenntnisse“ und vernunftlose und naturwidrige Gemütsbewegungen wurden die Gefühle von den Stoikern (etwa 350-258) bestimmt; das Lustprinzip der Epikureer wird in Frage gestellt. Die ältere Philosophie und Psychologie behandelt das Thema Emotionen und Gefühle vorzugsweise unter dem Begriff der „Affekte“ (lat. affectus: Zustand des Gemüts, griech.: pathos; vergl. Affekt), bzw. auch der „Leidenschaften“ und hier vor allem unter dem Gesichtspunkt der Ethik und Lebensbewältigung. „Die Bestimmung des Begriffs der Affekte hat vielfach geschwankt. Bald sind die Affekte enger nur als Gemütsbewegungen gefasst worden, bald sind sie weiter auch als Willensvorgänge gedacht, bald sind sie als vorübergehende Zustände, bald auch als dauernde Zustände definiert und dann mit den Leidenschaften vermischt worden.“ (Friedrich Kirchner, 1848-1900). Für die Kyrenaiker (4. Jahrh. v. Chr.) sind zwei Affekte wesentlich: Unlust und Lust (ponos und hêdonê). Auch Aristoteles (384-322) versteht unter Affekten seelisches Erleben, dessen wesentliche Kennzeichen Lust und Unlust sind.

Descartes (1596-1650) unterscheidet sechs Grundaffekte: Liebe, Hass, Verlangen, Freude, Traurigkeit, Bewunderung. Für Spinoza (1632-1677) sind es dagegen drei Grundaffekte: Freude, Traurigkeit und Verlangen. Auch Immanuel Kant (1724-1804) sah das Fühlen als seelisches Grundvermögen der Lust und Unlust: „Denn alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können auf die drei zurückgeführt werden, welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaftlichen Grunde ableiten lassen: das Erkenntnisvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust und das Begehrungsvermögen“.

Friedrich Nietzsche (1844-1900) trennte nicht zwischen emotionalem und kognitivem Aspekt: „Hinter den Gefühlen stehen Urteile und Wertschätzungen, welche in der Form von Gefühlen (Neigungen, Abneigungen) uns vererbt sind.“

Ein viel beachteter Versuch der Gegenwart war die mehrgliedrige Begründung der wesentlichen Faktoren des Gefühls von Wilhelm Wundt (1832–1920) durch Lust / Unlust, Erregung / Beruhigung, Spannung / Lösung. Ein anderer, einflussreicher Erklärungsversuch stammt von dem amerikanischen Psychologen und Philosophen William James (1842–1910). James glaubte, ohne starke körperliche Reaktionen seien keine Gefühle bzw. Emotionen wahrnehmbar. Emotionen sind für ihn nichts anderes als das Empfinden körperlicher Veränderungen. Nach James weinen wir nicht, weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen. Wir laufen nicht vor dem Bären weg, weil wir uns fürchten, sondern wir fürchten uns, weil wir weglaufen.

Psychologen wie Hermann Ebbinghaus (1850–1909) und Oswald Külpe (1862–1915) vertraten das eindimensionales Modell aus Lust und Unlust. Der Psychologe Philipp Lersch (1898–1972) argumentierte dagegen: „Dass dieser Gesichtspunkt zur Banalität wird, wenn wir ihn etwa auf das Phänomen der künstlerischen Ergriffenheit anwenden, liegt auf der Hand. Die künstlerische Ergriffenheit wäre dann ebenso ein Gefühl der Lust wie das Vergnügen am Kartenspiel oder der Genuss eines guten Glases Wein. Andererseits würden Regungen wie Ärger und Reue in den einen Topf der Unlustgefühle geworfen. Beim religiösen Gefühl aber – ebenso auch bei Gefühlen wie Achtung und Verehrung – wird die Bestimmung nach Lust und Unlust überhaupt unmöglich.“

Franz Brentano (1838–1917) nahm an, die Zuordnung von Gefühl und Objekt sei nicht kontingent, sondern könne richtig sein („als richtig erkannte Liebe“). Ähnlich sahen Max Scheler (1874 – 1928) und Nicolai Hartmann (1852 – 1950) Gefühle im so genannten „Wertfühlen“ als zutreffende Charakterisierungen von Werterfahrungen an (vergl. „Materiale Wertethik“, „Werte als ideales Ansichsein“).

Auch für Sigmund Freud (1856-1939) sind Gefühle im Wesentlichen gleichzusetzen mit Lust und Unlust („Lust-Unlust-Prinzip“), mit der Variante, dass jede Lustempfindung im Kern sexuell ist. Freud war der Meinung: „Es ist einfach das Programm des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt – an seiner Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen Welt.“

Carl Gustav Jung (1875–1961) betonte ebenfalls die Rolle von Lust und Unlust, bezweifelte jedoch, dass jemals eine Definition „in der Lage sein wird, das Spezifische des Gefühls in einer nur einigermaßen genügenden Weise wiederzugeben“. Der amerikanische Hirnforscher Damasio (geb. 1944) definiert Gefühle und Emotionen vorwiegend kognitiv und als Körperzustände: „Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Gefühl sich zusammensetzt aus einem geistigen Bewertungsprozess, der einfach oder komplex sein kann, und dispositionellen Reaktionen auf diesen Prozess“ (...). - „Nach meiner Ansicht liegt das Wesen des Gefühls in zahlreichen Veränderungen von Körperzuständen, die in unzähligen Organen durch Nervenendigungen hervorgerufen werden.“

In der Gegenwart ist die Situation hinsichtlich des Gefühls- und Emotionsbegriffs eher unübersichtlich: Zahlreiche Ansätze versuchen Charakter und Gesetzmäßigkeiten des Fühlens zu bestimmen, allerdings ohne eine Übereinkunft zu erzielen: z.B. Marañón 1924, Walter Cannon (1927), Woodworth (1938), Schlosberg (1954), Schachter und Singer (1962), Valins 1966, Burns und Beier (1973), Graham (1975), Marshall u. Philip Zimbardo 1979, Rosenthal (1979), Schmidt-Atzert (1981), Lange (1998). Der amerikanische Philosoph Robert C. Solomon stellte angesichts der Verschiedenartigkeit der Deutungen unlängst fest: „Was ist ein Gefühl? Man sollte vermuten, dass die Wissenschaft darauf längst eine Antwort gefunden hat, aber dem ist nicht so, wie die umfangreiche psychologische Fachliteratur zum Thema zeigt.“ (Robert C. Solomon: Gefühle und der Sinn des Lebens, Frankfurt am Main 2000, S. 109).


Aus: "Emotion >> Geschichte des Gefühlsbegriffs" (01/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Emotion

« Last Edit: November 11, 2020, 02:11:50 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Pseudogefühle... ]
« Reply #1 on: February 22, 2007, 12:44:28 PM »

Quote
[...] Erkennen lassen sich Pseudogefühle an der Formulierung "Ich habe das Gefühl, dass..." während echte Gefühle in der deutschen Sprache immer auch mit "Ich bin..." anstatt "Ich fühle..." ausgedrückt werden können.

Da Pseudogefühle Gedanken sind, können dahinter unterschiedliche Gefühle und Bedürfnisse stehen, die sich nicht unbedingt aus der ursprünglichen Formulierung ergeben. Im Folgenden ein paar Beispiele und mögliche Übersetzungen:

    * "du gibst mir das Gefühl, ich sei nichts wert" = "ich bin deprimiert und ängstlich, weil mir Wertschätzung wichtig ist"
    * "du vernachlässigst mich" = "ich fühle mich einsam und brauche etwas Gesellschaft"
    * "ich fühle mich provoziert" = "ich bin wütend, weil ich Respekt brauche"
    * "ich habe das Gefühl, du willst dich drücken" = "ich bin beunruhigt, weil mir Unterstützung wichtig ist."
    * "ich fühle mich ausgenutzt" = "ich bin zornig, weil ich Respekt und Rücksicht brauche!"
    * "ich fühle mich total unter Druck gesetzt" = "ich bin sehr angespannt, weil ich meine Entscheidung gerne selbst und in meinem Tempo treffen möchte"


Aus: "Pseudogefühl" (02/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Pseudogef%C3%BChl

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[12 Arten, Gefühle zu kontrollieren... (Notiz, Prioritätenwechsel)]
« Reply #2 on: February 02, 2008, 11:07:39 AM »

Quote
[...] 1. Permanenter Gebrauch des Wörtchens „man“: "Man hat ja schon so seine Vorstellungen von einer Partnerschaft" und "man wollte ja auch nicht, dass...“

2. Verschachtelungen und Abschweifungen: „Ich habe gewisse Schwierigkeiten in der Partnerschaft, also mit meiner Frau, aber auch bei der Arbeit, da ist eigentlich der Hintergrund für die ganze Geschichte zu finden, und da spielen natürlich auch die Kinder mit rein, zwei Kinder haben wir, der eine ist jetzt sieben Jahre alt und ist gerade in die Schule...“

3. Begriffs-Okkupation: Es werden emotionale oder psychologische Begrifflichkeiten verwendet wie zum Beispiel „Nähe-Distanz-Probleme“, „Angst, mich einzulassen“ oder „Unsicherheit“. Letztlich sagen solche sehr allgemeinen Begriffe, obwohl sie weit verbreitet sind, überhaupt nichts aus. Wegen ihres „psychologischen Anscheins“ lösen sie aber beim Gegenüber ein verstehendes Kopfnicken und den Verzicht auf vertiefende Nachfragen aus. „Angst, mich einzulassen“ oder „Unsicherheit“. Letztlich sagen solche sehr allgemeinen Begriffe, obwohl sie weit verbreitet sind, überhaupt nichts aus. Wegen ihres „psychologischen Anscheins“ lösen sie aber beim Gegenüber ein verstehendes Kopfnicken und den Verzicht auf vertiefende Nachfragen aus.

4. Differenzierungs- und Spezifizierungswahn: Die entgegengesetzte Rationalisierungsstrategie ist ebenfalls populär, nämlich das Ablehnen einer jeden Gefühlsverbalisierung mit dem Hinweis, dass es das „nicht ganz trifft“ oder dass es da „noch diesen und jenen weiteren Aspekt zu berücksichtigen“ gilt.

5. Aussitzen: Ein langes Schweigen nach jeder Anmerkung oder Frage des Gesprächspartners lässt die Zeit schneller vergehen und wird wohlwollend als intensives Nachdenken interpretiert.

6. Monologisieren: Die entgegengesetzte Strategie verhindert ebenfalls jegliche produktive Auseinandersetzung. Das Bombardieren des Gegenübers mit gefühlsentleerten Nichtigkeiten und Details schläfert diesen ein, besonders wenn Blickkontakt vermieden wird.

7. Ausweichen: Von Politikern erfunden und von Call-Center-Mitarbeitern perfektioniert, ist diese Methode die Option Nummer 1, wenn man einfach keine Antwort auf eine Frage hat. Warum sollte sie nicht von Männern verwendet werden, wenn diese nach Gefühlen gefragt werden?

8. Floskeln: „In manchen Situationen wäre es sicherlich angebracht gewesen, anders zu handeln, und wenn einige Dinge anders gelaufen wären, hätte man bestimmt auch nicht so reagiert.“

9. Prioritätenwechsel: Immer wenn man sich bei einem Thema einem kritischen (Gefühls-)Punkt nähert, wird ein anderer Problembereich entdeckt, der angeblich noch schwerwiegender ist.

10. Ironisieren: Eine gute Art, sich von schmerzlichen oder sehnsüchtigen Gefühlen zu distanzieren, ist es, irgendeinen Aspekt der Situation spöttisch oder ironisch zu kommentieren. Wer einmal Männern zuhört, die soeben einen sehr emotionalen und berührenden Film gesehen haben, weiß genau, was ich meine!

11. Meta-Ebene (und Meta-Meta-Ebene etc.): Besonders elegant, weil intellektuell anspruchsvoll und interessant, ist das Ausweichen auf die Meta-Ebene, also die Ebene des Kommentierens der momentanen (Gesprächs-)Situation. Man könnte zum Beispiel auf eine gefühlsbezogene Frage wie folgt reagieren: „Gute Frage! Sie stellen wirklich gute Fragen, über die ich sonst gar nicht nachdenke!“ Mit etwas Glück geht der andere auf diesen Köder ein. Oder er verknotet sich in abermaligen Meta-Ebenen-Aufstiegen: „Was denken Sie, wie es Ihrem Sohn mit Ihrer Scheidung geht?“ - „Wie meinen Sie das, was ich denke, wie es ihm geht?“ - „Was glauben Sie, was ich damit meine, wenn ich frage, was Sie denken, wie es ihm geht?“

12. Last, not least die hohe Kunst des Theoretisierens: „Sie werden jetzt sicher denken, dass die Parallelität der heutigen und früheren Ereignisse einen Rückschluss auf die Entstehungsgeschichte meiner heutigen Problematik nahelegen, aber ich denke, dass es schon immer eine der fatalsten Tautologien der Psychotherapie war, dass. . .“ (in diesem Fall inklusive Punkt 11: Aufstieg zur Meta-Ebene sowie Punkt 6: Überflüssig-Machen des Gesprächspartners durch Monologisieren).


