Author Topic: [Männlichkeitskonstruktionen... ]  (Read 33354 times)

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[Die Beschreibung seiner... ]
« Reply #30 on: February 04, 2014, 11:50:56 AM »
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[...] Knausgård ist Norweger, lebt aber seit zwölf Jahren in Schweden. In beiden Ländern liebt man seine Bücher für das Gleiche: weil man sich in ihnen nicht verliert wie in einem Krimi, sondern sich in ihnen findet wie im Gespräch mit einem guten Freund. Aber man hasst ihn aus völlig unterschiedlichen Gründen: im konservativen Norwegen wegen seines fehlenden Respekts vor der Familie, im liberalen Schweden, weil man Knausgårds Hadern mit dem gleichberechtigten Erziehungsalltag für eine spätpubertäre Sehnsucht nach einer „naturgegebenen“ Geschlechterordnung hält, in welcher der Mann arbeitet und die Frau sich um die Kinder kümmert. Vor allem der zweite Band stieß in Schweden auf heftige Kritik. In diesem beschreibt Knausgård die Angst, zwischen Spielplatz und Krabbelgruppe seine „Männlichkeit“ zu verlieren. Zentral ist die Szene, in der seine Frau ihn mit Tochter Vanja zur Babyrhythmik schickt: „Es war nicht beschämend, dort zu sitzen, es war demütigend und herabwürdigend (…), und zu allem Überfluss wurde der Kurs von einer Frau geleitet, mit der ich gerne geschlafen hätte. Aber indem ich dort saß, war ich völlig unschädlich gemacht worden, ohne Würde, impotent, es gab keinen Unterschied mehr zwischen mir und ihr, und diese Nivellierung erfüllte mich mit Zorn.“

Knausgård ironisiert seine neue Rolle nicht, er fühlt sich allen Ernstes in seiner Männlichkeit bedroht. Als er in einer Szene weinen muss, hasst er sich dafür und versteckt die Tränen, um die Scham nicht noch größer zu machen: „Ich war nicht nur kein Mensch, ich war auch kein Mann mehr.“

Über die Rollenaufteilung zwischen sich und seiner Frau schreibt er: „In der Klasse und der Kultur, der wir zugehörten, hieß dies, dass wir beide in dieselbe Rolle schlüpften, die früher die Rolle der Frau war. An sie war ich gebunden wie Odysseus an den Mast: Wollte ich mich befreien, so war dies möglich, aber nicht, ohne alles zu verlieren, was ich hatte. So kam es, dass ich modern und verweiblicht mit einem wutschnaubenden Mann aus dem 19. Jahrhundert im Inneren durch die Straßen Stockholms lief.“

Die Beschreibung seiner Ängste und Probleme ist für viele Schweden, auch für mich, absurd. Ebenso, dass Knausgård seine Bücher Min Kamp nennen musste. Ich kann verstehen, dass es Leute gibt, die sagen, dass sie das nicht lesen wollen. Allein die Tatsache, dass Männer und Frauen sich gleichberechtigt um die Kinder kümmern, wird in Schweden nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung erlebt – ganz so, wie es selbstverständlich ist, sich als feministischen Mann zu bezeichnen. Aber Norwegen liege, wenn es um Gleichberechtigung gehe, rund zehn Jahre hinter Schweden zurück, sagt Knausgård. Er wuchs noch in einer Gesellschaft auf, in der es eine große Distanz zwischen Kindern und Männern gab. Doch im Laufe einer Generation habe sich alles verändert. Und damit hadert er.

Knausgårds roter Faden ist die Männlichkeit – und wie Vaterwerden (Geburt) und Vaterloswerden (Tod) sie verändert. Er hat ein Problem mit seiner Männlichkeit und versucht, das nicht zu verstecken. Er schreibt: „Noch heute passiert es mir, dass ich vor dem Einschlafen das Gefühl habe, eine Frau zu sein, dann wache ich ruckartig auf, und es ruft laut in mir: Nein, nein, ich bin ein Mann, ich bin ein Mann – wie ein Echo aus meiner Teenagerzeit, als ich fürchtete, nicht so zu sein wie die anderen und mich zu Jungs statt zu Mädchen hingezogen zu fühlen. Ich hatte solche Angst davor, ich hätte mir das Leben genommen.“

Angst hat er auch vor Nähe. Als Kind hat er sie nie erfahren, und als Freund, Partner und Vater kann er sie nicht geben. Im letzten Band erklärt er, dass es ihm zu intim sei, seinen Kindern zu sagen, dass er sie liebe. Er ist aber kein Abbild seines eigenen Vaters, im Gegenteil, er kümmert sich zuverlässig um den Nachwuchs. Doch genau diese Fähigkeit erlebt er als zutiefst unmännlich. Er will ein guter Vater sein und ein großer Schriftsteller, glaubt aber, dass das eine das andere ausschließt.

Sein Ausweg aus diesem Dilemma ist, darüber zu schreiben. Und im Schreiben entsteht nun etwas Paradoxes: All das Große und Wichtige, für das er sechs Bände lang kämpft – also Freiheit, Anerkennung, Erfolg, Exzess, Genie, Männlichkeit –, wird unbedeutend und lächerlich. Und das Kleine, das Alltägliche, das vermeintlich Unmännliche – also Windeln wechseln, Gemüse putzen, Auseinandersetzungen mit trotzenden Kindern, eigene Schwächen eingestehen, von Niederlagen berichten, Nähe zulassen – wird in der Beschreibung plötzlich außergewöhnlich und wichtig.

Am deutlichsten ist das in den Szenen mit Vanja, Heidi und John. Knausgård besitzt eine beneidenswerte Fähigkeit, seine Kinder zu sehen und zu „lesen“ – und Worte dafür zu finden. Seine feinfühligen Beschreibungen sind Bilder einer bedingungslosen, gegenwärtigen Vaterschaft, wie sie in der Literatur bislang nicht vorkam. Er beschreibt das Zehrende, das Chaos, den Streit, aber auch die Wärme zwischen Vater und Kind. Gleichzeitig macht er keinen Hehl daraus, dass sein Leben dem traditionellen Männlichkeitsideal widerspricht, das sich über beruflichen Erfolg und öffentliche Anerkennung definiert und nach dem er sich so verzweifelt sehnt.

...


Aus: "Brutal ehrlich" Mikael Krogerus (29.01.2014)
Quelle: http://www.freitag.de/autoren/mikael-krogerus/brutal-ehrlich

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Quote
[...] Der Tatsache, dass „Min Kamp 2“ in Deutschland ausgerechnet in „Lieben“ umgetauft worden ist, wohnt natürlich eine gewisse Ironie inne, aber gerade diese Ironie charakterisiert das Buch nicht schlecht. Denn sein Autor liebt es, den wilden Mann zu spielen, und ist doch - ich kann es leider nicht anders sagen - irgendwie total süß. Genau diesem Umstand verdankt das korpulente Werk dieses Gefühlsberserkers seinen Erfolg. Es ist das Buch eines Mannes, der mit Hölderlin in der Linken und Hamsun, Mishima und Jünger in der Rechten gegen die Verweiblichung der Mittdreißiger antobt und doch akzeptieren muss, dass er „genauso verweiblicht war wie sie“. Diesem Mann wird jede Leserin ihr Baby anvertrauen können; er wird es lieben. Und gegen die Rolle wüten, die ihm da zugefallen ist. Er wird dabei natürlich den Kinderwagen weiter schieben; man muss ihn nur reden lassen, gern auch 763 Seiten lang.

... kein Wunder, dass „Min Kamp“ so erfolgreich ist. Es ist das ideale Buch für Leser, denen es peinlich wäre, sich so etwas im Fernsehen anzuschauen, die sich aber von einem preisgekrönten Autor gern erzählen lassen, wie er Windeln wechselt, sich mit seiner Frau über den Abwasch streitet, den Müll wegbringt, sich Jacke und Schuhe anzieht, um auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen und dann noch eine, und danach Pasta kocht, und denen es gar nichts ausmacht, ihn fünfzig Seiten lang auf einen todlangweiligen Kindergeburtstag zu begleiten und ihm 25 Seiten lang bei der Geburt seines ersten Kindes über die Schulter zu schauen ....

... Der Effekt des schriftstellerischen Ehrgeizes, seinem Leben „so nahe zu kommen wie möglich“, besteht jedenfalls darin, dass die öffentliche Zurschaustellung seiner Frau, seiner Kinder und Freunde sich liest wie eine einzige große Fiktion und der Leser rasch das Interesse für deren reale Vorbilder verliert - zumal Knausgårds Insistenz auf äußerste Lebensnähe mit zahlreichen Ausblendungen einhergeht, zum Beispiel mit einer geradezu puritanischen Scheu, sich schriftstellerisch auf allzu Körperliches oder gar Sexuelles einzulassen; da bleibt das Buch erstaunlich diskret.

... Aber das Buch hat ja ohnehin nur eine Hauptfigur: Karl Ove, den Schreibwüterich, der heroisch seinen Kampf ums eigene Leben führt, das mit seinem Schreiben identisch ist. Deshalb kann das Leben mit Frau und Kindern, von dem er in „Lieben“ erzählt, nicht das eigene sein, so dass er sich von den Menschen, die ihm die nächsten sind, „unablässig fortsehnte und dies schon immer getan hatte“. So erzählt denn dies lange Buch davon, wie sein Versuch, das Leben derjenigen, die er liebt, zu dem eigenen zu machen, immer wieder scheitert - und auch deshalb scheitern muss, weil dieser Karl Ove, all seinen lustvoll inszenierten und ausgekosteten Attacken auf die Political Correctness zum Trotz („Oh, wie ich dieses kleine Scheißland hasste.“), ein so konflikt- wie kontaktscheuer, schüchterner, sensibler und „zutiefst moralisch denkender und zutiefst unschuldiger Mensch“ (so Freund Geir) ist. Kurz: der ideale Schwiegersohn. So einem verzeiht man es ohne weiteres, dass er während eines langen Familienausflugs bitter mit seinen Lieben hadert, denn wenn er bei der Rückfahrt auf seine schlafende Familie blickt, wird es doch wieder heißen: „In mir explodierte das Glück.“

Die Ansprüche der Kunst und die Ansprüche des Lebens also - dies ist ein seit Klassik und Romantik oft behandeltes Konfliktpotential. Der junge Goethe bewältigte diesen Stoff in seinem Dramolett „Des Künstlers Erdewallen“ auf drei Seiten. Knausgård, der seine Geschichte irgendwo anfängt und irgendwann aufhören lässt, benötigt dazu viele hundert Seiten. ...




Aus: "Karl Ove Knausgård: Lieben Ein Schriftsteller überwacht sich selbst" (10.08.2012)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/karl-ove-knausgard-lieben-ein-schriftsteller-ueberwacht-sich-selbst-11850999.html

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[...] Rezensent Jörg Magenau hat diesen Roman zwar ganz gern gelesen, doch scheint er ihn am Ende mit einem unangenehmen Völlegefühl aus der Hand gelegt zu haben. Die Aussicht, noch vier Romane in diesem auf 6 Teile geplanten Gesamtwerk zu lesen, stimmt ihn eher ängstlich. Worum geht's? Karl Ove Knausgard, der in seinem ersten Roman "Sterben" über den Tod seines Vaters geschrieben hat, erzählt jetzt in "Lieben" vom ganz normalen Familienalltag mit Frau und Kindern. Er schreibt als Karl Ove, der ein Tagebuch führt. Alles scheint authentisch zu sein, nichts erfunden, so Magenau, die ganze "spannungsarme Alltagsunendlichkeit" wird nacherzählt. Und doch, so der Rezensent, "das Ich, das da vor dem Leser mehr entsteht als entkleidet wird, ist selbst eine Fiktion". Es ist also Literatur und nicht bloß Verdoppelung. Behauptet Magenau.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.04.2012
Quelle: http://www.perlentaucher.de/buch/karl-ove-knausgard/lieben.html

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Quote
[...] Anders als der erste Band, in dem erst einmal Betrachtungen über den Umgang mit Toten angestellt wurden, bevor die eigentliche Handlung einsetzte, beginnt dieses Buch mitten in einer sehr typischen Familienszene. Ein Paar mit drei kleinen Kindern macht einen Ausflug und möchte einen schönen Tag miteinander verbringen. Der Ausflug verläuft allerdings enttäuschend, zu hoch sind die Idylle-Erwartungen, zu anstrengend ist die Realität. Und auch die nachfolgende Schilderung eines Kindergeburtstages ist erfrischend realistisch dargestellt, meilenweit vom zuckersüßen Idealbild entfernt. Die Kluft zwischen dem, wie man sich das Leben mit Kindern vorgestellt hatte, wie es in den ersten Wochen nach der Geburt auch noch ist, und dem darauf folgendem aufreibenden Alltag mit seinen Routinen, zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch.
Der hohe Grad der Selbstreflexion und die Detailreiche der Beschreibungen sorgten dafür, dass ich, wie schon beim ersten Band, die ganze Zeit den Autor vor Augen hatte, er beim Lesen irgendwie anwesend war, wie bei einem Gespräch unter Freunden. ...