Aus: "12 Arten, Gefühle zu kontrollieren" Kölner Stadt-Anzeiger (Autor ?, 01.02.08)
Quelle: http://www.ksta.de/html/artikel/1201184415370.shtml

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[Menschen glauben etwas wegen eines Gefühls... (Peter Goldie)]
« Reply #3 on: June 02, 2008, 09:57:01 AM »

Quote
[...] Peter Goldie: Gefühle können sehr nützlich sein. Wenn man bei einem Spaziergang plötzlich Angst vor einer giftigen Schlange am Wegesrand hat, löst das automatisch bestimmte Mechanismen aus, die das Überleben sichern: anhalten, anspannen, zurückziehen. Natürlich käme man auch durch Nachdenken darauf, dass man besser den Rückzug antreten sollte – aber da könnte es dann schon zu spät sein. Dennoch sollten wir nicht aus den Augen verlieren, dass Gefühle uns sehr in die Irre führen können. Gefühle sind nicht nur schnell, sondern auch schlicht. Sie können den Laden durcheinanderbringen, bevor der Verstand ankommt. Man sieht dann die Welt anders, verzerrt durch die Gefühle.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das – wenn ich etwas fühle, sehe ich die Welt anders, als sie ist?

Goldie: Nehmen wir die sexuelle Eifersucht von Männern. Das ist nicht nur eine sehr mächtige Emotion, wie ich Ihnen versichern kann, sondern auch eine, die evolutionär besonders wichtig ist für die Erhaltung der Art. Wenn Männer eifersüchtig sind, meinen sie oft zu sehen, dass ihre Partnerin mit den Gedanken bei einem anderen ist. Das Problem ist: Manchmal gibt es dafür überhaupt keine Rechtfertigung! Das ist genauso, als wenn man sich vor der Schlange auf dem Weg fürchtet, obwohl man bloß einen Zweig gesehen hat. Wenn man einmal so weit ist, hat die Eifersucht einen im Griff, und auf einmal beginnt man, nach Gründen zu suchen für das, was einem das Gefühl einflüstert. Die komplette Wahrnehmung wird verzerrt.

ZEIT Campus: Wieso können Gefühle unsere Wahrnehmung derart beeinflussen?

Goldie: Wahrnehmung ist nie neutral. Nehmen wir an, wir sind gemeinsam auf einer Party und sehen uns die Gäste und das Treiben an. Was wir sehen, ist bei uns beiden jeweils auf eigene Weise durch unsere Gefühle geprägt und auch durch unsere Interessen. Ich sehe besonders deutlich, wie meine Frau ihren Gesprächspartner anblickt, weil ich eifersüchtig bin; Ihnen fällt vielleicht besonders die Farbe des Kleides meiner Frau auf, weil Sie sich in diesen Tagen unbedingt ein neues Kleid kaufen wollen und noch nicht wissen, welches.

ZEIT Campus: Jetzt stellen Sie Interessen und Gefühle einfach auf die gleiche Stufe, obwohl es doch sehr wohl einen Unterschied gibt!

Goldie: Stimmt. Emotionen sind sehr komplexe Zustände: Das Herz klopft einem bis zum Hals, man reißt entsetzt die Augen auf, man will wegrennen. Emotionen sind qualitativ, sie fühlen sich auf bestimmte Weise an; Gedanken und Interessen tun das nicht. Außerdem sind sie immer persönlich wertend: Eine Emotion in Bezug auf etwas zu haben heißt, dieses Ding als etwas zu sehen, das mich angeht. Die Furcht vor der Schlange auf dem Weg bedeutet, dass ich sie als gefährlich für mein Leben ansehe.

ZEIT Campus: Und wie unterscheiden Sie Gefühle von der »Intuition«, über die sich derzeit so viele Ratgeber begeistern?

Goldie: Der Philosoph David Lewis sagt, Intuitionen sind etwas Kognitives, einfach etwas, was man denkt, ohne viele Begründungen dafür zu haben. Also eine Art Vermutung. Aber tatsächlich reden wir von Intuitionen auch in Fällen, die mehr mit Gefühlen zu tun haben. Etwa wenn man jemandem nicht vertraut und – gefragt, warum – nur sagt: Ich weiß nicht, etwas an ihm ist mir unheimlich. Intuitionen können also auf Gefühlen basieren.

ZEIT Campus: Ihr Beispiel klingt, als hätten Gefühle sehr viel mit Vorurteilen zu tun, etwa bei Fremdenfeindlichkeit.

Goldie: Das ist richtig. Um gegen Vorurteile anzugehen, hilft in den seltensten Fällen rationale Argumentation. Dazu haben Psychologen sehr interessante Erkenntnisse vorgelegt. Wenn ein Mensch in seiner eigenen Straße überfallen wurde, dann hat das einen enormen Einfluss auf seinen Glauben, wie groß die Kriminalität in der Stadt ist. Da kann man Ihnen so viele Statistiken vorlegen, wie man will, Sie werden sich nicht vom Gegenteil überzeugen lassen, weil da dieses persönliche Bedrohungsgefühl ist, ausgelöst durch einen Einzelfall. Um manche Vorurteile zu beheben, müsste man die emotionale Struktur der Leute ändern. Denn sonst geht es wieder so, wie wir vorhin gesehen haben: Die Menschen glauben etwas wegen eines Gefühls – und suchen dann nach den passenden Argumenten dafür.

ZEIT Campus: Wissenschaftsthemen wie »Die Macht der Gefühle« sind derzeit sehr populär, vor allem wegen vieler neuer Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Psychologie. Was hat die Philosophie zu diesem Thema überhaupt beizutragen?

Goldie: Ein Beispiel dafür, wo eine philosophische Frage einsetzt: Der Psychologe Paul Slovic forscht zu unseren Einstellungen gegenüber Genoziden. Er zeigt, dass wir sehr viel eher bereit sind zu helfen, wenn es um eine kleine Anzahl Leidender geht als um eine große. Er begründet das damit, dass wir für die große Anzahl Menschen kein Gefühl empfinden würden, und behauptet: Wo kein Gefühl, da keine Handlung. Doch das folgt keineswegs so einfach daraus. Ich könnte auch ganz ohne Gefühl einen Scheck ausfüllen und etwas für die Opfer von Darfur spenden. Es ist nicht einzusehen, weshalb dabei unbedingt Gefühle eine Rolle spielen sollten. Es sei denn, man hat einen sehr engen Begriff von Gefühl, nämlich einen, nach dem Gefühl nicht viel mehr als eben Motivation ist. Das aber hieße, das zu Beweisende von vornherein vorauszusetzen. Solche Denkfehler aufzuzeigen, Fragen zu stellen über etwas, das einfach als sicher angenommen wird, das ist unter anderem Aufgabe der Philosophie.



...


Aus: "Falsch gefühlt" Das Interview führte Eva Weber-Guskar (ZEIT Campus 03/ 2008)
Peter Goldie, 61, war 25 Jahre lang Banker in London. Dann zwang ihn ein Finanzcrash zum Neuanfang. Jetzt ist er Professor für Philosophie in Manchester ...
Quelle: http://www.zeit.de/campus/2008/03/interview-verstand


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[Eigene Gefühle und die von anderen nur eingeschränkt wahrnehmen... ]
« Reply #4 on: March 03, 2009, 03:44:06 PM »

Quote
[...] Es gebe bei dem 35-Jährigen keine Hinweise auf eine seelische Störung, sagte eine Sachverständige am Landgericht Gießen.

[...] Die psychiatrische Sachverständige bescheinigte dem Angeklagten eine „relative Interesselosigkeit“. Er sei konfliktscheu, passiv und könne eigene Gefühle und die von anderen nur eingeschränkt wahrnehmen. Zwischen dem 35-Jährigen und seiner Frau habe es zudem keine „aktive Beziehungsgestaltung“ gegeben, die Familie habe ohne Strukturen, Rhythmus und Verantwortung gelebt. In so einer Umgebung „kann ein Kind nicht überleben“, sagte die Gutachterin.

...


Aus: "Revisionsprozess: Vater der verhungerten Jacqueline „schuldfähig“" (03. März 2009)
Quelle: http://www.faz.net/s/Rub5785324EF29440359B02AF69CB1BB8CC/Doc~ED135A23A3A854D96971D84AF47631DB6~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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[Charakteristikum des Fühlens (Melancholie)... ]
« Reply #5 on: October 24, 2015, 02:08:47 PM »

Quote
[...] Im November hört die Liebe auf, die Liebe zum Herbst, die Liebe zur Gemütlichkeit, bei manchen sogar die Liebe zu sich selbst und die schlechte Laune kippt sacht in eine Winterdepression. Draußen ist es so dunkel, als sei das Tageslicht nur eine vorübergehende Flause des Sommers gewesen, es ist nasskalt, windig und die Weihnachtsbeleuchtung hängt noch ausgeschaltet an den Balkonen der Nachbarn.

Auf dem Schreibtisch sieht es nicht besser aus, dort liegen die Unterlagen für den Steuerberater. Philanthropie nirgends, stattdessen Steuerklassen und Zettelwirtschaft. Es gibt nichts Novembrigeres, nichts, was den Unterschied zwischen schwarzer und weißer Galle besser fassen könnte, zwischen der alles abschnürenden Tristesse und der die Wahrnehmung schmerzlich und mitunter genialisch verfeinernden Melancholie.

Was jetzt bleibt, ist zu entscheiden, welches von beiden man mit dem anderen überdecken will: Trauern wir lieber um das zu geringe Einkommen, das wir uns am Schreibtisch ins Bewusstsein rechnen oder um das Zuwenig an Leben, das uns die immer früher hereinbrechende Dämmerung vor Augen führt? Möchten wir lieber an einer Reduzierung des Bruttoeinkommens verzweifeln oder am Verlust von Welt? Das eine weiß um Zahlen und Wert, das andere um Symbole und Sinn. Beides schrumpft vor uns weg. Beides vermögen wir nicht zu halten. Auf das eine folgt sackleinener Kummer, auf das andere caspardavidfriedrichblaue Schwermut.

Wenn wir leiden, soll es sich auch lohnen, wissen die Gefühlsaristokraten und die Stimmungssnobisten unter uns, all jene, die sich immer ein bisschen zu gut gefühlt haben für das schnöde Mittelmaß, für die Sorge, den Kummer, für die kleinkrämerischen unter den dunklen Gefühlen. All jene, die sich gleichwohl auch entscheiden können. Melancholie in ihrer schönsten Form ist eine schöpferische, schwelgende Lust am Leiden. Ein Leiden, dem man sich aber immer noch entziehen, zu dem man sich ins Verhältnis setzen kann. Ein Leiden, das man wie eine Aufführung betrachtet, wie ein Buch liest, das einen zwar tatsächlich berührt und bis ins Innerste reicht, gleichwohl lässt sich die Vorstellung verlassen, das Buch zuklappen. Es ist nicht das eigene. Oder genauer: Man ist es nicht selbst. Es ist die Welt. Laut Theoprast sind übrigens die meisten Melancholiker wollüstig. Es hat angeblich mit Luft zu tun, und die wiederum bläst, Prinzip Schlauchboot, das männliche Glied auf. So stellte man es sich zur Zeit der Viersäftelehre vor. Anatomie hin oder her, wer von der Trauer gänzlich zerstört ist, wird zu schwach atmen für derlei. Der Melancholiker scheint eher der Voyeur zu sein, dem das, was dort an dunkler Tiefe im menschlichen Inneren liegt, einen lustvollen Schauer über den Rücken jagt. Er ist Beobachter mit Höhenangst: Derjenige, den es hinabzieht und der doch nicht springt.

Es gibt Menschen, die für die Melancholie ganz und gar unempfindlich sind, deren Gefühlskurven nur eine schwache Wellenbewegung formen und die für die nun so rasch hereinbrechende Dämmerung nur ein Achselzucken übrighaben, und allenfalls die pragmatische Anmerkung, Strom würden die in Brüssel durch die Zeitumstellung auch nicht sparen. Die sitzen über der Steuererklärung, ärgern sich über die Höhe ihrer Abgaben und dass der Staat wieder einmal das Falsche damit anstellen wird, und sehen nicht hinaus, wo die sich entlaubenden Blätter kostenlose Vanitas-Darbietungen geben während es dunkel wird. Irgendwann schalten sie ihre Halogen-Schreibtischlampe ein. Und dann gibt es jene, denen das Geländer abhandengekommen ist und die von ihrem Aussichtspunkt dort am Abgrund, von der Melancholie aus hinabstürzen in eine vollkommene Leere, die weder traurig noch fröhlich ist, sondern einfach: Nichts.

Wahnsinn ist Kummer, der sich nicht mehr weiterentwickelt, schreibt E. M. Cioran. Melancholie, könnte man hinzufügen, ist Kummer, der seine Schönheit entfaltet. Der Sinn für Melancholie befähigt uns zu etwas, das vielen Menschen verschlossen bleibt: Der Trauer, dem Leiden, dem Verfall einen Genuss abzugewinnen, jenem doch großen Teil des Lebens, den die Einen leugnen, vor dem die Anderen davonlaufen, dem die Dritten vollkommen ausgeliefert sind, all jene, deren Kummer sich nicht weiterentwickelt, der nicht mehr atmet und alsbald versteinert, während die Melancholiker gelernt haben, mit ihm zu tanzen.

Was für eine sanfte Rebellion in einer Welt, in der uns das Streben nach Glück geradezu abgenötigt wird.