Aus: "Der Kampf mit dem Alltag" Gospelsinger  (21. März 2012)
Quelle: http://www.amazon.de/Lieben-Roman-Karl-Ove-Knausg%C3%A5rd/dp/3630873707

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Karl Ove Knausgård
https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Ove_Knausg%C3%A5rd


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[Selbstkonzept & Männlichkeitskonzept... ]
« Reply #31 on: June 10, 2014, 12:12:59 PM »
Quote
[...] Vor knapp zwei Monaten, am 19. März 2014, wurde Thomas S. erschossen. Er hatte sich ein halbes Jahr zuvor zwischen Gießen und Marburg ein Haus gekauft und begonnen, es zu renovieren. In der Garage stand seine Harley. Gegen 22:30 Uhr muss er Besuch bekommen haben, und dieser Besucher hat dann viermal auf ihn geschossen: dreimal in den Bauch und einmal in den Kopf. Es war so etwas wie eine Hinrichtung. Thomas S. hat sich noch aus dem Haus geschleppt und ist dann auf dem Gehweg zusammengebrochen. Der von Nachbarn gerufene Notarzt konnte nichts mehr tun.

Der mutmaßliche Täter wurde schnell fest- und in Untersuchungshaft genommen. Bei dem Tatverdächtigen handelt es sich um einen 34-jährigen Mann aus der Umgebung, der spielsüchtig sein und jede Menge Schulden haben soll. Ein Arbeitskollege von Thomas S. Auf der Suche nach Gründen und Motiven für die Tat stochert man nun im Nebel. Alles, was bisher vermutet wird, steht in keinem Verhältnis zur Schwere der Tat und vermag die entgrenzte Gewalt nicht zu erklären. Tötungen ohne ersichtliches oder nachvollziehbares Motiv hinterlassen bei Angehörigen und Freunden eine große Ratlosigkeit und Verstörung. Sie können sich das Geschehen nicht aneignen und kommen nicht zur Ruhe.

... Warum also tun Männer so etwas? Warum ziehen sie in den Krieg? Warum überfallen sie Banken und Geldtransporter? Sie wollen sich der Gefahr aussetzen und sich erproben. Sie wollen wissen, wie stark und kaltblütig sie sind, was sie aushalten. Das Leben als Bandit und Räuber besitzt die Würde der Gefahr. Mit dieser Würde bringt man später dann auch den Knast hinter sich. Es ist eine Lebensform, die dem Stechuhrdrücken und dem Vertikutieren des Rasens ums Einfamilienhaus allemal vorzuziehen ist.

Mir persönlich ist das Männlichkeitskonzept, das im Milieu und im Knast gelebt wird, immer fremd geblieben. Es ist für mich durch die Generation meines Vaters historisch diskreditiert und wegen der Frauenverachtung kein lebbares Modell. Der Literaturwissenschaftler und Publizist Klaus Theweleit hat den Zusammenhang zwischen dieser Form von soldatischer Männlichkeit und dem Faschismus in seinem Buch Männerphantasien aufgezeigt. Aber ich muss dieses Konzept von Männlichkeit verstehen, wenn ich mit den Häftlingen arbeiten will. Es hat seine Anziehungskraft auf junge Männer bis heute nicht eingebüßt.

Respekt, Ehre und Männlichkeit sind für die meisten Gefängnisinsassen wichtige Kategorien, ihre Identität kreist um diese Werte. Sie sind von klein auf von Frauen umgeben, die ihnen sagen: „Seid nicht so laut und grob!“ Aber die Jungs denken: Das ist Frauengerede. Der Psychiater Hans-Ludwig Kröber hat in seinem Essay Töten ist menschlich darauf hingewiesen, dass man der Gesellschaft einen Bärendienst erweist, wenn man die traditionellen Männlichkeitskonzepte ignoriert oder als bloß defizitär stigmatisiert und pathologisiert. Die moderne und von Frauen dominierte weiche Pädagogik versucht, Kindern Aggression auszureden und abzugewöhnen. Gewalt sei böse und müsse vermieden werden.

In jener Lebensphase aber, in der männliche Jugendliche ein Selbstkonzept entwickeln, sind sie von den Rollen des Kämpfers, Kriegers oder Banditen fasziniert. Am nächsten kommt diesem Konzept der Sportler. In beiden Fällen geht es um den Einsatz des Körpers, um das Risiko. Die Anziehungskraft, die bestimmte Subkulturen auf Jugendliche ausüben, liegt weniger in deren Ideologie als in ihrer Gewaltbereitschaft und der Möglichkeit, Aggressionen auszuleben und sich auszuprobieren. Kröber sagt sinngemäß: Ein männlicher Umgang mit jugendlichen Straftätern ist absolut notwendig. Sie müssen spüren, dass man sie nicht zu Mädchen umerziehen möchte, sondern zu selbstdisziplinierten Männern. Sie müssen nach Regeln kämpfen lernen. Sie brauchen Männer als Vorbilder und männliche Paten. Gewalt darf nicht tabuisiert werden, sondern muss in Power umgewandelt werden.

... Es wimmelt in der Halb- und Unterwelt von Hitzköpfen, die nach Bestätigung und Anerkennung dürsten. Der ständige und scheinbar anlasslose Einsatz von Gewalt dient ihnen dazu, in einer Art fortwährendem Turnier Hierarchien zu etablieren. Die Tötung eines bekannten Kriminellen bedeutet einen Karrieresprung. Es geht im Milieu viel filmischer zu, als man denkt. Der Oxforder Soziologe Diego Gambetta hat die These aufgestellt, dass die Beziehung zwischen Gangster- und Mafiafilmen und krimineller Wirklichkeit keineswegs einseitig sei. Die Filme wirkten, besonders wenn sie Kultstatus erlangten, auf das Milieu zurück. Sie liefern möglicherweise auch Modelle dafür, wie man als junger Gangster von sich reden macht und sich durchsetzt.

...


Aus: "Der Fremde" Götz Eisenberg (05.06.2014)
Quelle: http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-fremde-1

« Last Edit: July 02, 2014, 10:25:41 AM by Textaris(txt*bot) »

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[Patriarchalisch organisiert... ]
« Reply #32 on: February 26, 2015, 10:05:20 AM »
Quote
[...] Der Mann, der von einer fremden Welt erzählt, ist um die 40, er trägt die Haare kurz rasiert. Nennen wir ihn Aslan*. Er wird von einer Familie erzählen, die er gut kennt. Wie seine eigene Familie ist auch diese vor Jahrzehnten aus der Türkei nach Deutschland gekommen. "Ich möchte kein Nestbeschmutzer sein", sagt er gleich zu Beginn des Gesprächs. "Aber es ist mir wichtig, über Probleme in meiner Kultur zu reden."

... "Alle Familien sind patriarchalisch organisiert. Der Mann wird nicht kritisiert. Junge Männer werden alleingelassen. Sobald einer ins jugendliche Alter kommt, trägt er keine Probleme zu den Eltern, er muss sie selber lösen. Geht er doch zu ihnen, ist das ein Zeichen von Schwäche." Auch über Sexualität wird nicht gesprochen. Anstelle von Aufklärung hörte Aslan zu Hause: "Bring mir ja keine Schande ins Haus!" Eine ungewollte Schwangerschaft wäre ein Skandal, der nur durch Heirat überwunden werden kann – nicht aber, wenn die Schwangere eine Deutsche ist. "Eine Deutsche zu heiraten, ist praktisch unmöglich, die ist ja keine Jungfrau mehr. Wer keine Jungfrau mehr ist, ist weniger wert. Auch in Berlin wird nach der Hochzeitsnacht in kurdischen Familien nach dem Blutfleck auf dem Laken geguckt." ...


Aus: "Die Sippe weiß alles" Jörg Burger und Johannes Dudziak (25. Februar 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-02/erin-mord-maria-integration




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[Männer die beim Schwur die Hand aus Herz legen... ]
« Reply #33 on: September 22, 2015, 03:45:49 PM »
Quote
[...] Feridun Zaimoglu - Feridun Zaimoglu, geboren 1964 im türkischen Bolu, kam 1965 nach Deutschland. Er veröffentlichte zahlreiche Romane und Theaterstücke. Zuletzt den Roman "Isabel" bei Kiepenheuer & Witsch. Er lebt in Kiel und hat kein Internet. Hier schreibt er regelmäßig über Merkwürdigkeiten, die ihm in seinem Alltag begegnen. Die Texte schickt er natürlich per Fax.

Späte Nacht, bin abgekämpft, an den Nebentischen sitzen Abgekämpfte meines Schlages: ohne Begleitung, mit leerem Becher oder Glas auf dem Tisch. Starre in den Himmel und erschrecke – Stern bewegt sich. Flugzeug? Nein, zu hoch. Satellit, der die Erde in Bahnen umläuft, bis er herabstürzt.

Der Wirt spannt flink die Schirme auf, es gibt einen kurzen heftigen Regen. Es tritt aus dem Dunkeln heraus eine Frau, sie kennt mich aus der Zeitung. Sie fragt, ob sie sich setzen darf, ob sie stört. Ich sage blöd: Bitte ja, wieso nicht? Wir sprechen, wir sprechen über die Ehre. Was ist das? Etwas, was mit dem echten Leben nichts zu tun hat: Ehre ist das Kostüm aus Rattenhäuten, in das ein Mann schlüpft. Ein Wahn, für den die Frauen mit ihrem Blut bezahlen. Die Zeit der Ehrenduelle ist vorbei. Es ist jetzt die Zeit der aufgepumpten Ehrenproleten.

Sie spricht: Männer, die beim Schwur die Hand aus Herz legen. Männer, die die Himmelsmacht beschwören. Onkel, Cousins, Vettern haben sich mir unsittlich genähert. Ich war ein keimendes Mädchen. Und ich dachte: Wofür bestrafen sie mich? Habe ich gesündigt? Ist mein Schweiß der Sündenseim, der mir die Haut glänzen macht? Sie gingen ins Gotteshaus, sie legten das Strickkäppchen aufs Haar, sie lauschten den Worten des Predigers. Nachts, wenn sich auf alles ein Schleier legte, wenn ich im Dunkeln lag, kamen sie über mich und ich lag danach im verschmutzten Bett. Das Laken und die Bettdecke brannten. Und ich brannte, weil ich schlecht war. Die Männer brachten mir Schlechtigkeit bei.

Die Sünde, das war ich, ich war der Lockstoff: Meine Lehrer im Dunkeln haben es mich gelehrt. Später ging ich weg, ich verließ meine dunklen Verwandten. Sie nannten mich eine Verräterin. Ich verriet das Bett ihrer Wollust. Ich verriet das Mädchen ihrer Wünsche. Ich verriet meine Mutter, die mir sagte: Der feuchte Schritt des Mannes ist ein Greuel, aber lerne es zu übergehen. Ich spuckte auf sie alle. Genug, danke für die Zigarette, machs gut…

Schrott am Hamburger Himmel, ich schlüpfe in den Mantel, bestelle eine Karaffe Wasser. Ehre. Eine Kultur der Männer mit Ehre, die von der Keuschheit der Kindsfrauen reden, die sie heiraten – was ist das? Eine Perversion. Die Männer sagen: Das Ahnengesetz bindet uns. Scham und Schicklichkeit, darauf legen wir uns fest. Durch die Schande wird eine Frau ruchlos … Was steckt hinter dem Geschwätz? Die Ehrenmänner stricken an der Lüge, die sie sich über die Schultern werfen wie einen alten geerbten Überwurf. Ich denke über die Männer nach, die in Scharen nach Deutschland kommen. Deutsche Frauen helfen ihnen unentgeltlich und doch müssten sie ein Unbehagen spüren. Werden die vertriebenen Kurden und Araber am Brauchtum ihrer Herkunftsländer festgehalten, weil es Rettung verspricht in einer unverständlichen Welt? Kippt die Stimmung, wenn die ersten Ehrenrächer die Frauen ihrer Sippe strafen?

Albaner, Türken, Kurden und Araber – was haben sie gemeinsam? Den Ehrenkodex, den viele fiese Frömmler heiligen. Treueschwur und Eidbruch, das sind für sie keine hohlen Worte. Großherzig sind die Deutschen, da sie die Flüchtlinge willkommen heißen. Fremde Männer fremder Sitten: Sie sind dankbar für das Bleiberecht, das ihnen gewährt wird. Leben sie sich ein, erkennen sie die Verkommenheit der Ordnungen denen sie entflohen sind? In den kleinen Parallelwelten, die man Türkenviertel nennt, gibt es uneinsehbare Abseiten, dunkle Katakomben, Hinterzimmer in Häusern auf Hinterhöfen. Sektenjünger und Splittergruppenmarxisten lehren hier die Regeln der Frechheit: Erkennt das Andere, das Fremde, nicht in euch. Erkennt es an den Deutschen, beben die Eiferer vor Glück, weil sie auf Anhang unter den neuen Einwanderern hoffen? Ich denke an die Kinder, an die Mädchen. Man erlaubt es ihnen nicht, dass sie heraustreten aus der Gemeinschaft der wahnverstrickten Männer. Ich hoffe, dass sie es schafften. Ein Leben ohne Ehre und Eide ist das bessere Leben.

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Vakit
#1  —  vor 21 Stunden

Ein Leben ohne Ehre und Eide ist das bessere Leben. ... Die Frau ist immer der Besitz des Mannes. Das ist so….ekelhaft.


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Philomena
#4  —  vor 5 Stunden

Dieses Phänomen ist keines, der hier ansässigen „Fremden“, der deutsche Mann macht das genauso! Meine Erfahrungen zeigen mir, dass es mit „Ehre“ nicht viel zu tun hat, was Mann heute so umtreibt. Schade es könnte so schön sein, mit uns Frauen und euch Männern.



Aus: "Die Zeit der Ehrenproleten" (21. September 2015 um 8:00 Uhr)
Quelle: http://www.zeit.de/freitext/2015/09/21/feridun-zaimoglu-ehre-maenner/

« Last Edit: September 22, 2015, 03:50:27 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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[Durchlässigkeit und Ambivalenz... ]
« Reply #34 on: February 26, 2016, 12:30:17 PM »
David is portrayed as the moral alien, from the first minutes of the film. ... Straw Dogs (1971)
https://wasiswill.wordpress.com/2015/12/13/straw-dogs-1971-david-sumner/

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Wer Gewalt sät ist ein US-amerikanischer Thriller von Regisseur Sam Peckinpah aus dem Jahr 1971. Der Film basiert auf einem Roman des Schriftstellers Gordon Williams mit dem Titel The Siege of Trencher's Farm. ... Prisma: „Sam Peckinpahs Film ist eine Studie über die Mechanismen der Gewalt, eindringlich und effektvoll inszeniert und äußerst schwer verdaulich. Ein Meisterstück, das leider selten zu sehen ist. Und wenn, dann meist gekürzt und zerschnippelt. Dabei geht es Peckinpah nicht, wie ihm vorgeworfen wurde, um Gewaltverherrlichung. Gewalt ist bei Peckinpah – im Gegensatz zum sauberen und sterilen Actionkino der heutigen Zeit – immer mit Schmerz und Leid verbunden und nie bequeme Problemlösung.“...
https://de.wikipedia.org/wiki/Wer_Gewalt_s%C3%A4t (02/2016)

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Quote
[...]

Straw Dogs – Wer Gewalt sät
Originaltitel: Straw Dogs
Produktion USA 1971
Laufzeit: 113 Minuten
Kinostart: 30.03.1972
Regie: Sam Peckinpah


Straw Dogs, Sam Peckinpahs nihilistisches Meisterwerk um instabile Geschlechterverhältnisse ... Ein Mann hantiert unbeholfen mit einem Gewehr herum und zielt auf Rebhühner. Der Hügel, auf dem er steht, positioniert ihn im Bild selbst als Beute, umkreist von mehreren im Dickicht verteilten Jägern, die ihn mit abfälligen Blicken anvisieren. Zwischenschnitte zeigen einen Geschlechtsakt, der als Vergewaltigung beginnt, sich aber in einer erotischen Spannung entlädt, vor der die Frau schließlich kapituliert. Zurück auf dem Hügel: Der Mann konnte in der Zwischenzeit endlich ein Tier erlegen, betrachtet sein Opfer aber mit Reue. Hieran fehlt es dem nächsten Vergewaltiger, den ein weiterer Schnitt zeigt, wie er die nunmehr panische Frau missbraucht.

Die oben beschriebene, virtuos montierte Szene aus Sam Peckinpahs Straw Dogs – Wer Gewalt sät (Straw Dogs) sowie dessen Klimax sorgte 1971 für die Fortführung einer Kontroverse über explizite Gewaltdarstellungen, die bereits in den späten sechziger Jahren mit heute gleichermaßen etablierten Klassikern wie Bonnie und Clyde (Bonnie and Clyde, 1967) und Peckinpahs Western The Wild Bunch (1969) begann. Straw Dogs fand sich danach in vielen Ländern auf dem Index wieder. Seine ungekürzte Fassung wurde in Großbritannien erst 2002 zugänglich gemacht, nun zieht der deutsche Verleiher nach.

Peckinpah beginnt seine Gordon-Williams-Adaption zunächst mit der Festlegung einiger Oppositionen, die in ähnlicher Form dem Westerngenre zugrunde liegen. Die Rolle des zivilisierten Vernunftmenschen erfüllt der Mathematiker David Sumner (Dustin Hoffman), der mit seiner Frau Amy (Susan George) in deren Heimatdorf in Cornwall zieht. Die entgegengesetzte Bedrohung des Barbarischen manifestiert sich in den männlichen Dorfbewohnern, sogar in der Szenerie von Cornwall selbst, die Peckinpah dem gängigen Postkartenklischee zum Trotze als tristes Brachland darstellt. Überdies teilt Straw Dogs einige der Motive des amerikanischen Backwoodslashers. Die Dorfgemeinde erscheint rückständig und vormodern, größtenteils bevölkert von unheilvollen, teils debilen Gestalten, deren Handlungen stets dem Instinkt verhaftet sind und somit in ihrer Unberechenbarkeit bereits die Möglichkeit einer Eskalation andeuten. So ist es auch in erster Linie ein konstanter psychologischer Terror, den Peckinpah als Unterton seines Filmes verankert.

Es verwundert zunächst nicht, dass David, zumal Amerikaner, im Dorf wie ein Aussätziger behandelt wird. Dass der bekennende Pazifist am Ende einen nach dem anderen der in sein Haus eindringenden Dörfler, die ‚reuigen Hunde’ des Titels, mit graphischem Einfallsreichtum umbringen wird, genauso wenig. Peckinpah treibt Davids Ausbruch und die Demontage seines Selbstverständnisses mit einer stringenten Logik voran, die auch Horror- und Thrillerfilmszenarien unterliegt. Gegenwehr wird hier angesichts irrationaler Vorgänge meist zur zwingenden Notwendigkeit, und in Straw Dogs drückt sich in dieser Unabdingbarkeit auch die nihilistische Tendenz aus, die Peckinpah-Filmen eigen ist. Straw Dogs ist aber weitaus mehr als ein pessimistisches soziologisches Experiment über die These, Gewalt produziere Gegengewalt. Der Katalysator für Davids Wandlung ist noch anderswo zu verorten, sieht sich ihre Veräußerlichung doch in der Beziehung zu Amy angelegt.

Die erste Einstellung von Amy in Straw Dogs ist ein Close-Up, eine Subjektive auf ihre Brüste, die sich mangels BH klar abzeichnen. Ein Bild, das sie mit der Form einer liberaleren, aber auch freizügigeren Sexualität, mit der die späten sechziger Jahre identifiziert werden, assoziieren. Als bewusstes Objekt der Blicke und Begierde der männlichen Cornwaller weiß sie sich auch zum Missfallen Davids oft zu inszenieren, was viele Kritiker damals als selbsterklärende Ermutigung einer Vergewaltigung lasen. Nach dieser Deutung erhält Amy, und mit ihr ein bestimmtes historisches Frauenbild, die Quittung für einen vermeintlich provokativen Umgang mit Männern.

Das Spiel der Blicke, das Peckinpah in Straw Dogs mit seiner subjektiven Kamera und fließenden, dann wieder fragmentarischen Montage immer wieder entfacht, ist jedoch ein derartig komplexes, dass es solch reduzierte Ansätze unterläuft. Die Position von Amy im Blickfeld der Dörfler wechselt zunehmend. Mal ist sie kontrollierende, einladende Instanz, dann entgleitet ihr diese Autorität. Eine Tatsache, die ihre Vergewaltigung als traurige Konsequenz erscheinen lassen muss, nur dass man Handlungshergänge nicht mit derselben Bestimmtheit berechnen kann wie die Wahrscheinlichkeiten, denen sich David als Mathematiker widmet. So ist es letztendlich auch ein komplizierter Diskurs über die Idee des Opfers, den Peckinpah in Straw Dogs effektiv und gehörig ambivalent führt.

Die beiden Fronten, die in dem zaghaften David und den rohen Cornwallern aufeinander treffen, entsprechen letztlich zweierlei Entwürfen von Maskulinität. Überdies deutet Peckinpah anhand einer Reihe von Provokationen, die Amy als Affront gegen Davids männliche Integrität konzipiert, schon früh an, zu welcher Variante sie sich mehr hingezogen fühlt. Der eheliche Akt vollzieht sich dann auch eher spielerisch, bar jeder Erotik, und steht in verstörendem Kontrast zu der sexuell aufgeladenen Schlüsselszene des ersten Missbrauchs. Die Ehe und Kompatibilität der Sumners werden zudem in unzähligen Szenen von Peckinpah in Frage gestellt. Straw Dogs’ männlicher Protagonist – und hierin unterscheidet er sich grundlegend von einer nicht nur dem Western eigenen traditionellen Figur des patriarchalischen Helden – definiert sich lediglich über den Intellekt und lässt zum Bedauern Amys jegliche Statur vermissen. Daran ändert auch der Initiationsritus der Jagd zunächst nichts, dem David zum Schein unterzogen wird.

Nach dieser Logik müsste er im gnadenlosen Finale des Films als Held hervorgehen. Dass dies nicht der Fall ist, liegt an der Durchlässigkeit und Ambivalenz der in Straw Dogs dargestellten Geschlechterbilder und Wertvorstellungen, die den Film unmissverständlich zu einem Dokument seiner Zeit machen. Davids Überschreitung der eigenen Grenzen ist absolut und unumkehrlich. Wie es am Ende in der Bejahung einer moralischen Bankrotterklärung heißt: „I don’t know my way home“.


Aus: "Straw Dogs – Wer Gewalt sät" Katharina Stumm (16.07.2007)
Quelle: http://www.critic.de/film/straw-dogs-wer-gewalt-saet-930/


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« Reply #35 on: May 04, 2016, 02:51:42 PM »
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[...] Durch Dating-Apps wie Tinder ist Ihre Illusion des bindungslosen, schnellen Sex Wirklichkeit geworden: Überall kann man einen Fremden an der Ecke auf ein Abenteuer treffen.
Erica Jong: Haben die wirklich guten Sex? Männer können, wenn sie jung sind, eine Nummer nach der anderen schieben. Frauen brauchen mehr Verbindung. Ich denke nicht, dass es für uns so leicht ist, großartigen Sex mit jemandem zu haben, der keine Empathie für uns hat.

Wieso sind die Apps dann so erfolgreich?
Erica Jong: Männer haben große Angst vor Zurückweisung. Die App garantiert einem, dass man nicht völlig zurückgewiesen wird. Jede Frau, die man über ein solches Date trifft, hat einen schon akzeptiert.

Wir werden als Frauen doch auch ungern gekränkt.
Erica Jong: Für Männer ist es schlimmer. Das liegt am Penis. Der hat sein eigenes Temperament. Funktioniert er? Funktioniert er nicht? Manchmal versagt er den Dienst mit jemandem, den man wirklich mag, funktioniert jedoch hervorragend mit einer Fremden. Jeder Mann ist komplett besessen von seinem Penis und diesen Fragen. Das geht so lange, bis der Mann erwachsen ist und mehr über sich gelernt hat.

...


Aus: "Erica Jong: „Frauenhass ist Angst vor der eigenen Mutter“" Julia Prosinger und Deike Diening (04.05.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/feminismus-ikone-erica-jong-ich-habe-es-nie-als-sex-buch-gesehen/13522852-2.html
« Last Edit: May 04, 2016, 02:54:45 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Die Konstellation ist dabei immer... ]
« Reply #36 on: July 25, 2016, 04:29:20 PM »
Quote
[...] Amok in München, nicht sehr weit von uns. Das ist schrecklich, gewiss. Andererseits ist es auch nicht sehr überraschend. Man konnte gewissermaßen auf eine solche Tat warten: Erfurt, Nickle Mines, Emsdetten, Tuusula und Kauhajoki. Winnenden oder Newtown, Oslo und jetzt München – das sind Beispiele von Amokläufen der vergangenen fünfzehn Jahre – und es sind längst nicht alle.

Die Konstellation ist dabei immer die gleiche: Es sind junge Männer mit Problemen, häufig in therapeutischer Behandlung, sozial schlecht integriert, einsam, mit dem PC als bestem Freund, Gewaltspiele und -fantasien, miese Schulkarriere, schlechte Chancen auf dem Ausbildungsmarkt, dementsprechend viel Frust und Aggressionspotential.

... In der Kriminalstatistik sind Jungen sechzig Mal öfter vertreten als Mädchen; psychische und psychosomatische Störungen sind bei Jungen achtmal häufiger; ihr Anteil in Förderschulen und Institutionen für Verhaltensauffälligkeiten beträgt zwei Drittel; dreimal so viele Jungen wie Mädchen sind heute Klienten von Erziehungsberatungsstellen; im Durchschnitt sind mittlerweile alle Schulleistungen von Jungen schlechter als die der Mädchen; Alkohol- und Drogenprobleme von Jungen nehmen dramatisch zu; die zweithäufigste Todesursache von männlichen Heranwachsenden ist der Suizid, wobei sich Jungen mindestens sechsmal häufiger selber umbringen als Mädchen im gleichen Alter.