Aus: "Das novembrigste aller Gefühle" Nora Bossong (21. November 2014)
Quelle: http://www.zeit.de/freitext/2014/11/21/melancholie-herbst-november/

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[Fühlen (Notizen) ... ]
« Reply #6 on: October 27, 2016, 04:25:20 PM »

"Ein Glück für die Despoten, daß die eine Hälfte der Menschen nicht denkt und die andere nicht fühlt." - Johann Gottfried Seume, Prosaschriften. Mit einer Einleitung von Werner Kraft, Köln: Melzer, 1962. Apokryphen. S. 1378

"Allzu große Zartheit der Gefühle ist ein wahres Unglück." - Karl Julius Weber, Demokritos, 3,3: Das Modetemperament

"Der heutige Stadtmensch hat seine Gefühlswelt gleichsam mit einem Panzer umgeben, trägt seine Zärtlichkeit darin wie eine samtene Hand unter eiserner Faust." - Desmond Morris, Liebe geht durch die Haut

"Die Musik ist die Stenographie des Gefühls." - Leo Tolstoi, Rede, 12. Juni 1905

"Ein Gefühl, das wir nicht erlebt haben, können wir in einem anderen nicht wiederfinden." - Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, 1910

"Für das Kind ist es nicht halb so bedeutsam zu wissen als zu fühlen." - Rachel Carson: The Sense of Wonder, Harper, New York 1965, S. 45; zitiert von Andreas Weber: Mehr Matsch! - Kinder brauchen Natur, Ullstein, Berlin 2011, S. 7

„Gefühlsarme Menschen, die Ärmsten der Armen.“  - Gerhard Uhlenbruck "Weit Verbreitetes kurzgefasst" 2003

---

Quote
... Zu groß ist die Furcht vor nackter Konfrontation und viel zu weit reicht der unkonventionelle Ruf des offenen und öffentlichen Erlebens. Die Gesellschaft scheut sich vor Gefühlen und noch mehr vor den echten. ...


Aus: "Tarn der Trauer" buesradelikaya (23. April 2016)
Quelle: https://buesradelikaya.wordpress.com/2016/04/23/tarn-trauer/

---

Quote
[...] Der Begriff Gefühl wird meist synonym mit dem älteren Begriff Gemüt verwendet. Die Bezeichnungen Affekt, Gefühl, Emotion werden sowohl im allgemeinen Sprachgebrauch als auch bei den verschiedenen Autoren zum Teil übereinstimmend als auch unterschiedlich definiert und benutzt. Übereinstimmung besteht darin, dass es bei Gefühlen fast ausnahmslos um Organfunktionen geht, die der Steuerung durch das autonome Nervensystem unterliegen. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BChlen_(Psychologie) (4. Juli 2016)

« Last Edit: October 27, 2016, 04:33:35 PM by Textaris(txt*bot) »
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[Fühlen (Notizen) ... ]
« Reply #7 on: October 27, 2016, 04:30:23 PM »

Quote
abgeneigt
abgestellt
Abscheu
abwehrend
abwesend
aggressiv
ahnungslos
alarmiert
allein
ambivalent
angeekelt
angespannt
ängstlich
angstvoll
antriebsarm
apathisch
ärgerlich
atemlos
aufgeregt
ausgelaugt
bedrückt
beklommen
beladen
belastet
benebelt
besorgt
bestürzt
betroffen
betrübt
beunruhigt
bewegungslos
bitter
blockiert
deprimiert
desinteressiert
distanziert
dumpf
durcheinander
durchwühlt
durstig
düster
eifersüchtig
eingeengt
einsam
ekelerregt
ekelhaft
elend
empört
energielos
entrüstet
enttäuscht
ermüdet
ernüchtert
erregt
erschlagen
erschöpft
erschreckt
erschrocken
erschüttert
erstarrt
explosiv
fade
fassungslos
faul
feindselig
freudlos
friedlos
frustriert
fürchterlich
furchtsam
gehemmt
gedankenlos
gedrängt
gefangen
gehässig
gehemmt
geistesabwesend
geladen
gelähmt
gelangweilt
genervt
genusslos
gequält
gestresst
gleichgültig
grausam
handlungsunfähig
hart
hasserfüllt
hektisch
hilflos
hin- und her gerissen
hoffnungslos
hungrig
in Panik
instabil
interesselos
introvertiert
irritiert
jämmerlich
kalt
kaputt
konfliktgeladen
konfus
kraftlos
kribbelig
kühl
kummervoll
labil
lahm
lasch
leblos
leer
lethargisch
lieblos
lustlos
matt
melancholisch
miserabel
missmutig
mitgenommen
müde
mutlos
neidisch
nervös
niedergeschlagen
ohnmächtig
orientierungslos
panisch
passiv
peinlich
perplex
pessimistisch
phlegmatisch
rasend
rastlos
ratlos
resigniert
ruhelos
sauer
scheu
schlaff
schläfrig
schlapp
schlecht
Schmerz
schrecklich
schüchtern
schockiert
schutzlos
schwach
schwer
sehnsüchtig
sentimental
skeptisch
sorgenvoll
starr
streitlustig
teilnahmslos
todtraurig
tot
träge
traurig
trostlos
trotzig
trübsinnig
überlastet
überrascht
überwältigt
unangenehm
unausgeglichen
unbehaglich
unbequem
unentschlossen
unerfüllt
ungeduldig
ungemütlich
unglücklich
unruhig
unsicher
unter Druck
unwillig
unwohl
unzufrieden
verärgert
verbittert
verkrampft
verlegen
verletzlich
verletzt
verloren
verrückt
verschlossen
verspannt
verstimmt
verstört
verwirrt
verzagt
verzweifelt
voller Angst
widerstrebend
widerwillig
wortkarg
wütend
zaghaft
zappelig
zermürbt
zerrissen
zerstreut
ziellos
zitternd
zittrig
zögerlich
zornig
zurückgezogen
zwiespältig


Aus: "Gefühle-Liste (Beispiele)" von "Philipp Kurth" (26.10.2006)
Quelle: http://mosaik.homepage.t-online.de/gfkgef.htm

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[Der Appell an das Gefühl... ("postfaktisch")]
« Reply #8 on: November 17, 2016, 11:35:08 AM »

Quote
[...] Eine neue Vokabel ist in Mode gekommen: "postfaktisch". Das Wort charakterisiert eine von Tatsachen befreite, auf das Gefühl zielende Rhetorik. Politikwissenschaftler Peter Widmann denkt über den Begriff nach und erläutert, was sich diesem Trend entgegensetzen ließe.

Der Appell an das Gefühl ist so alt wie die Massenpolitik und keineswegs nur eine Spezialität der Populisten. Dass Politik auch von Gefühlen lebt und Gefühle weckt, ist nicht schon an sich gefährlich. Gefährlich sind Gefühle, die gesellschaftliche Spaltungen vertiefen. Vielleicht bräuchten die verschieden Gesellschaftsgruppen Übersetzungsdienste, um wieder miteinander sprechen zu können.

Vor den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im vergangenen September plädierte der Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland dafür, bei der Beurteilung der Kriminalität nicht nur die Statistik zu betrachten. Es gehe darum, was der Bürger fühlt.

Auch in anderen Ländern erkennen Journalisten und Wissenschaftler die Tendenz, an den Affekt zu appellieren und die Komplexität der Wirklichkeit zu leugnen. Als "post-truth politics" beschreiben sie in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien Phänomene wie Donald Trumps Wahlkampf oder die Brexit-Kampagne. Tatsächlich kann man über den republikanischen Präsidentschaftskandidaten und die britischen EU-Gegner manches sagen, aber bestimmt nicht, dass sie sich in ihren Reden auf belegbare Zahlen und Zusammenhänge konzentrieren.

Sind Fakten irrelevant geworden? Zählt nur noch gefühlte Wirklichkeit? Oder ist der Eindruck, dass die Politik ins postfaktische Zeitalter eintritt, auch nur ein Gefühl?

Eine Antwort fällt auch deswegen schwer, weil Gefühle seit jeher zur Politik gehören. Die Arbeiterbewegung etwa war keine Seminarveranstaltung, sie lebte auch von Emotionen, von der Empörung über die Lebensverhältnisse des städtischen Proletariats.

Die Angst vor dem Krieg war ein Antrieb der Friedensbewegung, das Misstrauen gegen eine Technologie Hauptmotiv der Kernkraftgegner. Demokratien brauchen Gefühle, etwa das Vertrauen in ihre Institutionen. Gesellschaften müssen ein Mindestmaß an Zusammengehörigkeit empfinden, sonst würden die Bürger Steuer- und Sozialversicherungssysteme kaum akzeptieren.

Der Appell an das Gefühl ist so alt wie die Massenpolitik und keineswegs nur eine Spezialität der Populisten. Dass Politik auch von Gefühlen lebt und Gefühle weckt, ist nicht schon an sich gefährlich. Gefährlich sind Gefühle, die gesellschaftliche Spaltungen vertiefen.

Das Wecken solcher Gefühle fällt Rechtspopulisten deshalb so leicht, weil sie vor allem Identitätspolitik betreiben. "Wir" und "die Anderen" sind die Kernkategorien ihrer Politik. Ihre Parolen – "Wir sind das Volk", "Lügenpresse", "Islamisierung" - reflektieren die Grundelemente vieler Gruppenkonflikte: Sie idealisieren die Wir-Gruppe und dämonisieren "die Anderen".

Wo es um Identität geht, geht es ans Eingemachte, an das menschliche Grundbedürfnis, als Einzelner und als Mitglied einer Gemeinschaft etwas wert zu sein und auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Darum ist die Temperatur der Auseinandersetzungen hoch. Darum dominiert das Gefühl über die Fakten.

Identitätspolitik findet ihren fruchtbarsten Boden in einer bereits gespaltenen Gesellschaft, der ein Mindestkonsens und gemeinsame Bezüge abhandengekommen sind. Die Gewinner der Globalisierung und des gesellschaftlichen Wandels der vergangenen Jahrzehnte bleiben so unter sich wie die Verlierer. In dem Maß, in dem sich Teile der Gesellschaft voneinander abschotten, driften die Wirklichkeiten auseinander. Die Post-Fakten-Politik ist die Politik der desintegrierten Gesellschaft.

Vielleicht bräuchten die verschieden Gesellschaftsgruppen Übersetzungsdienste, um wieder miteinander sprechen zu können. Das Führungspersonal der Populisten wird man damit kaum erreichen, wohl aber die Schwankenden unter ihren Anhängern.

Einen der Übersetzungsdienste könnte die Sozialwissenschaft stellen, besonders dort, wo sie hinausginge über Statistiken und quantitative Studien auf der einen Seite und Diskursanalysen auf der anderen. Nötig wären mehr Nahbeobachtungen unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen, ihres Lebens vor Ort, ihrer Erfahrungen und Wahrnehmungen im Detail. Aus der Mühe solcher Feldstudien entstünde eine Ethnologie des Inlands in einer Gesellschaft, in denen die Milieus einander zum Exotikum geworden sind.

Peter Widmann, geboren 1968, ist Politikwissenschaftler und koordiniert das Projekt "Marburg International Doctorate" an der Philipps-Universität Marburg. Er hat an der Technischen Universität Berlin über die Integrationspolitik deutscher Kommunen promoviert und war Mitarbeiter am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. Vor 2010 bis 2015 lehrte und forschte er als DAAD-Lektor am Europa-Institut der Istanbul Bilgi University.

Quote
Zoellner-Michael, 2016

Das mit der Identität ist so eine Sache! in der marktgerechten Demokratie sind Identitätskämpfe doch vergleichbar mit den Marktmechanismen....Volk , Kultur Hautfarbe grenzen dann die Teilnehmer auf dem Markt ab. Märkte sind populistisch und irrational! ... Meine These ist das die Postfaktisches Argumentationen inzwischen inflationär eingesetzt werden! Und das anerkannte Postfaktische (REGIERUNGSPOLITIK) und das zur Macht drängende postfaktische AF-xit einfach nur noch konkurrierende Glaubenssysteme sind!
Betrachten wir doch mal das Mantra "Sozial ist was Arbeit schaft". "Arbeit die Armut schafft ist asozial!" Mantren denen keiner widersprechen kann! Selbst die Verursacher von Altersarmut würden für sich beanspruchen das sie doch nach diesen Grundsätzen verfahren! Postfaktisch ist ein aufgeblasenes Wort für Beliebigkeit. Und Regierungen die ihre Wirtschaftsjustiz geheim und im Interesse der Privatwirtschaft organisieren wollen sind beliebig willfährig und schaffen Fakten für die sie sich nicht verantwortlich zeigen wollen. ...


...



Aus: "Postfaktisch Die Politik der Gefühle" Peter Widmann (10.10.2016)
Quelle: http://www.deutschlandradiokultur.de/postfaktisch-die-politik-der-gefuehle.1005.de.html?dram:article_id=368022
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« Reply #9 on: November 22, 2017, 12:26:51 PM »

Quote
[...] Wer "besorgt" ist, muss sich nicht für sein Kreuz bei der AfD schämen, wer beim Impfen ein "irgendwie ungutes Gefühl" hat, darf Kinderleben riskieren. Wer sich betroffen fühlt, hat recht. Gefühle sind noch geiler als Follower!  ... Noch mehr Gefühle als ich hat zum Beispiel der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård, sie reichen für 3.600 Buchseiten. Seine Gefühle sind, wie Gefühle meist, nicht besonders originell: Vatersein irgendwie krass, die Liebe schwierig, das Life hart. Wie so ein ganz normaler Mensch also, nur dass sich Knausgårds Leben weltweit als Bestseller durchgesetzt hat. Das mag erstens daran liegen, dass er hypnotisch schreibt, vor allem aber daran, dass Gefühle gerade Hochkonjunktur haben. Dafür hab ich jetzt gerade kein passendes Argument, aber hören Sie doch einfach mal in sich hinein, machen Sie ein paar Atemübungen oder so.

Gefühle sind an sich ja interessante Tierchen, manche davon etwas anhänglich, andere, wie das Glück, eher Streuner, die nur ab und an vorbeischauen. Dass es sie gibt, ist nichts Neues. Dass sie so glorifiziert werden, aber doch. Früher hatte man Gefühle bitte schön in den eigenen vier Wänden, mittlerweile sind sie zum Richter moralischer und ästhetischer Urteile avanciert. Bei Galerieeröffnungen fragen Künstler die Besucher, was die Werke "mit ihnen machen", Donald Trump begründet seine ganze Politik mit einer Mischung aus Wut, Ignoranz, und dem vagen Gefühl, dass alle gegen ihn seien.