Immer mehr Jungen wachsen heute vater- und männerlos auf, was allgemein als eine der wichtigsten Ursachen für ihre zunehmende Desorientierung ausgemacht wird. In einigen Ländern haben schon mehr als die Hälfte der Jungen keinen Vater mehr. Die Sinus-Studie der deutschen Bundesregierung belegt die Ängste der jungen Männer.

„Unsere Söhne haben Probleme“, schreibt der Jungenpsychologe William Pollack., „und diese Probleme sind gravierender, als wir denken." Selbst die Buben, die nach außen ganz "normal" wirkten und den Anschein erweckten, mit dem Leben gut zurechtzukommen, seien davon betroffen. „Gemeinsam mit anderen Forschern musste ich in den letzten Jahren erkennen, dass sehr viele Jungen, die nach außen hin ganz unauffällig wirken, in ihrem Inneren verzweifelt, orientierungslos und einsam sind."  Sie können sich nicht mehr an allgemein gültigen Bildern von Männlichkeit orientieren, wie das früher der Fall war. Stattdessen müssen sie sich allein zurecht finden – nicht zuletzt, weil das die männliche Rolle von ihnen verlangt.

In den vergangenen vierzig Jahren hat sich die Politik auf die Förderung von Mädchen und Frauen konzentriert; dass es noch ein anderes Geschlecht gibt, geriet dabei in Vergessenheit. Wenn wir weitere Katastrophen verhindern wollen, müssen wir uns überlegen, wie wir unseren Jungen neue Ziele, konstruktive Wege und ein anderes Männerbild vermitteln können. Ansonsten können wir auf den nächsten Amoklauf warten.

- Walter Hollstein ist Em. Prof. für politische Soziologie in Berlin, Autor von „Was vom Manne übrig blieb“ (Verlag Opus Magnum)

Quote
Schland 14:23 Uhr
Eine reaktionäre Politik hat negative Folgen für alle

Die Verblödung geschieht absichtlich seit den 90er Jahren im Zusammenhang mit der neoliberalen Politik. Dieter Bohlen und Bushido sind keine guten Vorbilder, und doch wuden sie als Stars an wichtiger Stelle ins Fernsehen gesetzt.

Promis sind Vorbilder. Ob das idiotische Machos sind oder Fußballer: Es ging um einen neuen Macho-Kult.

Zum Macho, der eher mit Muskeln und ordinärem Verhalten glänzt, gehört das weibliche Dummchen. Überall wird die Frau als immer verfügbares Sexobjekt dargestellt, als dauergeile Huren.

Dies wirkt natürlich auf Männer aus streng patriarchalischen Kulturen fatal. Pornografie hat stark zugenommen, die Beziehungen dagegen nehmen ab.

Wenn "schwul" und "Weichei" ein Schimpfwort ist für verständnisvolle eher weiche Männer, ist das schlecht für sensible Jungs. Sie unterdrücken ihre Empfindsamkeit und versuchen, sich dem Macho-Vorbild anzupassen. Gruppendynamik entsteht an Schulen und in Netzwerken.

Der Künstler Liam Miscellaneous hat hier die Posen nachgestellt von weiblichen Prominenten und entlarvt damit die dumme Affektiertheit und das Pornografische der angeblich modernen Frau. Dies ist sehr lustig:
https://www.instagram.com/waverider_/

Fazit:. Der Kommerz ist das Wichtigste im überdrehten Kapitalismus. Die Werbebilder zeigen nie die Realität, sind aber dennoch wichtig für die Rollenbilder. Künstlichkeit und Besitzstreben sind zu wichtig geworden. Ein paar Gewinner des Rollbacks gibt es: Konzerne für Kosmetik, Fitness-Studios, Schönheitschirurgen und die Prostitution.

Leider hat dieses Wirtschaftssystem nur noch für wenige Menschen Plätze frei, die zu Wohlstand führen. Der soziale Aufstieg ist kaum noch möglich. Damit fehlt die Antriebsfeder für Innovation und persönliche Entwicklung und Bildung.

Darum brauchen wir eine sozialere Politik und ein anderes Menschenbild, das den Einzelnen nicht nach seinem Geldbeutel beurteilt.

Quote
McSchreck 16:00 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Schland 14:23 Uhr
Sie scheinen sehr jung zu sein. Sonst wüssten Sie, dass das Wort "schwul" früher viel schlimmer war als heute und einiges andere auch. Die "soziale Teilhabe" ist auch großzügiger als vor 30 Jahren, als ich ein Kind war. An Urlaub o.ä. war da auch für "normale" Familien nicht zu denken, vielleicht in der Nähe (im Süden nach Italien, im Norden an die Nord- oder Ostsee), aber nicht Fernreisen wie heute.

Sie trauern einer Zeit nach, die es nie gab.



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heiko61 14:08 Uhr
Das Problem ist sehr real

und wird in unseren weiblich dominierten Kitas und Grundschulen meist vermutlich unbewusst durch oftmals systematische Diskriminierung von Jungen noch verschärft. Jungen haben im Kindesalter nun mal einen biologisch bedingten Entwicklungsrückstand von einigen Monaten gegenüber gleichaltrigen Mädchen, sind etwas wilder und aufmüpfiger. Gute Pädagogen können damit problemlos umgehen. Aber es gibt davon leider viel zu wenige! Der Schaden, der hier im frühen Kindesalter entsteht, ist in unserem Bildungssystem nach der zu frühen Segregation in späteren Jahren nur noch mit riesigem Aufwand zu reparieren.

Und dieses Forum zeigt, dass auch außerhalb des Bildungssystems kaum Sensibilität für die Probleme dieser Jungen besteht. Arroganz oder Forderungen nach mehr Härte oder gar der Armee deuten auf eine unfassbare Problemverdrängung hin und treiben diese Jungen immer tiefer in ihre Probleme hinein!


Quote
Filip 13:59 Uhr
Wir haben kein "Jungenproblem " in unserer Gesellschaft, sondern ein soziales Problem. Der neoliberale Wirtschaftskurs der Kanzlerin, reproduziert Armut, soziale Verelendung und Gewalt. Das klassische Familienleben ist für viele Menschen gar nicht mehr so möglich, da die Eltern beide Vollzeit arbeiten müssen um über die Runden zu kommen. Von kleinauf ist man nun einem sehr hohen Konkurrenzdruck ausgesetzt. Man muss ein sehr gutes Abitur machen um überhaupt eine Chance zu haben , an einer Universität angenommen zu werden  um einen gut bezahlten Job zu bekommen.
Zusätzlich sind viele junge männliche Flüchtlinge letztes Jahr ins Land gekommen, welche  perspektivlos und frustriert in der bürokratischen Mühle feststecken.
Man wird die Probleme nur dann in den Griff bekommen, wenn man sich endlich den dringenden sozialen Fragen der Zeit stellt.


Quote
LesedieinternationalePresse 15:33 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Filip 13:59 Uhr

    Wir haben kein "Jungenproblem " in unserer Gesellschaft, sondern ein soziales Problem.

Das denke ich auch. Unter "Jungenkrise" wird eine Pauschalisierung unterschiedlicher Sozialisierungsprobleme verkauft, schönes Schlagwort. Dann gibt es gleich noch ein paar Anti-Feminismus-Kommentare von einigen Postern gratis dazu.


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Tsotsi 13:29 Uhr
Auch hier wieder....

man macht nur Sorgen um die Täter und die Opfer - und auch wir doofen Steuerzahler -  bleiben auf der Strecke. Dabei wäre bei konsequenter Anwendung der existieren Regeln (z.B. Abschiebung und KEINE Bleibeduldung) so manche Tragödie zu verhindern gewesen.

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wunschbenutzer 14:25 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Tsotsi 13:29 Uhr
Auch hier wieder: Nein!

Es geht nicht darum, sich Sorgen um die Täter zu machen. Es geht darum zu verstehen, wie es zu solchen Taten kommen kann. Ohne Verstehen kann es keine geeignete Strategien geben, solche Ereignisse in Zukunft zu verhindern.

Das ist eine sehr intelligente Herangehensweise, in deren Zentrum die Sorge um unser aller Wohl steht.
Was die "konsequente Anwendung existierender Regeln" angeht: Der junge Mann sollte abgeschoben werden.
Und welche Tragödien genau meinen Sie mit "manche"? Ich sehe da nicht eine einzige.


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joschi 15:06 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Tsotsi 13:29 Uhr
Wohin hätte denn der deutsche Täter abgeschoben werden sollen, ihrer Meinung nach? Oder benutzen Sie den Amoklauf eines vermutlich depressiven deutschen Schülers um gegen Immigranten zu hetzen?



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GrussUndKuss 13:21 Uhr
Wir haben kein "Jungenproblem". Wir haben ein Laberproblem: es wird gelabert, aber nichts gemacht, weil wir zu warmduschenden Morlocks mutiert sind.

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Izmir.UEbuel 13:30 Uhr
Antwort auf den Beitrag von GrussUndKuss 13:21 Uhr
Sie wissen aber schon, dass die dekadenten Warmduscher aus "Die Zeitmaschine" die Eloi sind?


Quote
GrussUndKuss 13:47 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Izmir.UEbuel 13:30 Uhr
Ja, die meinte ich. Hab's verwechselt.



Quote
hadi 13:21 Uhr
Schlimm, schlimm. schlimm -- und alle suchen nach Lösungen

Solange die Gesellschaft gern in Massenveranstaltungen investiert und dabei
auch die Ich-Bezogenheit propagiert und trotzdem den Einzelnen außer
acht lässt, werden wir wohl immer mit solch schrecklichen Ereignissen
konfrontiert.
Mangelhaft ist doch das Weltbild wie es in vielen Familien (der "Keimzelle" dess Staates) erlebt und gelebt wird. Hinzu
kommen die unterschiedlichen Mentalitäten, die im Ost-West-,
hauptsächlich aber im Nord-Südgefälle aufeinandertreffen. Dieses
einander nicht verstehen wollen, die Rechthaberei fängt doch oft, zu oft
im Zusammenleben zweier Menschen (Erwachsenen) an. Wie soll sich da ein
Kind geborgen fühlen, zumal wenn es als Einzelkind in der "Familie"
aufwächst?
Hinterher, nach dem GAU, sind wir dann tief bestürzt über das Unfassbare. Dabei haben Eltern, Lehrer, Psychater, Schüler und so
weiter im Vorfeld versagt -- milde ausgedrückt es nicht verstanden --
weil sie die Menschenwürde, den Respekt vor und für den anderen nicht
gelebt haben.
Von den Werten des Abendlandes wird nur geredet. Die meisten finden diese Werte lästig, weil sie den eigenen Egoismus stören.


Quote
rentnerin 13:14 Uhr
Orientierungslos und verzweifelt? Ich hätte da eine Lösung, die lautet, den Militärdienst wieder einführen , für alle, da könnten "unsere Söhne" (nicht nur die deutschen) ihre Agressionen abreagieren, indem sie sich von morgens bis abends durch die Gegend bewegen, und somit ihr Männerbild wieder zurechtrücken. Kein Computer oder Smartphone. Der Vorgesetzte könnte die ach so vermisste (strenge) Vaterrolle ersetzen. Das wäre die beste Medizin.


Quote
Izmir.UEbuel 13:23 Uhr
Antwort auf den Beitrag von rentnerin 13:14 Uhr
Warum nicht gleich wieder ein kleiner Krieg als "reinigendes Stahlgewitter"?


Quote
FocusTurnier 13:27 Uhr
Antwort auf den Beitrag von rentnerin 13:14 Uhr
Wehrpflicht

Wenn es um die Wiederaufnahme der Wehrpflicht geht, sollten wir natürlich die Gleichstellung nicht vergessen. (Es müssen also mindestens soviel Frauen wie Männer für diesen Staat den Arsch hinhalten....). Sie werden sehen, wie schnell die Wehrpflicht dann wieder in den Schubladen verschwindet.


Quote
happyrocker 14:20 Uhr
Antwort auf den Beitrag von FocusTurnier 13:27 Uhr
Wenn die Wehrpflicht "aus therapeutischen Gründen" zur Sozialisierung junger Männer wieder eingeführt wird, haben Frauen nichts damit zu tun. Frauen sind als Gewalttäterinnen die absolute Ausnahme. Dann ginge es ja gerade nicht um "den Staat" sondern um die jungen Herren selbst.


Quote
altkreuzbergerin 12:58 Uhr

    Sie können sich nicht mehr an allgemein gültigen Bildern von Männlichkeit orientieren, wie das früher der Fall war.

Mit diesem Ausspruch kann ich wenig anfangen.
Welche "allgemein gültigen Bilder von Männlichkeit" sind denn hier gemeint?
Die vom alleinverdienenden Mann, der eine kochende und putzende Frau zuhause hat?
Auch für Mädchen und Frauen gibt es keine "allgemein gültigen Bilder von Weiblichkeit". Zum Glück!
Das kann meiner Meinung nach nicht der Grund sein, warum es Amokläufer gab und gibt.

Gleichberechtigte Förderung von Mädchen und Jungen wäre natürlich schön. Aber ich kann nicht beurteilen, wie der Stand der Dinge ist. Ich könnte mir auch vorstellen, dass bestimmte Angebote vielleicht einfach mehr von Mädchen angenommen werden.
Und alle, die den "Girls' day" hier als Negativbeispiel für einseitige Förderung von Mädchen nennen: Es gibt auch einen "Boys' day".
Dieser soll Jungen Berufe vorstellen, in denen überwiegend Frauen arbeiten (genauso wie der "Girls' day" umgekehrt Berufe vorstellt, in denen vor allem Männer arbeiten).

Es ist wichtig Kindern/Jugendlichen/Heranwachsenden, die orientierungslos und psychisch labil sind zu helfen. Das Geschlecht spielt hierbei für mich aber eher eine geringfügige Rolle.


Quote
antonia_f 15:47 Uhr
Antwort auf den Beitrag von altkreuzbergerin 12:58 Uhr
Wie schön - endlich ein ausgewogener Leser-Kommentar. Die einseitige Betrachtung fehlender "Rollenvorbilder" ist mir auch als merkwürig aufgefallen. Und noch etwas: Der Unterschied in den Suizidraten, den verschiedensten psychiatrischen Auffälligkeiten  usw. besteht nicht erst seit irgendwelchen Gender-Geschichten sondern zieht sich schon viel, viel länger durch die Psychiatrie-Geschichte. Ich finde den gesamten Artikel sehr unseriös, denn er suggeriert unterschwellig Zusammenhänge, die so nicht behauptet werden können - wenn nämlich die genannten m/w Unterschiede in den Häufigkeiten psychischer Störungen bereits früher bestanden haben, dann können wir nicht gesellschaftlich erst später einsetzende Phänomene (also bspw. Scheidungsraten, fehlende Väter, soz.-polit. Maßnahen für Mädchen usw.) dafür als Ursachen heranziehen wollen.


Quote
FredSchreiberling 11:47 Uhr
Jungen bzw. junge Männer stecken in einem Dilemma weil sie häufig nicht genau wissen wer und warum sie sind. Insbesondere wenn sie keine wirklich festigenden Erfahrungen mit männlichen Erziehungsberechtigten machen können. Väter ziehen häufig die Karriere vor und sind nur kurzzeitig zuhause oder ziehen gleich aus und lassen eine Trümmerfamilie zurück. Grund schlechte Bezahlung: Erzieher in Kindergärten sind absolute Exoten und Mangelware. In Grundschulen sind männliche Pädagogen auch recht schwach vertreten. Anstatt "grobe" Spiele wie Fussball wird von der Lehrerin eher Volleyball oder Gymnastik gemacht. ...


Quote
johndoe19 11:45 Uhr
"Immer mehr Jungen wachsen heute vater- und männerlos auf, was allgemein als eine der wichtigsten Ursachen für ihre zunehmende Desorientierung ausgemacht wird."

Wenn ich mir überlege, dass infolge der beiden Weltkriege die Anzahl der deutschen Männer auf ein Minimum  zurückging, dann frage ich mich schon, ob die "Vaterlosigkeit" mit Desorientierung und mit Fehlentwicklungen bei männlichen Jugendlichen zu tun hat.
Wäre die Theorie richtig, dann müsste sich die Situation seit 1945 er verbessert als verschlechtert haben.


Quote
noneblonde 10:38 Uhr
Das hört sich für mich wie Hohn an. Da wird einem Mörder viel Aufmerksamkeit geschenkt und nach Gründen gesucht, warum das passiert ist. Keiner widmet sich den Opfern und den Angehörigen, die Ihre Kinder zu betrauern haben. Was ist das für eine verkorkste Welt ? Die Medien machen mit, wenn Sie Bilder und Namen der Täter zeigen. Sie sorgen mit dafür, dass so eine kranke Seele die Aufmerksamkeit bekommt, die ihr im Leben nicht zuteil wurde.

Quote
Zelia 11:12 Uhr
Antwort auf den Beitrag von noneblonde 10:38 Uhr
Ich empfinde ähnlich, aber vom Betrauern der Opfer wird leider nichts besser. Man kann so etwas nur verhindern, wenn man die Täter versteht, daher müssen solche Themen auf den Tisch.
Ich fände es allerdings ungerecht, wenn aggressive Kinder besonders viel Zuwendung bekommen und stille Leider dadurch noch weniger. Gut wäre es, wenn mehr auf alle Kinder geachtet werden würde und wir für eine gerechte, faire, gesunde Gesellschaft sorgen. Dann wird es immer noch zu Einzeltaten kommen, aber dann kann man wenigstens sagen, dass man alles in seiner Macht stehende getan hat.



Quote
berlinradler 24.07.2016, 17:25 Uhr
In meiner Jugend, die in der Nachwendezeit in Berlin stattfand, habe ich die Unordnung und die Freiräume geschätzt, die nach und nach einer Hochglanzstadt weichen mussten. Und klar, Man(n) hat auch mal was angestellt - gehört irgendwie auch dazu, so dämlich das im Nachhinein wirkt. Tatsächlich ist das eigentlich notwendige "Abhängen" doch kaum mehr möglich, und wenn dann nur ordentlich, STVO-konform und eher nicht unter freiem Himmel.

Jetzt bin ich erwachsen und kann in einer Welt, die sich ausschließlich an den Bedürfnissen Erwachsener orientiert, klarkommen. Klar ist mir aber auch, dass meine Tochter eine vollkommen andere Kindheit haben wird als meine Generation. Besser oder schlechter, das ist ganz schwer zu sagen.

Das Problem an solchen Texten ist eine Schuldzuweisung an "die Gesellschaft". Wenn ein Problem für heutige junge Männer besteht, muss man das wohl verständlicher artikulieren und Wege aufzeigen, die aus diesem Problem heraushelfen können.


Quote
hammerling 24.07.2016, 16:29 Uhr
Es ist noch schlimmer: 100 Prozent aller jungen Väter sind junge Männer. Ich denke nicht, daß wir eine Jungenkrise haben, sondern eher eine Elternkrise.


Quote
sonnenfisch 11:02 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Wolfsgeheul 24.07.2016, 15:55 Uhr
Als Mutter zweier Jungen kann ich hier nur zustimmen. Jungen werden von Anfang an systematisch diskriminiert. Es geht los bei der Tagesmutter, gefolgt von der Erzieherin in der Kita, von den Lehrerinnen in der Grundschule und selbst im Gymnasium, zumindest in allen Fächern, die nichts mit Mathematik oder Naturwissenschaften zu tun haben. Immer wird versucht, aus den Jungs Mädchen zu machen. Sie sollen still sitzen, leise sein und Mandalas ausmalen, aber bitte nicht über die Linie. Jungs müssen sich aber ausprobieren, ihre Kräfte messen und ihren Bewegungsdrang stillen. Es gibt nur sehr wenige - i.d.R. männliche - Lehrer, die das verstehen und darauf eingehen und damit umgehen können. Jungen aus intakten Familien können von ihren Eltern noch ganz gut vor dieser Diskriminierung und ihren Folgen bewahrt werden. Für alle anderen sind die Folgen schon fast zwingend vorgegeben.


...


Aus: "Nach Amoklauf in München Die Einzeltäter sind Teil einer "Jungenkrise"" Walter Hollstein (25.07.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/nach-amoklauf-in-muenchen-die-einzeltaeter-sind-teil-einer-jungenkrise/13919532.html


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[Einen eindrucksvollen Beitrag zu dieser Diskussion... ]
« Reply #37 on: July 25, 2016, 04:45:26 PM »
Quote
[...] Zehntausende deutscher Männer beteiligten sich im Verlauf des Zweiten Weltkrieges mit großer Selbstverständlichkeit an Massenmorden. Die Frage, wie jene weitverbreitete Bereitschaft zu töten entstehen und erzeugt werden konnte, bewegt nach wie vor die Gemüter.

Die Täterforschung erklärt dies mit einer Umwertung moralischer Maßstäbe, die zur Herausbildung einer eigenen „Tötungsmoral“ geführt hat. Entsprechend betrachteten die Täter das Töten von Menschen im Dienste einer übergeordneten Sache als normal und moralisch einwandfrei. (Harald Welzer. Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt/Main, 2005.)

Einen eindrucksvollen Beitrag zu dieser Diskussion, bilden die von dem Journalisten Klaus Hillenbrand ausgewerteten Initiativbewerbungen für das Amt eines Scharfrichters. Hunderte von Männern bewarben sich in der NS-Zeit für diese Aufgabe. 482 dieser Bewerbungen hat Klaus Hillenbrand ausgewertet und etliche davon in seinem Buch dokumentiert.

Während die Täter des Holocaust sich kaum zu ihrer Motivation äußerten, geben diese Briefe Einblick in das Denken von Männern, die es geradezu zum Töten drängte. Sie hielten es für erstrebenswert, die mörderische Politik des Regimes aktiv zu unterstützen, in dem sie ihre Hilfe bei der Tötung von als Verbrechern, Reichsfeinden und Untermenschen Definierten anboten. Und sie taten dies, obwohl auch unter dem NS-Regime der Beruf des Scharfrichters mit sozialer Ächtung verbunden war und keinerlei Prestige besaß. Zwar ging aus vielen Bewerbungen hervor, dass sich ihre Verfasser eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation erhofften; die Tatsache, dass man in den letzten Jahren der NS-Herrschaft, angesichts der enorm gestiegenen Zahl von Hinrichtungen, als Henker sehr viel Geld verdiente, konnten die Bewerber jedoch nicht vorausahnen. Ihre Bewerbungsschreiben sind Belege dafür, wie hoch die Gewaltbereitschaft in Teilen der Gesellschaft war, auch schon zu Beginn der 30er Jahre, also zu einer Zeit, als das NS-Regime noch nicht die Möglichkeit hatte, seine Kultur der Gewalt widerspruchslos in Staat und Gesellschaft durchzusetzen.

Die NS-Bewegung setzte von Anfang auf Gewaltbereitschaft und die SA tat sich bereits in der Weimarer Republik durch Gewalt bis hin zu Morden gegenüber politischen Gegnern und Juden hervor. Diese Kultur der Gewalt kommt auch in diversen Bewerbungen zum Ausdruck. Die meisten der Männer verfügten bereits Gewalterfahrungen in Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern, als Angehörige von Freikorps und oder der SA. Bereits kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gingen die ersten Bewerbungen ein. Die Anzahl der Männer, die sich zum Henker berufen fühlten, vervielfachte sich. In den Jahren der Weimarer Republik bewarben sich durchschnittlich sieben pro Jahr, im Jahr 1933 allein 72.

„Hass gegen das Untermenschentum“, so beschrieb ein Bewerber am 1. März 1933 seine Motivation. Die politische Übereinstimmung mit den Zielen des NS-Regimes betonten viele der Bewerber. „In Anbetracht unserer politischen Umwälzungen in unserem Vaterlande und die Berufung unseres allseits verehrten Führers Adolf Hitlers zum Reichskanzler, möchte ich nicht abseits stehen und fühle mich für diese schwere Handwerk besonders berufen“ schrieb jemand am 23. März 1933.

Ein anderer formulierte: „Mich drängt nicht die Sensation oder andere Gelüste sondern lediglich die Erkenntnis: Dies der nicht zu erschütternde richtige Kurs den unser verehrter Führer Adolf Hitler ergriffen hat.“ Ein weiterer Bewerber machte sogleich Vorschläge um das Töten effektiver und abschreckender zu gestalten und plädierte für die Einführung des elektrischen Stuhls. Um das „politische Verbrechertum“ zu bekämpfen, bot ein beim Bezirksamt Pankow als Beamter angestellter Stadtinspektor am 13. April 1933 seine Dienste als Henker sogar ehrenamtlich an.

Auch in den folgenden Jahren, als der verbrecherische Charakter des NS-Regimes immer deutlicher hervortrat, findet sich eine solche Haltung in den Bewerbungen. Im Februar 1939 schrieb ein Interessent: „Ich trage Hass und Verachtung in mir gegen Mörder, Verbrecher und Vaterlandsverräter“. Antisemitismus spielte bei den Motiven einiger Bewerber ebenfalls eine Rolle: „Würde mir recht sein, wenn ich in einem Judenlager mein (i.O.) Dienst verrichten kann, denn diese Gruppe weist ja immer die meisten Täter auf“ formulierte ein Pförtner aus Breslau. Zum Zeitpunkt seiner Bewerbung am 3. April 1943 wurden gerade die letzten noch verbliebenen Juden aus Deutschland deportiert.