... Schuld ist wahrscheinlich das Internet, das ist es ja im Zweifelsfalle immer. Dort funktionieren Gefühle besser als Fakten, Bilder besser als Analysen, der zynische Tweet besser als die Langstreckenreportage. Vor allem aber wirken Gefühle in Zeiten von Fake-News einfach glaubwürdiger. Man kann einem "Merkel muss weg"-Brüller vielleicht den moralischen Kompass absprechen, nicht aber seine Authentizität. Der ist wirklich wütend, enttäuscht, frustriert. Und irgendeinen Grund muss er ja dafür haben. Wenn aber Gefühle zum Richter werden, manövriert sich die Gesellschaft in eine unlösbare Pattsituation. Denn die eine Wut hat nicht mehr recht als die andere, wohl aber ein Argument mehr Gewicht als das andere. ...

... Niemand mag es, wenn ihm gesagt wird, wie er sich fühlen soll. Ganz besonders nicht, wenn es ihm Medien oder Politiker vorschreiben. Sehr viele Menschen fühlen nicht nur Freude über große Veränderungen und fühlen sich in dem Moment im Stich gelassen, wenn ihr eigenes Empfinden plötzlich als falsch disqualifiziert wird.

Dabei liegt das Empfinden niemals falsch. Oder richtig. Erst die darauffolgende Handlung ist ausschlaggebend. Mehr als zur Kenntnis nehmen kann man Gefühle ohnehin nicht. Im Gegensatz zu Meinungen lassen sich nämlich, aller Meditationscoaches zum Trotz, Gefühle nicht so leicht verändern, und schon gar nicht von anderen umerziehen, das weiß jeder, der mal unerwidert geliebt hat.

Wer auf einer Gefühlsebene diskutiert, nimmt den Gesprächspartner nicht ernst, sondern benutzt ihn als Leinwand, egal wie gravierend das Thema ist: projizieren statt diskutieren. Gegen Gefühle gibt es kein Argument. Weil sie selbst keines sind.

... Einst war der Verstand, nicht die Gefühlsäußerung, das erstrebenswerte Ziel. Die Ratio, nicht der Impuls, schaffte es, alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Diese Zeit hieß Aufklärung.




Aus: "Heute ist leider schlecht / Emotionen: Gegen Gefühle" Eine Kolumne von Ronja von Rönne (21. November 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2017-11/emotionen-gefuehle-gefuehlspolitik-wut
« Last Edit: September 26, 2019, 09:10:53 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #10 on: September 26, 2019, 09:30:44 AM »

Quote
[...] Je näher man dem Bösen kommt, desto unsichtbarer wird es. Jeder weiß, dass es Verbrecher gibt, aber kaum einer kennt einen brutalen, aggressiven, schlechten Menschen. Nähe verblendet. Nähe kann auch korrumpieren. Beim Stockholm-Syndrom etwa entwickelt die Geisel ein positives Verhältnis zum Geiselnehmer.

In ihrem Buch „Beim nächsten Date wird alles anders“ („Women Who Love Psychopaths“) analysiert die amerikanische Psychologin Sandra L. Brown die Struktur pathologischer Beziehungen.

Offenbar hält ein Übermaß an Empathie, die sogenannte Hyperempathie, einige Frauen davon ab, in ihrem Partner den Gewalttäter, Narzissten, Süchtigen oder gar Mörder zu sehen. Weil sie sich ihrem Partner nahe fühlen, rechtfertigen sie dessen Verhalten.

Hyperempathisch veranlagte Menschen sind wie eine hochsensible Antenne, die jedes Gefühl aufnimmt und widerspiegelt. Die Gefühle anderer sind ihre Gefühle.

Das Fremde wird zum Eigenen, aus zwei Menschen einer. An dem Leid, das andere erfahren, fühlen sich diese Menschen mitschuldig. Sie fangen zu weinen an, wenn sie jemanden sehen, der traurig ist. Und sie fühlen mit, wenn jemand aufsteht und laut Nein sagt, zur Umkehr aufruft, Einsicht anmahnt.

Wie beispielsweise Greta Thunberg, das damals noch 15-jährige schwedische Schulkind, das nach dem heißesten Sommer, den Teile Schweden je erlebt hatten, sich am 20. August 2018 wütend mit einem Schild auf den Steinboden vor dem Reichstag in Stockholm setzte, worauf stand: „Skolstrejk for Klimatet“ – „Schulstreik für das Klima“. Aus Thunbergs Respekt einflößender Beharrlichkeit wurde eine globale Bewegung, für das Gelingen ihrer Segelfahrt über den Atlantik wurde in Kirchen gebetet.

Der römische Philosoph Seneca stand solch tief empfundenem Mitleid skeptisch gegenüber. In seinem Essay „Über die Milde“ schreibt er: „Der Weise fühlt kein Mitleid, weil dies ohne Leiden der Seele nicht geschehen kann. Alles andere, das meiner Ansicht nach die Mitleidigen tun sollten, wird er gern und hochgemut tun: zu Hilfe kommen wird er fremden Tränen, aber sich ihnen nicht anschließen.“ Bei Immanuel Kant liest sich das ähnlich. Nicht Gefühle sollten Grundlage der Moral sein, sondern die Vernunft.

Nun ist Empathie an sich nichts Negatives. Aus Einfühlung, dem Wir-Gefühl, der emotionalen Anteilnahme, kann moralisch wertvolles Handeln entstehen. Christen orientieren sich am Gleichnis des barmherzigen Samariters. „Verletze niemanden und hilf allen, so viel du kannst“: Das ist auch der Kern der Mitleidsethik des Philosophen Arthur Schopenhauer.

Aber was heißt das in der Praxis? Kein Leiden, ob fern oder nah, geht den Menschen heute gar nichts mehr an. Er erfährt davon, weil die Welt unvermittelter, unmittelbarer geworden ist. Mit wachsender Wucht drängt sich das globale Dorf in die Alltags-Wahrnehmungen.

Per Handy, Internet und Satellitenfernsehen hämmern sich die Bilder in die Seelen. Vor der allgegenwärtigen Unfall-, Katastrophen- und Verbrechenspräsenz gibt es kein Entrinnen.

Da waren die Bilder der Hungernden in Somalia. Sie wurden Anfang der neunziger Jahre von CNN in alle Wohnzimmer übertragen, Abend für Abend. Fliegen umschwirrten ausdruckslose Kinderköpfe. Das führte zur ersten humanitären Intervention der Vereinten Nationen.

Die Operation „Restore Hope“ begann. Aus Mitleid war Eingreifen geworden. Ein knappes Jahr später, in der „Schlacht von Mogadischu“, töteten somalische Milizen 18 US-Soldaten und schleiften deren Körper durch die Straßen der Stadt. Das war das Ende von „Restore Hope“.

Im September 2015 ertrank der dreijährige Aylan Kurdi im Mittelmeer. Seine Familie und er waren vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Das Bild des Jungen, dessen Leichnam an den Strand gespült worden war, ging um die Welt.

In Deutschland trug es zu einer beispiellosen Willkommenskultur bei. Zehntausende standen in den kommenden Wochen an Bahnhöfen, um die Flüchtlinge zu begrüßen. Bundespräsident Joachim Gauck sagte: „Es gibt ein helles Deutschland, das sich leuchtend darstellt gegenüber dem Dunkeldeutschland.“ Aus Mitleid war Flüchtlingshilfe entstanden.

Zwei Jahre zuvor war in Bangladesch, in der Nähe der Hauptstadt Dhaka, ein Gebäude mit fünf Textilfabriken eingestürzt. Mehr als 1100 Menschen starben. Mitverantwortlich für das Unglück seien deutsche Verbraucher, die billige T-Shirts kauften, hieß es. Textilunternehmen wie KiK, Primark, Mango oder Benetton hatten ihre Waren dort produzieren lassen. Aus Mitleid war kritischer Konsumgeist entstanden.

Bei einem Verkehrsunfall in Berlin, an der Kreuzung Invaliden-, Ecke Ackerstraße, starben am Abend des 6. September eine 64-jährige Frau, ihr drei Jahre alter Enkel und zwei Männer.

Verursacht worden war der Unfall von einem SUV-Fahrer, der möglicherweise einen epileptischen Anfall gehabt hatte. Seitdem wird intensiv über die Notwendigkeit des Fahrens schwerer Autos in Großstädten sowie über deren Kohlendioxid-Bilanz diskutiert. Aus Mitleid war eine verkehrs- und klimapolitische Debatte entstanden.

Mitleid geht unter die Haut. Es schmerzt. Die gefühlte Anteilnahme gilt als Grundlage von Fairness und Hilfsbereitschaft.

Das Vermögen, sich in das Leid anderer hineinzuversetzen, zeigt die charakterliche Reife eines Menschen. Es bewegt ihn, aktiv zu werden, um das Leiden zu lindern. Wer Mitleid empfindet, hat ein warmes, wer es nicht empfindet, ein kaltes Herz. Aber die Empathie, also das spontane Mitvollziehen dessen, was ein anderer fühlt, hat Kehrseiten.

Der Psychologe und Kognitionswissenschaftler Paul Bloom von der Yale University in New Haven (USA) hat Ende 2016 ein Buch mit dem Titel „Against Empathy“ („Wider die Empathie“) verfasst. Darin warnt er vor einem unreflektiert positiven Image des Mit-Leidens, das sich wie ein Scheinwerfer auf zufällig gerade ins Blickfeld geratene Menschen und Situationen richte. Dabei würden die langfristigen Konsequenzen von Hilfshandlungen oft ausgeblendet.

Bloom skizziert ein Beispiel. Ein kleines Mädchen leidet an einer lebensbedrohlichen Krankheit und steht auf einer langen Warteliste für eine neuartige Behandlung, die Heilung verspricht. Sie kennen das Mädchen gut und haben die Möglichkeit, dessen Namen auf der Warteliste ganz nach oben zu rücken.

In dem Experiment taten genau das zwei Drittel der Teilnehmer, die sich selbst als besonders empathisch charakterisiert hatten. Ist ein solches Verhalten fair? Was ist mit den anderen Patienten, die nun länger auf ihre Behandlung warten müssen und deshalb womöglich sterben?

Dass ein aus Mitleid und Nächstenliebe resultierender Hilfswille moralisch äußerst verwerfliche Folgen haben kann, findet sich bereits in den Schriften des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin.

In seiner „Summa Theologica“ disputiert er die Frage, ob Irrlehrer getötet werden sollen. Thomas von Aquin bejaht das.

Durch Irrlehrer würden einfache Menschen zu einem falschen Glauben verführt und kämen deshalb in die Hölle. Weil die Nächstenliebe uns zwingt, sie vor diesem Schicksal zu bewahren, müsse das gefährliche Wirken der Irrlehrer verhindert und diese müssten notfalls getötet werden.

Der von Empathie gesteuerte Mensch nimmt Leidende und potenziell Leidende in den Blick. Er charakterisiert sich selbst als mitfühlend und den politischen Gegner als kalt. Aber bezieht sich die Empathie oft nicht vor allem auf verschiedene Gruppen?

Die einen fühlen mit Flüchtlingen, die anderen mit jenen, die wegen offener Grenzen womöglich Opfer von vermeintlich höherer Kriminalität werden. Die einen fühlen mit den künftigen Opfern der Erderwärmung, die anderen mit den gegenwärtig Armen, die aufgrund der Lenkungseffekte einer ambitionierten Klimapolitik sich bald kein Fleisch, kein Auto und keine billigen Flüge mehr leisten können. Empathie fördert offenbar das Ausgrenzen und Abwerten von Menschen, die die Werte der eigenen Gruppe nicht teilen.

Daher warnt Bloom davor, Empathie zum politischen Argument zu machen. Er plädiert sogar dafür, ihr zu misstrauen.

Donald Trump etwa inszenierte sich im Präsidentschaftswahlkampf 2016 als Underdog. Einer gegen alle - gegen die korrupten Politiker, gegen die korrupten Parteien, gegen die korrupten Medien, gegen das korrupte Establishment.

Dafür wurde er entsprechend hart angegangen. Die Massivität der Gegenangriffe hatte zur Folge, was im Englischen „pity voting“ genannt wird: Durch einen Reflex der ausgleichenden Gerechtigkeit schlägt sich der Wähler auf die Seite einer Minderheit, die von der Mehrheit angeblich unfair behandelt wird.

Empathische Menschen sind nicht an sich bessere Menschen. Ein Sadist kann sich nur deshalb an den Qualen seines Opfers laben, weil er sich gut in dieses einfühlen kann.

Im Film „Das Schweigen der Lämmer“ spielt Anthony Hopkins den inhaftierten Serienmörder Hannibal Lecter, der mit Vorliebe die Innereien seiner Opfer verspeist. Er hilft der jungen FBI-Anwärterin Clarice Starling (Jodie Foster) dabei, einen anderen Serienmörder zu jagen, der seinen Opfern die Haut abzieht.

Wie kein anderer kann sich Hannibal Lecter in die Gedanken des Täters hineinversetzen und seine nächsten Schritte voraussehen. Das ist Empathie vom Gruseligsten.

Hungernde, Textilarbeiter, Flüchtlinge, Klima: Je öfter die weltweit Leidenden, meist medial vermittelt, in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, desto wichtiger ist es, die Grenzen globaler Empathie zu kennen. Kein Einzelner kann mit jeder geschundenen Kreatur überall und jederzeit mitleiden. Das überfordert den Seelenhaushalt.

Hyperempathie hat empathischen Stress zur Folge, der als Handlungsbasis zu fragil ist, um dauerhaft sein zu können. Wer sich von der Not anderer vollkommen einnehmen lässt, verliert den Sinn für das Machbare – und für sich selbst.

Gefühl muss sich mit Vernunft und Folgenabschätzung paaren, das Maß an Empathie muss wohldosiert verteilt werden. Wer das Mitgefühl idealisiert, gerät in Gefahr, die Welt zu verschlimmbessern.


Aus: "Emotionen in der Politik Vorsicht vor dem Mitgefühl!" Malte Lehming (24.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/emotionen-in-der-politik-vorsicht-vor-dem-mitgefuehl/25045026.html

Quote
sabinehanna 25.09.2019, 16:03 Uhr
Spätestens seit der Veröffentlichung der Studien vom Max-Planck-Institut zu Mitgefühl sollte doch auch langsam im deutschen Sprachgebrauch der wichtige Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl geläufiger werden. Wenn schon so eine ausführliche Beschäftigung mit der wichtigen Thematik, dann doch bitte auch genau und auf dem Stand der Wissenschaft. Mitgefühl und Empathie sind nicht das Gleiche und Mitleid ist wieder etwas anderes. Empathie kan zu Stress führen, Mitgefühl ist eine Ressource... es gibt inzwischen viel Literatur dazu und auch in der Fachliteratur werden dire Begriffe nicht mehr sysnonym verwendet.
Bitte besser recherchieren.

Herzliche Grüße
SH Witte


Quote
heureka47 25.09.2019, 16:29 Uhr

Der typische - mehrheitlich ungeheilt-neurotische - zivilisierte Mensch ist von seinen echten Gefühlen relativ abgetrennt, weil er von seinem Wesenskern, der Seele, durch seel. Verletzung / Trauma / Deprivation usw. abgetrennt ist. ...


Quote
annoyed 25.09.2019, 16:03 Uhr
Nicht zuende gedacht...

1. Wer jemanden, den er persönlich kennt, oder der gerade besonders in seine Aufmerksamkeit kommt, ohne medizinische Gründe auf einer Warteliste nach oben setzt, der hat nicht zuviel Empathie für diese Person, sondern zu wenig Empathie für alle anderen auf dieser Liste.

2. Wer betrügerischen Milliardären Mitleidsstimmen gibt, der hat nicht zuviel Empathie, sondern ist denkfaul und leicht zu manipulieren. Das hängt nicht mit der Empathie zusammen, sondern mit intuitivem, manipulationsanfälligem Denken statt mit rationalen Erwägungen.

3. Tomas von Aquin, ein schönes Beispiel, fordert  die Ermordung von "Irrlehrern". Völlig emathiefrei, statt mit schnödem Mitleid argumentiert er ganz rational mit religiöser Kirchenlogik.
Wer macht das heute sonst noch? Ach ja, richtig: Islamistische Terroristen beim Köpfen, evangelikale amerikanische Hardliner wenn sie vergewaltigten 13-jährigen eine Abtreibung verweigern, und buddhistische Soldaten wenn sie Rohingya-Familien hinrichten.
Das ist die Gefahr dabei. Empathie als einzige Entscheidungsgrundlage mag nicht immer perfekt sein. Auch sie kann zu Fehlentscheidungen führen. Aber sie ist weniger gefährlich als andere alleinige Entscheidungsgrundlagen. Religiöse Logik, offensichtlich. Aber auch Märkte und Aktienkurse. Es sei nur an Dennis Muilenburg erinnert, den Boeing-CEO, der aus finanziellen Erwägungen ein so unsicheres Flugzeug auf den Markt geworfen hat, dass zwei Abstürze, über 300 Tote, und Tausende mit Startverbot versehene Maschinen auf sein Konto gehen.

Ja, man mag aus Empathie vielleicht Ernährungsprogramme für Hungernde starten, und damit versehentlich auch der Wirtschaft der Empfängerländer schaden. Aber eben keine Menschen ermorden, fliegende Todesfallen auf den Markt werfen, seine Umwelt und Mitmenschen vergiften...

Es sollte also keine Entscheidung ohne Empathie getroffen werden. Und es sollte keine Entscheidung ohne Vernunft und Rationalität getroffen werden.


Quote
nietzschewo 25.09.2019, 17:20 Uhr
Antwort auf den Beitrag von annoyed 25.09.2019, 16:03 Uhr

... Ihr Post ist klarer als der Artikel.


Quote
MaxMustermann1 24.09.2019, 15:08 Uhr

Ein ungewohnt durchdachter Artikel. Zumal Emotionen in der Regel zu Gesinnungsethik führen, und die Nebenwirkungen des Handelns ignorieren.


...


"Mitgefühl: Das süße Gift der Empathie" Carolin Würfel (2. März 2018)
In politisch unruhigen Zeiten soll Einfühlungsvermögen gegen Radikalität schützen. Was für ein Unsinn. Ein Plädoyer für weniger Bauch und mehr Verstand
https://www.zeit.de/2018/10/mitgefuehl-empathie-politik-verstand/komplettansicht
« Last Edit: September 26, 2019, 09:33:05 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #11 on: November 11, 2020, 01:03:58 PM »

Quote
[...] Ute Frevert: Mächtige Gefühle. Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung. Deutsche Geschichte seit 1990. S. Fischer, Frankfurt am Main 2020. 496 Seiten

Das erste moderne deutsche Universal-Lexikon definierte ihn Mitte des 19. Jahrhunderts als "die Feindschaft gegen einzelne Menschen, die denselben zu schaden u. sie überhaupt zu demüthigen und zu unterwerfen sucht". Er entstehe meist aus Neid und Kränkungen, könne auf mehrere Menschen übertragen werden, auch sei er "in Familien erblich" und pflanze sich sogar als Nationalhaß fort".

... Der Hass ist eines von zwanzig Gefühlen, deren gesellschaftliche Rahmung, Beurteilung, konventionelle Formung und Mobilisierung seit 1900 Ute Frevert nachzeichnet. Angst, Freude, Liebe, Scham, selbst Demut, Neugier und Zuneigung sind darunter. Das Buch liefert "Kontext, Einbettung und Differenzierung" zur vielfach gezeigten und besuchten Plakatausstellung "Die Macht der Gefühle. Deutschland 19/19", die Frevert gemeinsam mit ihrer Tochter entwickelt hatte. Emotionsgeschichte erlebt derzeit wieder einmal einen Aufschwung. Ihn befördern Diskussionen in der Geschichtswissenschaft, wofür Bücher wie "Republik der Angst" von Frank Biess oder "Krebs fühlen" von Bettina Hitzer stehen. Er scheint dringlich angesichts des aktuellen Erschreckens über den Einbruch starker Gefühle in die politische Diskussion. Dieses Erschrecken hat historische Aufklärung nötig, um nicht jede Reprise für etwas Neues zu halten und den eigenen Standort zu reflektieren.

Nach der "unheilvoll exaltierten Emotionalität des ,Dritten Reiches'" habe man, so Frevert, in der jungen Bundesrepublik gern an Nüchternheit und Sachlichkeit appelliert. Solche Appelle finden auch heute Zustimmung, aber sind sie noch erfolgversprechende Formen des Emotionsmanagements? Das Buch informiert glänzend über die Wandlungen der Angst, der Hoffnung oder der Freude. Dass die DDR nicht allein 1964 "fröhlich und unbeschwert ins neue Jahr" schritt, ahnte man. Merkwürdig nehmen sich daneben die Freudebeschwörungen in der Bundesrepublik aus. Helmut Schmidt monierte 1977 den "Hang zur chronischen Unzufriedenheit, das Nicht-genug-Bekommen-Können"; Bundespräsident Karl Carstens plagte 1979 die Frage, "ob manchem unter uns nicht die Fähigkeit zum Sich-Freuen, zur Freude abhanden gekommen" sei. Roman Herzog beklagte 1998 die seltsame "Freudlosigkeit, mit der wir uns oft das Leben so schwer machen". Dabei war es doch der wahrscheinlich Stabilität garantierende Vorzug der Demokratie, auf Liebe oder Dankbarkeit nicht angewiesen zu sein. Sie konnte auf "organisierte Loyalitätsschauspiele" wie etwa Fackelzüge verzichten. Aber ohne Bindung, ohne etwas Grundzufriedenheit kam und kommt sie nicht aus. Ute Frevert skizziert treffend, was diese erschwert: Zwischen 1970 und 2000 verdoppelte sich das "um Preissteigerungen bereinigte Pro-Kopf-Einkommen" in der Bundesrepublik, die durchschnittliche Lebenszufriedenheit verharrte auf demselben Niveau. Der Vergleich mit Nachbarn und Kollegen spielte eine Rolle, und der Stress, der zum Konsum gehört wie Reklame und Schaufenster: "Mit den Autos kamen die Staus, mit den vollen Ladentischen das Gedränge beim Sommer- und Winterschlussverkauf, mit den Waschmaschinen der Druck, die Kleidung stets ,fasertief rein' zu halten." Die Vermutung liegt nahe, dass es auch Kränkungen und Verbitterungen gibt, die kein Wohlstand kompensieren kann, dass möglicherweise die stimmungsaufhellende Wirkung des Konsums oft überschätzt wird. Was bindet Menschen dann an demokratische Nüchternheit und Verfahrenszähigkeit? Erzeugt diese nicht auch Langeweile? Sehnsucht nach Intensität? Oder reicht vielleicht durchschnittliche Zufriedenheit?

...  So verständlich Ute Freverts Distanz gegenüber Meistererzählungen ist, eine Meisterinnendeutung der jüngeren deutschen Gefühlsgeschichte hätte man gern von ihr gelesen. Sie fürchtet, darin geriete die "Historizität von Gefühlen" aus dem Blick. Aber so, wie sie hier erzählt, verblassen die Zäsuren der Gefühlsgeschichte, die doch wohl einschneidender waren als Regierungswechsel, Parteigründungen, Firmenpleiten: die Innerlichkeit der Siebziger, beispielsweise, der Kult um Authentizität, die achtsame Coolness der Neunziger. Und scheidet "Und was macht das mit Dir?" nicht Gefühlsgeschichte in ein Davor, indem die Frage als unverständlich oder als übergriffig erschienen wäre, und ein Danach? Ein Danach, in dem man antworten muss, ohne die Antwort zu kennen. "Mächtige Gefühle" ist unterhaltsam und belehrend, aber worin die Macht der Gefühle besteht, wie diese sich änderte, vermag es nicht zu erklären.


Aus: "Geborgen in Nüchternheit" (12. Oktober 2020)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/kultur/ute-frevert-maechtige-gefuehle-geborgen-in-nuechternheit-1.5057962

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Quote
[...] Die Historikerin Hedwig Richter hat ein verblüffend optimistisches Buch geschrieben – und die Verblüffung kann schon beim Lesen des Titels beginnen. „Demokratie. Eine deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ heißt der 400 Seiten starke Band. Ist eine Staatsaffäre gemeint? Eine Liebesaffäre? Eine leidenschaftliche Affäre, eine flüchtige Affäre?

... Demokratie sei immer krisenhaft und Krisen seien sogar wichtig für Demokratie, sagt die 47-jährige Historikerin, die sich über einen Vergleich von Wahlen in den USA und in Preußen habilitierte und an der Universität der Bundeswehr München lehrt. „Auch die Kritik ist sehr wichtig – es ist wichtig, dass wir die Probleme sehen, die es natürlich gibt.“

... Die Bedeutung von Emotionen sei dabei nicht zu unterschätzen, betont die Historikerin.  ... Eine Emotionsgeschichte der Demokratie ... Ijoma Mangold... Ihm gehe es gar nicht so sehr um die Meinung, sondern eher um die Meinungsbildungsprozesse. ...  „In der Regel wissen wir vorher schon, wo wir am Ende rauskommen, und wir munitionieren uns gewissermaßen mit guten Argumenten für unsere Position.“ Das täte man, um sie gut vortragen zu können und eine „ordentlich gepanzerte Identität“ vor sich herzutragen. Sie nenne man dann „politische Überzeugung“, vor der sich die Leute verbeugen würden, weil sie denken, das sei etwas besonders erhaben Moralisches.

Mangold hält es hingegen für „heroischer“, die ganze Widersprüchlichkeit, das Schmutzige und Dunkle zu sehen, aus dem unsere Meinungen hervorgehen: „Die sollen dann unbedingt in der Auseinandersetzung, im Widerspruch und im Streit geläutert werden. Aber ich finde, wir verdrängen vor uns selber und vor anderen zu sehr den Bauch, aus dem das alles entsteht.“


Aus: "Kopf- oder Bauchsache – ein Nachdenken über Demokratie" Christian Rabhansl (17.10.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/historikerin-hedwig-richter-kopf-oder-bauchsache-ein.1270.de.html?dram:article_id=485973

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« Reply #12 on: November 11, 2020, 01:13:01 PM »

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[...] So wenig Liebe die Menschen des Mittelalters angeblich gegenüber ihren Kindern verspürt haben sollen, so kindlich sollen sie selbst in gewisser Weise gewesen sein. Denn ähnlich wie Kinder sollen auch gestandene Erwachsene Emotionen wie Aggressionen viel unmittelbarer ausgelebt haben. Dem berühmten Soziologen Norbert Elias (1897–1990) zufolge haben die Menschen erst im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zunehmend ihre Triebe und Emotionen kontrolliert. Doch Forscher, die sich mit dem recht neuen Zweig der Emotionsgeschichte beschäftigen, winken heutzutage bei dieser einflussreichen These meist ab. „Das haben Mittelalterhistoriker endgültig widerlegt“, sagt etwa der Historiker Jan Plamper vom Londoner Goldsmiths College, „die Vorstellung, dass Menschen im Mittelalter kindliche und emotional unkontrollierte Wesen waren, stimmt einfach nicht“, so der Autor des Buches „Geschichte und Gefühl.“

Auch im Mittelalter waren Emotionen an Normen gebunden. „Es war etwa geschlechterabhängig, wer in welcher Situation weinen durfte“, so Jan Plamper. Historiker wie Gerd Althoff konnten zudem zeigen, dass im Mittelalter Emotionen vielfach für einen ganz bestimmten Zweck eingesetzt wurden. Sie dienten etwa dazu, Hie­rarchien zu markieren. So weinten beispielsweise Ritter vor ihren Königen, um die hohe Position des Königs zu kennzeichnen.