Während des Krieges gingen viele Bewerbungen von Soldaten ein, die darauf verwiesen, dass sie sich bereits freiwillig zu Hinrichtungskommandos gemeldet hatten. Offenkundig hatten sie Gefallen am Töten von Menschen gefunden.

Nur sehr wenigen der Initiativbewerber gelang es, ihren Berufswunsch zu verwirklichen. Auch die NS-Behörden betrachteten Henker als sozial deklassierte Berufsgruppe und blickten entsprechend skeptisch auf jene, die sich dazu drängten. Diejenigen Scharfrichter, die während der NS-Zeit amtiert hatten und an der Tötung von mindestens 12.000 Menschen beteiligt waren, blieben, wie auch Richter und Staatsanwälte, die für die Todesurteile verantwortlich waren, in den Westzonen von der Justiz unbehelligt. Einige amtierten über das Ende der NS-Herrschaft hinaus. Der in München tätige Johann Reichart, der u.a. Hans und Sophie Scholl hingerichtet hatte, vollstreckte nun im Auftrag der US-Militärbehörden die Todesurteile gegen NS-Verbrecher.


Aus: "Berufswunsch Henker" Rezensionen von Michael Schmidt (Mittwoch, 6. November 2013)
Quelle: http://www.diesseits.de/panorama/rezensionen/1383692400/berufswunsch-henker


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[Männlichkeitskonstruktionen... ]
« Reply #38 on: July 26, 2016, 01:14:44 PM »
Quote
[...] Die Bilanz der letzten fünf Wochen ist erschütternd, und sie schlägt aufs Gemüt. Orlando, 12. Juni: Ein Mann ermordet 49 Menschen. Paris, 13. Juni: Ein Mann ermordet ein Polizisten-Ehepaar. Fislisbach, 14. Juni: Ein 17-jähriger Mann ermordet einen 18-Jährigen. Leeds, 16. Juni: Ein Mann ermordet eine Politikerin. Nizza, 14. Juli: Ein Mann ermordet 84 Menschen. Würzburg, 19. Juli: Ein Mann versucht, vier Menschen zu ermorden. München, 22. Juli: Ein Mann ermordet neun Menschen.
Die Liste ist nicht vollständig. Und sie endet mit Sicherheit nicht am 22. Juli. So unterschiedlich die Motive für die Morde sein mögen, so haben sie dennoch etwas gemeinsam: Die Ausführenden waren alle männlich. Genauso wie beim Massaker in Paris, den Anschlägen in Brüssel oder auf «Charlie Hebdo» und bei sämtlichen Amokläufen der jüngsten Vergangenheit. Weibliche Breiviks gibt es nicht.
Wir haben uns derart daran gewöhnt, dass es fast immer Männer sind, die töten – es scheint kaum erwähnenswert. Hätten die Täter ein anderes, augenfällig gemeinsames Merkmal, man würde längst darüber reden. Nach Ursachen forschen und Prävention betreiben. Das männliche Geschlecht reicht dafür offenbar nicht. Man nimmt es hin. Ist halt so. Obschon die Taten, die so viel Leid brachten, einen gemeinsamen Ursprung haben, über den es sich nachzudenken lohnte: eine falsch verstandene, kranke und altertümliche Männlichkeit. ...
Der Amokläufer rächt sich für sein Gefühl des Scheiterns an allen, die ihm gerade über den Weg laufen. Mit der Waffe in der Hand ist er nicht mehr klein und verloren, er verbreitet damit Angst und Schrecken und ist endlich wer. Man respektiert ihn, so, wie einem Mann Respekt gebührt: Man fürchtet ihn. Er glaubt, damit sein Selbstbewusstsein ins männliche Lot zu rücken. Lieber geht er als Killer in die Geschichte ein denn als ein Niemand. Die Welt soll seinen Namen kennen.
Die Pervertierung dieser Idee ist der IS. Dessen Mitglieder zelebrieren die archaischste Form der Männlichkeit überhaupt; sie posieren mit schwarzen, furchteinflössenden Henkermasken und immer mit Waffen. Sie erniedrigen, versklaven, foltern, töten. Sie verstehen Männlichkeit als absoluten und naturgegebenen Anspruch auf Dominanz und Herrschertum, fordern von allen anderen Gehorsam und Unterwerfung.
Diese Männer sind stehen geblieben, während die Welt um sie herum sich verändert hat. Sie reagieren trotzig und nach dem uralten Muster der Gewalt, wenn sie auf Ablehnung stossen oder sich machtlos fühlen. In ihrer blinden Wut machen sie alle anderen für ihre Lage verantwortlich und gern auch den Feminismus, der das Maskuline entwertet haben soll.
Dabei könnten sie doch just diesen als Befreiung verstehen. Er erlaubt ihnen, endlich nicht mehr diese verkrampfte Stärke an den Tag legen zu müssen, die nicht nur unmenschlich ist, sondern ihnen ohnehin nie jemand wirklich abkaufte. ...


Aus: "Weibliche Breiviks gibt es nicht" Bettina Weber (24.07.2016)
Quelle: http://www.sonntagszeitung.ch/read/sz_24_07_2016/fokus/Weibliche-Breiviks-gibt-es-nicht-69517

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« Reply #39 on: October 06, 2016, 10:30:09 AM »
Quote
[...] Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit über das Erlernen von Aggression, brutale Rituale und Frauen als Giftmörderinnen.

... Der Mannkörper, der kulturell historisch darauf gedrillt ist, seine emotionalen Problematiken in muskulären Aktionen nach außen zu richten, „gegen“ Andere, ist keine Frauenphantasie, sondern eine Tatsache. Sie gilt bis heute. Dass Männer unter Belastung eher aggressiv (nach außen) werden und Frauen eher depressiv (nach innen), ist vielfach belegt. Vieles davon löst sich in modernen differenzierten Gesellschaften zwar auf; in den meisten Gesellschaften der Erde ist die männliche Gewaltdominanz aber nach wie vor gesetzlich abgesichert. Was nicht heißt, dass Mütter ihre Kinder nicht auch manchmal schlagen. Ihren Männern gegenüber wäre das jedoch lebensgefährlich. ... Was in der einen Gesellschaft historisch überholt ist, ist in der andern aktuell und gültig. In den Ländern der Erde, in denen sich eine Politik der Gleichheit der Geschlechter langsam durchsetzt, „dürfen“ Männer selbstverständlich auch schwach sein. Das hängt davon ab, ob sie Menschen in der Umgebung finden, Frauen, Männer, Kinder, die das zulassen. Die Gewalterfahrung mildert sich ab, wenn man sie mit anderen teilen kann; es eröffnen sich Wege gewaltfreieren Verhaltens, bei sich selber wie bei den anderen. ... Die Arten der Gewalt nach Geschlechtern zu unterteilen, ist aber möglich. Gewalt durch Frauen geschieht auf anderen Feldern als den männlichen. Frauen können ihre Kinder ablehnen oder quälen; sie können sich untereinander tödlich konkurrierend oder gemein verhalten. Sie führen die Giftmordstatistik an. Sie können anderen, wie man sagt, das Leben zur Hölle machen. Sie sind eine andere Art Gewalttäter als Männer. Sie sind nicht die Vollstrecker körperlicher Zerstörungsgewalt; diese ist fast immer männlich, überall auf der Welt. Männer schlagen Frauen; umgekehrt passiert das selten. Frauengruppen, die mit Macheten oder Kalaschnikows herumziehen, andere menschliche Körper in trancehaften Lustzuständen jubelnd zerstören und sich damit brüsten, gibt es nirgends auf der Welt.

... Die Wutempfindungen und Zerstörungsphantasien von Frauen sind vermutlich nicht schwächer als bei Männern oder Kindern. Aber der Impuls, sie körperlich aktiv umzusetzen, ist bei Frauen geringer; auch sind die gesellschaftlichen Angebote, Aggressionen auszuagieren – Kampfsportarten, Hooliganismus, Schießvereine, motorisierte Rockergangs – eher auf Männer zugeschnitten, auch wenn sich einzelne Frauen dort einfinden. Die den Frauen in den meisten Gesellschaften antrainierte Hemmschwelle liegt erheblich höher. Und viele von ihnen glauben, was ihnen beigebracht worden ist: „Wir sind das friedlichere Geschlecht.“

...


Aus: "Interview „Körperliche Gewalt ist zu 90 Prozent männlich“" Bascha Mika und Julia Hildebrandt (30. September 2016)
Quelle: http://www.fr-online.de/fr-serie--auf-die-fresse-/interview---koerperliche-gewalt-ist-zu-90-prozent-maennlich--,34810614,34816738.html


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[Männlichkeitskonstruktionen... ]
« Reply #40 on: November 16, 2016, 01:25:14 PM »
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Peter Rehberg - Der Autor ist Affiliated Fellow am ICI in Berlin, wo er die Arbeiten zu dem Buchprojekt „Hipster Porn: Queere Männlichkeiten, affektive Sexualitäten und Neue Medien“ abschließt.

Wie queer ist der Hipster? - Er gibt sich postphallisch. Doch die Inszenierung seiner Männlichkeit ist nur scheinbar zurückhaltend: Sein Bart steht für „natürliche“ Maskulinität. Seit den 2000ern ist popkulturell ein Männertypus in Erscheinung getreten, der seine Maskulinität nicht mehr plakativ in Szene setzen muss: der Hipster. Eine lässige Figur, deren eklektischer Stil sich auf den ersten Blick zu keinem Bild machtvoller Männlichkeit fügt. Der Hipster erscheint ebenso hybrid wie transnational, er bevölkert die Cafés in Brooklyn oder Berlin-Neukölln.
Das Repertoire seiner Stile und Gesten verdankt sich verschiedenen Archiven der Jugendkultur nach 1945. Der Hipster ist eine Neuauflage einer Männerfigur – Frauen kommen im Hipster-Diskurs kaum vor –, die der Schriftsteller Norman Mailer Ende der 1950er Jahre als White Negro beschrieben hatte. Weiße Jungs mit Collegeabschluss tun so, als seien sie schwarze Outcasts. Wie die Beat-Poeten. Dabei geht es zunächst um eine Aneignung schwarzer Sexualität durch Weiße. Äußerlich reklamierte der Hipster zugleich auch seine Nähe zum White Trash – der US-amerikanischen Unterschicht. Mit seinen erkennbaren Zeichen, Trucker-Cap, Flanellhemd und Unterarm-Tattoos betreibt er somit eine Art von ethnischem und sozialem Crossdressing. ... Der Hipster präsentiert eine weniger aufdringliche Maskulinität. Er zeigt sich ermüdet von den Gesten aggressiver Männlichkeit. Mit seiner coolen Nachlässigkeit scheint er bereit, sein Mannsein neu zu verhandeln. Mit seinem Verweis auf verschiedene Maskulinitätskulturen – den Unterschichtsmann, den Schwarzen – bietet der Hipster eine Form der männlichen Maskerade an. Diese zitathaften Aneignungen arbeiten einem Habitus zu, der sein Gender nicht ausnahmslos bekräftigt. Seine Performance lässt sich so als postphallisch entziffern. ... Einerseits wird mit der unaufdringlichen Lässigkeit des Hipsters zwar die Geschlossenheit des Prinzips Maskulinität aufgebrochen. Gleichzeitig etabliert sich der Wert des Hipsters aber über eine Vorstellung von Natürlichkeit: Die Coolness des Hipsters funktioniert nur, solange die Nerd-Brille vom Bart gerahmt bleibt. ...
Unter dem Vorwand einer hippen Postphallizität kommt eine „natürliche Männlichkeit“ ungehindert zum Zuge. Die Performanz von Gender kann noch so postphallisch sein, so ließe sich sagen, solange sie gleichzeitig als „Natürlichkeit“ abgesichert ist, bleiben diese Inszenierungen risikolos. Steht die Natürlichkeit von Sex selbst nicht zur Disposition, können Maskulinitätsexperimente mit großer Gelassenheit hingenommen werden. Ja, gerade diese Gelassenheit arbeitet dann der „Natürlichkeit“ des männlichen Geschlechts weiterhin zu.
Ein großer Teil popkultureller Männerbilder, die seit den 2000ern im Umlauf sind, funktioniert auf diese Weise. ... Die Idee von Männlichkeit bleibt hier nicht nur intakt, sie wird gefeiert. Wir haben es hier mit einem Butch-Turn zu tun, einem symbolpolitischen Backlash. Genderpolitisch ist der Hipster eine konservative Figur. ... Der Bart – den ja nicht nur die Hipster, sondern auch die Fantasy-Helden von „Game of Thrones“ und „Vikings“ stolz tragen – wäre also eine der letzten Waffen, Männlichkeit zu behaupten, innerhalb einer Kultur, die seine Geschlechtsinszenierungen ansonsten immer weniger überzeugend findet.

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wil 16.11.2016, 02:31

mir stellt sich angesichts dieser überdrehten soziologen-wortorgie eigentlich nur die eine frage: wer braucht sie wirklich? männer, die sich mit haaren ihr gesicht zuwachsen lassen, es dadurch unkenntlich machen und irgendwie alle gleich, nachpubertär und unendlich unsexy-langweilig aussehen?


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anamoli 16.11.2016, 10:46

Da hat sich aber einer im Gender-Sex-Dschungel verlaufen. Hipster ist mittlerweile Mainstrem, also eine Mode, die zwar die Attraktivität steigern soll, aber auf Grundlage des Trendy-Herdentriebs. Selbstreflektorisch hinsichtlich der geschlechtlichen Identität ist da nicht viel. Es wird einfach nur abgekupfert, was da nach Bohème riechen könnte; Also völlig normale Hochstapelei.


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roi 16.11.2016, 10:38

Was genau soll "schwarze Sexualität" sein?
Erwarten diese bärtigen Hipster eigentlich das Frauen sich die Beine rassieren? Würde mich mal rassieren, äh...interessieren meinte ich...


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Zuckerstreuer 16.11.2016, 06:02

könnte mir jemand erklären was schwarze Sexualität ist und wodurch sie sich von weißer Sexualität unterscheidet.


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Alfred Sauer 15.11.2016, 22:47

Das ist jetzt Satire oder? Könnte von Monty Python stammen. "Nehmen wir an, das ihr euch darauf einigt das Loretta keine Babys bekommen kann, woran niemand schuld ist, nicht mal die Römer! Aber das er das absolute Recht hat Babys zu bekommen."


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sart 15.11.2016, 22:29

Diesen Ansatz bzgl. der Hipster finde ich durchaus interessant.
Dass die sich dabei tatsächlich was denken, habe ich bislang noch nie in Betracht bezogen.


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Jaeh 16.11.2016, 00:10

@sart Die Analyse besagt nicht, dass der "Hipster" sich dieses alles denkt. Das ist sogar eher unwahrscheinlich. Denn dies wird habituell in der Praxis schlicht vollzogen und wird in dem Text reflexiv eingeholt und entfaltet. Lebenweltliches agieren ist viel zu "dicht" um es kognitiv immer eins zu eins zu begleiten. Hipster ist also keine Strategie, kein intendiertes Rollenverhalten, sondern im Sinne des Textes quasi live vollzogen, unmittelbar entspringend einer großstädtisch-postmodernen Diskursivität, die dann diesen Still erstmal einfach cool, angesagt, nachahmendwert macht. Wer dies derart reflexiv nachvollzieht wird dann eher ablassen von solch einem Verhalten, da es nicht mehr als authentisch unmittelbar erlebbar ist.


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Michl Mond
15.11.2016, 22:01

Nachdem ich genervt nach 75% des Textes aufgehört habe zu lesen, wie queer ist er jetzt, der Hipster?

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supergeil
15.11.2016, 22:14

@Michl Mond Musste dich bei Hipster-Studies einschreiben....




Aus: "Gender als Lifestyle - Wie queer ist der Hipster?" (15. 11. 2016)
Quelle: https://www.taz.de/Gender-als-Lifestyle/!5353672/

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[Männlichkeitskonstruktionen... ]
« Reply #41 on: April 23, 2018, 05:21:55 PM »
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[...] Dominik Finkelde SJ, geb. 1970, ist ein deutscher Jesuitenpater und Professor für Philosophie an der Hochschule für Philosophie München. 2016 erschien im Verlag Vorwerk 8 sein Buch «Phantaschismus. Von der totalitären Versuchung unserer Demokratie».

Sigmund Freud beschreibt in seinem berühmten Essay «Totem und Tabu» aus dem Jahr 1913 eine vorzivilisatorische Urhorde. Sie wird von einem Übervater beziehungsweise Urvater angeführt. Er ist dem «Silberrücken» bei Gorillahorden nicht unähnlich und folglich eine unangefochtene Macht in seiner Herde. Er ist aber auch die geniessende Ausnahme. Denn er kann sich zum Beispiel jedes Weibchen aus der Horde greifen, wie es ihm beliebt, ohne dass seine Begehrensansprüche durch andere Männchen begrenzt werden. Aus diesem Grund wird der Urvater gemäss Freuds spekulativem Mythos vom Ursprung der Kultur am Ende auch von den sogenannten Brüdern erschlagen. Freud schreibt: «Eines Tages taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater.»

In Zeiten von Donald Trump erleben wir nun ein Revival dieser Denkfigur des Übervaters, da Ersterer wie Letzterer ununterbrochen zu geniessen scheint. Trump zelebriert sich nahezu tagtäglich als die Ausnahme anerkannter Ordnungen und findet daran zum Verdruss seiner politischen Gegner Gefallen. Er hält sich nicht mit polemischen Angriffen gegen politische Kontrahenten zurück und bekennt sich offen zu einer patriarchalen Ordnung, in der die Begehren von Männern frei von Feminismus und politischer Korrektheit ungebrochen sein dürfen, was sie sind: natürliche Bedürfnisse. Für sexuelle Übergriffe, die er in der Vergangenheit begangen haben soll, muss er sich denn (bis jetzt) auch nicht verantworten.

Gerade durch Umstände wie diese aber verkörpert Trump für seine Anhänger eine utopische Figur, eine Form politischer Autarkie. In Zeiten, da zahlreiche politische Bewegungen auftreten, um etwa die Rechte von Belästigungsopfern (#MeToo), legalen und illegalen Einwanderern («Dreamers») oder Minderheiten («Black lives matter») einzuklagen, fühlen sich Trumps Sympathisanten offenbar immer mehr in ihren Grundrechten beschränkt. Sie sehnen sich infolgedessen nach Formen einer neuen Freiheit und wünschten, sie könnten im Bereich der Politik wie Trump alles sagen, was sie wirklich denken (auch wenn das vielleicht diskriminierend ist), und alles tun, was sie gerne täten: zum Beispiel wie Trump einmal bei einer prominenten Pornodarstellerin wie Stormy Daniels vorbeischauen, wenn ihnen, wie es in Georg Büchners «Woyzeck» heisst, «die Natur kommt».

In «Totem und Tabu» identifiziert Freud den Mord am Urvater als Ursprung der Sittlichkeit: Die Brüderhorde kommt darin überein, dass niemand mehr die Position des obersten Geniessers, des ungebändigten Übervaters, einnehmen darf. Die Autorität des Vaters wird aus Trauer über den Mord verinnerlicht, und als Heilmittel gegen die Gefahr eines obersten Geniessers wird die Utopie der gleichmässigen Verteilung von Lust propagiert. Man könnte diese Geschichte Freuds Gründungsmythos der Demokratie nennen. Denn wo einst eine ungebändigte Lust durch einen Übervater genossen wurde, darf jetzt nur noch das Geniessen als ein kollektiv verwalteter Akt toleriert werden.

Dieser Idee der Genusszähmung zugunsten einer politisch kanalisierten Verteilung steht Trump diametral entgegen. Als Übervater und Oberpatriarch, dem das Niedrige und das Obszöne nicht fremd sind, hebt er sich auch deutlich von anderen Politikerinnen und Politikern ab. Von Angela Merkel, die abschätzig «Mutti» genannt wird, ebenso wie von Theresa May, die sich offenbar nicht gegen Torys wie Boris Johnson durchsetzen kann. Und auch mit Emmanuel Macron ist Trump genusspolitisch unvergleichbar. Auch wenn man Letzteren dafür bewundert, eine ältere Frau geheiratet zu haben, scheint Trump doch auszuleben, was gemäss einem archaischen Empfinden mächtigen Männern gebührt – nämlich sich mit jüngeren Frauen zu umgeben.

Auch hinter diesem Gefühl verbirgt sich bei den Trump-Anhängern letztlich ein Freiheitsgedanke: Schön, dass es in einer von Verhaltensregeln für Gleiche unter Gleichen geprägten Ära wenigstens einen gibt, der einmal richtig auf seine Kosten kommen darf; einen, der sich alles nehmen kann, der kaufen und sagen darf, was und wie es seinem Begehren entspricht.

Doch warum sehnt sich eine bestimmte Brüderhorde im 21. Jahrhundert nach einer solchen Figur? Walter Benjamin beschreibt in seinem Text «Zur Kritik der Gewalt», wie ein Volk vor der «Gestalt des ‹grossen› Verbrechers» eine «heimliche Bewunderung» entwickelt, obwohl dieselbe eine Gefahr für das Gemeinwesen ist. Dem Verbrecher gelingt es nämlich, in das einschränkende Korsett der Rechtsstruktur eines Staates ein Loch der Singularität zu schlagen. Den grossen Verbrecher umgibt dann eine populäre Ehrfurcht, weil er den «Einspruch» gegenüber den Ordnungsformationen ausdrückt.

Trump ist kein Verbrecher, doch verkörpert er mit seiner Distanz gegenüber angestammten Formen politischer Sittlichkeit eine analoge Singularität. Sie kann heimliche Bewunderung hervorrufen; für seine Wähler kann Trump einem regelrechten Rächer ähneln. Er ist die Ausnahme, die die Grenzen der etablierten Ordnung überschreitet, oder vielmehr: Er ist derjenige, der das (traditionelle) Gesetz noch zu retten vermag. Wovor? Vor zu vielen partikularen Rechtsansprüchen, vor zu viel Humanität und Toleranz, vor zu viel Korrektheit.

Vielleicht hofft also die Brüderhorde im 21. Jahrhundert, dass die Normübertretungen des Übervaters helfen, ein altes, in ihren Augen angestammtes Recht zu retten. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek spricht in diesem Zusammenhang von einem «nightly law», einem Gesetz des Zwielichts. Es kommt dann zum Tragen, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen das liberale und aufgeklärt neutrale Gesetz dem Scheitern nahe sehen. Das «Recht des Zwielichts» tritt dann, so paradox es klingen mag, im Namen des Gesetzes auf: Es muss das angestammte Recht schützen und darf deshalb auch archaische und vorzivilisatorische Eigenschaften verkörpern. Žižek spricht hierbei von einem «obszönen Geniessen», das all diejenigen vereint, die die Überschreitung des Gesetzes im Namen des Gesetzes befürworten.

Trump lebt dieses Gefühl freudig wie kein anderer aus, aber auch im politischen Alltag der USA ist diese Art von Genusspolitik nicht unbekannt. Man denke etwa an paramilitärische Rangergruppen, die an der Grenze zu Mexiko mit dem Gewehr Jagd auf Einwanderer machen. Dazu fühlen sie sich berechtigt, da ihnen der Mangel an Grenzpolizisten den Zusammenbruch von Gesetz und Ordnung suggeriert. Die selbstorganisierte Grenzkontrolle tritt im Namen der patriarchalen Unterseite des normativen, aber scheiternden Gesetzes auf und provoziert ein genussvolles Wir-Gefühl.

Auch auf der aussenpolitischen Weltbühne verschafft sich das patriarchale Gesetz des Übervaters sein Recht. Wenn Trump bekanntgibt, die US-Botschaft gegen den Widerstand zahlreicher Nationen von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, schafft er Fakten – wo alle anderen mit höflichen Plädoyers und unendlichen Dialogen zur Rücksichtnahme zwischen Palästinensern und Israeli auffordern. Den – wiederum Fakten schaffenden – Ausbau jüdischer Siedlungen konnten die Europäer mit solchen Aufforderungen nie verhindern; ihre Politik erscheint erschreckend machtlos. Wird auch sie eines Tages von ihrer «Nachtseite» überwältigt und ausgehebelt?

Trump verkörpert eine Form von neuen politischen Mitteln, einer Entscheidungskraft, die sich von Anweisungen und Erwartungen abnabelt. Seine Wähler sind ihm dankbar dafür, und ihre Bewunderung zumindest nachzuvollziehen, fällt nicht schwer. In Zeiten überkomplexer Verhältnisse scheint Trump als Übervaterfigur ein Desiderat in der Psyche eines politischen Gemeinwesens zu erfüllen: geniessen zu dürfen, wie man es gewohnt war, und Entscheidungen ungeachtet aller Komplexitäten zu treffen, schlicht und einfach, weil man etwas will und für richtig hält – egal, wie andere darüber urteilen.

In diesem Sinne ist Trump auch ein Symptom der westlichen Zivilisation, die an sich selbst verzweifelt. Als Ausnahmeerscheinung, die ihre Freiheit auslebt, verkörpert diese obszöne Gestalt zugleich den Frust und die Wut auf die Form, die die Zivilisation in der Freiheit angenommen hat. Das Phänomen Trump zeigt, wie fragil die Politik in der Kanalisierung von politischen Begehren ist und wie schnell die Gestalt des «grossen Verbrechers» auftaucht, wenn der Bereich des Politischen desintegriert. Eine Nation braucht notwendig die Illusion einer Einheit, auch wenn genau über diese Illusion keine konkrete Einheit gebildet werden kann.