Allerdings waren die Emotionen im Mittelalter vermutlich teilweise anders beschaffen. Die Historikerin Ute Frevert, Direktorin des Forschungsbereiches „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, förderte bei ihren Forschungen ein Gefühl zutage, das es so heute nicht mehr gibt. Im Mittelalter verspürten Menschen mitunter „acedia“, eine Trägheit des Herzens, die als Todsünde galt. „Diese Emotion darf man nicht einfach gleichsetzen mit Melancholie oder Depression“, betont Jan Plamper. „Denn erstens war die Ursache immer im Spirituellen, Metaphysischen angesiedelt, etwa als eine Bestrafung durch Gott.“ Die Ursache lag also nicht, wie wir heute denken würden, in der Psyche oder dem Gehirn. „Und zweitens waren die Symptome andere. Die Betmüdigkeit von Mönchen galt als untrügliches Zeichen für acedia.“

...


Aus: "Der Mythos vom dunklen Mittelalter" Christian Wolf (12.03.2020)
Quelle: https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.forscher-widerlegen-vorurteile-der-mythos-vom-dunklen-mittelalter.5235dd4b-d87f-498b-861b-34a35887d498.html

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« Reply #13 on: November 11, 2020, 01:23:51 PM »

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[...] Als der Historiker Jan Plamper über soldatische Angst im Ersten Weltkrieg forscht, besucht er einen Anatomiekurs. Er will den physiologischen Ort der Entstehung von Angstgefühlen in natura sehen, die Amygdala, den Mandelkern im Temporallappen des Gehirns, „den basalen Sitz des basalsten aller Gefühle“. Lange Zeit hat die Historiker das Gehirn vor allem als Ort des Gedächtnisses interessiert, heute steigt eine neue Generation, zu der auch Plamper gehört, tief in die Hirnforschung ein. „Geschichte und Gefühl“ heißt Plampers jetzt erschienenes Buch, wobei der Buchtitel wohl der Alliteration geschuldet ist. Denn im Buch selbst ist meist nicht von Gefühlen, sondern von Emotionen die Rede; der Autor verwendet die beiden Begriffe synonym.

Das Wort Emotion wurde früher, als man noch seine lateinische Herkunft empfand, mit Erregung übersetzt. Wer emotional reagierte, war nicht nur innerlich beteiligt; er war erregt. So wie Henri Bergson, der im September 1914 nach dem deutschen Einmarsch in das neutrale Belgien erklärte, das Ziel des Philosophen sei es, zu verstehen, nicht sich zu empören, aber angesichts der deutschen Untaten beim Einmarsch ziehe er es vor, nicht zu verstehen, sondern sich zu empören.

Das Wissen um den lateinischen Ursprung des Begriffes Emotion ist im Zeitalter der universalen Anglophonie nicht mehr präsent. Dafür gibt es sogar ein Frauenmagazin mit dem Titel „Emotion“ und Google präsentiert zu dem Begriff 185 Millionen Suchergebnisse, während das Gefühl nicht einmal ein Drittel dieser stolzen Zahl erreicht. Das Gefühl galt einst neben Vorstellen und Wollen als das dritte Grundvermögen der Seele. Heute ist die Seele in den Bezirk des Religiösen verbannt.

Wer den Menschen erforschen will, fragt nicht mehr nach seiner Seele, sondern nach seinem Gehirn. Das Gehirn ist als Forschungsthema nahezu omnipräsent. Jan Plamper schreibt dazu: „Ganze Forschungsfelder erhalten ,Neuro’-Designationen – Neuropolitologie, Neuroökonomie, Neuroethik, Neuroästhetik, Neuroliteraturwissenschaften, Neurotheologie. Waren während der Postmoderne noch Philosophie und Linguistik die Leitwissenschaften, so sind die Neurowissenschaften zur neuen Leitwissenschaft jener Disziplinen aufgestiegen, die Texte und Bilder untersuchen.“

Den Beginn der jüngsten Entwicklung sieht Plamper mit dem 11. September verknüpft: „Möchte man den Startschuss für den derzeitigen Run exakt datieren, so kann man den 11. September 2001 angeben, denn er beschleunigte wie ein Katalysator Prozesse, die schon länger im Gang waren.“

Die Terrorangriffe waren ein radikaler Realitätseinschlag, sie evozierten einen enormen Erklärungsbedarf, dem mit den alten Kategorien und Konzepten nicht beizukommen war. Im Angesicht von Phänomenen wie religiösem Fanatismus und mörderischem Hass versagten Diskursanalyse und andere Instrumentarien des Poststrukturalismus. Es begann die Hochzeit der Lebenswissenschaften, die Biologie verdrängte die Physik endgültig als naturwissenschaftliche Leitdisziplin.

In der Geschichtswissenschaft, die heute stark vom Paradigma der Cultural Studies geprägt ist, spielen Themen wie Geschlecht, Sexualität, Körper und Umwelt eine große Rolle, in die sich die Geschichte der Emotionen ohne Weiteres einfügen lässt. Manche sprechen von einem „emotional turn“, der auf den „linguistic turn“ und den „iconic turn“ gefolgt ist. Die Emotion soll nicht eine weitere Teildisziplin etablieren helfen, sondern eine zentrale Kategorie der geschichtswissenschaftlichen Analyse sein.

 Jan Plamper, der heute eine Professur an der University of London hat, will in seinem Buch Grundlagen der Emotionsgeschichte erarbeiten, zugleich aber auch eine eigene Position beziehen. Einleitend stellt er folgende Fragen: „Was ist Emotion? Wer hat Emotion? Wo ist Emotion? Haben Emotionen Geschichte? Vorausgesetzt sie haben Geschichte, wie kommt die Geschichtswissenschaft an diese Geschichte heran?“

Ausgehend von diesen Leitfragen vollzieht der Autor einen ungeheuer kenntnisreichen und von stupender Gelehrsamkeit zeugenden Gang durch die Wissenschaftsgeschichte, der bei Aristoteles und seinen Definitionen der Emotionen beginnt, sich intensiv mit Darwins 1872 erschienenem Buch „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen“ und dessen Rezeptionsgeschichte auseinandersetzt und bis zur Gegenwart reicht. Er setzt sich dabei unter anderem mit Behaviorismus, kognitiver Psychologie und den Spiegelneuronen auseinander, kommt aber ohne jede Erwähnung der Humanethologie aus, die vor allem im deutschen Sprachraum jahrzehntelang Furore machte.

Ein roter Faden bei Plampers Gang durch die Emotionsgeschichte ist der Antagonismus zwischen dem universalistischen und dem sozialkonstruktivistischen Ansatz. Dieser grundsätzlichen Opposition begegnen wir in vielen Feldern immer wieder, etwa der Dichotomie von Natur versus Kultur in der europäischen Ideengeschichte, der Debatte, ob Intelligenz ererbt oder angeboren sei, oder der Grundsatzdiskussion über das Vorhandensein menschlicher Willensfreiheit in der Hirnforschung. Und auch Historiker, die sich mit Emotionen beschäftigen, können trefflich darüber streiten, welche Gefühlsregungen nun physiologisch determiniert sind und was dagegen durch den sozialen oder kulturellen Kontext jeweils spezifisch geprägt ist.

Heute boomt die Emotionsgeschichte. Die emotionale Intelligenz hat die soziale Intelligenz in ihrer öffentlichkeitswirksamen Präsenz verdrängt. Auch in anderen Bereichen dominieren die Emotionen, was selbst schon wieder ein Thema für die Geschichtswissenschaft ist. Eines Tages werde man vielleicht feststellen, dass in unserer Zeit „Emotionen“ und „emotional“ weitverbreitete Schlagwörter in westeuropäischen und nordamerikanischen Gesellschaften sind, die die noch in den 1980er Jahren gängigen Begriffe wie „Psychologie“, „psychisch“ oder „mental“ in Alltagssprache, Werbung, Politik und Sport nahezu verdrängt haben, schreibt Plamper. „Die Angehörigen der Opfer eines Amoklaufes an einer Schule etwa müssen in unseren Tagen mit dem Verlust ihrer Kinder ,emotional’ zurechtkommen – nicht ,mental’ oder ,psychisch’, wie es noch vor 20 Jahren geheißen hätte.“

...

Zu: Jan Plamper: Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte; Siedler, München 2012; 478 Seiten


Aus: "Neue Fragen im Angesicht des Hasses" Ernst Piper (30.01.2013)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/geschichte-der-emotionen-neue-fragen-im-angesicht-des-hasses/7705532-all.html

Quote
TheodorFonta 30.01.2013, 11:13 Uhr
Fragen im Angesicht dieser Rezension

Ausgerechnet heute, wo wir dem Beginn der NS-Herrschaft vor 80 Jahren gedenken, einer Gewalt- und Hassorgie ohne Beispiel, soll uns glauben gemacht werden, dass der 11. September 2011 eine offenbar noch tiefere Sinnkrise ausgelöst habe. Angeblich versagten angesichts des Terroranschlags vom 11.9. die bis dahin tauglichen Erklärungsmodelle der "Diskursanalyse und andere Instrumentarien des Poststruktualismus". Schön gesagt! Doch muss man diese Theorien kennen, um zu sagen, dass hier wohl eine Fehleinschätzung vorliegt?

Und wie kommt man darauf, dass nach dem 11.9. die Hochzeit der Lebenswissenschaften begann, und dass daraufhin die Biologie die Physik als naturwisschenschaftliche Leitwissenschaft verdängt hat? Was soll der Unsinn?

Der Rezensent bekommt keine Ordnung in seinen Text und kann nicht deutlich machen, ob er nun Kernaussagen des Buches wiedergibt, oder ob er seine eigenen Einordnungen und Anmerkungen macht. Er wählt große Worte, doch was bleibt davon übrig, wenn er eine Debatte erwähnt, ob "Intelligenz ererbt oder angeboren" (was allerdings das gleiche ist) sei? Als Beispiel für den "Antagonismus zwischen dem universalistischen und dem sozialkonstruktivistischen Ansatz"?

Hier wurde mir die Flusigkeit des Artikels besonders deutlich. Hinter dem rhetorischen Blendwerk verbirgt sich Unkenntnis. Ob das besprochene Buch etwas taugt, weiss ich nicht, die Rezension jedenfalls ist Unfug.


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« Reply #14 on: November 11, 2020, 01:34:04 PM »

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[...] "Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre“, sagte die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg bei der Jahrestagung des Davoser Weltwirtschaftsforums im Januar. Sie zielte auf die motivierende Kraft einer Emotion, die auch Lähmung und Schockstarre bewirken kann. Wenn am vergangenen Freitag bei den Schülerdemonstrationen „Fridays for Future“ in 1200 Städten weltweit Kundgebungen stattfanden und 12 000 Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz das Anliegen mit ihrer Petition „Scientists for Future“ unterstützen, kann man sich an die großen Demonstrationen der 1980er Jahre erinnert fühlen.

Haben die Deutschen eine spezielle Neigung zur Angst? Frank Biess bestreitet das. Tatsächlich wurde der Ausdruck „German Angst“ erst Anfang der 1990er Jahre zum Schlagwort, als polemische Kennzeichnung der Sicherheitspolitik des wiedervereinigten Deutschland, zunächst in Bezug auf den ersten Irakkrieg. „Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik“, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, ist ein klug analysierendes und anschauliches Buch. Dass die Angst eine Emotion sein kann, die Positives bewirkt und wie jede Emotion historische Formen und Funktionen annimmt, zeigt nicht nur das Engagement der schwedischen Aktivistin und der von ihr initiierten Jugend- und Klimaschutzbewegung. Frank Biess sieht in der Angst eine „radikal kontextabhängige Kommunikationsform“ und benützt sie als eine Art Sonde, mit der sich die Geschichte der Bundesrepublik auf neue Weise erzählen lässt.

 Der 1966 geborene Schwabe, Professor für Europäische Geschichte an der University of California in San Diego, exponiert im Vorwort seine autobiografische Motivation. Politisch sozialisiert in den 1980er Jahren – also in den Jahren der Großdemonstrationen und Menschenketten gegen AKWs und den Nato-Doppelbeschluss –, ist ihm die Allgegenwart der Angst noch deutlich in Erinnerung. Kann man die Geschichte Westdeutschlands wirklich als Erfolgsgeschichte erzählen, so seine Fragestellung, wenn Millionen von Menschen „apokalyptische Ängste“ erlebten und sie in Massendemonstrationen auch zeigten? Mit den Methoden der mittlerweile breit aufgestellten Emotionsgeschichte im Rücken, macht er sich daran, die Geschichte der alten Bundesrepublik als eine Folge von Angstzyklen zu beschreiben.