Aus: "Donald Trump, der archaische Übervater" Dominik Finkelde (23.4.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/im-namen-des-uebervaters-donald-trump-freud-totem-und-tabu-ld.1378229

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« Reply #42 on: August 09, 2018, 10:07:59 AM »
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[...] Jon Turteltaubs „Meg“ dreht sich um den Kampf zwischen Mensch und Natur.  ... Wie immer wirkt Statham wie eine Fußballdiva, die sich über die Fouls der Gegner ärgert, aber hier fischt er mit seinen dämlichen Sprüchen ganz besonders im Trüben, und wenn er mit seinem Sixpack die ansonsten selbstbewusste Biologin Suyin verwirrt, will man sich doch ein wenig fremdschämen für Drehbuch und Regie.

...


Aus: "Mit Sixpack gegen einen Riesenhai" Frank Olbert (09.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/kultur/kino/neu-im-kino-meg-mit-sixpack-gegen-einen-riesenhai-a-1559271

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« Reply #43 on: August 14, 2018, 07:51:02 PM »
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[...] Einen Tag nach dem Angriff auf einen Fanbus des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union Berlin in Köln spricht die Polizei von einer "neuen Dimension der Gewalt nach Fußballspielen". Der gewaltsame Zwischenfall hatte sich in der Nacht zum Dienstag ereignet, nach einem Spiel des 1. FC Köln gegen Union Berlin. Der Angriff auf den Bus war nach Einschätzung der Beamten eine gezielte und geplante Aktion. Von den 28 Festgenommenen seien bis auf einen noch alle in Gewahrsam, hieß es weiter. Einige von ihnen seien als "Gewalttäter Sport" bekannt.

Rund 100 vermummte Störer – alle in weißen T-Shirts und weiß-roten Sturmhauben – hatten nach Darstellung der Polizei zunächst einen polizeibegleiteten Fanbus vor einer Autobahnauffahrt mit Steinen attackiert. Aus dem Berliner Fanbus stürmten dann laut Polizei ebenfalls vermummte Störer. Die Einsatzkräfte drängten diese in den Bus zurück und die Kölner Angreifer auf einen nahe gelegenen Parkplatz. Von dort aus seien viele in unbeleuchteten Autos geflüchtet, hätten dabei gezielt Kurs auf Polizisten und Polizistinnen genommen und alle Anhalte-Aufrufe missachtet.

Polizeipräsident Uwe Jacob sprach in einer Pressekonferenz von "blankem Hass" und einem "nicht hinnehmbaren Angriff auf unser Rechtssystem". Dass niemand verletzt wurde, sei "irgendwo auch ein Wunder". Jacob nannte es erschreckend, dass sogar die Begleitung der Fanbusse durch die Polizei kein Hindernis gewesen sei, "sinnlose Gewalt" zu verüben.

Die Polizei beschlagnahmte sechs Fahrzeuge, mehrere Schlagstöcke, Pyrotechnik und andere gefährliche Gegenstände. Natalie Neuen von der Kölner Staatsanwaltschaft sagte, in den nächsten Tagen werde geprüft, "inwiefern wir Haftbefehle beantragen". Kripo-Leiter Becker zufolge gibt es Hinweise, dass die Kölner Störer von polizeibekannten Personen aus der Dortmunder Szene unterstützt wurden. Polizei und Justiz müssten auf "zunehmende Radikalisierung" reagieren. "Sonst haben wir bald keine Fußballspiele mehr, sondern befassen uns nur noch mit Gewalt im Fußball."

Der 1. FC Köln betonte, er verurteile Gewalt "ohne Wenn und Aber". Das habe man wiederholt zum Ausdruck gebracht und daran habe sich nichts geändert. "Nach unseren derzeitigen Informationen waren an den Vorfällen offenbar auch Personen beteiligt, die vom 1. FC Köln bereits mit einem Stadionverbot belegt sind", hieß es in einer Stellungnahme. "Das zeigt: Außerhalb des Stadions und abseits unserer Spiele sind die Vereine im Kampf gegen Gewalt auf Polizei und Justiz angewiesen."

Die Kriminalpolizei untersucht die Vorfälle nun mit einer Sonderermittlungsgruppe Paul, da sich die Ausschreitungen "Auf dem Paulsacker" ereigneten. Schwere Straftaten wie Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr und Verstöße gegen das Versammlungsgesetz stehen im Raum, wie der Kölner Kripo-Leiter Klaus-Stephan Becker in der Pressekonferenz sagte. Alle Festgenommenen zeigten sich bisher "vollkommen unkooperativ". Ihre Handys würden ausgewertet.

Die Beamten werden bei ihren Ermittlungen auch alle 77 Insassen des Berliner Fanbusses überprüfen. Man habe das Fahrzeug zum Präsidium eskortiert und dort alle Personalien festgestellt, sagte Becker. Es werde unter anderem der Frage nachgegangen, ob die Angriffe nicht nur unter den Kölnern zuvor abgesprochen waren, sondern es möglicherweise auch Verabredungen zur Gewalt zwischen Kölnern und Berlinern gab.

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matotope #1.3

Der Proll schwört auf MMA.


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matotope #3

Für Stein- & Flaschenwürfe bekamen einige nach G20 bis zu drei Jahre aufgebrummt, mal sehen wie das hier ausgeht.


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Martin Köster #5

wenn ich mir das durchlese, wenn ein bestimmter teil der bevölkerung noch nicht mal in frieden mit einem konkurrierenden fußballverein leben kann, dann muß man sich nicht wundern welche aggression den flüchtlingen und schutzsuchenden entgegenschlägt.
auf den schützenfesten prügelt man sich sogar mit den bewohnern des nachbardorfs, weil die "die anderen" sind.
da laufen primitivste biochemische vorgänge in den hirnen ab ...

richtig absurd wird es aber, wenn diese hooligans sich dann im rechtsextremen milieu wiederfinden, als verteidiger unseres "vaterlands" ...

meiner meinung geht es immer nur darum einen ideologischen grund zur ausübung seiner sadistischen und gewaltaffinen triebe zu finden; mit vaterland oder überfremdung hat das sehr wenig zu tun ... es geht nur um den rausch und primitivste machtausübung moralisch/ethisch kompromittierter seelen am rande eines pathologisch zu nennenden befundes ...


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vincentvision
#8  —  vor 27 Minuten 3

Bezeichnend, dass diejenigen, die beim G20-Gipfel und seinen Gewaltexzessen den Untergang des Abendlandes verorteten, angesichts solcher und ähnlicher Exzesse sehr still sind.

Denn Woche für Woche müssen Hunderschaften an Polizei ausrücken, um durchgeknallte Hooligans voneinander zu trennen und die Fans von x Fußballspielen in ihren Zügen und Fankurven zu sichern und zu separieren.

Oft genug auch unter Gewalt und Auschreitungen. ...


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Huanaco #17

Es zeigt sich, dass Fanprojekte offenbar bei einigen sogenannten Fans nichts fruchten. Vor lauter Langeweile verabredet man sich zu einer Prügelei, weil man mit sich und der Welt nichts anzufangen weiß. Ausgeschlagene Zähne, gebrochene Nasenbeine, blutende Platzwunden dienen als Beweis einer Männlichkeit, die das genaue Gegenteil von LGBT verkörpern und in eine Zeit zurück will, als der Mann noch als ganzer Kerl zählte, der sich wie einst auf mittelalterlichen Ritterturnieren um die Huld eines Weibes prügelte. "Der will nur spielen", heißt es, wenn ein gemeiner Straßenköter sich in meine Jeans verbeißt. Das können wir den Prügelnden nicht durchgehen lassen. "Denn sie wissen nicht, was sie tun." Nehmen Sie es biblisch oder mit James Dean. Ob Prügelei oder verbotenes Autorennen. Die Ursachen sind m. E. die gleichen. Es gilt wieder als männlich, "sein Recht" in die eigene Hand zu nehmen. Notfalls eben auch, indem das Recht des/der anderen missachtet wird. Man hat keine Argumente, aber Fäuste. Und die Eltern kennen oft nicht einmal "die Freunde" ihres Sohnes (die aus der Wirklichkeit, die bei fatzebuk ohnehin nicht). Ob Strafen die Prügelnden erreichen, weiß ich nicht. Noch gilt es in den Fangruppen als cool, wie ein Märtyrer in den Knast zu kommen. ...


...


Aus: "Polizei sieht in Angriff auf Fanbus neue Dimension der Gewalt" (14. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/sport/2018-08/gewalttaeter-sport-fc-union-berlin-angriff-koeln-fanbus-planung-aktion

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« Reply #44 on: October 11, 2018, 12:16:04 PM »
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[...] Auf 4 Blocks konnten sich erstaunlicherweise alle einigen: die Feuilletons wie die Jungs auf den Straßen Neuköllns. "In Berlin spricht man jetzt Arabisch", wurde zum geflügelten Wort. Auf Instagram inszenierten sich junge Männer im Stil der Serie. Der Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan erzählte während der Dreharbeiten, er werde inzwischen nur noch als Toni Hamady angesprochen – von den Jugendlichen auf der Sonnenallee oder "von Sigmar Gabriel". Die Sets für die zweite Staffel mussten abgeriegelt werden. Wegen der Fans, die überall gleich zur Stelle waren.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Verbrechensbekämpfung in Berlin provoziert genau diese Verehrung immer deutlichere Kritik an der Serie. Polizeiliche Ermittler sagten Reportern der ZEIT, die Serie kotze sie an, weil sie das Gangstertum glorifiziere und junge Männer im Kiez animiere, den Filmfiguren nachzueifern.

Der Vorwurf, dass Gangster- und Mafiaerzählungen das Milieu glorifizierten und dadurch implizit verstärkten, ist nicht neu. Würde man einen strengen moralischen Kompass anlegen, müsste man den Paten, Mean Streets und Scarface aus dem filmischen Kanon werfen. Natürlich darf man über Verbrechen fiktional erzählen und man kann dem Publikum – auch wenn es cineastisch anders sozialisiert ist als der Arthouse-Kinogänger – ruhig zutrauen, dass es zwischen Kunstform und Realität unterscheiden kann. Schwieriger wird es, wenn sich Fiktion und Wirklichkeit so eng miteinander verzahnen, dass die Trennschärfe verloren geht. Das galt etwa für Roberto Savianos Serienadaption seines Buches Gomorrha. Italienische Medien berichten, dass Jugendliche im Stadtteil Scampia, der sowohl Drehort der Serie ist als auch als größter Einflussbereich der Camorra in Neapel gilt, ihre Serienhelden bis auf die Tattoos kopierten. Der größte Traum vieler sei es, einmal als Statist in Gomorrha aufzutreten. Fahnder beklagen zudem, es sei seit dem Start der Serie noch schwerer geworden, gegen die Mafia vorzugehen, weil die Serie sie verherrliche.

4 Blocks ging sogar noch einen Schritt weiter, indem es die Kontakte einiger Darsteller ins Milieu zu Recherchezwecken nutze. So erzählte der Regisseur Marvin Kren freimütig in der ZEIT, der Hauptdarsteller Ramadan habe ihm "die wirklichen Schlüsselspieler, die wirklichen Toni Hamadys vorgestellt". Der Gangsterrapper Massiv wiederum, der in der Serie Tonis Schwager spielt, ist befreundet mit Ashraf R., dem Onkel jener jungen Männer, denen vorgeworfen wird, eine riesige Goldmünze aus dem Bode-Museum entwendet zu haben (die ZEIT berichtete). Massiv widmete seinem ehemaligen Manager, der im Übrigen auch der neue Beschützer von Bushido ist, seit dem dieser sich öffentlich von Arafat Abou-Chaker losgesagt hat, 2011 folgende Songzeilen: "Glaub mir, seine Waffe lässt er niemals aus der Hand los! (...) Sein Leben ist im Film und das Drehbuch ist verfasst. (...) Hier wird das Wort Ehre neu definiert."

...  Ganze Genres wie der Gangsterrap leben von dem undurchsichtigen Spiel ihrer Interpreten: Sind sie echte Kriminelle oder besonders schillernde Kunstfiguren?

... In den ersten sechs Episoden hatte 4 Blocks vor allem das Was erzählt: dass es eine Parallelwelt mitten in Berlin gibt, die völlig autark und weitgehend unbehelligt nach ihren eigenen Gesetzen lebt. Ein Jahr und viele reale Ereignisse später sind die Zuschauer nun auf einem anderen Stand. Daher müsste es nun um das Wie und das Warum gehen. Wie kann es sein, dass Menschen, die als Sozialhilfeempfänger registriert sind, Immobilien in Millionenwert erwerben können? Wie funktionieren die Geldströme aus dem Libanon? Warum kann man den Clans juristisch so schwer beikommen? Inwiefern haben Behörden, Politik und private Unternehmen weggeschaut?

Auf all diese Fragen gehen die neuen Folgen von 4 Blocks nicht ein. Sie genügen sich darin, ihre bärtigen Protagonisten durch schauerliche oder goldglänzende Kulissen zu scheuchen. Und so muss sich diese zweite Staffel tatsächlich den Vorwurf gefallen lassen, Verbrechensfolklore zu betreiben.


Aus: "Guter Stoff? Kannste strecken" Eine Rezension von Carolin Ströbele (10. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/film/2018-10/4-blocks-berlin-neukoelln-gangster-clan-serie-staffel-zwei/komplettansicht