Angst war zu verschiedenen Zeiten der bundesrepublikanischen Geschichte nicht auf gleiche Weise artikulierbar. Mit Bezug auf William Reddy macht Frank Biess deutlich, dass jede Emotion auch durch ihre Artikulationsweise bestimmt wird. In der Nachkriegszeit ging es um Nüchternheit. Emotionen waren durch ihren Missbrauch im Nationalsozialismus diskreditiert. Bestechend an Biess’ Darstellung ist die Art, wie er verschiedene Beschreibungsschleifen miteinander verknüpft. Bekannte Begriffe, Jahreszahlen und Stationen der bundesrepublikanischen Geschichte werden in Muster eingebunden, die sowohl Raum für neue Erkenntnisse als auch für Wiedererkennungseffekte lassen. Dabei geht es nicht nur um die Angst. Ein wichtiges weiteres Ordnungsmuster ist der unterschiedliche Stellenwert von Gefühlen überhaupt, die wachsende Bedeutung von Subjektivität und Individualität und schließlich die weibliche oder männliche Konnotation eines Gefühls bis hin zur Erosion männlicher Selbstbilder.

So kann ein und dasselbe Phänomen an unterschiedlichen Stellen einen schlagenden neuen Effekt bewirken. Etwa, wenn sich die demonstrative Nüchternheit der nationalsozialistisch belasteten Nachkriegsjustiz im Auschwitz-Prozess der Jahre 1963–1965 in ein Argument gegen überlebende Opfer verkehrt: Sie seien persönlich betroffen und zu emotional, gerade deshalb seien sie unzuverlässige Zeugen. Dominierte in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Angst vor Vergeltung, kam es in der Adenauer-Ära zu einer strategischen Eindämmung und Mobilisierung von Ängsten: Die Angst vor einem neuen Krieg wurde von der Angst vor dem Kommunismus in Schach gehalten. Trotz des Mauerbaus im August 1961, dem Jahr, in dem die Gefahr eines Weltkriegs so groß war wie noch nie, lässt sich das Jahrzehnt zwischen Mitte der 1950er bis Mitte der 1960er als eine Transformationszeit beschreiben, in der die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ihre Wirkmacht für vorstellbare Zukunftsentwürfe verlor. Zugleich begann in den 1960er Jahren die Verschiebung von äußeren zu inneren Ängsten.

 Die Große Koalition kam 1966 ins Amt, 1966/67 folgte die erste Rezession. Auf die beschleunigte Modernisierung und Automatisierung richteten sich mehr Ängste als auf die zivile Nutzung der Kernenergie. Mit dem Eichmann-Prozess in Jerusalem und dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt kehrte die nationalsozialistische Vergangenheit ins öffentliche Bewusstsein zurück. Gleichzeitig kam es zu einer Verschiebung von sozialwissenschaftlichem zu psychologischem Wissen. Die Debatte um die Notstandgesetze in den Jahren 1965–1968 war einer der Inkubatoren der Studentenbewegung. Ein überaus interessanter Aspekt ist das Verhältnis von linken und bürgerlichen Kräften zum Staat.

Die Angst vor einem repressiven Staat spielte nach der Spiegel-Affäre, den Notstandsgesetzen und schließlich nach dem brutalen Vorgehen der Polizei beim Schah-Besuch in Berlin am 2. Juni 1967, bei dem der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten – und, wie sich 2009 herausstellte, Stasi-Mitarbeiter – erschossen wurde, eine immer größere Rolle. Bis zum Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 hatte sich die Studentenbewegung in eine „Dialektik von Paranoia und Utopie“ hineingeschraubt, in der die Bundesrepublik als „präfaschistischer Staat“ wahrgenommen wurde. Die Aktionen und Morde der RAF, die im Deutschen Herbst 1977 gipfelten, sollten dem bundesrepublikanischen Staat die demokratische Maske vom Antlitz reißen.

 Die Tatsache, dass etwas Befürchtetes nicht eingetreten ist, kann Angst nicht diskreditieren. Ihre Funktion als Frühwarnsystem ist nicht zu unterschätzen. Es ist möglich, dass die Angst vor einem totalitären Staat, die durch den Radikalenerlass der SPD/FDP-Regierung 1972 geschürt worden war, ein wichtiges Korrektiv gewesen ist. Dass der Staat seit 1968 für alle links des konservativen Spektrums als Gefahrenquelle galt, sich heute dagegen linke und bürgerliche Kräfte mit ihm identifizieren, ist eine bedenkenswerte Beobachtung des Buches.

Die Angstgeschichte der alten Bundesrepublik kam in den 1980er Jahren auf ihren Gipfel. Angst wurde zur positiv besetzten Emotion. Die kultivierte Sensibilität der 70er Jahre, geschult in WGs mit zahllosen Beziehungs-, Organisations- und Kinderladen-Gesprächen, verbunden mit einem Bewusstsein für unsichtbare Gefahren wie Radioaktivität und Gifte in Luft und Nahrung führte in der Umwelt- und Friedensbewegung der 80er Jahre zur breitesten Protestbewegung nicht nur der Bonner Republik.

Der Fokus des Buches liegt auf der westdeutschen Geschichte. Die Ängste in der DDR waren andere (nachzulesen etwa in Ines Geipels „Umkämpfter Zone“). Ein ausführlicher Epilog führt in die Gegenwart des wiedervereinigten Deutschland und schildert den Aufstieg des Rechtspopulismus als Angstbewegung. Anders als in den 1970er und 1980er Jahren führen Ängste bei Männern nun nicht mehr zu erhöhter Sensibilität. Die bedrohte Männlichkeit wird durch Gewalt, Wut und Zorn stabilisiert. Trotzdem warnt der Autor mit Recht vor der Abqualifizierung von Ängsten. Und macht sich stattdessen Gedanken über eine „demokratische Gefühlspolitik“.

Der paradoxe Rat des mit einem mehr als hundertseitigen Anmerkungs- und Literaturapparat bestens ausgestatteten Buches lautet, wir sollten uns gut überlegen, „wovor wir uns ängstigen wollen“. Denn genau diese Ängste könnten „die Zukunft verhindern, die sie imaginieren“. Das klänge nach Magie, wäre es nicht auch ein Appell für aktives politisches Handeln. Die Schüler und Studenten, die jetzt auf die Straße gehen, haben das offenbar begriffen.

Frank Biess: Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik. Rowohlt, Reinbek 2019. 613 Seiten


Aus: "Frank Biess' "Republik der Angst": Politik der Gefühle" Meike Feßmann (21.03.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/frank-biess-republik-der-angst-politik-der-gefuehle/24121226.html
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« Reply #15 on: November 11, 2020, 01:39:55 PM »

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[...] Jutta Stalfort untersucht in „Die Erfindung der Gefühle“ den historischen Wandel von Emotionalität zwischen 1750 und 1850

Die Emotionsgeschichte gilt als relativ junge Disziplin der Historiographie. Auch wenn zuvor schon emotionsgeschichtliche Aspekte thematisiert worden waren, so gilt gemeinhin der Aufsatz von Lucien Febvre „La sensibilité et l’histoire“ von 1941 als Initialzündung für die Erforschung der Entstehung und des Ausdrucks von Gefühlen. Bemerkenswerterweise setzen die meisten emotionsgeschichtlichen Studien in der Neuzeit ab circa 1600 an. Doch die Thematisierung von Gefühlen und ihre Ergründung reicht bis in die Antike zurück und wird zum Beispiel von Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik diskutiert, lässt sich in Mittelaltertexten nachweisen – hierzu gibt es eine etablierte Forschung – oder findet sich unter anderem in der Rhetorik wieder, weil der Rhetoriker davon ausgeht, dass er die emotionale Disposition seines Gegenübers kennen und berücksichtigen muss, wenn er eine rhetorische Wirkung erzielen möchte.

Bei der Datierung des Untersuchungszeitraumes bildet die Studie von Jutta Stalfort „Die Erfindung der Gefühle“ keine Ausnahme. Sie untersucht wissenschaftliche Texte hauptsächlich von 1750 bis 1850 im Hinblick auf die unterschiedlichen Definitionen von Gefühlskategorien im Rahmen des jeweiligen soziokulturellen Kontextes. Dass die inhaltliche Definition dessen, was Gefühle ausmacht, dass die Thematisierung von Emotionalität und die Reflexion darüber kulturspezifisch bedingt sind und damit auch dem Wandel unterliegen, ist dabei die Grundannahme emotionsgeschichtlicher Forschung. Trotzdem, oder gerade deshalb, ist es interessant zu verfolgen, wie Jutta Stalfort genau dazu den Nachweis führt.

Im theoretischen Teil ihrer Studie legt sie dar, dass emotionale Konzepte in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich entstehen. Gefühlsregungen und –wahrnehmungen werden Stalfort zufolge verschiedenartig begriffen und hängen stark vom jeweiligen kulturellen und historischen Rahmen ab. Stalfort untersucht diverse emotionale Kategorien – etwa Liebe, Furcht, Trauer – und macht mit Hilfe der Natural Semantic Metalanguage Gefühlskategorien vergleichbar.

Im zweiten, empirischen Teil ihrer Arbeit untersucht sie die Erfassung und Definition von Gefühlskategorien in wissenschaftlichen Texten, die vom Universalgelehrten René Descartes über den Philosophen Immanuel Kant bis zum Psychologen Franz Xaver Biunde reichen. Dabei kann sie nachweisen, dass Gefühlsdarstellungen und -interpretationen dem historischen Wandel unterliegen, wobei sie die „Erfindung der Gefühle“ auf circa 1750 datiert; noch in den 1730er-Jahren war Gefühl als Tastsinn interpretiert worden. Um 1750 differenzieren sich Gefühlsereignisse im Sinne von psychophysiologischen Phänomenen aus, indem zum Beispiel „Affekt“ und „Leidenschaft“ eigene Bedeutungsbereiche zugewiesen werden.

Nicht zufällig fällt das, was die Autorin als „Erfindung der Gefühle“ bezeichnet, in die Epoche der Entstehung eines bürgerlichen Selbst- und Weltverständnisses, in welchem emotionale Kategorien in Abgrenzung zu einer überkommenen höfischen Kultur, aber auch als beginnende Emanzipation von einem religiösen Diktat hinsichtlich Emotionalität entstehen. In direktem Zusammenhang steht die moderne Ausbildung des Konzepts von Emotionalität daher mit soziokulturellen Phänomenen wie der Entstehung von Privatheit, der im 18. Jahrhundert aufkommenden Geschmacksdebatte oder der Ausbildung der Freundschaftskultur.

Die Crux von Studien, die einer wissenschaftlichen Disziplin verpflichtet sind, aber interdisziplinäre Fragen anschneiden, ist es, dass sie sich in Methodik und Fragestellung beschränken müssen, wollen sie nicht ins Uferlose mäandern oder sich durch inadäquates Methodenwissen in fremden Disziplinen im Oberflächlichen verlieren. Insofern hat Stalfort gut daran getan, sich auf den rein historisierenden Zugriff zu beschränken, auch wenn die Auswahl der wissenschaftlichen Texte quer durch alle Disziplinen ein wenig beliebig erscheint.

Die aufschlussreichen Ergebnisse von Stalforts Untersuchung wären in einem weiteren Schritt in einen breiteren interdisziplinären Kontext zu stellen, etwa indem man die Affektenlehre der Musik oder literarische Texte hinzuzieht; letztere klammert Stalfort ausdrücklich für ihre Untersuchung aus. Dabei könnte beispielsweise die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehäuft erscheinende Tagebuchliteratur, in der es um Selbstbespiegelung und emotionale Reflexion geht, wichtige Hinweise geben, aber auch weitere Texte des Zeitraums, der die Emotionalisierung der Literatur unter dem Epochenbegriff „Empfindsamkeit“ archetypisch spiegelt.

Der Wert von Stalforts Studie liegt deshalb weniger darin, überraschend Neues zu Tage gefördert zu haben. Mit ihren validen Ergebnissen bildet sie vielmehr eine willkommene Ausgangsbasis für weitere, spannende Studien im Schnittpunkt von Medizin, Psychologie, Literaturwissenschaft, Anthropologie und Sozialgeschichte.

Jutta Stalfort: Die Erfindung der Gefühle. Eine Studie über den historischen Wandel menschlicher Emotionalität (1750 - 1850). Transcript Verlag, Bielefeld 2013. 460 Seiten


Aus: "Gefühle im Wandel der Zeit" Rafael Arto-Haumacher (Nr. 3, März 2014 / Kunst- , Kultur- und Medienwissenschaften)
Quelle: https://literaturkritik.de/id/18905

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« Reply #16 on: November 11, 2020, 02:04:57 PM »

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[...] Wut und Angst, Stolz und Ehre: Gefühle sind nicht nur Paarbeziehungen, Freundschaften und Arbeitsverhältnissen vorbehalten. Sie gestalten ganze Gesellschaften. Es gibt Gefühle, zum Beispiel Ehre, die uns fremd geworden sind, die aber unseren Groß- und Urgroßeltern noch vertraut waren. Umgekehrt finden heute Empfindungen wie Empathie und Mitleid großen Anklang, die in vormodernen Gesellschaften keine Rolle spielten.   ...

Kretschmer: Um mal einen Schritt zurückzutreten und nach den Werkzeugen Ihres Fachs, nämlich der Geschichte der Gefühle zu fragen, wo finden sich denn belastbare Zeugnisse, um den Gefühlszustand einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit zu untersuchen, mit welchen Quellen arbeitet die Geschichte der Gefühle?

Frevert: Um jetzt bei dem Beispiel 9. November 1918 zu bleiben, da haben wir natürlich einerseits die Presse. Damals gab es sehr viele Zeitungen, die sogar in mehreren Stunden des Tages, also häufiger als einmal am Tag auch erschienen sind und die mit Schlagzeilen aufwarteten, mit Extrablättern aufwarteten, und diese Texte und auch die Bilder, die sie veröffentlicht haben, geben uns Aufschlüsse darüber, in welcher Haltung, in welcher emotionalen Grundstimmung diese Journalisten zumindest erst mal ihre Neuigkeiten verbreiteten. Dann haben wir viele, viele Tagebücher von vor allen Dingen natürlich eher bürgerlichen schreibkundigen und auch schreibwilligen Zeitzeugen. Für mich ist ein sehr, sehr intensives Tagebuch zum Beispiel das, was Käthe Kollwitz geführt hat und die nun gerade auch diese letzten Tage des Krieges und dem Beginn des Friedens sehr, sehr gründlich dokumentiert hat und nicht nur gesagt hat, was sie wann getan hat und mit wem sie gesprochen hat, sondern auch sehr viel von der Stimmung und auch ihren eigenen Ängsten, ihren eigenen Erwartungen da mitteilt. Also diese sogenannten Egodokumente sind sehr, sehr wichtig.
Wir haben aber auch Mitschriften, stenografische Berichte dessen, was im Rat der Volksbeauftragten damals diskutiert worden ist, und dankenswerter vermerken diese Protokolle – wie übrigens auch die früher aus dem Reichstag und die später aus dem Reichstag – immer wieder, wenn Reden zum Beispiel unterbrochen worden sind und Menschen schreien „hört, hört“ oder „das ist ja unverschämt“ oder sonst was, wo man sich, ohne dass man über Tondokumente verfügt, auch ein Bild der Stimmungslage machen kann. Dann natürlich, klar, das ist schon die Zeit der Tondokumente. Das fängt ja so in den 1890er‑Jahren an, dass wir über Audiomaterial verfügen, und die sind, was den Gestus einer Rede, den Gestus einer Wiederrede betrifft, sind die natürlich sehr aussagekräftig, was Gefühle angeht.

...

Kretschmer: Eine der zentralen Thesen der Geschichte der Gefühle lautet, Gefühle sind nicht nur individuell, sondern sie sind kulturell geformt und mitunter auch gemacht. Woran kann man das genau festmachen?

Frevert: Na ja, zum einen sind Gefühle natürlich immer sehr individuell, weil sie von Individuen gefühlt werden. Es gibt keine Masse, die fühlt. Das ist zwar eine Vorstellung, die seit den 1890er-Jahren sozusagen herumwabert, die war auch für Adolf Hitler, der ja auch schon zu dieser Zeit aktiv gewesen ist, sehr einflussreich, aber diese Vorstellung von einer Masse, die fühlt, die sollte man sich eher erst mal vom Leib halten, weil sie mehr verdeckt als sie erklärt. Also es sind erst mal Individuen, die fühlen, aber was sie fühlen und wie sie es fühlen, wird sehr stark bestimmt durch gesellschaftliche und auch kulturelle, zum Teil religiöse, zu dieser Zeit schon wieder nicht mehr so stark religiöse, aber sagen wir mal im weitesten Sinne auch kulturelle und soziale Faktoren. Das heißt, wenn ich als Mitglied einer Partei, als Mitglied einer Konfessionsgemeinschaft, als Arbeiter oder als Intellektueller, als Bauer oder als Angestellter arbeite oder als Angestellte arbeite, als Frau oder Mann, als Junger oder Alter, habe ich bestimmte Gefühle, die mir meine, heute würden man sagen: Peergroup, also meine Klasse, mein Geschlecht, meine Region nicht vorschreibt – also so darf man nicht an diese Geschichte der Gefühle denken, dass man sagt, da ist so ein Mastermind, der das alles vorschreibt, was die Leute zu fühlen haben, nein –, aber es gibt so Bahnungen, es gibt Rahmungen, die von diesen gesellschaftlichen Großgruppen vorgegeben werden und natürlich dann auch von den Verlautbarungen, also den Medien, in denen sich diese Großgruppen äußern. All das wirkt zurück auf die Art und Weise, wie ein Individuum mit diesen neuen Informationen, mit dieser neuen Situation umgeht und welche Gefühle dann auch dieses Individuum empfindet. Das heißt, es ist sicherlich immer ein individueller Akt, aber dieser individuelle Akt ist, wie Sie es auch schon gesagt haben, gesellschaftlich, kulturell geformt. ... Wir könnten das, um jetzt bei den Jahrestagen zu bleiben, eigentlich sehr gut machen, wenn wir uns den 9. November 1938 vor Augen führen. Der jährt sich ja jetzt auch zum 80. Mal. Die sogenannte Reichskristallnacht – heute spricht man eher von Pogromnacht –, als ein von oben angeordnetes, erwünschtes Zerstörungswerk sich über die jüdische Bevölkerung Deutschlands ergoss. Man wollte gerne, dass das als Volkszorn sozusagen in die Zeitungen und dann auch in die Geschichtsschreibung einging und hat seitens des Propagandaministeriums, wie Goebbels, das auch immer so gesagt, aber im Hintergrund gab es eindeutige Anweisungen, eindeutige Befehle, eindeutige Richtungsorientierungen, die der Bevölkerung beziehungsweise den Mitgliedern der NSDAP und den Mitgliedern der SA gesagt haben, so, heute Nacht ist jetzt nicht die „Nacht der langen Messer“, das hatten wir vorher, sondern es ist die Nacht, in der die Synagogen zu brennen haben und in der die Juden endlich begreifen, dass sie in diesem Land nicht mehr geduldet werden.
Diese Botschaft wurde sehr, sehr emotional sozusagen immer unter diesem Begriff des: hier ist ein Volkszorn, der sich darüber aufregt, dass ein junger polnischer Jude in Paris einen deutschen Diplomaten angeschossen hat, der dann auch am 9. November an diesen Schussverletzungen gestorben ist, das ist dann zu einem großen Hype geworden, also vonseiten des Propagandaministeriums. Der Sinn dieses Ganzen war, einerseits die Deutschen sozusagen zusammenzufügen mit dieser emotionalen Politik, ihr müsst euch doch jetzt bitte aufregen, ihr müsst doch jetzt bitte zornig sein.
Vieles daran erinnert an das, was Alexander Gauland nach den Chemnitzer Vorfällen gesagt hatte. Also es wurde sozusagen dem Volk geradezu in den Mund gelegt, dass es jetzt zornig zu sein hat und diesen Zorn auch auszudrücken hat in einem beispiellosen Zerstörungsakt gegenüber den jüdischen Mitbürgern. Das ist ein Teil dieser Gefühlspolitik, die versucht, Gefühle selbst … erst mal sehr stark als Politik mit Gefühlen zu arbeiten, die auch selbst sehr passioniert ist, fanatisch. Der Begriff des Fanatismus wird von den Nazis ganz positiv neu erfunden für ihre Politik: Wir sind fanatische Nationalsozialisten, wir wissen, wofür wir kämpfen und wogegen wir sind und tun das mit all unserer emotionalen und physischen Kraft. Also, erstens, diese Selbstdarstellung als eine passionierte, als eine von Leidenschaften getriebene Politik, zweitens, der Versuch, die Bevölkerung selber darauf zu verpflichten. Man wusste ja schließlich, nicht alle Wähler haben Ende 1932 oder Anfang 1933 für die Nazis gestimmt, die Hälfte blieb weg oder hat für andere gestimmt, und auch die wollte man sozusagen auf diese Politik verpflichten und sie letztendlich auch zu einer Art von nicht nur Zeugen dieser Politik, sondern zu Mitläufern, zu Sympathisanten dieser Politik machen.

Kretschmer: Ganz allgemein gefragt, kann man sagen, Politik kann suggestiv wirken auf Teile der Gesellschaften und ihre Gefühle?

Frevert: Suggestiv weiß ich gar nicht. Unter Suggestion würde ich mir immer noch so vorstellen, dass da mit Verhüllungen gearbeitet wird, dass das sozusagen eher subkutan läuft, unter der Oberfläche. Hier, während der Nazizeit, lief alles über der Oberfläche. Das war sehr sichtbar, sehr hörbar, sehr fühlbar. Jedes Wort, was Hitler gesagt hat, jede Rede, die Goebbels gehalten hat, kann man, würde man heute als Hate Speech bezeichnen, die ganz deutlich, ganz sichtbar, ganz fühlbar mit Gefühlen hantiert hat und die sowohl selbst ausgedrückt hat als auch dann – ein Volk, ein Reich, ein Führer – bei den Mitgliedern dieses Volkes selbst auch hervorrufen wollte.

...

Kretschmer: Die 1950er-Jahre gelten tatsächlich als eher gefühlsarm oder zurückhaltend im Ausdruck von Gefühlen bis zu hin zu dem bekannt-berühmten Buch von Alexander und Margarete Mitscherlich, der „Unfähigkeit zu trauern“, das 1967 veröffentlicht wurde. Ist da was dran, dass da tatsächlich eine Gefühlskälte oder eine Gefühlsreduktion herrschte und tonangebend war in der Gesellschaft nach dem Ende der NS-Diktatur?

Frevert: Wenn man es vergleicht mit dem, was man vorher hatte, sicherlich. Es war auch eine ganz bewusste Abstandnahme, Distanznahme von der NS-Diktatur, wie man es dann beschrieben hat. Man wollte das Volk nicht mehr aufputschen, man wollte ihm auch nicht mehr Versprechungen geben, die man niemals erfüllen würde. Man wollte eine eher nüchterne politische Sprache pflegen, man wollte natürlich auch ganz andere demokratische Verhaltensweisen und Umgangsweisen erproben. Dazu gehört die Kultur des Kompromisses, und in einer Kultur des Kompromisses tut es selten gut, wenn auf beiden Seiten derjenigen, die dann einen Kompromiss finden müssen, zunächst erst mal emotional hochgerüstet wird. Von daher gab es eine ganze Reihe von Merkposten, die der jungen Bundesrepublik gewissermaßen in ihren Geburtsschein geschrieben worden sind: Tu das nicht, tu lieber das. Das hat nicht unbedingt ausgeschlossen, dass natürlich mit der Angst vor dem Kommunismus auch sehr viel Politik gemacht worden ist. Also wenn man die frühen Wahlplakate der CDU und auch der CSU anschaut, dann erschrickt man. Das sieht man sehr viel nationalsozialistische Bildersprache noch, die die Vertierung des Rotarmisten, der mit gierigem Blick nach Westeuropa greift. Also da gibt es eine Kontinuität auch, aber wenn man sich zum Beispiel Reden anhört, auch die im Bundestag gehalten worden sind, sind die im Verhältnis zu dem, was wir in der Endphase der Weimarer Republik erlebt haben, sind die relativ zurückhaltend. Insofern hat die Bundesrepublik sich selbst auch wiederum natürlich in Absetzung zur DDR, nicht nur zur NS-Zeit, sondern auch zur DDR als eine eher, ich würde nicht sagen gefühlskalte, aber der Begriff der Rationalität, der hat damals eine große Rolle, eine große positive Rolle gespielt. Lass uns rational miteinander umgehen und nicht kalt, aber doch so, dass die Gefühle nicht die zentrale Rolle spielen, die sie vorher gespielt haben.

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Kretschmer: Ute Frevert, Sie haben in einem schönen Essay beschrieben den Aufschwung der Empathie, des Gefühls der Empathie seit der Aufklärung. Die Humanität und die Menschenwürde sind eigentlich zentral in unseren Gesellschaften. Beispielhaft die Zeile von Schiller: „Alle Menschen werden Brüder“, die wir ja auch in der Europahymne singen. Es gibt so Anzeichen, dass zum Beispiel die Verächtlichmachung von empathischen Menschen als Gutmenschen oder Trump und seine Mannen als Indizien, dass diese Konjunktur der Empathie im Abschwung sein könnte – trifft diese Diagnose zu aus Ihrer Sicht?

Frevert: Nein. Ich denke nicht, dass die Bereitschaft der Menschen, Mitgefühl zu empfinden für Menschen, denen es nicht so gut geht wie ihnen selber, dass diese Bereitschaft nach wie vor sehr stark ausgeprägt ist. Das ist etwas, was wir an vielen Fakten auch zeigen können, also die Bereitschaft, freiwillig für diese Gesellschaft etwas zu tun und für andere Mitglieder dieser Gesellschaft zu tun ist heute so stark ausgeprägt wie in der Geschichte nie zuvor. Also die Anzahl der Bundesdeutschen, die ehrenamtlich tätig sind als Hausaufgabenhelfer, als Altenhelfer, wie auch immer, die ist enorm, die war noch niemals so hoch. Auch das Spendenaufkommen, wenn man jetzt mal für die Dinge empathisch ist, die nicht vor der eigenen Haustür gerade passieren, sondern in weit entfernten Ländern, die von irgendwelchen Katastrophen menschlicher oder auch nicht menschlicher Art heimgesucht werden, auch diese Spendenbereitschaft ist irrsinnig hoch. Das hatten wir noch nie. Insofern sehe ich keinen Abschwung von Empathie.

... Ich denke, es gibt immer in jeder Gesellschaft einen Rand von Menschen, die nicht gesprächsbereit sind, die nicht konfliktfähig sind in dem Sinne, die auch nicht reflexionsbereit sind. Mit diesem Rand kann man auch und soll man auch nicht reden. Es gibt aber Menschen, die suchend sind, und die zum Teil, heißt es ja dann auch, aus Protest gegen die anderen ihre Stimme diesen rechtsextremen Gruppierungen geben. Ich glaube, mit diesen Menschen muss man reden, sollte man reden und kann man reden und sie auch zurückgewinnen für eine Gesellschaft, die sich nicht als eine Gesellschaft des Hasses und der extremen Polarisierung begreifen möchte.

Kretschmer: Vielen Dank, Ute Frevert, für dieses Gespräch!

Frevert: Vielen Dank, Herr Kretschmer!




Aus: "Wie Gefühle Politik machen" Die Historikerin Ute Frevert im Gespräch mit Thomas Kretschmer (04.11.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/gesellschaftsforschung-wie-gefuehle-politik-machen.1184.de.html?dram:article_id=427800
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